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Buch - Ein Fest auf Haderslevhuus - Storm, Theodor

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Originalwerk · Lesefassung

Ein Fest auf Haderslevhuus

Storm, Theodor · 1884

Ein Fest auf dem Herrenhof Haderslevhuus bildet den Rahmen für einen Konflikt um Leidenschaft, Ehre und Gewalt. Die historische Erzählung führt vor, wie persönliche Kränkungen in eine Katastrophe münden.

Historische NovelleKlasse 11–135 Abschnitte
Porträt von Storm, Theodor; Kontextbild zur Autorin oder zum Autor, keine Szene aus dem Buch.
Porträt · Storm, Theodor · Urheber unbekannt · Public domain Bildquelle ↗
Hinweise für den Unterricht
  • Historische Sprache und zeitgebundene Wertvorstellungen gemeinsam einordnen. Klassenangaben sind redaktionelle Orientierung.
  • Für die begleitete Analyse in der Oberstufe; je nach Werk werden Gewalt, Sexualität, Krankheit oder historische Diskriminierung thematisiert.

Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.

Deutsch · Abschnitt 1 von 5

Theodor Storm · Leseabschnitt 1

Redaktioneller Leseabschnitt innerhalb von „Theodor Storm“. Die zusätzliche Gliederung verändert weder Wortlaut noch Reihenfolge.

1
Theodor Storm
2
Ein Fest auf Haderslevhuus
3
Im vierzehnten Jahrhundert in Nordschleswig war es, als dort im tiefen Buchenwalde der Ritter Klaus Lembeck auf seiner Höhenfeste Dorning saß. Sie war ihm nach dem Tode seines jütischen Weibes zugefallen; er hatte sein Wappen, einen Geierkopf auf rotem Felde, über die Einfahrt des Außentores nageln lassen und zog Wall und Gräben doppelt stark um sich herum. Denn Waldemar Atterdag, der Dänenkönig, trug heimlichen Groll gegen den gewaltigen Mann, der einst aus seinem grimmigsten Feinde sein dienstbeflissener Kanzler geworden war, dann aber wiederum ihm abgesagt und sich zu den Grafen von Holstein, den Schauenburgern, und zum Herzog Waldemar von Schleswig gestellt hatte.
Vorlage S. 7
4
Es war damals gar wilde Zeit bei uns; der König berannte, wiewohl vergebens, die Feste Dorning mit seinem Kriegsgeschwader; dann schloss er Frieden und legte, mit Untreue im Herzen, seine Hand in die des Ritters. Als dieser aber bald danach der tödlichen Nachstellung des Atterdag nur kaum entronnen war, da zog er nach der Insel Föhr, um dort sich eine Burg zu bauen, und ließ die Feste Dorning seinem ältesten Sohne. Das aber war nicht, wie ein Chronist dem anderen es nachgeschrieben hat, der Henneke Lembeck, welcher späterhin die Kieler in Not brachte, weil sie einigen seiner straßenräuberischen Burgleute den Kopf hatten vor die Füße legen lassen; es stand noch einer zwischen ihnen, von dem jede Kunde fast verschollen scheint: der älteste Sohn des vielberufenen Ritters war Rolf Lembeck und saß, wenn auch nur wenig Monde, auf Schloß Dorning. Er war nur halb vom Eisenstoffe seines Geschlechtes, und lieber als im Harnisch ging er auf leichten Sohlen und in zierlichen Gewändern von Sammet oder Seiden; von ihm war nur ein jäh zerrissenes Minneabenteuer zu berichten, das wie Mondlicht in die Wirrnis dieser finsteren Zeiten fällt; doch damit hatten die Chronisten nichts zu schaffen. Und obschon sein Leben ein Vierteljahrhundert kaum erreichte, so war er doch ein deutscher Ritter, blauäugig und mit blondem Haupthaar, von froher, leichter Jugend und von heißer Lebenslust.
Vorlage S. 7
5
Ich aber weiß von ihm; und was ich weiß, das drängt mich heut, es zu erzählen.
Vorlage S. 7
6
Klaus Lembeck wollte keinen Gelehrten aus seinem ältesten Sohne machen; aber gleich ihm, ja besser noch, sollte er Kopf und Faust gebrauchen können, und dazu musste beides gleich geübt werden. So hielt er ihm einen clericus, der den leichtlebigen Gesellen in den Wissenschaften des Quadriviums umherführte; so sandte er ihn danach – es war noch während der Pestzeit – auf die Universität Paris, und der Junker begann sogleich ein eifrig Studium: er lernte höfisch fechten, er lernte tanzen und die Laute spielen, auch klingende Schanzunen dazu flechten, und was der schönen Künste sonst noch waren; die schwereren ließ er den andern. Dann ward ihm noch ein fröhlich Jugendjahr auf der neuen universitas zu Prag, wo derzeit der deutsche König Karl seinen Hof hielt. Hier lernte er die großen deutschen Dichter kennen, den »Iwein« und den »Armen Heinrich« Hartmanns von Aue, die Lieder des Österreichers von der Vogelweide, sogar ein Stück von Wolframs »Parzival« hatte er gelesen; was aber ganz sein Herz gefangen hatte, das war des Straßburger Meisters Liebeslied von Tristan und Isolde.
Vorlage S. 7
7
Vor dem weitreichenden Namen seines Vaters tat manch edles Tor, sogar das edelste sich auf. Bei einem großen Tanzfest im Hradschin, das auch des Königs Gegenwart verherrlichte, war Rolf Lembeck der gewandtesten Tänzer einer und flog in den hohen kerzenhellen Sälen von einer Schönen zu der andern. Der König stand an einem Fenster mit der jungen Gräfin von Jülich im Gespräch; die braunen Augen der Dame aber folgten einem Tanzpaar. »Ei, Majestät, so sehet doch den feinen Junker«, rief sie, »der tanzet ja wie ein Franzos!«
Vorlage S. 7
8
Des Königs Augen waren den Tanzenden eine Weile gefolgt; dann hatte er genickt und einen Pagen abgesandt, den jungen Tänzer herzufordern.
Vorlage S. 8
9
Rolf Lembeck aber hatte bei seiner Partnerin um Urlaub gebeten und dann, sein blondes Haar zurückstreichend, mit höfischer Verneigung sich dem König vorgestellt. Der betrachtete ihn wohlgefällig, dann aber schüttelte er den Kopf, und sich zu der Gräfin wendend, sprach er: »Ihr irrt, schöne Frau! Von ferne möcht man's glauben; doch – nicht so, Junker, Ihr seid mir nimmer ein Franzose?«
Vorlage S. 8
10
»Da Majestät mich solcher Frage würdigen«, entgegnete Rolf Lembeck, »ich bin ein Holste, königlicher Herr; aber ich war zwei Jahre auf der Universität Paris.« Und lächelnd fügte er hinzu: »Bonarum artium causa, der schönen Künste halber!«
Vorlage S. 8
11
»Und studieret«, sprach der König, »die bonas artes jetzt in unserem Prag?«
Vorlage S. 8
12
Der Junker machte eine schweigende Verbeugung. Dann durfte er erzählen, dass er Klaus Lembecks Sohn im fernen Schleswig sei, von dessen Händeln mit König Waldemar das Gerücht auch hieher an des Königs Hof gedrungen war.
Vorlage S. 8
13
»Ich dachte nicht«, sprach dieser, »Ihr wäret auf so hartem Stamm gewachsen; doch« – und er winkte huldvoll mit der Hand – »tanzet jetzt weiter und erfreuet unsere Schönen durch Eure bonas artes! Ihr sollet mir später noch von Paris erzählen!«
Vorlage S. 8
14
Und Rolf Lembeck flog wieder in den Tanz zurück, wie begehrend war sein roter Mund geöffnet, und seine Augen sprühten blaues Feuer, wie er nach der Schönsten im Saale ausschaute, und als er mit demütigem Neigen vor die Erwählte hintrat, schoss ein helles Freudenrot durch ihre Wangen.
Vorlage S. 8
15
Der König, der einen Teil seiner Knabenjahre in Paris verbracht hatte, hörte an späteren Festen dann des Junkers heitere Geschichten, und als dieser das prächtige Prag verließ, nahm er den Ritterschlag von des höchsten Herrn Hand als einen weiteren Schmuck mit auf die Heimreise. Der König aber, als später die alte Oberhofmeisterin ihn darum angegangen, warum er dem jungen Holsten solche Ehre angetan, hatte lächelnd ihr erwidert: »Bonarum artium causa, Gräfin; er hat sie trefflich ausstudiert.«
Vorlage S. 8
16
Rolf Lembeck war nicht aus eigenem Willen heimgegangen, sein Vater hatte ihn gerufen; er hatte um ein ehelich Gemahl für ihn geworben, »denn« – so hatte er gesagt – »der Vogel muss eingefangen werden, die Flüchten wachsen ihm zu geile«.
Vorlage S. 9
17
Das Weib war die junge Witib eines holsteinischen Ritters Hans Pogwisch, der in den Kämpfen der Schauenburger Grafen wider König Waldemar vom Pferd gehauen worden; sie selbst aber war aus einem Nebenzweige der regierenden Schauenburger und mit Land und Sand nicht übel angesessen. Ihr Sinn stand wohl darauf, ihr leeres Witwenbett zu füllen; aber mit Augen sehen wollte sie zuvor den jugendlichen Ritter, nicht nochmals einen Ehegespons gleich dem Verstorbenen.
Vorlage S. 9
18
Sie hatte während des Krieges sich auf ihren holsteinischen Hof zurückgezogen, und als ihr Eheherr ihr dort sterbenswund ins Haus gebracht war, saß sie in Geduld an seinem Lager. Der Scharfrichter aus der nächsten Stadt war dagewesen, hatte verbunden und mit dem Apolloniuspflaster zusammengeklebt; aber er hatte dabei den Kopf geschüttelt. Frau Wulfhild legte immer wieder nasse Binden auf; sie tat das wie ein anderes Geschäft, das sich von selbst verstand; die Ruhe auf ihrem schönen Antlitz aber war nicht die sichere Hoffnung auf Genesung des Verwundeten, denn es wurde heiterer, je bleicher Tag für Tag der Kranke wurde. Sie nickte und sprach unhörbar zu sich selber: ›Geduld, noch eine kurze Weile!‹ Denn der jetzt unmächtig vor ihr lag, er hatte in Trunk und Spiel und wüstem Lärm sein Leben hingebracht; um grobhaariger Dirnen willen hatte er offen sein schönes Weib verachtet.
Vorlage S. 9
19
Nur über einzelne Worte hatte er jetzt mitunter noch Gewalt; auch die, so hoffte sie, sollten bald verstummen. Harrend saß sie in dem dumpfen Krankenzimmer und hörte gleichgültig auf die Ratten, die in Scharen über ihnen auf dem Boden rannten. Aber der Sterbende wollte Ruhe haben: er griff jäh nach seines Weibes Hand und wies mit kaum erhobenem Finger nach der Zimmerdecke; das Wort vermochte er nicht zu finden. Sie sah ihn ruhig an. »Soll ich sie töten?« frug sie; und nach einer Weile brachte er es zusammen; sein Kopf versuchte ein stummes Nicken. »Die Ratten!« stammelte er.
Vorlage S. 10
20
Und sie ließ Rattenkraut vom Schäfer holen, nahm ein Teil davon und legte das übrige in ihre Truhe. Darauf wurde es still über dem Schlafgemach; die Ratten lagen im Todeskampfe zuckend in den Bodenwinkeln.
Vorlage S. 10
21
Aber der wunde Mann begann an einem Morgen schier verständlicher zu reden, und seine Flüche wurden kräftiger; da erschrak sein Weib und fürchtete, das böse Leben mit dem Gesunden könne wohl aufs neue beginnen. Darum ließ sie von dem Scharfrichter, dessen geheimes Wissen ihr solche Sorge machte, und statt seiner wurde ein Chirurgus beigeschafft, dessen Kunst noch keinem Wunden aufgeholfen hatte. Der brachte andere Pflaster und Heilmittel, und als er wieder auf seinen Klepper stieg, sprach er mit rückgewandtem Kopf: »Seid frohen Mutes, edle Frau! Euer Ehebett soll nicht verwaiset werden! Und morgen bin ich wieder da!«
Vorlage S. 10
22
Dann ritt er fort; das schöne Weib aber blieb am Torpfosten stehen und sah noch lange ihn ins Land hinausreiten. Ihr blondes Goldhaar zog sie langsam durch die Finger, und ihre weißen Zähne zerbissen einen Strohhalm, den sie aufgegriffen hatte. »Die Ratten!« brach es plötzlich von ihren Lippen, und sie fühlte, wie jählings ihr das Blut zum Hals hinaufstieg. Aber sie wurde es nicht los; es kam ihr immer wieder: »Die Ratten!« Es verfolgte sie auf Trepp' und Gängen, und in der Krankenkammer war es unverjagbar. Und als der Abend kam, da trieb es sie im Dunkeln zu der Truhe, und ihre zitternde Hand tappte nach dem Rest des Pulvers. In dem Trunke, den Frau Wulfhild an diesem Abend ihrem Eheherrn gab, trank er den Tod hinunter.
Vorlage S. 10
23
Zwei Tage später war in dem düsteren Hausgang die Leiche ausgestellt; doch nur Frau Wulfhild stand hoch aufgerichtet mit untergeschlagenen Armen an der Totenlade und sah mit immer größer werdenden Augen auf das harte Leichenantlitz. »Leb wohl, Hans Pogwisch!« sprach sie; »der Kampf ist aus, auch zwischen uns! Ich hab deiner Hand mich schwer erwehrt! – Ein andermal – doch, das kümmert dich nicht mehr!«
Vorlage S. 11
24
Eine Dienerin war eingetreten mit den Trauergewändern auf den Armen; und schweigend wandte sich die Witwe von dem Toten und schritt mit ihr zur Kammer, wo noch das Ehebett für sie und den Gefallenen stand. Die Kammerfrau tat ihr das lange, mit schwarzen Tränen bestickte Skapulier an und knüpfte die mönchsartige Hüftschnur um den geschmeidigen Leib; sie aber hatte dessen nicht weiter acht. Erst als die Dienerin ihr zur Beschau den Metallspiegel vorhielt, fuhr sie wie aus Träumen auf. »Das sei Gott geklagt, der mich zur Witwe machte!« rief sie. »Ich habe darum doch nicht den Tod gefreit!« Dann, mit rascher Hand den Gürtel lösend, schleuderte sie ihn von sich und zerriss das feierliche Gewand in einem Ruck von oben bis fast zum untern Saume. »Bring mir mein braunes Wollenkleid, das mag genügen!« Und die erschrockene Dienerin schritt schweigend aus der Kammer, um den Befehl der strengen Herrin zu erfüllen.
Vorlage S. 11
25
Des Toten Sippe, da solches kund ward, sah die Witib drob mit scheelen Augen an; Klaus Lembeck aber hatte zu sich selber gesprochen: ›Das ist das Weib für Rolf Lembeck; die wird den flüggen Vogel halten!‹ Er sah wohl, dass erst jetzt die Lebensfülle dieses Weibes sich völlig auszuwachsen begann: die blauen Gluhaugen ließ sie froh umherschweifen und das wellige Goldhaar fiel ihr frei über den stolzen Nacken; doch so viele ihrer auch begehrten, sie sah noch keinen, dem sie sich jetzt ergeben mochte.
Vorlage S. 11
26
Da, an einem Frühlingsmorgen, trat Rolf Lembeck mit seinem Vater zu ihr ins Gemach. Die Stunde war vorher bestimmt, und lange, mit steigendem Herzschlag, war sie auf und ab geschritten; doch als die jugendlichen Gestalten sich jetzt gegenübertraten, fehlte nach der feierlichen Verneigung beiden das Wort der Anrede; wie erschrocken über ihre Schönheit schauten sie sich an.
Vorlage S. 11
27
Klaus Lembeck lächelte in seinen Bart. »Mein Sohn Rolf Lembeck, edle Fraue!« sagte er, »dem, wie ich sehe, der Anblick Euerer Schöne schier den Mund verschlossen hat.«
Vorlage S. 12
28
Sie atmete tief auf: »Ihr scherzet, Herr Marschall; Euer edler Sohn hat der Frauen wohl schönere gesehen zu Paris und draußen in dem Reich!«
Vorlage S. 12
29
Aber Rolf Lembeck rief: »Verzeihet, viel schöne Frauen; doch keine Schauenburgerin!« Und beider Blicke sanken ineinander.
Vorlage S. 12
30
Dem alten Ritter gefiel es wohl, dass er eine Weile schier vergessen dastand. Dann aber sprach er: »Ich seh schon Eueren Willen; nur des Schreibers Kunstwerk ist noch vonnöten!«
Vorlage S. 12
31
Frau Wulfhild langte nach einer Schelle, die auf dem Tische stand.
Vorlage S. 12
32
»Was wollt Ihr, Fraue?« frug der Ritter.
Vorlage S. 12
33
»Euch den Schreiber rufen«, sprach sie lächelnd, »denn einen Vater möcht ich, wie Ihr seid, Ritter!«
Vorlage S. 12
34
»Dank, holde Fraue!« rief der Alte. »Nun, Rolf, willst du dieses Weib aus deines Vaters Hand?«
Vorlage S. 12
35
Rolf hatte schon die schöne Frauenhand an seinen Mund gezogen und sein beteuernd »Ja« gesprochen, als Klaus Lembeck ein beschrieben Pergament hervorzog. »Wir brauchen keinen Schreiber«, sagte er, behaglich nickend; »ich gehe nicht ohne Rüstung auf so zweifelhaftes Feld! Was Euch an Gütern eigen ist, Frau Wulfhild, weiß ich; was ich dem Sohne gebe, mögt Ihr hieraus sehen! Nun leset, ob ich nach Euerem Sinn geschrieben habe!«
Vorlage S. 12
36
Sie rollte das Blatt auf und sah hinein; gelesen hat sie nichts davon; es war auch nicht vonnöten, denn Klaus Lembeck suchte in derlei Dingen niemanden zu hintergehen. Sie tauchte eine Feder in ihr Dintenfaß und schrieb in großen Zügen unter das Schriftstück: »Wulfhild von Schauenburg, Hans Pogwisch' Witib.«
Vorlage S. 12
37
Und als zu zweit auch Rolf mit flüchtiger Hand den Entwurf der Eheakte unterzeichnet hatte, da war der Verspruch getan, und Klaus Lembeck sagte wohlgefällig: »Mögen gräflicher Notarius und der Priester nun das Letzte tun!«
Vorlage S. 13
38
Frau Wulfhild stand mit geröteten Wangen und glänzenden Augen inmitten des Gemaches, zwei Finger ihrer weißen Hand in der des jungen Ritters; als aber itzt die Männer sich verabschieden wollten, neigte sie sich zu dem jungen und sagte leise: »Den Kuß nun, den Verlobungskuß, Rolf Lembeck!« Als aber der Kuß gegeben und genommen war, ergriff sie heftig seine beiden Hände, und sich aufrichtend, fast mit ihm zu gleicher Höhe, sah sie mit ihren brennenden Augen in die seinen. »Ihr wart im Reich, Rolf Lembeck!« rief sie, und wie aus heißer Leidenschaft klang es herauf: »Der Frauendienst soll dort noch umgehn; ich aber will den Gemahl allein! Verflucht die Lippen, die ein ander Weib berühren!«
Vorlage S. 13
39
Rolf Lembeck war schier erschrocken; doch als er sie in ihrer wilden Schöne vor sich sah, da riss er sie an sich und küsste sie inbrünstiglich und rief: »Das mag ums Leben gehen, Wulfhild!«
Vorlage S. 13
40
Der Alte aber sprach in sich selber: ›Das Werk ist wohlgefestet.‹
Vorlage S. 13
41
– – Die Männer hatten sich verabschiedet; die Frau war im Gemach zurückgeblieben; sie stand und horchte den Schritten nach, die in dem Saal verhallten, der vor ihrem Zimmer lag; dann konnte sie's nicht lassen, die Tür zu öffnen, als wolle sie die Spuren des ihr eigen gewordenen schönen Mannes noch auf den Dielen suchen. Als sie sich umblickte, sah sie auf einem Schemel, hart an der Tür, den Schreiber Gaspard sitzen; seine braune Gugelkappe, die hinten mit dem gleichfarbigen Rock zusammenhing, war ihm von dem kurzen Schwarzhaar abgeglitten, so dass sie mit Schwanz und Kugel ihm im Nacken hing; er saß mit gekreuzten Beinen und sah mit schief herabgesenktem Kopfe auf die Dielen, als wolle er dort etwas mit seiner spitzen Schnabelnase aufpicken. Es war ein seltsamer Gesell mit einem scharfen ältlichen Gesicht; er mischte sich gern in anderer Leute Sachen und war voll Lied- und Spruchweisheit; das Gesinde aber nannte ihn »Gaspard den Raben«, und der Rabe galt viel bei seiner Herrschaft.
Vorlage S. 13
42
»Du bist es?« sprach die schöne Frau. »Was hast du hier Geschäfte?«
Vorlage S. 14
43
»Keine, Herrin; ich dachte sie bei Euch zu finden«, entgegnete er, ohne aufzusehen.
Vorlage S. 14
44
»Sie waren beschafft«, sagte sie; »es gab nichts mehr für dich.«
Vorlage S. 14
45
»Ich weiß, ich weiß!« Dann sang er mit seiner scharfen Stimme leise vor sich hin
Vorlage S. 14
46
Der gülden Hahn mit sieben
Vorlage S. 14
47
– Darum ist er der Hahn –,
Vorlage S. 14
Porträt von Storm, Theodor; Kontextbild zur Autorin oder zum Autor, keine Szene aus dem Buch.
Kontextbild zum Werk. Porträt · Storm, Theodor · Urheber unbekannt · Public domain Bildquelle ↗
48
Er geht mit sieben Hühnern,
Vorlage S. 14
49
Mit Scharren und mit Dienern –
Vorlage S. 14
50
Das kann er gar nicht lan!
Vorlage S. 14
51
»Lass nur den Narren, Gaspard!« rief die Herrin. »Was treibst du hier?«
Vorlage S. 14
52
»Das Lauschen ist ein undankbar Geschäft!« sagte er.
Vorlage S. 14
53
– »Und hast es doch getrieben?«
Vorlage S. 14
54
»Für Euch nur, edle Herrin!«
Vorlage S. 14
55
– »Warum siehst du vor dich auf die Dielen?« frug sie wieder.
Vorlage S. 14
56
»Auch für Euch, edle Herrin!« sprach er. »Ich sah dort guten Rat; aber ich seh itzt, es lohnt nicht mehr, ihn aufzuheben.«
Vorlage S. 14
57
Sie lachte: »Hab Dank; ich habe ihn selber schon gefunden! Das aber ziemt dir nicht, dass du die Schauenburgerin den Hühnern beizählst; dank es meinem Glück, dass ich dir die Strafe schenke!«
Vorlage S. 14
58
Gaspard zog Nase und Mund herunter, als müsse er eine neue Weisheit niederschlucken; dann sprang er mit rascher Bewegung in die Höhe, um seiner Herrin das Gewand zu küssen.
Vorlage S. 14
59
Als die Hochzeit auf dem Hof der Braut gehalten war, zog Klaus Lembeck nach der Insel zu seinem Burgbau; der Baumeister hatte ihn gerufen, denn zwischen den Werkleuten, da die dortigen Männer meist auf Seefahrt waren, befand sich viel fremdes und wüstes Volk, so dass des mächtigen Bauherrn eigene Person vonnöten war; auch stand das Werk so weit gediehen, als dieser den Plan genehmigt hatte. Die jungen Ehesponsen aber zogen in der Frühe eines heiteren Aprilmorgens mit einem Gefolge von Dienern, Amtleuten und Frauen zu Wagen und zu Rosse nordwärts hinauf durch Schleswig nach dem Schlosse Dorning. Sie saßen nicht in weichen Kissen: nebeneinander, aber jeder auf eigenem Rosse Frau Wulfhild auf ihrem lichten Schimmel, auf seinem schwarzen Hengste Rolf –, waren sie an der Spitze des Zuges geritten; doch oftmals drängten die Tiere sich zusammen; dann warf das Weib sich mit der Brust zu ihm hinüber, dass Rolf nur kaum den Hengst bezwingen konnte.
Vorlage S. 15
60
Der Tag war heiß geworden, und es war schon Nachmittag, als sie den Weg zur Burg hinaufzogen. Als sie oben durch den ersten Mauerring geritten waren und die Hufen ihrer Pferde auf die Zugbrücke schlugen, die über den tiefen Zwinger herabgelassen worden, sah Frau Wulfhild unter sich hinab auf das Heer von spitzen Pfählen, womit der Graben angefüllt war: im selben Augenblick drang von drunten hinter einer Pforte ein wild Geheul herauf. »Was ist das?« frug sie den jungen Ehegemahl.
Vorlage S. 15
61
»Da drunten, Wulfhild? Das sind meines Vaters liebste Hunde; er lässt sie nachts im Graben laufen, sobald die Brücke aufgezogen ist. Wir wollen sie töten lassen, denn es sind grimme Wölfe, und statt der Spitzpfähle ein Würzgärtlein mit Blumen pflanzen!«
Vorlage S. 15
62
»So?« sprach sie sinnend. »Nein, nein, lass mir die Wölfe! Ihr habt einen weisen Vater, Rolf!«
Vorlage S. 15
63
»Nach Euerem Willen, hohe Herrin!« rief der Ritter fröhlich.
Vorlage S. 15
64
Aber vor ihnen vom Pfortenturm blies itzt der Wächter immer mächtiger, und drunten aus der weit offenen Torfahrt drang Getöse und Waffenschall; da spornten sie ihre Rosse und sprengten ihrem Geleite voran hinein. In der Mitte des Hofes, um die schon grünende gewaltige Linde, standen Burgleute und Gesinde und begrüßten sie mit lautem Zuruf: »Heil Ritter Lembeck, unserm Herrn! Heil seiner schönen Fraue, Heil!« Sie zügelten ihre Rosse, und Wulfhilds Auge flog wie herrschend über die dichte Schar; als aber die Leute jetzt zurücktraten, wurde ein Brunnen bloß, in dessen steinernem Überbau der Eimer hing. »Ha, Wasser!« rief sie. »Wer reicht mir zum Willkomm einen Trunk dort aus der Tiefe?«
Vorlage S. 16
65
Da stürzten Männer und Weiber an den Brunnen, und sie hätten den Eimer abgerissen; aber er hing zum Glück in Ketten und fuhr rasselnd in die Tiefe. Bald trat der Burgwart mit einem Glaspokale aus dem Schloßtor, und nachdem er mit dem klaren Quell gefüllt war, bot der Alte ihn der Herrin dar.
Vorlage S. 16
66
Sie hob ihn auf, dass die Sonnenstrahlen hindurchblitzten; dann trank sie und rief: »Das Wasser ist gut hier auf der Burghöh; aber, ihr Leute, Frau Wulfhild wird auch sorgen, dass es an Met und Fleisch nicht fehle!«
Vorlage S. 16
67
Da erhob sich neuer Zuruf, und dazwischen scholl von draußen das dumpfe Geheul der Wölfe. Rolf Lembeck aber flüsterte zu seinem Weibe: »Du wirst gefährlich, Wulfhild; du willst alles, mich und meine Leute!«
Vorlage S. 16
68
Sie lächelte nur; doch als sie drinnen im Gemach den schönen Mann allein hatte, umschlang sie ihn mit ihren festen Armen. »Dich will ich, dich, Rolf! Was kümmert mich das andere!«
Vorlage S. 16
69
Der junge Eheherr sah ihr in die zärtlichen Augen, als ob er Rätsel lösen solle.
Vorlage S. 16
70
Im Hofe draußen war es allmählich leer geworden; nur Gaspard der Rabe, den die Herrin nicht zurückgelassen hatte, saß noch unter der Linde auf der Steinbank, die um ihren Stamm herumlief. Sinnend saß er; er kannte seine Herrin: es war vom Blut des großen Gerhard in ihr; die Kunkel war ihr nicht genug. Mitunter fuhr ein dünnes Lachen durch seine schmalen Lippen; dann, wie mißbilligend, schüttelte er den Kopf. »Hüt dich, Frau Wulfhild!« – Leis, doch in scharfen Akzenten rief er es gegen das Burgtor hin; »der Vogel ist noch nicht dein eigen!«
Vorlage S. 16
71
Der Rabe hatte gekrächzt; ein Hauch des noch verborgenen Wetters mochte ihn gestreift haben; woher es kommen sollte, wusste er nicht. Ich aber will es jetzt erzählen.
Vorlage S. 17
72
Eine Meile von Dorning gegen Osten, hinter dem Dorfe Hammelef, lag das später im sechzehnten Jahrhundert abgebrochene Schloß Haderslevhuus; man nannte es auch eine Bergfeste, denn wie jenes lag es in diesem höhenarmen Lande auf einem Hügel von wenig über achtzig Schuh. Alter Buchenwald bedeckte diesen und begrub fast das Schloß in seinen Wipfeln; aber auch nach Osten breitete er sich aus, doch so, dass dort ein schmaler Sandweg dicht an der jäh abfallenden Hügelwand vorüberführte und den Hinaufblickenden den oberen Teil des stumpfen Schloßturms sehen ließ. Wer etwas weiter ging, gelangte an eine von den ältesten Bäumen überwölbte Auffahrt, die in Windungen zum Schloß emporführte; wer nicht dahingehörte oder dort nichts zu schaffen hatte, den brachte der Weg, um tausend Schritte weiter, in die Stadt hinab. – Vor Beginn jenes Sandweges aber führte ein anderer, breiterer Weg zu Westen in weitem Bogen um den Schloßhügel und durch die freie Landschaft nach demselben Ziele. Dies war der gewöhnliche Stadtweg; denn in dem anderen war vor Jahren ein Bauerbursch vom Wolf zerrissen worden, und die Leute gingen dort nicht gern.
Vorlage S. 17
73
Die feste Burg, von deren Ursprung schon derzeit keine Kunde gewesen zu sein scheint, war mit den Wäldern und sonstigem Landbezirk seit Jahren im Pfandbesitz des Dänenkönigs Waldemar Atterdag, wenngleich sie zu dem Leibgeding der Witwe des Herzogs Erich gehörte. Ein schleswigscher Ritter, Hans Ravenstrupp, saß als Schloßhauptmann des Königs dort, ein Mann von gewaltigem Körperbau. Halbwüchsig war er einst ein wilder Gesell gewesen und von rascher Faust; er hatte den eigenen Bruder einmal fast im jähen Zorn erschlagen. Doch je mehr seine mächtige Gestalt sich auswuchs, je mehr er gefürchtet, ja als überlegener Streitentscheider aufgerufen wurde, um so milder wurden seine Sitten; dazu half ihm auch sein froh und gut Gemüt, das ihm der Herr mit auf die Welt gegeben hatte. So war er ein glücklicher und fester Mann geworden. In einigen Händeln seines Königs hatte er grimmig und mit Glück gefochten; kam er dann heim mit seinen Burgleuten, so standen vor der offenen Torfahrt sein zartes dunkles Eheweib, drei Söhne und zwei Töchter, alle voll Kraft und Wohlgestalt, und schwenkten grüne Buchenzweige in den Händen; dann sprang er von seinem Streithengst, und sie gingen über den Hof in das große Tor der unteren Halle, das erst vor wenigen Jahrzehnten von der Herzogin hier gebrochen war; und Glück und Friede gingen mit. Zogen an Sommerabenden dann Wanderer oder Reiter unten durch den Sandweg, so hörten sie manches Mal ein Lachen oder Rufen von frohen Kinderstimmen über sich; dazu wohl eine tiefe Männerstimme, die beruhigend dazwischensprach. Die gehörte dem Ritter Hans Ravenstrupp, der hier seine Abendmuße mit Frau und Kindern teilte; denn der Burggarten, den ausnahmsweise dieser fürstliche Bau besaß, lag dort hinter starken Mauerzinnen. Die Hügelwand freilich fiel hier steil und kahl hinab; aber hart daran war eine italische Pappel, derzeit eine Seltenheit hierzulande, so hoch hinaufgewachsen, dass sie die Mauer wohl um zwanzig Schuh noch überragte. An einem ihrer oberen Zweiglein flatterte jetzt an leichtem Faden ein Kunstschmetterling aus bunten Hahnenfedern, den die ältere Schwester Heilwig angefertigt und den der Vater dort befestigt hatte. Der älteste Knabe stand hinter den Würzebeeten an dem Taxusbusche, seine gespannte Armbrust in der Lage; die Jüngste, die kleine süße Dagmar, hatte die Mutter auf den Arm genommen, damit sie alles sehen könne. Nun kam aufs neu ein Lufthauch, der den Sommervogel flattern machte. »Schieß!« rief der Vater, und der Bolzen flog von des Knaben Armbrust; eine Feder stob aus dem Schmetterling und wurde von dem Winde hoch in die Luft getragen. Da klatschten alle in die Hände, der Vater und die Mutter auch, und die süße Dagmar schlug ihr Kinderlachen auf und ließ nicht ab, sich ihre Händchen rot zu patschen.
Vorlage S. 17
74
Es wurde alles anders. – Einige Jahre später, es war an einem Nachmittage des Septembers 1349, da der Ritter mit seinem Schreiber an der Arbeit saß, kamen die damals elfjährige Dagmar und der um ein Jahr ältere Bruder Axel mit erschreckten Gesichtern zu ihm hineingestürzt. Etwas unwillig blickte er auf: »Was ist? Was habt ihr, Kinder?«
Vorlage S. 19
75
Sie waren fast außer Atem; aber Dagmar, das schmächtige Ding, war, wie um Furchtbares zu erzählen, mit erhobenen Armen vor ihn hingetreten.
Vorlage S. 19
76
»Nacht!« rief sie. »Es wird Nacht, Vater!« Und aus dem schmalen Gesichtlein sahen die schwarzen Augen zu ihm auf.
Vorlage S. 19
77
Der Ritter blickte um sich: sie hatte recht, die Sonne war erloschen; die Wände des Gemaches standen öd und lichtlos.
Vorlage S. 19
78
»Ja, Herr«, sagte der Schreiber; »es fällt wie Asche auf die Schrift.«
Vorlage S. 19
79
»Nein, Ringang, nicht wie Asche!« rief der Knabe; »ich sah es: im Norden, weit hinaus, stieg schwarzer Nebel aus der Erde und schwimmt wie eine Wolke auf uns zu; seht nur, es wird ganz finster hier! Kommt, kommt mit hinaus!«
Vorlage S. 19
80
Die Kinder fassten beide die Hand des Vaters; und er ließ sich von ihnen aus dem Gemach und nach dem stumpfen Turm hinaufziehen; auch die Mutter mit der älteren Tochter und die beiden älteren Söhne stießen auf dem Wege aus Hallen und Gemächern zu ihnen. Als sie die Platte des Turms erstiegen hatten, stand schon ein Teil des Gesindes dort und wich ehrerbietig an die Seite; alle schwiegen, nur die alte Schaffnerin flüsterte mit ihrer heiseren Stimme zu dem einen oder anderen: »Die Zeichen des Herrn erfüllen sich! Wisst Ihr noch, da um das Julfest dreizehn Kühe jählings wild geworden! Und da wir nach dem Backen das erste Gerstenbrot anschnitten, schnitten wir nicht in schwarzes Blut? Des Herrn Gericht! O alle Heiligen, seid unsre Helfer!« – Aber niemand antwortete ihr.
Vorlage S. 19
81
Die Schloßfrau hatte die Hand ihres Mannes ergriffen, und bald lagen alle Kinderhände in der seinen; denn schon hatte das schwarze, von Norden kommende Dunstgespenst sich über sie gebreitet und sank in furchtbarem Schweigen auf die Erde.
Vorlage S. 20
82
»Kommt!« sprach der Ritter leise, indem er mit den Seinen zuerst die Treppenstufen hinabstieg. Und alle folgten ihm nach unten zu der kleinen Burgkapelle, deren Torklinke nur noch mit tappender Hand zu finden war. Drinnen aber zogen schwarze Nebelflocken unter der gewölbten Decke und verbargen das Antlitz des crucifixus über dem Hauptaltar; und von dem Bilde der Mutter Gottes scholl die zerrissene Stimme der alten Schaffnerin: »O heilige Jungfrau, deine Augen! Wo sind deine Augen?« Alle lagen auf ihren Knien in den Stühlen und beteten stumm und schrien mit gerungenen Händen zu Gott und allen seinen Helfern.
Vorlage S. 20
83
Sie hätten es sich sparen können; denn der schwarze Tod war gekommen, der die Welt leerfraß und gegen den nichts half als sterben.
Vorlage S. 20
84
In selbiger Nacht noch blies er den jüngsten Knaben an, und sein Eingeweide brannte, seine Lippen wurden wie Ruß, und am dritten Tage war statt des schönen Knaben ein schreckhafter blauschwarzer Leichnam auf dem in Todesqual zerwühlten Bette; dann griff er nach der schönen ältesten Tochter, dann nach den beiden andern Söhnen; und sie starben alle, alle. Hallen und Gemächer dufteten Tag für Tag nach frischem Gras und Thymian, das gegen die böse Pestluft überall gestreut wurde; aber die Mutter Erde und ihre Kräuter hatten keine Heilkraft mehr; es war, als ob selbst Gott der Herr die Macht verloren habe auf seiner Erde.
Vorlage S. 20
85
Ein paar Monde schien dann das Sterben im Schlosse aufzuhalten; da eines Tages trat die Schloßfrau zu ihrem Eheherrn in sein Gemach, gekrümmten Leibes, mit entstelltem Antlitz. »Benedikte!« schrie er.
Vorlage S. 20
86
– »Ja, Hans, ich muss nun auch von dir!«
Vorlage S. 21
87
»Du nicht! Du nicht, Benedikte!« Und er streckte seine Arme nach ihr aus. »Herr Gott, wo bist du? Herr, schütze deine Menschen!«
Vorlage S. 21
88
Aber bevor er sie berührete, war sie mit ihrer letzten Kraft entflohen. »Ade, du mein Herzenstrauter! O süße Dagmar!« So rief sie noch zurück.
Vorlage S. 21
89
Er hatte ihr folgen wollen, aber ein bewusstloser Schrecken hatte ihn festgehalten; dann ging er taumelnd nach ihrem Ehegemach; aber es war leer, und seiner Sinne unmächtig, sank er auf das große Bett.
Vorlage S. 21
90
Die Schaffnerin, die noch lebte, fand ihn am andern Tage; aber sie erkannte, dass das große Sterben ihn nicht ergriffen habe.
Vorlage S. 21
91
Während sie ihn pflegte, war sein Weib verschwunden, und Dagmar, um die sich niemand kümmerte, das blauschwarze Haar wirr um ihr blass Gesichtchen, lief, nach der Mutter weinend, durch Hall' und Gänge. Da wollte eine der Dirnen ein Gewandstück aus einer entlegenen Kammer holen; aber schreiend stürzte sie zurück, denn auf einem alten, dort stehenden Bette lag ein schwarzer Leichnam, dem die Abendsonne das Gesicht beschien. Da die anderen Dirnen hinzukamen, sahen sie, es sei die Schloßfrau, die einsam hier gestorben war.
Vorlage S. 21
92
Als der Ritter aus seinem Wirrsal aufwachte, war sein Weib nicht mehr im Hause. Die Kinder lagen drunten auf dem nahen Kirchhof; der aber hatte lang schon keine Erde mehr für neue Tote; seitwärts vom Walde war eine Niederung, dort hatte man mit Pfählen ein Viereck ausgeschlagen, wohin nun alle gebracht wurden, die der Tod erschlug. Draußen auf dem »Pestacker« war auch des Ritters Weib vergraben worden; so erzählte man ihm jetzt.
Vorlage S. 21

Nach dem Lesen

Dein Blick auf das Kapitel

10er-QuizZitate verstehen · Zusammenhänge erkennen · Lernpunkte sammeln10 Fragen

Eine Antwort ist jeweils richtig. Lies den Textbeleg aufmerksam. Bei einer falschen Antwort kannst du es erneut versuchen.

Angemeldet zählen richtige Antworten für deinen Lernstand. Als Gast übst du ohne Kontopunkte.

Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.

1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Dann ward ihm noch ein fröhlich Jugendjahr auf der neuen universitas …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Und Rolf Lembeck flog wieder in den Tanz zurück, wie begehrend war sein roter Mund geöffnet, und seine Augen sprühten blaues Feuer, wie er nach der Schönsten im Saale […], und als er mit demütigem Neigen vor die Erwählte hintrat, schoss ein helles Freudenrot durch ihre Wangen.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

3. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »»Soll ich sie töten?« frug sie; und nach einer Weile brachte er es zusammen; sein Kopf […] ein stummes Nicken.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

5. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »»Ihr wart im Reich, Rolf Lembeck!« rief sie, und wie aus heißer …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse. A: »»Euch den Schreiber rufen«, sprach sie lächelnd, »denn einen Vater möcht ich, wie Ihr seid, Ritter!«« B: »Der König stand an einem Fenster mit der jungen Gräfin von Jülich im Gespräch; die braunen Augen der Dame aber folgten einem Tanzpaar.« C: »Dies war der gewöhnliche Stadtweg; denn in dem anderen war vor Jahren ein Bauerbursch vom Wolf zerrissen worden, und die Leute gingen dort nicht gern.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Der junge Eheherr sah ihr in die …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Im vierzehnten Jahrhundert in […] war es, als dort im tiefen Buchenwalde der Ritter Klaus Lembeck auf seiner Höhenfeste Dorning saß.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

9. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Ich aber weiß von ihm; und was ich weiß, das […] mich heut, es zu erzählen.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗
Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

1. Ordne diese Textstelle in den Zusammenhang ein: »Im vierzehnten Jahrhundert in Nordschleswig war es, als dort im tiefen Buchenwalde der Ritter Klaus Lembeck auf seiner Höhenfeste Dorning saß.«. Was geschieht oder wird hier besprochen? Erkläre in drei bis fünf Sätzen auch, was davor und danach wichtig ist.

Impulse zur Selbstprüfung

Lies die verlinkte Stelle mit ihrer Umgebung. Trenne ausdrücklich Gesagtes von Vermutungen.

  • Situation oder Gedanke verständlich erklärt
  • Mindestens ein passender Textbeleg
  • Eigene Formulierungen statt bloßer Abschrift
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2. Vergleiche die beiden Ausschnitte: »Im vierzehnten Jahrhundert in Nordschleswig war es, als dort im tiefen Buchenwalde der Ritter Klaus Lembeck auf seiner Höhenfeste Dorning saß.« und »aber schreiend stürzte sie zurück, denn auf einem alten, dort stehenden Bette«. Welche Entwicklung, Gemeinsamkeit oder Spannung erkennst du? Begründe mit beiden Textstellen.

Impulse zur Selbstprüfung

Auch eine gleichbleibende Haltung ist ein mögliches Ergebnis. Erfinde keine Entwicklung, wenn sie sich aus dem Text nicht belegen lässt.

  • Beide Ausschnitte im Zusammenhang gelesen
  • Eine Gemeinsamkeit oder einen Unterschied erläutert
  • Deutung und wörtlichen Beleg unterschieden
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗

3. Untersuche die sprachliche Wirkung dieses Ausschnitts: »dass er eine Weile schier vergessen dastand«. Wähle ein auffälliges Wort, ein Bild oder eine Formulierung. Erkläre seine Wirkung und begründe eine mögliche andere Lesart.

Impulse zur Selbstprüfung

Es gibt nicht nur eine richtige Interpretation. Prüfe beide Lesarten am Kapitel und benenne, was offen bleibt.

  • Sprachliches Merkmal am Wortlaut benannt
  • Wirkung als begründete Deutung formuliert
  • Alternative Lesart oder Grenze der Deutung erklärt
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Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Im vierzehnten Jahrhundert in Nordschleswig war es, als dort im tiefen Buchenwalde der Ritter Klaus Lembeck auf seiner Höhenfeste Dorning saß.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
  • Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
  • Kennzeichne deine Ergänzungen als erfunden.
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Niveau 2 · Vertiefung

2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Als sie sich umblickte, sah sie auf einem Schemel, hart an der Tür, den Schreiber Gaspard sitzen; seine braune Gugelkappe, die hinten mit dem gleichfarbigen Rock zusammenhing, war ihm von dem kurzen Schwarzhaar abgeglitten, so dass sie mit Schwanz und Kugel ihm im Nacken hing«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
  • Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
  • Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
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Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Draußen auf dem »Pestacker« war auch des Ritters Weib vergraben worden; so erzählte man ihm jetzt.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
  • Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
  • Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
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Ausgabe, Herkunft und Rechte

Das deutschsprachige Original ist nach den geprüften Lebensdaten des Autors in Deutschland gemeinfrei. TextGrid und www.editura.de stellen den bearbeiteten Datenbestand unter CC BY 3.0 DE bereit.

Ein Fest auf Haderslevhuus

Theodor Storm: Sämtliche Werke in vier Bänden. Herausgegeben von Peter Goldammer, 4. Auflage, Berlin und Weimar: Aufbau, 1978. Storm, Theodor 7- 1978 Berlin und Weimar

Das Werk Ein Fest auf Haderslevhuus von Storm, Theodor ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.

Quelltext und Ausgabe ↗ · CC BY 3.0 DE; underlying texts public domain per source Lizenz

Originalsprache · Deutsch

Unveränderte deutsche Quellfassung; die andere Spalte bietet eine gesonderte Lesefassung. Beide Ansichten gehören zu demselben Werk.

Das Werk Ein Fest auf Haderslevhuus von Storm, Theodor ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.

Autorschaft und Ausgabe: Storm, Theodor

Originaltext und Ausgabe ↗ · TextGrid / Editura · Lizenz und Nutzungsbedingungen

Theodor Storm: Sämtliche Werke in vier Bänden. Herausgegeben von Peter Goldammer, 4. Auflage, Berlin und Weimar: Aufbau, 1978. Storm, Theodor 7- 1978 Berlin und Weimar

Die Fassungen folgen den jeweils angegebenen Quellen; ihre Gliederung kann abweichen.

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?

Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.