Deutsch · Abschnitt 2 von 47
Erster Gesang
1 Erster Gesang
Vorlage S. 1 3 Die Ritter, Fraun, Großtat der Hochgemuten,
Vorlage S. 1 4 Lieb', Edelart zum Sang ich mir erkor,
Vorlage S. 1 5 Wie sie die Welt sah, da durch Meeresfluten
Vorlage S. 1 6 Nach Frankreich fuhr aus Afrika der Mohr,
Vorlage S. 1 7 Treu seines Herrschers jugendlichen Gluten,
Vorlage S. 1 8 Des Königs Agramant, der sich verschwor,
Vorlage S. 1 9 Den stolzen Sinn des Kaisers Karl zu brechen
Vorlage S. 1 10 Und schwer an ihm den Tod Trojans zu rächen.
Vorlage S. 1 12 Von Roland gilt es Unerhörtes sagen,
Vorlage S. 1 13 Was weder Reim noch Prosa je gekannt:
Vorlage S. 1 14 Wie er, so weise sonst in allen Tagen,
Vorlage S. 1 15 Durch Liebe ward vom Wahnsinn übermannt;
Vorlage S. 1 16 Wenn sie, die fast wie ihn mich hat geschlagen,
Vorlage S. 1 17 So dass mir schier mein bisschen Witz entschwand,
Vorlage S. 1 18 Von diesem Rest so viel mir will vergönnen,
Vorlage S. 1 19 Dass ich Versprochnes werde schaffen können.
Vorlage S. 1 21 Hochherz'ger Sproß aus Herkules' Geschlechte,
Vorlage S. 1 22 Du Schmuck und Glanz der Zeit, nimm gnädig an,
Vorlage S. 1 23 Ippolito, was dir von deinem Knechte
Vorlage S. 1 24 Gegeben wird, wie er es geben kann:
Vorlage S. 1 25 Mit Schreibwerk zahl' ich und mit Reimgeflechte
Vorlage S. 1 26 Zum Teil zurück, was ich durch dich gewann.
Vorlage S. 1 27 Der Kargheit Vorwurf trifft mich keinenfalles,
Vorlage S. 1 28 Denn geb' ich wenig, geb' ich doch mein Alles.
Vorlage S. 1 30 Es tritt mit andern auserlesnen Degen,
Vorlage S. 1 31 Die hoch zu preisen dieser Sang erklingt,
Vorlage S. 1 32 Auch Roger, ja, der Ahnherr, dir entgegen,
Vorlage S. 1 33 Von dem des Hauses hehrer Stamm entspringt.
Vorlage S. 1 34 Sein Wert und, was er tat auf Heldenwegen,
Vorlage S. 1 35 Wenn du's verstattest, dir zu Ohren dringt:
Vorlage S. 1 36 Den Flug des Geistes senk' ein wenig nieder,
Vorlage S. 1 37 Hinaufzunehmen meine schlichten Lieder.
Vorlage S. 1 39 Graf Roland, für Angelika entglommen,
Vorlage S. 1 40 Gewohnt, für sie die Gegner hinzumähn,
Vorlage S. 1 41 Erfocht im Inderreich zu ihrem Frommen,
Vorlage S. 1 42 Bei Medern und Tataren Kriegstrophän;
Vorlage S. 1 43 Nach Westen war er jetzt mit ihr gekommen,
Vorlage S. 1 44 Dort, wo am Fuß der schroffen Pyrenän
Vorlage S. 1 45 Für Frankreichs Heer und das aus deutschen Landen
Vorlage S. 1 46 Auf Karls Befehl die Lagerzelte standen,
Vorlage S. 1 48 Dass vor Verdruss sich selbst ins Antlitz schlügen
Vorlage S. 1 49 Marsilius und König Agramant:
Vorlage S. 1 50 Der schickte ja nach Nord in langen Zügen,
Vorlage S. 1 51 Wer nur mit Schwert und Lanze war bekannt;
Vorlage S. 1 52 Und jener sah die Hoffnung ihn betrügen,
Vorlage S. 1 53 Mit der ganz Spanien ward ausgesandt.
Vorlage S. 1 54 So traf denn Roland ein zu guten Stunden;
Vorlage S. 1 55 Doch Freude drüber ist ihm bald geschwunden.
Vorlage S. 1 57 Denn seine Dame sieht er sich entrissen
Vorlage S. 1 58 – Entfernt ist Wähnen oft von Wirklichkeit! –:
Vorlage S. 1 59 Die er von Ost trotz tausend Hindernissen
Vorlage S. 1 60 Gen Abend hat geführt nach langem Streit,
Vorlage S. 1 61 Die soll er mitten unter Freunden missen,
Vorlage S. 1 62 In seinem Land, den Degen in der Scheid'!
Vorlage S. 1 63 Um schweren Brand zu löschen, als ein Weiser
Vorlage S. 1 64 Hinweggenommen hatte sie der Kaiser.
Vorlage S. 1 66 Vor kurzem schuf ein Zwist dem Herrscher Leiden:
Vorlage S. 2 67 Rolands und seines Vetters, des Rinald,
Vorlage S. 2 68 Da jähe Glut im Busen dieser beiden
Vorlage S. 2 69 Entbrannt war für die liebliche Gestalt.
Vorlage S. 2 70 Karl sann darauf, den Anlass auszuscheiden,
Vorlage S. 2 71 Der Schwächung drohte seiner Heergewalt:
Vorlage S. 2 72 Er nahm die Schöne fort, den Streit zu enden,
Vorlage S. 2 73 Und ließ sie in des Bayernherzogs Händen.
Vorlage S. 2 75 Zum Lohn soll der von ihnen sie behalten,
Vorlage S. 2 76 Der mehr der Feinde habe umgebracht;
Vorlage S. 2 77 Der mächt'ger werde Kriegerkraft entfalten
Vorlage S. 2 78 Und Kaisers Dank verdienen in der Schlacht.
Vorlage S. 2 79 Doch anders sollte sich das Ding gestalten,
Vorlage S. 2 80 Denn fliehen musste der Getauften Macht.
Vorlage S. 2 81 Der Herzog ward, mit vielen noch, gefangen,
Vorlage S. 2 82 Und jeder konnt' ins leere Zelt gelangen.
Vorlage S. 2 84 Rasch ist die schöne Maid dort aufgesprungen,
Vorlage S. 2 85 Die nach der Schlacht des Siegers sollte sein,
Vorlage S. 2 86 Hat vor Entscheid sich auf ihr Roß geschwungen
Vorlage S. 2 87 Und sprengt mit allen Kräften querfeldein.
Vorlage S. 2 88 Sie ahnt, Herrn Karl ist heut der Tag mißlungen,
Vorlage S. 2 89 Und feind das Glück des Christenvolkes Reihn.
Vorlage S. 2 90 Ein Hain umfängt sie; dort auf engen Wegen
Vorlage S. 2 91 Kommt ihr, zu Fuß, ein Rittersmann entgegen.
Vorlage S. 2 93 Helm auf dem Haupt, das gute Schwert zur Seiten,
Vorlage S. 2 94 Gepanzert und am Arm den Schildesrand,
Vorlage S. 2 95 Lief er doch leichter durch des Waldes Weiten,
Vorlage S. 2 96 Als nackt ein Bauer nach dem roten Band.
Vorlage S. 2 97 Ein Hirtenkind, sieht es die Schlange gleiten,
Vorlage S. 2 98 Hebt flinker nicht das Füßchen aus dem Sand,
Vorlage S. 2 99 Als hier Angelika die Zügel wandte,
Vorlage S. 2 100 Sobald den Nahenden ihr Aug' erkannte:
Vorlage S. 2 102 Den Haimonssohn! – es bleichten ihre Wangen –
Vorlage S. 3 103 Den Paladin und Herrn von Montalban!
Vorlage S. 3 104 Gar seltsam war sein Roß ihm durchgegangen,
Vorlage S. 3 105 Bajard, und lockt ihn her auf diese Bahn.
Vorlage S. 3 106 Als hin zur Dame seine Blicke drangen,
Vorlage S. 3 107 Hat er – der Himmel wird ihm aufgetan! –
Vorlage S. 3 108 Vor sich die süße Huldgestalt gefunden,
Vorlage S. 3 109 Die ihn mit starkem Liebesnetz umwunden.
Vorlage S. 3 111 Die Dame lässt den Zelter rückwärts jagen,
Vorlage S. 3 112 Verhängt die Zügel, stets in vollem Lauf;
Vorlage S. 3 113 Fragt nicht, ob guten Weg sie eingeschlagen,
Vorlage S. 3 114 Ob dicht der Wald, ob dünn; sie schaut nicht auf.
Vorlage S. 3 115 Nein, zitternd, außer sich, lässt sie sich tragen
Vorlage S. 3 116 Vom Tiere, wie es will; bergab, bergauf
Vorlage S. 3 117 Schweift sie umher auf rauhem Waldespfade
Vorlage S. 3 118 Und kommt zuletzt zu einem Flußgestade.
Vorlage S. 3 120 Am Ufer dort war Ferragu zu finden,
Vorlage S. 3 121 Beschmutzt und schweißbedeckt mit staub'gem Schuh.
Vorlage S. 3 122 Vom Schlachtgewühl ließ zeitig ihn entschwinden
Vorlage S. 3 123 Brennender Durst und Wunsch nach etwas Ruh'.
Vorlage S. 3 124 Da musst' ein Zufall an den Ort ihn binden;
Vorlage S. 3 125 Denn als er gierig trank, ließ Ferragu
Vorlage S. 3 126 Vom Haupt den Helm ins Wasser sich entwischen,
Vorlage S. 3 127 Und nicht gelang's noch, ihn herauszufischen.
Vorlage S. 3 129 Schreiend, im tollsten Jagen kommt mit Bangen
Vorlage S. 3 130 Das Mädchen; – hei, wie jetzt sie neu erschrickt!
Vorlage S. 3 131 Ans Ufer springt der Heide voll Verlangen:
Vorlage S. 3 132 Bei dieser Stimme hat er aufgeblickt.
Vorlage S. 3 133 Sind auch vom Schreck entstellt und blass die Wangen,
Vorlage S. 3 134 Er weiß doch, wen sein guter Stern ihm schickt:
Vorlage S. 3 135 Von der er viele Tage ohne Kunde,
Vorlage S. 3 136 Angelika schickt ihm die Gunst der Stunde!
Vorlage S. 3 138 Vielleicht so hitzig wie die Vettern eben,
Vorlage S. 4 139 Und weil ein edles Herz ihm ward beschert,
Vorlage S. 4 140 Eilt er, zu ihrem Schutz den Arm zu heben,
Vorlage S. 4 141 So kühn, als sei er ganz mit Stahl bewehrt,
Vorlage S. 4 142 Und wo Rinald steht – wahrlich ohne Beben! –,
Vorlage S. 4 143 Hin läuft er drohend mit gezücktem Schwert.
Vorlage S. 4 144 Die beiden kannten sich, und unvergessen
Vorlage S. 4 145 War ihnen, dass im Kampf sie sich gemessen.
Vorlage S. 4 147 Beide, zu Fuß jetzt, nur die Schwerter hatten:
Vorlage S. 4 148 Ein grimmig Hämmern alsobald begann.
Vorlage S. 4 149 Nicht Schuppenkleider oder Panzerplatten,
Vorlage S. 4 150 Ja selbst kein Ambos schützte hier den Mann.
Vorlage S. 4 151 Derweil die zwei mit Hieben sich ermatten,
Vorlage S. 4 152 Verstohlen fängt das Pferd zu laufen an;
Vorlage S. 4 153 Denn jene jagt mit aller Kraft der Spornen
Vorlage S. 4 154 Das Tier ins Feld durch Dickicht und durch Dornen.
Vorlage S. 4 156 Lang mühten sich umsonst die beiden Degen,
Vorlage S. 4 157 Den Gegner hinzustrecken in den Sand;
Vorlage S. 4 158 Denn keiner war dem andern überlegen,
Vorlage S. 4 159 Geschickt des Heiden wie des Christen Hand.
Vorlage S. 4 160 Rinald begann zuerst den Mund zu regen
Vorlage S. 4 161 Und sprach, dem span'schen Ritter zugewandt,
Vorlage S. 4 162 Wie einer, der von innern Gluten so brennt,
Vorlage S. 4 163 Dass ihm das Wort fehlt und er lichterloh brennt:
Vorlage S. 4 165 »Nur mich zu treffen, ist ja dein Verlangen;
Vorlage S. 4 166 Allein dir selbst auch fügst du Schaden zu.
Vorlage S. 4 167 Gesetzt, dass ich dir bis zum Morgenprangen
Vorlage S. 4 168 Hier zu verweilen den Gefallen tu,
Vorlage S. 4 169 Ob ich dann tot bin oder bin gefangen,
Vorlage S. 4 170 Bei alledem, sprich, was erlangst denn du?
Vorlage S. 4 171 Das alles wird dir nicht die Maid gewinnen;
Vorlage S. 4 172 Derweil wir säumen, flieht sie ja von hinnen.
Vorlage S. 4 174 Gescheiter wär's, du ständest mir zur Seite,
Vorlage S. 5 175 Liebst du sie auch; der Weg sei ihr verwehrt,
Vorlage S. 5 176 Rasch, eh sie noch verschwinde dort ins Weite!
Vorlage S. 5 177 Hübsch zu verweilen, werde sie belehrt!
Vorlage S. 5 178 Wenn wir sie haben, wohl! – in blut'gem Streite,
Vorlage S. 5 179 Wem sie gehör', entscheide dann das Schwert.
Vorlage S. 5 180 Ich sehe nicht, was auf der Säumnis Pfaden
Vorlage S. 5 181 Sich sonst für uns ergeben kann als Schaden.«
Vorlage S. 5 183 Dem Mohr gefällt, was man ihm vorgeschlagen:
Vorlage S. 5 Kontextbild zum Werk. Historische Illustration zu „Der rasende Roland“ — Werkbezogene Bildquelle; keine belegte Zuordnung zu der hier angezeigten einzelnen Textstelle. · Gustave Doré · Public domain Bildquelle ↗ 184 Seht, aufgeschoben ist der Zweikampf schon!
Vorlage S. 5 185 Die Gegner haben derart sich vertragen
Vorlage S. 5 186 (Haß scheint vergessen und der Zorn entflohn),
Vorlage S. 5 187 Dass, als des Mohren Roß den Herrn soll tragen,
Vorlage S. 5 188 Er nicht zu Fuße lässt den Haimonssohn.
Vorlage S. 5 189 Er lädt ihn ein, den Sitz mit ihm zu teilen,
Vorlage S. 5 190 Und hinterm Fräulein drein die Ritter eilen.
Vorlage S. 5 192 O Trefflichkeit der Ritter alter Zeiten!
Vorlage S. 5 193 Als Nebenbuhler, grimmig aufgebracht,
Vorlage S. 5 194 Verschiednen Glaubens, während noch vom Streiten
Vorlage S. 5 195 Manch harter Hieb am Leib sich fühlbar macht,
Vorlage S. 5 196 Ohn' alle Furcht auf gleichem Rosse reiten
Vorlage S. 5 197 Sie krummen Pfad entlang durch Waldesnacht!
Vorlage S. 5 198 Vier Sporen fühlend, kommt gleich einem Pfeile
Vorlage S. 5 199 Das Pferd hin, wo der Weg geht in zwei Teile.
Vorlage S. 5 201 Und weil sie beide nun in Zweifel stehen,
Vorlage S. 5 202 Wohin sich wohl das schöne Kind gewandt –
Vorlage S. 5 203 Denn hier wie dort ist neue Spur zu sehen,
Vorlage S. 5 204 Und keiner hat ein Zeichen sonst erkannt –,
Vorlage S. 5 205 Beschließt ein jeder auf gut Glück zu gehen,
Vorlage S. 5 206 Der eine rechts, der andre linker Hand.
Vorlage S. 5 207 Im Wald Herr Ferragu die Kreuz und Quer ritt,
Vorlage S. 5 208 Und schließlich war er wieder, wo er herritt.
Vorlage S. 5 210 Am Flusse steht er, wo der Strömung Schnelle
Vorlage S. 6 211 Ihm seinen Helm vom Haupt hinunterzog.
Vorlage S. 6 212 Noch einmal will er prüfen hier die Welle,
Vorlage S. 6 213 Weil Hoffnung auf das Fräulein ihn betrog.
Vorlage S. 6 214 Wo ihm der Helm entfiel, an gleicher Stelle
Vorlage S. 6 215 Taucht er hinunter in das Flutgewog!
Vorlage S. 6 216 Da hat der Helm sich in den Sand gegraben:
Vorlage S. 6 217 Wohl Mühe kostet's, ihn zurückzuhaben!
Vorlage S. 6 219 Aus einem zugestutzten glatten Zweige
Vorlage S. 6 220 Schnitzt er sich eine mächtig große Stang'
Vorlage S. 6 221 Und reizt den Fluss, dass er den Helm ihm zeige,
Vorlage S. 6 222 Und stochert auf und ab und tastet lang';
Vorlage S. 6 223 Er sucht und sucht, der Tag geht auf die Neige,
Vorlage S. 6 224 Des Eifers Hitze rötet ihm die Wang',
Vorlage S. 6 225 Als einen, bis zur Brust von Flut umgeben,
Vorlage S. 6 226 Er aus dem Strom sich dräuend sieht erheben.
Vorlage S. 6 228 Der steckt – bis an den Kopf – im Eisenkleide,
Vorlage S. 6 229 Und einen Helm trägt seine rechte Hand.
Vorlage S. 6 230 Es ist der gleiche Helm, um den der Heide
Vorlage S. 6 231 Umsonst so viele Müh' hat aufgewandt.
Vorlage S. 6 232 »Treuloser Schurke,« spricht er zornig, »leide,
Vorlage S. 6 233 Dass ich behalte, was mir Gott gesandt!
Vorlage S. 6 234 Den Helm zu lassen will dir Schmerz bereiten,
Vorlage S. 6 235 Den du mir schuldest doch seit langen Zeiten!?
Vorlage S. 6 237 Besinne dich: als damals du erstochen
Vorlage S. 6 238 Den Bruder – ich war's – der Angelika,
Vorlage S. 6 239 Den andern Waffen nach hast du versprochen
Vorlage S. 6 240 Zu werfen in den Fluss den Stahlhelm da.
Vorlage S. 6 241 Hält das Geschick den Eid, den du gebrochen,
Vorlage S. 6 242 Füg' dich, kein Grund zu jammern ist das ja.
Vorlage S. 6 243 Reg' dich nicht auf, und willst du auf dich regen,
Vorlage S. 6 244 Je nun, so tu's, ich habe nichts dagegen!
Vorlage S. 6 246 Trägst du nach einem schönen Helm Verlangen,
Vorlage S. 7 247 Such' einen andern dir; trag ihn mit Ehr'!
Vorlage S. 7 248 In solchem Helm kommt Roland hergegangen;
Vorlage S. 7 249 Rinaldos gilt so viel, vielleicht noch mehr.
Vorlage S. 7 250 Man sah Mambrin darin und Almont prangen:
Vorlage S. 7 251 Von jenen hole dir doch einen her,
Vorlage S. 7 252 Weil diesen hier du hübsch mir lassen solltest,
Vorlage S. 7 253 Wie deinem Wort nach du ihn lassen wolltest!«
Vorlage S. 7 255 Dem Mohren sträubte sich das Haar vor Schrecken,
Vorlage S. 7 256 Als jäh der Schatten stieg aus Stromesflut;
Vorlage S. 7 257 Die Stimme blieb ihm in der Kehle stecken,
Vorlage S. 7 258 Und aus den Wangen wich zurück das Blut.
Vorlage S. 7 259 Er hörte sich mit Schmach von ihm bedecken
Vorlage S. 7 260 (Einst Argalia hieß der Kämpe gut,
Vorlage S. 7 261 Den er erstach); als der ihn treulos nannte,
Vorlage S. 7 262 Vor Scham und Zorn er inn und außen brannte.
Vorlage S. 7 264 Es fehlte Zeit, um Antwort ihm zu geben;
Vorlage S. 7 265 Auch wußt er wohl, dass jener Wahrheit sprach.
Vorlage S. 7 266 So blieb das Wort ihm auf den Lippen schweben,
Vorlage S. 7 267 Doch grub sich tief ins Herz ihm ein die Schmach,
Vorlage S. 7 268 Und heilig schwur er – bei Lanfusas Leben –,
Vorlage S. 7 269 Das Haupt beschütz' hinfort kein ander Dach
Vorlage S. 7 270 Als jener Helm, den einst bei Aspramonte
Vorlage S. 7 271 Roland gewann vom trotzigen Almonte.
Vorlage S. 7 273 Und treuer sollt' er stehn zu diesem Eide,
Vorlage S. 7 274 Als er vordem des andern hat gedacht.
Vorlage S. 7 275 Er zieht davon, das Herz beschwert von Leide,
Vorlage S. 7 276 Und härmt und grämt sich lange, Tag und Nacht.
Vorlage S. 7 277 Den Paladin zu finden strebt der Heide,
Vorlage S. 7 278 Sucht hier und dort nach ihm mit aller Macht.
Vorlage S. 7 279 Rinald, der sich indessen fortbegeben,
Vorlage S. 7 280 Sollt' andre Abenteuer noch erleben.
Vorlage S. 7 282 Er geht noch gar nicht lang, da sieht er springen
Vorlage S. 8 283 Bajard nicht weit vor sich, sein stolzes Tier:
Vorlage S. 8 284 »Halt, Bajard, halt! Du willst mir Schaden bringen!«
Vorlage S. 8 285 So ruft er laut, »gar sehr ja fehlst du mir!«
Vorlage S. 8 286 Er sieht das Roß nur immer weiter dringen,
Vorlage S. 8 287 Als ob es taub wär', in das Waldrevier.
Vorlage S. 8 288 Nun eilt er nach, in Zornesflammen, brennenden;
Vorlage S. 8 289 Doch folgen wir Angelika, der rennenden.
Vorlage S. 8 291 Sie flieht dahin durch dunklen Waldes Weiten,
Vorlage S. 8 292 Einöden menschenleer und grauenvoll,
Vorlage S. 8 293 Wo Blätter wiegen, wo sich Schatten breiten
Vorlage S. 8 294 Von Ulmen, Eichen, Buchen – da wie toll
Vorlage S. 8 295 Muss sie auf einmal pfadlos seitwärts reiten,
Vorlage S. 8 296 Hier-, dorthin, weil die Furcht im Busen schwoll.
Vorlage S. 8 297 Bei jedem Schatten fängt sie an zu traben:
Vorlage S. 8 298 Stets glaubt sie hinter sich Rinald zu haben.
Vorlage S. 8 300 So wie das Zicklein oder Reh, das junge,
Vorlage S. 8 301 Das unter Buschwerk sah im heim'schen Hain
Vorlage S. 8 302 Des Pardels Wut zerreißen Brust und Lunge
Vorlage S. 8 303 Der lieben Mutter, und mit flinkem Bein
Vorlage S. 8 304 Von Wald zu Wald flieht in entsetztem Sprunge,
Vorlage S. 8 305 Zitternd vor Angst, in Dunkelheit hinein –
Vorlage S. 8 306 Bei jedem Knistern, jedes Zweiges Knacken
Vorlage S. 8 307 Fühlt es das grimme Tier in seinem Nacken –:
Vorlage S. 8 309 Den Tag, die Nacht, vom nächsten Tag noch Stunden
Vorlage S. 8 310 Schweift sie – wo, weiß sie selber nicht – umher,
Vorlage S. 8 311 Bis einen Waldeshag sie hat gefunden,
Vorlage S. 8 312 Von frischer Luft bewegt und düfteschwer;
Vorlage S. 8 313 Von zartem Gras und Blumen hold umwunden,
Vorlage S. 8 314 Zwei Bächlein drängen murmelnd nach dem Meer,
Vorlage S. 8 315 Und lieblichem Gesang glaubt man zu lauschen,
Vorlage S. 8 316 Da leise plätschernd durchs Gestein sie rauschen.
Vorlage S. 8 318 Sicher zu sein scheint dieser Ort der Wonnen,
Vorlage S. 9 319 Rinald entfernt wohl manche weite Meil';
Vorlage S. 9 320 Von Hitz' und Mühen viel ist sie gesonnen
Vorlage S. 9 321 Hier auszuruhen eine kleine Weil'!
Vorlage S. 9 322 Und unter Blumen steigt sie ab am Bronnen,
Vorlage S. 9 323 Das Pferd nimmt, zügelfrei, am Rasten teil:
Vorlage S. 9 324 Es schweift vergnügt umher im kühlen Raume,
Vorlage S. 9 325 Der frische Gräser beut an seinem Saume.
Vorlage S. 9 327 Ganz nahe, sieh! ein schön Gebüsch sich breitet,
Vorlage S. 9 328 Wo Blütendorn bei roten Rosen sprießt,
Vorlage S. 9 329 Sich hold im Wasser spiegelnd, das da gleitet;
Vorlage S. 9 330 Der Sonn' ein Eichendach den Platz verschließt.
Vorlage S. 9 331 Die Mitte drinnen zum Gemach sich weitet,
Vorlage S. 9 332 Durch das erfrischend dichter Schatten fließt,
Vorlage S. 9 333 Blattwerk und Zweige kunstvoll sich verschlingen –
Vorlage S. 9 334 Selbst Phöbus' Blick vermag nicht durchzudringen.
Vorlage S. 9 336 Ein zartes Gras lädt ein die müden Glieder,
Vorlage S. 9 337 Wes Augen immer diese Ruhstatt sahn;
Vorlage S. 9 338 Die Schöne lässt sich in der Mitte nieder
Vorlage S. 9 339 Und gleich vom Arm des Schlummergotts umfahn.
Vorlage S. 9 340 Jedoch nach kurzer Frist erwacht sie wieder:
Vorlage S. 9 341 Sie glaubt zu hören, dass sich Tritte nahn.
Vorlage S. 9 342 Leis steht sie auf, Gewissheit sich zu schaffen –
Vorlage S. 9 343 Und sieht am Bächlein einen Mann in Waffen.
Vorlage S. 9 345 Ob Freund, ob Feind es ist? Sie kann's nicht sagen:
Vorlage S. 9 346 Bald ist sie hoffnungsfroh, bald wieder bang
Vorlage S. 9 347 Und mag den Hauch nicht eines Seufzers wagen:
Vorlage S. 9 348 Sie wartet auf das End' vom Liede lang.
Vorlage S. 9 349 Zum Fluss hinab ihn jetzt die Schritte tragen:
Vorlage S. 9 350 Dort bleibt er, auf den Arm gestützt die Wang',
Vorlage S. 9 351 Und in Gedanken steht er tief, alleine,
Vorlage S. 9 352 Ganz wie erstarrt zu regungslosem Steine.
Vorlage S. 9 354 Gesenkten Hauptes stand mit seinem Harme
Vorlage S. 10 355 Der Ritter stundenlang am Bachesdamm;
Vorlage S. 10 356 So weich zu klagen drauf begann der Arme,
Vorlage S. 10 357 So schmelzend süß, von seiner Liebesflamm',
Vorlage S. 10 358 Als gelt' es, Herr, dass sich ein Stein erbarme,
Vorlage S. 10 359 Ein Tigertier sich wandle in ein Lamm.
Vorlage S. 10 360 Sein Seufzer scheint aus Ätnas Grund zu dringen;
Vorlage S. 10 361 Als wär's ein Wasserfall, die Tränlein springen.
Vorlage S. 10 363 »Gedanke,« sprach er, »der mich glutentglommen
Vorlage S. 10 364 Und eisig macht, du drückst das Herz mir wund!
Vorlage S. 10 365 Was soll ich tun? Ich bin zu spät gekommen:
Vorlage S. 10 366 Ein andrer pflückt die süße Frucht jetzund.
Vorlage S. 10 Kontextbild zum Werk. Historische Illustration zu „Der rasende Roland“ — Werkbezogene Bildquelle; keine belegte Zuordnung zu der hier angezeigten einzelnen Textstelle. · Gusatve Dore · Public domain Bildquelle ↗ 367 Kaum einen Blick, ein Wort hab' ich bekommen,
Vorlage S. 10 368 Ein andrer die Trophäen, Herz und Mund.
Vorlage S. 10 369 Kann weder Frucht noch Blüte mich beglücken,
Vorlage S. 10 370 Was soll ich mir um sie den Sinn bedrücken?
Vorlage S. 10 372 Die Jungfrau ist der Rose zu vergleichen,
Vorlage S. 10 373 Die sich im Garten auf dem Stengel wiegt,
Vorlage S. 10 374 Eh Hirtenhand und Herde sie erreichen,
Vorlage S. 10 375 Im Schoß der Ruhe still geborgen liegt:
Vorlage S. 10 376 Wind, Frührot neigen sich der Anmutreichen
Vorlage S. 10 377 Und Land und Flut, von ihrer Huld besiegt;
Vorlage S. 10 378 Burschen und Mägdlein mit verliebten Wangen
Vorlage S. 10 379 Lassen an Schläfen sie und Busen prangen.
Vorlage S. 10 381 Doch sieht man sie nicht mehr am Strauch sich heben,
Vorlage S. 10 382 Ward sie getrennt vom mütterlichen Stamm, –
Vorlage S. 10 383 Was ihr bei Gott und Menschen Wert gegeben,
Vorlage S. 10 384 Anmut und Schönheit, schwindet allzusamm.
Vorlage S. 10 385 Das Mädchen, das nicht mehr als Licht und Leben
Vorlage S. 10 386 Zu hüten weiß die Blüte wundersam,
Vorlage S. 10 387 Verliert, wenn einer dieses Gut verletzte,
Vorlage S. 10 388 Den Preis, den jeder über alles schätzte.
Vorlage S. 10 390 Andern verhaßt, sei sie nur lieb dem einen,
Vorlage S. 11 391 Den sie mit ihrem Selbst so reich beglückt.
Vorlage S. 11 392 Grausames Los! Wie muss ich dich beweinen!
Vorlage S. 11 393 Reich sah ich andre, mich von Not bedrückt.
Vorlage S. 11 394 Ist's möglich: unhold will sie mir erscheinen?
Vorlage S. 11 395 Mein Leben selbst, es wäre mir entrückt?
Vorlage S. 11 396 Ach, lieber wär' ich heute tot geblieben,
Vorlage S. 11 397 Als dass ich sie nicht fürder sollte lieben!«
Vorlage S. 11 399 Fragt jemand: wer mag innen also brennen?
Vorlage S. 11 400 Hat so viel Tränen nach dem Fluss gesandt? –
Vorlage S. 11 401 So muss ich euch Zirkassiens König nennen:
Vorlage S. 11 402 Er ist's: der liebeskranke Sakripant.
Vorlage S. 11 403 Und wollt ihr seines Leides Ursach' kennen?
Vorlage S. 11 404 Mit seiner Lieb' ist alles schon genannt.
Vorlage S. 11 405 Zu den Verehrern zählt er jener Schönen,
Vorlage S. 11 406 Und sie erkannt' ihn gleich in seinem Stöhnen.
Vorlage S. 11 408 Um sie allein war er in Liebesgrillen
Vorlage S. 11 409 Gekommen aus dem fernsten Orient;
Vorlage S. 11 410 Denn er vernahm, dass sie um Rolands willen
Vorlage S. 11 411 Von Indien ging weithin zum Okzident;
Vorlage S. 11 412 Dass Karl in Frankreich dann, den Streit zu stillen,
Vorlage S. 11 413 Im Zelt sie hielt von andern abgetrennt
Vorlage S. 11 414 Und dem zum Lohn versprach, der im Gefechte
Vorlage S. 11 415 Den Lilien den größten Nutzen brächte.
Vorlage S. 11 417 Er war im Lager, sah die Niederlage,
Vorlage S. 11 418 Die dort erlitt des Christenkönigs Schar.
Vorlage S. 11 419 Umsonst irrt er umher seit jenem Tage,
Vorlage S. 11 420 Dass er von der Entschwundnen Kund' erfahr'.
Vorlage S. 11 421 Ihr wisst es nun, warum mit Liebesklage
Vorlage S. 11 422 Die Zährenflut zum Bach geflossen war
Vorlage S. 11 423 Und er so rührend Worte ließ erklingen,
Vorlage S. 11 424 Schier um die Sonn' aus ihrer Bahn zu bringen.
Vorlage S. 11 426 Zum Quell die Augen wandelnd, liebentzündet
Vorlage S. 12 427 In Schmerz und Leid der Ärmste sich verlor.
Vorlage S. 12 428 Derweil er spricht, was nicht die Muse kündet –
Vorlage S. 12 429 Denn andre Dinge hat zur Zeit sie vor –
Vorlage S. 12 430 Fügt sich's – o seht! – dass Glück sich ihm verbindet,
Vorlage S. 12 431 Denn jeder Laut dringt zu der Holden Ohr.
Vorlage S. 12 432 Was er mit einemmal jetzt soll erreichen,
Vorlage S. 12 433 Drob könnten tausend Jahre sonst verstreichen.
Vorlage S. 12 435 Auf jedes Wort des Ritters, Art und Wesen
Vorlage S. 12 436 Gibt unsre schöne Dame sorglich acht.
Vorlage S. 12 437 In seinem Herzen hat sie längst gelesen,
Vorlage S. 12 438 Dass er nach nichts als ihrer Liebe tracht'.
Vorlage S. 12 439 Allein voll Härte ist sie stets gewesen,
Vorlage S. 12 440 Kalt, ohne Mitleid, wie aus Stein gemacht,
Vorlage S. 12 441 Als schätze sie die ganze Welt geringe
Vorlage S. 12 442 Und keinen würdig solch erlesner Dinge.
Vorlage S. 12 444 Zum Führer aber denkt sie ihn zu nehmen,
Vorlage S. 12 445 Nun sie verlassen durch die Wälder schweift:
Vorlage S. 12 446 Es muss zum Gnadenruf sich wohl bequemen,
Vorlage S. 12 447 Wem an die Lippen schon das Wasser streift!
Vorlage S. 12 448 Wer weiß, ob jemals bessre Helfer kämen,
Vorlage S. 12 449 Wenn sie nicht die Gelegenheit ergreift!
Vorlage S. 12 450 Sie hatte ja schon in gar manchem Falle
Vorlage S. 12 451 Den Fürsten treu befunden, mehr als alle.
Vorlage S. 12 453 Doch will sie nicht den Armen wirklich letzen,
Vorlage S. 12 454 Zu seines Kummers, seiner Treue Lohn,
Vorlage S. 12 455 Das lange Leid durch Seligkeit ersetzen,
Vorlage S. 12 456 Die jedem Jüngling aller Freuden Kron' –
Vorlage S. 12 457 Nein, nur in Wahn und Irrtum ihn versetzen,
Vorlage S. 12 458 Damit in seiner Brust das Hoffen wohn'
Vorlage S. 12 459 Und er als Werkzeug ihr ein Weilchen diene,
Vorlage S. 12 460 Dann wieder zu begegnen harter Miene.
Vorlage S. 12 462 Auftauchend plötzlich aus des Haines Schweigen,
Vorlage S. 13 463 Wird sie, die Göttergleiche, nun erblickt –
Vorlage S. 13 464 So mag Diana sich, so Venus zeigen,
Vorlage S. 13 465 Wenn ihrer Schönheit Glanz den Wald erquickt –
Vorlage S. 13 466 Und »Friede dir!« spricht sie mit holdem Neigen,
Vorlage S. 13 467 »Vom Himmel wirst du mir als Hort geschickt,
Vorlage S. 13 468 Und sicherlich wird er nicht weiter dulden,
Vorlage S. 13 469 Dass du mich so verkennst ohn' mein Verschulden.«
Vorlage S. 13 471 Die Mutter zeigt nicht solch ein freudig Beben,
Vorlage S. 13 472 Wenn sie den Sohn schaut, den sie tot geglaubt,
Vorlage S. 13 473 Des sie mit Weinen noch gedacht soeben
Vorlage S. 13 474 Als eines, den der Kriegsgott ihr geraubt,
Vorlage S. 13 475 Wie sich die Blicke Sakripants erheben
Vorlage S. 13 476 Zur edelen Gestalt, dem Engelshaupt,
Vorlage S. 13 477 Den zarten Gliedern dieser Hulderscheinung,
Vorlage S. 13 478 Der herrlichsten der Welt nach seiner Meinung.
Vorlage S. 13 480 In holder Glut, vom süßen Trieb bezwungen,
Vorlage S. 13 481 Zu seiner Herrin, Göttin eilt er her.
Vorlage S. 13 482 Sie hält um seinen Hals den Arm geschlungen,
Vorlage S. 13 483 Was in Katai wohl nicht geschehen wär',
Vorlage S. 13 484 In ihr ist plötzlich Sehnsucht aufgesprungen:
Vorlage S. 13 485 Die Heimat winkt, bleibt ihr zur Seite der.
Vorlage S. 13 486 Durch ihn belebt sich Hoffnung und Vertrauen,
Vorlage S. 13 487 Bald wiederum ihr reiches Schloß zu schauen.
Vorlage S. 13 489 Ausführlich lässt sie den Bericht ihn kosten,
Vorlage S. 13 490 Von jenem Tag an, da sie ihn gesandt
Vorlage S. 13 491 Zum Serikanerkönig dort im Osten,
Vorlage S. 13 492 Und wie für sie die Sache schließlich stand;
Vorlage S. 13 493 Wie Roland treulich blieb auf seinem Posten
Vorlage S. 13 494 Und Schmach und Tod von ihr hat abgewandt;
Vorlage S. 13 495 Sie trag' auch unverletzt, was edlem Weibe
Vorlage S. 13 496 Der höchste Schatz ist, wie vom Mutterleibe.
Vorlage S. 13 498 So war's vielleicht, allein der Fall wird rar sein
Vorlage S. 14 499 (Wer klaren Kopf hat, urteilt so zumeist):
Vorlage S. 14 500 Für Sakripant muss dieses alles wahr sein,
Vorlage S. 14 501 Weil er in noch viel größrem Irrtum kreist.
Vorlage S. 14 502 Was man nicht sieht, das lässt uns Amor klar sein,
Vorlage S. 14 503 Der Deutliches als unsichtbar erweist.
Vorlage S. 14 504 Nun, jener glaubt: was lieblich ist zu glauben,
Vorlage S. 14 505 Das lässt sich ja der Mensch nicht gerne rauben.
Vorlage S. 14 507 »Ließ recht als Tor sich zimperlich verwehren
Vorlage S. 14 508 So leckern Schmaus der Ritter von Anglant –
Vorlage S. 14 509 Der Schad' ist sein; das Glück will nicht bescheren
Vorlage S. 14 510 Ein zweites Mal, was einmal ward verkannt:
Vorlage S. 14 511 Ich werde nicht mich an sein Beispiel kehren!«
Vorlage S. 14 512 So sprach bei sich im stillen Sakripant.
Vorlage S. 14 513 »Entgehen mir zu lassen solchen Bissen,
Vorlage S. 14 514 Hätt' ich in Ewigkeit auf dem Gewissen.
Vorlage S. 14 516 Die jugendfrische Rose will ich pflücken,
Vorlage S. 14 517 Bevor – wie bald! – die Zeit den Duft verjagt:
Vorlage S. 14 518 Ein Dirnlein kann nichts Süßeres beglücken,
Vorlage S. 14 519 Ziert auch ein wenig sich die gute Magd.
Vorlage S. 14 520 Und scheint es noch so sehr sie zu bedrücken,
Vorlage S. 14 521 Und ob sie weint und voll Verzweiflung klagt,
Vorlage S. 14 522 Es soll kein Zorn, kein Widerstand mich rühren;
Vorlage S. 14 523 Was ich mir vornahm, denk' ich auszuführen!«
Vorlage S. 14 525 Er spricht's. Zum süßen Ansturm vorzugehen
Vorlage S. 14 526 Schickt er sich an: – da tönt gewalt'ger Schall
Vorlage S. 14 527 Im nahen Wald; er muss sich wohl verstehen,
Vorlage S. 14 528 Zu lassen, ob erbost, vom Überfall.
Vorlage S. 14 529 Er nimmt den Helm – mit Wehr sich zu versehen,
Vorlage S. 14 530 War er ja längst gewohnt für jeden Fall.
Vorlage S. 14 531 Er geht zum Renner, legt ihm an die Zügel,
Vorlage S. 14 532 Ergreift den Sporn und setzt den Fuß in Bügel.
Vorlage S. 14 534 Ein Ritter sprengt hervor aus wald'gen Auen,
Vorlage S. 15 535 Dem Aussehn nach gar stolz und kampfbereit.
Vorlage S. 15 536 Die Zier am Helm ist weiß wie Schnee zu schauen,
Vorlage S. 15 537 Und weiß wie Schnee ist auch sein Waffenkleid.
Vorlage S. 15 538 Der König aber steht mit finstern Brauen:
Vorlage S. 15 539 Dass unterbrochen werde, was zur Zeit
Vorlage S. 15 540 So hohe Lust verspricht, stimmt ihn nicht heiter;
Vorlage S. 15 541 Voll Groll und Ingrimm blickt er auf den Reiter.
Vorlage S. 15 543 Leicht aus dem Sattel denkt er ihn zu heben
Vorlage S. 15 544 Und fordert ihn zum Zweikampf auf der Stell';
Vorlage S. 15 545 Und jener, der – mir scheint – zu schaffen geben
Vorlage S. 15 546 Wird dem Zirkassier wohl auf alle Fäll',
Vorlage S. 15 547 Spornt seinen Renner, lässt die Lanze schweben
Vorlage S. 15 548 Und unterbricht das stolze Drohen schnell.
Vorlage S. 15 Kontextbild zum Werk. Historische Darstellung von Ludovico Ariosto — Spätere künstlerische Darstellung; kein gesichertes Bildnis aus dem Leben. · Urheber unbekannt · Public domain Bildquelle ↗ 549 Herr Sakripant kehrt um wie Ungewitter.
Vorlage S. 15 550 Und aufeinander jagen beide Ritter.
Vorlage S. 15 552 Nie trafen sich gewaltig gleich dem Blitze
Vorlage S. 15 553 Die Stiere und die Löwen in der Schlacht,
Vorlage S. 15 554 Wie die zwei Krieger hier in Kampfeshitze:
Vorlage S. 15 555 Die Schilde bersten durch des Stoßes Macht.
Vorlage S. 15 556 Vom üpp'gen Tal bis hin zur kahlen Spitze
Vorlage S. 15 557 Von dem Zusammenprall die Erde kracht.
Vorlage S. 15 558 Die Panzerkleider waren gut zum Glücke;
Vorlage S. 15 559 Sonst gingen beide Leiber wohl in Stücke.
Vorlage S. 15 561 Auch keinen Umweg machten ihre Pferde:
Vorlage S. 15 562 Sie stießen sich, wie Widder tun im Zorn.
Vorlage S. 15 563 Tot blieb das Roß des Heiden auf der Erde,
Vorlage S. 15 564 Und in der Zahl der besten stand es vorn!
Vorlage S. 15 565 Auch jenes fällt: dass es lebendig werde,
Vorlage S. 15 566 Besorgt in seine Flank' ein Druck des Sporn.
Vorlage S. 15 567 Das andre Tier muss sich am Boden strecken
Vorlage S. 15 568 Und mit der vollen Last den Herrn bedecken.
Vorlage S. 15 570 Der Fremde, der im Sattel fest geblieben,
Vorlage S. 16 571 Schaut seinen Gegner unterm Pferd, besiegt.
Vorlage S. 16 572 Doch rüstet er sich nicht zu Schwerteshieben,
Vorlage S. 16 573 Weil ihm an einem neuen Kampf nichts liegt.
Vorlage S. 16 574 Man sieht nur, dass er, wie vom Sturm getrieben,
Vorlage S. 16 575 Geraden Wegs im Wald von dannen fliegt.
Vorlage S. 16 576 Eh aus der Klemme kommt der andre Streiter,
Vorlage S. 16 577 Ist er ein Stündchen fern, vielleicht noch weiter.
Vorlage S. 16 579 So wie der Pflüger, wenn vorbei das Wetter,
Vorlage S. 16 580 Sich stumpf erhebt, betäubt, vom Schlag erschreckt –
Vorlage S. 16 581 Geteilt das Los schier um ein Härchen hätt' er
Vorlage S. 16 582 Der Rinder, die der Blitzstrahl hingestreckt;
Vorlage S. 16 583 Die Fichte schaut er ohne Kron' und Blätter,
Vorlage S. 16 584 Die er vorher von weitem hat entdeckt –
Vorlage S. 16 585 So sucht der Heide wieder aufzustehen ...
Vorlage S. 16 586 Und alles das muss seine Dame sehen.
Vorlage S. 16 588 Er seufzt und stöhnt – nicht etwa, dass ein Arm ihm,
Vorlage S. 16 589 Ein Fuß gebrochen sei, verrenkt vom Schlag;
Vorlage S. 16 590 Die Wange wird aus Schamgefühl nur warm ihm,
Vorlage S. 16 591 Wie nie zuvor an einem Erdentag.
Vorlage S. 16 592 Nicht dass er fiel – dass sie aus solchem Harm ihm,
Vorlage S. 16 593 Die Last abwälzend, half, ist seine Klag'.
Vorlage S. 16 594 Ich glaub', er wär' am Ende stumm geblieben,
Vorlage S. 16 595 Hätt' ihn zum Sprechen jene nicht getrieben.
Vorlage S. 16 597 »Herr,« sprach sie, »lasst Euch dieses nicht beschweren:
Vorlage S. 16 598 Nicht Euch trifft Schuld, wenn Ihr gefallen seid;
Vorlage S. 16 599 Nein, bloß den Renner: Speis' und Ruhe wären
Vorlage S. 16 600 Ihm dienlicher gewesen als der Streit.
Vorlage S. 16 601 Nicht prahle jener mit den Siegesehren;
Vorlage S. 16 602 Er brachte sich ja schnell in Sicherheit!
Vorlage S. 16 603 Seht, wer das Feld räumt – das gilt allerwegen –
Vorlage S. 16 604 Der zeigt, dass er im Kampfe unterlegen.«
Vorlage S. 16 606 Derweil sie ihn zu trösten Müh' verwandte,
Vorlage S. 17 607 Kommt ein berittner Mann dahergejagt,
Vorlage S. 17 608 Mit Tasch' und Horn versehn; der Unbekannte
Vorlage S. 17 609 (Ein müder Bote schien's, von Gram geplagt)
Vorlage S. 17 610 Kehrt sich zum nächsten, das ist Sakripante:
Vorlage S. 17 611 »Kam nicht gerad mit weißem Schilde – sagt! –
Vorlage S. 17 612 Und weißem Federbusch auf Helmes Mitten
Vorlage S. 17 613 Durch diesen Wald ein Kriegersmann geritten?«
Vorlage S. 17 615 Sprach Sakripant: »Den du zu sehn beflissen,
Vorlage S. 17 616 Vom Pferd hier warf er mich und ist enteilt;
Vorlage S. 17 617 Und weil ich seinen Namen nicht will missen,
Vorlage S. 17 618 Sag' mir, wer ist's, der solche Schläg' erteilt?«
Vorlage S. 17 619 Der Bote drauf: »Was dich verlangt zu wissen,
Vorlage S. 17 620 Von mir erfahren sollst du's unverweilt;
Vorlage S. 17 621 Erwarbst du Ruhm, verdunkelt ist dein Name:
Vorlage S. 17 622 Dich hob vom Sattel eine edle Dame!
Vorlage S. 17 624 Sie hat durch Kühnheit hohen Ruhm gefunden,
Vorlage S. 17 625 Durch Schönheit mehr; den Namen künd' ich dir:
Vorlage S. 17 626 Die Heldin Bradamant hat dir entwunden,
Vorlage S. 17 627 Was du gewannst an Ehr' auf Erden hier.«
Vorlage S. 17 628 Der Bote sprach's und war im Wald verschwunden.
Vorlage S. 17 629 Den Sarazen will Groll verzehren schier:
Vorlage S. 17 630 Ratlos und wortlos steht er da, befangen;
Vorlage S. 17 631 Es röten sich in Flammenglut die Wangen.
Vorlage S. 17 633 Nachdem er lange, was sich zugetragen,
Vorlage S. 17 634 Vergeblich hat erwogen und zum Schluss
Vorlage S. 17 635 Sich sieht von einem Mägdelein geschlagen
Vorlage S. 17 636 (Je mehr er's denkt, je größer sein Verdruss!),
Vorlage S. 17 637 Nimmt er das Fräulein, ohn' ein Wort zu sagen,
Vorlage S. 17 638 Aufs Roß und festigt in dem Reif den Fuß,
Vorlage S. 17 639 Mit ihr zu besserm Spiel davonzureiten
Vorlage S. 17 640 An stillerm Ort in spätern günst'gen Zeiten.
Vorlage S. 17 642 Sie reiten nicht zwei Meilen, als ein Tönen
Vorlage S. 18 643 Und mächtiges Gelärm im Hain erschallt,
Vorlage S. 18 644 Der sie umgibt, ein Krachen und ein Dröhnen,
Vorlage S. 18 645 Als woll' erbeben rings der weite Wald,
Vorlage S. 18 646 Und einen reich mit Gold geschmückten, schönen
Vorlage S. 18 647 Und stolzen Renner sehn sie nahen bald,
Vorlage S. 18 648 Der über Busch und Bach setzt, Bäum' entblättert,
Vorlage S. 18 649 Und alles, das im Weg ist, niederschmettert.
Vorlage S. 18 651 »Täuscht trübe Luft und dichtverschlungne Zweige«,
Vorlage S. 18 652 So sprach die Dame, »jetzt mein Auge nicht,
Vorlage S. 18 653 Will mich bedünken, dass sich Bajard zeige,
Vorlage S. 18 654 Der so mit Lärmen durch das Dickicht bricht.
Vorlage S. 18 655 Gewiss, er ist's; will, dass man ihn besteige:
Vorlage S. 18 656 Wie gut er doch versteht, was uns gebricht!
Vorlage S. 18 657 Ein einzig Roß für zwei würd' unbequem sein:
Vorlage S. 18 658 Er bringt uns Gutes: lass es uns genehm sein!«
Vorlage S. 18 660 Der Fürst steigt ab; er will den Renner rufen,
Vorlage S. 18 661 Ergriffe gern den Zaum mit seiner Hand:
Vorlage S. 18 662 Doch Bajard gibt die Antwort mit den Hufen;
Vorlage S. 18 663 Schnell wie der Blitz hat er sich umgewandt,
Vorlage S. 18 664 Mit Stößen, die jedoch kein Unheil schufen –:
Vorlage S. 18 665 Weh, träfen volle Schläge Sakripant!
Vorlage S. 18 666 Wollte der Huf die ganze Kraft beweisen,
Vorlage S. 18 667 Zertrümmert hätt' er einen Berg von Eisen.
Vorlage S. 18 669 Sie sahn das Roß sich sanft zur Dame wenden,
Vorlage S. 18 670 Fast menschengleich, voll Demut: wie vorm Herrn
Vorlage S. 18 671 Des Hündleins frohe Sprünge gar nicht enden,
Vorlage S. 18 672 Wenn der Gebieter heimkehrt aus der Fern'.
Vorlage S. 18 673 Bajard erkannte sie: aus ihren Händen
Vorlage S. 18 674 Nahm er sein Futter in Albrakka gern,
Vorlage S. 18 675 Als für Rinald in Liebesglut sie brannte,
Vorlage S. 18 676 Der damals grausam ihr den Rücken wandte.
Vorlage S. 18 678 Den Zügel nun erfasst sie mit der Linken
Vorlage S. 19 679 Und klopft und streichelt ihm den Bug in Huld:
Vorlage S. 19 680 Das kluge Tier, gehorsam ihren Winken,
Vorlage S. 19 681 Ist zahm und gut, ein Lämmchen an Geduld.
Vorlage S. 19 682 Da schwingt sich Sakripant mit einem flinken
Vorlage S. 19 683 Aufsprung hinauf, sitzt in der Sattelmuld':
Vorlage S. 19 684 Angelika hat seinen Platz bekommen;
Vorlage S. 19 685 Die Doppellast ist nun dem Tier genommen.
Vorlage S. 19 687 Aufblickend dann, erschaut sie einen Recken,
Vorlage S. 19 688 Der stolz und waffenklirrend naht in Hast:
Vorlage S. 19 689 Es ist Rinald – kann sie sich nicht verstecken?
Vorlage S. 19 690 O wie bei seinem Anblick Zorn sie fasst!
Vorlage S. 19 691 Wie vor dem Aar das Huhn, flieht sie voll Schrecken,
Vorlage S. 19 692 Und er verfolgt sie ohne Ruh' und Rast.
Vorlage S. 19 693 Einstmals hat er von ihr nichts wissen wollen,
Vorlage S. 19 694 Sie liebte ihn – so tauschten sie die Rollen.
Vorlage S. 19 696 Als Ursach' muss ich euch zwei Quellen nennen;
Vorlage S. 19 697 Zwiefache Wirkung hat der beiden Flut
Vorlage S. 19 698 (Sie stehn einander nah, in den Ardennen):
Vorlage S. 19 699 Die eine füllt mit Liebe heiß den Mut;
Vorlage S. 19 700 Wer von der andern trinkt, kann nicht entbrennen:
Vorlage S. 19 701 In Eis verwandelt sie die Liebesglut.
Vorlage S. 19 702 Aus jener trank Rinald – und Liebe fasst ihn –
Vorlage S. 19 703 Aus der Angelika: sie flieht und haßt ihn.
Vorlage S. 19 705 Der Bronnen ließ geheimes Gift sie trinken:
Vorlage S. 19 706 Statt holder Triebe fühlt sie Haß sogleich,
Vorlage S. 19 707 Wenn dieser Held erscheint, und Schleier sinken
Vorlage S. 19 708 Auf heitrer Augen lichterfülltes Reich.
Vorlage S. 19 709 Sie fleht zu Sakripant – die Tränen blinken,
Vorlage S. 19 710 Die Stimme bebt, die Wangen werden bleich –:
Vorlage S. 19 711 Schnell auf die Flucht mit ihr sich zu begeben,
Vorlage S. 19 712 Fern von dem Krieger, der genaht soeben.
Vorlage S. 19 714 »Hab' ich nicht schon Vertraun bei Euch besessen?«
Vorlage S. 20 715 Sprach jener, »bin ich nutzlos und gering,
Vorlage S. 20 716 Unfähig, mich mit jenem dort zu messen,
Vorlage S. 20 717 Dass ohne Schwertschlag ich von dannen ging?
Vorlage S. 20 718 Habt Ihr Albrakka und die Nacht vergessen,
Vorlage S. 20 719 Als ich allein – fürwahr kein kleines Ding! –
Vorlage S. 20 720 Vor Agrikan und Scharen auserlesen
Vorlage S. 20 721 Bin ohne Waffen Euer Schild gewesen?«
Vorlage S. 20 723 Sie weiß nicht, was sie tun soll, steht verlegen
Vorlage S. 20 724 Und schweigend, denn Rinald ist fast schon da:
Vorlage S. 20 725 Er hält dem Sarazen die Faust entgegen;
Vorlage S. 20 726 Sein Pferd, das dieser nahm, erkennt er ja;
Vorlage S. 20 727 Erkennt auch sie, für die auf allen Wegen
Vorlage S. 20 728 Sein Herz in Lohe steht, ob fern, ob nah.
Vorlage S. 20 729 Wie weiter nun die Dinge sich gestalten,
Vorlage S. 20 730 Das sei dem nächsten Sange vorbehalten.
Vorlage S. 20