Der Bauer Ruepp versucht, seine wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung zu sichern. Schulden, Täuschungen und familiäre Abhängigkeiten treiben ihn in einen zunehmend ausweglosen Konflikt.
BauernromanKlasse 11–1316 Abschnitte
Historisches Bildnis von Ludwig Thoma — Bildnis zur Autorschaft; keine Szene aus dem Buch. · Karl Klimsch · Public domainBildquelle ↗
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Ein Sonntag mitten in der Ernte wäre eigentlich zum Ausruhen gut gewesen, denn es lag viel Arbeit hinter Mensch und Vieh, und nicht weniger stand bevor. Wenn man durch Weidach ging, breitete sich auch diese feiertägliche Rast wohltuend um die Bauernhöfe aus; ein altes Weibl saß auf der Hausbank und stopfte an einem blitzblauen Socken herum, daneben stand die Junge im Putz bei der Nachbarin; sie hatte sich nach dem Rosenkranz noch nicht ausgezogen, weil sie ein langer, ausgiebiger Ratsch aufhielt.
In den Ställen herrschte die friedlichste Stille; wer so einem Ochsen zuschaute, wie er auf dem Stroh lag und nachdenklich wiederkäute, der konnte glauben, dass das Vieh den Genuss des Ausrastens am besten verstand. Jedenfalls viel besser wie die Bauern, die in der rauchigen Wirtsstube hockten und soviel tranken, dass ihnen die Frühstunde am Montag die wehleidigste der ganzen Woche werden musste.
Die jungen Burschen und Knechte lärmten in der Kegelstatt neben dem Wirtshaus. Vor einer die Kugel auf den Laden setzte, fluchte er; warf er wenig Kegel um, fluchte er, und warf er viele um, fluchte er auch.
Ein paar Mädeln gingen auf der Straße, steckten die Köpfe zusammen und taten so, als bekümmerten sie sich kein bissel um die Burschenschaft, obgleich sie bloß derentwegen vorbeischlichen.
Am lautesten war der Wenger Hartl, ein rothaariger Bursch mit einem blatternarbigen Gesicht, ein schiecher Kerl, aber ein gefürchteter Raufer und das frechste Maul weitum.
Die Alten hätten's nicht gelitten und hätten sich Ruh verschafft. Aber jetzt sollte es einmal einer probieren und den Jungen was sagen; wie sich die aufgemanndelt hätten! Und wie einem jeder Knecht schon das Maul anhing und gleich die Arbeit vor die Füße hin schmiß.
Früher ließ man so einen gehen und stellte einen andern ein, aber die Sache war jetzt so, dass man froh sein musste um einen schlechten. Wenigstens in der Ernte.
»Net is wahr? Hat ma's mei Vata net hundertmal g'sagt, der alt Stadelscheck, hat er g'sagt, hat mir zwoahundert Guld'n wega g'schwor'n, aba, hat er g'sagt, dem müass'n seine Schwurfinga derfäul'n.«
»Du Feinspinner, du schlitzohreter! Möcht er oiwei der gar ander sei und's Muster für de ganz Gmoa, und derweil hat eahm sei Bäurin's Hüatermensch außi g'haut ...«
Kontextbild zum Werk. Historisches Bildnis von Ludwig Thoma — Bildnis zur Autorschaft; keine Szene aus dem Buch. · Karl Klimsch · Public domainBildquelle ↗
»I kannt di jetzt verklag'n, net? Aber du bist der Letzt, mit dem i mi vor's G'richt hi'stell'n möcht. Und weil's d' scho g'sagt hast, du woaßt allerhand, oans woaßt du do net. Wia's dir selm helfen solltst.«
»Überhaupts bin i vielleicht wem was schuldi da hierin? Sollt oana hergeh und sag'n, dass i eahm was schuldi bin. Und dei glumpeter Vata hat si wega g'schwor'n von de zwoahundert Guld'n ...«
Derweil richtete sich der Ruepp brummend und schimpfend auf und ging hinter den Nachbarhäusern herum einem Feldweg zu, der durch Kornfelder am Dorfe vorbei führte.
Er war nüchterner geworden und hätte darüber nachdenken können, wie gut es einem verheirateten Manne, der erwachsene Kinder hatte, anstand, wie ein Handwerksbursche verprügelt und aus der Wirtschaft hinausgeschmissen zu werden.
Stellte der Lukas daheim und in der Gemeinde nicht ganz was anderes vor? Bei seiner Bäuerin, bei den Kindern und den Ehhalten galt bloß das, was er sagte. Drunten im Dorf geschah nichts gegen seine Meinung, für die er immer gute Gründe vorbrachte.
Und er, der Ruepp? Seine Afra war ein gutes Leut und hatte es nicht mit Schimpfen und Keifen, sooft er ihr auch Ursache dazu gab. Aber weil sie hinter seinem Rücken oft was gutmachen musste, merkte er wohl, dass sich die richtigen Dienstboten mit ihr gegen ihn verstanden, und dass er dabei schon lang sein Ansehen verloren hatte.
Jetzt, wo sie erwachsen waren, zeigten sie deutlich, dass sie nichts auf ihn hielten, und der Älteste, der Kaspar, hatte ihm geradeheraus gesagt, dass er das gute Sach heruntergebracht habe.
Die Tochter, die Leni, war ja alleweil mit der Mutter zusammen gesteckt und wusste es schon als Schulmädel nicht anders, als dass sie mitjammern musste über sein Wirtshauslaufen und Geldausgeben. Jetzt, als resches Frauenzimmer, das in Haus und Stall die meiste Arbeit traf, war sie schärfer wie die Alte, und er ging ihr gern aus dem Wege.
Wenn der Ruepp zuweilen an einem geschmerzten Tag fand, dass man ihn in der Gemeinde nicht genug schätzte, malte er sich aus, wie ihm die Leute einmal doch alle Ehren erweisen mussten, nämlich an dem Tage, wo man die Primiz seines Michel feiern würde. Wenn er als Vater des hochwürdigen jungen Herrn beim Altar hiebei stünde, müsste der Lukas, so geschwollen er sonst tat, neben ihm verschwinden.
Ob der Ruepp jetzt auf dem Heimweg, wo er unsicher bald einmal links und bald einmal rechts in einen Kornacker trat und dann wieder stehen blieb, um sich seine blutende Nase abzuputzen, an das schöne Zukunftsbild dachte?
Jedenfalls erinnerte er sich dunkel daran, dass sein Michel gerade heute in die Vakanz heimkommen sollte, und dabei überkam ihn aufs neue die Wut über den Stadelscheck, der ihn so zugerichtet hatte.
Und ins Amtsgericht wollte er hineingehen, damit dass der grobe Herr Oberamtsrichter, der ein wenig hässlich auf ihn war und ihn schon einmal eine bsuffene Sau genannt hatte, damit dass er den Schmerzensmann selber anschauen konnte mit seinen Spuren der Mißhandlung. Wann er die Arbeit sah, die wo der hundshäuterne Kleinhäusler verrichtet hatte, musste er erkennen, auf welcher Seite die Gewalt und auf welcher das Leiden gewesen war.
Ein paar Grillen zirpten neben ihm, eine Hummel, die er durch seinen groben Fall aufgescheucht hatte, brummte unwillig um ihn herum. Vom Dorf herauf drang das Donnern der Kegelkugel, die an die Hinterwand der Bahn krachte.
2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Früher war das anders, meinte er, und sich gar so […] durfte man als junger Mensch nicht.«
3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »bevor« in diesem Textausschnitt? »Ein Sonntag mitten in der Ernte wäre eigentlich zum Ausruhen gut gewesen, denn es lag viel Arbeit hinter Mensch und Vieh, und nicht weniger stand bevor.«
4. Welcher Ausschnitt kennzeichnet eine Aussage ausdrücklich als Möglichkeit oder Vermutung? Achte auf die Formulierung; entscheide nicht, ob die Aussage tatsächlich wahr ist.
6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse.
A: »Die Tochter, die Leni, war ja alleweil mit der Mutter zusammen gesteckt und wusste es schon als Schulmädel nicht anders, als dass sie mitjammern musste über sein Wirtshauslaufen und Geldausgeben.«
B: »Und weil's d' scho g'sagt hast, du woaßt allerhand, oans woaßt du do net.«
C: »»Ah Herrgottsaggera, der Bluatshund, der miserablige ...««
8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Sie wichen ein paar […] zurück.«
9. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »weil« in diesem Textausschnitt? »Wenn man durch Weidach ging, breitete sich auch diese feiertägliche Rast wohltuend um die Bauernhöfe aus; ein altes Weibl saß auf der Hausbank und stopfte an einem blitzblauen Socken herum, daneben stand die Junge im Putz bei der Nachbarin; sie hatte sich nach dem Rosenkranz noch nicht ausgezogen, weil sie ein langer, ausgiebiger Ratsch aufhielt.«
10. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Und ins Amtsgericht wollte er hineingehen, damit dass der grobe Herr Oberamtsrichter, …«
2Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte
1. Ordne diese Textstelle in den Zusammenhang ein: »Ein Sonntag mitten in der Ernte wäre eigentlich zum Ausruhen gut gewesen, denn es lag viel Arbeit hinter Mensch und Vieh, und nicht weniger stand bevor.«. Was geschieht oder wird hier besprochen? Erkläre in drei bis fünf Sätzen auch, was davor und danach wichtig ist.
Impulse zur Selbstprüfung
Lies die verlinkte Stelle mit ihrer Umgebung. Trenne ausdrücklich Gesagtes von Vermutungen.
2. Vergleiche die beiden Ausschnitte: »Ein Sonntag mitten in der Ernte wäre eigentlich zum Ausruhen gut gewesen, denn es lag viel Arbeit hinter Mensch und Vieh, und nicht weniger stand bevor.« und »»Bürschei, zahl'n lass i di, dass d' schwarz werst ...« sagte der Ruepp vor sich hin und stolperte über den Feldrain.«. Welche Entwicklung, Gemeinsamkeit oder Spannung erkennst du? Begründe mit beiden Textstellen.
Impulse zur Selbstprüfung
Auch eine gleichbleibende Haltung ist ein mögliches Ergebnis. Erfinde keine Entwicklung, wenn sie sich aus dem Text nicht belegen lässt.
Beide Ausschnitte im Zusammenhang gelesen
Eine Gemeinsamkeit oder einen Unterschied erläutert
3. Untersuche die sprachliche Wirkung dieses Ausschnitts: »Du machst, dass d' außi kimmst, Stadelscheck!««. Wähle ein auffälliges Wort, ein Bild oder eine Formulierung. Erkläre seine Wirkung und begründe eine mögliche andere Lesart.
Impulse zur Selbstprüfung
Es gibt nicht nur eine richtige Interpretation. Prüfe beide Lesarten am Kapitel und benenne, was offen bleibt.
Sprachliches Merkmal am Wortlaut benannt
Wirkung als begründete Deutung formuliert
Alternative Lesart oder Grenze der Deutung erklärt
3Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte
Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.
Niveau 1 · Einstieg
1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Ein Sonntag mitten in der Ernte wäre eigentlich zum Ausruhen gut gewesen, denn es lag viel Arbeit hinter Mensch und Vieh, und nicht weniger stand bevor.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Und weil's d' scho g'sagt hast, du woaßt allerhand, oans woaßt du do net.«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Ein paarmal öffnete und schloss der Ruepp seine Augen.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Das deutschsprachige Original ist nach den geprüften Lebensdaten des Autors in Deutschland gemeinfrei. TextGrid und www.editura.de stellen den bearbeiteten Datenbestand unter CC BY 3.0 DE bereit.
Der Ruepp
Ludwig Thoma: Gesammelte Werke in sechs Bänden. Erweiterte Neuausgabe. Textredaktion: Albrecht Knaus, München: Piper, 1968. Thoma, Ludwig 465- München
Das Werk Der Ruepp von Thoma, Ludwig ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.
Unveränderte deutsche Quellfassung; die andere Spalte bietet eine gesonderte Lesefassung. Beide Ansichten gehören zu demselben Werk.
Das Werk Der Ruepp von Thoma, Ludwig ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.
Ludwig Thoma: Gesammelte Werke in sechs Bänden. Erweiterte Neuausgabe. Textredaktion: Albrecht Knaus, München: Piper, 1968. Thoma, Ludwig 465- München
Die Fassungen folgen den jeweils angegebenen Quellen; ihre Gliederung kann abweichen.
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