Die Honigmonathe von Fischer, Caroline Auguste. Volltext der angegebenen Ausgabe mit textbezogenen Leseaufgaben.
RomanKlasse 9–10 · 11–133 Abschnitte
Die Honigmonathe – historische Buchseite — Historische Druckseite zum Vergleich mit der Lesefassung. · Caroline Auguste Fischer · Public domainBildquelle ↗
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Wie viel Böses man den Leidenschaften auch nachsagen mag; ohne sie scheint es gleichwohl dem Menschen unmöglich, sich seiner ganzen moralischen Kraft bewusst zu werden.
Wer uns demnach irgend eine dieser wohlthätigen Feindinnen treu darzustellen versucht; darf sich schmeicheln, nichts Überflüssiges unternommen zu haben.
Nimm Dich in Acht! Ich sehe die Eitelkeit im Hinterhalte lauschen. – Hat sich freilich auf das Beste herausgeputzt, nennt sich Großmuth, Dankbarkeit, Selbstüberwindung, und was der schönklingenden Titel mehr sind. – Aber noch einmal sage ich: nimm Dich in Acht! – Gewisse Bäume sind nur zum Abhauen gut; und gewisse Schäden können nicht mit Honig, sondern nur mit Schierling geheilt werden. –
Aber Geliebte! jeder Mensch hat ja das Bedürfnis, mit sich selbst einig zu werden. Dieser unglückliche Mann allein sollte es nicht haben? – Ach glaube mir, meine Einzige! viele Menschen würden gut sein, wenn es ihnen das Schicksal erlaubte.
Lass uns gestehen, dies war bis jetzt Oliviers Fall. Mit dem französischen Leichtsinne gebohren, von seinen Ältern verzärtelt, von den Weibern wechselweise gemißbraucht und vergöttert, durch seine unersättliche Begierde nach Genuss ins tiefste Elend gestürzt, nun bey dem gänzlichen Mangel an Ergebung gezwungen alle Mittel zum Emporkommen wieder zu gebrauchen. – Sage, wie konnte es anders sein? –
Ey! liebes Kind, davon ist ja gar nicht die Rede! Wer sagt Dir denn, dass sich das alles nicht ganz vortreflich erklären lasse? – Es frägt sich nur, ob es der Mühe lohne einen Mohren zu waschen? – und ob man nachher, schwarz oder weiß, mit ihm vorlieb nehmen wolle? – Das bedenke, mein Täubchen, und lass Dich nicht blenden.
Ich weiß recht gut, die Frau Mutter wird alles dazu beytragen. Aus welchen Gründen? – ist nicht schwer zu errathen. – Mit einem Worte! man will Dich verhandeln, und zwar so bald und so theuer wie möglich. Ach dass Dein Vater nicht mehr lebt! es wäre nie dahin gekommen! –
O mein unvergesslicher Vater! Wilhelmine! es war hart, mich daran zu erinnern. Ach wohl war es damals ganz anders! – Meine Mutter war milder und ich war glücklicher. Ich weiß nicht – es ist seit einiger Zeit so viel Bitteres in ihrem Wesen – und doch verdopple ich meine Aufmerksamkeit, suche ihre leisesten Wünsche zu errathen. – Ach ist es denn meine Schuld, dass wir nicht mehr reich sind? Gott weiß es! ich gebrauche ja so wenig, und arbeite vom Morgen bis in die sinkende Nacht.
Ob es Deine Schuld ist? – Du reines unschuldiges Herz! Siehst Du denn nicht, was ihr fehlt? – Alle ihre ausgeworfenen Netze zieht sie leer wieder zurück; während Du köstliche Lilie, ohne es zu wissen und zu wollen, alles um Dich her versammlest. Und dieser verderbten Frau wolltest Du Dich aufopfern? Dich einem Mann hingeben, der Dich nicht einmal begreift! Dich nimmt, weil Du ein Weib bist, und Deinen heiligen Kindersinn, den er jetzt nur duldet, einst auf das schändlichste verspotten und missbrauchen wird.
Julie! lass Dir rathen! – sorge doch nicht für die Zukunft! Was mein ist ja Dein! und wie oft soll ich Dir es wiederholen? ich heurathe nicht, und wenn mein Herr Vater das ganze Haus umkehrt. –
Was denkt meine Wilhelmine von mir? – Ich sollte Schuld sein, dass eins der reizendsten Mädchen einsam verblühte? – dass es einen glücklichen Mann weniger in der Welt gäbe? – Nimmermehr! Auch ist das alles Schwärmerey. Weißt Du noch, wie wir einmal beide ins Kloster wollten? – Ach sage was Du willst! sind wir mit einem Mann nicht glücklich, ohne ihn sind wir es noch weniger.
Bedarfst Du keiner Stütze, keines Schutzes? Bedarfst Du nicht der Mutterfreuden, und gewiss auch der Mutterleiden, um ganz gebildet zu werden? Bedarfst Du nicht der Härte, der Ungerechtigkeit eines gröber gebildeten Wesens, um Deine ganze Weiblichkeit kennen zu lernen, und in ihrem Heiligthume Deinen Himmel zu bilden? – Ist es nicht deswegen notwendig, dass es an Deiner Seite stehe, um die Blicke der Menge anzuziehen? Wie könntest Du sonst, von allen Welthändeln befreit, in der Stille nur Deiner höhern Bildung leben.
Ach sage! merkst Du denn nicht den Willen der Natur? – Sie haßt alle plötzlichen Übergänge, darum stellte sie das Weib zwischen den Mann und die glücklicheren Wesen der künftigen Welt. Gewiss! dahin deuten alle unsere Leiden und Freuden! Ja sogar das Bedürfnis der Männer. Sie verlangen offenbar etwas mehr als blos menschliches von den Weibern. Das gründet sich nicht auf Ungerechtigkeit, sondern auf reinen Instinkt. Wenn wir mit Demuth und kindlichem Sinne dies glauben, werden es die Männer wohl dulden.
Dulden! Herzchen, darüber habe ich bis zum Weinen gelacht. Allerdings werden sie es dulden! Duldeten es doch die amerikanischen Pflanzer, wenn man ihren Sclaven die Freuden der künftigen Welt recht anschaulich machte, und ihren elenden Zustand als ein Mittel zur höhern Bildung darstellte. Fahre nur so fort! und Du wirst bald eine zweite Elise werden.
Gott! ist es nicht himmelschreiend? dass selbst Weiber unsre Ketten erschweren! – Kann man sich etwas abgeschmackteres und inkonsequenteres denken, als eben diese Elise wie sie sein sollte? –
Trägt ihr Vermögen – was offenbar ihren unmündigen Kindern gehörte, und um so mehr für sie erhalten werden musste, da ihr Herr Papa ein ausgemachter Taugenichts war – trägt es hin zu der Buhlerin eben dieses lieblichen Herrn.
Zwar bringt dieser Heroismus Fußfälle, Anbetungen und Versöhnungen hervor, und ist, in sofern diese Herrlichkeiten nicht anders zu bekommen waren, in dem Romane recht nützlich. Im wirklichen Leben aber mögte er wohl etwas ganz anderes, und höchst wahrscheinlich, eine gänzliche Trennung hervorgebracht haben.
Freilich die gute Elise war nun einmal gewohnt, auf ihrem Kothurne im höchstmöglichen Pathos einherzuschreiten, und hatte das Glück von ihrer gutmüthigen Schöpferin bis an ihr pompeuses Ende darauf erhalten zu werden. Meinetwegen mag auch wer da will, ihre Stelzenschuhe erben! Nur meine Julie soll sie nicht tragen.
Soll nicht? – habe ich ihr denn zu befehlen? – O ja! ich habe ihr zu befehlen, dass sie sich nicht unglücklich machen soll – und wenn ich ihr das nicht mehr befehlen darf; so mag ich nicht mehr leben.
Du meine treue Einzige! ich drücke Dich in Gedanken an mein Herz, und bedecke Dein liebes zorniges Gesicht mit tausend Küssen. O mitten unter Deinem Schelten fühle ich wie sehr Du mich liebst. Mein lieber Schutzengel! sei doch nur ruhig! Ja, ja! ich will vorsichtig, behutsam sein, nicht schwärmen, und Deinem Rathe folgen. Aber sage mir auch, dass Du wieder ruhig bist! nicht ängstlich für mein Schicksal sorgest. Nein, meine Wilhelmine! ich werde nicht unglücklich! gewiss, ich kann es nicht werden. – Gieb doch dem Boten ein paar Zeilen, damit ich weiß, dass Du nicht böse bist.
Ein paar Zeilen? – Sieh, das ist es ja eben was Dich unglücklich machen wird! dieses Herz voll unzerstörbarer Liebe! – Was? ich? ich soll nicht böse sein? – Hast Du denn gepredigt, gescholten, die Hofmeisterin gespielt? – Sieh! so verwechselt Dein Kinderherz! Statt empfindlich und zurückhaltend zu werden, wie ich es wohl verdient hätte, kömmst Du und bittest, ich möge nicht böse sein. –
Ach wenn nun ein solcher eingefleischter Teufel seine Krallen in dieses Engelherz schlägt; wie wird es bluten! – Nein! ich dulde es nicht! ich kann es nicht dulden! –
Was ich treibe? Nicht viel Gescheutes! – Belagern schon seit Jahr und Tag, muss endlich die Belagerung in eine Blokade verwandeln, und werde meinen Zweck wohl nur mit Hülfe einer sehr genanten Kapitulation erreichen können.
Ja! Ja! exclamire nur! – Die Zeiten ändern sich, man ist nicht immer jung, und die Siege werden schwerer. – Am Ende muss man doch auch für einen Heerd sorgen, und die Dämchen, womit man sich am meisten amüsirt, taugen gerade am wenigsten dabei.
Meine jetzige Prima Donna ist freilich in gewisser Rücksicht verzweifelt eigen; aber sie wird eine gute Hausfrau. Dafür stehe ich Dir. Etwas ähnliches von Sanftmuth und Geduld! – Nein, ich versichre Dir, es übersteigt allen Glauben.
Ob ich ihr denn schon Gelegenheit gegeben habe diese an mir zu üben? – Nein! nein! so arg ist es nicht. Aber die Mutter! – das Weib ist offenbar von sieben Teufeln besessen. Ich bedarf alle Augenblicke meines ganzen Savoirfaire, um meine Wuth gegen diesen Beelzebub zu bekämpfen.
Freilich arbeitet sie doch am Ende zu meinem Nutz und Frommen. Wer weiß ob ich nicht aufs Alter noch ein bischen wunderlicher werde, und wie viel Geduld ich dann verbrauche. –
Überhaupt wage ich nicht viel bey der Sache. Das gute Schäfchen besorgt mein Hauswesen und ein paar Buben, die meinen Nahmen fortpflanzen. Wartet mich, wenn ich krank, und zerstreut mich, wenn ich hypochondrisch bin. Übrigens versteht es sich von selbst, dass wenn es mir früh oder spät einfällt, einen kleinen Seitengang zu machen, keine Achs und Ohs vorfallen. Das würde mich wahrhaftig am wenigsten zurückbringen.
Aber dafür ist auch gesorgt; der Mund dieses sonderbaren Mädchens scheint nur zum Lächeln geformt. Wahrhaftig! ich schäme mich es zu gestehen – aber wenn ich dieses Lächeln sehe – nein, ich kann es Dir nicht sagen, wie mir da wird – und Du glaubst es mir auch nicht. Schreibe doch bald.
Eine Entdeckung! tausend Element, da musst Du mir dienen! Höre nur! in Br..., und noch dazu in Deiner Nachbarschaft, wohnt eine Amazone, die mit Julien correspondirt. Revolutionäre Grundsätze! Eine förmliche Empörung gegen das ganze Männergeschlecht! – Wie? soll man das dulden? – Es geht nicht! Es bringt Unheil! – Habe ich auch nichts zu befürchten; so ärgerts mich doch.
Mit einem Worte: Du musst die Juno bekehren; oder bey Gott! mit der Correspondenz hat es ein Ende! – Könnte mir dem Mädchen Dinge in den Kopf setzen, die ich in meinem Leben nicht wieder herausbrächte
Wollen da raisonniren! – wollen untersuchen, ob wir Recht haben die Herren zu spielen. Eine schöne Geschichte! – Recht oder Unrecht! genug, was wir sind, das sind wir, und werden wir, so Gott will, schon bleiben.
So etwas ist unerhört – und noch dazu in unsern Zeiten! wo das Elisiren ordentlich Mode wird. – Das kommt von dem vermaledeiten Aufklären. Könntet ihr dann nur zur rechten Zeit Einhalt tun. Ja! bändigt einmal den Strom; wenn ihr die Dämme eingerissen habt.
Aus Grundsätzen sollten die Weiber gut sein? – Zum Henker mit euren Grundsätzen! Der Spinnrocken und die Nähnadel, allenfalls die Bibel und das Gesangbuch, und statt aller Grundsätze ein männliches Du sollst! – So hieß es in alten Zeiten, und unsere Väter befanden sich wohl dabei.
Wahrhaftig! dafür mögte ich noch lieber in Italien geblieben sein. Man gewinnt doch an Sinnlichkeit, was man an Herrschaft verliert. Die kleinen spirituellen Satans halten doch in gewissen Augenblicken schadlos und zwingen einen nicht, wie die deutschen Jungfrauen, die Katze im Sacke zu kaufen und ihre ekelhafte Treue Jahre lang mit herumzuschleppen.
Sollte mein Olivier wohl jemals recht gewusst haben was er wollte? – Also noch immer der Lobredner voriger Zeiten, und alles dessen was er nicht hat? – In Italien sehnt er sich nach den deutschen Weibern, in Deutschland nach den Italienerinnen. Dort wurde die Treue, die Reinheit der deutschen Mädchen, das hohe Jungfräuliche in ihrem Wesen gepriesen; hier scheinen diese belobten Eigenschaften eben so viele Fehler zu sein.
Arme Weiber! wann werdet ihr den männlichen Egoismus befriedigen? – Seid ihr eingeschränkt an Verstande; so glauben wir uns berechtigt euch als bloße Mittel zur Befriedigung unserer Sinnlichkeit zu gebrauchen. Untersteht ihr euch zu denken; so beschuldigen wir euch der Unweiblichkeit und betrachten euch als Empörer. Behandeln könnt ihr uns mit der höchsten Vernunft, nur wissen dürft ihr nicht, dass ihr sie habt. Alles Große und Erhabene an euch dulden wir nur als Instinkt, nie als Raisonnement.
Aber Olivier, liegt dieser schreckliche Despotismus in der Natur? und läge er darin, müssten wir ihn dann nicht eben so wie die Erbsünde bekämpfen? – Wahrlich ich glaube es ist einmal Zeit, wenn wir anders auf wahre Bildung Anspruch machen wollen. Achtung der Weiber war immer der richtigste Maasstab für die Cultur einer Nation.
Von Deinem Auftrage ein anderes Mal. Nur so viel zur Nachricht: ich kenne Deine Amazone. Sie ist ein höchst interessantes Mädchen. Eben deswegen habe ich mich aber sehr vor ihr gehütet. Unsere Angelegenheiten mit dem F...schen Hofe werden alle Tage ernsthafter, der Gesandte wirft alles auf mich, und da muss ich schlechterdings jede Zerstreuung vermeiden. Doch so bald ich wieder Othem hole, besuche ich den Vater. Er ist ein alter ehrlicher Brausekopf, der seine Tochter und ihr ungeheures Vermögen gern in guten Händen wissen mögte. Aber das Mädchen hat ihm bis diesen Augenblick widerstanden, und scheint sich wirklich über alle Männer lustig zu machen. Auch Deinem gehorsamen Diener wird es schwerlich besser ergehen.
Welch ein verzweifelter Moderomtismus! – Lenke ein; wenn Dir an unsrer Freundschaft gelegen ist. Wahrlich! das käme mir recht! auch Du auf der Weiber Seite? – Gott verdamme mich! es scheint eine ordentliche Modekrankheit zu werden. Wo will das hinaus? – Und nun sogar Du! bist wohl in alten Zeiten ein solcher Frauenlob gewesen. Aber jetzt! – Ein Mann, der sich acht Jahr in der großen Welt herumgetrieben hat! – Was? – Stehe Rede! beichte! Du bist verliebt; aber in Wen? – In die Amazone! Pfuy! ein solcher Jungfernknecht! Ein Weib das alle Männer verachtet, sollte ich lieben? – Ich komme! ich komme! verlaß Dich darauf! Mit meinen Augen will ich es sehen und ... Doch davon nachher.
Hat es noch immer nicht ausgebraust? Noch immer mit der ganzen Welt, und vieleicht mit sich selbst am meisten im Kriege! – Komme nur! Dann wirst Du sehen und hören was Du sicher nicht erwartest. Bis diesen Augenblick war ich noch immer einige hundert Schritte von Wilhelminen K... entfernt. Aber das willst Du ja nicht, und so möge Dein Wille geschehen. Für den Ausgang kann ich nicht bürgen.
Mit der ganzen Welt im Kriege? Ja! so bald sie sich meinem Genusse widersetzt. Blick um Dich her! ist es anders in der großen, ewigen Natur? – Die abgeschmackten Friedensgedanken! Nur in Schafsköpfen können sie entstehen. Pestartig würde er wirken! euer belobter Friede. – Nur Stürme reinigen die Luft. Dafür geben wir euch zu, dass es sich bey Zephyren sanfter einschlummern lasse.
Mit mir selbst im Kriege? O nein! vormals wohl, jetzt nicht mehr. Euer inkonsequentes Moralsystem verrückte mir den Kopf. Jeden Augenblick war es mit meinen Leidenschaften im Gedränge, und ich wusste mir nicht zu helfen. Jetzt weiß ich was ich will, oder vielmehr, was die Natur durch mich will. Ich Thor wollte klüger sein als sie, die mich zu ihren Zwecken bildete! –
Gestern Abend war die moralische Drathpuppe, der Xavier bey mir, und demonstrirte zum rasend werden die Allmacht des Menschen. Ich langweilte mich am Fenster, und sah endlich zu meinem Vergnügen, am äußersten Horizonte, ein Donnerwetter sich bilden. Während er noch im besten Declamiren war, trieb es ein Sturm herüber. Die Menschen flohen, Angst und Schrecken in ihren Gebehrden. Der Blitz splitterte die große Eiche auf meinem Hofe, und ein Bauer, der Vater von zehn Kindern, wurde erschlagen.
Der arme Schelm dauerte mich, und ich will auch die Kinder versorgen; aber ich konnte mich doch nicht enthalten dem Schwätzer Xavier zuzurufen: »siehe da den Commentar zu Deiner Abhandlung! Ihr ohnmächtigen Würmer! was vermöget Ihr gegen diese große Bildnerin und Zerstörerin?
Von Eurem Willen, von Eurer Freiheit schwatzt Ihr? – Ein Blitzstrahl, ein Erdstoß! und Ihr seid alle zertrümmert. Dann findet Eure Freyheit, Euren Willen in den Millionen Stäubchen wieder, die Ihr vormals Euer Ich nanntet. Versucht, ob Ihr sie zusammen bringen und Euch dieses Ichs bewusst werden könnt. – Wahnsinnige! hört einmal auf zu grübeln! lebt, genießt; weil ihr da seid! – Das Übrige möge die Unergründliche leiten.«
Und darum Krieg! Krieg gegen alles, was irgend einen Genuss mir verkümmert! Zum Wohlseyn bestimmte mich die Natur. Dafür seh' ich die Ameise streiten; dafür streite auch ich. Will ein stärkeres Wesen mir dieses Wohlseyn rauben; so fliehe ich. Ein schwächeres; so unterdrücke ich. Hat es Kraft sich zu wehren; gut, so mögen wir streiten. Dem Sieger ist wohl, darum strebe ich es zu werden. Wer kann es mir verdenken? Wohlseyn ist meine Bestimmung.
Und, sagt was ihr wollt! all' euer Realismus, und Idealismus läuft doch am Ende darauf hinaus. Ihr erzeigt euerm gerühmten Popanz, eurem Knecht Ruprecht, Pflicht genannt, doch nur so viel Ehre; weil ihr hoft, die Christbescheerung werde darauf folgen.
Du schweigst? – glaubst Du ich werde meine Drohung erfüllen? Ach nein! diesesmal kommst Du mit dem Schrecken davon. Ich kann nicht. Das wunderbare Mädchen hält mich zu fest – und so unbefangen, als wüsste sie nichts davon. Auch weiß sie es nicht; sie kennt nicht ihre Gewalt. Noch vor wenigen Monden wäre es mir selbst unglaublich gewesen.
Sieh, ich denke nicht mehr an die Nützlichkeit ihrer Sanftmuth und Güte. Ich sitze still und bewundere. Die Mutter ist seit einigen Wochen krank. – Ach nein, es lässt sich nicht beschreiben! Sehen müsstest Du ihn diesen tröstenden Engel. – Selbst das bitter böse Weib – Gott mag wissen, wie sie zu der Ehre kommt diese Tochter zu haben! – scheint von der himmlischen Güte ergriffen. Auch in ihren starren, wilden Furienaugen lese ich Bewundrung.
Sieh, es ist wahr, ich bin stolz, ich kann es nicht leiden, dass mich jemand meistert, und ich habe immer gesagt: was ich bin will ich bleiben. Aber, ja! ja! ich will es nicht bergen, vor diesem Mädchen könnt' ich mich demüthigen, könnte ihr alle meine Fehler bekennen. Ach, über ihren Mund kam ja niemals ein Vorwurf, und in ihrem Herzen wohnt die ewige Liebe. Auch wenn ich sie nicht sehe, versinke ich glücklich und selig in das Anschauen ihrer erhabenen Liebenswürdigkeit. Ihr großer Verstand, ihre mannichfaltigen Talente, das alles verschwindet, und man ist sich nur ihrer Güte bewusst.
Spotten? – worüber sollte ich spotten? Meinst Du ich heiße Olivier? – Ich freue mich, dass ich Recht habe. »Er ist besser als sein System.« Das sagte ich schon vor mehreren Jahren, und das wiederhole ich noch jetzt.
Wie abgeschmackt! mich da hin zu setzen, und Dir vorzudemonstriren, dass Deine Teufelslarve eine Teufelslarve ist. Genug, sie verschiebt sich alle Augenblicke, und jetzt in Gegenwart dieses Engels, den Du mir schilderst, ist sie ja ganz abgefallen. Sonderbar genug, weißt Du nicht einmal etwas davon, und ich habe nun vollkommen Zeit, mir die wohlbekannten Züge wieder einzuprägen.
Was? der Mann der da schreibt: »ich denke nicht mehr an die Nützlichkeit ihrer Sanftmuth und Güte, ich sitze still und bewundere,« das wäre der schändliche Egoist, der wie ein gieriges Raubthier nach Beute hascht, und alles zerfleischt was sich ihm widersetzt? –
Glaube mir! Du verstehst, Du kennst Dich selbst nicht. – O dass ein edler Mensch in Deiner Nähe, Dich wieder an Größe und Güte glauben lehrte! – Aber was sage ich! Da hast ja alles was Du bedarfst. Überglücklicher Mensch! beinahe hast Du zu viel.
Beste Wilhelmine! meine Mutter ist krank, und Olivier ... ach, Olivier liebt mich nicht mehr. – Stundenlang kann er in sich selbst vertieft sitzen, dann springt er mit einem male auf, tritt vor mich hin, starrt mich an und versinkt dann wieder in seine vorige Träumerey. Es ist als wäre ich ihm fremd geworden. Sonst war er doch freundlich, jetzt ist er so ernst, mißt mich so sonderbar mit den Augen. – Sollte er denn wirklich glauben, ich mache alles so schlecht, wie meine Mutter es sagt? – Aber er bedenkt nicht, dass sie krank ist, und dass man ja selten einem Kranken etwas recht machen kann. Wenigstens sollte er doch meinem Bestreben Gerechtigkeit wiederfahren lassen.
Andere loben mich dann wieder so übermäßig. Aber wie kann mir das Freude machen! – Es sticht gar zu sehr ab, gegen den immerwährenden Tadel meiner Mutter, und ihn, das sehe ich ja, macht es immer tiefsinniger. O meine Wilhelmine! schreibe mir doch einmal; damit ich weiß, dass ein menschliches Wesen mich noch liebt.
Ich lese den Brief wieder durch – freilich, meine Mutter hat Recht, ich schreibe jetzt sehr schlecht. Aber Liebste! wie ist es anders möglich? Kaum alle vier Wochen bekomme ich einmal eine Feder in die Hand, und erholt sich meine Mutter nicht bald; so werde ich das Sprechen eben so verlernen. Selten kann ich etwas sagen, worüber sie sich nicht ärgert.
Ach liebe Wilhelmine! – ich sollte es wohl verschweigen, aber wirklich, ich leide jetzt sehr viel, und sehne mich unbeschreiblich Dich einmal zu umarmen.
Er sollte Dich nicht mehr lieben? – Nimmermehr! Aber Du, Du liebst ihn! das ist leider bewiesen. So muss ich Dich verlieren? – Dich um dieses Mannes willen verlieren! – Wie war es möglich! Wie konntest Du den schrecklichen Abstand übersehen! – Aber da liegt das Unglück! eigentlich liebst Du nicht ihn; denn das was Du so nennst ist nicht er. Dein eigenes Geschöpf, das Gebilde Deiner Phantasie ist es; ausgestattet mit allen Eigenschaften, die Dein liebendes Herz bedurfte. Aber wenn nun der Traum verschwindet, wenn Du nun diesen Menschen, mit dem ausgebrannten Herzen, als Deinen Herrn ehren, seinen Launen huldigen, und seinen lasterhaften Wahnsinn den höchsten Verstand nennen sollst? – Wenn Dein Kindersinn für Dummheit, Deine Sanftmuth für sclavische Furcht, und Dein edles Dahingeben für schwächliche, weibische Anhänglichkeit gelten muss. – Wer wird mich dann trösten! –
Und was schwazte ich vorhin! Er liebe Dich noch? Hat er Dich denn jemals geliebt? – woher käme ihm der Sinn, woher die Kraft dazu! – Er kann nur zweierley; Dich sinnlich begehren, oder Dich wie eine fremde Erscheinung anstaunen. Irre ich nicht; so hast Du ihn gezwungen, sich zu dem letzten zu erheben, und weiter bringst Du es nicht, verlaß Dich darauf.
Ich habe sie gesehen, Olivier! habe mich eine Stunde mit ihr unterhalten, und bekenne, dass sie eine durchaus neue Empfindung in mir hervorgebracht hat.
Denke Dir den Körper der Mediceerin – nur etwas größer. – Wirf ein weißes langes Gewand um diesen reitzenden Körper, den Kopf – doch das mögte Deiner Phantasie schwerlich gelingen, Dir diesen sonderbaren Kopf zu zeichnen. Ein dunkelbraunes, lockiges Haar auf einer blendenden gebietenden Stirne. Zwei lange geistvolle Braunen über ein paar schwarzen durchdringenden Augen, voll Unschuld und jungfräulicher Würde, voll Muth und anziehender Redlichkeit.
Sonderbar! eben diese Redlichkeit macht den bleibenden herrschenden Eindruck. Nur einen Augenblick ist man sich seiner Sinnlichkeit bewusst. Dann aber geht diese Sinnlichkeit nicht, wie bey Andern, in Bewunderung oder in anspruchlose Zärtlichkeit über. Nein, man vergisst ihr Geschlecht, man vergisst, dass diese schöne, kraftvolle Seele in einem weiblichen Körper wohnt. Es ist einem wohl, man wünscht, dass es immer so bleibe. Ohne Leidenschaft, ohne süße peinigende Unruhe. Ist man unglücklich; so flüchtet man gewiss zu ihr. Man weiß es, sie wird einen nicht verlassen, in Noth und Tod wird sie treu bleiben.
So charakterisirt sie sich durch ein paar gehaltvolle Worte, ohne Anspruch dahingeworfen. Ach, da ist an keine Koketterie, weder feine noch grobe, weder erlaubte noch unerlaubte zu denken. So wie sie ist, giebt sie sich, gleichviel was sie dadurch wirkt. An Liebe denkt sie nicht. Das sieht man. Auch – ich gestehe es – bringt sie sie nicht hervor. Schöne genußvolle Ruhe, kindliches herzliches Dahingeben, das fühlt man, und damit scheint sie zufrieden. Ohnedem wäre sie es. – Wahrlich ich glaube sie genüget sich selbst.
Ich habe geirrt, Olivier! Nein, sie genüget sich nicht. Eine große Leidenschaft herrscht dennoch in dieser großen Seele. Es ist die Liebe zu ihrer Freundin.
Gestern war ich bey ihren Ältern. Von ohngefähr kam die Rede auf Julie von S. Plötzlich überzog ein hohes Roth das schöne Gesicht, und eine Träne verdunkelte das herrliche Auge.
»Sie sind mit einander aufgewachsen« – sagte die Mutter, eine herzensgute Frau – »und meine Wilhelmine treibt eigentlich ein wenig Abgötterey mit ihr« – »Vor ihr, willst Du sagen« – unterbrach sie der Vater – »deutsch heraus! sie ist ein wenig vernarrt. Ich glaube, der Weg könnte über Vater und Mutter gehen, wenn er nur zu der angebeteten Julie führte.«
Während dieser väterlichen Grobheit beobachtete ich Wilhelmine. Aber da war keine Spur von Ärger, von Empfindlichkeit zu bemerken. Es schien als sei gar nicht die Rede von ihr gewesen. Mit ihrem königlichen Anstande – in der That, ich kann ihn nicht anders nennen – näherte sie sich dem Fenster, bereitete der Mutter ein Glas Selterwasser, und reichte es ihr weder mit Demuth noch mit Stolz; nein, mit einem gutmüthigen, beschützenden Lächeln, als wollte sie sagen: sei ruhig, du weißt, dass ich dich liebe. Habe ich auch gehört was er sagte; es bleibt darum alles wie es war.
Die Mutter blickte dankbar zu ihr auf, und der Vater rückte ihr mit einer wahren Kammerdienerphysionomie, in komischer Verwirrung den Stuhl zurecht. Wollte sich dann ermannen, und bekam nun, da er vor sie hintrat, das Ansehn eines gezüchtigten Schulknabens. Gewiss wider ihren Willen; denn sie litt unter seiner Verwirrung, und schlug ganz sicher nur deswegen einen Spaziergang in den Garten vor.
»Ja ich gestehe es – sagte sie im schönen Enthusiasmus – alle meine Wünsche beziehen sich nur auf sie, sie ist die Hofnung meines Lebens. Ich weiß es wohl, man glaubt nicht an Weiberfreundschaften. Aber wüssten Sie, wie wir von Kindheit auf mit einander gelebt haben – Sie würden es begreifen. – Sehen Sie! ich hatte einen wilden eigensüchtigen Charakter. Kein Wunder! Ich war das einzige Kind. Man hatte alles, und leider nichts umsonst getan, mich zu verderben. Gewiss, es würde ein sehr böses Geschöpf aus mir geworden sein; hätte dieser Engel mir nicht zur Seite gestanden.
Konnte meine sogenannte Erzieherin mich nicht mehr bändigen; so schickte sie zu Julien. Bey ihr vergaß ich meinen Eigensinn und alle meine Launen. Wie ein Friedensengel wurde sie vom ganzen Hause empfangen.
Alles was ich gelernt habe, weiß ich durch sie. Kein Lehrer konnte bey mir aushalten. Da gerieth man auf den Einfall, Julie mit mir unterrichten zu lassen, und dieser Einfall that Wunder; eine Träne, ein Lächeln von ihr beherrschte mich, mich, die alles um sich her unterdrückte.
Aber auch das veränderte sich gar bald. Zu ihrer himmlischen Liebe, womit sie Gute und Böse umfasste, konnte sie mich freilich nicht erheben; aber Gerechtigkeit hat sie mich wenigstens gelehrt. Gelehrt, sage ich? – Ach in ihrer stillen Demuth wusste sie nichts davon. Tausende würden es nicht geahnet haben. Nur allein meine heftige, ungestüme Liebe zu ihr wurde sichtbar.
Für Julie! – sagte ich bey der ersten Blume, bey dem schönsten Apfel, bey der geschmackvollsten Kleidung. – Stoßt sie nicht an! das rathe ich Euch – rief ich, wenn man im Gedränge ihr zu nahe kam. – Ein Bedienter der das Unglück hatte ein wenig heiße Brühe auf ihre Hand zu schütten, musste seinen Abschied fodern; weil ich jedesmal laut aufschrie, wenn ich ihn erblickte. Mit einem Worte! sie ist mein Alles und wenn ich sie verliere, wenn sie unglücklich wird, mag ich das ekelhafte Leben nicht mehr tragen.«
Jetzt hielt sie plötzlich inne. Ich sah es, sie bereuete die letzten Worte. »Theuerstes Fräulein! – sagte ich – mich dünkt, Sie fürchten zu sehr für ihre Julie.« – »Nein! nein! rief sie – ach, Sie wissen nicht!« – »Ich weiß alles« – fiel ich ein, und ward erst durch ihr Erstaunen meine Unbedachtsamkeit gewahr. Sie hatte – aber dieser Brief wird ja ein Buch. Ein andermal davon.
Es wäre doch sonderbar, wenn Du mich besser kenntest als ich selbst. – Verändert bin ich, das ist gewiss. Solltest Du es glauben? Alle meine kleinen Liebschaften sind aufgegeben, ohne alle sinnliche Schadloshaltung aufgegeben.
Was ist das nun? Ist es Schwärmerey oder Natur? – Denn sage was Du willst! Ein Weib ist doch ein Weib, und wenn sie schön ist und ich gesund bin; so muss ich als Mann ihrer begehren. Gleichwohl – Dank meiner Enthaltsamkeit – bin ich gesünder als jemals, und doch scheint mir jede Berührung Entheiligung.
Vormals ließ es sich erklären, aber jetzt, da ich keinem andern Weibe mich nähere. – Wirklich! ich bin mir ein Räthsel. – Wenn die Engelgestalt mich umschwebt, beugen sich unwillkührlich meine Knie, und hätte ich den verdammten Hofmeister-Ton nicht angenommen, wer wüsste was ich thäte.
Sonderbar! schon seit ihrem zwölften Jahre hat die Mutter sie gewöhnt, mich als ihren künftigen Mann zu betrachten. Gleichwohl habe ich sie noch immer wie ein Kind behandelt! und weiß mich der Zeit zu erinnern, wo ich fest entschlossen war, sie – trotz der Mutter Heyrathsprojecten – als ein bloßes Amüsement zu gebrauchen.
Wodurch ist dieser stillsiegende Geist in das Mädchen gekommen? Von ihrer Mutter hat sie ihn nicht, von ihrer Freundin Wilhelmine eben so wenig. – Sollte es denn wirklich höhere Naturen geben, die unabhängig von Beispiel und Erziehung, sich schwebend über allem Irdischen erhielten? Ach nimm es nur hin das Bekenntnis, ich bin uneins mit mir selbst – ich weiß nicht mehr was ich glaube.
Ob es Schwärmerey oder Natur ist? – Warum soll Schwärmerey der Natur entgegengesetzt werden; da sie in der Natur gegründet ist? – Man denkt sich darunter ein Losreißen von allem Sinnlichen, ein Umherschweifen in höhern Regionen, wo keine Erfahrung uns folgt. Aber diesem Losreißen verdanken wir das Edelste was wir haben. Ohne Schwärmerey hätten wir keine Philosophen und keine Dichter, keine Religion, keine Kunst und keine Wissenschaft. Vor der Entdeckung Amerika's war Kolumbus ein Schwärmer, und den ersten Schiffer hat man vielleicht einen Wahnwitzigen genannt. Gewiss kann man über einen Menschen keinen schrecklichern Fluch aussprechen als den: erhebe dich nie über die Erfahrung. –
Ich weiß nicht mehr was ich glaube – sagst Du – aber Du fühlst es; und das ist genug, Gott, das Schicksal, die Natur, oder wie Du es nach Deiner Vorstellungsart nennen willst – liebt Dich und führt Dich weise. Dieses himmlische Mädchen allein konnte Dein Herz retten. Mögte es auf lange Zeit, mögte es für immer sein! –
Freilich, ich gestehe es, kann man sich bey aller Freundschaft einer Art Unwillens nicht erwehren, dass dieses herrliche Geschöpf Dir aufgeopfert werden soll. Aber ich bin nun einmal Dein Freund; wie kann ich aufhören es zu sein? – Mag es das Schicksal verantworten! – Ich darf nichts als Dir treu bleiben.
Kontextbild zum Werk. Die Honigmonathe – historische Buchseite — Historische Druckseite zum Vergleich mit der Lesefassung. · Caroline Auguste Fischer · Public domainBildquelle ↗
Was war das? – Du darfst nichts als mir treu bleiben – Darfst nicht? – Also wenn Du nun dürftest? – – Mein Herr! das gilt einen Gang! – Von hier bis ... sind nur dreißig Meilen.
Gänge so viel Du willst. Ich habe zwar mit dem berühmten Sieger bey M... zu tun; aber mein Fechtmeister war doch auch mit mir zufrieden, und für eine solche Sache kämpft es sich vortreflich.
So trotzig? – Du weißt, dass ich Dich liebe; aber baue nicht zu viel darauf. Mögtest Dich irren. – Nun Du hast sie nicht gesehen! das ist mein Trost. Am Ende kommt auch wohl alles von der Amazone. Sie mag schöne Gemählde von mir entwerfen. – So gar arg ist es nicht, Mademoiselle! Machen Sie immer den Pferdefuß etwas kleiner! – Mit aller Weisheit haben Sie doch wohl auch Ihre bösen Augenblicke! so wie unser Einer seine guten, und hätten Sie meine Julie nicht gehabt, wer wüsste. –
Wahrlich! wenn ich es recht bedenke, bin ich nicht ein Thor, diese Korrespondenz noch zu dulden? – Als Juliens Vormund, wie leicht konnte ich sie verbieten. –
Sei ruhig! Du wirst nichts tun, was Dich schmerzt. Im Nothfalle verhindere ich Dich daran; so wie ich es vormals getan habe. – Du bist Juliens Vormund; nicht ihr Tyrann. Mäßige Dich! es giebt Mittel sie Deiner Gewalt zu entziehen,
Tod und Teufel! was untersteht Ihr Euch! Mich zwingen! das wäre das erste Mal in meinem Leben! – Und wenn sie nun meine Verlobte, wenn sie nun meine Frau ist? Was wollt Ihr dann? – Ah ha! daran habt Ihr nicht gedacht! – Wartet! ich werde Euch lehren, mir Regeln vorzuschreiben. Noch in dieser Woche ist die Verlobung, und dann kommt einmal und mischt Euch in meine Angelegenheiten.
Es war die höchste Zeit, beste Mutter! Einen Tag später, und meine Julie war verloren. Ich fand die Alte noch im Bette, und Julie schöner und duldender als jemals. Man sah es, sie hatte geweint, gewacht, unbeschreiblich gelitten; aber es ist und bleibt das Gesicht eines Seraphs. Noch etwas größer ist sie geworden, und ihre blonden Haare schattiren jetzt in das Braune. Ihre Haut ist blendender, und der Blick ihres großen Himmelauges dringt bis in das Innerste der Seele.
Der schreckliche Mensch war auch da, und zitterte vor Wuth, da ich mich Julien näherte. »Die Mutter könne sie nicht entbehren, es sei vor dem Winter unmöglich,« und was dergleichen Ausflüchte mehr waren. – Aber jetzt übergab ich Ihren Brief. Herr Olivier fand nun für gut die Maske abzuziehen, erklärte gerade heraus, er werde es nicht dulden, und erhitzte sich während seiner Protestation so sehr, dass er wirklich schäumte, als der Arzt – Juliens zweiter Vormund – herein trat.
Ich wandte mich sogleich an ihn, und bat um seine Entscheidung. Er war ganz für die Reise und behauptete, Julie werde ohne diese Zerstreuung einer ernsthaften Krankheit nicht entgehen. Um den Herrn Obristen völlig zu schlagen, bot er seine Schwester zur Wartung der Mutter an, und so konnte man denn vernünftiger Weise nichts mehr einwenden.
Noch ehe der Obriste sich von seiner Betäubung erholte, war der Reiseplan fertig, und Julie fiel mir, wie eine erlöste Gefangne, mit einem Thränenstrome um den Hals.
Der Obriste, und sogar die Mutter wurden heftig dadurch erschüttert. Juliens Lächeln hatte die Peiniger getäuscht, und jetzt erst schien das ganze Bewußtseyn ihrer Schuld zu erwachen.
Die Mutter sah starr auf den Boden, und der Obriste, nachdem er wie ein Rasender umhergelaufen war, stürzte mit einem Male vor Julien nieder, und rief mit seiner fürchterlichen Stimme, halb bittend, halb drohend: »Julie! Sie wollen mich verlassen!«
Das unterdrückte Mädchen schloss sich jetzt noch ängstlicher an meine Brust. Auch bekenne ich, wie ich da den Mann, durch dessen Hand so viele Menschen starben, wie ich den Koloß da vor uns liegen sah, fühlte ich selbst eine Art Schauder.
Doch ermannte ich mich wieder. »Lieben Sie Julie, Herr Obrister – sagte ich, indem ich das zitternde Mädchen zu einem Stuhle führte – so können Sie sich dieser Reise nicht widersetzen.« – Er antwortete mir nur mit einem wüthenden Blicke, rafte sich auf, und verfinsterte, indem er mit seinen klirrenden Sporen an das Fenster trat, das ganze unter seinem Fußtritte bebende Zimmer.
»Wann werden Sie reisen?« – fragte die Mutter. »Morgen – antwortete ich – die Wege möchten sich verschlimmern.« – »Morgen! – rief der Obriste – das geht nicht! Morgen ist die Verlobung.« – »Und davon sagtest Du mir nichts?« – redete ich Julien an.- »Weil ich es nicht wusste« – antwortete sie mit ihrer Flötenstimme. – »Du wüsstest es nicht! – rief ich – und so wird es Dir angekündigt! – Julie! – fuhr ich fort, indem ich ihre beiden Hände ergriff und sie fest gegen meine Brust drückte – Julie? wirst Du Dich morgen verloben?«
Ich glaube sie sah die Verzweiflung auf meinem Gesichte. – »Nein – antwortete sie – ich werde reisen.« – In diesem Augenblicke schrie die Mutter laut auf: »dem Obristen wird nicht wohl!« – Wir sahen uns um und er hieng bleich wie eine Leiche über der Lehne des Sopha's. Julie wollte sich zu ihm hinneigen; aber noch ehe sie sich losmachen konnte, rief ich unsern Bedienten: »Friedrich! dem Herrn Obristen ist nicht wohl! geschwinde seine Leute!«
»Er wird krank werden« – sagte Julie wehmüthig, als wir in ihre Kammer traten. »Und Du – antwortete ich – würdest auf Dein ganzes Leben elend werden. Was ist schlimmer?«
»O meine Wilhelmine – rief sie, indem sie das Engelgesicht an meine Brust legte – Gott weiß es wie sehr ich Dich liebe, und wie gern ich Dir folge! aber hätten wir ihn nicht etwas mehr schonen können? – Sein Kummer ist mir fürchterlich. – Ich bin nicht daran gewöhnt.« –
»Liebst Du ihn« – sagte ich, indem ich sie von meiner Brust zurückdrängte und ihr starr in die Augen sah. – »Wilhelmine! – antwortete sie – Ach Gott! ich kenne die Liebe nicht! Aber wenn ich ihn liebe; so ist die Liebe kein süßes Gefühl.« –
»O es ist gut! es ist alles gut! – rief ich, und drückte sie wieder fest an mein Herz – Du fürchtest ihn nur, bist an ihn gewöhnt, kannst ihn nicht leiden sehen – das ist es, und weiter nichts. Fort! fort von hier! damit Du begreifst, wer Du bist, und von wem Du Dich trennest.«
»Aber morgen schon?« – sagte sie – »Heute, wenn es möglich ist« – wollte ich antworten; aber ich besann mich geschwinde, und als hätte ich nichts gehört, fing mit ihr an, Kleider und Wäsche zum Einpacken hervorzusuchen.
»Spute Dich – rief ich – Du hast so lange keine Bewegung in freyer Luft gehabt. Wir müssen bey dem herrlichen Wetter schlechterdings noch eine Spazierfahrt machen. Meine Leute holen Vormittags den Koffer, und so ist auf morgen alles besorgt.«
Die Schlüssel fielen ihr aus den zitternden Händen; aber ich hob sie wieder auf, schloss zu, und steckte sie zu mir. Nun giengen wir zur Mutter, die wir glücklicher Weise allein fanden. Der Herr Obriste war nach langem Warten endlich davon gegangen; freilich aber mit der Drohung, gleich nach Tische wiederzukommen. Die sogenannte Spazierfahrt musste also beschleunigt werden.
»Hier wird uns der Obriste nicht suchen,« – sagte ich, als wir in das Wäldchen kamen – »Aber fahren wir auch zu weit?« – fragte Julie. »Nicht weiter als nötig ist – antwortete ich – diesen Abend sind wir in P...«
Und so gieng es nun rasch nach P.... Gestern kamen wir an, und heute sind wir schon eingerichtet. Die Zahl der Brunnengäste ist ansehnlicher als jemals, und die mannichfaltigen Zerstreuungen werden auf Julien vortheilhaft wirken.
Lassen Sie bald etwas von sich hören, beste Mutter, und schonen Sie Ihre Augen, aber nicht Ihren Secretair. In der That, ich glaube Reinhold hat das Amt gerne übernommen, und Sie können sich ganz auf ihn verlassen.
Ihre Frau Mutter ist wohl, und hat seit gestern merkliche Besserung an ihren Augen verspürt. Demohngeachtet wird meine theure Freundin – ich habe ja die Erlaubnis, Ihnen diesen Nahmen geben zu dürfen – mit einer Secretairsnachricht vorlieb nehmen müssen.
Der Herr Vater kann sich, wie gewöhnlich, zu keinem Briefe entschließen, und ist tiefer als jemals in seinen Acten vergraben. Kaum war es ihm möglich, mir einen Gruß für seine Julie zurufen zu können.
Olivier ist seit drei Tagen bey mir. Fast mögte ich sagen, er dauert mich. Ich finde ihn nicht sowohl äußerlich als innerlich bis zum Unkenntlichen verändert, und gestehe, unter allen Zaubereyen der Liebe ist mir diese eine der merkwürdigsten.
Gleichwohl droht sein oft mit Würde verhaltener, oft wie ein reißender Strom hervorbrechender Schmerz alle Vernunft zu überwinden. Anfangs wollte er mich zwingen, ihm Juliens Aufenthalt zu entdecken, und nur lange nach einer sehr ernsthaften Scene, war er im Stande meine Verbindlichkeit zu begreifen. Nun will er fort, Sie aufzusuchen. Ich werde ihn reisen lassen, und hoffe auf diese Weise seine Genesung am sichersten zu bewirken.
Warum bin ich abgereist? warum habe ich Dich nicht gezwungen, mir ihren Aufenthalt zu entdecken? – Und hätte ich Dir den Degen auf die Brust setzen sollen – nicht wahr? endlich musstest Du nachgeben? – Gestehe es! Du wanktest schon? – O ich knirsche vor Wuth, dass ich Dich so entwischen ließ!
Wie ich hier ankam, wie ich das alles überlegte, wollte ich gleich wieder umkehren. Aber da verwirrten mich die dummen Nachrichten meiner Bedienten. Der Eine wollte dies, der Andere das gehört haben. Am Ende bist Du auch wohl so tückisch, Julien eine Veränderung des Aufenthalts vorzuschlagen, um Dich nachher mit Deiner Unwissenheit brüsten, und mich dann völlig rasend machen zu können.
Siehe! ich schwöre es! Wo ich es Dir, wo ich es Euch allen vergebe; so möge Gott mir keine meiner Sünden vergeben. Mich diesem entsetzlichen Schmerze, diesen Höllenquaalen Preis zu geben! – Und was wird nun die Frucht Eurer Weisheit sein? – Unglück! schreckliches Unglück! denn wenn ich sie nicht finde – o ich mag es nicht ausdenken, was ich dann thue.
Dummköpfe! Ihr grausamen Dummköpfe! Wolltet Ihr mich in Euer moralisches Joch spannen; nur mit Ihrer Hülfe war es möglich. Ach! ich fühlte wie es Tag ward in meiner Seele, wie mein beßres Selbst anfieng zu erwachen, wie Glaube und Hofnung zu lebendigen Gestalten sich entwickelten. Das habt Ihr nun alles zerstört. Es ist wieder Nacht, tiefe Nacht um mich her, und ein lebenzerstöhrender Schmerz nagt in meinem Innern. – Was soll ich nun tun? – Tun? – Hier ist nicht von einem Tun, von einem Leiden ist die Rede. Olivier leiden? – Nimmermehr! Ehe zerfleischt er sein eigenes Herz.
Ich werde also meine theure Mutter mit ein paar recht klaren gesunden Augen wieder finden? und diese lieben Augen werden segnend auf mir ruhn. – Ach wie hat sie mich geliebt und getragen! das begreife ich erst jetzt an der Seite meiner Julie, wo alle gute Empfindungen die herrschenden werden.
Sie streitet nicht, sie widerspricht mir nicht; und doch habe ich schon wer weiß wie viele Male meine Meinung aufgegeben. Machte ich irgend eine kleine boshafte Anmerkung, konnte ich mich eines bittern Urtheils über die Männer und was dahin gehört, nicht enthalten; so erwartete ich wenigstens eine mißbilligende Miene von Julien; aber ich sah nichts als das Lächeln, was unser Zeichenmeister schon in ihrer Kindheit das unnachahmliche nannte.
Zärtliches Mitleiden, holde Schaam, dass ihr reines Herz sie über den Andern erhebt, Angst, Vorgefühl der Reue, die es sich bereitet – das alles liegt in diesem wunderbaren Lächeln. Wahrscheinlich hält sie jeden Fehler, jedes Laster für eine Krankheit. Wenigstens kann man ihr Betragen nicht anders erklären. Gerade zu den boshaftesten Menschen fühlt sie sich am meisten hingezogen. So wie die Ärzte sich bey den gefährlichsten Kranken am längsten verweilen.
Seit acht Tagen ist hier ein Weib, dessen Zunge nur aus Gift und Galle zusammengesetzt scheint. Nur, sobald ich Julie vermisse, finde ich sie gewiss an der Seite dieses Weibes. Jeden Ausbruch der Bosheit scheint sie für einen Ausbruch des Schmerzes und sich für berufen zu halten, ihn zu lindern. Ein Kind, eine schöne Blume, eine heitere Aussicht, müssen ihr wechselsweise dienen, die scheußliche Phantasie des Weibes zu beschäftigen. Oft wenn die blauen Lippen sich zu einer neuen Lästerung öfnen, schließen sie sich wieder bey Juliens Lächeln und das Gift bleibt in dem Drachen zurück.
Donnerstags Abends. Ich hatte Recht, beste Mutter! Wahrhaftig! sie hält das scheußliche Weib für krank. Heute war mein Sinn darauf gesetzt, sie zu einem ordentlichen Widerspruche zu zwingen.
»Nicht in dem gewöhnlichen Sinne. Aber glaube mir, jeder lasterhafte Mensch ist es minder oder mehr. Nanntest Du nicht selbst einmal Oliviers Denkungsart lasterhaften Wahnsinn?«
Ja, wenn ich ihn nicht sehe, wenn ich nicht unmittelbar unter seiner Bosheit leide. Aber in dem Augenblicke, wo ich beleidigt werde, muss ich die Beleidigung instinktartig zurückwerfen, muss voraussetzen, der Beleidiger sei ein freier Mensch, fähig, sich nach vernünftigen Gründen zu bestimmen. Hat er es bis dahin nicht gekonnt; so verhelfen ihm sehr oft meine Vorwürfe dazu. Er begreift, dass er anders handeln muss, um mir nicht hassenswürdig zu werden.
»Liebste Wilhelmine! dies glauben viele Menschen, und doch – was bringt dieser Glaube hervor? Nach meiner kleinen Erfahrung gerade das Gegentheil von dem, was man hoft: dass ich in dem Beleidiger – schuldiger oder unschuldiger Weise – eine unangenehme Empfindung erregt habe, ist ja schon durch die Beleidigung erwiesen. Sie selbst, obgleich sie ihm eine täuschende Erleichterung verschaft, bringt wieder eine unangenehme Empfindung hervor. Nun füge ich – um das Unglück vollkommen zu machen – eine drei doppelt so unangenehme hinzu. Wie natürlich, dass er durch eine gerechte oder ungerechte Kraftäußerung diese Menge unangenehmer Empfindungen auf mich, den widrigen Gegenstand zurückwirft. Und so ist denn der Anfang zu einer, wer weiß wie viele Jahre dauernden Feindschaft gemacht.«
»Was die Männer sollen, das weiß ich ich nicht. Sie haben ihren Degen und mit dem lässt sich vielerley ausmachen. Aber Güte und Sanftmuth sind ja unsere einzigen Waffen? Mir wenigstens, kommt eine Frau die sich auf irgend eine Weise zu rächen sucht, wie eine ekelhafte Mißgeburt vor.«
So? mich dünkt sie könnte sich aber auch dadurch bewogen fühlen etwas weniger giftig zu werden. Denn, sage was Du willst, man muss sich doch, wegen ihrer Bosheit, an sie selbst halten.
»O ja! wenn man abgerechnet hat, was Erziehung, Umstände und Temperament dazu beigetragen haben. Wenn man versucht hat, was die äußerste Liebe über sie vermag.«
Und dazu bist nun gerade Du berufen? Musst Dich um dieses Weibes willen von einer Freundin trennen? Ich will es noch erleben! in das Polterkämmerchen wird man mich stecken.
Da kommt sie! Ich muss schließen und habe Ihnen noch gar nicht geschrieben, was ich eigentlich schreiben wollte. Nun, das nächste mal. Viele Grüße an meinen lieben Vater und an Reinhold.
Noch habe ich keine Zeile von Dir gesehen. Freilich! wohin kannst Du mir schreiben! – Ich irre herum wie ein Verbannter, suche Ruhe und finde sie nicht.
Reinhold! sei menschlich! entdecke mir ihren Aufenthalt. Sieh! ich gebe Dir mein Ehrenwort: ich will sie nicht zwingen. Nein! sie soll frei bleiben. Mag sie dann auch ihre Freiheit zu meinem Nachteil gebrauchen.
O Reinhold! gieb mir sie wieder! damit ich diesen entsetzlichen Schmerz in meiner Brust nicht mehr fühle. Ach wie ist alles so wüste seitdem ich sie nicht mehr habe! – Nur die Hofnung sie zu finden, konnte mir das Leben erhalten.
In G.... haben sie das Äußerste versucht mich zu erheitern. Vergebens! Weiber, Wein, Vergnügungen, alles ist mir zum Ekel. Sprechen sie nun gar von meinen stachlichten Lorbeeren; so möchte ich davon laufen. Ach was sind meine Metzeleyen gegen ihre stille, himmlische Größe? – Was sind die gepriesensten Weiber gegen diese Unvergleichliche! – Wahre Zieraffen! die nicht einmal die Hälfte von dem, was sie ist, scheinen können.
Sieh! ich bin unglücklich! auf mein ganzes Leben bin ich unglücklich, wenn ich sie nicht finde. Ich ließ mir aus Verzweiflung den Zügel wieder schießen, wollte mich betäuben. – Aber es geht nicht! es geht nicht! – Ach ich fühle mich dann noch trostloser, noch weiter von ihr entfernt.
Aber kann ich ihr nicht schreiben? Reinhold! ich will ihr schreiben. Dir selbst schicke ich den Brief. Du musst, ja Du wirst ihn besorgen! – Nein, das kannst Du nicht! nein, Du behältst ihn nicht zurück. – Du liebst mich noch, Du willst nicht, dass ich verzweifle. O Reinhold! Du schickst ihr den Brief. – Ich schreibe! ich schreibe.
Julie! haben Sie mich vergessen? O Julie! hassen Sie mich? – Ich bin unglücklich, unbeschreiblich unglücklich. Ich sehe, ich höre Sie nicht mehr. – Nein, aus Sich selbst haben Sie das nicht getan. Man hat Sie gezwungen, Sie gewaltsam mir entrissen.
Aber dieser Brief wird in Ihre Hände kommen. Sie werden ihn lesen. Julie! wollen Sie nicht wiederkehren? wollen Sie mich nicht der Verzweiflung entreißen? – Es ist alles verändert. Gewiss Sie sollen frei bleiben. Aber lassen Sie mich Ihre Stimme wieder hören! nehmen Sie diese schreckliche Nacht von meiner Seele! – O Julie! sagen Sie mir, dass Sie mich nicht hassen. Julie! meine einzige Julie! kehren Sie wieder! Ich nenne, ich schreibe Ihren Namen so oft. Ach es liegt etwas tröstendes in diesem Namen. –
Aber Sie können diesen Brief nicht lesen. Meine Hand zitterte so heftig. Ich muss ihn abschreiben. Wird meine Julie mir antworten? Gewiss! woher nähme sie die Härte zu schweigen.
Ich habe den Brief wieder abgeschrieben, und kann mich noch immer nicht von dem Blatte trennen. So lange es in meinen Händen ist, fühle ich nicht den entsetzlichen Schmerz in meiner Brust. Mich dünkt, Sie hätten es schon berührt, hätten es gelesen. Ihre Antwort stünde darauf. O meine Julie! werden Sie mir antworten? –
Ein Brief an Dich, darin einer an Julie, ist gestern abgegangen, und nun erst fällt mir ein, dass ich Dir abermals keine Addresse gegeben habe. Ach, seitdem sie mich verlassen hat, verwirren sich meine Gedanken. Das Nothwendigste vergesse ich, Kleinigkeiten betreibe ich mit einer lächerlichen Wichtigkeit, schwatze oft Stundenlang, und weiß am Ende kein Wort davon.
Nun, wegen der Addresse. – Du schickst Deinen Brief nach P.... Der König kommt dorthin, und will mich sprechen. Ich zittre, dass vom nächsten Feldzuge, dass von einem Auftrage die Rede sein wird. –
Zwar habe ich meine Ruhe theuer genug erkauft; aber werde ich nein sagen können? Werde ich es dürfen? – Auf keinen Fall reise ich, ohne sie gesehen, ohne ihr Wort zu haben.
In diesem Augenblicke empfange ich einen Brief von Olivier, nebst dem Einschlusse an Ihre Julie. Ich schicke Ihnen beides mit einem reitenden Bothen, der mir versprochen hat, sich und sein Pferd nicht zu schonen. Noch hoffe ich, er werde früher kommen, als der Obriste, und ihnen Zeit verschaffen, Ihre Maaßregeln zu nehmen.
Dem Himmel sei Dank! dass es meines Rathes nicht bedarf. Ich gestehe Ihnen, bey Oliviers Zustande ist mir die Unpartheilichkeit nicht möglich. – Unvorbereitet konnte ich Sie gleichwohl nicht lassen. – Ach unter diesen heftigen Erschütterungen verwirren sich meine Geschäfte. Oliviers Leidenschaft ist unmerklich in mich übergegangen. Oft verwechsele ich mich mit ihm, und mich dünkt, ich sei es, der Julie verliere. Dann reißt meine Phantasie mich wieder zu Ihnen hin, und ich zittre Olivier möchte Julie entdecken. Wie wird das enden? – Sagen Sie mir, beste Freundin! haben Sie keine Ahnung davon? –
Alle Ahnungen sind überflüssig. Ihr Bothe kam nur zwei Stunden später als er sollte; aber wir sind entdeckt. Der König war schon seit geraumer Zeit hier und suchte Julie eben so geflissentlich auf, als sie ihn vermied. Welch Wunder! dass er bey seiner außerordentlichen Reitzbarkeit, sich angezogen fühlt, wo die kältesten Männer gerührt werden. – Julie in ihrer Kinderunschuld meinte, es sei Wohlgefallen an unserm Geschwätz und fürchtete nur das Aufsehen. Aber seine Augen haben ihn verrathen, und jetzt, nach der Ankunft des Obristen ist kein Zweifel mehr übrig.
Schon seit mehreren Tagen hatten wir unter dem Vorwande einer Unpäßlichkeit allen Spaziergängen entsagt. Endlich lockte uns das schöne Wetter aus unserm Zimmer hervor. Wir glaubten überdem, der König sei ausgeritten, und athmeten sorgenlos die reine erquickende Luft, als wir plötzlich seine Stimme dicht neben uns hörten. »Lasst ihn hierher kommen,« – sagte er zu seinen Leuten, und stand vor uns, ehe wir nur versuchen konnten, ihm auszuweichen.
Ein paar Minuten, und wir sind, trotz unserer Einsylbigkeit, wieder meisterhaft ins Gespräch verwickelt. Aber mit einem Male ruft der König: »Ah da ist er! Nicht wahr? Sie verzeihen mir, wenn ich einen alten Freund in Ihrer Gegenwart bewillkomme?« –
Jetzt erscheint ein großer entsetzlicher Mann in p... Uniform am Ende der Allee. Der König verdoppelt die Schritte. Wir müssen folgen. Auch der Mann nähert sich schneller. »Julie! – rufe ich mit einem Male – wer ist das?« – »Der Obriste Olivier!« – sagt der König, starrt mich an, und wendet sich dann zu Julie mit der Frage: »kennen Sie ihn?« – »Es ist mein Vormund« – antwortet sie gefasst; aber bleich wie eine Leiche. Der König steht still, und seine Augen ruhen unverwandt auf Julien. So findet uns der Obriste.
Es war unmöglich den gewaltsamen Kampf zwischen Anstand und überwältigender Empfindung bey ihm zu verkennen. – »Wahrscheinlich eine ganz unvermuthete Zusammenkunft?« – sagt der König in einem empfindlich höflichen Tone. – »Meine Braut – antwortet der Obriste, und seine Augen sprühen Flammen – musste sich ohne Abschied von mir trennen.« – Mit einer tiefen Verbeugung setzt er nach einem allgemeinen Stillschweigen hinzu: »ich habe nicht säumen wollen Ew. Majestät Befehlen zu gehorchen.«
»Verbunden! sehr verbunden!« – ruft der König im lustig sein sollenden Tone – »Aber jetzt wäre es grausam Ihnen mit meinen Angelegenheiten beschwerlich zu fallen. Kommen Sie Fräulein! – indem er sich zu mir wendet – Sie müssen Ihr Versprechen erfüllen, und mir die neue Anlage zeigen.«
»Sie ist es nicht?« – ruft er, und weckt mich erst jetzt aus meiner Betäubung. Ich will mir helfen – Vergebens! er lässt nicht nach mit Fragen, treibt mich von einer Unbesonnenheit zur andern, und verwickelt mich endlich so sehr in meine Antworten, dass mir bald nichts mehr zu gestehen übrig bleibt.
Mit tödtlichem Schrecken sehe ich ihn jetzt meine Hände in unbändiger Freude ergreifen und sie mit Küssen bedecken. Höre ihn mich beschwören, seine Freundin zu sein, Julie zu bewegen, seinen Schutz anzunehmen, zu glauben, dass er mein Vertrauen auf keine Weise missbrauchen werde. – O Gott! ich weiß nicht mehr, was er mir alles sagte. – Mir war, es habe der Donner vor mir eingeschlagen. Stumm, zitternd und taumelnd ließ ich mich von ihm bis zu meinem Zimmer begleiten.
Julie fand mich im Fieber. Noch jetzt bin ich nicht davon befreit. Das Reisen hat uns der Arzt verboten. Haben sie die Güte meine Mutter zu benachrichtigen. Fort müssen wir, das ist gewiss. Aber wann? wohin? kann ich noch nicht entscheiden.
Juliens Gesundheit scheint unverwüstbar. Sie spricht mir Muth ein, und versichert, es werde noch alles gut gehen. Ach woher nehme ich die Kraft, ihr meine Unbesonnenheit zu gestehen? Ich suche die Gelegenheit und zittre davor. Auf jeden Fall melde ich Ihnen unsre Abreise.
Wäre ich nur in dem Gewühle des Krieges geblieben. Hätte irgend ein feindlicher Säbel, eine wohlthätige Kugel sich meiner erbarmt; dann wäre ich jetzt im Frieden. – Doch wer weiß – Wahrhaftig! man könnte versucht werden schon hier an eine Vergeltung zu glauben. Wie oft hat mich die Eifersucht der Weiber amüsirt – und jetzt! – Der König hat sie gesehen – und in meinem Herzen ist die Hölle mit allen ihren Quaalen.
Ob ich für sie fürchte? O denke es nicht! Es ist Lästerung. Nein sie ist und wird ewig bleiben was sie war. Aber er sieht sie, er untersteht sich ihre Hand zu berühren. Begreifst Du, was ich leide? – Ob ich ihrer denn würdiger bin? Das sage ich nicht! Keiner ist ihrer würdig. Aber er – er mag es wagen einen seiner Gedanken laut werden zu lassen.
Sonderbar müssen wir uns neben einander ausnehmen. Er schmeichelt mir, und ich, natürlicher Weise, bin gezwungen ihn zu schonen. Aber unsre Blicke mögen einen schönen Kommentar abgeben. – Weswegen er mit seinem Auftrage noch nicht hervorrückt? ist mir unbegreiflich. Ich warte darauf, um das Entscheidende zu wagen.
Sieh! was hat nun all Eure Vorsicht geholfen? – Das Schicksal führt uns trotz Euch wieder zusammen. Ohnfehlbar habt Ihr statt zu verbessern verschlimmert. Wahrlich! Ihr mögtet was darum geben, dass alles im vorigen Gleise noch fortschlenderte. Dann wüsste ich noch nicht, was es heißt, ohne sie zu leben. Dann wäre vielleicht eine sanfte allmählige Trennung noch möglich. Jetzt ist es Raserey daran zu denken. Sie oder den Tod. Darauf könnt Ihr Euch verlassen.
Versuchen Sie einmal, sich eine kurze Zeit leidend zu verhalten. Besonders handeln Sie nicht gegen den Obristen. Es ist gefährlich. – Meine theure Freundin! Lassen Sie uns auch gegen ihn gerecht sein. Wahrlich! er leidet sehr viel; gewiss mehr, als wir begreifen.
»Aber Julie?« – Julie, bestes Fräulein! ist sicher. Und wäre sie es nicht – in der That, dann zweifle ich, dass wir ihr Sicherheit verschaffen können. – Nur Zeit gewonnen! dann ist alles gewonnen. Wenigstens, alles was uns zu gewinnen übrig bleibt.
Ganz richtig! ich soll wieder Tausende zur Schlachtbank führen; weil es dem Herrn, weil es seiner allmächtigen Dame so beliebt. Meine braven Kerle lassen sich in Stücken hauen, ich stürze ihnen nach, wie ein Verrückter, und das alles wird, gegen eine Nation die für Eigenthum und Freiheit kämpft, zu nichts dienen, als ein paar Lücken in den Zeitungen auszufüllen.
Sollte nicht eine Zeit kommen, wo die armen hungrigen 4 Groschen Helden, ihren an der Verdauung laborirenden Gebiethern die Waffen zu Füßen legen, und in Demuth anhalten würden: Höchstdieselben mögten, wenn irgend etwas zwischen Ihnen und Dero Herren Vettern auszumachen sein sollte, die Gnade haben, solches mit eignen hohen Händen zu bestreiten. Besagte Helden wären indessen gesonnen das Feld zu bauen und auf diese Weise zu den Thronverzierungen das Ihrige beizutragen; wofern nur die Hasen und Hirsche der Herren Gebiether nichts dawider einzuwenden hätten. – – Ja ich glaube, sie wird kommen diese Zeit. Die Herren Gebiether werden sie selbst herbeiführen und auf diese Weise für die Unverdaulichkeiten am besten Sorge tragen.
»Sonderbarer Einfall!« – riefen Ihro Majestät und beliebten dabei mit entsetzlichen Schritten das Zimmer zu messen. – »Ich glaube wahrhaftig, Sie haben mich zum Brautwerber ausersehen.«
»Nun! so haben Sie Sich erst seit Kurzem darauf gelegt. Denn, gestehen Sie! es war doch sehr komisch, schon bey unsrer ersten Zusammenkunft Fräulein S... Ihre Braut zu nennen; und jetzt noch einer Vorsprache zu bedürfen.«
»Ach mein lieber Obrister! es ist eine gar eigene Sache um ein Frauenzimmerherz. – In unsern Jahren tut man sehr wohl, keine zu großen Ansprüche daran zu machen.« –
Bester Olivier! wenn Du noch nicht gegangen bist; so höre mich. Ach dass es Dir möglich wäre Dich zu fassen! die Folgen einer Übereilung zu begreifen. – Hast Du alles vergessen? – Sie sollte frei bleiben, Du wolltest sie nicht zwingen. – Nun soll sie sich aufopfern, soll ihr ganzes Leben hindurch weinen. Was hat die Reine, Unschuldige getan, so in ein entsetzliches Schicksal verwickelt zu werden? Warum soll sie den Mann ihres Herzens nicht wählen dürfen? – Deine Liebe selbst müsste sie schützen. Welch eine Gestalt hat diese Liebe angenommen! – Könnte ihr ärgster Feind schlimmer gegen sie handeln? –
Olivier reiß Dich einmal los von Dir selbst! Du kannst es, wenn Du es willst. Schreite mutig aus dem Zauberkreis der Leidenschaft. Jetzt bist Du ein Dritter, bist nicht mehr der von schrecklicher Eigenliebe bis zum Wahnsinn verblendete Olivier. Olivier! was fühlt nun Dein menschliches Herz? – Ach sieh! es kehret nie wieder das Blütenalter der Liebe. – Soll sie es niemals durchleben? Wenn sie nun einst, wie Du es glaubst, mit uns zerstört wird, wenn kein Bewußtseyn ihres vorigen Zustandes möglich ist, wenn vielleicht kein besserer ihrer wartet; dann willst Du es sein, der ihr die einzigen Augenblicke raubt, die den Menschen für sein Daseyn trösten können!
Du hast sie nicht gesehen; das macht Dein Philosophiren begreiflich. Auch bewahre Dich Gott dafür! Du wärest noch unglücklicher als ich, Du würdest leiden, wo ich handle.
Wer zweifelt, dass ich mein Verfahren an einem Dritten missbilligen würde? Aber ich, ich kann nicht anders. »Schreite muhig aus dem Zauberkreis der Leidenschaft.« Aber in diesen Kreis hat das Schicksal meine ganze Glückseligkeit gebannt. Außer ihm ist eine scheußliche, grausenvolle Öde. Ich kenne sie schon diese Hölle. Nein, nein! dass ich mich vor den Quaalen der Verdammten schütze, das will ich verantworten.
Ach wenn das Treiben und Drängen der unglücklichen Erdenwürmer mich anekelte, wenn Wollust und Ruhmsucht mir schienen was sie sind, wenn ich mich nach allen Seiten wendete und trostlos fragte; warum? warum wozu? – Dann erschien sie mir wie ein höheres Wesen, die grübelnde Vernunft war gefangen, und ich glaubte.
Nein, Du irrst! nein sie kann nie aufhören zu sein, und sollten wir alle verschwinden. Sie ist mit sich einig, ist ein unzerstörbares Ganze. In ihr lebt wahrhaft ein unsterblicher Geist. Darum will ich mich an sie schließen, will fest an ihr halten, dass sie mich hinüber ziehe in das unbegreifliche Leben.
Noch habe ich sie nicht gefragt. Ein sonderbares, linkisches, muthloses Wesen befällt mich in ihrer Gegenwart. Aber sie sieht was ich leide, sie begreift, wie unmöglich es ist, dass ich sie einem andern Manne überlasse. Auch vermeidet sie jede männliche Gesellschaft. Es ist gut, ich weiß ihr Dank dafür; aber es kann, es darf auch nicht anders sein – ich würde rasen.
Freilich! manchmal erschrecke ich wohl vor dem Gedanken, sie könne ganz die Meinige werden. – Aber dann habe ich sie ja, dann wird die Gewohnheit, sie zu sehen und zu besitzen, diese quaalvolle Empfindung mildern. Dann werde ich nicht mehr die Gewänder, die sie umschließen, die Lüfte, die sie umwehen, beneiden.
Letzt kamen wir von einem Spaziergange. Sie klagte über Durst, und foderte ein Glas Wasser. Wie sie es so mit Begierde ergriff, es an den Mund brachte, und nun in hastigen Zügen es leerte – ja, da hatte ich mit mir zu kämpfen. Zweimal streckte ich die Hand aus nach dem Glase, und ließ sie dann beschämt wieder sinken. – Wer hätte mich begriffen? wer hätte geahnet was ich litt, sie etwas so mit Begierde verlangen, es körperlich mit sich vereinigen zu sehen. – Endlich bekam ich das Glas und – freilich stieg mir das Blut dabei ins Gesicht – ja ich konnte es nicht lassen, heimlich zerschmetterte ich es gegen einen Stein.
Ich soll mich leidend verhalten? – Nun Sie werden sehen, wohin das führt. Sicher wäre sie? – Mein guter Freund! was nennen Sie sicher? – Dass für ihre Unschuld nichts zu fürchten ist; wer kann davon mehr überzeugt sein als ich? Aber ihre Ruhe! – Sie sollten nur hier sein! –
Wahrlich! Herr Olivier scheint all Ihr Mitleiden verbraucht, und Ihre Gerechtigkeit nur für sich in Beschlag genommen zu haben. Er kommt mir vor wie jener Wolf, der sich beklagte, dass er ein schönes Lamm in der Nachbarschaft, wozu er doch so großen Appetit habe, nicht zerreißen könne. Darnach mögen Sie ohngefähr schließen, welchen Eindruck seine Leiden auf mich machen, und wie sehr ich gesonnen bin, mich duldend dabei zu verhalten.
Die unglückliche verblendete Julie sieht freilich mit andern Augen. Jeden Tag peinigt sie sich, irgend eine neue gute Eigenschaft an dem Herrn Obristen zu entdecken.
»Es ist doch ein schöner, großer Charakter! voll Kraft und ausdauernden Muth. So weich kann er nun freilich nicht sein, wie ein Weiberherz ihn verlangt. Aber gewiss! er ist empfänglich für alles Gute und Schöne. – Dass er unser Geschlecht vormals nicht schätzte? ach das mogte vielleicht seine Schuld nicht sein. – Dass er ein wenig viel gelebt hat? Es ist eine Schimäre, Reinigkeit der Sitten von einem Manne zu verlangen. – Seine Hände triefen zwar von Blut; aber er stritt ja für sein Vaterland« – Wenn ich das Wort höre, beiß ich mir in die Lippen – »und die Welt nennt ihn einen Helden.«
Für den Herrn Obristen ist demnach in aller Herzen gesorgt; nur in dem meinigen wollen seine Vollkommenheiten nicht haften. – Trotz des Schafpelzes, steht mir leider der Wolf immer vor Augen, und ich kann die Zeit nicht vergessen, wo er glaubte die jetzige Verkleidung entbehren zu können. Früh oder spät wird er den alten bequemen Glauben wieder annehmen, und wehe dann einem Jeden, der nicht auf seiner Hut ist!
Immerhin wollte ich alles gelten lassen; wenn sie ihn nur liebte. – Es wäre doch eine befriedigte Leidenschaft, die in dem genußleeren Menschenleben wohl einige Rücksicht verdient. – Aber, sie fühlt nichts als Mitleiden. Davon bin ich jetzt lebhafter als jemals überzeugt.
Dass der König, bey aller sogenannten Liebenswürdigkeit sie nicht gerührt hat, bedarf wohl keiner Versicherung. – Aber seit einiger Zeit ist hier ein junger Sicilianer, der, wenn der Obriste für einen Herkules gelten kann, sich dreist für einen Apoll ausgeben darf. Er spricht das Deutsche nur gebrochen; aber es klingt wie Musik in seinem Munde. Er kann nur halb dadurch andeuten, was er wünscht; aber seine Bewegungen voll südlichen Feuers und südlicher Anmuth sagen mehr als die vollkommenste Sprache. Der Obriste ist sein Held und Julie sein Abgott. Wohl bemerkt! dass dieser Abgott sehr menschlich für ihn empfindet.
Aber glauben Sie, man überließe sich dieser sehr natürlichen Empfindung? behüte! So wie der junge Mann erscheint, läuft man davon und mögte lieber die Fenster zumauern, um nicht den vierten Theil eines sichtbaren Ermels auf seinem Gewissen zu haben. Nichts desto weniger gerathen der Herr Obriste sehr häufig in große Verlegenheit. – Jetzt muss ich abbrechen; aber nächstens sage ich Ihnen vielleicht ein Wörtchen darüber.
Heute stehe ich mit dem überlegten Vorsatze auf, sie um eine entscheidende Antwort zu bitten. Ich trete in die Allee, und halte noch einmal jedes Wider und Für in meinem Kopfe zusammen; als ein wunderschöner junger Mann mich anredet. Ich sehe ihn an, und schreye laut auf: »Antonelli!« – »Sein Sohn,« – antwortet er, und liegt in meinen Armen.
Als ich ihn so an meine Brust drücke, und mich nicht satt an ihm sehen und küssen kann; zieht er ein Schreiben hervor. Es war von der Mutter. Wie weich ich jetzt bin! – ich konnt' es nicht auslesen. – Du weißt, der Vater fiel an meiner Seite. – Das Mutterherz hatte gesprochen, und – wie gesagt – ich konnt' es nicht auslesen.
Ich gab ihm die Hand, und nannte ihn meinen Sohn. Das Wort war heraus. Einige Minuten darauf hätte ich es nicht sagen können. Julie trat in die Allee und ein Gewühl von schmerzhaften Ahnungen umpfieng meine Seele. –
Heldenseele erwache! Auf mein Olivier! es gilt! Zum Kampfe gegen das tückische, grausame Schicksal! Sieh! es will Dich unterjochen! – Meinen Olivier unterjochen! – O der Schande! Nein, nein! Noch kann er die entehrende Leidenschaft überwinden. Triumphiret nicht! plötzlich wird er erwachen, und sich bewusst werden was er ist, Trieb nach einer unendlichen Tätigkeit hat ihn in dieses Labyrinth geführt; aber eine höhere Liebe als die, welche er darin suchte, wird ihn aus der Finsterniß leiten.
Nein, er soll nicht Verzicht tun auf Glückseligkeit. Im höhern Maaße, als er es jemals geahnet hat, wird sie ihm zu Theil werden. Nur Muth! nur einige Schritte! wie viel Anstrengung sie auch kosten! Sie führen zum Lichte, zum höheren, genußvolleren Leben.
Ich bedurfte Ruhm; mein Kopf und mein Arm mussten ihn erwerben. Mein Körper foderte sinnlichen Genuss; für und ohne Geld hatte ich mehr als ich brauchte. Mein Geist dürstete nach Wahrheit; und ich war glücklich genug, das was ich gefunden hatte, dafür zu halten.
Jetzt war mein Lebensplan fertig. Ich wollte genießen; und es fehlte mir nicht an den Mitteln. Wer hätte mich nicht glücklich gepriesen? – Aber mein Herz war vergessen, und rächte sich schrecklich an mir.
Was bleibt nun übrig? – Aufgeben? Verzicht tun? – Da steht die Unmöglichkeit! überwinde sie wenn Du kannst. – Ja, wäre die Rede nur von sinnlichem Wohlgefallen; ich würde den Gegenstand wechseln, mich betäuben, und vergessen. Aber Sie! – O Gott! –
Wie konnte ich diese Vortreflichkeit ahnen, in der gräßlichen ewig verschlingenden Natur? In ihr, die ihre Kinder nur zum Tode gebiert, und was sie schaffen, mörderisch im ewigen Kreislaufe zerstört. Konnte ich glauben, sie wollte etwas anderes; als vorüberfliegenden sinnlichen Genuss für ihre Geschöpfe? – Sah ich nicht die Unglücklichen nur darum sich zerfleischen? Fand ich nicht Dummheit oder Heucheley, wenn sie vorgaben für etwas Edleres zu kämpfen? Hatte ich selbst jemals für etwas Erhabeners gestritten? Oft wollten die Andern mich es glauben machen und würden mich vielleicht zu diesem Glauben bekehrt haben, wäre er zu meiner Ruhe notwendig gewesen. Aber bey meinem System konnte ich gar wohl seiner entbehren.
Uns aufgerichteten Thieren schien mir ganz recht zu geschehen, wenn wir beym Fluge nach den Sternen durch die mütterliche Erde, etwas unsanft an unsere Abkunft erinnert würden. Diese Luftschifferey, nach so vielen mißlungenen Versuchen, ferner noch zu treiben, schien mir ganz eigentlicher Wahnsinn, und der damit Behafteten glaubte ich keinen bessern Weg als zum Arzte vorschlagen zu können.
Jedesmal, wenn mir nun das Leben nicht genügte, mir ekelhaft vorkam, suchte ich den Grund in einem krankhaften Zustande meines Körpers, und war glücklich oder unglücklich genug, mir durch eine Reise, durch irgend eine andere Zerstreuung wieder aufzuhelfen.
Aber da sich dieses Engelherz mir öfnete, war es um mein System, und mit ihm um meine Ruhe geschehen. Dieser himmlische Sinn, kein Werk des Beispiels, der Erziehung, war rein und vollendet aus den Händen der Natur hervorgegangen; hatte alles was ihn entheiligen konnte, mit eigner Kraft zurückgestoßen.
Denke, wie diese nicht nachgebetete, oder einsam ergrübelte, sondern durch lebendige Erfahrung abgedrungene Bemerkung auf mich wirken musste! – Mir war, als träte ich aus einer dumpfigen Gruft an das erquickende Tageslicht, als öfne sich mir eine Unendlichkeit voll Wünsche und Hofnungen. – Begreifst Du nun, dass ich nicht bloß sie, dass ich mich, mein beßres Selbst in ihr liebe? –
»Sie kann trotz allem – wirst Du sagen – meine Freundin bleiben.« Nein, nein! das ist ein leerer Schall! Muss ich sie, die mein eigentliches Leben in sich schließt, Stunden, Tage lang, ohne die Hofnung, dass sie mir einst ganz angehören wird, entbehren, kann ich diesen himmlischen Körper nicht innig mit mir vereinen, ein Wesen mit ihm ausmachen; so ist es um mich geschehen. Ein Anderer sollte das alles besitzen? – O dann halte nur die Kette für mich bereit! –
»Muth?« – Nun man sagt, ich habe ihn gezeigt. – Von einem andern Muthe sprichst Du? Wohlan! auch gegen das Böse habe ich jetzt Muth. Aber sich von dem ewig Guten zu trennen, das tut nur ein Wahnwitziger.
Die Verlegenheiten des Herrn Obristen wollte ich Ihnen zum Besten geben und war freilich damals gestimmt in einen ziemlich komischen Ton zu verfallen; aber leider hat es jetzt mit diesen Verlegenheiten eine sehr ernsthafte Bewandniß, und das Komische giebt sich von selbst.
Geschlagene Leute sind wir! – Ein schreckliches, unerhörtes Verbrechen lastet auf unserer Seele. – Mit einem Worte! – fassen Sie sich – wir haben ... getanzt. – Ob die Erde nicht bebte? ob sich die Sonne nicht verfinsterte? – Ach nein! Aber der Obriste hat, vor Schrecken und Ärger, einen Schwindel davon getragen.
Nach, wer weiß wie vielen abschlägigen Antworten, bittet uns der König heute zu dem letzten Balle. Wie gewöhnlich sucht man Entschuldigungen hervor. Aber er lässt sich nicht irre machen, und besteht darauf, uns wenigstens als Zuschauerinnen daran Theil nehmen zu sehen. Julie frägt mich unentschlossen mit den Augen. Ich gebe ihr durch Zeichen zu verstehen, dass ja nichts dabei zu wagen ist, und ... wir versprechen zu kommen.
Hoch erfreut eilt der König davon; aber Angst, Reue und Schrecken ziehen nun augenblicklich bey uns ein. »Was wird der Obriste denken! – Man hätte ihn um Rath fragen, man hätte schlechterdings nicht zusagen sollen.«
Ich gestehe, diese übertriebene Bedenklichkeiten erbitterten mich. Um so mehr, da der König, trotz meiner kindischen Furcht, sich bis diesen Augenblick mit musterhafter Anständigkeit betragen hat. Wie gesagt, die Bedenklichkeiten erbitterten mich und ich hielt eine Strafpredigt über Freiheit, Selbstschätzung u.s.w. die sich vor Meister und Gesellen konnte hören lassen.
Julie schwieg. Es scheint ihr unmöglich, einem heftigen Menschen zu widersprechen. Freilich, wer durch die stille Trauer auf diesem Engelgesichte nicht zur Besinnung kommt, mögte wohl schwerlich dazu gelangen. Ich aber suchte mich jetzt absichtlich dagegen zu verhärten, verliebte mich immer mehr in meine Tiraden, und würde ohne Zweifel noch eine gute Stunde damit fortgefahren haben, hätte mich der Durst nicht in einer der schönsten überfallen.
Hastig ergrif ich ein Glas Wasser; aber eben so schnell fiel mir Julie in den Arm: »Trink nicht – sagte sie mit einer Stimme, die sich zu der meinigen wie eine Flöte zu einem kleinen Brummbaß verhielt – das Wasser ist eiskalt, und Du bist schrecklich erhitzt.«
Noch wollte ich trotzen; aber da sah ich in das Himmelauge, aus dem die Liebe nicht weicht, alle meine Tiraden waren vergessen und ich musste froh sein mich an ihrer Schulter verbergen zu können.
Das Andenken dieses Augenblicks hat etwas so feierlich rührendes für mich, dass ich meine Erzählung schlechterdings auf ein andres Mal verschieben muss. Ich will Sie durchaus weder feierlich, weder rührend noch gerührt machen. Denn, wahrhaftig! würde hier die ganze Welt gerührt; so mögte es schlimm um uns aussehen.
Nur so viel zur Nachricht: Der Obriste ist außer Gefahr, und wie gewöhnlich von fünf Uhr an gestiefelt, gespornt und vollkommen marschfertig. Zum Niederlegen bey Tage haben ihn weder die Bitten des Königs noch des Arztes vermögen können. Sein Kammerdiener – der ihn, wohlbemerkt, niemals anrühren darf – versichert, er habe ihn bis diese Stunde noch nicht in Nachtkleidern gesehen. Dagegen aber müssen eine wohlgereinigte Uniform mit Wäsche und allem Zubehör auf den andern Tag bereit liegen, um dem Obristen beim Erwachen sogleich in die Hände zu fallen
Sonderbar! Ihnen das wie eine Neuigkeit zu erzählen! Was will ich damit? – Nun es macht eine dumme Empfindung in mir rege. Meine Feinde würden sagen; es verdrüßt mich.
Sie ist mein! Ach das war zu viel gesagt! – Nein! noch ist sie nicht ganz mein; aber sie wird nie eines Andern. Das hat sie mir versprochen und das gilt mehr, als wenn Andre schwören.
Höre wie es kam! Geschäfte halber war ich den ganzen Tag ihres Anblicks beraubt gewesen. Nur erst gegen Abend konnte ich auf ein paar Minuten zu ihr fliegen. Sie war nicht zu Hause. Mir unbegreiflich; denn ich hatte sie ja immer gefunden. Ich fühlte die Unbescheidenheit; konnte mich aber nicht enthalten zu fragen: »wo ist sie denn?« – »Auf dem Balle.« Ich muss sehr blass geworden sein; denn ich sah das Mädchen erschrecken. Aber ohne mich weiter einzulassen, eilte ich davon.
Wie ich in den Saal trete, finde ich alles in einer Ecke zusammengedrängt. »Was giebts?« – frage ich den Lieutenant D... – »Der König tanzt mit Fräulein S....« – antwortet er – »Aber mein Gott! was fehlt Ihnen, Herr Obrister?« – »Nichts! nichts!« – sage ich, und dränge mich vor.
Sie! sie selbst! mit ihm, an seiner Hand, tanzte – Nein! nein! das ist nicht wahr! schwebte leise, unhörbar. Nur von fern berührte er sie, bückte sich jedesmal, wenn sie sich näherte. Jetzt sollte gewalzt werden, und ich grif krampfhaft an den Degen. Ob ich es gleich wusste, nicht zweifelte. – O ich hatte Recht! Er wagte es nicht, und sie konnte es nicht dulden, oder sie wäre nicht sie selbst gewesen. – Mit schüchterner Achtung – ja wahrhaftig mit Schüchternheit – führte er sie hinauf, während die Andern ras'ten. O, er ist noch nicht ganz verwahrlost! Er fühlt noch ihren Werth. – Ich war wieder zu mir selbst gekommen, ich hatte mich gefasst. Aber jetzt trat Antonelli hervor, und ehe er noch um ihre Hand bitten konnte, war ich aus dem Saale, riss meinen Braunen in den Garten, und stürmte mit ihm durch die Felder.
So hatte man mich gefunden. Mein treuer Brauner war unbeweglich bey mir stehen geblieben. Ich erwachte in meinem Bette und fand Antonelli an meiner Seite.
»Julie! Julie!« – rief er und stürzte zur Thür hinaus. Noch ehe ich recht zur Besinnung kam, war er wieder da, umarmte mich, küsste meine Kleider und alles was ihm vorkam.
Ach es ist ein unbeschreiblich liebenswürdiger Junge! Mit tiefem Schmerz muss ich es mir gestehen. – Ich glaubte er würde vor Freuden die Decke zersprengen; als endlich der Arzt erschien, und ihm Ruhe gebot.
Aber daran war nicht zu denken. Mit tausend närrischen Vorschlägen plagte er nun den armen Mann. Ich müsse in die freie Luft. Könne ich nicht gehen; so wolle er und der Kammerdiener mich tragen. Der große Lehnstuhl müsse dazu eingerichtet werden – u.s.w.
Alles Kopfschütteln des Arztes half nichts. Er tobte hinaus zu den Leuten. Stricke, Betten, allerley Geräthschaften mussten herbeygeholt werden, und ehe wir es uns versahen, stand er mit seinem Tragsessel vor uns.
Nun erklärte freilich der Doctor, für diesmal könne nichts daraus werden, und nöthigte ihn, unverrichteter Sache wieder abzuziehen. Aber nach einer kleinen Weile erschien er abermals und hatte sich wieder ein Anderes ersonnen.
Der Doctor sollte mit ihm zu Julien gehen und sie bitten, zu mir zu kommen. Dann sollte sie an meiner Seite sitzen, während er auf der Flöte spielen und dazu tanzen wollte.
Der ernsthafte Mann konnte sich doch jetzt des Lächelns nicht enthalten und fragte nun, wer denn diese Julie wäre? – Antonelli höchst erstaunt, hier jemand zu finden, der noch nichts von Julie gehört hatte, zog ihn nun, ohne weiter auf Einwendungen zu hören, mit Gewalt aus der Thüre.
Was konnte ich von dem großen Kinde anders erwarten, als dass er das theure Mädchen mit oder wider ihren Willen herschleppen würde. Darum sprang ich, ohne meine Schmerzen zu achten, schnell aus dem Bette, warf mich in meine Uniform, und eilte in das andere Zimmer, um sie zu empfangen
Ich hatte richtig geahnet. Nach wenigen Minuten hörte ich schon den Lebendigsten aller Lebendigen – so nennt ihn Wilhelmine – jauchzend und tobend die Treppe stürmen. Aufgerissen ward die Thür, und wie ein Pfeil schoss er, ohne mich zu bemerken, in die Kammer.
In meinem Leben werde ich das Gesicht nicht vergessen, mit dem er wieder heraus kam. Aber jetzt blickte er nach dem Sopha und würde mich ohnfehlbar erstickt haben, wäre ihm nicht zu rechter Zeit eingefallen, er müsse sogleich die fröhliche Bothschaft verkündigen.
Kaum hatte ich mich also von seinen kräftigen Umarmungen erholt, so sah ich das himmlische Mädchen, von dem Arzte geführt, zu mir eintreten. Mein Zimmer verwandelte sich von nun an, und hat auch seitdem immer etwas Magisches behalten.
Ich wollte ihr entgegen, der Arzt befahl mir zu bleiben. Antonelli ruhte nicht; sie musste sich zu mir setzen. Ich sah ihre unbeschreibliche Verlegenheit; aber ach Gott! ihre Nähe that mir so wohl. – Doch Antonelli war es noch alles nicht recht. »Ansehen! – rief er – die Hand geben! Sprechen! viel Gutes sprechen! Ich die Flöte holen!« Jetzt war er wie ein Sturmwind hinaus, und hatte den Arzt mit sich fortgerissen.
Wir blieben allein. Ich fühlte es, und sie fühlte es noch tiefer. – Dass sie zuerst sprechen würde, konnte ich nicht hoffen. Ihre Augen waren an den Boden geheftet, und ein hohes Roth hatte das Engelgesicht überzogen.
Ich glaubte, sie könne nicht schöner werden. Ich hatte geirrt. Mit tiefem Schmerze ward ich es jetzt inne und mit dem Muthe der Verzweiflung ergriff ich nun ihre Hand, drückte sie fest an mein Herz, und rief: »Julie! Wenn Sie einen Andern lieben, wenn Sie mich nicht lieben können; so sagen Sie es! Machen Sie mich mit einem Male so unglücklich, als ich werden kann.«
Sie schwieg. Mein Urteil war gesprochen. Ich dachte, empfand nichts mehr. Mein Herz hörte auf zu schlagen; aber mein Auge wandte sich noch einmal zu ihr hin. Da sah ich, dass sie die Lippen öfnete, und mein Blut begann wieder den Lauf.
Julie sagte mir, der Obriste hätte gestern ein großes Paquet an Sie abgehen lassen. Was kann ich nun weiter erzählen? Sie wissen ja alles. – Sie ist gebunden; und ich werde mich losmachen. Was soll ich hier? – Sie hat meines Rathes nicht bedurft, und wird dessen künftig eben so wenig bedürfen. Ich mag diese Unnatürlichkeiten nicht länger mit ansehen. Ich bin ihrer müde. Meinetwegen mag bewundern wer da will; ich kann mir nicht helfen! – Mein gesunder Menschenverstand sagt mir: es taugt nichts, und wird nie etwas taugen. – Wenn ich mir die Folgen dieser schrecklichen Überspannung denke, so weine ich vor Gram und Verdruss.
Es ist Selbstmord! ja, sagen Sie was Sie wollen! es ist der grausamste, fürchterlichste Selbstmord. Musste sie sich nicht einem Manne erhalten, der sie liebte, den sie lieben konnte? – Darf sie sich muthwillig elend machen? –
Sie ist gut, ja sie ist besser als Alles was wir kennen und kennen werden; aber einen Fehler hat sie doch: sie ist zu weich, und ohne Härte giebt es keine Tugend.
Bestes Fräulein! Das war nicht Ihr Ernst. Wie könnten Sie sich von Ihrer Julie trennen; jetzt da sie Ihrer am meisten bedarf? – Ich will sie nicht rechtfertigen; aber das Mitleiden, die innigste Teilnahme ihrer Freundin darf ich für sie auffodern. Wie viel mag sie leiden! – sich selbst hat sie verloren, nun soll sie auch noch ihre Wilhelmine verlieren. –
Doch welch ein Geschwätz! In der That ich verdiene eine Strafe, dass ich von einer kleinen Aufwallung so viel Wesens mache. Wilhelminen kennen und glauben, sie werde sich jemals von Julien lossagen! Diese Lächerlichkeit springt in die Augen. – Kein Wort mehr davon! Es wäre das was die Franzosen nennen: die Heiligen bekehren.
Noch einmal! ich wollte Julie nicht rechtfertigen; aber mir selbst das alles begreiflich machen, der Versuchung konnte ich nicht widerstehen. Wenn sie nun – dachte ich – ihre Freiheit bewahrt hätte? was würde die wahrscheinliche Folge gewesen sein? –
Sie hätte einem Andern ihre Hand gegeben und ... wäre glücklicher geworden? – Schwerlich! gewiss nicht. Welcher Mann könnte dieser reinen Seele das sein, was sie ihm sein wird? – In jeder menschlichen Verbindung wird sie aufopfern müssen. Nie wird sie an ein menschliches Wesen hinauf sehen und sich in seinem Anschauen mit Wohlgefallen vertiefen können. Nicht einmal ein ähnliches wird sie finden. Mit einem Worte! hienieden ist kein eigentliches Glück für sie zu erwarten. Sicher hat sie auch längst Verzicht darauf getan. Findet sie nur einen Mann, der sie begreift; mehr darf sie nicht hoffen. Und, mein Fräulein, mögen wir es gestehen wollen oder nicht, diesen Mann hat sie gefunden.
Das habe ich nicht gewusst und – aufrichtig gesagt – das würde ich auf keinen Fall geglaubt haben. Sie selbst fodre ich auf; wenn Sie diese Briefe nicht empfangen hätten; würden sie geglaubt haben, der Obriste könne sie schreiben? –
Aber was beweisen sie denn nun, diese Briefe? Dass er Julie begreift? Immerhin! aber denken Sie an mich! dieses Begreifen wird Julie doppelt elend machen.
Könnte Julie immer so unabhängig, so entfernt von ihm bleiben; ich würde mich selbst zur Täuschung geneigt fühlen. Aber, geben sie Acht! Sie ist in seiner Gewalt, und bey dem besten Willen wird jede Täuschung unmöglich. Der Obriste muss in seinen eigentlichen Charakter zurückfallen. Dann wird er seine Frau für eine Schwärmerin erklären, und diese Schwärmerey entweder verspotten, oder zu seiner Bequemlichkeit nutzen.
Auf diese Weise endigt denn noch alles so ziemlich erträglich. Aber wie? wenn er sich rächt für die Überlegenheit seiner Frau? – Haben sie auch daran gedacht? –
Wahrlich, mein Fräulein! Sie sehen weit in die Zukunft; aber wer kann Sie darum beneiden? – In der That! ich halte Sie jetzt für die Unglücklichste von uns Allen.
Warum nun der Hofnung so gänzlich entsagen? warum nun das Schlimmste ergreifen? – Der Obriste soll sich rächen für die Überlegenheit seiner Frau? – Nein, mein Fräulein! das liegt nicht in der männlichen Natur; oder diese Überlegenheit muss sich auf eine sehr unliebenswürdige Weise ankündigen.
Nur ein Pfaffe könnte mit einem Weibe um Reinheit des Herzens sich streiten. Könnte sich rächen, wenn sie mehr wäre, als er sich vorgenommen hätte zu scheinen. Der wahre Mann ist gewöhnlich zu sinnlich, zu sehr durch die Gegenwart gefesselt, zu sehr von ihr begünstigt, um mit dem Weibe hierinnen wetteifern zu wollen. Sein Reich ist ganz eigentlich von dieser Welt, und wenn es ihm in diesem Reiche nicht gar zu übel ergehet; so denkt er nur spät an das Andre.
Überdem bietet ihm ja diese Reinheit so manches Ruhekissen für seine irdischen Wünsche. Wo er hervortreten will, da zieht sie sich zurück, wo er erndten will, da hat sie niemals gesäet. Mit einem Worte! hier ist kein Wetteifer möglich. Weswegen soll er sich rächen.
Aber Oliviers Eifersucht kann erwachen. Und freilich, hier gestehe ich Ihnen, wird mir bange. Doch was kann diese Bangigkeit helfen! Julie hat entschieden, und wir vermögen nichts, als ihr Schicksal zu mildern.
Morgen reiset der König, und in acht Tagen muss ich ihm folgen. Um mich völlig zu bestimmen, hat er mir meine alten Kamaraden zugeschickt. Sie bestehen darauf, ich soll sie anführen und schieben mir ihre Ehre ins Gewissen. Was konnte ich tun? – ich habe Ja gesagt, und so geht es denn wieder in die feindlichen Säbel.
Wenn einer mich träfe! – Wenn ich die Einzige nicht wiedersähe! Wenn ich nach dem Tode fortdauern müsste, ohne sie zu besitzen! – Nein! nein! das ist nicht möglich! Allenthalben durchbreche ich die Schranken und eile wieder zu ihr hin.
Der König weiß, dass sie nicht reich ist, und hat ihr eine Pension angeboten, mit der Erlaubnis sie verzehren zu können, wo es ihr gut dünkt. Natürlich hat sie sie ausgeschlagen. Man muss ihm verzeihen. Er ist an seine bettelnden Schranzen gewöhnt. Auch hat er nicht den Muth gehabt, selbst von der Sache zu sprechen.
Die Mutter ist wieder hergestellt, und Julie geht mit Wilhelminen nach W... Antonelli wird unter mir dienen. Es ist ein Trost für mich, den herrlichen Jungen an meiner Seite zu haben. Wäre er bey Julien geblieben – der Gram hätte mich getödtet.
Er liebt sie und mich bis zur äußersten Schwärmerey. Mit seiner kindlichen Unschuld schlägt er die Eifersucht in dem Augenblicke nieder, wo er sie reizt, und zwingt sie sich in Liebe zu verwandeln.
Eins seiner liebsten ist, wenn er durch die ganze Reihe von Zimmern bis in das äußerste laufen kann. Dann muss ich rufen: wo bist Du mein Sohn? und nun stürzt er in meine Arme, und weint und lacht, und bedeckt mein Gesicht mit unzähligen Küssen.
Letzt war Julie dabei, und da ruhte er nicht, sie musste die Worte in ein Rezitativ bringen. Nun hat er eine Antwort komponirt, die er nach den Umständen verändert.
Bald hat der Sohn den Vater verloren, und kann ihn, trostlos, nicht finden. Dann schildert er die Sicherheit des väterlichen Hauses, und die Liebe des Vaters. Dieser ist immer ein Krieger und hat tausend Gefahren überwunden. Bis ans Ende der Welt will der Sohn ihm nun folgen. In den Tod will er gehen, um den Vater zu retten u.s.w.
Aber der Sohn hat auch eine himmlische Freundin. Von Lichtglanz umflossen, schwebt sie nur über der Erde und tröstet die leidenden Menschen. Wenn er gut ist, wird sie ihn lieben ... Ach! und was weiß ich, was die kindische, liebliche Phantasie sonst noch erdichtet.
So bin ich den ganzen Tag von seinen Zauberbildern umgaukelt und höre ich dann einmal wieder von andern Leuten ein vernünftiges prosaisches Wort, ohne Musik, so wird mir ganz unheimlich zu Muthe.
Diesen Morgen ist der Obriste abgereist. Von ihm und Julien hörte ich kein Wort; aber Antonelli drückte wechselweise ihre Gefühle aus. Dieser wunderbare Mensch scheint durch eine Art von Inspiration die geheimsten Empfindungen zu kennen. Mit bewundernswürdiger Leichtigkeit weiß er sich in jeden Zustand zu versetzen und spricht andere Gefühle mit einer Kraft und Wahrheit aus, die zur Bewunderung hinreißt. Wo er sich naht, da werden alle Gegenstände verwandelt. Man befindet sich nicht mehr auf der kleinen alltäglichen Erde. Alles ist groß, alles verkündigt ein reicheres, höheres Leben. Selbst der Schmerz wird in seiner Nähe zum Genuss; denn er muss sich veredlen und verschönern.
Wahrlich! der Obriste ist und bleibt doch ein verzogenes Kind des Schicksals. Welcher Mensch kann sich zweyer Wesen wie Julie und Antonelli rühmen? – Wenn jetzt etwas aus ihm wird, so kann er sich nicht damit brüsten.
Sonnabend gehe ich mit Julien nach ***. Ich habe einen zweiten Bedienten angenommen, damit Friedrich unser ordentlicher Führer werden kann. Sein Alter, seine Welt- und Menschenkenntniß und sein äußerst gebildeter Ton macht ihn mir in dieser Rücksicht unschätzbar.
In *** kommt er nun recht in seine Sphäre. Er freut sich wie ein Kind auf die Gemählde-Sammlung und hat mir schon wer weiß was für Wunder davon erzählt.
Meine Mutter ist wohl und schreibt mir sehr fleißig. Da aber diese Briefe nur Versicherungen ihrer Liebe und Beschreibungen kleiner häuslicher Scenen enthalten; so habe ich Ihnen bis jetzt nichts davon mittheilen wollen.
Welch ein fürchterliches Wetter. Ist es nicht, als ob der ganze Himmel in Regen herabstürzen wollte. Meine armen Leute sinken ein bis an die Knie und die Kanonen sind kaum mehr fortzubringen. Schon den vierten Theil der Mannschaft haben wir durch Krankheit eingebüßt. Es ist schrecklich! Jeder leidet für sich, aber ich leide für sie alle. Ich lasse Wein, Brandwein und alles was stärken und erquicken kann, unter sie austheilen; aber wenn ich des Morgens den bleichen Gesichtern das Marsch! zurufen soll; so muss ich mich wohl zehnmal räuspern.
Wären wir nur wo wir sein sollen! Gienge es nur gegen den Feind; dann müsste alles schon werden. Aber dieses Kämpfen mit den Elementen zerstört die Kraft der Seele und des Körpers.
Antonelli freilich scheint von dem allen nichts zu empfinden. Er ist der Barde unsers kleinen Heeres, und mitten im Sturm und Regen dichtet er seine Gesänge. Wäre er nur allenthalben. Da, wo die Leute ihn sehen, lächeln sie mitten unter den Schmerzen und lassen sich willig täuschen durch sein liebliches, tröstendes Geschwätz. Allmählig kommen sie dann auch ins Erzählen. Besonders den Alten ist er äußerst willkommen. Er frägt, ergänzt und eh' sie es sich versehen, ist er der Beschreiber. Jetzt erstaunen sie selbst über das was sie thaten, und schwören mit funkelnden Augen: sie wollen alles wahr machen, was er von ihnen prophezeiht.
Ein Kind von fünf Jahren machte Julien vor einigen Tagen ein Kompliment, das der feinste und gewandteste Dichter kaum schmeichelhafter und passender hätte ersinnen können.
Nachdem wir die Gemählde in der äußern Gallerie besehen hatten, wollten wir eben in die innere treten; als ein kleiner goldlockiger Knabe mit großem Angstgeschrey zu seiner Mutter lief, und sich so tief er nur konnte, in ihre Kleider zu verhüllen suchte.
»Was fehlt Dir, mein Kind?« – sagte die Mutter – »Ach Mama! die große Frau! Sie ist herunter gestiegen, sie kann gehen!« – und so suchte er sich immer tiefer zu verbergen. Die Mutter, ein sanftes, vernünftiges Weibchen, ließ den kleinen Krauskopf ohne ihm vorzudemonstriren, in ihren Kleidern, und fragte erst, nachdem er schon mehrere Male aus seinem Hinterhalte hervorgeschielt hatte: »Wo ist denn die große Frau?« – »Da! da!« – rief der Knabe und zeigte auf Julie – »Sie hat ein hübsches Kleid angezogen. Aber Mama: wo ist der kleine Junge? » – »Ach!« – sagte die Mutter – »er meint die große Madonna!«
Nun ward Julie wie mit Blut übergossen, und peinigte mich, sogleich mit ihr fortzugehen. Natürlich ward ich ein wenig böse. In der That, sie hat mir durch diese übertriebene Schüchternheit schon so manches Vergnügen geraubt. Überdem ehrte Jedermann ihre Verlegenheit. Nur ein junger Künstler umarmte den Knaben und lobte ihn gegen die Mutter.
Demohngeachtet musste ich mich entschließen, wollte ich sie nicht allein gehen lassen, für diesen Morgen alles aufzugeben, und mit den anhaltendsten Bitten habe ich sie noch nicht wieder hinauf bringen können.
Nun ist sie beständig zu Hause und lässt sich kaum zu einem Spaziergange bereden. »Der Knabe – sagte sie letzt mit Thränen in den Augen – hat eine Lächerlichkeit auf mich geworfen. Man wird mich die herumwandelnde Madonna nennen.« –
»Ein Frauenzimmer mit einem Beynamen!« – sagte sie und eilte nun, ohne weiter auf meine Ausrufungen zu hören, mit sehr betrübtem Gesicht in ihr Zimmer.
Der kleine vorlaute Bube wird mich also wohl zwingen *** weit früher als ich gewollt hätte zu verlassen. Doch werde ich Ihnen vor meiner Abreise sicher noch einmal schreiben.
Hier schicke ich Dir einen Brief von Wilhelminen. Es ist viel von Julien darin und dies wird Dir angenehmer sein als vielerley, was ich Dir schreiben könnte.
Eure Lage ist schrecklich; aber Du hast ja wohl schrecklichere überwunden. Ich sage mit Dir: mögte es nur gegen den Feind gehen! – Doch bitte ich Dich, suche die Gefahr nicht so absichtlich wie vormals. Du selbst hast mir gestanden, es sei oft ganz ohne Nutzen, und blos um des Ruhms willen geschehen. Ich liebe Dich und kann den Gedanken nicht ertragen, Dich fern von mir sterben zu lassen.
Wuth, Reue und Verzweiflung zerreißen wechselweise mein Herz. Nichts, nichts kann ich tun. Ich muss die unglücklichen Menschen vor Hunger und Ermüdung zu meinen Füßen hinstürzen sehen und kann, kann ihnen nicht helfen.
O, dass ich mein Wort gegeben! dass ich mich an das schreckliche Leben gebunden habe! – Liebe und Freundschaft, die Erinnerung alles Sanften und Schönen ist rein aus meinem Herzen verschwunden. Nur Wuth über die Buben, die uns in dieses Elend geführt haben, beweist mir, dass ich empfinde, Spott und Schande werden sie erndten, die heillosen Betrüger! – Aber ich, ich schwöre es! und sollte ich nur zehn Mann gegen den Feind bringen, ich werde mich retten vor dieser Schande. –
Er sollte uns Cäsar auf Farmakusa darstellen. Ehe wir hinkamen, hatte ich meinen Cäsar schon fertig. Es war ein langer stattlicher Mann, mit großem brennendem Auge und milder Hoheit auf der Stirne. Sein Gang war fest, seine Bewegungen waren kraftvoll und edel. Er sprach einen schönen Tenor und, wenn er es nicht ändern konnte, musste er ihn freilich auch singen. Der singende Cäsar! – Ey nun ich war ja in der Oper, und war ja nur um des singenden Cäsars willen hingegangen.
Der Vorhang flog auf, und nach einer Weile erschien ein kleiner dicker Mann, der sich alle Mühe gab, sich noch ein wenig dicker zu machen. Recht gern würde ich ihn für einen mit Macaroni wohl ausgestopften Schäfer gehalten haben; wäre ich nicht durch eine weiß taffetne mit ponceau Bande eingefaßte Toga belehrt worden, dass ich es mit dem unüberwindlichen Cäsar selbst zu tun habe.
Welch ein langer Periode! Meinen Helden würde er in Verlegenheit gesetzt haben. Offenbar fehlte es ihm in der ersten Viertelstunde an Atem. Wir waren ziemlich weit vom Theater entfernt, und konnten ihn sehr deutlich schnaufen hören.
Ich schloss die Augen, um nicht an meinen verlornen Cäsar erinnert zu werden. Aber jetzt wurde ich durch ein wirklich meisterhaft vorgetragenes Adagio so lieblich getäuscht, dass ich sie plötzlich wieder öfnete.
Da stand nun freilich der kleine Schäfer; aber er war jetzt zu Atem gekommen, hatte seine Toga in einige recht große Falten geworfen, und stimmte eine Bravourarie an, mit deren Eingang er sich vor Meister und Gesellen konnte hören lassen.
Ich horchte. – Wie viel Kraft, wie viel Ründung und Biegsamkeit! aber o mein Gott! wie viel Schnirkel und Verzierungen. Der Komponist hatte schon allenthalben verbrämt; aber unserm Cäsar war es noch viel zu simpel. Triller, Vorschläge u. s w. nichts ward gespart; aber nichts gieng auch verloren. Das dankbare Publikum nahm alles auf, und äußerte seine Zufriedenheit durch den lautesten Beifall.
Wirklich! es heißt bey uns Deutschen noch immer: je mehr, je lieber. Unsre berühmtesten Sänger mögen in Italien ausgepfiffen werden, glaubwürdige Leute mögen uns versichern, dass wir nur bekommen was man dort nicht brauchen kann, und dass unsre hochgepriesenen Schnirkeleien von dem guten Geschmacke längst nicht mehr anerkannt werden. – Es hilft nichts. Wir müssen bewundern. Dies ist uns eben so sehr Bedürfnis, wie andern Nationen das Tadeln.
Julie nach ihrer löblichen Methode, nahm wieder alles von der besten Seite. Während ich mich ärgerte, sah ich sie ruhig genießen. Hin und wieder ein kleines beinah unmerkliches Lächeln abgerechnet, sonst war nichts Tadelndes an ihr zu bemerken.
»Liebste Wilhelmine!« – sagte sie, als ich mich darüber ausließ – »der Freuden sind so wenige! will man sich nur an dem Vollkommnen ergötzen; so wird es bald gar keine mehr geben.«
Das ist sie, das ist sie! An diesem Bilde erkenne ich die Unvergleichliche. Ja wohl hatte der Knabe Recht; sollte ein Erlöser der Menschen von einer Sterblichen gebohren werden; so musste sie diese himmlischen Züge haben.
O dieses Zurückziehen vor allem Glänzenden wird sie mir ewig verehrungswürdig und unvergesslich machen. Wie mit dieser Erinnerung meine ganze unzerstörbare Liebe wieder erwachte! Wie mir alles Elend jetzt so nichtig erscheint. Nein! nein! das Leben hat noch einen Werth; denn sie athmet darin.
O meine Julie! nur seitdem ich Sie kenne habe ich mich selbst, habe ich den Adel der Menschheit begreifen lernen. Haben Sie Dank! Einzige! Geliebte! Unvergessliche! Welch ein herrliches, unaussprechliches Gefühl durchströmt meine Seele bey Ihrem Andenken! Wie sind alle meine Kräfte verdoppelt! ja, ja! ich bin etwas werth! denn ich kann Sie lieben und begreifen.
}Unser tapfrer und allgemein verehrter General ist uns erhalten. Gleichwohl hat er zwei schwere Wunden davon getragen, über deren Folgen sich die Ärzte bis jetzt noch zweifelhaft erklären.
Vielleicht wäre es möglich diesen großen und seinem Vaterlande unschätzbaren Mann zu erhalten; wenn Sie, mein Fräulein, sich entschließen könnten, durch Ihre Gegenwart seine Leiden zu mildern.
Aber meine Kamaraden und ich, wir, mein Fräulein, können und dürfen nicht fürchten, das Leben unsers Generals im Namen des Vaterlands von Ihnen zu fodern.
Ein Officier der Garnison war zu uns übergegangen. Auch kannten mehrere der Unsrigen das Innere des Platzes ziemlich genau. Hierauf gründete sich unsre Hofnung. Die übrigen, freilich ansehnlichen Schwierigkeiten, machten uns weiter nicht bange.
Alles gieng so gut, dass die Bestimmung dieses Korps der Armee gänzlich unbekannt blieb. Nur aus den mitgenommenen Beilen, Äxten und Brecheisen konnte man vielleicht, doch nur unvollkommen, etwas ahnen.
Gegen sieben Uhr setzte sich die kleine auserwählte Schaar in Bewegung. Jeder hatte eine weiße Binde um den Arm, und war übrigens mit allem Nötigen versehen.
So gieng es schweigend durch die kalte Herbstnacht. Nur einige Wolken schwebten am Himmel. Oft brach der Mond hinter ihnen hervor und das stille Häufchen drängte sich dichter an einander.
Jetzt waren wir bey N... Man nahm Abschied von den Kamaraden, das kleine Heer ward in zwei Kolonnen, diese in zehn Attacken vertheilt, und nun gieng es rasch gegen die Vestung.
Während der General den Hauptangriff dirigirte, sollte Graf Antonelli sich der L.... Straße bemeistern, durch den gewölbten Gang bey des Commandanten Wohnung hervorbrechen, und sich wieder, nachdem die Thore gesprengt sein würden, zur Einnahme des ganzen Platzes mit uns vereinigen.
Die erste Schildwache pfiff sich ein Stückchen um munter zu bleiben, dann und wann schallte ein Zuruf der feindlichen Posten, sonst war kein Laut zu vernehmen.
Jetzt hörten wir das dumpfe Hinan! und ehe wir selbst es nur glaubten, war der Berg schon erstiegen. Aber in dem Augenblicke waren wir auch von der Schildwache entdeckt. Kein andrer Rath! unsre Bajonette mussten sie zum Schweigen bringen. Ihren Kamaraden gieng es nicht besser, und so waren wir nach kurzem über die Palisaden hinweg.
»Zu den Waffen! zu den Waffen! die Feinde! Hier Kamaraden!« So erscholl es von allen Seiten. Jetzt schmetterte die Lärmtrommel dazwischen, und das Getöse stieg bis zur schrecklichsten Betäubung.
Indessen war der Angrif auf die Stadt glücklich ausgeführt, und wir erstiegen nun mutig die Wälle. Balken, Steine, Handgranaten stürzten uns entgegen und zerschmetterten die Brüder vor unsern Augen.
Aber in dem Augenblicke wurden Graf Antonelli und seine Gefährten entdeckt. Mit fürchterlichem Getöse drang er jetzt durch den unterirdischen Gang, und nun begann ein wüthendes Gemetzel. Zwei Thore hatten wir inne; aber er und der Platz waren verlohren hätte die Verzweiflung unsre Kräfte nicht verdoppelt.
Wie ein junger Löwe brach er aus seinem Hinterhalte hervor, und befand sich beinah immer allein unter den Feinden. Unbegreiflich ist es, dass sie ihn nicht zum Gefangnen machten. Der Gang war so enge, dass nur drei Mann neben einander stehen konnten. Natürlich wurden diese sogleich getödtet, oder verwundet, versperrten denen die an ihre Stelle treten wollten den Weg, und machten so die Grundlage von einem Haufen Leichen. Dichte davor fanden wir Antonelli allein, unverwundet, aber durch Blut und Staub beinahe unkenntlich.
Jetzt hörte er die Stimme unsers Generals, und ein sechsfaches Leben schien ihn zu begeistern. Mehrere der Unsrigen sahen ihn kommen und hörten vor Erstaunen nicht ihre Führer. Rechts links schlug er die Feinde. Er stand bey uns, und wir starrten ihn an.
»Der General ist verwundet!« – durchlief es die Reihen. – »Nicht wahr! nicht wahr!« – rief Antonelli – und so gieng es wieder in den dichtesten Haufen der Feinde.
Die Vestung war unser, der Commandant getödtet, die Garnison gefangen; aber unser Häufchen zu neunhundert eingeschmolzen und unser allgemein verehrter General an zwei Stellen verwundet.
Ich habe Fräulein S... geschrieben und übersende Ihnen hierbey eine Abschrift dieses Briefes. Ohne meine Bitte werden Sie alles beytragen, unsern Wunsch zu erfüllen. Ist es möglich, Fräulein Julie zu überreden, so haben wir Hofnung.
Fräulein Julie wird in diesen Tagen einen Brief von dem Adjutanten des Obersten erhalten, oder schon erhalten haben. Sie verstehen mich – ja bestes Fräulein! ich wage es für ihn zu bitten. Können Sie mich tadeln? seit meinem achtzehnten Jahre ist es mein Freund. Gewiss Sie fühlen, was das heißt – fühlen es um so mehr; wenn Sie bedenken, dass es mir meine Geschäfte unmöglich machen, zu ihm zu eilen, und seine Pflege zu übernehmen.
Es sind doch nur Fremde, die ihn umgeben. Wie könnten sie, bey dem besten Willen, die Teilnahme eines Freundes ersetzen! Dies kann nur ein Wesen – seine Julie. – O mein Fräulein, rauben Sie ihm, rauben Sie mir nicht diesen Trost.
Wie fein Sie mich zu bestechen suchen. Nein! nein! ich darf meine Empfindung nicht mehr zum Maasstabe nehmen. Sie ist verändert, durchaus verändert! Sonst würde ich ja Himmel und Erde bewegen diese Reise zu verhindern.
Leben Sie wohl. Wir packen ein. Der Oberste – nicht doch! Der General, wollte ich sagen, ist nach dem Schlosse R... gebracht, und für uns eine prächtigere Wohnung, als wir bedürfen, eingerichtet.
Ich habe einige Soubertten- und Marketenderkleider mitgenommen. So etwas Ähnliches werde ich ja wohl vorstellen müssen. Schade nur, dass es mir an der dazu gehörigen guten Laune zu fehlen scheint.
Wir haben den Obersten sehr schlecht gefunden. Aber ich sehe es: alles hat sich verschworen. Man will sie aufopfern. Mit welcher sonderbaren Gewalt lenkt dieser Mann aller Herzen nach seinem Willen? – Antonelli, der Adjutant, mehrere angesehene junge Männer verrathen alle Augenblicke: wie tief sie von Juliens Schönheit gerührt werden; und dennoch scheinen sie sich das Wort gegeben zu haben, alles zu tun, um sie ihm näher zu bringen.
Das ist ein Lobpreisen! ein Wehklagen! – Sogar den Arzt haben sie bestochen. »Fräulein Julie soll ihm die Medizin reichen. Fräulein Julie soll dies, soll jenes tun.« Und dabei treibt Antonelli ein Wesen, dass ich nicht weiß wie sie es aushalten kann.
So wie er naht steigt ihre Verlegenheit bis zur peinlichsten Unruhe. Glücklicher Weise ist er zu sehr mit seiner eignen Empfindung beschäftigt, um es zu bemerken. Aber ich sehe bestätigt, was ich schon vor längrer Zeit ahnete. Sie liebt ihn, – können Sie es begreifen – das Mitleiden wird sie hinreißen, sie wird sich aufopfern.
Das alles muss ich nun so mit ansehen – Soll ich sie aufklären über ihre Empfindung? – soll ich es nicht? Gott mag es wissen! ich weiß nicht mehr was hier gut ist.
Alle Zweifel sind gehoben. Was ich vorher sah ist geschehen. Er hat ihr sein ganzes Vermögen hinterlassen wollen; sie hat es ausgeschlagen. Er hat es gewagt – der Grausame – um ihre Hand zu bitten; und sie hat sie gegeben.
2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Meinst Du ich heiße […]? – Ich freue mich, dass ich Recht habe.«
4. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Das Weib ist ja aus […] Gift und Galle zusammengesetzt.«
5. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »»Julie! – rufe ich mit einem Male – wer ist das?« – »Der Obriste Olivier!« – sagt der König, starrt mich an, und wendet sich dann zu Julie mit der Frage: »kennen Sie ihn?« – »Es ist mein Vormund« – […] sie gefasst; aber bleich wie eine Leiche.«
6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse.
A: »Die kleinen spirituellen Satans halten doch in gewissen Augenblicken schadlos und zwingen einen nicht, wie die deutschen Jungfrauen, die Katze im Sacke zu kaufen und ihre ekelhafte Treue Jahre lang mit herumzuschleppen.«
B: »Noch einmal! ich wollte Julie nicht rechtfertigen; aber mir selbst das alles begreiflich machen, der Versuchung konnte ich nicht widerstehen.«
C: »In G.... haben sie das Äußerste versucht mich zu erheitern.«
7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Ich aber suchte mich jetzt absichtlich dagegen zu verhärten, verliebte mich immer …«
10. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Wie viel Böses man den […] auch nachsagen mag; ohne sie scheint es gleichwohl dem Menschen unmöglich, sich seiner ganzen moralischen Kraft bewusst zu werden.«
2Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte
1. Lies den Abschnittsbeginn: »Wie viel Böses man den Leidenschaften auch nachsagen mag; ohne sie scheint es gleichwohl dem Menschen unmöglich, sich seiner ganzen moralischen Kraft bewusst zu werden.« Welche Informationen sind hier bereits sicher, und welche Frage bleibt für dich offen?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Nenne zwei Informationen, die sich tatsächlich aus dieser Passage ableiten lassen.
Trenne eine eigene Frage oder Vermutung klar vom Textbefund.
2. Fasse diese Textstelle in eigenen Worten zusammen: »Sie streitet nicht, sie widerspricht mir nicht; und doch habe ich schon wer weiß wie viele Male meine Meinung aufgegeben. Machte ich irgend eine kleine boshafte Anmerkung, konnte ich mich eines bittern […]« Was ist für ihr Verständnis besonders wichtig?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Gib die zentrale Aussage oder Situation wieder, ohne etwas hinzuzuerfinden.
Nenne eine Einzelheit aus der Passage, auf die sich deine Zusammenfassung stützt.
3. Prüfe, ob es in dieser Passage um Gerechtigkeit oder Verantwortung geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] gerade das Gegentheil von dem, was man hoft: dass ich in dem Beleidiger – schuldiger oder unschuldiger Weise – eine unangenehme Empfindung erregt habe, ist ja schon durch die Beleidigung erwiesen. Sie selbst, obgleich sie ihm eine […]«
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
4. Prüfe, ob es in dieser Passage um Wahrheit oder Vertrauen geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] und ohne Geld hatte ich mehr als ich brauchte. Mein Geist dürstete nach Wahrheit; und ich war glücklich genug, das was ich gefunden hatte, dafür zu halten.«
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
5. Prüfe, ob es in dieser Passage um Angst oder Unsicherheit geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] alles sagte. – Mir war, es habe der Donner vor mir eingeschlagen. Stumm, zitternd und taumelnd ließ ich mich von ihm bis zu meinem Zimmer begleiten.«
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
6. Prüfe, ob es in dieser Passage um Nähe oder Gefühle geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] Mutter mit ein paar recht klaren gesunden Augen wieder finden? und diese lieben Augen werden segnend auf mir ruhn. – Ach wie hat sie mich geliebt und getragen! das begreife ich erst jetzt an der Seite meiner Julie, wo alle gute […]«
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
7. Vergleiche diese beiden Stellen: »Sie streitet nicht, sie widerspricht mir nicht; und doch habe ich schon wer weiß wie viele Male meine Meinung aufgegeben. Machte […]« und »Alles Kopfschütteln des Arztes half nichts. Er tobte hinaus zu den Leuten. Stricke, Betten, allerley Geräthschaften mussten […]«. Welche Gemeinsamkeit oder welchen Unterschied kannst du am Wortlaut zeigen?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Nenne eine nachvollziehbare Gemeinsamkeit oder einen Unterschied.
Belege beide Seiten des Vergleichs; unterstelle keine Entwicklung, die der Text nicht zeigt.
8. Am Abschnittsende steht: »Was helfen Klagen? – Das Leben wird darum nicht kürzer. Ich will Abschied von meiner Mutter nehmen und mir ein kleines Thal in der Schweitz aussuchen.« Was ist hier geklärt, und was bleibt offen?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf den Schluss dieses Abschnitts, nicht auf dein Vorwissen über das ganze Werk.
Falls die Stelle nichts eindeutig klärt, begründe auch das mit dem Text.
9. Prüfe deinen ersten Leseeindruck an Anfang und Ende: »Wie viel Böses man den Leidenschaften auch nachsagen mag; ohne sie scheint es gleichwohl dem Menschen […]« / »Was helfen Klagen? – Das Leben wird darum nicht kürzer. Ich will Abschied von meiner Mutter nehmen und mir […]«. Würdest du deine erste Einschätzung jetzt verändern? Begründe.
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Nenne deine ursprüngliche Einschätzung oder Leseerwartung.
Verwende mindestens einen Textbeleg für deine jetzige Einschätzung.
Sowohl eine veränderte als auch eine bestätigte Einschätzung ist möglich.
3Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte
Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.
Niveau 1 · Einstieg
1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Wie viel Böses man den Leidenschaften auch nachsagen mag; ohne sie scheint es gleichwohl dem Menschen unmöglich, sich seiner ganzen moralischen Kraft bewusst zu werden.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Besonders handeln Sie nicht gegen den Obristen.«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Ich will Abschied von meiner Mutter nehmen und mir ein kleines Thal in der Schweitz aussuchen.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Originalautor vor 1956 verstorben. TextGrid kennzeichnet die zugrunde liegenden reinen Texte als gemeinfrei; Struktur und Metadaten unter CC BY 3.0 DE mit Namensnennung TextGrid und www.editura.de. Das Werk Die Honigmonathe von Fischer, Caroline Auguste ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de, und wird unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland veröffentlicht. Der zugrunde liegende literarische Reintext ist gemeinfrei. TextGrid wurde vom BMBF gefördert (Förderkennzeichen 01UG1203A).
Die Extraktion erfasst alle Textpositionen der gelieferten Quelldatei; dies ersetzt keinen vollständigen Vergleich mit dem historischen Druck. Offene Kapitelaufgaben dienen der Selbstprüfung und sind keine automatisch bewertete Interpretation.
Die Honigmonathe
Karoline Auguste Ferdinandine Fischer: Die Honigmonathe, Band 1, Posen und Leipzig: Johann Friedrich Kühn, 1802. Fischer, Caroline Auguste 3- Posen und Leipzig
Das Werk Die Honigmonathe von Fischer, Caroline Auguste ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.
Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.