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Diese Blätter, welche ich unter den geheimen Papieren meiner Frau, Jukunde Haller, gefunden habe, lege ich der Welt vor Augen; nichts davon als die Ueberschriften der Kapitel ist mein Werk, das übrige alles ist aus der Feder meiner Schwiegermutter, der Himmel tröste sie, geflossen. – Wozu doch den Weibern die Kunst zu schreiben nutzen mag? Ihre Thorheiten und die Fehler ihrer Männer zu verewigen? – Ich bedaure meinen seligen Schwiegervater, er mag in guten Händen gewesen sein! – Mir möchte meine Jukunde mit solchen Dingen kommen. Ein jeder nehme sich das Beste aus diesem Geschreibsel, so wie auch ich getan habe.
Der Frühling meines Lebens ist dahin, diese grauen Haare sind Zeuge davon. Der Frühling und der Herbst? – fast möchte ich zweifeln, ob ich auch diese für vergangen rechnen soll, wenn ich mich im Kreise meiner blühenden Töchter und Enkelinnen erblicke, deren jede mir in meiner jugendlichen Schönheit gleicht, und einen Glanz auf meine Runzeln zurück wirft.
Wenn ihr, ihr Lieben, euch so zärtlich um diejenige dränget, die euch das Leben gab, so fällt mir immer der abgestorbene Nußbaum an der linken Seite unserer Gartenthür ein, dessen nackte Aeste der nachbarliche Flieder mit seinem Laub und Blüthen deckt, und dessen Stamm der Weinstock, den mein Vater an meinem Hochzeittage pflanzte, so prächtig mit seinen rothen Trauben behängt. Schon oft habe ich dieses Sinnbild meines hinsinkenden Lebens, das nur durch euch Zierde und Anmuth erhält, von der Axt des Gärtners gerettet, und auch euch, meine Kinder, sei es heilig; rottet diesen Baum nicht aus, wenn ich todt bin: er verunstaltet die Stelle nicht, auf welcher er steht, seine beiden Nachbarn, die er aufwachsen sah, und sie in seinen bessern Jahren in seinem Schatten nährte, verhüllen seine Blöße, und zürnen nicht, wenn der Unwissende einen Theil ihres Laubes auf ihres Pflegers Rechnung schreibt.
Schon oft, meine Kinder, versprach ich euch, eine umständliche Erzählung meiner Geschichte, oder vielmehr der eurigen, denn meiner eigenen Begebenheiten sind wenig. Still und einförmig verfloß mein Leben, bis ich in den Stand trat, der euch das Daseyn gab, bis ihr eines nach dem andern auftratet, und mir bald Trauer- bald Freudenthränen ablocktet, mir bald frohe Tage, bald sorgenvolle schlaflose Nächte machtet. Viel waren meiner Unruhen in euren ersten Kinderjahren; aber o Gott, sind sie wohl mit den Sorgen zu vergleichen, die bey eurem reiferen Alter mein Herz anfielen? Zu der Zeit, als eure Leidenschaften erwachten, und euch in Labyrinthe führten, aus welchen euch zurückzurufen, die schwache mütterliche Stimme vergebens strebte. – Amalie ist dahin, aber dich, Jukunde, und dich Juliane, rufe ich zu Zeuginnen an; ihr könnt vergangene Dinge noch nicht so ganz vergessen haben. – Johanne, auch sie, mein Liebling, hat mir der Thränen viel gekostet, doch auch sie ist aus unserm Kreise abgetreten, und euch – haben mehrere Jahre weiser gemacht.
Lasst mich endlich eine Erzählung anfangen, von welcher ich, wenn ihr in mich dranget, oft sagte, ich würde sie euch besser schriftlich als mündlich geben können. Ihr sehet, dass ich recht hatte. Wie wollte die jugendliche Ungeduld die Schwatzhaftigkeit des Alters aushalten können! Einer geschwätzigen Feder kann man eher entfliehen, als einem schwatzhaften Munde. Legt dieses Blatt auf die Seite, wenn es euch zu langweilig dünkt, und fangt ein neues an.
Die Erwähnung meines schwachen hilflosen Alters, meiner vergangenen Sorgen und Kümmernisse, eurer Vergehungen und unserer Verstorbenen, giebt dem Anfange dieser Blätter einen gewissen Anstrich von Schwermuth, welcher eigentlich nicht mit meinem Charakter übereinstimmt. Die junge Welt mag mich vielleicht jetzt zuweilen finster und mürrisch nennen, aber in meiner Jugend, ich versichere euch, war ich dieses nicht. Die frohe Miene, mit welcher ich in meiner Kindheit meinem Vater entgegen hüpfte, wenn er von Amtsgeschäften verdrüßlich nach Hause kam, der Reichthum von Hoffnung und guter Laune, mit welchen ich, als ich älter ward, manche seiner Sorgen hinwegtäuschte, war es vorzüglich, was mich zu seinem Lieblinge machte.
Ihr wisst, euer Großvater war ein Geistlicher, noch dazu ein Geistlicher auf dem Lande, und es ist also nicht zu zweifeln, dass das Amt, Unmuth zu verjagen, ziemlich oft von mir geübt werden musste. Wenn in einer seiner Cirkularpredigten der Herr Superintendent den Kopf geschüttelt hatte; wenn ihm ein junger vorwitziger Stadtgeistlicher mit einer schweren Citation aus dem Grundtext in den Weg trat; wenn bey der Kirchenvisitation der Herr Ephorus keines unserer Gerichte loben wollte, und den für ihn aufgesparten Wein scharf und sauer fand, dann konnte nichts den gedemüthigten Stolz meines guten Vaters aufrichten, als ein munterer Einfall derjenigen, die er seinen Trost und seine Hoffnung nannte, und von der er in solchen Stunden zu versichern pflegte, dass alle Stadtmädchen, und selbst die bleichen Töchter des Herrn Superintendenten ihr an Schönheit und Güte nicht zu vergleichen wären; ein Kompliment, welches man eben nicht übertrieben nennen konnte.
Wenn wichtigere Sorgen ihn quälten, so ward mir es freilich nicht so leicht ihn zu beruhigen. Ein beschwerliches Amt, unruhige Pfarrkinder, geringe Zehenden, schlechte immer mehr abgekürzte Einnahme, Uneinigkeit mit seinen streitsüchtigen Herren Confratern, Verlänmdung und Verdacht wegen Irrgläubigkeit, Verweise aus dem Konsistorio, wohl gar Vorbeschiede vor den hochpreislichen Kirchenrath. – – Doch dieses alles sind Dinge, die eigentlich nicht hieher gehören, und es sei euch genug, dass ich euch versichern kann, auch für diese Kränkungen habe mein guter Muth immer Linderung ausfindig gemacht, obgleich mein Herz insgemein oft so stark blutete, als das Herz meines guten Vaters.
Ich wuchs heran, und ward ein schönes schlankes blühendes Mädchen, an Gestalt, dir Jukunde, und an Gesicht der seligen Leutenantin von W.., oder wie ich sie lieber nenne, meinem Hannchen, fast gleich. Julchen dort, die sich auf die kleinen weissen Händchen, und den niedlichen flüchtigen Fuß so viel zu gute tut, ist in diesem Theil der Schönheit, das wahre Ebenbild ihrer Mutter, und du Feuerkopf, Albert, wenn die Schmeichler meiner Zeit die Wahrheit redeten, so ist dein Witz, deine Lebhaftigkeit das Erbtheil – doch nichts weiter hiervon, ich wollte erzählen.
So von der Natur ausgestattet, wie würde mich die Kunst ausgebildet, oder wie würde sie mich vielleicht verderbt haben! sie hatte keinen Theil an meiner Erziehung; ich ward und blieb, wozu mich mein Schicksal bestimmt zu haben schien, ein einfältiges kunstloses Landmädchen, voll von allen Vorurtheilen die meinem Stande eigen sind, und unbekannt mit allen Thorheiten der Städterinnen.
Mein Vater bekam jetzt fleißiger Besuche als vordem; Söhne von alten Bekannten, deren Namen er sich nicht mehr erinnern konnte, kamen um die Freundschaft ihrer Väter zu erneuern, und an jedem Sonntage hatte er die Wahl unter zween bis drei Kandidaten, welche sich erboten ihm sein beschwerliches Amt, wie sie es nannten, zu erleichtern. Mein Vater nährte seine Heerde lieber selbst mit der gesunden Speise, an die er sie gewöhnt hatte, als mit dem gekünstelten meistens ungenießbaren Gemengsel, das die jungen Herren aus der Stadt aufzutischen pflegten. Ueberdieses öffneten einige Begebenheiten, welche nicht hieher gehören, ihm und mir die Augen, dass diese dienstfertigen Jünger weniger um seinetwillen kamen, als um die Gesellschaft seiner Tochter zu geniessen, die sie zur Dankbarkeit mit dem Namen des schönen Hannchens beehrten.
Der gute Ruf eines Landmädchens ist von empfindlicherer Natur als die Ehre der Städterinnen. Ich begehrte nirgends als in meines Vaters Hause genannt zu werden. Ich kam von dieser Zeit an wenig mehr zum Vorschein, wenn Fremde aus der Stadt gegenwärtig waren. Die Besucher verloren sich, und mein Vater konnte ungehindert sein Amt, ohne aufgedrungene Gehülfen, verwalten.
Manches Jahr vergieng auf diese Art. Mein Vater, welcher viel auf frühzeitige Verheirathungen hielt, und mich mit sehr partheyischen Augen ansah, wunderte sich, dass ein Mädchen meiner Art, das achtzehnte Jahr – das längste Ziel, das er dem jungfräulichen Stande einräumte – im väterlichen Hause hatte erreichen können. Alle Mütter und Töchter seiner Familie waren in diesem Alter, das ich bereits zurückgelegt hatte, längst verheirathet gewesen, und er schien mir es oft zum Vorwurf zu machen, dass ich bey allen meinen Reizen und Vorzügen noch immer nichts weiter war, als Pastors Hannchen. Er berechnete nicht, was mich bey ihm zurück hielt. Armuth, Leben in der Dunkelheit, Liebe zu ihm, und Widerwille meine Hand einem Manne zu geben, der nicht ganz dem Ideal entsprach, das ich so wie jedes mit der Welt unbekannte Mädchen, mir nach meinem eigenen unschuldigen Herzen von meinem künstigen Gatten gemacht hatte.
Mein Vater schien es oft zu bereuen, dass er, der viel auf Namendeutung hielt, mir die schönen, von euch so oft getadelten, Namen, Hanne und Peninna gegeben hatte, welche nicht ohne Ursach von zwoen berühmten Matronen des Alterthums entlehnt, und die er jetzt, um nicht als ein falscher Prophet erfunden zu werden, lieber mit den Namen der Tochter Jephtah, oder der vier Jungfrauen des Philippus vertauscht hätte, wenn die Geschichte es für gut befunden hätte dieselben zu verewigen.
Mein Vater war nicht mehr gesinnt wie vordem. Alter, Krankheit und Unfälle hatten ihn mißmüthig gemacht. Seine Verdrüßlichkeiten bey dem Konsistorio nahmen zu, man sann darauf, da es unmöglich war, ihn, der seine Unschuld immer gut vertheidigen konnte, vom Amte zu setzen, ihm wenigstens einen Gehilfen zu geben. Wunderbar war es, dass man zu dieser Stelle einen Menschen erkießte, welcher lange in unserm Hause aus- und eingegangen und von mei nem Vater immer vorzüglich geliebt worden war. Er nannte dieses sonderbare glückliche Fügung, die ihm seinen Schüler, seinen vieljährigen Freund zum Amtsgehilfen gab. Ich kannte den Herrn Katharines besser, ich wusste, dass er bey allen Verdrüßlichkeiten, die mein Vater vor dem geistlichen Gerichte erfahren, die Hand im Spiele gehabt hatte, dass er jetzt nur darum mit dem Platz an seiner Seite zufrieden war, weil er ihn noch nicht ganz von seiner Stelle drängen konnte. – Was für Aussichten für mich, wenn ich bedachte, dass dieser Mensch, über dessen Charakter mein Vater ein so verschiedenes Urteil fällte, ein Mann war, der schon in vorigen Zeiten Absichten auf mich geäußert, die er jetzt ohne Zweifel, nur auf eine anständigere Art, als vordem erneuern würde. Wie ich fürchtete, so geschah es. Ich sagte: Nein, ich stieß, wie mein Vater meynte, mein Glück muthwillig von mir, und vernichtete, was noch das schlimmste war, ihm die Hoffnung gänzlich, meine Trauungsrede zu halten, eine Rede, die ihres gleichen nicht haben musste, weil sie schon seit meinem zehnten Jahre unter der Feder war. –
Meine Einwendungen wider den Herrn Katharines wurden alle verworfen, und kaum konnte ich mich damit retten, dass ich bewies, dass er schon der verlobte Bräutigam einer andern war, die er um meinetwillen zu verlassen dachte. Diese andere ward bald darauf seine Frau und die Stifterinn meines Unglücks oder Glücks, ich weiß selbst nicht, wie ich es nennen soll. – Mit ihrem Eintritt wich der Friede aus unsrer stillen Wohnung. Sie ließ es nicht genug sein, in unserm Hause eine gänzliche Reformation anzufangen, und als eine Städterinn alles nach Stadtart einzurichten, sondern sie gab auch vor, sich mit mir nicht vertragen zu können. Sie wiegelte meinen Vater, der ohnedem wegen meiner abschlägigen Antwort verdrüßlich war, wider mich auf. Ich fieng an eine überzählige Person im Hause vorzustellen, man sann darauf mich anderwärts anzubringen, man machte eine Stelle als Haushälterinn in der Stadt für mich ausfindig, und ich, die es vormals für Tod hielt, mich von meinem Vater trennen zu müssen, willigte ohne Widerrede ein; ein Jahr das ich, seit Madam Katharines das Hausregiment führte, als Fremdling in der Wohnung meines Vaters gelebt hatte, war hinlänglich gewesen, mir diesen sonst so angenehmen Ort ganz zuwider zu machen.
Neue Klagen, welche den Herrn Katharines aus dem Substituten in den Pastor verwandeln und seinen Wohlthäter ganz von seiner Stelle verdrängen sollten, forderten meines Vaters persönliche Gegenwart vor dem geistlichen Gerichte; überdieses waren unsere Einkünfte seit einiger Zeit geringer gewesen, es waren Schulden aufgelaufen, Vergleiche und Berichtigungen in der Stadt zu machen, kurz mein Vater entschloß sich, mich selbst an den Ort meiner Bestimmung zu bringen, und wir rüsteten uns beide zur Abreise.
Nie hatte ich, selbst in meinen glücklichern Jahren nicht, viel auf Putz und Flitterstaat gehalten, und es ist zu glauben, dass ich in meiner damaligen Verfassung, noch weniger auf künstliche Wahl meines Anzugs dachte. Ich trug ein langes Kleid, wie sie damals Mode waren, von weisser ziemlich feiner Leinwand, welches im Sommer mein Kirchenkleid zu sein pflegte, und auf einem niedrigen Häubchen von guten Spitzen, welches mein Gesicht zur Hälfte verhüllte, einen großen Strohhut, den ich fürwahr nicht zum Staate, sondern um mir auf dem Wege von einigen Stunden zum Schutz wider die Sonne zu dienen, aufgesetzt hatte. Doch musste ich reizend in diesem Anzuge sein, denn mein Vater sah mich mit lächelndem Wohlgefallen an, Herr Katharines nannte mich eine unverwelkliche Rose, und seine Gemahlinn flüsterte ziemlich hörbar für mich, ich sähe unausstehlich albern aus, und sie habe nie etwas abgeschmakteres gesehen, als ein Mädchen, das den Dreißigen nahe sei, und noch zu gefallen denke.
Wir machten uns auf den Weg, und die Gespräche, die wir unterweges hielten, waren traurig, aber zu gleich doch tröstlich für mich, da ich endlich einmal ganz mein Herz vor meinem Vater ausschütten konnte. Lange hatte ich nicht ungestört mit ihm sprechen können; Herr und Madam Katharines hielten ihn immer umlagert, um seine arme Tochter desto leichter aus seinem Herzem verdrängen zu können. – Sein Herz liebte mich im Grunde noch wie zuvor, er entschuldigte mich wegen allem, womit man ihn gegen mich einzunehmen gesucht hatte, er bedauerte, mich von sich lassen zu müssen, sich so ganz in die Gewalt des Katharines und seiner Frau gegeben zu haben. Gern hätte er die vorigen Zeiten zurück gerufen, aber es war zu spät, und wir mussten uns trennen.
Die Angelegenheiten meines Vaters, die ihn in die Stadt riefen, erschwerten unsern Kummer. Zwar dachte mein Vater sich vor seinen Richtern zu rechtfertigen, zwar glaubte er, sich mit seinen Gläubigern auf leidlichere Bedingungen zu setzen, aber ich, die sonst so reich an Hoffnung war, hoffte jetzt nichts, und schwieg, da ich nicht im Stande war, wider meine Ueberzeugung der Meinung meines Vaters beyzupflichten.
Wir langten in der Stadt an, und traten bey einem alten unverehelichten Herrn ab, der uns in unsern glücklichen Tagen oft zu besuchen pflegte, aber mich fast nie zu sehen bekam. Er kannte mich nicht, und als mein Vater mich ihm als seine Tochter vorstellte, und ihm die Ursach meiner Erscheinung in der Stadt erklärte, so musste es sich ganz sonderbar fügen, dass auch er eine Haushälterin brauchte, und mir mit den besten Bedingungen diese Stelle antrug. Ich, die keine Freundin von solchen sonderbaren Fügungen war, wandte vor, dass ich mich schon anderwärts verbindlich gemacht habe; seine Anerbietungen stiegen so wie meine Weigerungen, und er versprach auf die letzt nicht viel weniger, als mich, blos aus alter Freundschaft für meinen Vater, zu seiner Erbin einzusetzen. – Mein Vater nannte diesen Lohn für eine Haushälterin zu groß, und für einen Freund, der es nie gewagt hatte sich unter seine Vertrautesten zu zählen, zu unverdient; einige empfindliche Reden erfolgten hierauf zur Antwort, und wir wurden so kaltsinnig entlassen, als man uns zärtlich empfangen hatte. Kaum dass mein Vater auf die Erkundigung nach einem geschickten Anwald zu Führung seiner Angelegenheiten, eine unbestimmte Anweisung an einen gewissen Herrn Haller erhielt, dessen Namen wir nie hatten nennen hören, und dessen Wohnung man uns nicht einmal zu sagen wusste.
Unser nächster Gang war zu der Dame, bey welcher ich in Dienste treten sollte. Sie war eine Wittwe näher fünfzig, die sich kürzlich mit einem langen Fähndrich von etlichen zwanzig verheirathet hatte, und jetzt daran arbeitete, ihm seinen Abschied mit Hauptmannsrang auszuwirken. So freundlich wir, nach Meldung unsers Namens eingeladen wurden, in ihr Zimmer zu treten, so schlecht war der Empfang bey unserm Anblicke. Ich war ihr zu jung, zu zierlich gestaltet. Sie konnte nicht begreifen, wie ein Mädchen von meiner Art die Führung eines Hauswesens verstehen könne. Sie hörte nichts von dem an, was wir ihr von meinem Alter, und von meiner langen Uebung in den Geschäften, in welchen sie mich brauchte, vorsagten, und es fehlte nicht viel, dass sie ihre Rede mit Unhöflichkeiten schloss. – Ich habe euch meinen Anzug beschrieben, und ihr werdet euch wundern, dass selbst dieser, selbst der armselige Strohhut, den ich trug, ihrer Kritik nicht entgieng; eben war sie im Begriff den letztern noch besonders vorzunehmen, aber ihr junger Gemahl trat ins Zimmer, und wir wurden schnell entlassen.
Eine alte Frau, vermuthlich die Kammerfrau der Dame, begleitete uns. Das hätte ich ihnen sagen wollen, mein Kind, sprach sie, dass sie bey uns nicht fortkommen würden. Madam Katharines, welche ehemals Haushälterin bey uns war, und die sie vermuthlich bey uns empfohlen hat, war schon zu hübsch für unsern Zustand. Eine Frage nach der Wohnung des Herrn Hallers unterbrach die Rede der geschwätzigen Frau, glücklicher Weise konnte sie uns Nachricht geben, und wir entfernten uns.
Recht als ob dieser Tag durch fehlgeschlagene Hoffnung und schlechte Aufnahme ausgezeichnet werden sollte, fanden wir auch bey dem Manne, zu dem man uns hinwies, nichts als finstere Gesichter, Es war fast Mittag, ehe wir seine Wohnung trafen, welche die plauderhafte Alte, ich weiß nicht aus welchem Grunde, uns sehr schlecht angewiesen hatte. Mein Vater sagte, die Stadtleute, vornemlich die, welche in großen Häusern wohnten, haßten die geraden Wege so sehr, dass sie diejenigen, welche sie um Rath fragten, durch tausend Umwege erst dahin führten, wohin sie gedächten. Kein Wunder also, dass wir Herrn Hallers Wohnung zehenmal zur Rechten und Linken liegen lassen, ehe wir sie fanden.
Wir wurden eingeführt. Ein alter, dem Anschein nach, fast des Gesichts beraubter Mann, der in einem Armstuhl zurück gelehnt saß, und bey unserm Eintritt ein wenig an einer schwarzen Sammetmütze rückte, die seinen kahlen Scheitel bedeckte, hieß uns näher kommen, um, wie er sprach, uns besser erkennen zu können. Er zog ein Glas heraus und betrachtete mich. Darauf wandte er sich zu meinem Varer. Ein langes Examen erhob sich, von welchem die Konklusion war, nachdem er alles erfahren hatte, was uns angieng: er wolle sich zur Ruhe begeben, und nähme keine Sache mehr an; zwar sein Neffe, – aber auch dieser sei bereits mit Geschäften überladen; überdies sei es bald Mittag und – Eine Bewegung mit der Hand sagte uns, wir möchten uns entfernen.
Mein Vater hatte die Bitte auf der Zunge, ihm wenigstens einen andern Rechtsgelehrten anzuweisen, welcher besser Gesicht, weniger Geschäfte und wenigere Jahre habe, welcher nicht im Begriff sich zur Ruhe zu begeben und nicht in Erwartung einer guten Mahlzeit sei, aber seine Frage ward durch den Eintritt einer Person unterbrochen, deren erste Worte zeigten, dass sie komme, den alten Herrn zu der für uns so fatalen Mittagstafel abzuholen. Es war eine alte ehrwürdige Matrone in einem Gewande, das mir die weiße Frau, wie sie auf dem Schloße zu B... abgemahlt ist, in den Sinn brachte; um die Aehnlichkeit vollkommen zu machen, trug sie ein großes Bund Schlüssel, das Zeichen des Hausregiments in den damaligen Zeiten, an der Seite.
Sie ward uns gewahr, und eine freundliche Verbeugung gegen uns, kürzte das ab, was sie noch zu dem alten Herrn sagen wollte, der sich jetzt langsam aus seinem Stuhle erhob, und bey uns vorbei nach der Thüre tappte. Wir wollten uns entfernen. Wie? sagte die Matrone, auf welche vielleicht das Alter meines Vaters und seine geistliche Kleidung einen vortheilhaften Eindruck machen mochten, wie? mein Kind, ist das die Zeit seine Gäste zu entlassen? – Keine Gäste, erwiederte der Alte, nur Klienten. – Ey, fuhr die freundliche Frau fort, Gäste oder Klienten, es ist unmöglich, dass sie jetzt von uns gehen. Darf ich bitten – mit einem freundlichen Blick auf uns – dass sie bey uns vorlieb nehmen? Ihre Wohnung ist vielleicht weit entlegen, und die Witterung – –
Die Dame hatte Recht. Es war einer von den ersten Frühlingstagen, die sich so oft schön und heiter anfangen und mit Sturm und Regen endigen. Der Himmel hatte sich dicht umzogen, und unsere Herberge war eigentlich nirgends, da wir bey dem Herrn, dessen Haushälterin ich nicht werden wollte, zu wohnen gehofft hatten, und ohne Einladung entlassen worden waren. Ueberdieses waren wir Leute vom Lande, wussten nichts von langweiligen Weigerungen, und blieben so herzlich gern da, wo man uns einlud, als wir im entgegengesetzten Fall diejenigen, welche uns bewirtheten, bey uns aufgenommen haben würden.
Dass die Matrone, welche uns mit so patriarchalischer Gastfreyheit einlud, die Frau vom Hause war, werdet ihr errathen, ob ich mir gleich einbilde einige Verwunderung über ihren einfachen Anzug, über das Bund Schlüssel an ihrer Seite, und über die Herablassung, mit welcher sie ihren Gemahl selbst zur Tafel holte, in eurem Auge zu lesen. Freilich müssen die Begriffe, die ihr euch nach den jetzigen Zeiten von einer Stadtdame, von der Frau eines vornehmen Rechtsgelehrten macht, ganz anders sein, aber ich bitte euch, versetzt euch in die damalige Welt! Nicht am Putztische, sondern in der Küche traf man unsere Mütter des Morgens an; nicht im prunkvollen unbequemen Flitterstaat nahmen sie die Stelle der Wirthin bey der Mittagstafel ein, sondern in reinlicher häuslicher Kleidung, welcher man es ansahe, dass sie ihnen nicht hinderlich sein konnte, an jedem Orte ihres kleinen Gebiets selbst gegenwärtig zu sein, alles mit eigenen Augen zu sehen, und vielleicht überall selbst mit Hand anzulegen; man nährte in den damaligen größten Häusern nicht etwa eine Menge unnützer Bedienten, welche die Frau vom Haufe der kleinsten Mühe überhoben, oder überheben sollten, und die doch das wichtigste oft ungethan ließen, was die Gegenwart der Gebieterin bald geändert haben würde; doch das sind unnöthige Ausschweifungen. Zu unserer Mahlzeit! –
Unsere Tischgesellschaft wurde durch einen jungen Mann vermehrt, welchen ich gleich anfangs für das hielt, was er war, für den geschäftvollen Neffen des alten Herrn, der sich zur Ruhe setzen wollte. Ein Mensch von gutem Ansehen, welchen ich, so wie ich ihn damals zum erstenmal sahe, mit niemand besser vergleichen kann, als mit meinem Sohn Samuel, auch mochte er damals ohngefähr in den Jahren sein, die dieser jetzt hat, nur ist in Samuels Betragen mehr Ernst und gesetztes Wesen, als ich an dem damaligen jungen Herrn Haller rühmen kann, welcher in allem, selbst in seiner nach der damaligen äussersten Mode eingerichteten Kleidung, zeigte, was in seinem Herzen wohnte, Leichtsinn und Eitelkeit. Ich fand kein besonderes Wohlgefallen an ihm, desto mehr aber ward ich von seiner Tante, der ehrwürdigen Madam Haller, eingenommen. Ich saß bey der Mahlzeit an ihrer Seite, und ihre freundlichen Worte, welche sie immer an mich richtete, machten ihr bald mein ganzes Herz zu eigen, ob ich gleich dieselben, ich weiß nicht aus welcher albernen Blödigkeit, immer nur halb beantwortete, vielleicht dass mich die Blicke des gegen mir übersitzenden jungen Herrn, welcher die Fältgen an den Spitzen meines Kopfzeugs zu zählen schien, in einige Verlegenheit setzten.
Nach dem zweiten Glas Wein gieng dem alten Herrn der Mund auf. Neffe, sagte er, nachdem er sich dreimal geräuspert hatte, dieser ehrliche Mann hier, welcher Rechtsangelegenheiten halber in die Stadt gekommen ist, braucht deine Hilfe. Die Sache betrifft – – Hier hob ein weitläuftiger Bericht von den Angelegenheiten meines Vaters an, den der alte Herr weit ordentlicher und zweckmäßiger vorbrachte, als er ihn von seinem Klienten erhalten hatte, welches mich um so vielmehr Wunder nahm, da ich geglaubt hatte, der alte Herr Haller habe den Vormittag, als er sich alle diese Dinge von meinem Vater erzehlen ließ, an nichts dabei gedacht, als an seinen Lehnstuhl, sein blödes Gesicht, und die bevorstehende Mahlzeit.
Sie müssen mirs nicht übel nehmen, beschloss der alte Herr seine Rede, indem er sich zu meinem Vater wandte, wenn ich sie vorhin ein wenig kurz abfertigte. Sie weckten mich aus einem Schlummer, in welchen ich, wenn ich allein bin, oft verfalle. Ich werde alt, und – es giebt Stunden, in welchen ich keines Menschen Freund bin. – Zum Beyspiel, dachte ich, die Stunde der Erwartung vor der Mittagsmahlzeit! ach wie recht hatte meine alte Baase, Gott habe sie selig, welche mich lehrte, den Himmel alle Morgen zu bitten, dass alles, was ich den Tag über vornehmen wolle, zur guten Stunde geschehen möge. – Mein Vater verbeugte sich auf diese Entschuldigung des alten Herrn, es entstand eine Pause, und der junge Haller füllte das Glas seines Klienten ungeachtet seiner Weigerung, und der darüber gehaltenen Hand, von neuen an.
Ich weiß nicht wer zuerst das Wort wieder aufnahm, genug das Gespräch ward nun allgemeiner. Der Oheim und der Neffe thaten noch viele Fragen an meinen Vater; er gab ihnen ausführliche Nachricht; Madam Haller schob zu Zeiten einige Worte ein; ich schwieg, und als die drei Herren sich nach und nach immer mehr in ihren Händeln vertieften, der alte Herr im Eifer schon ein Glas umgestossen hatte, und meines Vaters Stimme sich bey Darlegung seiner Gerechtsamen zum stärksten Kanzelton erhob, gab mir meine Nachbarin einen Wink in der Stille aufzustehen, und die Männer beym Wein ihre Sachen allein ausmachen zu lassen.
Madam Haller führte mich auf ihr Zimmer. Sie lud mich ein, diesen Nachmittag bey ihr zu bleiben, und ich willigte ein, weil ich glauben konnte, dass ihr ihre Einladung von Herzen gieng, und dass sie, wie sie sich ausbrückte, einen einsamen Nachmittag gern mit einer Freundin theilte. Freundin? wiederholte ich, indem ich ihre Hand an meine Brust drückte. Warum nicht? mein Kind, sagte sie, kann keine Freundschaft zwischen Jugend und Alter Statt finden? O das wohl, erwiederte ich, aber welch ein Unterschied zwischen Madam Haller und einem armen einfältigen Landmächen!
Sie küsste mich lächelnd auf die Stirne, und bat mich, mir die Zeit nicht lang werden zu lassen, weil sie mich wegen einiger häuslichen Geschäfte verlassen müsse.
Wie? rief sie, als sie nach einer Viertelstunde wieder kam, und mich an einer Tapete arbeitend fand, die ich eingespannt gesehen, und mich fast ohne daran zu denken, dabei niedergesetzt hatte. Wie? verstehen Sie diese Arbeit? – Ich erschrack über diese Ueberraschung, stand erröthend auf, und bat um Verzeihung. Nein, nein, sagte sie, hier keine Verzeihung? Ich nehme ihre Hilfe an. – Und wir setzten uns beide, und nähten eine lange Weile stillschweigend fort.
Es ist bekannt, wie bald sich ein paar weibliche Seelen, auf einem einsamen Zimmer, bey gemeinschaftlicher Arbeit, gegen einander aufschliessen. Die Fragen der Madame Haller wurden häufiger, meine Antworten umständlicher als bey der Mahlzeit, und nicht lange, so kannte sie meine ganze Lage so vollkommen als ich selbst. Herr und Madame Katharines, der alte Herr, welcher eine Haushälterin, und die Gemahlin des jungen Fähndrichs, welche keine brauchte, kamen endlich auch an die Reihe, und was das sonderbarste war, so kannte Madam Haller alle diese drei Leute so vollkommen, dass sie mir eine vollständige Biographie von ihnen liefern konnte, die mich angenehm genug unterhielt, ob sie gleich eben nicht die vortheilhafteste war. Die liebe Frau! wenn mir es erlaubt ist, ihr so etwas noch im Grabe nachzusagen, einen kleinen Hang zur Medisance hatte sie freilich, aber sie war gut, sehr gut, und nahm gewiss nichts unter ihre Kritik, was dieselbe nicht verdiente.
Wir waren noch in diesen Gesprächen begriffen, als der junge Haller mit meinem Vater hereintrat, um sich zu beurlauben. Wir werden, sagte der erste, viel Gänge mit einander zu tun haben. Und du, Hannchen, setzte mein Vater hinzu, wirst dich sogleich empfehlen, um uns begleiten zu können. Hannchen wird bey mir bleiben, und ihrem Vater ein Schlafzimmer bereiten helfen, erwiederte Madam Haller; es wird gut sein, wenn der Advocat und die Klienten in einem Hause wohnen.
Mein Vater stammelte etwas von unverdienter unbegreiflicher Güte, und mir traten ein paar Thränen in die Augen. O, dachte ich, wie süß ists dem Unglücklichen, dem Verlassenen, da freundliche Aufnahme zu finden, wo er sie am wenigsten vermuthete; wie viel süsser muss es sein, sie dem Unglücklichen gewähren zu können!
Mein Herz war zu voll von dem, was ich fühlte, als dass ich es nicht gegen meine neue Freundin mit allem Feuer, dessen ich fähig war, hätte überströmen lassen sollen. Sie lächelte über den Eifer, mit welchem ich sprach, und – – Doch ich bin bereits zu weitläuftig in Kleinigkeiten gewesen, und muss mich einschränken, wenn ich nicht von allen dem Guten, was mir in diesem Hause wiederfuhr, ein eigenes Buch zu schreiben gedenke.
Meines Vaters Aufenthalt in der Stadt dauerte länger, als er und ich vermuthet hatten. Zwar seine Sachen mit seinen Schuldnern waren bald abgethan. Madam Haller trat ins Mittel; die Summe war ihrem Ausspruch nach nicht groß, sie hatte voriges Jahr gerade so viel aus ihrer Wirthschaftskasse zurück ge legt; sie freute sich, unsere einige Schuldnerin zu sein; sie wollte sich an Hannchen halten, welche ihr schon alles bezahlen sollte, und was der freundlichen trostvollen Worte mehr waren, mit welchen diese großmüthige Seele uns Niedergeschlagene zu trösten suchte. – Gütiger Himmel! Sie wollte sich an mich halten! ich sollte bezahlen! Ich! eine Summe von hundert und fünfzig Thalern! War das wohl etwas anders, als eine feine Art, uns das Ganze zu schenken? – Noch jetzt ist mirs unbegreiflich, wie alle Umstände so zusammen treffen mussten, uns eine solche Freundin zu verschaffen. Das Gebet meiner Baase um eine glückliche Stunde kommt mir wieder in den Sinn, und Thränen der Dankbarkeit fallen auf mein Blatt.
So gut und leicht unsere Angelegenheiten in diesem Stück berichtigt wurden, so schwer gieng die Sache vor dem geistlichen Gericht. Mein Vater war verklagt, hart verklagt, und dass Herr Katharines der Ankläger sei, ergab sich aus allen Umständen. So in die Augen fallend auch seine Unschuld war, so würde die heilige Gerechtigkeit, welche eben damals eine neue undurchsichtige Binde umgelegt hatte, sie doch schwerlich gesehen gaben, wenn der alte Herr Haller weniger Ansehen, und sein Neffe weniger Wissenschaft und Tätigkeit besessen hätte.
Mein Vater siegte, und man gab ihm nur unter den Fuß, wegen Schwachheit und hohen Alters um völlige Entlassung von seinem Amte anzuhalten; ein Vorschlag den er mit Unwillen verwarf. Würde die Welt meine Unschuld glauben, sagte er, wenn ich mich gleichsam von meinem Posten hinweg schleichen, nicht erst zeigen wollte, das man nichts tadelnswürdiges in mir gefunden hat? – Mit Mühe gestand man ihm noch ein halbes Jahr zu, und Herr Katharines musste sich gefallen lassen, noch so lange blos den Titel als Vikarius zu führen.
Ich zitterte, wenn ich an das Wiederkehren in die Wohnung gedachte, aus welcher unser Feind die Ruhe und den stillen Frieden, welche vordem darinnen herrschten, vertrieben hatte. Madam Haller wollte mir überdieses nicht einmal erlauben, meinen Vater dahin zu begleiten, und ich sollte ihn also allein in der Gewalt seiner Verfolger wissen. Man suchte mich zu beruhigen, und mein Vater versprach mir, sich gegen Katharines unwissend zu stellen, was er für Theil an dem ihm bereiteten Falle gehabt habe, und auf diese Art, alle Verdrüßlichkeiten zu vermeiden.
Seine Abreise war also beschlossen, aber ehe sie noch erfolgte, entwickelten sich Dinge, zu welchen mein erster Eintritt in das Hallersche Haus den Grund gelegt hatte, und die durch meinen langen Aufenthalt in demselben immer mehr zur Reife gekommen waren.
Wie wohl ich der Frau vom Hause gefiel, dieses war mir auf den ersten Augenblick merklich, und ich kann nicht leugnen, dass ihr gütiges Betragen die Hoffnung in mir erweckte, sie würde mich die Stelle als Wirthschaftsgehilfinn, um derentwillen ich in die Stadt gekommen war, in ihrem Hause finden lassen; aber dass mich mein Schicksal zu weit glänzendern Aussichten berechtigte, dass ich auf noch eine Person einen tiefen Eindruck gemacht hatte, dieses wurde ich in der Einfalt meines Herzens nicht ehe gewahr, bis mir meine Wohlthäterinn selbst hierüber die Augen öfnete.
Hannchen, sagte sie eines Tages in ihrem gewöhnlichen mütterlichen Tone zu mir, wir sind dir vielen Dank schuldig; du hast aus unserm Neffen einen vernünftigen und ordentlichen Menschen gemacht. Ich, Madam? fragte ich, ich erinnere mich nicht, seit ich die Ehre habe in ihrem Hause zu sein, zehen Worte mit ihm gewechselt zu haben. Kann wohl sein, erwiederte sie, aber seine Aenderung, seit du bey uns bist, ist zu auffallend, als dass man sie jemand andern als dir zuschreiben könnte. O Hannchen, hättest du ihn vordem gekannt! er war auf keinem guten Wege! Wiewohl, es ist nicht schicklich dir Böses von dem zu sagen, den ich dir so gern beliebt machen wollte. Er liebt dich, er hat es mir gestanden, und ich bin zu froh, dass er nach tausend Ausschweifungen seine Augen endlich einmal auf eine Person geworfen hat, die ihn, wie ich hoffe, nicht verschmähen wird, und auf die er mit Ehren denken kann, auf ein Mädchen, das tugendhaft und schön genug ist, ein Herz, wie das seinige, fest zu halten, und es zu bessern.
Sie scherzen, Madam, unterbrach ich sie halb außer mir vor Erstaunen, sie bedenken nicht! – Ich habe hier nichts zu bedenken, sagte sie; auf den ersten Blick ward ich von dir eingenommen, ein kurzer Umgang mit dir lehrte mich, dass ich mir auf Zeitlebens keine bessere Gesellschafterinn wünschen könne als dich; ob du mir weniger als Nichte gefallen wirst, ist kaum Fragens werth. – Aber, Madam, meine Armuth; und sollten sie diese auch übersehen, wird Herr Haller, – Du meynst meinen Mann? fiel sie mir ins Wort, dafür sei unbesorgt, mein Wille ist der seinige. Eine etwas wichtigere Einwendung würde es sein, ob auf die Beständigkeit meines Neffen viel Hoffnung zu setzen wär, auf ihn, der so lange von einer Schönheit zur andern hüpfte, und in der ganzen Stadt als ein ausgemachter Flattergeist bekannt ist, aber solltest du ihn nicht bessern können, so wird es keine auf der Welt.
Es würde zu weitläuftig sein, meine Kinder, euch unser ganzes Gespräch mitzutheilen; hört lieber, welches meine Empfindungen dabei waren. – Lasst mich offenherzig sein: welch Mädchen fühlt nicht einige Freude über eine Eroberung, über einen Antrag von solcher Art; und dann die Aussicht auf ein ruhiges sorgenfreyes Leben, auf den ungetrennten Umgang mit meiner lieben Madam Haller, eine solche Aussicht für mich, die nichts als Dunkelheit in der Zukunft vor sich hatte! – Dass also die Sache überhaupt mir schmeichelte, ist gewiss, übrigens aber fühlte ich nicht die geringste Neigung für Herrn Haller, so ein hübscher Mann er in manchen Augen auch sein mochte. Auch war die Beschreibung von seinem Charakter, die mir meine Wohlthäterinn machte, und die ich, seit ich in der Stadt war, hier und da hatte bestättigen hören, nichts weniger als reizend für mich, die ich mir in meinen jüngern Jahren ein ganz anderes Bild von meinem künftigen Gatten entworfen hatte. Gütiger Himmel, welch ein Bild! Welch ein Inbegriff aller sichtbaren und unsichtbaren Vollkommenheiten! und wie fest mein Herz an denselben hieng! Gewiss, es war nötig, wie Madam Katharines sagte, den Dreißigen nahe zu sein, um ein schönes Ideal aufzugeben, es um Herrn Hallers willen aufzugeben, entweder ganz an seiner Existenz zu zweifeln, oder wenigstens mich zu überzeugen, dass es für mich nicht vorhanden sei.
Doch ward mir es schwer dieses zu tun; ich bat um Bedenkzeit, beredete es mit meinem Vater, er stellte mir unsere traurige Lage, und die Möglichkeit vor, den, den mir das Schicksal zu meinem Gatten bestimmt zu haben schien, zu bessern und – die Sache war so gut als geschlossen.
Herr Haller bekam Erlaubnis, sich an mich zu wenden, und er entdeckte mir seine Neigung mit so viel Wärme, strebte so unablässig, sich mir gefällig zu machen, zeigte sich die ganze Zeit unsers Brautstandes auf so vielfachen vortheilhaften Seiten, dass sich meine ganze Meinung von ihm änderte, dass ich endlich so für ihn eingenommen ward, als er für mich. Oft suchte ich in der Einsamkeit das oberwehnte aufgegebene Ideal meines künftigen Gatten in meinem Gedächtnis auf, verglich es mit meinem nunmehrigen Bräutigam, warf bald diesen bald jenen Zug meines schönen Bildes hinweg, that dagegen andere hinzu, bis ich mir endlich einbildete, Herr Haller sei demselben fast ganz gleich, und ich habe in ihm alles gefunden, was sich ehemals meine Phantasie träumte; eine Täuschung, welche zwar nicht lange dauerte, die mich aber für den gegenwärtigen Augenblick unaussprechlich glücklich machte. Alles was mir seine eigene Tante von ihm gesagt hatte, alles, was mir das Gerüchte von ihm zuflüsterte, sobald es bekannt ward, dass ich mit ihm versprochen sei, alles wurde in den Wind geschlagen, ich glaubte es nur halb, und brüstete mich nur darum desto mehr, weil ich meine Reize für so mächtig hielt, aus einem Wüstling einen Tugendhelden zu machen. Selbst die Versicherung, die mir überall zu Ohren gebracht ward, dass man freilich hätte froh sein müssen, denjenigen, welcher fast von jedem Mädchen dieser Stadt, auf das er die Augen geworfen hatte, abgewiesen worden sei, noch an eine so hübsche, vernünftige und tugendhafte Person, wie Mamsell Hannchen, zu bringen, selbst diese fand keinen Eingang, ich nannte sie Neid und Verläumdung, wie sie auch vielleicht zum Theile sein mochte, und gab Herrn Haller an dem bestimmten Tage meine Hand mit so gutem Herzen, als sie die Tochter des Priesters zu On dem keuschen Joseph, oder Fräulein Byron dem Tugendspiegel aller Männer gegeben haben mag.
Dieses kleine Haus, und dieser Garten, das einige was uns von unserm ehemaligen Vermögen übrig ist, war der Ort, wo unsere Verbindung gefeyert ward. – O Kinder! Kinder! ihr glaubt, wie nun die heutige Welt ist, nicht an Ahndungen, aber was würdet ihr sagen, wenn ich euch versicherte, dass, als Madam Haller, mich den Tag nach meiner Ankunft in die Stadt, an diesen angenehmen Ort führte, mir es nicht anders war, als flüsterte mir eins ins Ohr: diese Gegenden werden dich an einem der wichtigsten Tage deines Lebens sehen. – Und sie selbst, meine Wohlthäterinn, war mirs nicht bey ihrem ersten Anblick, als müsste ich ihr in die Arme sinken, und sie Mutter nennen? als säh ich im Geiste voraus, was sie mir einst werden würde? – Zwar, wenn ichs recht überdenke, bey andern mich noch näher angehenden Gegenständen schwiegen diese innern Vorempfindungen; bey Herrn Hallers Anblick, fühlte ich nicht viel, und ich besinne mich nur ein einigesmal, dass mir etwas seinetwegen ahndete: Madam Haller nahm mich kurz vor der Trauung hier in dieses Zimmer; Nichte, sagte sie zu mir, sei hübsch andächtig bey dem, was man dir vor dem Altar sagen wird. Doch noch eins; bey den Worten: er soll dein Herr sein, kannst du an etwas anders denken; dein künftiger Mann braucht Beherrschung, du aber nicht. Wie ein Pfeil giengen mir diese Worte durchs Herz, es war, als säh ich manche traurige Scenen in der Zukunft vor mir, als fühlte ich es, dass ich glücklicher bey einem Manne sein würde, dem ich meinen Gehorsam so recht aus ganzem Herzen geloben, bey dessen Führung ich hoffen könnte, alle Tage besser zu werden. – Doch nichts mehr von Ahndungen!
Mein guter Vater erhielt nach vieler Schwürigkeit die Erlaubnis uns zusammen zu geben. Er hielt seine so lang meditirte, so oft wieder beyseite gelegte Trauungsrede. Er stellte im ersten Theile die fromme und geduldige Hanna, und im andern die mit vielen Kindern gesegnete Peninna vor. Die Deutung war, wie ihr denken könnt, ganz auf mich. Es war in der That recht schön zu hören, auch schien Herr Haller, welches mich wunderte, Achtung gegeben zu haben, denn er versicherte mich, als er mich vom Altare führte, dass er mir nie Gelegenheit geben würde, die Geduld der Hanna auszuüben, von welcher mein Vater im ersten Theile so viel gesagt hatte. Ach wie oft hätte ich ihn in der Folge an dieses Versprechen erinnern können, wenn solche Erinnerungen gut thäten!
So war ich also die Frau eines Mannes, den nicht ich, den das Schicksal für mich gewählt hatte, ein Grund der Beruhigung, welcher in künftigen Zeiten oft sehr wirksam bey mir war.
Die Zeit meiner Glückseligkeit dauerte indessen länger als ich hätte hoffen können, sie dauerte Jahre lang, Jahre, o die glücklichsten meines Lebens, deren Erinnerung mir ein Gedankenfest ist! Bedenkt selbst, Kinder, einen Mann, den ich anbetete, eine Mutter, – diesen Namen kann ich Madam Haller mit Recht geben, – der ich alles war, die beständige Gesellschaft meines Vaters, welcher, nachdem die Chicanen des Katharines ihn genöthiget hatten, sein Amt noch vor Endigung des bestimmten halben Jahres niederzulegen, den stillen Abend eines sorgenvollen Lebens an unserer Seite zubrachte, und dann auch meine Kinder, die ihr eines nach dem andern wie lächelnde Engel erschient, um meine Glückseligkeit vollkommen zu machen.
Und doch waret ihr, wenn ich mich recht besinne, die erste Ursache eines kleinen Zwists mit meinem Manne. – Dass Hanna ihren ersten Sohn Samuel nen nen musste, war ja natürlich, es wär sündlich gewesen, einen andern Namen zu wählen; aber, lieber Himmel, wie beleidigte ich Herrn Haller damit, welcher ihn schlechterdings nach seinem Namen Albert genennt wissen wollte. Fast so gieng es mir mit meiner ältesten Tochter Peninna. Glücklicher Weise erwartete ich damals meine Niederkunft hier in diesem Gartenhause; mein Mann hatte wichtige Geschäfte in der Stadt, Madam Haller sagte, das Kind sei schwach, und so hies es Peninna, ehe er etwas dawider einwenden konnte, doch hatte ich am Tage meines Kirchgangs einen fürchterlichen Sturm deßwegen auszustehen, und ich glaube sicherlich, dass er Samueln und Peninnen, blos der Namen wegen immer weniger geliebt hat, als seine übrigen Kinder; bey ihm sollte alles weltlich und eitel sein. Da ich mich zum drittenmal meiner Niederkunft nahte, nahm er mich ernstlich vor, und warnte mich, ihn nicht wieder mit solchen abgeschmackten Namen zu ärgern, sondern mir es merken, dass sein künftiger Sohn oder Tochter, Albert oder Albertine heißen müsse. – Aber im Fall uns der Himmel Zwillinge bescherte, sagte ich, dürfte ich denn nicht? Hanna ist so ein schöner Name. – Wir stritten lange über diesen Punkt, bis endlich der Name Johanne mit vieler Mühe erlaubt ward, und sehet die Schickung des Himmels, ich beschenkte meinen Mann mit einem Knaben und einem Mädchen, und die Namen Albert und Johanne stellten unsere Einigkeit völlig wieder her, welche durch das Versprechen, mich nie wieder in das Kapitel von den Namen zu mischen, bestättiget ward.
Ich habe es von klugen und erfahrnen Frauen gehört, dass kleine Verdrüßlichkeiten im Ehestande immer das Vorspiel von größern sind. Du Jukunde und deine Schwester Amalie waren schon auf der Welt, als euer Vater auf einmal so häufige Geschäfte bekam, dass wir ihn fast nie, als bey der Mittags- und Abendtafel sahen. Wir bewohnten damals fast beständig dieses Gartenhaus, und die Entfernung von der Stadt gab ihm also einige Entschuldigung; überdieses machten mir meine kleinen Kinder, und die Wartung des alten Herrn Haller, der nun sein Gesicht völlig verlohren hatte, so viel zu tun, dass ich manches übersahe, das mir sonst auffallend gewesen sein würde. Nicht so Madam Haller; sie liebte mich zu sehr, um ihrem Neffen die kleinste Nachläßigkeit gegen mich zu übersehen, und der Hang, alles auszuforschen, und streng zu beurtheilen, den ich ihr schon bey ihrer ersten Unterhaltung mit mir abgemerkt hatte, verleitete sie auch hier zu manchem Schritte, den sie um meiner und ihrer Ruhe willen hätte unterlassen können. Sie war nur allzuschlau meines Mannes Gänge zu belauschen, und nur allzubereit, mir ihre Entdeckungen mitzutheilen.
Gütiger Himmel! ward ich durch diese Wissenschaft glücklicher? Hatte mir nicht alles, was sie mir so deutlich vor die Augen legte, längst wie ein dunkles verworrenes Traumbild vorgeschwebt? und gewann ich etwas dadurch, dass man meine Muthmassungen zur Wirklichkeit machte? – Madam Haller erinnerte mich an die Worte, die sie mich bey der Trauung hatte überhören heißen. Hannchen, Hannchen, sagte sie, jetzt beweise, dass du sein Herr seyst, jetzt reiße ihn mit Gewalt aus den Schlingen der Buhlerinnen, die ihn verstricken, damit du nicht endlich seine und ihre Sklavinn werdest!
Ein Strom von Thränen war meine Antwort. Ich bat um Zeit zur Ueberlegung, und beschwur sie in der Bestrafung oder Verhinderung der Vergehungen ihres Neffen nicht so zu verfahren, wie sie bey der Ausforschung derselben getan hatte, lieber alles mir zu überlassen, da sie mir einmal die Herrschaft über meinen Mann zugedacht hatte. – Die Herrschaft über ihn? Lieber Himmel, was für ein trauriges Wort, das mir nie in den Sinn gekommen sein würde, wenn ich es nicht in den Jahren unsers Ehestandes nur gar zu oft inne geworden wäre, dass er wirklich einer Art von Leitung bedurfte, die ich auch immer glücklich genug, obgleich so verstohlen als möglich gebraucht hatte. Er hat es sicher nie gemerkt, dass die Hindernisse, die sich seiner Verschwendung, seinen stolzen, oft unüberdachten Entwürfen, die ihn zu Grunde gerichtet haben würden, seinem Hang zu ausschweifenden Lustbarkeiten entgegen setzten, immer von mir herkamen, und es ist oft geschehen, dass er sich mühsam wegen solcher Dinge gegen mich entschuldigte, die ich selbst rückgängig gemacht hatte.
Erfahrungen wie diese ließen mich hoffen, dass es mir auch jetzt glücken würde, ihn unvermerkt aus gewissen Verbindungen zu reissen, die sein und mein Unglück machen mussten, aber was hatte ich damit gewonnen? konnte ich die in seinem Herzen erloschene Liebe von neuem anfachen? Musste der, der einmal sich verirrt hatte, nicht überall Gegenstände finden, die ihn zur Untreu verleiten konnten? Doch ich nahm mir vor, blos für die Gegenwart zu sorgen, und die Zukunft dem Himmel zu überlassen; ich machte es wie der Arzt, der bey einer unheilbaren Krankheit nur auf gegenwärtige Linderung denkt, und den letzten tödtenden Ausbruch des Uebels so lang als möglich verhütet.
Der alte Herr Haller nahte sich seinem Ende. Ob er gleich, da er ein wenig zum Geiz geneigt war, die Verheyrathung seines Neffen mit einem so armen Mädchen als ich, nicht eben gern gesehen, und nur aus Gehorsam gegen seine gebietende Frau eingewilligt hatte, so war mir es doch nachher gelungen, mich so ganz in seine Gewogenheit einzustehlen, dass ich jetzt seine liebste Gesellschafterinn, fast seine einige Wärterinn war, dass ihn jetzt, da seine Augen völlig dunkel geworden waren, schon der Ton meiner Stimme erfreute, und meine Schritte, wenn er sie hörte, schon in der Ferne mit einem frohen Ausruf von ihm begrüßt wurden. Ob ich bey so bewandten Umständen einige Gewalt über ihn, und vielleicht einigen Einfluss in die Verfassung seines letzten Willens haben mochte, lässt sich errathen.
Der gute Greis starb, und meine aufrichtigsten Thränen folgten ihm. Wenn auch keine guten Eigenschaften von seiner Seite, wenn auch nicht seine Zuneigung gegen mich, mir Ehrfurcht, Liebe und Dank abgefordert, und meine Thränen erpreßt hätten, so ist doch auch dieses schon kein Geringes, den Gegen stand seiner vieljährigen Pflege und Sorgfalt zu verlieren. Ach die verdrüßliche Lücke in unsern Geschäften! die schmerzhafte Leere! die tausend Besorgnisse, ob wir auch alles thaten, was wir tun konnten, welche immer wiederkehren, so kräftig sie auch unser Herz widerlegt! –
Herrn Hallers Testament ward eröfnet, und zu jedermanns Erstaunen ward mein Name nicht auf die entfernteste Art darinnen erwehnt. Sein Vermögen war zwischen seine Wittwe und seinen Neffen gleich getheilt, doch so, dass jene nebst verschiedenen Dingen von Wichtigkeit, dieses Haus, und dieser eine ansehnliche Summe Geld zum voraus bekam, mit dem Befehl, seinen bisherigen Wohnort zu verlassen, und das Amt zu Hohenweiler zu pachten, wegen dessen der Erblasser schon alle nötige Verfügungen getroffen habe.
Madam Haller sahe mich bey dem letzten Punkte mit einem schlauen, zufriedenen Blicke an. Mein Mann schien betreten, und nachdenkend, und einige mit ziemlich reichen Legaten bedachte Verwandtinnen meinten, es sei doch höchst ungerecht, dass der selige Herr mich, seine treue Wärterinn, so gänzlich vergessen, meiner auch nicht einmal ehrenhalber mit einer Sylbe gedacht habe: des ich vom Herzen lachen musste. Schimpf wäre mir es gewesen, in einem Testamente genannt zu sein, bey dessen Verfertigung ich, wie mir, zwar mir allein, bekannt war, so sehr um Rath gefragt worden war. Ich wollte nicht unabhängig von denen sein, denen ich mein Glück zu danken hatte; ihr Vorteil war der meinige, und ohne sie wär ich arm bey Millionen gewesen.
Eins hatte ich getan, welches mich vielleicht bey manchen in den Verdacht des Eigennutzes bringen wird, da es den Vorteil einer Person betraf, die mir lieber als mein Leben war. Aber war mir es wohl zu verdenken, dass ich den Willen des Verstorbenen, meinen Vater unabhängig zu machen, gut hieß? Ist wohl die reichlichste Unterstützung selbst von denenjenigen, denen es Pflicht ist, ihren Ueberfluß mit uns zu theilen, ist sie wohl dem freien Manne mit einem kleinen Einkommen, das er gewiss und ganz sein eigen nennen kann, zu vergleichen? Der verstorbene Herr Haller hatte so manches langes Jahr in vertrauter Freundschaft mit meinem Vater gelebt, seine Gespräche hatten ihm die finstern Tage, da die ganze sichtbare Schöpfung vor seinen Augen verschlossen war, aufgeheitert, sein Zuspruch hatte ihn in seinen letzten Stunden getröstet, und ihm den Uebergang in eine andere Welt leicht gemacht, war es ihm denn wohl zu verdenken, dass er zur Dankbarkeit darauf sann, seinem Tröster den Abend seines Lebens heiter und sorgenleer zu machen, und handelte ich unrecht dieses zu billigen, es geschehen zu lassen?
Mein Vater hatte, seit er, wie er sich ausdrückte, aus dem Weinberge des Herrn vertrieben worden war, eine besondere Liebe zum Land- und Gartenbau gewonnen. Seine Lektüre, seine Gespräche, seine kleinen Geschäfte, alles bezog sich auf diesen Lieblingsgegenstand. Jener schöne Bezirk, den Hügel hinab an der rechten Seite unsers Hauses, den wir den kleinen Garten nennen, und der so manchen von ihm gepfropften Baum, so manche zuerst von ihm dahin verpflanzte seltne Blume trägt, war, seit das geliebte Hallersche Haus uns Fremdlinge aufnahm, sein liebster Würkungskreis gewesen, jetzt ward er nebst dem dazu gehörigen Hause sein Eigenthum, und eine ganz artige Leibrente, die sein Freund auf ihn hatte schreiben lassen, begleitete dieses Vermächtniß.
Hätte ich geglaubt, sagte mein Vater, als der Kummer über den Tod seines Freundes seine erste Schärfe verlohren hatte, und ihm Raum ließ Freude und Dank über sein hinterlassenes Andenken zu fühlen, hätte ich geglaubt, noch in dem Besitz irgend eines irdischen Guts, das zu empfinden, was ich hier unter meinen blühenden Bäumen, unter meinen duftenden Blumen fühle? – O Kinder, ich werde zum zweitenmale jung! So oft der Frühling in meinen Garten wiederkehrt, so oft ists auch, als wenn neues Leben in meinen Adern wallte! Ach es wird mir einmal schwer werden, mich von diesem Paradiese und von euch zu trennen!
Das war ein Meisterstreich! sagte Madam Haller, als wir das erstemal nach Eröfnung des Testaments ohne Zeugen mit einander sprechen konnten, das wahr wohl ersonnen! auf diese Art bringst du deinen Mann aus seinen allerliebsten Gesellschaften, er weiß selbst nicht wie. – Ich schwieg. – Leugne mir es nicht, mein Kind, fuhr sie fort. Ich weiß, dass du meines Mannes Herz in Händen hattest, und das gepachtete Amt ist nichts als ein Einfall von dir, den du durch ihn ausführen ließest.
Ich weiß nicht, meine Kinder, ob ihr es jemals erfahren habt, wie einem zu Muthe ist, wenn man sich wegen einer Sache loben hört, mit welcher unser Herz nicht ganz zufrieden ist; gewiss eine der peinlichsten Empfindungen, die ich kenne, und die mein Herz in selbigem Augenblicke in vollem Maaße erfuhr. – Wie? du weinst? rief Madam Haller, indem sie die Hand, mit welcher ich meine Augen decken wollte, mit sanfter Gewalt hinweg zog. – O, meine Tante, sprach ich schluchzend, wer weiß, ob ich recht handelte! ich hasse von Natur alle krummen Wege, und ob dieser Meisterstreich, wie sie es nennen, auf der geraden Bahne blieb, ob ich ihn meinem Manne und der Welt offenherzig gestehen dürfte, das gebe ich ihnen zu bedenken. – Du bist wunderlich, sagte sie, welchen Weg soll man mit verkehrten Leuten gehen, als den, der ihrer Art zu handeln am nächsten kömmt? – Bedenken sie selbst, fuhr ich fort, meinen Mann mit Hinterlist aus einer Sphäre reissen, in welche er sich schickt, und ihn in eine andere bringen, welcher er vielleicht nicht gewachsen ist. Sie sahen, wie betreten er war; müsste nicht schon der Gedanke ihm Kummer zu machen, genug sein, mich zur Reue über das zu bringen, was ich that?
Willst du es ihm nicht lieber bekennen und abbitten? sagte Madam Haller mit einem unwilligen Blick – Schwache weichherzige Seele! war seine Bestürzung wohl etwas anders, als Kummer, sich von Madam R... und Mamsel W... und wie die Syrenen alle heißen mögen, trennen zu müssen? – Und wird er, erwiederte ich, an dem künftigen Orte unsers Aufenthalts nicht neue ihm vielleicht noch gefährlichere Damen und Demoisellen dieser Art finden? Was habe ich dann gewonnen? oder was habe ich gewonnen, wenn er sich den Weg von etlichen Stunden nicht zu weit sein lässt, seine alten Bekanntinnen hier zu besuchen? – Dies ist nunmehr zu spät, war die Antwort meiner Tante, quäle dich nicht mit unnöthigen Grillen, und lass dich nichts reuen, als dass der Ort, wohin wir gedenken, nicht noch zehen Meilen weiter ins Land hinein liegt, um allen Umgang mit den hiesigen Städterinnen gänzlich abzuschneiden, ein Fehler, den du freilich hättest vermeiden können, wenn du klug genug gewesen wärest.
Wenn Madam Haller in so entscheidendem Ton sprach, so war es nicht erlaubt, die entschiedene Sache wieder vorzubringen; ich trug also die Vorwürfe meines Herzens in der Stille, welche durch den tiefen Kummer erschwert wurden, der über das ganze Wesen meines Mannes verbreitet war, und den ich ganz auf meine Rechnung schrieb.
Drei Tage ertrug ich seine finstern Blicke, ohne sie zu ahnden; am vierten brach ich das Stillschweigen. – Mein Albert, mein Trauter, sagte ich mit von Thränen gehemmter Stimme, du trauerst, und deine Frau darf nicht wissen warum? Bin ich vielleicht – Gute Seele, unterbrach er mich, du, deren ich nicht werth bin, du, deren holden Taubenaugen ich schon tausend Thränen ablockte! Thränen, die du immer großmüthig genug warest, mir zu verhelen.
Er. Warum folgte ich deinen liebreichen Ermahnungen nicht! – Zwar Ermahnungen? – ließ deine Bescheidenheit so etwas zu? – Kaum kann ich es Winke nennen!
Ich. erschrocken. – (ich glaubte, er zielte auf die Begebenheiten mit der R... und W...) – Sollte ich mir je Ermahnungen oder Winke über diesen Punkt erlaubt haben?
Er. O war nicht selbst deine Eingezogenheit, deine Mäßigkeit, deine Sparsamkeit, deine eingeschränkten Wünsche, waren dieses nicht alles Winke genug mich zu bessern?
Ich. (lächelnd und froh, dass ich mich geirrt hatte). – Ach du meinst gewisse kleine unnöthige Ausgaben, gewisse – ich weiß nicht wie ich sagen soll. – Sei ruhig, mein Albert, ich weiß, wir müssen Schulden haben, aber jetzt, da du so ansehnliche Summen in die Hände bekömmst. – Gute Wirthschaft auf meiner, und ein wenig Einschränkung auf deiner Seite – –
Er. Wirthschaft? Einschränkung? ansehnliche Summen? – Gutes armes Kind, zu spät! alles zu spät! – Meine, nicht, wie du so schonend sagst, unsere Schulden, belaufen sich so hoch, dass ich um sie zu bezahlen, noch die Summe werde angreifen müssen, die mir mein Onkel in anderer Absicht vermachte, eine Absicht, die ich segne; es war gewiss die, mich aus gewissen Verbindungen, – von einem Orte, wollte ich sagen, loszureißen, der mich in tausend Ausschweifungen stürzte. – Du schweigst? die Bestürzung hemmt deine Stimme? – O ströme lieber alle Vorwürfe über mich aus, als diese Thränen!
Ich. Vorwürfe? – ich habe keine. Und wäre die Sache noch schlimmer, als du sie beschreibst, nun, so wären wir so arm als ich war, da ich deine Frau ward; ich habe Armuth ertragen gelernet, aber du?
Er. (Indem er sich vor die Stirn schlug) Unausstehlich! unausstehlich! – Du, die du am meisten unter meinen Vergehungen leidest, so gütig? und andere, die nicht durch mich verlohren, nur gewonnen haben – Personen, um derentwillen – Ich weiß nicht was ich sage. – Lass mich!
Er verließ mich in einer gänzlichen Betäubung. Die Dinge, die er mir entdeckt hatte, waren schrecklich und unerwartet, seine letzten Worte räthselhaft. Ich unterdrückte meine Empfindungen, und eilte zu einer zweiten Unterredung mit ihm, in welcher mir es mit Mühe gelang, die Erlaubnis, seine Rechnungen zu durchsehen, von ihm zu erhalten. Er hatte nicht Muth genug, es selbst zu tun, und wollte es einem Fremden auftragen; ein Entschluss, der sein Unglück vollends auf den höchsten Gipfel gebracht haben würde.
Freilich waren gewisse Punkte in seinen Ausgaben, die niemand weniger als ich hätte wissen sollen, und bey welchen es auch für mich bedenklich war, wenn er wusste, dass sie mir bekannt waren. Aber ich fasste mir Muth, nahm halb mit, halb wider seinen Willen alle Papiere zusammen, die zur Berichtigung unserer Sache gehörten, versicherte ihn lächelnd, dass wenn ich Geheimnisse fänd, meine Augen vor allem außer den Zahlen verschlossen bleiben sollten, und entfernte mich. – Ich erstaunte über die Summen die ich erblickte, und ich läugne es nicht, der Name seiner guten Freundinnen aus der Stadt, die ich auf allen Seiten fand, wo etwa eines Juwelierers, eines Seidenhändlers, oder einer Putzkrämerinn gedacht war, pressten mir mehr Thränen aus, als die Summen, die ihnen zu Liebe verschwendet worden waren.
Ich dachte an mein Versprechen, meine Augen vor gewissen Dingen zu verschließen, und that das Gelübde hinzu, auch meinen Mund verschlossen zu halten; das ist, selbst der Vertrauten aller meiner Geheimnisse, meiner Tante, nichts von unsern geheimen Angelegenheiten wissen zu lassen; ein Entschluss, der mir um so viel leichter zu erfüllen ward, da ich, wie ich anfangs fürchtete, ihrer Hilfe nicht dabei nötig hatte. Die fürchterliche Summe, die ich von allen diesen Summen herausbrachte, überstieg freilich das, was mein Mann von der Güte seines Onkels erhalten hatte, aber mit Hilfe einiger kleinen Geschenke, die ich von Zeit zu Zeit, teils von meinem Albert, teils von Madam Haller erhalten, und zum Glück nicht verschwendet hatte, gelang es mir, unsere Schulden völlig zu tilgen, ohne die Summe angreifen zu dürfen, die den Grund unsers Glücks an einem andern Ort legen sollte.
Mein Mann schloss mich in seine Arme, so zärtlich wie an unserm Verlobungstage, und überhäufte mich mit Lobsprüchen, aber schnell fuhr er zurück, fragte mich, was Madam Haller zu der Sache meyne, und drückte mich von neuem noch fester an sein Herz, als ich ihn lächelnd fragte, ob es notwendig sei, dass sie um unsere geheimen Angelegenheiten wisse?
Tausend Versprechungen, deren wahren Sinn ich mich nicht zu verstehen stellte, folgten dieser Umarmung, und eine umständliche Beichte aller vergangenen Dinge würde den Schluss gemacht haben, wenn ich klein genug gedacht hätte, ihm ein so demüthigendes Bekenntnis zu gestatten. Ich legte meine Hand auf seinen Mund, küsste ihn, und hüpfte zum Zimmer hinaus, so froh, als ob man mir dreymal die Summe geschenkt hätte, von welcher hier die Rede war.
Was mochte mich doch so froh machen? Vielleicht die wiederkehrende Zufriedenheit meines Mannes? Vielleicht seine verneute Zärtlichkeit? Vielleicht seine Bereitwilligkeit an den Ort seiner künftigen Bestimmung zu gehen? Oder sollte es nicht vielleicht heimliche Freude gewesen sein, dass er, wie ich aus einigen halbgesprochenen Worten errieth, in seiner gegenwärtigen traurigen Lage, meine Nebenbuhlerinnen in ihrer wahren Gestalt kennen gelernt hatte; dass er vielleicht jetzt von ihnen so schimpflich war verlassen worden, als sie verdient hätten, von ihm verlassen zu werden? – Der Himmel verzeihe mir diese Schadenfreude, welche auf den höchsten Gipfel stieg, als meine Muthmaßungen des andern Tages durch die Relation der Madam Haller bestättiget wurden. – Weis der Himmel, woher die Frau alles erfuhr. Sie konnte mir diese für mich so trostvollen Scenen so lebhaft mahlen, als ob sie selbst dabei zugegen gewesen wäre. – Ich bewundere ihre Talente hinter alles zu kommen, die wirklich einem Pariser Polizey-Lieutenant Ehre gemacht haben würden, aber die Rolle bey einer von meinen Töchtern zu spielen, die sie in diesem Stück bey mir übernahm, würde ich mich nie verstehen; es gehört große Klugheit dazu, gewisse Dinge zu wissen und sich gut dabei zu verhalten; Unwissenheit ist in dergleichen Fällen tausendmal besser, als die genaueste Kenntnis.
Nichts hielt uns nunmehr ab, an den Ort zu eilen, an welchem mir so manche neue unerwartete Auftritte bevorstanden. – Das was mich vorher mit den grausamsten Besorgnissen erfüllte, die geringe Entfernung des Orts, wohin wir gedachten, von demjenigen, den wir verliessen, ward jetzt, da ich den Umgang mit meinen Nebenbuhlerinnen gänzlich aufgehoben wusste, der Grund meiner lebhaftesten Freude. Hätte ich ohne diesen Umstand meinen guten Vater so oft sehen können, der sich nicht von seinem Paradiese, wie er es nannte, trennen wollte, und den zu besuchen, oder Besuche von ihm zu erhalten nun eine so leichte Sache war.
Mit frohen Herzen kamen wir zu Hohenweiler an. Wir fanden eine kleine artige Stadt in einer herrlichen Gegend, die Leute hatten einen gewissen treuherzigen Ton, der mir gefiel, man schien wenig auf Eitelkeit und Flitterstaat zu halten, und die Nothwendigkeiten des Lebens kaufte man in einem so geringen Preiße, dass ich heimlich über die großen Ersparnisse, die wir hier bey einem ganz guten Einkommen machen wür den, jauchzte. Meine Tante, der ich meine Plane vorlegte, lachte, und nannte mich geizig; die liebe Frau, sie wusste nicht wie schlecht es mit unserm Vermögen stand! doch ich will nicht klagen; hatten wir nicht genug für uns und unsere Kinder, und die Armen, deren es hier wie überall gab?
Mein Mann schien sich ganz gut in ein Leben ohne Ueberfluß und Mangel zu schicken. Seine Arbeiten würzten ihm die kleinen wohlfeilen Freuden, die wir uns gewähren konnten, und ich habe ihn in den damaligen Zeiten oft betheuren hören, dass er bey unsern Erndten- und Kirchweihfesten, und in den frohen Tagen unserer Weinlese, mehr wahre Freude empfunden habe, als bey den kostbaren Lustbarkeiten seiner Geburtsstadt.
Unsere Kinder wuchsen indessen heran, und es ist Zeit, da nun einige von ihnen in die Jahre kamen, in welchen sich die Grundlinien der Charaktere besser bemerken lassen, dass ich etwas von ihnen sage, da sie nach meiner Absicht der Hauptgegenstand dieser Blätter sein sollen, und da ich von ihnen bis jetzt noch nichts als die Namen genannt habe.
Du, mein Sohn Samuel, – doch ich halte es für gut, jetzt, da ich von euch, meine Kinder, sprechen und so manches Gute und Böse von euch zu sagen haben werde, mich nicht besonders an euch zu wenden, sondern von euch als Abwesenden zu reden; ein Kunst griff, den ich, wie ihr wisst, in eurer Kindheit oft mit gutem Nutzen brauchte. Wenn ich Hannchen in Alberts Gegenwart mit vielem Ernst erzählte, dass, da es ihm an Fleiß und Aufmerksamkeit zum Lernen zu fehlen schien, er nächste Ostern bey dem Gärtner in die Lehre getan werden sollte, und wenn ich das kleine Julchen gegen Amalien lobte, dass sie Jukundens vernachläßigte Blumen begossen, und ihr vergessenes Garn von der Bleiche genommen habe, so that dies immer ganz unvergleichliche Würkung. Bey euch als Erwachsenen, habe ich nun zwar solches als Zucht und Besserungsmittel nicht mehr nötig, aber doch wird es euch manches Erröthen, und mir manches Stocken in meiner Rede ersparen, wenn ich euch Lob und Tadel nicht unter die Augen zu sagen scheine.
Mein Samuel, mein Liebling, war in dem Zeitpunkt, von welchem ich jetzt sprechen will, ein schlanker, schwarzäugiger, bräunlicher Knabe, mit finsterm lockigten Haar, einer etwas gebogenen Nase und einer freien offenen Stirn, welche der Sitz ofner Redlichkeit und frohen Muthes zu sein geschienen haben würde, wenn nicht ein gewisser Zug zwischen den Augen, der ihm etwas finsteres gab, den, der ihn nicht ganz kannte, oft zu widrigen Urteilen bewogen hätte. Bis auf diesen Zug war er das lebendige Ebenbild seines Vaters, und doch – um wenig zu sagen, nicht sein Liebling. Er konnte wenig tun, was nicht von ihm getadelt wurde, und ich, so sehr ich auch diese Strenge missbilligte, war doch zu klug, mein Missfallen über dieselbe zu äußern; ein Umstand, in welchem vielleicht der erste Grund von jenem düstern zurückhaltenden Wesen zu suchen ist, das ich, als er älter ward, nie ganz besiegen konnte, und das er selbst gegen mich, die ihn so sehr liebt, nie völlig ablegt.
Seine erste Erziehung erhielt er von meinem Vater, welcher ihn in dem Grade immer lieber gewann, als er von dem Seinigen vernachläßigt wurde. Der beständige Umgang mit einem Mann, der sich dem Grabe mit eben so starken Schritten nahte, als er, der Knabe, dem Leben, und der vollen Entwickelung seiner Kräfte entgegen reifte, war vielleicht die Ursach, warum Samuel frühzeitig ernst und richtig denken lernte, aber auch dasjenige, was ihn um die reinen ungetrübten Freuden der Kindheit brachte, die desto vollkommener geschmeckt werden, je weniger Nachdenken und Ueberlegung sie uns verbittert.
Der fast ununterbrochene Aufenthalt bey seinem Großvater machte den Knaben seinen Geschwistern fremd. Er war nie der Gefährte ihrer Spiele, immer ein strenger Tadler ihrer kleinen Unbesonnenheiten, nie ihr Ankläger und allemal, wenn Exempel statuirt wurden, ihr eifriger Vorbitter. Bey solchen Gelegenheiten hatte er Worte und Thränen im Ueberflusse, die ihm zu Führung seiner eigenen Sachen immer gebrachen. Ich hasse den Knaben, sagte mein Mann, welcher wie ein Greis denkt und handelt; er ist entweder ein Heuchler, oder ein Wunderding, das mir so widrig vorkommt, als ein bärtiges Kind. – Samuel wurde, welches ich nicht missbilligen konnte, von meinem Vater hinweggenommen, und auf eine öffentliche Schule getan.
Sein Fleiß, sein Ernst und seine stille Aufführung machte ihm seine Lehrer zu Freunden, und seine Mitschüler zu heimlichen Spöttern und Verächtern; er taugte gar nicht in die Gesellschaft von Kindern. Ohne den Willen zu haben einen von seinen Gefährten zu kränken, gab er Gelegenheit zu tausend Zwistigkeiten, wenn er sich unter sie mischte. Aus lauter Liebe zur Ordnung richtete er überall Unordnung an, und immer nahm er jedes Spiel, als eine so ernsthafte Sache auf, dass er die ganze Freude verdarb. Ein paar Beyspiele von dieser seltsamen Laune eines neun-oder zehnjährigen Knaben.
Es war auf dieser Schule gebräuchlich, zu gewissen Zeiten öffentliche Schauspiele zu geben, welche man von den Kindern aufführen ließ; eine Gewohnheit, welche ich, die nicht viel auf das Theaterwesen und alle solche Weltlichkeiten hatte, eben nicht billigte, doch da hier meistens biblische Geschichten vorgestellt wurden, mir gefallen ließ.
In der Geschichte von Joseph gab man meinem Samuel, weil er ein gutes Gedächtnis hatte, und es hier viel zu reden gab, immer die Hauptrolle, und er hatte sich so ganz in den Charakter seines Helden hineinstudirt, dass man sich beredete, wenn man ihn so vor sich sah, er sei der leibhaftige Joseph; eine Sache, die er die ganze Zeit über, da er diesen Namen führte, im vollen Ernst zu glauben schien. Wahrhaftig die Thränen traten einem in die Augen, wenn man ihn bey so manchen Scenen in solcher Noth erblickte, und doch immer so gut und so fromm, und recht so wie man sein muss!
Die Geschichte war auf verschiedene Theile verhandelt worden. Einer von den letzten war noch übrig, und ich war recht froh, die Feinde meines Josephs gedemüthiget, ihn als den Liebling eines großen Königs, und nun auf dem Punkte zu sehen, der Wohlthäter seiner Familie zu werden; ein Umstand, den ich für ominös hielt, und es für eine Art von Vorhersagung annahm, was mein Sohn einmal den Seinigen werden könne.
Der erste Aufzug dieses für mich so erwünschten Schauspiels gieng an. Der König Pharao mit einer güldenen Krone, und mein Joseph in einem schönen langen Talar, und mit einer von meinen besten goldenen Ketten um den Hals traten auf. Es ward von der Bewirthung der ankommenden Erzväter gesprochen, seine Majestät machten einige Einwendungen, welche der Dichter darum eingeführt hatte, um dem Stadthalter von Aegypten Gelegenheit zu geben, dem Könige eine kleine Beschreibung von seinen Brüdern zu machen, und ihn zu bedeuten, dass sie keinesweges geringe Leute, sondern Enkel Abrahams wären u.s.w. Ich weiß aber nicht, wie es kam, dass der kleine Redner sich ganz vergaß, die gutgemeinten Worte seines Herrn sehr hoch aufnahm, und mit gänzlicher Hintansetzung seiner Rolle, dem armen Pharao aus dem Stegereif einige Vorhaltungen that, welche ziemlich bitter waren. Dieses hätte noch hingehen mögen; aber er gerieth endlich so in Feuer, dass er die Zeitrechnung ganz vergaß, und den König über Dinge zur Rede stellte, die erst einige Jahrhunderte später vorgefallen waren. Seine Majestät kamen aus aller Fassung, denn für solche Sachen stand keine Antwort in ihrer Rolle; ich, die ich auf einer Bank zunächst am Theater saß, machte dem Stadthalter einige bedeutende Zeichen mit dem Fächer; in den Scenen winkte und hustete der Direkteur des Spiels: umsonst; Josephs Zunge strömte unaufhaltsam fort. Er war eben bey den zehen ägyptischen Plagen, nannte den König einen Verderber seines Volks, und würde dem armen Herrn sicher alle Verbrechen aufgebürdet haben, die je ein Pharao that, wenn man ihn nicht endlich mit Gewalt abgeführt und den unschuldigen König gerettet hätte.
Keine Bitten, keine Vorstellungen konnten den armen Joseph, nachdem er seines Versehens überwiesen war, bereden, seine Rolle vollends auszuspielen. Ich ward hinter die Scenen gerufen, aber auch meine Worte galten nichts, ich musste mich unverrichteter Sachen wieder hinsetzen, und die Freude entbehren, Joseph seinen Benjamin, welche Rolle mein kleiner Albert machte, umarmen zu sehen, musste alle diese herrlichen Scenen von einem großen fünfzehnjährigen Purschen, der mich nichts angieng, verstümmeln sehen, und beschämt und unerfreut nach Hause gehn.
Mit vieler Mühe ließ Samuel sich bereden, nach diesem traurigen Vorgang nach Hause zu kommen, weil er den Spott seines Vaters fürchtete, den ich auch kaum zurückzuhalten vermochte. Noch schwerer ward es, ihn in der Folge zu bereden, wieder auf dem Theater zu erscheinen. Man wollte die Geschichte von den Knaben Daniels geben, und versprach ihm, um seinen Ehrgeiz zu reizen, die Rolle des Königs. – Er machte schon einige Schwürigkeiten die Person eines so bösen Mannes, wie dieser in seinen Augen war, vorzustellen; doch drangen meine Vorstellungen, dass dieses nicht Tugendliebe, sondern Hartnäckigkeit sei, sich dem Willen seiner Lehrer zu widersetzen, endlich durch. Er machte seine Sachen vortreflich, bis es darauf ankam, das Urteil über die Angeklagten zu sprechen; da überfiel ihn der Abscheu vor seiner Rolle von neuen. Er versicherte, er würde das Theater nur dazu betreten, um die Unschuldigen loszusprechen, und die Zuschauer würden sich, so lange er König hieß, vergeblich auf die Scene des Verbrennens freun.
Indessen dieses innerhalb der Coulissen vorgieng, harrten wir draußen vergebens auf den Schluss des Schauspiels. Mir ahndete nichts gutes, und ich dachte ohnmächtig zu werden, als ein anderer Darius herauskam, und die Gefangenen so eilig zum Tode förderte, dass man sogar den Engel, der sie retten sollte, darüber vergaß. Das Stück nahm Knall und Fall ein Ende, ohne dass ich meinen kleinen König wieder zu Gesichte bekam.
Ich eilte zu den Präzeptoren. Samuel hatte sich diesesmal wirklich ein wenig zu trotzig, und fast für einen Knaben von seiner Art, der doch Scherz und Ernst wohl unterscheiden konnte zu kindisch aufgeführt, er verdiente die Strafen, welche man ihm auflegte; aber – was zu viel ist, ist zu viel! Wir nahmen ihn aus dieser Schule und thaten ihn auf das Gymnasium zu R... wo er unter allen Schülern der jüngste, und doch wegen seiner guten Kenntnisse sehr willkommen war. Er wollte nun einmal, in seinem zehnten Jahre, ungeachtet mancher kindischen Thorheit, die ihm noch anklebte, für einen Erwachsenen gehalten werden, und seine Lehrer wussten diese Grille so gut zu benutzen, dass er ohne weitere Abentheuer von voriger Art bis in sein siebzehntes Jahr zu R... blieb. Er sollte nunmehr die Universität beziehen, und besuchte uns vorher zu Hohenweiler, da wir ihn so zu seinem Vorteil verändert sahen, dass selbst mein Mann – – Doch ich darf der Geschichte nicht vorgreifen; ich werde zeitig genug auf die traurige Epoche kommen, da ich ihn wieder sah, um ihn durch meine Schuld plötzlich von neuem zu verlieren.
Ich habe mich bey meinem Samuel zu lange aufgehalten, und werde, um nicht zu weitläuftig zu werden, seine Geschwister kürzer abfertigen müssen. Auch waren sie, wenn ich es recht bedenke, fast alle noch zu klein, um so viel von ihnen sagen zu können, als von ihrem Bruder. Meine älteste Tochter Ninnchen zwar, oder Ninon, wie ihr eitler Vater ihren christlichen Namen verdrehte, zeigte frühzeitig was sie werden wollte, ein kleines eitles Ding, der man es zu oft hören ließ, dass sie unter ihren Schwestern die Schönste sei.
Hannchen und ihr Zwillingsbruder, Albert, waren, zörnet nicht, meine andern Kindern, waren allemal nächst Samuel meine Lieblinge, und es kostet mich viel, bey ihrer Beschreibung kürzer zu sein, als bey ihrem Bruder. Wie viel hätte sich schon in ihrer damaligen Kindheit, – beide waren etwa sieben oder acht Jahr, von ihnen sagen lassen! Wie viel Dinge, aus welchen sich die nachmalige Entwickelung ihrer Charaktere und ihrer Schicksale hätte schliessen lassen! – Beide hatten in ihren Gesinnungen etwas ähnliches, so wie ihnen die Natur eine wundervolle Gleichheit in der Bildung verliehen hatte. Beide besaßen tiefe innige Gefühle, nur dass sie bey Alberten wegen seines Leichtsinns vorübergehender und bey Hannchen wegen eines gewissen Hangs zu stiller schweigender Schwermuth daurender, daurend bis zum Tode waren.
Beide waren schön, besonders Hannchen. – Wird es mir erlaubt sein, sie hier zum zweitenmal mein Ebenbild zu nennen? – Die kleine Eitelkeit von ihren vorigen Reizen zu sprechen, ist der Matrone ja wohl so leicht zu verzeihen, als der Stolz auf vergangene Siege dem alternden Helden?
Jukunde war von dem ersten Augenblick an, da das Mädchen zeigt, auf welche Seite sie sich neigen will, ein leichtsinniges, freches, verdachtloses Geschöpf, vorwitzig bis zum Uebermaas, und gutherzig bis zur Thorheit, schön, wie dem Himmel sei Dank die meisten meiner Kinder, und auch in Ansehung des Verstandes nicht von der Natur vernachlässigt; aber viel zu flatterhaft, ihn auszubilden, viel zu sehr mit sich selbst zufrieden, um sich Talente zu erwerben. Gewiss zu gefallen, hatte sie Muth genug, sich mit ihren geringen Geschicklichkeiten vor Meistern zu zeigen, und sonderbar war es, dass niemand es wagte, sie zu beschämen. Schon in ihrer Kindheit, wenn ich zu ihr sagte, Cundchen, erzähle die Geschichte von dem guten Kinde, oder singe das Lied von den drei Mädchen im Walde, so trat sie vor die größte Gesellschaft hin, und sang und erzehlte, ohne sich durch Lob oder Tadel irre machen zu lassen.
Nicht so Amalie. Ihr wisst, meine Lieben, Amalie war nicht schön. Von jeher schien ihre Gestalt einige Jahre jünger, und ihr Gesicht ein gutes Theil älter zu sein als das ganze Mädchen. Sie wusste dieses, und ein gewisses stilles bescheidenes Wesen, nebst einem unablässigen Bestreben, sich auf andere Art gefällig zu machen, machte sie zu keinem uninteressanten Gegenstand, bis sie auf den unseeligen Einfall kam, durch ihren Verstand zu glänzen; ihr erinnert euch ohne Zweifel noch gewisser Begebenheiten die – Doch alles zu seiner Zeit, wie mein güldner Wahlspruch lautet.
Von rechtswegen sollte ich nun auf dich, Julchen, kommen. Ich weiß, du hast schon lange deinen Namen in diesen Blättern gesucht, und dich gewundert, dass ich die Nachwelt noch nicht einmal benachrichtigt habe, dass du erst zu Hohenweiler auf den Schauplatz getreten, dass du meine Jüngstgeborne, und wahrscheinlich ausschließend zur Pflegerinn meines schwachen Alters bestimmt bist. Ist dir dieses genug, oder fordern deine forschenden Augen noch mehr? – Nun wohl: Du bist schön und gut, wie ehemals deine Schwester Hannchen war, feurig wie Albert, gefällig wie Amalie, unbesonnen wie Jukunde, nur was Neugierde und Schwatzhaftigkeit anbelangt, scheint dich die Natur mit besondern Gaben bedacht zu haben; wir werden in der Folge Exempel davon hören. Zu deiner Besserung sei dir dieses gesagt, du bist zum Glück der Zucht noch nicht entwachsen.
Euch so zu nehmen wie ihr waret, und ganz das aus euch zu bilden, was meine mütterliche Liebe wünschte, was ihr vielleicht nach euren verschiedenen Anlagen hättet werden können; euch vor allen den Klippen vorüberzuführen, an welche euch eure Tugenden und eure Fehler antreiben konnten, dazu mangelte es mir an Stärke und Fähigkeit. Eurer waren zu viel, um ganz von mir übersehen zu werden. Wie glücklich wär ich gewesen, bey dieser bedenklichen Sache einen Gehilfen zu haben!
Dieser Gehilfe hätte freilich wohl euer Vater sein sollen, aber welcher mit Amtsgeschäften überladene Mann denkt daran, dass die Pflichten, die er als Hausvater auf sich hat, um keiner andern willen ganz vernachläßigt werden dürfen? – Sehr emsig war Herr Haller in seinem Amte, und doch hatte ich Ursach zu muthmassen, dass seine Zeit zuweilen auch von andern Geschäften, welche hätten unterbleiben können, hinweggenommen wurde. Die traurigen Auftritte in seiner Geburtsstadt waren längst vergessen; die Sorgen und die ansehnlichen Summen, die es uns kostete, uns damals aus unsern Schulden zu reißen, waren Dinge, aus einer andern Welt, die uns nichts mehr angiengen, die vorbei waren, und deren Andenken man so sehr scheute, dass man unvermerkt auf den Weg gerieth, den ehemaligen Auftritt wieder erneuert zu sehen.
Madam Haller, meine Mutter, meine Vertraute, meine treuste Freundinn, meine Trösterinn, die einige Gehilfinn, die ich bisher bey der Erziehung meiner Kinder gehabt hatte, sah, dass ich mir Sorge wegen der Zukunft machte, aber ich konnte ihr den Grund meiner Besorgnisse nicht entdecken, ohne zugleich ihr vergangene Dinge mitzutheilen, die ich meinem Mann ewig zu verschweigen gelobt hatte. Sie war, da sie die ganze Lage der Sachen nicht wusste, auch nicht im Stande mir ihren Rath auf so wirksame Art zu ertheilen, als ich es bedurfte, und, o Gott, sie sollte bald gänzlich von mir genommen werden, ich sollte bald gänzlich mir selbst in den Verlegenheiten überlassen sein, die ich von ferne sah. –
Es ist mir unmöglich, die Trennung von ihr umständlich zu schildern. – Es mag hier eine Lücke bleiben, welche diejenigen von meinen Kindern, die mich so liebten, wie ich meine Tante, nach meinem Tode mit ihren Empfindungen ausfüllen können. –
Herr Haller war, wie er sagte, kränklich; der Arzt hatte ihm eine Reise nach Spaa verordnet; die zunehmende Schwachheit seiner Tante konnte ihn nicht zu rück halten, er reiste ab, blieb lange außen, kam wieder und – fand mich in tiefer Trauer über den Tod derjenigen, deren Namen ich hinfort nie ohne Thränen nennen sollte. – Ich fand ihn auf eine seltsame Art verändert. Das finstere Wesen, das ich schon vor seiner Abreise an ihm bemerkte, hatte sich in eine Hastigkeit und Wildheit verwandelt, die mir fürchterlich war.
Ohne fast dem Andenken der ehrwürdigen Madam Haller eine Träne zu schenken, eilte er, ihre Verlassenschaft zu untersuchen, welche ihm ganz anheim fiel. Ich erfuhr wenig von dem was er fand, und welches seine Plane für die Zukunft waren; auch scheuete ich mich, nach Dingen zu fragen, welche zu Erklärungen führen mussten, von welchen mir nichts gutes ahndete.
Madam Haller hatte mir in ihren letzten Tagen, als ich jeden Beweis ihrer Großmuth ausschlug, der meinen Vorteil von dem Vorteil meines Mannes zu trennen schien, ein Geschenk mit zwo englischen Lotterielosen gemacht. Dieses hier, sagte sie, ist für dich, und dieses gieb deinem Manne zu meinem Andenken; wenn er glücklich damit ist, so soll er es zum Besten meiner Enkel, seiner Kinder anwenden; ihr Vater muss ja wohl ihr bester Vormund sein.
Ich übergab meinem Manne dieses letzte Vermächtniß seiner Wohlthäterinn; er riss das Papier hastig von einander, und warf es, als er sahe was es enthielt, unwillig auf die Seite. Wie konntest du mich so täuschen? rief er mürrisch aus; Eine Banknote von – von – ach nur von einigen hundert Gulden, sollte mir jetzt lieber gewesen sein, als diese betrügerische Anwartschaft auf ein zweifelhaftes Glück.
Wie wär es möglich, sprach ich, dass dir in deiner gegenwärtigen Lage, eine so kleine Summe fehlen könne? – Dieser Frage folgte eine Erklärung, welche derjenigen kurz nach dem Tode des alten Herrn Hallers, völlig gleich kam, nur mit dem Unterschied, dass keine Damen dabei in Anschlag kamen, als die berüchtigten vier Königinnen, die so manche Familie zu Grunde gerichtet haben.
Dass Herr Haller seine Nebenstunden, deren er, seit er sich einen Amtsgehilfen angenommen hatte, viel haben musste, dem Spiel widmete, hatte ich längst vermuthet. Eine benachbarte Stadt, in welche er Amtshalber oft reiten musste, hegte Gesellschaften, welche ihn an diesem unschuldigen Zeitvertreib, wie er es nannte, sehr gern Theil nehmen ließen. Dieses wusste ich, aber dass Gewinn und Verlust hier so ins Große gieng, dass Herr Haller nach Spaa gereist war, nicht seiner, sondern der Kränklichkeit seines Beutels abzuhelfen, und dass er dort unter ausgelernten Spielern seinen völligen Untergang gefunden hatte, das war mir eine zu schreckliche Neuigkeit, als dass ich nicht unter derselben hätte erliegen sollen.
Ich ward bey dem Bekenntnis meines Mannes ohnmächtig, und die wenige Zärtlichkeit, mit welcher er mich ins Leben zurück rief, zeigte, dass sein Herz bey weiten nicht mehr das nämliche war, wie bey seinen ehemaligen Verirrungen. – Fast machte er mir mein Schrecken über das was ich gehört hatte zum Vorwurfe, und das was ich ehemals zu ihm sagte um ihn zu trösten, ich sei arm gewesen und habe also Armuth ertragen gelernt, das musste ich jetzt aus seinem Munde als Vorwurf hören.
Es muss doch wohl wahr sein, was einige Kenner des menschlichen Herzens behaupten, dass Liebe zum Vergnügen das Herz dem Eindruck des Guten nicht so sehr verschließt, als Spielsucht, und Begierde nach unrechtmäßigen Gewinn, – denn dieses wird der elende Erwerb durch die Karten in meinen Augen ewig bleiben, und wenn er nach den gewissenhaftesten Regeln des Spiels eingerichtet ist. – Es erfolgten jetzt keine wehmüthigen Bekenntnisse vergangener Vergehungen, keine Wünsche, das Geschehene ungeschehen machen zu können, keine Gelübde der Besserung, sondern die Sache, die mich in solche Bestürzung setzte, brauchte keine Apologie in seinen Augen, war ein Fall des Glücks, welcher das nächstemal anders sein und alles wieder ersetzen konnte, was man jetzt etwa aufopfern musste. – Das nächstemal! Gott! also nicht einmal eine Hoffnung, dass man nun still stehen, sich besinnen und anders werden wollte.
Ich bekenne es, jetzt ward mir es schwer, in meiner Fassung zu bleiben. Ich entfernte mich, um nicht durch ein unüberlegtes Wort, – zum Glück hatte ich noch gar nichts gesagt, – alles zu verderben, und die Gewalt, die ich doch etwa noch über meinen Mann hatte, ganz zu verscherzen. – Nur durch Sanftmuth, nur durch lächelnde Gefälligkeit konnte mir es jetzt gelingen, die Sache in ihrem ganzen schrecklichen Umfange und in allen ihren Theilen zu erfahren. Ich brauchte diese Mittel, so schwer mir auch diesmal ihre Anwendung wurde, und die Entdeckung, die mir dafür zu Lohne ward, war diese, dass alles, was die gütige Madam Haller uns hinterlassen hatte, die Beute hungriger Spieler werden musste, und dass auch sogar einige dieser Herren, auf dieses Haus und diesen Garten angewiesen waren, von welchem ich mich nun also auch trennen sollte.
Ich weiß nicht, ob es blos Wunsch diesen meinen Lieblingsaufenthalt zu erhalten, oder Ueberbleibsel alter Liebe zu einem unverbesserlichen Verschwender war, was mich bewegte alles aufzuopfern, um meines Mannes gierige Schuldner, deren einige sich bald persönlich einfanden, augenblicklich zu befriedigen; ich besaß einige Kostbarkeiten, Geschenke der ehemaligen Liebe meines Mannes, ich entblößte unser Haus von allem Hausrath, der einigen innern Werth hatte, und kam zuletzt auf den Einfall unsere englischen Loose zu versetzen. Leider hatte mein Mann das seinige, als ich darnach fragte, bereits für eine Summe, die kaum nennenswerth war, verkauft, und mir fiel der Gedanke vom verscherztem Glück dabei mit so wütender Ahndung aufs Herz, dass ich mich entschloß, mein Loos als ein Heiligthum anzusehen, es vor mir selbst zu verbergen, dass ich es habe, es vor jedermann zu verschweigen, und jetzt auf alle mögliche andere Art Rath zu schaffen. Etwas weniges von entbehrlichen Kleidern und Wäsche, und vor allen eine ziemliche Quantität Leinwand, die ich sehr gut in meinem Hause weben ließ, brachten endlich die Summe zusammen, die uns noch fehlte, wir wurden unsere beschwerlichen Gäste los, und ich bemühte mich meinen innern Unwillen gegen den, der der Ursacher aller dieser verdrüßlichen Auftritte war, zu verbergen.
Was ich durch diesen Zwang verlor, war eben dieser Unwille, den ich, so wie ich ihn zu unterdrücken suchte, immer mehr in meinem Herzen ersterben fühlte, und was ich gewann? – o Himmel, mehr als ich je zu gewinnen gehofft hätte! Das Herz meines Mannes ward durch mein Betragen erweicht, ich sah ihn noch einmal reuevoll in meinen Armen. Gelübde, zu heilig von ihm gebrochen zu werden, entsagten dem Spiel auf ewig; ich bekam den Namen der besten, treusten, tugendhaftesten Frau, und noch zur Zugabe etwas, das mir lieber war, als alle schönklingenden Ehrennamen, die Erlaubnis, unsere ganze Einrichtung nunmehr nach meinem Gefallen, oder vielmehr nach unserm jetzigen Zustande anzuordnen. Freilich war nunmehr das, was wir vor einigen Jahren Einschränkung nannten, jetzt Schwelgerey für uns, die wir nun nichts mehr besaßen, als den Verdienst meines Mannes; für uns, die wir nun auch keine entfernte Hoffnung mehr auf künftige Verbesserung unsers Zustandes, keine Freundinn wie Madam Haller mehr hatten, zu welcher wir im äussersten Nothfall, gewiss Hilfe zu finden, unsere Zuflucht hätten nehmen können.
Ich habe es immer für gut gehalten, dass Kinder, wenn sie auch die reifen Jahre noch nicht erreicht haben, doch nicht ganz unwissend in Dingen gelassen werden, welche ihre Aeltern, und also auch sie unmittelbar angehen.
Ich nahm eines Abends, als mein Mann noch von einer Reise wegen Berichtigung seiner Angelegenheiten nicht zurück war, euch alle meine Lieben vor. Ich hatte euch alle beysammen, denn eben an selbigem Abend war mein Sohn Samuel bey uns angekommen, welcher nun die Schule verlassen hatte, und auf die Universität gehen sollte.
Meine Kinder, sagte ich zu euch, ich weiß, dass es bisher einige unnütze Leute gegeben hat, welche euch bereden wollten, eure Aeltern seien reich, und könnten euch einmal ein großes Glück in der Welt verschaffen. Ihr seid jetzt erwachsen genug, um von mir das Gegentheil zu erfahren, von mir es zu hören, dass eure Großtante Madam Haller eure einige Wohlthäterinn war, und dass ihr durch ihren Tod nicht allein ihre theure Gegenwart, ihren lehrreichen Umgang, sondern auch manche kleine Vorteile verlohren habt, die ihre Großmuth euch gewährte, und welchen ihr nun entsagen müsst. Du, mein Sohn Samuel, glücklicherweise bist du jetzt gegenwärtig, um meine Ermahnungen selbst zu hören; du stehst im Begriffe, die Universität zu beziehen; eile deine Studien daselbst zu vollenden, denn die Summen, mit welchen dich dein Vater unterstützen kann, werden gering sein, und du musst darauf denken, bald zurückzukehren, um ihm hier durch deinen Fleiß nützlich zu sein.
Du Peninna, sei nicht stolz auf deine Gestalt, und träume nicht von großen Eroberungen; kein armes Mädchen ist schön, und nichts ist lächerlicher, als Ansprüche auf etwas machen, das einem niemand zugestehen will.
Hannchen ist ein gutes Kind, und wird ihrer Mutter keine Gelegenheit geben, über sie zu klagen, aber Albert möchte wohl anfangen zu bedenken, dass man, so bald es kund wird, dass wir arm sind, seinen Unfleiß Faulheit, seine Flatterhaftigkeit Dummheit, und die allerliebsten kleinen lustigen Streiche, wegen welcher ihn bisher einige bewunderten, Wildheit und Ungezogenheit nennen wird. Ihr andern Kleinen, euch ermahne ich, dass ihr zeitig aufhört Kinder zu sein: die Armen müssen früher klug werden, als die Reichen, denn sie haben nicht den Vorteil wie jene, dass zehn Köpfe für sie denken, und zwanzig Hände für sie arbeiten.
Sie hatten mir alle mit mehrerer Aufmerksamkeit zugehört, als ich es von ihnen zum Theil erwartet hätte. Alle versprachen mir, meinen Ermahnungen zu folgen; ich nannte sie gute Kinder, küsste sie, und hieß sie gehen, um mit meinen beiden ältesten, dem Samuel und der Peninna allein zu sein, welche als verständiger wie die andern, eine genauere Kenntnis von unsern Umständen fordern konnten, die ich ihnen auch, soviel es ohne Nachteil ihres Vaters möglich war, gab.
Dass der Inhalt meiner Rede einen tiefen Eindruck auf Samuel und Peninnen machte, hatte ich schon des Abends an den Thränen der Einen, und dem ernsten tiefdenkenden Wesen des Andern bemerkt; aber dass mir den Morgen darauf ein so sonderbarer, so widriger Beweis von der Kraft meiner Worte bevorstand, das hatte ich nicht vermuthet.
Meine älteste Tochter erschien des andern Tages beym Morgengebet, mit rothgeweinten Augen, und mein ältster Sohn fehlte gar bey dieser unsrer täglichen Versammlung, wo sonst niemand fehlen durfte. Ich nahm Peninnen, nachdem ihre jüngern Geschwister sich entfernt hatten, vor, verwieß ihr ihre Thränen, von welchen ich glaubte, dass sie noch wegen der gestrigen Unterredung flössen, und fragte sie wegen der Abwesenheit ihres Bruders.
Anstatt aller Antwort, überreichte sie mir folgenden Brief, den ich euch so mittheilen will, wie ich ihn unter den Papieren, die ich mein Archiv zu nennen pflege, gefunden habe. Möchte ich doch auch im Stande sein, euch einen Begriff von der Bestürzung zu geben, mit welcher ich ihn las.
Nach dem, was ich gestern Abend von Ihnen erfuhr, darf ich nicht länger hier verweilen. Tausend Entwürfe, wie ich Ihnen Ihr Schicksal erleichtern wollte, durchkreuzten diese Nacht meine Seele; das einige, dessen Ausführung ich möglich fand, war der Entschluss, mich von Ihnen zu trennen, und Ihnen durch Abnehmung einer unnützen Last, die Sie lang genug getragen haben, die Sorge für meine Geschwister zu erleichtern. Ich gehe hin, nicht ein müssiges unabhängiges Leben zu führen, nicht mir einen andern Plan zu meinem künftigen Fortkommen zu machen, als den, welchen Sie mir vorgezeichnet haben; nein ich gehe auf dem Wege fort, den Sie mir bestimmten, nur an einen Ort, wo mich Ihre Wohlthaten, die ich schon zu lange genoss, nicht finden können, nur auf eine Art, die mich vielleicht schneller zum Ziele meiner Wünsche, Ihnen meine Dankbarkeit zu bezeigen, bringen kann. Es wäre Unrecht, fernere Unterstützung von Ihnen anzunehmen, da ich hoffentlich so viel gelernt habe, mir selbst helfen zu können, und doch, meine Mutter, hätte ich es allein mit Ihnen zu tun, so würde mir es vielleicht schwer werden, mich ganz von Ihrer wohlthätigen Hand loszureissen, aber mein Vater? – Sie kennen seine Gesinnungen gegen mich, sie wissen, ob ich es wagen darf, bey unserer gegenwärtigen Lage auf Unterstützung von demjenigen zu hoffen, der mich nie liebte, nie mir seine Wohlthaten so willig erzeigte, wie meinen andern Geschwistern – – und der mich vielleicht aus ihnen unbekannten Ursachen, würklich hasset.«
Ach ich kann, ich kann den abgeschmackten Brief nicht vollends abschreiben. Am Ende noch etliche Worte von kindlicher Liebe und Dankbarkeit, einige Wörtgen von Wiedersehen, und so weiter, und dann den Namen des grillenhaftesten und geliebtesten unter allen meinen Kindern, – O Samuel, du zweifeltest an meiner Liebe, sonst hättest du nicht so handeln können, und gleichwohl – hätte ich dich nicht so sehr geliebt, hätte ich so auf dich zürnen können wie ich that?
Ohne von meinem Entschlusse etwas zu wissen, äußertest du gestern nach dem Gespräch mit unserer Mutter, ein ähnliches Vorhaben mit mir. Ich will dir es glauben, dass du dich fähig hältst, außer dem väterlichen Hause fortzukommen, aber hüte dich hierinnen einen Schritt zu tun, wie ich ihn that; was bey dem Jüngling nicht zu tadeln ist, würden bey dem Mädchen Romanstreiche sein, die ich mir auf alle Weise bey meinen Schwestern verbitte. Das sicherste Mittel, mich, wo ich mich aufhalten möchte, plötzlich nach Hohenweiler zurückzubringen, würde sein, wenn ich euren Namen, ich will nicht sagen, auf eine zweydeutige Art, wenn ich ihn nur überhaupt zu oft, und an Orten, da man ihn nicht kennen sollte, nennen hörte; ich glaube aber nicht, dass meine Zukunft denen, die die Ehre unserer guten Aeltern beleidigten, angenehm sein würde. – Johanne wächst heran, ihr seid beide jung und nicht hässlich, wache für sie sowohl wie für dich selbst, dies wird das beste Mittel sein, dereinst beym Wiedersehen den in mir zu finden, der ich jetzo bin, Dein' zärtlicher Bruder, S. H.«
Ich sahe Peninnen mit Erstaunen an; ich fragte sie, ob das Wahrheit sei, was ihr Bruder im Anfange seines Briefes sagte. Sie fiel mir um den Hals, und gestand mir, dass sie wirklich den Gedanken gehabt habe, den Samuel jetzt leider ausgeführt hatte, und man kann sich vorstellen, was ich ihr über diesen Punkt sagte. Ich verwies sie auf die Ermahnungen ihres Bruders, und freute mich zu finden, dass sie den gebieterischen Ton derselben nicht hoch aufnahm, sondern sich ihn gefallen ließ, als wenn es so sein müsste. Samuel hatte sich in ein sonderbares Ansehen bey seinen Geschwistern gesetzt, sie fürchteten sich, ungeachtet der wenigen Jahre, die er vor ihnen voraus hatte, fast mehr vor ihm, als vor ihrem Vater.
Meine nächste Frage an Peninnen war nunmehr, wie sie zu den Briefen gekommen sei; sie sagte, sie habe sie unter ihrer Aufschrift diesen Morgen auf ihrem Nähtische liegen gefunden, und das kleine Julchen, welche bey ihr schlief, habe Samuelen in der ersten Morgendämmerung mit dem grünen Reitrock und dem Jagdmesser an der Seite leise hereinkommen, und den Brief hinlegen gesehen.
Lieber, guter, unbesonnener Junge, wie war dirs möglich, deine Mutter so zu kränken! Was hatte ich gesagt, das dich zu diesem übereilten Entschlusse bewegen konnte? – Zwar hatte ich gefehlt, du und die leichtsinnige Peninna brauchten nicht einerley Lektion; was gerade eben hinlänglich war, diese ein wenig aufmerksam zu machen, das musste dich gänzlich niederschlagen.
Der Entschluss, der ihrem schwindelnden Köpfgen jähling einkam, und vor dessen Ausführung mir nicht bange war, war bey dir gleich schnelle und doch wohl überlegte That, – o gewiss, ich hätte dich schonen, hätte dir vielleicht unsere ganze traurige Lage verschweigen sollen, ich hätte – Doch nichts von dem, was ich hätte tun sollen, sondern lieber etwas von dem, was ich that.
Ich machte mich auf den Weg zu meinem Vater, den ich ohnedem seit dem Tode der Madam Haller, wobei er gegenwärtig war, nicht gesehen hatte. Ich hatte doppelte Ursach zu ihm zu eilen; nicht allein Wunsch, ihn, wie ich immer that, Theil an meinen Bekümmernissen nehmen zu lassen, sondern auch die Ueberzeugung trieb mich zu ihm, Samuel würde die Gegend nicht verlassen haben, ohne den Greis, den er so sehr liebte, noch einmal zu sehen, und seinen Segen zu erbitten. Oft schlich sich gar ein wenig Hoffnung mit ein, ich würde ihn noch da finden, wo ich hingedacht, würde alles gegen ihn ausschütten können, womit mütterliche Liebe und mütterlicher Zorn mein Herz erfüllte, doch diese Hoffnung zu begünstigen, war der Weg zu meines Vaters kleiner Wohnung zu weit. Ich langte dort an, der Flüchtling war da gewesen, aber zwo Stunden vor meiner Ankunft schon wieder abgereist.
Mein Vater lachte über die Unruhe, in der er mich sahe. Glaubst du denn, sagte er, ein siebzehnjähriger Jüngling, ein Jüngling wie dein Samuel, werde sich in der Welt verlieren, oder es werde ihm an Unterstützung fehlen? – O nein, was sein Fleiß nicht ausrichten kann, das werde ich tun. Samuel ist mein Sohn, und mein alter Freund Haller hat dafür gesorgt, dass ich für mich und für seinen Enkel genug habe.
Ich entdeckte ihm unsere gegenwärtige Verfassung, und meine Reue, dass ich Samuelen soviel davon gesagt hatte; er lobte das, weßwegen ich mir Vorwürfe machte, und schien das andere nicht sehr zu Herzen zu nehmen.
Wenn dein Mann, sagte er, wie ich hoffen will, sich nun endlich bessert, so werdet ihr bey einem stillen und sparsamen Leben glücklicher sein, als bey den glänzendsten Aussichten. Kinder! Kinder! ihr habt alle einen guten Hang zur Thorheit, und ich möchte wissen, was aus euch geworden wär, wenn ihr noch alles besäßet, was deines Mannes wohlthätige Liederlichkeit – – man verzeihe meinem Vater einen harten Ausdruck – euch entzogen hat. – Es ist allen deinen Kindern, auch Samuelen ist es heilsam, dass sie sich auf nichts, als auf ihre gute Aufführung zu verlassen haben. – Lass deinen Sohn immer die Welt sehen; er wirds schon erfahren, wie weit er mit seinem Eigensinn, mit seinen überspannten Begriffen von Recht und Unrecht, mit seiner Empfindlichkeit, und allen den kleinen gutgemeinten Grillen und Thorheiten kommen wird, die ich, so lieb ich ihn habe, doch nicht in ihm verkenne.
Sehr getröstet verließ ich meinen Vater. Ich wusste, er kannte den Aufenthalt meines Sohnes, ob er mir es gleich nicht ganz gestehen wollte, wusste, er würde ein wachsames Auge auf ihn haben, und für ihn sorgen, und dieses war genug zu meiner Beruhigung; eine Beruhigung, welche durch den Kaltsinn, mit welchem mein Mann, bey seiner Wiederkunft die Nachricht von Samuels Entfernung aufnahm, ich weiß nicht, ob gemehrt oder gemindert ward: ich musste den Entschluss meines Sohns billigen, und die wenige Liebe des Vaters gegen den, der ihn nie beleidiget hatte konnte nicht anders als mir missfallen.
Unser Leben wurde nur noch stiller und ordentlicher als zuvor. Das Amthaus, ein ödes altväterisches Gebäude, welches, als wir nach Hohenweiler kamen, unsern Gedanken nach den Einsturz drohte, und nicht bewohnt werden konnte, ward jetzt auf einmal fest genug, uns zu beherbergen, und wir gaben die gemiethete Wohnung auf, welche wir bisher, wie wir uns beredeten, nur der verstorbenen Madam Haller zu gefallen bewohnt hatten. Es war auch aus dem Grunde nötig uns ins Kleine zu ziehen, weil die Befriedigung unserer Schuldner, unsere besten Zimmer vom Hausrathe entblößt hatte; ein Mangel, der sich in einer kleinen Wohnung besser verbergen ließ. Die Zimmer im Amthause waren so dunkel, die altväterischen Tapeten würden so schlecht zu den modernen Möbeln gepasst haben; genug es gab der Entschuldigungen im Ueberflusse, warum gewisse Dinge, die man sonst bey uns gekannt hatte, nicht mehr zum Vorschein kamen.
Ein anderes Mittel unsern gesunkenen Zustand zu verbergen, war die Einschränkung meiner Gesellschaften. Ich hatte es bisher unumgänglich nötig gefunden, die Frau Pfarrerinn, die Frau Einnehmerinn, und einige andere vornehme Damen unsers Orts wöchentlich zu sehen, und sie ziemlich oft bey uns zu Tische zu haben; jetzt merkte ich auf einmal, dass mir bey ihren Besuchen die Zeit lang wurde, und dass die kleinen Abendmahlzeiten weder uns noch ihnen Freude machten.
Meine Kinder gut zu erziehen, war es bisher erforderlich gewesen, ihnen einige Lehrmeister und Lehrmeisterinnen zu halten, jetzt besannen sich meine beiden ältsten Töchter, dass sie genug verstünden die Lehrerinnen der jüngern zu werden, auch musste mein Mann nicht mehr so oft in die Stadt reiten, wo die verderblichen Spieler wohnten, er bekam mehr Zeit sich mit mir und unsern Kindern zu unterhalten, denn – er hatte keinen Amtsverweser mehr, und ich habe schon oft angemerkt, dass Gehilfen in manchen Fällen die Mühe eher mehren als mindern.
So wohlthätig diese Aenderungen im Grunde für uns waren, so hatten sie doch auch ihre Unbequemlichkeiten. Im Amthause spückten Ratten und Geister; die Damen unsers Orts fanden sich durch den abgebrochenen Umgang beleidigt, nannten mich stolz, und lohnten mir mit übler Nachrede; die jüngern Geschwister wollten den ältern, die sie lehrten, nicht allemal gehorchen; und die beständige Anwesenheit eines durch Verdrüßlichkeiten und Mangel an Vergnügungen eigensinnig gewordenen Mannes ward mir oft lästig; auch gereichte sein Umgang den Kindern nicht allemal zum Vorteil. Hanna und Peninna mussten viel von ihm leiden, oft blos darum – weil sie Hanna und Peninna hießen, und die andern mit den lieblicher tönenden Namen, waren immer schöner, klüger, und besser als jene, und wurden verzärtelt.
Eine jede von diesen Verdrüßlichkeiten war hinlänglich, uns unsere neue Lebensart zu erschweren, und ich könnte fast von jeder derselben etwas besonders sagen, das keinen kleinen Einfluss auf unser Glück und unsere Ruhe hatte; doch ich will, um nicht zu weitläuftig zu werden, jetzt nur bey dem stehen bleiben, was mich unmittelbar selbst angieng, und mir, ich läugne es nicht, recht empfindlich ans Herz griff.
Große Neigung der alten Dame zu bußfertigen Magdalenen. Einige Winke von den herrlichen Ruinen ihrer Schönheit, und ein paar Pröbgen von ihrer stolzen Zurückhaltung gegen Vornehmere
Die Frauen unsers Städtchens, mit welchen ich im Grunde den Umgang nicht ganz aufzuheben, nur in eine gemäßigtere Form zu bringen gesucht hatte, und welche dieses nachlassende Feuer der ehemaligen Freundschaft für förmlichen Bruch hielten, sannen darauf, wie sie meiner Ehre einen Flecken anhängen, und sich das Ansehen geben wollten, als hätten sie selbst sich meiner aus guten Ursachen entäußert. Sie musterten meine ganze Lebensgeschichte, so weit ihnen dieselbe bekannt war, und stießen auf nichts in derselben, das zu ihrem Zweck dienen konnte, als auf einige Begebenheiten aus den ersten Jahren meines Ehestandes, die mir so wenig zu Herzen giengen, dass ich sie gegen euch zu erwehnen vergessen habe. Ich war damals eine junge Frau, war ziemlich artig, und mein Mann machte sich gern mit seiner schönen Gattinn, wie er mich damals nannte, breit; war es denn zu verwundern, dass ich von einer Menge von Anbetern umflattert wurde, und war das wohl eine Sache, die mir die Thörinnen zur Sünde machen konnten? Auch war es zu bekannt, wie bald ich mich den Blicken meiner gaffenden Bewunderer entzogen, und die Einsamkeit dem wilden Leben, in welches mein Mann mich so gern verstrickt hätte, vorgezogen hatte: meine Lästerinnen durften also hier nichts als Winke und verblümte Reden wagen. – Nicht so schonend giengen sie mit meinen gegenwärtigen Grundsätzen um: der regelmäßige Gang, den alle Dinge in meinem Hause und also auch die Andachtsübungen hatten, machte mich zur Herrnhutherinn; die Neigung zu meinen Kindern, war Affenliebe, und da sie nichts von unsern geringen Vermögensumständen wussten, die sie gewiss meiner Verschwendung zugerechnet haben würden, so nannten sie meine Sparsamkeit, Geiz.
Eine Lieblingsmeynung hatte ich noch, die ich vielleicht ehemals zu offenherzig gegen sie geäußert hatte, und welche mir nunmehr aufs ärgste gedeutet ward: so streng ich, was mich und die Meinigen angieng, auf Zucht und Tugend hielt, so mitleidig war ich gegen andere arme Geschöpfe, welche etwa einen Fehltritt getan, und dadurch in die Hände der Gerechtigkeit, oder unter die noch unbarmherzigere Geißel der Lästersucht gerathen waren; im letzten Fall wurden schonende Entschuldigungen, und im ersten dringende Vorbitten bey meinem Manne nicht gesparet. Ja die Frau Pfarrerinn wollte mich der schrecklichen Sünde zeihen, dass ich viel zur Abschaffung der Kirchenbuße in unsern Gegenden beygetragen, und einmal Himmel und Erde bewegt hätte, dass der Prozess einer Kindermörderinn zum zweytenmale untersucht und ihr das Leben gerettet worden sei. Dinge, die ich so sehr eben nicht läugnen will; denn wär mirs denn Schande, wenn ich etwas beygetragen hätte, die oder jene Unglückliche zu bessern, welche die christliche Liebe für unverbesserlich hielt? Ob ich indessen nicht auch hierinn zu weit gegangen sei, wird man vielleicht in der Folge sehen; es ist gut den Verbrecher retten und bessern, aber ihm zu viel trauen, ihn in sein Haus aufnehmen? – – Doch weiter.
Die Auslegungen, welche meine ehemaligen Freundinnen von dieser Art zu denken und zu handeln machten, waren zu boshaft, zu abscheulich, um hier wiederholt zu werden; sie waren hinlänglich, zwar nicht, mich von dem, was ich einmal für recht und gut erkannte, abzubringen, aber mich doch zu bewegen, meine Gesinnungen in diesem Stück, ins künftige besser zu verhelen. Ich gieng darinn so weit, dass ich, wenigstens in meinem Gebiet, der entgegengesetzten Meinung beyzupflichten schien; ich sah es ein, dass sich ein wenig Strenge für die Mutter heranwachsender Mädchen ganz wohl schicke, und bemühte mich also in allen meinen Gesprächen, die unerbittliche Richterinn gegen alle Gefallene, oft selbst gegen solche zu spielen, deren ich mich insgeheim annahm, und sie vom gänzlichen Verderben zu retten suchte. Ob ich nicht in den Aeußerungen von dieser Art, auch zu viel that, ob ich nicht durch den Ernst in meinen Reden, wodurch ich die meinigen vom Laster abzuschrecken suchte, meinem Herzen eine Verwundung zubereitete, welche nie ganz heilen wird, das wird die Folge lehren. Ich gehe jetzt zu einer neuen Epoche meiner Geschichte über.
Bisher waren ich und meine ehemaligen Freundinnen die vornehmsten in unserm Städtchen gewesen; jetzt erscholl das Gerücht, als wollte sich eine adeliche Familie in diese Gegend wenden, welche den größten Theil ihres Vermögens in der Hauptstadt zugesetzt hatte, und nun entschlossen war, die Ueberbleibsel davon zusammen zu nehmen und mit denselben in einer entlegenen Provinz besser als bisher hauszuhalten.
Die Erzählung von einer Familie, die genöthigt war, wegen voriger Verschwendung sich der Sparsamkeit zu befleißen, gefiel mir; ich zog eine Paralelle zwischen uns und diesen großen Leuten, sahe, dass Schicksal und Thorheit ihnen eben solche Streiche spielen konnten wie uns, und fand unser Loos um der Aehnlichkeit willen weit erträglicher. Auch stieg zuweilen ein heimlicher Wunsch in mir auf, dereinst in die Bekanntschaft dieses weisen philosophischen Hauses zu kommen, und meinem Stolz, welcher durch die Feindseligkeiten und Lästerungen der Pfarrerinn und der Einnehmerinn gewaltige Stöße erlitten hatte, durch den Umgang so angesehener Leute eine mächtige Stütze zu geben.
Nachdem das Gerücht viel unglaubliche Dinge von der Familie von Wilteck, die bey uns erwartet wurde, gesagt und das Haupt derselben bald zu einem in Ungnade gefallenenen Minister, bald gar zu einem Fürsten im strengsten incognito gemacht hatte, erschien sie endlich, strafte durch das sehr alltägliche Ansehen, welches alles, was sie umgab, an sich hatte, das Gerücht Lügen, und erhöhte die Hoffnungen, die ich mir von diesen neuen Ankömmlingen machte.
Das ganze von Wilteckische Haus bestand außer dem gnädigen Ehepaar, aus zween mehr als erwachsenen Fräuleins, einem noch unmündigen Junker, und einem Bruder des alten Herrn, der dem Verstande nach eben so unmündig als Junker Ludwig an Jahren war. – Ein veralteter Stutzer, den man nicht anders als den Obersten nannte, ungeachtet die alte Gouvernante, welche auch mit zu den Ankommenden gehörte, versichern wollte, er habe es nie höher als zum Souslieutenant gebracht.
Ich habe vorhin erwehnt, dass ein Wunsch in mir aufstieg, Umgang mit diesen vornehmen Leuten haben zu können, aber ich war klug genug, ihn weder in meiner Familie bekannt werden zu lassen, noch den geringsten Schritt zu tun, welcher auf seine Erfüllung abzielte. Die Damen unsers Orts, die Pfarrerinn und die Einnehmerinn, nebst noch einigen andern, hielten es für gut, der hochadelichen Familie Cour zu machen, ich aber fand es lächerlich, und noch obendrein, wie mir mein Stolz ins Ohr sagte, erniedrigend, sich Personen aufzudringen, welche vornehmer sind als wir, und die unsere Höflichkeiten vielleicht kaum erwarten, aber gewiss uns dieselben nie auf andere Art, als mit der demüthigenden Miene der Ueberlegenheit und Herablassung vergelten.
Ich würde Frau von Wilteck und ihre Töchter vielleicht nie kennen gelernt haben, wenn ich sie nicht zuweilen in der Kirche gesehen hätte. Wir saßen ziemlich weit von einander, und ich verlor dadurch das Glück ihre Personen so genau mustern zu können, wie die andern neugierigen Weiber unsers Städtchens thaten; dieser Verlust brachte mir aber zugleich den Vorteil, sie nicht grüßen zu dürfen; eine Höflichkeit, die ich ihrem Stande nicht versagt haben würde, wenn mir die Art, mit welcher sie den andern Frauen, die sie mit Verbeugungen überschütteten, zu danken pflegten, nicht anstößig gewesen wär.
Wir schienen uns anfangs gar nicht zu bemerken; bald aber trug der Weg die adelichen Damen allemal vor unserm Stuhl vorbei; die Neugier mochte sie vor bey treiben, auch waren ich und meine Mädchen noch wohl sehenswerth: es musste einen schönen Anblick geben, wenn ich so in meinem grauen atlaßnen Gewande daher gieng, und die Kinder in ihren weißen Kleidern mit bunten Schleifen mir folgten. Eine blühende Matrone unter fünf blühenden Töchtern! sagte unser Herr Pfarrer, zu der Zeit, da ich noch mit seiner Frau umgieng.
Die Fräuleins gaften uns mit starren Augen an, meine Mädchen verbeugten sich ein wenig, brachen aber die Hälfte von ihrer Höflichkeit ab, weil sie sahen, wie schlecht sie erwiedert ward; aber die gnädige Frau und ich grüßten uns ordentlich nach Matronen Art, weil es nicht anders sein konnte.
Des andern Tages sagte mein Mann, welcher als Amtmann zuweilen mit dem Herrn von Wilteck zu sprechen hatte: die gnädige Frau habe nach mir und den Kindern gefragt, und sich gewundert, dass wir sie noch nicht besucht hätten. In der That, meine Liebe, setzte er hinzu, es wär der Höflichkeit gemäß – – Ganz gewiss, unterbrach ich ihn, und ich werde nächstens – aber dieses Nächstens kam niemals und Frau von Wilteck sah sich genöthigt, die Gelegenheit zu nehmen, wie sie war, und einmal auf ein paar Augenblicke im Vorübergehen zu mir zu kommen, um mich wegen einer häuslichen Angelegenheit um Rath zu fragen. – Sie musste doch die wunderliche Amtmannin kennen lernen; welchen Namen mir, wie ich von guter Hand wusste, die Fräuleins gegeben hatten.
Frau von Wilteck war eine einnehmende Dame, wenn es ihr beliebte, den Adelstolz ein wenig auf die Seite zu setzen. Der Wunsch auf einem freundschaftlichen Fuß mit ihr und ihrem Hause zu leben, und dadurch meine Feindinnen zu demüthigen, wachte wieder in mir auf, aber die Fräuleins standen mir nicht an; die andern, welche nicht in die Kirche kamen, und die ich also nie gesehen hatte, konnten vielleicht auch nicht nach meinem Geschmacke sein, und ich ließ es also dabei bewenden, der gnädigen Frau des andern Tages einen eben so kurzen Gegenbesuch zu machen, in welchem ich nichts weiter that, als dass ich ihr umständliche Nachricht von dem gab, was sie von mir zu wissen verlangt hatte.
Je mehr ich den Umgang des vornehmen Hauses zu fliehen schien, je mehr ward der meinige gesucht. Ein Regen, der die gnädigen Damen überfiel, ein Spaziergang, auf dem man sich antraf, eine Bestellung an meinen Mann, und dergleichen Dinge gaben so oft zufällige Gelegenheit, uns zu sehen, dass wir uns endlich alle kannten, alle zu nennen wussten, und – ich nehme Frau von Wilteck und mich nebst noch zwo Personen aus unsern beyderseitigen Familien aus, – keinen andern Grund angeben konnten, warum wir uns aufsuchten, als Neugierde und Langweile, welches letzte doch bey den Meinigen, die immer beschäftigt waren, im Grunde nicht wohl statt haben konnte, sondern ganz allein auf die Seite unserer neuen Bekannten fiel.
Es dünkt mich hier Zeit zu sein, etwas von dem Wilteckischen Hause zu sagen: ich werde der einzelnen Glieder desselben noch oft genug erwehnen müssen, und es wird gut sein, wenn man weiß, was sich von ihnen erwarten lässt; doch wer kann das auf den ersten Anblick oder aus einigen hingeworfenen Zügen? War ich im Stande, es ihnen anzusehen, was für Einfluss sie in Zukunft auf mich und die Meinigen haben würden?
Frau von Wilteck schien keinen Fehler an sich zu haben als das einsilbige Wörtgen vor ihrem Namen. Wär sie Madam Walteck schlecht weg gewesen, sie hätte mir die zweite Madam Haller, hätte mir so lieb werden können, als diese theure Verstorbene, denn, vermochte ich dann in ihr Herz zu sehen? Ich äußerte diesen Gedanken einst gegen die Gouvernante; Ma chere, sagte diese lachend, wir sind aus einem Lande, wo jedermann diese drei deutungsvollen Buchstaben vor seinen Namen setzt, und wo sie so gut Frau von Haller sein würden als meine Gebieterinn Frau von Wilteck. Ein Wink, den ich nicht aus der Acht ließ, und der mich um ein gutes Theil weniger zurückhaltend gegen meine neue Freundin machte.
Frau von Wilteck war schön für ihre Jahre, und es war zu verwundern, dass so wenig von ihren Reizen auf ihre Töchter geerbt war. Fräulein Josephe die älteste, welche nach den Grundsätzen meines Vaters schon seit länger als zehen Jahren nicht mehr Fräulein hätte heißen sollen, war eine lange hagere Figur, die sich wegen ihrer Gestalt gern eine schlanke Nymphe, und wegen ein paar finstern Augen und einiger schwarzen Haare gern eine schöne Brünette nennen hörte, welches doch niemand that, als die ihr gleichende Gouvernante, Mademoiselle de Robignac. Das jüngere Fräulein, Gabriele genannt, war ein rothhäriges, milchfarbnes Gänsgen, mit großen weiten Augen, die ich mit nichts bessern vergleichen kann, als mit den Teichen vor unserm Garten, wenn sich der graublauliche Himmel darinnen spiegelt. Wenn Fräulein Josephe die Heldinn und das männliche Frauenzimmer spielte, so zerschmolz die lispelnde Gabriele dagegen in Empfindungen, schalt ihre wilde Schwester, oder sprach von Liebe und Kloster, oder schwieg auch, um zu verbergen, dass sie nichts zu reden wusste. Die liebste Tracht der ersten war ein Federhut und ein grünes Reitkleid, das ihr abscheulich anstand, und die andere kleidete sich gern in ein so galantes und durchsichtiges Negligee, wie sie es in ihren Lieblingsbüchern, den französischen Romanen beschrieben fand, eine Kleidung, die ihr eben nicht vortheilhaft war, weil sie alle Fehler ihrer Gestalt zu sehr enthüllte. – Kurz diese beiden Damen waren recht dazu gemacht meinen unschuldigen, unaffektirten und wirklich schönen Töchtern zur Folie zu dienen, welches nur ihnen verborgen zu sein schien, sonst würden sie ihre Gesellschaft nicht so eifrig gesucht haben.
Der einige Sohn der Frau von Wilteck, der fünfzehnjährige Junker Ludwig schien allein die Schönheit seiner Mutter geerbt zu haben, aber nicht ihren Geist; er besaß ein weiches gutes argloses Herz, das ihm immer auf der Zunge saß, und einen geraden gesunden Verstand, der ihn weder zum Kriegshelden noch zum Staatsmann zu bestimmen schien; und doch schien man ihn zu dem ersten bestimmt zu haben. Er trug bereits die Uniform als Fahnjunker, und sahe in derselben aus wie der goldhaarige Engel Raphael mit dem Helm und mit dem Schwerdte über unserer Kirchthür, der unsere ersten Aeltern mit freundlichen Blicken aus dem Paradiese jagt.
Dieses waren die Personen der adelichen Familie, die wir noch zur Zeit kannten. Nur der Herr von Wilteck und sein Bruder der so genannte Oberste fehlten noch, und die Beschreibungen der Mademoisell de Robignac, welche uns noch fleißiger besuchte als ihre gnädige Herrschaft, waren eben nicht sehr fähig, uns großes Verlangen nach der Bekanntschaft dieser bey den Herren einzuflößen; wiewohl wir Ursach gehabt hätten, die Richtigkeit des Urtheils dieser Dame ein wenig zu bezweifeln, wenn wir damals schon gewusst hätten, was wir nachher bemerkten, dass die arme Gouvernante den beiden alten Herren von Wilteck immer zum Ziel ihres Witzes dienen musste, und freilich nicht sehr mit ihnen zufrieden sein konnte. Wiewohl – hätte uns wohl irgend etwas diese Kavaliers nachtheiliger charakterisiren können, als ihr Geschmack an einem so faden Zeitvertreibe wie dieser?
Ich sahe es niemals gern, wenn die schwarzbraune Französinn in unsern stillen häuslichen Zirkel erschien; denn ich merkte den nachtheiligen Einfluss ihrer Erscheinung allemal drei Tage lang an meinen Mädchens. Bald hatte sie nicht einsehen können, wie man so albern sein und deutsch sprechen könnte, und ich bekam gewiss in den nächsten Tagen nichts von meinen Kindern zu hören, als aufgeschnappte, übel angebrachte französische Phräsgen, welche kein Mensch verstehen konnte, und die mir, einer deutschen Matrone, die alle Sprachenveränderung haßte, wie die babylonische Verwirrung, unausstehlich waren. Oder Demoiselle de Robignac hatte von den artigen Pariser und Lyoner Koeffüren gesprochen, und des andern Tages ward an allen Hauben des ganzen Hauses, sogar an den Meinigen gekünstelt, um ihnen eine etwas modischere und weniger deutsche Gestalt zu geben. Oder die Gouvernante hatte nicht begreifen können, warum die chere Ninon – (Peninna wollte sie sagen) und die petite Jeanette die gnädigen Fräuleins nicht besuchten, welches man sehr deutsch und ungesittet nennen könnte, und den Morgen darauf hatten meine Töchter gewiss ungewöhnlich tiefe Verbeugungen von den gnädigen Fräuleins oder wohl gar bedeutende Fächerwinke bekommen; – Dinge, welche ich teils ahndete, wie sichs gebührt, teils gar nicht verstand, und hartnäckig auf meinem Sinne blieb, lieber den Umgang der angenehmen Frau von Wilteck zu entbehren, als meine Kinder oft in die zweydeutige Gesellschaft der ihrigen zu bringen.
Doch wer kann wider das Schicksal! Wir wurden eines Tages sämmtlich zu einem Geburtstagsfeste des hochadelichen Hauses gebeten. Wir giengen; denn mein Mann nannte es unhöflich, die Einladung auszuschlagen. – Abermals, blos um nicht unhöflich zu sein, wurde die gnädige Familie zu unserer Weinlese erbeten, die in dem nämlichen Monat fiel. Darauf wollten die Fräuleins nebst ihrem Bruder am Hochzeittage ihrer Aeltern ein Lustspiel aufführen, in welchem Jukunde und Juliane ein paar Kinderrollen übernehmen mussten, und so gieng es in einem fort, bis es endlich dahin kam, dass wir alle Sonntage nach der Vesper beysammen waren, und ein jedes sich mit seines gleichen die Zeit vertrieb. Die Fräuleins schickten sich nach dem Ausspruch der Gouvernante ganz unvergleichlich zu der siebzehnjährigen Peninna, weil sie, wie sie meynte, mit ihr von einem Alter waren. Junker Ludwig lehrte Hannchen Klavier, und Demoiselle de Robignac fand es bedeutend, dass beide in einem Jahr und an einem Tage geboren waren. Herr von Wilteck und mein Mann spielten Schach oder Piquet. Frau von Wilteck und ich strickten, und der Oberste, welcher uns und sich einige zwanzig Jahr jünger dachte, als wir waren, gauckelte entweder um uns herum, oder lief in unser Haus, unsere jüngsten Kinder auch herbey zu holen, und sie allerley unnützes Zeug zu lehren; oder er spielte der Französinn allerhand lächerliche Streiche, die man kaum seinem Neffen würde zu gute gehalten haben. Doch dieser war zu klug zu solchen Possen, und zu sehr von seiner Schülerinn eingenommen, als dass er für etwas außer ihr hätte Aufmerksamkeit haben sollen.
In der That war mir das Wohlgefallen, das er an Hannchen, und sie an ihm zu finden schien, auffallend, und ich konnte mich nicht enthalten, wenn sie so von Montag morgens bis Sonnabend abends immer etwas neues zu erzehlen wusste, was der Herr Fähndrich, so nannte man ihn in dem Wilteckischen Hause, ungeachtet er nur Fahnjunker war, am Sonntage getan, gesagt oder gedacht hatte, sie anfangs ein wenig damit aufzuziehen, und ihr denn ernstlich über ihr seltsames Betragen zuzureden. Dieses machte sie vielleicht zurückhaltender aber schwerlich klüger, und ich hätte vielleicht besser getan sie laut vom Junker Ludwig sprechen als heimlich an ihn denken zu lassen. –
Ich dachte indessen ernstlich darauf, sie von dem Jünglinge abzubringen, der ihr gefährlich zu werden schien, und Hannchen hatte schon ein paar mal wegen Zahnschmerzen die sonntägliche Klavierstunde versäumen müssen, als zu meinem großen Vergnügen ihr junger Lehrmeister von einem Onkel, den man den General nannte, und der also vermuthlich etwa Major sein mochte, abgefordert wurden, um unter seinen Augen zum Dienste angeführt zu werden.
Der Umgang mit dem vornehmen Hause reizte, wie ich voraus gesehen hatte, den Neid der Frauen unsers Städtchens, und ich war schwach genug, mich darüber zu freuen, und vielleicht um des willen weniger darauf zu denken, wie ich Gesellschaften abbrechen wollte, die, wenn auch nicht unmittelbar uns, wie ich Verblendete glaubte, doch unserm Beutel nachtheilig waren.
Die Familie von Wilteck war zwar des Ersparnisses wegen an unserm Orte, aber das was bey ihnen Sparsamkeit war, hätte man bey uns Verschwendung nennen können. Ohne so thörigt zu sein, mich mit Leuten messen zu wollen, die mir an Stand und Vermögen überlegen sein mochten, so merkte ich doch bald, Vermehrung unserer Ausgaben, und gewaltige Defekte in unserer Einnahme. – Man musste doch etwas tun, um seinen vornehmen Bekannten keine Schande zu machen, und dies war nicht ohne Aufwand möglich. Auch konnten die Hände, welche die ganze Woche über beschäftiget waren, Zubereitungen auf den Sonntag zu machen, weder nähen, spinnen, noch weben. Unsere Bleichen wurden daher ganz leer von feingesponnenen Garn, und die Städterinnen kamen nicht mehr zur Frau Amtmannin von Hohenweiler, um bey ihr die schöne haltbare Leinwand zu kaufen, die sie weben ließ.
Hatte ich auf dieser Seite Schaden, so schien sich auf der andern ein kleiner Vorteil hervor zu tun, den wir in der Einsamkeit nicht hätten erwarten können. Die Familie von Wilteck hatte sich nicht so ganz von der Welt abgesondert, dass sie nicht zuweilen von ihren ehemaligen Freunden hätte besucht werden sollen. Zu dem sogenannten Obersten kamen oft Offiziers von dem in der Nähe liegenden Regimente, die aber alle – welches wunderlich war – sehr familiär mit ihm thaten, und ihn nie anders als Leutenant nennten; auch bekam der alte Herr von Wilteck zuweilen Zuspruch von Herrn Berg, dem ehemaligen Gerichtshalter seiner weiland an der Grenze gelegenen Güter, der oft seinen Sohn einen jungen Rechtsgelehrten mit sich brachte, dessen stilles gesetztes Wesen mir unendlich gefiel. Auf diese Art bekam ich und meine Kinder oft artige Leute zu sehen, und Peninna ward durch ihre Hilfe zeitig gewahr, dass die Sentenz, die ich ihr ehemals vorsagte: Kein armes Mädchen sei schön, nicht durchaus richtig sein könne.
Unter so vielen jungen Herren, die sie bey Wiltecks zu sehen bekam, war mancher, der ihr das Gegentheil von dem Machtspruch ihrer Mutter begreiflich zu machen suchte, und indessen die schwarzbraune Josephe sich für den allgemein angebeteten Gegenstand hielt, und die fade Gabriele schrie, dass sie vor den Verfolgungen der Männer nicht zu bleiben wisse, sahen aller Augen auf meine Peninna, welche die Mühe, die man sich um sie gab, kaum bemerkte, und da, wo es ihrer Aufmerksamkeit nicht entgehen konnte, sich ihrer innern Würde bewusst, mit holdem jungfräulichen Stolz zurückzog.
Die Bewerbungen einiger jungen unbesonnenen Offiziers, würden meiner Tochter nun eben nicht so gar viel Ehre gemacht haben, aber es gab unter ihren Anbetern einige, die es ernstlich meynten, die ihr Glück machen konnten, und von welchen auch gewiss einer in ihrem freien unbefangenen Herzen Platz gefunden haben würde, wenn alles gegangen wär wie es sollte.
Unter den Besuchen des Obersten, war ein Mann, aus dem ich immer nicht wusste was ich machen sollte, man nannte ihn Herr Wachtmeister, und gleichwohl bezeugten ihm alle die jungen Offiziers, und selbst der Oberste eine Achtung, die den Namen, den er führte, weit übertraf, und die er mit der Kaltblütigkeit erwiederte, mit welcher Höhere die Höflichkeiten des Geringern annehmen; selbst die Fräuleins, welche doch sonst alles, was unter ihrem Stande war, zu verachten pflegten, nahmen eine gefällige Miene gegen ihn an, und handelten weniger frei in seiner Gegenwart als sonst. Wenn ich nicht gewusst hätte, welchen Abscheu man in diesem Hause vor Mißheurathen habe, oder wenn der Wachtmeister, der schon ein Mann bey Jahren war, mehr gefälliges in seinem Aeußerlichen gehabt hätte, so würde ich zuweilen auf den Einfall gerathen sein, Fräulein Josephe trachtete nach seiner Eroberung, aber ein solcher Gedanke wär Lästerung gegen eine so adeliche Seele gewesen, auch richtete der Wachtmeister seine Augen nicht auf einen so erhabenen Gegenstand; unsere Peninna war es, die seine Aufmerksamkeit auf sich zog, und nicht lange, so entdeckte er seine Absichten auf sie, ihrem Vater, auf eine so einnehmende Art, dass wir von ganzem Herzen ja gesagt haben würden, wenn Peninna mit uns überein gedacht, oder wenn sich nicht der Freyer mehr gemeldet hätten, die alle verdienten, in einige Ueberlegung genommen zu werden.
Um eben diese Zeit erhielt ich Peninnens wegen einen ähnlichen Antrag von dem jungen Rechtsgelehrten, welcher jetzt als Regierungsrath nach W... kam, und meiner Tochter mit seiner Hand ein Glück anbot, welches nicht zu verachten war. Ein fürchterlicher Nebenbuhler für den ehrlichen Wachtmeister, denn Jugend, Schönheit, Stand, alles war auf der Seite des Regierungsraths, und vor allen Dingen der Wille von Peninnens Mutter, denn obgleich mein Mann das größere Vermögen des Wachtmeisters anführte, so würde ich doch vielleicht in diesem Fall einmal mein Ansehen gezeigt, und mit Zuziehung der Hauptperson, meiner Tochter, die Ansprüche des jungen Regierungsraths durchgesetzt haben, wenn sich nicht noch ein dritter gefunden hätte, der ohne so reich wie der Wachtmeister, ohne so schön wie der Regierungsrath zu sein, meiner Tochter besser als alle die andern gefiel. Es war Herr Walter, der ehemalige Lehrer Junker Ludwigs, der mit Peninnen schon lange ein Verständnis, das aus Blicken und gebrochenen Worten bestand, unterhalten zu haben schien, und sie jetzt, da er einen Ruf als Prediger in die Vaterstadt meines Mannes erhielt, plötzlich deutlicher erklärte so dass ich nun die Wahl unter dreyen würdigen Männern für meine Peninna hatte. Welche Wonne, welcher Triumpf für eine Mutter, die sich in der Schönheit ihrer Tochter von neuem aufleben sieht.
Die Sache wurde mit Peninnen in Ueberlegung gezogen, und ich muss ihr nachsagen, dass sie sich für ein so junges Mädchen recht vernünftig dabei aufführte. So gewiss ich geglaubt hätte, dass ihre Wahl sogleich auf Herrn Walter fallen würde, welches mir, da er dem äußerlichen Ansehen nach die schlechteste Parthie unter allen war, nicht ganz recht gewesen sein würde, so fand sichs doch, dass ich geirrt hatte. Das Mädchen konnte zwar ihre Vorliebe für den jungen Geistlichen nicht bergen, aber dieses machte sie nicht blind gegen die Vorzüge des andern, sie sprach von dem Regierungsrath und selbst von dem Wachtmeister mit einer Wärme, dass ich oft zweifelhaft ward, welchen sie wählen würde, bis wir am Ende doch noch bey dem Ausspruch waren, den ich zum Eingang meines Vortrags an das Mädchen gewählt hatte: es sei schwer unter drei guten Dingen eine Wahl zu treffen, und man wisse nicht, wozu man sich entschliessen solle. Ich würde es meiner Tochter sehr übel ausgelegt haben, wenn sie das jungfräuliche Ceremoniel so schlecht verstanden hätte, nicht einmal um Bedenkzeit zu bitten, und ich versagte ihr dieselbe also gar nicht, da sie sie forderte, Besinne dich mein Kind, sagte ich, und melde mir in acht Tagen, wozu du dich entschlossen hast. Ich merkte, dass Peninna in diesen Tagen viel Conferenzen mit den Fräuleins hielt, und wartete mit Verlangen auf den Sonntag Abend, welches der Termin war, den ich ihr angesetzt hatte. Wir hatten diesen Sonntag wie gewöhnlich bey Wiltecks zugebracht, und es hatte sich sonderlich treffen müssen, dass meine Schwiegersöhne in Hoffnung, alle zugegen waren. Peninna hatte sich zum Verwundern wohl in acht genommen, dass keiner von ihren Liebhabern sich eines Vorzugs rühmen konnte; mit dem Wachtmeister hatte sie Schach gespielt, mit dem Regierungsrath hatte sie von der Hauptstadt, in welcher er leben sollte, und mit Herrn Walter von der Gastpredigt gesprochen, welche er in unserm Städtchen gehalten hatte; ein Betragen, das mir ganz wohl gefiel, denn es war nicht nötig, dass jemand eher etwas von ihrer Entschließung erfuhr, bis sie selbige ihrer Mutter entdeckt hatte; ich habe immer etwas auf die gehörigen Förmlichkeiten gehalten. Aber als wir des Abends mit einander allein waren, und ich auf meine Frage die nämliche unbestimmte Antwort erhielt, wie vor acht Tagen, da schüttelte ich den Kopf gewaltig, und konnte mich nicht enthalten mit einiger Strenge in das Mädchen zu dringen. Indessen was kann das Bitten eines geliebten Kindes nicht von einer Mutter er langen! Ich räumte Peninnen noch vierzehn Tage ein, sich zu bedenken, verbat mir aber in dieser Zeit allen Umgang mit den Fräuleins, weil ich Ursach zu haben glaubte, in sie ein Misstrauen zu setzen; eine alternde Jungfer ist nie gut bey der Verheyrathung eines jungen Mädchens um Rath zu fragen. Herr Sarnim der Wachtmeister, der Regierungsrath Berg, und der Prediger Walter fanden sich des andern Tages ein, die Entscheidung ihres Schicksals zu holen, aber sie mussten sich gefallen lassen, dem Eigensinn eines Mädchens noch etwas nachzusehen, und sich ein paar Wochen länger zu gedulden.
Mein Verbot, die Fräuleins in den wichtigen Ueberlegungstagen nicht zu sehen, musste bald gebrochen werden. Fräulein Gabriele ward, als sie ihre theure Ninon einige Tage nicht gesehen hatte, zum Tode krank, und ließ inständig um einen Besuch bitten, und Peninna machte mir des Weinens und Flehens so viel, dass ich sie endlich entließ, doch mit der Bedingung, nichts von ihren Angelegenheiten mit ihren vornehmen Freundinnen zu sprechen; Peninna versicherte, dass Gabriele, wenn sie krank sei, von nichts zu reden wisse, als von ihrem Uebel, und so entkam sie der Notwendigkeit, mir ein Versprechen zu tun, das sie nicht gehalten haben würde.
Die Krankheit des gnädigen Fräuleins dauerte lange, Peninna musste täglich bey ihr sein, ich erfuhr, dass die drei Liebhaber auch öfters von der Gesellschaft wären, dass Gabrielens Vapeurs sie nicht hinderten, sich in ihrem artigen Negligee sehen zu lassen, und dass ihre Gesellschafterinn Peninna also täglich Gelegenheit hatte, durch Vergleichung und Abwägung der Verdienste ihrer Freyer ihre Wahl fest zu machen; ich war zu gewissenhaft, sie vor der Zeit zu fragen, und wartete den Tag mit Ruhe ab, der mir die gewünschte Aufklärung in der schweren Sache geben sollte, die mir so sehr am Herzen lag, aber ein Zufall riss mich früher aus meinen Zweifeln, und ließ mich die ganze Antwort ahnden, die ich zur bestimmten Zeit von Peninnen erhalten würde.
Den Tag vor dem Ende der Bedenkzeit befand ich mich ganz allein in Peninnens Zimmer, sie war zu den Fräuleins gerufen worden, und hatte in der Eil ihre Sachen in einer Unordnung zurück gelassen, die ich nicht an ihr gewohnt, auch nicht zu dulden gesonnen war. Indem ich beschäftigt war, diesen Fehler zu verbessern, und schon tausend Kleinigkeiten, die die Mädchens so gern um sich zu haben pflegen, Kästchen, Spiegel, Bänder, Blumen, Bilder, Nätherey und Bücher, auf die Seite geräumt hatte, sties ich auf einen Brief, in welchem ich Fräulein Gabrielens kritzelnde Hand erkannte, und welcher schon vor mehrern Tagen, gerade zu der Zeit geschrieben sein musste, da mein Verbot an Peninnen, die Fräuleins nicht zu besuchen, noch nicht hatte zurückgenommen werden müssen. Ich sahe die Namen des Wachtmeisters und des Regierungsraths darinnen, und ich hätte kein Weib, ich hätte nicht Mutter sein müssen, wenn ich ihn nicht eröfnet und gelesen hätte. Was ich fand war folgendes:
Deine harte Mutter verbietet dir also uns zu sehen? nicht genug, dass sie dich in Feßeln schmieden will, die unsere Freundschaft zeitig genug unterbrechen werden, sie will dich auch noch vorher fühlen lassen, was für ein Joch du bald tragen sollst? – Doch du hältst den Ehestand für kein Joch; du hast mir es noch gestern gestanden, dass du dich ganz gewiss für einen von deinen dreyen vortreflichen Liebhabern entschliessen wirst. Verlangen soll michs nur, auf welchen deine Wahl fallen wird, ob auf den hässlichen alten Wachtmeister, auf den abgeschmackten Purschen den Berg, der nicht einmal weiß, wie er einer Dame mit Grace die Hand küssen soll, oder auf den pedantischen Walter. O wer sich weisen ließe! – Glaube doch nur, Kind, dass ich diese Leute kenne. Selbst von dem besten, zu dem ich dir noch am besten rathen würde, dem ehrwürdigen Herrn Walter, ließ sich gar viel sagen; er war ehemals meines Bruders Hofmeister, ich hatte täglich Gelegenheit ihn zu sehen, und du kannst mir also ja wohl glauben. – Pfui, Ninon, ein Mädchen wie du, einen ehemaligen Hofmeister zu heyrathen! eine ehrwürdige Frau Pfarrerinn zu werden! ich hätte mir andere Hoffnungen von dir gemacht! – Und nun vollends der alte Wachtmeister! Lass mich nichts von ihm sagen, er ist zu alt und zu hässlich, als dass du im Ernst an ihn denken solltest. So oft ich ihn ansehe, fällt mir der Blaubart aus den Feenmärchen ein. Es heißt, er wird seinen Abschied fordern, und sich hier in der Nähe ein Gut kaufen, denn Geld hat er genug. Da wird er dich einsperren, und dir keine von der Freuden gönnen, die du bisher genossen hast, keine von denen noch süßern die du noch nicht kennst, und die in der Welt auf dich warten. Von dem albernen Regierungsrathe will ich gar nichts erwehnen, etwas steiferes, gedrechseltes als sein Betragen lässt sich gar nicht denken, er kann dir nicht gefallen, man muss lachen wenn man ihn ansieht. Er denkt auch W... Nun nun, er mag nur an einen so großen Ort kommen, da wird man schon sehen, was er für eine Figur machen wird. Du armes Kird, du solltest mich dauren, wenn du von einem solchen Menschen in die große Welt eingeführt werden solltest. Noch einmal, glaube mir, dies sind keine Parthien für dich, das muss ich wissen. Wenn ich auch den Jahren nach eben nicht mehr Erfahrung haben kann, als du, so habe ich doch die Welt gesehen, und dieses macht einen klüger als zehn Jahre Erfahrung. Tausend Dinge habe ich dir noch von oben genannten drei Herren zu sagen; du musst mich besuchen, oder ich will schon Mittel finden, dich zu mir zu bringen, ich bin ohne dem diesen Abend ganz krank. Gute Nacht Frau Wachtmeisterinn, oder hörst du dich lieber Madam Walter nennen? – Nun Kind ich habe dir meine Meynung gesagt, thue was du willst, ich muss mirs gefallen lassen, doch wisse, wählst du den Regierungsrath, so ists mit unserer Freundschaft aus, ich könnte mit der Frau dieses Mannes keinen Umgang haben, und wenn – – Noch einmal, lebe wohl.«
Dieser Brief war in einem so wenig überredenden Tone geschrieben, dass ich ihn nicht für gefährlich gehalten haben würde, wenn mir nicht Peninnens Schwachheit bekannt gewesen wär; man durfte ihr nur etwas auf der lächerlichen Seite vorstellen, so hatte man gewonnen; es war oft gar nicht nötig eine Ursach anzugeben, warum man die Sache lächerlich fand, genug, man lachte darüber, suchte auch ihr Lachen zu erregen, und ihre gute Meynung dafür, war auf lange Zeit dahin. Peninna! Peninna! pflegte ich oft zu ihr zu sagen, ein wenig mehr Festigkeit in deinen Meynungen! Was du einmal aus Gründen für gut erkannt hast, das bleibt ewig wahr und gut, und wenn es tausend andern abgeschmackt scheint! – Nun sollte ich erfahren, was meine Ermahnungen gefruchtet hatten.
Peninna kam diesen Abend außerordentlich aufgeräumt nach Hause. Ich war verdrüßlich, und musste mit Mühe an mich halten, sie nicht über das zu befragen, was ich auf dem Herzen hatte, aber die Bedenkzeit war des andern Tages gegen vier Uhr erst zu Ende, und meine Pünktlichkeit erlaubte mir nicht, eher ein Gespräch anzufangen, welches einen Einfluss auf die so lang überdachte Sache haben konnte. Ich fragte nur ganz kaltsinnig, wer bey Wiltecks gewesen sei. Die Antwort war, Herr Regierungsrath Berg, und Herr Walter, und der Herr Wachtmeister, und man sei ganz außerordentlich lustig gewesen; und – hier fiel sie mir um den Hals – morgen sollte ich ihre Entschließung erfahren, und gewiss, gewiss mit ihr zufrieden sein. – Es soll mir lieb sein, sagte ich, wenn du vernünftig bist, und in der wichtigsten Angelegenheit deines Lebens auf niemand hörst, als auf deine Mutter, welche es gut mit dir meynt.
Peninna, welche nicht so pünktlich war als ich, konnte die Stunde nicht erwarten, in welcher sie mir ihre Erklärung geben sollte, und fieng schon an frühem Morgen an, mir Anleitung zu allerley Fragen zu geben, welche von meiner Seite nicht erfolgten, daher sie endlich genöthigt war, mir ungefragt alles zu entdecken, was sie auf dem Herzen hatte. Morgen, sagte sie, morgen beste Mutter, werden Sie ihre Peninna an der Hand des Mannes sehen, der ihrer würdig ist; und der ist? fragte ich – Seinen Namen, erwiederte sie, weiß ich noch zur Zeit selbst nicht, doch hoffe ich das Glück wird mich nicht täuschen, sondern mir den zuführen, der den Vorzug vor allen andern verdient. Träumst du? fragte ich. Nachdem du drei Wochen lang gewählt hast, willst du es aufs Glück ankommen lassen? wenn wir nicht in dem erleuchteten achtzehnten Jahrhunderte lebten, und wenn du nicht bisher immer in so erleuchteter Gesellschaft gewesen wärest, so müsste ich glauben, du wolltest den wählen, den du etwa morgen zuerst erblicken wirst. Sie scherzen, liebe Mutter, sagte sie, Sie wissen, dass dergleichen Possen mir nicht in den Sinn kommen können, aber – ich meyne – ich will nur sagen – würden Sie mir es wohl verdenken, wenn ich die, die mich lieben, auf eine kleine Probe gestellt hätte? – Auf eine Probe? rief ich, da hört man die Romanenstreiche, was gilts Fräulein Gabriele hat dir etwas aus ihren verwünschten französischen Büchern vorgeschwatzt, und – Nein, liebe Mutter, sagte sie, das Fräulein hat weiter keinen, hat unmittelbar keinen Anteil an den Maasregeln, die ich genommen habe. Auch nicht durch diesen Brief? schrie ich in einem Ausbruch von Zorn, der bey mir etwas ungewöhnliches war. Ich hatte bey diesen Worten Gabrielens Brief hervorgezogen; Peninna nahm ihn aus meiner Hand, erröthete und schien ihn eine Zeitlang schweigend zu überlesen. Es ist wahr, sagte sie nach einer Weile, Gabriele hat so unrecht nicht, der Wachtmeister ist für mich zu alt und wunderlich, der Regierungsrath ist ein steifer Geck, den ich nicht ausstehen kann, aber der arme Herr Walter, was hat dieser getan? ich wette, er wird der einige sein, welcher meine Probe aushält, und welchen mir also der Himmel zum Gatte bestimmt hat.
Ich dachte vor Unmuth zu sterben, und ich glaube, ich begegnete ihr wegen ihres albernen unverständlichen Gewäsches mit einer Strenge, die sie bey mir nicht vermuthet hatte. Sie warf sich mir um den Hals, sie suchte mich durch Bitten und Thränen zu besänftigen, und was ich endlich erfuhr, war folgendes.
Es war wirklich den Fräuleins gelungen, dem Mädchen einen Widerwillen gegen die beiden ersten von ihren Liebhabern beyzubringen, nur bey Herrn Walter hatten sie nicht so gutes Glück gehabt, und sie würde vielleicht sich für ihn erklärt haben, wenn sie es nicht für unbillig gehalten hätte, die beiden andern ganz zu verwerfen, von denen sie wusste, dass der eine mir, und der andere ihrem Vater besonders lieb war; um also keinem einen Vorzug vor den anderen zu geben, hatte sie sich entschlossen, sie alle auf eine Probe zu stellen, von welcher es in die Augen fallend war, dass sie nicht Peninnen, sondern ihren beiden klugen und sinnreichen Freundinnen ihre Erfindung zu danken hatte. Peninna besaß Witz, und ihre beiden Freundinnen Bosheit, zwei Dinge, deren Mischung wohl im Stande ist, den ernsthaftesten und gesetztesten Mann aus der Fassung zu bringen, und in Lagen zu versetzen, in welchen er andern und sich selbst lächerlich vorkommen muss. Schon alle diese Tage über, da Peninna die Gesellschaft ihrer Freyer bey Wiltecks so fleißig genossen hatte, und ich sie in ernsthaften Ueberlegungen ihres Glücks begriffen geglaubt hatte, waren von ihr und jenen Närrinnen angewendet worden, dreyen würdigen Männern allerley kleine Streiche zu spielen, um ihre Geduld zu probiren, und es Peninnen anschaulich zu machen, welcher von allen das meiste von ihr vertragen könne, und sie also am meisten lieben müsse; aber den letzten Abend war die Hauptprobe gewesen, wie sich meine einfältige Tochter, die ich in diesem Augenblicke von ganzem Herzen verachtete, aus zudrücken beliebte. Man hatte allerley kleine Spiele gespielt, und Peninna hatte ihren Witz, und die Gewalt, die sie über ihre Liebhaber zu haben glaubte, auf so mannichfache Art geübt, dass sie wenigstens darinnen recht hatte, wenn sie dieses seltsame Verfahren eine Hauptprobe nannte, denn ich zweifle, ob einer von den alten Rittern, den Mustern der Treue und Zärtlichkeit die den Eigensinn ihrer Schönen zehn Jahre lang ohne Murren und ohne Hoffnung der Belohnung zu ertragen vermochten, nicht lieber den Kampf mit einigen Riesen und Zauberern unternommen, als es geduldet hätte, einen Abend lang dem Witz eines muthwilligen Mädchens und der Bosheit zwoer unvernünftigen Dirnen zuni Ziele zu dienen.
Mein Zorn über die Erzählerinn war ohne Gränzen. Und nach allen diesen Dingen, fragte ich sie, so fein und witzig sie dir zu sein dünken, bildest du dir ein, dass einer von diesen Männern, die dich hoch genug schätzten dich zur Gefärthinn ihres ganzen Lebens zu wählen, noch einen Gedanken auf dich haben wird? Dass du sie verachten musstest, war in die Augen fallend, sonst würdest du ihnen nicht wie Knaben begegnet haben, und glaubst du wohl, dass man sich gern mit einer Person verbindet, die nichts als Geringschätzung für uns zu fühlen scheint. Ein Mann müsste selbst die schlechteste Meynung von sich haben, wenn er die zur Gattinn wählte, welche seine redliche Liebe zum Spielwerk ihres elenden Witzes macht, mit der Gewalt, die sie über ihn zu haben glaubt, auf eine lächerliche Art prahlet, und ihn für einen Sklaven hält, den sie öffentlich an Ketten führen kann.
Peninna unterbrach mich, und versicherte heilig, dass sie keine Verachtung gegen diese Herren fühle, dass alles ja nur Scherz gewesen sei, und – wenigstens fiel ich ihr in die Rede, hatten sie deine Verachtung mit nichts verdient, als dadurch, dass sie ihre Augen auf dich warfen; ein Einfall, der doch selbst in deinen Augen sie herabgesetzt haben muss, weil du es wagtest unter dem Charakter deiner Liebhaber ihrer zu spotten, eine Kühnheit, die du wohl gegen keinen andern, als gegen den würdest gebraucht haben, der einfältig genug war, dich für schön und gut zu halten.
Peninna brach in Thränen aus, sie schien einzusehen, dass sie gefehlet habe, sie fieng an zu glauben, dass ihr Betragen den Wachtmeister und den Regierungsrath vielleicht von der weitern Bewerbung um sie abschrecken werde, aber dies war ja eben die Probe; der geliebte Herr Walter, mit welchem sie überhaupt ein wenig säuberlicher umgegangen zu sein schien, würde sie gewiss aushalten, wie sie dachte, und ihr dadurch den besten Beweis von seiner unerschütterlichen Liebe geben, ohne welche, wie Fräulein Gabriele und ihre Romane sagten, kein Glück in der Ehe möglich war.
Unbesonnenes, unvernünftiges Geschöpf! rief ich, gehe mir aus den Augen, und fange heute an Thränen zu vergiessen, die vielleicht in Jahren nicht vertrocknen werden. – Sie wollte noch etwas sagen, aber ich würdigte sie keiner Antwort, sondern gab ihr einen Wink sich zu entfernen.
Dass ich die Hoffnung verloren hatte, eine Tochter, die ich liebte, glücklich verheyrathet zu sehen, war bey weitem nicht das was mich am empfindlichsten kränkte, die Vorstellung, dass diesen Männern, welche ich alle dreye hochschätzen musste, unwürdig begegnet worden sei, erfüllte mich mit Beschämung, und der Gedanke in Peninnens Herzen einen abscheulichen Winkel gefunden zu haben, in welchem hämische Bosheit lauschte, war mir ein Dolch im Busen, Gott in diesem Herzen, das ich für so unschuldig, so gut und truglos hielt! – so eine gute Meynung ich auch immer von ihrem Verstande gehegt hatte, so hätte ich doch dem danken wollen, welcher mich hätte überreden können, sie habe aus herzlicher Einfalt, aus wahrem kindischen Unverstande gefehlt, aber Himmel, ein siebzehnjähriges Mädchen, ein Mädchen wie Peninna!
Mademoisell Ninon stand sehr frühe auf, vermuthlich weil sie wenig hatte schlafen können. Ihre Geschäftigkeit ihren liebsten Putz anzulegen, und sich ganz auf die Art zu kleiden wie sie wusste, dass es ihr am vortheilhaftesten war, zeigte, was sie für Erwartungen von diesem Tage hegte. Die rothgeweinten Augen machten einen seltsamen Contrast mit der fröhlichen Tracht, die sie gewählt hatte, und mit der heitern Miene, die sie zu erkünsteln suchte. Fast schien es, als wenn ich einiges Mitleiden mit der armen Betrogenen fühlen wollte, aber mein Unwille behielt die Oberhand, und ich konnte mich nicht überwinden, ihr ein freundliches Wort zuzusprechen.
Ich kleidete mich wie gewöhnlich, und zeigte dadurch, dass ich einige häusliche Arbeiten vornahm, welche an keinem festlichen Tage statt zu haben pflegen, dass ich es voraussahe, Peninna würde sich umsonst geschmückt haben. Wie ich gedacht hatte so geschah es, wir blieben allein, nicht einer von den erwarteten Freyern erschien, ungeachtet sie wussten, dass dieser Tag ihr Glück entscheiden sollte, sogar von den Fräuleins erfolgte keine Botschaft, und diese hatten doch bisher keinen Tag ohne ihre Ninon leben können. Peninna legte traurig ihre häuslichen Kleider wieder an, und das einige was sich an dem ganzen Tage zutrug, das einige Beziehung auf unsere Angelegenheiten hatte, war, dass ich gegen Abend einen Brief erhielt, von welchem ich nicht weiß, ob ich ihn mit Verdruss oder mit Schadenfreude las. Ich war noch zu erzürnt auf die Verbrecherinn als dass ich hätte Mitleiden mit ihr haben sollen. Lies ihn, sagte ich zu ihr, indem ich ihr den Brief hinreichte, er ist von einer Person, deren Besuch du heute erwartet hast. Sie las folgendes:
Unumgänglich nötige Geschäfte zwingen mich zu meiner Gemeinde zurückzukehren, die ich schon gar zu lange verlassen hatte. Wahrscheinlich werde ich diese Gegend, wo eine Person wohnt, die ich schätze und verehre, und die ich vor nicht gar langer Zeit, ach wie gern, Mutter genennet hätte, so bald nicht wieder sehen. Sollte Ihnen in meinem schnellen Abschied etwas seltsam und unerwartet vorkommen, so bitte ich, versparen Sie ihr Urteil über mich, bis ich mich entschuldigen kann; vielleicht dass ich Ihnen alsdann in meiner Gattin eine Person vorstelle, die meinem Betragen die beste Entschuldigung sein wird, und die mich vielleicht wieder mit der Welt aussöhnt, in welcher ich jetzt nur ein gutes Frauenzimmer, die ehrwürdige Madam Haller kenne. O vortrefliche, edle Frau, möchten Sie doch glücklicher sein, als Sie aller Wahrscheinlichkeit nach sein können! Ich empfehle mich Ihrem werthen Hause, und bin Ihr wahrer Freund und Verehrer
Und meiner mit keinem Worte gedacht? rief Peninna mit einem Blicke, der sich nicht beschreiben lässt. Vermuthlich, erwiederte ich, gehörst du auch mit zu dem werthen Hause, dem er sich empfehlen lässt. Und seine Gattin? fragte sie weiter, was mag er wohl damit meynen. Ich weiß gewiss, er scherzt nur, er liebte mich ja so sehr! – Ich schwieg. Peninna setzte sich mir gegenüber, um den Brief noch einmal zu lesen. Ich sah verstohlen über meine Nätherey hinweg um sie zu beobachten. Ihre Augen trübten sich beym Lesen, Thränen schienen aus denselben strömen zu wollen, aber plötzlich ward sie bleich, ihre Hand mit dem Briefe sank herab, und ich hatte noch eben Zeit aufzuspringen, sie in meine Arme zu fassen, und vor dem Umsinken zu hüten. – Die mütterliche Liebe kehrte in mein Herz zurück, ich suchte die Arme mit tausend liebkosenden Namen zu erwecken, ich legte meine Wangen an die ihrigen und benetzte sie mit meinen Thränen; umsonst, ich musste sie zu Bette bringen lassen, wo sie erst nach einigen Stunden zu sich kam.
Dass Peninna nur darum zu sich selbst kam, um in Phantasien zu fallen, die mir noch schrecklicher waren als ihre Ohnmacht, dass sie ein hitziges Fieber dem Tode nahe brachte, und dass sie sich nach überstandener Gefahr sehr langsam erholte, will ich hier nur kürzlich erwehnen, der Gegenstand ist zu traurig für mich, um mich lange dabei aufhalten zu können, und ich, die geneigt war mir über alles Vorwürfe zu machen, ermangelte auch hier nicht mich mit Vorstellungen zu quälen, die mir noch zu schrecklich sind, um sie lebhaft in mir werden zu lassen. Wär Peninna damals gestorben, ich hätte mich, weil ich ihr ihre Vergehungen mit einiger Strenge verwiesen, und ihr Walters Brief so unvorsichtig in die Hände gegeben hatte, gewiss für ihre Mörderinn gehalten; aber verdiente ihre Aufführung wohl mütterliche Schonung? und konnte ich wissen, dass Walter, er, den sie auf eine so unwürdige Art begegnet hatte, ihrem Herzen in Geheim so theuer war?
Es war die ganze Zeit über, da Peninna zwischen Tod und Leben schwebte, wenig Nachfrage nach ihr aus dem Wilteckischen Hause getan worden, die Fräuleins hatten sie nicht ein einiges mal besucht, und ihre Mutter, welche die ganze Zeit über, auch an dem Tage, da Peninna ihre Liebhaber auf die schöne Probe stellte, abwesend gewesen war, kam erst zurück, da die Kranke schon fast wieder hergestellt war. Ihr erster Gang war zu uns, und sie erkundigte sich so liebreich, so angelegentlich nach allem was uns angieng, dass ich, die ohnedem für Verlangen brannte, meinen Unwillen über ihre Töchter, die Verführerinnen der meinigen auszuschütten, ihr alles entdeckt haben würde, wenn mich nicht ein bittender Blick von Peninnen zurückgehalten hätte; ich sagte ihr also nur so viel, als ich ihr nicht verschweigen konnte, es fehlte mir ja ohnedem an Beweisen wider ihre Töchter; Gabrielens schönen Brief hatte Peninna einsmals zerrissen, um wie sie sagte, sich die Möglichkeit zu benehmen, Rache an dieser Boshaften auszuüben; eine Großmuth, welche viel von der Fieberhitze, in welcher Peninna damals lag, an sich hatte.
Da ich ihr so wenig von dem entdecken konnte was uns angieng, so kamen wir bald auf ihre Angelegenheiten zu reden. – Ich kam, sagte sie, heute nicht sowohl einen Krankenbesuch abzulegen, denn man hat mir nichts von der Krankheit der Mamsell Haller gesagt, sondern mir ihrer aller Gegenwart bey einem festlichen Tage auszubitten, der mir in meinem Hause bevorsteht. Es sind sonderbare Dinge in meiner Abwesenheit vorgegangen. Mein Gemahl hat meine beiden Töchter versprochen, ohne mich um Rath zu fragen, ohne dass ich einmal gewusst habe, dass man sich um sie bewirbt. Ich muss gestehen, ich habe andere Gedanken gehabt, Gedanken, welche auch vielleicht schicklicher gewesen wären. Sie sagte dieses mit einem bedeutenden Blick auf Peninnen, den ich nicht verstand. Ich bat um Erklärung. –
In der That, fuhr sie fort, ich scheue mich fast ihnen zu gestehen, dass meine Gabriele auf dem Punkte steht eine Mißheyrath zu tun; sie kennen meine Gesinnungen in diesem Stück, indessen mein Mann denkt hierinnen anders, der standesmäßigen Partien sind jetziger Zeit so wenig, und der Regierungsrath Berg ist doch übrigens ein ganz artiger Mann, ein Mann, welcher noch sein Glück machen kann.
Der Regierungsrath Berg? wiederholte ich und meine Tochter in einem Atem. – Ich sah Peninnen an und glaubte sie blass werden zu sehen, ich fürchtete einen solchen Auftritt wie ehemals bey Walters Briefe, und trug ihr, um sie zu entfernen, ein Geschäfte außer dem Zimmer auf, aber sie verrichtete es so eilig, dass ich merkte, die Nachricht von Bergs Heyrath und Gabrielens Falschheit gieng ihr nicht so zu Herzen, wie die fehlgeschlagene Hoffnung auf Waltern, und sie sei eben so begierig als ich, auch den zweiten Schwiegersohn der gnädigen Frau nennen zu hören.
Sie kam eben zurück, da die Frau von Wilteck mit ihrer Deklamation wider Gabrielens Mißheyrath zu Ende war. Josephe, sagte sie, hat sich dem Stande nach etwas besser bedacht als ihre Schwester, aber mein Gott, neuer Adel, oder gar keiner, ist in meinen Augen auch ziemlich dasselbe. Der alte Herr von Sarnim – – Sarnim? von Sarnim? wiederholte ich. Ja doch, sagte sie, der alte Herr, den sie unter dem Namen des Wachtmeisters bey uns gesehen haben; er ist eigentlich Obristlieutenant, aber er hört sich gern noch Wachtmeister nennen, weil er als Wachtmeister sich seinen Adel erwarb, er rettete dem König das Leben, und – – Mein Gott, rief ich, der Wachtmeister Sarnim, und der Obristlieutenant von Sarnim, von welchen wir so viel in den Zeitungen gelesen haben, sind eine Person. – Ich musste mich über Peninnens Fassung wundern, sie that noch einige gleichgültige Fragen an die gnädige Frau, und diese entfernte sich endlich, nachdem sie ihre Bitte wiederholt hatte, wir möchten ja alle bey ihrem Feste erscheinen, besonders Peninna. Ihre Töchter hätten versichert, ohne ihre geliebte Ninon würden sie an ihrem Ehrentage keine Freude kennen.
Ich war froh, dass die Frau von Wilteck uns verließ. Ich besorgte die Anstrengung, mit welcher Peninna ihre Kaltblütigkeit behauptet hatte, könne üble Folgen für ihre durch die Krankheit geschwächte Nerven haben, und erstaunte, als sie auch, da wir allein waren, ihre Fassung beybehielt, und außer einigen Ausrufungen über Gabrielens Falschheit, die ganze Sache behandelte, als ob sie keine Beziehung auf sie habe. Ich sahe wohl ein, dass nur bey Walters Anwerbung ihr Herz mit im Spiel gewesen war, und dass an den beiden andern höchstens nur ihre Eitelkeit einen kleinen Anteil genommen hatte. Aber, gute Peninna, war es denn so ein Kleines Frau Regierungsräthinn oder Frau Obristlieutenantinn mit einem ansehnlichen Vermögen zu sein? war es ein Kleines für ein armes Mädchen ein so glänzendes Glück verscherzt zu haben, es verscherzt zu haben ohne dass man es noch einmal in seinem ganzen Umfang kannte? Kränkte es dich nicht, dass du nun überzeugt sein musstest, diejenigen, die du verschmähtest, wären gar nicht die verächtlichen Männer, wie deine falschen Freundinnen dich zu bereden suchten, und nichts als Neid und Verlangen, sich in die Trümmern deines Glücks zu theilen, habe sie bewogen, dich zu der Rolle zu bereden, die du unter ihrer Anführung spielen musstest, und die dir so theuer zu stehen kam?
Mir giengen diese Dinge gewaltig im Kopfe herum, aber ich hütete mich wohl, meiner betrogenen Tochter meine Gedanken zu entdecken. Die Arme hatte bereits zu viel gelitten, ich fühlte, dass ich sie schonen musste. Ich sprach von der ganzen Sache wenig und mit der äußersten Behutsamkeit gegen sie. Ich hatte es noch nicht einmal gewagt, sie zu fragen, ob sie gesonnen sei, die Einladung zur Hochzeit anzunehmen, und mit was für einer Miene sie gedachte, vor ihren abtrünnigen Liebhabern, und ihren falschen Freundinnen zu erscheinen. Wir bemühten uns beyderseits, uns in eine Art von Schlummer und Fühllosigkeit zu wiegen, als auf einmal eine Person erschien, deren Ankunft ich schon lange mit geheimer Angst entgegen gesehen hatte, und die uns ziemlich ungestüm aus unserer erkünstelten Ruhe weckte.
Mein Mann hatte eine Reise nach Berlin zu tun gehabt, er war die ganze Zeit über, da diese sonderbaren Dinge in unserm Hause vorgiengen, abwesend gewesen. Zu der Zeit, als er Hohenweiler verließ, hatten Peninnens Liebhaber nur noch die ersten Schritte zu ihrer Bewerbung um sie getan. Herr Haller hatte nie viel auf seine Tochter Peninna gehalten. Seine Freude und seine Verwunderung schienen gleich groß zu sein, dass das Mädchen von andern mit günstigern Augen betrachtet wurde, und dass sich auf einmal drei gleich würdige Männer fanden, die bereit waren, ihn von einer Person zu befreyen, die in seinen Augen nichts als eine unnütze Last seines Hauses war.
Seine Wahl fiel, wie ich schon erwehnt habe, auf den Wachtmeister, und der Erfolg wieß, wie wohl er gewählt hatte. Himmel! die Mutter eines so würdigen Mannes wie der Obristleutenant von Sarnim zu werden, eines Mannes der dem Könige das Leben gerettet, der seinen Adel nicht geerbt, der ihn durch eine edle That erworben hatte, eines Mannes, von dem soviel in den Zeitungen gestanden hatte, den jedermann kannte und ehrte, der so reich war, der – – o ich hätte vergehen mögen, dass mich Peninnens Thorheit um so ein Glück gebracht hatte. Es ist wahr, ich war mehr auf der Seite des Regierungsraths gewesen, denn dieser hatte sich zuerst an mich gewendet; ich hatte mich der Wahl meines Mannes mit mehrerm Ernst als sonst entgegen gesetzt, aber wer hätte auch das denken sollen!
Mein Mann hatte es sich bey seiner Abreise endlich gefallen lassen, dass man die Entscheidung auf Peninnen ankommen ließ, aber dieses hatte er mir ernstlich eingebunden, dass die Sache bey seiner Rückkunft beendigt sein müsse. Nun war sie geendigt, aber wie? – Es hätte sich wohl der Mühe verlohnt, mit meiner Peninne zu Rathe zu gehen, wie man ihm diese verdrüßlichen Dinge vorbringen, was man ihm davon sagen und was verschweigen wollte, aber zu dem, dass es eine bedenkliche Sache für eine so rechtliche Frau wie ich war, mit der Tochter zu rathschlagen, wie man den Vater hintergehen wollte, so graute mir auch allemal diesen Punkt zu berühren, und wie es immer bey verdrüßlichen Dingen zu gehen pflegt, man schob die Sache so lange auf, bis es endlich zu spät war. Eben so gut, dachte ich, als ich meinen Mann aussteigen sah, und ihm entgegen gieng, so geht alles seinen Gang; wir leiden für das, worinnen wir gefehlt haben, und damit ists aus. Wir dürfen nicht besorgen, dass Dinge, die wir jetzt verschweigen und bemänteln, hintennach erst entdeckt werden, und dass wir vielleicht erst in Jahren den Sturm vollends ausstehen müssen, den wir jetzt von uns abzuwenden suchen.
Ich war auf diese Art in einer ganz guten Fassung, aber leider war sie noch lange nicht fest genug, um mich alle die Auftritte, die uns bevorstanden mit der Würde, die ich immer zu behaupten suchte, ertragen zu lassen. Als Herr Haller sich tief vor der zitternden Peninna beugte, sich auf seinen Stock stützte und sie mit einem tiefen Blick in ihre niedergeschlagenen Augen fragte, wie er sie nennen sollte; als er sich darauf gegen mich zurück wandte, und mit einem Tone sagte, der sich nicht beschreiben lässt: Zwar, Mamsell Haller ist sie wohl noch; ich würde es sehr übel nehmen, wenn man die Ankunft des Vaters nicht abgewartet, und ihn um die Hochzeitfreude gebracht hätte. Als er darauf uns mit einem höhnischen Tone um unser Stillschweigen zur Rede setzte, und in uns drang, ihm den Namen seines Schwiegersohns zu nennen. – – O Himmel, lasst mich aufhören. Es war offenbar, man hatte ihm bereits alles dienstfertig hinterbracht; er war zuerst beym Pfarrer eingesprochen, bey welchem er einige Geschäfte hatte, die Frau Pfarrerinn hatte nicht ermangelt, ihm in Abwesenheit ihres Mannes einige boshafte Winke zu geben, und mit voller Wuth im Herzen erschien er also bey uns, um uns auf die Art zu bewillkommen, von welcher ich hier einige Züge gegeben habe.
Alles, auch die kleinsten Umstände der ärgerlichen Geschichte waren ihm bekannt, weiß der Himmel woher die Pfarrerinn so gut unterrichtet sein mochte! aus meinem Hause war nichts ausgeplaudert worden, das Geheimnis war blos unter mir und Peninnen geblieben, und es war keine andere Möglichkeit, es musste durch die Fräuleins ausgekommen sein, welche weit entfernt sich über den Anteil, den sie an der Sache hatten, zu schämen, es lieber gesehen hätten, alle Welt zu Zeugen ihrer hämischen Bosheit nehmen zu können. Ohne Zweifel würde dieses das Mittel gewesen sein, die Unschuld meiner Tochter in einiges Licht zu setzen, und es in die Augen fallend zu machen, dass sie nur die Verführte gewesen wär, wenn die gnädigen Damen nicht den Fehler, den sie durch die offenherzige Erzählung des ganzen Vorgangs begangen, eingesehen, ihre erste Aussage zurück genommen, und die Sache nachher auf so verschiedene Art bemäntelt und vorgetragen hätten, dass im ganzen Städtchen die Geschichte wohl auf zwanzigerley Art erzählt wurde. Die Pfarrerinn war im Besitz der schlimmsten Gattung von diesen Varianten, sie war von der Gewissheit ihrer Nachricht so überzeugt, dass sie im Stande gewesen wär sie zu beschwören, und sie hatte dieselbe meinem Mann so umständlich, so zuversichtlich überliefert, dass wir Mühe hatten, sie an den Stellen, wo uns offenbares Unrecht geschahe, zu berichtigen, und unserm Richter eine bessere Meynung von uns einzuflößen.
Viele Tage giengen über Bemühungen von dieser Art hin. Herr Haller blieb, wir mochten die Sache aufs beste kehren und wenden, wider uns eingenommen, und er schien so froh zu sein, sich einmal ein richterliches Ansehen wider mich geben zu können, die ich so oft über ihn zu urtheilen befugt gewesen war, dass ich hier eine Mitschuldige sein musste, ob ich gleich höchstens nur durch Nachsicht gefehlt hatte. – Hätte es doch sein mögen! ich war eher im Stande seinen Zorn zu ertragen als die arme Peninna, welche unter dem Spott und der Grausamkeit, mit welcher er ihr begegnete, zu erliegen gedachte.
Der Hochzeittag der tugendbelobten Fräuleins nahte heran. Es kam mir nicht in den Sinn dabei zu erscheinen, und Peninna? – da war vollends gar nicht daran zu denken. – So gefasst sie vielleicht vor Ankunft ihres Vaters gewesen wär, ihre falschen Freundinnen zum Altare zu begleiten, so hatte sie doch durch seine bisherige harte Begegnung so viel gelitten, dass sie mehrere Tage bettlägrig sein musste, und eher einem Gespenst als einem siebzehnjährigen Mädchen ähnlich sah; was für eine Figur würde sie bey dem Feste gemacht haben!
Meinen Gedanken nach, sollte auf die wiederholte Einladung vom Wilteckischen Hause, mein Mann nebst meinen drei ältsten Kindern außer Peninnen bey der hohen Vermählungsfeyer erscheinen. Ich und die arme Leidende wollten mit den beiden jüngsten zu Hause bleiben, und zusehen, ob wir an diesem merkwürdigen Tage wenigstens einige Ruhe geniessen könnten, da niemand um uns sein würde, der durch Vorwürfe unsern Verdruss erschwerte.
Ich hatte meine Einrichtung vergeblich gemacht. Mein Mann bestand darauf, Peninna sollte zur Strafe ihrer Unbesonnenheit bey der Trauung ihrer Freundinnen und ihrer Liebhaber gegenwärtig sein; mir ähnlichen Zwang anzulegen, unternahm er zwar nicht, aber es verstand sich von selbst, dass ich meine Tochter nicht ohne Trost und Beystand ihrem Schicksal, vielleicht dem Hohngelächter der beiden übermüthigen Bräute überlassen konnte.
Ich hätte nicht geglaubt, dass Peninna genug Stärke des Geistes besitzen würde, die harte Rolle, die ihr ihr Vater auflegte, mit Anstand zu spielen, und ich verwunderte mich, sie an dem Morgen des großen Tages gefasster erscheinen zu sehen, als sie seit ihres Vaters Ankunft gewesen war. Wir rüsteten uns zu unserm schweren Gange, und ich muss gestehen, dass meine Tochter, ungeachtet ihrer Leichengestalt, und des ohne alle Kunst und Sorgfalt gewählten Putzes, reizend aussah. Wir wurden zur Trauung geholt; die dicke Gabriele, mit hochrothgefärbten Wangen, und einer Frisur von drei Etagen, flog uns in einem weiten silberstossenen Gewand entgegen, und drückte ihre geliebte Ninon mit solcher Inbrunst an sich, als ob nie etwas unter ihnen vorgegangen wär, das Verweise verdiente; sie nahm das bleiche Mädchen, und stellte sie mit triumphirender Miene ihrem Bräutigam vor, welcher Peninnens kaum hörbaren Glückwunsch mit einer stillschweigenden Verbeugung und einem zur Erde gewandten Blick aufnahm. Ich weiß nicht was es war, das ich in seinem Betragen zu lesen glaubte; war es noch Unwillen über Peninnens ehemalige Beleidigung, oder war es Reue, dass er ihre Stelle nicht besser als mit einer Gabriele besetzt hatte. Fräulein Josephe, welche allemal mehr Stolz gegen Peninnen geäußert hatte als ihre Schwester, hielt sich auch jetzt zu vornehm, ihr entgegen zu kommen. Sie stand mit einem verächtlich auf sie herabgesenkten Blick an ein Fester gelehnt da, und schien sich mit ihrem Bräutigam von gleichgültigen Dingen zu unterhalten.
Peninna war in Verlegenheit, ob sie sich ihr nähern sollte, und Josephe vermehrte ihre Bestürzung durch die unglaubliche Unverschämtheit, mit wrlcher sie kein Auge von ihr verwandte und ihre ganze Person zu mustern schien. Eben wollte ich mich ins Mittel schlagen, aber der edle Herr von Sarnim kam mir zuvor. Er gieng mit seiner gewöhnlichen Treuherzigkeit auf Peninnen zu; nahm sie bey der Hand und führte sie seiner Braut, die sich jetzt einige Schritte vorwärts bewegte, entgegen.
Warum so still und niedergeschlagen? fragte er meine Tochter, die sich vergebens bemühte einige Glückwünschungsworte zu stammeln. Vermuthlich Verlegenheit! sagte Josephe, die ihren Kopf auf eine übermüthige Art zurück warf, sie wird nicht wissen, wo sie Worte hernehmen soll, mir ihre Freude zu bezeugen, dass sie mich als die Braut des Herrn von Sarnim sieht. Mamsell Haller, erwiederte der Obristlieutenant, weiß wohl, dass es nur an ihr lag die Stelle einzunehmen, die, – mit der sie mich beehren? rief Josephe, sehr artig! in der That! ich habe also die Ehre, den Namen zu führen, den Ninnchen Haller verschmähte. Josephe drehte sich mit diesen Worten verächtlich auf die andere Seite, und der Obristlieutenant klopfte vertraulich mit seiner Linken auf Peninnens rechte Hand, die er noch in der seinigen hielt. Sein sie aufgeräumt, liebes Mädchen, sagte er, ich denke keinen Augenblick mehr an das Vergangene, will gewiss ihr Freund sein, ob sie gleich den alten Wachtmeister nicht zum Manne haben wollten.
Peninna hatte, wie sie mir sagte, alle ihre Fassung nötig, um die gutgemeinte Rede des freundlichen Alten so zu beantworten, wie sie es verdiente. Die kindische mißlungene Probe, welche sie gewagt hatte, auch diesem edeln Manne aufzulegen, kam ihr wieder in den Sinn, und die Beschämung färbte ihre bleiche Wangen mit so glühender Röthe, als Gabriele mit ihrer Schminke auf den ihrigen nicht hatte erkünsteln können.
Es war unmöglich, dass Empfindungen von dieser Art sich nicht in einigen Worten äußern sollten, und diese mochten wohl so ausdrucksvoll, so ganz aus dem Herzen gesprochen sein, dass sie ihre Würkung nicht verfehlen konnten. Sie sind verführt worden, sagte der Obristlieutenant, indem er ihre Hand freundlich drückte, und ich habe mich vielleicht übereilt, wir müssen beide drauf sinnen, unsere Fehler zu verbessern.
Josephe konnte es nicht ausstehen, ihren Bräutigam so lange mit ihrer Nebenbuhlerinn sprechen zu sehen; sie ließ ihn abrufen, konnte aber dennoch nicht verhindern, dass Peninna bey der Tafel, auf des Herrn von Sarnim Begehren, an seiner linken Seite sitzen musste, und dass er sich mehr mit ihr unterhielt, als mit derjenigen, die ihm das Schicksal zur Gattinn gegeben hatte, und die es für nicht zu früh hielt, ihn am Tage ihrer Verbindung, schon die Erstlinge ihrer Eifersucht und mürrischen Laune schmecken zu lassen. – – – Die Ehre an der Seite des edeln Obristlieutenants zu sitzen, und die Gelegenheit, die sie gehabt hatte, einen Theil seiner ehemaligen guten Meynung wieder herzustellen, machte Peninnen so froh, dass sie ganz wieder sie selbst war; aufgeräumt, ungezwungen, unterhaltend, die Seele des Gesprächs, das in der Gegend, wo sie saß, gehalten wurde.
Der Herr Regierungsrath Berg richtete unterschiedlichemal seine Augen mit einem tiefen Seufzer auf sie, und Gabriele fand, dass einer von den silbernen Armleuchtern auf der Tafel sie blendete und rückte ihn so, dass ihr Bräutigam nichts mehr von Peninnen sehen konnte als höchstens die weisse Feder auf ihrem Hute.
Mir entgieng nicht das geringste von allen diesen Dingen, ich fand eine Art von Beruhigung oder Genugthuung darinnen, und dieser so sehr gefürchtete Abend vergieng besser als ich gedacht hätte. Wir kehrten ziemlich froh nach Hause, und selbst mein Mann gab Peninnen diesen Abend wieder einige freundliche Blicke. Die Lobsprüche, die ihre Gestalt und ihr Betragen bey einigen Anwesenden gefunden hatte, söhnten ihn ein wenig mit ihr aus, und er fieng an zu hoffen, dass sie doch vielleicht noch nicht ihr ganzes Glück verscherzt haben möchte, dass es doch noch vielleicht eine Möglichkeit sei, ihrer auf eine ehrenvolle Art los zu werden.
Peninna war mir durch die Begebenheiten des gestrigen Abends, durch den Beyfall, den sie in aller Augen gelesen hatte und durch die sichtbare Demüthigung ihrer verrätherischen Freundinnen, fast zu kühn geworden. Ich sah es nicht gern, dass sie sich sobald über ihre Vergehungen durch einen gefälligen Blick von denen, die sie beleidigt hatte, trösten ließ. Meinem Urteil nach, müssen wir nie so bereitwillig sein, uns unsere Fehltritte zu verzeihen, als unsere Freunde. Wenn ihre Vergebung sogleich alles bittere Gefühl der Reue austilgt, so sind wir gewiss auf gutem Wege, nächstens wieder zu fehlen, oder wir fallen endlich gar in die unedle abscheuliche Gewohnheit, den guten Seelen, von denen wir wissen, dass ein Blick, eine Träne ihren Zorn entwaffnen kann, täglich neue Gelegenheiten zu Geduld und Nachsicht zu geben, und nur mit denen behutsam und schonend zu verfahren, die weniger edel denken, und also auch schwerer zu besänftigen sind.
Schon bereitete ich meiner Peninna eine Vorhaltung über diesen Punkt zu, als sich noch eine Gelegenheit zeigte, sie zurecht zu weisen. Kaum hatten wir aus dem Wilteckischen Hause Nachricht erhalten, dass die jungen Ehepaare sichtbar, und wie es nun so die Gewohnheit bey uns mit sich brachte, bereit waren, die Glückwünsche ihrer Hochzeitgäste anzunehmen, so trat meine ältste Tochter, in einem Aufputze herein, in welchem sie wo möglich noch reizender aussah, als in dem gestrigen.
Du glaubst also wohl, du wirst der Frau von Sarnim und der Frau Regierungsräthin große Freude mit deiner Erscheinung machen? – Peninna faltete ihren Fächer von einander, sah lächelnd vor sich nieder, und schwieg. – Je nun, fuhr ich fort, ihren neuen Gemahlen wirst du wenigstens nicht unangenehm sein, du kannst ihnen leicht besser gefallen, als ihre Neuvermählten.
Peninna fühlte das Bittre in meiner Bemerkung. Eine glühende Röthe, die sich über ihr Gesicht verbreitete, und sich bald wieder in ihre gewöhnliche Blässe verkehrte, ersparte mir die Mühe, mich deutlicher zu erklären. – Pfui, Peninna, sprach ich, nachdem ich sie eine Zeitlang steif angesehen hatte, ich schäme mich deiner. Ich kenne keinen häslichern Charakter als den einer Coquette, selbst in dem gelindesten Verstande, den die heutige Welt diesem Worte giebt. Du kennst die Verhältnisse, in denen du mit den Neuvermählten gestanden hast, und bist klug genug, einzusehen, dass inskünftige aller Umgang zwischen euch muss aufgehoben bleiben. Die jungen Frauen verdienen wohl deine Verzeihung, aber nicht deine Freundschaft; und ihre Männer – – sie denken edel genug dich zu verachten, wenn du dich ihnen von nun an weiter zeigen würdest. Ein ehrliches Mädchen entzieht sich den Augen, denen sie vielleicht gefallen könnte, und welche kein Recht haben nach ihr zu blicken. – Willst du vielleicht eine Störerinn des ehelichen Friedens werden? Willst du – –
Hier hielt ich ein. Peninnens Thränen fiengen an zu fliessen; es waren keine Thränen des beleidigten Stolzes, sondern die frommen kindlichen Thränen, die bey einem mütterlichen Verweis aus den Augen einer guten Tochter fliessen. – Ich hatte also meinen Zweck erreicht, und versparte den andern Theil meiner Predigt auf ein andermal, denn geschenkt war er ihr nicht. – Jetzt legte Peninna ihren Putz ab, gieng an ihre häuslichen Geschäfte, und ich machte meinen Ceremonienbesuch allein bey Wiltecks.
Ich fand den Zustand der Sachen im Hochzeithause wie es sich denken lässt. Der Herr von Wilteck und seine Gemahlinn waren so zufrieden, als mein Mann den Tag nach Peninnens Hochzeit gewesen sein würde. Die Gesichter der jungen Damen klärten sich auf, da sie mich ohne meine Tochter erscheinen sahen. Der Obristlieutenant, der sich sehr verbindlich gegen seine Josephe aufführte, konnte sich doch nicht enthalten, mit seiner gewöhnlichen treuherzigen Art, nach Peninnen zu fragen und sie grüßen zu lassen, und der Regierungsrath saß stumm neben Gabrielen, und schienganz mit seinen Gedanken abwesend zu sein. Mein Besuch war kurz, wie ich alle meine Ceremonienvisiten mache.
So kurze Zeit ich von Hause gewesen war, so hatte sich doch schon etwas wichtiges in meiner Abwesenheit zugetragen. Meine Tochter kam mir bey meiner Rückkunft mit einem von Freude verklärten Gesicht entgegen. O meine Mutter, rief sie, indem sie mir um den Hals fiel, wir bekommen diesen Nachmittag einen Besuch, der – der – bey dem ich gewiss werde gegenwärtig sein dürfen, gewiss – ich getraue mir zu sagen – dass es nicht Coquetterie sein wird – wenn ich – kurz liebe Mutter, Herr Walter hat sich melden lassen, und ich habe ihn angenommen. Nun, nun, sagte ich, du hast wohl getan, aber Kind, Kind, ich bitte dich, nimm dich in Acht zu gläuben, dass dieser Besuch eine angenehme Beziehung auf dich haben werde. Ich an deiner Stelle würde eher bitten von demselben ausgeschlossen, als dabei gegenwärtig zu sein. O liebe Mutter, rief sie in einem halb traurigen Tone, wie können sie es doch über das Herz bringen, die liebsten Hoffnungen ihrer Peninna so gleich zu unterdrücken.
Deine Hoffnungen Kind? – Ja liebe Mutter, sie wissen ja wie wir mit Herrn Waltern stehen, – ich hoffe es ist nichts Böses, wenn ich ihnen gestehe, ich glaube er kommt um meinetwillen – und – ich liebe ihn – und ich würde ihm alle Obristlieutenante und Regierungsräthe der ganzen Welt aufgeopfert haben; blos seinetwegen reut mich nichts.
Nun dies Geständniß ist offenherzig genug, sagte ich, aber schäme dich nur nicht, ich bin deine Mutter, die es gern sieht, wenn du ihr keinen deiner Gedanken verhehlst. – O ich hoffe, unterbrach sie mich, die Zeit wird bald kommen, da ich es vor der ganzen Welt gestehen darf, wie ich von Herrn Walter denke, und ich brenne vor Verlangen, ihm die Beleidigung, die ich ihm ehemals in meiner Einfalt zufügte, durch ein solches Geständniß zu vergüten.
Peninna, Peninna! sagte ich mit aufgehobenem Finger, hüte dich dieses Geständniß zu frühzeitig zu tun, du möchtest es nicht ohne Beschämung zurück nehmen können. – Glaubst du, dass ein Mann, wie Walter, eine empfangene Beleidigung so leicht vergisst, als du eine angethane? Mein Gott, liebe Mutter, sprach sie, alles das war ja nur Scherz, und ich muss ja den guten Walter kennen. Wenigstens, schloss ich mit einem etwas verdrüßlichen Tone, wollte ich dir wohl rathen den Brief, den er bey seinem schnellen Abschied aus Hohenweiler an mich schrieb, noch einigemal zu überlesen, ehe du den kleinsten Schritt mit deiner gewöhnlichen Voreiligkeit zu tun wagst.
Ich gieng an mein Schreibepult, nahm ihn heraus und gab ihn ihr, aber ich muss sehr zweifeln, ob sie sich die Zeit genommen hat, ihn zu überlesen, denn sie war bis zur Mahlzeit so unglaublich mit tausend Kleinigkeiten beschäftigt, dass ich nicht wusste, wo ein Augenblick vernünftiger Ueberlegung statt gefunden haben sollte.
Ich seufzte über ihre Verblendung, und that mein möglichstes einen Schleyer über ihre Thorheit zu werfen, damit hernach die Beschämung über ihren Irrthum nicht so gar groß sein möchte, aber alle meine Vorsicht war vergebens. Mein Mann, dem ich auf Peninnens Bitten, nie etwas umständliches davon gesagt hatte, in wie weit Herr Walter in die ehemaligen albernen Geschichten verwickelt gewesen war, der also auch von dem nachdenklichen Brief, den ich Peninnen zur Beherzigung gab, nichts wusste, hatte von dem' Besuche, der uns diesen Nachmittag bevorstand, gleiche Vermuthungen wie seine Tochter; er sprach über der Mahlzeit öffentlich davon, und Peninna, so sehr ich ihr auch ein wenig Zurückhaltung empfohlen hatte, scheute sich nicht, ungeachtet wir nicht allein waren, denn der Herr Pfarrer speißte mit uns, mit ihrer gewöhnlichen Wärme zu gestehen, dass sie der Meynung ihres Vaters beypflichtete, und dass sie zu sehr von Herrn Walters Verdiensten überzeugt wär, um sich einen Augenblick zu bedenken, wenn ihre Aeltern ihr gebieten sollten, seine Bewerbungen anzunehmen. Mein Mann nannte sie ein vernünftiges Mädchen, und der Herr Pfarrer stand auf und trank mit seiner gewöhnlichen Feyerlichkeit die Gesundheit der zukünftigen Braut.
Ich hätte vor Ungeduld über diese Albernheiten vergehen mögen, und sagte um denselben einigen Einhalt zu tun, ich wisse zuverlässig, dass Herrn Walter Angelegenheiten von ganz anderer Art nach Hohenweiler trieben, und bät also recht sehr weder in Scherz noch im Ernst mehr etwas von solchen Dingen zu gedenken.
Mein Mann sah mich unwillig an, der Pfarrer ward still, und Peninnen traten über die Grausamkeit ihrer Mutter die Thränen in die Augen. Es ist mir oft, vornehmlich in meinen höhern Jahren begegnet, dass man meine Aussprüche für halbe Weißagungen gehalten hat, weil sie immer so glücklich zutrafen. Ich habe nie eine Ursache von diesen seltsamen Erfüllungen meiner oft ohne sonderliche Ueberlegung gesprochenen Worte angeben können, als dass ich immer die Umstände eines jeden Dinges mit meinen beiden offenen Augen ansah, dahingegen andere, die ihrigen vor den selben halb, auch wohl ganz verschlossen.
Leider wurde meine Rede auch hier erfüllt. Ich wusste nicht was Waltern für Angelegenheiten nach Hohenweiler trieben, ungeachtet ich mich dessen rühmte, um meine Absichten damit zu erreichen, aber ich konnte es muthmaßen, und ich wunderte mich daher nicht sehr, als ich des Nachmittags am Fenster stand, und einen Wagen vorfahren sah, aus welchem Herr Walter im niedlichsten geistlichen Ornat, der sich denken lässt, heraussprang, und ein junges Frauenzimmer aus demselben herabhob. Ich entdeckte Peninnen, welche bey mir saß, was ich sah, und was ich vermuthete; – sie ließ die Hände sinken, sah mich steif an, und fragte ob ich scherzte? Ich sahe sie bleich werden, und rieth ihr, lieber das Zimmer sogleich zu verlassen, wenn sie den Anblick von Walters Braut nicht gedächte ertragen zu können. O so müsste ich doch auch weder Stolz noch Selbstgefühl haben, sagte sie, indem sie sich von ihrem Sitz erhob, und sich hoch aufrichtete, wenn ich den Anblick eines Ungetreuen nicht eine Halbe Stunde wollte ertragen können, ohne meine Schwachheit zu verrathen.
Es war jetzt nicht die Zeit, sie zu überführen, wie wenig der arme Walter den Namen eines Ungetreuen verdiente, ich sah es gern, dass ihr ihr Unwille jetzt zur Stütze diente, und es war auch zu spät zu weiterer Wortwechselung, denn eben trat Herr Walter ein, und an seiner Hand ein Mädchen – Himmel, ein Mädchen wie ich, die Mutter von vier schönen Töchtern, wenig gesehen habe.
Unschuld, Sittsamkeit, und froher Muth lachte auf Charlottens Wangen, Geist und Empfindung sprach aus ihren Augen, ihre Gestalt war die edelste weiblich schöne, die ich je gesehen hatte, und ihr Betragen, das den vollen Ton der Welt hatte, gab ihren Reizen so etwas gebietendes hinreißendes, dass meine arme Peninna ganz im Schatten dastand.
Ich empfieng die Ankommenden wie es ihnen zukam, und wie mir es mein Herz eingab. Ich hatte Waltern immer hochgeschätzt, und das Bewußtseyn, dass ihm in meinem Hause nicht so begegnet worden war, wie er verdiente, gab der Art wie ich ihn bewillkommte, noch mehr verbindliches, als sie vielleicht außerdem gehabt haben würde. Seine Charlotte war eine von denen Personen, die das herz auf den ersten Anblick einnehmen, und es schadete ihr nichts in meiner Achtung, dass sie die Nebenbuhlerinn meiner Tochter war; es wär Unbilligkeit gewesen, wenn sie, die von allem nichts wusste, an allem unschuldig war, den geringsten Nachteil an dieser Vorstellung hätte haben sollen. Hatte sie mich durch ihren Anblick bezaubert, so nahm sie mich durch ihre Unterhaltung noch mehr ein, und ich konnte es Waltern weiter nicht verdenken, dass er so ganz in sie entzückt, so ganz blind gegen alles außer ihr zu sein schien. Zwar sprach die mütterliche Liebe in mir, meine Tochter hätte doch nicht so bald, so gänzlich vergessen werden sollen, sie habe doch nicht die Demüthigung verdient, dass man eine andere so im Triumpf vor ihr aufführte, aber denn redeten wiederum Peninnens Beleidigungen, und Charlottens Vorzüge Waltern so kräftig das Wort, dass ich unmöglich auf ihn zürnen konnte.
Mit Peninnens Betragen war ich sehr zufrieden. Ich hatte gefürchtet, sie würde jenes geschwätzige übertriebene muntere Wesen annehmen, unter welchem manche Frauenzimmer ihre gekränkte Empfindlichkeit zu verbergen suchen, und ich hätte ihr gram sein können, wenn sie diese alberne Rolle gespielt hätte, die das, was sie verhüllen soll, so öffentlich zur Schau legt; aber ich hatte doch immer noch die Freude, dieses so irrige, in vielen Stücken so sehr fehlerhafte Mädchen, auf einer bessern Seite zu sehen, als ich ihr selbst zugetraut hätte.
Sie war freundlich, gefällig und unbefangen in ihrem Betragen; sie nahm einigen Theil an dem Gespräch, aber sie drängte sich nicht hervor; das wenige, was sie sprach, war gut, und ihr ganzes Wesen zeigte, dass sie hier keinen Anspruch auf Bewunderung, nicht einmal auf Bemerkung mache. Charlotte, die nichts von ihren ehemaligen Verhältnissen mit Waltern zu wissen schien, fand Peninnen interessant für sich, sie wandte sich immer an sie mit ihren Reden, sie zeigte in jedem ihrer Worte, dass ihr Herz sich zu ihr hinneigte, dass sie sich so eine Freundinn wünschen möchte, aber Peninna, die sich vermuthlich erinnerte, dass ich ihr diesen Morgen sagte, zwischen ihr und den Frauen ihrer ehemaligen Liebhaber könne kein Umgang statt finden, und die diese Sentenz auf den gegenwärtigen Fall anwenden mochte, blieb zurückhaltend, und erwiederte Charlottens zuvorkommendes Wesen blos mit der gutherzigen Freundlichkeit, die ein kunstloses Landmädchen jedem Freunden zu erweisen pflegt; sie war zu ehrlich, gegen Charlotten, die sie bey allen ihren Vorzügen unmöglich lieben konnte, Empfindungen zu heucheln, die ihrem Herzen fremd waren. Eine andere an ihrer Stelle würde geglaubt haben, ihre Sachen vortreflich zu machen, wenn sie die Nebenbuhlerinn, die sie haßte, mit Liebkosungen überschüttet hätte, sie würde gedacht haben, ihrem ungetreuen Liebhaber durch ein solches Betragen zu beweisen, wie wenig sie seiner neuen Geliebten den Besitz seines Herzens mißgönnte, und – sie hätte ihm durch alles ihr Bestreben nur das Gegentheil anschaulich gemacht. O Mädchens, Mädchens, lernt doch der Natur und euren wahren Empfindungen so treu als möglich handeln, wenn ihr immer, auch in euren nachtheiligsten Lagen, einen Anspruch auf Achtung behaupten wollet.
Endlich gieng dieser Besuch zu Ende, welcher, so wohl mir auch Walter und seine Charlotte gefielen, mir doch endlich anfieng lästig zu werden, und dessen ich überhaupt gern überhoben gewesen wäre. Peninna ward stiller; ich merkte es ihr an, dass sie ihre peinliche Anstrengung nicht lange mehr aushalten könne, und ich war froh, als man aufstand und sich empfahl.
Wie ist dir, meine Peninna? fragte ich, als ich von der Begleitung meiner Besuche zurückkam, und sie in ihren Stuhl zurückgelehnt sitzen fand. Sie streckte ihre Hand nach mir aus, ihre blauen Augen schlossen sich, und sie sank empfindungslos in meine Arme.
Armes, armes Mädchen, wie schwer musstest du für die Thorheit büßen, mit einem Herzen zu spielen, das dir lieber war als du selbst glaubtest. Walter war nun für dich dahin, auf ewig dahin, und dieses darum, weil du einige Stunden lang geglaubt hattest, du könntest alles wagen, ohne seinen Verlust zu fürchten.
Mein Mann war so wenig bey Walters Besuch, als bey dem darauf folgenden Auftritte gegenwärtig gewesen, aber als er kam, als er den ganzen Vorgang erfuhr, als er aus den eigenen Reden der trostlosen Peninna merkte, dass sie sich selbst den Verlust des Mannes, den sie liebte, zuzuschreiben habe, da brach er mit seinem gewöhnlichen Ungestüm wider sie los, und seine Härte, zusammengenommen mit ihren eigenen Empfindungen, versetzten sie wieder in den Zustand, welcher sie bey der ersten Muthmassung von Walters verscherzter Liebe dem Tode nahe gebracht hatte.
Das Herz ihres Vaters erweichte sich nicht bey der Gefahr, in der er sie sahe, es erweichte sich nicht, da sie, nachdem sie gerettet war, sich zum erstenmal wieder zu seinen Füßen warf, und seine Verzeihung wegen desjenigen erflehen wollte, wofür sie selbst am meisten gelitten hatte, und das einige Mittel ihr Ruhe zu schaffen, war, dass ich Herrn Haller bat, mir zu erlauben, die Tochter, die er ganz verworfen zu haben schien, zu ihrem Großvater zu bringen, welcher bey seinem zunehmenden Alter die zärtliche Pflege weiblicher Hände anfieng nötig zu haben, und von dem ich wusste, er würde seine immer vorzüglich geliebte Enkelinn mit offenen Armen aufnehmen. Herzlich gern willigte mein Mann ein, und wir reisten ab.
Nicht allein der Wunsch, ein geliebtes Kind in die Arme meines Vaters zu liefern, sondern auch Verlangen, bey ihm Nachricht von einem andern eben so geliebten, zu erhalten, trieb mich nach Traußenthal, wo mein Vater lebte.
Ich hatte ihm nicht sobald von allem, was bisher bey uns vorgegangen war, Nachricht gegeben, und Peninna hatte nach einigen ziemlich ernsten Vermahnungen des ehrwürdigen Greises, nicht so bald wieder ihren Frieden mit ihm gemacht, als wir beide fast aus einem Munde fragten, was Samuel machte. Peninna klagte, dass sie so lange nichts von ihrem geliebten Bruder gehört, und ich, dass ich nie befriedigende Nachricht auf meine schriftliche Nachfragen nach ihm erhalten habe. Seine Briefe an mich, sagte ich, sind immer so kurz so allgemein in ihrem Inhalte, und mir, sprach Peninna, hat er, seit dem Ermahnungsbriefe bey seinem Abschiede, gar nicht geschrieben.
Wir hatten gute Zeit zu sprechen, denn mein Vater schien in einem so tiefen Nachdenken begraben zu sein, dass er uns kaum hörte. Fraget mich nicht, fieng er endlich mit einem tiefen Seufzer an. Samuel bleibt sich immer gleich, die Verdrüßlichkeiten, in welche ihn sein, im Grunde nicht tadelnswürdiger Charakter schon in seinen Kinderjahren stürzte, gehen jetzt, da er sich in einer größern Sphäre befindet, ins Große; er bringt sich um sein Glück, und ich sehe nicht, wie ihm endlich zu helfen sein wird. – Da leset diesen Brief, er wird euch Nachricht von seinem gegenwärtigen Zustand, und auch vielleicht einiges Licht über vergangene Dinge geben, die euch so wie mir, lange unerklärlich geblieben sind. Nun, sagte ich, indem ich zitternd den Brief nahm, und ihn von einander faltete, das Unerklärlichste war mir wohl der Widerwille, den sein Vater von jeher gegen ihn bezeigte, und den ich unmöglich allein auf die Rechnung seines, Herrn Hallern so widerwärtigen Namens, und auf das Ungefällige schieben kann, das sein Betragen in seines Vaters Augen immer hatte. – Dieses ist es eben, fuhr mein Vater fort, wovon du einige Winke in diesem Briefe finden wirst.
Ich muss, ich muss mein Herz vor Ihnen ausschütten sollte es auch schriftlich sein, da es mir mündlich unmöglich ist. Je länger ich in der Welt lebe, je mehr finde ich, dass ich nicht in dieselbe gehöre! O dass ich einen Winkel auf dieser Erde kennte, den ich mein eigen nennen dürfte, und in welchem ich nebst Ihnen, meiner Mutter und denen von meinen Geschwistern, die noch nicht verdorben sind, mit Ausschliessung aller übrigen menschlichen Gesellschaft leben könnte, oder dass mir die Zuflucht in einem Kloster nicht verschlossen wäre, welches mir, man sage auch was man wolle, doch der einige Ort zu sein dünkt, wo ein Mensch mit strengen Begriffen von Recht und Unrecht ruhig und ohne Anstoß leben kann. Kränken Sie mich nicht, mein Vater, mit solchen Aeußerungen wie bey unserer letzten Unterredung! Sie haben recht, Sie waren es, der mir diese strengen Grundsätze einflößte, aber die volle Stärke derselben, welche mich, ich fühle es, unglücklich macht, habe ich mir selbst, habe ich dem seltsamen Etwas zu danken, das in mir ist, und das mich zu tiefern Nachforschen treibt, als die Gegenstände, die um mich sind, vertragen können. Freilich sind diejenigen glücklicher, die nur mit ihrem Blicke auf der Oberfläche bleiben, und die Dinge nehmen, wie sie sich ihren Augen darstellen.
Wohin mich auch der Dämon, der mir alles mein Glück verbittert oder mir es unter den Händen vernichtet, einst führen mag, so betheure ich hier vor Himmel und Erde, dass Sie unschuldig an meinem Unglück sind. Ich kann Ihnen dieses nicht besser beweisen, als wenn ich Sie auf vergangene Dinge zurück führe. Es ist wahr, Sie lehrten mich frühzeitig das Gute und das Böse kennen, lehrten mich die Tugend so heiß, so innig lieben, als je ein schwärmerischer Jüngling das hohe seraphische Ideal von einem Mädchen liebte, das er nie in der Würklichkeit erblicken wird. Auch erregten Sie meinen lebhaftesten Abschen gegen das Laster, aber immer sagten Sie mir, ich müsste die volle Strenge gegen das Böse nur auf meine eigenen Handlungen anwenden, mich nie zum Richter anderer aufwerfen, nein, vielmehr für die Fehltritte anderer immer Nachsicht, Entschuldigung und schonendes Mitleid übrig haben. Dass ich der Prediger dererjenigen werden sollte, die die Vorsicht einige Stufen über mich gesetzt hat, dass ich es wagen sollte meinen eigenen Vater zu recht zu weisen, und mir dadurch seine Liebe vielleicht auf ewig zu rauben, dieses lehrten Sie mich nicht, und doch that ich es. Ich war noch nicht dreyzehn Jahr, als mir der Zufall, oder vielmehr einige dienstfertige Freunde, welche die Kinder so gern mit den Fehlern ihrer Aeltern unterhalten, alle die heimlichen Gänge entdeckten, auf welchen der, dessen Namen ich nicht zu nennen wage, sich, meiner Mutter, und uns allen den Untergang zubereitete. Ein anderer Knabe meines Alters würde dieses in den Wind geschlagen, oder sich wenigstens nicht für verbunden gehalten haben, eine handelnde Person dabei vorzustellen. Ich hatte den unsinnigen Einfall, den Irrenden nicht allein schriftlich, sondern auch einmal mündlich auf eine Art an seine Pflicht zu erinnern, die sich freilich besser für Sie als für mich, der ich in seinen Augen noch ein Kind war, geschickt haben würde. Ich weiß, wie mir meine unzeitigen Ermahnungen, besonders die mündliche bekam. Man ließ es nicht genug sein, mich für meine Kühnheit auf eine Art zu züchtigen, wie ich sie vielleicht verdiente, sondern man bürdete mir Unschuldigen auch in der Folge Dinge auf, die ich verabscheute und die mich eben so strafwürdig gemacht haben würden, als der war, den ich zu bessern wünschte.
Meine Mutter kam hinter die Verirrungen meines Vaters; so viel ich weiß, war er es selbst, der ihr dieselben entdeckte, und doch bekam ich, so oft ich ihn unter vier Augen sahe, von ihm den Namen eines Ausspähers der väterlichen Handlungen, eines Verräthers, eines Störers des häuslichen Friedens. Dass ich gewisse Dinge wusste, wurde mir zum Verbrechen gemacht, und damit man volles Recht habe mich zu hassen, so traute man mir zu, dass ich Sie und vielleicht die ganze Welt Theil an dem nehmen ließ, was mir bekannt war. Sie wissen es, ob ich eher mit Ihnen davon gesprochen habe, als an dem Tage, da ich von meiner Mutter den gänzlichen Fall unsers Glücks erfuhr, und den mir so nötigen Entschluss fasste, mein Fortkommen in der Welt meinem eigenen Fleiße zu danken zu haben. Was hätte ich denn wohl von mei nem Vater zu erwarten gehabt?
Reifere Jahre haben mir es jetzt begreiflich gemacht, dass ich so viel mit meiner eigenen Besserung zu tun habe, dass mir nicht Muse genug überbleiben würde, anderer Menschen Richter zu sein; dieses, nicht die Furcht vor den Folgen einer so unzeitigen Lehrsucht, die ich schon bereits erfahren hatte, war es, was mich bestimmte meinen Plan zu ändern, und die Fehler zu vermeiden, die ich hierinnen begangen hatte. Treulich hatte ich eine Zeitlang darüber gehalten, und doch hatte ich keine Ruhe finden können. Mein erster Schritt in die Welt, brachte mich, Sie wissen es, in ein Haus, das ich für die Wohnung der Tugend und Frömmigkeit hielt. Das Geld, mit welchem Sie mich so freygebig versehen hatten, machte mir es möglich, mir ein ruhiges und bequemes Leben zu schaffen, und doch bey meinen wenigen Bedürfnissen immer noch genug übrig zu behalten, auch andern, so wie Sie mich gewöhnt hatten, das Leben zu versüßen.
Um in einer so großen und wegen ihrer Ausschweifungen so berühmten Stadt, wie Berlin, nicht unvermerkt in Verbindungen verwickelt zu werden, die mich selbst auf einen schlimmen Weg leiten, oder mir wenigstens den Anblick des Lasters für meine Ruhe zu oft für die Augen bringen möchten, wählte ich das Haus eines Mannes zu meinem Aufenthalt, dessen Aeußerliches dem Ansehen eines leidenden Heiligen glich, und dessen Worte die Worte eines Engels waren. Er war, wie er von sich ausgab, ein unschuldig vertriebener Geistlicher, welcher lieber gewählt hatte im äußersten Elende zu leben, als sich nach den Grundsätzen seiner Obern zu bequemen, die den Seinigen und den Grundsätzen der Tugend ganz zuwider waren. Er pflegte sehr geheimnißvoll von diesen Dingen zu sprechen, und mir nur so viel davon in den räthselhaftesten Worten zu entdecken, als mich für ihn einnehmen, und mich unter dem, was er mir verschwieg, Geheimnisse von der größten Wichtigkeit vermuthen lassen konnte. Er ließ sich einmal als von ohngefehr merken, dass er Sie, mein Vater, kenne, er wusste Umstände aus Ihrem Leben zu erzählen, die nur Ihrem vertrautesten Freunde bekannt sein konnten, und es gelang ihm auf diese Art, sich ganz in mein Herz einzuschleichen. Jetzt war er mir nicht mehr fremd, ungeachtet er mir seinen wahren Namen nicht nannte. Wie ein Sohn den Vater so liebte ich ihn, ich freute mich, die Wohlthaten, die ich von Ihnen erhielt, mit demjenigen theilen zu können, der Ihr zärtlichster Freund zu sein schien. Wir sprachen oft und viel von Ihnen, und ich merkte es anfangs nicht, dass manche seiner Erzehlungen gar nicht dahin abzielten, die hohe Meynung zu bestärken, die ich von dem, der mich zuerst auf den Weg der Tugend führte, zu hegen gewohnt war. Derer Winke, die zu Ihrem Nachteil gereichten, wurden nach und nach immer mehr. Er schien auch meine Mutter zu kennen, und auch ihrer wurde nicht geschont, doch musste er seine Beschuldigungen immer in so viel Wahrscheinlichkeit und in einen so schönen Schein der Tugend und Unpartheilichkeit einzukleiden, dass es ihm nur gar zu gut glückte, mein Herz nach und nach von Ihnen loszureißen. Sie wissen, wie eine lange Zeit einesmals vergieng, ohne dass Sie wussten, ob und wie ich lebte. Mein Freund, wie ich ihn damals zu nennen pflegte, wendete diese Zeit, da ich Ihres väterlichen Raths und Unterrichts entbehren musste, an, Grundsätze in mein Herz auszustreuen, die mir hätten gefährlich werden können, wenn Tugend und Rechtschaffenheit nicht so tief in dasselbe von Ihnen gepflanzt worden wären. Ich fieng an, Verdacht auf meinen vermeynten Freund zu werfen, ich nahm mir vor, Ihnen zu schreiben, Ihnen alles zu sagen, was mich bisher von Ihnen entfernt hatte, Sie zur Rechtfertigung wegen dessen, was man mir von Ihnen gesagt hatte, aufzufodern, und es darauf zu wagen, ob mir meine Kühnheit von Ihnen eben so belohnt werden würde, wie von meinem Vater. Sie ließen sich zur Entschuldigung gegen mich herab; Sie verlangten Ihren Ankläger zu wissen; ich beschrieb Ihnen den, den ich nicht bey seinem rechten Namen zu nennen wusste, und es fand sich, dass mein vermeinter Freund und ihr heimlicher Feind niemand war als der nichtswürdige Katharines, den ich aus ihren Erzählungen auf der schlechtesten Seite kennte, und der, wie ich nun durch fleißiges Nachforschen erfuhr, nicht wie er sich nannte, ein unschuldig abgesetzter, sondern ein wegen tausendfacher Vergehungen vom Amte gejagter Geistlicher war.
So verhaßt mir auch der Name Katharines war, so viel Beweise ich auch für seine schlechte Gesinnungen hatte, so wollte ich ihn doch noch auf eine Probe stellen, ehe ich ihn ganz verdammte und mich von ihm trennte. Ich entdeckte ihn was ich ihm bisher verschwiegen hatte, dass ich allein von ihrer Gütigkeit lebte, dass es, wenn alles wahr sei, was er mir zu Ihrem Nachteil gesagt hatte, wider meine Grundsätze sein würde, ferners Unterstützung von einem Manne anzunehmen, den ich nicht länger hochschätzen könne, und dass ich also inskünftige von meinem eigenen Fleiße würde leben, und allen den Vortheilen entsagen müssen, die ich bisher mit ihm getheilt hatte.
Herr Katharines sahe jetzt, dass er durch seine böse Zunge sein eigenes Glück untergraben hatte. Er bemühte sich, mich zu überzeugen, dass man gar wohl von Personen, deren schlechte Denkungsart uns von aller Dankbarkeit und Hochachtung lossprach, Wohlthaten annehmen könne, und als er sahe, dass dieses kein Gehör bey mir fand, so strebte er so ängstlich seine ehemaligen Beschuldigungen gegen Sie zurückzunehmen, ward auf einmal ein so geflissentlicher Vertheidiger und Lobredner von Ihnen, dass ich ihn in seiner wahren Gestalt erblickte, ihm es entdeckte, dass er entlarvt sei, ihm den Rest dessen, was ich an Gelde besaß, zurückließ, um ihn nicht ganz hilflos zu lassen, und mich von ihm trennte.
Sie wissen aus meinen damaligen Briefen, wie das Glück mit mir spielte. Ich hatte genug gelernt, um als Gehülfe eines Rechtsgelehrten mein Unterkommen zu finden. Das Glück schien mich zu suchen, ich bekam Stellen, die mich schnell hätten heben können, man bewunderte meine Kenntnisse bey so jungen Jahren, man war mit meinem Fleiß und meiner Treue zufrieden, aber ich? – Bey dem geringsten Anschein von Ungerechtigkeit oder Bedrückung bebte ich zurück, bey keiner Sache wollte ich eine Feder ansetzen, die ich nicht ganz übersehen konnte, und wo ich nur einen Anschein von Möglichkeit fand, dass irgend ein falscher Schritt getan worden sei, oder der Handel einen zweydeutigen Ausgang haben könne. – Man war oft herablassend genug, mir das Uebertriebene meiner Begriffe zu demonstriren, man bequemte sich, um mich nicht zu verlieren, auf eine unglaubliche Art nach meinem Eigensinne, aber ich wollte alles Böse das ich sahe, aus dem Grunde gehoben wissen, ließ mich nicht bedeuten, dass dieses unmöglich sei, und verließ jedes Haus, wo man meine Grundsätze zu streng fand, und die Richtigkeit des kleinsten meiner Begriffe von Recht und Unrecht bezweifelte.
Die Welt hätte umgekehrt, Gesetze und Richter in eine ganz andere Form gegossen, und die Erde mit einem Geschlecht von lauter tugendhaften Menschen besetzt werden müssen, wenn ich das hätte treffen wollen, was ich suchte. An statt mich durch meine oftmaligen Aenderungen zu verbessern, gerieth ich immer in schlimmere Hände. Meine Hartnäckigkeit, mit welcher ich das was ich für Recht hielt, zu verfechten pflegte, und die Mühe, die ich mir, ohne meine Schwachheit zu bedenken, gab, denen die ich für Unterdrückte hielt, zu helfen, machte mir mächtige Feinde, und stürzte mich in Verdrüßlichkeiten, die mich nöthigten Berlin zu verlassen.
Sie wissen, lieber Vater, dass ich Sie damals besuchte. Sie wollten mich bereden eine Reise nach Hohenweiler zu tun, um mich meinen Aeltern und meinen Geschwistern zu zeigen, aber was hätte ich da gesollt? Den Anblick meines Vaters scheute ich. In Ansehung meiner Mutter war mein Herz noch nicht ganz von dem Gift gereiniget, den Katharines Lästerungen gegen sie in demselben zurückgelassen hatten. Ich wusste, dass sie edel und gut war, ich trug Bedenken, sie mit der Zumuthung zu kränken, ihre Handlungen vor ihrem Sohne zu rechtfertigen, und doch getraute ich mich nicht ohne dieselbe vor ihr zu erscheinen; sie würde es bald gemerkt haben, dass nur mein halbes Herz bey ihr sei. Meine Geschwister konnten bey dem Umgange, den sie mit dem Wilteckischen Hause hatten, unmöglich so gut sein, als ich sie wünschte, und ich hatte also nichts, das mich nach Hohenweiler zog.
Sie waren es allein, an dem mein ganzes Herz hieng, und ich rechnete es für mein größtes Glück, dass ich eine Stelle in der Geburtsstadt meines Vaters fand, die meiner Erwartung einigermaßen zu entsprechen schien. So war doch ihre Wohnung, mein Vater, dem Orte meines Aufenthalts nahe, so konnte ich doch, oder vielmehr so kann ich doch, wenn ich will, sie täglich sehen und mich –«
Wie? unterbrach ich mich hier in meinem Lesen, Samuel, mein armer betrogener Samuel mir so nahe, und ich habe ihn noch nicht in meine Arme geschlossen? Dieses sagen, und zu meinem Vater eilen, war eins. O wo ist mein Sohn? rief ich ihm zu, wo ist er, dass ich ihn an mein Herz drücke, und ihn selbst frage, was er wider diejenige hat, welche ihn mehr liebt, als ihr Leben?
Hast du den Brief zu Ende gelesen? fragte mein Vater, ich antwortete, dass ich lieber den Rest seiner Geschichte aus seinem Munde hören, als mich länger mit dem todten Buchstaben beschäftigen wollte.
Mein Vater zuckte die Achseln. Vielleicht, sagte er, dass der heutige Tag dir diesen Wunsch gewähren kann. Es ist wahr, Samuel lebt in der Nähe, aber er besucht mich selten, und begnügt sich lieber mir zu schreiben, wie du aus dem Briefe schliessen kannst, den du eben gelesen hast. Er ist in aller Absicht ein Grillenfänger.
Wir sprachen noch über diese Dinge, als sich die Thür öfnete, und ein Jüngling hereintrat, den ich, ungeachtet der Veränderung, die etliche Jahre in seinem Ansehen gemacht hatten, augenblicklich für meinen Sohn erkannte. Ja du bist es! du bist es! schrieen ich und Peninna einmüthig, als wir ihm entgegen flogen, und ihn an unsere Brust drückten. Verwunderungsvolle Ausrufungen von seiner Seite, und Thränen und Liebkosungen von der unsrigen, wechselten lange ab. Fragen, was er wider mich habe, und hinlängliche Rechtfertigung wegen einiger kleinen Flecken, die der boshafte Katharines meinem Charakter anzuhängen gesucht hatte, folgten darauf. Es war sonderbar, dass dieser Samuel der Sittenrichter seines ganzen Hauses sein musste, und dass der bessere Theil desselben sich so willig seinem Urteil unterwarf. Redlichkeit und unbescholtene Tugend muss doch etwas göttliches an sich haben, weil man sich ihre Aussprüche so gern gefallen lässt, sich so emsig um ihren Beyfall bewirbt, und sich so sehr scheut, vor dem Besitzer derselben, und wär er noch so weit unter uns, in einem falschen Lichte zu erscheinen.
Da ich, Samuels Mutter, so geneigt gewesen war, ihn zum Richter meiner Handlungen zu dulden, so konnte sich Peninna seinem Urteil noch weniger entziehen. Er war mit ihrer Aufführung nicht so leicht auszusöhnen, als ich und mein Vater, und es würde vielleicht ein noch strengeres Gericht über sie gehegt worden sein, wenn nicht einige Umstände in dem letzten Theil ihrer Geschichte gewesen wären, die ihn zum Mitleid bewogen, und ihn lebhaft an seine eigene erinnert hätten.
Er nahm an, dass sie mir und Peninnen bereits völlig bekannt sei, und gebrauchte sich einiger Ausdrücke, die uns in Verwunderung setzten, weil sie zeigten, dass einige Personen, die an dem Schicksal seiner Schwester Theil hatten, ihm nicht so fremd waren, als wir dachten. Er merkte unser Erstaunen, und versprach uns den Rest seiner Begebenheiten etwas umständlicher zu geben, als wir ihn in dem Verfolg seines Briefes gefunden haben würden. Es war Abend, wir setzten uns in eine Laube des Gartens, und Samuel fieng folgendermaßen an.
So ist Ihnen dann, beste Mutter, noch nichts von dem bekannt, was mich gegenwärtig unglücklich macht, Sie wissen noch nicht, dass derjenige, der schon so oft gegen seinen eigenen Vorteil handelte, jetzt seinem Glück und seiner Ruhe einen tödtlichen Streich versetzt hat? Ich habe mir selbst das Liebste geraubt, das ich auf der Welt hatte, und was das sonderbarste ist, so bitter ich auch die Folgen desjenigen fühle, was ich that, so kann ich doch keine meiner Handlungen bereuen, und nur selten dämmert der Gedanke in mir auf, dass ich geirrt haben könnte; ein Gedanke, welchen bessere Ueberlegung sogleich vernichtet.
Die Stelle, die ich in der Geburtsstadt meines Vaters fand, entsprach meinen Wünschen noch mehr als je eine die ich besessen hatte. – Die Güte meines Großvaters hatte mich in den Stand gesetzt, alle die Wege zu gehen, auf welchen ein junger Mensch den Zutritt vor den Richterstühlen, und die Erlaubnis erhält, die Sache der Bedrängten zu führen. Dieses meinen Wünschen, und ich darf auch wohl sagen meinen Kräften, so angemessene Geschäft, zu Anfang unter der Aufsicht eines ältern Rechtsgelehrten zu treiben, war der Rath meines Großvaters, und sein Vorspruch brachte mich bald in das Haus eines Mannes, der edel und gut wie er, der es werth war, sein Freund zu sein. Ich war so glücklich, alles das, was er mir unter die Hände gab, gut zu Ende zu bringen, und sein Vertrauen zu mir wuchs dadurch so sehr, dass er mich mit einem Auftrage beehrte, der nicht allein meinem Stolze, sondern noch einem Gefühl schmeichelte, das meinem Herzen theurer, ihm tiefer eingewebt war, als jedes andere.
Der alte Hofrath Hermann hatte ein junges Frauenzimmer in seinem Hause, die schon lange mein Auge auf sich gezogen hatte. Ungeachtet meiner Strenge, war ich doch nie so thöricht gewesen, die Liebe zu verdammen, und hätte ich es auch gleich getan, so glaube ich doch, die Reize von Hermanns schöner Mündel würden wider meinen Willen Zugang zu meinem Herzen gefunden haben. Charlotte Walter – doch Sie kennen sie, und können also selbst urtheilen, was so ein Mädchen für einen Eindruck auf mein Herz machen musste.
Nie hat wohl ein Jüngling einen strengern Begriff von weiblicher Tugend gehabt als ich. Der Aufenthalt in großen Städten hatte mich schon längst in der Meynung bestärkt, dass ich an ein schönes Ideal glaubte, das ich nie realisirt sehen würde. Charlotte überzeugte mich, dass ich bey dieser letztern Meynung geirrt hatte. So schön als Sie ihre Person gesehen haben, so schön ist ihre Seele, und immer war ihre Aufführung, so streng, so untadelhaft, dass – dass selbst ich, keinen Flecken daran finden konnte. Kein Leichtsinn, keine Eitelkeit, keine Koketterie, keine veränderliche Laune, nichts von allen den Fehlern fand sich an ihr, die die meisten Mädchen klein nennen, oder sie wohl gar für eine Monche halten, die ihre Vorzüge in ein vortheilhaftes Licht setzt. Fand ich etwas an Charlotten zu tadeln, so war es ihre Munterkeit, ihr aufgeräumtes Wesen, welches aber zu oft dazu diente auch mich aufzuheitern, und meine schwarzen Grillen, die ich selbst hassen musste, zu verjagen, als dass ich es im Ernst aus ihrem Charakter hätte wegwünschen mögen.
Man lebte auf einen sehr artigen und ungezwungenen Fuß in des Hofraths Hause, Charlotte und ich sahen uns täglich, und – es kam bald dahin, dass der ernste stille Jüngling eben den Eindruck auf das frohe aufgeräumte Mädchen machte, den sie auf ihn gehabt hatte.
Meine Leidenschaft war zu stark, und Charlottens Herz zu offen, als dass uns unsere beyderseitigen Gefühle lang hätten fremd bleiben sollen, wir erklärten uns einander ohne Rückhalt, und um unserm Verständnisse den kleinsten verdächtigen Anschein zu benehmen, drang ich darauf, dass der Hofrath zum Mitwisser unsers Geheimnisses gemacht werden solle. Mein Wille war der Wille meiner Charlotte, sie ließ sich in allem von mir leiten, und war auch dieses zufrieden, ob sie mir gleich gestand, dass sie sich ein wenig vor der Satyre ihres Vormunds fürchtete, ihr Herz so jung vergeben, es an einen Menschen vergeben zu haben, welcher wenig Jahre mehr hatte, als sie.
Der gutherzige Alte lachte über den Vortrag, den wir ihm gemeinschaftlich thaten; er war mit unserer beyderseitigen Wahl nicht unzufrieden, nur sagte er, wolle er uns treulich rathen, noch in Jahren nicht an eine Verbindung zu denken. Zwar setzte er hinzu, du Charlotte, möchtest heute vor den Altar treten, aber der junge Herr da, von seinen Jahren gar nichts zu gedenken, so hat er noch manche Vorurtheile in seinem Gehirn, die er erst ablegen muss, ehe er ein guter Ehemann werden kann. Glaube mir, gute Charlotte, so wie er jetzo ist, würde er bey aller seiner Liebe dich unglücklich machen, und überdieses, lieben Kinder, wovon wolltet ihr leben, da ihr beide kein Vermögen habt? – Herr Samuel Haller mag erst auf sein Forkommen denken, sich erst um sein Mädchen verdient machen, ihr ein Heyrathsgut erwerben, ehe er ans Hochzeitmachen denkt.
Hier war Charlottens Vormund nach seinem Schreibepulte gegangen. Er zog ein großes Packet Schriften heraus, und wandte sich mit denselben zu mir. Hier Freund Haller, sagte er, will ich Ihnen etwas geben, dabei sie ihre Geduld, ihre Geschicklichkeit und ihre Liebe zu Charlotten beweisen können. Das Mädchen ist so arm nicht als sie denken. Sie hatte da einmal einen alten Vetter, der im Testament sein Vermögen zwischen sie und einen Schwestersohn, den er hatte, theilte. Dieser sollte das baare Vermögen, und Charlotte ein hübsches Gut bekommen, das seine reinen 1000 Gulden jährlich einbringt. Es waren andere Verwandten da, welche ihre Ansprüche geltend zu machen wussten, die Sache kam zum Prozess; ihr erster Vormund, Gott hab' ihn selig, verstand das Ding nicht, er gab die Angelegenheiten des armen Mädchens in schlechte Hände, und man wusste es so zu machen, dass der ganze Handel unbeendigt liegen blieb. Der Ehrenmann starb, ich ward Lottchens Vormund; ich habe die Sache wieder hervorgesucht, und denke sie niemand besser anvertrauen zu können, als dem künftigen Gatten der Erbinn. Hier, Herr Haller, nehmen sie, studiren sie Tag und Nacht, die Sache ist verwickelt, und ich will sie loben, wenn sie sie in einem Jahre zu Ende bringen.
O Charlotte, was für ein Auftrag! für dich arbeiten! dir ein Glück bereiten, und es denn mit dir theilen! – Wir waren entzückt über den Vortrag des guten Alten, wir hielten unsere Sache schon für gewonnen, wir umarmten uns, wir umarmten den Hofrath, und wussten nicht, wo wir unsere Danksagungen für die Beschleunigung unsers Glücks anfangen sollten.
Kinder, Kinder! rief er, seid nicht so voreilig mit euren Hoffnungen! jede Zukunft ist ungewiss, und sollte es die Zukunft des morgenden Tages sein. Auch leiden Charlottens Ansprüche noch allerdings einigen Zweifel.
Wir achteten wenig auf diese Warnung. Ich fieng noch an dem nämlichen Tage mein Werk an, das ich nicht so leicht fand, als ich gedacht hatte; aber ein Blick von meiner schönen Klientinn und die Hoffnung auf unser künftiges Glück, war hinlänglich, mir jede Mühe zu erleichtern!
Um diese Zeit war es, dass eine neue Person in unserm Hause auftrat. Charlottens Vetter und Miterbe, ward durch die Erneuerung des Prozesses herbey gezogen, er meldete sich bey dem Hofrathe und war nicht ungeneigt, mir die Führung des Antheils, den er an der Sache hatte, ebenfalls zu übertragen. Charlottens Vormund hielt dieses nicht für gut, ich blieb nur der Anwald meiner Geliebten, und Herr Karl Walter wählte sich einen andern.
Bey dem Namen Karl Walter, wurden zwischen mir und Peninnen wieder solche Blicke gewechselt wie bey Charlottens erster Erwehnung: – – Mein Sohn sah unser Augenspiel, seufzte und fuhr fort:
Herr Walter besuchte das Haus des Hofraths oft, er schien Geschmack an meinem und Charlottens Umgang zu finden; man machte ihn mit unserm Verhältnis bekannt, und er ward der vertrauteste Freund von uns beiden. Seligere Stunden als die, welche ich an seiner und Charlottens Seite zubrachte, weiß ich mich nicht zu erinnern! Ach sie sind auf ewig dahin, und nie werde ich ähnliche Freunden schmecken!
Ich vertiefte mich in meinen Arbeiten, ich hob fast täglich neue Schwierigkeiten und sah fast täglich neue entstehen. Indessen war die Sache auf gutem Wege, und noch zwei oder drei Termine, wenn es mir gelang die weitere Appellation an ein höheres Gericht zu verhüten, so war Charlotte im Besitz ihres Gutes, und ich konnte hoffen, meiner Familie in kurzer Zeit das schönste und beste aller Mädchen als meine Braut vorzustellen.
In einer Nacht, da ich meine schon gethanen Arbeiten wieder übersah, die Zeit, die ich zu denen brauchen würde, die ich noch vor mir hatte, berechnete, und um mich gewiss zu überzeugen, dass ich in keinem Punkt etwas versehen habe, der Charlottens Glück beschleunigen oder vergrößern könnte, in alten Documenten wühlte, von welchen mir der Hofrath gesagt hatte, dass sie eigentlich nicht unmittelbar zur Sache gehören, und nur der Nachfrage wegen da wären, stieß ich auf Dinge, die mir ganz neu waren, die mich in Erstaunen setzten. Ich überlas sie von neuem, ich musterte die Besitzer des Guts seit ein paar hundert Jahren, ich untersuchte, verglich, berichtigte, warf Zweifel auf, bekämpfte sie – umsonst, – ich mochte mich quälen wie ich wollte, so fand ich nichts, als dass Charlotte keinen rechtmäßigen Anspruch auf das Gut haben könne. Der Vetter, der es ihr vermacht hatte, besaß es durch Erbschaft von seinem Vater, aber dieser – Himmel, ich schaudere, wenn ich bedenke, durch was für krumme Wege er zum Besitz desselben gekommen war; in dem Innersten von Schwaben lebte eine Familie, welche gegründete Ansprüche auf das hatte, was ich bisher fälschlich für Charlottens Eigenthum hielt. Wie war es möglich, dass ein Besitz, der ehemals unrechtmäßig war, durch Verjährung rechtmäßig werden könne! kalter Schweiß trat mir vor die Stirne, ich fieng die Untersuchung zum zweitenmal an, die Morgenröthe fand mich noch bey meiner mühseligen Arbeit. Ich brachte nichts heraus als die schreckliche Wahrheit, die ich lieber für ein in der täuschenden Nacht ausgebrütetes Hirngespinst gehalten haben möchte.
Doch lassen sie mich alle diese Dinge lieber nur ganz leicht berühren, sie sind zu schrecklich für mich, als dass ich mich lange bey denselben aufhalten sollte.
Der Hofrath dachte anders wie ich, er setzte mir Gründe entgegen, die seine Meynung einigermaßen bewiesen, aber mir doch nicht genug thaten: ich arbeitete schläfrig an Charlottens Prozess, arbeitete endlich gar nicht mehr daran, denn immer war mirs, als wenn böse Geister mich davon zurück schreckten, und – die Sache gieng verloren. Charlotte war wieder so arm, wie zuvor, war noch ärmer, denn ihr Vormund starb eh er auf die kleinste Art für sie sorgen konnte, und sie war in der traurigen Notwendigkeit, entweder der Gnade weitläuftiger Anverwandten zu leben, oder mit mir, den sie ungeachtet des Schadens, den ich ihr getan hatte, immer noch liebte, in Dürftigkeit und Elend zu leben, oder – die Hand eines Mannes anzunehmen, der sie in aller Absicht verdiente und sie glücklich machen konnte.
Ihr Vetter Karl Walter, hatte zu eben der Zeit sei nen Prozess gewonnen, als ich Charlottens ihren verlor. Er besaß jetzt ein ansehnliches Vermögen, bekam eine von den ersten geistlichen Stellen in der Stadt, wo seine Cousine lebte, war ein Mann von dem besten edelsten Charakter, von einem Aeußerlichen, Peninna mag Zeuge sein, wie es sich ein Mädchen nur wünschen kann, was für eine Wahl zwischen ihm und dem armen, unglücklichen, grillenhaften, weder von Person noch Geist liebenswürdigen Samuel Haller!
Walter hatte nie vorher Liebe für seine Cousine gefühlt, sein Herz hieng an einer andern; diese höhnte, verschmähte, beleidigte ihn, ließ ihn sehen, dass sie nichts für ihn fühlte; wars denn wohl zu verwundern, wenn er sie verließ, und seine Neigung auf die reizende fehlerlose Charlotte wandte? Er wusste, dass ich sie nicht glücklich machen konnte. Er wandte sich zuerst an mich, um meine Einwilligung zu der Bewerbung um sie zu holen. Mein Herz blutete, aber Charlottens Glück gieng vor, sie musste mit einem Manne wie Walter glücklich sein. Es gelang mir endlich nach langer Mühe, ihre Bedenklichkeiten zu überwinden; sie riss ihr Herz von mir los, und ward Walters Frau. Ich beredete mich selbst, ich habe am Tage ihrer Hochzeit die höchste Freude gefühlt, deren ein Sterblicher fähig ist, die Freude seine Freunde durch eigene Aufopferung glücklich gemacht zu haben, aber diese Freude war ein schnell vorübergehender Rausch. Ich fühle es jetzt, dass ich ganz elend bin, ich mag nicht Waltern, nicht seine Gattinn wiedersehen. Ich verlasse diese Gegend, um zu versuchen, ob ich wo anders Ruhe finden kann.
Charlotte hat das ihr zugedachte Gut verloren, es ist in Hände gefallen, die es noch mit mehrerem Unrecht besitzen, als sie es besessen haben würde; mein Gewissen lässt es mir nicht zu, es in dem Besitz derjenigen zu lassen, denen ich es gewissermaßen in die Hände gespielt habe. Ich habe mit Vorwissen Walters und seiner Gattin die Dokumente zusammen genommen, die mir zu meinem Vorhaben nötig sind, und verlasse mein Vaterland, um diejenigen aufzusuchen, welche gerechten Anspruch auf dasjenige haben, was ihnen ehmals entrissen wurde. Ich werde ihnen ohne die mindeste Rücksicht auf meinen Vorteil dienen, und sehen, ob vielleicht dieses Bestreben, nebst der Veränderung der Gegenstände und des Orts, etwas zur Heilung meines verwundeten Herzens beytragen könne.
Samuels Erzählung lockte unsere Thränen häufig hervor. Ob Peninna allein um ihren Bruder oder auch um ihren Walter weinte, kann ich nicht sagen. Freilich musste sein Andenken durch das, was sie gehört hatte, mächtig erneuert worden sein. Auch Samuel, den ich fast nie weinen sah, vergoß Thränen.
Ich litt für beide, und suchte beide zu trösten; ich, die ich selbst Trosts bedurfte, denn Himmel, wie ward mir zu Muthe, wenn ich, ohne Rücksicht auf alles andere, auch nur daran dachte, dass ich meinen Sohn, nachdem ich ihn kaum einen Augenblick gesehen, schon wieder bald von mir lassen sollte, dass er eine Reise auf gut Glück that, deren Ende ich nicht absah, und überhaupt, dass er sich in einer Verfassung befand, in welcher er gar nicht sich selbst hätte überlassen sein sollen. – – Ich hatte von meinem Manne Urlaub auf einige Wochen genommen, ich setzte noch einige zu, und wendete sie an, meines Sohns Gesellschaft zu genießen, und – mich zu der Trennung zu bereiten, die mir noch schmerzhafter dünkte, als die erste, da er sich heimlich aus meinen Armen losriß. – Was mochte es doch sein, das mir den Abschied so erschwerte, war es Ahndung, oder –?
Doch ich will mich nicht in Träumereyen verlieren. Wichtigere Gegenstände fordern meine Aufmerksamkeit. Nichts also von der Art, wie ich mich von meinen Kindern losriß. Ich eile nach Hause zurück, wo neue Auftritte meiner warteten.
Nichts konnte mich über das, was ich verlassen musste, beruhigen, als der Gedanke an meine andern Kinder, zu denen ich eilte. Freilich waren mir Samuel und Peninna, als die ältesten, schon mehr als mir die übrigen sein konnten, der Umgang mit ihnen war in den meisten Fällen, mehr der Umgang einer Freundinn mit ihren Freunden, als einer Mutter mit ihren Kindern; doch auch Johanne wuchs heran, und gab, ungeachtet sie jünger war als Peninna, genug Proben, dass sie durch eine ernstere und gesetztere Gemüthsart, mir noch lieber werden würde, als ihre Schwester. Albert, ihr Zwillingsbruder kam ihr hierinnen nicht bey; ein leichtsinnigeres, flatterhafteres Geschöpf als er war, habe ich nicht leicht gesehen; er war in jeder Betrachtung jünger als seine Jahre.
So herzlich der Empfang bey meinen Kindern war, so kalt fiel er bey meinem Manne aus. Die Relation, die ich ihm von Samuels Entfernung aus seinem Vaterlande geben konnte, war sehr unvollständig. Was würde er zu der getreuen Erzählung von den Begebenheiten mit Walter und Charlotten gesagt haben? – Die Namen Träumer, und Taugenichts, der sein eigen Glück mit Füßen tritt, welche Samuel so schon oft genug bekam, würden noch häufiger gebraucht worden sein, und das Herz seiner armen Mutter vollends ganz zerrissen haben. – Halbe Vertraulichkeit findet selten gute Aufnahme; immer vermisset man die andere Hälfte, die man uns vorenthält, und achtet den abgerissenen Theil nicht, da man Anspruch auf das Ganze zu haben glaubt. Herr Haller musste es merken, dass er nicht alles erfuhr; indessen, die Zeit, da wir von Herz zu Herz mit einander sprachen, da alle unsere Geheimnisse gemeinschaftlich waren, diese glückliche Zeit war längst vorbei, und ich gebe es einem unpartheyischen Richter zu überlegen, ob ich hierbey zu beschuldigen war. Herr Haller war einmal der Mann nicht, der unumschränkte Mittheilung fordern und ertragen konnte. Auch er hatte seine Geheimnisse, Geheimnisse, vor deren Enthüllung mir weit banger war als ehemals, da ich sie ihm mit freundschaftlicher Gewalt entriss, und sie, wie ich hoffen will, nicht missbrauchte.
Seit meines Mannes Wiederkunft aus Berlin, hatte alles bey uns ein anderes Ansehen gewonnen. Bey meiner Rückkehr von Traußenthal fand ich eine seltsame Unordnung in meinem Hause. In diesem Zimmer Arbeitsleute, welche beschäftigt waren, das alte Täfelwerk heraus zu reissen, in einem andern, meinen Mann nebst den beiden alten Herren von Wilteck bey der schweren Wahl artiger Tapeten, mit welchen man die entblößten Wände bekleiden wollte. Im Hofe standen einige Wagen, mit meinem guten alten Hausgeräthe bepackt, welche man in die Stadt zu einer Versteigerung schaffen wollte, als ich etwas entrüstet fragte, was dieses bedeuten sollte, so öfnete mein Mann mir einige Zimmer, und hofte mit einem kleinen Lächeln, ich würde durch den Tausch nichts verloren haben. Ich schüttelte den Kopf, und sah es den niedlich lackirten Möbeln, die ich hier erblickte, an, dass sie mir die Stelle ihrer Vorgänger schlecht ersetzen würden. Die Kinder trugen mir, als unsere ersten Bewillkommungen vorbei waren, eine Menge kostbare Tändeleyen entgegen, die ihnen der Papa aus Berlin mitgebracht, und die er ihnen mit Vorsatz nicht eher als in meiner Abwesenheit gegeben hatte, an Hannchens Seite glänzte eine goldene Uhr, und mir brachte mein Mann noch am selbigen Abend einen Wust von modischen Dingen zu meinem Gebrauch, deren Namen ich kaum zu nennen wusste. – Ich freute mich wenig über dieses Geschenk, denn zu dem, dass es aus lauter für mich sehr entbehrlichen Kleinigkeiten bestand, so ward es mir auch nicht mit jener Miene gegeben, die dem Geschenk den eigentlichen Werth giebt. Eine gute Quantität feiner Flachs, die mir mein Mann in vorigen glücklichen Zeiten schenkte, oder eine wunderschöne Traube, die er mir als Seltenheit aus unserm Garten brachte, war mir damals lieber. Die liebevollen Gesinnungen des Gebers strahlten damals aus seinen Augen; ich wusste, dass solche Geschenke meines Mannes Vermögen nicht überstiegen; hier aber wusste ich das Gegentheil, und der Geber überreichte mir seine Herrlichkeiten, ohngefehr mit dem Blicke, wie ein Fürst seinem Leibroße eine gestickte Decke auflegen lässt.
Vieles, alles war mir bey diesen Dingen bedenklich, auch dieses, dass die große Veränderung, die ich überall erblickte, recht mit Fleiß auf die Zeit meiner Entfernung verspart worden war. Mein Mann war doch schon eine gute Zeit aus Berlin zurück, Peninna war seitdem krank und wieder gesund geworden. Was konnte Herrn Haller für ein Glück zugestoßen sein? warum ward es alle diese Zeit über verborgen gehalten worden, und warum wird es nun zum Vorschein gebracht?
Das kleine Julchen trug den Tag nach meiner Rückkunft ein Goldstück herbey, und bat mich, es ihr aufzuheben. Woher hast du es bekommen, liebe Kleine? fragte ich sie. Sie antwortete, sie habe neulich im Kabinet des Papas gespielt, und da sei ein fremder Mann gekommen, welcher ihm viel, viel solche Goldstücke gebracht habe, und da sei sie herbey gelaufen, und habe den Papa gebeten, sie in die Höhe zu heben, damit sie die schönen glänzenden Sachen recht sehen könne, er aber habe sie geschlagen, und ihr denn das Goldstück gegeben, damit sie niemanden etwas von dem lagen möge, was sie gesehen und was der fremde Mann mit dem Papa geredet habe.
Ich hätte den Schlag, den Herr Haller Julchen gegeben hatte, lieber selbst von seiner Hand dulden wollen, wenn ich die ganze Reihe von Fehlern, die er hier in einem Zuge begangen hatte, damit hätte zurückkaufen können. – Ich zwang mich, und suchte einiges davon wieder gut zu machen, indem ich das kleine Mädchen fragte, ob sie glaube, sich hierbey so aufgeführt zu haben, wie sie solle? Sie sah mich mit ihren großen schwarzen Augen an und schwieg. – Merkst du es denn nicht, mein Kind, sagte ich, dass dich dein Vater auf die Probe stellen wollte, ob du geizig und plauderhaft wärest? Du hättest das Gold, das er dir gab, als wollte er deine Verschwiegenheit abkaufen, nicht nehmen und doch schweigen sollen, so aber hast du es genommen, und doch nicht geschwiegen, Was wird nun dein guter Vater von dir denken? – Er wird zu sich selbst sprechen, wenn mein Julchen einmal groß wird, so wird sie sich von jedermann Goldstücke schenken lassen, weil sie so schön glänzen, und wenn sie etwas sieht, das sie nicht ausplaudern soll, so wird sie doch nicht schweigen, wenn man sie gleich darum gebeten, wenn man sie gleich dafür bezahlt – – – O stille, stille Mama! rief das kleine Mädchen, die ich weiß nicht was schimpfliches in dem Worte Bezahlen finden mochte, das ich freilich mit sehr verächtlicher Miene ausgesprochen hatte. Nein, fuhr sie weinend fort, ich will nicht bezahlt sein, will keine Goldstücke haben, will nicht mehr ausplaudern – – auch nicht mehr neugierig sein? fragte ich. – – Nun so gehe hin, ich will deinem Papa das Goldstück wieder geben, und ihn bitten, dass er nicht schlecht von seinem Julchen denkt, weil sie so übel in seiner Probe bestanden ist.
Dass ich Herrn Haller nichts von dieser kleinen Begebenheit sagte, versteht sich. Die Geschichte des armen Samuels lehrte mich, wie behutsam ich sein müsste, damit ihm seine andern Kinder nicht auch nach und nach zuwider würden, wie dieser es ihm geworden war. Das arme kleine Mädchen würde bald bey ihm den Namen einer Verrätherinn erhalten haben, und ich würde in seinen Augen die verächtliche Rolle einer Mutter gespielt haben, die die Kinder zu Ausspähern der Handlungen ihres Vaters macht.
Die Geschichte mit den Goldstücken, welche der fremde Mann brachte, gieng mir doch bey alle dem sehr im Kopfe herum; gern hätte ich gewusst, was der Inhalt seines Gesprächs mit Herrn Haller gewesen sei; aber ich hütete mich wohl, das Kind darum zu fragen; was hätte mir es auch endlich genützt, ein Geheimnis zu wissen, das ich zum Theil errieth, und das mich auf keine Weise erfreuen konnte.
Die Goldstücke hatten einen gewaltigen Einfluss auf unsere Verfassung. Und binnen der Zeit von einem Jahre war unser Haus nicht mehr zu kennen. Ungeachtet der Vergoldungen, wenn ich es so nennen darf, die mein Mann überall in unserm Aeußerlichen anzubringen suchte, war ich doch gar nicht gesonnen, etwas in dem Innern meines Hauswesens zu ändern. Mein Mann schien nicht mir mir überein zu denken.
Aber mein Kind, sagte er zu mir, soll denn das ewig in diesem Ton bey uns fortgehen? Ewig die einfach besetzte Tafel, immer die nämlichen Gesichter bey Tische, immer meine Mädchen beym Nährahmen und beym Spinnrocken, immer sie und dich in der simpeln Hauskleidung? Es fehlt euch ja, denke ich, an nichts! ich wehre dir ja nicht deine Ausgaben zu erweitern, mehrere Bedienten anzunehmen –
Lieber Albert, sagte ich, wo denkst du hin? Dann würden unsere Ausgaben bald die Einnahme übersteigen, und du weißt wohl, ein Amtmann, der zu großen Aufwand macht –
Sorge doch dafür nicht, sagte er, du siehst doch wohl, dass sich unsere Umstände verbessert haben? – Ich würde es freilich aus verschiedenen Dingen haben muthmaßen können, erwiederte ich, aber muthmaßen und wissen ist zweyerley; ich gehe in meinen Einrichtungen nicht gern aufs Ungewisse. Auch wüsste ich nicht zu errathen, woher uns ein unvermuthetes Glück kommen sollte.
Ha, das Verkaufte, meynst du? sprach ich. – Verkauft oder nicht verkauft! fuhr er unwillig heraus. Als wenn es nicht andere Lotterien gäbe; als wenn nicht das Glück endlich auch aufhören könne, mir den Rücken zu wenden.
Ich weiß nicht, ob man mir bey meinem vieljährigen Ehestande, einen einigen Mangel an gehöriger Klugheit und Behutsamkeit in meinem Betragen, wird haben vorwerfen können, aber dieses weiß ich, dass ich jetzt einen Fehler begieng, der meiner Peninna kaum würde zu verzeihen gewesen sein. Wie konnte ich hoffen bey einem Manne wie Herr Haller mit der Miene des Hohns fortzukommen? was konnte ich davon erwarten, wenn ich mich stellte, eine Sache zu wissen, die man mir verbergen wollte, und dabei man sich, so lange man glaubte, ich sei unwissend, noch einer gewissen Behutsamkeit im Aeußerlichen bediente?
Alle Schranken der Bescheidenheit waren nun durchbrochen. Die üble Begegnung, welche ich gegenwärtig erfuhr, war noch das kleinste von den Uebeln, die ich mir durch meine unbedachtsamen Worte zugezogen hatte. – Andere für mich noch empfindlichere Leiden folgten nach. Mein Mann schonte nun nichts mehr. Das Hausregiment ward meinen Händen fast gänzlich entzogen. Unter dem Vorwande, ich wüsste meine Kinder nicht nach dem Tone zu erziehen, der ihren gegenwärtigen Aussichten zukäme, gab man meinem Albert einen Hofmeister, den ich nicht einmal aussuchen, oder wenigstens seine Wahl mit meinem Beyfall bestättigen durfte. Albert ward nach Berlin, jener Stadt, die mir aus Samuels Beschreibungen so verhaßt war, geschickt, und sein Führer sollte ihm erst dort zugegeben werden. Der Oberste von Wilteck, ein Mann, den ich nie leiden konnte, nahm Alberten mit nach dem Orte seiner Bestimmung, und ich bekam kaum die Erlaubnis, ihm einige mütterliche Lehren mit auf den Weg zu geben.
Meine Töchter bekamen eine Gouvernante, eben die Demoiselle de Robignac, die die beiden nun verheyratheten Fräuleins von Wilteck so herrlich erzogen hatte, und die, da sie das hochadeliche Haus schon seit einem Jahre hatte verlassen müssen, eine Stelle brauchte. Das was ich bisher nur gemuthmaßt hatte, ward jetzt Gewissheit. Mein Mann und die beiden alten Herren von Wilteck, hielten eine gemeinschaftliche Bank zu Berlin, welche ihnen jetzt, da das Glück ihnen günstig war, ein ansehnliches einbrachte. Die Anwesenheit dieser drei würdigen Gefährten wurde wechselsweise bey dem Quell ihrer Reichthümer erfordert. Mein Mann hatte den Anfang gemacht, jetzt war der Oberste dort zugegen, nach ihm sollte die Reihe vermuthlich den alten Herrn, den Gemahl der Frau von Wilteck treffen, und so war es beschlossen, dass es in einer Reihe fortgehen sollte, bis man genug erarbeitet habe, sich zur Ruhe zu setzen. Fr. v. Wilteck seufzte hierüber sowohl als ich, aber wir wurden nicht gehört.
Das löbliche Handwerk ward nun im kleinen, bald in ihrem bald in meinem Hause getrieben, und wir hatten keinen andern Trost als unsere gegenseitigen Klagen. Ich erinnerte denn wohl zuweilen meinen Mann an sein ehemals gethanes Gelübde, nicht mehr zu spielen; aber er behauptete, nichts gelobt zu haben, als nicht unglücklich zu spielen: da er nun in seinem gegenwärtigen Verfahren die Quelle seines Glücks fand, so hielt er sich nicht für meineidig. – Ach mir gefiel das anfängliche Schach und Piquetspielen bey Wiltecks gleich nicht, – es war doch gespielt, und man breche nur ein Gelübde erst auf die kleinste Art! –
So lästig mir auch Demoisell de Robignac war, so hielt ich es doch der Klugheit gemäß, mich mit ihr zu vertragen, und nur in der Stille, ihre Gewalt so viel als möglich zu beschränken. Auch sie sahe es ein, dass es ihr Vorteil sein würde die Frau vom Hause zur Freundinn zu haben. Die Art, mit welcher sie sich bey mir einzuschmeicheln suchte, war mir so verhaßt, als ihre ganze Person. Sie bemühte sich unabläßig, mich mit ihrem Geschwätz zu unterhalten, und diese Unterhaltung war meistens so beschaffen, dass sie mich unruhig und missgünstig machte. Bald trug sie die Geheimnisse des Wilteckischen Hauses hervor, und ließ mich durch ihre Lästerungen muthmaßen, wie es dem Hallerischen Hause gehen würde, wenn sie es einst verlassen sollte. Bald berechnete sie mir, wie viel den letzten Abend in der ehrsamen Spielgesellschaft gewonnen und verloren worden war, und bald trat sie meiner Ruhe noch näher und erzählte mir was sie für Bemerkungen über meines Mannes Freundlichkeit gegen Rosen, ein Mädchen, das in meinem Hause diente, gemacht habe. Es war lächerlich! Herr Haller, ein Mann schon ziemlich hoch in die Jahre, und Rose, ein flinkes braunes Mädchen von acht und zwanzig Jahren! das hätte noch gefehlt, dass ich in meinem herannahenden Alter, wie eine zweite Sara, auf eine Hagar hätte eifersüchtig werden sollen. Zwar in so weit hatte die Robignac recht, Rose war vordem nicht die tugendhafteste gewesen, und ich hatte meine Barmherzigkeit gegen eine gefallene Sünderinn vielleicht zu weit getrieben, dass ich sie in mein Haus nahm, aber Rose hatte sich bisher so gut aufgeführt, und Herr Haller – nein ich hätte die äußerste Verachtung verdient, wenn ich mich an meinem Manne so hätte vergehen, und der Eingebung der hämischen Französinn trauen wollen. Indessen ermangelten doch Gespräche von dieser Art nie mich unlustig zu machen, und ich suchte die Kinder beständig an meiner Seite zu haben, um vor dem Gift dieser Schlange, das sie klug genug war mir nur insgeheim beyzubringen, sicher zu sein.
Es hatte auch noch einen andern Vorteil, wenn ich meine Töchter wenig von mir ließ; ich war denn desto besser im Stande, das was die Robignac verderbte, gleich wieder gut zu machen. Die Erlernung der französischen Sprache ausgenommen, hatten meine Mädchen wenig Vorteil von dieser Last meines Hauses, dieser Französinn. Ihnen einen guten Ton im Umgange anzugewöhnen hatte sie schlechte Gaben. Anstatt des ernsten gesetzten Wesens, das ich gern an meinen Kindern sahe, gewöhnte sie ihnen ein gewisses albernes Geziere an, das mir unausstehlich war, und das sie un joli air enfantin zu nennen pflegte. Nichts wurde ordentlich und ohne läppische Ausschweifungen und Anspielungen erzehlt, alle Worte, vornämlich die deutschen, wenn man einmal ein deutsches Wort hörte, wurden verkehrt ausgesprochen, und selbst in der Sprache, die sie lehren sollte, beschäftigte sie sich so sehr, den Mädchen zu sagen, wie man nicht sprechen müsse, dass sie am Ende mehr von der Sprache des Pöbels, als den edlern Ausdrücken der großen Welt wussten. – Ganze Gespräche wurden auf diese Art gehalten, wie sie sagte zum Scherz, aber leider kam dieser elende Scherz so oft an die Reihe, dass an den Ernst wenig gedacht wurde. Ein Glück war es, dass das Air enfantin der alten Robignac so abscheulich ließ, dass ich meine Kinder nur aufmerksam zu machen brauchte, um sie von der Nachahmung abzuschrecken. – In die Ausbildung ihrer Grundsätze, wie sie es nannte, mischte sie sich zum Glück nicht, sie pflegte als ein Kompliment gegen mich zu sagen, dieselbe wär in so guten Händen, dass selbst die Hofmeisterinn von Mesdames de France nichts darinnen würde verbessern können.
Hannchen hatte es sich von Anfang zum Schimpf gerechnet, dass sie, ein sechzehnjähriges Mädchen noch unter einer andern Aufsicht als der Aufsicht ihrer Mutter stehen sollte, und hatte daher nie viel auf die Lehren der Robignac gegeben; jetzt, da nun schon fast ein Jahr verflossen war, seit die Gouvernante im Hause war, entzog sie sich ihrem Unterricht noch mehr, und wurde, wie man denken kann, von mir nicht deswegen getadelt. Die Robignac hätte dieses leicht ändern können, wenn sie Herrn Haller von Hannchens Widerspenstigkeit unterrichtet hätte, aber sie war hiezu zu klug, und suchte die Neigung des störrigen Mädchens auf eine geschicktere Art, als durch Zwang zu erwerben.
Es gelang ihr nur gar zu gut, und ich möchte fast aus dem Erfolg glauben, ich sei es zu spät inne geworden, um allen den Schaden zu verhüten, den das gefährliche Mittel sich einzuschmeicheln, dessen sie sich bediente, anrichten konnte. Hannchen las gern. Unsere Hausbibiothek war klein, und bestand meistens aus ernsthaften Büchern. Mademoisell de Robignac besaß einen merkwürdigen Vorrath von französischen Romanen, von welchen Fräulein Gabriele noch den Anfang und das Ende hinweggelesen hatte, und welche kaum Büchern mehr ähnlich sahen. Hannchen hatte ein ziemlich zartes Gefühl für Wohlstand, und ein großer Theil derselben ward also gleich nach Verlesung der ersten Seiten verächtlich hinweggeworfen, indessen blieb doch immer genug solcher Wust übrig, der dem Mädchen das Gehirn verrücken, und ihr Ideen von Liebe und Glück in den Kopf setzen konnten, welche nicht viel taugten.
Hannchen war zu ehrlich, etwas heimlich oder wider meinen Willen zu tun; sie las, aber es war bloßer Zufall, dass ich nichts davon erfuhr. Sie selbst war Ursach, dass ich es endlich gewahr ward. Sie kam eines Tages in der Freude ihres Herzens, über eine Stelle, die ihr besonders gefiel, mir sie vorzulesen. Ich fragte weiter nach. Sie zeigte mir eine ganze Reihe solcher Schartecken, die sie schon gelesen hatte, und eine noch viel größere, durch welche sie sich noch durchzuarbeiten gedachte. Ich sprach mit ihr von der Sache, wie es sich geziemt, und da ich nicht gewiss wusste, ob ich ihren Versprechen und den Gelübden der Robignac trauen sollte, dass inskünftige nichts von dieser Art mehr vorfallen sollte, so glaubte ich dem Unheil nicht besser abhelfen zu können, als wenn ich den Schluss fasste, den man bald hören soll.
Die gemeinschaftliche Goldmine gab so gute Ausbeute, dass zu meinem größten Verdruss, der Ueberfluß in unserm Hause täglich wuchs. Es hätte nur an mir gelegen diesen Ueberfluß noch zu vermehren, denn – – doch das gehört nicht hieher; das Glück, das mir insonderheit zugestoßen war, soll schon ein andermal, und zu rechter Zeit erwehnt werden. Genug ich war so weit entfernt, etwas zur Vergrößerung unsers Glanzes beyzutragen, dass ich vielmehr von demselben abkürzte und hinweg nahm, was mir möglich war, und dafür den Namen einer Geizigen erhielt, welches mir fast lächerlich dünkte. Ich leitete den ergiebigen Strom ja nicht zu seiner Quelle zurück, ich machte nur kleine Kanäle, und ließ sie auswärts fließen, dass auch der Durstige, der nicht zu uns gehörte, sich laben konnte.
In dem Wilteckischen Hause gieng es auf eben die Art her, doch ward daselbst fast noch ein vernünftigerer Gebrauch von dem übelerworbenen Gut gemacht: alle Schulden bezahlt, verpfändete Güter eingelößt, so dass es sich anließ, als könnte die hochadeliche Familie wohl ihr Haupt noch einmal erheben, um mit dem vorigen Lichte in der Residenz zu glänzen.
Frau von Wilteck, vielleicht aus Oekonomie, vielleicht aus Ueberdruß an den Auftritten in ihrem Hause, entschloß sich, Hohenweiler zu verlassen und auf ein eben erst freygemachtes Gut zu gehen, dass sie nahe bey der Residenz besaß. So schwer mir es auch ward, mich von dieser lieben Freundinn zu trennen, so machte doch ein Antrag, den sie mir that, und der mir aus gewissen Ursachen sehr willkommen war, diese Trennung leicht und angenehm.
Sollte man wohl diesen Antrag errathen? sollte man wohl glauben, dass es mir erwünscht sein konnte, dass sie mich um Hannchens Gesellschaft bat? – Ich bin nun ganz allein, sagte sie, meine Töchter sind verheyrathet, Sie haben noch vier liebenswürdige Mädchen, die Ihnen ihre Einsamkeit versüßen können; wie wenn wir theilten? wenn sie mir Johannen und Jukunden indessen zu meinen Töchtern gäben? Sie werden mir das Leben auf dem Lande erträglich machen, und ich werde ihnen eine Mutter sein, die wenigstens den zweiten Rang nach Madam Haller wird behaupten können.
Eine Bitte von dieser Art, würde unter andern Umständen, geradezu mit Nein beantwortet worden sein. Ich konnte keins von meinen Kindern missen, und Hannchen vollends, die mir so lieb war! – Doch war eben sie jetzt die einige Ursach, warum ich die Sache eingieng. Die Gesellschaft der Robignac fieng an, mir immer gefährlicher für sie zu scheinen; die Spielgesellschaften in unserm und dem Wilteckischen Hause waren auch nicht allemal nach meinem Geschmack; und doch mussten wir auf Befehl meines Mannes immer gegenwärtig sein; die jungen Offiziers aus den benachbarten Orten fanden sich fleißiger dabei ein als sonst, und man hätte blind sein müssen, wenn man nicht hätte merken wollen, dass sie weniger um der Karten willen kamen, als um zuweilen den Anblick der schönen Haller, wie sie Hannchen nannten, zu genießen.
Ich nahm also die Einladung der Frau von Wilteck für Hannchen an, – nur für sie, denn Jukunde war mir noch zu jung, als dass ich sie aus meinen Augen hätte lassen sollen. Die Frau von Wilteck wandte sich an meinen Mann, und bat ihn, mich zur Einwilligung zu vermögen, er war viel zu galant einer Dame etwas abzuschlagen, und meine schlaue Weigerung machte, dass die Sache von seiner Seite noch weniger Widerrede fand. Ob ich Rosen meiner Tochter als Mädchen mitgeben sollte, darum ward er nicht gefragt, war auch nicht nötig. Hannchen brauchte eine Bedienung, sie hatte Rosen immer wohl leiden können, und ich hingegen hatte meine Ursachen, letztere gern entfernt zu sehen.
Wie mein Abschied von Samuel und Peninnen, so war auch die Trennung von Hannchen; zärtlich, traurig und ahndungsvoll. Ach ihr betrübten Ahndungen, dass ihr doch so sehr durch die Zukunft gerechtfertigt wurdet! – Ich empfahl der Frau von Wilteck meine Tochter so oft und mit so vielem Eifer, dass sie im Scherz sagte, ich sollte mir sie lieber assecuriren lassen. Der alberne Oberste, der gegenwärtig war, fand den Einfall von der assecurirten Tochter lächerlich, und so ward mir die ganze Abschiedsscene verdorben. – Ich habe es nie gern gesehen, wenn man bey ernsthaften Dingen auch nur eine Miene zum Lachen verzog. – Es ist kein Aberglaube, aber die Thränen kommen in solchem Fall meistens hintennach.
So oft als ich es in den zwei Jahren, dass die Robignac in meinem Hause war, hatte wagen können, meine vier jüngsten Töchter mit ihrer Lehrerinn allein zu lassen, so oft hatte ich meine älteste, und meinen guten Vater besucht. Zuweilen nahm ich auch wohl eine oder etliche von den Mädchens mit mir, aber Herr Haller sah dieses niemals gern; er meynte, sie würden in der Gesellschaft ihres grillenfängerischen Großvaters, und der einfältigen Peninna wenig gutes lernen, und so unterblieb es. Im Grunde sah ich es lieber, wenn er Peninnen schimpfte und verachtete, als wenn er, wie zuweilen geschah, davon sprach, sie von ihrem Großvater hinweg zu nehmen, und sie unter die Zucht der Robignac zu geben, welche ihr, wie er sagte, sehr nötig wär. Um selbige Zeit hatte ich mein Hausregiment, das mir vor einiger Zeit so geschmälert wurde, unvermerkt wieder ziemlich an mich gebracht, so, dass ich schon ein Wort reden und mich Herrn Hallers Meynung wegen Zurückberufung Peninnens ein wenig widersetzen konnte, nur so weit reichte meine Gewalt noch nicht, die Robignac aus dem Hause zu schaffen; hierzu musste ich glücklichere Zeiten erwarten.
Ich hatte bey meinen Besuchen zu Traußenthal, immer alles in ganz gutem Zustande gefunden. Mein Vater befand sich wohl bey der zärtlichen Pflege seiner Enkelinn, und Peninna war, wenn auch nicht allemal heiter, doch meistens ruhig. Nur eins wollte mir nicht gefallen; es hatte sich zwischen meinen Lieben zu Traußenthal, und zwischen Herrn Walter und seiner Frau ein Umgang entsponnen, der meines Erachtens kein Gut tun konnte. Madam Charlotte Walter fand das Vergnügen, dass sie an der Seite Peninnens genoss, so unschuldig, dass auch der Neid nichts daran zu tadeln haben könne; ich aber dachte, dass Peninna nicht so sehr geliebt werden würde, wenn sie nicht Samuels Schwester wär. Das Reden von diesem Samuel nahm bey ihren Zusammenkünften kein Ende; Peninna hatte zur Dankbarkeit auch das Vergnügen, etwas von Herrn Walter zu hören, und konnte deswegen Charlotten, an der sie, wie man weiß, im Anfang wenig Gefallen fand, jetzt sehr wohl leiden. Kinder! Kinder! sagte ich zuweilen: Hin ist hin, und für euch beide ist kein Walter und kein Samuel mehr in der Welt, was soll also das Reden? – dass sie das besser wussten, lässt sich denken, man kennt ja die jungen Leute. – Herr Walter war in diesem Stücke klüger, er kam selten nach Traußenthal, es war auch recht gut, denn man merkte es allemal Peninnen an, wenn er da gewesen war; ich fand sie denn immer stiller und trauriger als gewöhnlich. Dass das Mädchen ihn doch so gar nicht vergessen konnte! Woher mochte doch diese seltsame Beständigkeit in einem so leichtsinnigen Herzen kommen, wie Peninnens Herz war?
Die Unterhaltungen der beiden Freundinnen von Samuel konnten nicht anders als sehr trocken sein, weil sie blos von alten Vorgängen handeln mussten, denn in diesen zwei Jahren hatten wir nicht öfter als zweymal, und nur sehr kurze unbedeutende Nachricht von ihm gehabt; eine Sache, die mir viel Kummer machte. Mit Freuden hätte ich alle Briefe, die mir in diesen zwei Jahren Monsieur Albert aus Berlin geschrieben hatte, für eine einige Zeile von meinem armen Samuel hingegeben.
Mein armer Samuel, sage ich? hätte ich nicht vielmehr Alberten bedauren sollen? – O in wie schlechten Händen befand sich der Arme! Der Oberste, Herr von Wilteck, und mein Mann, brachten mir jedesmal, wenn sie von ihren Excursionen nach Berlin zurück kamen, die Nachricht mit: man könne keinen artigern, hofnungsvollern Jüngling sehen, als meinen Albert, aber ich habe nichts mehr nötig, als einen einigen Brief von ihm herzusetzen, um das Gegentheil zu erweisen; versteht sich, keinen von den ersten, denn in diesen herrschte noch der Ton der Treuherzigkeit und Unschuld, den ich liebe, sondern einen, der in die Zeit fiel, von welcher ich jetzt schreibe, und der um so viel mehr einen Platz in dieser Gegend verdient, weil es nötig ist, dass man etwas von der Lage wisse, in welcher Albert sich gegenwärtig befand.
Weiß der Henker, wo ich immer den Muth hernehme, mich wieder an Sie zu wenden, und wenn Sie mich gleich noch zehnmal unfreundlicher abgewiesen hätten als das letztemal. Ich soll aufhören zu sein was ich bin, soll wieder werden was ich ehemals war, oder mich nicht unterstehen Ihnen zu schreiben? Liebe Mutter, wie soll ich mir das auslegen? Sie allein tadeln mich, und hundert Lober habe ich auf meiner Seite. Wem soll ich beypflichten? Der Herr Oberste, Herr von Wilteck, mein Hofmeister, selbst mein Vater ist mit mir zufrieden. Meine Studien, die Ihnen so schlecht, so superficiell vorkommen, sind nach jener ihrem Urteil hinlänglich für einen jungen Menschen von Vermögen, und Männer müssen das doch besser verstehen, als eine Dame. Meine Vergnügungen, die Sie zeitverderbend, wohl gar sündlich nennen, findet man hier sehr mäßig und eingeschränkt. Sie sollten sehen, wie andere von meinem Alter leben. Meine Aufführung ist nach dem allgemeinen Urteile, ordentlich und angenehm, und selbst das, was sie Flüche und ungezogene Reden nennen, gefällt entweder, oder wird als alltäglich kaum bemerkt; was ists denn nun, wenn ich einmal sage oder schreibe – – doch nein, ich habe meinen Brief noch mit keiner unheiligen Redensart entweiht, und ich wills auch noch nicht tun, damit Sie sehen, wie sehr ich Sie liebe. Ja führwahr, Sie haben Recht; wenn ich bey Ihnen wär, so würde es anders sein, Sie würden aus mir machen können, was Sie wollten. Wenn ich nun so, was ich geschrieben habe, wieder überlese, so dünkt michs, ich würde nicht das Herz haben, so mit Ihnen zu reden wie ich schreibe, wie ich schreiben muss, wenn mein Brief den Augen gefallen soll, vor die er kommt. Herr Reiner, mein Hofmeister, nennt den Ton, wie ich ihn anfangs in meinen Briefen brauchte, Knabenton, und fragt mich, wenn ich ein klein wenig bedenklich über einen Ausdruck bin, ob ich mich vor der Ruthe der Mama fürchte? Der verwünschte lange dürre Kerl mit seiner dünnen Nase und der alten Haarhaube, die ihm dicht auf der Nasenwurzel sitzt, eben kommt er herein, und ich muss meinen Brief verstecken, weil ich Ihnen etwas zu sagen habe, das er nicht sehen darf.
Ich bin in erschrecklichem Geldmangel. Sollten Sie mich weniger lieben, als andere Mütter ihre Söhne? Hier nimmt ein jeder von meinen Freunden seine Zuflucht in solchen Fällen zur Mutter, und wie ich täglich sehe, nicht vergebens. Es giebt hier der Ausgaben so viel; Herr Reiner, der Oberste, und die andern, haben mich meistens selbst auf den Weg gebracht, wo ich so viel verthun muss, und nun lassen Sie mich in der Noth stecken; ist das nicht unvernünftig? Zwar neulich habe ich im Faro, das ich recht gut spiele, fünf Louisdors gewonnen, aber die sind auch wieder zum Teufel – hätt' ich bald gesagt, verzeihen Sie ja beste Mutter; – Helfen Sie meinem Mangel ab, wenns auch nur mit einer Wenigkeit, nur mit zehn Louisdors ist, und ich werde zeitlebens sein, Ihr gehorsamer Sohn, Albert.
Einer von meinen Freunden rieth mir, ich sollte drohen, wenn ich keine Geldhilfe bekäme, so wollte ich unter die Soldaten gehen, aber dieses dünkt mich doch zu kühn, gegen so eine Mutter, wie Sie. Wahr ist freilich, ich bin für meine siebzehn Jahre lang und gut gewachsen, und der Himmel weiß, was ich im Nothfall tun werde.«
Der Bube! wie würde ich diesen abscheulichen Brief doch beantwortet haben, wenn nicht eben zu der Zeit Dinge vorgefallen wären, die meine Aufmerksamkeit auf wichtigere Gegenstände zogen, als auf einen ungerathenen Sohn? Ich gab den Brief Herrn Haller. Albert war ja sein Schooskind; ich durfte nicht besorgen ihn zu sehr wider ihn aufzubringen. Hatte er ihn doch selbst auf den schönen Weg gebracht, auf welchem er sich unglücklich machte. Möchte er doch mit ihm zürnen, ihn bestrafen, ihn seinem Schicksal überlassen, er konnte hier schwerlich mehr tun, als seine Frechheit verdiente.
Ein Brief von meiner Peninna riss meine Gedanken plötzlich von dem Gegenstande meines Unwillens los, und erfüllte mein Herz mit einer Empfindung, die dasselbe auf einer noch empfindlichern Seite angriff. Himmel, ich sollte ein Gut verlieren, das mir, nebst meinen Kindern das Liebste auf der Welt war, dass ich nach der gemeinen Rechnung zwar lang besessen hatte, aber ach, das mir dennoch viel zu früh für mein Glück entrissen wurde. »Eilen Sie mir zu Hilfe, mir zum Troste herbey,« schrieb meine Tochter mit zitternder Hand; »Ihr Vater und der meinige! – ach Gott, wir werden ihn verlieren! Diesen Morgen fand ich ihn in einer Art von Ohnmacht, in der großen Laube im Garten. Charlotte, welche diese Nacht bey mir geschlafen hatte, und ich, brachten ihn nach vielen vergeblichen Bemühungen, wieder zu einiger Empfindung, aber Sprache und Bewußtseyn sind dahin. Der Arzt, der eben ankommt, spricht, er sei vom Schlage getroffen, und es sei keine Hoffnung – ach ich kann die schrecklichen Worte nicht ausschreiben. – Nach Herr Waltern hat Charlotte schon geschickt; ich wende mich zu Ihnen, ach, es ist, als müsste ich über all Hilfe suchen, alles zu Rettung meines theuren Vaters aufrufen. Eilen Sie, eilen Sie zu Ihrer trostlosen
Meine Empfindungen waren den Empfindungen meiner Tochter gleich, nur dass sie sich auf eine weniger stürmische Art äußerten. Ich machte eilige Anstalt zu meiner Abreise, und hörte wenig auf das Zureden meines Mannes, und der spruchreichen Robignac. – Dass mein Vater sehr alt war, dass ich ein größeres Glück genossen hatte, als andere Kinder, welche ihre Aeltern oft in den frühesten Jahren verlieren, dass wir endlich alle sterben müssen, und was der trostvollen Gemeinsprüche mehr waren, das wusste ich lange. Ich warf mich in meinen Wagen, und war froh, ruhig weinen zu können, ohne dass sich jemand die Mühe gab, mich mit solchem Troste zu quälen.
Ich reißte ab, ich kam an, meine Pferde waren geflogen, ich hatte kaum zwei Drittheil der gewöhnlichen Zeit auf dem Wege zugebracht, und doch kam ich zu spät. Mein Vater, ach Gott, mein ewig theurer Vater, war eben verschieden. Was für eine Empfindung, den kalt und entseelt vor mir liegen zu sehen, an dem mein ganzes Herz hieng! Dieses ehrwürdige Gesicht, diese wie zum sanften Schlaf geschlossenen Augen, dieser wie zum leisen Sprechen ein wenig geöfnete Mund! – Nein, schrie ich, indem ich auf ihn zustürzte, nein, er ist nicht tod! – Hat man ihm eine Ader geschlagen? hat man – ich konnte nichts mehr sprechen; ich sank in einen Zustand, in welchem ich selbst Aderlaß und Hilfe der Aerzte nötig hatte.
Wie ich wieder zu mir selbst gebracht wurde, wie meine Empfindungen anfiengen ruhiger zu werden, wie ich nach und nach die Rolle einer vernünftigen Matrone, die der Jugend ein gutes Beyspiel geben muss, wieder annahm, das will ich nicht umständlich beschreiben, so wenig als ich mich dabei aufhalten kann, was wir vier, dem Anschein nach fast auf gleiche Art Gekränkte, alles thaten uns gegenseitig zu trösten. Herr Walter und seine Frau zeigten sich bey dieser Gelegenheit auf einer Seite, die mein ganzes Herz für sie einnahm. Ich handelte wie eine Frau von meinen Jahren in einer solchen Lage handeln muss, und – Peninna war untröstlich.
Es vergiengen Wochen, und ihr Schmerz blieb immer sich selbst gleich, ihr entfielen in der tiefen Betrübniß, in welcher sie war, Worte, die mir räthselhaft schienen, und die mich Dinge ahnden ließen, welche man mir verschwieg. Charlotte war bettlägrig, und ich konnte nicht begreifen, wie sie an dem Tode eines Mannes, den sie erst seit kurzer Zeit kennen gelernt hatte, so gewaltsam erschüttert werden konnte. Der jähe Tod dieses ewig theuren Vaters war mir von Anfang bedenklich vorgekommen, ich hatte Muthmaßungen, dass hier geheime Ursachen zum Grunde lagen die ich nicht errathen konnte, und die man sich mir zu entdecken fürchtete, ich musste Licht haben, und ich nahm mir vor, Waltern einmal ernstlich zu befragen.
Unsere Unterredung war lang, und die Antworten des jungen Mannes fielen sehr geschraubt aus. Haben Sie vergessen, rief ich endlich, dass Sie mit einer Frau sprechen, welche gelernt hat Unglück zu ertragen? Lassen Sie mich alles wissen! Ungewissheit ist weit quälender für mich, und mein Schicksal kann dadurch nicht härter werden, dass ich von allem benachrichtigt werde. Mein Vater ist todt, meine Peninna schmachtet ihr Leben im langsamen Gram dahin, lassen Sie die Ursachen hiervon sein welche sie wollen, unmöglich können sie so beschaffen sein, dass mein Leiden dadurch erschwert wird. – Glauben Sie das, vortrefliche Frau? sagte Walter – Wie wenn Sie zu dem, was Sie bereits verloren haben, noch mehr, ich will zum Beyspiel sagen, eins ihrer Kinder verlieren sollten? – Sie meynen Peninnen? erwiederte ich. Wenn sie fortfährt ihrem Gram nachzuhängen, so weiß ich, dass ich sie verlieren werde, und eben darum will ich die Ursachen ihres gränzenlosen Kummers, die Mittel wissen ihn zu heilen. – Ich rede nicht von Peninnen, erwiederte er, aber wie wenn Sie erführen, dass irgend eine traurige Nachricht das Leben Ihres Vaters abgekürzt, dass vielleicht ihr Sohn – Dass Albert, unterbrach ich ihn, vielleicht seine lächerliche Drohung, Kriegsdienste zu nehmen erfüllt habe, und nun für seine Thorheit leiden müsse? – Haben Sie nur einen Sohn? fragte Walter. Wie wenn nun Ihr Samuel – –
Der Name Samuel, erschütterte mein Innerstes, es war nicht mehr Zeit mich zu schonen, ich musste alles wissen; Herr Walter brauchte alle Klugheit, den Streich zu mildern, den er meiner Ruhe versetzen musste, aber war wohl Milderung bey einer solchen Nachricht möglich?
Es war nur allzugewiss, dass plötzlicher Schrecken, das schwache Alter meines Vaters übermocht, und ihn vor der Zeit ins Grab gestreckt hatte. Man fand in der Laube, wo ihn Charlotte und Peninna ohne Empfindung angetroffen hatten, ein Zeitungsblatt, welches aufgehoben, und weil man nicht muthmaßen konnte, dass es eine Beziehung auf den schrecklichen Zufall habe, beyseit gelegt wurde. Man brauchte alle Mittel den unglücklichen Greis ins Leben zurückzurufen, er fieng an sich zu erholen. Sprache und Verstand, welche wie Peninna mir damals schrieb, gänzlich dahin zu sein schienen, kehrten eine Stunde vor seinem Tode zurück.
Er nannte Samuels Namen, er bestrebte sich den Umstehenden noch mehr zu sagen, aber vergebens; seine Reden waren, auch dem ganz nahe zu seinem Munde geneigten Ohre, nicht mehr verständlich. Er strengte sich heftiger an. Einige gebrochene Worte machten Herrn Waltern auf das in der Laube gefundene Zeitungsblatt aufmerksam; es wurde herbey geholt; der Sterbende ließ es sich reichen, man richtete ihn in die Höhe, er schien mit den Augen, und mit den schon fast erstorbenen Händen eine Stelle zu suchen, die ihm wichtig sein musste, aber die Kräfte verließen ihn, und er sank ohnmächtig zurück. Man hielt den ganzen Einfall mit dem Zeitungsblatte für Phantasie, man beschäftigte sich, den Kranken zu sich selbst zu bringen, er erwachte nur, um von neuen die nämliche Idee zu äußern, und durch Zeichen und gebrochene Worte zu bitten, man möchte lesen.
»Riedgau am Harz. Vergangenen Dienstag den 23. May hat man in hiesiger Hohlberger Wehr den Körper eines jungen schönen Mannes von zwei bis drei und zwanzig Jahren gefunden, den man, ungeachtet er nur einige Stunden im Wasser gelegen zu haben schien, vergebens strebte, wieder zu beleben. Er war von bräunlicher Gesichtsfarbe und dunkeln Haar. Seine Kleidung, ein hellgrüner Reitrock mit schmalen Golde, und ein ziemlich kostbarer Hirschfänger mit den Buchstaben S. H. lassen muthmassen, dass er von gutem Stande ist. In seinen Taschen hat man, nebst einem grünseidenen Beutel mit fünf Louisdors und einiger Münze, eine emaillirte Dose gefunden, auf deren Deckel das Bild einer Dame mit den Buchstaben C. W. befindlich ist. Sollte sich jemand von den Angehörigen. u.s.w.«
Man kam der ohnmächtigen Charlotte, man kam Peninnen, die sich fast in ähnlichem Zustand befand, zu Hilfe; Herr Walter las die schreckliche Stelle noch einmal, und ward völlig überzeugt, dass der Gefundene niemand anders als mein unglücklicher Sohn sein könne. Tiefe Traurigkeit breitete sich über die ganze kleine Gesellschaft aus. Der Sterbende, aus dessen gebrochenen Augen einige Thränen quollen, fasste Charlotten und Peninnen, die weinend bey seinem Bette standen, bey der Hand, schien noch einige tröstende Worte sprechen zu wollen, und verschied.
Hier war es, wo ich erschien. Auf Walters Gutachten, verschwieg man mir alles, was meinen Sohn betraf, weil er noch immer hofte, auf genauere Untersuchung, von der Falschheit der schrecklichen Nachricht überzeugt zu werden. Gern hätte er die Reise nach Riedgau selbst übernommen, wenn er es hätte wagen wollen, Charlotten, Peninnen und mich in unserer Traurigkeit allein zu lassen, und mich vielleicht der Gefahr auszusetzen, durch eine unvorbereitete Benachrichtigung von der Sache, ein ähnliches Schicksal mit meinem Vater zu erfahren. Der edle Mann, warum war er doch nicht mein Sohn geworden, hätte wohl ein Kind zärtlichere Sorgfalt für seine Mutter tragen können, als er für mich!
Herr Walter hatte einen Menschen, auf dessen Treue er sich verlassen konnte, nach Riedgau geschickt, er war voller Hoffnung, dass uns dieser bessere Nachricht mitbringen werde als wir vermutheten, und brauchte diese Vorstellung, mich in dem Schmerz, in welchem ich stumm und fast leblos vor ihm saß, ein wenig aufzurichten. Es gelang ihm schlecht! Wer, der das Herz einer Mutter gegen ein geliebtes Kind kennt, wagt es auszusprechen, wie mir in diesen Augenblicken, an die ich nie ohne Schauer denken werde, zu muthe war? – Peninna und Charlotte schienen einen Trost darinnen zu finden, dass ich den ganzen Umfang ihrer Leiden wusste, und dass sie frei von demjenigen mit mir sprechen durften, was ihr einiger Gedanke war. Sie unternahmen es so gar, mich zu trösten, da sie sahen, dass ich noch mehr litt als sie, aber ach, was hätte mich trösten können, als die Nachricht, dass unser Schrecken vergeblich gewesen, dass die ganze Sache ein Irrthum, dass Samuel noch am Leben sei.
Herrn Walters Abgeschickter kam zurück, aber, was er mitbrachte, war nicht Trost, sondern Bestättigung unsers Unglücks. – So sehr er auch seine Abreise beschleunigt hatte, so war er doch viel zu spät ge kommen, als dass er sich den längst beerdigten Körper des Verstorbenen noch hätte zeigen lassen können, um auf seinen Anblick einige Gewissheit zu gründen. Indessen trafen alle Umstände zu genau zu, um uns in einigem Zweifel zu lassen. Seine Kleidung, unterschiedliche uns sehr kenntliche Kleinigkeiten, die man außer dem genannten bey ihm gefunden hatte, und vor allen eine Schreibetafel, in welcher sich unterschiedliche Aufsätze von seiner Hand befanden, rissen uns aus aller Ungewissheit. Mit Mühe und ziemlichen Kosten hatte unser Abgeschickter alle diese Dinge aus den Händen der Obrigkeit des kleinen Orts in die Seinigen gebracht, denn dass der Werth alles dessen, was er bey sich hatte, auf die Aufhebungs- und Begräbnißkosten gegangen war, versteht sich von selbst.
O Himmel, wie ward uns zu Muthe, als wir diese traurige Verlassenschaft unsers Geliebten in unsere Hände bekamen! Was fühlte Charlotte, als ich ihr die Dose mit ihrem Bilde, das sie ihm beym Abschied geschenkt hatte, überreichte! Herr Walter sah ihren Schmerz, und zürnte nicht mit ihr; er selbst betrauerte meinen Sohn, wie man einen Bruder betrauert haben würde.
Lange blieb ich zu Traußenthal, es ward mir schwer, mich von Peninnen und ihren Freunden zu trennen, aber endlich musste ich doch bedenken, dass ich eine Mutter mehrerer Kinder war. Ich bereitete mich zu meiner Rückreise nach Hohenweiler und sann darauf, wie ich gewisse Dinge, die mir noch außer den Ursachen meines verzehrenden Grams viel Unruhe machten, klüglich einrichten wollte.
Peninna hatte durch den Tod ihres Großvaters einen Zufluchtsort verlohren, welcher fast der einige war, an welchem sie außer dem väterlichen Hause mit Anstand leben konnte. Mein guter Vater hatte mir zwar seine kleine ländliche Wohnung hinterlassen, auch war das größere Haus, das wir jetzt bewohnen, nebst dem Garten unser, aber wie hätte es sich für ein junges Mädchen geschickt, diese Einsamkeit dem Hause ihrer Aeltern vorzuziehen?
Herr Haller, welcher sich in die beiden Trauerfälle, die mich so gewaltsam erschüttert hatten, mit einer philosophischen Gleichgültigkeit fand, welche man bewundern musste, hatte in seinen letzten Briefen an mich – Er selbst kam so wenig nach Traußenthal, als er seinen drei jüngsten Töchtern erlaubte, mich daselbst zu besuchen. – den Gedanken geäußert, Peninna würde nun in das väterliche Haus zurück kehren, aber es war bloßer Gedanke nicht Wunsch. Er schien seinen alten Widerwillen gegen Peninnen noch nicht abgelegt zu haben, und machte Bedingungen, unter welchen er ihr erlauben wollte, in Hohenweiler zu leben, die weder ihr noch mir gefallen konnten. Unterthänigkeit unter die Hand der Robignac war eine von den vornehmsten, und Peninna fand so wenig Behagen an diesen Aussichten als ich.
Peninna, ein Mädchen über neunzehn Jahr, die schon so lange die Gebieterinn eines Hauses gewesen war, sollte nun erst einer eigensinnigen Französinn, die sie ganz übersehen und nicht anders als verachten konnte, gehorchen lernen? Seltsame Zumuthung! – Ueber dieses musste ich bey meiner ältesten Tochter eben das Bedenken haben, wie bey Hannchen. Sie war jung und schön wie diese. Ihr Vater, welcher so sehr wünschte ihrer los zu werden, würde nicht ermangelt haben sie zu nötigen, bey den Gesellschaften in seinem und in dem Wilteckischen Hause gegenwärtig zu sein; dass sie gefallen würde und müsste war ausgemacht, und das beste, was hätte erfolgen können, wär gewesen, dass sie an irgend einen von den dasigen Herrn, dem es beliebt hätte ernsthafte Absichten auf sie zu haben, verschleudert worden wär.
Peninna sah dieses alles sowohl als ich, und sie brauchte es zum Mittel mich zu bewegen in einen andern Vorschlag zu willigen, welchen sie mit Charlotten ausgedacht hatte. Diese beiden Freundinnen waren sich so unentbehrlich geworden, dass es ihnen schwer ward sich zu trennen. Peninna versicherte mich, dass die Gewohnheit Waltern täglich zu sehen, den Eindruck, den sein Anblick auf sie machte, sehr geschwächt habe, dass sie gegenwärtig nichts für ihn fühle als wahrhafte Schwesterliebe. Charlotte, die jetzt das ganze Verhältnis kannte, in welchem ihre Freundinn ehemals mit ihrem Manne gestanden hatte, betheuerte, dass sie ganz frei von Eifersucht sei. Herr Walter erklärte sich nie über diesen Punkt, aber sein Betragen gegen Peninnen war so fremd und zurückhaltend, seine Geschäfte so häufig, und sein Herz so redlich, dass – ich endlich meine Bedenklichkeiten aufgab, meiner Tochter erlaubte bey Walters zu bleiben, ihr noch einige gute Lehren gab, und es über mich nahm, ihr Zurückbleiben bey ihrem Vater zu entschuldigen.
Ich kam wieder zu Hohenweiler an. Ich ward von meinen Kindern mit lauter Freude, von Herrn Haller mit kalter Höflichkeit, und von der Französinn mit den ausschweifendsten Schmeicheleyen empfangen. Dinge, welche nicht hinlänglich waren, meine Augen gegen das, was mir mißfiel, zu verschliessen.
Nicht Tage, viele Wochen waren nötig, die Unordnungen abzustellen, die sich in meiner Haushaltung eingeschlichen hatten, und meine Töchter, o wie sehr fand ich diese zu ihrem Nachteil verändert! wie viel Unkraut hatte hier der Feind auf den guten Acker gesäet! Jukunde, jetzt eben vierzehn Jahr alt, hatte in der Zusammensetzung von Vorwitz und übereilten Reden und Handlungen, die man in der Volkssprache Naseweisheit nennt, so zugenommen, dass ich sie nicht mehr kannte. Kein Wunder! Mir, der es nicht an Aufmerksamkeit und guten Willen fehlte dieses in ihr keimende Uebel zu unterdrücken, hatte es schon Mühe genug gemacht hierinnen einigen Fortgang zu haben, wie sehr musste das Mädchen bey der Vernachlässigung der Robignac, die nur immer an ihrem Aeußerlichen künstelte, und das Innere ungebessert ließ, verwildert sein.
Amalie wurde durch ihre wenige Schönheit vor der Verzärtelung geschützt. Es ist nur gar zu wahr, dass die meisten Alltagserzieher sich von ihren Augen leiten lassen; dass sie denen, welche etwas Gefälliges in ihrem Aeußerlichen haben, schmeicheln, und die Hässlichen unterdrücken. So war es Amalien gegangen, der beständige Tadel hatte ihr eine gewisse ungeschickte Blödigkeit, einen Eigensinn und Beharrlichkeit auf ihrer Meynung angewöhnt, welchen mütterliche Liebe und Schonung schwerlich aus dem Grunde zu heben vermochte. Julchen war der Spion des ganzen Hauses geworden, sie erzehlte der Französinn von dem, was sie bey ihrem Vater und bey Wiltecks sahe, sie unterrichtete Herrn Haller von allen Handlungen der Robignac und ihrer Schwestern, sie verrieth das Gesind, und richtete dadurch mehr Uebel an, als man von so einer kleinen Kreatur hätte erwarten können. Sie machte gleich am ersten Tage ihre Aufwartung bey mir mit einer Erzählung von allem was in meiner Abwesenheit vorgegangen war, die mir nicht sehr gefallen konnte, und die ich, so lehrreich sie mir auch war, ihr doch eben nicht mit besonderer Freundlichkeit belohnte.
Diese Entdeckungen in Ansehung meines Hauswesens und meiner Kinder, die mir so viel Kummer erweckten, waren noch bey weiten nicht die einigen; es folgten andere nach, welche mich belehrten, wie gefährlich es einer Hausregentinn ist, ihr kleines Gebiet zu verlassen, und es der Willkühr ihrer Widersacher Preis zu geben,
Mademoiselle de Robignac hatte das Herz meines Mannes ganz in ihre Gewalt bekommen. Wär sie jung und schön gewesen, so hätte mich dieses so sehr nicht wundern sollen; ich hätte nur an die Begebenheiten mit der R... und W..., und an Rosen denken dürfen, aber sie, die nie von einem erträglichen Ansehen konnte gewesen sein, und die jetzt in ihrem dreyßigsten wie sie, oder in ihrem fünfzigsten Jahre, wie andere Leute meynten, eher einer braunen hohläugigten Sybille als einer Herzensbezwingerinn ähnlich sah, wie hätte diese Herrn Haller, der doch ehemals ein Kenner der Schönheit zu sein schien, gefallen können!
Gleichwohl war es mehr als zu wahr, dass sie herrschte und ich gehorchen musste, dass ihre übertriebene Schmeicheley eine Hülle war, die sie ihrer Obergewalt anlegte, damit ich nicht gleich von Anfang zu sehr geschreckt, vielleicht einen Sturm wagte, der ihr hätte nachtheilig sein können. Das Recht war doch gleichwohl auf meiner Seite, und Herr Haller hatte Stunden, wo er niedergeschlagen, verdrüßlich, und folglich auch verzagt war, so dass er vielleicht, wenn ich die Rolle einer bösen Frau hätte spielen wollen, nachgegeben und mir das Feld überlassen haben würde. Aber wo hätte ich die Kühnheit hiezu hernehmen wollen, ich, die ich nur gewohnt war, mit den Waffen der Sanftmuth zu streiten?
Das beste was ich in meiner Lage tun konnte, war mich verstellen; ich hatte es schon einmal erfahren, was man gewinnt, wenn man die Augen zu zeitig über gewisse Dinge aufthut, die man sich bemüht uns zu verhüllen. Ich war gegen die Robignac nachsichtsvoll und gefällig, ich hütete mich, dass unsere beyderseitigen Meynungen so wenig als möglich in Collision kamen, ich verbesserte in der Stille was sie verderbt hatte, und – wartete auf bessere Zeiten.
Ich verlebte meine Tage in einer erzwungenen traurigen Ruhe. Mein Vater war tod. Samuel war dahin, und ich wusste selbst nicht auf was für Art ich um ihn gekommen war, denn mein guter Engel behütete mich, dass die Meynung, welche die Robignac zuweilen einzustreuen suchte, er habe sich selbst in den Tod gestürzt, nie Platz in meiner Seele fand. – Himmel, was würde aus mir geworden sein, wenn ich dieses hätte annehmen wollen! – Alberts Briefe wurden immer unerträglicher; von Hannchen und der Frau von Wilteck bekam ich gar keine Nachricht, und was ich von Peninnen hörte, war auch nicht so beschaffen, dass ich dadurch getröstet werden konnte.
Die Sache gieng so wie ich gedacht hatte. Charlotte hieng seit Samuels Tode mehr an ihrem Manne als zuvor; die erste Folge dieser aufkeimenden Liebe war Eifersucht. Herr Walter, gewohnt meine Tochter täglich in tausend verschiedenen ihr vortheilhaften Situationen zu sehen, konnte die Rolle, die er sich zu spielen zwang, nicht so gut behaupten, dass nicht die alte Liebe zuweilen hervorgeblickt hätte. Peninna, die die Eifersucht der einen, und die Gesinnungen des andern nicht verkennen konnte, und die am besten wusste, was ihr eigenes Herz gegen Waltern fühlte, saß halbe Tage auf ihrem Zimmer und weinte. Gern hätte sie sich aus dem Hause ihrer Freundinn entfernt, wenn sie andere Zuflucht gewusst hätte; aber wohin sollte sie? Konnte sie sich bey der jetzigen Lage der Sachen nach Hohenweiler wünschen, um meine Sklaverey mit mir zu theilen?
Doch würde dieses vielleicht endlich, als das Klügste, erwählt worden sein, wenn sich nicht Gelegenheit zu einem andern Schritte gezeigt hätte, den sie, in der Hoffnung, ich würde ihn billigen, so voreilig that, wie schon bey mehreren geschehen war, und der mir mehr Sorge machte, als ihr Aufenthalt in meinem Hause oder ihr Verharren in dem Walterschen getan haben würde.
An einem Tage, der zu mehreren Kränkungen für mich bestimmt war, erhielt ich folgenden Brief in Gegenwart meines Mannes, den ich hersetzen will, um euch urtheilen zu lassen, ob er von der Beschaffenheit war, vor die Augen eures Vaters zu kommen; ich wollte ihn uneröfnet zu mir stecken, aber die hämische Frage der Robignac, ob ich dem Vater die Nachricht von seiner Tochter, und meinen Kindern, die Freude etwas von ihrer Schwester zu hören, so lang vorenthalten könne, bewegte Herrn Haller, sich desselben zu bemächtigen, und folgendes daraus zu lesen.
Sie wissen meine Verfassung in meinem gegenwärtigen Aufenthalte. Walter und ich dürfen nicht länger in einem Hause bleiben; zu sichtbar ist es, dass wir unsere Liebe beide nur schlecht überwunden haben; Charlotte sieht dieses sowohl als wir beide, und es war fest bey mir beschlossen, diesen Tag nach Hohenweiler abzureisen und das Haus wieder zu sehen, in welchen wenigstens Ihre Blicke mir freundlich und mit Schonung begegnet sein würden. Der Strenge meines Vaters würde ich kindliche Unterwerfung, und der Herrschaft der Robignac Muth und Entschlossenheit entgegengesetzt haben, aber glücklicher Weise zeigt sich ein anderer Ausweg, der mich dieser schweren Proben überhebt. Hören Sie wie sonderbar!
Diesen Morgen, da ich schon reisefertig war, und sich nur noch einige Schwürigkeiten wegen der Art meiner Ueberkunft nach Hohenweiler unversehens hervorthaten, ließ sich eine durchreisende Dame, die sich Frau von Berg nannte, bey mir ansagen. Ich besann mich in der Verwirrung, in welcher ich war, nicht gleich auf die Regierungsräthinn Gabriele, und erstaunte nicht wenig, als ich sie in mein Zimmer treten sah. – Aber Himmel, wie verändert an Seel und Körper; bleich, abgezehrt, verfallen, traurig, und dabei doch so sanft und freundschaftlich als ich sie nie gesehen habe. O Peninna, sagte sie, nachdem sie mir einiges von ihrer gegenwärtigen Verfassung entdeckt hatte, möchte es dir gefallen bey mir zu leben! an deiner Seite würde ich mich wieder erholen. Komm, theile mein Glück mit mir, ich will dir Freundinn, Schwester und alles sein, ich will dir die Leiden versüßen, die ich dir vielleicht ehedem unschuldigerweise machte. –
Ich musste mich eilig entschliessen; es war mir unmöglich ihre Einwilligung erst einzuholen. Ich ergab mich auf ihr Bitten, und ich schließe diesen Brief, nachdem ich noch um ihren Segen gebeten habe, um mich auf den Wagen zu setzen, der mich nebst der lieben Regierungsräthinn ins Pyrmonter Bad, wohin Gabriele ihrer Gesundheit wegen reisen muss, bringen wird. Bald bald sollen Sie wieder hören von Ihrer
Dieser Brief hatte schon an sich Stoff genug für mich zur Traurigkeit und Sorgen; denn was für ein Aufenthalt war das Haus des Regierungsraths für meine Tochter? aber alles schwermüthige Nachdenken, das mir diese neue Begebenheit machen konnte, musste jetzt verschoben werden, um den gegenwärtigen Sturm auszuhalten, welcher sich nach Lesung des Briefs über mich erhob.
Dass Herr Haller durch den Inhalt desselben aufgebracht wurde, und seinen Zorn nicht auf die sanftmüthigste Art äußerte, lässt sich denken, aber man erspare mir die Mühe sein Betragen und seine Worte umständlich anzuführen, welche dadurch noch widerwärtiger gemacht wurden, dass er die Achtung, die er mir wenigstens in Gegenwart der Kinder schuldig war, so ganz vergaß, sich nicht scheute mir vor ihren Ohren Vorwürfe zu machen.
Peninnens Aufenthalt im Walterschen Hause wurde nach den Winken, die sie im Anfang ihres Briefs gab, auf die gehäßigste Art ausgelegt. Ihr Entschluss im Hause des Regierungsraths zu leben, bekam noch widrigere Namen, und die Rolle, die ich bey der Sache spielte, oder gespielt haben sollte, meine Nachsicht, der Widerwille den ich, wie man mir Schuld gab, meinen Kindern gegen ihren Vater einflößte – – o Himmel, ich erröthe vor dem Bilde, das man von mir machte, Die Eloquenz Herrn Hallers und der Französinn machte, dass ich wirklich gefehlt zu haben glaubte, wenigstens war doch das wahr, dass alle Sorgfalt, die ich auf die Erziehung meiner Kinder gewandt, bisher lauter traurige Früchte gebracht hatte, und ist man nicht immer geneigt, alles, auch oft seine eigenen Handlungen, nach dem Erfolg, nicht nach der Absicht zu beurtheilen? – Ich schwieg, und konnte nichts zu meiner Vertheidigung sagen. Peninnens Handlungen in ein gefälligeres Licht zu setzen, machte ich einige Versuche, aber ohne sonderlichen Nutzen. – Die Französinn ahndete die Art, mit welcher ihrer in Peninnens Brief gedacht war, mit großem Geschrey. Herr Haller ward in Führung seiner Sache eben so laut, ich war überstimmt, und konnte nichts tun, als mein Urteil mit Gelassenheit anhören, welches dieses war, dass es nötig sein würde, meine Kinder gänzlich von mir zu nehmen, damit ich den Gift des Widerwillens gegen ihren Vater nicht auch in ihre Herzen ausstreuen möchte.
Ihnen, schloss mein Mann, indem er sich zu der Robignac wandte, ihnen, Mademoiselle, übergebe ich sie ganz allein, und ich werde, um ihnen die Mühe zu erleichtern, sie von den abgeschmackten Vorurtheilen ihrer Mutter abzugewöhnen, und nach dem Sinn ihres Vaters, und dem Ton der großen Welt zu bilden, nächstens eine Reise nach Berlin tun, auf welcher Sie und meine Töchter mich begleiten sollen.
Dieser Entschluss, welcher wirklich die empfindlichste Seite traf, auf welcher ich angegriffen werden konnte, wurde durch einen Brief bestättigt, welcher an diesem Tage des Kummers aus Berlin eintraf. Er war von dem Hofmeister meines Alberts, und meldete, dass der junge Herr nach verschiedenen Ausschweifungen die er gemacht, und besonders nach einem sehr unglücklichen Spiel, bey welchem er, wie man hernach erfahren, alles bis auf die Kleider verlohren habe, unsichtbar geworden sei, und dass keine Nachforschungen des würdigen Hofmeisters, und des Obersten, welcher jetzt in Berlin war, ihn haben ausfündig machen können.
Julchen, die von ihrer Lieblingsneigung des Ausforschens und Angebens nicht lassen konnte, fand diesen Brief, und brachte mir ihn, und ich, ob ich gleich die Erneuerung ihres Fehlers auf die Art ahndete, wie mir es zukam, konnte doch – man verzeihe mir meine Schwachheit, die vielleicht in meiner gegenwärtigen Lage zu entschuldigen war, – mich nicht überwinden ihn ungelesen zu lassen.
Der herrliche Vorteil, den ich von meinem Vorwitz hatte, war die Entdeckung von dem Unglück des armen Alberts, die mein Herz durchbohrte, und alle Funken des mütterlichen Mitleidens wieder in mir anfachte, und – ach Himmel eine andere, die mir fast eben so schrecklich war: die Hand in diesem unglücklichen Briefe zeigte, dass dieser Hochbelobte Herr Reiner, Alberts Hofmeister, niemand anders war, als der böse Katharines, den das Schicksal recht zum Unglück meines Hauses hatte gebohren werden lassen.
Herr Haller war zu wohl überzeugt, dass, wenn ich die wahre Lage der Sachen wüsste, ich weit mehr Ursache haben würde, ihm Vorwürfe wegen Alberts als er mit Peninnens wegen, zu machen, er schwieg also weislich. Die Abreise nach Berlin wurde beschleunigt, und ich – musste mich von meinen Töchtern trennen, denn keine Bitten, keine Thränen konnten Herrn Haller bewegen, sie bey mir zurück zu lassen.
Einen Trost hatte ich, einen traurigen Trost, der mir, wenn ich nicht so ganz unglücklich gewesen wär, vielleicht eine Quelle der bittersten Sorgen gewesen sein würde: am Tage der Abreise zeigten sich bey Julchen alle Vorboten der Blattern, welche ihre Schwestern schon überstanden hatten; es war unmöglich für sie, ohne Lebensgefahr Hohenweiler zu verlassen, und ich hatte also die Beruhigung, doch eins von meinen Kindern in meinen Armen zu behalten, und gerade das, welches bey seinen noch ganz unreifen Jahren meine mütterliche Zucht und Sorge am meisten nötig hatte, und dieselbe durch den besten Erfolg belohnen konnte, da ein weiches noch unverdorbenes Herz meinen Lehren den Eingang erleichtern musste.
Ich umarmte Jukunde und Amalien, ich erinnerte sie an alle meine Lehren, ich beschwor sie, sich durch nichts von dem Wege der Tugend, und der Liebe zu mir abwendig machen zu lassen, und eilte zu dem Lager meiner kleinen Kranken zurück, um daselbst meine übrigen Kinder zu beweinen, die mir teils ganz entrissen waren, teils, meinem Urteil nach, in weit größerer Gefahr schwebten, als dasjenige, das da vor mir lag, und durch die Wuth der schrecklichen Krankheit bald ganz entstellt, und an die Pforten des Todes gebracht ward. Hier konnte doch mütterliche Pflege etwas zu seiner Rettung beytragen, und – sollte das schlimmste erfolgen, wie ruhig konnte ich die unschuldige Seele in die Arme ihres Schöpfers zurückfliehen sehen!
Julchen schwebte lange zwischen Tod und Leben, und sollte auch das Loos auf das letzte fallen, so war doch wenigstens soviel mehr als wahrscheinlich, dass ihre Schönheit, und mit ihr der beste Anspruch eines Mädchens auf zeitliches Glück verloren gieng. Sie war klug oder vielmehr, so jung sie auch war, eitel genug, dieses zu fühlen, und ich hatte alle Mühe, als das Schlimmere überstanden, und ihr Leben außer Gefahr war, sie wegen den Verlust des Geringern zu trösten, und ihre Aufmerksamkeit ganz auf den Dank zu richten, den sie Gott, wegen Rettung des Wichtigern, schuldig war.
Eines Tages, als ich an ihrem Bette saß. und nach einem ernsthaften Gespräch über diesen Gegenstand eben anfangen wollte, der armen Kleinen, die des Tagelichts beraubt dalag, und Trost und Unterhaltung bedurfte, eine von den Geschichten zu erzehlen, mit welchen ich meinen Kindern so manche gute Lehre einzuprägen pflegte, und die ich immer, ohne ganz von der Wahrheit abzugehen, auf ihren gegenwärtigen Zustand einzurichten suchte, hörte ich einen Wagen in unsern Hof gefahren kommen; ich eilte aus Fenster um zu sehen, durch wen die Einsamkeit, in welcher ich jetzt lebte, unterbrochen werden sollte.
Ein, dem schlanken Wuchs nach zu urtheilen, sehr junges Frauenzimmer mit einem schwarzen Flor über dem Gesicht stieg aus. Mein Herz fieng an zu schlagen; ich hörte den behenden Schritt der Kommenden auf der Treppe, er schien mir bekannt zu sein, aber ehe ich noch im Stande war, die Muthmaßungen, die sich meiner Seele wie dunkle Bilder vorstellten, aus einander zu setzen, ward die Thüre aufgerissen, und die Fremde lag in meinen Armen. Ihr Kuß, das Feuer, mit welchem sie mich an sich drückte, sagte mir, wer sie war, wenn mich auch der noch nicht zurückgeschlagene Flor, und eine kleine Aenderung in ihrer Gestalt hätte täuschen können. O Hannchen, O meine Mutter! tönte zu gleicher Zeit aus unserm Munde.
Freudenthränen, verneute Umarmungen, Fragen, unvollendete Antworten, wechselten lange Zeit unter uns ab, bis wir endlich auf das Rufen der kleinen Kranken hörten, die den Namen ihrer Schwester unablässig wiederholte, und wenigstens um eine Umarmung von derjenigen bat, welche sie nicht sehen konnte.
Hannchen hatte sich immer vorzüglich gern mit ihrer kleinen Schwester beschäftigt, und daraus war zwischen beiden eine Liebe erwachsen, die bey dem großen Unterschied, den die Jahre zwischen ihnen machten, außerordentlich war, und die durch Hannchens lange Abwesenheit nicht hatte geschwächt werden können. Sie flog in ihre Arme.
Julchens trauriger Anblick lockte Hannchen, und die Unmöglichkeit ihre Schwester zu sehen, der Kranken so viele Thränen ab, dass ich endlich genöthigt war, diese Scene, welche wenigstens der einen von ihnen hätte schädlich werden können, zu unterbrechen.
Hört auf Kinder, sagte ich, was hilft das Weinen, wir wollen uns doch endlich aus dem Taumel, in dem wir sind, herausreißen, und einander vernünftige Rechenschaft geben, warum wir bisher so wenig von einander hörten, und warum wir uns nun so plötzlich wiedersehen.
Ist dieses ein Vorwurf, meine Mutter? fragte Hannchen, indem sie ihren Flor nun völlig zurück schlug, und mir ein bleiches abgezehrtes Gesicht, und gesunkene, von Weinen getrübte Augen zeigte, welche mich in Schrecken setzten. Himmel, mein Kind, schrie ich, ohne auf ihre Frage zu antworten, wie siehst du aus! Haben Krankheit oder Kummer diese schreckliche Verheerung angerichtet? Bin ich denn so gar verändert? sprach sie mit unterdrückter Bewegung, und trat vor den Spiegel um ihren Kopfputz in Ordnung zu bringen; nicht doch, liebe Mutter, die Beschwerlichkeiten der Reise, die Unordnung meines Anzugs, – o ich werde mich schon wieder erholen, ich werde mich gewiss wieder erholen. – Hannchen, Hannchen sagte ich mit aufgehobenem Finger, hier ist nicht alles richtig, du hast gelitten, viel gelitten, und ein Leiden, das dich in solchem Grade verändern konnte, ein Leiden, das du deiner Mutter verschweigen willst, spricht selbst von was für Beschaffenheit dieses sein mag. Hannchen brach in Thränen aus, und winkte nach Julchens Bette, die sich aufgerichtet hatte, und durch doppelte Anstrengung ihrer Gehörnerven das zu ersetzen suchte, was ihr durch den Mangel des Gesichts entgieng.
Ich verstand den Wink meiner Tochter, ich hörte auf in sie zu dringen, wir setzten uns zu der Kranken, und fiengen an von andern Dingen zu sprechen. Hannchens Aufenthalt bey der Frau von Wilteck, ihr langes Stillschweigen, und ihre einsame unvermuthete Rückkehr, war der Gegenstand unserer Gespräche, aber die Antworten meiner Tochter waren so ungewiss, so auf Schrauben gestellt, dass ich nicht wusste, was ich denken sollte, und mich unaussprechlich nach einer einsamen Unterredung mit ihr sehnte. – – – Endlich kam der gewünschte Augenblick.
Julchen schlief, ich setzte mich mit Hannchen an ein Fenster, und dachte nun mein Verlangen zu stillen, und eine umständliche Erzehlung ihrer Angelegenheiten zu bekommen; aber Himmel, wie unzulänglich war das was ich erfuhr! anstatt alles, was ihr bisher begegnet war, im Zusammenhange zu hören, musste ich ihr jede Kleinigkeit abfragen, und ihre Antworten waren so kurz, so zerstreut, so furchtsam, dass ich nicht wusste, was ich von ihr denken sollte. Das hauptsächlichste, was ich von ihr erfuhr, war dieses, dass sie nicht so glücklich gewesen zu sein schien, als ich mir geschmeichelt hatte, dass sie bey der Frau von Wilteck sein müsste, und die Art, mit welcher sie von dieser Frau von Wilteck sprach, hätte mich beinahe gar auf die Meynung bringen können, dass Hannchen nicht mehr ganz so gut von ihr dächte, als vordem, sie nannte ihren Namen mit Kaltsinn, und hätte lieber gar vermieden von ihr zu sprechen, wenn es möglich gewesen wär. Die Ursach ihrer schnellen Entfernung aus ihrem Hause war, wie sie sagte, ein kleiner Zwist zwischen ihr und der Dame, nebst einer Reise, die sie nach der Residenz getan habe, und auf welcher sie Hannchen nicht habe begleiten wollen. Ich fragte, um die Ursach ihrer seltsamen Verfassung etwa auf einer andern Seite zu entdecken, ob sie neue Bekanntschaften gemacht, ob sie viel Gesellschaft auf dem Schlosse gesehen habe? und sie sagte, man hätte sehr einsam gelebt, und sie habe diese ganze Zeit über kein neues Gesicht kennen gelernt. Zwar fiel sie sich selbst ins Wort, ich vergesse Madam Cathin, die Wirthschafterinn der gnädigen Frau, eine Person von vielen Verdiensten, und die mir sehr viel, vielleicht nur gar zu viel Freundschaft erwiesen hat. Zu viel Freundschaft? wiederholte ich, wie verstehst du das mein Kind? Verzeihen sie, war die Antwort, ich rede wunderlich, ich bin noch so zerstreut, so ermüdet von der Reise, und – und, beste Mutter, sie sollen alles erfahren, geben sie mir nur Zeit, dass ich mich erst ein wenig erhole.
Nun so geh, sagte ich mit einigem Unwillen wegen ihres wunderlichen Bezeigens, geh auf dein Zimmer, lass dich von deinem Mädchen auskleiden, und zu Bette bringen, du kommst mir in der That sehr schwach vor; du hast doch Rosen wieder mit zurück gebracht? – Bey Rosens Namen fieng sie wieder an zu weinen, sie sagte, Rose habe sie verlassen, und als ich mehr hievon wissen wollte, erzählte sie mir zum erstenmal, seit ich sie wieder gesehen hatte, auf eine vernünftige und zusammenhängende Art, wie dieses Mädchen sich von ihr getrennt habe; eine Erzählung, die mich lebhaft einsehen ließ, dass nicht allemal auf die Beständigkeit gebesserter Sünder zu rechnen sei. Rose, die ich darum aus meinem Hause entfernt hatte, um sie der Verführung zu entreissen, hatte, wie es schien, überall Verführer gefunden, oder vielmehr, sie hatte den ärgsten Verführer in ihrem Herzen mit sich genommen; sie war wieder auf die alten bösen Wege gerathen, von welchen ich sie gerettet hatte, und ich gerieth über diese Vereitelung meiner guten Absichten, und über den Irrthum, in welchem ich so lange zu Rosens Vorteil gelebt hatte, in einen solchen Eifer, dass ich eine von meinen längsten und schärfsten Predigten begann, die ich über die Verirruugen vom Pfade der Tugend zu halten pflegte.
Ich sprach mit mehrerm Ernst und Strenge als jemals, denn es war hier die Rede von einer rückfälligen Sünderinn, nicht von einer unschuldig Verführten. Ich vergaß ganz, dass ich nicht Rosen, sondern das arme Hannchen vor mir hatte, welche meine Rede mit so heißen Thränen begleitete, als wenn sie die Verbrecherinn gewesen wär, welcher sie galt. Ich konnte die unschuldige Seele nicht weinen sehen, ich erkannte meinen Fehler, und brach ab. Geh, sagte ich zu dem guten Mädchen, geh frommes schuldloses Geschöpf. Diese Thränen, die du über die Vergehungen einer andern vergießest, müssen dir immer in Gedanken bleiben, und dich lehren, wie bitter eigene Verbrechen zu beweinen sein müssen. O Gott, erhalte dieses Herz doch immer so weich und rein wie es jetzt ist! Der bloße Gedanke, es könne dereinst verderbt werden, wär im Stande mich vor der Zeit in die Grube zu bringen.
Ich konnte vor Unruhe über die Begebenheiten des vorigen Tages und über Hannchens seltsame Gemüthsfassung, kaum die Morgenröthe erwarten, ich eilte in das Zimmer meiner Tochter, um zu sehen, ob sich heute ein Anschein zu meiner Beruhigung zeigte, aber ich fand sie nicht nur so unruhig wie gestern, sondern wirklich krank, sie hatte nicht geschlafen, ihre Augen waren trüb und geschwollen, und ihr Gesicht glühte von einer schrecklichen Fieberhitze. – Sie besserte sich gegen den Nachmittag, so dass sie aufstehen konnte, aber irgend etwas vernünftiges, zur Sache dienendes mit ihr zu reden, ihr den Grund ihrer sonderbaren Verfassung abzufragen, daran war nicht zu denken; der Arzt sagte, ich müsse sie jetzt auf alle Art schonen, sie schien einen Gemüthskummer zu haben, der sich nur durch Freundlichkeit und Nachsicht, nicht durch ernste Untersuchungen erforschen ließ.
Mir war gleich erstes Tages der junge Fähndrich v. Wilteck eingefallen, welcher ehemals einen Eindruck auf das Herz des Mädchens gemacht zu haben schien, und der vielleicht auch jetzt der Grund ihrer Unruhe sein konnte. Um zu erfahren, ob ich mich irrte, nannte ich seinen Namen in ihrer Gegenwart einigemal als von ohngefehr, und ich merkte, dass ihre Wangen allzeit bey seiner Erwähnung stärker glühten. Ein andermal fragte ich sie, als wir allein waren, ob sie ihn während ihres Aufenthalts bey seiner Mutter gesehen habe? Sie konnte kaum eine Bejahung meiner Frage zitternd hervorbringen, und als ich mehr von ihm zu hören wünschte, so wusste sie in der Bestürzung weiter nichts zu sagen, als dass er jetzt Lieutenant sei.
Ihre Verwirrung hiebey war so groß, dass ich nichts weiter zu wissen brauchte. Die Sache war klar; sie liebte ihn noch, und wenn weiter nichts als dieses die Ursach ihrer Unruhe war, so konnte ich ja noch wohl hoffen, sie zu trösten. Ein kleiner Lieutenant von neugeschaffenem oder gar keinem Adel, war ja wohl keine Parthie, die zu hoch für die Tochter eines reichen Amtmanns war. Jetzt war nicht die Zeit mit ihr von solchen Dingen zu reden; ich bemühte mich nur, ihr im allgemeinen Muth einzusprechen, welches mir um so viel leichter zu tun ward, da ich selbst wieder Muth bekam, und die schrecklichen Dinge, die mir zuweilen von dem Gemüthskummer des Mädchens einfielen, aus dem Sinne schlug.
Julchen war jetzt völlig wieder hergestellt, sie hatte nichts durch die Blattern verlohren, als die Schönheit und Farbe ihrer Haut, ein Fehler, welcher sich, da sie noch sehr jung war, auch wohl wieder verbessern konnte; ich hütete mich indessen wohl, ihr dieses zu sagen, weil ich hofte, auf die übertriebene Vorstellung, die sie von ihrer Hässlichkeit hatte, viel gutes zu bauen. Hannchen war noch immer sehr schwach, sie brachte die meisten Vormittage im Bette zu, und konnte nur des Nachmittags ein wenig aufstehen; doch fehlte es diesen Stunden, die ich mit meinen beiden Töchtern in gesellschaftlicher Ruhe zubrachte, nicht an Annehmlichkeiten. Zwar unsere Gespräche waren nicht allemal heiter und fröhlich, denn wie viel trauriges war mir in Hannchens Abwesenheit begegnet, das ich ihr doch alles, ob wohl mit einiger Schonung mittheilen musste, aber es gab doch auch wieder Stunden, da das Andenken an unsere Verstorbenen weniger schmerzhaft, die Sorge für die Abwesenden und Verirrten nicht so nagend, und die Aussicht in die Zukunft freyer und unbewölkter war. Ob Hannchen eben diese Linderung fühlte, weiß ich nicht; sie war immer zu still und in sich selbst gekehrt, als dass man sie ganz richtig hätte beurtheilen können, aber sie schien zuweilen doch wenigstens ruhig, und ich nützte denn diese Augenblicke immer, ihr entweder mit entfernten Hoffnungen zu schmeicheln, die ich für die wirksamsten hielt, oder sie auf eine unschuldige Art zu zerstreuen.
Julchen bat mich eines Tages, als wir so ruhig beysammen saßen, doch die Geschichte zu erzählen, welche ich an dem Tage, da Hannchen uns durch ihre Erscheinung so sehr überraschte, eben anfangen wollte, und ich, die schon lange auf diese Aufforderung gewartet hatte, weil ich gesonnen war, unterschiedliches einfliessen zu lassen, das auch Hannchen heilsam sein konnte, fieng folgendermaßen an.
Ich entsinne mich, meine Kinder, dass wir beym ersten Eintritt in das Haus, das wir jetzt bewohnen, unsern neuen Aufenthalt nichts weniger als reizend fanden; es ist wahr, die Gewohnheit und manches Gute, das wir an diesem Orte genossen, hat uns mit unserer Wohnung zufrieden gemacht, aber es dünkt mich doch, als wenn einige von uns noch jetzt sich nicht ganz mit diesen hochgewölbten schallenden Sälen, diesen schmalen finstern Gängen, und diesen tiefen düstern Zimmern, die kein modischer Aufputz ganz aufzuheikern vermag, aussöhnen könnten. Julchen getraut sich nicht anders, als an der Hand ihrer Mutter oder Schwester die schmale finstere Treppe hinab in den Garten zu steigen, im Keller sehen die Mägde des Nachts Lichter, das Merkmaal vergrabener Schätze, brennen, und ihr wisst wohl, dass wir das hier gewöhnliche Abendläuten blos darum haben einstellen müssen, weil der Glöckner allemal, wenn er auf den Thurm gieng, durch eine lange Gestalt geschreckt zu werden vorgab, welche er für den Geist eines alten Ritters von Hohenweiler hielt, der in dieser Gegend umgehen soll. Ihr wisst, was ich von solchen Thorheiten halte, indessen ließ ich mir doch neulich die Sage von diesen Dingen in unserm Orte umständlich erzählen, und ich fand einige Funken von Weisheit darinnen, die mich bewegten, sie im Gedächtnis zu behalten, um sie euch einmal mitzutheilen; ihr seid klug genug, Weisheit und Thorheit zu unterscheiden, das erste zu eurem Nutzen anzuwenden, und das andere zu verlachen.
Die Meynung, die wir von Anfang von diesem Hause hatten, dass es eins von jenen in der Vorzeit so berühmten Raubschlössern gewesen sei, war wie mein Märchen berichtet nicht ungegründet, denn der uralte Besitzer desselben, Franz von Reutlingen genannt, machte es zu seinem beständigen Aufenthalt, und da er so wie viele andere des damaligen Adels nach der Redensart jener Zeiten, von Stegreife lebte, das ist, das Land durchstrich um mit anderer Leuten Hab und Gut seine Schätze zu vermehren, so konnte man seine Wohnung, die der Zufluchtsort seiner Mitgenossen, und der Schauplatz tausendfacher Ungerechtigkeiten war, mit Recht ein Raubnest und eine Mörderhöhle nennen.
Damals war die Gegend rund um her noch nicht bebauet, das Schloß, auf dessen Zimmer er Tag und Nacht auf die Vorüberreisenden lauren ließ, stand noch ganz einsam, und selbst die Stelle, wo jene erhabene Säule an der Nordseite dieser Gegend steht, die dem ganzen Orte den Namen Hohenweiler gab, war damals noch leer, sie ward erst in der Folge zum Denkmaal einer der merkwürdigsten Begebenheiten aus Ritter Franzens Leben gesetzt. – Ich leugne es nicht, wenn mir es etwa in der Dämmerung einmal einfiel, einen Theil des Märchens für Wahrheit zu halten, dass ich mit einem geheimen Schauer vor diesem bejahrten Monument vorübergieng, und Gedanken in mir entstehen fühlte, die ihr errathen werdet, wenn euch die Geschichte so bekannt sein wird als mir.
Franz von Reutlingen, von Jugend auf an ein rauhes wüstes Leben gewöhnt, das er unter die Geschäfte seines blutgierigen Schwerdts, und unter die Ausleerung voller Becher theilte, von welchen er selten nüchtern aufstand, fühlte wenig von jenen sanftern Empfindungen, die der Menschheit zur Ehre gereichen. Liebe und Freundschaft waren ihm fremde noch niegehörte Namen, denn wer wollte die Verbindung raubsüchtiger Bösewichter zu gemeinschaftlichen Unthaten, Freundschaft, oder das unedle flüchtige Wohlgefallen solcher Leute, an weiblicher Schönheit Liebe nennen?
Unter dem Raube, den man täglich in Franzens Schloß zu gemeinschaftlicher Theilung einführte, befanden sich auch oft junge schöne Mädchen, die Töchter der Benachbarten, die man entweder, wenn sie einem von der ehrsamen Gesellschaft gefielen, beybehielt, oder von ihren Aeltern durch große Summen auslösen ließ. Noch keine von so vielen eingebrachten Schönen hatte Franzens Herz rühren, oder nur einen seiner Blicke an sich ziehen können; das Unglück hatte diesen traurigen Vorzug einem Fräulein aufbehalten, die die schönste und beste von allen ihren Gespielen, und also gewiss am wenigsten geneigt war, Franzens Anträge gutwillig anzunehmen. Sie hieß Perchta, und da sie die Tochter des berühmten Hans von Steegen war, so sahe Ritter Franz wohl ein, dass er ehrerbietiger mit ihr als mit andern verfahren, und sie bey ihrem Vater, der ein reicher, angesehener, und ehrlicher Ritter war, geziemend zur Ehe fordern müsse.
Die Geschichte erwehnt nicht, was Hansen von Steegen, der sonst einen unüberwindlichen Abscheu gegen den raubsüchtigen Adel seiner Zeiten geäußert hatte, bewog, seine Tochter Franzen ohne Weigerung zuzusagen, aber, so viel ist gewiss, dass er es that, und dass die arme Perchta nach der Sitte jener Zeiten einwilligen musste.
Sie ward also die Frau eines Mannes, den sie nicht lieben konnte, den sie verabscheuen musste, eines Mannes, der zwar eine Neigung für sie fühlte, die er Liebe nannte, die er aber auf so widrige Art äußerte, dass sie ihr zur Quaal gereichte. Ein Weib war in seinen Augen ein Geschöpf niederer Gattung, das keine Achtung verdiente, und was ist Liebe ohne Achtung? ein Hirngespinnst, das sich kaum denken lässt. – Man musste so gut sein wie Perchta, um die Begegnung geduldig zu ertragen, die sie täglich erfuhr. Doch hätte ihr Herz, das ächt und empfindungsvoll war, den traurigen freudenleeren Zustand gewiss nicht lange ertragen können, wenn sie nicht mitten in ihrem Elend eine Quelle des Vergnügens entdeckt hätte, welche ihr das Leben wieder lieb machte, und sie den Stand, in welchen sie ihr Schicksal gesetzt hatte, segnen ließ.
Täglich sahe sie vor ihren Augen Schauspiele der Grausamkeiten aufführen, die ihr Herz durchbohrten, täglich kam Franz von Menschenblute bespritzt, auf sein Schloß zurück, täglich wurden in die Gefängnisse des Schlosses neue Gefangene gebracht, die man, wenn sie sich nicht lösen konnten, entweder ermordete, oder in ihren Kerkern verschmachten ließ. Oft hatte Perchta ihre bittende Stimme zum Besten dieser Unglücklichen erhoben, aber man hatte ihre Worte nicht geachtet, sie wohl gar wegen ihrer Weichherzigkeit verspottet und bedrohet. Sie war klug genug endlich zu schweigen, da sie sahe, dass ihre Mühe vergebens war, und diese Aenderung in ihrer Aufführung machte, dass man glaubte, sie gewöhne sich nach und nach an die Sitte des Schlosses, und würde vielleicht endlich noch so weit kommen, die erhabenen Gesinnungen ihres Gemahls zu erreichen, eine Muthmaßung, welche sie nicht bestritt, und die sie sehr in Franzens Meynung erhob.
Franz ward gefälliger gegen seine Gemahlinn; sie stellte sich habsüchtig, und er bereicherte sie mit den Schätzen der Unterdrückten, sie gab vor, ein Vergnügen an den angefüllten Gefängnissen zu haben, und er machte sie zur Kerkermeisterinn seiner Gefangenen. Welche herrliche Gelegenheit zum Wohlthnn für Perchten! Sie wandte ihre Schätze auf schlaue Art an, die Unglücklichen loszukaufen, ließ es denen, die sie aus dieser oder jener Ursach länger im Kerker behalten musste, an keiner Erquickung fehlen, schafte die grausame Behandlung der Gefangenen unter dem Vorwande ganz ab, dass dieselbe nur dazu diene, die Einkünfte ihres Herrn zu schmälern, weil mancher durch dieselbe sein Leben einbüssen müsse, dessen Loskaufung dem Schatze noch ein Großes hätte einbringen können. Da man anfieng viel Zutrauen in sie zu setzen, so ward es ihr endlich auch leicht, manchen heimlich loszulassen, und ihm die Summe, die sie auf seine Ranzion gerechnet haben würde, als Wegzehrung mitzugeben.
Ritter Franz merkte nicht, was für einen Handel seine Gemahlinn trieb, er beschenkte sie immer von neuem, und fragte denn wohl zuweilen nach dem Anwachs ihrer Schätze, aber Perchta, welche jetzt sich schon eine Freyheit bey ihrem Gemahl nehmen konnte, affektirte dann entweder den Eigensinn der Geizigen, die aus Furcht, man möchte sie für reich halten, niemanden zeigen, was sie in ihrem Kasten verschliessen, oder sie wandte vor, ihre Reichthümer vergraben zu haben, oder sie hatte irgend einem Kloster eine reiche Schenkung gelobt, welche ihren Vorrath geschmälert hatte. Franz, der die Schenkung an Klöster für ein sehr verdienstliches Werk hielt, und es gern sah, wenn Perchta die Büßung für seine Sünden über sich nahm, tadelte diesen Vorwand so wenig als die andern, und so kam die edle Frau immer glücklich durch, ohne das Vermögen und die Gelegenheit Unglückliche zu retten, welches beydes allein von Franzens Zufriedenheit mit ihr abhieng, einzubüßen.
Eines Tages ward ein alter ehrwürdiger Mann eingebracht, den man blos darum gefangen genommen, und geschworen hatte, ihn übler zu halten, als alle andere, weil er die Hoffnung seiner Räuber hintergangen, und unter dem täuschenden Schein eines ziemlich guten Kleides, nichts als einige Kupfermünze bey sich gehabt hatte. Perchta bat Franzen diesen betrügerischen Alten ganz ihrer Willkühr zu überlassen, und ferner nicht nach ihm zu fragen. Die Bitte ward auf eine Art vorgebracht, welche wenig Gutes für den Gefangenen vermuthen ließ, und der Ritter gewährte sie also ohne Bedenken.
Aber Perchta that, wie sie gewohnt war. Die Nacht war nicht sobald eingebrochen, so gieng sie in den Kerker des Alten, sprach freundlich mit ihm, labte ihn mit Speise und Wein, schenkte ihm viel Gold und Silber, und ließ ihn durch einen unterirdischen Gang aus dem Kerker, nachdem sie ihre gewöhnliche Bitte an ihn getan hatte, mit welcher sie alle ihre Freygelassenen abfertigte, er möchte doch jedermann warnen, sich nicht in den Bezirk dieses gefährlichen Schlosses zu wagen, auch möchte er nicht vergessen, bey Gott und seinen Heiligen für sie zu bitten, dass ihr die Sünde ihres Gemahls nicht zugerechnet, er bekehrt, und wo möglich von weitern Versündigungen abgehalten werden möge.
Sie stand noch mit holder Geberde vor dem Alten, und flehte mit kreuzweis auf die Brust gelegten Händen um die Gewährung ihrer Bitte, da dünkte es ihr, als sähe sie wie das Gesicht desselben sich verklärte, sein Gewand anfienge zu schimmern, und seine ganze Gestalt in Lichtglanz zerflösse. – Ich bin Sankt Peter, der Schutzheilige der Gefangenen, tönte ihr eine ätherische Stimme zu, ich hörte, was du für die Meinen thatest, ich kam herab, die Wahrheit des Gerüchts zu prüfen, ich habe dich rein und lauter erfunden, wie die Engel Gottes, und verspreche dir zur Belohnung deiner Frömmigkeit, die Gewährung einer Bitte, die du einst an dieser Stelle tun musst. – – Es war eben die Stelle, wo die hohe Säule steht, die ihr, meine Kinder wohl kennt, und deren ich im Anfang gedachte.
Perchta sah der schimmernden Gestalt nach, wie sie in der Luft zerfloß, nahm ihre Laterne, die verloschen war, von der Erde auf, hüllte sich mit einem kleinen Schauer in ihren Mantel, und wandelte den unterirdischen Gang zurück nach ihrer Wohnung, ohne dass sie sich recht besinnen konnte, ob das, was ihr begegnet war, Wahrheit oder Traum sei.
Sankt Peter musste die Bitte der edeln Frau wohl zu Herzen genommen haben, denn von diesem Tage an kam die Nahrung des Ritters Franz von Reutlingen sehr in Verfall. Die Gegend um das Schloß ward eine Wüste, alle Menschen flohen diesen Bezirk, als ob sie vom geheimen Schrecken zurück gescheucht würden; verirrte sich denn noch ja ein Wanderer in Franzens Gebiet, so mißlungen die Anschläge auf ihn gemeiniglich, so dass Perchtens Gefängnisse ganz leer wurden, und sie weder jemand zu verschliessen, noch freyzulassen hatte; aber Ritter Franzens Schatzkästen wurden es auch, und er fieng an, sich jetzt mehr als vordem nach den Vorräthen seiner Gemahlinn umzusehen.
Perchtens Weigerungen und alle ihre vormals gültigen Entschuldigungen waren vergebens, es wurden ihr alle ihre Schlüssel abgefordert, und eine Untersuchung angefangen, für welche die arme Dame zitterte, denn sie wusste wohl, dass ihre Wohlthätigkeit alle Kästen geleert hatte, und ihr boshafter Gemahl nichts finden würde.
Sie war voller Angst in den Garten gegangen um daselbst ihr Schicksal, das sie wohl absehen konnte, abzuwarten. Aber wie groß war ihr Erstaunen, als sie nach Verlauf einer Stunde Ritter Franzen freundlich und heiter eintreten, und sie zum erstenmal seit ihrem Hochzeittage, mit einiger Zärtlichkeit umarmen sahe. – Perchta, sagte er, du hast wohl hausgehalten, ich sehe, du bist eine so gute Schatzmeisterinn als Gefangenwärterinn; aber du darfst nicht denken, dass ich dir alle deine Schätze nehmen will, hier gebe ich dir indessen einen Theil derselben wieder, es wird ohngefähr der zwanzigste Theil dessen sein, was ich bey dir gefunden habe. Perchta sah ihren Gemahl mit großen verwundrungsvollen Augen an, sie öfnete den ihr wohlbekannten Beutel, den er ihr in die Hand legte, und fand ohngefähr eben das an Quantität und Gehalt darinne, was sie ehemals Sankt Petern auf die Reise gab, und das nicht wenig gewesen war. Sonderbar, sagte Ritter Franz, dass du alles in solcher schöner Ordnung, alles in solchen schönen Beuteln, und in solchen guten und egalen Münzsorten aufbewahrt hast; fast möchte es mich dauren, dir deine kleine Götzen genommen zu haben.
Perchta schwieg, wie man denken kann, und dankte in der Stille ihrem guten Freunde Sankt Petern, welcher, wie sie leicht errieth, der Urheber dieses Segens war. Sie wandte ihren Schatz zum Wohlthun an, und wunderte sich sehr, ihn nie abnehmen zu sehen. Nicht so Ritter Franz; er brauchte nichts von dem Seinigen zum Wohlthun und doch waren seine neunzehn Beutel längst leer, da Perchta den ihrigen noch nicht geöfnet zu haben schien.
Die Sachen auf dem Schlosse fiengen nun an ein trauriges Ansehen zu gewinnen, Franzens Schätze waren verzehrt, und mit ihnen war auch seine gute Laune dahin. Der heimliche Schatz seiner Gemahlinn schützte zwar das Haus vor Mangel, aber sie trug billiges Bedenken, ein einiges Goldstück aus ihrem gesegneten Beutel zur Ueppigkeit anzuwenden, und ohne Ueppigkeit und Schwelgerey konnte ihr Gemahl nicht leben. Zudem zog sich ein Ungewitter von der andern Seite auf. Der Kaiser hatte lange zu den Raubereyen seines Adels geschwiegen, jetzt erwachte er, dem Unrecht zu steuren, und Ritter Franz stand oben an auf der Liste der Verbrecher.
Nicht lange, so sahe man Reutlingens Schloß von den Kaiserlichen umringt, und obgleich Franz alle seine Freunde und Helfer um sich versammelt hatte, und ein gutes Vertrauen auf seine alte Veste setzte, die schon manchen Angrif unerobert ausgehalten hatte, so siegte doch diesesmal die größere Macht, und die gute Sache. Reutlingens Raubgenossen fielen fast alle im Streite, und Franz ward gefangen und in einen von den Kerkern seines eigenen Schlosses geworfen, in welchem er ehemals so manchen Unglücklichen hatte verschmachten lassen.
Frau Perchten begegnete man mit Achtung; es waren unter den Kaiserlichen einige, welche vormals in Reutlingens blutgierige Hände gefallen, und von ihr gerettet worden waren. Sie prießen ihr Lob gegen ihren Anführer, und man gestand ihr zur Belohnung ihrer guten Taten, die Freyheit zu, im Schlosse zu schalten, als ob sie noch Gebieterinn desselben sei. Ihre Schönheit fand noch mehr Bewunderer als ihre Tugend, aber sie zog sich sittsam zurück, und bat, als man ihr eine Bitte freygab, um nichts als um die Erlaubnis das Gefängnis mit ihrem Gemahl zu theilen. Seine Freyheit zu erbitten, hatte sie schon vergebens gestrebt, und als die weibliche Schwachheit sie zu dem Einfall verleitete, ob die Loslassung ihres Gemals sich nicht mit Gelde erkaufen ließ, fand sie ihren Beutel leer. Sie sann darauf, ob Franz sich nicht mit List durch den unterirdischen Gang davon bringen ließ, aber jeder Versuch, den sie machte, ward vereitelt, und als sie wirklich einmal die Wachsamkeit seiner Hüter getäuscht, und Franzen schon an den Eingang dieses düstern Weges gebracht hatte, so fand es sich, dass er weiter hin verfallen war, und auch in den Gegenden, wo man sich allenfalls hätte durcharbeiten können, den Einsturz drohte, so dass Franz, der in diesem Augenblick Leben und Freyheit gegen einander abwog, und diese gegen jenes zu leicht fand, lieber in seinen Kerker zurück kehrte, als sich der Gefahr erschlagen zu werden, die seine treue Gemahlinn gern mit ihm getheilt hätte, aussetzen wollte.
Noch ein Mittel zu Franzens Rettung war Perchten übrig. Sie wusste, dass ein Gebet an der Stelle, wo Sankt Peter ihr erschienen war, erhört werden würde, denn er, der bisher so treu in seinen Verheißungen erfunden worden war, hatte es ihr zugesagt; sie sehnte sich dahin um für ihren Gemahl zu bitten, aber wie sollte sie dahin gelangen? Der Ausgang aus dem Schloße ward ihr auf keine Art verstattet, und der unterirdische Weg an den heiligen Ort war verschüttet.
Doch nahm sie ihr Leben in die Hand, wagte sich in einer Nacht in die verfallene Gruft, und hofte sich durch Schutt und Trümmer endlich durcharbeiten zu können, um ihre fromme Absicht auszuführen; aber so leicht ihr auch der Weg ward, vor welchem ihr mit Recht hätte bange sein können, so schlug ihre Hoffnung doch auf andere Art fehl. Zwar fand sie den Gang so gänzlich von Schutt und Steinen geräumt, und die Gewölber so fest, dass sie auf die Gedanken kam, die Kaiserlichen hätten diesen geheimen Ausweg gefunden, und ihn zu ihrer eignen Bequemlichkeit wieder hergestellt, aber sie ward durch die wenigen Beschwerlichkeiten die ihr aufstiessen, nichts gebessert, denn es war ihr unmöglich den Ausgang zu finden, sie irrte die ganze Nacht in den verschlungenen Gängen und Nebenhöhlen umher, und kehrte endlich gegen den Morgen traurig in ihre Wohnung zurück. So werden denn, schrie sie mit thränenden Augen, alle meine Bemühungen den Unglücklichen zu retten vereitelt? – ach ich merke es wohl, eine unsichtbare Hand ist hier mit im Spiele, und es bleibt mir nichts mehr übrig, als nach der Pflicht einer treuen Gattinn das Schicksal desjenigen zu theilen, mit welchem der Himmel mich nun einmal verbunden hat.
Hier war es, wo sie von dem Anführer der Kaiserlichen die Erlaubnis erbat, bey ihrem Gemahl im Kerker leben zu dürfen. Man bewunderte ihre Treue, und entließ sie an den Ort, den sie sich selbst gewählt hatte. Die Anbeter ihrer Schönheit waren doch nicht besser daran, wenn sie auch frei war; denn ihre Eingezogenheit entzog sie ihrem Anblicke, sie mochte sich nun auf ihrem einsamen Zimmer oder in dem Kerker ihres Mannes befinden.
So weit war ich in meiner Erzählung gekommen, als der Oberste von Wilteck sich bey mir melden ließ. Seit meines Mannes Abreise nach Berlin hatte ich allen Umgang mit dem hochadelichen Hause aufgehoben; meine liebe Frau von Wilteck war nicht gegenwärtig, und ihr Gemahl, nebst dem Obristen, waren nie Leute nach meinem Geschmack gewesen. Auch hatten sie in meiner gegenwärtigen Einsamkeit mich nie mit ihren Besuchen beunruhigt, und ich wunderte mich um so vielmehr, dass ich heute einen erhalten sollte.
Der Vorwand, unter welchem der Oberste zu mir kam, war ein Brief von meinem Mann aus Berlin, aber die Ungeduld, mit welcher er strebte ein gewisses Gespräch anzufangen, und die Weitläuftigkeit, mit welcher er sich bey demselben aufhielt, ließ mich es bald begreifen, dass das erste nur die Nebenursach seines Kommens war.
Fast ohne alle Veranlassung, ohne allen Eingang, brachte er das Gespräch auf seinen Neffen, den Lieutenant Wilteck, sagte viel zu seinem Lobe, wobei er Hannchen unabläßig ansah, und schloss endlich mit der Nachricht, er sei unter die – schen Truppen gegangen, und werde mit denselben nächster Tage sich nach Amerika einschiffen. Schon jetzt hat er den Charakter als Hauptmann, sagte er, und wie hoch kann er sich in den vier oder fünf Jahren bis zu seiner Rückkunft schwingen? er ist in aller Absicht ein hofnungsvoller junger Mensch, der seiner Familie Ehre machen wird, und Amerika ist recht der Ort, wo er etwas versuchen, und sich mit Reichthümern beladen kann, um in seinem Vaterlande glänzen, und nach der Hand des schönsten und vornehmsten Fräuleins streben zu können.
Ich hörte nicht weiter auf des Menschen albernes grundloses Gewäsch, sondern sahe nur Hannchen verstohlen an, welche noch in der Stellung, mit geschlossenen Augen in ihrem Stuhl zurück gelehnt da saß, die sie bey des Obristen Eintritt angenommen hatte. Ihre zunehmende Bläße bezeigte, was der eben gehörte Vortrag für einen Eindruck auf sie machte. Ich ward in dem Augenblicke in der Meynung bestärkt, dass ihre Liebe zu dem jungen Wilteck, und das Missfallen, welches das vornehme Haus an derselben gehabt haben mochte, sie wieder in die Arme ihrer Mutter getrieben hatte. Es war ja offenbar, dass der boshafte Obriste seine Neuigkeiten nur darum so ungebeten auskramte, um Hannchen zu kränken, und ihr alle Hoffnung zu der hohen Verbindung abzuschneiden.
Die Mamsell Tochter sind wohl sehr unpaß, sagte der Oberste wieder mit einem hämischen Blick auf Hannchen, nachdem er noch eine lange Weile ununterbrochen und von mir fast unbemerkt fortgeplaudert hatte. Ja in der That, erwiederte ich, indem ich aufstand, ich glaube sie bedarf Ruhe, und es scheint noch nicht, als wenn der einförmige Ton des Gesprächs sie in Schlummer wiegen wollte. Welches ich von Herzen gern glaube, antwortete der abscheuliche Schwätzer mit einem höhnischen Lächeln, indem er gleichfalls aufstand, um sich zu empfehlen. – Gern hätte ich ihm zum Abschied noch etwas bitteres gesagt, aber ich hielt es für besser zu schweigen, und gar nicht beleidigt zu scheinen; im Grunde wusste ich auch noch zu wenig von der rechten Lage der Sache, um einsehen zu können, wohin ich die meiste Stärke meines Unwillens wenden sollte.
Wir waren nun wieder allein, und ich winkte Julchen das Zimmer zu verlassen, weil ich den gegenwärtigen Augenblick für die schicklichste Zeit hielt, endlich von Hannchen Auskunft über so viel verborgene Dinge zu erhalten.
Sage mir, um Gottes willen, rief ich, nachdem ich sie eine Weile angesehen hatte, wie sie so vor mir saß und die Thränen unter ihren geschlossenen Augenliedern hervordrangen, sage mir, was soll ich aus deinem seltsamen Zustande machen? was ist mit dir, während deines Aufenthalts in dem Wilteckischen Hause vorgegangen? Dein Haß gegen die meisten, und deine Neigung gegen Einen aus diesem Hause ist offenbar. Ich will dir das Geständniß ersparen, du liebst den Lieutenant und er dich vielleicht auch, eure Leidenschaft wird von seinen Verwandten gemißbilligt, und man sucht euch von einander zu trennen; sprich, ist dieses nicht der Gegenstand deines Kummers? Hannchen antwortete mir mit einem bejahenden Hauptwink, denn sie vermochte vor Thränen nicht zu sprechen.
Aber, bestes Mädchen, fuhr ich fort, bedenke doch, ob dieses eine hinlängliche Ursache ist, dir das Herz abzunagen! bedenke doch, wie viel Dinge in der Zukunft möglich werden, die wir jetzt ganz aufgeben müssen. Lass doch den jungen Menschen einige Jahrlang in der Welt sein Glück versuchen, er kommt ja zurück, und ist er dir denn noch treu so – oder zweifelst du an seiner Treue? – oder fürchtest du für die Gefahren, die auf der weiten Reise seinem Leben drohen könnten? Deine Winke bedeuten mich, dass dieses nicht der Grund deiner Unruhe ist, nun so sprich, was ist es denn; entdecke dich doch einer Mutter, die dich so sehr liebt, die Trost und Hoffnung für dich in Ueberfluß hat.
Sie warf sich um meinen Hals, und fuhr fort zu weinen, ich begleitete ihre Thränen mit den meinigen, denn ihr Kummer durchbohrte mein Herz. Endlich riss sie sich von mir los, küsste meine Hand, und bat mich, ihr Frist bis morgen zu geben, da sie sehen wollte, ob sie sich zu einer umständlichen Erzählung ihrer Leiden ermannen könne.
Ich drang nicht weiter in sie, sondern setzte alle meine Hoffnung auf den morgenden Tag, aber er erschien, er verlief mehr als zur Hälfte, und Hannchen blieb stumm. Gegen Abend, da ich mich eben gefasst machte ihr noch einmal ernstlich zuzureden, bat sie mich, doch Julchen rufen zu lassen, und ihr die Geschichte des vorigen Tages vollends zu erzählen.
Ich zuckte die Achseln mit einer unwilligen Miene: denkst du mich zu bereden, fragte ich, dass du in deiner jetzigen Verfassung Geschmack an einem Kindermährchen finden könnest? – Gönnen sie mir, antwortete sie, doch nur noch diese kleine Erholung, diesen kleinen Aufschub, ehe ich mich an eine Erzählung wage, vor welcher mir so bange ist, welche alle Wunden meines Herzens wieder aufreißen wird, welche vielleicht – –
Eben trat Juchen herein, und unser Gespräch ward unterbrochen. Ich ward von beiden an die Fortsetzung der Geschichte erinnert, und ich fieng halb gezwungen an dem Orte an, wo ich des vorigen Tages aufhören musste.
Perchta konnte mit Recht hoffen, ihre Gegenwart würde ihrem Gemahl eine Art von Linderung sein; und hätte er auch weiter keinen Vorteil von derselben gehabt, als die Freyheit, seinen Kummer in ihren Schoos auszuschütten, so wär schon dieses genug gewesen. Du weißt es, mein Hannchen, wie süß es ist alle Geheimnisse seines Herzens mit einer Person zu theilen, die uns liebt und zu trösten sucht.
Diese Bemerkung war ein wenig zu gesucht. Ritter Franz hatte seiner Frau keine Geheimnisse zu entdecken, und es war offenbar, dass diese Stelle blos um der Zuhörerin willen da war, ein Blick von Hannchen sagte mir, wie gut sie mich verstünde, und ich fuhr fort.
Reutlingen war indessen nicht der Mann, der Geschmack an solchen Ergießungen des Herzens hatte, sein Charakter war zu rauh und hart, weder Rath noch Trost fand bey ihm Eingang, und erst nach vieler Mühe machte ihm seine Gemahlin begreiflich, dass er sich in seiner gegenwärtigen Verfassung durch nichts retten könnte, als durch Demüthigung vor dem Kaiser, und durch Ausführung eines Plans, den sie ihm vorlegte.
Was man auch, sagte sie, an eurem bisherigen Leben mag tadeln können, so ist doch so viel gewiss, dass ihr ein tapferer Mann seid. Der Kaiser weis tapfere Leute zu schätzen, und wenn ihr euch gegen ihn bezeugt, wie ihr es eurem Herrn schuldig seid, und mit Bezeugung einiger Reue wegen des Vergangenen um Kriegsdienste bittet, so wird er nicht ermangeln, euch ein kleines Heer anzuvertrauen, mit welchem ihr eure Tapferkeit beweisen, und euch seine Gnade erwerben könnt. Bedenkt doch, dass im Kriege auch Beute zu machen ist, und dass man durch die Taten gegen einen rechtmäßigen Feind, noch über dies Ruhm und Ehre erwirbt, ein Gut, welches euch euer Schwerdt bisher noch nicht hat gewinnen können.
Reutlingen hieß seine Frau von Dingen schweigen, die sie nicht verstünde, sann hin und her, fand keinen Ausweg aus seinem Elend, und ergriff endlich doch den Rath der weisen Perchta.
Der Kaiser war gnädig, er verziehe Franzen, und machte ihn, nach einigen nötigen Vorkehrungen zu Versicherung seiner Treue, zum Anführer eines Geschwaders, welches er seinem Sohne, der eben wider die Bayern zu Felde lag, nachsenden wollte.
Reutlingens Schloß blieb als Unterpfand in den Händen des Kaisers; man wollte Frau Perchten zwar aus besonderer Milde erlauben, in Abwesenheit ihres Gemahls darauf zu hausen, aber ihr Vater, Hans von Steegen, fand dieses unziemlich für eine so junge und schöne Frau, wie seine Tochter war; er nahm sie zu sich, und brachte sie weit von hier in ein Kloster, um daselbst Ritter Franzens Rückkunft zu erwarten. – Ihre Abreise gieng so eilig vor sich, dass sie nicht einmal Zeit hatte, wie sie gesonnen war, erst an Sankt Peters Stelle, so pflegte sie den heiligen Ort zu nennen, wo ihr der Heilige die Gewährung einer Bitte versprach, für das Glück ihres Gemahls zu flehen.
Reutlingen hatte im rechtmäßigen Kampfe nicht so viel Glück als bey seinen Raubereyen. Er verrichtete zwar genug tapfere Taten, aber sie nutzten ihm wenig; andere wussten sie sich zuzueignen, andere nahmen den Ruhm und den Vorteil dahin, und ihm blieben Wunden und verstümmelte Glieder zur Belohnung. Mit einem zerhauenen Arm und einem gelähmten Schenkel kehrte er aus dem Felde zurück, ärmer als er zuvor war, und wegen übel geheilter Wunden, nicht einmal im Stande, Theil an dem Siegsfeste zu nehmen.
Der Kaiser war gerecht, er beklagte den, der bey den wenigen Schritten, die er auf dem Wege der Tugend getan hatte, so schlechtes Glück fand; er redete freundlich mit ihm, er bot ihm ruhige Dienste an seinem Hofe an, er erhob ihn, als er dieses mürrisch aus schlug, zur Belohnung seiner Kriegsthaten, die er doch nicht einmal alle kannte, in den Grafenstand, und ließ ihn wieder heim auf sein Schloß ziehen, welches er in seiner Abwesenheit hatte bessern und ausbauen lassen, und das er jetzt mit ansehnlichen Freyheiten beschenkte, so dass Franz auf demselben gar wohl leben konnte.
Perchta verließ mit schwerem Herzen ihr ruhiges Leben im Kloster, und eilte zu ihrem Gemahl, von welchem sie glaubte sich nicht anders trennen zu dürfen, als wenn er sie selbst verstieß. Ihr Empfang war noch schlechter als sie ihn erwartet hatte. Reutlingen war ein düstrer Menschenfeind geworden, keine Freude war für ihn mehr auf der Welt, und selbst das, was ihm bey seinem bösen unverbesserlichen Herzen, noch einiger Trost gewesen sein würde, die Macht Böses zu tun, selbst dieses fehlte ihm. Seine Kräfte waren geschwächt, seine Glieder verstümmelt, seine Schätze verflogen, er war weder fähig sein altes Raubhandwerk wieder vorzunehmen, noch seinen heimlichen Groll gegen den Kaiser auszulassen, den er ungeachtet seines gnädigen Verfahrens gegen ihn, den Urheber seines Unglücks nannte.
Perchta litt am meisten bey seinen fürchterlichen Launen, sie nannte er die Urheberinn seines Unglücks, sie war die einige, die er nach Wunsch quälen, und alles Gift das in seinem Herzen war, über sie ausströmen konnte. Geduld einer Heiligen gehörte dazu, seine Grausamkeit zu ertragen. Ihr einiger Trost war das Gebet, und die Gesellschaft einer gewissen Römhild, die sie im Kloster kennen gelernt, und sie mit sich genommen hatte, weil es ihr unmöglich dünkte, sich von dieser ihr so nahe verwandten Seele zu trennen.
Römhild, ein Fräulein aus einem unbegüterten aber vornehmen Geschlecht, war an Tugend, Schönheit und Unschuld das vollkommene Ebenbild von Reutlingens Gemahlin; sie war ihr ungern in die Welt gefolgt, weil nur das Kloster Reize für sie hatte, die Freundschaft für Perchten machte ihr indessen dieses Opfer leicht, und sie bemühte sich, um ihr Gelübde auf keine Art zu brechen, selbst auf Franzens Schloße ein klösterliches Leben zu führen. Reutlingen selbst bekam sie nur selten zu sehen, auch machte ihr Anblick keinen andern Eindruck auf ihn, als den, den jetzt jedes menschliche Wesen auf sein verwahrlostes Herz zu machen pflegte. Römhild war schön und gut, sie war Perchtens Freundinn; Grund genug für Franzen sie zu hassen, und auf ihr Verderben zu sinnen. Der Trieb Böses zu tun, wozu es ihm doch in den meisten Fällen an Vermögen fehlte, war jetzt so heftig in ihm geworden, dass er darauf dachte, ihn zu befriedigen, es möchte geschehen, auf was Art es wolle.
In jenen finstern Zeiten des Aberglaubens gab es genug Leute, die sich für Zauberer ausgaben, oder vielmehr, um mich nicht zu sehr von dem Ton meiner Geschichte zu entfernen, die es wirklich waren. Reutlingen zog insgeheim die berühmtesten seiner Gegend an sich, um von ihnen die schreckliche Kunst zu lernen, bey wenigen Kräften viel Böses zu tun. Er erwartete große Dinge von seinen abscheulichen Lehrmeistern; er hofte durch ihre Hilfe sich an dem Kaiser und an der ganzen Welt, von welcher er sich verkannt und vernachläßigt glaubte, zu rächen, aber alles was ihm diese armseligen Bösewichter gewähren konnten, war Unterricht in einigen verborgenen Künsten von der geringsten Art, die ihn zu einem Unglücksstifter in einer weit kleinern Sphäre machten, als er sich wünschte.
Perchta kam hinter das gottlose Vorhaben ihres Mannes, sie hoffte es zu hintertreiben, oder wenigstens seine Folgen zu schwächen. Sie wusste, dass eine gewisse Nacht zu Franzens feyerlicher Aufnahme in die Geheimnisse der schwarzen Kunst bestimmt war. Sie erfuhr, dass der Ort, wo das schreckliche Fest gefeyert werden sollte, unter freyem Himmel, dass es kein anderer als derjenige war, den sie Sankt Peters Stelle zu nennen pflegte. Mit verneutem Muth entschloß sie sich, selbst bey der Feyerlichkeit gegenwärtig zu sein, und das auszuführen, was sie beschlossen hatte.
Die Nacht erschien. Franz entfernte sich mit seinen Helfern vom Schlosse. Perchta schlich sich durch den unterirdischen Gang an den Ort, wo sie wusste, dass sie ihren ruchlosen Gemahl finden würde. Es war ihr diesen Abend besonders schwer geworden, Römhilden, die von diesen Dingen nichts erfuhr, von ihrer Seite zu entfernen, sie hatte sich verspätigt; die den Geheimnissen der Magie geweihte Stunde war bereits verflossen, da sie auf Sankt Peters Stelle anlangte. Sie hörte nur noch die letzten Worte des Beschwörers, in welchen er Franzen mit umumschränkter Macht, Böses zu tun bekleidete, so dass weder Engel noch Heiliger im Stande sein sollen, seine Absichten zu hindern.
Perchta schauerte in sich zurück vor dem schrecklichen Klange der Worte; sie sah, dass sie zu spät kam Böses zu hindern, aber sie fühlte, dass sie es wenigstens in ihrer Macht hatte, es zum Guten zu kehren. Sie dachte an die freye Bitte, die ihr Sankt Peter gewährt hatte, sie sank auf der heiligen Stelle nieder, und flehte zu Gott, dass alles Böse, das ihr ruchloser Gemahl tun würde, zum Besten derer, denen er zu schaden suchte, gewendet werden möge. Sie fühlte die Versicherung der Erhörung in ihrem Herzen, stand auf, eilte in das Schloß zurück, und legte sich ruhig an Römhilds Seite schlafen.
Ihre Ruhe dauerte nicht länger als ihr Schlaf, denn schon der andere Morgen ließ sie Nachrichten von Unglücksfällen hören, welche vielleicht die Erstlinge von Franzens neuerlernter Kunst waren. Einem benachbarten Ritter, den Reutlingen besonders haßte, war sein schönes Schloß abgebrannt; und der hoffnungsvolle Sohn eines andern war, als er in der ersten Morgendämmerung über den Strom gehen wollen, von der Brücke gefallen und ertrunken.
Reutlingen lachte und sprach, er habe ja selbst nichts als ein altes verödetes Schloß, welches seinetwegen heute abbrennen möchte; auch habe ihm das Glück nie Kinder gegönnt, er glaubte also wohl, dass andere das auch missen könnten, was er entbehren müsste.
Jeder neue Tag überzeugte Perchten, dass es mit Franzens Gabe Böses zu tun, kein Scherz sei; sie wusste nicht, auf was für Art er seine unselige Kunst ausübte, aber dass alles Unheil in der Gegend des Schlosses von ihm her kam, war offenbar, war schon dadurch genug erwiesen, dass dasselbe immer besonders diejenigen traf, die sie liebte. Ein kleines Mädchen, ihre Pathe, die sie zuweilen um ihre Schönheit gelobt hatte, ward von scheußlichen Blattern entstellt, die ihr fast so wenig äusserlichen Reiz überliessen, als dem armen Julchen. Eine andere von ihren Freundinnen, welche sie im Begriff stand mit einem liebenswürdigen jungen Menschen zu verheyrathen, ward von ihrem Bräutigam getrennt; er ward in fremde Lande getrieben, und die Arme behielt nach ihren Gedanken wenig Hoffnung übrig ihn jemals wieder zu sehen. Solche Posten bekam sie alle Tage, und ihr edles empfindungsvolles Herz litt unaussprechlich dabei. Ach Sankt Peter! rief sie oftmals in halber Verzweiflung aus, wo sind deine Versprechungen? wo die Erhörung meiner Bitte? wo ist auch nur eine Spur, dass das gestiftete Böse zum Guten verkehrt worden sei?
Gab es noch etwas, das sie zu trösten vermochte, so war es Römhilds Umgang. Zwar zitterte sie oft nur ihren Namen zu nennen, es sich nur auf die entfernteste Art merken zu lassen, wie sehr sie sie liebte, weil sie fürchtete, dass ihre Freundin eben um ihrer Liebe willen einst würde leiden müssen; zwar fehlte es nicht an Beweisen, dass man wirklich Böses wider Römhilden vorgehabt habe, aber immer war es, als wenn eine unsichtbare Macht für sie wachte, und alles was zu ihrem Nachteil gereichen konnte, vereitelte.
Auch war Reutlingen wirklich in Verlegenheit, auf welcher Seite er Römhilden recht empfindlich angreifen sollte. Ihre Schönheit achtete sie nicht, sie war arm und hatte also nichts zu verlieren, und was ihr Leben anbelangt, so glaubte Franz nicht, dass ein Mädchen, welches Muth genug hatte sich dem Kloster zu widmen, für dem Tode beben könne. Nur ein Gut hatte sie, das ihr über alles theuer war, und dieses war ihre Tugend, aber wie war es möglich ihr dieses einige wahre und ewige Eigenthum der Seele wider ihren Willen zu rauben? Reutlingen wusste wohl, dass keine Zauberkraft vermögend ist, uns auf den Weg des Lasters zu leiten, wenn wir ihn nicht selbst freywillig wählen. – Er dachte über diesen Gegenstand nach, und nahm seine Maaßregeln.
Franz glaubte schon seit einiger Zeit eine schwache Seite an Römhilden entdeckt zu haben. Seit dem Tage, da er Conraden, einen jungen Edelknaben, in seine Dienste genommen hatte, ließ Römhild sich öfter als sonst sehen; sie schien sich zu freuen, dass die Blicke des schönen Jünglings sich oft und zärtlich auf sie richteten; sie schmückte sich um ihm zu gefallen, suchte seine Gegenwart auf, hörte seine schmeichelnden Gespräche an, und schien ihre Bestimmung ganz zu vergessen. Mit höhnischer Schadenfreude sah Reutlingen die Schwachheit der frommen Nonne, wie er sie zu nennen pflegte, er glaubte gewonnen zu haben, er stellte sich als den besten Freund der Liebenden, er verschafte ihnen alle Gelegenheit sich zu sehen, und auf diese Art gelang es ihm Römhilden zur Verbrecherin zu machen, Römhild fiel –
Römhild fiel? schrie Hannchen mit zusammengeschlagenen Händen. Ja, antwortete ich, und ihr Vergehen durchbohrte das Herz ihrer Freundin, sie fühlte, was ich im ähnlichen Fall fühlen würde. Alle Mäßigung verließ Perchten, sie überhäufte Franzen, den sie den Urheber auch dieses Unglücks nannte, und ihn auf gewisse Art so nennen konnte, mit Vorwürfen. Sie brachte ihren Gemahl, den ohnedem die beständige Ausübung böser Taten halb des Verstandes beraubt hatte, durch ihre Vorhaltungen dermaßen auf, dass er seinen Dolch zuckte und ihr ihn ins Herz stieß; sie fiel leblos zu seinen Füssen nieder, und ihr Tod war, wie die Geschichte sagt, das erste Signal zu seiner Besserung. Reue und Schrecken über das, was er getan hatte, streckte ihn dem Anschein nach eben so leblos zu Boden, als seine ermordete Gemahlin, und er erwachte nur zu nie versiegenden Thränen.
Eine andere Epoche von Franzens Leben fieng jetzt an. Seine vorige Taten begannen sich ihm in ihrem wahren Lichte zu zeigen; er verabscheute sich selbst, und wünschte das Geschehene ungeschehen zu machen. Alle seine Verbrechen stellten sich seiner Seele in ihrem schrecklichsten Lichte dar, und – doch es wär eine zu mühsame Arbeit, einem Ruchlosen durch alle Stufen seiner Reue und Besserung zu folgen. – Genug sei es, dass die Sage berichtet, Franz habe sich wirklich gebessert, und sei, welches mir fast unglaublich dünkt, auch endlich dahin gekommen, seine vorigen Unthaten aus den Gedanken zu bringen, und sich darüber zu beruhigen. Das vornehmste Mittel seiner Beruhigung soll eine Erscheinung seiner verklärten Gemahlinn gewesen sein, die ihn wegen der begangenen Verbrechen und ihrer Folgen zu trösten strebte. Reutlingens Religion legte ihm körperliche Büßungen seiner Verbrechen auf; eine derselben war, dass er Tag und Nacht auf Sankt Peters Stelle, wo er ehemals das ruchlose Gelübde der Bosheit that, verweilte, und sich dem Frost, der Hitze und allen Ungemächlichkeiten der Witterung aussetzte. Einsmals als er in einer mondhellen Nacht auf dieser Stelle eingeschlummert war, ward er plötzlich durch einen Glanz erweckt, der den Glanz des Mondes, der ihn umstrahlte, noch weit übertraf. Perchta stand vor ihm in himmlischer Gestalt. Traure nicht mehr, lieber Franz, redete sie ihn an, quäle dich nicht mehr mit unnöthigen Büßungen; das Bestreben, das gethane Böse durch gute Handlungen zu vergüten, ist das beste Zeichen der Reue, das du dem Himmel geben kannst. – Kann dein Gram über deine begangenen Verbrechen durch die Vorstellung gemildert werden, dass sie denen, die du zu betrüben suchtest, bey weitem nicht den Schaden thaten, den du ihnen zudachtest, dass sie vielmehr zum Guten verkehrt wurden, so vernimm das, was auch ich auf dieser Welt nicht einsah, und nun erst in einem bessern Leben erfahren habe. – Ach Gott, war nicht selbst mein Tod das Mittel zu meiner jetzigen Glückseligkeit, und zur Bekehrung meines Gemahls?
Auf einmal öfnete sich vor Reutlingens Augen eine weite Aussicht. Alle Personen, wider die er sich jemals vergangen hatte, giengen vor ihn über, und ihre Schicksale, die er zu verwirren gestrebt hatte, entwickelten sich ihm. Die Gesichte, die er wie das Märchen sagt, damals hatte, müssen länger als eine Nacht gedauert haben, so zahlreich waren sie. Ich will nur einige Beyspiele von dem wählen, was uns bereits bekannt ist.
Eins von Reutlingens ersten Gesichten war, wie der Ritter dessen Schloß durch die Macht der schwarzen Kunst in Brand gesteckt wurde, unter den Trümmern seines Hauses einen Schatz fand, der ihn in den Stand setzte nicht allein dasselbe weit schöner als zuvor aufzubauen, sondern auch der Wohlthäter der ganzen Gegend zu werden. Der frühe Tod des ertrunkenen Jünglings, ersparte ihm den Gram seinen Vater, an dem sein Herz hieng, langsam und schmerzhaft sterben, und seinen Freund und seine Geliebte untreu werden zu sehen. Das junge Mädchen, deren Liebhaber aus ihren Armen gerissen wurde, sah ihn in wenig Jahren treu und zärtlich wiederkehren; er war schöner und besser als zuvor, seine Standhaftigkeit war geprüft, seine Tugend bewährt, er machte seine Geliebte ganz glücklich, glücklicher als sie ohne die Trennung von ihm geworden sein würde.
Und die Kleine? fragte Julchen, welche? sagte ich – Je nun, fuhr sie fort, sie wissen schon, die mit den Blattern. Ach diese! sprach ich lächelnd; sie war ehe sie ihre Schönheit verlor, auf gutem Wege verdorben zu werden, sie war leichtsinnig, unfleißig und eitel, nun, da sie wusste, dass sie sich auf nichts verlassen konnte, als auf Tugend und wahre Verdienste, strebte sie so unablässig nach guten Eigenschaften, dass sie das vortreflichste Frauenzimmer ihrer Zeit wurde, und dass man, wenn man sie handeln sah und reden hörte, nicht einen Augenblick daran dachte, ob sie schön oder hässlich sei.
Julchen schlug freudig in die Hände, und wollte noch etwas sagen, aber Hannchen unterbrach sie, indem sie mich bey der Hand fasste, und traurig fragte: Und Römhild, die arme Römhild was ward aus dieser?
Da sie, antwortete ich, nicht durch Franzens Zaubereyen, sondern durch eigenes Versehen unglücklich war, so kam auch ihre Gestalt nicht mit unter den Erscheinungen vor, die Perchta ihren Gemahl sehen ließ, doch sagt die Geschichte, auch sie habe sich gebessert, und sei glücklich geworden.
Aber sagte Hannchen, diese Römhild, liebe Mutter, sie haben sie doch wohl nur aus eigener Erfindung in die Geschichte eingeflochten, nicht wahr sie thaten es? und warum haben sie es getan?
Ey, erwiederte ich, wer wird eine Erzählerinn so ausfragen? höre jetzt das Ende meines Märchens. Franz bekam nach der Erscheinung seiner Gemahlinn gleichsam neues Leben, er brachte seine übrige Lebenszeit friedlich auf seinem Schlosse zu. Seine Schätze vermehrten sich, er wusste selbst nicht wie, und er wandte sie an den Bezirk um sein Schloß zu bebauen, und so viel Arme und Verunglückte als er vermochte, in die neuen Wohnungen aufzunehmen; er ward der Vater dieser Leute; ihren Herrn wollte er sich nie nennen lassen. Dieses war der Ursprung eines artigen Dorfs, welches nach und nach zu dem Städtchen heran wuchs, das wir jetzt Hohenweiler nennen. Die Säule, welche ihm den Namen gab, ist nichts als ein Monument, welches Reutlingen zum Andenken von seinen und Perchtens Begebenheiten setzen ließ. Sie war zu jenen Zeiten noch einmal so hoch als jetzt, und auf ihrer Spitze stand ein Bild des heiligen Petrus, welches die Zeit gänzlich zerstört hat. Wenn ihr dieses alte Denkmaal genau untersucht, so werdet ihr auch auf der einen Seite, Spuren von einem ausgehauenen Bilde eines knieenden geharnischten Mannes, und auf der andern, eine Frau in eben dieser Stellung entdecken können, welche vermuthlich Reutlingen und seine Gattinn vorstellen sollen. Von der Inschrift ist keine Spur mehr zu sehen; sie soll lateinisch gewesen sein, und ohngefähr so viel bedeutet haben: In der Hand der Vorsicht, verwandelt sich das Böse in Gutes. Ein Denkspruch den ich so wahr, ach durch lange Erfahrung, so ganz wahr finde, dass ich wollte, ich könnte ihn jedem jungen Herzen einprägen, welches bey dem ersten Unfall gleich geneigt ist zu glauben, Ruhe und Glück sei nun auf ewig dahin, und nichts könne die empfangene Wunde heilen.
Mache, liebes Mädchen, sprach ich hier zu Hannchen, indem ich sie umarmte, dass du gesund wirst, so wollen wir einen Spaziergang auf Sankt Peters Stelle tun, und ich will dir noch so viel über die verwitterte Inschrift auf der Säule sagen, dass du mir nicht mehr weinen, sondern lauter Gutes in der, Zukunft sehen sollst.
Ich glaubte Hannchen mächtig getröstet zu haben, aber sie kam mir niedergeschlagener und zurückhaltender vor als je. Die versprochene Erzählung ihres eigentlichen Anliegens unterblieb gar, und ich, die ich aus ihrer zunehmenden Schwäche sahe, wie sehr ich sie schonen müsse, beschloss auch nicht ein Wort mehr von meinem Verlangen ihr Geheimnis zu wissen, zu erwehnen, bis sie völlig gesund sei. Ach Gott, diese glückliche Zeit sollte nie kommen! ich sollte es erst nach ihrem Tode erfahren, was ihr das Herz zerrissen hatte, ich sollte dahintergebracht werden, mir selbst Vorwürfe zu machen, dass ich vielleicht durch Unvorsichtigkeit, durch einige ohne auf sie gerichtete Absicht gesprochene Worte, mir den Zugang zu ihrem Herzen versperrt, mir ihr Zutrauen und die Möglichkeit geraubt habe, sie zu retten.
Doch wer weiß, ob hier Rettung möglich gewesen wär; der äußerlichen Ursachen ihr Ende zu beschleunigen, kamen zu viel zusammen. Besorgnisse, Gram, Schrecken, vielleicht auch Freude erschütterten ihren schwachen Bau zu heftig, sie musste unterliegen.
Nach der boshaften Erzählung des Obristen, von der amerikanischen Reise seines Neffen, war es in die Augen fallend, wie sehr ihre Kräfte abnahmen. Sie hatte oft seltsame Phantasien, in welchen sie die Namen der Wilteckischen Familie mit denen aus dem Märchen von Ritter Reutlingen wunderlich durch einander mischte. Sie schlief wenig, aß fast gar nichts, und lag die meiste Zeit stumm und mit offenen Augen in ihrem Bette.
An einem der Tage da sie am schlimmsten war, saß ich weinend an ihrem Lager. Julchen welche ich hinausgeschickt hatte einige Kleinigkeiten zu besorgen, kam bleich und zitternd herein, winkte mich auf die Seite, und sagte mit leiser Stimme, das Haus sei voller Leute, welche ein sehr verdächtiges Ansehen hätten, und welche mich sprechen wollten. Eben wollte ich hinausgehen, um die Sache zu erforschen, als die Thür mit großem Ungestüm aufgerissen ward, und der Einnehmer hereintrat, welcher mit seinem tönenden Baß zu schreyen anfieng: Madam, hier sind Herren von der Landesregierung, welche die Amtskasse und die etwannigen Effekten des Herrn Gemahls versiegeln wollen. Eine etwas sanftere Stimme, erhob sich hierauf. Der Vornehmste von der Deputation trat hervor, bat tausendmal um Verzeihung, versicherte, dass er dieses Geschäft höchst ungern über sich genommen habe, dass aber die hochlöbliche Landesregierung genöthigt worden sei, einen Verdacht auf die Amtsverwaltung meines Mannes zu werfen, und dass also –
Um Gottes willen, rief ich, meine Herren, bedenken sie, dass sie hier in dem Zimmer einer todtkranken Person sind. – Sie bedauerten hierauf abermal unendlich, und versicherten, dass sie das Zimmer sogleich verlassen wollten, wenn ich sie gefälligst begleiten wolle. – Ich empfahl Julchen die Sorge für ihre Schwester, welche sich hastig aufgerichtet hatte, und alle diese Dinge mit starren Augen ansah, ich aber folgte meinen ungebetenen Gästen.
Ich habe noch nicht deutlich erwähnt, dass ein Glücksfall mich in den Stand gesetzt hatte, mir augenblicklich aus der Verlegenheit zu helfen, in der ich gegenwärtig war. Das englische Loos meiner Tante hatte gewonnen, viel gewonnen; ich hatte das Geld erheben lassen, aber es aus Ursachen, die man errathen kann, gegen einen Schein in fremde Verwahrung gegeben. Ich berief mich hierauf, ich bot mich zur Bürgschaft an, aber man zuckte die Achseln, meynte, der Schein den ich vorzeigte, könne wohl falsch sein; es wär bekannt, dass die Frau Amtmanninn nie einiges persönliches Vermögen besessen habe; ihre Bürgschaft könne auf keine Weise angenommen werden; die Versiegelung der Kasse müsse vor sich gehen, und man verschiebe die Besichtigung derselben nur aus besonderer Achtung, bis zu Wiederkunft des Herrn Amtmanns.
Ich verstand nichts von dem was Rechtens war; ich musste endlich schweigen. Man versiegelte, und ich konnte mit Mühe meine und meiner Tochter Habseligkeiten retten, dass uns nicht auch der Zugang zu denselben verschlossen ward. – Beym Abschied band mir noch das Haupt der Deputation besonders ein, ja es nicht zu unternehmen, meinem Manne etwas von diesem Vorgange zu schreiben, denn es würde nur dazu dienen, mich verdächtig zu machen, und übrigens ganz vergebens sein, weil man schon Sorge getragen habe, dass keiner von meinen Briefen in Herrn Hallers Hände kommen könne. Ich fragte, ob nicht mit Zuziehung des Amtsverwesers, den mein Mann zurückgelassen hatte, eine Aenderung in den Sachen gemacht werden könne, aber ich merkte aus den Antworten, dass dieser selbst den größten Theil an dem ganzen Vorgange habe, vielleicht gar der Angeber meines Mannes gewesen sei.
Ich kehrte zu dem Bette meiner Tochter zurück, und fand sie ohnmächtig unter den Händen Julchens und einiger Mägde. Wir brachten sie wieder zu sich selber, sie schlug die Augen auf, und fragte mit ängstlichem Tone, ob die fürchterlichen Leute fort gegangen wären? Ich sprach ihr tröstlich zu; fragte wie sie sich über eine Sache von so geringer Bedeutung, welche schon fast beygelegt wär, so erschrecken und beunruhigen könne? – Aber ihre Antworten zeigten, dass sie nicht ganz bey sich selber war, und die wahre Beschaffenheit der Sache gar nicht begriffen hatte, sondern nur durch den lärmenden Eintritt der Leute, und ihr rauhes Bezeigen, so ausser sich gesetzt worden war, ohne einzusehen was sie wollten.
Sie räumte den ganzen Auftritt mit ihren eigenen Ideen zusammen, schwärmte viel vom Lieutenant, von Römhild, und der Reise nach Amerika, und mischte das alles so seltsam unter einander, dass man unmöglich errathen konnte, was für eine Idee ihrer Seele eigentlich die meiste Unruhe machte, und auf welcher Seite man die Kur ihres verwundeten Herzens angreifen müsse.
Sie besann sich erst gegen den Abend völlig; sie erzählte uns den Vorgang des Vormittags, als einen fürchterlichen Traum den sie gehabt hatte, und dass wir sie in dieser Meynung bestärkten, brauchte ich wohl nicht erst zu erwehnen. Sie war so abgemattet, dass sie in einen tiefen Schlaf verfiel, der Arzt nannte dieses eine glückliche Krise, und gebot, allen Lärm, alle überflüssige Gesellschaft von ihr zu entfernen, und sie nicht zu stören, und wenn sie zwölf Stunden an einander schlafen sollte.
Ich beschloss nebst Julchen und einer Wärterinn allein bey ihr zu bleiben; die Nacht kam heran, ich ließ die Kleine sich an der einen Seite des Krankenbettes zur Ruhe legen, und setzte mich an die andere, um das Erwachen meiner Tochter abzuwarten.
Eine schrecklichere Nacht als diese, besinne ich mich nicht gehabt zu haben. Die horchende Stille die mich umgab, begünstigte alle traurige Ideen die meine Seele einnahmen. Die Angst um das geliebte Kind, dessen Tod und Leben jetzt auf der Wage lag, war zwar gegenwärtig meinem Herzen der nächste, aber bey weiten nicht mein einiger Kummer; mussten nicht von allen Seiten die empfindlichsten Leiden auf mich zustürmen, wenn ich meine ganze Lage bedachte? – Von unserm gesunkenen Glück, und dem gefährlichen Punkte, auf welchem die Ehre meines Mannes gegenwärtig stand, will ich gar nichts gedenken. Meine Kinder waren es, die mir am meisten am Herzen lagen. War es nicht schrecklich für die Mutter einer so zahlreichen Familie, nicht eins von ihren Lieben in einer glücklichen Lage zu wissen? – Ach und wenn ich an Samuelen dachte, den ich auf so eine unglückliche Art verlieren musste, wenn ich – nein es ist unmöglich die Quaalen dieser schrecklichen Nacht lebhaft zu schildern, ohne den alten Schmerz zu erneuern, und mich auf gewisse Art selbst für den gegenwärtigen Augenblick unglücklich zu machen.
Die Versiegelung der Kasse unterließ nicht mir viel Sorge zu machen. Ich verstand von allen diesen Dingen gar nichts, ich musste fürchten irgend etwas zu versehen, wenn ich nicht einen erfahrnen Mann über die Rolle um Rath fragte, die ich dabei zu spielen hatte. Meine Wahl fiel auf Waltern. Er war zwar ein Geistlicher, aber ein Mann der lange in der großen Welt gelebt hatte, und sich in alles zu finden wusste. Ich hatte des vorigen Tages einen Augenblick abgestohlen, um ihm die Sache mit kurzen Worten zu schreiben, und ihm aufs dringendste zu bitten herbey zu eilen, und mir mit seinem guten Rathe zu helfen.
Walters Ankunft, die ich den folgenden Tag erwartete, war fast der einige tröstende Gedanke, der mir in dieser schwärzesten Nacht meines Lebens, vorschwebte. Ich wusste, er konnte mir wenig wirkliche Hilfe leisten, aber welche Erquickung ist nicht der Rath und Trost eines Freundes, einer so verlassenen Person als ich damals war!
Die Morgenröthe brach an. Ich trat ans Fenster um den herrlichen Anblick zu genießen. Ein ofner Wagen, den ich in der Ferne über die beschneyte Gegend fliegen sah, erregte meine Aufmerksamkeit; er kam näher; ich konnte Waltern erkennen. Ich schlich zu dem Bette meiner Tochter, sie schlief noch immer, und ihre ruhige heitere Miene verkündigte, dass ihr wohl war. Ich empfahl sie der Wärterinn und eilte hinaus, um Anstalt zu machen, dass mein ankommender Freund, durch den Hirtenhof hereinführe, damit kein Geräusch die Schlafende wecken möchte.
Walters Empfang, seine Fragen, meine Erzählungen, und seine Rathschläge gehören nicht hieher; wichtigere Gegenstände drängen sich herbey, meine Feder zu beschäftigen. Einige Stunden verflossen ohne dass wir es merkten, mein Freund verstand das Geheimnis mich aufzurichten, und mir die Dinge die mich bekümmerten, aus einem bessern Lichte zu zeigen; er zeichnete mir den Weg vor, den ich zu gehen habe, um mich aus dem Labyrinthe in dem ich war, heraus zu finden. Mein Herz ward ruhiger, und es fehlte nichts mich wieder einige Freude schmecken zu lassen, als bey Hannchens Erwachen einige Spuren der Besserung, einige Hoffnung für sie zum Leben zu sehen. Schon zu lang war ich von ihr entfernt gewesen. Der Schall von der Feldmusik einiger durchmarschierenden Regimenter, hatte mich zittern gemacht, sie möchte auf eine ungestüme Art geweckt worden sein, doch die Fenster ihres Gemachs giengen auf eine andere Seite, ich beruhigte mich und kehrte, als ich schon auf dem Wege war zu ihr zu eilen, noch einmal um, noch einige Punkte unserer Angelegenheiten mit Waltern zu berichtigen. Wir verwickelten uns von neuen in unsere Ueberlegungen, und ich musste mich endlich mit Gewalt von ihm losreißen. Hiervon hernach, sagte ich, lassen sie uns zu meiner Tochter eilen, eine ungewöhnliche Angst reißt mich zu ihr hin. –
Ich hatte nebst Waltern bereits das Zimmer verlassen, und näherte mich dem Gemach wo meine Tochter lag, als uns die Wärterinn mit einem verstörten Gesicht entgegenstürzte, und uns bat, eilend zu der Kranken zu kommen, weil sie einen Besuch erhalten habe, welcher dem Anschein nach, einen gefährlichen Eindruck auf ihr Gemüt mache. – Meine Tochter ist also erwacht? fragte ich hastig. Ja Madam, erwiederte sie, ich war ein wenig eingeschlummert, Mamsell Julchen mochte durch die Feldmusik in ein anderes Zimmer gelockt worden sein, und indessen ist vielleicht die Kranke erwacht. Ich weiß nichts weiter, als dass ich durch einen lauten Schrey ermuntert wurde, und dass ich, als ich die Augen aufschlug, einen jungen Herrn in Uniform vor ihrem Bette auf den Knieen liegen sah. Ich eilte herbey, und ich muss gestehen, dass ich nie einen wunderlichern Zustand gesehen habe. Die Kranke lachte und weinte in einem Athen, drückte den jungen Offizier bald an ihre Brust, und stieß ihn bald mit Ungestüm von sich. Der Fremde schien eben so wenig ganz seines Verstandes mächtig zu sein, und als ich ihn von ihr reißen wollte, bekam mir der Versuch so übel, dass ich lief um sie, Madam, herbey zu rufen, weil ich in der That nicht weiß was hier zu tun ist.
Es war hier keine Zeit zu verlieren, wir eilten in das Zimmer. Hannchen lag ohnmächtig in den Armen eines jungen Mannes, seine Thränen strömten auf ihr Gesicht, und seine Ausrufungen, bestättigten das was man vermuthen kann, dass er derjenige war, welcher nächst mir den meisten Anteil an der Kranken nehmen musste.
O Wilteck! schrie ich, indem ich die Kranke seinen Armen entriss, was haben sie gemacht! Sie sind der Mörder meiner Tochter! – Was er antwortete, wie Hannchen wieder zu sich selbst gebracht ward, und was vielleicht noch eine lange Zeit hernach vorgieng, dessen kann ich mich nicht deutlich erinnern; ich war zu betäubt, um mir ganz bewusst zu sein, was um mich herum vorgieng.
Die Kranke war jetzt völlig wieder bey sich selbst, sie sprach schwach und kaum hörbar, aber vernünftig und zusammenhängend. Sie ließ des Lieutenants Hand nicht aus der ihrigen, nannte ihn ihren lieben Ludwig, und betheuerte, auch der Tod solle sie nicht von ihm trennen. Der Lieutenant war in einer halben Raserey. Seine Geliebte fast sterbend wieder zu finden, das hatte er nicht erwartet. Er war herbey geeilt um ihr bey dem Durchmarsch seines Regiments einen kurzen Besuch zu machen; und sollte sie nun zum letztenmale umarmen. Denn so sehr uns auch Hannchens scheinbare Ruhe, ihre muntern Augen und das sanfte Roth auf ihren Wangen anfangs täuschten, so sagte uns doch der Blick des Arztes was wir nach einer so unzeiligen, außerordentlichen Erschütterung zu hoffen hatten.
Hannchen, die den tiefsten Schmerz in unser aller Augen, und vornehmlich in den Augen ihres Geliebten las, versicherte uns, sie werde nun nicht sterben, da sie ihres Wiltecks Gemahlinn sei.
Und du nimmst mich dann mit nach Amerika? sprach die lächelnde Kranke. Nach Amerika? fragte er, bestes Mädchen, was sind das für seltsame Vorstellungen die du dir machst?
Die Erklärungen welche wir einander hierauf gaben, zeigten, dass die Erzählung des Obersten, welche vielleicht etwas beygetragen hatte, Hannchen in den traurigen Zustand zu versetzen, in welchem sie sich jetzt befand, nichts als ein Märchen gewesen war, welches man ersonnen hatte, dem armen Mädchen alle Hoffnung auf ihren Geliebten abzuschneiden.
Ludewig wüthete fürchterlich, und gebrauchte sich einiger Ausdrücke, welche Muthmaßungen in mir erneuerten, die schon durch Hannchens Phanrasien zuweilen erregt worden waren. Er athmete nichts als Rache, und nichts als die Furcht seiner schwachen Geliebten zu schaden, konnte ihn bewegen den Ausbruch seines Zorns ein wenig zu mäßigen.
Er hatte mehr als einen halben Tag auf diese Art bey uns verweilt, und er ward jetzt durch eine Ordonanz abgefordert. Er wollte sich nicht von Hannchen trennen ohne den Namen ihres Gemahls erhalten zu haben. Ich hatte wenig Hoffnung auf das Leben meiner Tochter zu setzen, warum sollte ich ihr noch diesen armseligen letzten Trost versagen? Ueber dieses waren gewisse dunkele Ideen in meinem Gehirn, gewisse Ahndungen in meiner Seele, die es mir selbst erwünscht machten, meine Tochter als Wiltecks Gemahlinn zu sehen.
Walter gab ihre Hände zusammen. Hannchen triumphirte, sich ganz ihres Ludwigs Eigenthum nennen zu können, und hoffte auf längeres Leben. Wilteck, welcher den Zustand der Sachen besser begriff, weinte, dass er das eben erhaltene Glück nicht länger geniessen sollte.
Erst eine zweymal wiederholte Ordre konnte ihn aus den Armen seiner Gattin reißen. Fast mit Gewalt mussten wir ihn entfernen, denn Hannchens Zureden, und die Versicherung die sie ihm gab, sie würde jetzt, da sie seine Gemahlinn sei, seine Entfernung weit ruhiger als sonst ertragen, thaten ganz die entgegengesetzte Wirkung. Ach er wusste es, er fühlte es, dass er sie nie wieder sehen würde!
Wir waren nun allein. Hannchen bat mich meinen Platz ganz nahe an ihrem Bette zu nehmen, um sie ganz verstehen zu können, weil sie sich nun einen Muth fassen wollte, mir alles zu sagen was sie mir bisher verborgen habe; aber ehe sie sich noch völlig zum Sprechen geschickt hatte, fiel sie in einen Schlaf der einige Stunden dauerte, und aus welchem sie, wie der Arzt geweißagt hatte, gegen die Nacht zu heftigen Rasereyen erwachte. Ihre Unruhe dauerte bis gegen den Morgen; in den Zwischenzeiten, da sie sich ein wenig besann, zog sie mich oft zu sich, und schien mir etwas vertrauen zu wollen, aber sie bewegte nur die Lippen, ihre Stimme war mir nicht mehr hörbar.
Man entschuldige das Unvollständige in der Beschreibung der letzterwähnten Scenen! Wenig oder gar nichts von gewissen Dingen sagen, ist oft die treffendste Schilderung. Dieses gilt auch von meinen Empfindungen bey Hannchens Sterbebette, und von meinem Leben die erste Zeit nach ihrem Tode. Jener Mahler, der Iphigeniens Aeltern bey ihrer Hinopferung, in dichte Gewänder verhüllt erscheinen ließ, wusste das, was ich fühle, dass älterlicher Schmerz für jeden Pinsel unerreichbar ist.
Ich saß, nachdem schon manche schwarze, melancholische, thränenleere Stunde vorüber geflohen, manche lindernde Zähre verweint war, eines Tages auf dem Zimmer der Verstorbenen, und machte mir ein trauriges Fest, aus der Betrachtung ihrer hinterlassenen, zum Theil unvollendeten Arbeiten, die sie von den künstlichsten Arten sehr schön verfertigte, und einiger wenigen Scripturen, die meistens ernsthafte Dinge zum Gegenstand hatten, und noch vor ihrem Aufenthalte in dem Wilteckischen Hause von ihr verfasst worden waren; ihre Kränklichkeit hatte ihr nach ihrer Rückkunft, wenig Muße zum schreiben gegönnt.
Von ohngefähr stieß ich auf eine kleine Kassette, die mir von langer Zeit als das Behältniß von Hannchens liebsten Kostbarkeiten bekannt war. – Vielleicht würde ich es uneröfnet bey Seite gesetzt haben, wenn mich nicht ein darauf befestigter Zettel aufmerksam gemacht hätte. Er war von der Hand der Verstorbenen, und enthielt folgendes:
Ein geheimes Gefühl sagt mir, dass ich sterben werde; sollte dieses geschehen, und sollten sie dieses Kästchen unter meinen Sachen finden, so bitte ich, so beschwöre ich sie, es uneröfnet zu lassen, und derjenigen Person zu geben, die ich ihnen nennen werde.
Ich erwarte gegen das Ende des künftigen Monats, den Besuch der Madam Kathin, der Wirthschafterinn der Frau von Wilteck; geben sie ihr dieses kleine Behältniß der geringen Kostbarkeiten die ich besitze; es enthält etwas weniges an Geld, einige Juwelen, und andere kostbare Tändeleyen, deren Werth sie berechnen können, da ich sie alle von Ihrer Güte habe. Die Frau ist redlich, und wird mit diesen Dingen so verfahren wie ich ihr befohlen habe. Aber – liebe Mutter, ich wünschte eben nicht, dass sie sich mit ihr in weitläuftige Unterredungen einliessen; diese Art Leute ist so geschwätzig, so – ich weiß selbst nicht wie ich sagen soll, wie leicht könnten sie etwas von ihrem Hannchen hören, das sie ihnen noch im Tode zuwider machte. Ueberhaupt, da sie nun immer so in mich dringen ein Geheimnis von mir zu erfahren, so würde ich doch – vorausgesetzt dass ich eins hätte – es lieber Ihnen selbst – ach ich weiß nicht, was ich schreibe. Ich werde wohl diesen Zettel, so wie die vorhergehenden, wieder abreissen, und einen andern schreiben. Nichts ist mir recht, was ich Ihnen sage, und meine Angst ist unaussprechlich.«
Ich weiß nicht wie oft ich dieses Blatt überlas, ehe ich den Inhalt davon recht begreifen konnte. Ich untersuchte das darunter gesetzte Datum, es war der 4. Jenner, als der Tag vor dem Besuche des Obristen, an welchem die Zeitung von Wiltecks Reise nach Amerika, einen so nachtheiligen Eindruck auf das Gemüt des armen Mädchens machte. Nachher war sie zu schwach gewesen, so viel schreiben zu können. – Meine Gedanken drehten sich in einem Wirbel herum, ich dachte mir alle auf diesen Tag folgende Scenen, dachte mir ihr ängstliches Bestreben in ihren letzten Stunden, mir etwas zu entdecken, das sie auf dem Herzen hatte, und ihre Bitte, nicht in das Innere ihres Geheimnisses zu dringen, war meinen Gedanken nach aufgehoben. Das Schloß des Kästchens war zersprengt, ehe ich selbst dar an dachte, und alles was es enthielt, lag offen vor meinen Augen.
Ich griff hastig nach einigen Papieren, welche oben auf lagen, ich las einige Zeilen, die mich in Erstaunen setzten; ich wollte weiter gehen, aber ein Geräusch an der Thür machte mich aufmerksam.
Sie ward geöfnet; Julchen trat herein, und führte an ihrer Hand einen jungen Menschen im leinenen Kittel, mit einem Hute, der mit einer Kokarde geziert war. Er sah mich eine Weile schüchtern an, warf sich dann mir zu Füßen, und schrie mit einer von Schluchzen unterbrochenen Stimme: Mutter! Mutter! kennen sie ihren verlohrnen Sohn, ihren Albert nicht mehr?
2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Lieber heute noch aus diesem – diesem – – […] – doch nein, ich kann ich kann nicht!«
3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »weil« in diesem Textausschnitt? »Mademoisell Ninon stand sehr frühe auf, vermuthlich weil sie wenig hatte schlafen können.«
5. Was bedeutet »allzeit« in diesem Ausschnitt? »Um zu erfahren, ob ich mich irrte, nannte ich seinen Namen in ihrer Gegenwart einigemal als von ohngefehr, und ich merkte, dass ihre Wangen allzeit bey seiner Erwähnung stärker glühten.«
6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse.
A: »Ich an deiner Stelle würde eher bitten von demselben ausgeschlossen, als dabei gegenwärtig zu sein.«
B: »Sie war nur allzuschlau meines Mannes Gänge zu belauschen, und nur allzubereit, mir ihre Entdeckungen mitzutheilen.«
C: »Um zu erfahren, ob ich mich irrte, nannte ich seinen Namen in ihrer Gegenwart einigemal als von ohngefehr, und ich merkte, dass ihre Wangen allzeit bey seiner Erwähnung stärker glühten.«
7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Hannchen brauchte eine Bedienung, sie hatte Rosen immer wohl leiden können, …«
8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Tiefe Traurigkeit breitete sich über die ganze kleine […] aus.«
9. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »weil« in diesem Textausschnitt? »Ich hatte nebst Waltern bereits das Zimmer verlassen, und näherte mich dem Gemach wo meine Tochter lag, als uns die Wärterinn mit einem verstörten Gesicht entgegenstürzte, und uns bat, eilend zu der Kranken zu kommen, weil sie einen Besuch erhalten habe, welcher dem Anschein nach«
10. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Seit dem Tage, da er Conraden, einen jungen Edelknaben, in seine Dienste …«
2Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte
1. Lies den Abschnittsbeginn: »Diese Blätter, welche ich unter den geheimen Papieren meiner Frau, Jukunde Haller, gefunden habe, lege ich der Welt vor Augen; nichts davon als die Ueberschriften der Kapitel ist mein Werk, das übrige alles […]« Welche Informationen sind hier bereits sicher, und welche Frage bleibt für dich offen?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Nenne zwei Informationen, die sich tatsächlich aus dieser Passage ableiten lassen.
Trenne eine eigene Frage oder Vermutung klar vom Textbefund.
2. Fasse diese Textstelle in eigenen Worten zusammen: »Frau von Wilteck schien keinen Fehler an sich zu haben als das einsilbige Wörtgen vor ihrem Namen. Wär sie Madam Walteck schlecht weg gewesen, sie hätte mir die zweite Madam Haller, hätte mir so lieb werden […]« Was ist für ihr Verständnis besonders wichtig?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Gib die zentrale Aussage oder Situation wieder, ohne etwas hinzuzuerfinden.
Nenne eine Einzelheit aus der Passage, auf die sich deine Zusammenfassung stützt.
3. Prüfe, ob es in dieser Passage um Gerechtigkeit oder Verantwortung geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] Stellen, wo uns offenbares Unrecht geschahe, zu berichtigen, und unserm Richter eine bessere Meynung von uns einzuflößen.«
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
4. Prüfe, ob es in dieser Passage um Wahrheit oder Vertrauen geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] zu verachten, wenn du dich ihnen von nun an weiter zeigen würdest. Ein ehrliches Mädchen entzieht sich den Augen, denen sie vielleicht gefallen könnte, und welche kein Recht haben nach ihr zu blicken. – Willst du vielleicht eine Störerinn […]«
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
5. Prüfe, ob es in dieser Passage um Angst oder Unsicherheit geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] Sie mir zu Hilfe, mir zum Troste herbey,« schrieb meine Tochter mit zitternder Hand; »Ihr Vater und der meinige! – ach Gott, wir werden ihn verlieren! Diesen Morgen fand ich ihn in einer Art von Ohnmacht, in der großen Laube im Garten. […]«
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
6. Prüfe, ob es in dieser Passage um Nähe oder Gefühle geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] Den Anblick meines Vaters scheute ich. In Ansehung meiner Mutter war mein Herz noch nicht ganz von dem Gift gereiniget, den Katharines Lästerungen gegen sie in demselben zurückgelassen hatten. Ich wusste, dass sie edel und gut war, ich trug […]«
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
7. Vergleiche diese beiden Stellen: »Frau von Wilteck schien keinen Fehler an sich zu haben als das einsilbige Wörtgen vor ihrem Namen. Wär sie Madam Walteck schlecht […]« und »Der Bube! wie würde ich diesen abscheulichen Brief doch beantwortet haben, wenn nicht eben zu der Zeit Dinge vorgefallen wären, […]«. Welche Gemeinsamkeit oder welchen Unterschied kannst du am Wortlaut zeigen?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Nenne eine nachvollziehbare Gemeinsamkeit oder einen Unterschied.
Belege beide Seiten des Vergleichs; unterstelle keine Entwicklung, die der Text nicht zeigt.
8. Am Abschnittsende steht: »Sie ward geöfnet; Julchen trat herein, und führte an ihrer Hand einen jungen Menschen im leinenen Kittel, mit einem Hute, der mit einer Kokarde geziert war. Er sah mich eine Weile schüchtern an, warf sich dann […]« Was ist hier geklärt, und was bleibt offen?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf den Schluss dieses Abschnitts, nicht auf dein Vorwissen über das ganze Werk.
Falls die Stelle nichts eindeutig klärt, begründe auch das mit dem Text.
9. Prüfe deinen ersten Leseeindruck an Anfang und Ende: »Diese Blätter, welche ich unter den geheimen Papieren meiner Frau, Jukunde Haller, gefunden habe, lege ich […]« / »Sie ward geöfnet; Julchen trat herein, und führte an ihrer Hand einen jungen Menschen im leinenen Kittel, mit […]«. Würdest du deine erste Einschätzung jetzt verändern? Begründe.
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Nenne deine ursprüngliche Einschätzung oder Leseerwartung.
Verwende mindestens einen Textbeleg für deine jetzige Einschätzung.
Sowohl eine veränderte als auch eine bestätigte Einschätzung ist möglich.
3Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte
Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.
Niveau 1 · Einstieg
1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Diese Blätter, welche ich unter den geheimen Papieren meiner Frau, Jukunde Haller, gefunden habe, lege ich der Welt vor Augen; nichts davon als die Ueberschriften der Kapitel ist mein Werk, das übrige alles ist aus der Feder meiner Schwiegermutter, der Himmel tröste sie, geflossen. – Wozu doch den Weibern die Kunst zu schreiben nutzen mag?«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »ihr und den Frauen ihrer ehemaligen Liebhaber könne kein Umgang statt finden, und die diese Sentenz auf den gegenwärtigen Fall anwenden mochte, blieb zurückhaltend, und erwiederte Charlottens zuvorkommendes Wesen blos mit der gutherzigen Freundlichkeit, die ein kunstloses Landmädchen jedem Freunden zu erweisen pflegt; sie war«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Mutter! kennen sie ihren verlohrnen Sohn, ihren Albert nicht mehr?«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Originalautor vor 1956 verstorben. TextGrid kennzeichnet die zugrunde liegenden reinen Texte als gemeinfrei; Struktur und Metadaten unter CC BY 3.0 DE mit Namensnennung TextGrid und www.editura.de. Das Werk Die Amtmannin von Hohenweiler von Naubert, Benedikte ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de, und wird unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland veröffentlicht. Der zugrunde liegende literarische Reintext ist gemeinfrei. TextGrid wurde vom BMBF gefördert (Förderkennzeichen 01UG1203A).
Die Extraktion erfasst alle Textpositionen der gelieferten Quelldatei; dies ersetzt keinen vollständigen Vergleich mit dem historischen Druck. Offene Kapitelaufgaben dienen der Selbstprüfung und sind keine automatisch bewertete Interpretation.
Die Amtmannin von Hohenweiler
Benedikte Naubert: Die Amtmannin von Hohenweiler. Eine wirkliche Geschichte aus Familienpapieren gezogen. Bdchen. 1–2, Band 1, Mannheim [o. V.], 1791. Naubert, Benedikte 7- Mannheim
Das Werk Die Amtmannin von Hohenweiler von Naubert, Benedikte ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.
Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.