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Er richtete seine mächtige Gestalt auf. Sein schöner Bariton erfüllte ihn selbst ganz mit Kraft und süßem Gefühl. Es war angenehm zu spüren, wie die Brust sich weitete, wie die Töne in ihr schwollen.
Seine Frau saß am Klavier, sehr hübsch mit dem runden rosa Gesicht unter dem krausen aschblonden Haar, hellbeleuchtet von den zwei Kerzen, die kurzsichtigen blauen Augen mit den blonden Wimpern ganz nah dem Notenblatt. Die kleinen roten Hände stolperten aufgeregt über die Tasten. Dennoch, wenn ein längeres Tremolo ihr einen Augenblick Zeit ließ, wagte sie es, von den Noten fort zu ihrem Mann aufzusehen, mit einem verzückten Blick der Bewunderung.
Es war zu schön, wie der Mann, von der Musik hingerissen, sich wiegte, wie er wuchs, größer und breiter wurde, wie all das Süße und Starke, all die Leidenschaft herausströmten. Das gab ihr einen köstlichen Rausch. Tränen schnürten ihr die Kehle zusammen und um das Herz wurde es ihr seltsam beklommen.
Die Stimme füllte das ganze Pastorat mit ihren schwülen Leidenschaftsrufen. Die alte Tija hielt im Eßzimmer mit dem Tischdecken inne, faltete ihre Hände über dem Bauch, schloss ihr eines, blindes Auge und schaute mit dem anderen starr vor sich hin. Dabei legte sich ihr blankes, gelbes Gesicht in andächtige Falten.
Das ganze Haus, bis in den Winkel, wo die Katze am Herde schlief, klang wider von den wilden und schmelzenden Liebestönen. Sie drangen durch die Fenster hinaus in die Ebene, wo die Nacht über dem Novemberschnee lag; ja vom nahen Bauernhof antwortete ihnen ein Hund mit langgezogenem, sentimentalem Geheul.
Man hatte geglaubt, etwas Großes zu erleben, einen Schmerz, eine Leidenschaft, und dann war es nur ein Lied, etwas, das ein anderer erlebt hat, und die Winde des Zimmers mit ihren Photographien, die großen schwarz und rot gemusterten Möbel, all das beengte ihn, drückte auf ihn.
Seine Frau saß noch immer am Klavier und starrte in das Licht. Auch bei ihr war der schöne Rausch der Musik vorüber. Nur eine müde Traurigkeit war übriggeblieben. Sie dachte darüber nach, warum er sich geärgert hatte, als sie »Siegfried« sagte. Das kam oft so. Wenn sie ganz voll von Begeisterung für ihn war, dann war ihm etwas nicht recht, und er lachte kalt und spöttisch.
Am Eßtisch unter der Hängelampe war alles Fremde und Erregende fort. Wenn es ihm schmeckte, war Pastor Werner gemütlich, das wusste Lene. Dann konnte sie ruhig vor sich hinplaudern, ohne berufen zu werden, dann hatte sie das Gefühl, dass er ihr gehörte.
Werner lachte. »Was für Männer? Die arme Frau pflegt ihren gelähmten Mann Tag und Nacht. Die sieht ja keinen. Eine neue Pelzjacke ist da doch eine sehr unschuldige Zerstreuung.«
Die kleine Frau durfte heute ruhig mit ihm spielen, wie mit einem großen, gutmütigen Neufundländer. Ein wenig schweigsam war er, aber das pflegte er am Sonnabend immer zu sein, wenn die Predigt ihm im Kopfe herumging.
Nach dem Essen saß das Ehepaar am Kaminfeuer. Durch das Fenster, an dem die Läden offen geblieben waren, schaute die bleiche Schneenacht in das Zimmer. Aus der Gesindestube klang Tijas dünne, zitternde Stimme. Sie sang einen Gesangbuchvers.
Sie stand auf, ging zu ihm, setzte sich auf seine Knie, schmiegte sich an seine Brust, umrankte den großen Mann ganz mit ihrer kleinen, legitimen Sinnlichkeit, die sich schüchtern hervorwagte.
Also nun hatte sie ihn auch noch geärgert. Sie schwieg. Während Werner, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer auf und ab ging, kauerte sie auf ihrem Sessel und folgte ihm unverwandt mit den Blicken. Eben noch hatte sie sich glücklich gefühlt, jetzt war wieder etwas über ihn gekommen, das sie nicht verstand. Sie fühlte, wie müde ihre Glieder von der Arbeit des Tages waren, und das Traurige war über sie gekommen, dem sie nicht nachdenken wollte. Sie folgte Werner mit den Blicken, wie er auf und ab ging, sehr aufrecht in seinem schwarzen Rock, auf und ab, bis seine Gestalt undeutlich wurde und ihr die Augen zufielen.
»Herunterdonnern«, hatte Lene gesagt, ja, das liebte er, das Predigen war wie das Singen, da konnte er sich ausgeben, da hatte er das Gefühl, als »ginge eine Kraft von ihm aus«, wie die Bibel sagt. All die großen, schönen Worte, der große Zorn, mit dem er drohen, die ganz großen Seligkeiten, die er versprechen konnte, und all das war unendlich und ewig, das gab auch einen Rausch. Er freute sich schon darauf. Dazu zog die Versuchung in der Wüste, diese wunderbare Geisterunterhaltung, groß wie Dantes Verse, ihn seltsam an. Das Wilde des Kampfes der beiden Wunderkräfte in der Wüste regte ihn auf.
Oben am Himmel war Aufregung unter den Wolken, zerfetzt und gebläht wie Segel schoben sie sich aneinander vorüber. Der Mond musste irgendwo sein, aber er wurde verdeckt, nur ein schwaches, müdes Dämmerlicht lag über der Ebene.
Frieden! Ja, wenn einer sich beständig mit Wunderdingen abgeben muss, wenn er immer diese Sprüche im Munde führen muss, die so voll Leidenschaft und Zorn und Süßigkeit und Geheimnis sind, wo soll da der Friede herkommen? Das Herz wird so empfindlich und so erregt, dass es auf alles hineinfällt.
Der Wind trieb kleine Schneewirbel wie weiße Rauchwölkchen über die Ebene. Winzige Lichtpünktchen waren in die Nacht gestreut, wie verloren in dem fahlen, weißen Dämmern. Dort die Reihe heller Punkte waren die Fenster des Schlosses Dumala. Werner fiel die neue Pelzjacke der Baronin Werland ein, und dann sah er das große, düstere Zimmer vor sich, die grün verhangene Lampe, am Kamin im Sessel den Herren mit dem wachsgelben, scharfen Gesicht, die Füße in eine rote Decke gewickelt. Bei ihm auf dem niedrigen Stühlchen die schöne Frau mit den schmalen Augen, die unruhig schillerten, und dem seltsam fieberroten Munde. Sie saß da, blinzelte schläfrig in das Kaminfeuer und strich mit ihrer Hand langsam an dem Bein des Kranken auf und ab.
Sie hatte die Füße auf den Sessel hinaufgezogen, die Wange an die Stuhllehne gestützt. So schlief sie. Die Lippen halb geöffnet, atmete sie tief, auf dem Gesichte den ernsten, besorgten Ausdruck, den Men schen in schwerem Schlafe annehmen, als sei das Schlafen eine Arbeit.
Werner betrachtete sie eine Weile. Er fühlte plötzlich ein tiefes Erbarmen mit diesem jungen schlafenden Wesen. Auch wieder die Nerven und die unnütze Weichheit! Er konnte ja jetzt nichts mehr ansehen, ohne dass es schmerzte!
Die Sakristei war voller Schneelicht. Zwischen den engen, weißen Wänden, in dem weißen Lichte, sah Pastor Werner, im schwarzen Talare, sehr groß aus. Er saß am Tisch, vor sich das aufgeschlagene Gesangbuch und das Blatt mit den Notizen zu seiner Predigt. Draußen sangen sie schon das Lied, ein Chor harter Frauenstimmen, heiserer Kinderstimmen, dazwischen das Knarren der Bässe. Sie zogen die Töne schläfrig und beruhigt. Gott! spielte der Organist heute tolles Zeug zusammen! Sicherlich hatte der Mann wieder die ganze Nacht durch gesoffen. Die alte Orgel stöhnte und seufzte ordentlich unter seinen rücksichtslosen Fingern.
Werner sang nicht mit. Er schaute zum Fenster hinaus. Es taute und die Sonne schien. Die Bäume hingen ganz voll blanker Tropfen und das beständige Tropfen vom Dache und den Traufen legte um die Kirche ein helles Blitzen und Klingen.
Sonntäglich! Die Sonntagsstimmung war da, die kam immer, aus alter Gewohnheit, anfangs feierlich, später angenehm schläfrig. Er liebte diesen Augenblick in der Sakristei vor der Predigt, wenn er dasaß und sich voll großer Worte, voll lauter, eindringlicher Töne fühlte.
Er horchte hinaus. Er kannte die Schellen der Schlitten, die heranfuhren. Das waren die Schellen von Debschen, das – der Doktor Braun, das die Schellen von Dumala.
Nun war es Zeit, auf die Kanzel zu steigen, sie sangen da drin schon den letzten Vers des Liedes. Werner freute sich, zu finden, dass die Kirche voller Licht war. Wenn die breiten, gelben Lichtbänder durch die hohen Fenster in den Raum fluteten, dann bekam seine Predigt auch anders helle Farben, als wenn die Kirche voll grauer Dämmerung war, und der Regen gegen die Fensterscheiben klopfte.
Werner beugte sich über das Pult auf der Kanzel zum Gebet. Dieser Augenblick brachte ihm stets eine sanfte, andächtige Ekstase, so die Stirn auf das Pult zu legen, und unten wurde es still, und sie warteten, warteten auf sein Wort.
Die Predigt begann. Die eigene Beredsamkeit erwärmte ihn heute besonders. Er hörte es, wie die Leute unten aufmerksam wurden, wie das Husten und Sichräuspern schwiegen.
Und Werner gab seiner Stimme vollere Töne, machte große, freie Bewegungen. Er wusste es wohl, die meisten dort unten verstanden ihn nicht, aber heute drängte eine innere Erregung ihn, hinauszusagen, hinauszurufen, was ihn bewegte.
»›Falle vor mir nieder und bete mich an‹, sprach der Böse zum Sohne Gottes. ›Bete mich an!‹ Ja, das ist es, das will er. Er hat nicht genug mit unseren Sünden der Schwäche, der Nachlässigkeit, der Bosheit, des Unglaubens, nein, niederfallen sollen wir vor ihm und ihn anbeten. Er will angebetet, er will verehrt, er will geliebt werden. Danach dürstet er. Er will, dass wir zu ihm sprechen: Um dich geben wir die ewige Seligkeit und die Gotteskindschaft hin, dir opfern wir sie, um dich gehen wir mit offenen Augen in unser Verderben, weil wir dich anbeten, weil du uns groß und liebenswert erscheinst, weil wir zu dir wollen. Der Böse will, dass wir die Sünde lieben, dass wir sie anbeten. Das ist sein Triumph. Das ist das tiefe, furchtbare Geheimnis der Sünde.« Die Stimme des Pastors hatte hier einen tiefen, geheimnisvollen und leidenschaftlichen Tonfall angenommen, wie eine unheimliche Liebeserklärung an die Sünde klang es.
Er hielt inne, selbst erstaunt über das, was er sagte. Es klang fremd in die Kirche hinein, und zugleich schien es ihm, als verriete er etwas, als spräche er etwas aus, das geheim sein sollte und nur von ihm geahnt wurde.
Ruhig saßen sie da alle beisammen. Alte Frauen schliefen. Mädchen, mit glattgebürstetem Haar, die Hände im Schoß gefaltet, starrten ausdruckslos vor sich hin, genossen die Ruhe des Augenblicks. Ihm gegenüber im Gestühle der Werlands von Dumala saß die Baronin Karola. Sie hatte den Kopf leicht zurückgelehnt und schaute scharf zu ihm herüber, sie kniff dabei die Augenlider zusammen, so dass die Augen nur wie sehr blanke Striche zwischen den langen Wimpern hervorschimmerten.
Werner ging zum Schluss seiner Predigt über. Seine Stimme nahm wieder ihren ruhig ermahnenden Ton an, in dem erbaulich das Metall seines schönen Baritons mitklang.
Leute kamen zu ihm, die Waldhäuslerin Marri, ihre Mutter, die alte Gehda, konnte nicht sterben, das dauerte nun schon Wochen. Der Herr Pastor soll herüberkommen. Werner fertigte die Leute eilig und mechanisch ab, sagte das nötige »Gott weiß am besten, wenn er uns zu sich ruft. Wir müssen warten«. Die Waldhüterin klagte, dass ihr Mann sie zuschanden schlug, wenn er besoffen war.
Die Baronin Karola stand vor ihrem Schlitten, sehr schlank, fest in die blaue Pelzjacke geknöpft, das Gesicht ganz rosa von der scharfen Winterluft, der Mund unnatürlich rot, die Stirnlöckchen voller Tropfen unter der kleinen Fischottermütze. »Ah, Pastor!« rief sie, »ich warte auf Sie. Sie dürfen uns heute nicht verlassen. Ja – er leidet, und es ist abends so traurig bei uns. Also, Sie kommen?« Sie reichte ihm die Hand, schüttelte die seine mit unterstrichener Kameradschaftlichkeit. »Die Verlassenen trösten ist ja doch Ihr Amt.« Sie lächelte, wobei ihre Mundwinkel sich hinaufbogen, was ihr einen leicht durchtriebenen Ausdruck verlieh.
»So, danke«, sagte sie. »Jetzt wollen wir fahren, mein Page friert.« Karl Pichwit, der Sekretär und Vorleser des Barons Werland, fror immer. Sein hübsches, kränkliches Knabengesicht war blau von Frost, und er zitterte.
Werner stand noch eine Weile da und schaute dem Schlitten, dem Wehen des blauen Schleiers auf dem Fischottermützchen nach, er schützte die Augen mit der Hand vor der Sonne, um länger und besser sehen zu können.
»Ich finde es rücksichtslos«, sagte Lene beim Mittagessen zu ihrem Mann, »dass die Werlands dich immerfort hinüber bitten. Ich bin jeden Sonntagabend allein. Der Sonntag gehört doch wenigstens der Familie.«
»Natürlich sie«, fuhr Lene tollkühn fort, obgleich sie fühlte, dass das, was sie sagen wollte, die Lebenslage ungemütlich machen würde. »Sie – sie will Gesellschaft haben. Es ist ihr nicht genug, dass der arme Pichwit sie verliebt ansieht, sie will so 'n großen, schönen Mann wie dich zum Kokettieren haben.«
Werner wurde bleich, wie immer, wenn der Zorn in ihm aufstieg. »Lene«, – rief er und schlug mit der Hand auf den Tisch, dass die Teller klirrten, »was ist das für ein Geschwätz. Hier an meinem Tisch wird nicht so über diese edle, geprüfte Frau gesprochen.«
Die Zimmerflucht im Schlosse Dumala war nicht erleuchtet, als der alte Jakob Pastor Werner hindurchgeleitete. Die Winterdämmerung lag über den großen, schweren Möbeln, gab ihnen etwas Verlassenes und Verschollenes. Es roch nach altem, staubigem Holz in den hohen Zimmern. Das Getäfel und das Parkett knackten beständig.
Er hob sein bleiches Gesicht zu Werner auf, sah ihn mit den verblaßten Augen traurig an. Es mochte früher ein hübsches Lakaiengesicht gewesen sein, jetzt war es auch verwittert und vernachlässigt.
»Wozu?« wiederholte er knarrend. Ein Gemach, das sie durchschritten, duftete nach weißen Heliotropen. Helle Vorhänge hingen an den Fenstern, und kleine Möbel mit goldenen Füßen schimmerten aus den dunkeln Ecken.
»Und schlecht geht es uns heute auch«, berichtete Jakobs klagende Stimme weiter. »Wir haben starke Schmerzen im Bein.« Das Kaminzimmer war von der großen, grün verhangenen Lampe matt erleuchtet, ein Krankenstubenlicht. Baron Werland saß in seinem Sessel am Feuer, die Füße in die rote Decke gehüllt, die Gestalt ein wenig in sich zusammengesunken. Das regelmäßige Gesicht war wachsbleich, das Haar sorgsam gelockt, der Schnurrbart hinaufgedreht. Nur die tiefen Augenhöhlen über den unruhig flackernden Augen legten sehr dunkle Flecken in diese Blässe. Ein starker Opoponaxduft umgab den Kranken.
»Aha – unser Seelsorger«, rief er mit seiner hohen Stimme Werner entgegen. »Es ist doch gut, dass man einen hat, der von Amts wegen barmherzig sein muss, der sozusagen dafür bezahlt wird.« Werner lachte: »Na – es gibt auch Leute, die das aus Sport sind«, meinte er.
»Sport! Der Sport ist unmodern. Setzen Sie sich, Pastor. Kalt – was?« Karola hatte an der Lampe gelesen. jetzt begrüßte sie Werner. In dein blauen Tuchkleide sah die Gestalt hoch und biegsam aus.
»Ich danke, dass Sie gekommen sind«, sagte sie einfach, und schüttelte ihm wieder kameradschaftlich die Hand. Die Sessel wurden an das Feuer gerückt. Karola drückte sich behaglich in den ihren hinein und blinzelte Werner erwartungsvoll an, wie ein Kind, das von dem Erwachsenen unterhalten zu sein hofft.
»Schlecht, Pastor«, erwiderte der Baron, »einfach schlecht. Kein Schlaf in der Nacht, tolle Schmerzen. Was wollen Sie mehr? Der verdammte Tauwind.« »Das tut mir sehr leid«, sagte Werner ein wenig steif
»Das tut Ihnen leid, Pastor«, fuhr der Baron fort. »Natürlich. Sie sind mitleidig. Das gehört zum Amt. Nur hilft das nichts. Wissen Sie, was ich mal hören möchte, der Abwechslung wegen?«
»Wenn ich sage: mir geht's schlecht, dass mal einer, so von Herzen, mir antwortet: das freut mich. – So von Herzen – wissen Sie. Das wär' mal was Neues. Darüber könnte ich recht lachen.«
Der Baron verzog sein Gesicht: »Ich weiß nicht. Ein recht geldhungeriger Erbe vielleicht. Das war's aber nicht, was ich Ihnen sagen wollte, Pastor. Also heute nacht konnte ich nicht schlafen, und da bedachte ich mir wieder einmal gründlich die Aussichten Ihrer Unsterblichkeit, Ihres Lebens nach dem Tode.«
»Na ja, weil Sie es predigen müssen. Aber, Pastor, die Aussichten sind schwach. Ich kann die Sache drehen und wenden wie ich will –, heute nacht waren die Aussichten schwach, gleich null.«
»Mit dem Denken kommen wir da wohl nicht heran«, wandte Werner ein, zerstreut, wie wir uns an einem Gespräch beteiligen, das wir oft schon haben führen müssen.
»Natürlich! Ihr seid gesund. Ihr denkt so nebenbei einmal: Unsterblichkeit – wie schön! Leben nach dein Tode – entzückend! und damit ist's gut. Aber ich – mich geht das jetzt was an. Sehen Sie, Pastor, wenn Sie zu Hause bleiben wollen, nun, dann ist's Ihnen gleich, wann der Schnellzug nach Paris geht und ob er Anschluss hat. Sie sagen wohl so im allgemeinen – ach – der Schnellzug, wie schön! Aber wenn die Koffer gepackt sind, ja, dann blättern Sie im Kursbuch, dann kommt es auf Genauigkeit an. Na – also – ich, – ich seh' mir das Kursbuch an und, Pastor, ich sag' Ihnen, es gibt keinen Anschluss. Wir bleiben liegen.«
Die Wärme des Kaminfeuers machte Werner die Glieder schlaff und die Augenlider schwer. Er hörte nur halb der hohen, erregten Stimme des Kranken zu. Er schaute Karola nicht an, aber das Gefühl ihrer Gegenwart, das Gefühl, dass ihr Blick für einen Moment auf seinem Gesicht ruhte, der leichte Heliotropduft, das leise Klingen ihrer Armbänder, all das erfüllte ihn mit einem Behagen, das ihm wie ein edler Wein köstlich das Blut erwärmte. Nur mechanisch machte er seine Einwände auf die Reden des Barons. »Ja, aber ohne Leben nach dem Tode, hat das Leben da Sinn? Für das bisschen Erdenleben, all der Aufwand!« »Bravo!« Der Baron klatschte leise in die Hände. »Ich sah Sie damit kommen. Euer Haupttrumpf. Natürlich ist's ein Unsinn, dies bisschen Erdenleben. Sehr richtig! Hören Sie. Also: Da ist ein hoffnungsvoller, junger Mann, er sieht gut aus, alter Adel, Geld, lernt was, schneidig, ein Schloß, eine schöne Frau. Gut! Anfang der Vierziger sind ihm die Beine weg, rein weg, und so 'n Stück vom Rückenmark, sehen Sie, so 'n Stück, untauglich – zum Fortwerfen. Alles aus – finis –. Man lebt nur, um die Füße in die rote Decke zu wickeln, und auf Schmerzen zu warten. Ein Unsinn, so 'n Leben. Dafür all die Umstände mit dem Geborenwerden und Aufgezogenwerden. Aber, sagen Sie, Pastor, wo steht es geschrieben, dass das Leben einen Sinn haben muss? Bitte, wo steht das? Karola, Kind, was sagst du dazu?«
Karola reckte sich ein wenig in ihrem Sessel. »Ich?« sagte sie mit müder Stimme. »Warum soll man nicht darauf hoffen, warten? Man sieht eine Allee hinab, eine lange, lange Allee. Warum sollen wir uns da plötzlich eine schwarze Mauer denken? Das lieb ich nicht. Ich will hinabsehn, weit – weit –, bis da, wo ich vor Helligkeit der Ferne nichts mehr unterscheide.«
»Hm – ganz hübsch«, meinte der Baron. »Poesie, das ist was für die Gesunden. Liegt ihr mal im Bett und der Schlaf kommt nicht, und es zwackt und zieht an allen Nerven, da genügt die Poesie auch nicht. Nein, mein lieber Pastor, mit Ihrer Unsterblichkeit steht es schlecht.«
Er war müde vom Sprechen, lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen. Es wurde still im Zimmer. Deutlich hörte man hinter dem Getäfel die eifrige Arbeit einer Maus.
»Da ist sie wieder«, sagte der Baron, ohne die Augen zu öffnen. »Nichts zu machen! Der alte Kasten will zusammenfallen, fängt an zu sprechen wie ein altes Weib. Aber, es lohnt sich nicht, etwas dafür zu tun, es lohnt sich nicht mehr.«
Langsam und eintönig sprach er vor sich hin. Es klang resigniert in die grüne Krankenstubendämmerung hinein. Der leise, hoffnungslose Seufzer des Kranken schien alle Tore des Lebens zu schließen. Werner sah zu Karola hinüber und begegnete ihrem Blick, dem seltsam schillernden Blick der schmalen, grauen Augen. Die Mundwinkel bogen sich hinauf, wie im Beginne eines Lächelns. Werner und Karola sahen sich ruhig an, wie um sich aus der bedrückenden Traurigkeit dieses Gemaches in das Leben zurück zu retten.
Pichwit verzog seinen zu kleinen kinderhaften Mund zu einem schiefen, hochmütigen Lächeln. Darin saß er stumm da und schaute sinnend auf Karolas Hände, die sich mit den Teetassen zu schaffen machten, schaute stetig und verträumt aus den runden, hellbraunen Augen, – blanke Melange hatte Karola von ihnen gesagt –, Augen, denen die blauen Schatten unter dem Augenlide etwas Kummervolles gaben.
»Na der«, fuhr Werland fort, »der gönnt sich Tag und Nacht keine Ruhe, nur um in sein Leben möglichst viel hineinzustopfen. Der hat Eile! Und was kommt dabei heraus? Der hat seine Duelle, der riskiert seinen Hals beim Rennen, der verführt die Frauen der anderen, der macht von sich reden. Gut! Er arbeitet wie bezahlt. Warum? Nur weil Behrent Rast zugleich in einer Loge sitzt und zuschaut, was Behrent Rast tut, und ruft – ›Behrent ist ein Teufelskerl!‹ und klatscht. Lohnt denn das bisschen Eitelkeit die ganze Geschichte?«
Der Baron lachte. »Ja, die Weiber lieben so was. Schauspieler in jeder Form. Merken Sie sich das, Herr Pichwit, wollen Sie einem Weibe gefallen, so müssen Sie ihr einbilden, dass Sie ganz speziell für sie eine Rolle spielen.«
»Ganz sicher«, beteuerte Werland. Plötzlich lehnte er sich in den Sessel zurück. »Da sind sie wieder, verdammte Kameraden, diese Schmerzen. Herr Pichwit, haben Sie Ihren Tee ausgetrunken? Ja? Dann, gute Nacht.«
Der Baron kicherte. »Wissen Sie, Pastor, Herr Pichwit ist nämlich in meine Frau verliebt, unsterblich verliebt, so wie man es in englischen Romanen ist. Na ja – natürlich – warum nicht? Mir macht das großen Spaß. Die Honigaugen!«
»Ich lasse ihn ja«, – versicherte Werland. »Wie gesagt, es macht mir Spaß. Nur manche Abende fallen diese Augen mir auf die Nerven. Lass ihn nur auf sein Zimmer gehn. Heute ist so was wie Mondschein am Himmel. Da kann er ja dichten. Herr Pichwit dichtet nämlich. Honig in den Augen und Chinin im Herzen, bittersüß, das gibt bei diesen jungen Leuten jedesmal einen Lyriker. Oh! Du verflucht!« Er fasste sich an sein Bein. »Karola – Kind – komm, reib' das Bein ein wenig. Sie müssen wissen, Pastor, die Frau hat so was wie magnetische Kraft in den Fingern.«
Karola rückte ein niedriges Stühlchen an den Sessel ihres Mannes heran, setzte sich und begann sachte mit der Hand über die rote Decke hinzufahren, das Bein des Kranken zu streichen. Der Baron bog den Kopf zurück und schloss die Augen. Werner sah dieser Hand zu, wie sie langsam und stetig über die rote Decke hinglitt, schmal und weiß und voller Ringe. Im Schein des Feuers war die Hand ganz umflimmert von scharfen, bunten Lichtern.
Tolle Bewegung hatte er jetzt nötig. Er wollte den Wind wie Peitschenhiebe im Gesicht fühlen. Drüben lag das Pastorat. Licht blinkte durch das Fenster. – Nein – dahin nicht!
»Dort wird es gemütlich sein« – wie sie das gesagt hatte mit dem Zucken der Mundwinkel, als wüsste sie, dass er dorthin – dorthin, wo es »so gemütlich« war, jetzt nicht konnte.
In den engen Waldwegen war es finster, über ihm rauschten die Föhren, ein leidenschaftliches Brausen, das nachließ, wieder anschwoll, wie der Atem einer Riesenbrust. Hier und da knarrte ein morscher Zweig durchdringend schrill, wie ein Schmerzenslaut.
»Hü – hü« – trieb er den Schecken an. Er musste sich tief bücken, um unter den niederhängenden Zweigen durchzukommen, und wurde dann ganz mit Tropfen überschüttet. Krähen flogen lärmend aus den Wipfeln. Ein aufgescheuchtes Reh brach durch das Unterholz. Werner wusste nicht, wohin er fuhr, nur vorwärts – hinein in die Dunkelheit, in das Wehen und Brausen, in das Tropfen und Duften.
Werner trat in die Krugstube. Eine Lampe rauchte an der Wand. Ein Holzknecht saß am Tisch, hatte den Kopf auf die Arme gelegt und schlief. Am Ofen, den Kopf auf sein Bündel gestützt, schlief ein Hausierer. Die beiden Schläfer riefen rauhe, schnarchende Gurgeltöne zueinander hinüber. Die Tür zum Nebenzimmer, zum »Herrenzimmer«, war angelehnt. Dort flüsterten Stimmen.
»Ah – da find' ich Gesellschaft«, rief er. Da saßen der Organist Sahlit und der Lehrer Gröv bei einer schwelenden Lampe und tranken Grog. Sie blickten scheu zur Tür, erhoben sich von ihren Stühlen.
»Gut, gut.« Werner warf sich auf einen Stuhl und knöpfte sich den Pelz auf Die tolle Fahrt hatte ihn erfrischt. Er lachte die beiden wunderlichen Gesichter sich gegenüber an. Sahlit mit dem blanken, kahlen Schädel, rote Flecken im Gesicht, und die Augen fromm und schwimmend. Der Lehrer sah sehr hochmütig aus, rote, hektische Flecken auf den eingefallenen Wangen, das rote Haar wirr über die bleiche Stirn gestrichen. »Wie In verzeichneter Schiller schaut der Kerl aus«, dachte Werner.
»Wenn ich eine Orgel wäre, würde ich Ihnen auch nicht parieren«, fuhr Werner fort. »Und Sie, Gröv, kommen wegen der roten Marri her. Das ist für einen Lehrer unpassend.«
»So! Da ist ja der Grog«, brach Werner das Gespräch ab. Marri, groß, rothaarig, seltsam rote Augenbrauen im weißen Gesicht, brachte den Grog, stellte sich dann an den Ofen und sah Werner unverwandt an.
»Ach«, berichtete Sahlit, »Gröv hat einen sehr stolzen Rausch. Wenn der getrunken hat, dann spricht er von großen Regierungssachen, nu, und dann weiß er alles besser.«
»Ja, dazu trinkt man«, versetzte Werner, »Gröv weiß dann alles besser – und Sie, Sahlit, sind dann ein großer Musiker. Und beide werdet's ihr dann schon dem Pastor mal zeigen – nicht?«
»Ja – dem Pastor es mal zeigen, davon spracht ihr.« Werner schlug mit der Hand auf den Tisch und lachte: »Ja, Kinder, zeigt's ihm mal! Sie, Gröv, haben mit drei Glas Grog eine ganze Welt von Stolz und Mut heruntergetrunken. Das ist doch billig.«
»Gut, Gröv.« Werner trank ihm zu. »Sie nehmen es auf Ihre Kappe. Sie verantworten es, obgleich Sie sich einbilden, ein sehr großer, verwegener Sünder zu sein, der Marri wegen und des Grogs wegen. ja, das macht Sie stolz, so 'n ganz großer Sünder zu sein? Da ist man doch mal was.«
Werner lachte: »Aber ihr seid ja gar keine großen Sünder! Das bildet ihr euch ein, damit der Grog euch besser schmeckt. Ob Gröv morgen Kopfweh hat, und ob Sahlit Kater hat, das ist ja ganz gleichgültig. Arme Geschöpfe kriechen heimlich zusammen, wollen sich ein bisschen Mut und Hochmut antrinken, wollen's dein Pastor mal zeigen, na – und den anderen Tag zeigen sie's ihm nicht, und vom Hochmut und vom Mut ist auch nichts mehr da, nein! das schreibt der Teufel sich nicht auf sein Gewinnkonto, – das ist nichts.«
»Katzenjammer – nicht Buße«, rief Werner ihn an. »Sie spielen morgen wieder falsch die Orgel, Gröv rechnet seinen Kindern falsch auf der Tafel vor, ihr kriecht so durch den Tag hin wie immer. Das ist nicht Buße, das ist was anderes.«
Der Schullehrer hatte schweigend zugehört. Er hob den Kopf, sein Nacken wurde steif und sein Lächeln sehr überlegen. jetzt begann er zu sprechen, schnell und in hoher Stimmlage:
»Vielleicht, Herr Pastor, sind die Sünden der vornehmen Herren nichts für uns. Wir sind arme kleine Leute. Wo sollen wir die großen Sünden hernehmen? Die sind nichts für uns. Sowieso hat man nichts vom Leben, auch – auch von den Sünden nichts. Das ist mal so die Gerechtigkeit der Gesellschaft. Es ist möglich, dass der Herr Pastor sich mehr für die vornehmen Sünder interessiert, jeder streckt sich nach seiner Decke. Ich hab' die Welt nicht gemacht. Ich möchte auch lieber eine Lampe, die nicht raucht, und einen Grog ohne Fusel und – und –«, er errötete. Der Mut seines Angriffes stieg ihm zu Kopfe – »und 'ne vornehme Dame.«
»Arme Racker!« sagte er vor sich hin. »Müsst nachts hier hinaus kriechen, um bisschen hochmütig zu sein, um bisschen Sozialdemokrat zu sein, um zu sehen, ob Marri Zeit hat. Und dann morgen nichts – vorüber.«
Er schaute auf, betrachtete nachdenklich die beiden wunderlichen Gesichter seiner Kameraden: »Nun, – wisst ihr –, euch wird viel vergeben werden, weil – weil ihr so furchtbar hässlich seid.«
Eine dumpfe Müdigkeit, die ihn traurig machte, legte sich auf Werner. Die Luft war dick von dem Qualm der Lampe, dem Dampf des Grogs. Sahlit weinte jetzt. Grövs Stolz wurde gespenstischer, dabei warf er verliebte Blicke dem Mädchen am Ofen zu. Und dieses Mädchen, das Werner mit den runden, bleichen Augen stetig ansah, mit dem großen, weißen Gesichte, den nackten Armen, dem weichen Quellen des Busens, mit all dem weißen, lasterhaften Fleisch, es erregte Ekel in Werner, um so stärker, weil es in seinem Blute doch ein Brennen entzündete, das ihm unendlich zuwider war.
Er trieb den Schecken an. Der Wind wühlte noch in den Föhrenwipfeln. Durch die Wolken schien auf Augenblicke der Mond, ein Licht, das kam und ging, als liefe jemand mit einer Kerze eine lange Fensterreihe entlang.
»Hü – hü« – rief Werner. Dieses Blasen und Wehen badete ihn wieder rein. »Hü« – Sie flogen die kleinen Waldwege entlang. Das leichtgefrorene Moos knisterte unter den Hufen des Pferdes.
»Haltet euch, Kinder«, kommandierte Werner. Der Scheck stutzte, aber Werner ließ die Peitsche sausen. »Vorwärts!« – ein Ruck, und sie waren an der Galgenbrücke.
Über eine tiefe Schlucht, einst vielleicht ein Steinbruch, in der Steine in einem schwarzen Wasser schliefen, war eine rohe Brücke geschlagen worden, einige Bretter auf einigen hohen Pfosten. Alles war jetzt morsch und faul, das Geländer fortgebrochen. Längst wagte keiner mehr diese Brücke zu befahren oder auch nur zu betreten. Der Rübensimon, der Säufer, hatte sich mitten auf der Brücke erhängt, die Beine über dem Abgrund, und als der Strick gerissen war, war der Rübensimon in das Wasser gefallen, und man hatte seine Leiche nie finden können, ein so tiefes Loch musste dort unten in dem schwarzen Wasser sein; so erzählten sich die Leute.
Aber der Scheck jagte hin. Er führte eine Art Tanz auf, um über die morschen Bretter hinüberzukommen. Hier war eine glatte Stelle, dort brach der Huf ihm in das faule Holz ein –, dort war ein Spalt. Hoch über dem Wasser glitt der Schlitten hin. Etwas Mondlicht fiel in die Tiefe. Werner lehnte sich in den Schlitten zurück. Eine starke Spannung straffte jeden Nerv in ihm an, eine atemlose Erwartung –, jeden Augenblick kann es kommen, das Neue, das Nieerlebte. Ein Rausch war es, der ihn wiegte, dazwischen darin ein ruhiger, beobachtender Gedanke: Also so ist's, wenn wir davor stehen, so ist's, wenn wir's erleben.
Jetzt noch ein Ruck und der Schecke hatte festen Boden unter den Füßen. »So!« sagte Werner und tat einen tiefen Atemzug. Er ließ die Leinen los. Der Schecke fand den Heimweg schon allein. Eine Ermüdung wie nach einer starken Anstrengung legte sich über Werner. Er sah seine Genossen an. Er fühlte eine Art Zärtlichkeit für sie.
Der Mond beschien einen Augenblick das Gesicht des Lehrers, ein geisterbleiches Gesicht. Über die spitzen Backenknochen mit den roten Flecken flossen Tränen, die ganz blank im Mondlicht wurden.
»Nicht meine Verantwortung«, versetzte der Lehrer eintönig und leise, wie einer im Schlafe spricht. »Der Herr Pastor wollte uns vielleicht strafen. Ob er das Recht dazu hatte, ist zweifelhaft.«
»Schlafen werden wir gut«, bemerkte Werner. Ja, schlafen wollte er. Auf eine lange, traumlose Ruhe freute er sich. Die Ebene, über die das flackernde Mondlicht hinstrich, erschien ihm schon Jetzt wie eine weite, stille Traumlandschaft.
Ganz dürr und gelb, wie ein großes Heimchen, lag die Alte in ihrem Bett. Aus den tiefen Augenhöhlen lugten die trüben Augen geduldig und stetig hervor und warteten. Als der Pastor sich an ihr Bett setzte und fragte: »Wie geht es, Mutter Gehda?« – schwieg sie, als verlohne es sich nicht, darauf zu antworten. Die Schwiegertochter, die Waldhäuslerin, antwortete redselig:
»Ach, Herr Pastor, kein Atem, was ist das für'n Leben! Man is alt, man will sterben, nu ja! Gestern haben wir ihr ein warmes Bad gemacht, haben sie gut abgeseift. Wird man nu sehn – wie's wird.«
Werner sprach erbauliche Worte. jeder Augenblick, den Gott uns gibt, kann für unser Heil wichtig sein. Was bedeutet das bisschen Warten gegen eine Ewigkeit bei Ihm!
»Geplagt hat sich der Mensch beim Mistverstreuen und Unkrautjäten in dem Baumgarten. Nu will der Mensch seine Ruhe haben. Das kann er verlangen. Das heilige Abendmahl hat man genommen, alles ist fertig. Aber nein – und nein.«
Werner schwieg. Was sollte er hierzu sagen? Die Alte wusste es besser. Sie verlangte nach dem Tode als nach ihrem Recht. Hier brauchte er nicht zu trösten.
Das »Man will seine Ruhe haben« der Alten klang Werner nach, während er durch den Wald ging, – beruhigend und friedlich. Dazu lebt man, um diese Sehnsucht nach tiefer Ruhe, diesen Durst nach der Wohltat des Todes zu haben. Was sollte er der alten Frau von einer ewigen Seligkeit, einem ewigen Leben sprechen. Sie verlangte nach ewiger Ruhe vom Mistzerstreuen und Unkrautjäten.
Lustig waren der weiße Wald mit dem roten Sonnenschein und die klare Frostluft. Alles sah so geschmückt aus, als sollte hier etwas Gutes, etwas Festliches geschehen.
Durch den Wald tönte Schellengeklingel, sehr hell, wie ein silbernes Lachen. Werner blieb stehen und horchte. Er kannte dieses Schellengeklingel wohl. Das war es, was in den festlichen, weißen Wald hineingehört hatte. Er lachte ein knabenhaft frohes Lachen vor sich hin. Das Schellengeklingel kam näher. Nun sah Werner schon den Schlitten, die beiden spitzgespannten schwarzen Pferde, des Kutschers Pelzmütze und braunrote Livree.
Karola saß allein im Schlitten. »Pastor!« rief sie, als sie Werner sah. »Fahren Sie mit? Doch nein! Peter – halt! Ich steige aus. Peter wartet auf mich an der Allee. Ich geh ein Stück mit Ihnen.«
Sie sprang aus dem Schlitten. Ihr Pelz und die Pelzmütze waren weiß bereift, ihre Wangen gerötet. Sie lachte über das ganze Gesicht, als sie Werner die Hand reichte.
Sie ging neben ihm her, sprach erregt: »Einen Besuch hab' ich gemacht bei der Baronin Huhn in Debschen. Oh! war das langweilig! Schon wenn ich die Zwiebäcke in Debschen sehe, macht es mich traurig. Alles riecht dort nach Zwiebäcken. Woher das wohl kommen mag? Das Leben dort muss eine einzige, langweilige Kaffeestunde sein. Ich sehnte mich hinaus. Der Wald jetzt ist doch das Eleganteste, das es gibt. Wie fein der Schnee knirscht, wenn man darauf geht, wie Zucker. Das müsste man im Sommer machen, einen Weg mit Zucker bestreuen, und am Rande müssten ganz rote Tulpen stehen. Und wo waren Sie?«
Sie traten aus dein Walde hinaus. Vor ihnen lag die Ebene, ganz übergossen von zentifolienfarbenem Licht. Die Sonne war im Untergehen. Um sie her, in einem fliederfarbenen Himmel, bauten sich große, bunte Wolken auf Langgestreckt, stachen sie wie goldene Klingen in den Himmel, oder sie rundeten sich wie rosenfarbene Nacktheiten, an denen goldene Schleier hingen. Karola stieß einen kleinen Schrei aus, dann stand sie still, ließ die Arme niederhängen, wie wir unter einer Dusche stehen. Das rotangeleuchtete Gesicht hob sie zu Werner auf:
Sie hing sich an Werners Arm. So gingen sie langsam durch die zunehmende Dämmerung über die Ebene. Karola sprach jetzt ruhig, ein wenig traurig vor sich hin:
»Ich glaube, weil die Lampe bei uns immer verhängt wird, scheint die Dämmerung mir traurig. Eben war es so, als ob Jakob die Haustür verschließt. Ich lege den grünen Schirm über die Lampe, und der Abend beginnt.«
»Das haben Sie schon zuweilen gesagt, Pastor, Sie wollen an mir wohl eine Tugend loben. Geduldig, mein Gott! Ich mag es aber nicht besonders, wenn Sie mich bemitleiden.«
»Weil –«, Werner dachte einen Augenblick nach. Dann zeigte er auf die beiden Schatten, die der Mond, groß und blau, vor ihnen auf den Schnee legte: »Sehen Sie Ihren Schatten?«
»Ich war früher in einem kleinen Pastorat nah an der Grenze. Ich hatte mich auf der Jagd verirrt. Es war spät geworden. Der Mond schien, so wie heute. Sie wissen, es wird dort viel geschmuggelt. Nun, auf einer Lichtung an einem kleinen Fluss sah ich einen Zug langsam hingehen. Juden waren es wohl. Lange Röcke, lange Bärte, große Hüte. Es schienen sehr starke, große Leute zu sein. Sie gingen langsam, ein wenig gebückt, ein wenig mühsam vielleicht. Sonst war aber nichts Besonderes an ihnen zu sehen. Aber neben ihnen, auf dem Boden, gingen ihre Schatten her – riesige, dunkle Schatten, und diese Schatten waren seltsam unförmig. Die Schatten hatten Buckel und Ausbuchtungen und Beulen. Die Schatten trugen an etwas schwer, sie verrieten es, wie schwer beladen diese Leute waren.«
»Nun«, erklärte Werner, »Leute, die heimlich schwer an etwas tragen, die bemitleide ich. Aber Ihr Schatten, sehen Sie, wie schlank und leicht er über den Schnee gleitet. Fast leichtsinnig. Heimliche Lasten entstellen immer.«
Das letzte Stück Weges wurde nichts mehr gesprochen. Still gingen sie durch die glashelle Mondnacht. Karola war müde und stützte sich schwer auf Werners Arm. Vor ihnen glitten die beiden Schatten hin, so eng aneinandergeschmiegt, als umarmten sie sich.
»Also verstimmt«, dachte Werner. Das war ärgerlich. Gerade heute hätte er gewünscht, dass alles harmonisch um ihn wäre. Er beschloss, nicht darauf zu achten.
»Ja – gleich«, sagte Lene, aber das klang nicht begeistert. Da war ein Unterton säuerlicher Resignation. Als die Lampe und die Kerzen am Klavier brannten, sah Werner, dass Lene geweint hatte.
Natürlich! Heute jedoch tat er, als bemerkte er es nicht. Er wollte die kleinen, häuslichen Unannehmlichkeiten vermeiden, sich den Nachglanz des Abendrots, den Nachklang der lachenden Schellen in der Mondnacht nicht verderben lassen.
Werner antwortete nicht auf diese Wendung, die das Gespräch ins ganz Persönliche hinüberleiten sollte. Die junge Frau mit den verweinten Augen tat ihm leid. Er wollte ihr etwas Gutes tun, er wollte recht schön singen. Die arme, leidende Seele sollte ganz in Gefühl und Süßigkeit gebadet werden. Das würde ihr guttun.
»Für mich?« fuhr Lene auf »Plötzlich sind dir meine Hände nicht weiß genug. Ja, ich hab' rote Hände. Natürlich, bei der Arbeit! Aber ich danke für das Wasser der alten Huhn. Bisher ist dir das nicht aufgefallen.«
Werner zuckte die Achseln. »Gut, also lassen wir das. Soll ich singen?« Lene wischte sich die Augen und begann zu spielen, noch immer schluchzend wie ein Kind.
– Warum musste das sein? Warum immer leiden oder leiden machen? Fühlte er ein wenig Glück, gleich musste das mit dem Schmerz eines anderen Wesens bezahlt werden. Warum? Seltsame Ökonomie, seltsame Buchführung!
Aber Lene bestand darauf: »Ach! Was die einfach nennt! Und dann, der Baron Rast wird da sein. Der soll ja ein so schlechter Mensch sein, wie man hört.«
Die Zimmer in Dumala waren heute alle erleuchtet. Die alten Möbel mit den verblaßten Seidenbezügen und den großen gewundenen Lehnen standen mürrisch, wie im Schlaf gestört, im hellen Lampenlicht.
Die Baronin Huhn aus Debschen, in eine blanke, graue Atlasrobe, wie in einen Spiegel gekleidet, sehr erhitzt unter ihrer weißen Perücke, unterhielt sich mit dem Baron Werland, der im Gesellschaftsanzuge noch schmäler und gebrechlicher als sonst aussah.
Neben ihm am Kamin lehnte Behrent von Rast, breitschulterig und groß. Der Kopf war seltsam grell, mit dem kurz geschorenen schwarzen Haar über der geraden, niedrigen Stirn, mit dem Bart, der am Kinn geteilt, wie zwei schwarzblaue Flammen von beiden Seiten abstand. In dem bräunlichen Gesicht saßen zwei große, samtbraune Augen.
Lene errötete, weil sie überrascht war von der unumwundenen Falschheit dieser Freundlichkeit. »Sie ladet mich ja nie ein«, dachte sie. Vor dein Diner saß man zusammen und plauderte. Rast ließ sich von der Baronin Huhn und Werland über Landwirtschaft belehren. – »Ach! – So ist es! Ich bin sehr dankbar. Gott! Ich bin so unwissend in der Landwirtschaft.«
»Mach' dir nichts draus«, tröstete Rast. »Es ist noch lange nicht erwiesen, dass Beine für ein angenehmes Leben durchaus nötig sind. Die großen Damen in China haben die Füße so gut wie abgeschafft.«
Bei Tisch saß Rast neben Lene, Werland nahm ihn jedoch in Anspruch. Er wollte mehr von den großen Damen in China hören. Werner unterhielt sich mit der Baronin Huhn, die von ihren Dienstboten sprach.
Rast hatte sich jetzt Lene zugewandt und begann eine Unterhaltung. Seine großen Samtaugen glitten dabei ruhig und frech über das Gesicht und die Gestalt der jungen Frau. Es war Lene, als streiften diese Augen langsam die Kleider von ihr ab. Sie wurde dunkelrot.
»Hm – streng sein; und so. hübsch zu sein, ist wohl nicht erlaubt?« meinte Rast. Lene machte ein sehr ernstes Gesicht. Sie wollte ihn in seine Schranken zurückweisen.
»Ja, ja, das schmeckt man«, bestätigte Rast. »Es ist, als legte er überall ein paar Blätter vom Stammbaum zu. Familienküche, das ist das Wahre. Man müsste es gleich herausschmecken können, diese Speise ist Werlandsch, – diese Huhnsch.«
Wie sie ihm alle zuhörten, wie sie lachten, auch Karola! Werner wunderte sich darüber. Ihm waren sie zuwider, diese Geschichten, und diese weiche, schnarrende Stimme, die die Worte so nachlässig hinwarf. Er schaute mißbilligend zu Lene hinüber. Sie achtete nicht darauf. Sie hörte aufmerksam zu, legte ihr Taschentuch vor den Mund, weil sie so lachen musste.
Nach dein Essen musste Werner wieder die Baronin Huhn unterhalten. Werland sprach mit Lene, nachlässig und schon ein wenig schläfrig. In einer Fensternische standen Rast und Karola. Werner konnte Karolas Profil sehen, das sich scharf und rein von dem dunkeln Vorhang abhob. Sie stand sehr gerade, die Taille ein wenig zurückgebogen. Werner hörte nur scheinbar der Geschichte von einer Trine zu, welche widerwillig war, die die Baronin Huhn ihm erzählte. Eine tiefe Verstimmung quälte ihn, ein Gefühl, als sei es nun mit etwas vorüber, das ihm lieb und nötig gewesen war.
Warum lachte Lene so unnatürlich? Und dann bewegte sie die Hände zuviel beim Sprechen, das sah ungeschickt aus. Er horchte zum Fenster hinüber. Rast schien von Pferden zu sprechen und von Rennen. Auch Karola lachte heute, wie sie sonst nicht lachte, so ein helles, girrendes Lachen. Konnte sie das denn wirklich unterhalten, was der große, schwarze Herr da erzählte?
Werner versank in Gedanken. Er sah das Zimmer vor sich, wie es an den einsamen Abenden war, wenn er hier saß, und Karola zu den Füßen ihres Gatten kauerte und mit der Hand über sein Bein hinstrich, und es ganz stille war, so still, dass sie das Nagen der Maus hinter dem Getäfel hörten, und Karola zu ihm aufsah, und er zu ihr niederschaute, und ihre Blicke ruhig und lange ineinander ruhten, und ihr Schweigen eine so seltsam erregte Zwiesprache hielt.
Drüben am Fenster standen sie noch immer beisammen, aber ihre Stimmen waren jetzt gedämpfter. »Ja, es ist schwer mit den Leuten«, schloss die Baronin Huhn ihre Erzählung und seufzte.
Die beiden Stimmen in der Fensternische waren nun der einzige Ton im Zimmer. Der Baß weich, ein wenig singend. Karolas Alt antwortete eindringlich, schien es Werner, und mit einem kindlichen Schmollen, das er an ihr nicht kannte.
Auf der Heimfahrt, im Schlitten, war Lene sehr gesprächig: sie hatte sich gut unterhalten, dieser Baron Rast war sehr merkwürdig –, interessant konnte man sagen. Man musste mit ihm auf seiner Hut sein, musste ihn in seine Schranken zurückweisen. Aber unterhaltend war er.
Werner war unzufrieden mit sich. Warum musste er dieses unschuldige, kleine Selbstbewusstsein niederschlagen, warum ihr den Abend verderben? – nur weil er sich unglücklich fühlte. Und warum war er unglücklich? Er hatte ja nicht einmal das Recht, unglücklich zu sein.
Werner hatte aus Schloß Dumala längere Zeit nichts gehört. Der Winter mit plötzlichem Frost und dann wieder Tauwetter fing übel an. Überall herrschten Krankheiten. Werner musste Krankenbesuche machen und Beerdigungsreden halten. Er arbeitete stark und eifrig.
Der letzte Abend im Schlosse hatte etwas wie eine Unruhe, eine Qual in ihm zurückgelassen. Die mussten niedergekämpft werden, da sie ihm verdächtig erschienen.
Sonntags sah Werner Karola in ihrem Kirchenstuhl. Neben ihr saß Rast in dem seinen. Sie nickten einander zu, lächelten. Zuweilen neigte Rast sich zu ihr hinüber, sagte etwas, wie im Salon. Karola hob ihren Muff an den Mund.
Werner schlug mit der Faust auf den Rand der Kanzel, donnerte auf die Gemeinde hinunter, so dass die alten Frauen aus ihrem Schlaf erwachten und verwundert zu ihm aufschauten.
Als am Abend jedoch ein weißer Nebel sich über die Ebene legte, das Haus ringsum wie in feuchte Watte einpackte und die Welt eng, ganz eng machte, da trieb es Werner hinaus nach Dumala.
Ohne einen Gedanken daran zu wenden, ohne mit sich zu streiten, zog er den Pelz an, nahm den Stock. Er kannte das an sich. Wenn es in ihm plötzlich stark nach etwas schrie, da half nichts.
Draußen vermochte er kaum drei Schritte weit zu sehen. Überall das weiße, kalte Fließen, das alles verhängte, in dem er allein war, ganz, ganz allein. Alles andere war ausgelöscht, selbst die Töne erstarben. Das tat wohl. Wie in einer Unendlichkeit stand er, kein Anfang, kein Ende. Hier, in dieser Einsamkeit musste es gut sein, eines zu retten, das in Gefahr war. Heraus ans allem in diese kühle, weiße Einsamkeit mit ihm. ja, mit ihm, natürlich! Werner lächelte höhnisch über die Schliche seiner Seele. Mit ihm! Er war der rechte Retter! So wollte ja wohl auch Behrent von Rast retten.
Dumala fand er wie sonst. Die dunkle Zimmerflucht. Im Kaminzimmer saß Karola zu Füßen ihres Mannes und strich mit der Hand über die rote Decke auf seinen Beinen.
»Bravo, Pastor!« rief Werland. »Sie haben uns vernachlässigt. Ich sagte es schon, der Barmherzigkeitssport ist unserem Pastor zu anstrengend geworden. Setzen Sie sich. Erzählen Sie.«
»Ja«, sagte Karola, »erzählen Sie, so von Waldhäuslern und Bauernhäusern, wo die Frauen schon um ein Uhr nachts ausgeschlafen haben, aufstehen und spinnen. Ist die Mutter Gehda gestorben?«
– Ja, Mutter Gehda war tot. Sie war ruhig eingeschlafen, auf dem Gesicht den verdrießlichen Ausdruck, den sie in der letzten Zeit hatte, weil sie sich über den Tod ärgerte. Dann erzählte Werner von dem Waldhüter, der von Wilderern erschossen worden war. Er erzählte langsam und umständlich. Er sah dabei auf Karolas Hand, auf die blitzenden Ringe, die die Decke auf und ab fuhren, er sah zu ihrem Gesicht, zu ihren Augen auf, zögernd, als fürchtete er sich vor etwas, das er dort finden könnte.
Karola schaute nachdenklich in das Feuer, mit stetigen, seltsam schillernden Augen. Werner sah es diesen Augen an, dass sie ihm längst nicht mehr zuhörte. Sie war mit ihren Gedanken sehr weit fort.
Plötzlich ging eine Veränderung über Karolas Gesicht. Etwas Gespanntes kam hinein. Sie blinzelte mit den Wimpern. Es war, als horchte sie angestrengt hinaus.
Weit draußen kam ein Ton durch den Nebel, kaum hörbar. Aber Karola lauschte. Ihre Hand hörte auf, über die rote Decke zu streichen, und ein leichtes Rot stieg in ihre Wangen.
Rast kam, den Bart feucht vorn Nebel, die Augen voll von einem herausfordernden, frischen Glanz. Mit seiner lauten Stimme, seinem Lachen weckte er das stille Haus aus seinem Schlaf.
»Solche Nebeltage sind tödlich«, sagte er. »Bei mir zu Hause – die Melancholie! Da muss man zusammenkriechen. Herr Pastor, an solchen Tagen müssen die Seelen in Ihrer Hand weich wie Wachs sein, wenn Sie ihnen von Licht sprechen. Na, und Licht kommt doch in der Religion vor.«
Er hatte viel erlebt. Jagden und Pferde wurden durchgegangen. Karola, von ihrem niedrigen Stühlchen, sah zu ihm auf, die Mundwinkel zu einem Lächeln bereit.
Werland wurde auch gesprächig, er erzählte aus den Zeiten, da »ich noch meine Beine hatte«. Er neckte Pichwit, der zum Tee erschien und die Gesellschaft stumm und feindselig beobachtete.
»Gedichtet, Pichwit, was? Ich seh' schon. Blaue Ringe um die Augen – immer ein Zeichen starker, lyrischer Erregung.« Er kniff ein Auge zu und kicherte.
»Kommen Sie, Baronin«, sagte Rast. »Wenn ich eine Reihe erleuchteter Zimmer seh', muss ich darin auf und ab gehen. Ihr Saal hört ohnehin zu wenig Schritte.«
Karola und Rast begannen in den hellen Zimmern auf und ab zu gehen, Schulter an Schulter, Karola sehr schlank in dem blauen Tuchkleide mit der langen spitzen Schleppe.
Die drei zurückbleibenden Männer sahen durch die Tür dem Paar im Saale zu, aufmerksam und schweigend, als sei es ein Schauspiel, als warteten sie auf etwas, das geschehen sollte.
Werland winkte, er sollte leise sprechen. »Ich will Ihnen mal was sagen, Pastor. Wenn der Pichwit verliebt ist, das ist in der Ordnung, das macht mir Spaß; und Sie –«
»Gleichviel, sprechen wir nicht von Ihnen«, fuhr Werland ungeduldig fort. »Das alles ist nichts. Das muss eine Frau haben. Aber der da«, er zeigte mit dein Daumen zum Saal hin, »der – ist mir ungemütlich. Der versteht sich auf blaues Blut. Das macht mich nervös.«
»Es ist doch natürlich«, wandte Werner ein, »dass die Frau Baronin die Unterhaltung des Baron Rast genießt. Sie hat nicht viel Unterhaltung.« Er wollte sehr gerecht sein.
»Sie brauchen niemanden zu entschuldigen«, flüsterte Werland. »Alles geht ganz natürlich zu. Alles auf der Welt geht natürlich zu. An Wunder glaub' ich nicht. Es ist ganz natürlich, dass die Nachtigall fortfliegt, wenn Sie den Käfig offen lassen. Aber dazu haben Sie sie doch nicht in den Käfig gesetzt.«
»Danke, Pastor, danke«, unterbrach ihn Werland, »Predigten erbauen, aber beweisen nichts. Klaren Blick, sagen Sie. ja, aber gerade die Klügsten sind hilflos vor so gewissen Dummheiten des Lebens. Diese Frauen werfen bei gewissen Gelegenheiten ihren Verstand mit Genuss beiseite, so wie sie ein enges Mieder aufhaken.«
»Der Pichwit kommt nicht zurück. Nein, der steht im Eßzimmer und horcht. Oh! der passt auf! Hören Sie, Pastor, Sie sprachen da von reinem Blick und Geduld und so Sachen. Sie meinen, was man Tugend nennt. Bei Damen der Gesellschaft gebraucht man dieses Wort nicht gern, aber das meinen Sie, tugendhafte Gattin, nicht wahr?«
»Ich bin nicht ganz ruhig, das ist wahr – und das ist vielleicht dumm«, sagte Werland. »Einer, der keine Beine hat, sollte ruhig sein. Aber diese Tugend ist bei unseren Frauen Sache der Reinlichkeit, der Erziehung zur Reinlichkeit, wie das Bad und die gute Seife und das gute Parfüm. Nur, dass das Bad und die Seife von Pinaud und das Parfüm Gewohnheiten sind, von denen man sich schwerer lossagt als von der Tugend. Man sagt Leidenschaft oder Liebe, und darin glauben die Frauen, das, was sie für unreinlich halten, sei nun plötzlich eine feine Sache. Ich kenne diese Geschichten, ich bin jetzt, was man so nennt –, objektiv – darin.«
»Was wollen Sie!« meinte Werland. »Soll ich ihm sagen: du – Rast – komm nicht, ich bin eifersüchtig? Das wäre so was für den. Nein, Pastor, Beine haben wir zwar nicht, aber lächerlich machen wir uns trotzdem nicht. Es geschieht ja nichts! Konversation! Sie sind Pastor, Ihnen kann man beichten. Ein Beichtvater ist ein Mann, dem ich die lächerlichsten Sachen erzählen kann und der mich nicht auslachen darf. Nehmen wir an, ich hätte nichts gesagt.«
Pichwit zuckte die Achseln. »Die Frau Baronin«, berichtete er, »wollte dem Baron Rast den alten Flügel und das Turmzimmer zeigen. Die Mamsell ging mit aufschließen.«
Als Pichwit gegangen war, bemerkte Werland: »Sehen Sie, der, der hat so das, was man gewöhnlich mit Liebe bezeichnet. Na, – aber Schluss. Reden wir von etwas anderem. Bilden Sie sich nicht ein, Pastor, dass ich klage und dass Sie mich bemitleiden müssen.«
»Wir haben zuweilen seltsam erregte Momente. Das kommt, wir können nichts dafür.« Werner versuchte, etwas Passendes zu sagen, aber es klang ihm selber leer und verlogen.
»Danke, danke«, unterbrach ihn Werland. »Wie sagten Sie – Pflichterfüllung? Über den malaiischen Weibern und dem Interesse am alten Turmzimmer ist mein Bein heute doch ein wenig in Vergessenheit geraten. Na – ich sage nichts. Schluss.«
»Famoses altes Zimmer«, sagte Rast. »Das Bett mit den verblichenen grünen Damastvorhängen – und die zerfetzten Goldtapeten, was für eine gespenstische Üppigkeit dadrin steckt. Unglaublich!«
Werland nickte: »Ja, ja. Das war wohl der Sündenflügel der alten Werlands. Dekorative Sünden. Das achtzehnte Jahrhundert hatte wenig Temperament, daher wurde die Sinnlichkeit dekorativ.«
»Schwere?« wiederholte Rast. »Ja, wegen des Werland. – Alle haben da was. Werland mit dem Bein, und die schöne Frau, und das kleine Gespenst von Sekretär, alle seltsam einsam, aber eine Einsamkeit, die fiebert –, die fiebern alle vor Einsamkeit. Das regt ordentlich auf, steckt an.«
»So Schweres auch dem Hause auferlegt ist«, sagte Werner, und er ärgerte sich selbst darüber, dass das so salbungsvoll klang, »die Baronin versteht es mit ihrer Güte und Klarheit, da Harmonie hineinzubringen.«
»Opfer«, sagte Rast, und ließ die Peitsche knallen. »Was soll sie machen? Ein Mann ohne Beine. Da setzt sich alles in Opfer um. Bekanntes Phänomen. Chemie der Sinnlichkeit.«
Lene schlief schon, die Wangen heiß, zwischen den blonden Augenbrauen eine kleine, aufrechte Falte, ein schwermütiges, kleines Zeichen, das der einsame Abend zurückgelassen hatte. Leise legte Werner sich in das Bett. Lene atmete ruhig und regelmäßig neben ihm. Draußen tropfte der Nebel vom Dache, ein stetiges, geschäftiges Flüstern, eine heimliche, traurige Geschichte, die die Nacht sich erzählte.
Und in der Stille und Dunkelheit dieser Nacht war plötzlich etwas da – bei Werner – in ihm, etwas Fremdes, dein er fast mit Neugier zuschaute. Also so ist es, wenn wir hassen.
Er war stark, er war jähzornig. Er kannte es, wie die Wut heiß in die Glieder fährt und es eine Erlösung ist, die Hand schwer auf eine Wange niedersausen zu lassen.
Aber dieses jetzt war anders: – Dieses bohrende, beständige Denken an einen Mann mit dem Gefühl des Widerwillens, mit fast körperlichem Schmerz. Die Gedanken begannen zu mahlen. Rast bleich und hilflos zwischen Werners Händen. Rast vor Karolas Augen gedemütigt – lächerlich und verächtlich. Kindische Phantasmen, denen er nicht wehren konnte. Immer das quälende, heiße Verlangen, Rast leiden zu sehen, quälend, aufdringlich, wie ungestilltes, sinnliches Begehren.
Da sollte er nun die Leute trösten und ihnen in die Seele reden. Was wissen wir denn, was in unseren Seelen ist. Etwas Fremdes kommt, herrscht. Wir können nur zusehen.
Die weinende Frau da drinnen hatte recht. Und er – er tat, als erfüllte er streng und weise seine Pflicht, er ging einen unreinlichen Weg, das sah er so klar, als ginge ein anderer diesen Weg, und er schaute ihm nach und wunderte sich, wohin der wohl geraten wird.
Sie verbarg es nicht, wie lustig dieses Schellengeklingel ihr in die Glieder fuhr. Sie richtete sich auf, streckte die Arme, in einer ihr ungewohnten Bewegung des Sichgehenlassens, als schüttele sie die Schläfrigkeit der Stunden ohne ihn von sich ab. Sie ging Rast entgegen, lächelnd, mit flimmernden Augen.
Und er kam, füllte den Raum mit seiner klingenden Stimme, seinem sorglosen Lachen, seinem englischen Parfüm. Die Lichter wurden angezündet. Es wurde festlich, ihm zu Ehren.
Wenn nach dem Tee Karola und Rast im Saal auf und ab gingen, saßen Werland, Pichwit und Werner am Kamin, schweigsam und wachsam. Wenn sie sprachen, so sprachen sie mit gedämpfter Stimme. Pichwit ging nach dem Barometer und blieb lange fort. Werland flüsterte und kicherte:
Ein starker Wind hatte die Nebel zerstreut. Als Werner gegen Abend von einem Gang in das Dorf dort hinter dem Walde nach Hause ging, stand ein goldener Himmel über dem Lande. Durch die feuchten Tannenzweige schlüpfte viel schwergoldenes Licht.
Da hörte er vor sich den feuchten Schnee unter Schritten knirschen. Es war Karola. Die Hände tief in ihren Muff gesteckt, den Kopf geneigt, ging sie langsam und sinnend den Weg hinab. Beide sahen zu gleicher Zeit auf.
»Allein«, erwiderte Karola. »Natürlich! Ich habe einen Spaziergang gemacht. Sehen Sie, wieder das schöne Licht. Erinnern Sie sich, wie wir das letztemal im Abendrot nach Hause gingen? Das war schön!«
Karola sah in die untergehende Sonne und dachte nach. »Ich glaube, die Beschäftigung mit den ewigen Dingen macht friedlich. Ewig, – das klingt, als ob alles aus wäre und nur Ruhe – große Ruhe. Ja, der, den Sie lieben, ist gut geborgen.«
»Es – es ist doch wohl –«, begann Werner, seine Stimme klang ein wenig unsicher, »es ist doch wohl für jeden das Schönste, das zu schützen, was er liebt.«
»Auf Wiedersehen, Pastor, Sie kommen doch zu uns«, sagte Karola und reichte ihm die Hand. »Was machen Sie für seltsame Augen? Ach, es ist wohl die Abendsonne, wenn die sich in den Augen spiegelt, dann werden die Augen ganz wild.«
»Ich bin friedlich und stark«, dachte Werner auf dem Heimwege. »Und sie ist wohlgeborgen und hat nichts zu verbergen. So geht man liebevoll durch den hübschen Abendschein, und einer legt dem anderen freundlich seine Lügen an das Herz.«
Der Waldhüter Erman war bei Werner. Gott! sah der Mann zerlumpt aus mit seinen Bastschuhen, der schlechtgeflickten Hose, dazu das traurige Trinkergesicht. Er war auch heute leicht angetrunken. Werner hatte ihn zu sich bestellt, um ihm eine Strafrede zu halten. Seine Frau klagte beständig über ihn.
»Eine Schande ist es«, fuhr er ihn an. »Sieht so ein herrschaftlicher Waldhüter aus? Nicht einmal Stiefel hast du bei diesem Saufen, und Frau und Kinder verhungern.«
»Was sprichst du da!« Der Mann war betrunken, er sollte ihn fortschicken, sagte sich Werner, aber er schickte ihn nicht fort, er schwieg, er wartete, was der Mann sagen würde. Erman dachte nach, sah mit den verschwommenen wasserblauen Augen zur Decke hinauf, suchte seine Erinnerungen zusammen.
»Ja, es war so, Herr Pastor«, begann er. »Weil die Hasen jetzt so fest liegen, sind die Wilddiebe hinter ihnen her in letzter Zeit, die Racker. Nun denk' ich, ich werd' mal nachsehen. Ich steh' auf und geh' ins Revier. So nach eins kann es gewesen sein. Gefroren hatte es ein bisschen, das Moos krachte so beim Gehen. Heute werden die Hasen nicht festliegen, denk' ich. Und wie ich zur Galgenbrücke komme, denk' ich, ich setz' mich hin und rauche eine Pfeife. Und wie ich sitz' und rauch', da seh' ich vor mich hin, und da seh' ich, über die Brücke geht eine Spur – eine frische Schlittenspur. Die Bretter waren weiß vom Reif und – eine Spur. Da ist einer gefahren, siehst du mal an! Von der Sielenschen Seit' nach der Dumalaschen. Das kann nur der Teufel sein. Ich sitz' und denk': der muss Eile gehabt haben, auf dem kürzesten Wege nach Dumala zu kommen. Und richtig, da kommt was von der Dumalaschen Seite, den kleinen Weg hinauf. Kommt still, still, ohne Schellen, ein großes, schwarzes Pferd und ein Schlitten, und drin sitzt der Sielensche Baron, der Bart weht nur so. Neben ihm der kleine Diener, die kleine Kröte, der schläft fest. So kommen sie, gerade auf die Brücke los und rauf und auf das Pferd losgeschlagen und hinüber, wie ein Blitz und fort, den kleinen Weg nach Schloß Sielen. Ist's nu der Baron gewesen oder ist's der Teufel gewesen. Fährt der über die Galgenbrücke!«
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Kontextbild zum Werk. Morgen im Kiefernwald · Ivan Shishkin / Konstantin Savitsky · Public domainBildquelle ↗
»Ganz gut, Herr Pastor«, erzählte Erman weiter. »Das sagt' ich mir auch den anderen Morgen. Na, und die nächste Nacht geh' ich um dieselbe Zeit und sitz' dort und rauch' und warte. ja, und da kommt es wieder den kleinen Weg nach Dumala herauf. Das schwarze Pferd, und der schwarze Herr sitzt im Schlitten, der Bart weht, und der kleine Diener schläft. Ich sah alles hübsch deutlich. Und wieder über die Galgenbrücke herüber. Der Diener wacht nicht auf, und die Bretter knacken, ganz schwindlig wird mir's, nun und da sind sie hinüber und fort. Mit dem ist's nicht richtig, mit dem schwarzen Baron. Über die Galgenbrücke – Gottchen!«
»So über die verfaulten Bretter«, erzählte Erman weiter, »unten gurgelt das Wasser. Ist das ein Gespenst, denk' ich! Du gehst, denk' ich mir, und schaust dir die Spur an. Gespenster haben keine Spur. Und richtig, eine gute Schlittenspur. Sie geht, – geht, den kleinen Weg nach Dumala runter, bis an die hintere Pforte des Gartengitters – und da hinein. Die Pforte war zu, aber nun wußt' ich, wo er war. Was er da zu tun hat, das ist nicht meine Sache. Aber der hat Eile. Über die verfaulten Bretter!«
»Du verdammter, besoffener Kerl«, donnerte Werner plötzlich los. Er war aufgesprungen, packte den erschrockenen Erman an die Brust, schüttelte ihn, als sei er ein Bündel Lumpen. »Was schwatzest du hier? Bin ich dein Narr, dass du mir deine besoffenen Geschichten, deine verdammten Schnapsgeschichten vorerzählst?« Und er schüttelte ihn, hob ihn in die Höhe, am liebsten hätte er ihn gegen die Wand geworfen, dass ihm alle Knochen brachen ... dann plötzlich ließ er ihn los, wandte sich ab. »Geh!« – sagte er.
»Ach Gottchen, Gottchen. Was kann ich dafür! Meinetwegen kann der schwarze Baron sich auf der Galgenbrücke den Hals brechen. Ein armer Mann trinkt Schnaps. Das ist Sünde, sagt der Herr Pastor. Herrschaften haben wieder ihre Sachen. Na, wenn einer Augen hat, sieht er mal was. Da kann ich nichts dafür.«
Werner saß regungslos auf dem Sessel am Schreibtisch die langen Nachmittagsstunden hindurch. Vor ihm lag ein Kontobuch aufgeschlagen. Die Sonne ging unter. Rote Abendlichter zogen über die Wand. Die Blätter des Kontobuches wurden rot. Werners Bart flammte rotgolden auf. Dann verblaßten und erloschen die Lichter. Die Dämmerung fiel wie feiner Aschenregen auf die Gegenstände. Lene ging draußen ab und zu. Es roch nach Kaffee. Lene steckte den Kopf durch die Türe:
Und die ganze Zeit über war es ein einziger Gedanke, der in ihm arbeitete, eintönig und eigensinnig sich wiederholte: »Gewissheit – wie kannst du Gewissheit haben?« Dieser Gedanke schmerzte, als sei die Gewissheit schon da, ein zorniger, dumpfer Schmerz, an dem sein ganzer, großer Körper teil hatte, als sei etwas, das zu ihm gehörte, gewaltsam von ihm losgerissen worden.
Seine Abendbesuche in Dumala hatte Rast in letzter Zeit eingestellt. Karola schien ihn auch nicht zu erwarten, sie horchte nicht hinaus nach dem Schellengeklingel. Das sagte sich Werner jetzt. Also – über die Galgenbrücke – den geraden Weg nach dem Park von Dumala – zu der hinteren Pforte und dann – dann – –
Er sehnte sich jetzt nach Licht, nach Traulichkeit, nach Lenes Geplauder, dann würde es vielleicht nachlassen, dieses angestrengte, ermüdende Denken des einen Gedankens.
»Ja – das geht so weiter«, murmelte Werner. Er war mit seinen Gedanken wieder auf dem Wege von der Galgenbrücke nach dem Park von Dumala – und dort – geschah ihm ein großes Unrecht.
Der Abend verging für Werner traumhaft genug. Lene war heiter und gesprächig, daraus schloss er, dass auch er einen gemütlichen Eindruck machte. Lene freute sich beim Abendessen, dass es ihm schmeckte, also schien es, dass er mit Appetit aß.
Nun wartete er, dass die Stunde kam. Er horchte hinaus, wie es stiller im Hause wurde, wie die Uhren schlugen. Lene kam und ließ sich auf die Stirne küssen.
Draußen blieb er einen Augenblick stehen und bedachte sich. Er war ganz ruhig. Ein sicheres Wollen erfüllte ihn. Er machte seinen Plan, wie der Jäger, der ein Wild einkreist.
Durch die Tannenschonung musste der Schlitten kommen. Dort konnte er auch, durch die kleinen Tannen verborgen, den Weg nach der Galgenbrücke bis zum Parkgitter gehn.
Er trat seinen Weg an, sah zum Sternhimmel auf, bewunderte das Flimmern. Wie geschäftig solch ein Sternlicht ist, keinen Augenblick ruhig. Über den ganzen Himmel dieses eifrige, goldene Sichregen. Die jungen Tannen dufteten erfrischend bitter und strichen mit ihren vom Reif überglasten Nadeln, wie mit kleinen, kalten Krallen, über Werners Wange.
»Raubtiere, die sich im Revier begegnen«, ging es ihm durch den Kopf. Im Gehen hatte er fast vergessen, warum er hier war. Es tat wohl unter dem Sternhimmel, mitten unter den stillen Bäumen und Tieren zu stehen, sich wie einer der Ihren zu fühlen, verantwortungslos und gedankenlos.
Jetzt sah er die Galgenbrücke vor sich – sehr hoch über der finstern Kluft hingen die beschneiten Bretter, ein heller Streif in all dem Schwarz. »Ja – hier hinüber, das ist der allernächste Weg nach Dumala« – dachte Werner.
Und wirklich, über den weißen Strich glitt etwas, ein dunkler Schatten, dann wie ein zierliches, schwarzes Spielzeug – ein Pferd – ein Schlitten. Lautlos huschte er über den Abgrund hin. – Nun war er mitten auf der Brücke – schwebte wie frei in dem Dunkel – jetzt musste – musste er versinken. Werner schien es, als könnte er mit seinem Wunsch, mit seinem Willen das zierliche, schwarze Spielzeug versinken machen. Sein Wunsch zerrte an den morschen Brettern, um sie zu brechen.
Von einer dichten Hecke junger Tannen verborgen, spähte er hinaus, wie das Gefährt an ihm vorübereilte. Er sah deutlich Rast, mit wehendem tintenschwarzem Bart. Er kutschte und hatte eine Zigarre im Munde. Neben ihm Damkewitz, der Groom, dieses seltsame Geschöpf, groß wie ein zehnjähriger Knabe, mit dem verwitterten Kindergesicht, das voller Falten war, wie gedörrt. Rast schnalzte mit der Zunge, um das Pferd anzutreiben, und der große, schwarze Traber griff mächtig aus. – Nun waren sie vorüber. Der Duft der Zigarre mischte sich mit dem herben Geruch der Tannen.
Werner ging den Weg, den der Schlitten gefahren war, hinab, ohne deutlichen Gedanken, mechanisch, ein wenig müde, wie wir es sind, wenn eine starke Spannung plötzlich nachgelassen hat, er ging, um das Programm, das er sich gemacht hatte, zu erfüllen. Da war die Tannenschonung, – der Baumgarten – die Eichenpflanzung und hier das Parkgitter.
Er versuchte es, die Pforte zu öffnen. Sie gab nach. Hinter den Bäumen, wie hinter einem dichten weißen Gitterwerk, lag das Schloß, eine große, schwarze Masse.
Als Werner darauf zuging, hörte er irgendwo den Ton eines aufschlagenden Pferdehufes. Er schaute sich um. ja, dort in dem kleinen Schuppen, der im Sommer dazu diente, allerhand Gartengeräte aufzubewahren, stand der Schlitten mit dem schwarzen Pferde. In dein Schlitten, ganz in Pelzdecken gehüllt, saß Damkewitz und schlief.
Er ging bis zu der großen Fliederhecke, dem alten Flügel und dem Turm gegenüber, stand dort und sah das dunkle Gebäude an. Nirgends ein Lichtschein. Der wahrte sein Geheimnis, dieser »Sündenflügel«, wie Werland sagte. Kein Zeichen von Leben. Aber wie Werner dastand in den weißen Zweigen der Fliederhecke und hinüberstarrte, da war es ihm, als sehe er, was da drin vorging, sehe es mit unerträglicher Deutlichkeit – wie sie sich ganz schlank und weiß – mit flimmernden Augen zurückbiegt in seine Arme, die Lippen fieberrot und halb geöffnet. – –
Werner tauchte seine Hand in die beschneiten Zweige, um sie zu fühlen, er fasste sie und knickte sie, ließ sie knirschen. Er musste fühlen, wie er etwas zerbrach und zerstörte. – Das Dunkel des schweigenden Hauses war unendlich qualvoll. Wo sind sie? Wenn er nur einen Lichtschimmer sehen könnte! »Dort links im Turm. Ein Vorhang ist vorgezogen«, hörte er es neben sich flüstern.
Pichwit stand neben ihm. Im Sternschein schienen Sein Gesicht, die Augen, die Lippen – alles von der gleichen fahlen Blässe. Er zitterte vor Kälte und steckte die Hände tief in die Hosentaschen.
»Links, Herr Pastor«, sagte Pichwit höflich. »Sehen Sie scharf auf das linke Fenster am Turm. Am Rande des Vorhanges werden Sie einen schwachen Lichtstreif bemerken.«
Dann schwiegen beide. Sie standen nebeneinander und schauten zu dem schwachen Lichtstreifen am Turmfenster empor. Der eine hörte den beklommenen Atem des anderen und daneben einen leisen, dumpfen Ton, als ginge jemand sachte durch weichen Schnee. Das war das Pochen des eignen Herzens.
Leises Knarren. Das Licht erschien in der Turmtüre. Frau Wandel, die alte Kammerfrau, hielt es und schützte es mit der Hand. Ihr geduldiges Pensionsvorsteheringesicht unter der schwarzen Spitzenhaube wurde einen Augenblick hell beleuchtet. Hinter ihr standen zwei. Die Schatten zweier Köpfe, sehr nahe beieinander, fielen auf die Wand. Endlich drängte sich Rasts breite Gestalt durch die Türe.
Rast ging nahe an der Fliederhecke vorüber. Er pfiff leise vor sich hin, zündete sich eine Zigarette an. Das Zündholz beleuchtete grell sein Gesicht, den glänzenden Bart, die großen, braunen Samtaugen. Er ging vorüber. Pichwit und Werner lauschten. Das Knarren einer Fehmerstange drang zu ihnen, das Gleiten eines Schlittens, das vorsichtige Zuklappen eines Tores.
»Er ist fort«, flüsterte Pichwit. Da stand Werner nun mit seiner Gewissheit, nach der er sich gesehnt hatte, stand da und fühlte sich ganz ohnmächtig, ganz schwach, ganz elend. Er hätte heulen können wie ein Schuljunge.
»Gehn wir, Herr Pastor«, sagte Pichwit und berührte Werners Arm. Sie gingen durch die Parkwege, wo die Statuen in ihren hölzernen Winterhäuschen schliefen und die Rosen, dicht in Moos verpackt, auf den Beeten lagen.
»Das ist so vielleicht seit acht Tagen. Sie wissen, er kam des Abends nicht mehr. Sie rieb dem Baron wieder das Bein. Er war ruhig geworden. Ich wusste gleich, es geschieht etwas. Ich fühlte das. Sie sang jetzt zuweilen, wenn sie allein war, vor sich hin. Am Tage lag sie gern im großen Stuhl, die Arme hinter dem Nacken und lächelte. Sie wartete am Abend auch nicht mehr auf ihn. Ich suchte und suchte. Da – eines Nachts, ich konnte nicht schlafen – kam ich hier in den Park. Da wusste ich.« Er hielt einen Augenblick inne, dann fragte er: »Was werden Sie tun, Herr Pastor?«
»Doch! Sie werden etwas tun«, sagte Pichwit. »Ich – ich kann nichts. Ich wollte zu ihm gehn und ihn zum Duell fordern. Ich glaube, ich könnte ihn erschießen, ich glaube, das würde mir gegeben werden. Aber – wer bin ich! Er würde mich auslachen. Über Pichwit lacht man ja. Das wäre für ihn nur eine Anekdote mehr. Und dann – ich – ich kann nicht. Sie hat es verboten.«
»Ja – ja« – sagte Pichwit. »Ich sagte ihr gute Nacht. Da reichte sie mir die Hand und sagte – sagte leise, so dass die anderen es nicht hörten: ›Herr Pichwit ist mein treuer Page. Auf den kann ich mich ver lassen.‹ Und da verstehn Sie, Herr Pastor, ich kann nichts tun. Wenn sie wollte, ich soll hier Wache stehn, während er oben ist, damit keiner sie stört, ich müsste es tun. Aber Sie – Herr Pastor, Sie!«
Aber Pichwit wurde eindringlich. »Sie sind groß, Sie sind stark, Sie sind schön. Ach! Ich war so eifersüchtig auf Sie. Ich sah es, wie sie sich freute, wenn Sie kamen, und ich sah, wie Sie sich einander in die Augen sahen – ja, das hab' ich gesehen. Ich war sehr unglücklich darüber. Aber jetzt – jetzt müssen Sie sie retten. Er darf sie nicht haben. Er ist schlecht und gemein, ich weiß das, ich fühl' das. Was werden Sie tun, Herr Pastor?«
»Pichwit«, sagte er streng, »was sprechen Sie da? Sie sind ja krank. Sie sprechen wie im Fieber. Gehn Sie, legen Sie sich zu Bett. Sie müssen ja krank werden, wenn Sie hier im Frost stehn.«
»An das Krankwerden. Wenn ich krank werde, zum Sterben krank, wissen Sie, dann kommt sie zu nur, das wird sie wohl tun. Und dann sag' ich ihr alles. Wenn man stirbt, dann wird man ernst genommen, dann steigt man in der Achtung. Nicht wahr? Ein Sterbender ist nicht lächerlich. Was er sagt, das wird gehört. Es ist schon vorgekommen, dass das Wort eines Sterbenden einen Lebenden gerettet hat ...«
Pichwit richtete sich auf, wischte sich die Tränen aus den Augen, und plötzlich sah Werner ihn lächeln, sah auf dem bleichen Gesichte das hochmütige, überlegene Lächeln.
Der Tag war hell, das Pastorat voll gelben Sonnenscheins. Lene war rosig und gesprächig. Während Werner seinen Morgentee trank, lachte er mit ihr über irgendwelche geringfügige Dinge.
Er ging an seine Amtsgeschäfte. Leute kamen. Er ermahnte und schalt sie, war väterlich und jovial. All das ging gut vonstatten, nur erschien es ihm alles so vorläufig. Eine Aufgabe wartete seiner, das andere war nur ein Hinbringen der Zeit bis dahin. Er dachte nicht weiter darüber nach, er hütete sich davor, sich selber Zeit zu lassen, um sich auf das zu besinnen, was vor ihm lag und lauerte.
Am Nachmittag ließ er den Schecken einspannen, um nach Schloß Sielen zu fahren. Das war's, was er tun musste, und der Pastor Werner tat es, der eine Pflicht erfüllte, nicht der törichte unbegreifliche Mann, der gestern im mächtigen Park von Dumala gestanden hatte, Stunde um Stunde, um zu dem Lichtstreifen oben am Turm emporzusehen, mit einem schmerzhaften Begehren.
Während er durch das grelle Nachmittagslicht dahinfuhr, dachte er nicht darüber nach, was er sagen und was er tun wollte. Da es eine Amtspflicht war, musste das von selbst kommen.
In Sielen wurde Werner vom Groom Damkewitz empfangen. Der Zwerg, sehr auffallend in die Rastschen Farben Gelb und Blau gekleidet, bedeckt mit großen Wappenknöpfen, sah wie ein abenteuerlicher kleiner Affe aus. Während er Werner durch die Zimmer geleitete, sprach er mit einer hohen, gedrückten Stimme, wie alte Frauen sie zuweilen haben.
Werner fand Rast in einem großen Zimmer, das ein mächtiges Kaminfeuer stark überheizte. Überall lagen und hingen Teppiche. Rast hatte sich in einen Burnus aus weißem Tuch gehüllt, lag auf dem Diwan und rauchte.
»Famos«, unterbrach ihn Rast. »Setzen Sie sich, Herr Pastor. Was – das Feuer zu nah? Sehen Sie, ich friere hier immer. Diese alten Familienhäuser sind so gebaut, als sollten die Familien durch Kälte möglichst lange konserviert werden. Aber wenn die Familien sich dem Ende zuneigen, scheint es, als vertrügen sie diese Temperatur nicht mehr recht, sie schlagen dabei um wie guter Bordeaux.«
»Ein Likör gefällig?« fragte Rast und goß aus einer vergoldeten Flasche einen rosenfarbenen Likör in ein Glas. »Nicht? Eine orientalische Erfindung, Rosenlikör aus wirklichen Rosen. Ein wenig süß – ja. Ich trinke ihn an kalten Tagen, denn er schmeckt wie destillierte, heiße Julitage. Aber nehmen Sie doch eine Zigarre.«
»Ja, rauchen müssen Sie der Gerechtigkeit wegen. Bei einer Unterhaltung ist es ungerecht, wenn nur einer raucht, dadurch bekommt der andere einen zu großen Teil der Unterhaltung. Sehen Sie, wenn beide rauchen und dem einen geht die Zigarre aus, dann weiß man gleich, dass er ein zu großes Stück des Gespräches an sich gerissen hat.«
Er lehnte am Kamin. Von dem weißen Burnus hob sich der Kopf sehr dunkel und ein wenig gewaltsam ab – das bräunliche, hübsche Gesicht, die blanken schwarzen Bartflammen zu beiden Seiten des Kinnes mit dem weichlichen Grübchen, die großen, braunen Augen mit dem feuchten, trägen Blick. »Ja – gewaltsam« – dachte Werner, als er ihn mit großer Abneigung betrachtete und mit dem Sprechen zögerte – »solchen gehört, wie den Zuchtstieren, ein Ring durch die Nase und angekettet in einem dunklen Stallwinkel, aus dein sie nur hervorgeholt werden, wenn sie nötig sind.«
»Die Sache ist die«, begann Werner, er hörte, dass seine Stimme sanft und pastoral klang: »Sie wissen, Herr Baron, ich komme durch mein Amt viel mit den Bauern der Gegend in Berührung und höre, was unter diesen Leuten gesprochen wird. Schließlich ist das Pastorat so eine Art Schallfänger für die Gerüchte, die durch das Kirchspiel schwirren. – Da ist mir nun ein Gerücht zu Ohren gekommen, das ich Ihnen, Baron, mitzuteilen für meine Pflicht hielt, weil – weil es dazu angetan ist, eine Dame zu kompromittieren. Wie gesagt, da es Sie betrifft, hielt ich es für meine Pflicht, Ihnen davon Mitteilung zu machen.«
So leicht hier das gesagt war, Werner glaubte aus dem kühlen, ein wenig spöttischen Ton etwas wie eine Herausforderung herauszuhören, und das freute ihn, das machte ihn warm.
»Ich denke, auf die näheren Umstände einzugehen, ist wohl nicht nötig«, versetzte er. »Es handelt sich um – um nächtliche Fahrten, die beobachtet –, die bis zu ihrem Ziel verfolgt worden sind, aus denen Schlüsse gezogen werden, die einer Dame schaden können.«
»Sehen Sie«, meinte Rast, »das mit dem Ehrenmann. Ein jeder setzt bei dem anderen voraus, dass er weiß, was ein Ehrenmann zu tun hat. Gewiss – sonst wär's ja beleidigend. Aber es ist besser, sich da nicht weiter auf Einzelheiten einzulassen. Es entstehen dann doch leicht Meinungsverschiedenheiten. Und Freund, mein Gott, Gefühle komplizieren die Sachen nur. Aber Pastor –, Pastor ist klar. Sie sind als Pastor verpflichtet, sich in die Angelegenheiten anderer Leute zu mischen, das ist Ihre Amtspflicht, peinlich vielleicht, aber sie wird erfüllt. Sehr achtbar!«
»O bitte«, unterbrach ihn Rast sanft, »doch, es handelt sich um Sie. Sie tun Ihre Pflicht. Als Pastor handelt es sich für Sie nicht um einen bestimmten Herren oder eine bestimmte Dame, es handelt sich für Sie abstrakt um einen Ruf – eine Tugend, eine Sünde, nicht wahr? Es ist Ihr Beruf, zu verhindern, dass ein Ruf geschädigt wird, oder dass eine Tugend fällt, oder dass eine Sünde begangen wird. Sie haben keinerlei persönliches Interesse daran, Sie tun Ihre Pflicht, und nur deshalb, Herr Pastor, können Sie's tun, können Sie hier Dinge sagen und tun, die ein anderer nicht sagen und tun kann.«
»Nicht möglich, Herr Pastor. Sie wollen eine Tugend retten, Sie wollen, was man so nennt, Gutes tun. Sie wollen keine Antwort oder Erklärung. In Ihren Predigten fragen Sie auch zuweilen, aber Sie wollen doch keine Antwort darauf. Darauf zu antworten, wäre unpassend. So auch hier. Sie wollen Gutes tun, Sie wollen ermahnen, Sie wollen keine Antwort von mir. Das sagten Sie ja vorhin. Ich verstehe Sie vollkommen.«
»Herr Baron«, sagte er feierlich, »ich sehe, dass etwas Unerhörtes geschieht, und ich soll ruhig zusehen, ich soll nicht das Recht haben, einzugreifen?«
»Aber so setzen Sie sich doch, Herr Pastor. Sie haben unrecht, sich so aufzuregen. Sie hätten doch eine Zigarre nehmen sollen. Bismarck sagt, eine Zigarre mache ein Gespräch ruhig. Aber ich erkenne Ihr Recht, einzugreifen – als Pastor – an. Sie sprachen von Unerhörtem –, es ist vielleicht besser, eine genauere Kritik hier zu vermeiden, – der Objektivität wegen.«
»Ich wiederhole es«, rief Werner heftig. »Ich fordere hier Rechenschaft.« Rast lächelte. »Aber Herr Pastor. Wollen Sie sich mit mir schlagen? Das ginge doch nicht. Würde das nicht aussehen, als hätten Sie ein Interesse oder ein Recht in dieser Sache? Nein, ich werde nie vergessen, wen ich vor mir habe.«
»O bitte, darauf kein Gewicht zu legen. Mein Haus steht zu Ihrer Verfügung. Ich bedauere, Herr Pastor, Sie ein wenig erregt und nicht ganz zufrieden zu sehen. Ich fürchte, ich bin Ihnen nicht sympathisch, das bedauere ich ...«
»Selbstverständlich!« gab Rast zu und lächelte auch. »Ich meine nur, warum sind Sie mit mir nicht zufrieden? Sie kommen zu mir, um mir eine Mitteilung zu machen, um mir eine Mahnung zugehen zu lassen. Gut! Ich nehme die Mitteilung dankbar entgegen. Die Mahnung – ich will sie –, wie sagt doch die Bibel, ich will sie ›in meinem Herzen bewegen‹. Mehr können Sie, Herr Pastor, nicht von mir verlangen. Der Fall selbst ist nicht geeignet, besprochen zu werden. Das ist natürlich auch Ihre Ansicht. Aber Ihre Mission – Herr Pastor – Ihre Mission kann als durchaus gelungen bezeichnet werden.«
»Sie wollen schon gehen?« rief Rast, als überraschte ihn das. »Das tut mir leid. Es plaudert sich angenehm an solchen kalten Tagen. Aber ich darf Sie wohl nicht aufhalten.«
Die beiden Männer reichten sich die Hände, und Werner wurde sich dabei des Umstandes bewusst, dass er fast einen Kopf größer als Rast war, dass, wenn er jetzt den Arm hob und seine Faust auf den vor ihm stehenden Rast niederfallen lassen würde, dieser vor ihm auf dem Teppich läge.
Auf dem Heimwege wurde Werner den Gedanken nicht los, wie hässlich und widernatürlich doch diese sogenannte Kultur war. Zwei haßten sich. War es da nicht schöner, sich zu fassen, um den Leib, das fiebernde Fleisch aneinanderzudrücken, sich den glühenden Atem in das Gesicht zu blasen und zu suchen, einander weh zu tun ..., zu verwunden, wie die Bauernburschen es unten im Kruge tun? Statt dessen reicht man sich die Hand, lächelt: »Besten Dank! Auf Wiedersehen.« – Pfui!
Die Adventszeit war da. Lene saß abends am Klavier und sang Choräle. Werner hielt Nachmittagsandachten, während die untergehende Sonne durch die Kirchenfenster schien und die Gesichter der Leute rot malte: Oder er besuchte die Schulen. Gröv, hektisch-rote Flecke auf den mageren Wangen, die Augen entzündet, stand an dem Pult und sprach mit hoher, erregter Stimme auf die Kinderschar ein. Die Wintersonne schien hell über die blonden Kinderköpfe. Die Kinderstimmen, die sich draußen heiser geschrien hatten, sagten eintönig und taktmäßig Sprüche her, in denen von großen Wundern und großen Geheimnissen die Rede war –, die Augen klar und voll verständnisloser Andacht. Werner hatte diese Zeit stets geliebt, in der die großen Mysterien eine familienhafte Traulichkeit annahmen, in der Frauen, Mädchen und Kinder sich in den ewigen Dingen gemütlich zu Hause fühlten, wie in ihren Stuben. Überall war etwas Wunderluft. Auch jetzt ging Pastor Werner seinen Amtsgeschäften ruhig nach. Er konnte andächtig und heiter sein.
Wenn Werner abends bei der Lampe Lene gegenübersaß und zuhörte, wie Lene über friedliche, kleine Dinge plauderte, dann geschah es wohl, dass sie plötzlich ausrief
Werner erhob sich, zog seinen Pelz an, nahm seinen Stock und ging hinaus, pünktlich, wie zu einem gewohnten Geschäft. Und während er leise durch das Haus zur Haustür schlich, musste er an das Wort des Johannisevangeliums denken, das von Judas sagt:
Die nächtliche Welt um diese Stunde war ihm jetzt vertraut. Zuweilen war der Himmel klar und voller Sterne, oder der Nordwind fuhr in die Bäume, rauschte wild, als riefe er in die alten Föhren eine aufregende Nachricht hinein. Oder dichter Nebel verhängte das Land, tropfte und flüsterte in den Zweigen. Werner kannte jede dunkle Baumgestalt, an der er vorüber musste. Er kannte die leisen Schritte des Wildes im Dickicht. Er gehörte zu ihnen allen, die ihn umstanden, sie waren seine Mitwisser.
Durch die Tannenschonung ging er in den Wald hinein, bis er den schmalen weißen Strich über dem Abgrunde sah. Dort setzte er sich auf einen Baumstumpf im Gebüsch und wartete.
Wenn es in seiner Nähe raschelte, dann wusste er, es war der Fuchs, der auf die Jagd ging. Die regungslose Gestalt auf dem Baumstumpf schreckte den Fuchs nicht. Er war an sie gewöhnt. Er mochte gemerkt haben, dass dieses Raubtier, das so still auf der Lauer lag, ihm nicht ins Gehege kam.
Werner wartete geduldig, bis sie herankamen: der Schlitten – das schwarze Pferd – eilig, lautlos. Sie glitten über den weißen Strich – schwebten über dem Abgrunde – und waren hinüber und verschwunden. Werner steckte sich eine Zigarette an, rauchte und wartete, bis der Schlitten wiederkam, einen Augenblick über dem Abgrund schwebte und verschwand.
Um das zu sehen, dieses Schweben über dem Abgrund, kam er Nacht für Nacht. Das war ein Augenblick furchtbarer Spannung. jetzt – jetzt musste die zierliche, schwarze Vision auf dem weißen Strich im Abgrund verschwinden!
Die Bibel war so voller Wunder. Was wirkten die Leute da nicht alles mit ihrem Willen! Sie machten Tote auferstehen und Lebende tot zur Erde fallen. Konnte er denn nicht mit der Gewalt seines Willens eines dieser morschen Bretter zum Brechen bringen? Nur ein Brett und – – –
Oft, wenn der Schlitten an ihm vorüber war, stand Werner von seinem Baumstumpf auf, ging auf die Brücke hinauf, vorsichtig und aufmerksam. Er betrachtete sorgsam jedes Brett, prüfte es mit der Hand. Dieses war ganz morsch, dieses lag nur lose auf – hier war ein Spalt. Es musste einmal geschehen. Wenn einer eines dieser Bretter zufällig mit dem Fuß oder mit der Hand verschob – – ein leichter Schwindel fasste ihn. Er musste für einen Moment die Augen schließen. Dann ging er wieder an seinen Platz zurück.
»Wenn einer zufällig mit dem Fuß oder mit der Hand eines dieser Bretter verschiebt« – klang es in ihm wider, eintönig, eigensinnig, wie ein sinnloser Refrain. Und um ihn flüsterten die kleinen Tannen » – ver – schiebt – ver – schiebt«, und oben fielen die alten Föhren laut und majestätisch ein »versch – – iebt – ver – schiebt« – Der ganze Wald dachte nur daran.
Werner war in der kleinen Schule dort hinter dem Walde gewesen, jetzt ging er langsam heim. Es war um die Mittagszeit. In der Nacht hatte es geschneit. Nun ließ die Sonne den Schnee von den Zweigen tropfen. Der Wald war voller Flügelrauschen und Vogelrufe. Die Meisen tollten wie kleine, graue Bälle an den Zweigen entlang. In einem verschneiten Haselnußstrauch saß eine Gesellschaft Dompfaffen wie große, rote Früchte.
»So viel Licht, dass man nichts mehr unterscheidet«, hatte Karola gesagt. So dachte sie sich das Jenseits. Das war es. So musste die Religion für die Armen und Gedrückten sein, – Licht, nicht das zeigt und aufdeckt, nein, Licht, das verhüllt, das wie ein leuchtender Schleier sich über das graue Leben breitet.
Die Lichtung war weiß verschneit, ringsum weiße Wälle und darüber der Sonnenschein, ein gelber Lichtnebel über den Wipfeln. Mitten auf dem Platz hielt der Schlitten mit dem schwarzen Pferde. Rast stand in dem Schlitten, hoch aufgerichtet, sein Bart flimmerte vor Tropfen, und vor ihm stand Karola. Sie bog den Kopf zurück, sah zu ihm auf, lachte über das ganze Gesicht. Sie streckte die Arme aus.
Er beugte sich zu ihr nieder, fasste sie und hob sie hoch in die Höhe, in den Sonnenschein hinauf Karola stieß einen leisen Schrei aus und bewegte die Arme wie Flügel.
Werner sah Karola in dem gelben Lichtnebel schweben, sah ihr Gesicht ernst werden, die Lippen sich öffnen, die Augen sich schließen – wie überwältigt von einem starken Gefühl.
Rast ließ die Arme langsam sinken, legte die schwebende Gestalt auf seine breite Brust – beugte sich auf sie nieder und küsste das Gesicht mit den geschlossenen Augen.
Warum – sagte sich Werner, warum musste dieses Weib so furchtbar tief in sein Fleisch hineingeschrieben sein? Was war sie ihm? Was durfte sie ihm sein? Und doch jede Faser, jeder Nerv seines Körpers fieberte. Betrogen und bestohlen fühlte sich dieser Körper. Da stand er, versteckt hinter den Büschen und hungerte nach diesem Weibe, hungerte, wie er noch nie nach etwas gehungert hatte. Und dieser große, brutale Mann durfte im Sonnenschein stehen und sie nehmen wie sein Eigentum, wie seine Sache. Wozu war solch ein flacher Lebensvergeuder da? Um mit seinen unreinen Händen zu nehmen, zu stehlen, was anderen heilig, was für andere der tiefste Kampf der Seele war? Ein schädliches, unnützes Raubtier, dein man Fallen stellen sollte wie dem Fuchs, das ist dieser Rast.
Zu Hause war Werner heiter, er scherzte mit Lene, mit Tija, er war fast ausgelassen oder versuchte es zu sein. Ihm war, als müsste er unter dieser Heiterkeit etwas verbergen – vor Lene, vor Tija –, vor sich selber. Er wusste selbst nicht, was es war.
Mit dem Baron in Dumala war es so – so. Er machte dem Doktor Sorge. Das Herz matt und die Schmerzen. »Sie sollen doch herüberkommen, Pastor, lässt er Ihnen sagen. Er schimpft schon. Ein Doktor und ein Pastor würden dafür bezahlt, dass sie die Kranken besuchen – sagt er, ›von einem Bankdirektor verlang' ich das nicht. Was denkt sich der Werner eigentlich!‹ Ja, die Laune ist nicht die beste. Und die arme Frau. Die sitzt bei ihm, erträgt jede Laune. Eine Heilige.«
»Und denken Sie sich!« Der Doktor wurde ganz rot vor Aufregung. »Die Alte in Debschen sagt mir – es ist unglaublich – sie habe von Gerüchten – von Gerede gehört – die Trine – sagt – oder der Schweinejunge – was weiß ich – von dieser Frau und dem Rast – von Zusammenkünften hat sie gehört. Getratsch – Gestänker! Ich hab's der Alten gesagt: wer diese Frau angreift, der hat es mit mir zu tun. Mit uns beiden – nicht, Pastor? Na – ich werd es der Alten in Debschen schon anstreichen.« Der Doktor lachte drohend, den Mund weit offen.
Das befriedigte den Doktor. »Na – also! jetzt geh' ich heim. Um neun Uhr leg' ich mich in die Klappe. Meine Frau liest mir die Zeitung vor, dabei schläft's sich gut ein. Ein Sybarit – was? Aber zwei Nächte hab' ich hintereinander Kinder zur Welt bringen helfen. Die Rangen kommen jetzt immer bei Nacht zur Welt. Auch eine Unsitte – Unsolidität.« Er lachte sehr laut über seine Bemerkung.
Werner schaute ihn nachdenklich an. Der war glücklich! Der war mit sich zufrieden, tat seine Arbeit und genoss sein Bett. Nichts Dunkles quälte ihn, keine schwere – unbegreifliche Aufgabe.
In der Nacht machte Werner sich pünktlich zu seinem Posten auf den Weg. Er überlegte sich das nicht mehr. Wozu? Er wusste es ja doch, zu der bestimmten Stunde würde er unten im Walde sein.
Die Nacht war windstill. Es schneite. Dieses weiße Niederrinnen legte eine bleiche Helligkeit in die Nacht. Alle nächtlichen Kameraden Werners im Walde schwiegen heute. Sie standen regungslos da und ließen sich von den weißen Flocken zudecken.
Auch Werner saß regungslos auf seinem Baumstumpf und ließ sich zudecken. Die stetige Bewegung des niederfallenden Schnees machte ihn schläfrig, wiegte ihn in einen wachen Traum. Ganz ferne Bilder aus der Kindheit kamen: das Stübchen der Witwe Werner. Der kleine Erwin lag im Bett. Die Lampe stand am Fenster. In ihrem Lichte konnte das Kind sehen, wie draußen große Schneeflocken an der Fensterscheibe vorüberzogen. Die Mutter erzählte mit klagender Stimme der Nachbarin von den schweren Zeiten. Es war immer von Mark und Pfennigen die Rede. Das Kind hörte dein wie einem Wiegenliede zu. Mark und Pfennige schienen ihm etwas Trauriges zu sein, von dem sich endlose Geschichten erzählen ließen. Und die Schneeflocken kamen aus dem Dunkel und gingen in das Dunkel, einen Augenblick im Strahl der Lampe durch die Scheibe in das Zimmer sehend. Der kleine Erwin versuchte es, die endlose Geschichte von den Mark und Pfennigen zu verstehen, versuchte es, die Flocken zu zählen, die am Fenster vorüberzogen, bis ihm die Augen zufielen.
Ein leises Geräusch ließ ihn aufschauen. Rasts Schlitten war schon mitten auf der Brücke. Rast sagte etwas, und der Zwerg antwortete mit seiner gedrückten Altweiberstimme, schläfrig, als fahre er auf sicherer Landstraße hin. Nun waren sie – hinüber – wirklich hinüber und fort.
Werner schaute auf die Brücke – erstaunt. Es war ihm gewesen, als müsste es heute sein. Er hatte das so fest erwartet, dass es ihn ruhig gemacht hatte – heute würde er es sehen, dass der Schlitten mitten auf der Brücke verschwand – und nun – – –
Der feuchte Schnee machte die Bretter schlüpfrig. Er hatte sich in acht zu nehmen. jetzt stand er über dem Abgrund. Das Wasser unten war heute stumm. Eine leichte Eiskruste mochte darüber liegen. Werner bückte sich und befühlte die Bretter. Dieses lag ganz lose auf und war morsch. Werner rüttelte daran. Es saß doch fester, als er gedacht. Er spannte seine Kraft in. ja – nun gab es nach, ließ sich schieben, schwenken und fiel. Unten krachte die dünne Eisdecke, das Wasser gurgelte.
Vor ihm gähnte ein großes, schwarzes Loch. Er stand am Rande und schaute hinein. Eine schwere Mattigkeit machte ihm die Glieder weich, nahm ihm alle Kraft. Am liebsten hätte er sich auch in das schwarze Loch hinabgleiten lassen. Ein Aufschlagen des Wassers, ein Gurgeln und die tiefe Stille hätte sich auch über ihn gelegt, kühl und wohltuend.
Vorsichtig trat er den Rückweg an und setzte sich wieder auf den Baumstumpf. Er zündete sich eine Zigarette an, sah beim Schein des Zündholzes nach der Uhr. Es ging ihm durch den Kopf, dass der niederfallende Schnee jede Spur verwischte. Er dachte an seinen Gang heute morgen. Wie fern, wie fremd schien ihm der Werner, der in der Schulstube väterlich die Hand auf die blonden Kinderköpfe gelegt und mit den Kindern »Vom Himmel hoch« gesungen hatte. Ja, so ein friedlicher Pastor hat es gut!
Unendlich langsam verrannen die Stunden heute, und die gespannte Wachsamkeit des Ohres war ermüdend. jeder Ton, das Herabgleiten des Schnees von den Zweigen, der Fall eines Tannenzapfens, das Knacken der Eiskruste unten auf dem Wasser, alles hallte so erschreckend in ihm wider.
Werner erhob sich. Alles in ihm war furchtbar angestrengte Aufmerksamkeit. Er versuchte es, durch die niederfallenden Flocken zu sehen, versuchte es, mit dem Ohr die Entfernung zu messen, die der herannahende Schlitten durchmaß. – Jetzt war er an der alten Tanne. – Jetzt sah er den Kopf des Pferdes, er musste dicht vor der Brücke sein – – Werner trat vor.
Er ging auf die Brücke hinauf, stand an dem Loch. Werner schaute ihm nach. Er hätte fortgehen können. Er hatte ja hier nichts mehr zu tun. Aber er blieb, stand da, träge und gedankenlos. Rast kam zurück.
»Aber kommen Sie, Pastor«, sagte Rast besorgt, »setzen Sie sich in den Schlitten. Sie müssen gefroren haben. Nein, nein, keine Einwendungen. Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet. Sie sind, was man so nennt, mein Lebensretter.«
Werner ließ es geschehen. Willenlosigkeit lag lähmend auf ihm, wie wir sie in einem schweren Traum empfinden, wenn wir die düsteren Traumereignisse widerstandslos über uns ergehen lassen müssen.
»Verfault war das Ding genug, ich hätte längst erwartet, dass es einstürzt. Jedesmal, wenn ich da hinüberfuhr, gab es eine angenehme kleine Spannung. Ich bin Spieler und bin gewohnt, Glück zu haben. Da hier keine Bank ist, sollte die Brücke sie ersetzen. Sie wissen, wenn man gewohnt ist, Glück zu haben, vergrößert man gern den Einsatz. – Immerhin, merkwürdig, dass sie so in der Mitte brechen konnte. Als ob jemand die Bretter aufgerissen hätte. Merkwürdig.«
So plauderte er fort. Er fragte nicht, wie Werner denn in den Wald kam, wie er von dem Loch in der Brücke wusste. Er sprach vom Wetter. Dieser verdammte feuchte Schnee, der kroch einem in die Kleider hinein. Man fror bis auf die Knochen.
»Steigen sie aus, Herr Pastor«, sagte Rast. »Wir müssen uns ein wenig erwärmen, sonst haben wir beide die Erkältung weg. Auf die Lebensrettung müssen wir eins trinken. He – Jost – Karl.«
Werner folgte Rast in den Krug mit der traumhaften Willenlosigkeit, die er nicht abschütteln konnte. Alle Aufregung in ihm hatte sich gelegt, nur etwas wie Neugierde lebte in ihm, Neugierde, wie dieser entsetzliche Traum weitergehen würde.
»Und nun Ihren Sündersekt«, befahlt Rast: »Ein armer Jude hat nämlich Sekt hier bei dem Jost einmal versteckt, um ihn bei Gelegenheit über die Grenze zu schaffen. Na, den Juden haben die Grenzreiter wohl geholt, und unser Jost verkauft den Sekt an zuverlässige Kunden. So geht es im Leben. Aber Pastor, Sie haben gefroren, Sie sind ja ganz weiß im Gesicht. Setzen Sie sich nah an das Feuer. So! Nun wird's noch ganz gemütlich werden.«
»Ja, das wird besser sein, als unten im schwarzen Loch liegen«, meinte er: »Ein eigentümliches Gefühl ist es doch, so nah an dem schwarzen Loch gestanden zu haben. Nur wenige Schritt und dann die große, kalte Angelegenheit. Brr! Statt dessen sitzt man hier in angenehmer Gesellschaft, wärmt sich und trinkt Josts Sündersekt.«
»Prosit«, sagte Werner und trank sein Glas schnell aus. »Er ist gut, der Wein«, bemerkte er und hielt das leere Glas Rast hin. »Ja, der tut gut«, meinte Rast. »So ist's recht«, fügte er hinzu, als er sah, dass Werner auch dieses Glas auf einen Zug leerte. Seine schönen Samtaugen ruhten freundlich und wohlgefällig auf Werner.
»Also!« Rast schien wesentlich erleichtert zu sein, als er Werner lächeln sah: »Wissen Sie, Pastor, Sie sind ein famoser Mensch. Das hab' ich gleich gewusst, als ich Sie sah. Ich sagte noch zu – zu einer Dame: ›Der Pastor Werner muss Glück bei Frauen haben, wenn ich ein Weib wäre ... ‹«
»Natürlich«, fiel Rast ein, »die Frau Gemahlin. Habe das Vergnügen gehabt. Scharmante Dame. Nein, wirklich, Pastor, Sie waren sozusagen meine unglückliche Liebe, denn ich bin Ihnen leider nicht sympathisch, das sagten Sie vorigen Abend. Nichts zu machen! Aber es freut mich doch, dass gerade Sie mein Lebensretter sind. Prosit – Lebensretter.«
»Warum«, fragte Rast, »für Sie bedeutet das vielleicht wenig, aber für mich ist das wichtig. Wo wäre ich jetzt ohne Sie! Gar nicht auszudenken! Wenn ich daran denke, kommt so 'n Schwindel über mich. Prosit! Sie – Jost – eine Flasche.«
Sie hatten schnell getrunken. Werner fühlte es, wie der Wein ihm zu Kopf stieg, wie die Gegenstände und Ereignisse ihre Sachlichkeit und Wirklichkeit verloren. Er und Rast und das Zimmer mit den roten Vorhängen an dem kleinen Fenster, das große Ofenfeuer, Marri, die halb nackt in ihrer lasterhaften Üppigkeit ab und zu ging, all das war wie eine Erscheinung, die gleich verschwinden würde.
»Seltsam ist es immerhin«, hörte er Rast nachdenklich sagen, »gerade in der Mitte. Ich bin doch vor wenig Stunden hinübergefahren. Ob es so von selbst ...?«
»Ach nein!« meinte Werner. »So – nicht.« Rast dachte nach, dann rückte er näher an Werner heran mit einer vertraulichen Mitteilung. »Hören Sie, Pastor – Lebensretter –, ich kann Ihnen sagen, oft, wenn ich da hinüberfuhr, ist mir der Gedanke gekommen, das wär' so 'ne Gelegenheit für einen, dem ich unbequem wäre. Ein paar Bretter heraus, die anderen so auf der Kippe, die reine Mausefalle. Ich bin unten. Kein Mensch wundert sich darüber. Jeder hat es erwartet, dass ich einmal den Hals breche. Ja, das wäre eine Gelegenheit – was?«
»Und wer konnte das sein?« fragte Werner und sah Rast aufmerksam an. – »Wie er heranschleicht«, dachte Werner. Es unterhielt ihn zu sehen, wie der Mann vorsichtig ihn einkreiste.
»Ich meine nur so«, fuhr Rast fort. »Die Aufgabe muss nicht leicht gewesen sein. Denken Sie sich, auf den verdammt schlüpfrigen Brettern zu stehen und zu arbeiten. Das muss nicht leicht gewesen sein.«
»Immerhin«, sagte Rast, »ein hübsches Stück Arbeit. Alle Achtung. Ob der da wo im Gebüsch gestanden hat und gewartet, dass ich in die Falle gehe? Was denken Sie? An seiner Stelle hätte ich gewartet – bis – bis es unten aufklatscht. Das hätte mich gefreut – wenn ich das gewollt hätte. Ob er da war? Sie haben nichts bemerkt?«
»Prosit, Pastor, prosit, Lebensretter! Natürlich wußt' ich's. Auf Ihr Wohl! Hier in der Gegend sind Sie der einzige, der so was kann. Teufel noch einmal, so was! Eine Falle wie für einen Wolf. Herr, Sie müssen ordentlich hassen können. Aber gekonnt, bis zu Ende gekonnt haben Sie's auch nicht.«
»Schade, theoretisch schade. Nicht in Ihre Hand gegeben, das ist Altes Testament, nicht wahr? Wirklich, die Sache hat was Alttestamentarisches. – Einen Jüngling für meine Wunde, und eine Jungfrau für meine Schwären – so ungefähr sagt auch einer der alten Helden. Nicht? Aber verzeihen Sie noch eine Frage, tut es Ihnen jetzt leid, dass Sie es nicht bis zu Ende gekonnt? Sie möchten lieber, dass ich dort in dein Loch liege, als dass ich hier sitze und Sekt trinke? Nicht?«
Werner erhob sich von seinem Stuhl und begann im Zimmer auf und ab zu gehen, die Hände auf dem Rücken, wie er es gewohnt war. Die seltsame Traumschlaffheit wollte er von sich abschütteln. Dann blieb er vor Rast stehen und sagte ruhig und laut:
»Baron. Mit dem, was ich Ihnen gesagt habe, können Sie tun, was Ihnen beliebt. Vielleicht gibt es Ihnen irgendein Recht auf mich. Aber ich bestreite Ihnen das Recht, mich auszufragen, sich da einzumischen, was ich und meine Tat miteinander auszumachen haben – –«
»Aber lieber Pastor«, unterbrach ihn Rast, »ich hoffe, ich habe Sie nicht verletzt. Sie haben recht, es war taktlos von mir, diese Frage zu stellen. Sie können ruhig sein, das wird nicht mehr vorkommen, keine Frage. Für eine Unterhaltung in Fragen sind wir beide zu gut erzogen. Und dann, Sie sprechen von einer Tat. Hier gibt es keine Tat, kaum das Gespenst einer Tat. Und Rechte, welche Rechte soll ich haben? Ich bin für Ihre Mitteilung dankbar, sie hat mich sehr interessiert. Wenn ich Ihnen einen Gegendienst leisten kann, wird es mich freuen.«
»Sie sind witzig, Baron«, sagte er, »und Sie fühlen sich mir jetzt sehr überlegen. Aber sehen Sie, was auch geschehen ist, mir steht meine Tat, trotz allein, doch höher als Ihre Taten. Überlegen sind Sie mir nicht.«
»Lassen wir das. Schade. Man hätte herzlicher auseinandergehen können. Also, leben Sie wohl, Herr Pastor, besten Dank für die Lebensrettung und den interessanten Abend. Wie gesagt, schade, dass der Pastor dazwischen kommt, wenn es anfängt, gemütlich zu werden« –
»Nein«, sagte Werner. »Erzähl' du was, Kind, etwas, das ich kenne, wie ihr als Kinder zum Großvater kamt und in dem alten Garten unter den Johannisbeerbüschen lagt und die sonnenwarmen Trauben aßt.«
Lene erzählte gehorsam. Werner hörte dem Tonfall der angenehmen, hellen Stimme zu. Seine Gedanken gingen ihren Weg, einen gewohnten Weg. Er lebte die stillen Abende in Dumala durch. Er sah das Aufleuchten von Karolas Augen, das Zucken des Mundes. Er hörte die Worte, die sie gesprochen, den Ton der Stimme. Es war ein ruhevolles Gedenken, wie wir einer gedenken, die wir verloren. Alles andere schien ausgelöscht. Die Nacht im Walde, sie stand in keiner Verbindung mit seinem Leben. Sie gehörte zu ihm, sagte er sich, und doch vermochte er sie sich nicht zu eigen zu machen. Das Leben ging weiter, als wüsste es nichts von dieser Tat. Was ist eine Tat, die nicht gegen uns aufsteht und uns an sich erinnert?
Nur nachts zuweilen, im Traum, stand er auf der schmalen Brücke, und etwas fiel in das Wasser, und das Wasser spritzte auf, schwarz wie Tinte, und vor ihm gähnte das dunkle Loch. Dann erwachte er todmüde, wie gehetzt von dem Traum.
Beide hörten geduldig den Dienstbotengeschichten der Baronin zu. Als sie aufbrachen, ließ Rast seinen Schlitten ein wenig vorausfahren. Die Sonne ging so hübsch unter, er wollte einige Schritte gehen.
»Gott sei Dank! Es friert, gut für die Jagd. – Schade, dass Sie nicht mehr jagen, Pastor. Die Jagd ist doch das einzige, wirkliche Vergnügen dieser Einöde. Es ist vielleicht kindlich, primitiv. Wir verstecken uns und freuen uns, dass wir klüger sind als ein Fuchs oder ein Reh. Nicht gerade ehrgeizig das! Aber Hinterhalte legen, das liegt uns allen im Blut, und da die Gelegenheit sonst immer seltener wird – – Unsere Urväter waren ja doch alle gewiegte Fallensteller, nicht wahr?«
Zu Hause fand Werner einen Brief vom Baron Werland vor. Werland machte ihm Vorwürfe wegen seines langen Ausbleibens. »Ein Beichtvater«, hieß es in dem Brief, »hat nicht das Recht, selbst das Beichtkind im Stich zu lassen, das ihm die langweiligsten Geschichten beichtet. Also kommen Sie.«
Werner wunderte sich, als hätte er es anders erwartet, Dumala ganz so zu finden, wie er es immer gesehen hatte – die tiefe Dämmerung in dem Zimmer, das diskrete, faltige Gesicht des alten Jakob, das Kammzimmer mit der grünen Lampe.
»Nun, Seelsorger«, rief er, »Sie entkommen mir nicht! Setzen Sie sich, setzen Sie sich. Nur keine Entschuldigung. Machen Sie, als ob Sie gestern hier gewesen wären.«
Karola saß auf ihrem Stühlchen und rieb das Bein ihres Gatten. Sie nickte Werner zu, als hätte sie ihn wirklich eben erst gesehen, und es begann eine ziemlich träge Unterhaltung, wie unter Leuten, die sich zu häufig sehen und sich wenig Neues mitzuteilen haben. Werland schloss zuweilen die Augen, verfiel in leichten Schlaf, ans dem er dann auffuhr, um etwas zu sagen.
»Unser altes Thema«, unterbrach ihn Werland. »Aber ich denke nicht mehr darüber nach. Man wird sehen.« Er schloss wieder die Augen. Karola war schweigsam, rieb Werlands Bein und schaute in das Feuer.
Werner betrachtete dieses Gesicht. Er suchte darin nach etwas Neuem, etwas Fremdem, etwas, das verriet. Allein die Züge hatten wie immer ihre klare Reinheit, die Augen ihr verträumtes, geheimnisvolles Licht. Nichts war verändert, nichts war von der Karola da, die sich dort in der Waldlichtung in den Sonnenschein emporheben ließ. Das beunruhigte Werner, er wollte etwas finden, was diese Frau ihm fremd und verächtlich machte, und nun schaute er in das Gesicht, das ihn mit törichten, knabenhaft weichen Gefühlen erfüllte.
»Die Leute hier«, fuhr Werland fort, »sind wie die kleinen Leute, die selten ins Theater kommen. Wenn sie mal ihren Platz bezahlt haben, dann bleiben sie bis zu Ende, wenn auch ein Stümper das Stück geschrieben hat und sie nur gähnen und sich ärgern müssen. Wir alle machen es wohl so.«
»Da haben Sie wieder recht, Pastor«, gab Werland zu. »Das sieht man an unserer guten Gesellschaft. Was wir an Langeweile ertragen können, ist ungeheuer, und nur durch jahrhundertlange Erziehung zur Langeweile möglich. Ist es nicht so, Kind?« wandte er sich an Karola und strich ihr mit der Hand über den Scheitel.
Als Karola sich erhob und in das Nebenzimmer ging, um Jakob eine Bestellung zu machen, folgte Werner ihr mit den Blicken, und da – da fand er es, das Fremde, das Neue. Aufrecht und gleichmäßig, mit ganz wenig Bewegungen, pflegte sie sonst zu gehen. Heute wiegte sie leicht den Oberkörper, ließ die Arme lose herabhängen in einer welchen, müden Bewegung, die sorglos, fast leichtsinnig aussah. Das war es! Das erinnerte an den Körper, der sich auf der Waldlichtung an Rasts Brust schmiegte. Werner wandte den Kopf ab. Es war ihm unerträglich, das zu sehen. Da fiel sein Blick auf Pichwit. Mit den hellbraunen, feuchten Augen war auch er Karola gefolgt. Sein bitterer, zu kleiner Mund drückte die Lippen so fest zusammen, dass sie weiß wurden. Auch ihn schmerzte das.
Werner antwortete nicht darauf. Diese Worte klangen ihm hart, und er sah unerträglich deutlich Rasts Gesicht vor sich, wie er in einem höflichen Lächeln seine weißen Zähne zeigte. »Für den will sie leben«, dachte er. All das machte ihn elend.
Immer das alte Lied! So lange wird den Jungen nachgelaufen, bis das Unglück da ist, und dann kommen die Tränen und der Jammer. Was, der Simon war der Vater? Und vom Heiraten spricht er nicht? Na, mit dem würde man schon sprechen! Aber die Mädchen hatten wirklich keine Aufführung. Es geschah ihnen schon recht, wenn sie ins Unglück kamen, solch eine liederliche Gesellschaft!
Kathe schluchzte: »Ach, Herr Pastor, das kommt mal so. Man hält sich, solange man kann. Es war beim Grummetmähen. Er mähte und ich harkte. Und der Abend war so warm.«
»Na ja, ich spreche schon mit dem Simon«, schloss Werner die Unterhaltung. »Das Weinen und jammern hilft nichts. Geh jetzt. Die Sache kommt schon in Ordnung.«
Werner sann. Ja! Das Leben setzt unverhältnismäßig hohe Preise auf einen kleinen, guten Augenblick. Ein warmer Abend, man umfasst sich, man wirft sich auf das frischgemähte Grummet, und dann Tränen und trübe, hässliche Sachen.
Pichwit stand noch immer regungslos da, die Lippen blau vor Kälte. Die Augen sahen seltsam abwesend und wie erstaunt aufgerissen vor sich hin. »Ja, Herr Pastor«, sagte er leise.
Er schaute hilflos und ratlos zu Werner auf. Dieser wandte sich ab, ging an das Fenster und schaute auf den Hof hinaus. Ihn fror, er wunderte sich, er hatte es nicht gewusst, dass wir innerlich so frieren können. Da hörte er hinter sich einen Ton, ein Schluchzen. Er wandte sich um. Pichwit hatte beide Arme auf den Tisch und den Kopf auf die Arme gestützt und gab sich rückhaltlos einem leidenschaftlichen, kinderhaften Weinen hin. Werner ging zu ihm und strich mit der Hand sanft über Pichwits Haar. Er sagte nichts, er störte ihn nicht. Der hatte es gut! Wer auch so die Arme auf den Tisch und den Kopf auf die Arme werfen könnte und sinnlos darauflosweinen! Er setzte sich und schaute dem weinenden Pichwit zu. Dieser hob endlich seinen Kopf. Das tränenüberströmte Gesicht lächelte aus Gewohnheit sein hochmütiges Lächeln.
»Ins Ausland sind sie, hat Damkewitz dem Jakob gesagt. Bei Nacht muss er sie abgeholt haben«, berichtete er. »Um neun Uhr kam ein Brief von der Station. Ich weiß nicht, was darin stand.«
»Ja – ich. Es war an einem der letzten Abende. Er schlief, sie rieb ihm das Bein. Da sagte sie zu mir – so – leise, wissen Sie: ›Pichwit, wenn ich einmal nicht hier sitze, dann müssen Sie meinen Platz einnehmen.‹ Sehen Sie, Herr Pastor, da wusste ich alles, alles; was konnte ich tun? Ganz leise hatte sie das zu mir gesagt, als ob sie mir ein Geheimnis anvertrauen wollte. Ich war seit einigen Nächten auch nicht mehr draußen im Park. Wozu? Ich glaube auch, es wäre ihr nicht recht, dass man unten steht und zu dem Turm hinaufsieht. Aber Sie, Herr Pastor, ich glaubte fest, Sie würden etwas tun.«
»Ja, vielleicht ist das so«, gab Pichwit zu. »Aber ich hab' so fest auf Sie gehofft. Jetzt ist es aus. Ich bleibe natürlich in Dumala, sie hat mir ja einen Auftrag gegeben. ›Auf Sie, lieber Herr Pichwit, kann ich mich verlassen‹, sagte sie einmal. O ja! auf mich kann sie sich verlassen. Ja, nun werd' ich gehen. Zum Frühstück muss ich da sein.«
Als Werner zum Mittagessen kam, war die Nach richt von Karolas Flucht schon zu Lene gedrungen. Die Baronin Huhn war am Pastorat angefahren, nur, um die Neuigkeit mitzuteilen und vielleicht welche zu hören.
Lene ereiferte sich sehr über den Fall. Sie war entrüstet. Etwas Ähnliches hätte sie dieser Frau schon zugetraut, aber das war unerhört. Den todkranken Mann zu verlassen, um mit diesem Rast durchzugehen!
Als Lene ihm in das Wohnzimmer nachkam, hatte sie rote Backen und den eigensinnig kampflustigen Ausdruck, der anzeigte, dass sie entschlossen war, heute ihren kleinen Streit zu haben. Sie fuhr ein wenig unwirsch im Zimmer hin und her, blieb dann vor Werner stehen und begann sehr schnell und beredt zu sprechen:
»Du nimmst das übel, was ich sagte. Verzeihen ist christlich, das weiß ich auch. Aber deshalb darf man eine solche Frau nicht entschuldigen. Das ist nicht zu entschuldigen. Natürlich bin ich entrüstet. Jede anständige Frau muss in solchen Fällen entrüstet sein. Ich würde mich vor dir und mir selbst schämen, wenn ich nicht entrüstet wäre. Man hat doch auch seine Standesehre, und solch eine Frau bringt den Stand der christlichen Ehefrau in Verruf, und deshalb kann ich sagen, ich verachte diese Frau, und wenn ich auch nur eine kleine Pastorsfrau bin und sie die große Baronin von Dumala ist.«
Du und ich, wir leben nah beieinander. Was wissen wir voneinander? Was können wir füreinander tun? Wie die Pakete im Güterwagen, so stehen die Menschen nebeneinander. Ein jeder gut verpackt und versiegelt, mit einer Adresse. Was drin ist, weiß keines von dem anderen. Man reist eine Strecke zusammen, das ist alles, was wir wissen.«
Lene erschrak. Er sah bleich aus, und ein Zug wirklichen Leidens malte sich auf seinem Gesichte. Er tat ihr leid. Sie ging zu ihm, legte die Hand auf seine Schulter.
Werner fand den Baron auf seinem gewohnten Platz am Kaminfeuer, wohl frisiert und parfümiert. Er rief dem Pastor sein gewöhnliches »Ach – unser Seelsorger!« entgegen.
Man sprach vom Frost, der nun endlich gekommen war und gleich mit großer Schärfe einsetzte. So lange Eiszapfen am Dach hatte man lange nicht gesehen. Der Baron erzählte von Eiszapfen früherer Jahre. Die Rehe mussten fleißig gefüttert werden. Die Hasen machten verzweifelte Anstrengungen, um an die Spitzen der jungen Bäume zu gelangen.
»Ich glaubte, er litte an der sauren Liebe, aber wie es scheint, wird er milder. Ich wollte Ihnen sagen, Pastor, ich habe Nachricht erhalten, gleichviel wie. – Sie sind in Florenz. Gut! Da hab' ich nun einen Brief geschrieben. Ich will ihn nicht von hier aus auf die Post geben und ihn auch nicht selbst adressieren. Hier ist er. Adressieren Sie ihn und geben Sie ihn auf die Post.«
»Ich kann Ihnen auch sagen«, fuhr Werland fort, »was in dem Brief steht. Sie werden sich vielleicht darüber wundern. Ich schreibe ihr: ›Du kannst Jeden Augenblick zurückkommen. Nichts ist geändert, auch das Testament nicht.‹ Was? Das haben Sie nicht erwartet? Das ist neu?« Werland sah den Pastor triumphierend an. »So macht man die Sache sonst nicht. Aber sehen Sie, ich fühle mich von den Regeln der anderen entbunden, der anderen mit den Beinen. Ich bin ein Mensch ohne Beine, meine Beine zählen nicht, ein Menschenstümpfchen, warum soll ich mich an die Vorschriften der ganzen Menschen halten? Ich habe meinen eigenen Komment. Ich will, dass sie wieder da sitzt. Und sie wird kommen. Rast ist ein fuseliger Schnaps. Die Weiber kriegen von ihm schnell einen Rausch und schnell Katzenjammer. Sie wird kommen.«
»Sie kommt«, sprach er vor sich hin. »Sie kommt herein. Nichts von ›Verzeih' mir!‹ – ›Ich verzeih' dir!‹ Nichts Dramatisches. – ›Guten Tag, Kind. Gute Fahrt gehabt?‹ Keine taktlosen Gespräche. Und sie sitzt hier wieder, reibt nur das Bein, gießt den Tee ein, geht hier herum, wie früher. Und sie wird kommen. Also den Brief.«
Werner ging oft nach Dumala hinüber. Die drei Männer saßen beisammen. Werland schlief viel, oder man sprach von dem Frost und den Rehen. Pichwit rieb das Bein des Barons. Oder man hörte schweigend zu, wie die Mäuse hinter dem Getäfel arbeiteten.
Zuweilen stand Werner oder Pichwit auf, machte einige Schritte, um die vom Sitzen steif gewordenen Beine zu strecken, ging an das Fenster, schaute hinaus, schaute die lange Pappelallee hinab. Die Pappeln standen wie große, weiße Kristallpyramiden im hellen Mondlicht.
»Eine Erkältung«, sagte Doktor Braun, »die Lunge ein wenig affiziert. Nicht schlimm vielleicht. Aber das Fieber. Wenn das Herz das nur mitmachen will. Gehen Sie mal hin, Pastor, sehen Sie sich nach ihm um. Pichwit pflegt ihn wie eine Gattin, sag' ich ihnen; na, aber immerhin eine melancholische Gattin.«
Werner fand ihn in dem großen Bette fast verschwindend unter der Fülle all der Kissen. Die flackernden, blauen Augen schienen das einzig Lebendige, böse und erregt lauerten sie aus all dem Weiß heraus.
»Pastor«, sagte er, als Werner sich an sein Bett setzte, »ich bin wütend. Dieser Husten, eine ganz unsinnige Beschäftigung. Sie werden natürlich sagen, auch der Husten ist eine weise Einrichtung, der Schleim muss aus den Lungen gebracht werden. Gut! Aber wozu ist Schleim in den Lungen? Das nennen Sie Vorsehung. Ich kann nur nicht denken, dass, wenn ich Schöpfer wäre, ich mir die Zeit damit vertreiben würde, mir solche merkwürdige Kombinationen auszudenken, wie diese.«
»Na, und wenn ich sie glücklich gelernt habe, diese Geduld! Wenn ich eine Art Heiliger geworden, was dann? Als Knabe hatte ich eine Klavierlehrerin, Fräulein Mier, eine gute, alte Person. Die ließ mich das ganze Jahr hindurch Stücke üben als Überraschung zum Geburtstag der Eltern. Na, und wenn dann die Geburtstage kamen, war von den Stücken keine Rede mehr. Kein Mensch wollte sie hören. So ist's auch mit Ihren Tugendübungen. Man übt – übt – für wen?«
»Und dann, sehen Sie, das ist auch ein Argument gegen Ihre Unsterblichkeit. Wenn die so 'ne große Sache ist, und Sie sagen doch – das Leben nach dem Tode, das ist die Hauptsache –, na, da müsste man doch, wenn man ihr näherrückt, so was wie 'n Gefühl haben – ›nun kommt's‹, etwas steht bevor. Vor einem Duell, vor einem Rendezvous – vor meiner Trauung, ja, am Abend vor einer Jagd hab' ich das gehabt. Jetzt – nichts davon. Die Lampe ist heruntergeschroben, immer tiefer – dann dunkel. Alles das sieht mehr nach Ende als nach Anfang aus.«
Als die Dämmerung anbrach, wurde der Kranke unruhig und verlangte, in das Kaminzimmer gebracht zu werden. Er wollte in seinem Sessel sitzen, ganz wie sonst. Pichwit musste ihm das Bein reiben.
So saßen sie wieder und warteten, aber es war nicht nur der Schlitten, der die Allee heraufkommen sollte, auf den sie warteten, was anderes noch war es, dem sie ernst und gespannt entgegensahen.
»Ein guter Mensch, der Doktor«, fuhr Werland fort, »aber er weiß wohl ebensoviel von dem, was auf dein Monde passiert –, wie von dem, was in meinem Körper vorgeht. Na, gleichviel!« Dann lachte er kräftig und herzlich. »Ich denke an die lieben Verwandten. Der Chef der Familie, der Staatssekretär, seine Tochter, die Gräfin mit den vielen Kindern und dem wenigen Gelde, und die dicke Tante Sophie mit den Zwillingen und die anderen, die werden Augen machen, wenn sie das Testament lesen. Ich seh' den Vetter Exzellenz, wie seine Nase weiß wird von traditioneller Moral. Hi–hi! So 'n Stündchen Leben nach dem Tode könnte man sich wünschen, nur, um das anzusehen.« Er konnte sich lange nicht darüber beruhigen, er fing wieder von neuem darüber zu lachen an.
»Ich lieb' es nicht, wenn Diener denken. Mir fehlt etwas, wenn ich nicht frisiert bin – etwas an Haltung. Also, holen wir's nach. Es könnte ja auch noch jemand kommen, schon für die Herren hier ist es eine Unhöflichkeit, wenn ich so dasitze.«
»Lieber Pastor, manche haben den Tag über ein Gefühl der inneren Unordnung, wenn sie am Morgen nicht ihre Andacht abgehalten haben. So hör' ich. Ich hab' ein Gefühl innerer Unordnung, wenn ich nicht frisiert bin. Das ist individuell. Also Jakob, vorwärts. Die Herren werden entschuldigen, wenn wir's hier vor ihnen vornehmen.«
Jakob brachte einen Spiegel und stellte ihn vor den Kranken hin, auf jeder Seite wurde eine Kerze angezündet, und Jakob begann ihn zu frisieren, wusch den Kopf mit Haarwasser und bog mit der Brennschere vorsichtig die Löckchen ein.
Plötzlich lehnte der Baron sich in den Stuhl zurück und atmete kurz und schnell: »Ich weiß – nicht –«, brachte er mit Anstrengung heraus, »mir ist so – ich seh' im Spiegel nichts mehr.«
»Ja, die Exzellenz ist da«, berichtete Jakob, »und der Herr Graf und die Frau Gräfin mit den Kindern, und die Frau Baronin mit den Kindern, und die Herren Leutnants – alle sind da. Das ist bei uns jetzt ein Leben –, mein Gott!«
Als Werner den Flur von Dumala betrat, hörte er hohe, ein wenig kreischende Kinderstimmen und laufende Schritte die Zimmerflucht entlang. Es schien eine Art Lauf- und Fangspiel im Gange zu sein. Dann eine scharfe, scheltende Frauenstimme und tiefe Stille.
Im großen Saal empfing die Gräfin Gleiß, die Tochter des Staatssekretärs, den Pastor. Lang und hager in ihrem schwarzen Trauerkleide, hatte sie viel blondes Haar über ihrem Scheitel aufgebaut, das Gesicht war spitz und die Haut von den vielen Wochenbetten verdorben.
»Sie wunderten sich vielleicht über den Lärm eben? Ja – eben Kinder! Es ist für die Kinder schwer, immer stillzusitzen, nicht wahr? Etwas Bewegung müssen sie haben. Besonders Lola – meine dritte –, eigentlich Melani, wenn die nicht ihre Bewegung hat, gleich ist etwas mit dem Magen nicht in Ordnung. Aber natürlich, es darf nicht vergessen werden, dass die teure Hülle noch unter uns weilt.«
Die Gräfin wurde ernst und betrübt: »Ja, er hat es nicht leicht gehabt, der Verstorbene. Noch zuletzt die bittere Erfahrung. Ich glaube fest, das hat ihm das Herz gebrochen.«
»Still – Kinder«, rief die Gräfin, »das geht nicht. Mademoiselle«, – wandte sie sich an ein junges Mädchen mit hübschem Gassenbubengesicht unter wirrem rotem Haar, »bedenken Sie doch, c'est une maison mortuaire. Kommt, gebt die Hand.«
»Und hier, Mademoiselle Pin«, stellte die Gräfin das rothaarige junge Mädchen vor. »So geht, benehmt euch gut. Denkt, der arme tote Onkel liegt dort nebenan.«
Da kam die Exzellenz, klein, mit einem weißen Mausegesicht, das schöne, silbergraue Haar war über den Ohren zu kleinen, gewundenen Kuchen aufgedreht. Die Exzellenz war zeremoniös und feierlich.
»Ja, Geschäfte«, begann die Exzellenz. »Eigentlich Geschäfte kann man das nicht nennen. Es handelt sich hier mehr um ein ..., wie soll ich sagen?« die Exzellenz klemmte sich ein Glas in das linke Auge, um schärfer zu denken, »um eine Orientierung. Sie, Herr Pastor, haben mit dem Verstorbenen intim verkehrt. Er hatte Vertrauen zu Ihnen, natürlich. Ist Ihnen vielleicht etwas über seine letzten Bestimmungen oder vielmehr über eine in letzter Zeit vorgenommene Änderung seiner letzten Bestimmungen bekannt?«
»So!« Die Exzellenz nahm das Monokel aus dem Auge und wurde vertraulich, legte seine Hand auf Werners Arm: »Sehen Sie, Herr Pastor, es handelt sich nämlich darum: der Verstorbene, als der letzte der Dumalaschen Linie, hat das Recht, keine glückliche Bestimmung übrigens, seiner Witwe das Gut zum Fruchtgenuß für ihre Lebenszeit zu hinterlassen. Bon! Nach den bedauerlichen Ereignissen in dieser Ehe ist es nicht anzunehmen, dass mein verstorbener Vetter die Unvorsichtigkeit begangen hätte, hier gewisse Bestimmungen seines Testamentes nicht zu ändern. Nun denken Sie sich, Herr Pastor, auch für Sie, für die Gegend hier, welch ein Skandal, diese Dame als Gutsherrin.«
Werner machte eine bedauernde Bewegung. »Wie gesagt, Exzellenz, ich habe nichts bemerkt. In diese Sachen mich zu mischen, war wohl auch nicht meines Amtes.«
»Doch, doch«, sagte die Exzellenz ermahnend. »Unsere Gesellschaft – unsere, bitte – steht denn doch glücklicherweise noch auf dem Standpunkt, dass der Pastor überall mitsprechen darf.«
Die Exzellenz fand das sehr bedenklich. Als der Schwiegersohn, der Graf Gleiß, kam, blond, als hätte er kein Haar, mit einem Mädchenteint und langem, goldenem Backenbart, rief sein Schwiegervater ihm entgegen:
»Necken«, protestierte die Exzellenz. »Ernste Familienangelegenheiten sind doch kein Gegenstand für Neckereien. Der Verstorbene wusste gewiss, was er dem Namen Werland schuldig war. Wir sind bereit, sehr – large gegen die betreffende Dame zu sein, aber Dumala – Dumala muss rein bleiben.«
Oben an der Tafel saß die Baronin Sophie aus Pehwicken. Sie hatte die Fettsucht und nahm die ganze Schmalseite des Tisches ein. Der Leutnant Emmerich von den Basserowschen, der ziemlich ungezogen war, nannte sie: »die Tanten Sophie«, weil sie für eine Tante zuviel sei. Dann kamen die Kinder des Grafen, die Zwillinge der Tante Sophie, fette, sechzehnjährige Mädchen, denen dicke blonde Zöpfe über den Rücken niederhingen, und die zwei Dragonerleutnants und Mademoiselle Pin. Das schwirrte alles heran. Die Kinder stritten sich um die Plätze. Leutnant Emmerich sah sich die Etiketten der Weinflaschen an, wie im Hotel.
Als der alte Rheinwein kam, klingelte die Exzellenz an das Glas und machte ein trauriges und feierliches Gesicht. »Ich denke, wir trinken auf das Angedenken unseres verstorbenen Vetters ein stilles Glas.«
Unter tiefer Stille nippte ein jeder an seinem Glase – nur eine der Zwillinge musste mit dem Lachen kämpfen und verschluckte sich dabei. Leutnant Emmerich wollte sie auf den Rücken klopfen, was sie nicht duldete. So gab es Streit.
Nach dem Essen saß man im Saal beisammen und sprach von den Umbauten, die das Schloß nötig hatte. Nebenan spielte die Jugend Gesellschaftsspiele. Lautes Lachen füllte die Räume von Dumala.
Sie gingen in das Kaminzimmer, wo der Tote aufgebahrt lag. Im Vorzimmer saßen die Zwillinge eng aneinandergedrängt an einem kleinen Tisch und schrieben ihre Tagebücher, um den Eindruck der Lebenslage ganz frisch aufzufangen.
Werland lag in seinem Sarge, hell von den hohen Wachskerzen beschienen, schmal und gerade in seinem Gesellschaftsanzuge, eine Gardenia im Knopfloch. Das Gesicht schien kleiner geworden, wie zusammengezogen, um die Augen viele Fältchen, die ihm ein fast schalkhaftes Aussehen verliehen.
Eine Weile standen sie und schauten den Toten an, der sehr korrekt vor ihnen lag und aus der Menge südlicher Frühlingsblumen mit dem kleinen, schadenfrohen Gesicht hervorlugte. Dann gingen sie hinaus.
Im Vorzimmer stand Lola und weinte. Um ihr Pfand auszulösen, musste sie bis zur Tür des Totenzimmers gehen und einen Knicks machen, und nun fürchtete sie sich und wollte nicht.
Im Flur stieß er auf den Leutnant Emmerich und Mademoiselle Pin, die sehr nahe beieinander gestanden haben mussten und jetzt erschrocken auseinander stoben.
Als Werner in die klare Winternacht hinaustrat, fand er Karl Pichwit vor dem Schlosse stehen. Den Kopf auf die Schulter geneigt, schaute er dem Monde ins Gesicht.
»Herr Pastor«, sagte er, »ich habe hier auf Sie gewartet. Jakob sagte mir, dass Sie da seien. Dort zu den Leuten mag ich nicht hinuntergehen. Ich reise morgen ab. Was soll ich hier? Das Begräbnis – Gott! Ein Begräbnis hat ja keine Bedeutung. Und sie, wenn sie kommt, das ist doch jetzt alles ganz anders. Es kommt ja überhaupt alles anders, als man denkt. Ich glaubte, es würde etwas geschehen – ich – ich würde vielleicht etwas tun –. Aber nein, ich reise nur ab, – nur das.«
»Ja, Karl Pichwit, gehen Sie. Sie sind jung. Man muss nicht zögern, das Blatt im Buche umzuwenden, wenn es zu Ende scheint. Und in Ihrem Buche kann noch soviel stehen, – recht viel Gutes – hoffe ich und wünsche es Ihnen.«
»Danke, Herr Pastor«, erwiderte Pichwit. »Ich werde noch ein wenig zu dem Baron hineingehen. Seltsam, ich hab' immer das Gefühl, als warte er auf mich, damit ich ihm das Bein reibe. Leben Sie wohl, Herr Pastor.«
Unter hellem Sonnenschein, durch das weiße, knisternde Land, trugen die Waldhüter von Dumala den Baron Werland zum kleinen Friedhof in sein Familiengrab hinüber.
In Schleier und Pelze gehüllt folgten die Verwandten dem Sarge, eine schwarze, stille Schar, während die Bauern sich um den Friedhof versammelten, sehr bunt in ihren Sonntagskleidern auf dem grell beschienenen Schnee.
Was sollte er von diesem Leben sagen, das sich und anderen so unverständlich gewesen war? Er sprach daher die altbewährten Worte, von denen die Kirche Jahrhunderte hindurch einen so schönen Schatz aufgehäuft hat. Mit guten, allgemeinen, kühlen Worten wurde der kleine, gutfrisierte Herr in die Nische seines Familiengrabes eingemauert.
Die Sonne beschien hell die Menschenmenge, die sich jenseits der Friedhofsmauer angesammelt hatte, sie ließ die farbigen Tücher lustig leuchten, spiegelte sich in den Glatzen der alten Männer.
Es fror. Die Exzellenz stand ganz vorn am Grabe und wechselte häufig das Stehbein und steckte die Nase fast ganz in den seidenen Schal. Die Gräfin legte dem einen oder dem anderen der Kinder ein Tuch um die Schultern. Alle warteten ungeduldig auf das Ende.
Plötzlich bemerkte Werner eine Unruhe in der Versammlung. Die Leute schauten sich um. Die Trauernden am Sarg rückten scheu zur Seite. Es wurde geflüstert. Die Gräfin sah ihren Vater an und schüttelte traurig den Kopf Sie winkte ihre Kinder nah an sich heran.
Karola stand da vor dem Sarge. Langsam war sie den Weg zwischen den Gräbern hinabgegangen bis zu der Gruft. Nun stand sie da in schwarze Schleier gehüllt, schlank und aufrecht.
Karola schlug den Schleier zurück. Sie war bleich, aber sonst ganz unverändert, schien es Werner. Sie reichte ihm in ihrer kameradschaftlichen Art die Hand.
»Sie sehen«, sagte sie, »keine Gefahr, dass ich hier vielen Menschen auf meinem Wege begegne. Die Einsamkeit hat mich wieder eingefangen. So ist es mir immer gegangen. Ich habe mich gegen sie zuweilen auflehnen wollen, aber sie fängt mich immer wieder ein. Schließlich werd' ich mich mit ihr befreunden müssen. Vielleicht ist das so etwas, das Sie Buße nennen.«
»Ich danke. Ich weiß nicht. Allein sein, das ist wohl meine Bestimmung. Für das Zusammengehen muss ich kein Talent haben. Entweder tu ich den anderen weh, oder sie tun mir weh. Vielleicht braucht das nicht zu sein.«
Sie reichte ihm die Hand. »Adieu, Herr Pastor.« Sie schaute den Weg hinab, auf dem die schwarze Schar der Verwandten dem Schlosse zuzog. Sie lächelte. »Wie sie ziehen! Gehaßt zu werden, das ist für mich etwas ganz Neues.«
Kathe, die Knechtstochter, war infolge einer Frühgeburt gestorben. Das Grummetharken mit dein Simon an jenem warmen Abend hatte sie mit dem höchsten Preis bezahlt.
Auf der hohen Freitreppe unter dem grauen Portal stand Karola, eine stille, schwarze Gestalt. Sie schützte die Augen mit der Hand und schaute die Allee hinab. Werner grüßte hinauf, und sie grüßte zu ihm hinunter.
Seltsam! dachte Werner, da glaubt man, man sei mit einem anderen schmerzhaft fest verbunden, sei ihm ganz nah, und dann geht ein jeder seinen Weg und weiß nicht, was in dem anderen vorgegangen ist. Höchstens grüßt einer den anderen aus seiner Einsamkeit heraus!
2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »»Sie […] sich wohl, nach Hause zu kommen.«
4. Welcher Ausschnitt kennzeichnet eine Aussage ausdrücklich als Möglichkeit oder Vermutung? Achte auf die Formulierung; entscheide nicht, ob die Aussage tatsächlich wahr ist.
5. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »weil« in diesem Textausschnitt? »Er schaute auf, betrachtete nachdenklich die beiden wunderlichen Gesichter seiner Kameraden: »Nun, – wisst ihr –, euch wird viel vergeben werden, weil – weil ihr so furchtbar hässlich seid.««
6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse.
A: »»Ja,« sagte Werner, um etwas darauf zu erwidern, »unser Leben wird uns für die anderen gegeben.««
B: »Dann zeigte sie auf ihre Schatten, die vor ihnen auf dem Schnee lagen.«
C: »Aber wenn die Koffer gepackt sind, ja, dann blättern Sie im Kursbuch, dann kommt es auf Genauigkeit an.«
7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Oft, wenn der Schlitten an ihm vorüber war, stand Werner von …«
8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »»Also!« Rast schien wesentlich […] zu sein, als er Werner lächeln sah: »Wissen Sie, Pastor, Sie sind ein famoser Mensch.«
9. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Das Leben setzt […] hohe Preise auf einen kleinen, guten Augenblick.«
2Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte
1. Lies den Abschnittsbeginn: »Der Pastor von Dumala, Erwin Werner, stand an seinem Klavier und sang:« Welche Informationen sind hier bereits sicher, und welche Frage bleibt für dich offen?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Nenne zwei Informationen, die sich tatsächlich aus dieser Passage ableiten lassen.
Trenne eine eigene Frage oder Vermutung klar vom Textbefund.
2. Fasse diese Textstelle in eigenen Worten zusammen: »Bei Tisch saß Rast neben Lene, Werland nahm ihn jedoch in Anspruch. Er wollte mehr von den großen Damen in China hören. Werner unterhielt sich mit der Baronin Huhn, die von ihren Dienstboten sprach.« Was ist für ihr Verständnis besonders wichtig?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Gib die zentrale Aussage oder Situation wieder, ohne etwas hinzuzuerfinden.
Nenne eine Einzelheit aus der Passage, auf die sich deine Zusammenfassung stützt.
3. Prüfe, ob es in dieser Passage um Gerechtigkeit oder Verantwortung geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] sagt, eine Zigarre mache ein Gespräch ruhig. Aber ich erkenne Ihr Recht, einzugreifen – als Pastor – an. Sie sprachen von Unerhörtem –, es ist vielleicht besser, eine genauere Kritik hier zu vermeiden, – der Objektivität wegen.««
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
4. Prüfe, ob es in dieser Passage um Wahrheit oder Vertrauen geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »»Ich bin friedlich und stark«, dachte Werner auf dem Heimwege. »Und sie ist wohlgeborgen und hat nichts zu verbergen. So geht man liebevoll durch den hübschen Abendschein, und einer legt dem anderen freundlich seine Lügen an das Herz.««
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
5. Prüfe, ob es in dieser Passage um Angst oder Unsicherheit geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »»O bitte, darauf kein Gewicht zu legen. Mein Haus steht zu Ihrer Verfügung. Ich bedauere, Herr Pastor, Sie ein wenig erregt und nicht ganz zufrieden zu sehen. Ich fürchte, ich bin Ihnen nicht sympathisch, das bedauere ich ...««
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
6. Prüfe, ob es in dieser Passage um Nähe oder Gefühle geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »Karola sah in die untergehende Sonne und dachte nach. »Ich glaube, die Beschäftigung mit den ewigen Dingen macht friedlich. Ewig, – das klingt, als ob alles aus wäre und nur Ruhe – große Ruhe. Ja, der, den Sie lieben, ist gut geborgen.««
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
7. Vergleiche diese beiden Stellen: »Bei Tisch saß Rast neben Lene, Werland nahm ihn jedoch in Anspruch. Er wollte mehr von den großen Damen in China hören. Werner […]« und »– »Hü!«rief Rast dem Pferde zu, und sie fuhren in all das Weiß der Büsche hinein.«. Welche Gemeinsamkeit oder welchen Unterschied kannst du am Wortlaut zeigen?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Nenne eine nachvollziehbare Gemeinsamkeit oder einen Unterschied.
Belege beide Seiten des Vergleichs; unterstelle keine Entwicklung, die der Text nicht zeigt.
8. Am Abschnittsende steht: »Seltsam! dachte Werner, da glaubt man, man sei mit einem anderen schmerzhaft fest verbunden, sei ihm ganz nah, und dann geht ein jeder seinen Weg und weiß nicht, was in dem anderen vorgegangen ist. Höchstens […]« Was ist hier geklärt, und was bleibt offen?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf den Schluss dieses Abschnitts, nicht auf dein Vorwissen über das ganze Werk.
Falls die Stelle nichts eindeutig klärt, begründe auch das mit dem Text.
9. Prüfe deinen ersten Leseeindruck an Anfang und Ende: »Der Pastor von Dumala, Erwin Werner, stand an seinem Klavier und sang:« / »Seltsam! dachte Werner, da glaubt man, man sei mit einem anderen schmerzhaft fest verbunden, sei ihm ganz […]«. Würdest du deine erste Einschätzung jetzt verändern? Begründe.
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Nenne deine ursprüngliche Einschätzung oder Leseerwartung.
Verwende mindestens einen Textbeleg für deine jetzige Einschätzung.
Sowohl eine veränderte als auch eine bestätigte Einschätzung ist möglich.
3Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte
Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.
Niveau 1 · Einstieg
1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Der Pastor von Dumala, Erwin Werner, stand an seinem Klavier und sang:«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Später zog er sich wieder in sein Zimmer zurück, um zu arbeiten.«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Höchstens grüßt einer den anderen aus seiner Einsamkeit heraus!«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Originalautor vor 1956 verstorben. TextGrid kennzeichnet die zugrunde liegenden reinen Texte als gemeinfrei; Struktur und Metadaten unter CC BY 3.0 DE mit Namensnennung TextGrid und www.editura.de. Das Werk Dumala von Keyserling, Eduard von ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de, und wird unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland veröffentlicht. Der zugrunde liegende literarische Reintext ist gemeinfrei. TextGrid wurde vom BMBF gefördert (Förderkennzeichen 01UG1203A).
Die Extraktion erfasst alle Textpositionen der gelieferten Quelldatei; dies ersetzt keinen vollständigen Vergleich mit dem historischen Druck. Offene Kapitelaufgaben dienen der Selbstprüfung und sind keine automatisch bewertete Interpretation.
Dumala
Eduard von Keyserling: Gesammelte Erzählungen in vier Bänden, Berlin: S. Fischer, 1922. Keyserling, Eduard von 3- Berlin
Das Werk Dumala von Keyserling, Eduard von ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.
Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.