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Buch - Die Prinzessin Girnara - Wassermann, Jakob

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Originalwerk · Lesefassung

Die Prinzessin Girnara

Wassermann, Jakob

Ein Königshof und die Liebesgeschichte der Prinzessin Girnara werden im Wechsel von Weltspiel und Legende gestaltet. Macht, Schuld, Begehren und die Suche nach Erlösung begegnen sich in einer stilisierten dramatischen Handlung.

DramaKlasse 9–10 · 11–133 Abschnitte
Historisches Bildnis von Jakob Wassermann
Historisches Bildnis von Jakob Wassermann — Bildnis zur Autorschaft; keine Szene aus dem Buch. · Emil Orlik · Public domain Bildquelle ↗
Hinweise für den Unterricht
  • Historische Sprache, gesellschaftliche Ausgrenzung, Gewalt und zeitgebundene Wertvorstellungen im Unterricht gemeinsam einordnen.

Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.

Deutsch · Abschnitt 2 von 3

WELTSPIEL

1
WELTSPIEL
2
Saal. Hinten Säulenhalle. Vorn, nicht sichtbar, Galerie. Gedeckte Tafel.
3
STIMME DES PILGERS:
4
Gib Kunde von dir, Lebendige in der Finsternis!
5
HAUSMEIER:
6
Ihr könnt die Lichter jetzt anzünden!
7
ERSTER DIENER:
8
Schon kommen die Spielleute: Fiedel, Flöte, Trommel und der Sänger.
9
ZWEITER DIENER:
10
Der Wein ist in die Krüge gegossen.
11
ERSTER DIENER:
12
Der Koch lässt melden, er tue die Fische in die Pfanne.
13
HAUSMEIER:
14
Dass ihr leise auftretet und die Augen niederschlagt.
15
DER ERSTE RITTER:
16
Niemand hat die Prinzessin Girnara je gesehen.
17
DER ZWEITE RITTER:
18
Man weiß nicht mehr von ihr als ihren Namen.
19
HAUSMEIER:
20
Dass ihr behutsam die Schüsseln haltet und die Brühe nicht verschüttet!
21
HÖFLING:
22
Im Schloß der sieben Türme, am Gestade des Geiersees hat sie geweilt von Geburt an.
23
WÜRDENTRÄGER:
24
Der König in seiner Weisheit hat sie der Welt entzogen.
25
EIN FRÄULEIN:
26
Sprecht, warum ist es geschehen?
27
WÜRDENTRÄGER:
28
Die Weisheit des Königs hat es beschlossen.
29
DER ERSTE RITTER:
30
Niemand kennt den Grund.
31
SCHÖNE DAME:
32
Hat sie die Sonne je erblickt, hat sie Blumen gepflückt im Garten?
33
DER ZWEITE RITTER:
34
Sie hat nie die Sonne geschaut, nie Blumen im Garten gepflückt.
35
SCHÖNE DAME:
36
Und die heimliche Hochzeit mit dem fremden Edelmann, warum dies?
37
FRÄULEIN:
38
Warum die heimliche, hastige Hochzeit mit dem Unbekannten, der kein Land beherrscht?
39
WÜRDENTRÄGER:
40
Die Weisheit des Königs hat es beschlossen.
41
SCHÖNE DAME:
42
Er hatte kein Feierkleid, kein Pferd und keine Diener.
43
HÖFLING:
44
Er war arm wie einer der Geringsten, doch mutig in der Schlacht.
45
HAUSMEIER:
46
Dass die Spielleute nicht lärmend ihre Instrumente stimmen!
47
ERSTER DIENER:
48
Sie harren auf das Zeichen zum Beginn.
49
DER ERSTE RITTER:
50
Wo ist der Eidam des Königs? Empfängt er die Geladenen nicht?
51
SCHÖNE DAME:
52
Empfängt er nicht seine Gäste, wie es der Brauch?
53
HAUSMEIER:
54
Dass sich die Trommel bescheiden aufführt!
55
FRÄULEIN:
56
Wird die Prinzessin an seiner Seite erscheinen?
57
HÖFLING:
58
Er geht traurig umher und meidet die Blicke der Menschen.
59
HAUSMEIER:
60
Dass die Pastetchen warm auf die Tafel kommen!
61
STIMME DES PILGERS:
62
Gib Kunde von dir, Lebendige in der Finsternis!
63
WÜRDENTRÄGER:
64
Wer ist es, der so schreit?
65
HAUSMEIER:
66
Schafft ihn fort, den Schreier!
67
ERSTER DIENER:
68
Ein frommer Pilger, hat Speise begehrt.
69
STIMME DES PILGERS:
70
Nimm an die Lehre, Wahnbeladene, in deiner Brunnentiefe!
71
HAUSMEIER:
72
Schafft ihn fort, den Schreier, sag’ ich!
73
DER ZWEITE RITTER:
74
Noch immer ist der Eidam des Königs nicht unter seinen Gästen.
75
DER ERSTE RITTER:
76
Dort naht er, sieht aus wie einer, der schuldbewußt ist.
77
DER ZWEITE RITTER:
78
Wie einer, den Verhängnis bedrückt.
79
HÖFLING:
80
Wie einer, der nichts von Freude weiß.
81
SCHÖNE DAME:
82
Ohne die Prinzessin ist er gekommen.
83
FRÄULEIN:
84
Sieht aus wie einer, der unrechtes Gut verbirgt.
85
HAUSMEIER:
86
Die Spielleute sollen anfangen zu spielen!
87
SCHÖNE DAME:
88
Er führt die Gattin nicht zum Feste.
89
FRÄULEIN:
90
Die Herrin wohnt im Hause und tritt nicht hervor?
91
HÖFLING:
92
Niemand darf ihren Gemächern nahen.
93
ERSTER RITTER:
94
Es ist verboten, dem obersten Gewölbe zu nahen.
95
WÜRDENTRÄGER:
96
Wir grüßen den Eidam des Königs!
97
ERSTER UND ZWEITER RITTER:
98
Prinz Siho, wir grüßen dich!
99
DER SÄNGER:
100
Willkommen, Fremdling, der unser geworden ist!
101
HAUSMEIER:
102
Der Vollendete segne deine Schritte!
103
SIHO:
104
Euch alle grüß’ ich von Herzen!
105
WÜRDENTRÄGER:
106
Das frohe Mahl wartet deiner.
107
HAUSMEIER:
108
Leckerbissen aller vier Jahreszeiten.
109
SCHÖNE DAME:
110
Traulich spielen die Spielleute.
111
FRÄULEIN:
112
Die Fiedel schluchzt wie die Nachtigall im Mangohag.
113
SIHO:
114
Lasst uns zu Tische gehen.
115
DER FREUND:
116
Hör’ mich an, bevor du dich zu ihnen setzest.
117
DER ERSTE RITTER:
118
Schwermut verdunkelt seine Stirn.
119
SIHO:
120
Sag’ es in wenigen Worten.
121
DER ERSTE RITTER:
122
Er hat die Prinzessin nicht zum Feste geführt.
123
DER ZWEITE RITTER:
124
Er hält uns ihres Anblicks für unwert.
125
DER FREUND:
126
Sie murren, weil du die Prinzessin nicht zum Feste geführt.
127
SCHÖNE DAME:
128
Vielleicht ist sie so schön, dass er sie aus Eifersucht verbirgt.
129
SIHO:
130
Darüber sprich nicht, und jene lass murren und fragen.
131
FRÄULEIN:
132
Vielleicht schämt er sich ihrer, vielleicht ist sie mißgestaltet und von roher Sitte.
133
DER MAGIER:
134
Im schlimmen Kreise steht ihr, im Bogen des Unheils!
135
DER FREUND:
136
Sie flüstern böse, die Neugier macht sie gemein.
137
DER ERSTE RITTER:
138
Man sollte es ergründen; fragt ihn, warum er allein zum Feste kommt.
139
SIHO:
140
Bitter ist es, vor dir schweigen zu müssen.
141
DER FREUND:
142
Hüte dich; ein Widersacher ist unter ihnen.
143
DER ZWEITE RITTER:
144
Er lädt Gäste zum Mahl und beleidigt sie.
145
SCHÖNE DAME:
146
Wo mag die Prinzessin weilen?
147
FRÄULEIN:
148
Mich quält die Begierde zu wissen, wie sie aussieht.
149
SIHO:
150
Bleib’ an meiner Seite und schütze mich vor ihren Blicken; sie sind neugierig, sie sind böse.
151
DER MAGIER:
152
Einen Spruch will ich sprechen von zwingender Macht, der den Wein entflammt und die Seele verrät.
153
HAUSMEIER:
154
Euer Gnaden wird zur Tafel gebeten.
155
DER FREUND:
156
Ich bleibe dir zur Seite, fürchte dich nicht!
157
DER MAGIER:
158
Aufgedeckt wird das Geheimnis sein, er selbst wird das Verschwiegene künden.
159
SIHO:
160
Schön geschmückt ist die Tafel, wir wollen uns niederlassen, Freunde!
161
DER ERSTE RITTER:
162
Bist du des Spruches gewiss, so erprobe die Wirkung!
163
WÜRDENTRÄGER:
164
Köstlich ist diese Schüssel und lobt ihren Meister, den Koch.
165
HÖFLING:
166
Angenehme Gerüche kitzeln den Gaumen.
167
DER SÄNGER:
168
Frieden über euch, die ihr genießt die Frucht der Felder und Gaben der Gärten!
169
SCHÖNE DAME:
170
Die Stimme des Sängers klingt lieblich und fein.
171
HAUSMEIER:
172
Dass der Braten nicht abkühlt! Brote zu reichen vergesst nicht!
173
DER ERSTE RITTER:
174
Den verheißenen Zauberspruch, Magier! Braust du das Wort schon im Hirn?
175
STIMME DES PILGERS:
176
Dein Herz schwillt auf in der Finsternis, Leidbegnadete, und sprengt die Mauern des Kerkers!
177
HÖFLING:
178
Wer ist dieser, der uns die Süßigkeit des Mahles vergällt?
179
HAUSMEIER:
180
Gebot ich euch nicht, ihr solltet ihn von der Treppe jagen?
181
ERSTER DIENER:
182
Stumm vernahm er deinen Befehl und ging nicht vom Tor.
183
ZWEITER DIENER:
184
Ein frommer Pilger, erfüllt von heiliger Wut.
185
SIHO:
186
Prophetenworte, Worte heiliger Wut.
187
DER FREUND:
188
Bleich bist du, mein Lieber, bleich ist dein Antlitz.
189
SIHO:
190
Prophetenworte, Worte heiligen Grams.
191
DER FREUND:
192
Den Spielleuten gib dein Ohr, hör’, wie die Flöte vogelhaft singt!
193
DER ERSTE RITTER:
194
Sprich deinen Spruch, Magier, ehe wir zweifeln an dir!
195
DER ZWEITE RITTER:
196
Liegt es in deiner Gewalt, das Geheimnis uns zu entschleiern, so tu es!
197
DER MAGIER:
198
An seinem Gurt, seht ihr den Schlüssel? Wo Männer das Schwert sonst tragen, hängt ihm ein Schlüssel.
199
ERSTER UND ZWEITER RITTER:
200
Wir sehen den Schlüssel; erkläre doch, was er soll, was er schließt!
Historisches Bildnis von Jakob Wassermann
Kontextbild zum Werk. Historisches Bildnis von Jakob Wassermann — Bildnis zur Autorschaft; keine Szene aus dem Buch. · Emil Orlik · Public domain Bildquelle ↗
201
DER MAGIER:
202
Die eherne Pforte schließt er, hinter der die Prinzessin Girnara einsam vergeht.
203
HÖFLING:
204
Was kündest du, Magier? Ich hörte dich nicht.
205
DER ERSTE RITTER:
206
Er wird ihn wahren, den Schlüssel, kostbares Gut ist er ihm.
207
DER MAGIER:
208
Wenn das Wort der Beschwörung gewirkt hat, gibt er den Schlüssel von selbst.
209
HÖFLING:
210
Versprachst du den Schlüssel, Magier, der die eherne Pforte aufschließt?
211
DER ZWEITE RITTER:
212
Den Spruch, Magier, den Spruch!
213
HAUSMEIER:
214
Sorgsam tragt die Krüge, sorgsam gießt in die Pokale den Wein!
215
DER SÄNGER:
216
Freude erblüh’ diesem Haus, ein Rasthaus des Glückes sei es!
217
DER ZWEITE RITTER:
218
Den Spruch endlich, den Spruch!
219
DER MAGIER:
220
Schweigen wird die festliche Runde und jener wird sagen, was ihn beschwert und quält.
221
STIMME DES PILGERS:
222
In der Üppigkeit und im Übermut der Genüsse lügen deine Sänger, Volk!
223
SCHÖNE DAME:
224
Warum erhebt sich der Fremdling von seinem Sitz, der Magier?
225
DER FREUND:
226
Du zitterst vor ihm, dein Auge ist voller Schrecken!
227
DER ERSTE RITTER:
228
Still, die Lippen des Magiers formen den bannenden Spruch!
229
DER MAGIER:
230
In seine Brust eindringend, bin ich Frage und Antwort zugleich.
231
FRÄULEIN:
232
Eine Wolke ist um den Magier, dunkel wird seine Gestalt.
233
SCHÖNE DAME:
234
Ich gewahr’ ihn nicht mehr, seht, er zerrinnt in der Luft!
235
HÖFLING:
236
Seht, der Platz, wo der Magier gewesen ist, ist leer!
237
FRÄULEIN:
238
Die Lichter scheinen nicht mehr, im Saale dämmert’s.
239
STIMME DES PILGERS:
240
Klage, lieblos Unliebender, um dich und die Gattin!
241
DER WÜRDENTRÄGER:
242
Warum ist es dunkel im Saale? Zündet noch Lichter an!
243
SIHO:
244
Die Lichter wollen nicht brennen, Mauern und Säulen wanken.
245
DER FREUND:
246
Halte dich, Lieber, gib mir die Hand!
247
SIHO:
248
Siehst du den Magier nicht mehr?
249
SCHÖNE DAME:
250
Warum haben die Spielleute aufgehört zu spielen?
251
FRÄULEIN:
252
Mir ist Angst, nehmt mir die Angst von der Brust!
253
DER WÜRDENTRÄGER:
254
Was bedeutet die Stille? Die Spielleute sollen spielen!
255
HAUSMEIER:
256
Warum schweigen die Spielleute? Warum ist der Sänger verstummt?
257
STIMME DES MAGIERS:
258
Sprich, der verraten hat, sprich, der verraten ward!
259
SIHO:
260
Da ich denn sprechen muss, so hört mich.
261
DER ERSTE RITTER:
262
Still, ihr alle, vernehmt, was Prinz Siho kündet!
263
STIMME DES PILGERS:
264
Gib Kunde von ihr, der Lebendigen in der Finsternis!
265
STIMME DES MAGIERS:
266
Gib Kunde der Welt, Kunde den Freunden, Kunde dir selbst!
267
DER ZWEITE RITTER:
268
Seid still und lauscht, was der Eidam des Königs euch kündet!
269
SIHO:
270
Uneins mit dem Vater, verstoßen aus meinem Land, kam ich über die Gebirge in dieses. Ich leistete dem König Heeresgefolgschaft, ihr wisst es, und schwor ihm den Treueid.
271
DER FREUND:
272
Du hast ihm gedient wie ein Sohn und ein Knecht, sie wissen es.
273
DER ERSTE UND DER ZWEITE RITTER:
274
Wir wissen es.
275
STIMME DES MAGIERS:
276
Vergissest du, dass dich der Ehrgeiz anfraß und Sorge um ungenügenden Lohn in deinen Nächten brannte?
277
SIHO:
278
Der Ehrgeiz fraß mich an und Sorge um ungenügenden Lohn brannte in meinen Nächten.
279
DER FREUND:
280
Sie biegen sich über die Tafel; hüte dein Wort, sie essen und trinken nicht mehr vor Begierde, zu hören.
281
SIHO:
282
Ein mächtiger Odem befiehlt mir, zu reden.
283
DER FREUND:
284
Hüte dein Wort!
285
SIHO:
286
Dem König mich zu verbinden sann ich; von der Prinzessin Girnara träumte ich mit wachen und schlafenden Augen.
287
STIMME DES MAGIERS:
288
Hast du nicht Eidam des Königs zu werden getrachtet und der Erste beim Thron?
289
SIHO:
290
Eidam des Königs wollte ich werden und der Erste beim Thron.
291
DER ERSTE RITTER:
292
Ihr vernehmt es alle?
293
DER ZWEITE RITTER, HÖFLING UND DAME:
294
Wir haben’s vernommen.
295
DER WÜRDENTRÄGER:
296
Zündet Lichter an, es ist dunkel geworden.
297
HAUSMEIER:
298
Lichter, ihr Faulen, zündet die Lichter an!
299
ERSTER DIENER:
300
Verzeiht, ich kann mich nicht von der Stelle rühren.
301
ZWEITER DIENER:
302
Herr, die Beine gehorchen nicht mehr deinem Befehl.
303
HAUSMEIER:
304
Gnaden, die Zunge lahmt mir im Mund, es ist schlimmer Zauber geschehen.
305
DER WÜRDENTRÄGER:
306
Wehe, was geht denn vor?
307
DER ERSTE RITTER:
308
Schweigen geziemt sich, wenn der Verirrte den Irrweg bekennt.
309
STIMME DES PILGERS:
310
O Leidumbrandete, Angstverwirrte, dir naht der Erhabene bald!
311
SIHO:
312
Vom Feldzug kehrt’ ich zurück, hatte die Feinde geschlagen, da bot mir der König die Hand der Prinzessin an.
313
DER ZWEITE RITTER:
314
Niemand hat die Prinzessin mit Augen je gesehen.
315
HÖFLING:
316
Niemand weiß mehr von ihr als ihren Namen.
317
STIMME DES MAGIERS:
318
Trankst du den Namen und umgabst ihn mit Ehrgeizflammen, den Namen allein?
319
SIHO:
320
Den Namen allein umgab ich mit Ehrgeizflammen und trank ihn wie seligen Trunk und fiel zu des Königs Füßen nieder und küsste dankbar den Saum seines Kleides.
321
STIMME DES MAGIERS:
322
Führte er dich in den Tempel der siebzehn Säulen, wo die Verschleierte harrte?
323
SIHO:
324
Die Verschleierte harrte im Tempel der siebzehn Säulen und ich sah nicht ihr Antlitz, nicht ihre Hand, und der Priester schloss das ewige Bündnis.
325
DER FREUND:
326
Es erschüttert dich das Gedenken, du gibst ihnen Überfülle des Herzens.
327
SIHO:
328
Ein mächtiger Odem befiehlt mir zu reden; lass es mich sagen, dass ich des Grauens entledigt werde.
329
STIMME DES MAGIERS:
330
Und in der Nacht des obern Gewölbes hast du die Gattin erblickt.
331
SIHO:
332
Das Grauen verwehrt mir die Worte. Die Gattin hab’ ich erblickt.
333
STIMME DES PILGERS:
334
Die Gefangene im obern Gewölbe büßt den Frevel des Vaters, die rasende Untat.
335
SIHO:
336
Das Grauen verwehrt mir zu denken, ich kann es nicht denken.
337
SCHÖNE DAME:
338
Sprich, wir flehen dich an, und nimm von mir die Qual dieser Stunde!
339
STIMME DES MAGIERS:
340
Reiß den Schlüssel vom Gurt und gib ihn denen, die bereit sind, zu schirmen!
341
SIHO:
342
Bitt’re Gewalt hast du über mich, verborgene Stimme.
343
DER FREUND:
344
Löst du den Schlüssel vom Gurt und gibst ihn den Gierigen preis?
345
DER ERSTE RITTER:
346
Gib uns den Schlüssel preis, wir wollen das Grauen ermessen.
347
SIHO:
348
Hier ist der Schlüssel zum obern Gewölbe, ermeßt die Tiefe des Grauens.
349
DER ZWEITE RITTER:
350
Mir überlaß den Schlüssel, zu öffnen die eherne Pforte.
351
DER ERSTE RITTER:
352
Nein, ich fasst’ ihn zuerst, folge mir nach ins Gewölbe.
353
SIHO:
354
Bin ich oder träum’ ich? Verriet ich oder ward ich verraten?
355
DER FREUND:
356
Bist Opfer von vielen, Opfer von dir und ersehntem Bild.
357
SIHO:
358
Entschlossen war ich zur Liebe, Sehnsucht zerbrach am Gräßlichen. Schuld ward gehäuft, die ich nicht wusste, Leiden, das unbekannt. Frei gewesen, bin ich Sklave geworden, echt gewesen, bin ich besudelt, stark gewesen und jetzt ohne Nerv, furchtlos gewesen, nun mit dem Grauen im Blut.
359
DER FREUND:
360
Verhängnis fiel über dich.
361
SIHO:
362
Wo ist meine Schuld?
363
STIMME DES MAGIERS:
364
Schuld ist Blutqual geworden.
365
SIHO:
366
Wozu der Traum?
367
STIMME DES MAGIERS:
368
Traum war Laster und Lüge.
369
SIHO:
370
Stimme ohne Erbarmen!
371
SCHÖNE DAME, HÖFLING:
372
Die Ritter sind fortgeeilt.
373
FRÄULEIN:
374
Sie sind mit dem Schlüssel ins obere Gewölbe.
375
STIMME DES PILGERS:
376
Fahr’ ein zur inneren Meeresstille, Neubeseelte!
377
SIHO:
378
Stimme des Trostes, wo kommst du her?
379
DER WÜRDENTRÄGER:
380
Finsternis würgt mich schon, eure Hand, euern Arm!
381
STIMMEN DER GÄSTE:
382
Weh uns! Weh uns!
383
STIMME DES MAGIERS:
384
Weh euch! Weh euch!
385
STIMME DES SÄNGERS:
386
Weh uns Verlorenen!
387
STIMME DES PILGERS:
388
Ist anders das Leben und anders der Leib? Heil dir, Siegreich-Vollendeter!
389
SIHO:
390
Wahrerer Traum beginnt. Licht schwillt auf.
391
STIMMEN:
392
Weh uns! Weh uns!
393
FERNE STIMMEN:
394
Heil uns! Heil uns!
395
SIHO:
396
Licht schwillt vom obern Gewölbe her!
397
FERNE STIMMEN:
398
Die Erde bebt im Hauch des Erhabenen, Übergewaltigen! Heil dir, Siegreich-Vollendeter!

Nach dem Lesen

Dein Blick auf das Kapitel

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Textstelle nachlesen ↗

6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse. A: »Er war arm wie einer der Geringsten, doch mutig in der Schlacht.« B: »Gnaden, die Zunge lahmt mir im Mund, es ist schlimmer Zauber geschehen.« C: »Sprich deinen Spruch, Magier, ehe wir zweifeln an dir!«

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7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Uneins mit dem Vater, verstoßen aus meinem …«

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8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Dem König mich zu verbinden sann ich; von der Prinzessin Girnara träumte ich mit wachen und […] Augen.«

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9. Welcher Ausschnitt kennzeichnet eine Aussage ausdrücklich als Möglichkeit oder Vermutung? Achte auf die Formulierung; entscheide nicht, ob die Aussage tatsächlich wahr ist.

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Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

10. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Mir überlaß den Schlüssel, …«

Eine Antwort ist richtig.

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Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

1. Ordne diese Textstelle in den Zusammenhang ein: »Dass ihr behutsam die Schüsseln haltet und die Brühe nicht verschüttet!«. Was geschieht oder wird hier besprochen? Erkläre in drei bis fünf Sätzen auch, was davor und danach wichtig ist.

Impulse zur Selbstprüfung

Lies die verlinkte Stelle mit ihrer Umgebung. Trenne ausdrücklich Gesagtes von Vermutungen.

  • Situation oder Gedanke verständlich erklärt
  • Mindestens ein passender Textbeleg
  • Eigene Formulierungen statt bloßer Abschrift
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2. Vergleiche die beiden Ausschnitte: »Dass ihr behutsam die Schüsseln haltet und die Brühe nicht verschüttet!« und »Die Erde bebt im Hauch des Erhabenen, Übergewaltigen!«. Welche Entwicklung, Gemeinsamkeit oder Spannung erkennst du? Begründe mit beiden Textstellen.

Impulse zur Selbstprüfung

Auch eine gleichbleibende Haltung ist ein mögliches Ergebnis. Erfinde keine Entwicklung, wenn sie sich aus dem Text nicht belegen lässt.

  • Beide Ausschnitte im Zusammenhang gelesen
  • Eine Gemeinsamkeit oder einen Unterschied erläutert
  • Deutung und wörtlichen Beleg unterschieden
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3. Untersuche die sprachliche Wirkung dieses Ausschnitts: »der den Wein entflammt und die Seele verrät«. Wähle ein auffälliges Wort, ein Bild oder eine Formulierung. Erkläre seine Wirkung und begründe eine mögliche andere Lesart.

Impulse zur Selbstprüfung

Es gibt nicht nur eine richtige Interpretation. Prüfe beide Lesarten am Kapitel und benenne, was offen bleibt.

  • Sprachliches Merkmal am Wortlaut benannt
  • Wirkung als begründete Deutung formuliert
  • Alternative Lesart oder Grenze der Deutung erklärt
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Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Gib Kunde von dir, Lebendige in der Finsternis!«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
  • Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
  • Kennzeichne deine Ergänzungen als erfunden.
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Niveau 2 · Vertiefung

2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Wo Männer das Schwert sonst tragen, hängt ihm ein Schlüssel.«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
  • Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
  • Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
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Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Die Erde bebt im Hauch des Erhabenen, Übergewaltigen!«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
  • Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
  • Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
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Ausgabe, Herkunft und Rechte

Deutschsprachiger Originaltext. Der urheberrechtliche Zeitraum des namentlich belegten Autors ist nach dokumentierten GND-Lebensdaten für Deutschland abgelaufen. Abbildungen und moderne Begleittexte der Ausgangsausgabe werden nicht übernommen.

Die Prinzessin Girnara: Weltspiel und Legende

Wassermann, Jakob: Die Prinzessin Girnara: Weltspiel und Legende, Project Gutenberg eBook 15952.

Quelltext und Ausgabe ↗ · Original German author text is public domain in Germany by documented author lifetime. Project Gutenberg US status is not the DE rights basis. Lizenz

Originalsprache · Deutsch

Unveränderte deutsche Quellfassung; die andere Spalte bietet eine gesonderte Lesefassung. Beide Ansichten gehören zu demselben Werk.

Wassermann, Jakob: Die Prinzessin Girnara: Weltspiel und Legende, Project Gutenberg eBook 15952.

Autorschaft und Ausgabe: Wassermann, Jakob

Originaltext und Ausgabe ↗ · Project Gutenberg · Lizenz und Nutzungsbedingungen

Die Fassungen folgen den jeweils angegebenen Quellen; ihre Gliederung kann abweichen.

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?

Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.