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Es ist ein bekanntes Sprichwort: dass auch Bücher, größere wie kleinere, ihre Schicksale haben. So waren es nur unvermutete Hindernisse, Störungen und Zufälle, welche veranlaßten, dass gegenwärtige Novelle nicht schon vor vielen Jahren den Lesern mitgeteilt wurde. Der Plan zu dieser Erzählung ist geradezu einer meiner frühesten Entwürfe, denn er entstand schon im Frühjahr 1795. Der Wunsch, klare und bestimmte Ausschnitte unsers echten deutschen Lebens, seiner Verhältnisse und Aussichten wahrhaft zu zeichnen, regte sich lebhaft in mir. Cervantes' Novellen hatten mich schon damals begeistert. Manche andere Entwürfe wurden ausgeführt, und drängten diese Novelle, welche meine früheste war, und den Anlass zu den spätern gab, zurück. Erst im Jahre 1811 begann ich die Ausarbeitung, die jetzt sich mehr ausdehnte und bunter ausfiel, als es im ersten Entwurfe lag. Rasch schritt ich vor, und damals, wenn das Werk geendigt worden, war mancher Gedanke über Zünfte, Bürgerlichkeit und dergleichen mehr an der Tagesordnung; vieles gewissermaßen neu und noch unbesprochen. Die Ruhe aber fand sich nicht, um die Aufgabe zu vollenden, doch wurde schon im Jahre 1819 das, was geschrieben war, der Presse übergeben, und ich hoffte, mit dem Sommer meinem befreundeten Verleger das ganze Werk dessen Druck er sogleich begann, übersenden zu können. Diese Erfüllung ist aber jetzt erst eingetreten, und so bietet sich nun die Erfindung, so früh begonnen, so oft verzögert und so spät vollendet, dem Wohlwollen des Lesers.
Ein ähnliches Schicksal traf »den Aufruhr in den Cevennen«. Er wäre jetzt statt dieses Werkes erschienen, wenn mich nicht diese Laune aus meiner Jugend zu lebhaft angeregt hätte, sie fortzusetzen und zu beschließen. Da zu jenem unterbrochenen Werke längst alles vorbereitet ist, so darf ich hoffen, auch dies dem Publikum nächstens übergeben zu können.
Wenn die jüngere ungestüme Welt mich jetzt so oft aufruft und schilt, ich soll lernen, erfahren, mitgehen, verstehen und fassen, und ich werfe einmal Blicke in diese Produkte meiner neuesten und frischesten Zeitgenossen, so kann ich mich des Lächelns nicht erwehren, weil so viele großen Entdeckungen und Wahrheiten schon längst in meinen Schriften, zum Teil den frühesten, stehen. Ich darf mir wohl das Zeugnis geben, dass ich immerdar forsche und mehr lerne, je älter ich werde; aber – wie Goethe auch schon einmal das veraltete Sprichwort auf sich anwendet – man soll oft erfahren und über das erstaunen, als über wichtige Entdeckung, was man schon längst an den Schuhsohlen abgelaufen hat. – Oberflächliche Allseitigkeit war mir immer verhaßt. Nur in seinem wahren Beruf kann der Mensch stark sein, irgendwo muss er ganz zu Hause sein und fest stehen; ich aber glaube nicht, dass ich mir willkührlich meine Kreise zu enge gezogen habe.
Es ist wohl nicht unbillig, von Rezensierenden, die mich tiefsinnig tadeln wollen, zu erwarten, dass sie meine Schriften gelesen haben. Da ich die Form der Novelle auch dazu geeignet halte, manches in konventioneller oder echter Sitte und Moral Hergebrachte überschreiten zu dürfen (wodurch sie auch vom Roman und dem Drama sich bestimmt unterscheidet), so mache ich in dieser Beziehung nur auf jene Andeutung aufmerksam, welche die Vorrede zum eilften Bande meiner gesammelten Schriften beschließt.
Leonhard, der junge Tischlermeister, lehnte sich aus dem Fenster, schaute in den alten Nußbaum hinauf und übersahe dann seinen Hof. Der Dunst von den Brettern, welche zum Trocknen aufgestapelt waren, das Zwitschern der Schwalben, die auf und ab, von und zu ihren Nestern flogen, ein ferner Gesang aus einem Dachstübchen der nächsten Straße herüber, der rote Schimmer der untergehenden Sonne, der im Wipfel des Baumes sich bewegte, dessen Geräusch mit dem Abendliede einzustimmen schien: alles bewegte des jungen Mannes Herz auf eine seltsame Weise, und er fühlte sich beklemmt, als die Schatten sich überall verbreiteten, so dass er im Nachsinnen seine junge Frau nicht bemerkte, die neben ihn getreten war, und ihn jetzt mit einem sanften Schlage aus seiner Träumerei erweckte. »Wo warst du mit deinen Gedanken?« fragte sie ihn freundlich. Er küsste sie herzlich und sagte: »Ich weiß es selbst nicht, liebe Friederike, ich dachte wohl eigentlich nichts, und jetzt erst, da du mich zur Besinnung gebracht hast, ist es mir möglich, von meinen Empfindungen etwas zu wissen. Du erinnerst dich, mit welcher Sehnsucht wir im vorigen Winter das Frühjahr erwarteten, mit ihm die neue Einrichtung, den Ankauf der Hölzer, den Aufhau der Schuppen, die Erweiterung meines Gewerbes, und alles ist nun da, besser, reicher, wohlhabender, wie ich es nur wünschen konnte, und indem ich nun jetzt so über meinen Besitzstand hinblickte, in der Ferne die Gesellen arbeiten hörte, und mir aus allen diesen Brettern gleichsam schon alle die Mobilien entgegentraten, die daraus gefertigt werden können, und mir war, als hörte ich das Geld klingen, das mir dafür gezahlt würde, um wieder Bretter einzukaufen, und so immer fort – wurde mir so bänglich zu Sinne, dass ich aus Wehmut auf das Zwitschern der Schwalben hörte, und fast weinen musste, als das Abendlied der alten Wollspinnerin von drüben herübertönte. So ist es; aber was es ist, kann ich selbst nicht sagen.«
»Nichts ist es«, sagte Friederike lachend, »als dass du ein wunderlicher Kauz bist und bleibst. Aber darum lieb ich dich nur um so mehr, dass du nicht bist wie alle Menschen. In der Kindheit konnte mich wohl auch solche Furcht anwandeln, mitten unter meinen Befreundeten eine unaussprechliche Bangigkeit. So hatte mein Oheim sein Haus fertig gebaut, und das Hintergebäude war beinah auch schon vollendet. Wir Kinder hatten vor dem Oheim den allergrößten Respekt, die Bauanstalt kam uns sehr ehrwürdig vor, alles, was wir sahen, sprach davon, wie von etwas höchst Wichtigem, und alle die Maurer, Tischler, Zimmerleute und Anstreicher schienen mir mit ihrem Klappern, Tünchen und Hämmern das Erhabenste, was man in dieser Welt erleben könne. Einen Feierabend spielten wir zwischen den Spänen im Nebengebäude, wir entdeckten da tausend kindische Schätze, und indem ich durch eine Tür krieche, die mit Gerüsten verbaut war, um aus einem anderen Zimmer Klötzchen, Stücke Blech und Hobelspäne in meiner Schürze zu sammeln, überfiel mich in der dämmernden Einsamkeit, unter den stummen Geräten und Gestellen die sonderbarste Angst, eine Furcht vor etwas Unbekanntem, und dabei ein fast lächerliches Gefühl, als wenn der reiche Oheim und sein Bau, und alle seine Arbeiten und Anstalten etwas durchaus Albernes, Läppisches und Unnützes seien, so dass ich mich mit schreiendem Gesang zu meinen Gespielen zurückarbeitete, und mir den ganzen Abend, auch bei den Lichtern, war, als könne ich die vorige Welt nicht wiederfinden. Eine alte Magd, der ich beim Schlafengehen meine Empfindungen mitteilen wollte, meinte, ich würde wohl den Baugeist gesehen oder gehört haben. Der Abend ist mir nachher noch oft eingefallen, und freilich muss ich manchmal lachen, wenn ich den übertriebenen Ernst so vieler Menschen sehe und ihre ängstliche Geschäftigkeit, und dass alles doch wieder vergeht, und wenn man über dies dunkle Wesen ängstlich werden möchte, so nenne ich es immer mit meiner alten Magd den Baugeist, und bin beruhigt. Es ist doch immer so lustig und schön, wenn die Menschen brav arbeiten.«
»Lass uns sehen, was Franz macht«, antwortete Leonhard, und sie gingen beide in ein anderes Zimmer, wo der Knabe neben seinem Lehrer saß und eifrig die Landkarte betrachtete. Deutschland war aufgeschlagen, und der alte Magister suchte ihm die Einteilung der Kreise, den Lauf der Flüsse und den Zusammenhang der Gebirge deutlich zu machen. »Recht in der Mitte Germaniae«, sagte er eben, »liegt allhier das alte Noricum, oder Nürnberg, welches darum billigerweise die Hauptstadt des deutschen Reichskörpers sein sollte.« Leonhard beugte sich über den Knaben und sah mit in die Karte. »Ein herrliches Land ist Franken«, fing er an; »und vor allen das Bambergische und die Ufer des Mains.« – »Sind wohl dorten gewesen?« fragte der Magister. – »Lange Zeit«, antwortete der Meister, »und wunderbar war alles dort nebeneinander, so verschieden und doch so schön vereinigt. Nürnberg in der Mitte, als der Sitz der Kunst und des Gewerbfleißes, eine alte ehrwürdige Stadt mit ihren Denkmälern, das lustige Anspach; das schöne Bayreuth mit dem nahen finstern Fichtelgebirge, das sandige Erlangen, und nicht fern davon die herrlichen Täler von Streitberg und Muggendorf mit ihren Ruinen und Naturwundern; seitwärts das warme, helle, liebliche Bamberg, mit der unendlich schönen Aussicht von seinem zerstörten Schlosse, mit seinem ehrwürdigen Dom; dann die schönen Wälder bei Ebrach, und bald dahinter das Weinland Würzburg, und die schönen Wildnisse des Spessart; nicht fern das reizende Bischoffsheim, hinten Mergentheim, Heilbronn, und die Schlösser an der Jaxt, der Tauber und dem Neckar, die Pfalz hinunter.«
»Wo wir aber schon die Grenze Franconiae überschritten haben!« sagte der Magister. – »Gewiss«, antwortete Leonhard, »nur rissen mich die Jugenderinnerungen hin.« Er seufzte, und verfolgte auf der Landkarte den Lauf der Ströme. »Herr Leonhard«, fuhr der Magister fort, »könnten selber den Sohn in Geographia unterrichten, da Sie alles, oder das meiste gesehen haben, es würde ihm zweifelsohne deutlicher werden, da die eigene Anschauung sich leichter mitteilt; freilich müsste ich wohl, wenn er erwachsener ist, wieder in das Mittel treten, um ihm die ältere Länder-Einteilung und was Austrasia und Neustria gewesen, historisch zu erklären.«
Man wollte sich zum Abendessen in das größere Zimmer begeben, als der Altgeselle des Gewerkes mit seinem Spruch hereintrat und ankündigte, dass zwei Fremde eingewandert wären, die Leonhard, nachdem er auf die herkömmliche Weise geantwortet hatte, annahm, weil sich sein Gewerbe mit jeder Woche vergrößerte. Die Fremden sollten am folgenden Tage einziehen und der Meister, seine Frau und der Magister nebst Franz gingen in die andere Stube, die schon erleuchtet war, und wo vier Gesellen und drei Lehrburschen ihrer warteten. Leonhard setzte sich, zu seiner Linken der Magister und neben diesen die Frau, welcher der Knabe folgte, an einen runden Tisch; neben dem Knaben standen die Bursche, und rechts vom Meister saßen die Gesellen in der Ordnung, in der sie früher oder später in sein Haus gekommen waren. Ein kurzes Tischgebet wurde gesprochen, und die Mahlzeit unter fröhlichen Reden vollendet. Die Gesellen erzählten von dem einen Fremden, welchen sie schon kannten, und mit dem der älteste in Augsburg gearbeitet hatte; man rühmte ihn als geschickt, tadelte aber sein unordentliches Wesen und seine Liebe zum Trunk, wodurch er zu nichts kommen könne, und ohnerachtet seines guten Verdienstets immer nur schlecht in Kleidern einhergehe. Leonhard erzählte manche unglückliche Beispiele ähnlicher Art, und beklagte, dass durch Leichtsinn und schlechte Gewohnheit sich nur zu oft die geschicktesten und sonst fleißigsten Menschen ein trauriges Alter zubereiteten. Der Magister sprach nur selten, und wenn es geschahe, meist in lateinischen Sprüchen, wobei er jedesmal den jüngsten der Gesellen scharf ansah, weil dieser ihn zuweilen lächelnd von der Seite betrachtete, und der Alte Spott in seinen Blicken zu lesen glaubte. Auch war es zu entschuldigen, wenn die Gestalt des Magisters komisch auffiel, und besonders jüngern Leuten Veranlassung zum Lachen gab. Sein altes Gesicht war feierlich und voll Runzeln, und verriet mehr Jahre, als er wirklich verlebt hatte; er trug noch (was schon anfing selten zu werden) eine Perücke, die aber niemals gepudert war, oft ungekämmt und zerzaust schien und fast nie gerade saß, zwei Schleifen eines engen Halstuches hingen ihm über der Brust, die Weste prangte mit schwarzen Knöpfen von Gagat, am langschößigen Rock aber trug er Schleifen nach Art der Wiedertäufer, und zinnerne ziemlich große Schnallen glänzten von seinen Füßen. In allen seinen Gebärden suchte er den Gelehrten darzustellen, und um nicht in den Anstand und die Sprache der Handwerker zu verfallen, die ihm wohl gemein dünken mochten, wurde er hochfahrend und steif, nicht selten linkisch und verlegen, und stieß Gläser und Teller um, obgleich er sich immer beobachtete. Er war in Wittenberg auf der Schule gewesen, und hatte dort studiert und promoviert, hatte nie Glück gehabt, weil es ihm an jedem Talent fehlte, sich in die Welt und seine Umgebung zu schicken, und war nun hieher, in Leonhards Geburtsstadt geraten, wo er Kindern und jungen Leuten in Sprachen und den Anfängen der Wissenschaft Unterricht gab, sich aber immer höchst armselig behelfen musste, weil er zu jenen gutmütigen Wesen gehörte, welche alles, ohne zu rechnen, wegschenken, und wenn sie einmal etwas zurückgelegt haben, sich bestehlen lassen, sich aber auch darüber nicht verwundern oder Vorkehrungen dagegen treffen, weil sie die Meinung hegen: es müsse so und könne nicht anders sein, er wenigstens hätte lieber selber gebettelt, als einen Dieb beim Gericht belangt, wenn er ihn auch kannte oder erriet.
Nächst der Leidenschaft des Trunkes war es die des Spieles, über welche die Tischgesellschaft sprach, und welche Leonhard fast noch gefährlicher schilderte, weil sie schneller zur Armut führt und den Charakter der Menschen untergräbt, so dass nicht selten derjenige, der als ein ehrlicher Mann begann, als Betrüger und Dieb endigen muss.
»Es ist eine sonderbare Frage«, fuhr Leonhard fort, »Ob der Mensch immer stark genug ist, den Leidenschaften widerstehen zu können, oder ob nicht vielleicht mancher doch früher oder später erliegen muss und seinem Schicksale nicht entgehen kann, er mag mit noch so vieler Kunst und Festigkeit nach dieser oder jener Seite ausbeugen.«
»Est problema periculosissimum,« sagte der Magister, »denn axioma est, quod voluntas nostra libera sit.« Martin, der jüngste Gesell, lächelte wieder. »Das heißt«, fuhr der Magister mit erhöhter Stimme fort, »damit Er es verstehe, mein guter Juvenis Martin, es ist ein Grundsatz, dass unser Wille durchaus frei ist.«
»Mir fällt diese Frage nur ein«, sagte Leonhard, »weil ich mich eines sonderbaren Falles erinnere, den ich selber erlebt habe. Als ich noch in der Lehre stand, kannte ich schon einen alten Gesellen, der hier arbeitete. Er war katholischer Religion und sehr fromm, auch war er eitel darauf, dass man ihn in der Jugend zum Geistlichen bestimmt hatte. Bei aller Frömmigkeit aber war er nicht stark genug, dem Getränk Widerstand zu leisten, so dass man ihn gewöhnlich Sonntags berauscht sah. Zwar trank er nicht viel, aber da er sehr lebhaft und von hitziger Einbildung war, stiegen ihm wenige Gläser gleich so in den Kopf, dass er fast nichts von sich wusste, und was das Schlimmste war, so befiel ihn alsdann eine so große Begier zu prahlen und aufzuschneiden, dass er seinen wöchentlichen Verdienst mit vollen Händen ausstreute mochte das Geld nehmen, wer wollte. Daher fanden sich immer einige lüderliche Brüder, die, wenn er in dieser Stimmung war mit ihm Karte oder Würfel spielten und ihn rein ausplünderten, fiel es ihm zuweilen ein, zu zanken, weil er doch Unrecht merken mochte, so trug er zum Überfluss des Unglücks noch Schläge davon. Am andern Tage war derselbe Mensch dann der demütigste, bescheidenste und leutseligste; ja er hätte vor Scham vergehen mögen, dass er sich so hatte betragen können, und fing doch den nächsten Sonntag wieder an, dieselbe Rolle zu spielen. Diese Art aber, zwischen den beiden Äußersten hin und her zu schwanken, hatte ihm alle Kraft und Festigkeit genommen, so dass er auch niemals den Entschluss fassen konnte, in irgendeiner Stadt das Meisterrecht nachzusuchen, sondern sich lieber, so alt er auch schon wurde, als Gesell durch alle Länder umtrieb. Nach vielen Jahren, als mich der Zufall auf meiner Wanderschaft nach Triest verschlagen hatte, traf ich diesen alten Menschen wieder. Aber wie war ich erstaunt, da ich ihn ganz verwandelt fand. Er trank nie einen Tropfen starken Getränkes, mochte er müde, noch so durstig oder erschöpft sein; und auf mein Befragen erzählte er mir, dass er vor zwei Jahren sich im Trunke so weit vergessen, dass er einen Geistlichen, der ihn zu ermahnen gesucht, gemißhandelt habe, worüber er im Nüchternwerden so erschrocken sei, dass er von diesem Augenblick an das Gelübde getan habe, nie, auch bei der dringendsten Veranlassung, und selbst auf Festen und Hochzeiten etwas anderes als Wasser zu genießen. Dieses Gelübde hielt er auch so strenge, dass ich die Kraft seines Willens bewundern musste.«
»Wenn er nur in der Tat durch diese Sinnesänderung gewonnen hätte«, fuhr Leonhard ruhig fort. »Der Pater hatte dem reuigen Sünder, ich weiß nicht welches Erbauungsbuch, gegeben, das zum Unglück eins von denen war, die man die mystischen nennt, in welchen dem Menschen außer der Vernunft und dem Glauben noch ein neuer Sinn aufgeschlossen werden soll, durch welchen er Gott und dessen Wesen erkennen mag, und durch die Anstrengung der Liebe und eines geheimnisvollen Willens fähig werden, das unbegreifliche Wesen in sich selbst vertraulich und fortdauernd aufzunehmen. Diese Vorstellungsart, so wenig er auch die meisten Bücher dieser Gattung begreifen mochte, hatte sich des schon gläubigen Menschen so bemeistert, dass er in Muße- und Arbeitsstunden las, und Lutheraner und Katholiken zu seiner Meinung bekehren wollte; alles Geld, was er erarbeiten konnte, wandte er dazu an, mehr und mehr Bücher dieser Art zu kaufen; er las in den Nächten, er predigte in der Einsamkeit des Feldes, er glaubte sich zum Apostel berufen, so dass es schien, sein Lebenslauf sollte nicht eben und gerade ausgehn, sondern durch Leidenschaft und Phantasie verwickelt und gestört werden. War er in frühern Zeiten ausschweifend und töricht, so musste man ihn jetzt, wenn man es auch noch so gut mit ihm meinte, geradezu einen Narren heißen.«
»Schwärmer oder Mystiker wäre richtiger gewesen«, warf der Magister ein, »an dergleichen Irrlehrern hat die reine christliche Kirche von jeher viel zu leiden gehabt.«
»Jetzt war sein Seelenrausch ununterbrochen«, erzählte der junge Meister weiter. »Ich gedachte durch das Krain und Kärnten, durch Tirol hinauf nach Augsburg zu gehen, mehr um die herrlichen Gebirge zu sehn, als der Arbeit wegen, denn ich hatte Geld zur Reise zurückgelegt. Der Alte bot sich zu meinem Begleiter an. Es war im Spätsommer, das Wetter das vortrefflichste, die Gegenden, durch die wir zogen, die allerwunderbarsten und zauberreichsten, die ich noch gesehen hatte; aber der Arme war nicht mehr fähig, die Schönheit der Schöpfung zu genießen; er sah in den erhabenen Berg- und Felsenmassen nur das Werk der bösen Geister, einen Trotz gegen den Himmel; er redete sie manchmal in seinem Eifer an, und schalt sie wilde Riesen und Empörer gegen Gott. Den Verdruss hatte ich auf dem ganzen Wege, und mich gereuete oft, dass ich mit ihm gegangen war. Dazu kam, dass er unter der Last seiner Bücher keuchen und schwitzen musste, und doch konnte er nicht unterlassen, in jedem Städtchen sich nach andern Werken dieser Art umzusehn, und zu kaufen, wenn er etwas fand, das ihm erständig war. So übel ich auch auf seine Besessenheit zu sprechen war, so trug ich ihm doch den größten Teil seines Gepäckes, und bedung mir nur aus, dass er mir in den Ruhestunden nicht vorlesen durfte, worüber er wehmütig die Achseln zuckte. Wir kamen bei Botzen heraus. Nie werde ich dies herrliche Tal vergessen und den wundervollen Weg nach Brixen. Es ging schon gegen die Weinlese, allenthalben konnten wir uns mit Trauben erquicken. Es war eine Vollmondnacht, und wir hatten beschlossen, von Brixen auszuwandern, die kühle helle Nacht hindurch, und am anderen Mittag irgendwo stille zu liegen, weil die Hitze in den Bergen dort auch um jene Jahreszeit in den Mittagsstunden drückend war. War mein Gefährte am Tage begeistert, so schien der Mondschein noch stärker auf ihn zu wirken: seine Schilderungen waren so grausenhaft, dass ich mich selbst, wenn der Mond hinter eine Wolke trat, zuweilen eines kleinen Schauders nicht erwehren konnte. In der Hölle besonders war er wie zu Hause, und genau beschrieb er die vielen Heerscharen; auch ihre verschiedenen Physiognomien und Gebärden, die von dort täglich und nächtlich auszögen, um seine arme Seele zu bestricken, bald durch Zweifel, bald durch Hochmut, ein anderes Mal durch falsche Gesichte, oder auch durch ängstigende Herzensleere, bis dann im anhaltenden Gebet der Brunnen des Lebens wieder springe und von innen heraus alle seine Kräfte tränke und erfrische. So mochte es Mitternacht geworden sein, als wir zwischen Brixen und Sterzingen einen Hügel hinanstiegen; die Gegend war ganz einsam, kein Dorf in der Nähe, rechts ab vom Wege schienen in ziemlicher Entfernung einige Hütten zu liegen, doch mochten es auch Steine sein, denn nichts war im rätselhaften Schimmer des Mondlichtes genau zu unterscheiden. Sowie wir höher stiegen, hörten wir ein seltsames Rascheln oder Rauschen, und es war nicht anders, als wenn jemand eine große Tonne mit Wasser schüttelt, um sie auszuspülen. Dies war es denn auch zu meinem größten Befremden: denn als wir oben waren, sahen wir mitten auf der Landstraße eine ziemlich beleibte, aber kleine menschliche Figur, die mit der größten Behendigkeit ein großes Faß hin und her bewegte. Mein Gefährte drängte sich dicht an mich; mir war, gesteh ich, etwas unheimlich: diese sonderbare Beschäftigung hier im einsamen Gebirge, in der stillen Mitternacht, keine menschliche Wohnung in der Nähe. Um dem nächtlichen Arbeiter vorbeizukommen, mussten wir im Wege etwas ausbeugen, und mit einer etwas ängstlichen Stimme sprachen wir beide den Gruß, der in Tirol gebräuchlich ist: ›Gelobt sei Jesus Christi!‹ worauf das Nachtmännlein, ohne sich in seiner Beschäftigung stören zu lassen, mit einer schnarrenden, näselnden, fast kindisch quäkenden Stimme antwortete: ›in Ewigkeit!‹ Wir gingen stumm weiter, schneller, sahen uns nach einigen hundert Schritten bei einer Felsenecke um – und indem wieder eine Wolke dem Monde vorüberzog, war alles verschwunden. ›Hast du ihn gesehn?‹ fragte mein Gefährte mit zitternder Angst – ›Den?‹ – Ich wagte nicht ihm zu antworten, er nannte den Arbeiter immer nur ihn, und schien sich viel dabei zu denken; auch ich weiß noch jetzt mir das Abenteuer nicht zu deuten, so natürlich es vielleicht zusammenhängen mag.«
»Im besten Falle«, sagte der Magister, »ist es immer exzentrisch, auf hohem Gebirge in stiller Nacht sich mit Fässern zu tun zu machen, die Nacht macht alles zum Schreck.«
»So war es auch mit meinem Freunde«, fuhr der Erzählende fort, »der nur noch eines letzten Anstoßes bedurfte, um völlig in die Irre zu geraten. Wir kamen nach Sterzingen. Zum Essen kam der Alte nicht, und als wir ihn suchten, fanden wir ihn endlich in einem abgelegenen Winkel im eifrigsten Gebet. Er sagte mir, er hätte danken müssen, dass der Himmel ihm seinen Verstand habe erhalten wollen. Ich suchte ihn zu erheitern und drehte die Sache zum Scherz, aber da er böse wurde, brach ich ab. Wir blieben diese Nacht in der Stadt, weil ich mit dem Unglücklichen nicht wieder eine nächtliche Wanderung unternehmen mochte; in der Nacht schlief er sehr unruhig, ich hörte ihn oft ächzen und beten; schauderhaft war es, dass er wohl hundertmal die Worte: ›in Ewigkeit!‹ wiederholte, und zwar genau den seltsamen, nicht kindischen und nicht männlichen, nicht kreischenden und auch nicht heisern Ton der nächtlichen Erscheinung zu treffen suchte. Bald darauf erreichten wir Inspruck, wo wir Arbeit annahmen. Nach acht Tagen gehe ich mit meinem Gefährten des Sonntags in die Kapuzinerkirche. Hier ist das schöne Grabmal des Kaisers Maximilian, hier ruht die berühmte Philippine Welserin; hier stehen die lebensgroßen erznen Bildnisse von merkwürdigen Menschen der Vorzeit, und ich war in Betrachtung dieser Denkmäler vertieft, als ich plötzlich unter den Worten des Predigers einen lauten Aufschrei höre; alles läuft zusammen, man bestrebt sich, jemand aus der Kirche zu tragen, ich trete hinzu: er ist es, der Unglückliche, der in Krämpfen heult. Draußen erzählt er, dass die Kirche voller bösen Geister sei, dass der Fußboden sich unter Flammen aufgetan, dass die gräßlichsten Gebilde zu ihm emporgestiegen. Im Wahnsinn quält er sich noch acht Tage, nachdem er unzähligemal das: in Ewigkeit! mit jenem widerlichen Tone wiederholt hatte. Er liegt dort begraben.«
Nach einem kurzen Stillschweigen wünschten die Arbeiter gute Nacht und entfernten sich, indem der vorschnelle Martin schon in der Tür zu seinen Begleitern auf sprichwörtliche Art sagte: »Unser junger Meister hat in seinem kleinen Finger mehr Verstand, als im ganzen alten Magister steckt.« Dieser überhörte es aber Leonhard nahm sich vor, am folgenden Morgen dem jungen Menschen einen Verweis zu geben. Der Knabe wurde zu Bett gebracht, und der Magister nahm ebenfalls seinen Hut; doch Leonhard wandte sich zu ihm und bat: »Erzeigen Sie uns die Ehre, werter Herr Magister, noch ein Gläschen Wein mit uns zu trinken.« Indem trat auch ein anderer Freund des Hauses, ein Tischlermeister, ein kleines rundes Männchen, herein, der sich den Schweiß abtrocknete und ausrief: »Immer noch brav heiß, als wenn es schon mitten im Sommer wäre! Guten Abend!« fuhr er fort; »ja wenn man zu euch kommt, Leute, so sind alle Stuben wie die Putzstuben, und je mehr ich zu Hause aufräume, je wilder sieht die Wirtschaft aus! ich habe nicht Glück und Segen in den Händen; hier ist einem immer zumute, als wenn man bei vornehmen Leuten wäre.« – Man setzte sich nun um einen kleinen Tisch, und die Hausfrau schenkte von dem guten Frankenweine ein, den alle stark und wohlschmeckend fanden. Der Magister legte seine feierliche Miene ab und fing an heiterer zu werden, wozu vorzüglich die Gespräche und Erzählungen des Meisters Krummschuh beitrugen, über den er sich ohne allen Rückhalt erhaben fühlte. Es wurde an die Tür geklopft, und ein Bedienter trat herein, der dem Leonhard ein zusammengelegtes Blatt übergab. Er hatte kaum die Aufschrift angesehn, als er rot vor Freude ward und sich sehr heiter mit den Worten zum Diener wandte: »Es wird mir eine große Ehre sein, ich bin morgen den ganzen Tag zu Hause.« Der Diener entfernte sich und Leonhard sagte: »Der Baron ist wieder in der Stadt und von seiner Reise zurückgekommen, er wird mich morgen besuchen, wenn ich nicht schon früh zu ihm gehe.« – »Ich hatte es dir nur zu melden vergessen«, sagte die junge Frau, »er war schon heut nachmittag hier und suchte dich.« – »Wie kannt du das nur vergessen?« rief Leonhard aus. – »Es ist ja noch Zeit genug, dass du es erfährst«, erwiderte sie etwas unwillig, »er hat Projekte mit dir, er will dich auf eine Reise mitnehmen, du sollst ihm ein Schloß einrichten helfen und was dergleichen mehr ist, was mir gar nicht sonderlich hat gefallen wollen; er ist überhaupt fatal mit seinem herablassenden vertrauten Wesen, und hindert dich nur; ich kann es gar nicht leiden, dass er mich immer liebe kleine Frau nennt.« – »Du bist unbillig«, antwortete der Mann, »er will gegen uns nicht den Vornehmen spielen, ich kenne ihn seit lange, wir waren Schulkameraden.« – »Ich bin aber nie sein Schulkamerad gewesen«, erwiderte sie etwas spitzig; »und wie klein bin ich denn? doch groß genug, dass er mit mir etwas mehr Umstände machen könnte; ich kann es nicht leiden, wenn die Vornehmen gar zu bürgerlich tun wollen; ich fürchte nur, du lässest dich beschwatzen, weil ich deine Lust am Reisen kenne.«
»Ja, das muss wahr sein«, rief Krummschuh aus, »in meinem Leben hab ich noch keinen Menschen gesehen, der so versessen auf das Wandern ist. Er konnte es nie satt werden, und ich werde zeitlebens an das Jahr gedenken, in dem ich mich mit ihm herumgetrieben habe. Wenn andere Menschen müd und matt in die Herberge kommen, so richten sie sich ein, sehen nach der Küche bestellen sich ein Essen, setzen oder legen sich nieder; nicht so er. Gleich fragt er nach den Merkwürdigkeiten der Stadt und der Gegend, meistens kennt er sie auch schon, oft besser als die Leute selbst, und da ist nun entweder ein alter Turm, den er besehen und auf die Spitze mit Lebensgefahr hinaufklettern muss, oder Mauerwerk von einem Schlosse oder Kloster ist eine halbe Meile davon, dahin wird nun gewandert, ohne fast nur einen Trunk Bier getan zu haben. Und was hat er nachher von dem allen? Ich begreife es jetzt selbst nicht, wie er mich damals durch seinen Umgang so hat behexen können, dass ich alle die Torheiten mitmachte.«
Alle lachten, und der Erzähler fuhr fort: »Jetzt ist es mir selber lächerlich, aber damals war ich oft verdrüßlich genug. Weißt du noch, Gevatter, wie wir miteinander das Fichtelgebirge durchstrichen? In der Ebene war er noch erträglich und ziemlich vernünftig, aber sowie er nur in Berge geriet, war er wie wahnwitzig, und ich glaube auch, dass es eine Krankheit in ihm gewesen ist, die jetzt wohl ausgetobt hat. Da musste immer noch ein Berg erstiegen werden, und dann noch ein höherer und wieder ein anderer, und das hatte dann niemals ein Ende! Dabei konnte er unsereinen so schön persuadieren, dass man immer nachkletterte; er konnte wunder was versprechen, goldne Berge und Luftschlösser, es blieben aber immer nur neue Felsenberge. Ich hatte von frühester Kindheit die Anlage, einen Bauch zu kriegen, wie es denn auch jetzt geschieht; seit ich denken kann, ist mir beim Bücken das Blut ins Gesicht gestiegen, und ich kann nichts tun, ohne in starken Schweiß zu geraten. Aus dieser Komplexion ergibt sich nun von selbst, dass ich kein sonderlicher Fußgänger bin, was er bei seiner schlanken Statur niemals begreifen wollte, sondern meinen Widerwillen nur für Faulheit erklärte. Da liegt in Franken ein finsteres Nest, Wunsiedel genannt, unter dem Fichtelgebirge; eine halbe Meile oder Meile davon sind im Buschwerk die wunderlichsten tollsten Felsenmassen über-, unter- und durcheinander geworfen, wie man es nur im Traum sich vorstellen kann, da musst ich nun hin, und springen, kriechen, klettern und stöhnen, um das Wunderwerk in Augenschein zu nehmen. Der höchste und verwirrteste Punkt dieser Gegend, wo man verrückt werden möchte, heißt die Luchsburg. Von hier sieht man aus der schwärzesten Tannen-Einsamkeit rund umher in die Zerstörung hinaus, von allen Seiten nur Wälder und wilde Steinklumpen unter sich, Waldrauschen und wildes Vogelschreien, alles zum Entsetzen. Da war er nun glücklich und wie betrunken vor Freude. Wir mussten aber weiter, wir sollten auf den Gipfel des Gebirgs gelangen, den sie dort den Ochsenkopf nennen. Er wusste meine Ambition so in Tätigkeit zu setzen, dass ich richtig mitging; den Abend vorher hatte ich geschworen, es nicht zu tun. Es liegt ein tiefer langer Morast unten am Gebirge, über welchen Stangen gelegt sind, um nur festen Fuß fassen zu können, da hinüber mussten wir uns quälen. Dann ging es in den dicksten Wald, neben großen Steinwänden, Eichen und Tannen vorbei; er hatte sich den Weg genau beschreiben lassen, und glaubte nicht fehlen zu können. Aber es geriet uns dennoch anders, denn nachdem wir einige Stunden bergauf gewandert waren, hatten wir jede Spur eines Weges verloren. Nach vielem Hin- und Hertappen gerieten wir auf eine alte Straße, die aber seit lange schon musste verlassen gelegen haben, nämlich auf eine Art von Knütteldamm über morastigen Boden. Hier war es Kunst zu wandern. Oft brach der Baum, indem man auftrat, oder tauchte unter, und man musste behende auf den zweiten steigen, wo es oft noch schlimmer ging; an vielen Stellen fehlten die Bäume ganz, und wir mussten zum Springen unsere Zuflucht nehmen, wobei es doch nicht zu vermeiden war, dass wir nicht einmal ums andere tief in den Sumpf hineinfielen. Ich fing an zu heulen und zu weinen; der böse Mensch aber war so weit voraus, dass er es gar nicht einmal hören konnte. Was half's? ich musste ihm nach. Wie dieser vermaledeite Weg zu Ende war, hatte wir zwar festen Boden unter uns, aber wir waren darum um nichts gebessert. Die ehemalige Straße mochte mit Bäumen und Gebüschen verwachsen sein, und so mussten wir uns bequemen, eine Art von Treppenstiege hinanzukommen, welche die Wasser in den Felsen gerissen hatten. Dieser Weg dauerte wieder einige Stunden, zog sich steiler und immer steiler hinan, und oft waren die Felsblöcke so hoch, dass mein Verführer sich mir unterstemmen musste, um mich nur hinauszuwinden. Die Geier in den himmlischen Lüften müssen über unsere Wanderung verwundert gewesen sein. Schon fing es an Abend zu werden, und wir hatten bei unsern Strapazen seit dem frühesten Morgen nichts genossen. Aber was stand uns bevor? Unsere Felsentreppe endigte endlich auf einem kleinen runden Wiesenfleck, den von allen Seiten hohe, dichte Bäume und hinter diesen die steilsten Felsenwände umschlossen. Kein Ausgang war zu entdecken, wir waren hier wie in einer verzauberten Gegend eingefangen, indem die Sonne unterging. Er verlor nicht den Mut, sondern schnitt sich mit seinem großen Messer einen Ausgang durch den Wald, und kletterte wie eine Gemse auf eine Klippe hinaus. Jeder Fußtritt, jedes leise gesprochene Wort, jedes Aufstoßen mit dem Stock schallte in dieser Einsamkeit furchtbarlich wieder. Ich fing in der Verzweiflung an, das kurze, nicht saftige Gras zu kosten. Mit dem schlechtesten Troste kam unser Freund zurück; es zeigten sich, nach seiner Aussage, von dort nichts, als rundum die schwindlichsten Abgründe: ›die Sonne ist untergegangen‹, fuhr er fort, ›zurück können wir auch nicht, und fänden wahrscheinlich unsern unrichtigen Weg so wenig, wie den richtigen; hier ist es trocken, die Nacht wird nicht eben kalt werden, der Himmel ist heiter, was bleibt uns übrig, als hier auf dieser Stelle unser Quartier aufzuschlagen? kommt ja doch, wie man sagt, guter Rat über Nacht.‹ Wir mussten aus der Not eine Tugend machen, und ich wäre wohl zum Einschlafen müde genug gewesen, wenn mich die Qual des Hungers nur zur Ruhe hätte kommen lassen. Als es finster wurde, fing der unglückliche Mensch an, mir, wie er sagte, zum Zeitvertreib die allerfürchterlichsten Gespenstergeschichten zu erzählen, und dazu heulte der Wind, oder was es sonst war, in den Klüften unter uns so entsetzlich, über uns war oft in der Luft ein Geschwirre und Krächzen, die Bäume schüttelten sich oft so plötzlich, und in der Dunkelheit sahen die Felsenzacken mit so gräßlichen Schnauzen und Bärten zu uns herüber, dass ich den Verstand zu verlieren glaubte; doch war meine Müdigkeit stärker als alles andere, und ich erwachte wirklich erst, nachdem die Sonne schon aufgegangen war. Der Abenteurer hatte auch, wie er mir sagte, gut geschlafen, und wir befanden uns insoweit wohl, außer dass wir vor Hunger und Mattigkeit kaum die Beine bewegen konnten. Er war auch, wie ich merkte, abgekühlt, denn er war von der sogenannten Natur nicht so begeistert wie gewöhnlich, wir trafen über den schwindlichten Felsenspitzen einen kleinen grünen Vorsprung, der sich längs dem Abgrunde hinzog; von hier gerieten wir nun in eine fast ebene Waldstrecke, und nach Verlauf von dreien Stunden, in denen wir ununterbrochen gekeucht und gestöhnt hatten, fanden wir endlich zu unserer größten Freude wieder einen Waldweg, der uns auch wirklich bald zu einer einsamen kleinen Hütte führte. Die Frau eines Bergmannes, die hier wohnte, war verwundert, uns von dort kommen zu sehen; sie erquickte uns mit Brot und Butter, das wir im Freien genossen. ›Das rechte Steigen‹, sagte sie, ›fängt erst von hier bis zum Ochsenkopf hinauf an.‹ Ich machte mich seufzend auf den Marsch, sah aber bald, dass die gute Frau nicht mit bei unserer bisherigen Wanderschaft gewesen war, denn ob es gleich beschwerlich ausfiel, so war alles doch nur Kinderei gegen das, was wir überstanden hatten. Ich legte mich oben nieder, wieder auszuruhen, und weiß nicht, was man von so hohen Orten sieht, als eine tüchtige Strecke Luft und ein weitläufiges Nichts, in dem hie und da einzelne Stifte Von Kirchtürmen, oder ein Fleckchen, was eine entfernte Stadt ist, hervorschimmert. Wir kletterten dann nach Bischofsgrün hinunter, und ich war froh, wieder unter Menschen und in die Ebene zu geraten.«
»Und du kannst es wirklich für nichts halten«, fiel Leonhard ein, »von oben den ganzen Zusammenhang eines großen Gebirges zu überschauen? Wie auf einer Insel unter sich die blauen Wogen der Berge und Hügel zu sehn, alle im Glanze der Luft auf das lieblichste aufgelöst und zerschmolzen? Es gibt nur den zwiefachen Anblick der Unendlichkeit, entweder die Aussicht über das Meer hinüber, oder vom höchsten Punkt eines Gebirges. Mir war freilich der Fichtelberg noch nicht hoch genug.«
»Redensarten! Redensarten!« sagte der kleine Freund, »die verschiedenen Wahrzeichen in den Städten sind mir immer lieber gewesen, um die du dich fast nie bekümmert hast.«
Der Magister fing hierauf an: »Dieselben müssen aber schon lange verheiratet sein, da Ihr Sohn schon ziemlich erwachsen ist, und doch erscheinen Sie mir noch so jung, wenn ich vollends die Jahre der Reisen hinzurechne.«
»Das ist ja nur ein angenommenes Kind«, rief der kleine Freund aus, »mit den Kindern will es unserm Leonhard nicht so, wie mit anderen Dingen gelingen.«
»So! So!« antwortete der Magister, »ist aber sehr schön, dass sich Dieselben ganz als Eltern gerieren, höchst erbaulich und wahrhaft christlich, an den Kleinen so viel zu wenden, der auch ein gutes Ingenium verspüren lässt.«
»Der kleine Franz«, sagte die Frau »ist das Vermächtnis einer Nachbarin, die arm starb und nicht wusste, wo sie die Waise unterbringen sollte; auf dem Todbette habe ich ihr versprochen, mich seiner anzunehmen. Ich bin erst seit anderthalb Jahren verheiratet. Nicht wahr, Leonhard, jetzt werden es achtzehn Monate sein?«
Der Magister trank mit nachdenklicher Miene ein Glas Wein aus; dann sagte er: »Da kommt mir ein Gedanke, der zweifelsohne ein richtiger ist. Es werden jetzt acht Monate sein, dass ich sehr schwer krank darnieder lag; in meiner Armut war keine Hilfe, aber ich erhielt täglich gesunde Brühe, stärkenden Wein und Geflügel, auch Arznei, die ich nötig hatte, und kein Mensch wollte sich melden, mir die Wohltat erzeigt zu haben; aber gestehen Dieselben nur, dass Sie es gewesen sind.«
»Lieber Herr Magister«, sagte die Frau, »Sie sind ja unser Freund; mein Mann wünschte Sie wieder gesund zu sehen; sind wir das nicht alle unserm Nächsten schuldig?«
»Ei! Ei!« fuhr der Magister gerührt fort, »nun auf Dero Wohlsein!« indem er anstieß und ein neues Glas ausleerte; »das hätte ich mir damals nicht träumen lassen! Hab ich nicht der krummen gnädigen Frau drüben auf der andern Gasse so viele Danksagungen deshalb abgestattet, die sie auch alle angenommen hat; denn ich meinte durchaus eine so edle Unterstützung müsse aus vornehmen Händen erfolgen, und ich hätte mir doch damals schon sagen können, dass Sie, Frau Leonhard, ein Engel von Frau sind.«
Leonhard, der die Verlegenheit und Rührung des Magisters sah, wollte gern dem Gespräch eine andere Wendung geben; er fing an zu erzählen, wie ihn sein Vater in früher Jugend eigentlich zum Studieren bestimmt habe, und wie er selber lange geglaubt, diesen Trieb in sich zu spüren. »Nur zweierlei verdarb mir die Lust daran« fuhr er fort, »unser oberster Lehrer auf der Schule, der es nie müde werden konnte, uns lateinische Aufsätze schreiben zu lassen, weil er selber ein guter Lateiner war. Nun hatte ich zwar Sinn für die Sprachen und las die Autoren gern, aber es war mir unmöglich, in einer fremden Sprache Gedanken aufzufinden, und diese in die gehörigen Worte und Wendungen zu kleiden, auch merkte ich bald, dass diejenigen meiner Mitschüler, die sich in diesen Übungen auszeichneten, nur mit bekannten Phrasen spielten, die sie sich aus den Autoren gesammelt hatten, und Rede und Zusammenhang sich diesen Erinnerungen mehr oder weniger fügen mussten.«
»Richtig!« rief der Magister, »das ist der Weg, den wir Gelehrten alle im Anfange haben gehen müssen; man muss wohl in jeglicher fremden Sprache so beginnen, wenn man sich des Ausdrucks bemeistern will.«
»Dazu aber«, antwortete Leonhard, »habe ich mich nie entschließen können, denn es schien mir fast wie Lüge. Die zweite Störung meines Studiums war die Betrachtung, dass ich auf diesem Wege meiner Leidenschaft zu reisen vielleicht nie Genüge tun könne, und doch war mir der Gedanke, wenigstens nicht mein Vaterland in seinen verschiedenen Richtungen kennen zu lernen, unerträglich. Dazu kam noch, dass ich an allem Mechanischen, an eigentlicher Arbeit und Zusammensetzung ein unendliches Vergnügen fand. Wie erstaunte daher mein Vater, als ich ihm einmal plötzlich ein kunstreiches Kästchen mit vielen Schubfächern und sauber gearbeiteten Abteilungen, das ich heimlich in vielen Abendstunden verfertigt, und das jedem Tischler Ehre gemacht hätte, überreichte, und ihm dabei fest erklärte: dass ich gesonnen sei, seine Hantierung fortzusetzen. Nun fühlte ich mich im Abmessen, Zirkeln, Sägen, Einfugen und Ausrechnen aller Teile in meinem Elemente, wobei aber das Lateinische und Ton dapameibomenon und die vielen Verse, die mir waren geläufig worden, nicht vergessen werden durften; und so danke ich es meinen Schulstudien, dass ich noch jetzt den Homer auf meine Art im Original lesen kann.«
»Schadet nichts«, rief der eifernde Gelehrte, »ich bin und bleibe darum doch ein Monstrum horrendum, ein widerwärtiger, erbärmlicher Mensch!« indem er sich heftig vor die Stirn schlug; »ja ja, du hochmütiger, unwissender, eitler, törichter Block du! gib nur der Wahrheit die Ehre, und gestehe laut, von welcher grege du bist, Abgeschmacktester!«
»Ja, an der Seele«, fuhr jener erhitzt fort, »am Herzen, an allen Eingeweiden. Könnt ihr's mir glauben, meine verehrten Freunde, dass ich es erst höchlich übelnahm, als mir ein Bekannter den Antrag tat, hier im Hause Unterricht zu geben? – Wie? sagte ich zu mir selbst, bei einem Tischler, bei einem Professionisten? Ich wollte es ausschlagen; da ich mich aber dermalen, wie jederzeit, in kläglichen Umständen befand, so nahm ich die Stunden an, setzte mir aber vor, mit gebührlichem gelehrtem Hochmut einzutreten, und Sie, Herr Leonhard, immer nur per Er zu traktieren: Sie, hochgeehrtesten, meinen teuersten Wohltäter, Sie, denen Ton dapameibomenon, und nephelegereta Zeus, und Integer vitae, und Bereschid bara nichts Fremdes ist? Sie? Können Sie mir diese Niederträchtigkeit vergeben, o Sie englische schöne Madam.«
Man suchte den eifernden alten Mann zu beruhigen, er hörte aber auf nichts, sondern stand auf und riss plötzlich die Perücke vom Kopf: »Ja, auch extra muros gibt es Menschen«, rief er aus, indem er den Haarschmuck zu Boden warf, und mit den Füßen darauf trat, »auch hinter dem Berge wohnen Leute, nicht die Perücke allein macht den würdigen Mann; sieh, mit Füßen trete ich dich« (und er tanzte dabei lebhaft auf der zerzausten herum), »dass du mich zum Hochmut verleitet, dass du mein Gemüt verdorben hast, dass ich alle Menschen, die nicht solches alte, verschrumpfte, eingepuderte, eingeschmierte Wesen auf dem Sitz ihrer unsterblichen Seele trugen, für eine geringere Kaste hielt, und das sidera feriam sublime vertice nur verstehen konnte von denen, die Perücken aufhaben? Nicht wahr, Menschenkinder, ich bin ein ordinärer alter Esel?«
Er fing von neuem an zu wüten, aber der Kleine und Leonhard fassten ihn unter den Armen; der fremde Meister setzte ihm seinen mißhandelten Schmuck wieder auf und sagte: »Nehmt Vernunft an, Phantast, es liegt nicht an der Perücke.«
»Ja!« rief der Magister, »nichts ist gleichgültig, was der Mensch trägt von außen; es ist wie ein Zauber, wie eine Schleife, ein Hut, ein Degen, ein Orden und Perücke auf ihn wirken: sie machen ihn gut oder schlecht; in Stiefeln denkt man anders als in Schuhen, in Seide anders als in Tuch; das menschliche Herz ist wie eine Motte, der man immer ansehen kann, aus welchem Gespinste sie ausgekrochen ist.« Er fing an zu weinen, gab Leonhard und der Frau die Hand, und sagte schluchzend: »Sie vergeben mir, meine großmütigen Freunde, das weiß ich; aber ich bitte Sie demütig in dieser Stunde, in der ich mich freilich sehr vergessen habe, mir den Gedanken, der sich mir schon zudrängen will, zu entfernen, dass Sie mich nur aus Barmherzigkeit und ohne alles Bedürfnis zum Lehrer des Knaben angenommen haben. Nicht wahr, es ist nicht so? Ich müsste vor Scham und vor Trauer über mich selber vergehn.«
Beide versicherten ihn das Gegenteil, und wie sie sich gefreut hätten, dass ein gelehrter Mann die Mühe habe über sich nehmen wollen, ihr Pflegekind zu unterrichten; wodurch er sich endlich beruhigte, und von den beiden Männern nach seiner ziemlich entfernten Wohnung begleiten ließ.
Am Morgen ging Leonhard mit dem festen Entschlusse zu seinem Freunde, dem jungen Baron, ihm seine Begleitung auf der Reise und die Arbeit für ihn abzuschlagen; denn er hatte es in dieser Nacht seiner Frau nach einem zärtlichen Streite versprechen müssen, sich nicht aus der Stadt zu entfernen. Er fand den jungen Elsheim, der heftig in seinem Zimmer auf und nieder ging, und in sich hineinlachte. Sie begrüßten sich herzlich, und der Tischlermeister musste sich zu einem Glase alten Weines niedersetzen »Ich bin sehr vergnügt«, sagte der Baron, »denn nachdem ich dreiviertel Jahr sehr ernsthaft und gesetzt habe leben müssen, habe ich den unumstößlichen Entschluss gefasst, zur Abwechselung wieder irgend etwas Lustiges oder Dummes zu treiben; und dazu sollst du mir behülflich sein, denn die gesetzten Leute geben dergleichen Dingen erst Haltung und Geschick; wer sich ohne sie in solche Geschichten einlassen will, wird auf dem halben Wege zur Vernunft zurückkehren müssen.«
»Lieber Baron«, sagte Leonhard freundlich, »ich bin gekommen, Ihnen zu sagen, dass Sie auf mich weder im Guten noch im Bösen rechnen sollen; ich werde zu alt – ich kann jetzt überhaupt nicht abkommen.«
»Aha!« sagte jener (indem er sich vor ihm mit beiden Armen auf den Tisch stemmte und ihm dann die braunen Locken von der Stirne strich), »du bist heut auf deinem feierlichen Ton, du hast alle unsere ehemaligen Bedingungen vergessen, oder willst nicht daran denken; aber ich weiß, dass du es bereuest, wenn du mir diesmal nicht folgst.«
»Ich kann nicht«, sagte Leonhard schmerzlich, »meine Wirtschaft vergrößert sich, meine Frau ist nicht ganz wohl, meinen Leuten darf ich nicht trauen, und noch dazu habe ich wichtige Bestellungen bekommen, wo mein Auge allenthalben selbst zugegen sein muss.«
»Und das Wichtigste nennst du gar nicht einmal«, sagte Elsheim, »dass nämlich alles dies geradezu gelogen ist. Noch neulich schriebst du mir, deine Einrichtung sei so gut, der älteste Gesell so brav, dass es dir nie auf einige Wochen ankommen könne; deine Frau, wie ich gesehn habe, ist so gesund, wie sie nur sein kann, aber der Ehemann, mein Schatz, hat sich dir so eingelernt, dass du auch ohne Souffleur deine Rolle ohne Anstoß hersagst; nur fehlt noch die richtige Mimik, um den Zuschauer zu überzeugen. So lebe denn wohl, mein Freund, da deine Frau ein so strenges Regiment führt; ich muss also ohne dich reisen, ich muss einen andern gescheiten oder geschickten Mann aufsuchen, ich muss vielleicht die Bestellung, den Bau, die Torheit, die Lust aufgeben, und bloß den Bauern auf dem Gute guten Tag und Lebewohl sagen.«
»Welche Freude können Sie nur in jener nördlichen traurigen Gegend finden«, sagte Leonhard, »dass Sie sie so oft besuchen? Und welche Lust können Sie sich jetzt dort versprechen?«
»Narr«, sagte sein Freund, »dahin reise ich diesmal nicht, ich übernehme jenes andere Gut, auf welchem meine Mutter bis jetzt gelebt hat – das an der fränkischen Grenze. Nur freilich mag dies, ernsthaft gesprochen, dir zu weit entlegen sein.«
»Dahin? nach der fränkischen Grenze zu?« fragte Leonhard lächelnd und überrascht. Dann ward er auf einmal nachdenkend und fuhr nach einer Pause fort: »Nun, so teilen Sie mir wenigstens mit, wozu Sie dort meinen Beistand hätten brauchen können.«
»Tausenderlei hatt ich mir vorgenommen«, sagte der Freund verdrüßlich, »was nun alles zu Wasser wird: ich wollte dort von dir ein Theater in einem mächtig großen Rittersaale einrichten lassen; du solltest mitspielen; gute Freunde, herrliche und langweilige Menschen sind schon gebeten und kommen hin, Weiber und Mädchen, ich hatte Lust, mich einmal so recht zu verlieben, vielleicht gar zu heiraten; meine ganze Jugend wollte ich mit dir wiederholen, und alles, was wir auf der Schule träumten und wünschten, einmal zu erleben suchen; meine alte Lust wollte ich büßen und den Götz von Berlichingen, den ich schon bearbeitet habe, einmal wirklich darstellen helfen.«
»Götz! Berlichingen!« rief Leonhard aus, indem er hastig seinen Freund umarmte; »ja, ich reise mit, alles kann liegenbleiben, es geht recht gut ohne mich, und die Frau muss sich darin finden.«
»Kommt nicht alles von Neigung und Erinnerung zusammen«, rief Leonhard aus, »um einen übrigens vernünftigen Entschluss umzustoßen? Die Freundschaft zu dir, die Erinnerung unserer Jugend und ihrer mannigfaltigen Träume, die Nähe meines geliebten Frankenlandes und dann – der Zauber des Gelüstes, einmal ein Talent zu prüfen, dem ich einmal in einer törichten Periode mein Leben widmen wollte; vorzüglich aber noch der Name jenes Lieblingswerkes meiner Kindheit und Jugend, alle die Lebensmelodien, die in diesem herrlich grünenden Baume wehen und singen!«
»Trink, mein Freund«, sagte der Baron; »so gefällst du mir, und so solltest du immer sein! Lass uns einmal wieder in unser sechszehntes Jahr zurückgehen und einige heitere Wochen ganz so genießen, wie wir damals in unserm Vermögen hatten, und wie man es leider mit jedem Jahre immer mehr verlernt. Nun erzähle einmal wieder, wie du sonst so oft tatest.«
Leonhard, dem jetzt von neuem die frühesten Erinnerungen lebendig wurden, folgte dieser Aufforderung, und fuhr also fort: »Die Kunst lesen zu lernen, von der Begier, zu erfahren was in den Büchern stehe, unterstützt, ward mir so leicht, dass ich schon in der allerfrühesten Jugend ein fertiger Leser war. An Büchern fehlte es mir anfangs nicht, denn ich las alles, doch merkte ich halb den Unterschied zwischen denen, von welchen ich etwas verstand, und jenen, die mir durchaus fremde Wildnis blieben. Mein Vater hielt nur wenige Bücher, aber die er besaß, waren ihm desto lieber; unter diesen befand sich auch der Nachdruck des damals kürzlich erschienenen Götz von Berlichingen. Ich las ihn, und noch nie hatte ich ein Buch so verstanden; noch keines hatte mich mit solchem Zauber umsponnen, in keinem waren mir selbst die Stellen, die ich nicht begriff, und von denen ich mir oft die wunderlichsten Vorstellungen machte, so lieb und teuer und in ihrer Dunkelheit so magisch. Ich erwuchs mit dem Gedichte, ja meine Phantasie und mein Wesen wuchsen hinein. Jedes Wort wusste ich auswendig, in Gedanken ließ ich alle Figuren, in allen Verhältnissen, in allen Trachten, mit allen Mienen und Gefühlen, mir vorübergehn, auch die hässlichsten und grausendsten hatten meine Liebe; mit Kartenblättern, mit unscheinbaren Stückchen Papier spielte ich das Stück, wer weiß wie oft, durch, und blieb immer gerührt und erbaut. Die Überschriften der Szenen, selbst die kleine Vignette vorn, gehörten mir zur Poesie, und erregten mir die lieblichsten Empfindungen. Welche Tränen vergoß ich um den biedern Götz, den edlen weichen Weislingen, vorzüglich über den herrlichen Georg. So waren Jahre vergangen, und dieses Werk war mir so notwendig, wie die Luft, die ich atmete, wie mein Leben selbst, es war mir daher nie eingefallen, nach dem Autor zu fragen, obgleich er auf dem vielgelesenen Titel genannt war; ja mich dünkte, dieses Buch müsse so ewig sein, wie die Natur und Erde selbst; und mein Erstaunen, meine Wehmut, mein unnennbares Gefühl lässt sich nicht beschreiben, als ich nun den erwachsenen Jahren schon näher erfuhr, dass es wirklich von einem Verfasser herrühre, der noch lebe und auch andere Sachen geschrieben habe. In welchem Dämmerlichte erschienen mir Clavigo, Claudine, Erwin, Stella: gleichsam wie von kranker Natur gegen jene Fülle herrlicher Gesundheit, und ich dachte mir ihren Verfasser lange Zeit als melancholisch und im Sterben. Auch das geliebte Frankenland wurde mir zuerst durch dieses Gedicht teuer, und im schönsten Sonnenglanze schwebten die Maingegenden, Jaxthausen und Bamberg vor meinen Augen.«
»Wir sind also einig?« fragte der Baron. Leonhard gab ihm die Hand, und sagte: »Ja!« – »So reisen wir also morgen früh.« – »Schon morgen?« – »Es kann nicht anders sein, ich muss an einem gewissen Tage dort eintreffen, um das Gut zu übernehmen, alle Gerichtspersonen sind schon eingeladen.« – »So sei es denn« sagte der Tischler, und entfernte sich mit schwerem Herzen, weil er noch nicht einsah, auf welche Weise er seinen veränderten Entschluss seiner Gattin vortragen solle. Er traf sie geschäftig in ihrer Wirtschaft, er half ihr eintragen und einrichten, und war mit der größten Freundlichkeit um sie bemüht. Sie ließ ihn bald dieses, bald jenes holen, und er konnte den Augenblick nicht finden, ihr sein Vorhaben anzubringen. Endlich nahm sie ihm ein Stück Silber aus der Hand, stellte es in den Schrank, stemmte die beiden Hände auf Leonhards Schultern, und sahe ihm freundlich lachend ins Gesicht. »Was ist dir?« fragte er. »Mir nicht«, antwortete sie, »aber was ist dir? Warum bist du denn so freundlich und zutätig, und mengst dich in Dinge, die dich gar nichts angehen? Also ist es denn beschlossen, du machst dich wieder auf und davon?« – »Woher weißt du es denn?« fuhr er fort zu fragen. – »Sowie du in die Haustüre tratest, wusste ich es schon. Gingst du auf deine Stube und maultest etwa ein wenig mit mir, worauf ich mich schon gefasst gemacht hatte und was ich billig fand, so wusste ich, dass du bliebst, und dass du mir dein Hierbleiben hoch anrechnen wolltest. Wie ich aber sah, wie sacht du hereintratest, wie leise du die Haustür wieder anlehntest, dass sich kaum die Klingel hören ließ, wie freundlich, beinahe demütig, du mich grüßtest: da erkannte ich auch dein böses Gewissen. Je nun, ich fordere auch vielleicht zu viel, dass du deine Leidenschaft so ganz bezwingen sollst, reise denn in Gottes Namen, und komme wenigstens, so bald als möglich, wieder.«
Dem jungen Gatten war durch diese Rede das Herz erleichtert, er umarmte die freundliche Frau auf das innigste und küsste sie zärtlich. »Mache nur«, sagte sie, »dem Altgesellen deine Abwesenheit recht dringend, damit du nicht die Autorität bei den Leuten verlierest, vielleicht kannst du auch unterweges einige vorteilhafte Holzankäufe schließen, und deine Arbeit dort wird dir doch wohl so viel einbringen, als du hier versäumst. Ist es dir nicht überhaupt wunderlich, wenn du daran denkst, dass du ein Familienvater bist, vor dem eine eigensinnige Frau, ein Pflegesohn, vier Gesellen und fünf Lehrbursche Respekt haben sollen?«
Das Essen war aufgetragen und man wollte sich zu Tische setzen. Indem trat ein fremder alter Mann mit schlichtem bräunlichen und greisen Haar herein, in schwarzem Oberrock schwarzen Strümpfen und zugebundenen Schuhen. Leonhard ging ihm entgegen, um zu fragen, was zu seinem Befehl sei, als er zu seinem Erstaunen den Magister erkannte. Die übrigen waren nicht weniger verwundert. Er verbeugte sich anständig und grüßte alle, dann gab er dem Meister die Hand und sagte: »Ich will fortan ein Mensch anstatt eines Magisters sein, und mir die citationes aus denen autoribus classicis, wo möglich, ganz abgewöhnen. Die Sünde der Hoffart ist mit Gottes Hilfe und durch Ihr Beispiel von mir gewichen.«
Man setzte sich, und der junge Martin erlaubte sich heute keine lachenden Blicke und Mienen; alle, selbst Leonhard und seine Gattin, schienen zu ihrem alten Freunde in ein neues Verhältnis gesetzt; er sprach dreister und weniger verwickelt und man verwunderte sich über seine verständige Gesprächigkeit.
Früher als sonst erhob man sich vom Tische, weil Leonhard noch mancherlei Einrichtungen zu besorgen hatte; er nahm seinen ältesten Arbeiter beiseite, und unterrichtete ihn, wie er es in seiner Abwesenheit mit den Bestellungen und noch zu fertigenden Arbeiten zu halten habe; er bezahlte einige Rechnungen und ging dann zu seinem kleinen Freunde, dem Tischlermeister, der nach seiner Wirtschaft sehn und unvorhergesehene Fälle schlichten sollte. Mit diesem kam er am Abend zurück, und der Magister war wieder von der Gesellschaft.
»Wir wollen heute noch einmal recht vergnügt sein«, fing Leonhard an, »denn es ist möglich, dass einige Wochen vergehen, ehe ich wiederkomme.« – »Werde mich aber hüten müssen«, sagte der Magister, »wie gestern im Enthusiasmus, so viel von dem starken Weine zu trinken. Fürchte, schöne Frau Leonhard, dass ich in Ihrer Achtung ein merkliches verloren, denn, ob ich es gleich gut meinte, so habe ich mich doch narrenhaft bezeigt.«
Die Frau versicherte das Gegenteil, und dass ein Mann, wie er, nur immer Achtung einflößen müsse. – »Rührung, Erhebung der Seele und Wein, meine Freunde«, fuhr der Magister fort, »können sich nicht zusammen vertragen, jedes davon ist schon geeignet, den Menschen zu berauschen; und so billig, ja liebevoll wir gegen den Rausch der erhobenen Seele und des Mitleids oder Enthusiasmi sind, so hart urteilen wir vom Zorn- oder Weinrausch, und meinen, dass der Mensch darinne zum Tiere hinabsteige; doch sind je zuweilen die Zustände so konfundiert, dass, wenn das kalte Bewusstsein einmal in die Hinterhand geraten, man beim Blindekuh nicht wissen könnte, ob man beim Zutappen Vieh oder Engel aus unsereinem herausgreifen würde.«
Krummschuh sagte hierauf: »Ein Vieh, Herr Magister, wird der Mensch nur, wenn er sich täglich um seinen Verstand säuft, sonst aber tut man unrecht, viel aus einem Rausch zu machen, was auch unsre Vorfahren wohl einsahen; wer gar nichts von Wein versteht und noch niemals berauscht gewesen ist, ist kein deutscher Mann; wer in seinem Leben noch nie ein Narr gewesen ist, ist gewiss auch noch nicht gescheit.«
»Desipere in loco«, sagte der Magister, »doch nein, fort mit dieser Torheit, da sie nicht an ihrer Stelle ist, ich wollte sagen: zu passenden Zeiten der Torheit nachgeben, ist eines Weisen nicht unwürdig.«
Der Baron trat unvermutet in die Gesellschaft, alle erhoben sich, der Magister verbeugte sich tief; doch Elsheim sagte: »Ich muss recht sehr bitten, sich nicht stören zu lassen.« Er setzte sich ohne Umstände mit an den runden Tisch zwischen Krummschuh und Friederiken, an die er sich sehr freundlich wandte: »Sie werden mir böse sein, schöne liebenswürdige Frau, dass ich Ihnen Ihren Mann auf einige Wochen entführe.« – »Gewiss nicht«, erwiderte sie ebenso zuvorkommend, »denn wenn ich es weiß, dass es meinem Leonhard Vergnügen macht, wie könnt ich anders als Zufriedenheit darüber empfinden.«
»Ihr Wohlsein!« indem er anstieß und trank; »gewiss ich preise meinen Freund glücklich, eine so heitere, sanfte und liebenswürdige Gefährtin gefunden zu haben!«
»Herr Baron«, sagte sie, »machen Sie in unserm kleinen Zirkel Ihr Talent zu schmeicheln nicht geltend, und glauben Sie meinem offenen Geständnis, dass ich mich täglich bestrebe, meines Leonhard werter zu werden, denn er ist besser, verständiger und liebenswürdiger als ich«.
»Nicht also«, fiel der Magister ein, »man soll sich selbst nicht rühmen, aber ebensowenig erniedrigen, und Sie müssen keine Unwahrheit sagen, schönste Madam; der Halbblinde fühlt, dass Sie schön sind, der Gefühllose begreift, dass Sie liebenswürdig sind, und die beiden Eheleute sind gut, redlich und dem Herrn wohlgefällig.«
Beide Eheleute waren rot geworden. »Sie haben recht, Herr Magister«, sagte der Baron, »und dieser jugendliche Eifer macht Ihnen Ehre; es ist, als wenn Sie für die Dame Ihres Herzens den Handschuh hinwerfen wollten.«
Bei diesen Worten wurde der Magister bis in die Schläfen rot, er hustete, er wollte antworten und verwirrte sich; »ich habe niemals«, sagte er endlich, »niemals eine Herzensdame gehabt. Mit jener Geschichte in Jessen hatte es eine andere Bewandtnis.«
»Ei! ei!« sagte Krummschuh, »so muss man nicht sprechen, das ist dieselbe Sache, wie mit dem Rausch, einmal muss jeder Mann einen Schatz gehabt haben, einmal wenigstens muss jeder redliche Mensch verliebt gewesen sein, sonst kömmt er bei grauen Haaren in die Schlingen des bösen Geistes. Ja, Frau Leonhard, Ihr lieber guter Mann könnte, glaub ich, darüber mitsprechen, der ist damals wohl in allerhand Versuchungen gewesen, denn Weiber und Mädchen waren ihm immer gewogen.«
»Stille von solchen Geschichten«, sagte der Baron: »das heißt ja nur unsere liebe Wirtin ohne Not eifersüchtig machen. Sie scheinen das menschliche Herz wenig zu kennen, Meister.«
»Darüber kann ich nicht eifersüchtig sein«, sagte Friederike, »Leonhard hat mich früh gekannt, ebenso ich ihn, er hat mich frei gewählt und andern vorgezogen, auch möchte ich keinen Mann haben, den mir nicht hie und da eine beneidete, und der nicht sonst schon einmal andern hübschen Mädchen gefallen hätte.«
»Nun dann sind Sie ja gerade an den Rechten gekommen«, rief der kleine Dicke, »denn ich sage Ihnen, er hat Nachstellungen gehabt, dass man eine Geschichte davon machen könnte, und wenn er nicht so halsstarrig gewesen wäre, wer weiß, wer weiß –«
Leonhard schien verlegen, und Elsheim unterbrach den Schwatzenden, indem er sich an den Magister wandte. »Sie sagten vorher, werter Herr Magister, die Geschichte mit Jessen habe eine ganz andere Beschaffenheit. Was ist das für eine Geschichte? Sie haben also wirklich niemals geliebt?«
»Nein, mein hochverehrter Herr Baron«, antwortete der Magister, »das kann ich wohl vor jedem Gericht mit einem teuern Eide erhärten, denn immer war mir aes triplex circa pectus, und ein sonderbares Geschick hat mich stets vor diesen Leiden und Verwirrungen bewahrt; obgleich man aus einem Verhältnisse, das sich in meinen Studierjahren in Jessen angesponnen hatte, mir ein Liebesaventure hat andichten wollen.«
»Wenn es nur Ihnen und meinen werten Freunden nicht beschwerlich fällt«, äußerte der Magister. Da alle, vorzüglich Friederike das Gegenteil versicherten, so fuhr er hierauf mit folgenden Worten fort: »Um etwas Verständliches über jenes Gerücht beibringen zu können, muss mir etwas früher auszuholen erlaubt sein. Mein Vater seliger war Prediger auf einem kleinen Dörfchen; er brachte mich früh auf die Stadtschule, und mein Ehrgeiz und ziemlich gutes Ingenium trieben mich schnell die Klassen hinauf. O meine Werten, ich kann es Ihnen nicht aussprechen, welche Verehrung, ja welche Anbetung ich vor dem Stande eines Gelehrten immer in meinem Herzen trug; ein Buch zu schreiben, den Ornat eines Predigers zu tragen, schien mir groß, vor allem aber den Titel eines Magistri zu erringen, fast den menschlichen Kräften unerschwinglich, und die höchste Stufe der Seligkeit hienieden. Nicht wahr, Sie lächeln? so wie ich zum Lächeln gezwungen werde, da ich nun schon seit lange derselbe Mann bin, und doch nur weniges von jener geträumten Größe in diesem Besitze gefunden habe. Wie gesagt, die Schule wäre mir ein Paradies gewesen, denn das Lateinische und Griechische entzückte mich, Hebräisch war meine Wonne, wenn nicht einiges mich gestört hätte. Wir hatten viele Stunden in Mathesi, worauf gehalten wurde, und wir alle sollten darinne Fortschritte machen, aber ich nehme die Götter zu Zeugen! – lag es an mir, oder am Lehrer, oder an der Wissenschaft selbst, ich habe nie auch nur das Allergeringste davon beim besten Willen begreifen können. Diese Demonstrationes, die axiomata, die Drei- und Vierecke und Circula haben mir in vielen Stunden das Gehirn schwindlig gemacht, und ich habe mich nie einer Verachtung gegen diese anmaßliche scientia erwehren können. Noch schlimmer aber war, dass ein Neologe, der viel auf alle Arten von Schwärmereien hielt, den Rektor, einen weichherzigen, nachgiebigen Mann, überredet hatte, einen Zeichenmeister anzunehmen. Dacht ich nicht, der Schlag müsse mich treffen, als das erstemal der Gaukler seine Bude in unserm ehrwürdigen Auditorio aufschlug? Ich zitterte vor Unwillen und rief: ›Wahrlich, nun fehlt nur noch, um uns völlig abscheulich zu machen, ein Tanzmeister!‹ Und in der Tat woraus man sehen kann, wie stark die Imagination wirkt, träumte mir selbige Nacht, der Rektor habe einen Tanzmeister angenommen, und wir müssten vor dem Katheder, den Bachstelzen nicht unähnlich, herumhüpfen. Ich erwachte zum Glück bald, und fühlte Zittern und einen kalten Schweiß. Also der Kram wurde ausgelegt, und denken Sie, Werte, mir, als einem schon meritierten Primaner, wurde die Wahl gelassen, ob ich ein Häuslein mit einem Bäumchen, oder eine Blume, oder gar einen Pferdekopf, oder dumme krumme Striche, die man menschliche Nase und Mund nannte, nachreißen und mit Rotsteinbleifeder abfärben wollte. Ich äußerte fest und bestimmt, dass ich allen Arten von Elaborationen mich nimmermehr entziehen wolle doch, dass ich mit dem Rötelwesen und jenen Hahnenfüßen oder Bauerwohnungen, Pferdeschnauzen und Blumengeckereien niemals mich oder mein Papier beschmutzen werde. ›Himmel!‹ sagt ich, ›wir den Musen Eigene, zur Lehre des göttlichen Worts, oder zu Galene und Carpzove bestimmte Tironen, sollen wie die Stuben-Anstreicher, oder jene Unseligen, die die kleinen Tassenköpfchen anfärben, uns in solchen Pinseleien vertiefen!‹ Damit zerriss ich einen daliegenden Hammel, der nach der Meinung des Phantasten ein unschätzbares Werk eines abgestorbenen Gaukelmannes sein sollte, und da der Kunstzeichner selbst ein Enthusiast für seine Klexerei war, so warf er mir, nicht ohne Empfindung meinerseits, ein großes Reißbrett an den Kopf, nannte mich Ignoranten und Barbaren, und wollte mich endlich gar mit Gewalt aus meiner eignen Klasse entfernen. Zwei Freunde, die sich gleichfalls der Theologie widmen wollten, standen mir redlich bei, die übrige Jugend aber, ihrer Würde uneingedenk, nicht achtend, dass wir für sie nur kämpften, konnte es über sich gewinnen, uns laut und schallenderweise auszulachen. Der Rektor kam dazu, und ich hatte vielen Verdruss. Doch überwand ich alles und bezog die Universität Wittenberg, von einem kleinen Stipendio unterstützt. Mein Vater war nicht Magister, und nach dieser Würde war mein Tichten in der Nacht wie bei Tage, um mich und ihn damit zu ehren. Steil war der Weg, aber die Möglichkeit, zur Höhe hinaufzugelangen, wurde mir doch mit jedem Tage einleuchtender und wahrscheinlicher.
Vier Stunden westlich von Wittenberg liegt ein kleines offenes Örtchen, Jessen genannt, mir immer, wenn davon die Rede gewesen war, wegen des biblischen Tones ein erwünschter Name. Dahin reisete ich mit einigen Freunden zu Fuß in den Herbstferien, denn der eine Begleiter war aus dem Orte, in welchem sein Vater eine Stelle bekleidete. Wir wurden von dem alten Mann gut aufgenommen, der sich mit mir in ein Gespräch über die Klassiker einließ, und vortreffliche Kenntnisse besaß. Er achtete meine Meinung, doch erstaunte er, mich so unbewandert in deutscher Poesia anzutreffen, in der er Opitzii und einige andere Werke besaß, doch vermisste er mit Leidwesen den Gryphium, dessen Horribilicribrifax, wie er sagte, in seiner Jugend seine Seelenweide gewesen sei, und dem alle Aus- und Einländer, alte sowohl wie neue, durchaus nicht zu vergleichen wären. Hier sah ich nun auch in demselben Zimmer, meine Verehrtesten, jenes Frauenbild, die Tochter des Hauses, deren helleuchtende Augen oft auf meinem Angesichte ruhten. Ob ich gleichsam hübsch gewesen, kann ich nicht melden, doch war ich jung und weiß und rot, war anständig in allen Gebärden, hielt Hände und Füße ruhig, und schaute viel vor mir nieder. Wo sie, die Hedwig, stand, war mir immer, als wenn ein rötliches Licht, fast wie Morgenrot, in der Stube brannte, und was bemerkenswert ist, ich konnte wissen, ob sie im Zimmer zugegen sei oder nicht; ich mochte die Augen auch ganz woanders haben und etwa mit dem Alten sprechen, ich fühlte es gleich, wann sie wegging, und wann sie wiederkam, es war, als wenn in mir Finsternis und Helligkeit wechselten; und wenn sie weg war, sprach ich verwirrt und hatte Bangigkeit auf der Brust, so dass ich nicht genau wusste, ob ich eben zornig oder betrübt war.«
»Nicht also«, erwiderte der Gelehrte, »es war eine Art von Sympathia, denn ihr ist es gleicherweise so ergangen, wie sie mir nachher gestanden hat. Wir wechselten Reden, die andern rauchten mit dem Vater; da ich nun immer dieses Kraut der Wilden verabscheut habe, so ging ich vor die Tür mich umschauen und sie stand schon im Sonnenschein draußen. Ob ich sie zu ihrer Freundin, der Försterin, begleiten wolle? erging an mich die Frage. Ich konnte mir nichts Besseres wünschen, und wir gingen den schmalen Steig ganz nahe aneinander. Gesprochen wurde wenig, denn ich fürchtete, Dinge zu sagen, die ihr nicht gefallen möchten; sie aber sah mich je zuweilen lächelnd von der Seite an worüber ich nur in Angst geriet, weil ich fürchtete, an den Haaren, oder der Halskrause bemerkte sie irgend etwas Ungeziemliches. Abseits unter einigen Bäumen lag das Häuschen des Oberförsters, wir traten in die dämmernde Stube ein, und niemand war zugegen. ›Meine Freundin muss ausgegangen sein‹, sagte sie, und wir stellten uns beide vor den Spiegel, der an der Mittelwand hing. ›Sind wir nicht von einer Größe?‹ sprach sie weiter indem sie sich an mir maß. Da war das Antlitz mir nun ganz nahe vor dem meinigen, und mir fiel ein, was ich wohl gehört, auch in Autoren gelesen, dass ein Kuß von besonderer Lieblichkeit sei. Ich konnte mir aber das Herz nicht fassen, so standen und gingen wir beide stumm nebeneinander. Noch einmal stellte sie sich vor mich und sagte: ›Sie sind doch etwas größer‹; stand auf den Zehen, und fasste mit beiden Händen meinen Kopf in der Gegend der Ohren, und indem sich mir die Stube rundum drehte, gab sie mir einen rechten lieben zärtlichen Kuß. Wie ich hinauskam, weil ich nicht, es war fast dunkel geworden und wir gingen zurück; ich hörte und sah nicht, und die Menschen in ihren Gesprächen und Gestikulationen kamen mir alle so wild und unbängig vor, und ich sehnte mich nach der Ruhe. Doch schlief ich in der Nacht nur halb; der Spiegel, die Bäume, die weißen Hände und Arme und der Kuß waren immer vor mir und in mir.
Am Morgen war eine neue Welt um mich her. Auf nichts konnte ich mit Verstand Rede und Antwort geben, meine Augen suchten die ihrigen, und schlugen sich doch nieder, wenn sie sich begegneten. Am Nachmittage ging ein Teil der Gesellschaft in einen nahen kleinen Weinberg, der der Familie zugehörte. Die Tochter, ein Bruder und ich saßen oben in dem kleinen Gartenhäuschen, sahen umher auf die sandige Gegend und das Städtlein unter uns, und tranken von dem selbstgezogenen säuerlichen Wein und dem besser schmeckenden Most. Bald verließ uns auch der Bruder. Da konnten wir uns nun recht ungestört unser Herz ausschütten, wenn wir nur erst die Rede hätten finden mögen, welches aber geraume Zeit nicht geschah, und noch dazu musste sie den ersten Anfang machen. Wir erfuhren in diesem Gespräch, dass wir einander heiraten wollten, sowie ich Magister geworden und eine Stelle als Pfarrer oder Lehrer an einer Schule erhalten hätte.
Vergnügt kehrte ich nach einigen Tagen nach Wittenberg zurück; ich war von neuem Eifer zu meinen Studien durchdrungen, auch erhielt ich etliche kleine Schreiben von der Person, die ich jetzt im stillen für meine Braut ansah, obgleich noch nichts davon laut werden durfte. So ging der Winter ganz erfreulich hin. Um Pfingsten ging ich wieder hinaus, zu Fuß und allein; für meinen künftigen alten Schwiegervater hatte ich den Gryphius und seinen Horribilicribrifax in meiner Tasche.
O wie schön war das Wetter! Mein Weg führte mich an den schönen Buchen und Eichen beim Luthersbrunn hinüber. Ich sprach mir vor die Ode Horatii: Integer vitae, welche mit Lalagen schließt, dulce loquentem, dulce ridentem. Dieses verstand ich nun erst, wie manches andere in meinen autoribus. Das war damals in der Tat ein Frühling, welcher sich sehen lassen durfte, diesen auserwählten Mai konnte man nicht schimpfen; denn es war nicht anders, als wenn jedem rauhen Winde das Maul zugehalten wurde, und nur die artigsten Spielgesellen der Sommerkönigin unter Läubern und Blumen wie wohlgezogene Kindlein herumgaukelten. Auf halbem Wege gelangt man durch das Dorf Elster, welches an der Elbe liegt. Schön dünkte mir der Strom und die Schiffmühlen darauf, der weite Blick, die Frische des Wassers und dessen Geräusch. Nachher kommt man durch ein kleines stilles Dörflein, welches ich immer nur meine Sabbatsdörflein nannte, weil die Straße hinter den kleinen Häusern fortläuft, so dass man niemand gewahr wird, und von beiden Seiten Fruchtbäume die Hütten beschatten. Nachher kurz vor Jessen wandelt man durch ein Gehölz, wo ein Bach von einer Anhöhe herunterrieselt, und dann sieht man das zerstreute Städtlein vor sich, in welchem die Wohnungen einzeln liegen, und die weißen sandigen Weinhügel mit den kleinen roten Häuschen und den vielen Nebenstöcken umher.
Ich trat in die Tür, verehrte Freunde, grüßte und ward freundlich begrüßt, und überlieferte dem Alten mein Geschenk. Ich konnte mit meiner Braut nicht sprechen, denn gleich musst ich dem künftigen Schwiegervater sein Lieblingsstück vorlesen, dass er wie mit einer heiligen Heiterkeit erwartete, über welches ich aber nicht lachen konnte, sei es nun, dass ich niemals in meinem Leben sehr für das Lachen gestimmt gewesen, oder weil andere Gedanken mir meinen Kopf beunruhigten. Aber denkwürdig ist es vielleicht, dass ich kaum dreimal in meinem Leben begriffen habe, dass es etwas Belachenswertes geben könne; seh ich von den Menschen die Gebärden des Lachens veranstalten, so möchte ich immer fragen: Cur? Ebenbild Gottes, warum zergrinsest du also mit aufgesperrtem Hals und faltigem Gesicht dein Aushängeschild der Unsterblichkeit? Lächeln ist gar lieblich an Kindern und Mägdlein, aber Lachen, und dabei knaustern und prusten und schnarren, absit! Nicht wahr, meine Edelsten?«
»Da es mehr«, erwiderte der Magister, »mit dem Schnupfen und dem inwendigen Kitzeln der Nase zusammenhängt, so ist es verzeihlicher, doch auf jeden Fall unmännliche Schwäche. Auch bricht bei den meisten Menschen die lamentatio ebenfalls in gar widerlichen Gebärden aus, so dass es mir fast immer hat unanständig bedünken wollen. Jedennoch ist freilich mehr Not als Lust, mehr Jammer als Freude auf dieser Welt, und es regen sich wenn der vernünftige Blick in das mannigfaltige verschlungene Elend der Welt geworfen wird besonders wenn man selbst im Unglücke laboriert, so gar sonderbar-wehmütige Zuckungen in allen Eingeweiden, dass ich gestehe, ich inklinierte oft und leicht zu Tränenergießungen, die auch wohl stattgefunden haben würden, wenn die Scham sie nicht zurückgehalten hätte.«
»Ich erinnere noch einmal«, sagte der Alte, »dass es keine solche gewesen, wie man sehr bald aus dem Verlauf der Historie ersehen wird. Ich sprach nachher meine Lalage, ich erzählte ihr von meiner Aussicht, bald Magister zu werden, und sie teilte meine Freunde darüber; es war die Rede davon, dass ich im Orte selbst die Predigerstelle annehmen könnte, die gewiss bald erlediget würde. Auch der Vater und die Mutter redeten über diese Aussicht, und mir schien, als wenn alle, ohne es Wort haben zu wollen, um mein Vorhaben wüssten. Diese Zeit war in der Tat die Freudenzeit meines Lebens, ich hörte mich schon mit dem Titel ›Magister!‹ begrüßen, ich sah mich auf der Kanzel, und meine Frau und Schwiegereltern unter meinen andächtigen Zuhörern; ich betrachtete Stadt und Feld als meine Heimat, und unter herzlichen Küssen und Umarmungen, deren ich mich jetzt nicht mehr zu schämen brauchte, ging ich fort und kam glücklich und wohlbehalten, freudiger Seele und gesunden Körpers, wie der zum Sitze der Musen zurück, um mich zur Disputation vorzubereiten und der hohen Würde fähig zu machen.
In vierzehn Tagen sollte diese große Feierlichkeit vollzogen werden, und ich ging im Herbste wiederum hinaus, um meine Teure aus dem Stamme Jesse noch einmal zu sehen. Ich hatte mich in der letzten Woche recht angestrengt und war gar nicht aus meinem Zimmer gekommen, um so mehr freute ich mich auf meinen Gang in das Feld hinaus. Aber ich kann es nicht beschreiben, werte Herren, wie mir ward, als ich aus der Stadt kam. Schon die hohen grünen Wälle sahen mich so finster an, draußen wurde es noch schlimmer, die Bäume, die Wiesen, alles war voll Schauer und Angst. Was ist mit mir geworden? dachte ich: denn wie bei gräßlichen Geistergeschichten richtete sich mir das Haar empor; war mir doch, als sei alles tot in mir und außer mir. Der Fluss, die Schiffmühlen rauschten Totengesang und Schrecken der Vergänglichkeit, die kalten Winde sprangen recht mit Lust im Sonnenschein umher, als wenn sie rufen wollten: ›Alles, alles ist eitel!‹ Das Sabbatdörfchen war wie ein stilles Totengewölbe. O entsetzlich! ich nahm mit Schrecken wahr, dass mir heute sogar die Aussicht auf meine Magisterwürde keine Freude gewähren könne. Wie komme ich zu dieser Melancholia? rief ich aus; ohne Zweifel hat mir mein übermäßiges Studieren eine Hypochondriam zugezogen, die mich sehr krank machen könnte. Da freute ich mich, bei meiner Lalage gegen diesen gelehrten Krankheitsanstoß Trost und Schutz zu suchen, und bald von ihren Küssen, in denen Venus das Fünfteil ihrer Wonne gelegt, mich heilen zu lassen. So die Tristitia bezwingend trat ich in die Stadt ein und fand niemand zu Hause, indem die Magd mir sagte: alles sei im Weinberg. Ich schritt dahin, und meine Herzensbangigkeit kam wieder. Aus dem Lusthäuschen herunter hörte ich schon von fern ein Kichern und Lachen, wie ich es unanständig nenne, und als ich oben war und die Tür öffnete, war sie es auch wirklich, die eben wieder mit verzerrtem Angesicht lachte, und neben ihr saß in einem blanken Reithabit, mit hohen Stiefeln und großen Sporen, auch Gold auf den Schultern, ein lustiger Bruder, wie ich sie wohl manchmal aus Halle oder Jena wahrgenommen hatte. Ich setzte mich schweigend, grüßte mit leisem Wort, und da mich der junge Nimrod-ähnliche Mensch lange ansah und fragte, wer ich sei? so sagte sie kaltsinnig und fremd: ›Der Herr ist ein Bekannter meines Bruders, der ihn einmal zu uns gebracht hat. Sie befinden sich doch noch wohl?‹ wandte sie die Frage an mich. Mir war aber, als wenn ich etliche gordische Knoten im Innern des Halses hätte, die sich mit keinen Worten wollten auflösen lassen. ›Wenn wir also‹, fuhr das junge Genie fort, ›unsere Kömödie, die Nebenbuhler, noch spielen, liebste Hedwig, wie wir abgeredet haben, so kann der junge Herr hier wohl der Junker Ackerland sein?‹ – Ich Junker Ackerland! ich als Histrio? als Mimus? Zu meinem Widerwillen gegen den Stiefelmann gesellte sich nun noch die tiefste Verachtung, da ich hörte, dass er sich also entwürdige, in der Larva aufzutreten. Die unbereuende Sünderin bestrebte sich, mich niemals anzusehen, und tat überhaupt, als wenn ich ein fremder Elefant, oder umziehendes Tier wäre. Sie schenkte mir ein und spritzte unversehens einige Tropfen auf die hirschledernen Beine des Gewaltigen. Er lachte, und goß ihr den Rest seines Glases auf das Kleid, indem er sie handfest anpackte und wie ein Satyr lachte. ›Nun habe ich es wettgemacht!‹ rief er aus, und sie lachte ebenfalls, als wenn sie auf ewig ihr ehemaliges edles Antlitz unter das neue tierische unterschieben und verbergen wollte. Die Eltern kamen nun und begrüßten mich kalt und gleichgültig. Betäubt wie ich war, ging ich mit in die Stadt zurück und setzte mich in ihrer Gesellschaft zu Tische. Die beiden Lacher saßen nebeneinander. Da hörte ich denn, dass er in kurzem, weil er reich sei und beschützt, eine Stelle in einem andern Städtchen erhalten würde; man trank auf seine und der Braut Gesundheit. Ich glaubte, dunkles Blut hinunterzutrinken. Der seelsorgende Greis war wirklich seitdem gestorben, aber ich dachte jetzt nicht daran, um diese Stelle nachzusuchen, die man mir mehrmals schon versprochen hatte. Noch in der Nacht ging ich zurück. Mich dünkt, ich habe hin und wieder auf dem Wege geweint.
O, werte Gesellschaft! es war ein höchst betrübter Tag, an welchem ich die akademische Würde erlangte. Ich disputierte, ich ließ mir die Haare scheren, und setzte zum erstenmal eine Perücke auf mein Haupt. Aber die Lust daran war dahin. Ich ging zu meinem Vater und wollte mich ihm adjungieren lassen, aber ich erhielt seine Stelle nach seinem Tode nicht, weil man mir sagte, dass ich gegen den Patron immer sehr grob gewesen sei, obgleich ich mich äußerst bestrebt hatte, mich mit der submissesten Ergebenheit zu betragen. Überhaupt war es traurig, dass sich in der Zeit, als ich nun den für mich höchsten Gipfel erstiegen hatte, die Welt schon in die Verwandlung zu begeben anfing, die sie seitdem immer mehr und mehr entstellt hat. Ich hatte schon früher bemerkt, dass manche Magister ohne Perücke gingen, dass die Neologie und Heterodoxie die alte wahre Lehre und die gründlichen Studien zu verdrängen anfingen; ich glaubte, was Rechtschaffenes gelernt zu haben, aber wohin ich kam, hieß es, ich sei mit allen meinen Kenntnissen um funfzig Jahre zurück; nirgend konnte man mich brauchen, nirgend fand sich eine Stelle für mich, allenthalben Achselzucken oder höhnische Reden über meine Pedanterie, wie man es nannte, und so fand ich mich endlich darein, nur hier und da der christlichen Jugend noch auf gutgemeinte und gottgefällige Weise nützlich zu sein, und so bin ich auch, nach mancherlei Wanderungen, endlich in diese liebe Stadt und zu meinen verehrtesten Freunden allhier gelangt.
Lange nachher kam ich einmal durch die Stadt, nach welcher sich meine Ungetreue hin verheiratet hatte. Ich ging vor ihrem Hause vorbei, und sie schaute aus dem Fenster. Lieber Gott, ich war älter seitdem, aber sie war hässlich geworden. Ich weiß nicht, ob sie mich wiedererkannt hat; da war doch nichts von dem Mutwillen, Lust und Scherzhaftigkeit geblieben. Sie sah mich an und mochte sich in ihrem Sinn verwundern, warum ich also fleißig dort gehe und sie beschaue; es war, als wenn die Not, der Jammer der Welt, der schon seit uralten Zeiten die Menschen bedrängt, als wenn alle Trübsal, von der ich gelesen, mich aus ihren Blicken betrachtete; ich bin kein abergläubischer Mann, aber ich floh, denn mir dünkte, mir sei ein Gespenst erschienen. Sie lebte unzufrieden mit ihrem Mann, der sich dem Trunk ergeben hatte, und sie hatten keine Kinder.
Dieses ist jene Geschichte, Verehrte, die ich mich nicht habe ermäßigen können mit Ihrer Erlaubnis vorzutragen, damit Sie sehen, dass, obwohl ich gleichsam fast versprochen war, und ein Recht hatte, über dieses gebrochene Wort zu trauern, ich dennoch nie verliebt gewesen, und jener Leidenschaft glücklich entronnen bin, von der so viele Menschen so viel zu erzählen wissen.«
Alle waren gerührt, die junge Frau tief bewegt, und es entstand eine Pause im Gespräch. Endlich nahm der Baron sein Glas und rief: »Alles, was wir geliebt haben, lieben und lieben werden!« Der Magister und Leonhard stießen heftig an, Friederike zögernd, vielleicht wegen des letzten Zusatzes, und Krummschuh lachte laut, indem er sagte: »Zeit wär es, dass es bei mir einträfe, denn bis jetzt habe ich darüber keine Erfahrungen machen können.« Es war schon spät, und man trennte sich, indem alle mehr nachdenkend geworden waren, als sie erwartet hatten.
Ein heller Sommerglanz war an dem Morgen verbreitet, an welchem Elsheim und Leonhard, die Stadt verlassend, über das grünende Gefilde fuhren. Beide waren eine Zeitlang stumm, wie es gewöhnlich beim Anfang einer Reise zu sein pflegt; nach einiger Zeit sagte der Baron: »Dein alter Magister, mein Freund, hat mich gestern innig gerührt, und ich habe viel an ihn denken müssen; es scheint mir in ihm ein schönes Gemüt zugrunde gegangen zu ein, wie in so manchen Menschen, wenn sie ihren Beruf verfehlen; ich fing damit an, über ihn zu lachen, und endigte, ihn zu lieben und innerlich zu beweinen. Wie bist du an ihn gekommen?«
»Ich hörte von ihm reden«, antwortete Leonhard, »und suchte ihn auf, wo ich ihn in einer Gesellschaft von Bürgern traf, die sich über ihn lustig machten. Von meinem wackern Vater habe ich das Mitleid geerbt, das er vorzüglich mit verarmten Gelehrten und Künstlern hatte, und deshalb zog ich ihn in mein Haus, so dass er nun sorgenfreier und anständiger leben kann.«
»Fühlst du denn auch wohl«, fuhr der Baron fort, »welchen köstlichen Schatz du an deiner Frau besitzest? Wahrlich, gestern habe ich sie näher kennen und wahrhaft lieben und verehren gelernt. Ein Weib, das ihren Widerwillen und Verdruss, den sie doch über deine Reise notwendig empfindet, nicht nur zähmen kann, sondern diese Freundlichkeit, Sanftmut und Liebe so ungezwungen darstellt, ist eine der größten Seltenheiten. Denn selbst die liebenswürdigsten dieses Geschlechts können unangenehm werden, wenn sie über verletzte und unerkannte Liebe schmollen sie scheinen oft der Meinung zu sein, dass sie ihr Herz, in lauter Verdrüßlichkeit und epigrammatischen Grimm gekleidet, dann nicht genug zur Schau tragen können.«
»Mir ist es sonderbar mit ihr ergangen«, erwiderte Leonhard. »Ich stand auf der Grenze zwischen Knaben und Jüngling, als ich sie kennenlernte. Der erwachende Sinn für Schönheit und Reiz ist in diesen Jahren gewöhnlich ungebildet, aber von desto größerer Schärfe, und so erschien mir ihr Angesicht, ihre Farbe, ihre einfache Kleidung, die blauen oder roten seidenen Bänder, die ihren Gürtel umflatterten, alles wie vom hellesten Glanze verklärt. Sie schien mich bald auszuzeichnen, und da sie Vermögen besaß, sah mein Vater dies Verhältnis nicht ungern; ihr Oheim begünstigte mich ebenfalls. Von diesem Augenblick an vermied ich sie, aus übergroßer kindischer Delikatesse, mit einem gewissen störrigen Eigensinn gemischt, denn es verdroß mich, dass die Alten unsere frohe Heiterkeit und jene reizende jugendliche Neigung, die kaum an morgen denken will, schon für unser bürgerliches Fortkommen berechnen und nützen wollten. Oft war ich recht sehnsüchtig verliebt, oft mit ihr entzweit, die über mich lachte, oft versöhnten wir uns. In der Entfernung war mein Herz in manchen Stunden wie krank aus Liebe, dann konnte ich sie wieder auf Wochen vergessen; ein andermal überredete ich mich, dass wir niemals füreinander gepasst hätten. Als ich zurückkam, fand ich sie mit freudiger Überraschung noch unverheiratet; unser früheres Verhältnis knüpfte sich wieder an, als wenn es nie wäre zerrissen gewesen, und so wurden wir verbunden und glücklich, ohne dass wir eigentlich eine Leidenschaft füreinander gefühlt hatten.«
»Vielleicht«, sagte der Freund, »sind diese Ehen auf die Dauer die glücklichsten, weil beide Teilnehmer keine unmöglichen Erwartungen mitbringen; und darum möchte ich fast den Entschluss fassen, gar nicht zu heiraten, denn die Sehnsucht, die Anbetung, die Leidenschaft der Liebe ist es doch nur, das fühle ich innig, was ich am heißesten wünschen und was mich allein glücklich machen könnte.«
Beide Freunde sahen sich stumm an, und es entstand wieder eine Pause im Gespräch. Ihr Blick haftete auf den Wäldern und schön geschwungenen Hügeln, die sie umgaben, sie folgten dem Flusse, der abwechsend durch die Lücken des Waldes mit seinen Krümmungen erglänzte. Das heitere Lied der Lerche und der Gesang der Nachtigall aus der Ferne stimmten das Gemüt zu sanfter Fröhlichkeit. Nach einiger Zeit sagte Elsheim: »Ich habe mich immer verwundert, mein Freund, dass du dir bei deinen offnen Sinnen und vielfältigen Kenntnissen, bei deiner Lust an allem Gebildeten nicht lieber den Stand eines Künstlers erwählt hast, da es dir doch gewiss nicht hätte fehlen können, dich auszuzeichnen. Ist denn dein Beruf nicht vielleicht auch ein verfehlter?«
»Gewiss nicht«, antwortete Leonhard, »und ich bin schon früh mit mir über diese Punkte aufrichtig umgegangen. Dass ich nicht zum Gelehrten passte, sah ich früh ein, weil Sachen mich mehr als Gedanken, Worte und Formen interessierten. Zum Künstler fehlt mir ganz jener Enthusiasmus, jener strebende, fliegende Geist, der alles neben sich vernachlässigen und vergessen kann und darf, der in fremden Welten, aber nicht in der hiesigen einheimisch ist; mein Gemüt im Gegenteil ist beschränkt und wahrhaft bürgerlich, mein Eifer für Arbeit, Nützlichkeit, meine Lust an Dingen, die brauchbar sind und fest stehen: alles dies überzeugte mich früh, dass ich zum Handwerker bestimmt sei, und zwar zu der Beschäftigung, welche ich erwählt habe. Doch gibt es jetzt Augenblicke, in welchen ich mit meinem Stande, ja fast mit dem ganzen Leben unzufrieden bin.«
»Noch in meiner Kindheit«, antwortete jener, »in früheren Zeiten aber weit mehr, stand der Tischler zwischen dem Künstler und Handwerker, und dies bestimmte mich hauptsächlich, mich diesem Berufe zu widmen. Schon früh dachte ich darüber nach wie edel im Menschen der Trieb sei, alles, was sein Bedürfnis fordert, neben dem Notwendigen noch mit einer gewissen Zugabe von Schönheit zu umhängen, so dass der Reichere und Gebildetere keinen Hausrat haben mochte, der nicht durch hinzugefügten Zierat in etwas Höheres verwandelt war. Dieser Schönheits- und Kunsttrieb ist es, den wir allenthalben mit Rührung und Liebe wahrnehmen, der die Welt zu jenem angenehmen Rätsel macht, welches so viele nicht zu begreifen scheinen. Denn wenn die höhere Kunst frei wie im reinsten Äther schweben darf, sich selber genug, und nur durch Schönheit und Entzückung in die edelsten und geheimsten Kräfte des Menschen eingreift, und dadurch mittelbar in das, was die Welt lenken und erheben soll so gibt es gleichsam von dieser eine verstoßene, geringgeachtete Schwester, die sich unmittelbar der Not, der Trauer des Lebens annimmt, und uns mit stiller Heiterkeit über alles trösten will, was uns betrübt oder beschwert. Diese immer mehr verschwindende Lust ist es, die unsern Vorfahren so unentbehrlich war, die sich in ihren ländlichen Festen oft als Kinderei und Torheit äußerte, über welche unsere neuere Vernunft lächelt, und sie auch gänzlich abzustellen sucht; dieser Trieb ist es, der in vielen Gegenden den Pflug mit Bildwerk ausschnitzt, in Franken das Stirnjoch der Rinder mit bunten Farben bemalt, der den Schäfer antreibt, seinen hölzernen Becher und Stock mit Laubwerk zu verzieren, der zu gewissen Zeiten des Jahrs die Stuben mit Maien- oder Tannenreisern schmückt; dieser unschuldige liebenswürdige Trieb ist es, der mir immer so recht rein menschlich im Gegensatz des Philosophen, des Herrschers, des Reichen, oder jener affektierten Kunstmenschen erschien, die ihren nachgemachten Enthusiasmus nur von Hörensagen haben, und diesen Bildungstrieb nie anerkennen und verstehen wollen, der sich doch als Erdboden, Wasser und Luft der eigentlichen Kunst unterlegen muss, damit ihr Keimen und Wachstum möglich sei.«
»So schien es mir«, fuhr Leonhard fort, »dass alles Leere verkleidet, alles, was das bloße Bedürfnis ausdrückt, verwandelt, und die bloße Notwendigkeit daran so verschwiegen werden müsse, als sei sie bloß des Zierates wegen da. Aus den Beobachtungen im Leben setzte ich mir auch früh eine Art von Theorie zusammen, die diese Vorliebe erklären und rechtfertigen sollte. Die gerade Linie, weil sie immer den kürzesten Weg geht, weil sie so scharf und bestimmt ist, schien mir das Bedürfnis, die erste prosaische Grundbasis des Lebens auszudrücken; die krumme, die als Zirkel, Ellipse, im Bogenausschnitt und in unendlichen Schwingungen sich bewegen kann, war mir die Unerschöpflichkeit des Spieles, der Zier, der sanften Liebe, die sich um den strengen, mürrischen und melancholischen Gatten in allen erdenklichen Umarmungen windet und ihn tröstend und liebkosend umschließt.«
»Die Baukunst«, sagte Leonhard, »deren eigentliches Wesen in diesen geraden Linien und Ecken zu bestehen scheint, gefällt sich doch auch in kühngeschwungenen Bogen und gewölbten Kuppeln: so das Coliseum und Pantheon, sowie die ungeheure Peterskirche. Aber die herrliche altdeutsche Baukunst in den Wunderwerken zu Straßburg, Köln und Wien hat am liebevollsten und innigsten diesem Triebe gehuldigt, und das innere Wesen dieser Gebäude ist Lieblichkeit, so dass es nur neuern Zeiten möglich war, hier Schauer, trübe Melancholie und Lebensüberdruß aufzufinden.«
»Ja wohl«, sagte der Freund, »wir können den neuesten Bemühungen edler Deutschen nicht dankbar genug sein, die uns diesen lange mißverstandenen lieblichen Traum wieder auf die rechte Art zu deuten suchen. Dergleichen bereichert den Menschen wahrhaft, und so kann auch manche versunken geglaubte Atlantis unsers Gemüts wiederentdeckt werden. Nur scheinst du mir den Tischler aus den Augen zu verlieren.«
»Doch nicht so ganz«, erwiderte Leonhard, »denn alles trifft hier ebenso zu, nur in kleineren Verhältnissen. Haben wir nicht selbst die Chorstühle in der alten Kirche unserer Geburtsstadt bewundern müssen, die noch von katholischer Zeit her dort stehen? Wie fest, wie bequem, wie schön geschwungen, mit welcher Fülle von Laub, Früchten und Figuren verziert! Wie manches wunderwürdige Treppengeländer habe ich in alten Reichsstädten, auf Rathäusern und bei Vornehmen gesehen: und wie manche Arbeit dieser Art, auch kunstreiche Balustraden in Stein habe ich aus Laune oder augenblicklicher Bequemlichkeit, weil sich die Stangen zu einer armseligen Illumination nicht gleich fügen konnten, wegbrechen und vernichten sehn, ohne dass es nur irgend jemand bedauerte, sondern alle die neue gerade Linie viel schöner und anständiger fanden, so dass ich über diesen Hussitensinn und die bilderstürmende Roheit unserer Tage Tränen hätte vergießen mögen.«
»Dieser jakobinische Zerstörungssinn«, sagte der Edelmann, »hat sich freilich unserer Zeit übermäßig bemächtigt, und hängt genau mit einer gewissen Aufklärung und unbedingten Verfechtung des Bürgerstandes zusammen. Wir reißen Monumente der Ehre unsers Vaterlandes ein, und bauen mit selbstgefälligem Lächeln Kartenhäuserchen an die Stelle. Der Schwank von jenem Affen, der an des Malers Buffalmacco Stelle auf seine Weise malte, wenn jener sich entfernt hatte, und mit seinem Werke sehr zufrieden schien, ist die Kunstgeschichte unserer Tage.«
»Diese Verwandtschaft zur Kunst«, fuhr Leonhard fort, »ohne doch Kunst sein zu wollen, war es, was mich zu meinem Handwerke zog; ich legte mich daher mit unermüdlichem Eifer auf das Zeichnen, und glaube darin auch nicht ungeschickt geblieben zu sein. Immer schwebten mir edle und wohlgefällige Figuren von Tischen und Sesseln vor, und ich suchte im Sinn unserer Vorfahren entweder mit Blumen und Laubgewinden, oder mit leichten Figuren, die an die Arabeske grenzten, die harte gerade Linie und das Vierkantige zu verkleiden. Es ergötzte mich unendlich die Kunst der Lackierer zu lernen, und weiß, himmelblau, rötlich und alle Farben recht rein und dauernd hervorzubringen; noch mehr erfreute mich die Vergoldung, wodurch Frohsinn und Heiterkeit wie von selbst in unser Leben hineinlacht. Die Politur der Hölzer war mir ebenso wichtig, jede Baumart wurde mir eine liebe Bekanntschaft, die ich wie einen Freund mit seinen Eigenheiten und Vorzügen behandelte, die schöne Pappel, die sich wie in Silber oder weißen Atlas verwandeln lässt, der rötliche Pflaumen- oder dunkle Nußbaum, das gediegene, reichaderige Eichenholz, die weiche Else; die Geschicklichkeit, den Maser bunt und sonderbar anzubringen, oder mit dem fremden Ebenholz fein und zierlich einzufassen und zu umlegen: alle diese Dinge wandte ich in meiner Phantasie hin und her, und mit inniger Freude erinnere ich mich älterer Mobilien, deren ich auch noch einige in fremden Ländern gesehen habe, die das Leben des Menschen wirklich mit Lust und Zier umstellten, ihn durch Gold und Farben erheiterten, und in schön geschwungenen Zirkellinien Stuhl, Sessel, Tisch und Schrank, auch ohne Hinsicht des Gebrauchs, zu angenehmen Gegenständen der Betrachtung machten.«
»Ich merke schon, mein Freund«, sagte Elsheim, »dass du in deiner Hantierung nur ungern mit dem Zeitalter fortgeschritten bist; aber ich glaube doch nicht, dass du alle jene Schnörkel und krummen Linien, die man sonst auf die geschmackloseste Weise an Tischen oder andern Gegenständen angebracht, wirst rechtfertigen wollen?«
»Gewiss nicht«, sagte Leonhard, »denn aus dem richtigen Gefühl war durch Übertreibung in einer gewissen Zeit etwas Unsinniges gemacht worden. Besonders hatten die Franzosen ein Muschel- und Schnörkelwesen aus lauter willkürlich geworfenen Bogen- und Zirkelschnitten gemacht, in welchen weder gerade Linie noch Brauchbarkeit sichtbar blieben. Diese Dinge gehören in die Reihe jener Buchdruckerstöcke, die um eine gewisse Zeit Mode waren, über die man, wenn man sie genau betrachten wollte, verrückt werden möchte, wie uns denn alles ganz Willkürliche, Unzusammenhängende, Unzweckmäßige diese Empfindung erregt; es ist das, was wir das Abgeschmackte nennen müssen, weil es geradezu dem Geschmack entgegensteht und ihn auf immer unmöglich macht, der Nicht- oder Ungeschmack sich aber noch immer erziehen und bilden lässt. Dieser letzte aber ist es, der uns von England aus in unsern Bedürfnissen des Lebens immer mehr und mehr überschleicht, eine Art von Puritanismus, die geradezu alle Zier, alles, was nicht strenge Notdurft ist, als Ketzerei ansieht. Es tut mir weh, diese reinkantigen, schroffen, wie aus Erz und Eisen gegossenen Formen arbeiten zu müssen, die um so mehr gefallen, je gerader und strenger die Linien sind, so dass wahrscheinlich kunstreichere Nachkommen einmal diese vollendete Barbarei einer Zeit mit Verwunderung betrachten werden, die so viel und zu viel über Kunst gesprochen hat. Dazu das traurigmontone und dunkle Mahagoniholz, das nur im nächsten Blick Goldäderchen oder Schimmer entdeckt, dessen Wirkung im allgemeinen aber immer trübselig ist. Nun vergleiche man mit unbefangenen Sinnen ein Zimmer von heutzutage mit einem jetzt altfränkisch genannten. Im ersten die kahlen Kalkwände mit einer Malerei, die freilich oft Prätension genug macht, ein paar große Spiegel mit finstern Rahmen, ohne Figur und Zier, ebenso Tische und Stühle, alles hart, herbe und kunstlos. Dagegen versetze man sich in ein geschmücktes Zimmer, wie es vordem gebräuchlich war, die Wände mit rotem Damast, oder gelber und blauer Seide bekleidet, von goldnen Leisten eingefaßt, der heiterste und behaglichste Anblick, alle Sessel und Schränke von hellem Glanz und kunstreicher Arbeit, mit vergoldeten schön geschnitzten Figuren; wo man Schlösser oder Erzarbeit wahrnimmt, ist alles auch in Gestalt, Laub, Blume aufgelöst; wohin das Auge sich nur wendet, lächelt die Kunst entgegen. Die höchst unbequemen Ruhebetten, die ich fertigen muss, und die immer unfertig aussehen, noch mehr die Sekretäre, wie man sie nennt, oder Schreibe-Büreaus, nötigen mir mit ihrem Mangel an Verhältnis, und kleinen Spiegeln und Säulen, oder abgeschmackten Grotten inwendig, oft ein Lächeln ab, und in dieser Hinsicht ist mein Schicksal dem des Magisters nicht unähnlich, dass ich mit meinem Geschmack auch um fünfzig oder siebenzig Jahre zu spät komme.«
»Ja«, antwortete Leonhard, »wieder auf verkehrte Weise, denn Holz soll nun wieder Erz und Bronze nachahmen; und diese Greifenfüße, Sphinxe und dergleichen plump gearbeitete Figuren, die einen großen Stil haben sollen, sehen eben erst recht barbarisch aus. Die ganze Kunst unserer Tage hat sich in die Töpferarbeit Wedgwoods geflüchtet, in der man wirklich angenehme und leichte Formen erfunden und den Alten nachgeahmt hat. Von dem traurigen Porzellan mit seiner Affektation, kostbaren Vergoldung und Malerei, Landschaften und Correggios, und wer weiß was alles, so teuer, dass oft auf einem Ecktisch oder in einem Schrank der Wert von Tausenden enthalten ist, für die man erfreuliche Kunstwerke haben könnte, mag ich gar nicht sprechen. Hier drängt man Malerei und Kunst einer geringfügigen Materie auf, in der alles kleinlich erscheinen muss, und entfernt vom Metall, dem Silber und Golde alle Anmut, stellt die nackten Formen des Bedürfnisses hin, wo Zier und Schmuck so bedeutend werden kann, um recht darzutun, wie verkehrt wir in allen Dingen geworden sind.«
»Du hast mir jetzt vielerlei erzählt, mein Freund«, sagte der Baron, »aber wie verbindest du denn in deinem eigenen Leben so manchen phantastischen Hang, wie z.B. den, der dich einmal fast überwältigte, Schauspieler zu werden, mit diesem soliden Streben, mit deiner Bürgerlichkeit, mit deiner Gründlichkeit und Ruhe?«
Nach einigem Nachdenken antwortete der junge Meister: »Ich glaube, dass alle, oder doch die meisten Menschen aus Widersprüchen zusammengesetzt sind; diese nun auf gelinde, gewissermaßen kunstreiche Art zu lösen, ist die Aufgabe des Lebens. Gewaltsame Leidenschaften, erschreckendes Unglück, tolle Ausschweifung, sind wohl sehr oft Mangel an Geschick und Kunstsinn zu nennen. Ist es nicht wieder in anderer Gestalt die gebildete Vereinigung der geraden und krummen Linie, der notwendige Zierat, der dem nackten Leben zur schmückenden Umkleidung gegeben wird? Was sich zu widersprechen scheint, vereinigt sich gelinde und schön, gerade das, was überflüssig und unvernünftig aussieht, ist es, was dem Wahren, Festen und Richtigen Gehalt und Schönheit gibt. Vielleicht sind wir, gegen unsere Vorfahren gehalten, hierin ebenso zurück, wie im Hausrat, wenngleich mancher unter uns mit jenen Buchdruckerstöcken oder Schnörkelfiguren zu vergleichen ist, welche die geschweifte Linie gleichsam toll gemacht hat. Die Ausschweifung an sich selbst soll nicht dasein dürfen.«
»Lieber Freund«, sagte Elsheim, »du scheinst mir da einen ebenso sonderbaren als wahren Gedanken ausgesprochen zu haben, der mir vieles in ein verständliches Licht rückt, was sich mir oft als Rätsel hat aufdrängen wollen.«-
Es war ein heißer Tag geworden, und beide Reisenden sehnten sich nach Erquickung. »Haben wir noch weit zur Station?« fragte Elsheim den Fuhrmann, »und treffen wir dort ein gutes Wirtshaus?« Der junge Mensch wandte vom Bock sein freundliches Gesicht in den Wagen hinein und sagte: »Dort hinter dem Walde kommt das Städtchen schon hervor, und der Gasthof ist der beste von der Welt; die Wirtin besonders ist ein wahrer Engel, durch sie wird der Mann reich, denn alle Fuhrleute kehren seitdem in der goldnen Traube ein, so dass das Haus weit im Lande berühmt ist.«
Schon befanden sie sich unter einem hohen Lindengange, der in das Städtchen führte, das heiter aussah und ziemlich volkreich war. Sie hielten vor einem großen Hause, und da beide Freunde es liebten, auf einige Stunden unter den übrigen Gästen verschiedener Stände zuzubringen, so begaben sie sich unten in das große Wirtszimmer. Eine schon bejahrte Frau schoss ihnen in übertriebener Hast mit schreiender Stimme entgegen: »Wollen Sie sich's bequem machen, meine Herren?« und da sie sah, dass die Fremden wie scheu zurückfuhren, sagte sie milder und gesetzt: »Wenn Sie kein eigenes Zimmer befehlen, Ihr Gnaden, so sein Sie nur so gut, hier hereinzuspazieren.« Beide Freunde verwunderten sich stillschweigend, dass diese Figur dieselbe Wirtin sein sollte, die ihr Fuhrmann ihnen als Engel bezeichnet hatte. Sie fanden in dem großen Saale verschiedenartige Menschen. In der Nähe der Küche saß der korpulente und phlegmatische Wirt und verzehrte sein Mittagsessen, ohne sich um seine Gäste zu bekümmern; nicht weit von ihm waren zwei Männer, die Geistliche zu sein schienen, in den Zeitungen und politischen Gesprächen darüber vertieft, diese hatten nur Wein vor sich stehen; an einem großen Tisch fiel eine bunte Gesellschaft in die Augen, einige Weiber und Mädchen, mit Bändern und Seide auf unpassende Art geschmückt, und einige Männer dazwischen, in abgetragenen Kleidern, alle sehr lärmend und heftig begehrend, welche, wie man nachher erfuhr, eine Gesellschaft von reisenden Schauspielern waren; ganz einsam in eine Ecke gekrümmt, saß ein Jude, der still sein kleines Frühstück verzehrte, und auf alle Gegenwärtige ein wachsames Auge hatte; die übrigen im Zimmer waren jüngere und ältere Fuhrleute und Kärrner. Elsheim bestellte ein Mittagsessen und Wein, und mit der größten Schnelligkeit ließ die Wirtin das weißeste Tischzeug auf einen kleinen Tisch legen, den sie so zu stellen wusste, dass niemand im Saal den beiden Reisenden beschwerlich fallen konnte; von einer reinlichen Magd wurde sauberes Fayencegeschirr und blanke Gläser, nebst Silberzeug hingelegt, und bald erschien die Suppe. Die Wirtin wurde zu den Schauspielern gerufen, wo sich ein lauter Streit über den Anteil erhoben hatte, den die Mitglieder an der Rechnung haben wollten, oder zu haben leugneten; ihre durchdringende Stimme, Überredung und einiger Scherz wusste bald die Ruhe wiederherzustellen. Ein stiller Blick des Juden lud sie ein, sie ging in seine Ecke, stellte sich nahe zu ihm und rechnete heimlich mit ihm. Er schien zufrieden, und zog ohne Widerrede ein ledernes Beutelchen, bezahlte sie, sie dankte ihm freundlich, und geleitete ihn, so wenig er auch verzehrt hatte, bis zur Tür hinaus, offenbar in der guten Absicht, ihn vor den Späßen oder Angriffen der rohen Fuhrmannsbursche sicherzustellen. Unsern beiden Freunden entging diese Behendigkeit und Vielseitigkeit nicht, und sie teilten sich heimlich ihre Bemerkungen über die Menschenkenntnis der Frau, sowie über die Ordnung des Hauses mit. Indem saß sie wieder bei einem alten verdrüßlichen Fuhrmann, dem sie zärtlich die runzlichten Wangen streichelte, und unter Erzählungen von der Vortrefflichkeit seiner verstorbenen Frau die Rechnung mit ihm ins reine brachte. Dann kam sie zu einem jungen Burschen, der, weil er vielleicht im Hause noch fremd war und die Weise der Frau nicht kennen mochte, sich, indem sie ihn ebenfalls freundlich anfaßte, Freiheiten nehmen wollte, aber auch mit der größten Schnelligkeit eine nicht unsanfte Ohrfeige empfing, worüber alle Anwesenden, hauptsächlich des Barons junger Fuhrmann, ein lautes Gelächter aufschlugen. Dieselbe Frau, indem sie jetzt von einem andern Kärrner, der an der Reihe zu sein schien, herbeigewinkt ward, änderte jetzt ihre stille Weise mit diesem Zänker und fing ein solches Geschrei an, dass man meinte, es müsse zu Gewalttätigkeiten kommen; so laut die Stimme des Mannes war, so übertönte sie ihn doch; so grob und anzüglich seine Ausdrücke lauteten, so hatte sie doch noch gröbere und beißendere in Bereitschaft, so dass er endlich beschämt und grimmig bezahlte, was sie verlangte. Mit der ruhigsten Art setzte sie sich nun zu den Geistlichen nieder, und nahm, da sie ihr bekannt schienen, alsbald an ihrem Gespräche teil und bedauerte, dass es manchmal im gemeinschaftlichen Zimmer dergleichen Störungen geben müsse. Die Suppe war verzehrt, und mit einer anständigen Verbeugung nahm sie unsern Fremden die Teller weg und trug sie in die Küche, um ihnen eine andere Speise zu senden. »Ein Kapitalweib!« sagte der grimmige Fuhrmann zu einem andern, indem sie hinausgingen, »sie macht doch auch die Rechnung nie um einen Groschen höher, um sich abhandeln zu lassen, ob sie gleich meine Art wohl kennt, wie es alle die andern dummen Weiber in den übrigen Gasthöfen machen.« Die Frau kam zurück und fragte, wie den Herrn der Wein vorkäme, und freute sich, da sie ihn loben hörte. Bei aller dieser Tätigkeit, dem vielfachen Getümmel und Geschrei saß der Wirt indes fast unbeweglich in seinem ledernen Stuhl, ohne die Augen von seiner Schüssel oder seinem Glase aufzuheben.
»Deutschland«, sagte Elsheim, »ist vielleicht das einzige Land, wo in mancherlei Gewerben die Frau so oft den müßigen Mann ernähren muss.« Sie wollten dieses Gespräch eben fortsetzen, als sie durch eine sonderbare Erscheinung unterbrochen wurden, die ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. Stolpernd und schreiend trat eine große Figur herein, ein ziemlich starker Mann, in grünem Rock und Weste, beide mit schmalen Tressen besetzt, mit großen Stiefeln angetan; er trug einen Zopf und zwei Locken im frisierten Haar, von welchem man nicht unterscheiden konnte, ob es vom Puder oder von Natur weiß sei; sein Gesicht war rot und aufgelaufen, das Haupt bedeckte ein kleiner dreieckiger Hut. Mit lautem Freudengeschrei bewillkommte ihn sogleich die Wirtin: »Ei! bester Herr Wassermann, sind Sie schon zurück?« – »Ja, Alte«, schrie der Fremde, und gab ihr einen starken Schlag auf den Rücken: »ei« – indem er sich gegen die Schauspieler wandte – »da treff ich ja das lustige Gesindel auch wieder! Gelt, liebes Volk, wir sind neulich vergnügt gewesen?« Alle antworteten dem fröhlichen Herrn nur, wie sie ihn nannten, mit einem lauten Gelächter, er aber riss die Türe schon wieder auf und schrie hinaus: »Nur hier herein! hier herein! meine Freunde!« worauf eine Bande Bergmusikanten in das Zimmer brach. »Nicht wahr, meine Herren«, wandte er sich an die Gesellschaft, »wir lassen eins aufmachen? und wenn Sie es auch nicht mögen, so bin ich wohl Manns genug, allein zu bezahlen! Komm, Dicke« (indem er die Wirtin unter den Arm fasste); »und nun einen Walzer! aber lustig!«
Sogleich bewegte sich bei betäubender Musik der Wirrwarr aus allen Ecken und drehte sich durch den Umfang des Saales; der fröhliche Herr tanzte mit der Wirtin vor, die Komödianten flogen sich in die Arme, einige Mädchen, die übrigblieben, winkten die jüngsten der Fuhrleute herbei, und unter Schreien, Stampfen, Händeklatschen und Gelächter wälzte sich der Tumult immer wilder und wilder; doch wusste es die Wirtin so geschickt zu machen, dass keiner ihrer Gäste, am wenigsten unsere Reisenden die sie als die Vornehmsten behandelte, gestört wurden; aber das Springen und die Schnelligkeit des Walzers wurde so heftig, dass sie bald das Tuch vom Kopf verlor, und jetzt mit aufgelöstem Haar einem wilden Gespenste in toller Bewegung glich. Indem sich der Alte einmal umdrehte, rannte sie, die durch das Schiebefenster in der Küche eine Unordnung bemerkt hatte, in diese hinein, stieß und schalt die Mägde am Feuer zurecht, kam zurück, setzte ihren Kopfputz wieder auf, und bald hatten die Wut und der lärmende Tanz ihr Ende erreicht. Sie setzte sich wieder zu den Geistlichen nieder, um in aller Ehrbarkeit weiter am Gespräch teilzunehmen, und der Fremde nahm seinen kleinen Hut ab, um sich den Schweiß abzutrocknen. »Es macht warm, meine Herren«, sagte er keuchend, indem er sich zu Elsheim und Leonhard wandte, »aber so unvermutet und plötzlich macht es auch das größte Vergnügen. Wenige Menschen, dem Himmel sei's geklagt, wissen das Lebens zu genießen und die Freude gleichsam im Fluge zu haschen; wohin ich gekommen bin, bin ich noch immer an Geist und Munterkeit der Jüngste gewesen; denn unsere jetzige Jugend ist, wo man nur hinsieht, trübsinnig und schwerfällig, und ich muss, wie ein alter Anakreon, die Bursche beschämen.«
Es wurde dem Baron sehr schwer, nicht laut aufzulachen, aber dennoch bezwang er sich und sagte: »Gewiss, wären alle Menschen von Ihrer Fröhlichkeit, so würde das Leben noch einmal so leicht und anmutig sein.«
»Wer zweifelt daran?« erwiderte jener, und setzte sich, ohne zu fragen, nahe zu den beiden Freunden nieder, so dass Leonhard, dem der Mensch verhaßt war, etwas von der Seite rückte. »Inkommodieren Sie sich nicht«, rief der Tänzer, »ich sitze schon gut hier, ich habe Platz genug.«
Es ergötzte den Baron, seinen Freund in dieser verdrüßlichen Stimmung zu sehn, er wandte sich daher zum Fremden und sagte: »Sind Sie aber zu allen Zeiten so vergnügten Humors?« – »Fast immer«, erwiderte jener mit Selbstzufriedenheit, »nichts ist mir widerwärtiger als Kopfhängen und Kalmäuserei, oder das duckmäuserische Pietisten- und Herrnhuterwesen; in meinem Hause muss alles alert sein, ich schreie vom frühen Morgen, was ich aus der Kehle bringen mag, und da ich selten zu Hause ganz meine Lust büßen kann, so besuche ich Freunde, die ebenso heiter sind, als ich, und regelmäßig treffen wir des Abends im Wirtshause zusammen. Herr, ich versichere Sie, unser Brüllen, Singen und Schreien hört man oft über das ganze Städtchen weg, und jedes Kind weiß davon zu erzählen, was ich für ein lustiger Mann bin.«
»Wie glücklich sind Sie«, sagte der Edelmann, »ein solcher Humor ist ein unschätzbares Kleinod, und ich wollte nur, Sie könnten meinem jungen Freunde etwas von Ihrem Lebensmute mitteilen, der, wie Sie wohl bemerken werden, an der Melancholie leidet.«
Wassermann packte gewaltsam des jungen Tischlers Hand, schüttelte sie kräftig und sagte: »Ach! was da! was da! wer wollte melancholisch sein, solange einem Essen und Trinken schmeckt und man nur halbweg gesund ist.« Leonhard wurde immer mehr verstimmt, aber der Baron fuhr fort: »Ja, Herr Wassermann (denn so heißen Sie, wie ich gehört habe), es gibt aber doch Leiden, die, ohngeachtet aller Lebensphilosophie, in der Sie sehr stark zu sein scheinen, das Herz zu sehr angreifen, zum Beispiel, die Leiden einer unglücklichen Liebe, an welchen mein Freund eben ohne Hoffnung darniederliegt.«
»Das ist ja eben zum Totlachen«, sagte die widerwärtige Figur; »die Liebe ist auch eine neuerfundene Modekrankheit. Dass man die Weibsen gerne hat, ist wohl sehr natürlich, und wo ich nur hinkomme, bin ich in alt und jung, in schön und hässlich verliebt. – Ihr wisst auch davon zu sagen, lustiges Gesindel!« schrie er zu dem weiblichen Teil der Schauspielergesellschaft hinüber. – »Aber, meine Herren, sich grämen, seufzen, krank werden, ist eines Mannes unwürdig, und davon weiß ein anakreontischer Liebhaber nichts. Ich bin Bräutigam gewesen, ich war verheiratet, aber ich blieb einen Tag wie alle Tage. Ja, meine Herren, ich bin jetzt wieder mit einem recht schönen Mädchen, das zwar nicht so ganz jung mehr ist, versprochen, aber ich wäre wohl ein Narr, wenn mir nicht unterweges auch andere gefielen; nein, nichts gereut einen in späteren Jahren so sehr, als ein Kuß, den man nicht appliziert hat, wenn sich die Gelegenheit dazu anbot.« Mit diesen Worten sprang er auf, küsste erst die Wirtin und dann die übrigen Frauenzimmer nach der Reihe, ohne die Mägde zu übergehen, die das Zimmer aufzuräumen hereingetreten waren, dann lief er hinaus, um nach seinem Reitpferde zu sehen.
»Ein gottloser Mensch«, nahm die Wirtin das Wort, »er kommt jetzt mit einer ansehnlichen Erbschaft zurück, die ihm ein Vetter auf seinem Sterbebette vermacht hat. Dadurch ist sein eigenes Vermögen um so größer; und je wohlhabender er wird je toller wird er auch.«
»Wer ist denn der Unhold?« fragte Leonhard heftig, »wo hat er denn seine Scharfrichterei? und welches weibliche Wesen kann denn so ganz ohne Empfindung sein, sich mit einem Tollhäusler zu verbinden?«
»Ei, bewahre, Ihr Gnaden!« sagte die Wirtin scheu, indem sie sich etwas zurücksetzte: »behüte Gott, dass Herr Wassermann das hören sollte! Er ist ein reicher Mann aus dem Würzburgischen, wo er viele Weinberge hat; sein meister Handel ist auch mit Wein, darum bereist er oft diese Gegend. Und warum sollte denn auch ein Frauenzimmer, wenn sie nur irgend solide denkt, einen ehrlichen wohlhabenden Mann nicht heiraten können? Sie soll arm sein, er hat keine Kinder, und so kommt sie gleich in einen guten Hausstand. Ei! ei! freilich sind das wohl so von den melancholischen Reden, wie der gnädige Herr hier vorhin zu sagen beliebten.«
Indem kam Wassermann lärmend wieder hereingetreten, er stellte sich vor Leonhard hin, rückte den Hut ein wenig und sagte: »Herr Patron! sollten Sie vielleicht einmal in das Würzburgische Städtchen kommen« (indem er den Namen nannte), »so bitte ich es mir aus, dass Sie bei mir einsprechen, und der Teufel soll mich holen, wenn ich Sie nicht von aller Liebe und Melancholie kuriere.« – Da Elsheim sah, dass der verstimmte Leonhard im Begriff sei, loszubrechen, hielt er es für Zeit, den Spaß zu endigen, indem er dem Schreier die Hand gab und sagte: »Ich hoffe, mein lebensfroher Herr Wassermann, dass wir uns in diesem Leben nicht zum letzten Male gesehen haben.« Er berichtigte schnell die Rechnung, und stieg mit Leonhard wieder in den Wagen, da der junge Fuhrmann sie schon eine Weile erwartet hatte.
»Ich kenne dich nicht wieder«, fing der Baron an, als sie die Stadt hinter sich hatten, »diese kränkliche Verwundbarkeit habe ich noch niemals an dir bemerkt. Wie hat dich ein solcher Narr nur verletzen können?«
»Mein Freund«, antwortete Leonhard, »diese heftige Verstimmung mag seltsam und unnatürlich scheinen, aber dieses Wesen hat mich von neuem darin bestätigt, das zu glauben und dem zu folgen, was man sonst Sympathie und Antipathie genannt hat. Sowie dieser Mensch nur zur Tür hereintrat, fühlte ich einen gewissen Haß in meinem Busen sich regen, den ich nicht bemeistern konnte. Zuletzt überwältigte mich der Gedanke, wie vielleicht ein armes, hülfloses Mädchen, von Eltern und Verwandten bestürmt, um sich nur vor den nächsten Blutsfreunden (ja wohl, die nach ihrem Blute lüstern sind) Ruhe zu schaffen, sich einem solchen Wüterich aufopfert, um eine lange qualvolle Lebenszeit hindurch zu bereuen, dass sie in einer Viertelstunde schwach genug war, ihre Einwilligung zu geben.«
»Immer schwebt mir doch«, fuhr Leonhard fort, »das gräßliche Bild solcher Ehe vor Augen, was von den meisten Menschen auf Erden so genannt wird. Jenes fürchterliche Verhältnis ohne Liebe und Achtung, und aus welchem auch die letzte Spur von Heiligkeit verschwunden ist, gegen welches mir jenes der Orientalen mit ihren Sklavinnen als ehrwürdig und unschuldig erscheint. Ist es schon traurig genug, dass Liebe und gegenseitige Leidenschaft nicht immer zum Glücke führen, so ist es gegenüber wahrhaft fürchterlich, dass Staat und Religion ein gegenseitiges Ermorden sanktionieren können.«
»Wenn ich dir auch recht gebe, wie ich muss«, sagte Elsheim, »so wirst du mir, trotz deines Eifers, nicht angeben können, wie es denn sein müsste, um besser zu werden, wenn wir nicht geradezu die treffliche goldne Zeit, oder das belobte tausendjährige Reich herbeirufen wollen. Gewinnt dir denn aber dieser neue liebe Anakreon und seine Lebensphilosophie kein Lachen ab?«
»Ich vermag es nicht«, sagte der junge Meister völlig verstimmt, »denn ich fürchte, dass das, was uns hier als Karikatur erschienen ist, nur das wahre Bild eines großen Teils der Welt sei. Mir war es, als würde dieser Abgesandte ihrer Trübsal, Nichtigkeit und Niedrigkeit umhergeschickt, um recht zu verkündigen, wie verderbt und armselig sie sei, und statt zu lachen, wären mir in diesem gräßlichen Getümmel und den springenden Larven und Gespenstern die Tränen fast aus den Augen gebrochen.«
»O so bist du ja unheilbar«, sagte der Baron nicht ohne Lachen, »ich sehe, dass du Anlage zur Hypochondrie hast; immer hat es solche mißverstandene Phrasen in lebendiger Figur gegeben, und die Erde wäre ohne diese grellen Toren viel ärmer und dunkler. Ich hoffe also, du nimmst seine freundliche Einladung an, ihn zu besuchen, damit er dich von deiner Melancholie heile.« Er wandte sich zu seinem jungen Kutscher und sagte: »Ihr habt recht gehabt, mit der Wirtin im Hause, sie ist eins der liebenswürdigsten Weiber, die ich noch gesehen habe.«
»Sagt ich's nicht vorher«, rief der junge Mensch erfreut aus: »Ihr Gnaden glauben nicht, was das für eine große Kunst ist, mit so vielen Menschen tagtäglich umzugehen und es allen recht zu machen. Alle Kärrner und Fuhrleute aus dem Reich kennen sie auch, und machen lieber eine Meile mehr, um nur in diesem Hause auszuspannen, und diese Art Leute, die täglich und immer mit vielen Pferden kommen und selber viel verzehren, sind für einen Gasthof die einträglichsten. Wenige Menschen wissen auch mit ihnen recht umzugehen, der eine will lachen, der andere schwatzen, der dritte klagt gerne, noch ein anderer ist nur froh im Zank und wenn man ihm grob begegnet, und mit allen trifft sie es genau, verabsäumt keinen und zieht keinen vor, ist allenthalben wie durch ein Wunderwerk, schießt zugleich durch Küche, Keller und Boden umher wie ein Drache; mit einem Wort, sie ist ein Engel von Frau, und ohne sie würde der gute dicke Melchior verhungern müssen.«
Die Freunde saßen eine Zeitlang stumm nebeneinander, denn Leonhard war verstimmt, und Elsheim wusste nicht recht, wie er den Faden der Unterhaltung anknüpfen, oder welchen Gegenstand er berühren solle, um die Mißlaune seines Gefährten nicht zu vermehren. Endlich sagte er: »Du hast dich nun, mein lieber Jugendfreund, und hoffentlich auch Freund meines Alters, meinen Bitten und meiner Liebe gefügt, dass du mich nie anders als mit dem vertraulichen Du anredest; ich hoffe, dass du es auch nie, und in keiner Gesellschaft unterlässest, und du würdest mich empfindlich kränken, wenn du es je wieder aus der Acht ließest.«
»Du willst es«, sagte Leonhard, »und es sei also. Aber die Deinigen, deine Gäste, so wie alle Fremden dort, werden diese, nach den hergebrachten Meinungen der Welt, ein solches Verhältnis nicht unbegreiflich finden?«
»Sie sind von mir das Ungewohnte gewohnt«, antwortete Elsheim: »auch siehst du, dass ich keinen Bedienten mit mir genommen habe, damit wir unterweges um so freier sein können, und so hindert dich und mich auch nichts, dich dort bei mir als Baron Professor, Architekten, reisenden Maler, oder was du sonst willst, vorzustellen.«
Leonhard schwieg erst ein Weilchen still, um seine ganze Empfindlichkeit zu sammeln, dann brach er los: »Früher hättest du es mir sagen sollen, dass du dich in deinem erlauchten Zirkel schämst, mich als deinen Freund und den aufzuführen, der ich wirklich bin, so wär ich dir nicht vergeblich bis hierher gefolgt, und wir beide hätten nicht nötig gehabt, eine Rolle zu übernehmen, die unserer unwürdig ist. Es ist aber doch noch gut, dass du mir die Entdeckung zeitig genug gemacht hast, um umkehren zu können, und künftig werde ich den Warnungen und Vorstellungen meiner verständigen Friederike eine bessere Folge leisten.«
»Sprich und zürne dich nur aus«, sagte Elsheim: »denn endlich ist zur rechten oder unrechten Zeit gesagt, was ich gestern dir zu sagen verabsäumte; das ist doch, beim Licht besehn, mein ganzes Verbrechen; in deiner frohen Laune damals hättest du den Scherz als Scherz betrachtet, und nur gefühlt, wie sehr ich dich liebe, um dich da draußen unter narrenhaften Menschen recht wahr und ungestört zu besitzen; du würdest eingesehen haben, dass man das Komödienspielen nicht besser einleiten kann, als wenn man gleich in einer Rolle auftritt; dann wäre es dir wohl etwas nähergerückt, dass es keine so ungeheure Forderung sei, dem Freunde dies kleine Opfer zu bringen, der, wenn es die Gelegenheit fordert, sich mit dem größten nicht wird saumselig finden lassen; und mit einem Wort, mein Geliebter, du wärst in deiner Ansicht jugendlich gewesen, und es hätte dir nicht so widerwärtig gedünkt, mit den Weisen weise, und mit den Törichten töricht zu sein.«
Leonhard konnte sich nicht enthalten, seinem Freunde die Hand zu geben, doch fügte er hinzu: »Alles zugegeben und vorausgesetzt, dass ich mich deiner Laune füge, wer steht mir denn dafür, dass diese Maskerade sich nicht mit meiner Erniedrigung endigen wird? Dir ist es bequem, wenn ich mich füge, aber wie soll ich mit meinen bessern Gefühlen die Rechnung abschließen?«
»Liebster Freund«, sagte der Baron, »lass uns aufrichtig zu Werke gehn. Ist es dir auf deinen Reisen, oder auch sonst nie begegnet, dass man dich in deiner guten Kleidung, mit deinem feinen Anstand in irgendeiner öffentlichen Gesellschaft für etwas genommen hat, was man so im Leben etwas Höheres nennt, und hat dir dieses Gefühl noch kein einzigesmal wohlgetan, hast du die Täuschung auch kein einzigesmal stillschweigend oder mit freigebigerm Bezahlen und herrschenderm Ton befördert? Hast du sie jedesmal vorsätzlich zerstört? Ich kann von mir dergleichen nicht rühmen, auch weiß ich nicht einmal, ob es etwas Besseres sei, was wir täglich ausüben, dass wir unter Unbekannten für vortrefflicher und weiser gelten wollen, als wir unserm Bewusstsein nach sind. Wir kommen an, ich gebe dich für gar nichts aus, ich nenne dich meinen Freund, der mir in den Einrichtungen des Hauses und des Theaters helfen will: das alles ist die strengste Wahrheit; ich gebe dir keinen fremden Namen und keine Würde, die dir nicht zukömmt, nur führe ich dich der Schwachen wegen nicht geradezu als Tischlermeister auf, weil ich hoffe, du bist wirklich immer noch mehr, mein Leonhard, als Schreiner durch diese ganz unschuldige List, wenn wir es noch so nennen wollen, gehst du mit allen frei und wie mit deinesgleichen um, da es eine unbillige Forderung wäre, dass jene Fremden sich aus allen ihren anerzogenen, angewöhnten und mit ihnen verwachsenen Vorurteilen heraussetzen sollten, um dich als Mensch sich selbst gleichzustellen. Durch diese einzige stumme Nachgiebigkeit vergibst du dir gar nichts, und schenkst mir unendlich viel, indem durch diese Kleinigkeit mir das Leben mit dir dort möglich wird, was mich einzig zu dieser Reise bestimmt hat. Und käme es zum Äußersten, würde ich dich verlassen, nicht deine Liebe höher als alle kindische Rücksichten schätzen? Bei der kleinsten Veranlassung, die dich nur beschämen könnte, trete ich für dich auf, und nehme alle Verantwortung über mich.«
»Wenn alles dies«, sagte Leonhard, »auch nur Sophistereien sind, auf die sich noch vieles erwidern ließe, so mag diesmal die Freundschaft für dich alles überwiegen und übertönen. Es mag als Maskerade gelten, die einen unschuldigen Endzweck hat; du wirst auf jeden Fall mir das Zeugnis geben müssen, dass ich mich dir und deinen Masken nicht aufgedrängt habe.«
»Wunderlicher Geist«, sagte der Baron, »der du noch so jung bist, und einer solchen Kleinigkeit wegen schon so viele Skrupel haben kannst! Und wie lange wird es denn währen, so sehe ich dich ein großes Magazin von Möbeln einrichten, Meister unter dir arbeiten, denen du nur Zeichnungen und Bestellungen gibst, und Kommissionsrat, oder wie sonst, heißen; deinem Vermögen nach, und da es der Ton des Tages so mit sich bringt, könntest du das auch gleich tun.«
»Das geschieht niemals«, rief Leonhard lebhaft aus, »dann erst würde ich es auf immer bereuen, mich meinem Berufe gewidmet zu haben, wenn ich ein solches totes und tötendes Fabrikleben führen sollte, wenn mir die Freude am Material, die ich mit meinen tätigen Gehülfen teile, die Lust, das bestimmte Wesen nach und nach immer reiner und ausgebildeter hervortreten zu sehen, das Gefühl, dass ich als Vater und Lehrer für meine Mitarbeiter sorge und ihnen weiterhelfe, die Bewegung des Lebens, wenn mir alles das unter den Händen absterben sollte, um so oder so zu heißen, Meister zu drücken, und von ihrer Geschicklichkeit und ihrem Schweiße zu prassen, mich der Tätigkeit zu schämen, und durch die Auslage des Geldes mir ein Recht zu erwerben wähnte, dass ich andere despotisieren und quälen dürfe, und so weit ich reichen kann, Leben, Heiterkeit und Wohlstand zerstören.«
»Du siehst es von der finstersten Seite«, sagte der Baron, »es hat doch immer mehr den Anschein, dass die Zünfte und alle Einrichtungen, die damit zusammenhängen, eingehen werden.«
»Leider«, fuhr Leonhard fort, »es gewinnt aber auch immer mehr den Anschein, dass der wahre Bürgerstand, der Kern und das Mark aller Staaten, verschwinden muss. Ich will der Willkür nicht einmal gedenken, dass plötzlich Privilegien aufgehoben werden, die der Bürger, der allgemeinen Sicherheit vertrauend, hat bezahlen müssen, und für welche Auslagen, die bedeutend genug sind, ihm vom Staate keine Entschädigung wird; ich will darauf kein Gewicht legen, dass nur dieser Gewähr vertrauend, der Mann seine Jugend und wohl auch ein Kapital eingelegt hat, um geschirmt von vernünftigen und billigen Einschränkungen ein Mitglied dieses geschlossenen Standes zu werden; sondern ich frage nur, ob man denn wirklich bei denen Gewerben, bei denen die fabrikmäßige Einrichtung schon lange hat stattfinden können, oder in jenen Ländern, wo es Fabrikstädte gibt, das Glück finde, das uns reizen könne, alles umzustoßen, um auch dergleichen bei uns zu haben? Statt vieler wohlhabenden Menschen einige reiche Leute und einen Haufen armen, verkümmerten und lüderlichen Gesindels, immer in der peinigendsten Abhängigkeit von seinem Brotherrn und dessen quälenden und magern Vorschüssen, ohne Lebenslust, ohne Fähigkeit, Tugend und Liebe, kränkliche Kinder zu erziehen, bei einem ganz mechanischen und seelenlosen Geschäfte verdummend, und dadurch angetrieben Genuss, den der Mensch einmal nicht entbehren kann und will, bei schlechten, berauschenden Getränken zu suchen, früh absterbend, ohne gelebt zu haben, verzweifelnd und sich selbst verachtend zu allen niedrigen Streichen aufgelegt, und nicht fähig, Glück und Unglück zu erleben oder zu ertragen. So habe ich viele Hunderte, schlimmer als Sklaven, in berühmten Fabriken verschmachten sehen, und über die zunehmende Kultur wie anwachsende Barbarei die Schultern gezuckt, dass wir es in unsern Tabellen für Gewinn halten, Menschen, die höchsten Staatskräfte aufzuopfern, um die Ware wohlfeiler zu liefern.«
Als der Baron lächelnd und ungläubig den Kopf schüttelte, fuhr Leonhard, ohne seinen Eifer dämpfen zu lassen, in seiner heftigen Rede so fort: »Ich verlange nicht, dass alles, ohne Ausnahme, auf die alte Weise geschehen soll, auch sind ja Fabriken und die gepriesene Verteilung der Arbeit schon eine alte Erfindung; gewisse unbedeutende Dinge, wie Nadeln, Nägel und dergleichen, können nicht schnell und wohlfeil genug geliefert werden; bei vielen scheinbaren Kunstzusammensetzungen hat sich früh dies Handwerk und die Kunst in eine Fabrikanstalt umgesetzt; und ob selbst dabei der Nutzen so groß ist, dass jetzt jedermann eine schlechte, unbrauchbare Uhr in der Tasche tragen kann, lasse ich dahingestellt sein, da die wahrhaft guten Werke in London und Paris auch jetzt teurer verkauft werden, als nur immer in den ersten Zeiten der Erfindung. Aber weh muss es mir tun, dass der deutsche Handwerker, der sich so schön mehr oder minder dem Künstler anschloß, der mit den Seinigen und den einheimischen und fremden Gehülfen wahrhaft patriarchalisch lebte, jetzt untergehn und die ehrwürdige Zunft neuen Modeeinrichtungen weichen soll. Mit diesem seelenvollen Leben war eine ganz andere bürgerliche Ehre verknüpft, als herablassende Vornehme oder Geschäftsleute uns jetzt zuwerfen, oder der jüngere Handwerker durch Umtreiben auf Kaffeehäusern und leichtfertiges Tavernengeschwätz im halbmodischen Frack sich erringen kann. Und wenn ich nur die philosophische Seite des neuen Systems begreifen könnte. Ohne den Namen finde ich alles in der Welt so umschlossen, und mit Recht. Der Staat lässt mich nicht auf gutes Glück, und ob ich es vielleicht treffe und Beifall finde, in seine Geschäfte pfuschen, weil seine Diener auf Schulen und Universitäten, oder als subalterne Arbeiter ihre Lehrjahre überstehen müssen, sie werden geprüft, und rücken nur langsam und nach vielfacher Überlegung in die offenen höhern Stellen ein. Derselbe Fall ist es mit den Geistlichen, sowenig man sie auch von Seiten des Staats wichtig nimmt. Ebenso mit den Schulen und Universitäten, und ich darf nicht abenteuernd herumziehen, und die Bude meines Unterrichts und meiner Vorlesungen aufschlagen wollen. Alle diese Stände legen dem Staate ein Kapital von Zeit, Studien, Arbeit und Lehrjahren ein, und rechnen darauf, in spätern Jahren geschützt zu werden. Ebenso ist es beim Kaufmann, ja wenn ich mich zur Grundlage des Staats, zum Bauernstande, wende, finde ich dieselbe Beschlossenheit, denn das Grundeigentum ist doch in gewisse bestimmte Güter geteilt, deren Anzahl ebensowenig, wie sonst die der Handwerker in Städten, überschritten wird, und der Sohn oder der Fremde muss sich erst vom Knechte zum Bauern hinaufdienen. Die wahren Mißbräuche des Zunftwesens, die sich durch die Länge der Zeit eingeschlichen hatten und nicht zu leugnen sind, konnten abgeschafft werden, ohne die ehrwürdige Stiftung selbst, der wir Künste, Wohlstand und Freiheit zum Teil zu verdanken haben, zu Boden zu reißen. In melancholischen Stimmungen möchte ich aber manchmal glauben, dass wir alle gern einer allgemeinen Knechtschaft entgegengehen, und dass man uns vorpredigt, nur Geld zu erwerben zu suchen, um in Luxus, Ausschweifung und Sklavenhochmut Ketten wie Freiheit verlachen zu können.«
»Weder so noch so«, sagte Leonhard, »denn die Menschen, die man wirklich mit Vernunft so nennen kann, sind mir beiderseitig gleich verhaßt. Aber ich kann es mir doch nicht ableugnen, dass wir so ziemlich in der Anarchie schon befangen sind, wenn die Menschheit und die Staaten doch aus Ständen vereinigt sein sollen. Die Geistlichen waren schon seit lange, erst einer stillen, dann einer öffentlichen Proskription ausgesetzt, die Freude über ihre Besiegung, dieses Staates im Staate (wie man alles nannte, was nicht unmittelbar dem Einen und unbedingt unterworfen war), sprach sich allgemein aus; doch wurde ebenso der Einfluss und die Selbständigkeit des Adels gebrochen, dem Bürgerstand und seiner Beschlossenheit erklärte man aus philosophischen Prinzipien öffentlich den Krieg, und den Bauern, die man eigentlich schützen will, fällt man wenigstens mit einer engherzigen, ebenso albernen als unpassenden Erziehung, und mit einem unnützen Tabellenwesen zur Last.«
»Ja, die Tabellen!« rief der Baron aus, »sie gehören recht zu den Surrogaten und dem Geiste der Zeit, den die Gesetzgeber sich auch nur in Tabellen strömend vorstellen können.«
»Seit diese Mode des Bewusstseins«, fuhr Leonhard nicht ohne Bitterkeit fort, »die Staateneinrichter wie ein Schnupfen befallen hat, der eigentlich umgekehrt ein dumpfes Unbewußtsein hervorbringt, geschieht ordentlich mit Gewissen und frommer Lust die Zertrümmerung der edelsten Überlieferungen, über die ein abergläubisches Schaf, wie ich, das eine Wasserscheu vor diesem Strome der Zeit hat, weinen möchte. Doch, du hast recht, es ziemt mir besser, meinen Sinn von diesen großen Weltfortschritten abzulenken, und wenn du noch einige Geduld übrig hast, so möchte ich wohl noch einmal zu meinen Zünften zurückkehren.«
»Sprich dich nur aus«, sagte der Edelmann, »der Wagen geht auch ganz sanft im Sande, wir sitzen hier auf unserm eigenen Grund und Boden, und dürfen denken, was wir wollen.«
»Muss ich nicht wieder«, sprach der Meister, »auf meine frühere Ansicht kommen, an die ich mich so gewöhnt habe, dass sie mir bei allen Dingen vorschwebt? Die gerade und die krumme Linie ist es, deren Umspielung oder innige Durchdringung alle Formen hervorbringt. Ist es nicht sonderbar, dass die neuern Gesetzgeber schon seit lange den Menschen als ein Vernunftwesen betrachten, und um so mehr, je mehr er im niedrigern Stande lebt; der ohne Leidenschaften ist, oder die man ihm aberziehen und ihn zu allen vernünftigen Tugenden, des Fleißes, des Gelderwerbes, der unermüdlichen Arbeitsamkeit, hinaufbilden soll wo sie etwa fehlen möchten? Die Gesetzgeber behalten sich und ihresgleichen stillschweigend vielen Zeitvertreib und Zeitverderb vor, wovon sie das Anständigste unter die Rubrik ›Bildung‹ schieben, die der Gemeinere freilich entraten kann. Die Weisheit der alten Welt aber sah ein, dass Leidenschaften, Torheiten, Spiel, Scherz, Lust und Genuss die Elemente sind, die kämpfend und sich verbindend in der Menschheit ringen, und dass die Vernunft nur das Gleichgewicht sein kann, welches dieses unsichtbare Feuer, Luft, Wasser und Erde schwebend trägt, damit eins nicht das andere vernichte; dass Begeisterung zum Guten und Bösen die Sturmwinde sind, die zertrümmern und die Atmosphäre reinigen, und die hülflose Vernunft an sich selber noch nie etwas in Wirkung und Wirklichkeit hat setzen können. Ihr Bestreben war daher nicht, der Menschheit die Menschheit abzugewöhnen, sondern sie waren Kinder mit den Kindern, und Toren mit den Toren, und fühlten wohl, welcher heilige Ernst in dieser Kindlichkeit aus der Tiefe heraufspiele, weil es edler und frommer ist, jeden Trieb in uns auszubilden, als ihn zu vernichten, und dass jenes neumodige Entwöhnen, in der keiner seine Lust sättigen und büßen soll, nur zum moralischen Tode und zur kalten Verzweiflung führt. Ihnen waren daher alte überkommene Spiele, Lieder, Scherz und Trunk, selbst Ausgelassenheit ehrwürdig, und wenn die neuere Welt dergleichen auch nicht so unmittelbar, wie die alte, zum Gottesdienst rechnete, so nahm sie doch alles dieser Art in ihren Schutz. Volksfeste, Aufzüge, Prozessionen, Musik und Tanz öffentlich bei feierlichen Gelegenheiten, die Verwandlung des gemeinen Lebens in ein poetisches Schauspiel: alle diese innigsten Bedürfnisse suchte sie zu befriedigen, ließ das Bestehende und Überlieferte, verbesserte, fügte hinzu, erhöhte den glänzenden Schein, und edle Greise, Väter des Volks, Geistliche und Fürsten hielten es nicht unter ihrer Würde, ganz mit vollem Herzen in den Jubel einzustimmen, und die gute Vernunft daheim unter alten Reflexionen kramen zu lassen. Denn nicht will der Mensch bloß Mensch sein (sooft dies auch vor einigen Jahren von Aufklärern ist geprediget worden), er will auch nicht bloß nützlich und erwerbend und Bürger sein, sondern zuzeiten etwas anders außer sich vorstellen. Dieser Trieb, uns außer uns zu versetzen, ist einer der gewaltigsten und unbezwinglichsten, weil er wohl gerade die tiefste Eigentümlichkeit in uns entbindet. So waren im Kreise des Staats tausend kleinere Kreise die sich in- und durcheinander bewegten, selbstständig spielten und doch dem größern dienten; an jeden Menschen kam seine Stunde und sein Tag, und öfter im Jahr oder im Monat, wo er, dazu autorisiert, etwas Fremdes vor stellen durfte, und dem Adel, der Geistlichkeit schlossen sich hier schön die Zünfte an, die vielfach in Scherz und Ernst Aufzüge, Spiele, Repräsentationen aller Art, allegorisch oder komisch gaben, oder auch nur zur Verherrlichung ihres Handwerks und des Bürgerstandes auftraten. Der Meister konnte Vorsteher seiner Innung und Brüderschaft werden, der Gesell Vortänzer und Vorfechter, Sprecher und Schauspieler, ja bis zum lernenden Burschen hinunter gab es Gelegenheit, dass dieser sich wieder unter seinesgleichen geltend machen durfte. Neu gestärkt, gesunder und lebensfroher kehrte der Mensch dann zu seinem gewöhnlichen Beruf zurück, ja getröstet über diesen und mit der nahen Aussicht, das Jungbrunnen-Bad bald wieder gebrauchen zu können. Bleibt der Stoiker ganz fest auf seinem Standpunkte der Vernunft stehen, oder sagt zur Freude: du bist toll! so kann er doch den Gedanken wenigstens nicht als Lüge abweisen, dass dieses Dehnen, Recken und Gähnen der Schläfrigkeit (wofür er dies Torenspiel ausgeben würde) die Lungen stärkt und hebt, und das vollkommene Erwachen wie die Munterkeit befördert.«
»Ein medizinischer Statistiker könnte dir auch in deiner Schilderung recht geben«, fügte Elsheim hinzu, »wenn er sagte: alle jene unnützen Zeitvertreibe, ja reelle Narrheiten seien vielleicht notwendig, um aus der Menschheit eine Menge Laster- und Dummheits-An lagen abzuführen, damit Weisheit und Tugend Raum gewinnen. Ich gebe dir ohne alle Bedingung recht, und füge nur noch hinzu, dass wir in neuern Zeiten kaum noch einen Menschen finden, der repräsentieren kann; selbst die Diplomatiker, die es verstehen, werden immer seltner, vom Höchsten bis zum Geringsten trägt jeder eine Art von Scham mit sich herum, dass er noch etwas anders, als ein Mensch sein soll, daher das linkische, verlegene, stotternde Benehmen unserer Großen; die militärische Haltung in der Uniform und im Dienst ist die einzige, die geblieben ist, und in die sich alle übrige Repräsentation zurückgezogen hat.«
»Dein Mediziner, den du eben erwähntest«, fing Leonhard wieder an, »hat nach meiner Meinung ebenfalls recht, nur möchte ich die Sache etwas anders ausdrücken. Ich glaube in der Tat, dass die Masse der übertriebenen und krankhaften Eitelkeit unserer Tage, die Sucht, eine lügenhafte Rolle vor der Welt und vor sich zu spielen, dieses Heucheln von süßlicher Bildung, unechter Frömmigkeit, affektierter Liebe zur Natur und dergleichen mehr, nur möglich geworden ist, seitdem es dem Menschen untersagt ist, eine Rolle von Staats wegen zu spielen, seitdem er so ganz auf die Haushaltung in seinen vier Pfählen, und auf sein Herz in seinem sogenannten Innern angewiesen ist, denn ich fühle es, dass der Trieb, sich zu entfliehen, sich selbst fremd zu werden, und als ein anderes Wesen wieder anzutreffen, mächtig in uns ist.«
»Es ist sonderbar«, antwortete der Baron, »dass ein Gespräch, das empfindlich anfängt, gewöhnlich auch so fortgeführt und geendigt wird, wie man den ganzen Tag hindurch auch in der Wärme den Wind spürt, wenn es am Morgen gestürmt hat. Übrigens hat uns unsere lehrreiche Unterhaltung gehindert, die Schönheit der Gegend zu genießen, und dort liegt wahrlich schon der Hafen, die Stadt mit ihrem Gasthofe vor uns.«
So war es auch; sie stiegen aus, bestellten Zimmer und ein Abendessen. Schon auf der letzten Viertelmeile war ihnen ein schmächtiger Mensch aufgefallen, der neben dem Wagen hertrippelte, und der jetzt fast mit ihnen zugleich in das Wirtshaus eintrat. Er forderte Wein, und fing mit den beiden Reisenden, die unten noch die Einrichtung ihres Zimmers abwarten wollten ein Gespräch an. »Also Sie haben die armseligen Wracks der elenden gescheiterten Truppe angetroffen?« fuhr er fort, als er gehört, dass der Baron im letzten Städtchen einige Schauspieler gesehen hatte; »nicht wahr, mein Herr, es sind unwürdige Subjekte, die den Wert ihrer Kunst nicht einsehen, und des Enthusiasmus nicht fähig sind?
Als das letztemal der benachbarte König die Gnade hatte, mit mir zu sprechen« (deklamierte er laut, indem er sich vornehm und breit niedersetzte und den dienstfertigen Wirt kalt ansah, der ihn mit noch größern Augen anstarrte), »fragte er mich, wie es denn komme, dass wir noch immer kein solches Schauspiel besäßen, wie es eine so edle, poetische und kräftige Nation doch ohne Zweifel verdiene? ›Geruhen Ew. Majestät zu bemerken‹, erwiderte ich (denn da ich ihn öfter sehe, so kann ich ziemlich dreist und ohne Umstände mit ihm sprechen)« – der Wirt warf schnell die baumwollene Mütze in einen Winkel, die er bisher zwischen der Achsel eingeklemmt hielt – »dass es nicht an der Nation, an den Dichtern oder an irgend etwas anderm liegt, sondern lediglich an den verächtlichen Menschen, wie es die meisten sind, die sich diesem hohen Berufe widmen. Diese Armseligen, die ihre Kunst nur wie eine jämmerliche Zunft, wie ein seelenloses Handwerk treiben wollen und können, diese sind es, die den freien Adel dieser edlen Ausübung immer noch hindern.«
»Sie lieben die Kunst sehr, wie es scheint«, sagte der Baron. – »Ich bete sie an«, rief der Fremde, »sie ist das Leben selbst, und alles übrige ist nur Schein, Flachheit, trüber Nebel. Darum eben habe ich mich mit jenem elenden Direktor entzweit, der außerdem, dass er fast nie richtig bezahlte, mir auch meine Rollen schmälerte, und dieselben Darstellungen von Stümpern verhunzen ließ, in denen ich den allgemeinsten Beifall einzuernten gewohnt war. – Herr Wirt, der Wein ist aber sauer!«
»Ja«, fuhr der Künstler fort, »ich zeige ihm nun schon seit geraumer Zeit, dass ich auch ohne ihn leben kann, und, meine gnädige Herren, ich bitte um die Vergünstigung und die Ehre, dass ich denenselben eine kleine Probe meiner Kunst und meines wahren Talents zeigen darf; ich würde untröstlich sein, wenn so ausgezeichnete Männer, von diesen Kenntnissen und der hohen Bildung, diese meine dargebotene Huldigung verweigern würden, da es doch bekannt ist, wie sehr dieselben die Künste lieben, und selbst von den Musen begünstigt sind.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, schob er eiligst einige Tische und Stühle beiseit, rannte in des Wirts Schlafkammer, brachte ohne Umstände etwas in seinen Armen Verdecktes heraus, welches er auf den Tisch stellte und mit einem weißen Kleide verhüllte. Mit untergeschlagenen Armen folgte ihm die Wirtin in höchster Verwunderung, um zu sehen, was aus diesen sonderbaren Anstalten sich ergeben solle. Er setzte eilig sich gegenüber den beiden Reisenden, wie dem Wirt und dessen Frau, Stühle hin räusperte sich, machte eine Verbeugung und fing an: »Hochzuverehrende! ich werde jetzt die Kunstdarstellung wagen, das berühmte Stück unsers Dichters, ›Menschenhaß und Reue‹, mit geringen Änderungen und den notwendigsten Abkürzungen ganz allein darzustellen, und ich bin überzeugt, dass die Wirkung dieselbe ergreifende, tieferschütternde sein wird, wie sie nur immer das versammelte Personale der vorzüglichsten Bühne hervorbringen kann.« Er fing hierauf an zu gestikulieren, und die hauptsächlichsten Rollen mit großem Eifer herzusagen, indem er alles, soviel es sich tun ließ, in Monologe verwandelte. Wo dies unmöglich war, ließ er die Stimme grell wechseln, und sprang behende von einer zur andern Seite; als aber Eulalia auftreten sollte, riss er schnell die Verhüllung weg, und es zeigte sich der Haubenkopf der Wirtin mit schwarzen Augen und dunkelroten Wangen, mit einer Mütze der Eigentümerin geschmückt. An diese Repräsentantin wandt er als Bittermann und Major seine Reden, und antwortete in ihrem Namen, und sooft sie abgehen sollte, warf er das Gewand wieder über. So näherte er sich der pathetischen Erkennung, und die rührende letzte Versöhnung schloss damit, dass er wirklich weinend und schluchzend den Haubenkopf in die Arme nahm, laut rief: »Ich vergebe dir!« und ihn dann wieder an seine Stelle in das Schlafzimmer trug.
Den beiden Reisenden hatte der Scherz schon zu lange gewährt; der Wirt schüttelte bei jeder Szene den Kopf, und war immer nur über diese Anstalten und die Unermüdlichkeit des Künstlers verwundert; die Wirtin aber war heftig bewegt und weinte laut. Der erhitzte Deklamator kam zurück, und da er die Rührung der Frau sah, nahm er ihre Hand und küsste sie zärtlich. »Dies ist der schönste Lohn des Künstlers«, sagte er, selber gerührt. »Ja«, schluchzte die korpulente Frau, »es ist wirklich gar zu trübselig, dass ein Mann, der so reputierlich einhergeht, sich so sauer sein bisschen Brot verdienen muss.« »Darüber«, fragte der Schauspieler empfindlich, »haben Sie geweint?« »Worüber denn sonst?« antwortete sie: »sehn Sie nur selbst, wie heiß Sie geworden sind.« Der Künstler wandte sich unwillig von ihr, und sagte zu Leonhard gewandt: »Auf diese Art kann ich die berühmtesten Meisterwerke der deutschen Bühne darstellen, ohne alle andere Beihülfe, besonders bequem lassen sich die Räuber so spielen, vorzüglich nach der ersten Ausgabe, in welcher die Brüder nicht zusammenkommen; auch Macbeth und die Braut von Messina; die Iphigenia macht etwas mehr Schwierigkeit.«
»Es ist ein erfreulicher Anblick«, sagte der Baron, »wie unser deutsches Theater sich immer mehr in seine wahren und ursprüglichen Bestandteile auflöst; ehemals hatte wir nur Melo- und Monodramen, aber jetzt sehn wir so häufig ein epigrammatisches Stück von zwei oder drittehalb Personen mit leichtem Witz über Eitelkeit, Eifersucht, Schwachheit der Männer und Weiber (der Fall Adams, kann man wetten, kommt in jedem vor), und es lässt sich darnach an, dass wir auch derlei schönbeschränkte epigrammatische eng zusammengezogene Tragödien erhalten werden, wozu wenigstens schon ein löblicher Anfang gemacht ist, in welchem ein Messer, ein Nagel, oder eine Uhr eine große Rolle spielen müssen. Noch erfreulicher aber ist es dass selbst große Meister oft auf dem Theater oder in Musiksälen die sogenannten Deklamatorien geben und was sonst nur Schüler zur Übung in Schulen taten, eine Fabel oder ein erzählendes Gedicht hersagen oder ablesen. Wird Musik dazwischen gemacht, etwa gar eine Symphonie, so ist der Genuss einzig, und das sonderbar Widersprechende des scheinbar Läppischen ist es gerade, was in unschuldigen und kindlichen Menschen eine ganz vorzügliche Ergötzung und Rührung hervorbringt.«
»Sie sprechen ganz wie ein Kenner, mein gnädiger Herr«, sagte der Kunstmann, und empfing von Leonhard, vorzüglich aber vom Baron weit mehr, als er für seine Bemühung erwartet hatte. Nach einer zu tiefen Verbeugung sagte er: »Wahrlich, meine gnädigen Herren, Sie übertreffen noch meinen großmütigen Patron und Mäzen, der im Reiche sich und der Heiterkeit lebt, den lebensfrohen Liebling der Musen und der Scherze, den liebenswürdigen Wassermann.« Er empfahl sich, um zu essen und sich niederzulegen; die beiden Freunde begaben sich auch auf ihr Zimmer, und der Baron sagte: »Wir dürfen stolz sein, mit diesem, wie ich sehe, berühmten Sokrates in eine Klasse gestellt zu werden, in welchen sich eben der benachbarte König am Schluss des Stückes verwandelt hat.« – »Der Mensch hat mich völlig verstimmt«, sagte Leonhard. – »Vielleicht«, fragte der Baron, »weil er nicht zünftig ist? Weil sich dir so herrlich die freie ungebundene Kunst in ihm dargestellt hat? Ich bin vergnügt, denn ich gestehe dir, ich habe die Eulalia fast noch nie so würdig dargestellt gesehen, als seine Gehülfin sie uns zeigte; diese Milde und Ruhe im vollen großen Auge, dieser gehaltene Ernst, diese stille Würde, selbst bei einigen sehr anzüglichen Redensarten, die sie anhören musste; und es ist nur zu bedauern, dass dieses großzügige fast antike Spiel in keinem der Theater-Almanache psychologisch und künstlerisch wird gepriesen und entwickelt werden; aber ich kann nur soviel sagen, mir ist dadurch über diesen Charakter ein neues Verständnis aufgegangen, und ihr unbegreiflicher Fall, ihre Reue und Besserung, sowie die Versöhnung erscheinen mir jetzt recht sehr begreiflich.«
Die Freunde hatten von der letzten Stadt aus Post genommen, um schneller zu reisen, und befanden sich am dritten Tage schon in Bergen und anmutigen Wäldern, mit frisch grünen Talen und rinnenden Quellen aus bemoostem Gestein. Sie waren erfreut über die wechselnden Aussichten, sie unterhielten sich von der Lieblichkeit der Natur, und der Baron erzählte vieles von seinen Reisen. Diese Geschichten erweckten auch in Leonhards Seele die frohesten Erinnerungen, und so entschwanden ihnen die Stunden, die Meilen; Dörfer und Städte, Berge und Wälder glitten ihnen vorüber, wie im lieblichen Traum.
Von einem der höchsten Punkte des Gebirges, den sie am vierten oder fünften Tage ihrer Reise erreichten, entdeckten sie ganz in der Ferne die fränkischen Berge. »Dort liegt mein geliebtes Land«, rief Leonhard aus, »das ich eine lange Zeit wie mein Vaterland geliebt habe, wo ich einst zu wohnen träumte, und das mir mit einem unerklärlichen Zauber an die Seele geheftet ist, obgleich ich seitdem wunderbarere, reichere und schönere Gegenden gesehen habe.«
»Es ist«, sagte Elsheim, »mit der Liebe zur Natur und zu Gegenden, wie mit jeder Liebe, sie hat etwas Unerklärliches; dergleichen kann und soll auch nie begriffen werden, denn im Geheimnis liegt ein höheres Verständnis. Auch gibt es gewiss zur Natur Sympathien und Antipathien, und mir stehn die schönen Gegenden geradeso individuell vor meiner Seele, wie verschiedene liebe Menschen und befreundete Wesen.«
»Das ist eine sehr richtige Beschreibung«, sagte Leonhard, »und jede schöne Gegend, der wir uns mit Rührung erinnern, zieht uns mit einer ganz eigentümlichen Sehnsucht an, die bei mir so stark werden kann, dass ich in der Einsamkeit über Landkarten, Bildern oder Beschreibungen in gewissen bewegten Stunden Tränen vergieße. Es ist, als zieht mich dieses Tal, jener Berg, ein altes Schloß, die Höhe mit der wundervollen Aussicht, wie mit Gewalt zu sich, und ich bin gerührt, wenn ich mir denke, dass ich diese Freunde wohl nie wiedersehe.«
»Mit Kunstwerken«, sagte Elsheim, »geht es uns ebenso; wie oft stehe ich mit meinem Geiste auf meinen Lieblingsstellen in den Galerien, sehe ich diese dann einmal wieder, so empfängt mich auch dort eine gewisse Heiligkeit, ein alter Gruß, wie das vertrauliche Reichen der Hand von einem Geiste. O mein Freund, was könnte der Mensch außer sich und in sich für ein edles, gediegenes, verklärtes Leben führen, wenn er nicht so viel der Zerstreuung, dem Leichtsinn, dem Zeitverderb und leerem Müßiggange opferte!«
»Lieber«, sagte der junge Meister, und fasste des Freundes Hand, »wie teuer wirst du mir mit solchen Worten! Warum bist du denn selbst oft auf gewisse Weise leichtsinnig, dass du mir gleichsam den edleren Geist in dir zu verhöhnen scheinst?«
Elsheim errötete leicht und sagte: »Bester, du kennst die Geschichte mit der Katze, die in eine schöne Prinzeß verwandelt ward, sich aber in ihrer erhabensten Umgebung vergaß, wenn sie eine Maus laufen sahe. So geht es leider mir, nach den schönsten Stunden, ja während denselben; und lieber springe ich denn doch den Mäusen nach, als dass ich mein ehemaliges Katzenwesen in mir durch Heuchelei überkleidete. Diese ist überhaupt das Laster, welches ich am meisten hasse, vielleicht übertreibe ich zuweilen meine geringere Natur in Gegenwart von Heuchlern, um ihnen nur nicht gleich zu werden. Und wie jede Frucht ihre Reife nur zur rechten Zeit erlangt, so auch im Menschen; meine Stunde hat noch nicht geschlagen, die rechte Mittagssonne hat mich noch nicht getroffen, soll es sein, so wird sie mich schon auch zu rechter Zeit finden.«
»Liebster, Bester«, rief Elsheim halb scherzend, halb im Eifer: »nur verlange ums Himmels willen nicht von mir diese steifen, rechtwinkligen und aufgezimmerten Zurüstungen zur Bildung, mit denen sich so viele unserer gutmeinenden Landsleute abquälen, und munter wie die Eichhörnchen in dem Sparrwesen auf und nieder klettern. Oder sie holen, wie die Kanarienvögel, an der Kette selbst ihren Glasbecher mit Wasser und Hanfsamen abgerichtet herauf, oder picken wechselnd religiöse Stimmung und Geschichtsansicht heraus, und saufen dazu ein Schlückchen Poesie und Mystik, und recken den Hals in die Höhe, um es hinterzubringen, wetzen dann scharrend den Schnabel am Draht, um in Scharfsinn und Kritik nicht zurückzubleiben, und knuspern an Festtagen mit besonderm Bewusstsein am Zucker der Liebe. Das Schauspiel ist aber nur für den, der es ansieht, auf einige Minuten spaßhaft, nicht für den gelangweilten Vogel selbst. Nein, Lieber, dieser Schnupfen der Zeit, der nichts tut, als sich im wohlriechenden Tuch der Bildung mit Zierlichkeit schneuzen und selbst das Unsichtbarste, Fernste und Glücklichste, das dem Sterblichen nur in blitzenden Momenten der Entzückung wie eine sondre Gabe der Göttin gegönnt ist, als Nektar, den sie im Obermut herunterschütten, und wovon man wohl einmal, indem man fast dumm in den blauen Frühlingshimmel schaut, ein Mäulchen aufschnappt, diese Dumpfheit, wie gesagt, dass sie auch diese Lebensmomente im Eisenkäfig ihres Bewusstseins auffangen und festhalten wollen, dieses mißverstandene Wesen wolle mir nicht ankurieren, wenn ich dich nicht für einen Wunderdoktor halten soll.«
»Ich verstehe dich«, rief der andere aus, »und freilich- bei alledem – indes – denn wenn – und so weiter, mein Freund, die wahren Minister-Vertröstungen der Altklugheit, wenn sie nichts geben mag und sich abzuschlagen scheut, um nicht an Ansehen einzubüßen. Bist du imstande, ein Butterbrot zu essen, und in jedem Augenblicke zu wissen, jetzt schmeck ich die Butter, jetzt wieder das Brot, so will ich dir vollkommen recht geben. Und nun gar Braten hinaufgelegt! Bester, wie kompliziert, verwickelt, geheimnisvoll ist dann das Wesen, und keiner Auseinandersetzung fähig. Käue! schluck! rufe ich nur, und es wird dir bekommen; beim Grübeln möchte es gar in die unrechte Kehle fallen, und ein erschreckliches moralisches Husten veranlassen.« – Sie lachten, und damit war das Gespräch geendigt.
Nach einer Pause fing Elsheim wieder an: »Du siehst also, dass ich in Hoffnung stehe, bald Früchte zu tragen, oder ein solider Mann zu werden, welches eben deshalb sehr wahrscheinlich ist, weil ich bisher meinem Leichtsinn etwas zu viel nachgegeben habe; aber wie ist es denn mit dir, mein Bester, der du schon seit so vielen Jahren in dem Wagen des Ernstes und gründlicher Bürgerlichkeit ziehst? Wirst Du denn nicht vielleicht zur Abwechselung einmal ausspannen, und ohne Zügel und Zaum nackt ins Feld laufen, um vorn und hinten auszuschlagen? Es ist dieselbe Wahrscheinlichkeit wie bei mir, da dies Umändern die natürlichste Sache von der Welt ist. Überhaupt, du Gründlicher, hast du noch nie in deinem Leben einen recht eigentlich dummen Streich gemacht?«
»Die Definition ist schwierig«, sagte der Baron, »jeder Stand, jedes Alter, jeder Mensch denkt sich etwas anders dabei. Der Vornehme, wenn jemand eine Mesalliance schließt, der Bürgerliche, wenn einer sich ohne großes Vermögen adeln lässt, der Geistliche, wenn ein Kandidat früher Vater als Pfarrer und Ehemann wird, und der Bauer, wenn ein Sohn ungezwungen unter die Soldaten geht. Den einzelnen Menschen charakterisiert es sehr, was er damit bezeichnen will, er sucht gegenüber die verständigen Streiche auszuführen, wie der Wucherer, der jemand ohne Zinsen Geld leihen einen ausgemacht dummen Streich nennt. Gehn wir also lieber zu den tollen Streichen über, zu den recht bizarren, wunderlichen, auffallenden, und frage dein Gewissen; denn das Wort ›dumm‹ ist wirklich ein dummes Wort, und man wird dumm, wenn man sich etwas dabei denken will.«
»Ich kann mich nichts entsinnen«, sagte Leonhard, »sosehr ich auch suche; der Gedanke kömmt mir wirklich heut zum ersten Male, dass man in eine solche Gefahr geraten könne; wie sehr ich alles, auch das Seltsamtste, an Fremden begreiflich und verzeihlich fand, so wäre mir alles der Art an mir unbegreiflich und unverzeihlich vorgekommen.«
»So bist du hierin wieder viel besser als ich, denn ich habe lange an mir mit diesem tollen Egoismus kämpfen müssen, dass ich vieles Auffallende und Unregelmäßige an Fremden unverzeihlich fand, und mir selbst die widersinnigsten Dinge in Gedanken für erlaubt und sogar edel hielt, weil ich mir so viel besser als die andern vorkam. So wollte ich einmal für einen Bekannten einem schlechten Mann seine Frau entführen; ein andermal wollte ich mich sogar mit der Tochter eines stolzen adligen Hauses verheiraten, um mich gleich wieder scheiden zu lassen und sie einem verliebten Freunde abtreten zu können; aber es kam nicht zur Ausführung der Tollheiten, die jedoch die größten Plane sind, zu denen ich mich verstiegen habe.«
»Das ist mehr eine Kinderei gewesen«, sagte der Baron. »So sitzen also,« fuhr er mit ernster Stimme und bedenklicher Miene fort, in diesem kleinen Wagen zwei der vernünftigsten Männer des deutschen Reichs, welche, ohngeachtet sie noch jung sind, doch dem ehrbaren Wandel tugendhafter Altvordern nachgeahmt und nachgeschritten; nur hält man es für möglich, dass gerade jetzt das Schicksal mit einem Blicke herunterschaut, welchem Kenner eine gewisse Ironie zuschreiben wollen, und daraus schließen möchten, aber vielleicht voreilig, dass sie jetzt auf der Wallfahrt nach Mekka begriffen sind, die jeder gute Muselman wenigstens einmal getan haben muss, um sich auch mit der grünen Binde schmücken zu dürfen, und wie andere von wunderbaren Dingen erzählen zu können. Ja, wenn uns nun gar jener Tollheits-Geist erschiene, um uns mit dem verfluchten Versprechen anzuschnauzen: »Bei Philippi wirst du mich wiedersehn!« möchten wir ihm so kaltblütig wie Brutus antworten: »Nun, so werde ich dich wiedersehn!«
»Wahrlich, Freund«, rief Leonhard, »dein ängstlich gesuchter Scherz könnte mich ängstlich machen, dass uns so was bevorstehen möchte, wenn ich nicht an meinen guten Dämon glaubte.«
»Wie, wenn derselbe nun«, fuhr Elsheim fort, »nur auf ein Stündchen etwa zu den Äthiopen, den frömmsten der Menschen, wanderte, um sich auch einmal einen guten Tag zu machen? Doch, ernsthaft gesprochen, findest du es denn nicht auch, der alles Alte verteidiget, von unsern Vorfahren gut und recht getan, dass sie beizeiten zugriffen, um nicht das erste Feuer verrauchen zu lassen, und in früher Jugend ihre tollen, oder dummen, oder Narrenstreiche abzumachen? Wozu auch, vernünftig gesprochen, das Zaudern, das Hin- und Hertreten, das unnütze Händereiben und zweifelnde Umschauen? Da gilt's kein Bartwischen; opfre dein schwaches Selbst, so ruft die Pflicht, dem hohen Beruf, lass fahren die falsche Scham, zu früh weise sein zu wollen, stirb wie Codrus für dein Vaterland, und komm, bist du in den Strom gesprungen, der dich mit seinen Wirbeln einzieht, besser, richtiger und verständiger jenseit wieder zum Vorschein! Das heißt doch noch Haushaltung und Sparsamkeit, statt dass wir jetzt die Sache auf den Kopf stellen.«
»Wenn es sein müsste«, sagte Leonhard, »so lass unser Bestreben sein, uns auch darin mit Anstand zu fügen; ich glaube aber für mich an keine Gefahr, doch scheint mir unter deiner Warnung davor eine Lust darnach verborgen zu liegen.«
»Nein, mein Lieber«, rief der scherzende Freund, »ich käme ebensogern wie jedes Mädchen mit Ehren unter die Haube, um dann mit Seelenruhe unter den Pantoffel zu kommen; aber in der gestrigen Nacht schien mir eine so seltsame Konstellation am Himmel, dass ich wenigstens auf alles gefasst bin. Doch schau umher, wie wunderbar diese Bäume und Felsen unser Geschwätz anhören, wie lächelnd die fernen Berge herüberschauen, und wie heilig der Glanz der Landschaft uns dräut, dass wir dem Tempel nicht mit würdigern Gedanken huldigen. O verzeiht uns, meine Freunde, ihr habt freilich den Terenz nicht gelesen, und könnt daher auch nicht sprechen: Homo sum, humani nil a me alienum esse puto, eine Stelle, die mancher Affe oder Hund seitdem sehr gemißbraucht und abgenutzt hat.«
»Vielleicht«, rief der Freund, »weil wir uns schon mehr und mehr den Weinländern nähern, und weil durch dieses Schütteln und Rütteln auf den Steinen dieses holprigen Weges mir so manche Erinnerung, manche Empfindung losgemacht wird, die ich ganz vergessen hatte, weil sie schon so fest eingewachsen war, und die nun wieder in mein Gedächtnis und meinen Wörtervorrat hineinfällt. Außerdem habe ich heute morgen des guten Weines etwas viel genossen, der jetzt erst nachwirkt. Doch auch dieser Moment geht vorüber, in dem mir wohl war, und ich sehe schon immer deutlicher und wie im Zusammenhange eines Gemäldes die herrliche Landschaft vor mir. Du musst damals so ziemlich diesen nämlichen Weg gemacht haben, als du das erstemal Franken besuchtest; in jener Zeit, nachdem du so kürzlich erst über die Schwelle des Jünglings geschritten warest, hätte ich wohl mit dir sein mögen, da du vorher noch gar keine Gebirge kanntest, um deine Entzückungen mit dir zu teilen.«
»Die erste Reise«, erwiderte Leonhard, »hat viele Ähnlichkeit mit der ersten Liebe, und um im Bilde zu bleiben, so geschah in den gesegneten Fluren Frankens das Geständnis zwischen mir und der Natur. Man reiset auch nachher wieder, man ist wieder entzückt, man sieht und lernt, und kann wahrhaft glücklich sein, aber jener erste Jugendzauber ist doch auf immer entflogen. Ich hatte manches über Deutschland und seine schönen Gegenden vorher gelesen, vorzüglich hatte ich mich mit den alten Bergschlössern und ihren Schicksalen bekannt gemacht, aber am gewaltigsten trieb mich, wie du es weißt, der Götz von Berlichingen, um sein Bamberg, ja töricht genug, Weislingens Schloß und Götzens Heimat aufzusuchen. Bei Eisenach auf der Wartburg erschien mir zuerst die hohe Jungfrauengestalt der vaterländischen Naturschönheit. Dieser Blick in die grüne Taleinsamkeit, in die Unendlichkeit der Eichen- und Buchenwälder, diese schöngeschwungenen hohen Hügel, vom tiefen Fenstersitz oben im alten Zimmer rief mir alle Erinnerungen und Rührungen zurück; ich horchte auf die Legende von der Elisabeth, und besuchte ihren Brunnen unten am Berge, auch Luthers Zimmer, was mich aber nicht so erfreute, weil er mir in keinem poetischen Lichte erscheinen konnte, dort, in der Umgebung der alten Ritterwelt. Zwar war ich ein eifriger Lutheraner, und mein Vater, der es noch mehr war, hatte für den Doktor die ungemessenste Hochachtung, aber eine desto größere Geringschätzung gegen den Teufel, so dass er seinem Patron den nachgiebigen Glauben an diesen nie vergeben konnte, und gern die oft erzählte Geschichte mit dem Dintenfasse ganz aus dessen Leben gestrichen hätte. Daher sahe ich den schwarzen Fleck an der Wand auch ohne alle Andacht. Aber in Rausch der Entzückung versetzte mich die Höhe des Thüringer Waldes mit seinen herrlichen Tannen, die von oben wie unübersehbar sich immer weiter und höher auf dem herrlichen Bergrücken ausbreiten. So kam ich durch Hildburghausen und Coburg, und näherte mich nun dem vielgeliebten Bamberg.
Herz und Brust wurden mir erweitert, als ich die langersehnte Grenze betrat. Die Gläubigen, die zum heiligen Grabe wallfahrten, müssen eine ähnliche Empfindung haben, wenn sie sich dem geweihten Boden nähern. Es war kurz vor dem Frohnleichnamsfeste, als ich in die katholische Stadt eintrat, die unter ihrem geistlichen Fürsten einen ganz andern Charakter, wie die sie umgebende Welt hatte. Mein gutmeinender Vater hatte mich vor meiner Reise ermahnt, ja nicht bei Gelegenheit der Feste in katholischen Städten zu lachen, weil ihm dies, als einem reinverständigen Mann, der seinen Anteil an der damals entstehenden Aufklärung schon frühe genommen hatte, nicht unnatürlich vorkam. Es war aber gut, dass er nicht zu gegen sein konnte, denn gewiss hätte er über meine Rührung und Erhebung bei den Prozessionen, der Musik, den Posaunen und den singenden Chören, bei diesen auf den Straßen geschmückten Altären, bei der betenden Volksmenge, welches alles mich bis zu Tränen begeisterte, seinen Zorn gegen diesen Götzendienst, wie er dergleichen nannte, und noch mehr gegen mich ausgelassen. Ich nahm Arbeit in dieser Stadt, und blieb lange dort, denn die Menschen, die Gegend, die alte Ruine, der Dom, die Spaziergänge umher, alles gefiel mir so sehr, umgab mich mit solcher eignen Rührung und Anmut, dass ich manchmal wünschte, mein Leben dort zu beschließen.«
»Wie dir Bamberg«, sagte Elsheim, »so ist mir Heidelberg eine der liebsten Erinnerungen meiner Reisen. Es gibt Gegenden, bei denen uns ist, als hätten sie schon seit Jahren mit rechter sehnsüchtiger Liebe auf uns gewartet, oder als sei seit lange unser Geist schon dort einheimisch gewesen, so bekannt, so lieb ist uns alles; dieser schöne Ort mit seiner herrlichen Ruine, Baden-Baden und die Neckartäler, vorzüglich die Gegend um Hornberg sind nächst den Rheinufern das Lieblichste, was ich in Deutschland kenne, denn auch das warme Klima gehört dazu, um eine Gegend wahrhaft schön zu machen.«
»Ja wohl die Neckartäler«, sagte Leonhard, »denen ich meines geliebten Götz wegen nachreisete, wohl sind sie so poetisch wechselnd, so schön geschwungen, so lieblich von dem herrlichen Strome durchfrischt, dass man dort so recht von süßen Empfindungen und Erinnerungen eingewiegt und eingesungen wird. Erinnerst du dich gleich hinter Heidelberg der schönen Täler bei Neckarelz mit ihren kleinen Wasserfällen und rinnenden Bächen; des sonderbaren Dilsberg; am Neckar hinunter kommt man dann nach Hirschhorn, einem sehr alten Schlosse, und Eheheim, dann nach Hornberg, wo der alte treuherzige Götz eigentlich lebte, und in dessen Ruine, die noch leidlich erhalten ist, ich mich einige Tage aufhielt man hätte damals mit wenigem Geld das alte Haus gegen Wind und Wetter bedecken können. Hier herum sind herrliche Wälder, auf der einen Seite nach dem Flusse die Weinberge; von da ging ich nach Heilbronn, wo ich den Saal des Rathauses anders fand, als ich mir ihn vorgestellt hatte; ich sah und las dort einige Briefe des Ritters, die er dem Rat mit seiner linken Hand geschrieben hat, und die freilich anders lauten, als unser Dichter ihn mit diesen Herren sprechen lässt. Von hier ging ich über Mergentheim, und suchte an den zerrissenen kiesigen Ufern der Jagst das unten beschränkt liegende Jagsthausen auf, wohin Goethe die vorzüglichsten Szenen seines Gedichtes verlegt hat, obgleich der Ritter nur in seiner frühen Jugend dort lebte. Hier sah ich seine eiserne Hand, die in einem neuen Hause seine Nachkommen aufbewahren. Das Kloster Schönthal hat eine frische grüne Einsamkeit um sich her, und im Kreuzgange steht auf dem Grabe des Ritters sein ungeschickt ausgehauenes Bildnis, nach welchem, wenn es irgend treu ist, sein Gesicht ein ziemlich unbedeutendes muss gewesen sein.«
»So sonderbar oder rührend, schaurig oder sehnsüchtig«, sagte der Baron, »uns die Eindrücke der Landschaften auch bleiben mögen, und so individuell, wie du vorher sagtest, wie wirkliche Menschen, so sind die Gegenden doch wohl mit dem schönsten Glanz umgossen, sehn am meisten mit winkenden Blicken nach uns zurück, wo ein kleines Abenteuer, eine Szene der Zärtlichkeit, eine anmutige Bekanntschaft, oder ein freundlicher Kuß uns begegnet sind. Hast du diese Bemerkung nicht auch gemacht?«
Leonhard wurde rot und wollte antworten; aber sein Freund fuhr fort: »Gewiss, mein Freund, denn alsdann ist es, als stiege die Seele der Landschaft sichtbar zu uns empor, und ich kann mir vorstellen, dass wenn ich einmal wahrhaft liebte, mir jeder Strauch, jeder Baum, jedes Gräschen eine heilige Stelle, ein ewiger Frühling, ein Orient und Land der Wunder und der Religion werden würde. Fast, du Zurückhaltender, muss ich glauben, dass in oder bei Bamberg, wenn auch nichts Leidenschaftliches, doch etwas recht Zärtliches vorgefallen ist. Erzähle; es ist eine so schöne, heitre Beichtstunde, und es kann sein, dass mir nachher auch etwas beifällt.«
Leonhard sagte nach einigem Zaudern: »Warum sollte ich es dir verschweigen, da diese Erinnerung meiner Jugend mir so wohltut, ohne mich zu beschämen? Schon am Tage der Frohnleichnams-Prozession fiel mir eine junge weibliche Gestalt auf, von einer Schönheit, wie man sie wohl zuweilen auf alten Gemälden zu sehen pflegt. Sie war groß und stark, aber doch schlank gewachsen, ihr Gesicht oval, ihr Haar dunkelbond, von einem rötlichen Goldschimmer durchzogen, die Augen groß und dunkelblau, und die Farbe von der durchsichtigsten Zartheit. Sie war unter dem betenden und singenden Volke, und ging neben einem bejahrten Mann und einer ältlichen Frau, die Handwerker oder Landleute, und ihre Eltern zu sein schienen. Ihre Andacht und Rührung hatte etwas so Mildes, das so lieblich gegen die meisten Gesichter umher auffiel, dass ich mit dem Zuge ging, und meine Augen sie unfreiwillig immer wieder aufsuchten. Einigemal schien mich ihr heller Blick zu treffen. Ich folgte ihr in den großen Dom. Hier ergriff mich die Musik noch gewaltiger, die Messe und der Pomp der Priester dünkten mir etwas sehr Ehrwürdiges; ich stand in ihrer Nähe. Wundersam ergriffen ward ich hier von ihren Augen, und meine Gedanken wurden Gebet und Liebe; die Gemeine kniete nieder, sie sank in einer himmlischen Stellung demütig hin, und ein streifender Blick glitt an mir vorüber, der mich ebenfalls niederzog. Ich war erschüttere. Plötzlich reichte sie mir einen Rosenkranz, indem sie unten das Kreuz küsste, weil sie meine Hände leer sah, und ich beschämt und unwissend verstand nur ihre freundliche Meinung, aber nicht, den Zeremonien auf die gehörige Art zu folgen. Als der Gottesdienst zu Ende war, ging ich mit dem Strom des Volks aus der Kirche, aber in dem Wellenschlag des Gedränges verlor ich sie aus den Augen, und als ich auf die Straße trat, war sie nirgend mehr zu sehn. Es war mir, als wenn mir plötzlich alles fehlte, ich suchte sie in allen Gassen, vor den Toren, in den Kirchen, wo ich nur Leute wahrnahm oder vermuten konnte, aber sie war mir entschwunden.«
»Blieb natürlich in meinen Händen«, antwortete Leonhard; »ich konnte ihn nicht ohne Rührung betrachten, und ließ ihn niemals von mir kommen.« – Er öffnete ein kleines geheimes Fach seiner Brieftasche, und überreichte ihn seinem Freunde. »Dieser nämliche«, sagte er lächelnd, »ist es, mein Friedrich.«
»Dieser«, sagte Elsheim, »und den trägst du noch jetzt nach zwölf oder dreizehn Jahren bei dir? Du bist zum Sammler geboren. Sonderbar! Aber die Geschichte ist doch damit noch nicht zu Ende?«
»Freilich nicht«, fuhr Leonhard fort, »denn sonst hätte ich doch den Paternoster schwerlich so sorgfältig aufgehoben. Es waren wohl sechs Wochen verflossen, als ich an einem Sonntage durch die einsame Gegend streifte. In der Nähe des kleinen Flusses, von schönen Hügeln umgeben, liegt ein Dörfchen, aus dem ich gegen Abend Tanzmusik herschallen hörte. Ich folgte dem Ton und fand eine frohe Gesellschaft von Landleuten, und die Jugend um die Linde im Tanz sich schwingend. Schon wollte ich mich vom Getöse wieder entfernen, als ein Gezänk mich aufmerksam machte; ein halbtrunkner junger Mensch stritt nämlich mit einem andern um die Tänzerin, auf welche jeder Ansprüche machte; der Gegner war schwächer und blöder, und der Trunkene schien stark und von den Anwesenden gefürchtet; mit einer heftigen Gewaltsamkeit stieß er den zweiten Tänzer zurück und fuhr auf das Mädchen schreiend los, die ihm auswich. Jetzt erst erkannte ich sie wieder, sie war es selbst, die ich so lange vergeblich gesucht hatte. Fast ohne zu wissen, was ich tat, sprang ich in den Kreis, und riss den Störenden zurück, der nicht wenig verwundert sich zur Wehre setzte. Wir rangen miteinander, und er bot im Zorne alle seine Kräfte auf, aber da ich gewandter war, gelang es mir endlich, ihn niederzuwerfen, worauf denn der Friede so geschlossen wurde, dass er die Gesellschaft verlassen musste. ›Wir sind Euch‹, sagte der alte Vater des Mädchens, ›großen Dank schuldig, junger Mann, dass Ihr Euch als ein Unbekannter meiner Tochter so wacker angenommen habt, und der Raufer wird nun gedemütigt sein, dass er doch endlich seinen Stärkern gefunden hat, da er uns mit seiner Unverschämtheit jedes Fest und jeden Tanz verstört.‹- Ich war ermüdet und man reichte mir Getränk, das Kunigunde, so hieß die Tochter, mir selber freundlich einschenkte. Nachher ward ich mit in den Tanz gezogen, und die übrigen Bursche schienen mir ohne Neid das schöne Mädchen zur Gefährtin zu überlassen, weil ich mich durch die Besiegung jenes Zänkers bei allen in Achtung gesetzt hatte.
Ich schwatzte nachher in der Dämmerung und Finsternis mit den Alten, das junge Volk fing ein Pfänderspiel an; Kunigunde wusste es so zu machen, dass, wie ich auch die übrigen Mädchen herzte, ich doch niemals einen Kuß von ihr erhielt. Ich war empfindlich und sie lachte mich aus. Die Nacht trennte uns, und sie begleitete mich auf den Weg. ›Kennt Ihr mich noch wieder?‹ fragte sie. Ich erwiderte, dass ich sie nicht vergessen hätte, und nur froh sei, dass ich ihr nicht ganz fremd erschiene. Sie hatte meine Empfindlichkeit bemerkt und sagte: ›Lieber Freund, was kann man nur in der Gesellschaft, bei dem dummen Herumküssen an einem Kusse haben, besonders von jemanden, dem man etwas gut ist? Liegt Euch daran, so gebt mir jetzt, da wir allein sind, einen recht lieben Kuß, und ich will so Abschied von Euch nehmen.‹ Ich drückte zitternd meine Lippen auf den vollen roten Mund, und verließ sie mit schwerem Herzen, indem ich nachdenkend durch die Finsternis langsam zur Stadt zurückging.
Jetzt schwebte mir immer die tanzende Gestalt vor den Augen, denn noch nie hatte ich so lebendige, zierliche Bewegungen gesehen, eine solche Freude, die sich oft bis zum Mutwilligen erhob, und plötzlich dann wieder zum stillen Ernst und sanfter Milde zurücksank. Ich besuchte das Dörfchen wieder, und wurde bald mit den Eltern, welches gute Leute waren, vertraut. Die Tochter behandelte mich wie einen Bruder oder längstgekannten Freund. ›Dass du nicht zu unserer Religion gehörtest‹, sagte sie zu mir an einem Nachmittage, ›hättest du mir nicht zu sagen brauchen, denn ich bemerkte es schon in der Kirche; deine Andacht war zu neu und still, ich sah, dass du alles unrecht machtest und nichts von der Messe verstandest, und weil um dich her Leute standen, die sich für gar zu fromm hielten und an deiner Unwissenheit Anstoß nahmen, reichte ich dir den Rosenkranz, um dich mit ihnen mehr zu befreunden. Behalt ihn zu meinem Angedenken. Hier schildern uns viele‹, fuhr sie fort, ›die Fremden aus den andern Ländern, die sie Ketzer nen nen, als erschreckliche Menschen; ich habe nie daran glauben können, und seit ich dein stilles, frommes Gesicht kenne, noch weniger. Meine Eltern aber, so gut sie dir sind, werden traurig, sooft sie daran denken, dass du kein Katholik bist, und also verlorengehen musst. Wie können die Menschen nur so viel Liebe und Haß zugleich in ihrem Herzen haben?‹
Es schien bald, dass wir beide einander unentbehrlich wurden, und auch die Eltern gewöhnten sich an meine Gegenwart. Ich achtete ihre Gebete und Sitten und störte sie durch keine fremde Äußerung, sonst vermieden wir alle das Gespräch über Religion. Mein Zustand war sonderbar dunkel und heftig; ich konnte oft den Augenblick nicht erwarten, bis ich wieder bei ihr in der Stube, neben dem Spinnrade, oder in der Laube saß, oder sie in den Garten begleitete, und die kleinen Geschäfte des Früchtesammelns, Blumenanbindens und dergleichen mit ihr teilte. Oft genügte mir doch diese stille Gegenwart nicht, und ich forderte Kuß und Umarmung; ihre Schönheit, ihr großer Blick aus den hellen Augen, ihr Händedruck beängstigten mich, ja ich konnte wohl zuweilen meine Entfernung beschleunigen, sosehr ich auch nachher beklagte, nicht in ihrer Nähe zu sein. Ich fühlte, dass sie mich liebte, aber von diesem sonderbaren Zauberbann, von dieser Angst und Verwirrung war sie gänzlich befreit; ihr war so recht herzlich wohl, wenn ich bei ihr war, ihr herrliches Gemüt und ihre schöne Ruhe forderten nichts weiter. Es tat ihr wohl, mit mir über alles sprechen zu können, und mancherlei Kenntnisse und Gedanken zu sammeln, die sie in ihrer Umgebung vermisste, dabei empfand sie so ihre reine Hingebung in mein Wesen, dass sie nichts vermisste. Sie sagte mir oft, wie glücklich sie sei, seit sie mich kennengelernt habe, wie sie sich jetzt ihres Herzens und ihres Verstandes bewusst werde, und selbst ihre Religion ihr in höherm Glanz erscheine. So verging der Sommer mir in schönem Glück und freundlichen Stunden; doch war es uns aufbehalten, auch Schmerz und Unlust kennenzulernen.
Jener wilde Mensch, der bis dahin die Rolle eines Unbesiegbaren gespielt hatte, der sich alles erlaubte und dem nur selten jemand widersprach, konnte mir mein Glück oder meine größere Stärke nicht vergeben. Er hatte geschworen, Rache an mir zu nehmen, und Kunigunde warnte mich oft vor ihm. Der unbändige Mensch trank viel und war im Rausche furchtbar, weil er dann jede Rücksicht vergaß, um nur seiner Wut genugzutun. In dieser Stimmung hatte er sich mit einem Knittel bewaffnet, um mir im Eichenwalde auf dem Fußsteige aufzulauern, an einem Tage, an dem er wusste, dass ich hinauskommen wollte. Kunigunde war mir entgegengeeilt, damit ich ihm auf einem andern Wege entgehen könne, der Wilde aber hatte sie gesehen, und ihren Vorsatz geahndet. Welche Szene bot sich mir dar, als ich auf dem wohlbekannten Pfad aus dem Walde trat, um den Fluss hinunterzugehn! Sie rang mit dem Wahnsinnigen, der ein tierisches Gebrüll ausstieß und sie in seinen starken Armen hielt; sie hatte das Tuch verloren, und der blendende, von mir so heilig geachtete Busen glänzte jugendlich in dem ungewohnten Licht der Bösewicht suchte sie nach dem Flusse zu schleppen, ihre Haare flogen aufgelöst, ihre Kleider waren zerrissen, sie stemmte sich besonnen seiner Übermacht entgegen, hätte aber wahrscheinlich seinen Kräften erliegen müssen. Ich stürze auf ihn los, befreie sie, und er, in grimmiger Freude, den Gegenstand seines Hasses vor sich zu sehen, fällt mich wie ein Rasender an. Ich suchte seinen Schlägen auszuweichen, und endlich gelang es mir, ihn zu unterlaufen und ihn fest in meine Arme zu pressen. Er biss, er brüllte, er wandte alles an, sich loszumachen, oder mich zu verletzen. Aber ich warf ihn nieder, und er war so ermattet und zerschlagen worden, weil ich mich im Zorne über seine Mißhandlungen völlig vergessen hatte, dass ihn zwei vorüberfahrende Fischer in ihren Kahn aufnahmen und nach seinem Hause zu bringen versprachen.
Alles dies war so schnell geschehen, dass ich mich kaum hatte besinnen können. Jetzt fand ich sie auf der Anhöhe auf dem Rasen im Schatten der Bäume sitzend, wie sie bemüht war, Tuch und Kleider wieder in Ordnung zu bringen. Ich hatte noch nicht gewusst, wie schön sie sei, und als ich jetzt zu ihren Füßen kniete, und der erste Sonnenstrahl an diesem trüben Tage durch die Wolken brach, Wald, Berg und Fluss vergoldete, am herrlichsten aber auf ihrem himmlischen Gesicht erglänzte, da dünkte ich mir im Paradiese zu sein.
Sie sank mir mit Tränen in die Arme, und indem wir uns eng umschlossen hielten und ich alles andere vergaß, wandte sie ihr lockiges Haupt ein wenig von meinem Gesichte weg und sagte: ›Ja, ich bin dein! es gibt keine Macht auf Erden, die unsere Herzen trennen könnte, ich kann dir nun nicht widerstreben, tue mit mir, mein Liebster, was dir recht dünkt und dein Gewissen dir erlaubt; ich kann zu nichts mehr nein sagen. Nur bedenke, dass ich dir nie nach deinem Lande folgen kann; das wäre der Tod meiner Eltern, mich in der irrgläubigen Fremde zu wissen. Du kannst und willst nicht hierbleiben, wie ich von dir weiß, am wenigsten aber die Gemeinschaft meiner Kirche suchen. Wir sind also für die Einrichtungen der Welt getrennt, aber in Liebe bin ich dein, was dich glücklich macht, vollbringe oder lasse, mein Herz soll nur die Stimme des deinigen widerhallen.‹
Es gibt Augenblicke im Leben, die seltensten, wo alles verschwindet, was wir noch eben wünschten und begehrten, ja wo sich alles in uns umwandelt, und in unsern Sinn, wie ich es ausdrücken möchte, eine Geistererscheinung steigt, die so unser Gemüt und Herz anfüllt und überfüllt, dass wir fühlen, als wolle es vor Seligkeit brechen; weh ist uns vor Freude, und doch ist es nichts, was wir nennen könnten, was uns beseligt, es ist kein Besitz, kein Errungenes, nur die seligste Ruhe im Aufruhr und der Vernichtung aller unserer Kräfte. Dies erlebte ich jetzt. Ich wandte mein Auge in ihres, und traf in einen Blick, der in einer überirdischen Wonne glänzte. Ich musste weinen, und konnte erst nach einiger Zeit in diese Worte ausbrechen: ›Geliebteste! mit diesen Worten hast du mir mehr als alles geschenkt; denn auch das Höchste, die innigste Gunst ist ja auch nur ein Zeichen der Ergebung, der Vereinigung; ich will dich und mich nach diesem heiligen Augenblicke nicht den Verwirrungen der Welt übergeben und vielleicht ein dunkles Schicksal aufregen, dass wir einst beide diese himmlische Minute hassen müssten.‹ Ich begleitete sie nach Hause, nahm Abschied, trug ihr die herzlichsten Grüße an ihre Eltern auf, und verließ die Stadt, ohne sie wiederzusehn.«-
Elsheim sah den Freund mit einem langen Blicke an, nach welchem sich eine leichte Röte auf seinem Gesicht zeigte. »Ich bewundere dich«, sagte er endlich: »ich wäre dessen nicht fähig gewesen.«
»Schätze mich nicht«, sagte jener, »um eine Tugend, die ich nicht besaß; wäre es ein Opfer gewesen, das ich hätte bringen sollen, so wäre ich vielleicht erlegen, aber ich hatte nichts zu bekämpfen, sondern das Gefühl, dass sie mir so ganz und unbedingt gehöre, dass sie, möcht ich sagen, mit Seele und Körper in meinem Herzen sei, verlöschte alle Wünsche. Ich kann dir nicht aussprechen, wie seltsam und wunderlich mir nach diesem Augenblick Welt und Menschen, Liebe und Sehnsucht, Leib und Geist vorkamen. Es war, als sei ich auf eine Minute vom Leben erwacht, und als wirke in dem neuen Traum die Erinnerung der Wahrheit noch eine Zeitlang fort.«
»Ich verstehe dich nicht ganz«, sagte Friedrich, »manches muss man wohl erlebt haben, um es zu begreifen. Es gibt aber Menschen, die das, was mich in deiner Erzählung rührt, nur lächerlich finden würden.«
»Bin ich was anders als ein Mensch?« antwortete jener; »wenn aber die Disputiersucht unserer Leidenschaften manchmal die Oberhand über mein Herz gewann, so habe ich mich nachher um so mehr verachtet.«
Das Gespräch wurde hier geendigt, denn der Fuhrmann, der anfangs ebenso rasch als vorsichtig gefahren war, hatte sich, da er die Reisenden in so tiefsinniger Unterhaltung sah, dem Schlummer ergeben, und so fuhr er jetzt mit einem Ruck an einen Prellstein, dass der Wagen heftig erschüttert wurde und die Achse zerbrach. Man stieg ab, der Postillion schüttelte den Kopf, besah den Wagen von allen Seiten, noch mehr den Stein mit zornigen Augen, fluchte, und tat nicht anders, als wenn Weg, Pferde, Wagen und die Reisenden, oder ein unbegreifliches Verhängnis, auf keinen Fall aber er selbst, an diesem Ereignis schuld wären.
»Ich lasse ihn gewähren«, sagte Elsheim beiseite zu unserm Freunde, »ich mag ihn in dieser Fuhrmannsreligion nicht unterbrechen. Nennen doch die meisten Menschen auch das Schicksal, was sie mit einiger Achtsamkeit vermeiden konnten, und den unnützen Zorn, den ich gewöhnlich bei dergleichen Gelegenheiten wahrnehme, habe ich nie begreifen können. Wir hätten ihn nicht sollen einschlafen lassen.«
Der Fuhrmann band und flickte, so gut es sich tun ließ, und Elsheim ermunterte ihn freundlich, und half, um nur den Wagen wieder von der Stelle zu bringen. »Am meisten verdrießt es mich«, sagte er endlich, »dass wir wenigstens heute in dem Städtchen hier liegenbleiben müssen, das mir immer unausstehlich gewesen ist. Es leben hier verschiedene Adlige und reiche Bürgerliche, die in der Einsamkeit der Provinz den langweiligsten und unerträglichsten kleinen Hof mit einer lächerlichen Etiquette haben einrichten wollen. Sie selbst sind die Langeweile gewohnt und sie gibt ihnen eine gewisse Haltung, aber ein Fremder, der unter sie gerät, ist verloren, weil weder Talent, noch Witz, noch Geselligkeit oder wirklich feines Betragen hier Eingang findet.«
Die Stadt war nicht mehr weit, alle drei gingen zu Fuß und der Wagen ward hineingeschleift, den der Fuhrmann unter lautem Schimpfen in den Torweg des Gasthofes zog und gleich fortging, um Stellmacher und Schmied aufzusuchen.
Gleich am Tor war den Freunden ein großer Zettel aufgefallen, welcher ein Konzert auf heute ankündigte. In der großen und eleganten Wirtsstube fanden sie die Tochter des Hauses, ein Mädchen von achtzehn oder neunzehn Jahren, die beim Klavier saß und eben zu spielen aufhörte; nach der ersten Begrüßung gab sie Leonhard sogleich die Einladung zum Konzert, welches sie als höchst merkwürdig rühmte. »Wir freuen uns alle hier in der Stadt«, beschloss sie ihre Rede, »auf den heutigen genußreichen Abend, besonders diejenigen, die etwas von der Musik verstehen.« Mit den letzten Worten machte sie ihr Notenbuch ernsthaft zu.
Dergleichen Virtuosen, wie heute auftreten, freilich nicht antwortete das Mädchen; »aber sonst sind wir nicht so ganz barbarisch, als Sie vielleicht glauben, denn seit einigen Jahren herrscht ein besserer Geist hier, so dass wir uns alle bestreben, mit der Zeit fortzugehen. Es ist im adligen Zirkel ein concert spirituel eingerichtet, und wir haben dasselbe getan; wöchentlich kommen wir einmal zusammen und musizieren oder deklamieren, ein andermal lesen wir gute Schauspiele, indem jeder eine einzelne Rolle rezitiert, oder üben uns in kleinen Aufsätzen, die wir uns mitteilen.«
Der Vater kam hinzu, und freute sich, dass seine Tochter die Fremden so anständig unterhalte. Als beide wieder hinausgegangen waren, rief Elsheim aus: »Ich wette, dass wir heute das elendeste Abendessen genießen müssen, wenn wir es uns nicht vielleicht beim Klavier und Mozart versüßen lassen. Wie es mich immer ärgert, dass die Menschen nach und nach alle ihren Beruf verlassen und sich dessen schämen. Sahst du wohl, wie unentschlossen sie war, den Mägden und dem Hausknecht zu befehlen? Zu gut zur Wirtin und zu schlecht zur Dame liegt sie unaufhörlich auf Prokrustes' Bett, und wird in dieser Minute schmerzhaft verlängert und in der nächsten noch qualvoller verkürzt. Es gibt nichts so Schreckliches und was dem Menschen so alle Haltung raubt, als dies verletzbare Leben der Eitelkeit. Wie freue ich mich jedesmal, wenn ich noch irgendwo die Reste der Bürgerlichkeit finde. Zufrieden mit seinem Stande, stolz auf seine Arbeit und feststehend auf seiner Stelle im Leben hat ein solcher Mensch Ehrfurcht vor dem Höhern, das er nicht kennt, sei's vornehme Welt, Religion oder Gelehrsamkeit, beneidet keinen, sondern weiß, dass er auch seine notwendige Stelle füllt, und am Abend ein verständiges Gespräch, eine heitere Erzählung beim Glase Wein, ja Schwänke und anstößige Späße und plumper Scherz, von denen die Ergötzungsbücher unserer Vorfahren so viel und zu viel enthalten, sind mir ehrwürdig gegen dieses Aufwimmern falscher Bildung, und ich kann mich wohl zu jenen setzen, wenn ich dieser verbleichten Lüge, die sich nicht einmal mehr der Unwahrheit bewusst ist, auch Meilen entfliehen möchte.«
»Ich weiß nicht«, sagte jener, »ob es das ist, oder ob ich oder die Welt so sehr irren. Aber so wie es in alten Zeiten, und selbst nahe bis an unsere jetzigen hinan, die Aufgabe aller Gesetzgeber und Religionen war, die Menschen zu mildern und zu zähmen, ihnen Sanftmut, Ruhe und Ergebung annehmlich zu machen, da alles nur gegeneinander tobte und sich biss und schlug, so möchte jetzt ein Lykurg nötig sein, um sie nur wieder zum Leben zu zwingen, sie gegeneinander zu empören, ihre Leidenschaften aufzureizen und sie bei Verbannungs- und Todesstrafe für Lustigkeit empfänglich zu machen. Wo hört man jetzt noch, wie ehemals, Leute auf den Tisch schlagen und ineinander hineinjubeln und schreien? Wenn sich zwei Bauerbursche einmal bei der Kirms prügeln, so möchten sie sechs Meilen rundum den Moses vom Sinai herunterrufen, um das ungeheure Wesen unter fünfzig neuen Gesetztafeln zu begraben. Denn auch bei dem Bauer, der unmittelbar an der Natur wohnt und Leid und Lust aus der ersten Hand empfangen soll, möchten sie die große Cur einführen, und ihm die vornehm sittige Langweile anbilden, die keine Hand mehr rührt, ohne auf den Effekt zu denken, den es auswärts macht. Wenn unsre Bauerweiber erst an Nervenschwäche leiden, dann steht wohl jenes gepriesene goldene Alter echter Humanität an der Ecke lauernd, auf welches wartend die Herren nun schon lange aus dem Fenster geguckt haben.«
Die Tochter kam jetzt herein, mit Blumen auf dem Kopfe und übertriebenem Putze, um in das Konzert zu gehen; sie verneigte sich sehr zierlich und wandelte am Arm eines jungen Menschen, der beständig auf seine seidenen Strümpfe und Schnallen hinuntersah, um zu beobachten, ob alles noch in gehöriger Ordnung sei. »Wirst du nicht auch hingehen?« fragte Elsheim.
»Nein, mein Freund«, antwortete Leonhard, »obgleich ich eigentlich noch nicht weiß, wie ich meine Zeit zubringen werde; denn mir sind die meisten musikalischen Unterhaltungen dieser Art so abscheulich, dass ich ihnen jede Langweile vorziehe. Sie haben eine Kraft, mir den Kopf zu verwirren und mich auf lange für Geschäfte und Gedanken unfähig zu machen; aber wahrlich nicht dadurch, dass sie mich zu sehr über dieses Leben erheben.« –
»Kindereien!« unterbrach ihn der Baron; »und vorzüglich heute passt deine Furcht nicht, da du Gelegenheit haben wirst, einen der vorzüglichsten Klavierspieler, einen wahrhaften Virtuosen zu hören, sowie die Stimme eines ausgezeichneten Sängers. Wir mögen in manchen Dingen den Alten nachstehen, aber die Wunder der Instrumentalmusik gehören ausdrücklich unserm Zeitalter an. Man soll sich nicht eigensinnig gegen das Edle und Wundervolle verschließen, weil es, wie so vieles, vom Haufen gemißbraucht wird und der Eitelkeit dient.«
Er zog den Freund mit sich. Die Versammlung war in einem geräumigen Saal, aus welchem man sogleich in den Garten kommen konnte. Da es hoher Sommer war, hatte man zwar die Lichter aufgesteckt, sie brannten aber noch nicht. Die Gesellschaft war schon ziemlich zahlreich; vorn prangten die edleren Damen der Stadt, unter diesen ein untersetzter Mann mit einem Stern, den alle mit großer Devotion Exzellenz nannten; hinter diesem saß der Bürgermeister, die Hände über den Bauch gefaltet und auf jede Bewegung des Mannes vor ihm aufmerksam, der ehemals in Diensten eines benachbarten Staates gestanden und sich hieher zurückgezogen hatte, um als der Vornehmste verehrt zu werden. Elsheim beobachtete mit Leonhard die Eintretenden. Unter den Damen fehlte es nicht an reizenden, auch musste man gestehen, dass die meisten die neueren Moden kannten; aber zugleich war eine gewisse Übertreibung bei allen sichtbar und eine steife Ängstlichkeit, denn jede trat mit dem Bewusstsein herein, sie sei auf die rechte Art geschmückt, jede sitzende musterte sogleich kritisch die wandelnde und verbeugende, und diese betrachtete nach dem Gruß sich selbst, um Vergleichungen mit den schon anwesenden anzustellen, so dass es fast scheinen konnte, die feinen und reichen Kleider führten mehr ihre Besitzer herum, als dass sie von diesen getragen würden. In dieser Kunstausstellung war die Tochter des Wirtes, die abseits an einem Fenster saß, denn freilich nur ein kleines Blumenstück aus der niederländischen Schule, das in der Nähe der großen Altarblätter kaum bemerkt wurde. Noch unscheinbarer verschwand ihr Begleiter, der sich abwechselnd an andere junge Leute machte, laut sprach und sich zum Lachen zwang und dann mit steifer Leichtigkeit zu seiner Dame zurückkehrte. Ein Elegant näherte sich beschützend ihrem Fenster, und sie blühte sichtbar auf, wechselte aber um so auffallender mit verlegener Blässe, als dieser auf einen befremdenden Blick vornehmer Damen, die hereinrauschten, sich etwas zu schnell gehorchend von ihr entfernte.
»O des Elends!« flüsterte Elsheim, »unsre gute Adelaide, Selma, oder welchen idealischen Namen sie führen mag, möchte vor Neid, Mißbehagen und Eitelkeit vergehn! Sei wechselt im Herzen mit einer übertriebenen Ehrfurcht vor diesen geputzten Herrschaften und einer erzwungenen Verachtung aller höhern Stände; sie schämt sich ihres Daseins, und im Ringen dieser Verzweiflung wird die Musenkunst umsonst der matten Seele aufhelfen wollen. Wie, wenn sie nun daheim, wie ihre guten Voreltern, behaglich bei der Insel Felsenburg säße, oder beim lustigen Besuch von Verwandten und Bürgermädchen, jene alten Lieder singend, oder sich in wohlgemutem Tanze umschwenkend, mit Dirnen flüsternd und dem Liebsten winkend: wie höher würden ihre Lebenspulse schlagen!« – Er verließ die Mitte des Saales und setzte sich vertraulich schwatzend zu der Verlassenen, was einige der Damen als ein Wunder bestaunten und dann verhöhnten, die ihm wegen seines Kreuzes schon unter den vordersten Sesseln einen Platz zugedacht hatten.
Leonhard stand im Haufen neben zwei Männern, die schon seine und die Aufmerksamkeit vieler in der Gesellschaft auf sich gezogen hatten. Sie fielen auf, da sie in gelblichen Überröcken und bestaubten Stiefeln nicht nur die Fremden, sondern selbst Kosmopoliten etwas zu gleichgültig darstellten, die den Putz der übrigen Gesellschaft, sowie die ängstlich feinen Sitten nicht beachteten, oder vielmehr geringschätzten; denn, anstatt sich im Hintergrunde bescheiden und still zu verhalten, waren sie gleich vorgedrungen und hatten das große Wort geführt, indem sie nach den Virtuosen, der Stunde des Anfangs und dergleichen die vornehmsten Nachbaren rechts und links ohne Unterschied gefragt hatten. Der Minister hatte sich bei dem Geräusch erhoben, sie mit kurzem Blick gemustert und sich ernst wieder niedergesetzt, und der Bürgermeister, von diesem stillen Missfallen belehrt, hatte durch einen Bekannten den anstößigen Fremden eine gedruckte Ankündigung des Konzerts übersandt, um dem zu lauten Schwatzen und Fragen nur ein Ende zu machen. Jetzt aber nahmen diese den Zettel und lasen ihn nicht nur laut ab, sondern kritisierten auch unter Lachen und Spott jedes Wort. »Ist es nicht zu arg«, fing der eine an, der, weil er blond war, ein etwas sanfteres Ansehn hatte, »dass in Deutschland Menschen, die sich für Virtuosen ausgeben, nicht eine Zeile richtig in ihrer Muttersprache schreiben können?« – »Weil sie«, erwiderte der Braune, dem dicke schwarze Haare tief in seine dunklen Augen hingen, »in Faulheit nichts lernen und genug zu tun glauben, wenn sie die Finger behende rühren können.« – »Und solches Volk«, fing der andere wieder an, »will einen solchen Zirkel gebildeter und feiner Menschen, wie ich hier versammelt sehe, nicht nur unterhalten, sondern ihren Geist erheben und alle zu den höchsten Genüssen der Entzückung und Andacht stimmen, da sie selbst, wie der gemeine Mann zu sagen pflegt, weder lesen, noch beten können.«
Bei diesem lauten Gespräche waren die Damen enger zusammengerückt, um sich so viel als möglich von der verdächtigen Nähe zu entfernen, der untersetzte Minister hätte gern alles ignoriert, wenn man nicht zu laut gesprochen hätte, er flüsterte daher seiner Umgebung von rohen und gemeinen Menschen zu, und der noch dickere Bürgermeister erhob sich, um den Fremden einen drohenden Blick zu senden.
»Sehen Sie nur, mein Freund«, fing der Schwarzköpfige wieder an, »wie unruhig die verehrungswürdige Gesellschaft schon wird; alles sieht umher, kein Mensch kann begreifen, wo die Kerle nur bleiben, die gewiss wo in einem Weinhause sitzen; und doch steht hier: der Anfang präzise um sechs Uhr, aber die dummen Teufel glauben gewiss, präzise heißt auf deutsch eine Stunde nachher. Und doch sollten sie ja eilen, die armen Schlucker, um so viel als möglich Wachslichter zu sparen.«
Der andre sagte hierauf mit verhaltnem Zorn: »Wir müssen hier alle wie die Narren warten, als wenn wir nicht mehr zu tun hätten; mich gereut schon mein gutes Geld, das ich den Windbeuteln draußen habe erlegen müssen.«
»Wer mag nur der Krüppel sein«, sagte der Schwarzäugige, »der so genau unsere Taler besah, als wenn wir falsche Münzer wären. Wohl gar das gute Schaf von Komponisten selbst, der dem Gelde die Stimme probiert, ob es den gehörigen Diskant singt.«
»Meine Herren, die ich nicht zu titulieren weiß, da ich nicht die Ehre ihrer Bekanntschaft habe«, fing hierauf der Bürgermeister, der sich nicht länger halten konnte, fast stotternd vor Ärger an, »der brave Mann, der Ihnen die Billette gegeben hat, ist unser Kassierer vom Rathause, der sich aus reiner Liebe zur Kunst, und um die beste Ordnung zu erhalten, diesem Geschäfte unterzogen hat. Man muss ihm dafür danken, und er ist nichts weniger, als ein Krüppel. Ich habe die Ehre, hier Bürgermeister zu sein, und ich sowohl, wie der ganze Magistrat können einen solchen Ausdruck übel empfinden.«
»Wir wollen ihm nicht weiter zu nahe treten«, sagte der Schwarze, »aber über die Schlingel von Musikanten dürfen wir uns doch ärgern, die für ihr Geld, das sie uns ablocken, die Stunde nicht besser in acht nehmen. Wir haben mehr zu tun, als hier zu warten.«
Lange hatten die Damen schon gezischelt, um die ungezogenen Fremden war ein leerer Raum entstanden, und mit einer Protektionsmiene gegen seine Umgebung, da der Bürgermeister das Eis schon gebrochen hatte, erhob sich nun der Mann mit dem Sterne und sagte: »Es scheint Ihnen zu entgehen, meine Herren, vielleicht weil Sie bisher nur wenige Gesellschaft frequentiert haben, in welcher man sich etwas genieren muss, dass Sie diese Damen und uns alle mit beleidigen, indem Sie so ohne Rücksicht auf die beiden Künstler schelten, die heute unsere Stadt beglücken wollen. Der Ruhm dieser Männer ist über jede Lästerung erhaben, und da Sie weder warten wollen, noch auch Kenner und Freunde der Musik zu sein scheinen, so war Ihre Bemühung in diesen Saal ein kleiner Irrtum.«
»Es sind halt doch nur Musikanten«, rief der Blonde unwillig aus, »und wenn ich nicht die Ehre hätte, mein Herr Baron oder Graf, dadurch mit Ihnen in Gespräch und Bekanntschaft zu geraten, so würde ich glauben, dass alles, was Sie sagen, diese nachlässigen Menschen zu entschuldigen, unpassend sei.«
»Ja wohl«, rief sein Gefährte mit mehr Ungestüm, »für unser Geld sind wir hier! die ganze Gesellschaft hier in Ehren, und ich mache jedem mein Kompliment, aber die Musikanten, denn wir sind doch hier alle gleich, erkläre ich für wahre Taugenichtse.«
»Und der Herr Graf von hat uns hier nichts zu befehlen, und wir können es sehr übelnehmen, dass er uns zu verstehen gibt, wir wären hier nicht an unserer Stelle, ja uns gleichsam die Türe weiset«, fuhr sein Begleiter fort.
»Es ist unter mir«, sagte der angesehene Mann unwillig, und setzte sich sehr heftig nieder, »mit Menschen zu sprechen, die nur der schlechten Gesellschaft gewohnt sind.«
So fuhren sie fort laut zu schelten auf die Umgebung, auf die Art, mit ihnen zu sprechen, vorzüglich aber über die Verzögerung des Konzertes, aus welchem nichts würde, und das sie gern genossen hätten, da sie doch vielleicht die einzigen wahren Kenner in dem kleinen unbedeutenden Orte wären, so dass man umher murmelte, schalt, sie drängte, von Ungezogenheit und Pöbel sprach, indessen sie sich mit Gewalt Platz zu machen suchten und bald mit Zorn, bald mit Lachen antworteten, bis sich endlich der Bürgermeister, der indessen mit seinem Gönner heimlich gesprochen hatte, in aller Würde erhob und laut sagte: »Meine Herren, Sie mögen Kenntnisse besitzen, oder nicht, so muss ich jetzt das deutlich wiederholen, was Sr. Exzellenz aus übertriebener Gute und Humanität Ihnen nur zu verstehen gegeben hat, sich nämlich aus diesem Zirkel zu entfernen, der offenbar nicht mit Ihrer Art und Weise sympathisieren kann.«
»Herr Bürgermeister, denn der sind Sie, wie ich höre«, sagte der blondhaarige Fremde, »Sie wollen also zwei Leute, die Sie nicht kennen, zweien musikalischen Vagabunden aufopfern, denn derentwegen ist ja nur unser Streit; ich sehe aber gar nicht ein, wie Sie das Recht haben, uns mit solchen recht empfindlichen Reden von hier zu entfernen.«
»Ohne Umstände«, rief ein alter Hauptmann, der sich dienstfertig herbeigemacht hatte, um auch als ein Vorsteher der Stadt seine Rolle zu spielen, »Sie machen sich davon, oder man wird Ihnen etwas anderes zeigen!«
Im Eifer fasste er den Schwarzkopf derb an, der, ohne auf seine Würde zu achten, ihn so kräftig zurückstieß, dass der Offizier gegen ein paar junge Herren flog, und der Puder seiner Frisur den halben Saal anfüllte! – »Wache!« rief der Hauptmann. »Man ist seines Lebens nicht sicher«, schrien die Damen. »Das ist ein Skandal!« ächzte der Bürgermeister. Bei dem Getümmel war der Kassierer herbeigekommen, und diesem wurde von dem besternten Manne, dem alles Platz machte, die Weisung gegeben, Wache herbeizuschaffen, die die Friedensstörer und Arrestanten, denn das verdienten sie zu sein, abführen könnte.
»Wenn es denn Ernst ist«, sagte der Fremde mit den blonden Haaren, »so müssen wir uns wohl dareinfinden, aber es ist doch hart, dass wir unser gutes Geld darüber einbüßen sollen.«
»Hier, mein Herr«, sagte der kleine Kassierer, »empfangen Sie Ihre zwei Taler zurück, denn die berühmten großen Virtuosen werden lieber die Gesellschaft nach Ohren, als nach Talern zählen.«
»In die Wache?« fragte der Schwarzgelockte. – »So ist Ihr Schicksal«, antwortete der Hauptmann. – »Woraus besteht diese?« – »Für jetzt aus Invaliden, aber künftigen Winter bekommen wir wieder wirkliches Militär.« – »Gut«, rief jener, »so hör ich auf der Wachstube vielleicht alte edle Volkslieder, oder biedre Liebesgesänge und kann dem musikalischen Charivari hier mit gutem Gewissen den Rücken wenden. Wir weichen der Gewalt. Aber, wie ist man doch in diesem kleinen traurigen Städtchen noch zurück! Wie ist man doch in den Winkeln der Provinz so gar nicht mit dem Geiste der Zeit fortgeschritten! Wir arretiert, zu Invaliden geschickt, weil wir aus Enthusiasmus die Künstler verwünschen, die uns den Genuss ihrer Kunst so lange vorenthalten! Diese beklagenswürdige Barbarei verdient, dass Sie alle hier nie einen guten Sänger oder Komponisten hören, dass Sie heut umsonst und vergeblich auf jene Tausendkünstler warten, die uns diesen Verdruss zuziehen, dass Sie immer in der barbarischen Dunkelheit und dem skythischen Nebel verharren, denn Orpheus selbst würde hier alle seine Harmonieen vergeblich anwenden.« – Das letzte sagten sie schon draußen, teils fortgedrängt und abgeführt und teils freiwillig den Saal verlassend. »Meine Damen und Herren«, sagte hierauf der Mann mit dem Sterne in großer Bewegung, »ich nehme Sie alle zu Zeugen, dass es keinesweges Barbarei oder Mangel an Humanität ist, was uns zu diesem Betragen gegen diese fremden Gesellen gezwungen hat, auch ist der Vorwurf dieser Ruhestörer gewiss ebenso ungegründet, dass wir zurückgeblieben und mit der Zeit nicht fortgeschritten wären. Geschähe in allen Teilen des deutschen Reiches für Kunst und Bildung so viel, wie in diesen friedlichen Gegenden, so würden wir bald noch schönere Früchte gewahr werden; dies unbestochene Zeugnis war ich dieser Stadt und Ihnen schuldig.«
Alle verneigten sich, am tiefsten der Bürgermeister. Die gewöhnliche ruhige Verfassung einer Gesellschaft, die Musik erwartet hatte, hatte sich völlig aufgelöst, denn dieser Vorfall war zu außerordentlich, um nicht allen Zuhörern eine ungewöhnliche Stimmung zu geben; selbst die akkompagnierenden Musiker, ja sogar die Lichterputzer hatten sich unter die Gesellschaft des Saales gemischt, um zu hören, oder zu erzählen, Meinungen zu vernehmen, oder Vermutungen mitzuteilen. So meinten einige, die unruhigen Fremden wären Bauern und Holzhändler von dem nicht zu entfernten großen Strome, die auch einmal ein geistiges Vergnügen an sich hätten versuchen wollen und daran gescheitert wären; einige wollten Matrosen in ihnen erkennen, und andere waren noch unbilliger und hatten in ihnen Mitglieder einer Räuberbande entdeckt, die damals im südlichen Deutschland viel von sich sprechen machte. Nur nach und nach beruhigte sich das tobende Meer, und man hatte im Eifer der Verhandlung nicht bemerkt, dass es darüber in der Tat schon spät geworden sei dass es schon dämmerte, und dass der Fluch der Fremden in Erfüllung zu gehen drohe.
Die Ruhe und das feinere Gespräch hatte sich indessen wieder hergestellt, als man wegen der Dunkelheit gezwungen war, die Lichter anzuzünden, und nun fiel es der Gesellschaft, vorzüglich den Damen, auf, wie lange sie schon vergeblich gewartet hatten. Einige der Herren, die spazierengegangen waren, kamen auch aus dem Garten zurück und wunderten sich, dass die Sache noch immer nicht vorgeschritten war; am ungeduldigsten aber waren die begleitenden Musiker, welche laut murrten und wegzugehen drohten. In dieser Verfassung zog der Bürgermeister Nachrichten ein, und es ergab sich, dass keiner im Saale wusste, wo die Virtuosen abgestiegen waren, dass keiner sie noch gesehen, denn sie hatten nur schriftlich um die Erlaubnis nachgesucht; und da sehr viele schon längst ihre Augen auf den unbefangenen heitern Elsheim geworfen hatten, der, obgleich ein Edelmann, das Ärgernis gegeben, sich zur Tochter des Gastwirtes zu setzen und sie zu unterhalten, noch mehr aber dadurch, dass er bei dem lauten Streite gelacht und gewissermaßen die Partei der Fremden genommen hatte, sich auch jetzt unverhohlen freute, dass man so spaßhaft und trocken wieder auseinandergehen müsse: so fand der Einfall eines witzigen Kopfes sogleich den größten Beifall, dass dieser fremde junge Herr vielleicht die Bitte um Erlaubnis geschrieben, dann die Ankündigungen habe drucken lassen und dann selbst angekommen sei, um die Verwirrung und den Verdruss der Kunstfreunde schadenfroh zu genießen.
Diese Meinung lief bald durch den ganzen Saal; alles erhob sich, um verachtende oder zornige Blicke auf den Unschuldigen zu werfen; es schien, als wolle man einen Sprecher wählen, der die Vorwürfe der beleidigten Versammlung in einer lauten Rede vortragen solle, und Leonhard fing an, um seinen Freund, dessen heftige Reizbarkeit er kannte, besorgt zu werden, als man einen Invaliden sich eifrig durch den Saal drängen sah, der den Hauptmann aufsuchte, um ihm etwas in das Ohr zu raunen. Der Hauptmann sah mit einer sehr wichtigen Miene empor, schüttelte den Kopf, winkte dem Bürgermeister und begab sich mit feierlichem Anstande zu diesem. Nachdem beide eine Weile leise miteinander gesprochen, nahm mit einem tiefen Seufzer der Amtsbürde und mit hoher Röte der Bürgermeister Hut und Stock und sagte: »Ew. Exzellenz und meine Damen und Herren verzeihen, wenn ich mich auf einige Zeit entferne; die beiden Arrestanten lassen mich dringend und eilig auf die Hauptwache zitieren, indem sie mir sehr wichtige und notwendige Dinge in großer Eile zu eröffnen hätten. Vielleicht ist dies für unsere Stadt ein hochwichtiger Tag, denn mir ahndet, dass Entdeckungen unterwegs sind, die wohl zum Glück des ganzen Landes gereichen mögen.«
Ein Beifallsmurmeln begleitete den Patrioten, die größte Neugier und Spannung hatte sich der ganzen Gesellschaft bemächtigt es schien nun, vorzüglich den Damen, ausgemacht, die Gefangenen könnten nur Mörder und Straßenräuber sein und gewiss die Anführer der Bande, denen das Gewissen plötzlich erwacht sei, um die außerordentlichsten Entdeckungen zu ma chen. Die Scharfsinnigsten hielten zugleich ein wachsames Auge auf Leonhard und Elsheim, damit diese sich nicht unvermerkt entfernen könnten, und man sprach laut von Verkleidungen und vielfältigen Masken, unter denen sich so oft die größten Bösewichter unkenntlich in die beste Gesellschaft zu schleichen suchten. Diejenigen, die in der Literatur der Räuberromane bewandert waren, führten davon merkwürdige Beispiele an, und einige von den Mädchen rückten näher aneinander, sahen scheu nach der Tür, oder auf Leonhard und Elsheim, in der bangen Erwartung, dass plötzlich ein grauses Wunder unter dem Signal von Pistolenschüssen sich entwickeln, oder die Befreiung der Gefangenen unter Aufruhr und Brand erfolgen werde. Die Tochter des Bürgermeisters weinte unverhohlen Tränen, weil sie ihren Vater schon verloren gab, als dieser zur Befriedigung ihrer und aller keuchend zurückkam und mit verdrüßlichem Kopfschütteln alle stummen und lauten Frager, die sich an ihn drängten, zurückwies, bis er wieder zu seinem Sitze gelangt war. »Exzellenz«, stotterte er, »es war ungegründet, aber die Musik wird vor sich gehen.«
Und zugleich traten zum allgemeinen Staunen durch die Tür gegenüber zwischen Notenpulte und Musiker mit etwas veränderter Kleidung die beiden arretierten Fremden herein, näherten sich anständig der vordern Reihe der Zuhörer und wollten eine Entschuldigung stammeln, doch ließen sie die Ausrufungen der Verwunderung, das Aufstehen, das Fragen und Sprechen der Zuhörer untereinander nicht zu Worte kommen, und Elsheim, der jetzt wieder unter den vordern stand, sich an der Verlegenheit der Gesellschaft und der Schadenfreude der Virtuosen ergötzend, fing laut an zu applaudieren, und alle, die beim Erscheinen von Künstlern dieses Geräusch zu erregen schon gewohnt waren, folgten ihm nach, so dass ein lautes Beifallklatschen wie ein durchbrechender Strom alle anderen Töne in sich aufnahm und verschlang, indessen nur der Graf mit hoher Röte vor sich niedersah und beschämt und mißbilligend das Haupt schüttelte. Da dies die bemerkten, die ihm am nächsten waren, so hörten sie auf, und so verlor sich das Applaudieren wieder decrescendo, welches Elsheim einsam endigen musste, indem sich jeder zugleich besann, wie unpassend man hier den Beifall Leuten erteilte, die jedermann nicht auf die feinste Art zum besten gehabt hatten.
Eine der schönsten Symphonieen erhob sich jetzt mit ihrem Flügelschlage und nahm alle Empfindungen mit sich; dann spielte der blonde Virtuose ein Klavierkonzert mit einer Fertigkeit und einem Ausdruck, wie man es dort noch nicht gehört hatte, der Sänger, eine Baßstimme, sang unvergleichlich, und man wechselte noch mit einigen Musikstücken, die allgemeinen Beifall verdienten und das Publikum in der Tat entzückten, doch schämte man sich, seinen Beifall zu bezeigen, und hörte alles stillschweigend an.
Es war spät geworden, ehe die musikalische Unterhaltung beendigt war; der kleine Kassierer, der das empfindlichste Gemüt haben mochte, war schon lange vor dem Schlusse nach Hause gegangen, nachdem er durch einen Violinisten den Reisenden die Einnahme übersandt hatte. Diese bezahlten sehr freigebig die begleitenden Instrumente; die Gesellschaft ging, selbst nicht wissend, ob ihre Zufriedenheit, oder ihr Mißvergnügen überwiege, auseinander, und Elsheim bat die Fremden, mit ihm in seinem Gasthofe zu essen, die seine Einladung auch mit heiterer Gleichgültigkeit annahmen.
Der Wirt hatte von seiner Tochter schon das Abenteuer vernommen, und er ging den Fremden mit einem Gefühl, aus Bewunderung und einem gewissen Entsetzen gemischt, entgegen, dass sie es gewagt hatten, die Häupter der Stadt, die ihm die der Welt waren, zu närren, und sie doch zugleich die berühmten großen Virtuosen waren, die zu solchem Wagestück den kecken Mut in sich hatten finden können. Die Tafel ward bereitet, und die gebildete Tochter, sowie der Wirt selbst mussten auf Elsheims Ersuchen Platz daran nehmen, bei welcher der gute Wein das vorzüglichste Gericht ausmachte, weil die Speisen in der Tat schlecht zubereitet waren.
Als der Wein heiter und vertraulich gemacht hatte, erzählte der Komponist, wie sie dem Bürgermeister entdeckt hätten, dass man sie, wenn das Konzert noch zustande kommen solle, frei machen müsse, und wie dieser ihnen nur Glauben beigemessen habe, als sie Briefe vorgewiesen, die an sie gerichtet gewesen.
»Man hört ja«, erwiderte der Komponist, »von Künstlern erzählen, die aus enthusiastischer Zerstreuung während des Spieles vom Instrument aufgesprungen sind, um aus der Ferne die Wirkung ihrer eigenen Musik zu erfahren, und so kamen wir neulich auf den Gedanken, dies hier in dem kleinen Städtchen auf eine ähnliche Art versuchen zu wollen, ob wir uns gleich den Ausgang des Abenteuers nicht so gedacht hatten.«
»Sie sind auch wahrscheinlich kein Schauspieler«, antwortete der dunkelhaarige Bassist; »mir wurde erst etwas beklommen, als das unmäßige Applaudieren entstand, und gewiss, man hätte uns nicht mehr beschämen und bestrafen können, als wenn dieser laute Beifall sich wiederholt bei jedem Musikstücke hätte hören lassen.«
»Sie müssen freilich«, fiel der Wirt ein, »in Ihrem Stande mehr abgehärtet sein, als andere Menschen, denn es kommen wohl oft Fälle vor, in denen Sie Ihre ganze Fassung nötig haben.«
Der Sänger sah hierauf den vorlauten Wirt mit einem Blicke an, wie ihn ein siegesstolzer Student etwa einem sogenannten Philister zuwirft, wenn dieser über Händel oder Duell-Angelegenheiten sein Wort abgeben will. Ohne den Wirt zu berücksichtigen, richtete der Schauspieler seine Worte wieder an den Edelmann, indem er so fortfuhr: »Es ist wahr, wer es in unserm Stande nicht lernt, Fassung zu gewinnen, unvermuteten Störungen, oder Kabalen und Grobheiten mit einer gewissen festen Unverschämtheit entgegenzutreten, der wird diese Tugenden niemals erringen. Mir und meinem Freunde hier ist aber das Talent angeboren, mit dergleichen Fährlichkeiten zu spielen, sie aufzusuchen und im wildesten Sturm und Drang den Kopf niemals zu verlieren.«
Elsheim erwiderte: »Ich kann mich wohl, wenn ich es näher überlege, in Ihre Stimmung hineindenken. Geht es einem beim Reiten, wenn man ein wildes Pferd versucht, doch auf ähnliche Art. Indem man alle Kunst mit Bewusstsein anwendet, gerät man doch zugleich in einen Taumel und so wilde Unbesonnenheit, dass man sich der Gefahr erfreut, und vielleicht das wilde trotzige Roß nur durch diese Vereinigung von Tollheit und Vernunft gebändigt wird. Noch öfter tritt dieser lüsterne Zustand beim Fahren ein, wenn wir etwa vier kräftige Hengste regieren sollen. Es erwacht ein Heldensinn in diesem Taumel, und der Mensch ist nahe daran, die Gefahr herauszufordern. Vielleicht dass, wem von diesem verlockenden Reize gar nichts beiwohnt ein solcher nie etwas Großes tun kann, er müsste denn, wie Fabius der Zauderer, durch seine unerschütterliche Kälte Verderben und Gefahr von sich und den Seinigen abwenden. Wie heroisch braucht Egmont dies als Gleichnis, um seinen Lebenslauf zu bezeichnen: ›Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht, gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksals leichtem Wagen durch, und uns bleibt nichts, als mutig gefasst die Zügel festzuhalten und bald rechts, bald links, vom Steine hier, vom Sturze da die Räder wegzulenken. Wohin es geht, wer weiß es? Erinnert man sich doch kaum, woher er kam.‹« –
»Geehrter Herr«, sagte der Klavierspieler, »alles Talent ist nur auf diesem Wege möglich. Noch keiner hat das Wunder, was mit diesem Worte ausgesprochen ist, erklären, oder nur begreifen können. Das ist ja das Rätsel, wie sich in uns der Zustand, den wir unser Bewusstsein nennen, so innigst mit seinem anscheinenden Widerspruch, dem Nichtbewußtsein, vermählen kann, und aus dieser Vereinigung erst unser höchstes, seelenvollstes Leben hervorgehen muss. Ich habe mehr als einmal einer Anzahl trefflicher Sänger akkompagnieren müssen, plötzlich, unvorbereitet, nach einer Partitur einer Oper, die mir noch niemals vorgekommen war, und mein Auge und Sinn fand sich so schnell und sicher in dieser schwierigen Aufgabe zurecht, dass alles gelang, und dieses tollkühne Improvisieren zu den genußreichsten Stunden meines Lebens gehört.«
»Wie oft«, fiel der Sänger ein, »habe ich etwas ähnlich Halsbrechendes unternommen, die schwierigsten, mir fremden Sachen vom Blatte zu singen. Es ist eine Energie in uns, eine Allgegenwart des Geistes, eine Gabe der Prophezeiung, die nur alsdann hervortritt. Und sonderbar! wenn diese Zustände des Seelenrausches vorüber sind, bemerken wir, dass auch alles Zeitmaß in uns aufgehört hat, denn wir wüssten nicht zu sagen, wie viele Stunden uns in dieser Anstrengung verschwunden sind, weil sie uns nur wie Augenblicke erschienen.«
»Ebenso ist es aber auch«, fiel Leonhard bescheiden ein, »wenn wir ein Kunstwerk genießen und wahrhaft verstehen. Die knechtische Abhängigkeit von der Zeit verschwindet alsdann jedesmal.«
Die beiden übermütigen Künstler hatten sich bis jetzt nur wenig um den jungen Meister gekümmert, sie sahen ihn jetzt mit großen Augen an und suchten an seinen Blicken zu erforschen ob er ebenfalls zu ihrer Zunft gehöre, oder vielleicht Maler, oder Dichter sei. Doch Leonhard schlug seine Augen nieder und schien es zu bereuen, dass er an diesem verwegenen Gespräche teilgenommen hatte, sein Freund aber nahm das Wort auf und bemerkte: »Wenn es also wahr sein mag, dass dieser unbeschreibbare Doppelzustand zu unsern allerbesten Lebensäußerungen gehört, sei es, um zu genießen, oder hervorzubringen, so dürfte die Frage sehr wichtig sein, wie weit man nun, um jener höheren Kraft Raum zu geben, Bewusstsein und Nüchternheit einengen, und wieviel Herrschaft jene bacchische Begeisterung ausüben dürfe.«
»Dafür oder dagegen«, rief der Sänger heftig aus, »kann und darf es keine Gesetze geben. Soll das Gebet aus jener Nüchternheit hervorgehen, die ja eben durch den Gott vernichtet werden soll? Glauben Sie mir, alle großen Genien der Menschheit, seien es Helden, Dichter oder Künstler, haben ihre Schöpfungen nur, von diesem Taumel erst angerührt und dann beherrscht, hervorbringen können. Welche unbändigen Höllengeister waren es denn, mit lichten Engeln geschart, die unser Mozart vor seinen Siegeswagen spannte, um, ein zweiter Dionysos, seinen Triumphzug nach dem fernen, gottgeweihten Indien, dem Land der Fabel und der Poesie, zu feiern, von tanzenden Nymphen, gaukelnden Amoretten, lächerlichen Faunen, rasenden Mänaden und selig liebenden, ewig trunkenen Lieblingen der Aphrodite und des Eros begleitet? So stürmt sein Don Juan, sein siegprangendes Meisterwerk, dahin. In dieser heiligen Raserei haben alle Genien gedichtet und erschaffen. Ja erschaffen, wie der Herr, aus dem Nichts. Dies ist das Unbewusste, der Schlaf, der Tod in uns, wie es die blöden Menschenkinder nennen. Hier ist das Zeughaus der Phantasie, die geheimnisvolle Werkstätte des unsterblichen Geistes. Wer hier das pflegt und nährt, was späterhin als Gedanke, Ton, Bild und Gedicht in die Schöpfung heraustreten soll – wer kann diese Ammen nennen, oder bezeichnen? Was ist dieses Nichts, dieses unbekannte Unerkannte, dieses Namenlose, aus dem aller Glanz und alle Kraft sich entwickelt? O ihr Törichten, die ihr euer Leben damit zubringt, immer Unterschiede zu entdecken und diesen mit nüchterner Weisheit einen Taufnamen zu geben! Stürzt euch, ihr von den Musen Begabten von der Gottheit Begeisterten, ohne zu forschen und zu zweifeln, in den Strom des bewegten Lebens; opfert, wie es das Geheimnis fordert, eure Vernunft und Nüchternheit, die Ordnung und Sitte jenen unterirdischen Geistern und Dämonen, die, wenn ihr dieses Entschlusses nicht fähig seid, euch sonst die Schönheit selbst entreißen, mit eurem Herzblut, wie Vampiren, die Begeisterung wegzechen, so dass ihr nach kurzem Taumel zu Qualm des Ekels und der altklugen Langweile erwacht. Der Weinrausch ist ein Symbol dieses göttlich begeisterten Lebens, in der Wollust spricht mit Entzücken und Wahnsinn jener Tod uns an, der das echte Leben ist, hohnlachend und in süßester Wehmut wird hier jenes Bewusstsein begraben, das die meisten Menschen für das Leben halten. Wer sich also als echter Künstler dem Taumel weiht, der darf nicht rechts, nicht links, nicht rückwärts schauen, nur vor ihm liegt die Bahn, und Glück, Gefahr und Leben und Tod sind eins.«
Auf einen stillen, bedeutsamen Wink des Wirtes hatte die junge Tochter das Zimmer schon verlassen, weil es dem Vater wohl unziemlich dünken mochte, dass ein weibliches Wesen diese wunderlichen Lebensregeln mit anhören sollte. Leonhard sagte nach einer kleinen Pause: »Aber, meine Herren, Sebastian Bach, Gluck, Palestrina- –«
»Still!« entgegnete der Sänger, »ich weiß, wo Sie hinauswollen. Ausnahmen gibt es, und – wer weiß – man soll den alten Bach, unsern Vater und Meister, nicht lästern, – aber jener stürmische Geist ging ihm wohl ab, der unsere neue Kunstwelt treibt. Und Palestrina – wir wissen so wenig von ihm – aber erzählte er nicht, dass er die eine seiner berühmtesten Kompositionen Note für Note vollständig von einer Schar von Engeln vernommen und die überirdische selige Musik nur als mechanischer Kopist niedergeschrieben habe? – In der Musik strömt ein Geist, der, stärker als in allen anderen Künsten, ihren Bekenner der Besonnenheit enthebt. Der Sänger, mehr fast noch der Virtuos eines Instrumentes, der Kapellmeister, wie der Komponist, alle leben dem Augenblick, ohne an morgen zu denken. Der Genuss der Kunst, so gut wie des Weins und der Liebe, reißt sie über Zeit, Sorge und Ordnung hinweg, denn in keiner andern Kunst ist das unmittelbare Gelingen, das Improvisieren so notwendig. Maler, Dichter und Bildhauer mögen sich bedenken; wenn der Musiker es wollte, so wäre der auflodernde Augenblick schon entflogen. Der Grübler nun gar müsste auf lächerliche Weise zuschanden werden. Darum, meine ich, muss man in der sogenannten Moral auch beim Musiker einen ganz andern Maßstab anlegen, wenn der Sittenprediger nicht gegen ihn ungerecht, ja grausam werden soll. Mozart steht höher, als seine Sittenrichter.«
Der musikalische Freund bekräftigte alles, und so, nachdem man noch manche paradoxe Sätze ausgesprochen, die den muntern Elsheim sehr ergötzten, begaben sich alle auf ihr Lager, als der Morgen schon graute.
In der heitern Landschaft fühlte sich Leonhard wieder frei und wurde fröhlich. Elsheim hatte die Verstimmung wohl bemerkt, die seinen Freund am Abend quälte, und sagte jetzt, nachdem sie lange stumm nebeneinander gesessen hatten: »Warum, Freund, bist du oft so schwerfällig und widerstrebst der Laune, die mich mit sich nimmt? Man kann nicht immer weise sein, und dein Gemüt ist selbst oft zur Fröhlichkeit gestimmt, ja, ich habe selbst gesehen, wie Albernheiten und Kinderein dich ergötzen können.«
»Schilt mich nur«, antwortete Leonhard, »denn freilich ist es wohl eine Anlage zur Pedanterie, die mich in manchen Stunden so mißmütig und mürrisch macht. Der ganze gestrige Tag war mir nicht recht. Dass der Wagen zerbrach, machte mich erst ganz verdrüßlich. Nun gar das verwünschte Konzert. Ich begriff deine ausgelassene Heiterkeit nicht. Das ganze Wesen, Zuhörer, Vornehme, Bürgermeister, Männer, Frauen und Mädchen, alles war melancholisch. Diese Ungezogenheit der Musiker war wunderlich genug, aber auch dieser Vorfall konnte mich nicht ergötzen. Wir haben uns mit den andern närren lassen, weil wir eben nichts Besseres zu tun hatten. Und das mag wohl oft, auch im Leben der bessern Menschen, eintreten, dass solche Lückenbüßer und Ausgeburten der Langeweile für Ergötzung gelten müssen. Es sind die Butterküchlein aus Wasser der Schildbürger. Und nun gar das Hymnen-Gespräch am Abend bei den schlechten Speisen. Die haben mir erst Magen und Geist verdorben.«
»Ei, du Allerweltskrittler!« rief Elsheim überlaut und erhob sich vor Erstaunen etwas vom Sitze, um seinem Freunde in die Augen sehen zu können, » – das ist mir denn doch neu, dass diese erquicklichen gedachten und phantasierten Gespräche dir auch zuwider sein können! Mir haben sie so sehr gefallen, dass ich die beiden landstreichenden Musiker dringend auf mein Schloß eingeladen habe, und ich hoffe, dass sie recht bald dort als mir sehr liebe Gäste erscheinen werden.«
»In dein Wesen«, sagte Leonhard etwas empfindlich, »mag diese übertriebene Genialität nicht so zerstörend hineinreißen, wie in meine Brust. Erinnerst du dich denn nicht, dass mir dergleichen von früher Jugend zuwider war, und ich es immer zu bekämpfen suchte?«
»O ja«, sagte Elsheim, »und oft mit einer andern Genialität sogar, die manchen Nüchternen wohl auch erschrecken durfte. Weiß ich doch, dass der eine unserer Lehrer dich oft mit seltsamer Scheu, als wärest du ein Gottloser, betrachtete.«
»Lassen wir das«, unterbrach ihn Leonhard; »es ist gar zu betrübt, dass sich so oft selbst die allernächsten Freunde in den wichtigsten Angelegenheiten nicht verstehen.«
»Besonders«, sagte der Edelmann, »wenn der eine oder der andere von einer Stimmung regiert wird und dieser zu viel nachgibt. Stimmungen können niemals über Gedanken und Ansichten ein richtiges Urteil fällen.«
»Diese Stimmungen aber«, widersprach der Freund eifernd, »wenn sie nicht Grillen und eigensinnige Launen sind, entspringen ja nur aus dem wahren Charakter und der Tiefe des Gemüts; sie sind es ja, die der Mensch nicht vernichten kann und soll, denn sie sind der Boden, in welchem Überzeugung, Tat und Leben aufwachsen.«
»Nun meinetwegen«, sagte der Baron, »so sprich denn aus, was dich quält oder stört; denn freilich, zu viel sollen wir auch nicht an uns selber mäkeln, oder uns das peinvoll abgewöhnen, was mit unserm innersten Selbst verwachsen ist, und wodurch wir erst Individuen werden.«
»Liebster Friedrich«, sagte der junge Meister jetzt ganz weich, »alles, was uns reizt, belehrt, fördert und begeistert, ist immer nur unter Bedingungen und bis zu einer gewissen Grenze hin wahr; überschreite ich beide, so wird das Beste nur Torheit und die höchste Weisheit Wahnsinn. Deshalb ist die Konsequenzmacherei zu fürchten, der logische Zwang, der uns so oft veranlaßt alle Lücken zu überspringen, oder nicht zu erkennen, die zwischen den Wahrheiten liegen, oder die geistige, unsichtbare Scheidelinie zu überschreiten, auf welcher unser Geist in den eigentlichen tiefsinnigen Untersuchungen wandeln muss, wenn er nicht immer wieder aus dem Wahren und Unsichtbaren in die rohe Materie, oder die abergläubige Schwärmerei stürzen soll.«
»So versteht sich aber jener Musiker nicht«, fuhr der Freund fort, »der uns gestern seine bacchantische Begeisterung vortrug. Er schwärmte ganz von jenem Grunde der Wahrheit ab, auf welchem seine Wahrnehmung zuerst wandelte, und geriet in das Reich der Träume und der Willkür. Geht nicht Ordnung, Ruhe Selbstbeobachtung und nüchterner Zweifel mit jenen taumelnden Rossen, so gibt es auch keine Kraft, diese zu lenken und auf dem richtigen Wege zu erhalten. Gewiss hat auch unser Liebling Mozart diese Kräfte nicht verleugnet. Denn das ist eben der Hauptirrtum, dass diese Bacchanten nicht sehen, oder nicht sehen wollen, dass in der Mäßigkeit, Ruhe, in dem stillen Haushalt unserer einsamen Seele, in den Schranken der Ordnung und Notwendigkeit, kurz in der scheinbaren Prosa, die man so oft voreilig der Poesie entgegenstellt, ebenfalls im gesänftigten Raum jene Himmelsblumen emporwachsen, und Begeisterung und Tatkraft auch aus diesen stillen Winkeln hervorschreiten mögen. Wie die alten Himmelsstürmer oder jene Erschaffenen bestellt gewesen sein mögen, die vor aller Geschichte auf unserer Erde hausten, wissen wir nicht; seitdem aber der uns bekannte und verständliche Mensch Regent ist, müssen wir einsehen, dass in diesem die doppelte Natur des Riesen und des sanft Gehorchenden, des Herrschers und des gern und freudig Unterwürfigen erst die Natur in ihm ausbildet, durch welche er ein Recht hat, nach Blumen, Lorbeeren, Palmen und Sternen zu greifen. Der Rausch ist auch oft nüchterner, als wir uns gestehen mögen. Palestrina, der beseligte, sollte jemals haben rasen können? Und unser Sebastian Bach; wie beschränkt, wie bürgerlich, wie so ganz Ordnung, biedere Alltäglichkeit im Leben, wie klein, ruhig und unbemerkt in der Gesellschaft und unter den Schwätzern, und wie groß eben dadurch in seiner Wissenschaft und Kunst!«
Elsheim nahm die Hand seines Gefährten und drückte sie recht herzlich, dann aber überließ er sich einem so lauten und ausgelassenen Lachen, dass der bescheidene Fuhrmann sich einigemal umsah, um zu entdecken, was wohl dieses schallende Gelächter habe veranlassen können. Leonhard war sehr über diesen unerwarteten Ausbruch von Lustigkeit befremdet und erwartete mit einiger Spannung die Erklärung dieser Explosion. Endlich, nachdem er sich beruhigt hatte, sagte der Freund: »Siehe, das ist nun auch meine Eigentümlichkeit und Stimmung, die du mir nicht zu sehr kritisieren darfst. Deine Vorliebe für das Zunftwesen, dein Handwerksgeist geht in allen deinen Gedanken mit auf. Und du magst doch recht haben. Auch in der Kunst, in der geistigsten Beschäftigung, muss wohl neben Begeisterung und Anschauen nun auch das Handwerk mit seiner bürgerlichen Ordnung eintreten, um durch Regel und Beschränktheit dem Geist erst seine wahre Freiheit im Schaffen zu erringen. Du hast recht: ohne Widersprüche, die sich aufzuheben scheinen, und ohne Vermittlung dieser Widersprüche ist nicht Mensch, Kunst, Wissenschaft, Geist. Darum zeigt sich auch eine überraschend ähnliche Ohnmacht in den Gebilden des ganz phantastischen Schwärmers und des philisterhaft Nüchternen, der bloß mit Anstrengung Regel und Bewusstsein ein Kunstwerk hervorbringen will.«
Die Hitze war so drückend geworden, dass sie es vorzogen, in einem kleinen Dorfe, das abseits von der großen Straße lag, haltzumachen, als sich mit ermüdeten Pferden noch nach dem großen Gasthofe der kleinen Stadt hinzuquälen. Der Stall war für die Pferde groß genug, und sie setzen sich unter der schattigen Linde in eine Art von Vorsaal, der durch den Baum vor dem Hause gebildet wurde. Während die Mahlzeit zubereitet ward, erquickten sie sich am Duft der Blätter und Blüten, und Elsheim sagte: »Sieh einmal, mein Freund, wie gescheit unsere Vorfahren in einer Sache waren, die viele des jetzigen Geschlechtes nur lächerlich finden. Dadurch, dass man diese schöne alte Linde oben so stark und regelmäßig beschneidet, entsteht hier unten dieser kühl dämmernde, dunkelnd grüne poetische Saal. Dieser gibt eine so liebliche duftende Kühle, wie sie kein Zimmer mit Vorhängen und Kunstanstalten hervorbringen kann; auch keine Gartenlaube ist so wohnlich und vertraulich. Man sieht von hier in das Haus und auf die Straße und ist von beiden ganz ungestört. Oben, damit die Stuben nicht verfinstert und selbst feucht werden durch die Nähe des Baums, sind alle Zweige weggeschnitten, soweit die Zimmer reichen. Nun hat man in den höheren Zimmern mit dem ersten Frühlinge eine grüne duftende Decke unter sich, ohne von den Ästen gestört zu werden, und die Stuben sind hell und frei. Der schöne Baum ist freilich verdorben; dafür hat dieser Bauer aber auch einen grünen Sommersaal, wie kein Fürst mit allem seinem Prunke ihn aufweisen kann.«
Leonhard erwiderte: »Auch in Städten habe ich oft diese Art, die Linden zu behandeln, wahrgenommen. Dort ist diese Erfindung, womöglich, noch zauberischer, als hier auf dem Lande, weil dieser unten entstehende Saal und die gerade Linie der grünen Wand oben, auf welche man aus den Fenstern niedersieht, im erfreulichen Kontrast mit den Häusern, sowie dem gewöhnlichen bürgerlichen Verkehr auf der Straße stehen. Unsere Vorfahren liebten es überhaupt, Bäume aller Art in ihren Städten zu pflegen, und sie zieren oft eine hässliche Gasse und geben ihr ein wahrhaft trostreiches Ansehen; die Neueren fangen an diese Anstalt als etwas Abgeschmacktes zu verlästern. Es hat etwas Wunderbares, wie der Baum sich erziehen und verziehen lässt, vor allen Buche und Linde. Das Gedicht des Wandsbecker Boten gegen diesen Schneiderscherz, wie er es nennt, ist recht getreu und biederherzig, aber es wird mir die Schönheit dieses Sommersaales, oder gar den Zauberreiz eines echten großartigen französischen Gartens niemals aus der Seele singen können.«
Ein großer Mann von mittleren Jahren war schon einigemal durch die Haustür aus- und eingegangen. Er trug ein großes Buch unter dem Arm, welches eine Bibel zu sein schien. Er setzte sich an einen anderen Tisch und fing an zu lesen, verschloss aber den Band gleich wieder und ging durch die Haustür in den Garten. Jetzt kam er wieder herein, sah sich scheu um und legte sein Buch auf den Tisch der Reisenden, indem er mit heiserer Stimme fragte: »Meine Herren, lesen Sie auch wohl die Bibel?«
»Das lässt sich wohl nicht so schnell entscheiden«, erwiderte Elsheim; »bald wird unsere Seele von diesem, bald von jenem mehr gereizt, und es hat mir immer wohlgefallen, wenn manche Geistliche es nur als ein einziges, innig zusammenhangendes Buch haben ansehen wollen.«
Der Bauer schüttelte so heftig mit dem Kopf, dass ihm die blonden Haare in das Gesicht fielen. Er nahm den messingenen Kamm und strich sie wieder nach hinten hinüber, indem sich plötzlich in seinem finsteren Gesicht ein helles, aber ironisches Lächeln auftat. »Da sind Sie noch nicht weit gekommen«, sagte er dann. »Die verhüllte Wahrheit sucht sich vorsätzlich in manchen der Bücher zu verbergen; die versteht man nur und findet das Korn der Weisheit heraus, wenn man das rechte Buch aufgefunden hat und Tag und Nacht in diesem studiert. Für jeden Menschen, in welchem nämlich das Licht aufgeht, ist es aber ein apartes, denn unsere Sinnesarten sind sehr verschieden; Gott steht allenthalben, einer darf ihn aber nur schräg, der andere von der Seite, und manche nur ganz von weitem ansehen. Wechseln sie nun ihre Stellung und kommen sie in eine unrichtige, so können sie gar nichts von ihm verstehen. Denn unser Herr ist ein wunderliches Wesen, er ist liebreich und sanft in seiner Allmacht und Hoheit, aber er macht sich nicht gemein. Wir reden ihn alle mit du an, und das verlangt er sogar, aber mit Grobheit und so von ungefähr angesprochen, lässt er sich nicht antreffen, sondern immer verleugnen.«
Ein hoher Greis trat jetzt zu ihnen, eine von jenen mächtigen Gestalten, die sich, in welchem Stande sie auch sein mögen, eine unwillkürliche Achtung erzwingen. »Sohn Daniel«, sagte er mit tönender Stimme, »du fällst ja den fremden Herren zur Last.«
»Gewiss nicht!« rief Elsheim, aber der Sohn entfernte sich schnell mit jenem scheuen Blick im zugedrückten Auge, der den Reisenden gleich anfangs aufgefallen war. »Verzeihen Sie«, sagte der alte Vater, ich kann es nicht immer verhindern »dass mein unglücklicher Sohn fremden Leuten beschwerlich fällt. Er meint es gut, und es ist kein Arg in ihm, aber wer ihn nicht kennt, trägt wohl Scheu, oder fürchtet sich vor ihm.«
Da Elsheim neugierig geworden war, lud er den alten Bauer ein, sich zu ihnen zu setzen, und dieser willfahrte ohne Verlegenheit, als ein Mann, dem Menschen und Welt nicht unbekannt waren. Er erzählte von sich, seinen Schicksalen und seiner Familie. Er hatte, sonderbar verschlagen, einen Feldzug in fernen Weltteilen mitgemacht, hatte bei seiner Rückkehr unvermutet einige wohlhabende Verwandte beerbt und war nun durch Tätigkeit, und dass er seine Grundstücke zu verbessern verstand, zu einem gewissen Reichtum gelangt. »Ich bin«, fuhr er fort, da er sah, dass sich seine Zuhörer für seine Rede interessierten, »wohl ein glücklicher Mann zu nennen, wenn ich so um mich her die meisten meiner Nebenmenschen betrachte. Wir leben hier in einer angenehmen Gegend, ich erzeuge selbst meinen Wein und was ich sonst noch brauche, mein Garten liefert mir den Bedarf für meinen Haushalt, und ich baue, so alt ich geworden bin, noch selbst mit Freuden meinen Acker und halte meine große Wirtschaft in Ordnung. Drüben wohnt mein ältester Sohn, der schon seit lange Schulze dort ist, und durch den ich schon seit lange Großvater und nun seit kurzem auch Urgroßvater bin. Mein Martin und Friedrich werden nächstens heiraten, meine Tochter ist auch versorgt in einem anderen Dorfe, und so kann ich mich als den Stammvater eines zahlreichen, gesunden und lebensfrohen Geschlechtes ansehen.«
»Ja, meine Herren«, fing der Alte wieder an, »in diesem Sohne könnte ich mich auch unglücklich nennen, denn in jeder großen Haushaltung muss etwas sein, das mit dem übrigen nicht aufgeht. Der Mensch muss eben auch immer etwas zu klagen haben. Als Kind war mein Daniel so klug, wie es niemals einer meiner anderen Söhne gewesen ist. Er lernte fast von selbst lesen, er sprach sehr früh und zwar ganz vernünftig. Er war gern allein, und lautes Geschwätz, wie es denn doch oft Bauersleuten vorfällt war ihm zuwider. Weil das Kind nun gern tätig war, so half er, so klein er war, allenthalben. Es machte ihm große Freude, den Hirten zu begleiten, wenn dieser meine Schafe austrieb. Wenn er am Abend nach Hause kam, hielt er manchmal recht nachdenkliche Reden über alles das, was er da draußen im Freien beobachtet hatte. Bald erzählte er von den Wolken, von wunderlichen Tönen im Walde, auch wohl von der Geschicklichkeit und Klugheit des Schäferhundes, den er ganz wie einen verständigen Menschen schilderte. Da das Kind so was Apartes hatte, so ließen die Mutter und ich ihn gern gewähren, und seine Geschwister hörten nicht viel auf ihn hin, weil sie ihn nicht verstanden. Als die Zeit seiner Einsegnung herankam, ließ er sich oft mit unserm Priester und Schulmeister in Disputationen ein, weil er die Bibelstellen anders wollte erklärt haben. – So was können die geistlichen Herren immer nicht leiden, ob es uns gleich, den Lutherischen, wie wir es hier noch alle sind, aufgegeben ist, in der Schrift zu forschen. Das Forschen aber, und soweit haben die Priesterleute recht, ist ein mißliches Ding, und ich habe darum von je an alles unserm lieben Gott anheimgestellt und bin ruhig dabei geblieben. Es traf sich, dass unser Schafhirt plötzlich erkrankte, und Daniel bot sich nun eifrig an, seinen Dienst zu versehen, bis sich ein anderer tüchtiger Knecht wieder gefunden habe. Und nun konnte er im einsamen Felde so recht ungestört seinen Grübeleien nachhangen und brauchte keinen Menschen Red und Antwort zu geben. So ging der Sommer hin. Im Herbst kam er eines Abends ganz zerstört und verwirrt nach Hause, er trieb die Schafe nicht ein, er lief in den Garten und sprach laut mit sich selbst, in der Nacht legte er sich nicht zu Bette, sondern rannte wieder nach dem Walde hinaus, und als der Morgen da war, kümmerte er sich gar nicht um seine kleine Herde und war gar nicht einmal da, als wir alle zum Frühstück zusammenkamen. Als das Haus leer war, und ich schon ausgehen wollte, um ihn zu suchen, kam er ohne Hut und mit fliegenden Haaren von seiner Wanderung zurück. Sowie ich ihn nur ins Auge fasste, sah ich auch schon, dass er ein verwirrter Mensch war. Er stotterte und war ganz außer sich, und als er endlich die Rede wiedergewann, erzählte er mir, dass er im Felde bei den Schafen Bekanntschaft mit Engeln gemacht hätte, die so gütig gewesen wären, sich zu ihm herabzulassen. Diese hätten ihm die Schrift und die schwersten Stellen in derselben ganz zur Genüge erklärt, und er wisse nun mehr, als alle Schriftgelehrten im Lande. Von nun an war der liebe Junge ein verlorener Mensch, und der Doktor, den wir aus der Stadt hatten kommen lassen, sagte auch, ihm sei nicht zu helfen, denn er habe auf zeitlebens den Verstand verloren und würde ihn auch bis zum Tode nicht wiederfinden. Nun lag er Tag und Nacht über dem Bibelbuche, er schlief wenig, und in den Nächten las er laut und predigte mit heftiger Stimme, so dass er oft am folgenden Tage ganz heiser war. Weil er Daniel heißt so studierte er auf seine Art den Propheten Daniel am meisten und bezog dabei alles auf sich. Er sagte oft, dieser Prophet sei der größte, und Ezechiel, vorzüglich aber die Offenbarung Johannis seien nur mißverstandene Übertreibungen, das wahre Wort und Geheimnis sei im Daniel ausgesprochen. Dieser sei auch wichtiger, als das ganze Neue Testament, und wer diesen Propheten recht innehabe, könne die späteren Bücher und die Lehre Christi entbehren. Bei diesen Meinungen wollte er auch nicht mehr unsere Kirche drüben im großen Dorfe besuchen, und wenn er ja einmal mit uns ging, so saß er während der Predigt murrend da und schüttelte zu allem, was der Priester sagte, den Kopf, so dass er oft großen Anstoß gab. Da er hie und da welche aus der Gemeine hatte bekehren wollen und sich gegen diese nicht undeutlich merken lassen, er sei selber der Heiland und der wahre Erlöser in unserer neuesten Zeit, so verklagte der Pfarrer den Unglücklichen beim Konsistorium in der Stadt. Die Sache machte viel Aufsehen, und etliche eifernde Geistliche wollten ihn mit Gewalt zum Widerruf, Pranger und Zuchthaus verdammt wissen. Der menschenfreundliche Arzt nahm sich aber der Sache an. Der Mann ging selbst zum Minister, und die Billigeren von der Geistlichkeit sahen nun auch wohl ein, wo es meinem armen Daniel fehle. So sprachen sie ihn denn los als einen Blödsinnigen, der über seine Reden nicht zur Verantwortung gezogen werden könne, und gaben ihm nur auf, sich alles Predigens und Bekehrens zu enthalten. Das nahm mein Daniel anfangs sehr übel und noch mehr, als er erfuhr, dass sie ihn seit seinem Prozess hier und in der Umgegend nur den Dummen nannten. Doch forschte er so lange im Daniel und in den Briefen der Apostel, bis er sich überzeugte, ein solcher Ausgang wäre ihm schon vor allen Zeiten prophezeit worden. So treibt er nun sein unschuldiges Wesen, und ich kann ruhig wegen meines Todes sein, denn die Brüder lieben, ja ehren ihn so sehr, dass sie gern einmal seinen Unterhalt und seine Verpflegung übernehmen werden.«
Elsheim und Leonhard hörten dem Alten mit Vergnügen zu, und der Baron sagte: »Es ist nicht ohne Grund, dass uns eine Art von sonderbarer Achtung in der Nähe solcher Wesen beschleicht; wir fühlen die gestörte Harmonie und vermuten dabei, dass irgendeine Geisteskraft, wenigstens für Augenblicke, um so höher gesteigert werde.«
»Das kann wohl sein«, sagte der Alte, »denn wirklich spricht der Kranke so in seinen Abwesenheiten manchmal recht nachdenkliche Sachen. Wenn er am Abend an seinem Tisch sitzt und liest, und wir sprechen dies und das vom Ackerbau, von Einrichtung und Verbesserung der und jener Sache, oder von Familienangelegenheiten; wir alle glauben, er hört gar nicht hin, und mit einemmal wirft er dann ein paar Worte nur so hinein, und alle Schwierigkeiten sind gelöst, über die wir uns den Kopf zerbrechen.«
»Niemals«, erwiderte der alte Bauer, »er hält im Gegenteil alle Weiber und Mädchen für viel geringere Wesen, als die Männer und lässt sich auch nur ungern in Gespräche mit ihnen ein. So ist er denn nun für unsere Feldarbeit und den Haushalt ein verlorner Mensch, das Wohl und Weh der Familie kümmert ihn nicht, er scheint auch alles vergessen zu haben, was er in der Jugend gelernt hat. Nur eine sehr merkwürdige Gabe hat sich seitdem an ihm gezeigt. Wir hatten vor vielen Jahren nur wenige Bienen; jetzt bauen wir außerordentlich viel Honig und verkaufen ihn und das Wachs vorteilhaft. Diesen ungewissen Teil der Landwirtschaft verwaltet er nun ganz allein: er hat sich der Sache bemächtigt und sie in Flor gebracht, ohne gegen uns nur ein einziges Wort darüber zu verlieren. Und wunderbar ist er für diese Verrichtung begabt. Noch niemals hat ihn eine Biene gestochen, und doch zieht er weder Handschuhe an, noch trägt er die Kappe vor dem Gesicht. Die kleinen klugen Tierchen haben Vertrauen und Liebe zu ihm, und er kann alles mit ihnen anfangen, was er nur will. Er kann in den Körben hantieren nach Herzenslust, sie lassen ihn gewähren; beim Ausnehmen des Honigs, bei allem, was er tut, stören sie ihn nie. Fast wunderbar ist es, wie sie ihm folgen, wenn sie schwärmen. Er kann sogleich jeden Schwarm, der sich verflogen hat, wiederfinden, und sie kehren mit ihm wie gehorsame Kinder zurück, wohin er sie haben will. Das wissen auch alle unsere Nachbaren und die Bienenwirte auf den anderen Dörfern. Sie kommen sehr oft und sprechen seine Hülfe an, und er schafft ihnen immer die Wegläufer wieder. In diesem Tun ist er auch unermüdlich und großmütig dabei, denn er nimmt von den Fremden nie was für seine Arbeit, wenn er auch Tage und Nächte darauf verwendet, die verschwärmten Bienen zu finden und einzufangen, unsern Honig verkaufen wir, und er fordert nie etwas davon, wenn wir es ihm nicht freiwillig geben.«
Als der Greis sich wieder entfernt hatte, und den Freunden ein einfaches, kräftiges Mahl aufgetragen war, sagte Elsheim nach einer Weile: »Ist dieser Bauer nun in seiner Umgebung und Bestimmung nicht so glücklich, als der Mensch es nur sein kann? Es gibt viel Unglück auf Erden – wer zweifelt daran? – aber die Hälfte davon zimmern sich doch die Menschen selbst mit großer Mühe zusammen.«
»Gewiss«, sagte Leonhard, »durch ihre stachelnden Leidenschaften; aber doch sind uns diese wieder vom Schicksal verliehen, wir können und dürfen ohne sie nicht sein: und so dreht man sich doch wieder im Zirkel, denn von diesen Unglückstiftern rührt doch auch das Große und Edle her.«
Als die größte Mittagshitze vorüber war, kam der alte Bauer wieder und sagte: »Wollen die Herren vielleicht den Kaffee, oder noch ein Glas Wein jetzt auf der andern Seite des Hauses nach dem Garten zu trinken?«
Die Sonne war in der Tat näher gerückt und hatte die zauberhafte Dämmerung etwas gelichtet. Sie gingen durch das große Haus, und der Wirt sagte, als sie im Garten standen: »Die Einrichtung mit meiner Linde hat Ihnen dort wohl gefallen, dass ich Ihnen noch diesen zweiten alten Lindenbaum zeigen will. Hier auf dieser Seite ist es nachmittags am kühlsten und anmutigsten. Ich habe den Baum so künstlich verschnitten, dass er oben eine große dichte Blätterlaube macht. Nun gehen wir hier eine ziemlich hohe Treppe hinauf und sitzen oben im Schatten und sehen über den Garten weg in die weite Landschaft hinaus.«
Oben war eine große Tenne, von glatten Brettern gefugt; der Baum schützte gegen Regen, Luft und Wind, und der Blick nach den fernen Gebirgen, Wäldern und dem nahen Flusse war reizend. Der Alte freute sich, dass die Gäste überrascht und von der bequemen Anstalt, sowie von der Landschaft, entzückt waren. »Ja, ja«, sagte der Alte lächelnd, »wir gemeinen Leute haben denn auch unsere Einfälle und sozusagen besonderen Prachtanstalten. Sie glauben nicht, meine Herren, wie gern ich von hier aus die Sonne untergehen sehe; sooft ich mich abmüßigen kann, sitze ich alsdann hier gegen Abend in meinem hölzernen alten Lehnstuhl. Nun ist es rührend, wenn nach und nach die Abendröte verschwindet, und ein Sterngebild nach dem andern aus dem dunkeln Himmel heraustritt. Da fällt mir vielerlei ein, Rührendes und Erfreuliches. Absonderlich ist es, wenn es nun immer stiller wird, und sie drin im Hause die Lichter anzünden. Zwischen den grünen Weinranken nehmen diese sich nun von hier und die helle Stube hinter dem Laub und die Schatten von meinen Kindern, die auf und abgehen, recht wunderbar aus. Ich habe manchmal gewünscht, ich könnte das mir alles so abmalen.«
Es gibt eine stille Passivität, die, ohne zu beobachten und ohne sich des Eindrucks bewusst zu werden, in manchen Stunden die Natur wohl am würdigsten genießt. Der Weihe dieses Quietismus ergaben sich die Freunde, als der redselige Alte sie wieder verlassen hatte. Endlich besann sich Elsheim zuerst wieder und sagte: »Was hindert mich denn, diese bäuerliche Erfindung auf meinem Gute nachzuahmen? Mögen die Enthusiasten der englischen Gartenkunst die Nase rümpfen, soviel sie immer wollen, ich werde es ganz gewiss tun. Hier sitzen wir wie Vögel in einem größeren Nest; und ein Liebster mit seiner Braut, Mann und Frau, eine einträchtige Familie, für diese und poetisch gestimmte Menschen ist das ja ein himmlischer Platz. Und für zwei junge Freunde, wie wir hier vorstellen, ja wahrhaftig auch. Mir ist hier zumute, als wenn wir die Figuren aus einem dichterischen Märchen wären. Ich erinnere mich dunkel, einmal gelesen zu haben, dass eine trauernde Schöne den Leichnam ihres jungen Geliebten auf einer Linde hegt und betrauert: da muss sich der Dichter doch wohl einen solchen Luftsaal gedacht haben.«
»Welch Entzücken«, sagte Leonhard, »würde wohl mancher ausrufen, um eine solche Alltäglichkeit! Denn diese Anstalten, mein poetischer Freund, sind wirklich bei Bauern und Bürgern nicht so selten, als du zu glauben scheinst. Ihr vornehmen gebildeten Leute beachtet nur so was selten, und in den Reisebeschreibungen steht es nicht verzeichnet.«
In der besten Laune fuhren sie bei eintretender Kühlung jetzt weiter. Der alte Bauer nahm einen so herzlichen Abschied von ihnen, als wenn er sie schon seit Jahren gekannt hätte, und die jungen Leute konnten sich auch bei dem Gedanken, diese Stelle vielleicht nie wiederzusehen, einer gewissen Rührung nicht erwehren.
»Der Himmel verhüte böse Vorbedeutungen«, sagte Leonhard lachend; »aber freilich, wer kann wissen, was uns bevorsteht, und besonders mir, da ich in ein fremdes Haus und unter lauter Unbekannte trete? Ich bin so gar nicht daran gewöhnt, mit fremden Menschen zu verkehren, dass es mir sehr schwer ankommen wird, meine Verlegenheit zu überwinden.«
»Sobald du dir vertraust« – antwortete Elsheim –, »sobald weißt du zu leben; damit spricht eigentlich dieser gewandte Geist das ganze Geheimnis aus. – Die Menschen fürchtet nur, wer sie nicht kennt, und wer sie meidet, wird sie bald verkennen. – Dies lehrt uns auch unser Dichter bei einer anderen Gelegenheit, und es wäre unbegreiflich, wie die Menschen diese so naheliegenden Überzeugungen so oft nicht finden, wenn wir nicht wüssten, dass das Allernächste gerade das ist, was so oft nicht erkannt wird.«
»Zuerst meine Mutter,« antwortete Elsheim, »eine stille, behagliche Frau, die dich in nichts genieren und hindern wird. Dann aber einen lieben Jugendfreund, der nur etwas älter ist, als ich, den Baron Mannlich. Sein kleines Gut liegt nur eine Stunde von dem meinigen, und er war kurz zuvor, ehe ich die Universität besuchte, mein täglicher Gesellschafter, ja in einem gewissen Sinne mein Lehrer. Mir ist es immer sehr merkwürdig gewesen, von Bekannten, sowie von berühmten Männern verschiedener Nationen diejenigen ihrer Freunde kennenzulernen, mit denen sie sich in der Jugend verbrüderten. Jeder Jugendfreund, auch wenn er jenen Bekannten völlig unähnlich erscheint, ist doch wie ein Glied von ihnen anzusehen, und keiner ist noch gewesen, der sich von dem Einfluss dieser Umgebungen hätte lossagen können. Die Erinnerung an das Wesen dieser Freunde, an ihre Gesinnungen und Meinungen wirkt noch spät fort, und sie bleiben ein Maßstab, um vieles Ungekannte, Seltsame, oder Lehrreiche zu erproben. Darum ist auch wohl schlechte Gesellschaft in der Jugend so gefährlich, weil es auch dem starken Charakter kaum möglich ist, alle Eindrücke, die sich in solcher Umgebung bilden, wieder auszutilgen.«
»Auf mich«, unterbrach ihn Leonhard, »kann diese Beschreibung nicht passen. Denn, nachdem ich die Schule und die Lehrjahre überstanden hatte, trieb mich mein Beruf und die Neigung in die Fremde und auf Reisen. So knüpfte ich allenthalben nur wandelbare Bekanntschaften und Freundschaften an, und nur wenige junge Gesellen meines Standes sind mir so lieb geworden, dass ich mich noch jetzt ihrer gern erinnern sollte.«
»Ist es mir denn nicht auf ähnliche Art ergangen?« sagte Elsheim; »auf der Universität fand ich nur selten einen Jüngling zu welchem ich Zutrauen fassen konnte, und als ich bald darauf meine Reisen antrat, erging sich mein flüchtiges Leben wie aus einem Schauspielsaal in den andern. Ich bin nachher nie wieder mit jemand so vertraut geworden, wie ich es mit dir auf der Schule war. Darum suchte ich dich auch gleich wieder auf, als ich von meinen Reisen zurückkam, um mich wahrhaft an deiner Jugend zu erwärmen, da mein Herz in den vielen vornehmen Zirkeln wie erfroren war. Deshalb müssen wir auch immer in wahrer Freundschaft vereinigt bleiben.«
»Mir kann oft bange werden«, erwiderte Leonhard, »wenn ich in meiner kurzen Erfahrung so oft gesehen habe, wie engverbundene Menschen sich trennen, selbst hassen, zuweilen um Kleinigkeiten, oder weil sie Klätschereien zu leichtgläubig ihr Ohr liehen.«
»Da kommen wir auf den Punkt«, fiel der Baron lebhaft ein, »dass es nur so wenige selbständige Menschen gibt. Zu diesen schwachen wollen wir aber nicht gehören. – Dieser Baron Mannlich, von dem ich dir sagte, ist eine schöne, schlanke Gestalt; sein Blick ist frei, sein Betragen edel; er hat in einem gewissen Zeitraum den allergrößten Einfluss auf mein Wesen und meine Bildung gehabt. Wenn ich oft verwirrt mich umtrieb, so zeigte er sich immer klar und fest. In meinen Ansichten über Literatur und Kunst hat er mir vorzüglich fortgeholfen und mich in meiner Liebe zur Poesie gekräftigt. Denn oft ist ein Fingerzeig eines stärkeren Geistes hinreichend, um uns auf lange Zeit in der richtigen Bahn fortzuhelfen.«
»Wohl dem«, sagte Leonhard etwas kleinlaut, »dem das Schicksal solche Freunde zuführt; es kann nichts Kläglicheres geben, als in seiner Umgebung immer der Klügste zu sein, und leider war das unter meinen Zunftgenossen nur zu oft mit mir der Fall. Man lernt auch wohl einmal vom Geringsten, aber das Schulgeld ist dann zu teuer. Der Verlust an Zeit und Stimmung in schlechter und mittelmäßiger Gesellschaft ist ein Kapital, welches die meisten Menschen viel zu gering anschlagen.«
»Auf meinen Mannlich«, fing Elsheim wieder an, »habe ich bei unserm Komödienspiel am allermeisten gerechnet. Er besitzt ein herrliches Talent zur Darstellung, und seine Stimme ist die schönste, die ich jemals gehört habe; darum ist er auch der beste Vorleser, den man finden kann, und die kleine Eitelkeit ist ihm zu verzeihen, dass er nicht leicht, wenn er zugegen ist, jemand anders in der Gesellschaft etwas laut vortragen, oder deklamieren lässt. Von den übrigen Menschen, die du wirst kennenlernen, will ich dir jetzt noch keine Beschreibung machen, du wirst sie selber zu würdigen wissen. Zwei schöne Mädchen finden wir, die Fräulein Charlotte Fleming und Albertine Fernow: die letzte wirklich, wie ihr Name, etwas albern. Sie sind uns weitläufig verwandt und wohnen im Sommer mit einer alten Tante oft bei meiner Mutter. Diese Albertine, so wünscht meine Familie, habe ich schon im vorigen Jahre heiraten sollen, und man ist mir böse, dass ich so bestimmt ausgewichen bin. O über die Ehen und über die Sucht so vieler guten Menschen, sie zu stiften! Wer einem andern zu einer mißlichen Spekulation riete, und jener scheiterte daran und würde bankerott, der würde es bereuen und sich Vorwürfe machen; darum hüten sich die Klügern, hierin zu überreden; aber zu dem noch größeren Wagestück, die Menschen in die Ehe hineinzuschwatzen, sind so viele, besonders ältere Frauen, unermüdlich.«
Als es Abend geworden war, rief Elsheim plötzlich: »Nun, siehst du, Kind, da liegt das Nest vor uns, in dem ich geboren bin und die ersten Kinderspiele trieb!«
Leonhard sah ein großes Gebäude vor sich, das mit großen Linden umgeben war, aus welchen die einzelnen Teile hervorschienen. Waldbekränzte Hügel zeigten sich in der Nähe; die Häuser der Bauern waren geräumig, und Reinlichkeit schien Wohlstand zu verkünden. Man hielt an; Bediente öffneten den Wagen, und ein kleiner alter Mann mit entblößtem weißgepudertem Kopf folgte ihnen; er war in grauem Rock, schwarzseidenen Unterkleidern und weißen seidenen Strümpfen; die zierlichen Manschetten hoben die Feinheit der kleinen Händchen noch auffallender hervor. Er verbeugte sich tief, als der Baron ausgestiegen war, und Leonhard, der nach dem Freunde den Wagen schnell verließ, erwiderte die Begrüßung mit einer ebenso tiefen Verneigung. »Ja«, sagte Elsheim, »das ist mein guter Joseph, ein altes, liebes Inventarienstück unseres Hauses, der Kammerdiener meiner Mutter.« – Leonhard folgte mit einiger Beschämung, weil er den netten geputzten Alten für einen Baron oder Grafen gehalten hatte.
Leonhard saß am anderen Morgen angekleidet am Fenster und schaute über den Garten hinaus in das grüne Feld und zu den benachbarten Hügeln hinauf. Er war früh erwacht und fühlte sich wohl und erheitert, den erquickenden Duft des Morgens einzuatmen. Es freute ihn, einmal so ganz auf dem Lande einige Wochen zubringen zu können, und indem er nach dem nahen Franken hinüberblickte, erwachten alle seine jugendlichen Erinnerungen mit frischer Kraft, und alle Jahre, welche dazwischen lagen, entschwanden seinem Gedächtnis.
Er ging dann in dem geräumigen hohen Zimmer gedankenvoll auf und ab, als der alte Joseph, zwar im Oberrock, aber doch nett frisiert und mit der frischesten Wäsche hereintrat, um ihn zu fragen, ob er das Frühstück auf sein Zimmer befehle, aber ob er es in Gesellschaft der gnädigen Frau und des jungen Barons einzunehmen gedenke. Leonhard entschied sich für das letzte, und Joseph empfahl sich mit einer tiefen Verbeugung, indem er sagte, dass man den Herrn Professor also unten in einer Viertelstunde erwarten werde. Leonhard war wieder, so wie gestern abend beim ersten Eintritt in das Haus, rot geworden. Sein junger Freund störte die beschämenden Betrachtungen, denen er sich eben hingeben wollte, indem er ihn umarmte und sich teilnehmend und herzlich nach seiner Nachtruhe und seinem Befinden erkundigte. »Meine teure Mutter«, sagte er dann, »darf dich auf keine Weise genieren; sie ist die beste Frau von der Welt, gönnt jedem alles Gute und liebt ihren Nächsten ohne Ausnahme von ganzem Herzen. In ihrer Achtung, Hochachtung, Verehrung und Ehrfurcht macht sie jedoch natürlich verschiedene Abteilungen aber nur, wenn es die Not und Etikette erfordert. Ich kann dich versichern, Geliebter, dass du gestern beim Abendessen schon ihr ganzes Herz gewonnen hast. Und es ist wahr, ich habe mich selbst darüber gewundert, wie du mit deiner stillen Bescheidenheit diese ungesuchte Aufmerksamkeit, mit deiner natürlichen Weise diesen feinen Ton verbinden konntest. Wir bilden uns so oft törichterweise ein, so etwas werde nur in unsern, oft so langweiligen Zirkeln errungen.«
»Ich hoffe«, erwiderte Leonhard, »dass mich bald diese ängstigende Verlegenheit verlassen wird, und ich mich in allen diesen Torheiten freier bewegen lerne.«
»Lass nur erst«, sagte Elsheim, »den Schwarm, die Gesellschaft, die Weiber kommen, so wirst du es so gewohnt, dass die Einsamkeit dir nachher vielleicht drückend wird.«
Sie gingen hinab und fanden die Mutter, welche sie freundlich, aber mit einer gewissen Feierlichkeit begrüßte. Indem rief der Baron: »Ei, wer kommt da herangesprengt? Was ist das für ein dicker Mann?«
»Kennst du denn deinen intimen Freund nicht mehr?« erwiderte die Mutter; »er hat sich zwar in den fünf Jahren, dass du ihn nicht sahest, etwas verändert, aber er ist doch nicht unkenntlich geworden.«
»Ist es möglich?« rief der erstaunte Sohn aus, »ja, ja, er ist es! Aber wie ist der Mann stark geworden! Er ist ganz verwandelt und nur mit Mühe wiederzuerkennen.« Der Baron war schnell vom Pferde gestiegen, und sowie der große wohlbeleibte Mannlich in die Türe trat, flog Elsheim in seine Umarmung und rief: »Oh, mein Adolph! sehen wir uns endlich nach so manchem Jahre wieder?«
Der Baron Mannlich, als der ältere, erwiderte die Begrüßung mit Herzlichkeit, aber gelassener, und beide Freunde betrachteten sich stumm; dann fragten und sprachen sie allerlei Unbedeutendes durcheinander, wie es bei dergleichen Szenen des Wiedersehens wohl zu geschehen pflegt. Es wollte in ziemlich langer Zeit kein eigentliches Gespräch in den Gang kommen. Mannlich redete dann die Mutter an, und begrüßte auch den Fremden mit Teilnahe, welcher auch ihm als Architekt und Professor Leonhard vorgestellt wurde.
Leonhard begab sich so bald als möglich nach dem großen Rittersaal, um ihn genau auszumessen und seinen Plan zu entwerfen, wie er am besten zu einem Theater eingerichtet werden möchte. Seine ehemalige Leidenschaft für das Theater kam ihm Jetzt sehr zustatten, da er so manche Bühne gemustert, ausgemessen und sich alle Erfordernisse derselben genau eingeprägt hatte.
Als er aus dem Fenster sehend die beiden Freunde im Garten erblickte, ging er hinab zu ihnen, und sie wandelten in den belaubten Gängen unter heiteren Gesprächen lange auf und ab. Der Mittag war gekommen, und man setzte sich in behaglicher Stimmung an die Tafel. Man war noch beim Nachtisch, als Besuch in mehreren Wagen ankam. Ein Mann von mittleren Jahren half einer alten und zwei jungen Damen aus einem offenen Wagen, und begab sich, nachdem er mit Anstand seinen Dienst verrichtet hatte, zu dem zweiten Wagen, um auch dort zu helfen. Vom zweiten Fuhrwerk hüpfte ein ganz junges, übermütiges Mädchen lachend herab, indem sie die Hand des Helfenden zurückstieß; ihr folgte ein Kammermädchen, und nach diesem ein ältlicher schlanker Herr, der sehr vorsichtig prüfend auf den Tritt und von dort zur Erde sich begab, indem er die angebotene Hülfe des Hülfreichen so sehr in Anspruch nahm, dass er sich von diesem fast mehr heben und tragen ließ, als dass er mit eigner Anstrengung auf den Boden gelangt wäre.
Nachdem die Begrüßungen im Saale mit förmlicher Freundlichkeit, oder kürzeren Redensarten, nach der Eigenheit der Charaktere, vorüber waren, und alle Platz genommen hatten, begann der wohlbeleibte Mannlich mit einiger Feierlichkeit: »Vereinigt sind nun die Hauptstützen oder die Träger unsers beabsichtigten Schauspiels, des Lieblingsstückes meines Freundes Elsheim, mit welchem er sich schon seit vielen Jahren beschäftigt hat. Er hat es für uns eingerichtet, und ich werde noch einige Verbesserungen für die bequemere Aufführung vorschlagen; aber zugleich erbitte ich mir die Erlaubnis, es den Teilnehmern nachher in seiner originalen Gestaltung vortragen zu dürfen. Denn es ist natürlich, dass in unserer Umgestaltung und Abkürzung manche Motive, Andeutungen, Charakterzüge und dergleichen mangeln, die der Darsteller sich einprägen muss, um nicht vielleicht völlig in die Irre zu geraten. Wir haben nicht gewagt, aus eigener Erfindung dem großen Dichter etwas zuzusetzen, und es ist daher um so nötiger, sich mit dem Original recht vertraut zu machen, um nicht vielleicht aus Unwissenheit der Absicht des Poeten geradezu entgegenzuarbeiten.«
Er sah mit seinen großen blauen Augen im Kreise umher; der ältliche umständliche Herr nickte ihm sehr lebhaft Beifall zu, die Damen schlugen die Augen nieder, und jener Hülfreiche, der Mann von mittleren Jahren, ein Herr Emmerich, fragte mit kurzem und bestimmtem Ton: »Und wie besetzen Sie das Stück, da Sie doch der Direktor der Anstalt zu sein scheinen?«
»Es lässt sich nicht alles, was wir etwa wünschen, vereinigen«, erwiderte Mannlich sehr gesetzt: »Wunder genug, dass wir die Sache nur auf unsere Art zustande gebracht haben, es gehörte der ganze Enthusiasmus unseres Freundes dazu, die ungeheure Unternehmung möglich zu machen. In jeder großen Bestrebung, die sich vom Alltäglichen losreißt, muss man gleich bei der Ausführung derselben auf einen gewissen Abfall rechnen, auf Späne, die, indem sie das Brett formen, dieses auch dünner und schwächer machen.«
»Wenn uns alle Bildung feiner macht«, sagte in seiner trockenen Weise jener Hülftätige, »Professor Emmrich, so müssen wir freilich gehobelt werden, aber, was zu wünschen ist, von geschickter Hand, damit nicht unsere Stärke selbst mit in die Späne geht. Die Ausbildung so vieler besteht darin, dass sie ganz aus der Menschheit hinausgebildet werden, wie dort das kleine, zu fein gedrechselte Wandschränkchen, an das man nur drücken dürfte, um es völlig zu vernichten.«
Leonhard sah mit prüfendem Auge nach dem Möbel, und da er ihm ziemlich nahe saß, konnte er es nicht unterlassen, aufzustehen, um es ganz in der Nähe zu untersuchen, indes Mannlich etwas hochfahrend antwortete: »Der Herr Professor Emmrich kann es doch nie unterlassen, witzig zu sein. Brechen wir aber diese Tischler-Gleichnisse ab, in die wir geraten sind, ich weiß nicht wie.«
Bei dem Worte Tischler eilte Leonhard, indem er sein Erröten fühlte, zu seinem Sitze zurück. Mannlich, der seine Schlußworte mit einem belobenden Lächeln begleitete, indem er sich zum Professor wendete, fuhr nun so fort: »Man hat mir die Ehre erzeigt anzunehmen, dass mein schwaches Talent für die Darstellung des Götz, des Hauptcharakters, nicht ganz ungeeignet sei. Mein Jugendfreund, Baron Elsheim, wird nach unserem Übereinkommen die schwierige Rolle des Weislingen übernehmen, ich bin überzeugt, sein schönes Talent, sein edles Sprachorgan, sein Gefühl werden diese Darstellung zu etwas Außerordentlichem erhöhen.«
»Weil ich dich kenne, spreche ich so«, erwiderte Mannlich. »Die höchst schwierige, aber auch reizende Rolle der Adelheid haben wir in unserm Rat für das liebenswürdige Fräulein Charlotte Fleming bestimmt.«
Charlotte erhob das edle blasse Antlitz und sah den Sprechenden mit ihrem feurigen dunkeln Auge fragend an; Leonhard hatte sie bis jetzt kaum bemerkt, aber in diesem Moment erschien sie ihm großartig und schön, und er verwunderte sich darüber, wie man diese Schweigsame nicht mehr beachte. Er vernahm nicht genau, was sie bescheiden einwendete, noch wie sie der Schauspieldirektor beschwichtigte, weil er den Bewegungen ihrer Mienen, den Gebärden ihrer Hände folgte und den einfarbigen, aber angenehmen Ton ihrer Stimme als Klang an sich selbst so eindringlich fand, dass er den Inhalt der Rede überhörte. Er wurde aus dieser Zerstreuung durch die lebhafte Rede Albertinens, des zweiten Fräuleins, geweckt, die mit Scherz und Ernst gegen ihre Rolle der Maria protestieren wollte; der Ton ihrer Stimme war hell und silberrein, die Zunge schnell, ohne doch die Worte zu übereilen; so bestimmt sie sich ausdrückte, so fühlte man in der Weichheit des Akzents doch, dass sie sich überreden lassen würde und nicht ungern; es herrschte, mit einem Wort, jene Anmut in ihrem eifernden Protest, die den kleinen Verstellungen und unschädlichen Unwahrheiten der edlern Geselligkeit einen so großen Reiz verleihen.
»Und nun« – fing die kleine, mutwillige Dorothea an – »die größte Schauspielerin, mich, übersehen Sie so ganz, kunstreicher Baron? Ich hatte mir auf die Adelheid Rechnung gemacht und dachte das ausbündige Laster so recht glänzend darzustellen, dass alle Welt die Tugend nicht mehr achten sollte – aber Sie –«
»Gedulden Sie sich, Fräulein von Selten«, sagte Mannlich, »für diesmal können Sie nur mit einer Zigeunerin abgefertigt werden, wenn Sie nicht vielleicht die höchst schwierige Aufgabe des Franz übernehmen möchten.«
»Nein!« rief die Kleine aus, »den verdrehten Enthusiasten, der von Anfang zu Ende außer sich ist, will ich auf keinen Fall den hat ja auch schon der Bruder Albertinen, der Cadet; folglich bleibt mir die Zigeunerin, wenn man mir nicht vielleicht ihr Gegenteil, die höchst ehrbare Elisabeth, anvertrauen will.«
Da erhob sich Mannlich und ging mit edlem Anstand zur alten Dame, die mit den beiden Fräulein gekommen war und sagte: »Aus dieser Not, Fräulein, rettet uns Ihre liebenswürdige, vortreffliche Tante.«
»Sie selbst, Verehrungswürdige, und keine andere«, antwortete Mannlich. »Ich weiß auch, Sie werden sich dem nicht entziehen; ich kenne Ihr Talent und ebenso Ihre Gutmütigkeit, die es nicht über sich gewinnen kann, anderen eine Freude zu verderben.«
»Lieber Baron«, sagte die alte Dame in einiger Verwirrung, »vor zehn oder zwölf Jahren hätte ich Ihren Vorschlag vielleicht nicht so ganz unannehmlich gefunden, denn Sie wissen wohl noch, dass ich mich damals verleiten ließ, mit einigen Befreundeten allerhand Stücke, die damals in der Mode waren, aufführen zu helfen; aber seitdem bin ich aus der Übung, ich habe den Mut, oder Übermut, der dazu gehört, völlig verloren. Und hätten Sie mir wenigstens von Ihrer sonderbaren Zumutung etwas geschrieben, damit ich mich hätte vorbereiten können.«
»So wären Sie uns gewiss gar nicht gekommen, Vortrefflichste«, erwiderte Mannlich, »und daher bediente ich mich dieser kleinen Kriegslist und dieses Überfalles, um Sie für uns zu gewinnen. Ich habe in früheren Zeiten Ihr Talent kennengelernt, Sie werden Ihr Gedächtnis nicht ganz verloren haben, und wenn Sie erwägen, dass ohne Ihre gütige Beihülfe alle unsere Anstalten zusammenbrechen müssen, so werden Sie sich uns gewiss nicht entziehen.«
Da die beiden Nichten auch schmeichelnd und liebkosend ihre Bitten vortrugen, so ergab sich endlich die freundliche Tante darein, die Rolle der Elisabeth zu übernehmen.
»Sie sind Sickingen, Professor«, erwiderte Mannlich, »und wenn Sie Ihrem edlen Gesicht einen etwas freundlichern Ausdruck geben, so wird der brave Rittersmann sich in Ihrer Darstellung uns sehr lebhaft vergegenwärtigen.«
»Es ist nicht zu vermeiden«, antwortete Mannlich, »dass mancher von unserer ungeübten Gesellschaft in diesem so reichen Lebensschauspiel wird zwei, vielleicht sogar drei Rollen übernehmen, wie es ja auch wohl früher mit diesem Stücke auf unseren großen, gut eingerichteten Theatern geschah. Unser Professor Lorenz hier zum Beispiel –«
»Nun also«, fuhr Mannlich fort, »dieser junge treffliche Mann eignet sich ganz zum Lerse; auch bin ich überzeugt, dass er den Bruder Martin vortrefflich geben wird. So spielte ja auch der große Schröder vor jetzt ungefähr dreißig Jahren, als er das Stück in Hamburg auf die Bühne brachte, diese beiden Personen und den Abt von Fulda obenein.«
»Sehen Sie«, rief Dorothea, »dass Schröder die hübschen Geschichten und Späße mit Liebetraut, Olearius und dem Abte nicht ausgelassen hat. Der verstand die Sache. Wir kriegen gewiss nach Herrn von Elsheims Abkürzungen nur das Erbärmliche der Geschichte, und das Lustige geht uns verloren.«
»Nein«, sagte Mannlich ganz ernsthaft, »das ist der Teil, der unserm würdigen Freunde da, dem Grafen Bitterfeld, zugefallen ist, und der ihn auch gewiss würdig repräsentieren wird.«
»Ein Priester!« rief der Graf aus, »so ein abergläubischer Pfaffe? Es ist eigentlich gegen meine Grundsätze; indessen da er doch ein Bischof ist und, soviel ich mich erinnere, nicht vielen katholischen Fanatismus auskramt, so will ich mich für diesmal zu diesem Opfer bequemen. Nur, bitte ich, soll es mir zu keinem Präjudiz gereichen, als wenn ich etwa, wie so manche guten Köpfe unserer Tage, zum Katholizismus hinüberneigte.«
»Sie können ja noch den Anführer der Reichsarmee übernehmen, oder den Kaiser Maximilian, um jenen Verstoß gegen die Rechtgläubigkeit wiedergutzumachen!« sagte Elsheim.
»Es passt zum Stück«, sagte Mannlich sehr vergnügt, »und Sie können gewiss auch noch eine Gerichtsperson von Heilbronn übernehmen, denn solche Talente, wie die Ihrigen, müssen wir recht gewaltig in Requisition setzen.«
»Still, Professor!« erwiderte Mannlich mit schlauer Miene, »es ist für alles gesorgt. Wir haben im nächsten Dorf einen Schulmeister, der früher Korporal war, und dem im Kriege das linke Bein weggeschossen wurde. Dieser, wenn er sich seiner ehemaligen Husarenlaune nur etwas erinnert, wird uns den rauhen Kerl ganz herrlich hinstellen, wozu noch der Vorteil und Verzug kommt, dass er ein echtes wahrhaftiges hölzernes Bein mit sich führt. – Den Zigeunerhauptmann, lieber Elsheim, wird dein alter treuherziger nußbrauner Förster vorstellen, und zum Gesindel, den Reichstruppen, Knechten und so weiter müssen wir dann freilich noch die Klügsten der Dienerschaft aussuchen, denn so ein Privattheater macht mehr noch, als die Revolution, alle Stände und Menschen gleich.«
Man lachte, und die Frau des Hauses, die Mutter des Barons Elsheim, entfernte sich jetzt, weil sie der Vorlesung des Stückes nicht beiwohnen wollte. Da es ihr ganz unbekannt war, zog sie es vor, sich durch die Darstellung überraschen zu lassen und der Neugier und Spannung freien Raum zu geben.
Die Vorlesung währte länger, als drei Stunden. Der Rezitierende hatte viele Not, Wasser, Zitronen und Zucker einzurichten, um in den Pausen seine ermüdete Stimme neu zu beleben. Als er geendigt hatte, nahm der Graf Bitterfeld den jungen Elsheim beiseit und sagte: »Es ist ein außerordentlicher Mann mit den wunderbarsten Gaben! Es ist kaum möglich, mehr Talente in sich zu vereinigen. Hat er uns nicht das ganze große ungeheure Stück so in einem Anlauf vorgelesen, dass man erst recht fühlt, wie das Ganze ein einziger Guß, ein mannigfaltiges vielstimmiges Konzert in schönster Harmonie ist? Wie groß allein die körperliche Anstrengung, und was muss nun erst in seiner Seele alles vorgehen! Solche Männer, wie unser Baron, sollte der Staat benutzen. Aber daran denkt niemand.«
Doch konnte Leonhard lange nicht einschlafen, so lebhaft bewegten sich vor seiner Seele die mannigfaltigen Bilder und Erinnerungen von dem, was er am Tage gesehen und erlebt hatte. Und wie es zu geschehen pflegt, dass von verschiedenartigen zerstreuenden Eindrücken, von allerlei Vorfällen und Reden, die wir nicht vergessen können, überwältigt, wir uns selbst verlieren, so geschah es Leonhard, dass er sich, sein Gemüt und Wesen, und seine längst eingewohnten Überzeugungen nicht wiederfinden konnte. So nahe war er in seinem bisherigen Lebenslauf den höheren Ständen noch niemals gekommen, so frei und ungezwungen hatten die Menschen dieser Art ihre Gesinnungen noch niemals vor ihm entfaltet. Sollte er seine Gefühle Lügner schelten, oder sollte er seine Beobachtung sich selber ableugnen! Die wunderlichsten Traumgestalten erlösten ihn endlich von diesen quälenden Betrachtungen.
Als man sich am folgenden Tage an die Tafel begeben wollte, sagte der Baron Mannlich zu Elsheim: »Freund, welchen Schatz hast du an diesem Architekten Leonhard in dein Haus geführt! Mir ist noch niemand vorgekommen, der einen so auf das halbe Wort verstände. Das Theater gerät durch seine Einsicht ganz vortrefflich, und wir werden acht Tage früher fertig werden, als ich es dachte, denn er scheut sich nicht, selber mit Hand anzulegen, wenn deine dörflichen Tischler sich oft sehr ungeschickt benehmen. Der Mann hat gewiss Italien mit großem Nutzen besucht. Aber warum vermeidet er, Französisch zu reden, obgleich sein Akzent nicht der schlechteste ist? Ich würde bei seinen Talenten und Kenntnissen in meinem Benehmen und Sprechen nicht so schüchtern und bescheiden sein.«
Elsheim war bei Tische sehr vergnügt und neckte sich mit der muntern Dorothea, neben welcher er seinen Platz genommen hatte. Leonhard saß neben Fräulein Charlotte und war erstaunt und ergriffen, sooft sie sich in die Gespräche mischte und laut eine Meinung äußerte. Denn meistenteils saß sie schweigsam und in sich gesammelt und schien kaum das zu beachten, was in ihrer Nähe vorging, oder gesprochen wurde. Wenn sie aber in die Rede einfiel, oder einen Gedanken mitteilte, so schien dem verwunderten Leonhard alles so originell und von der gewöhnlichen Art und Weise abweichend, dass er es nicht begriff, wie diese Art zu denken nicht weit mehr Aufsehen erregte und als etwas Merkwürdiges von allen beachtet wurde.
Man sprach natürlich viel vom Theater, von den Einrichtungen desselben, den Proben und von der Wirkung, welche man von allen den Anstrengungen zu erwarten berechtigt sei. Es ward manches Glas auf das glückliche Gelingen des Abenteuers geleert, und Elsheim, der schon heiter gestimmt war, fing an ausgelassen zu werden. »Ihr Freund«, sagte Charlotte zu Leonhard, »ist heut in einem Humor, der ihm fremd sein muss, weil er sich so sehr von ihm hinreißen lässt und in seinen Scherzen übertreibt.«
»Ich versichere Sie, mein Fräulein«, antwortete Leonhard, »dass ich ihn schon sehr oft in dieser Manier gesehen habe, selbst in ganz nüchternem Mute. Diese poetische Trunkenheit bemeistert sich seiner in vielen Stunden, so dass er leicht von Altklugen, oder Moralisierenden missverstanden wird.«
»So sollte er immerdar so sein«, erwiderte Charlotte, »denn dies Wesen kleidet ihn viel besser, als jene Altklugheit, mit der er sonst auf andere Sterbliche herniedersieht.«
»Für zu weise wenigstens. Ich habe gestern beobachtet, dass er auf einige allerliebste Torheiten gar nicht einging, ja sie nicht zu bemerken schien. Und wie behandelt er meine Muhme Albertine! Er lässt es zu sehr heraus, dass er sie für ein Gänschen hält, und dass er in diesen Irrtum hat fallen können, beweist eben, wie wenig Menschenkenntnis er besitzt.«
Leonhard erinnerte sich der Geständnisse seines Freundes, und da ihm deutlich war, weshalb diesem Albertine unangenehm erschien, konnte er auch im Augenblick diesen Tadel und Vorwurf nicht beantworten oder widerlegen; Charlotte sah ihn von der Seite an und lächelte etwas boshaft. »Ich wette«, sagte sie dann, »ich weiß, was Sie jetzt denken.«
»Dass Sie eine Zauberin sind«, antwortete Leonhard, »braucht mir nicht erst daraus klarzuwerden. Doch erzählen Sie mir meine Gedanken, weil ich so vielleicht erfahre, wie ich denken sollte.«
»Sie denken im stillen«, flüsterte Charlotte, »die Frauenzimmer halten gut zusammen und stehen sich redlich bei; wenn beide ihren Verstand so gegenseitig vertreten, so bilden sie eine Assekuranz, die doch am Ende, wenn Mißwachs zu oft eintritt, bankerott machen muss.«
»Sie sind sehr unbillig«, antwortete Leonhard, »und Sie halten mich auch weder für so boshaft, noch so einfältig, dass Sie im Ernst so törichte Gedanken in mir argwöhnen könnten.«
»Denken Sie nichts Schlimmeres von mir«, erwiderte sie etwas scharf, »so werde ich mit Ihnen sehr zufrieden sein. O die Männer! die Männer! Liegt nicht in jedem Blick eine Satire auf unser Geschlecht, und in jeder Schmeichelei eine Verachtung unserer Schwäche?«
»Woher in dieser Jugend diese feindselige Gesinnung?« fragte Leonhard; »und woher bei so viel Schönheit solcher Mangel an Selbstvertrauen?« fügte er etwas schüchtern hinzu.
Sie wandte schnell das Haupt, und er blickte ihr in die dunkeln Augen. »Ihr Ansehen«, sagte sie dann, »ist recht ernstlich; wenn Ihr Blick auch, wie bei den meisten, Unwahrheit wäre, so hätten Sie es in der Verstellung weit gebracht.«
Leonhard wusste nicht recht, was er aus dieser Rede machen sollte. Es war ihm fast angenehm, dass man sich jetzt vom Tische erhob, obgleich ihn seine Nachbarin anzog, und ihr Wesen ihm wunderbar und rätselhaft erschien. Elsheim war so ausgelassen, dass er alle seine Gäste, die älteren und jungen Damen, keine ausgenommen, umarmte und küsste. Seine Mutter, die ihm warnende Vorstellungen machen wollte, drückte er mit so starker Herzlichkeit an sich, dass sie sich lachend und klagend von seinem Ungestüm befreite. Die Tante und die jungen Nichten, sowie Dorothea, gingen auf ihr Zimmer; Mannlich schloss sich ein, um seine Rolle zu studieren; die übrigen Herren fuhren spazieren, und Leonhard eilte mit seinem Freunde Elsheim in den Garten, um sich mit ihm in einer kühlen, einsamen Laube in Gesprächen zu ergötzen.
»Nun?« fragte Elsheim nach einer Pause, in welcher er den jungen Meister etwas schelmisch angeblickt hatte, »– wie gefällt es dir denn bei uns? Du siehst oft so nachdenklich aus.«
»Gesteh ich es dir nur«, erwiderte Leonhard, »ich bin verwirrt, zerstreut, ich kann mich gar nicht so fassen, bin nicht so sicher und ruhig, wie es mir zu Hause so natürlich war. Ich mache Erfahrungen, auf die ich nicht vorbereitet sein konnte, ich werde irre an meinen nächsten Überzeugungen, ich schwanke so hin und her, dass ich fürchte, ich möchte dir und mir unrecht tun, wenn ich in diesem Zustande etwas sagen, oder behaupten wollte.«
»Schon jetzt bist du so konfus?« rief Elsheim, »ich dachte, das alles sollte erst viel später kommen. Aber um so besser; deine Ruhe und Sicherheit können also auch früher wieder eintreten. Aber was kann denn deinen Sinn so erschüttern?«
»Ich kann es dir jetzt noch nicht sagen, lieber Freund, um dich nicht zu erzürnen. Vielleicht findet sich bald eine Stunde zu meinen Bekenntnissen. Ich habe wohl schon erlebt, dass aus einfachen Mißverständnissen und Irrtümern sich Entzweiung, selbst Feindschaft entwickelte. Sprechen wir von anderen Dingen.« – Alles dies sagte Leonhard fast wie verstimmt und furchtsam.
»Und ich lasse dich nicht«, rief Elsheim laut lachend, »diese Stunde ist zu schön, wir sind hier auf lange ungestört. Und wenn ich fast errate, was dir im Herzen steckt, oder wo dich der Schuh drückt – wie kannst du denn so lange auf dem Anstand bleiben und nur zielen und zielen, ohne loszudrücken?«
»So sei es denn gewagt!« sagte Leonhard mit einem komischen Seufzer. »Du sprachst mir unterwegs fast begeistert von einem Freund, der auf deine Bildung eingewirkt, der dir in Sachen des Geschmacks zur Richtschnur gedient, der dir beinahe als Ideal erschien, dessen Stimme du rühmtest, seinen Vortrag bewundertest, der-«
Eslheim sprang auf und umarmte den Redenden heftig, indem er wieder laut lachte. »Über diesen, liebster, allerliebster Junge und verehrungswürdigster Freund, geniere dich gar nicht! Rezensiere ihn, brich über ihn den Stab! Er soll dir völlig preisgegeben sein, denn wie du über ihn scherzest, oder ihn ernsthaft verurteilst, das kann mich nicht im mindesten beleidigen.«
Er hatte sich wieder an seinen Platz gesetzt, und Leonhard sagte etwas empfindlich: »Der Wein hat dich heut so stürmisch und ausgelassen gemacht, dass mir bange wird. So schonungslos du diesen alten Freund jetzt aufopferst, so kannst du mich auch vielleicht in einer ähnlichen Laune irgendeinmal wegwerfen.«
»Sei gescheit«, rief Elsheim, »sei nicht kindisch, verständiger Aufgeklärter. Das ist ein ganz anderer Fall. Ich werfe ja diesen trefflichen Mannlich nicht so unbedingt weg; ich kann aber mit einem wahren Freunde, wie du es mir bist, wohl frei über einen jugendlichen Irrtum sprechen und dreist bekennen, dass damals ein Star auf den Augen meiner Seele gelegen haben muss, eine blendende Kraft, ich habe den Brill gehabt, wie es unsere guten Vorfahren nannten. Das begegnet ja wohl in der heftigen Jugend, dass man sich irrt; man sieht dies und jenes am sogenannten Freunde, das uns stört, man hält es aber für gottlos, es in Rechnung zu stellen, ja es selbst zu bemerken. So taumelt man hin in einer sonderbaren Selbsttäuschung, bis man denn später erwacht.«
»Gewiss«, sagte Leonhard, »soll man aber seine Freunde nicht kritisieren; hat man aber auf Treu und Glauben jemand in Zeiten, in denen man noch nicht beobachten kann, als Freund angenommen, so ist es auch nichts Unerlaubtes, wenn man in reiferen Jahren Vertrauen und Liebe beschränkt, oder zurückzieht.«
»Sehr gesetzt gesprochen«, antwortete Elsheim, »und so will ich dir denn gern gestehen, dass ich in meinem Leben noch nicht so getäuscht worden bin, als in dem Augenblick, in welchem ich diesen meinen Mannlich wiedersah. Ich möchte sagen, dass er seit lange schon seine Natur und sein Wesen ausgezogen und irgendwohin, wie alte unbrauchbare Kleider, verkauft hat; so hat er sich nun eine Maske angeschafft, die sein Wesen vorstellen soll, eine treuherzige Biederkeit, die tapfer und gutmütig aussehen muss, eine Herablassung, wie wenn er alles am besten wisse und den andern nicht immerdar beschämen wollte. Man fühlt es ihm an, dass er nur mit Leuten umgeht, unter denen er stets der Klügste ist, oder es sich wenigstens zu sein dünkt. Nichts verdirbt den Mann so sehr und erniedrigt ihn nach und nach zum alltäglichsten Philister. Da hören wir nur lauter Phrasen, umständlich ausgesprochen, Dinge, die sich von selbst verstehen, oder die als ausgemachte Wahrheiten mit kalter Unumstößlichkeit gesagt werden, aber erst tausendfache Erörterungen verlangen, ehe sie uns für wahr oder verständlich gelten können. Enfin, er ist ziemlich unausstehlich.«
»Du hast vollkommen recht«, fiel Elsheim schnell ein, »wenn du diese Art vorzutragen völlig unausstehlich nennst. Diese hohle, gemachte Stimme, die in trockener Affektation das Edle und Natürliche aus drücken will. Er schenkt uns keine, auch der allerkürzesten Silben, er dehnt sie vielmehr auf fühlbare Weise. Unser sogenanntes stummes E wird zwar dadurch nicht beredt, aber wenigstens vorschreiend und langweilig. So entsteht, indem freilich nichts verlorengeht oder dunkel bleibt, eine so entsetzliche Deutlichkeit des Vortrags, dass von leisen oder geistigen Übergängen, von einem feinen, zarten Schwinden und Abfallen der Silben in Wehmut und Schmerz nicht mehr die Rede sein kann. So hat ja auch seine Vorlesung gegen vier Stunden gedauert.«
»Und wie wird erst sein Spiel ausfallen«, sagte Leonhard, »wenn seine Gebärden ebenso umständlich sind, wie seine Aussprache! Dann muss diese hohle Feierlichkeit einen merkwürdigen Effekt machen. Und so dürfte denn unser Lieblingsgedicht zu einer Parodie herabgewürdigt werden.«
»Nur«, fing Leonhard nach einer Pause wieder an, »hättest du an mir nicht einen kleinen Verrat begehen sollen, und mich ihm gewissermaßen opfern, da du selbst ihn ganz anders ansiehst, als vor einigen Jahren.«
»O mein Freund«, rief Elsheim aus, »deute nur nicht gleich jede Zufälligkeit so, wie einer, der kein gutes Gewissen hat. Ich schwöre dir, er lässt sich dergleichen von dir nicht träumen; er bewundert dich im Gegenteil als einen außerordentlichen Architekten und gelehrten Professor. Er hat dich höchlich gelobt, und erstaunt nur darüber, dass du selbst mit dem Hobel so gut umzugehen weißt. Die eigentliche Handarbeit solltest du daher auch lieber unterlassen.«
»Du kannst es dir nicht denken«, erwiderte Leonhard, »wie es einem tüchtigen Arbeiter in die Hände fährt, wenn er diese Meister vom Dorfe und diese Gesellen aus den kleinen Städten so ganz ungeschickt hantieren sieht. Man kann nicht lassen zuzugreifen, und dem linkischen Volk einige Griffe zu zeigen. Die Glieder sind bei vielen Menschen ebenso dumm, wie der Kopf. – Gibt es denn aber, mein Freund, viele solcher vornehmen Leute, wie dieser Graf Bitterfeld einer zu sein scheint?«
»Guter Leonhard«, erwiderte der Baron, »dieser Mann ist eigentlich der wahre einfache Typus unserer Klasse, und was drüber oder drunter ist, ist nur als Abweichung zu betrachten. Von allem etwas wissen und von nichts etwas Gründliches, Gründlichkeit und Tiefsinn, wo sie sich zeigen, zu verlachen und in demselben Augenblick eine ernste Miene, ja eine andächtige der Verehrung ziehen zu können, wenn man merkt, dass ein Höherer, oder Fürst diese Eigenschaften an diesem und jenem hochschätzt. Spricht er dann in seiner Familie, oder zu den Vertrautesten über den Fürsten, so ist die Achtung, welche er jenen Kenntnissen zollt, nur als Krankheit anzusehen; darüber sind denn auch alle Genossen einig, und zwar mit der festesten und kältesten Sicherheit. Alles ist ihm nur Erscheinung, vorübergehend aus Mode, außer dem Begriff des Adels, der Etikette an den Höfen, der Uniformen und des Ranges, den jeder bei Tafel, oder in den Assembleen einzunehmen hat. Alle Mesalliance bei Heiraten, vertrauter Umgang mit Bürgerlichen, Studium einer Wissenschaft, Absonderung und Meiden der großen Gesellschaft, alles dies erscheint ihm ebenso als Schwärmerei und Fanatismus, wie die Sekte der Wiedertäufer oder Adamiten.«
»Wenn du erfährst«, antwortete Elsheim, »dass einer der berühmten Kaunitze, ein Kobenzl ein enthusiastischer Komödiant war, der sich mehr als einmal durch diese Leidenschaft lächerlich machte; wenn du dich erinnerst, dass die unglückliche Königin von Frankreich und der Comte d'Artois auch gern Komödie spielten, den Herzog von Orleans und den Duc Conti nicht einmal gerechnet, so wird deine Verwunderung aufhören. Es ist seitdem als die Schwäche und Herablassung großer Charaktere anzusehen. Darum wird er auch auf dem Theater mit dem geringsten Spielenden freundlich und fast vertraut umgehen, denn Bühnenverhältnisse lösen noch mehr als Badebekanntschaften die Fesseln der Etikette.«
Leonhard fuhr fort: »Wenn sich mir deine Beschreibung des Baron Mannlich nicht bestätigte, so bin ich noch mehr an jener in Ansehung des Fräuleins Albertine irre geworden.«
»Sie ist ja so liebenswürdig, innig und kindlich freundlich, dass deine Schilderung gar nicht auf sie passt. Und ihre Stimme, ohne ihre anderen Vorzüge! Ich habe noch nicht leicht einen Ton gehört, der so unmittelbar zum Herzen spricht. Man braucht nicht einmal auf den Inhalt ihrer Rede hinzuhorchen, so erweckt der Silberklang dieses schönen Organs auch ohne weiteres poetische Vorstellungen in unserm Gemüt, eine anmutige Rührung, eine schöne Erhebung unsers Geistes.«
»Still! mein Freund«, rief Elsheim, »du bist ganz nahe daran, dich in dieses Gesichtchen und die klaren blauen Augen zu verlieben, wenn es nicht schon geschehen ist. – Nun, was werde ich über Charlotten hören?«
»Verliebt!« rief Leonhard, »sieh Freund, dies ist eins von den Worten, die in der Welt am allermeisten gemißbraucht werden. Ich werde einer solchen Gefahr nicht unterliegen. – Nun, Charlotte? diese ist eins von den Wesen, so scheint es mir nach kurzer Bekanntschaft und Beobachtung, über welche es unendlich schwer vielleicht unmöglich ist, ein wahres Urteil zu fällen. Sie ist ein tiefes, poetisches Gemüt, schweigsam, weil ihr der gewöhnliche hergebrachte Ausdruck nicht genügt, weil der gemeine Gegenstand der meisten Reden und Gespräche ihr wohl zu gering sein mag. Sie scheint ganz Leidenschaft und Enthusiasmus. In ihrer Nähe und von ihren Worten berührt, ist mir gewesen, wie in der schönsten, ganz poetischen Einsamkeit. Wald und Fluss sprechen dann auch, aber in gereizter und erhobener Stimmung so innigst, dass jeder der rätselhaften Laute ebensosehr zum Schmerz als zur Wonne wird.«
»Du bist in einer fatalen hyperpoetischen Stimmung«, antwortete Elsheim. »Auf solchen Wegen wirst du die Menschen niemals kennenlernen. Ich sage dir, deine vergeistigte Albertine ist ein albernes Gänschen, und diese deine wundersame Charlotte eine recht eigentliche Kokette, nur auf ihre eigentümliche, etwas seltsame Art. Dich haben gewiss in früher Jugend auch jene Sterne, Sonnen und Blumen erfreut, die man aus dunkelroter, oder rubinfarbener, himmelblauer und glänzend grüner Folie und dünnen Blechen schneidet. Diese Zieraten waren einmal sehr Mode. Wie matt sieht gegen diese funkelnden Stücke jede Malerei aus! Selbst die Natur kann in Laub und Blumen nicht mit diesen Prachtstücken wetteifern. Aber nur ein kindischer Sinn wird davon geblendet, der Maler kann diese Effekte weder hervorbringen, noch will er es. Die heilige Zartheit der Natur zieht sich vor jedem Wettstreit mit diesen Dekorationen zurück. Zu diesen zauberischen Prunkflittern, diesen dunkelglänzenden Folieblumen gehört eben Charlotte.«
»Warum das?« fragte der Freund; »nur nicht Natur, Gesinnung, Gemüt und Wahrheit in ihr sehen wollen, oder die Begeisterung und Freude von ihr erwarten, die uns ein Kunstwerk zuführt.«
»Du bist deiner Sache auch vielleicht zu gewiss«, erwiderte Leonhard etwas empfindlich; »vielleicht wäre die Verbindung mit Albertinen – du sagtest mir, dass deine Verwandten sie wünschten – dein Glück.«
»Wie bist du nur?« rief Elsheim aus, »ich kenne dich heut nicht wieder; du solltest doch deine Freude, die du an diesen törichten Mädchen hast, nicht mir anzwingen wollen. Suche jeder sein Glück auf seinem eigenen Wege.«
Leonhard wollte eben antworten, als sie durch einen Bedienten unterbrochen wurden, der, weil er den jungen Baron schon allenthalben gesucht hatte, keuchend in die Laube trat. »Was gibt's?« fragte dieser.
»Ach! gnädiger Herr«, sagte der Diener, »hier ist der alte Förster Rudolf, der im Hause und im ganzen Garten herumläuft, heulend und schluchzend, und der Sie mit aller Gewalt sprechen will.«
Elsheim ging dem alten Jäger entgegen, und dieser lief schon mit den Zeichen des größten Schmerzes auf ihn zu, die Hände ringend und dann wieder mit seinem Tuch die Augen trocknend.
»Alter, um Gottes willen!« rief der junge Edelmann aus, »was ist Euch für ein Unglück begegnet? Fasst Euch, alter Mann!« Mit den Worten ergriff er die Hand des Alten und suchte ihn zu beruhigen, erschrocken, wie er selber war.
»Oh, gnädiger Herr«, klagte der Alte, »dass mir noch in meinen allerletzten Tagen dergleichen begegnen muss! Ich dachte, nun bald mit Ehren in die Grube zu fahren, und soll noch solchen Schimpf vor meinem seligen Ende erleben!«
»Man sagt ja«, rief der Förster, »dass Sie es durchaus wollen, junger Herr. Der Heinrich ist zu mir gelaufen gekommen, ich soll einen Komödianten abgeben, und wenn es noch Kaiser, König, oder eine Art Herzog wäre, den ich aufführen soll! Nein, geradezu einen Spitzbuben, einen Mordbrenner! Und auch das würde ich mir noch gefallen lassen, wenn der Mensch noch ein ehrlicher, ordinärer Spitzbube wäre. Aber einen Zigeuner soll ich agieren! Ich werde vor allen meinen Jägerburschen zu Schimpf und Schanden, denn es sind noch nicht zehn Jahre her, als sie drüben, jenseits, über der Grenze einen solchen verruchten Zigeuner aufknüpfen taten, wie er es auch verdiente. Damals ist die ganze Landschaft von hier, und ich selber mit, hinübergelaufen, um den Skandal anzusehen. Und nun soll ich einen solchen giftigen heidnischen Hund vor meiner Herrschaft und allen Dienern und den Fremden vorstellen. Das überleb ich nicht.«
Elsheim nahm den alten Mann, der ganz außer sich schien, beiseit und ging in der Lindenallee lange mit ihm auf und ab, um ihn durch gütliches Zureden zu beschwichtigen. Leonhard beobachtete aus der Ferne ihr lebhaftes Gespräch, und als sich die Freunde am Abend wieder trafen, sagte der Baron: »Nun fängt das Leiden der Komödie auch schon an, dass die Menschen nicht mit ihren Rollen zufrieden sind.«
Es vergingen nun mehrere Tage unter mancherlei Zerstreuungen und verschiedenen Arbeiten. Das Theater war unter Anleitung Leonhards und des Barons Mannlich schon bedeutend vorgeschritten; man hatte die Leseprobe gehalten, zu unendlicher Ergötzlichkeit der kleinen mutwilligen Dorothea. Denn bei Abschrift und Austeilung der Rollen hatte es sich erst erwiesen, dass man eine der hauptsächlichsten bis dahin völlig vergessen hatte, den muntern, herrlichen, treuen Georg nämlich. Nun bat man dringend und freundlich, dass Dorothea diesen, statt ihrer Zigeunerin, übernehmen möge, und sie ließ es sich endlich gefallen, in der Tracht eines Knaben aufzutreten. Beim Lesen ihrer Rolle wendete sie manche Stellen höchst mutwillig so, dass es wie Verspottung der zerstreuten und vergeßlichen Direktoren klang.
»Da flog das Meislein auf ein Haus und lacht den dummen Buben aus«, klang, von ihrem Gelächter akzentuiert und durch ihre Blicke kommentiert, für den Baron Mannlich fast etwas zu anzüglich. Indessen ließ sich seine ehrenfeste Haltung von dem kleinen Schadenfroh, wenn auch einige mitlachten, nicht aus der gesetzten künstlerischen Fassung bringen.
Leonhard hatte auch schon einen Brief von seiner Frau durch seinen Freund erhalten, nachdem er ihr sogleich nach seiner Ankunft auf dem Gute geschrieben hatte. In seinem Hause stand alles gut, und so war er jeder Sorge enthoben.
Ein Teil der Gesellschaft hatte sich bei dem schönen Wetter auf die Reise begeben, um einige theatralische Vorstellungen in einer namhaften Stadt, wo sich derzeit eine gute Schauspielertruppe befand, anzusehen. Der Ort war zwar eine ganze Tagereise entfernt, indessen bestand diese Sommergesellschaft, die sich auf dem Landhause versammelt hatte, aus Menschen, die mit der Zeit etwas großmütig umgehen konnten, weil sie, Leonhard abgerechnet, alle ohne Beruf und Beschäftigung waren. Elsheim vorzüglich betrieb diese Reise, da er sich von der Langeweile und Anstrengung erholen wollte, die ihm die gerichtliche Übergabe des Gutes verursacht hatte, wobei die Förmlichkeiten, die Gerichtspersonen, das Zeremoniell und alles, was zu dergleichen Akten gehört, ihn wirklich sehr verstimmten und ihm in diesen Tagen für sein Theater und die poetischen Ergötzlichkeiten keine Zeit übrigließen.
Als die jungen Leute nach vier Tagen etwas ermüdet zurückkamen, so wendeten sie sich wieder zu ihren theatralischen Belustigungen. Es war jetzt auffallend, wie oft man Leonhard mit Charlotten im eifrigen Gespräche sah, und wie die Schweigsame eilig in Fragen und Antworten war. Elsheim beobachtete sie lächelnd aus der Ferne und wendete sich zuweilen an Dorothea, um mit dieser über das Bündnis zu scherzen, welches jene beiden auf dieser Reise geschlossen zu haben schienen. Dorothea selbst aber war unterweges der schwermütigen Albertine viel nähergekommen, und es bildete sich schnell eine vertraute Freundschaft unter den beiden jungen Mädchen, von denen jedermann bisher geurteilt hatte, da ihre Art und Weise so völlig verschieden war dass sie sich niemals einander nähern würden.
Unter den Männern verbanden sich, sowie Elsheim den Baron Mannlich mehr vernachlässigte, dieser und Graf Bitterfeld mit jedem Tage inniger. Der Graf bewunderte die ausgebreiteten Kenntnisse seines neuen Freundes, so wie er immerdar von seiner Biederkeit gerührt wurde. Mannlich war gegen diese Anerkennung sehr dankbar, und übersah mit Freundlichkeit die Unwissenheit seines Genossen, dessen edles Herz und Menschenkenntnis er um so höher stellte.
Am einsamsten schien sich der Professor Emmrich in diesem bunten Zirkel zu befinden. Er studierte viel in seiner Gartenwohnung, die ihm Elsheim, weil er des Freundes Launen kannte gern eingeräumt hatte. In diesem abgelegenen Pavillon sah die Dienerschaft noch oft Licht, wenn im Schlosse schon längst alles zur Ruhe gegangen war. Emmrich hatte es sich schon früh angewöhnt, in der Nacht fast mehr als am Tage zu leben; er bedurfte nur wenigen Schlafs und weniger Nahrung und hielt in seiner bizarren Laune das meiste von dem, was andere Menschen Naturbedürfnisse nannten, nur für Angewöhnung und Nachgiebigkeit gegen Schwächen. So konnte er lange fasten, viele Meilen dabei zu Fuß gehen, ohne sich ermattet zu fühlen, und er gestand, dass er fast niemals Hunger oder Durst empfinde und sich ebenso ohne Anreiz, nur mit willkürlichem Vorsatz an die Tafel begebe, wie er sich zum Schlafe endlich niederlege, ohne sich jemals überwacht zu fühlen. Diese seltsame Lebensweise war auch die Ursache, dass sich viele Menschen vor ihm fürchteten, welche unheimliche Furcht sein klarer Verstand und unbestechliches Urteil noch vermehrten. Denn viele Menschen mögen mit sich selbst und ihren sogenannten Freunden nur in einer gewissen Dämmerung leben, wo nichts bestimmt gesehen und unterschieden, wo nichts scharf ausgesprochen wird. Um so schlimmer, wenn diese einmal aus ihrem Schlaf erwachen. Darum erregt es dem Menschenkenner kein Erstaunen, wenn so oft Freundschaften, die innig schienen, sich um eine Kleinigkeit lösen und zuweilen sogar in bittern Haß verwandeln. Am meisten war Emmrich mit der verständigen Tante in Gesellschaft, und es war sichtlich, dass auch er Albertinen, welche von der Tante vorzüglich geliebt wurde, den übrigen jungen Frauenzimmern vorzog.
»Du wirst krank werden, Albertine«, sagte Dorothea, indem sie die Freundin liebkoste. Die beiden Mädchen hatten sich von der Abendgesellschaft zurückgezogen und saßen, in traulicher Dämmerung plaudernd und erzählend, einsam im Zimmer der Tante. »Wie ich dich kennenlernte«, fuhr Dorothea fort, »warst du so heiter, sahst so klar aus den Augen, sprachst so richtige Vernunft, dass es eine Freude war, dich zu hören und zu sehen. Und auch noch jüngst, als wir hieher reiseten – wie heiter und selbst fröhlich warst du – und jetzt verfällt dein Gemüt von Tage zu Tage mehr. Unsere Herzen sind sich auf der Reise so schön begegnet; so gestehe mir nun auch, was dich so traurig machen kann.«
»Ich weiß es selbst nicht«, erwiderte Albertine, indem sie weinend die Freundin umarmte. »Es ist ja so schwer, das, was uns oft ängstigt, in Worte zu fassen. Du bist immer heiter und unbesorgt, dich ängstigt das Leben noch nicht, und darum hüte dich, dass du nicht auch einmal in diese Stimmung gerätst. Sieh, mein Herz, das Leben selbst ist es, was mich so wehmütig stimmt, denn ich wüsste mich für meine eigene Person über nichts zu beklagen. Wie schnell ist der Frühling vergangen, wie bald wird der Sommer vorüber sein! Wie hinfällig ist alles, wie vorübergehend und in den Händen verwelkend, worüber wir uns freuen möchten! Alles verschwindet, ehe wir es genossen haben, und jeder folgende Tag straft uns Lügen, dass wir uns gestern auf ihn freuen konnten.«
»Das kann ich dir alles nicht glauben«, erwiderte Dorothea; »ich habe zwar noch nicht so gar viele Erfahrung, aber ich denke denn doch, alle diese Weichmütigkeiten kommen uns erst, wenn irgend was Wirkliches, ein wahres Leid unser Herz belästigt. Dich drückt etwas, du geliebtes Wesen, und du willst es mir entweder nicht bekennen, oder weißt es noch selber nicht recht, wie denn das auch wohl zuweilen der Fall sein mag.«
»Nein, Geliebte«, erwiderte das trauernde Mädchen, »mir ist wohl, mir selbst tritt nichts feindlich entgegen; es ist eine allgemeine Trauer, die sich meiner bemeistert hat, eine Wehmut, möcht ich doch sagen, über alles Geschaffene. Du bist jetzt meine Freundin; weiß ich, wie lange du es sein kannst und wirst? ob du mir nicht einmal, vielleicht bald, feindlich gesinnt bist? Wie wandelbar, wie schwach ist das menschliche Gemüt! Ich habe ja dergleichen auch schon in meinem jungen Leben erfahren.«
Jetzt wurde auch die muntere Dorothea betrübt und sagte: »Nein, so weit muss deine Schwermut nicht gehen, dass du deinen Freunden unrecht tust, du versündigst dich damit. Man muss dich schwer verletzt haben, dass es dir möglich ist, so unbillig zu sein.«
»Nein! nein!« rief Albertine heftig, »du irrst dich, mein Herz, und so lass uns denn lieber von anderen Dingen sprechen. Wie hast du dich auf dieser Reise unterhalten?«
»Angenehm genug«, erwiderte die Kleine; »denn erstlich haben wir einander näher kennengelernt, dann habe ich viel Neues gesehen, eine Oper, die mir fremd war, und ein neues Lustspiel, das Museum, die vielen Gemälde, die große Wachtparade, und was dann noch außerdem an der zahlreichen table d'hôte im eleganten Gasthofe vorfiel.«
»Ja, ja, viel Neues!« sagte Albertine seufzend, »wären die Sachen nur auch löblich, wahrhaft aufregend gewesen. Diese armselige Oper und diese neue Sorte von Theaterstücken – wie kann man nur Interesse an ihnen nehmen?«
So sprach Dorothea, und Albertine sah sie forschend an und fuhr dann fort: »Sieh, mein Kind, ich verstehe die Menschen gar nicht mehr. Nicht wahr, mein Vetter, der junge Elsheim, wird von allen Leuten für einen sehr angenehmen Menschen gehalten? Man nennt ihn geistreich, wohlgebildet, fein, witzig, wohlwollend, selbst gelehrt, und wer weiß was nicht sonst noch alles! Und doch sind wenige Männer, vielleicht gibt es keinen einzigen der mir in jeder Minute, ja fast in jedem Augenblick, wenn ich in seiner Gesellschaft bin, einen so lebhaften Unwillen, ja einen tief empfindlichen Schmerz erregt. Wie ist es dir denn in seiner Gegenwart?«
»Mir?« fragte Dorothea; »wahrlich, mir ist es noch gar nicht einmal eingefallen, mir diese Frage zu stellen. Er gefällt mir übrigens ganz wohl und kommt mir vor, wie die meisten Männer.«
»O du unschuldiges Kind!« rief Albertine aus – »du siehst also nicht, wie in diesem jungen, hübschen, hochfahrenden Mann die ganze Verkehrtheit unsers Zeitalters so recht sichtlich dargestellt ist? Wie ist er mit sich selbst zufrieden, wie belehrt und hofmeistert er oft andere über Dinge, die diese doch viel besser wissen. Er ist freundlich gegen alle ohne Ausnahme, aber in diesem Wohlwollen ist so viel bewußte und absichtliche Herablassung, dass es den Unschuldigen, dem er sich auf diese Weise nähern will, weit mehr verletzen, als erfreuen muss. Und sein Lachen, sein höhnisches Lachen – meist über Dinge, die ihm nur deswegen komisch vorkommen, weil er sie nicht versteht. Ist nicht ein recht hochadliger Hochmut in seiner Art, wie er mit seinem bürgerlichen Freunde Leonhard umgeht, der ihn doch, sogar in Gesellschaft, du nennen darf?«
»Kind«, sagte Dorothea, »du tust dem Vetter unrecht. Er ist ein ganz gutmütiger und, wenn ich es recht überlege, ein allerliebster Mensch. So gefällig, so nachgiebig, der beste Wirt; gegen seine Mutter, die er doch so sehr übersieht, so ganz kindlich, so dass er es sie nie merken und empfinden lässt, wenn sie manchmal in seiner Gegenwart so ganz einfältig spricht. Er muss dich einmal eigen beleidigt haben, oder ein Fremder hat dich gegen ihn aufgebracht, sonst ist mir alles dies unerklärlich.«
»Sind doch andere Männer«, fuhr Albertine fort, »ganz anders beschaffen. Betrachte nur diesen bescheidenen, wahrhaft verständigen Leonhard. Möchte ich diesen doch das Muster eines gebildeten Mannes nennen, so ruhig und fest steht er auf sich selbst und bedarf keiner Bestätigung von außen oder von andern. Er hat auch gar nicht das männlich Männliche, was mir schon als Kind so anstößig und ärgerlich war.«
»Das ist ja mein Leid«, fuhr Albertine fort, »dass ich so ganz anders empfinde, und nichts davon –, noch dazutun kann. Ist es dir denn nicht schon einmal im Leben recht empfindlich zuwider gewesen, wenn Männer beisammen sind und etwa im Preisen einer Pastete, oder eines delikaten Weines sich ergehn? Hast du denn noch niemals bemerkt, dass dann dieser und jener auf eine recht widerliche Art den Mund verzerrt, schielt und lächelt und mit den Augen blinzelt? Mag das Gespräch vorher gewesen sein, welches es wolle, von Religion, Natur oder Kunst, wobei sie sich oft recht erhaben vorkommen: – nun wird dieser Ton angeschlagen – und das Tier, das gleichsam künstlich untergeschoben, an den Ketten der Förmlichkeit und Heuchelei festgebunden lag, springt nun plötzlich hervor. Viele finden dergleichen an solchen Männern liebenswürdig, und ich schwöre dir, mir ist schon oft ein Grausen darüber angekommen. Und wenn ich mir dann denke: dieser, der bei Erinnerung an einen sinnlichen Genuss so widerwärtig grinsen kann, so garstig lachen – dieser soll sich irgendeinmal einbilden, er könne lieben, oder werde es einem armen getäuschten weiblichen Wesen vorlügen – oder gar ich selbst könnte seiner Falschheit unterliegen – so muss ich schaudern. – – Siehst du, Dorothea, nun bist du selbst nachdenklich geworden.«
Es war wirklich so. Die Kleine hatte den Kopf in die Hand gestützt und machte eine Miene, wie sie Albertine noch niemals an ihr bemerkt hatte. »Du hast wohl nicht unrecht«, sagte sie nach einer Pause recht schwermütig, »es kann oft im besten Menschen etwas sein, was eigentlich, wenn man es genau nimmt, recht unmenschlich ist. Ich habe nur niemals darauf achtgegeben, oder, wenn ich es einmal bemerkte, und es mir widerlich auffiel, habe ich es nicht so wichtig genommen.«
»Und nun gar«, fuhr Albertine mit unterdrückter Stimme fort, »wenn sie von Mädchen und Frauen sprechen, und man, ohne es zu wollen, ihre Erzählung zufällig anhört, wie sich wo unversehens eine Schulter, oder ein Busen enthüllt, oder gar ein Knie entblößt hat: – plötzlich dann jene Satyr-Larven, jenes Faunen-Gelächter, an dem sich die Brüderschaft erkennt und ohne Worte sich zuruft: Lassen wir die Maske fallen, zwingen wir uns nicht, da wir uns doch alle gegenseitig als Tiere und Vieh längst kennen!«
Die Mädchen sanken sich weinend in die Arme. »Ja, ich bin krank«, sagte Albertine dann, »am Leben krank, und der Tod ist vielleicht meine Heilung. Wie oft träumte ich in meinem kindischen Sinn, dass der echte Mann zugleich das Wesen einer Jungfrau haben müsse.«
»Manche von uns«, erwiderte Dorothea kleinlaut, »sind aber auch nicht viel besser. Und viele Bücher in Prosa, wie in Versen suchen ja auch alles das, worüber wir hier klagen, lächerlich zu machen. Ach ja, man muss sich eben, um leben zu können, in alles finden.«
»Ich will aber nicht!« rief Albertine mit der größten Lebhaftigkeit, »– hörst Du? ich will es nicht! Und sieh, der Elsheim, den du vorher so verteidigen und loben wolltest, ist in allen diesen Punkten einer der Schlimmsten. Nicht wahr, ich werde den meisten rasend vorkommen, wenn ich verlange, dass Mann und Frau, Vater und Mutter auch in der Ehe noch unschuldig bleiben sollen, dass den Geliebten nach dem höchsten Genuss ein Händedruck seines Mädchens noch so beglücken soll, wie beim ersten scheuen Begrüßen?«
»Ach, Liebe, Liebe«, sagte Dorothea und schmiegte sich an die Freundin, »du sprichst da etwas Göttliches aus, worüber wir vielleicht alle unsere schönen Träume haben. Wörtlich sagt dasselbe auch Novalis, was du eben aussprachst.«
»Ach Kind«, fuhr Albertine fort, »du wirst mich für ganz töricht halten. Erzähle wenigstens keinem Menschen, auch der Tante nicht, von dem, was ich dir eben anvertraut habe. Ist mir Elsheim gleich zuwider, so kann ich ihn doch nicht hassen. Oh, seine Blicke sind oft fürchterlich! In der Gemäldegalerie dort in der Stadt und noch mehr unter den Antiken und Abgüssen wusste ich mich, von seiner Gegenwart geängstigt, gar nicht zu lassen. Die Unschuld selbst, das Heilige und die Größe der Kunst wird anstößig und zum Frechen, wenn er erst diese nackten Bilder und dann dich mit jenem kritischen forschenden Auge mustert. Ich hätte mich so gern dort unter den Götterbildern recht ergangen und mein Gemüt in dieser Schönheit erhoben, aber diese Säle wurden mir durch seine schuldvollen Blicke ein Aufenthalt der Sünde. O welche Verschiedenheit unter den Männern! Dieser Leonhard mit seinen redlichen, unschuldigen Augen könnte selbst dem Zweideutigen Reinheit geben. Er war in diesen beklemmenden Stunden mein einziger Trost. Mit ihm könnt ich allenthalben sein, ohne mich gestört zu fühlen. In seinem Wesen herrscht das vor, was ich das Weibliche, das Jungfräuliche nennen möchte. Wie glücklich muss die Gattin und die Geliebte sein, die er sich auserwählt! Ich bilde mir ein, dass es nur wenige Männer gibt, wie diesen.«
»O mein Kind! mein armes Kind!« rief jetzt Dorothea aus, »dachte ich es doch, dass dein Leidwesen aus einer ganz andern Gegend herstammen müsse. Wie soll das endigen? Was soll daraus werden?«
»Du hast dich«, war die Antwort, »in diesen fremden Menschen, in diesen Leonhard sterblich verliebt. Oh, du Unglückselige! mich dünkt, ich habe gehört, er sei schon verheiratet.«
Die beiden Mädchen waren jetzt aufgestanden. »Verliebt?« sagte Albertine nachdenkend – »und in Leonhard? Nein, liebste Freundin, das kann ich doch unmöglich glauben.«
Es war ganz finster geworden, und ein Bedienter, welcher sie schon allenthalben gesucht hatte, rief sie zur Gesellschaft ab, die sich im Komödiensaal versammelt hatte, um die eben fertig gewordene Walddekoration zu betrachten, die dort aufgestellt war. Sie gingen hinüber und fanden die Freunde und Bekannten, die bei angezündeten Lampen das neue Kunstwerk beurteilten und sich daran freuten. Am lautesten sprach der Maler selbst, ein kleiner dicker Mann, der in einem nahe gelegenen Städtchen ansässig war. Er setzte die Richtigkeit, die Perspektive und die Schönheit aller einzelnen Teile weitläufig auseinander, und der Professor Emmrich schien ihm mit der größten Aufmerksamkeit zuzuhören. Die Wand, sowie die Kulissen waren ziemlich grell gefärbt, und es war augenscheinlich nur guter Wille der Anschauenden, wenn sie dem Lobredner in keiner seiner Behauptungen widersprachen. Als sich der Künstler entfernt hatte, sagte Emmrich: »Es ist für mich fast rührend, einen schwachen Handwerker dieser Art zu sehen, wenn er in seiner Mittelmäßigkeit meint, ein Meisterwerk verfertigt zu haben. Wer könnte so grausam sein, den von seiner Kunst Entzückten auch mit dem gegründetsten Tadel zu Boden zu schlagen? Lassen wir ihm das Glück seiner Einbildung, denn für das, was uns sein Machwerk nutzen oder bedeuten kann, ist es immer gut genug. Grün ist der Wald wenigstens, das kann niemand leugnen, und das können manche wirkliche Wälder in der Mark und auch anderswo nicht zu allen Zeiten von sich rühmen.«
»Als wenn er es besser machen könnte!« sagte Graf Bitterfeld zu Elsheim und Leonhard, die etwas entfernt standen. »Der gute Mann«, fuhr der Graf fort, »will in allen Dingen den Kenner spielen, und das ist recht bequem und leicht, wenn einer, wie der Professor, kein eignes bestimmtes Fach hat, in welchem er sich auszeichnen könnte.«
Als der Graf sich entfernt hatte, sagte Elsheim zu Leonhard: »Mit diesem Emmrich musst du nähere Bekanntschaft machen. Er ist ein tüchtiger Mann, ein Original, wie sie immer seltner bei uns werden, selbständig bis zum Eigensinn, dabei aber billig und freundlich. Er ist hart und tadelt oft scharf diejenigen als Schwächlinge, die sich beim Frost zu sehr beklagen, und verachtet geradezu alle, die in der Hitze verschmachten wollen. Und doch ist kein Mensch auf Erden in einem Punkt so schwach, ja lächerlich empfindlich, als er selbst. Dieser Punkt betrifft den Zug. Er kann heftig bis zur Grobheit werden, ja selbst tyrannisch, wenn irgendwer durch übereilte Öffnung eines Fensters oder einer Tür plötzlich Zugwind erregt. Er behauptet, dieser sei eigentlich das gefährlichste Gift in der Welt, und Tausende von Menschen stürben an diesem Arsenik; doch sei für einen solchen offenbaren Giftmischer in den Gesetzen keine Strafe festgestellt, was eine Barbarei der Zeit beweise und eine gefühllose Unachtsamkeit der meisten Menschen, die doch sonst für Leben und Gesundheit so übermäßig ängstlich besorgt wären. Die Ärzte schilt er, was diesen Punkt betrifft, Ignoranten, und er ist fest überzeugt, dass alle diejenigen, die sich dem Zuge aussetzen und auch in scheinbarer Gesundheit keinen Nachteil spüren, es in Zukunft durch Schmerz und Krankheit abbüßen müssen. – Doch sieh, nun geht die Tür auf; jemand hat das Fenster geöffnet; ich bin überzeugt, er fühlt nichts davon, aber aus Vorurteil, aus Vorsatz wird er dennoch totenblaß. Lass uns näher treten; er spricht nicht mehr leise mit der Tante, sondern hat sich erhoben und mit zorniger Gebärde Fenster und Tür wieder verschlossen.«
»Luft und Zug«, antwortete Emmrich, »sind zwei ganz verschiedene Dinge. Und dann auch diese Luft! Was nennen wir denn so? Wir haben ja keine Instrumente, die fein und geistig genug wären, um die Qualitäten, die Eigenheiten, die sublimierten Essenzen dieses höchst wunderbaren Elements zu wägen, zu messen, oder gar zu prüfen und zu analysieren. Unser armer Körper ist nur da, um durch Leid, Schmerz und Krankheit von den unsichtbaren Eigenschaften dieser Luft Zeugnis zu geben. Man mutet niemand zu, so simpel hin ein Getränk gut zu finden, das in bösen Gegenden erzeugt, oder in den Kneipen als Wein ausgeschenkt und gebraut wird. Ist der Wein nicht ein edles Gewächs? Stärkt er nicht Leib und Seele? Erheitert er nicht das Gemüt? Gewiss! Aber das ist nicht Wein, was rot, weiß und gelb, bitter, süß und sauer oft dem unkundigen Gaumen geboten wird, um Kolik, Ekel und verdorbenen Magen hervorzubringen. Hat man nun wohl, wenn man im Jammer liegt, die Gottheit des Bacchus in sich? Den Lethe möchte man aussaufen, um diesen Acheron nur wieder aus dem Leibe zu spülen und zu vergessen. Ein heitrer Frühlingsmorgen – wie balsamisch! Wie wird unser Wesen gekräftigt und geläutert! Man schwelgt in den kühlenden lieblichen Wogen und fühlt, dass auch unsere Lunge ein Organ ist, um geistig sinnliche Wollust zu empfinden. Aber das Zeug, was sich so oft im November, Februar, oder nach vielen nassen Tagen und in der Nähe von Sümpfen draußen im Freien herumtreibt, – ist das Unwesen denn wohl noch Luft zu nennen? Mag der Doktor es vor den Geistern der Blumen und der Dichter verantworten, der seine Opfer in die Höllen-Atmosphäre hinausschickt, um sich in ihr Gesundheit zu erwandeln, oft in einem Hexenwetter, wo der Cerberus sich in sein Hundehaus verkriecht und weder dem Befehl des Pluto gehorcht, noch dem Locken der Proserpina nachgibt, so weit, dass er nur die Schnauze aus der Höhle steckte. Und hat denn die Luft nicht gewiss auch Krankheiten, wie Wein und Wasser? und Gesundheitskrisen und Umsetzungen? Und dennoch – wer draußen wandelt oder reitet, ist doch noch in einem Krieg gegen das Unwetter begriffen; ein Element kämpft dann gegen das andere, und in diesem zornigen Anstrengen kann sich die menschliche Gesundheit noch etwas wahren; aber wenn die Menschen im Spätherbst, oder in schnöder Märzluft oft draußen sitzen, um so recht phlegmatisch das zerstörende Gift einzuschlürfen, so stehen oder sitzen sie noch unter den Tieren, die der Instinkt beschützt, den diese Luftschnapper in sich ertötet haben.«
Die Tante sagte lachend: »Ich sehe, Sie tragen in Ihrem Busen einen erhabenen Zorn gegen das, was so viele zu ihrer Erholung und Erquickung tun. Es scheint, Sie haben die Luft so recht nach ihren verschiedenen Qualitäten ausgekostet, und viele derselben verabscheuen gelernt.«
»Die Luft«, fuhr Emmrich fort, »ist Leben und Tod, Schaffen und Vernichten; aus ihr strömt alles Gedeihen herab, und sie zieht wieder alle Lebenskraft an sich; sie ist abwechselnd das Edelste und Schlechteste, Heil und Unheil und in sich selbst ein Rätsel. – Wir verlassen ein Landhaus. Türen, Fenster, Läden, alles wird dicht, fast hermetisch verschlossen; kein Sonnenstrahl, kein Luftzug fällt in den verfinsterten Saal; – treten wir nun nach Jahren in dieses Gemach, so befällt eine beklemmende Angst unsere Brust, ein schwermütiger Lebensüberdruß bedrückt uns; wir fühlen, wir atmen eine tote Luft ein, ein verwesetes Element. Und woher kommt nun der fußhohe Staub, der auf dem Boden und auf allen Tischen so widerwärtig liegt? Wie hat dieser sich erzeugt? – In jedem Gemach, welches lange verschlossen war, empfinden wir in geringerem Grade etwas Ähnliches. Man weicht vor pestilenzialischen Gerüchen mit Abscheu zurück, aber weil das Ungesunde der Luft weder Auge noch Nase so deutlich empfindet, vertrauen wir uns ihr oft mit tadelnswürdigem Leichtsinn.«
»Und soll es auch wohl nicht immerdar«, fuhr der Professor fort; »wer aber so fein, oder so krankhaft organisiert ist, dass er diese Unterschiede dunkler, oder deutlicher fühlt, dem soll man diese Krankheit nicht abstreiten, oder ihn gar davon bekehren wollen. Und nun noch der feine, giftige, arsenikalische Zugwind! Von dem gewöhnlichen, der den meisten Sinnen fühlbar ist, will ich jetzt gar nicht einmal sprechen. Aber, wer hat es nicht einmal, in der Krankheit wenigstens, erlebt, dass aus einer dicken, festen Mauer eine Luftzug strömt, fühlbar, unverkennbar? Man hat es zuvor an dieser Stelle nie gespürt, auch scheine es dort unmöglich. Es muss Strömungen der Atmosphäre geben, die auf unbegreifliche Weise auch durch feste Mauern dringen, oder die Luft reflektiert zuweilen auf ähnliche Art, wie Licht und Sonnenstrahlen; der Stoß und Widerstoß erzeugt sich plötzlich aus Ursachen, die wir nicht entdecken können. Man hat mich oft verspotten wollen, indem meine Freunde mich fragten, ob ich keinen Zug verspüre, indem ein Schrank, oder eine Schieblade geöffnet wird? Ich scheue mich gar nicht, zu behaupten, dass ich allerdings etwas Ähnliches empfinde; es ist die abgestorbene Luftmasse, die sich mit der Zimmerluft plötzlich mischt, wenn der Schrank leer ist; und wenn es ein Behältnis der Wäsche ist, so quillt aus der feinsten und reinsten eine widerwärtig erkältende Strömung, der ähnlich (freilich nur im geringen Grade), die uns so trostlos befällt, wenn wir einem Trockenplatze vorübergehen.«
Der Graf sagte: »Darin ist aber etwas Wahres, sosehr unser Herr Professor auch übertreibt; darum muss man auch, wie ich es halte, immer Wohlgerüche zwischen die Wäsche legen und sie selbst im Sommer vor dem Ankleiden wärmen und durchräuchern.«
Nun fingen die Damen, die jüngern, wie die älteren, an, sich lebhaft in das Gespräch zu mischen; plötzlich aber sprang Albertine eilig auf und rannte mit einem Freudengeschrei einem hübschen, aber noch sehr jungen Manne in die Arme. Dieser war ihr Bruder, der Cadet, der von der entfernten großen Stadt gekommen war, um an den ländlichen Festen und Theaterspielen teilzunehmen.
Es war natürlich, dass die Freunde das Gedicht vom Berlichingen sehr zusammengezogen, verschiedene Szenen verlegt und vereinigt und alles so eingerichtet hatten, dass es mit nicht gar vielen Dekorationen und einer bescheidenen Anzahl von Mitspielern dargestellt werden konnte. Es ist übrigens nicht unbekannt dass bei Liebhaberkomödien die Proben eigentlich das ergötzlichste sind. Alle erstaunten, mit welcher Wahrheit und innigen Rührung Albertine die Maria spielte und sprach, in der Sterbeszene Weislingens war sie und Elsheim so tief erschüttert, dass beide mit lautem Schluchzen den Auftritt endigten, und das Fräulein sich nachher unwohl fühlte. Am meisten war der alte Schulmeister, der invalide Husar, welcher mit großer Freude den Selbitz auswendig gelernt hatte, beseligt, dass er mit hohen Herrschaften durch diese Kunstübung in ein so vertrautes Verhältnis trat. Es war ein Glück, dass dieser Raubgesell keine Szene mit dem edlen Bischof von Bamberg hatte, denn Graf Bitterfeld, der Vertreter des geistlichen Herrn, nahm es dem jungen Baron doch sehr übel, dass er diesen Invaliden aus einem fremden Dorfe herübergeholt hatte, um in Goethes Dichtung mitzuwirken. Dass des Barons Förster und andere Dienstleute in kleinen unbedeutenden Rollen auftraten, verzieh er und fand es zulässig, weil er auch dafür entschuldigende Beispiele in der Theatergeschichte hoher Aristokratie fand, aber ein unheimischer Diener war ihm unerträglich. Dazu kam, dass dieser Selbitz sich sehr breit machte und sich mehr hervordrängte, als es seine Rolle eigentlich zuließ, so dass selbst Mannlich, als Götz, etwas empfindlich wurde, und nun, um jenen zu strafen und zurückzustellen, in den Szenen mit ihm noch gedehnter, langsamer und akzentuierter sprach, woraus aber der lahme Selbitz den Vorteil zog, dass man sein Spiel besser und natürlicher fand, als das der Hauptperson. Mannlich war aber auch glücklich, da er in jeder Probe seine tapfere Gesinnung und seine Biederkeit so recht breit, und sicher, nicht gestört zu werden, auseinanderwickeln konnte. Indem er nun den Platz der Szene ganz allein einzunehmen strebte, kam es, dass er auf die mit ihm Sprechenden kaum hinhörte und in die Weise, wie er diese anblickte, eine unendliche Verachtung legte. Dies geschah aber nicht vorsätzlich, sondern unbewusst und in aller Unschuld; denn nicht allein seinen Gegner Weislingen, sondern Frau und Schwägerin, sowie Georg, behandelte er ebenso, bloß von dem Gefühl geleitet, welches er über sich selbst und seinen hohen Wert empfand. Elsheim sah dies alles mit einer gewissen Schadenfreude an und vergaß darüber ganz, dass er bedeutende Kosten, Zeit und Anstrengung darauf verwandt hatte, das herrliche Werk seines hochverehrten Dichters zu parodieren, und in ein komisches Licht zu stellen.
Leonhard war in jedem Augenblick hinter der Szene mit Einrichtungen, Verbesserungen und Ratgeben so beschäftigt, dabei von seinen eigenen Rollen so hingerissen, dass er von diesen Nebensachen, wie von wichtigern Vorfällen wenig bemerkte. Er spielte wirklich den Bruder Martin und in den spätern Akten den Lerse. Wenn ihn etwas zerstreute, so war es die Aufmerksamkeit, welche er, selbst wider seinen Willen, Charlotten widmen musste. In jeder Bewegung, in der Art zu sprechen, in der Manier, mit welcher sie oft aus der Rezitation ihrer Rolle in die gewöhnliche Sprache, um etwas zu fragen oder anzuordnen, überging, fand er neue Reize. Er begriff es jetzt nicht mehr, warum sie nicht jene Lebhaftigkeit und vornehme, ja höchst edle Schalkheit, mit welcher sie die Adelheid so meisterhaft vortrug, auch in ihrem wirklichen Leben annehme, denn ihm schien, als wäre ihr diese Sprechweise und ihre Gebärde viel natürlicher, als jene schweigsame Ruhe und fast tonlose Kälte der Rede. Indem nun alle sich mehr oder minder mit ihren Rollen abmühten, verschwand ihnen in diesen Tagen ihr eignes wirkliches Leben fast gänzlich, und jeder ertappte sich darauf, dass er auch in den Freistunden seine angelernte Rolle fortspielte.
Diese Selbsttäuschung erreichte beim Grafen Bitterfeld einen so hohen Grad, dass er sich es jetzt erst lebhaft zu Herzen nahm, dass man im letzten Friedensschluß die Bistümer Bamberg und Würzburg säkularisiert habe. Er fasste so lebhaft Partei für die geistlichen Fürsten, dass er sich mit dem Baron Mannlich, den er verehrte, fast ernsthaft verfeindete, weil dieser, seiner Rolle als Götz getreu, den Despotismus, die Heuchelei und den Geiz der Kirchenfürsten heftig schalt und mit den grellsten Farben ausmalte, und selbst nicht hinhörte, als Emmrich, um ihn zu beruhigen, erinnern wollte, dass dieser Tadel die letzten milden und großmütigen Bischöfe nicht treffen könne. Der Schulmeister Selbitz, als Mitglied der Kirche, sowie der Ritterschafe, war dreist genug, in diesem Streit auch seine Meinung abzugeben, auf die der hochgestellte Bischof aber gar nicht achtete, und die Götz mit den lautesten Worten und Redensarten als ganz ungehörig abwies. Als Husar war Selbitz ganz der freibeuterischen Gesinnung des lahmen Kämpen beigetreten, konnte sich aber als Schulmeister, ob gleich er Protestant war, eines gewissen Respekts vor der Würde eines Bischofs nicht erwehren. So war denn also seine Meinung schwankend und ungewiss und wurde deshalb auch bald aus dem Felde geschlagen.
Alle mussten über das Talent des blutjungen Cadeten erstaunen. Er spielte seinen Franz mit einer solchen wahren Leidenschaftlichkeit, dass er in jeder Szene von allen Anwesenden große Lobsprüche einerntete. Charlotte lächelte über diese lebhaften Liebeserklärungen, und Albertine wurde um ihren Bruder besorgt. Die kleine Dorothea erregte in ihrer Rolle des Georg Freude und Gelächter, weil sie alles neckisch und doch tief empfunden zu sagen wusste, so sehr, dass sich alle um so mehr, ohne es sich zu gestehen, über den ganz hölzernen, hochfahrenden Götz ärgerten.
Der einzige Unglückliche war der alte Förster mit seinem Zigeunerhauptmann. Denn soviel ihm auch Elsheim zugeredet hatte, sosehr er ihm den Scherz aus dem richtigen Gesichtspunkte vorzustellen versuchte, so gelang es ihm doch nicht, die Schwermut des Alten zu bekämpfen.
An einem Nachmittage, als Leonhard sich in den Garten begeben hatte, um die Kühlung aufzusuchen, traf er Charlotten in jener abgelegenen Laube, in welcher er neulich sich lange mit dem jungen Baron unterhalten hatte. Sie war ganz allein und schien völlig in Lesung eines Buchs vertieft, doch bemerkte sie ihn und erwiderte seinen Gruß mit freundlicher Höflichkeit. Auf ihre Einladung nahm er Platz an ihrer Seite, und indem er sie betrachtete, schien ihm das blasse schöne Angesicht in der Dämmerung der grünen Blätter noch schöner und erhabener. Ihr Auge war schwermütig, und indem sie das Buch aus der Hand legte, sagte sie mit ihrem silberklingenden vollen Ton: »Es ist wundersam, wie man sich immer wieder mit Vorsatz und Kunst diese tiefen Schmerzen bereitet. Ich weiß es nun stets voraus, wie tief mich dieser Werther bis in den Grund meiner Seele erschüttert, und dennoch muss ich immer wieder, selbst wenn ich nur etwa in dem Buche blättern will, die ganze so furchtbar schöne Dichtung durchlesen.«
»Es ist ein Buch an sich selbst«, sagte Leonhard, »man vergisst völlig, dass es von einem Autor herrührt. Ich kann niemals ohne den Schauer einer Andacht diese geweihten Blätter aufschlagen. Will man von Natur, Liebe, Leidenschaft, Lebenslust und Todessehnsucht, von der erhabenen Verzweiflung an sich und allem Geschaffenen, von Kinderweisheit und dem Wahnsinn des gebrochenen Herzens etwas Ewiges vernehmen, so sind hier die Orakelsprüche, die jedem verständlich tönen, der nur Herz und Gemüt zum Tempel mitbringt.«
»Mit diesem Dichter«, erwiderte Leonhard, »erlebt man alles, was er uns sagt und singt. Es ist kein vergängliches Wort, kein gefärbter Schatten, der vorüberfährt, sondern die Wahrheit selbst, das Leben der Herzens. Wer diesen Dichter nur lesen will wie etwa anmutige Lieblingsautoren, wer nicht ganz in ihm sich verliert und mit allen Gesinnungen in ihm aufgeht, wer dies nicht kann, der tut besser, ihn aus der Hand zu legen.«
»O Sie Prophet!« sagte Charlotte, »– warum ist es mir nicht so gut geworden, Sie viel früher kennenzulernen?« – Sie gab ihm die Hand und drückte sie ihm so herzlich, dass es ihm durch alle Sinne zuckte. Es kam Gesellschaft, mit der sich jetzt beide schweigend vereinigten.
Am Vorabend der Aufführung waren die meisten Mitglieder der Gesellschaft im Gartensaal versammelt. Auch die Mutter Elsheims war zugegen, und man ging noch einmal die Liste der Gäste durch, welche man zu der Feierlichkeit gebeten hatte. Denn Elsheim hatte seinen Willen nicht durchsetzen können, dass nur vor der Mutter und den Bauern des Gutes gespielt werden sollte. Einige Künstler äußerten, dass es sich nur lohne, vor Freunden und Kennern sich so, wie sie täten, anzustrengen, und die alte Baronesse wollte durch ihre Einladung einige vornehme Damen sich verbinden, die sich seit einiger Zeit, da sie ihnen lange nicht geschrieben, für vernachlässigt halten konnten. Alles war mehr oder minder in Spannung, und viele träumten schon von den Siegen, die sie am folgenden Abend erringen würden.
Ein Bedienter übergab der alten Dame einen Brief, bei dessen Anblick diese ausrief: »Was ist denn das? Was soll ich denn damit? Er ist nicht an mich und auch nicht an meinen Sohn. ›An den Meister Leonhard – abzugeben auf dem Schlosse bei –‹ Meister! Was heißt denn das?«
»Meister?« wiederholte die Tante, Mannlich und am lautesten der Graf Bitterfeld. Indem trat Elsheim mit seinem jungen Freunde herein. Er hörte den Ausruf, sah den Brief und bemerkte, wie Leonhard rot geworden war, auf den sich aller Augen sogleich prüfend richteten. Er ging schnell zu seiner Mutter, nahm den Brief ihr aus der Hand und sagte: »Ach! ich wette, Leonhard, das kommt von deiner großen Beschützerin, der italienischen Gräfin Manfredoni. Du erlaubst mir doch, das Schreiben zu erbrechen? – Richtig, sie mahnt dich ziemlich dringend an die versprochenen Baurisse zu ihrem Sommerpalais; höre nur, mein saumseliger Freund, wie dringend sie es macht.« Er las:
Ich habe Ihm schon, ehrenwerter Professore und auch großer Maestro in Architettura, vor'gen Jahreszeit sehr ersucht und angeflehentlich erbeten, mich zu helfen von wegen meiner Bau-Enthousiasme für mein schön Gartenhaus. Aber Ihr, sehr angebeteter Maestro, scheint Dolce far niente zu sehr zu exercire auf Unkost meiner Gartenanlagenheit. Caro amico, bedenk Du doch, dass ich sehr alt Weib bin, eine Donna von die sechsundsechzig, und habe nicht mehr viel Zeit zu verpasse und Maul aufzusperre, denn die Dringlichkeit will, wenn nicht vorher in mein Erbgräbnis spatzir soll, dass Er, Maestro, Meister oder Professore, schnell mach und auch geschwind und cito citissime, weil ich in die andre Welt dort nichts von Ihm kann baue lasse; denn warum? ist nichts dort von Zimmerleut und Mauermann anzutreffen, als die armselig Totengräber. Hat Er also, Carissimo, christlich commiseratione und amore zu mich oder amico mir verbleiben will, so tu Euer Hochgeborn Professore und Meister sich über eine alte Person erbarmen. Eure Riss haben mir, die Er mir dargestellt, sehr wohlgefallen; tu mir nun, liebster Mann, die complaisance, mit Ausführung nachzukommen. Wenn aber kleine Landstreicher wird, ein vagabundo, so kann freilich Architettura in mein Garte nicht gedeihe. Will Ihm nur sagen, Meister dass meine türkische Generation von die bunte hübsche Ente, die Er so gerne füttern tat, abgestorben und verschieden sind, konnte Klima hier und Kultus nicht vertrage; das nun, mit mein Alter zugleich, und auch Schmerze in die Hüfte, so da genannt und tituliert wird Sciatica, hat mich denn auch an mein selig Ende erinnert. Die ich übrigens verharre con l'estimazione, wie sich dem, Meister auf deutsch, auf mein besser Sprach Maestro gebührt,
Post Scriptum. Bitte mir gute Bleistift von Seiner Reise mitzubringen, hier brechen alle ab, wenn sie schreiben sollen. Sonst lebt hier noch alles und ist, bis auf mich, ziemlich gesund.«
Die Zuhörer erfreuten sich dieses verwirrten Briefes, und Leonhard war beschämt, denn er wusste wohl, dass sein Freund diesen halbdeutschen Galimathias nur improvisiert hatte, um ihn aus der Verlegenheit zu ziehen. Mannlich erging sich in weitläufigen Beweisen, wie sich eine verwöhnte italienische Dame auch in solchem kleinen Briefe nicht verleugnen könne, und wie die Fremden doch niemals, wenn sie auch noch so lange in unserm Vaterlande wohnten, zu Deutschen würden. Indem nun dieses Kapitel erörtert ward, zog sich Leonhard mit seinem Briefe nachdenklich auf sein Zimmer zurück und las dort unter mancherlei widersprechenden Empfindungen den wirklichen Brief seiner Frau.
Ich sehe, dass es Dir gut geht, und wünsche, dass dies so bleiben möge. Mir bleibt es noch ungewohnt, Dich nicht hier in unsern Stuben zu sehen. Alles ist mir so öde, und unser kleiner Franz kommt sich auch so verwaiset vor. Der Meister Krummschuh kommt öfter zu uns und gibt mir und Deinem ältesten Gesellen, dem Hannoveraner, guten Rat. Ich kann dem kleinen dicken Mann unmöglich böse sein (denn er meint es so gut mit uns), wenn er immerfort auf dich stichelt, und sagt, Du würdest noch ganz zum Edelmann werden in Deiner hochadligen Gesellschaft; denn Du hättest Dich schon als wandernder Handwerksgeselle mit Deinesgleichen nicht viel eingelassen; Du wärest immer zu stolz und hochmütig gewesen, und dergleichen mehr. Er hat, so gut er ist, doch immer einen kleinen Neid auf Dich, dass Du Dich ansehnlicher ausnimmst und in jeder Gesellschaft Deine Person so ziemlich vorzustellen weißt. Denn das muss wahr sein, guter lieber Wilhelm, dass ich Dich noch fast nie mit den Vornehmen so verlegen gesehen habe und so linkisch oder großtuerisch, wie so manche Bürgersleute, die dann auch oft so kuriose Redensarten gebrauchen, dass die Ausgelernten heimlich, oder auch öffentlich darüber lachen. Der Hannoveraner hat einen großen künstlichen Schrank für den Herrn von Heimbüttel übernehmen müssen, der die Arbeit eilig eilig haben will. Krummschuh tat sich damit groß, dass er Rat geben musste; er schmunzelte viel, wurde aber dunkelrot, wie er das an sich hat, bis in seinen fetten Nacken hinein, wo ihm dann, wie Du weißt, die Ader so dick aufschwillt. Er war nämlich so verlegen und wusste eigentlich nicht links, nicht rechts, so dass es ihm unser Hannoveraner Gottfried immer wieder anders auseinandersetzen musste, der das Ding gleich weghatte, während der Kleine es doch nicht wollte merken lassen, wie er es nicht recht begriffe. Das ist mit Euch Handwerksleuten doch etwas recht Besonderes, dass der eine so viel Einsicht und Verständnis hat, und ihm das Geraten sozusagen in die Hände läuft, und andere sich placken und quälen und es doch immer nicht recht zustande bringen. Doch das ist wohl in allen Ständen, mit Gelehrten und Beamten und selbst Generalen und Fürsten ebenso. Das ist die große, große Ungleichheit im Reiche der Geister, und dann wollen die Menschen doch oft noch die völligste Gleichheit unter den Menschen. Aber darin versteht der kleine Krummschuh keinen Spaß; er will allen Adel abgeschafft haben und auch die Fürsten und Minister; jeder soll sich selber regieren, meint er, und keiner sich um den andern kümmern; und wenn er dann recht in Eifer gerät, so schilt und zankt er auch auf Dich, besonders weil Du mit einem Edelmann so mir nichts dir nichts fortgereiset bist. Das wäre mir alles nicht so ganz wichtig, aber mit unserem alten Magister geht es viel ernsthafter her. Der wunderliche greise Mann tritt ganz über die Stränge. Ich fürchte, er bleibt uns ganz aus, so gewaltig hat er sich verändert, und der kleine Franz sagt auch, er könne gar nichts mehr von ihm lernen, weil er immer so konfuse spreche; und einmal hat er so wunderlich hantiert und sich ohne Not ereifert, dass das Kind ihm weinend fortgelaufen ist und mir seine Not geklagt hat. Der alte Mann hat, wie ich in die Stube ging, was hergefaselt, was ich nicht habe begreifen können. Er hat mir auch einen Brief geschrieben, ziemlich umständlich, aus dem ich mich auch nicht habe finden können. Das ist entweder recht dummes Zeug, oder recht tiefsinnig, vielleicht beides. So tut es mir also recht weh und bang, Liebster, dass Du nicht hier bist und mir das alles recht auseinandersetzen kannst. Denn ohne Dich bin ich doch in vielen Sachen gar zu einfältig, und so ärgert es mich jetzt eben auch, dass ich mit der Briefschreiberei nicht so recht fortkann; mir däucht, mit der Zunge und mit dem Sprechen geht es um vieles besser. So ist auch der König, der benachbarte, hier durchgekommen; dem sind sie hier nicht grün und gewogen, aber sie hatten ihm doch etliche Ehrenpforten und Latten und Leinwand aufgebaut und alles dann recht hübsch überpinselt. Wie sie denn mit Pinseln jetzt alles machen. Am Abend hatten sie auch Lampen hineingehängt, von allen Farben. Jetzt ist alles wieder abgerissen. Sie sagen jetzt, Stadt und Bürgermeister hätten zuviel getan, indessen hat unser Fürst doch gewiss um diese Herrlichkeiten gewusst und sie gebilligt. Neulich hätte fast ein großes Unglück entstehen können. Unsere große Cyperkatze saß ganz ruhig vor unserer Tür in der Sonne. Da kommt der junge Herr von Wermuth vorbei mit seinen zwei großen grimmigen Jagdhunden. Und, wie die jungen Barons oft sind, hetzt der junge Mensch seine Hunde auf die arme friedfertige Katze, die an so was nicht gewöhnt ist. Anfangs will sie sich dann wehren und macht die Anstalten, wie die Katzen tun, aber die Hunde ließen sich nicht abhalten. Franz lag im Fenster und weinte und schrie. Ich will hinausrennen, aber sowie ich die Stubentür aufmache, rennt unsere Katze, ohne sich umzusehen, denn sie konnte nur in die Stube treten, mir in der Angst vorbei und in unseren Hof hinein, von dem die Tür gerade offen stand. Ich denke, sie wird sich auf den alten Nußbaum hinaufretten, wie das die Katzen pflegen. Aber in ihren Nöten vergisst sie alles Vernünftige und springt zu unserm Phylax, unserm großen Kettenhund, in sein Hundehaus hinein. Nun dacht ich doch wirklich, die arme Kreatur wäre aus dem Regen in die Traufe gekommen, denn Du weiße es ja, dass sie den Phylax, und er sie nicht leiden konnte. Aber, wie ein galanter Ritter, von denen man liest, stellt sich der dickköpfige ramassierte Hund vor sein Hundehaus hin und treibt so grimmigen Spektakel, dass er die beiden großen Bestien wegbeißt und fortbellt. Schon wie sie weg waren, räsonnierte das Tier in seiner Sprache noch lange über diesen unverschämten Bruch des Burgfriedens. Der junge Herr wollte mir mit seiner höflichen Galanterie einige Entschuldigungen sagen, ich aber antwortete ihm ganz schnippisch und empfindlich, der Hund wäre diesmal galanter als er gewesen, denn dieser hätte, wie ein Ritter, die Katze, als Dame, die er eigentlich nicht leiden könne, verteidigt. Er lachte und ging ab. Nun ist das nur das Wunderbare, dass seitdem der Hund und die Katze die allerbesten Freunde sind. Sie besucht ihn oft, sie darf mit ihm speisen, und wenn er von der Kette los ist, sieht man sie manchmal beide im Sonnenschein im Hofe liegen, und wie sie ihren Kopf an den seinigen lehnt und ihn so vertraulich mit den zugekniffenen Augen ansieht. Auch spinnt sie in seiner Nähe, worüber, wie Franz versichert, sich der Phylax gewaltig soll verwundert haben, als er das zum erstenmal gehört hat. Seitdem hat auch Franz mit dem Phylax, vor dem er sich sonst immer fürchtete, einen zärtlichen Freundschaftsbund geschlossen, und so sieht man jetzt die drei lieben ungleichen Kreaturen oft auf dem Hofe spielen. So wäre das denn alles Wichtige und Unwichtige, was ich Dir erzählen könnte; am meisten liegt mir der Magister auf dem Herzen. Ich schicke diesmal den Brief gerade an Dich, und nicht, wie wir ausgemacht hatten, durch Einschluß an Deinen Baron; denn, aufrichtig gesagt, ich traue dem jungen Herrn nicht so recht. Vielleicht liest er heimlich mein Geschreibe, um darüber zu lachen oder er liefert es nicht gehörig ab, weil ich Dich vielleicht antreibe, recht bald bald zurückzukommen, und das tu ich denn auch hiemit, denn mir wird oft so bänglich, dass Du nicht da bist. Ich gehe oft aus einer Stube in die andere, als wenn ich was suchte, und wenn ich mich dann besinne, ist es bloß, dass Du mir fehlst. Ja, wo der Hausherr nicht ist, da ist das ganze Haus verödet. Ach, Liebster, es ist ja auch gut und hübsch hier. Aber freilich, treibe dort nur Dein Geschäft zu Ende, freue Dich an der Reise und mit Deinem Freunde, nur denke auch hübsch oft an mich und bleibe mir gut dort unter allen den wildfremden Menschen, die es doch niemals so gut mit Dir meinen können, wie sie sich auch anstellen mögen, als ich,
Dieses Blatt versetzte den jungen Meister unmittelbar in die rührende Beschränktheit seines bürgerlichen Verhältnisses. Er sah sein Hinterstübchen vor sich, den Hofraum, die aufgeschichteten Bretter, den duftenden alten Nußbaum, in dessen Blättern die Abendröte spielte, er vernahm das Geräusch seiner arbeitenden Gesellen und den rührenden, herzlichen und heitern Ton seiner Friederike. Er musste sich fragen, wie er denn in diese Umgebung gekommen sei, und was er hier wolle. Plötzlich mit allen seinen Gefühlen aus dem Taumel herausgerissen, der ihn bis jetzt umkreiset hatte, erinnerte er sich mancher wunderbaren Erzählung, wie ein Mensch verzaubert und gebannt sein könne, dass er sich, trotz seines bessern Willens, den ihn fesselnden Kreisen nicht zu entziehen vermöge. So gemahnte er sich. – Er ging unwillig, unbestimmt im Zimmer auf und ab, setzte sich an das Fenster, öffnete dies, schaute über den Garten hinweg in das Feld hinaus und suchte eigentlich nach Gedanken, um diesen verwirrenden Empfindungen zu entgehen.
So traf ihn Elsheim, der ihn aufsuchte und besorgt forschte, ob jener Brief auch keine betrübenden Nachrichten enthalte. »Nein, Liebster«, sagte Leonhard, »aber wie sehr ich mich beschämt fühlte, als du mit deiner Geistesgegenwart jenen italienischen Brief improvisiertest, damit ich nur nicht als Tischlermeister in eurer Mitte stände, kann ich dir nicht ausdrücken. Seh ich nun Säge, Hobel, die Gerätschaften dort im Saale an, so ist jeder Ruck des Instruments, jeder Aufschrei desselben für mich wie ein höhnender Vorwurf.«
»Du hast meiner Freundschaft dich und deine Zeit aufgeopfert«, sagte Elsheim, ihn begütigend. »Du hattest selbst Lust an dieser Reise, deine Maskerade ist jetzt nicht mehr aufzuheben, und du kannst mir nur danken, dass ich dich nicht für einen Reichsgrafen ausgegeben. Als solchen würden dich die alten Mütterchen und Bitterfeld so in Untersuchung und ins Gebet nehmen, dass deine Unwissenheit in Genealogie und Stammbäumen bald an das Tageslicht käme, in der Architektur kannst du es aber hier gewiss mit allen aufnehmen.«
»Ja morgen, Freund Leonhard, läuft nun das große gewaltige Kriegsschiff vom Stapel. Ich habe mit meiner Mutter noch viele Kämpfe gehabt. Da hat sie die Schwester meines Vaters einladen müssen, die zwölf Meilen von ihrem Kloster herkommt, wo sie protestantische Äbtissin ist. Diese Dame hat eine Zeitlang in Paris gelebt, sie hat in der Jugend am Hofe eines Fürsten Racines Andromaque französisch deklamiert und gespielt, zum Erstaunen, wie man erzählt, aller Menschen. Wird also in ihrer Familie Komödie gespielt, so würde sie, wie meine Mutter sagt, es für die allergrößte Beleidigung halten, wenn man sie als Kennerin und ausgemachte Künstlerin nicht dazu beriefe. Sie bringt nun gar noch eine Fürstin mit, eine alte Dame, die wenigstens den Titel Durchlaucht verlangt. Diese furchtbare Fee geniert selbst meine Mutter. Ein Minister-Resident des benachbarten Hofes hat sich auch melden lassen, so dass wir, da das Haus schon besetzt ist, fast in Verlegenheit kommen, wo wir alle diese vornehmen Gäste einquartieren sollen. Ich hatte es mir anfangs so schön ausgedacht, dass wir alle diese Späße so ganz unter uns treiben sollten, von allen Kritikern fern und unbeachtet, und nun drängen sich Auge und Nase aus den Zeiten Louis quatorze in unsern Saal.«
»Und dabei die Darstellung selbst«, erwiderte Leonhard, »wie weit sind wir doch von unserer Absicht weg verschlagen! Wenn Goethe während der Aufführung in den Saal träte müssten wir uns nicht schämen? Ist es doch, als habe man aus Bosheit sein Werk in das Komische übersetzen wollen.«
»Ich gebe es zu«, erwiderte Elsheim verdrüßlich, »dass es durch meine Schuld geschehen ist; gehen wir aber auch nicht zu weit. Die Hauptperson abgerechnet, macht sich das übrige sehr gut; manches sogar über meine Erwartung.«
Aber eben die Hauptperson, meinte Leonhard, um die sich doch das ganze Gedicht drehe, wenn diese so völlig von aller Natur und allem Menschlichen abweiche, so müsse ja, möchten die andern tun, was sie wollten, die Darstellung zur Farce herabsinken.
Indem fuhren mehrere Equipagen vor; es waren die vornehmen Gäste, und Elsheim eilte hinunter, um sie zu empfangen und zu bewillkommnen. Im Gartensaal war nun große Verwirrung und viel Durcheinanderlaufen von Herrschaften und Domestiken. Emmrich, Leonhard und die jungen Mädchen hatten sich entfernt, um die Unruhe nicht zu vermehren und um ihre Rollen für den morgenden Abend noch einmal genau durchzugehen. Als man unten im Saal etwas beruhigt und zum Sitzen gekommen war, sagte die Äbtissin zur Wirtin des Hauses: »Ja, ma chère soeur, so sehen wir uns doch noch einmal wieder, und zwar führen uns die Musen selbst zusammen. Aber, Liebe, wie ich auch in der Littérature dramatique bewandert zu sein glaube, von diesem Götz eines gewissen Herrn von Berlichingen habe ich noch niemals etwas vernommen.«
»Er ist mir auch ganz unbekannt«, antwortete die Mutter, »und ich habe mich auch jetzt nicht weiter um die Sache bekümmert, weil mir alles neu bleiben soll, und ich mich gern überraschen lasse.«
»Die Berlichingen«, fing der Reichsgraf an, »sind eigentlich, soviel ich weiß, ein fränkisches Geschlecht. Es sind aber auch Berlichingen im östereichischen Dienst. Vielleicht rührt also das Gedicht von einem jungen Wiener Poeten her.«
»Sie haben recht, Graf«, fiel die Äbtissin bei; »ein anderer österreichischer Cavalier, der zwar jetzt nicht mehr jung sein kann, gab uns ja damals den Postzug oder die noblen Passionen. Der große Friedrich von Preußen erklärt diese Produktion für das beste deutsche Theaterstück. Dieses Urteil machte dazumal dem Cavalier, dem Herrn von Ayrenhof, sehr viele Ehre.«
»Dank, mon neveu«, erwiderte sie; »nun orientieren Sie mich einigermaßen. Ah ciel! wenn mich mein Gedächtnis nicht ganz täuscht, so wird dieser Monsieur Goethe auch in derselben Schrift des höchstseligen Königs erwähnt. O ma sœur, da wirst du ein monstre zu sehen bekommen, ein ganz geschmackwidriges Ungeheuer. Da sind alle Einheiten verletzt, und keine Kunst und keine Schönheit zu hoffen. O mon neveu! dass die Jugend so gern von der Regel abweicht, denn Sie haben ja das Ding eingerichtet.«
»Und verwechseln Sie nicht, Gnädigste«, fiel der Reichsgraf ein, »diesen mir unbekannten Dichter Gotha mit jenem Engländer Shakespeare, gegen den, wie ich mich etwas dunkel erinnere, der Zorn des Monarchen sich vorzüglich wendete.«
An diesem Abend speiseten die Fremden, die spät angekommen waren, mit dem älteren Teil der Gesellschaft und begaben sich früh zur Ruhe; die künstlerischen Personen legten sich mit einiger Besorgnis nieder, wie das unternommene Wagestück morgen gelingen und ausfallen werde; nur Baron Mannlich war völlig sicher und sorglos, weil er seinem Talent unbedingt vertraute.
Aurora führte nun auch diesen wichtigen Tag herauf, und wenn man die Künstler beobachtete, so war es nicht zu verkennen, dass die meisten in einer großen Aufregung sich befanden. Sie aßen an der Mittagstafel nur wenig und verfügten sich eilig in ihre Zimmer, die Umkleidung zu bewerkstelligen. Schon in den letzten Tagen war mit Schneidern und Näherinnen vielfach verhandelt worden; jetzt wurden noch die letzten Verbesserungen vorgenommen. Endlich wurden auch nach und nach die Lampen angezündet, und man hörte schon hinter dem Vorhange das Wogen und Rauschen der Eintretenden, und wie verschwimmende Laute das mannigfaltige Gespräch.
In reichen seidenen Armsesseln saßen vorn die Baronesse Elsheim und die Äbtissin, sowie die Fürstin und der Reichsgraf; auf gewöhnlichen Stühlen einige geladene Gäste aus der Nachbarschaft; etwas von den Herrschaften entfernt die Dienerschaft des Schlosses und Landleute, Untertanen des Barons, denen Elsheim diese Freude gönnen wollte. Von den Gerichtspersonen, die vor einiger Zeit bei der Übergabe des Gutes an Elsheim waren beteiligt gewesen, hatten sich einige auch die Erlaubnis ausgebeten, an diesem Abend sich wieder einfinden zu dürfen. So war der große Saal ziemlich angefüllt, und so ruhig sich auch, aus Respekt vor den Herrschaften, die Landleute hielten, so vernahm man doch in halblauten Gesprächen, wie sie alle, die wohl noch nie ein Schauspiel gesehen hatten, auf das Heben des Vorhanges und die Entwickelung der Darstellung neugierig und gespannt waren.
Mannlich, als Regisseur, stand schon mit seiner Klingel in der Hand bereit. Das Theater war leer, und Leonhard hatte eben mit Lachen die kleine Dorothea betrachten müssen, die sich in dem zu großen Küraß des Hans komisch, aber allerliebst ausnahm. Die erste Szene in der Schenke blieb weg, und das Stück sollte sogleich mit dem Monologe des Götz beginnen. Die Szene war daher Wald, und vorn als Seiteneinsatz das Wirtshaus. Aus dem offenen Fenster desselben, in der Kulisse stehend, lehnte jetzt Leonhard, als Mönch gekleidet. Er erschrak fast, da jetzt von gegenüber Charlotte, als Adelheid, hereintrat, im weißen Atlaskleide; im vollen braunen Haar einen leichten Kranz von Myrten und weißen Rosen; Hals, Schultern und ein Teil des schön gewölbten Busens frei. Leonhard hatte nie geglaubt, dass weibliche Schönheit so groß und glänzend, so bezaubernd einhertreten könne. Wie schalt er jetzt auf sich, dass er sonst oftmals auf geschminkte Weiber im moralischen Zorne gescholten hatte Denn nur mittelst der Schminke konnten beim Schein der Lichter diese dunkeln Augen so überirdisch glänzen, nur gegen aufgetragenes Rot Stirn und Augenbraunen von den Wangen durch reinen Glanz so abstechen. Um so mehr leuchteten dadurch Busen und Schultern. Während er noch diese Betrachtungen anstellte, trat sie zu ihm, stellte sich an das Fenster und sagte, indem sie ihm das Buch reichte: »Ach, lieber Leonhard, ich bin so ängstlich, überhören Sie mir schnell noch einmal die ersten Reden meiner Rolle, ob ich auch sicher bin.« Er nahm das Buch, und sie stand, nur durch die leinene Wand von ihm getrennt, dicht neben ihm sie sah mit in das Buch, das er ihr hinhielt, und so kam von selbst die Hand, welche die Blätter hielt, auf den schönen festen Busen zu liegen. Sie sagte die Worte her, und er half ein. »Nun die Stelle«, rief sie, »wo ich immer am unsichersten bin.« Sie zeigte mit den Fingern, etwas mehr umgewendet, in die Schrift, und so drückte sie seine zitternde Hand fester auf den Busen. Er konnte die Stelle, die sie suchte, nicht finden, sie sah vom Buche auf und ihn lächelnd an, doch, indem sie den Mund öffnete, um zu sprechen, erscholl die Klingel des Regisseurs, und sie schlüpfte hinter die Szene. Nach einer kurzen Musik hob sich der Vorhang. Leonhard verließ träumend und seltsam bewegt seinen Standpunkt, um hinter dem Walde wegzugehen, damit er als Mönch von der anderen Seite hereinkommen könne. Er hörte nichts von dem zu laut gesprochenen Monolog des Götz; er sah den kleinen liebenswürdigen Georg nicht, bei dessen Erscheinen der ganze Saal von lautem Gelächter erscholl; er dachte einzig an die unbillige Rüge seines Freundes, der Charlotten mit jenen grell funkelnden Kunstblumen verglichen hatte, die aus der Folie geschlagen werden. Er musste sich sagen, dass Gold, Demant und Edelstein, Blume und alles, was im Lichte schimmert und glänzt vor dem hellen Leuchten eines schönen weiblichen Körpers erblindet. Diese Betrachtungen waren ihm jetzt die natürlichsten, sie rissen seine Seele ganz in diese Anschauung und Fühlung hinein, und es kostete ihm einen harten und beschwerlichen Kampf, um auf sein Stichwort zu achten, welches nun bald ertönte, und das den ganz Zerstreuten auf die Bühne und vor die Blicke aller Zuschauenden hinrief.
Es war ihm schwer sich zu sammeln, und seine ersten Worte zitterten; doch fand er die Fassung wieder und sprach die Szene nun, um nicht in jenes undeutliche Lallen wieder zu geraten, zu stark. Als er an die Rede kam: »Und eure Weiber? – Ihr habt doch eins! – Und doch war das Weib die Krone der Schöpfung!« sprach er mit einem unbilligen Enthusiasmus. Er war froh, als er seine Szene geendigt hatte und sich nun in das angewiesene Zimmer begeben konnte, um sich zum Lerse neu anzukleiden und anders zu schminken.
Elsheim als Weislingen erschien sehr liebenswürdig. Sein weicher Ton, seine schlanke Gestalt und sein edles Antlitz imponierten den Zuschauern und rührten sie zugleich. Bei seinem Auftreten verschwand Mannlich als Götz völlig in ein Nichts. Dessen rohe Art, mit der er die Sprache behandelte, sein ungeschicktes Benehmen und die stets zu weit ausgreifende Gebärde fielen nun erst recht als unziemlich ins Auge. Die Tante als Elisabeth und Albertine als Marie waren zu loben; ein hübsches Kindchen hatten die Frauen zum Carl gut abgerichtet, und so ging der erste Akt zum Wohlgefallen der meisten Zuschauer zu Ende.
Weislingen hatte schon während des Spieles ein lautes störendes Schluchzen, welches zwischen den Kulissen hervortönte, und das er zu kennen glaubte, zu seinem Verdrusse vernommen. Sowie also der Vorhang fiel, ging er zu dem alten Förster, von dem diese Klagelaute herrührten, und der händeringend und stark weinend hinter dem Theater herumirrte. Der Alte gewährte in seinem Zigeunerkostüme und in seiner Verzweiflung einen fratzenhaften Anblick. Da er sich gar nicht zufriedenstellen wollte, und Elsheim einsah, wie die Sache sich im letzten Augenblick nicht einrichten ließe, er auch eine lächerliche Störung befürchtete, so gab er den Alten frei, der auch sogleich mit heulenden Jubel davonrannte. Weislingen nahm sich vor, nach seinem Tode selbst noch die kleine Rolle des Zigeunerhauptmanns auszuführen. Doch eine weit schlimmere Störung kam von einer ganz anderen Seite, denn das Schicksal hatte beschlossen, dass diese Sorgen Elsheims für heute anderen Platz machen sollten.
Beim Umkleiden sagte Leonhard zu sich selbst: Wie ist mir denn? Ich komme mir wie ein Knabe vor. Ist dies das erste Mädchen, welches mir jemals seine Gunst zu erkennen gab? Es ist ja auch möglich, dass alles nur Zufall war und ohne Absicht geschah. Doch war ihr Blick von einer Freundlichkeit, mit der ihr Auge mich noch niemals angeschaut hat. Auch irre ich wohl nicht, wenn ich Schalkheit in diesem lächelnden Auge zu lesen glaubte.
Er eilte, um so wenig als möglich die Szenen zu versäumen, in welchen Adelheid auftrat. Sie kam ihm bewundernswürdig vor, und immer tiefer wuchs dieses zauberhafte Wesen in sein Herz hinein.
Es schien fast, als wenn Elsheim ungern seine Szenen mit Albertinen spielte, und als nun der überaus treuherzige, etwas rohe Selbitz auftrat, vernahm man im ganzen Saal eine Bewegung und das Summen eines ungeteilten Beifalls. Die Dienerschaft und die Landleute glaubten einen aus ihrer Mitte zu vernehmen, und dieser Charakter war ihnen um so lieber, weil sie den Darsteller, den Schulmeister, persönlich kannten und oft in der Schenke, oder in ihren Häusern ganz vertraut mit ihm umgingen. Die höchsten Herrschaften aber, die den Schauspieler nicht kannten, kamen darin überein, dass er der beste von allen sei und wahrscheinlich als ein vollendeter Künstler, von irgendeiner großen Bühne vom jungen Elsheim für dieses Spiel sei verschrieben worden. »Warum«, sagte die Fürstin, »hat man diesem Manne nicht die Hauptrolle übertragen?« – Der Reichsgraf flüsterte der Fürstin und Äbtissin zu: »Aber bemerken Durchlaucht die unendliche Kunst des Mannes, mit welcher er seine Maske angeordnet hat. Wie hat er nur diesen unvergleichlichen Stelzfuß zustande gebracht? Sollte man nicht schwören, das Bein sei ihm unterhalb des Knies wirklich abgenommen worden? Und wie er mit dem scheinbaren oder wirklichen Holze stampfen kann, wenn er in Zorn gerät! Ich vermute fast, dieser Selbitz ist der berühmte Iffland selbst, der nach Aussage von Kennern so einzig die Kunst sich zu maskieren versteht.«
»Wäre das Stück nur nicht«, erwiderte die Erlauchte, »so ganz vom gemeinsten Charakter! Das Dekorum und der Anstand sind doch nicht im allermindesten beobachtet. Wo hat der Autor diese Menschen nur aufzufinden gemeint, denn sie handeln und sprechen in einer Weise, die ganz an das Unmögliche grenzt.«
»Wir Deutschen«, bemerkte der Reichsgraf, »sind noch zu sehr in Bildung und Kritik zurück. Und vollends jetzt! Man hat, wie ich höre, die französischen Muster, die uns noch zur Richtschnur dienen konnten, völlig verlassen und will nun mit Sitten des gemeinen Mannes, mit Sprichwörtern und Provinzialismen, mit der ärmsten Bürgerlichkeit und der Roheit der ungebildeten Stände ein deutsches Wesen etablieren, das nun ebenso national werden soll, wie Racine und Corneille bei den Franzosen. So hat mich wenigstens ein gelehrter Freund versichern wollen. Und dies Ding, was wir hier vor uns sehen, ist offenbar jenem Shakespeare nachgeahmt, der auch Welt und Menschen nicht kannte, und in der Roheit seine Originalität suchte und fand.«
»Sehr wahr«, erwiderte die Äbtissin, »und man sieht wohl, dass mein guter Neveu auch aus dieser seltsamen Schule herkommt. Aber er sieht hübsch aus in seinem Kostüme, nicht wahr, ma sœur?«
»Ich verstehe den Zusammenhang von der ganzen Sache nicht recht«, erwiderte die Mutter, »es ist weder eine Konspiration, noch eine Liebesgeschichte; man erfährt immer wieder etwas Neues und muss darüber das vorige vergessen. Am meisten gefällt mir Albertinchen; ich wollte, die weiche Personage wäre die Hauptperson, denn sie hat mich schon ein paarmal recht herzlich gerührt. Mein Sohn, das fürchte ich immer mehr, wird sich schlecht gegen sie betragen, und sich in die Stadtdame vergaffen.«
»Die Adelheid, oder wie sie heißt«, fing die Erlauchte wieder an, »müsste sich aber ganz anders betragen, denn sie ist bei weitem nicht vornehm genug.«
»Ja wohl«, sagte die Äbtissin. »Ah! das verstand die Clairon, die ich noch in meiner allerfrühsten Jugend gesehen habe, ganz anders. Sie ist, diese junge Charlotte hier, viel zu liebenswürdig für ihre Rolle.«
So war der zweite Akt vorübergegangen, und, als der Vorhang wieder fiel, lobten sich die Spielenden untereinander, und Adelheids Benehmen und ihr Ton wurden von allen bewundert. »Aber dass wir nur nicht unsere liebe herrliche Dorothea darüber vergessen«, rief Elsheim aus; »was sind wir nicht diesem allerliebsten Fräulein für ihre Gefälligkeit schuldig! Ohne ihre Bereitwilligkeit war das Stück unmöglich; und welch ein schönes Talent hat sie entwickelt! Ich halte diesen Georg für eine der wichtigsten Personen im Stück und für eine der schönsten Charakterzeichnungen, die uns der große Dichter nur jemals gegeben hat.«
»Nun aber«, sagte Mannlich, »entwickelt sich erst im dritten Akt am meisten der heroische Charakter des Götz. Auch Georg tritt dreister auf, und der alte Selbitz hat die herrliche Szene, wo er verwundet unten am Turm liegt, in dessen Luke der Knecht hinaufsteigt. Da müssen wir uns recht angreifen. Wie schade, dass ich nicht zu Pferde kommen kann, wie es im Original vorgeschrieben ist.«
»Ha! was Pferde«, schrie der Schulmeister, indem er seine Krücke schwang; »die können wir entbehren. Ich und der Baron Mannlich, wir wollen beide schon selbst so bestialisch wettern und rumoren, dass man keine andere Kreatur vermissen soll!«
Mannlich sah den Alten, der zu sehr begeistert war, von der Seite an und wusste nicht, was er ihm antworten sollte. Er eilte von der Bühne, um nachzusehen, ob alle Verwandlungen und Umkleidungen vorbereitet seien, damit man so bald als möglich den dritten Akt beginnen könne.
In diesem Akt hatte Elsheim am meisten zusammenziehen müssen, weil die Szenen im Original zu schnell wechseln und eine ganz wörtliche Aufführung unmöglich machen; doch hatte er mit großer Sorgfalt jeden charakteristischen Zug, jede schöne Rede beibehalten, nur waren die Reichstruppen und Götzens Leute mehr in ihren Szenen beisammen, und Elsheim hoffte, dass in dieser Zusammenziehung seine kleine Bühne so ziemlich schicklich das Gedicht darstellen würde.
Da man in der Anordnung den Wechsel der Szenen mehr andeutete, als ihn wirklich ausführte, und ein vorgeschobener oder weggezogener Busch eine andere Landschaft vorstellte, so konnte man rasch vorschreiten und vereinigen, ohne dass der ursprünglichen Form des Gedichts zu sehr Gewalt angetan wurde. Selbst Mannlich, hingerissen von der Bewegung, spielte und sprach schneller, als in den vorigen Akten. Der Auftritt, in welchem Selbitz verwundet herbeigeführt wird, ward mit Präzision gegeben und fand vielen Beifall; über die Reichstruppen wurde gelacht, und Götz hatte den vollständigsten Sieg davongetragen. Leonhard hatte sich wieder gesammelt, und gab seinen Lerse mit der einfachen Biederkeit, die ihm selbst so natürlich war, so dass er gegen Mannlich, der immer mit vollem Munde predigte, lebhaft kontrastierte. Früher schon hatten Adelheid und der Cadet als Franz ihre Szene vortrefflich gespielt, und Sickingen, der Professor, war in allen Auftritten so gehalten und ruhig, wie es sein Charakter erforderte. Georg erschien allen als unverbesserlich und darum noch mehr zu loben, weil man ganz vergaß, dass ein junges Mädchen diesen heroisch muntern Knaben spielte.
Nun aber waren die bis dahin glücklichen Kämpfer in ihrer Burg eingeschlossen. Mannlichs Brust hob sich stärker, als gewöhnlich, und man sah es ihm an, dass er einen großen Moment, einen auffallenden Effekt präparierte. Er hatte schon von Sickingen und seiner Schwester Abschied genommen, und nun vernahm er von außen die Trompete und die Aufforderung, sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Mannlich hatte durch seine tapfre und mutige Haltung jetzt die Meinung aller gewonnen; selbst die hohen Herrschaften auf ihren Sesseln schwatzten nicht mehr und hatten sich einer gewissen Täuschung ergeben, als jetzt der Ritter dem Trompeter jene ungezogene Antwort gibt, die er freilich in seiner Lebensgeschichte aufgeschrieben, und die auch Goethe in den ersten Auflagen des Gedichtes beibehalten, nachher aber weggestrichen und bloß angedeutet hat. Mannlich aber, um dem echten Original und der Wahrhaftigkeit der Geschichte nichts zu vergeben, sprach mit der lautesten Stimme und in noch langsamerem Tempo, als sonst, noch gehaltener und jedes Wort und jede Silbe akzentuierend, die ganze Ungezogenheit schreiend aus.
Es ist nicht leicht zu beschreiben, welche Wirkung diese deklamierte Stelle im ganzen großen, mit Menschen überfüllten Saale hervorbrachte. Es ist keine Übertreibung, wenn man behauptet, dass noch niemals ein dargestelltes Theaterstück so ungeheuer drastisch gewirkt habe. Die Bauern ergaben sich dem unmäßigsten Gelächter, die Dienstleute erschraken; denn alle waren überzeugt, die Stelle sei vom Baron extemporiert, es sei irgend etwas auf dem Theater vorgefallen, und er richte sie im Zorn und in der Wut an jemand anders, als an den Trompeter. Die Gerichtsleute schmunzelten und bedeckten in der Verlegenheit ihre Gesichter mit dem Taschentuch. Wahrhaft furchtbar aber traf der Schlag in das Parterre noble. Die Erlauchte schrie laut auf und lag in Ohnmacht; die Äbtissin bekam ihre Krämpfe und rief nach ihrem Kammermädchen und um Hülfe; die Mutter, selbst einer Ohnmacht nahe, bemühte sich um die Freundinnen und rettete in lautes Weinen und Schluchzen ihre Besinnung; der Reichsgraf rief scheltend nach Bedienten, und Weislingen, der, selbst erschreckt, aus den Kulissen diesen ungeheuern Aufruhr sah, der sich unten im ganzen Saal erhob, denn alles war aufgestanden und lief durcheinander, sprang schnell über das Orchester hinweg vom Theater herunter zu seiner Mutter und der hilfsbedürftigen Gruppe, um welche sich alles drängte. Dort war Schreien, Weinen, Krampf, Ohnmacht und Schelten, und Elsheim wusste nicht, was er zuerst tun, wie er am besten raten sollte. Mannlich hatte sich erstaunt und mit offenem Munde vorn an das Proszenium gestellt, denn auch auf dem Theater war ein Stillstand des Entsetzens eingetreten, als Weislingen von unten zur Bühne hinaufrief, dass man den Vorhang niederlassen solle. Dies geschah, und so war im allgemeinen Tumult, ohne Epilog oder Entschuldigung, das historische Schauspiel vom Götz von Berlichingen für diesen Abend zu Ende und beschlossen.
Bediente, Kammermädchen, Läufer, der Haushofmeister, alles hatte sich herbeigemacht, um die alten Damen zu führen, zu heben und aus dem Saal zu tragen. Man begab sich nach einem anderen Zimmer; Sofas und Lehnstühle wurden für die Kranken und Leidenden herbeigeschoben und geordnet, sowie die Hausapotheke in Anspruch genommen. Als die Damen sich etwas erholt hatten, ergossen sich alle, unter Vortritt und Vorspruch des Reichsgrafen, in unerschöpfliche Vorwürfe gegen Elsheim, der in sein Haus einen Mann eingeführt und als seinen Freund dargestellt habe, welcher, uneingedenk seines Standes und was er der Gesellschaft schuldig sei, sich so ungeheure Sottisen erlaube.
»Jawohl, jawohl«, unterbrach sie die Mutter weinend, »– ach, wer hätte so was in dem Manne gesucht! Ja wohl war das eine Überraschung, die mir zubereitet wurde. Um den Schlag zu kriegen!«
»Er ist zu sehr unter mir«, rief der Reichsgraf, »sonst würde ich diesen Herrn von Mannlich auf Ritterweise darüber zur Rechenschaft ziehen, dass er frech und roh es gewagt hat, uns, der Durchlaucht, der Frau Äbtissin und mir, so was in Gegenwart von Bauern und Domestiken laut zuzurufen.«
»Ja, ja!« rief die Erlauchte, die sich jetzt etwas erholt hatte, »das leidet gar keinen Zweifel. Er sah schon immer in den vorigen Szenen so giftig nach uns hin. Er war darüber erbost, dass wir uns einige Zweifel erlaubten.«
»Wohl!« fuhr der Reichsgraf zornig fort, »er mochte merken, dass wir dem echten großen Schauspieler, dem Selbitz, den Vorzug gaben; wir sprachen laut, er hat es wahrscheinlich oben gehört; und nun stellt er sich vorn an die Lampen, sieht uns starr und höhnisch grinsend an und schreit uns – uns diese niederträchtige Grobheit, ärger, als es ein Sackträger, schlimmer, als es ein Stallknecht tun könnte, entgegen, winkt und dreht dabei mit den Händen und Augen noch so wunderlich –«
»Verehrte«, sagte jetzt Elsheim etwas ungeduldig, »fern sei es von mir, die Ungezogenheit des Barons auch nur irgend entschuldigen zu wollen; die Roheit ist zu auffallend; aber ich schwöre Ihnen bei meiner Ehre, Ihr unbegreiflicher Argwohn wenigstens ist ganz ungegründet. Diese anstößigen gemeinen Worte sind in der Tat im Stück, sie sind so gedruckt, nur hat sie später der Verfasser selbst als unziemlich wieder weggestrichen. Höchst tadelnswert ist Mannlich, dass er die alte abgesetzte Leseart so willkürlich wieder aufgenommen hat. In den Proben ließ er sich nichts davon merken, dass er sie sprechen und wie sprechen würde.«
»Also«, sagte die Äbtissin, »in dieser deutschen Tragédie findet sich wirklich diese ganz unzüchtige und obszöne Tirade? Und ein solches Stück, Neveu, suchen Sie aus und studieren es ein? Das also ist die neue deutsche Bildung und der jetzige Geschmack?«
»Es war Ihre Pflicht, Herr Baron«, sagte die Erlauchte mit starkem Ton, »uns davon in Kenntnis zu setzen, dass es eine Parade sei, die Sie uns zum besten geben wollten; hätten wir dieses erfahren, so hätten wir uns gewiss nicht hieherbemüht!«
»Parade?« nahm die Äbtissin das Wort auf; »ungezogene und skandalöse Paraden wurden wohl früherhin auch in den Palästen der Herzoge von Orleans und Conti gespielt, aber, auf meine Ehre, niemals hörte man doch so pöbelhafte Grobheiten, die ohne Witz und Bedeutung bloß niederträchtig sind.«
»Ich kann den Baron jetzt nicht und noch lange nicht wiedersehen«, sagte die Mutter; »bedeute ihm nur dies, das bitte ich mir aus von dir, mein Sohn. Er hat mich und uns alle zu gröblich beleidigt.«
»Und wir verlassen das Haus morgen mit dem frühesten«, sagte die Erlauchte. »Eine Art von Glück, dass das edle deutsche Schauspiel so endigen musste, denn wer weiß, was uns nach diesem échantillon noch alles bevorstand.«
Ohnerachtet der dringenden Bitten der Mutter wollten die Damen nicht länger verweilen, weil man sie zu tief und schonungslos verletzt habe, und der Reichsgraf, der durchaus ihren Zorn billigte und teilte, gab ihnen in allen ihren Beschwerden und Äußerungen recht. Auch die Mutter war so aufgebracht, dass sie sehr leicht dem Ersuchen der Äbtissin nachgab, sie alle nach der Residenz zu begleiten, wo sie wenigstens acht Tage hindurch in Konzerten, Opern, Schauspielen und Assembleen, wie in einem Gesundbrunnen, dieses ungeheure Erlebnis von sich abwaschen und die Verwundung des Herzens heilen wollten.
Auf dem Theater, zu welchem Elsheim jetzt zurückkehrte, herrschte noch größere Verwirrung. Alle Mitspielenden hatten den Baron Mannlich bestürmt, gefragt, getadelt und gescholten, wie er sich so sehr habe vergessen können, auf so skandalöse Weise das Schauspiel zu beschließen, als wenn das letzte Epigramm gleichsam die moralische Nutzanwendung des ganzen Gedichtes hätte vorstellen sollen. Er wehrte sich, so gut er konnte, doch ließ man ihn nur wenig zu Worte, und da einige der Nebenpersonen, am meisten aber der husarische Schulmeister, mit etwas empfindlichen Vorstellungen in ihn drangen, der Graf Bitterfeld aber beinahe beleidigend wurde, so fürchtete Emmrich schon, dass er den Ausdruck des klassischen Dichters, oder wenigstens einen ähnlichen in seiner eignen Angelegenheit wiederholen möchte. Elsheim kam gerade zur rechten Zeit, um die streitenden Parteien, wenn auch nicht zu versöhnen, so doch einander näherzubringen. Er beruhigte also den zu ungestümen Schulmeister, lobte und beschwichtigte den eifernden Cadeten, der außer sich war, dass er seine schöne Rolle nicht hatte zu Ende spielen können, in welcher ihm noch Umarmung und herzlicher Kuß der vergötterten Adelheid bevorstanden, die er nicht so obenhin und nur andeutend zu spielen gedachte, wie es ihm in den Proben war vorgeschrieben worden. Die Damen, wie empfindlich sie auch natürlich waren, äußerten sich billiger, und so gelang es Elsheim und dem Professor Emmrich, die Sache nach und nach mehr in das Komische zu lenken.
»Wie durft ich glauben«, rief Mannlich, nachdem es etwas ruhiger geworden war, »dass eine Tirade, freilich aus dem gemeinen Leben, aber doch aus der wirklichen Geschichte des treuherzigen Götz genommen, von unserm größten Dichter geweiht und geheiligt, ein solches Ärgernis erregen könnte. Ist die Ungezogenheit, oder Roheit, wenn wir es so nennen wollen, nicht ganz deutsch und bei uns national? Der Franzose drückt sich anders aus, ebenso der Engländer und Spanier, und diese besitzen, soviel ich weiß, diesen oder einen ähnlichen Ausdruck des geringschätzenden Zornes gar nicht. Der Deutsche also zum Deutschen, der Rittersmann, der kein Hofmann sein will und darf, dieser sollte in einer altertümlichen Zeit, wo allerdings Roheit und Grobheit auch manchmal in besserer Gesellschaft herrschten, sich dieses Sprichwortes nicht bedienen dürfen?«
»Aber Satan von einem Menschen!« rief Elsheim ungeduldig, »vor Damen, die am Hofe gelebt, die in Racines Tragödien gespielt haben! Und die Stelle war ja doch gestrichen, du hast sie nie in der Probe gesagt.«
»Ich wollte eben überraschen!« rief ihm Mannlich entgegen; »ich wollte diese nichtssagenden Striche der neuern Editionen zur alten, richtigen Lesart zurückführen. Diese Schattierung, diese Eigentümlichkeit ist nach meiner Überzeugung dem originellen Dichterwerke unentbehrlich.«
Alle lachten, und Emmrich sagte: »Man hat mir erzählt, doch kann ich die Wahrheit der Anekdote nicht verbürgen, dass, als der großherzige Fürst von Weimar mit seinem Freunde Goethe auf einer Reise sich in Frankfurt aufhielt, sie in Sachsenhausen, wohin sie spaziert waren, von einem groben Sachsenhäuser, der sich mit den Nachbarn zankte, diesen nationalen Ausdruck, wie ihn der Baron nennt, vernahm.« Der Herzog sagte hierauf ganz ernsthaft zu Goethe: »Es muss dir doch wohltun, zu erleben, wie deine Dichtungen mit dem Volke verwachsen und in ihm Wurzel schlagen. Hast du gehört, wie dieser ganz gemeine Mann soeben eine Stelle aus deinen Werken zitiert hat?«
Die übrigen lachten, doch Mannlich blieb verdrüßlich und wurde es noch mehr, als er hörte, dass die Dame des Hauses sich für jetzt seine Besuche verbeten habe. Er ritt zornig fort und schwur, sich und seine Zeit niemals wieder für Freunde und für die Kunst aufzuopfern.
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1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Er verlor nicht den Mut, sondern schnitt sich mit seinem großen Messer …«
2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »»Sie sagten vorher, werter Herr Magister, die […] mit Jessen habe eine ganz andere Beschaffenheit.«
3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »weil« in diesem Textausschnitt? »Wie ich hinauskam, weil ich nicht, es war fast dunkel geworden und wir gingen zurück; ich hörte und sah nicht, und die Menschen in ihren Gesprächen und Gestikulationen kamen mir alle so wild und unbängig vor, und ich sehnte mich nach der Ruhe.«
4. Welcher Ausschnitt kennzeichnet eine Aussage ausdrücklich als Möglichkeit oder Vermutung? Achte auf die Formulierung; entscheide nicht, ob die Aussage tatsächlich wahr ist.
5. Was bedeutet »allenthalben« in diesem Ausschnitt? »für mich, allenthalben Achselzucken oder höhnische Reden über meine Pedanterie, wie man es nannte, und so fand ich mich endlich darein, nur hier und da der christlichen Jugend noch auf gutgemeinte und gottgefällige Weise nützlich zu sein, und so bin ich auch, nach mancherlei Wanderungen«
6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse.
A: »»Das ist ja nur ein angenommenes Kind«, rief der kleine Freund aus, »mit den Kindern will es unserm Leonhard nicht so, wie mit anderen Dingen gelingen.««
B: »So gefällig, so nachgiebig, der beste Wirt; gegen seine Mutter, die er doch so sehr übersieht, so ganz kindlich, so dass er es sie nie merken und empfinden lässt, wenn sie manchmal in seiner Gegenwart so ganz einfältig spricht.«
C: »entzückten, doch schämte man sich, seinen Beifall zu bezeigen, und hörte alles stillschweigend an«
7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Die Ausbildung so vieler besteht darin, dass sie ganz aus der Menschheit …«
8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »So entsteht, indem freilich nichts […] oder dunkel bleibt, eine so entsetzliche Deutlichkeit des Vortrags, dass von leisen oder geistigen Übergängen, von einem feinen, zarten Schwinden und Abfallen der Silben in Wehmut und Schmerz nicht mehr die Rede sein kann.«
9. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »weil« in diesem Textausschnitt? »Die kleine Dorothea erregte in ihrer Rolle des Georg Freude und Gelächter, weil sie alles neckisch und doch tief empfunden zu sagen wusste, so sehr, dass sich alle um so mehr, ohne es sich zu gestehen, über den ganz hölzernen, hochfahrenden Götz ärgerten.«
10. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »»Und verwechseln Sie nicht, Gnädigste«, fiel der Reichsgraf ein, »diesen mir unbekannten …«
2Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte
1. Lies den Abschnittsbeginn: »Es ist ein bekanntes Sprichwort: dass auch Bücher, größere wie kleinere, ihre Schicksale haben. So waren es nur unvermutete Hindernisse, Störungen und Zufälle, welche veranlaßten, dass gegenwärtige Novelle nicht […]« Welche Informationen sind hier bereits sicher, und welche Frage bleibt für dich offen?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Nenne zwei Informationen, die sich tatsächlich aus dieser Passage ableiten lassen.
Trenne eine eigene Frage oder Vermutung klar vom Textbefund.
2. Fasse diese Textstelle in eigenen Worten zusammen: »»Ich kann von mir nichts anführen«, sprach Leonhard, »als dass ich in meiner Jugend, ohne bestimmtes Talent dazu, einmal Schauspieler werden wollte.«« Was ist für ihr Verständnis besonders wichtig?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Gib die zentrale Aussage oder Situation wieder, ohne etwas hinzuzuerfinden.
Nenne eine Einzelheit aus der Passage, auf die sich deine Zusammenfassung stützt.
3. Prüfe, ob es in dieser Passage um Gerechtigkeit oder Verantwortung geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] gewahr werden; dies unbestochene Zeugnis war ich dieser Stadt und Ihnen schuldig.««
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
4. Prüfe, ob es in dieser Passage um Wahrheit oder Vertrauen geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] und ich kann mich wohl zu jenen setzen, wenn ich dieser verbleichten Lüge, die sich nicht einmal mehr der Unwahrheit bewusst ist, auch Meilen entfliehen möchte.««
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
5. Prüfe, ob es in dieser Passage um Angst oder Unsicherheit geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] und die höchste Weisheit Wahnsinn. Deshalb ist die Konsequenzmacherei zu fürchten, der logische Zwang, der uns so oft veranlaßt alle Lücken zu überspringen, oder nicht zu erkennen, die zwischen den Wahrheiten liegen, oder die geistige, […]«
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
6. Prüfe, ob es in dieser Passage um Nähe oder Gefühle geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »Herz und Brust wurden mir erweitert, als ich die langersehnte Grenze betrat. Die Gläubigen, die zum heiligen Grabe wallfahrten, müssen eine ähnliche Empfindung haben, wenn sie sich dem geweihten Boden nähern. Es war kurz vor dem […]«
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
7. Vergleiche diese beiden Stellen: »»Ich kann von mir nichts anführen«, sprach Leonhard, »als dass ich in meiner Jugend, ohne bestimmtes Talent dazu, einmal […]« und »»Nun fehlt aber immer noch der bedeutende Selbitz«, warf Emmrich ein.«. Welche Gemeinsamkeit oder welchen Unterschied kannst du am Wortlaut zeigen?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Nenne eine nachvollziehbare Gemeinsamkeit oder einen Unterschied.
Belege beide Seiten des Vergleichs; unterstelle keine Entwicklung, die der Text nicht zeigt.
8. Am Abschnittsende steht: »Die übrigen lachten, doch Mannlich blieb verdrüßlich und wurde es noch mehr, als er hörte, dass die Dame des Hauses sich für jetzt seine Besuche verbeten habe. Er ritt zornig fort und schwur, sich und seine […]« Was ist hier geklärt, und was bleibt offen?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf den Schluss dieses Abschnitts, nicht auf dein Vorwissen über das ganze Werk.
Falls die Stelle nichts eindeutig klärt, begründe auch das mit dem Text.
9. Prüfe deinen ersten Leseeindruck an Anfang und Ende: »Es ist ein bekanntes Sprichwort: dass auch Bücher, größere wie kleinere, ihre Schicksale haben. So waren es […]« / »Die übrigen lachten, doch Mannlich blieb verdrüßlich und wurde es noch mehr, als er hörte, dass die Dame des […]«. Würdest du deine erste Einschätzung jetzt verändern? Begründe.
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Nenne deine ursprüngliche Einschätzung oder Leseerwartung.
Verwende mindestens einen Textbeleg für deine jetzige Einschätzung.
Sowohl eine veränderte als auch eine bestätigte Einschätzung ist möglich.
3Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte
Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.
Niveau 1 · Einstieg
1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Es ist ein bekanntes Sprichwort: dass auch Bücher, größere wie kleinere, ihre Schicksale haben.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »»Das ist ein Skandal!« ächzte der Bürgermeister.«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Er ritt zornig fort und schwur, sich und seine Zeit niemals wieder für Freunde und für die Kunst aufzuopfern.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Originalautor vor 1956 verstorben. TextGrid kennzeichnet die zugrunde liegenden reinen Texte als gemeinfrei; Struktur und Metadaten unter CC BY 3.0 DE mit Namensnennung TextGrid und www.editura.de. Das Werk Der junge Tischlermeister von Tieck, Ludwig ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de, und wird unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland veröffentlicht. Der zugrunde liegende literarische Reintext ist gemeinfrei. TextGrid wurde vom BMBF gefördert (Förderkennzeichen 01UG1203A).
Die Extraktion erfasst alle Textpositionen der gelieferten Quelldatei; dies ersetzt keinen vollständigen Vergleich mit dem historischen Druck. Offene Kapitelaufgaben dienen der Selbstprüfung und sind keine automatisch bewertete Interpretation.
Der junge Tischlermeister
Ludwig Tieck: Werke in vier Bänden. Nach dem Text der »Schriften« von 1828–1854, unter Berücksichtigung der Erstdrucke. Herausgegeben von Marianne Thalmann, Band 1–4, München: Winkler, 1963. Tieck, Ludwig 205- München
Das Werk Der junge Tischlermeister von Tieck, Ludwig ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.
Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.