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Das eine Haus liegt an dem Abhange eines Berges. Es ist aus einem rötlichen Steine erbaut, der hie und da eine sanfte Rosenfarbe hat, an den Ecken stehen große, runde Türme, und die Fenster und Tore haben den Rundbogen und sind mit einem schneeweißen Steine eingefaßt. Von dem Hause geht ein großer Garten nieder, der allerlei Bauwerk hat und in einer Art Verwüstung ist. Unterhalb des Gartens spaltet sich der Hauptberg in zwei Nebenberge, gleichsam zwei grüne Kissen, die gegen das Tal hinabgehen. Und auf der Wölbung dieser Kissen liegen die zwei anderen Häuser. Sie sind genau wie das obere gebaut, nur kleiner, und das eine ist ganz aus dem weißen Steine, das andere ganz aus dem roten.
Diese drei Häuser heißen die Sentze. Das weiße heißt die weiße Sentze, das rote die rote Sentze und das obere die gestreifte Sentze. Sonst sind keine Häuser vorhanden. Rückwärts geht der Waldhang empor, vorwärts senken sich die Bühel vollends hinab, zwischen ihnen und an ihren Seiten rauschen Bäche in die Tiefe, und unten ist das Tal mit Gebüsch erfüllt. Weiter draußen links, wenn man von den Sentzen kömmt, beginnen die Häuser von Wermelin, das der Volksmund Werblin nennt.
Von der alten Zeit sind die Nachrichten über die Häuser spärlich. Ein Mann soll einmal, da noch der wilde Wald war, die alte Burg gebaut haben. Er hatte zwei Söhne, die in beständigem Hader lebten. Da sagte er einmal: »Durch einen Kuß hat Judas den Heiland verraten, und das ist die schlechteste Tat gewesen, die auf der Erde verübt worden ist. Ihr solltet euch einmal küssen, und von da an sollte keiner dem andern ein Leid tun, weil sonst noch ein Judaskuß auf der Welt wäre.«
Die Brüder küssten sich zu einer guten Zeit, und hatten dann eine solche Furcht vor dem Judaskusse, dass sie fortan nicht mehr haderten, ja sich oft zu der nämlichen guten Handlung vereinigten. Die Sache wurde in dem Geschlechte der Sentze fort erzählt, da es unter den Nachkommen manche Streitbare gab, wiederholt, sie wurde endlich bräuchlich, und zuletzt gar eine Satzung. Die Streitenden konnten den Kuß verweigern, dazu hatten sie das Recht; haben sie ihn aber einmal gegeben, dann mussten sie Frieden halten. Man hat später die Veranlassungen zu dem Kusse aufgeschrieben, und wenn wieder solche kamen, hat man das Aufgeschriebene vorgelesen, oder zu lesen gegeben. Es sind keine Nachrichten vorhanden, ob einmal einer von Sentze die Verpflichtung aus dem Kusse gebrochen hat.
Im Laufe der Zeiten war einmal nur ein Vater mit zwei Söhnen von dem Geschlechte übrig. Die Söhne waren uneinig; sie gaben sich aber den Gewährkuß, und als der Vater gestorben war, wollte keiner der Söhne die Burg bewohnen, um den andern nicht zu beleidigen. Der eine baute sich die rote Burg nach dem Vorbilde der roten Farbe des alten Hauses und der andere die weiße nach dem Vorbilde der weißen Einfassung. Das alte Haus aber besaßen sie gemeinschaftlich. In einer anderen Zeit war nur ein Junker von einem Zweige des Stammes vorhanden, und ein Fräulein von einem anderen Zweige. Sie gaben sich den Kuß, haßten sich dann nicht, ehelichten sich sogar, lebten in sehr großer Liebe, und von ihnen kommen wieder zahlreiche Sentze, die sich in zahlreiche Zweige verteilten. Weil nun der Kuß nicht bloß den Streit verhindern, sondern auch Liebe erzeugen konnte, so teilten ihn die Sentze in zwei Arten ein. Den Liebeskuß nannten sie den Kuß der ersten Art, oder schlechtweg den ersten Kuß, den Friedenskuß nannten sie den Kuß der zweiten Art, oder schlechtweg den zweiten Kuß. Die Sentze behaupteten, sie stammen von dem uralten Geschlechte der Palsentze, oder sie seien eigentlich dieses Geschlecht selber, und jener Huoch de Palsentze, welcher am 24. April des Jahres 1109 den Stiftbrief des Klosters Seitenstätten als Zeuge unterschrieben hat, sei einer ihrer Vorfahrer gewesen, ja dieser Huoch sei der nämliche gewesen, der als Huoch de Palsentze zugleich mit seinem Bruder Ruodpret im Jahre 1110 eine Schenkung des edlen Mannes Rapoto de Movsilischirchen an das Hochstift Passau unterschrieben hat, und diese Brüder seien jene Brüder gewesen, welche zum ersten Male den Kuß von Sentze gegeben haben. Später sei durch Missbrauch des Wortes der Name Palsentze zu Sentze verstümmelt worden, was wieder geordnet werden müsse. Wie dem auch sei, eines ist richtig: in dem Geschlechte der Sentze kommen die Namen Huoch, Rupert, Walchon, Erkambert, Itha, Hiltiburg, Azela, wie sie bei den alten Palsentzen gewesen waren, immer wieder vor, was aus den zahlreichen Schriften zu ersehen ist, die sich in den drei Häusern bis auf unsere Zeit angesammelt haben. Die Sentze sind wohlhabend gewesen oder geworden. Sie besitzen jetzt außer den drei Häusern mit den zu ihnen gehörigen Ländereien noch andere Güter, die sie durch Kauf oder Tausch oder auf andere Weise erworben und mannigfaltig verändert haben. Sie lebten in neuerer Zeit bald in den Stammburgen, bald in andern Schlössern, oft in einer angenehmen Stadt, oft auf Reisen.
Am dreizehnten Tage des Monates April des Jahres 1846 hatte ich meinen fünfundzwanzigsten Geburtstag, den Tag meiner Mündigwerdung. Ich kleidete mich am Morgen in meinem Schlafzimmer sorgfältig an und ging in mein Wohnzimmer. Der mit Laubwerk eingelegte Tisch war in der Nacht ohne mein Wissen mit einem braunen Sammettuche überlegt worden. Auf dem Sammet lagen sehr schön gebundene Bücher. Sie waren eine Sammlung aller altdeutschen Dichtungen. Josef kam herein und sagte, der Vater lasse mich zum Frühmahle bitten. Ich ging in die Stube des Vaters. Er war festlich gekleidet. Er stand auf, da ich eintrat, ging mir entgegen und küsste mich auf die Stirne. Seine Augen waren feucht geworden. Ich trocknete mir die meinigen und küsste seine rechte Hand. Dann nahmen wir das Frühmahl ein, während dem wir fast immer schwiegen. Nach demselben sagte der Vater: »Komme um zehn Uhr, wenn es zu dieser Zeit möglich ist, in das Empfangzimmer, ich möchte einiges mit dir sprechen.«
Um zehn Uhr ging ich in das Empfangzimmer. Von den Geräten waren die Überzüge und Decken weggenommen, und sie standen in ihrer Ursprünglichkeit da. Der Vater kam gleich nach mir herein. Er setzte sich in den großen Prunksessel und wies mir einen andern an. Da wir saßen, sprach er: »Du bist heute fünfundzwanzig Jahre alt, und nach dem Brauche unseres Hauses mündig geworden. Du hast dich gegen diese Zahl der Jahre nicht gesträubt, die in den Gesetzen nicht begründet ist. Wenn wir die Feier des heutigen Tages beendiget haben, werde ich dir die Habe, über die du jetzt schon gebieten kannst, einhändigen und dir die Rechnungen übergeben, die ich als dein Vormund geführt habe. Jetzt muss ich ein anderes Wort zu dir sprechen. Seit Walchon und ich das nämliche schöne Fräulein zu ehelichen gewünscht, seit wir uns den Friedenskuß gegeben und ihn so gehalten haben, dass keiner mehr das schöne Fräulein begehrte, seit wir unsere Gattinnen in das Grab gelegt haben: ist oft der gleiche Spruch über unsere Lippen gegangen: ›Wie einst nur mehr ein Jüngling und eine Jungfrau aus unserem Geschlechte übrig gewesen waren, wie sie sich geehelicht haben und eine Blüte des Namens daraus hervorgegangen ist, so sind nun unsere zwei Kinder die letzten des Stammes; wenn es doch wieder würde wie damals, und noch einmal eine Blüte emporkeimte.‹ Mein Sohn, ich bitte dich, gehe in diesem Jahre zu der Base Laran nach Wien und besuche Hiltiburg. Ihr seid als Kinder recht gut mit einander gewesen, vielleicht seid ihr es jetzt nach langer Trennung wieder, vielleicht werdet ihr es noch mehr, und es erfolgt eine Eheverbindung, was der schönste Wunsch eurer Väter ist. Dann besuche einmal Walchon. Er ist in der grauen Sentze und betreibt seine Lieblingswissenschaft, die der Moose. Das ist, um was ich dich bitten wollte.«
Der Vater hatte seine Rede geendigt, und ich antwortete: »Ich werde gerne zu Hiltiburg und gerne zu ihrem Vater gehen. Wenn Hiltiburg und ich uns gut sind, wenn wir uns noch mehr gut werden, wenn aber jene Neigung nicht entsteht, die zu einer Ehe notwendig ist, wirst du und Walchon dann noch die Verbindung wünschen?«
»Nein, mein Sohn,« sagte der Vater, »das wäre das Judastum, das in unserem Stamme so verhaßt ist. Wenn es wird, wie du sagst, dann bleibt liebe Verwandte und sucht euch Herzgespielen nach eurer Art, es werde daraus, was will. So würde auch deine Mutter denken, wenn sie noch lebte.«
Ich aber trug die Worte des Vaters mehrere Tage mit mir im Gedanken herum. Dann schrieb ich an Hiltiburg: ›Geehrtes Fräulein, liebe Base! Ich werde Dich in dem Winter, der da kommen wird, in Wien besuchen. Unsere Väter wünschen, dass wir eine Neigung zu einander fassen, aus welcher eine Eheverbindung wird. Wenn ich die Neigung fassen kann, wenn Du auch zu mir diese Neigung zu fassen vermagst, so werde ich sehr erfreut sein. Denke Dir aber nicht, dass ich in dem Sinne nach Wien komme, Dich durchaus heiraten zu wollen, Du hast die Freiheit, wie wenn ich Dir fremd wäre und Du nie etwas von mir gehört hättest. Ich schreibe Dir dieses, dass zwischen uns völlige Klarheit sei. Im sonstigen bin ich Dein zugeneigter kleiner Rupert, der aber jetzt ein großer geworden ist.‹
Nach sieben Tagen erhielt ich die Antwort: ›Kleiner, guter Rupert! Es ist bei mir immer die Klarheit, dass ich nach meinem Erkennen tue. Es wäre Dein Brief nicht nötig gewesen. Er freut mich aber. Du hast eine sehr schöne Handschrift bekommen. Ich erwarte Deine Ankunft und bin im übrigen Deine zugeneigte kleine Hiltiburg, die jetzt auch eine große geworden ist.‹
Ich ging dort in das Haus, in welchem die Base Laran wohnte, bei der Hiltiburg war. Die Base sagte zu mir: »Sei gegrüßt, mein Vetter. Es freut uns, dass du gekommen bist, uns zu besuchen. Bleibe nur recht lange bei uns. Es ist auch recht schön, dass du gerade heute gekommen bist, morgen haben wir ein kleines Abendfest bei uns, zu welchem ich dich lade. Du wirst doch kommen?«
Sie waren sehr schöne Mädchen geworden. Mathilt hatte ein rosiges Angesicht, ungewöhnlich große, braune, schimmernde Augen und sehr feine braune Haare. Ada hatte noch feinere blonde Haare, ein zarteres Angesicht und ebenso große, aber sanfte blaue Augen.
Die Mädchen reichten mir die Hände, wir begrüßten uns, wir sprachen unsere Freude aus, dass wir uns nach manchen Jahren wieder sehen, und redeten von unseren zunächst gelegenen Dingen.
Sie sendete die Magd, und es kam die Antwort zurück: »Ich habe am heutigen Morgen gesagt, dass ich mich zu dem Feste vorbereite, und dass ich den ganzen Tag niemanden empfangen werde: was ich gesagt habe, muss ich halten. Den kleinen Vetter werde ich morgen sehen.«
Am Abende des nächsten Tages ging ich später zu dem Feste der Base, als man gewöhnlich zu tun pflegt. Ich erinnere mich der Ursache nicht mehr, welche meine Verspätung veranlaßte. Da ich von dem Kleiderzimmer in das anstoßende Gemach trat, stand in demselben unter mehreren Menschen ein Mädchen, das auffälliger Weise ein schwarzes Seidenkleid an hatte. Von dem Kleide stand an dem Halse eine kleine weiße Krause empor. In den dunkeln Haaren war gar kein Schmuck, an der Brust aber glänzte ein vorzüglicher Diamant. Die Augen des Mädchens waren sehr groß und glänzten noch mehr als der Diamant. Sie mochten, wie die Beleuchtung zeigte, braun sein. Die Haare waren dunkelbraun. Das Angesicht war so schön, wie ich nie ein schöneres Ding in meinem Leben gesehen habe, und die Gestalt war fast noch schöner als das Angesicht. Das Mädchen sah mich an. Es war Hiltiburg. Obwohl ich sie, da sie noch ein Kind war, zum letzten Male gesehen hatte, erkannte ich sie gleich.
Die Basen Mathilt und Ada kamen herzu. Die Mädchen waren gleich den anderen zum Feste gekleidet. Mathilt hatte zu ihren braunen Haaren ein blaßblaues Kleid mit dem weißen Durchschimmer eines Überkleides, und Ada hatte zu ihrem Blond ein schwach rosenrotes Kleid mit weißem Übergewande. Die Base und die Mädchen begrüßten mich herzlich. Sie nannten gleich meinen Namen mehreren Männern und Frauen, die herumstanden, und riefen andere herzu, denen sie mich vorstellten.
Er war ein großes Zimmer mit grauen Wänden, die in dem Lichte zahlreicher Kerzen schimmerten. In einer Ecke stand ein Klavier, an dem ein Mann saß, unter dessen Händen die Töne in den Saal strömten. Junge Mädchen und Männer führten Tänze auf, die ruhiger und vielleicht auch lieblicher waren, als man sie jetzt sieht. Die Mädchen waren entweder weiß oder färbig gekleidet. Die weißen hatten ein färbiges, die färbigen ein weißes Übergewand. Sie waren mit Blumen, Schleifen, selbst auch Juwelen geschmückt. Die Männer waren alle im schwarzen Anzuge. Es waren schöne Mädchen da, es waren sehr schöne Mädchen da, es waren außerordentlich schöne Mädchen da. Als aber Hiltiburg in den Saal trat, sah man, dass von dem schönsten Mädchen zu ihr noch ein hoher Abstand emporging. Unter den jungen Männern waren feine Gestalten und manche einnehmende Gesichtszüge. An den Wänden des Zimmers saßen Mütter, Basen, ältere Schwestern oder andere aus dem weiblichen Geschlechte herum und sahen dem Tanze zu. Ich tat es auch eine Weile, wurde aber dann von meiner Base und anderen in das Vergnügen hineingezogen.
Hiltiburg tanzte nicht. Sie hatte das durch die Wahl des schwarzen Kleides erklärt, und wer es nicht verstand, dem sagte sie es. Man wusste den Grund nicht, und sie gab keinen an. Sie saß in einer Ecke in einem roten Sessel und sah auf die Dinge vor sich.
Ich ging nun auch in die anderen Zimmer. Neben dem Tanzsaale war ein Gemach zu Gesprächen. Ich redete dort mit einigen Anwesenden und ging dann weiter. In dem nächsten Gemache waren grüne Tische, an denen Männer saßen und mit Karten spielten. Dann war der Speisesaal, in welchem gedeckt war, um zu einer gewissen Stunde ein Abendessen einzunehmen.
Hierauf ging ich wieder in den Tanzsaal zurück. Ich beschäftigte mich jetzt auch mit Hiltiburg. Viele Männer, jüngere und ältere, waren um sie und brachten ihr Huldigungen dar. Sie sah mit den großen Augen auf sie und sprach mit ihnen. Ich konnte aber nicht erkennen, dass sie einem von ihnen einen Vorzug gab. Ich redete auch mit ihr, aber kurz. Ich hielt mich überhaupt an diesem Feste ziemlich ferne von ihr, damit sie nicht glaube, dass ich Rechte geltend machen wolle.
Von dem Tage an entwickelte sich zwischen mir und dem Hause der Base Laran ein Verkehr, wie er bei Verwandten gebräuchlich ist. Ich mietete mir, um der Unruhe eines Gasthofes zu entgehen, zwei freundliche Zimmer in einem gewöhnlichen Wohnhause, und ging von dort, zwar nicht alle Tage, aber so oft zur Base, als es sich schicken wollte. Ich lernte bei ihr Menschen kennen; denn sie versammelte gerne zu Zeiten größere oder kleinere Kreise um sich, und Freunde und Freundinnen des Hauses gingen stets ab und zu. Ich wurde auch zu anderen Menschen eingeführt, und wir machten gelegentlich mancherlei Besuche. Sonst beschäftigte ich mich in meinem Zimmer, oder suchte mich über das Wesen der Hauptstadt besser zu unterrichten, als es mir bei früheren Aufenthalten möglich gewesen war, oder ging mit einigen Männern um, mit denen ich mich zusammen gefunden hatte.
In Wien war damals ein großer Aufwand und ein Prunk in Wohnungen, Geräten und Kleidern, obwohl er gegen dem, was jetzt ist, bescheiden genannt werden konnte. Aber alle übertraf in diesen Dingen die Muhme Hiltiburg. Was ich bei der Base Laran, oder bei anderen Menschen, oder auf den Straßen und Plätzen der Stadt, oder an öffentlichen Orten, oder bei Festen, oder bei feierlichen Aufzügen, oder sonstigen Angelegenheiten sah, blieb weit hinter dem zurück, was ich an der Muhme Hiltiburg erblickte. Wie schon bei dem Tanzfeste der Base Laran ihr Kleid, wenn es auch nur von schwarzer Seide war, doch alle anderen an Schwere, Pracht und Fülle übertraf, und wie ihr Diamant der schönste war, so überglänzte sie fortan alles durch ihre äußere Erscheinung. Die Stoffe ihrer Kleider waren stets sehr kostbar, und der Schnitt und die Anordnung derselben war in der hervorragendsten Weise des eben herrschenden Gebrauches. An Gold und Edelsteinen hatte sie einen großen Wechsel. Sie zog fast jeden Tag ein anderes Kleid an, und an einem Tage wechselte sie oft mehrmals. Wenn sie ausging, oder in dem Wagen der Base Laran fahr, was ihr diese gerne gestattete, so blieben die Leute stehen und sahen ihr nach. In ihren Zimmern waren die Wände des einen mit roter, die des anderen mit blauer Seide überzogen. Die Geräte waren von schwarzem Samt. Es war auch eine Harfe da, ich habe sie aber nie darauf spielen gehört. In einem Kasten hatte sie hinter Vorhängen Bücher, von denen man sagte, dass sie in ihnen lese, sie zeigte aber nie eines. Die Base Laran ließ ihr ihren Willen. Viele junge Männer brachten ihr tiefe Aufmerksamkeiten dar, und suchten ihre Neigung zu gewinnen; aber ihr Blick war stets ruhig, ja fast kalt.
Sie antwortete: »Vetter, ich handle nach meinem Willen, wie ihr alle tut. Mein Vater ist in fremden Ländern gewesen, ich bald an diesem, bald an jenem Orte, bis ich zu den jetzigen guten Leuten kam. Du hast mich in meiner Kindheit gesehen, und dann nicht mehr. Und die sich zu ihrem Vergnügen an mich drängen, mögen daran ihr Vergnügen haben.«
Von der Base Laran wurde ich recht liebreich behandelt. Die einsame, alternde Frau war mir wie eine Mutter. Mathilt, um die sich der junge Herr von Helden bewarb, für den sie sich aber noch nicht entschieden zu haben schien, war freundlich und traulich gegen mich, und Ada sah mich mit den großen, unschuldigen blauen Augen oft recht fromm an. Auch an Hiltiburg bemerkte ich, dass sie zuweilen nach mir sah, aber in ihren Augen leuchtete etwas wie Haß.
Ich antwortete: »Ich muss in den Begebenheiten, die da kommen werden, handeln, gedenke aber doch eine Zeit zu finden, einen Besuch in dem Steinschlosse zu machen.«
Die Base hatte sich in dem alten, weitläufigen Gebäude eingerichtet. Ich fand einen Verwalter mit Amtsleuten da, und einen Forstmeister mit Forstgehilfen. Diese Männer besorgten die Angelegenheiten des Gutes. Sie gingen auch sonst in allem, was die Zeitläufe fordern möchten, der Base mit Rat und Tat an die Hand. Der Verwalter hatte eine sehr angenehme, wohlgebildete Frau und zwei Töchter von großer Schönheit. Die Gattin des Forstmeisters war von einnehmendem Wesen, und ihre Tochter fast so schön wie die Töchter des Verwalters. Diese Leute versammelten sich fast alle Abende mit der Base und den Ihrigen in dem Saale des Schlosses. Da waren denn nun die Ereignisse der Zeit beinahe immer der ausschließliche Gegenstand der Gespräche. Man verhandelte eifrig hin und wider.
Eines Tages, da man sehr angelegentlich geredet hatte, sagte ich: »Die Freiheit als die Macht, unbeirrt von jeder Gewalt, die höchste Menschheit an sich zu entwickeln, ist das größte äußere Gut des Menschen. Der rechte Mensch ist frei von den Gelüsten und Lastern seines Herzens, und schafft sich Raum für diese Freiheit, oder lebt nicht mehr. Wer so nicht frei ist, kann es anders nicht sein. Das andere ist die Freiheit des Tieres, das nach seinen Trieben tut. Ich hoffe, dass bei uns Männer sind, diese Freiheit zu fördern und ihr einen Weg in das Staatsleben zu bahnen, dass sie in ihrer Schönheit erblühe. Wie lange es bis dahin dauern wird, weiß ich nicht. Die meisten derer, die jetzt nach Freiheit rufen, sind noch in den Banden ihrer Gier nach Herrlichkeit, Nutzen und Gewalt, und sind gegen die Unterdrückung Unterdrücker, wie der Dichter vor langem gesagt hat: ›Um den Vorteil der Herrschaft stritt ein verderbtes Geschlecht, nicht würdig, das Gute zu schaffen.‹ Bei uns tut es not, dass das Reich nicht wanke, und wenn es fest steht, dann mögen in ihm die rechten Männer den Pfad der Freiheit suchen und wir vorerst dazu die rechten Männer finden. Weil ich aber in den Rat nicht tauge, gehe ich zu dem Feldherrn, der jetzt das Reich vertritt, und diene ihm. Ich werde ohne Abschied von hier fortgehen, und einmal nach einer finsteren Nacht nicht mehr da sein. Der Herr Verwalter wird zum Öffnen des Pförtchens die Stunde wissen und sie nicht verraten.«
»Das führt zu Weitläufigkeiten oder Rührungen und Störungen,« sagte ich, »so etwas muss frisch getan sein, und einmal komme ich und sage: ich bin da. Endlich kann mich zu einem Abschiede niemand zwingen, wenn ich keinen nehme.«
Dann kam das Gespräch erst recht auf meine Worte, und wurde mit Lebendigkeit über Freiheit, Staatswohl, Volksvertretung, Regierungsart und derlei Dinge geführt. Alle beteiligten sich daran, nur Hiltiburg nicht.
Ich sagte am Abende vor der dazu bestimmten Nacht dem Verwalter die Stunde, in der er mir die Pforte offen halten sollte. Christoph trug zu dieser Stunde meinen Mantelsack hinab, um ihn auf das Bauerwägelchen zu laden, das ich vor das Schloß bestellt hatte. Ich folgte ihm dann. Ich ging mit unhörbaren Schritten, dass ich niemand erwecke, über den finsteren Gang. Da streifte etwas an mich wie ein Frauenkleid, zwei weibliche Arme umschlangen mich, und plötzlich fühlte ich einen Kuß auf meinen Lippen. Dieser Kuß war so süß und glühend, dass mein ganzes Leben dadurch erschüttert wurde. Die Gestalt wich in die Finsternis zurück, ich wusste nicht, wie mir war, und eilte auf dem Gange fort, über die Treppe hinab, durch das geöffnete Pförtchen hinaus, auf dem Wagen zur Post, auf dem Postwagen in der Richtung nach meinem Reiseziele dahin, und konnte den Kuß nicht aus dem Haupte bringen. Ich bin später bei Wachtfeuern gewesen, auf der Vorwacht in der Finsternis der Nacht, auf wüsten Lagerplätzen, in Regensturm und Sonnenbrand, in schlechten Hütten und in schönen Schlössern, und immer erinnerte ich mich des Kusses und dachte, welches der Mädchen musste das Ungewöhnliche getan haben. Das erkannte ich, dass der Kuß ein tiefes Geheimnis sein sollte, ich forschte nicht und sagte keinem Menschen ein Wort davon.
Der alte Feldherr hatte mich sehr freundlich aufgenommen und mich zu seinen Männern eingeteilt. Ich fand alte Bekannte und erwarb neue, und Kameradschaft und Freundschaft erneuerte sich und gründete sich. Was auch einer für eine Muttersprache redete, wir fragten nicht darnach, Deutsch konnte ein jeder, und in der deutschen Sprache, gut oder schlecht, selten nach der Schrift, sondern meist nach der Landessitte des einzelnen, plauderten wir und schlossen den Bund, in Not und Tod mit einander zu gehen. In den Gefilden, die ich einmal, da sie ruhig und blühend waren, durchwandelt hatte, war nun der Krieg und mancherlei Elend und Verwirrung. Aber für uns kamen immer günstigere Tage. Wir gingen vorwärts und vorwärts, der Ehrenglanz der Waffen wuchs, eine Tat gelang, die zweite wurde gewagt, und nach vielerlei Ereignissen und mancher Unterbrechung kam der letzte Sieg, der den Frieden brachte.
Meine Absicht war nun zunächst erreicht, ich verabschiedete mich auf Zeit und Wiederbedarf, ließ ein Stück meines Herzens bei den Freunden und trug das andere über die Alpen in die Heimat zurück.
Ich fand ihn in voller Arbeit. Er vergrößerte den Garten, er verbesserte das Waldland und die entfernten Meierhöfe, er unterstützte die Bewohner der Gegend, suchte gute Volksbücher zu verbreiten und ordnete und bereinigte das Schloß. Dem allen gegenüber war es mir ein unangenehmer Anblick, dass die rote Sentze so verfiel.
Als ich mich eingerichtet hatte und meinem Vater in manchem beistand, sagte er einmal: »Wir müssen doch über das Geschehene reden. Wie wir beschlossen haben, hast du die Sache ausgeführt. Ich danke zuerst Gott, dass er dich wohlbehalten zurück gebracht hat, dann danke ich ihm, dass wir an der Tat haben mitwirken können. Die an festem Besitze und an Ausbildung hervorragen, müssen Säulen des rechtlichen Bestandes sein, je nach den Kräften, einige weniger, andere mehr. Wir von Palsentze mehr. Wie wir schon an Macht bedeutender sind, und diese Macht auf Vereinbarungen, Ausgleichungen und Zusagen ruht, so haben wir die Gewähr des Palsentzekusses, die die Heiligkeit des gegebenen Wortes noch mehr erhärtet. Und in dem gegebenen Worte und dem daraus entsprungenen Rechte liegt die Möglichkeit menschlichen Besitzes und menschlicher Reiche. Wenn ein Reich nehmen dürfte, was ihm gut ist, dürfte es jeder, und keiner wüsste, ob das Kleinste sein ist, und wir wären im Tierstande. Verbessert soll immer werden, aber in Vereinbarung aller, wo zu verbessern ist. So wirst du auch einmal im Rate wirken, wenn du berufen werden wirst.«
»Und das übrige, was wir in unserem Stamme gewünscht haben,« sprach er weiter, »lassen wir ruhen. Du wirst anders glücklich sein, wie ich mit deiner Mutter glücklich gewesen bin, wenn ich auch nicht ursprünglich mein Augenmerk auf sie gerichtet hatte. Wenn du gewählt haben wirst, wirst du mir es sagen. Oder hast du gewählt?«
»Wie du das für gut hältst, mein Sohn,« sagte er, »obwohl ich gerne vor dem Schließen meiner Augen noch das Fortblühen unseres Geschlechtes gesehen hätte und mir auch die Liebe einer kleinen Nachkommenschaft wohl getan hätte.«
»Das steht in Gottes Hand,« erwiderte er, »es kann sein, dass es so ist, es kann sein, dass es auch nicht so ist. Erwarten wir, was er sendet. Und zum letzten, mein Sohn, dass ich auch davon rede – da es zwischen Hiltiburg und dir so geworden ist, wie es ist, so wird es notwendig sein, dass ihr euch, damit nicht Haß und Feindschaft entstehe, den Friedenskuß unseres Stammes gebet. Hiltiburg wird dann ihr Wort halten.«
Ich fuhr in einem Wagen bis an den bairischen Wald. Dort nahm ich einen Führer, der mein Ränzlein trug, und ging auf einem Pfade über die Wasserscheide. Jenseits derselben schickte ich in dem Orte Sonnberg den Führer zurück, ließ mein Ränzlein da, und sagte, dass es geholt werden würde. Ich wollte allein zu dem Vetter kommen. Ich ging aus der Vertiefung gegen die Höhen empor und gelangte endlich in ein Gehege, auf dem ein Trümmerwerk von grauen Granitsteinen begann, zwischen denen hie und da eine Krüppelföhre stand, bis zuletzt ungeheure, häusergroße Granitblöcke lagen und sich rückwärts zu einem Giebel emportürmten, hinter dem erst wieder der Wald hinan stieg. In ihm standen die schönen Bäume, die gerne auf einem solchen Boden gedeihen: Tannen, Fichten, Föhren, Buchen, Ahorne, Birken. Mitten in dem Steingetrümmer stand ein Haus. Es war aus Holz gezimmert und hatte ein flaches Dach, auf welchem wieder graue Steine lagen. Es mochten durch lange Zeit Regen und Sonnenschein darauf niedergegangen sein, denn sein Holz war ebenfalls grau geworden. Um das Haus war in einiger Entfernung ein Zaun aus Föhrenknitteln. Ich ging auf einem Pfade, der kaum merklich kennbar war, gegen den Zaun und das Haus. Ich ging durch das offene Türchen des Zaunes hinein. Da kam mir Wilhelm entgegen, der sehr alt geworden war, und sagte: »Seid Ihr doch der Vetter Rupert?« »Ich bin es, und du bist Wilhelm«, antwortete ich. »Ja,« sagte er, »und seid gegrüßt, Ihr müsst warten, der Herr wird erst in einer Stunde kommen.«
»Was die Zeit vergeht,« sagte Wilhelm, »und ich habe Geschäfte, setzt Euch nur in dem Hause auf einen Stuhl.« »Tue deine Geschäfte,« antwortete ich, »gehe in das Haus, ich werde hier im Freien warten.«
Nach einer Stunde, da die Strahlen der heißen Mittagsonne in die grauen Steine niedersanken, kam der Vetter langsam gegen das Haus und gegen mich. Er hatte einen Rock an, der so grau war wie die Steine. Er hatte ein Beinkleid von derselben Farbe und an den Füßen starke Stiefel. Auf dem Haupte trug er einen grauen Hut mit einem schwarzen Bande, und um die Schultern hatte er an einem Riemen ein flaches, viereckiges Fach, das mit braunem Leder überzogen war. Er hatte eine Gestalt, wie ich sie noch an seinem Vater und an meinem Großvater gesehen hatte. Sein alterndes, bräunliches Angesicht mit dem grauen Stutzbarte war fast so schön wie bei meinem Vater. Hinter ihm ging ein gelblich-weißer Wolfshund von ungewöhnlicher Größe. Ich stand auf; er aber sagte, da er bei mir war: »So besuchst du mich in meiner Waldburg. Sie ist aus Holz, wie die des alten Königs Etzel, nur ist sie kleiner und steht nicht auf einer grauen Haide, wie die seinige, sondern unter diesen grauen Steinen. Gehe herein.«
Er beschwichtigte den Hund, der einige Mißtöne gegen mich gab, und wies mit der Hand gegen die Tür. Ich ging durch dieselbe ein, er folgte mir und führte mich dann in eine Art Saal, dessen Wände mit rötlichem Leder überzogen waren, auf welchen in Metallrahmen Bilder seiner Vorfahren hingen. Sie waren offenbar Nachbilder. Sonst hingen noch Waffen von der ältesten Zeit bis in die neue da. Die Geräte waren mit dem Leder der Wände überzogen. An den Fenstern waren seidene Vorhänge von der gleichen rötlichen Farbe zurückgeschlagen, und die nämliche Seide bedeckte den Tisch, der mitten in dem Zimmer stand. Wir legten unsere Hüte auf den Tisch. Da sah ich, dass die reichlichen Haare meines Vetters braun gewesen sein mochten, wie die meines Vaters, dass sie aber jetzt stark mit Grau gemischt waren. Seine Augen glänzten ungewöhnlich. Er sprach zu mir. »Das ist der Burgsaal. Ich grüße dich als Gast, iss das Stückchen Brod mit mir, das ich zu bieten habe.«
Wir nahmen unsere Hüte, und er führte mich durch einen Gang in ein Gemach, dessen zwei Fenster gegen Mittag gingen. Die Geräte waren aus Birkenholz gemacht. Es war zum Schlafen und Wohnen eingerichtet.
Er führte mich neuerdings durch den Gang in ein Zimmer. Dasselbe war mit braunem Leder überzogen, wie das Fach, das er trug, und die Geräte zeigten dasselbe Leder. Das Zimmer war gleichfalls zum Wohnen und Schlafen bestimmt. An den Wänden hingen zahlreiche Bilder mit Pflanzen. Auf einem Tische lagen sehr große Bücher oder Mappen, die mit Bändern zu binden waren. Sonst befanden sich auch noch mannigfaltige kleinere Bücher in dem Zimmer, dann noch Waffen, und in einer Ecke war etwas wie eine, Presse.
Er führte mich abermals durch den Gang in ein Zimmer, das ich als Speisezimmer erkannte. Ein Tisch von braungewordenem Tannenholze war mit Linnen gedeckt, und es standen Speisegeräte für fünf Personen auf ihm. Um den Tisch waren Stühle von altem Tannenholze.
Wir legten die Hüte auf ein Nebentischchen, er setzte sich an das obere Ende des Speisetisches, und ich setzte mich rechts von ihm an die Langseite desselben.
Sogleich wurde auch das Mahl hereingetragen. Ein kleiner alter Mann, den ich nicht kannte, brachte auf einer Schüssel Rinderbraten. Dann brachte er eine Flasche mit Wein und eine mit Wasser. Hierauf setzte er sich selber an den Tisch. Ein Mann in mittlerem Alter, ganz weiß gekleidet, kam herein und setzte sich zu uns. Das nämliche tat der alte Wilhelm. Wir fünf Männer verzehrten nun den Rinderbraten, und aßen gutes Roggenbrod, und tranken Wein und Wasser dazu. Der Hund bekam seine Nahrung von unserem Tische in einem irdenen Trog, der auf der Erde stand. Diese eine Speise war das Mittagmahl gewesen.
Nach dem Essen sagte der Vetter zu mir: »Hier ist Wilhelm, der Seneschall unserer Waldburg, hier ist Adalo, der Koch, und hier Dietrich, der Truchseß. Das ist die Besatzung. Sie wird dir von manchem Dienste sein, wenn du es bedarfst. Von Menschen ist sonst nichts hier. Der Hund Witun ist unser Wächter und Beschützer, die zwei Saumpferde bringen uns den Bedarf, und die paar Kühe geben uns Milch. Das sind die Tiere, die wir hegen. Die andern sind freiwillig da: die Käfer, Fliegen, Eidechsen, Falter, Mäuse. Du wirst alles und den Brauch dieses Hauses kennen lernen. Jetzt trennen wir uns, und pflege jeder seiner Zeit.«
Er nahm seinen Hut, grüßte mit der Hand und entfernte sich mit dem Hunde aus dem Speisegemache. Ich nahm gleichfalls meinen Hut und folgte ihm. Ich sah ihn in das Pflanzenzimmer gehen, und ich ging in das Birkenzimmer. Wohin sich die andern begaben, beachtete ich nicht.
Als ich dann meinen Vetter mit seinem großen Hunde durch die Verzäunung hinausgehen sah, erhob ich mich, verließ gleichfalls mein Zimmer und das Haus, und weil ich nicht wusste, wen ich um mein Ränzlein schicken sollte, ging ich selber nach Sonnberg hinunter und nahm dort einen Mann, der es mir herauf trug. Ich brachte dann meine Habseligkeiten in dem Birkengemach unter. So war der Tag vergangen. Gegen den Abend wandelte mein Vetter mit seinem Hunde wieder durch die Gesteine herein. Als die Sonne untergegangen war, holte mich Dietrich zum Abendessen. Es bestand aus einem kalten Rehbraten und wie am Mittage aus dieser einzigen Speise. Der Hund aß wieder neben uns auf der Erde. Nach dem Essen sagte mein Vetter eine gute Nacht, die andern taten desgleichen, und man zerstreute sich. Ich ging in mein Zimmer, las noch lange in einem meiner Bücher und legte mich erst zur Ruhe, als schon die tiefe Nacht unter all diesem Gesteine war.
Beim Aufgange der Sonne holte mich Dietrich zum Frühmahle. Dasselbe bestand aus Milch und Brod. Da es vorüber war, verließen wir wieder das Speisezimmer. Ich blieb zwei Stunden in meinem Gemache und las und schrieb. Dann kleidete ich mich sorgfältig an und stattete meinem Vetter den ersten Besuch ab. Er schien mich erwartet zu haben; denn er war besser gekleidet als gestern, und war noch in seinem Zimmer. Er saß vor einem Tische, auf dem er einige Hände voll Moose hatte, und suchte in ihnen herum. Er stand auf, da ich hereingekommen war, führte mich zu dem Ruhebette, lud mich mit der Hand zum Sitzen ein, und da ich es getan hatte, setzte er sich zu meiner Linken. Der Besuch war kurz, wir sprachen von allgemeinen Dingen, und ich entfernte mich wieder. Nach einer Stunde kam er sehr schön gekleidet zu mir und blieb einige Augenblicke da.
Nach dem Mittagessen ging ich in die Umgebungen des Hauses. In der Nähe konnte man in gebrochenen Richtungen zwischen den Steinen durchgehen, weiter rückwärts hätte man sie übersteigen müssen, und an dem Giebel hätte wohl kaum der geschickteste Kletterer emporkommen können. In der entfernteren Richtung gegen Abend lagen sie loser, und es kamen Erlengebüsche, Wachholder- und Haselgesträuche. In den Wäldern, die gegen Mitternacht empor gingen, waren sie auch zerstreut, und zwischen ihnen standen die hohen Bäume empor, und es waren unzählige Moose und schöne Farrenkräuter.
Gegen den Untergang der Sonne kehrte ich wieder in das Haus zurück. Ich lernte bald die Gepflogenheiten des selben kennen. Dietrich ging öfters mit einem oder dem andern Saumrosse in die Ortschaften hinunter, um zu holen, was man brauchte. Adalo bereitete die Speisen, und Wilhelm besorgte die andern laufenden Geschäfte. Gleich nach dem Aufgange der Sonne war das Frühmahl, um zwölf Uhr das Mittagmahl und nach dem Untergange der Sonne das Abendessen. Des Morgens hatte man immer Milch und Brod, des Mittags und Abends verschiedenes, aber stets nur eine Speise. In seinem Tun wurde niemand beirrt. Mein Vetter ging fast immer im Freien herum. Ich war zuweilen in seiner Gesellschaft. Wir machten uns nämlich gelegentlich Besuche in unseren Zimmern, oder ergingen uns auch ein wenig in der Nähe des Hauses. Er sprach nur von gewöhnlichen Dingen. Über Angelegenheiten unseres Geschlechtes oder über Mitglieder desselben redete er gar nicht. Ich suchte auch nicht irgend einen Gesprächsgegenstand aufzubringen. Welcher Art die Bücher waren, die ich in seinem Zimmer sah, strebte ich nicht zu ergründen, fand ihn aber öfter in einem lesen. Sonst war sein Benehmen ruhig und gleichmäßig. Ich bemerkte, dass er in seinem ledernen Täschchen, ohne welches er gar nie ausging, sehr oft Moose nach Hause brachte, dass er die selben ordne, und dass ihm bei diesem Geschäfte alle seine Mitbewohner behilflich waren. Ich machte daher eines Tages eine Tasche aus starkem Papier, ging mit derselben einen ganzen Nachmittag in dem Walde herum, füllte sie mit Moosen, die mir besonders gefielen, und brachte ihm dieselben. Er leerte sie auf einem Tische aus und sagte: »Morgen nach dem Frühmahle werden wir sie untersuchen.«
Am andern Tage ging ich nach dem Frühmahle mit ihm in sein Gemach. Er las die Moose Stämmchen für Stämmchen auseinander und legte sie in eine Reihe. Dann sagte er: »Du hast eine gute Meinung, Vetter, aber du kennst die Sache noch nicht. Ich habe die Verwunderlichkeit dieser kleinen Dinge zu ergründen gesucht und bin noch lange zu keinem Ende gelangt. Ich habe es besonders von diesem Hause aus getan, ich habe Hunderte von Arten gesammelt, ich habe die Bücher, die von ihnen handeln, habe mir den Gehalt derselben angeeignet; aber die Bücher und ich sind nicht vollkommen. Die Dinge wollen ihre eigene Weise. Wenn es dir gefällt, meine Anstalten zu betrachten, so tue es. Hier sind die Fächer, in denen die Moose nach ihrer Ordnung eingelegt sind, und hier ist das Buch, nach dessen Weisung die Einlage gemacht worden ist. Andere Bücher schlagen andere Weisen vor. Du kannst in sie hineinsehen und dann urteilen, was du für zweckmäßiger hältst. Fast besser noch als die Einlage ist das Pressen. Wir pressen die Moose auf Papier ab, und sie geben ihre Gestaltungen erstaunlich schön, wenn gleich die Farbe nicht, die aber auch in den Einlagen absteht. In den Mappen hier findest du die Abdrücke. Willst du dich aber mit diesen Dingen gar nicht befassen, so bist du auch in deinem Recht, ich gebe dir nur die Erlaubnis dazu.«
Und nun blickte ich öfter in die Bücher und suchte mich zu unterrichten, dass ich einsichtiger verfahre, wenn ich ihm wieder Moose brächte. Es entstand endlich in mir sogar ein Anteil an der Sache. Ich sah in den Einlagen eine solche Zahl von Moosen, die ich nicht für möglich gehalten hätte; ich sah Verwandtschaften, Verbindungen und Übergänge. In den gepressten Blättern sah ich die Verschwendung der Gestalten und erstaunte über die Schärfe und Eigentümlichkeit. In den Büchern fand ich die Bestrebungen, den Verwicklungen beizukommen, vertiefte mich in die Bestrebungen, und neigte mich bald zu dieser, bald zu jener Ansicht. Ich hatte oft mehrere Bücher oder Fächer oder Mappen meines Vetters in meinem Zimmer. Ich fand nun auch wirklich manches seltene Stämmchen, das der Vetter für seine Sammlung brauchen konnte, ja ich fand einmal eine Art, die er noch gar nicht hatte.
Er fragte mich um die Ereignisse des abgelaufenen Krieges, um den Feldherrn, um die Führer, um meine Freunde. Er lobte meine Handlungsweise und erging sich in den Folgen derselben. Er sprach mit Hochachtung von meinem Vater.
Eines Tages zeigte er mir das Innere des Hauses, und als ich meine Verwunderung aussprach, dass dasselbe so viele Räume habe, da es doch so unscheinbar aussehe, antwortete er: »Es ist nur unter den großen Granitsteinen so klein. Ich habe das Haus, das ich die graue Sentze nenne, zu einer Zeit erbaut, da etwas eingetreten war, das ich nicht verwinden zu können gemeint habe. Ich habe es aber verwunden und habe wieder in die Zeit fortgelebt. Das Haus ist zu manchen Überwindungen gut, und ich habe es öfter besucht. Alle Dinge, die ich seit meiner Jugend zu Gutem und Großem unternommen hatte, sind nicht in Erfüllung gegangen. Ich habe mich gefügt und habe abermals in die Zeit hinüber gelebt. Nur die Naturdinge sind ganz wahr. Um was man sie vernünftig fragt, das beantworten sie vernünftig.«
Als ich einmal spät am Nachmittage nach Hause kam, sah ich innerhalb der Umzäunung eine weibliche Gestalt zwischen den Steinen stehen. Sie hatte ein Linnengewand an, das mit einer matten blauen Farbe bedruckt war. Auf dem Haupte hatte sie einen runden, gelben Strohhut. Neben der Gestalt stand der Hund meines Vetters. Er war ruhig und schien sogar freundlich. Aus der Anwesenheit des Hundes schloss ich, dass mein Vetter in dem Hause sein müsse. Ich ging daher auf dasselbe zu. Da die Gestalt an dem Wege stand, musste ich ihr nahe kommen. Sie wandte sich um, es war Hiltiburg.
»Ja, Vetter, ich bin da,« antwortete sie, »um meine Pflicht zu tun. Mein Vater ist in der Einsamkeit, sie haben mir nichts davon gesagt; ich habe nur seine Rückkehr aus Egypten gewusst; ich habe mir aber Kenntnis verschafft und bin gekommen, bei ihm zu sein, und er hat mein Hierbleiben gestattet«
Ich fand meinen Vetter in dem Pflanzengemache, und übergab ihm meine Ausbeute. Er legte die Pflanzen neben einander und sagte dann: »Du bist auf dem Riegelsteine gewesen, ich wüsste nicht, wo diese Dinge sonst vorkommen.«
»Du hast schon ein gutes Auge,« sagte er, »wir werden einlegen und pressen. Hiltiburg ist gekommen und wird hier bleiben. Wir haben jetzt in dem hölzernen Hause um zwei Bewohner mehr, um sie und ihre Dienerin.«
Nach und nach bemerkte ich, dass es in dem Hause, in den Gängen, in den Wohnungen und in der Umgebung reinlicher sei. Zu unseren Speisen gesellten sich nach und nach Zutaten, und wir hatten morgens Milch, Tee, Kaffee, Butter und kalten Braten, mittags Suppe, Rindfleisch, Gemüse und noch irgend eine Speise, und des Abends die Speisen wie des Morgens, nur noch einen warmen Braten dazu. Wenn Walchon von einer Speise zwei Male nahm, kam sie öfter auf den Tisch. Alle gewöhnten sich an die neue Ordnung, es wurde nichts mehr darüber gesprochen. Auch eine Magd kam noch in das Haus.
Hiltiburg ging immer in einfachen Linnenkleidern, die mit irgend einer Farbe und Zeichnung bedruckt waren. Auf dem Haupte hatte sie stets den runden Strohhut, und an den Füßen starke Stiefelchen. Sie trug auch oft ein graues Kleid wie ihr Vater, und wenn sie zu einer Zeit im Walde oder in der Gegend herumging, hatte sie auch ein Ledertäschchen um ihre Schultern hängen. Man sah sie öfter, und nach und nach immer länger, mit ihrem Vater gehen. Wenn es spät Abend wurde, oder auch selbst in der Nacht, hörten wir die Töne ihrer Harfe aus ihrem Zimmer.
Ich sprach nun öfter mit Hiltiburg. Ich zeigte ihr die Bücher der Moose, und unterrichtete sie ein wenig. Ich belehrte sie auch über andere Pflanzen, die ihrem Vater angenehm sein konnten. Ich zeigte ihr auch meine Bücher, in denen ich las, und lieh ihr einige auf ihr Verlangen.
Ich las oft in einem meiner Bücher, oder saß auf einem Steinblocke und betrachtete das Dämmern der fernen Wälder, oder sah Hiltiburg nach, wenn sie aus der Umzäunung hinaus ging, und wenn sie zurück kam, heftete sie die Augen auf mich. Meinem Vetter suchte ich Aufmerksamkeiten und Freude zu bereiten, wie ich nur immer konnte.
Als der tiefe Herbst eingetreten war, sagte eines Tages mein Vetter zu mir: »Rupert, du weißt, welchen Wunsch dein Vater in Hinsicht der zwei jüngsten und einzigen Zweige unseres Geschlechtes hatte, in Hinsicht deiner und in Hinsicht Hiltiburgs. Ich hatte den nämlichen Wunsch. Weil aber dieser Wunsch nicht in Erfüllung gehen konnte, so ist jetzt ein anderer an seine Stelle getreten. Aus dem Verhältnisse zwischen Hiltiburg und dir glauben wir die Veranlassung zu erkennen, dass ihr euch den Friedenskuß der Palsentze gebet, welcher das Versprechen enthält, dass eines dem andern kein Übel zufügen werde. Dein Vater hat mir geschrieben, dass du zu dem Kusse eingewilliget hast. Ich habe mit Hiltiburg gesprochen, sie hat auch eingewilligt. Ist es dir genehm, so zeige mir den Tag an, mit welchem du die Vorbereitungen dazu beginnen willst. Du weißt, dass diese Vorbereitungen darin bestehen, dass man drei Tage mit einem Gebete, mit Betrachtungen über den Schwur und mit Lesung der Schwurschriften hinbringe. Hiltiburg wird an dem nämlichen Tage die Vorbereitungen antreten. Ich habe von den vorhandenen Schwurschriften zwei Abschriften in dem Hause. Eine werde ich dir, eine Hiltiburg geben. Und am Morgen nach dem dritten Tage leistet ihr in dem Saale, ohne einen einzigen Zeugen als Gott, wie es vorgeschrieben ist, das Versprechen.«
Ich antwortete auf diese Rede: »Lieber Vetter, wenn nichts dagegen ist, so werde ich morgen die Vorbereitungen beginnen, frage Hiltiburg über die Angelegenheit noch einmal.«
Am andern Morgen tat ich, da ich völlig angekleidet war, ein sehr ernstes Gebet zu Gott. Dann dachte ich, was ich mir wohl schon lange klar gemacht hatte, an den Inhalt des Versprechens. Dann löste ich die seidenen Bänder von den Papieren, die mir Walchon gegeben hatte, und begann zu lesen. Meine Speisen brachte mir Dietrich in mein Zimmer.
Am Morgen des vierten kleidete ich mich festlich und ging in den Saal. Er war noch leer. Gleich darauf trat Hiltiburg herein. Sie war wieder in Linnen gekleidet, aber in weißes, und hatte keinen Hut auf dem Haupte. Ich ging ihr entgegen, und wir grüßten uns stumm. Dann blieben wir einen Augenblick stehen, dann trat ich in der Mitte des Saales zu ihr, und sagte: »Hiltiburg, hast du die Schriften gelesen?«
Sie stand da, da sie dieses sagte, vor mir und hatte ihre beiden Arme an den Körper nieder hängen. Ich legte meine Hände auf ihre Schultern und sagte leise: »Hiltiburg, mit Gott.«
Sie wendete sich plötzlich ab, ging gegen das Fenster, und blieb dort mit dem Rücken gegen mich stehen, als wollte sie in die grauen Steine hinaussehen.
Und mit eins hatten wir uns in den Armen und fassten uns und drückten die Lippen wieder aneinander, so fest und innig, als sollten wir sie immer und ewig nicht mehr von einander trennen. Sie begann zu schluchzen, ich fühlte mein Wesen erbeben, und schluchzte auch wie in tiefster Reue.
Endlich, da ihre Augen noch in Tränen schimmerten, nahm ich ihre reine, schone Hand. Sie ließ sie mir willig. Ich führte sie an der Hand zur Tür des Saales, bei der Tür hinaus und über den Gang zum Vater in das Pflanzengemach.
Er ging an den Schreibtisch. Wir setzten uns auf Stühle nieder. Er schrieb auf ein Blatt mehrere Zeilen, dann siegelte er es und schrieb eine Aufschrift. Dann klingelte er. Als hierauf Dietrich gekommen war, sagte er: »Sattle ein Pferd, und reite mit diesem Briefe auf die Post.«
Als ich in meinem Zimmer saß, kam Wilhelm herein und sagte: »Ihr sollt Euch zur Abreise richten, ich muss mit dem anderen Pferde auf die Post reiten und einen Wagen für Euch und den Herrn und das Fräulein auf morgen früh nach Sonnberg bestellen.«
Am andern Morgen gingen Walchon, Hiltiburg und ich nach dem Frühmahle nach Sonnberg. Wilhelm war schon dort und hielt den Wagen in Bereitschaft. Wir stiegen ein, und fuhren in der Richtung gegen die weiße Sentze ab.
Da führte Walchon Hiltiburg vor ihn und sagte: »Sie ist so schön wie Eveline. Sie ist nicht so, wie wir dachten, sie ähnelt meinem Großvater Erkambert, deinem Ahnherrn, der gegen die Menschen unwirsch gewesen ist, und ihnen Gutes getan hat.«
»Ich habe es geahnt, als du mir die Briefe schriebst, Walchon«, sagte er dann. »Ihr habt mich mit eurer Ankunft überrascht, aber in der Sentze ist immer für ein Mittagmahl gesorgt. Folgt mir in das Speisezimmer.«
Nach demselben wurde alles Gepäcke, mit Ausnahme des meinigen, in die rote Sentze gebracht. Boten wurden sogleich an Taglöhner, Maurer, Zimmerer, Schreiner und andere Gewerbsleute gesendet, dass sie des folgenden Tages Arbeiten in der roten Sentze beginnen sollten. Wilhelm wurde beauftragt, nach drei Tagen wieder in die graue Sentze zu reisen, dort alles in Ordnung zu räumen, das Haus zu sperren und alle, die dort sind, hieher zu bringen.
Zur Base Laran, welche jetzt nicht mehr in Wien wohnen mochte, reiste ich selber in das Steinschloß, um die Einladung zu machen. Ich fand sie und ihre schönen Töchter heiter, und fand auch zwei junge Männer, den Sohn des Verwalters und den des Forstmeisters, als Besuchende da. Ich blieb drei Tage und reiste dann wieder nach Hause.
Als wir nach der Feierlichkeit uns in dem Saal versammelt hatten, ich in der schweren Kleidung der Palsentze, und Hiltiburg in einem reicheren Schmucke, als sie je einen gehabt, und als wir uns auf den Befehl unserer Väter den Kuß der Ehe gegeben hatten, rief mein Vater: »Das ist ein Liebeskuß der Palsentze, möge nie mehr in dem Geschlechte not sein, dass ein Friedenskuß gegeben werde.«
Wir können aber berichten: Die gestreifte Sentze wird immer stattlicher und wohnlicher, und der Garten immer blühender; die rote Sentze ist fast schon so rein und klar wie die weiße; die graue Sentze ist in ihrem Innern noch ansehnlicher und prunkender als früher ausgerüstet. Hiltiburg und Rupert sind in einem Glücke, wie jenes einzige Fräulein und jener einzige Junker des Geschlechtes der Palsentze gewesen waren, und es scheint auch von ihnen die Folge ausgehen zu wollen wie von jenem Paare.
2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Ich ging dort in das Haus, in welchem die Base Laran wohnte, bei der […] war.«
3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »Obwohl« in diesem Textausschnitt? »Obwohl ich sie, da sie noch ein Kind war, zum letzten Male gesehen hatte, erkannte ich sie gleich.«
4. Welcher Ausschnitt kennzeichnet eine Aussage ausdrücklich als Möglichkeit oder Vermutung? Achte auf die Formulierung; entscheide nicht, ob die Aussage tatsächlich wahr ist.
6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse.
A: »Da die Gestalt an dem Wege stand, musste ich ihr nahe kommen.«
B: »Der mit Laubwerk eingelegte Tisch war in der Nacht ohne mein Wissen mit einem braunen Sammettuche überlegt worden.«
C: »Wie wir beschlossen haben, hast du die Sache ausgeführt.«
8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Er lobte meine […] und erging sich in den Folgen derselben.«
9. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »weil« in diesem Textausschnitt? »Ich konnte nicht gleich nach Hiltiburgs Ankunft fortgehen, weil es aufgefallen wäre.«
2Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte
1. Lies den Abschnittsbeginn: »In einem Waldwinkel liegen drei seltsame Häuser oder Schlösser.« Welche Informationen sind hier bereits sicher, und welche Frage bleibt für dich offen?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Nenne zwei Informationen, die sich tatsächlich aus dieser Passage ableiten lassen.
Trenne eine eigene Frage oder Vermutung klar vom Textbefund.
2. Fasse diese Textstelle in eigenen Worten zusammen: »Er begrüßte mich sehr liebevoll und sprach in der ersten Zeit gar nicht über die Vergangenheit.« Was ist für ihr Verständnis besonders wichtig?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Gib die zentrale Aussage oder Situation wieder, ohne etwas hinzuzuerfinden.
Nenne eine Einzelheit aus der Passage, auf die sich deine Zusammenfassung stützt.
3. Prüfe, ob es in dieser Passage um Gerechtigkeit oder Verantwortung geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] mehr erhärtet. Und in dem gegebenen Worte und dem daraus entsprungenen Rechte liegt die Möglichkeit menschlichen Besitzes und menschlicher Reiche. Wenn ein Reich nehmen dürfte, was ihm gut ist, dürfte es jeder, und keiner wüsste, ob das […]«
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
4. Prüfe, ob es in dieser Passage um Angst oder Unsicherheit geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »Ich hörte, dass meine Stimme zitterte, als ich die Worte sprach.«
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
5. Prüfe, ob es in dieser Passage um Nähe oder Gefühle geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »Immer drückten wir uns wieder an das Herz und drückten die Lippen aneinander.«
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
6. Prüfe, ob es in dieser Passage um Geld oder Besitz geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] war in der hervorragendsten Weise des eben herrschenden Gebrauches. An Gold und Edelsteinen hatte sie einen großen Wechsel. Sie zog fast jeden Tag ein anderes Kleid an, und an einem Tage wechselte sie oft mehrmals. Wenn sie ausging, oder […]«
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
7. Vergleiche diese beiden Stellen: »Er begrüßte mich sehr liebevoll und sprach in der ersten Zeit gar nicht über die Vergangenheit.« und »Nach und nach bemerkte ich, dass es in dem Hause, in den Gängen, in den Wohnungen und in der Umgebung reinlicher sei. Zu unseren […]«. Welche Gemeinsamkeit oder welchen Unterschied kannst du am Wortlaut zeigen?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Nenne eine nachvollziehbare Gemeinsamkeit oder einen Unterschied.
Belege beide Seiten des Vergleichs; unterstelle keine Entwicklung, die der Text nicht zeigt.
8. Am Abschnittsende steht: »Die Väter leben in so gutem Einvernehmen, als hätten sie sich viermal den Kuß von Sentze gegeben.« Was ist hier geklärt, und was bleibt offen?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf den Schluss dieses Abschnitts, nicht auf dein Vorwissen über das ganze Werk.
Falls die Stelle nichts eindeutig klärt, begründe auch das mit dem Text.
9. Prüfe deinen ersten Leseeindruck an Anfang und Ende: »In einem Waldwinkel liegen drei seltsame Häuser oder Schlösser.« / »Die Väter leben in so gutem Einvernehmen, als hätten sie sich viermal den Kuß von Sentze gegeben.«. Würdest du deine erste Einschätzung jetzt verändern? Begründe.
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Nenne deine ursprüngliche Einschätzung oder Leseerwartung.
Verwende mindestens einen Textbeleg für deine jetzige Einschätzung.
Sowohl eine veränderte als auch eine bestätigte Einschätzung ist möglich.
3Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte
Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.
Niveau 1 · Einstieg
1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »In einem Waldwinkel liegen drei seltsame Häuser oder Schlösser.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Nach diesen Worten ging er in das Haus; ich aber setzte mich in ein Stück Schatten, das von dem Überdache auf die Bank vor dem Hause herabfiel.«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Die Väter leben in so gutem Einvernehmen, als hätten sie sich viermal den Kuß von Sentze gegeben.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Originalautor vor 1956 verstorben. TextGrid kennzeichnet die zugrunde liegenden reinen Texte als gemeinfrei; Struktur und Metadaten unter CC BY 3.0 DE mit Namensnennung TextGrid und www.editura.de. Das Werk Der Kuß von Sentze von Stifter, Adalbert ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de, und wird unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland veröffentlicht. Der zugrunde liegende literarische Reintext ist gemeinfrei. TextGrid wurde vom BMBF gefördert (Förderkennzeichen 01UG1203A).
Die Extraktion erfasst alle Textpositionen der gelieferten Quelldatei; dies ersetzt keinen vollständigen Vergleich mit dem historischen Druck. Offene Kapitelaufgaben dienen der Selbstprüfung und sind keine automatisch bewertete Interpretation.
Der Kuß von Sentze
Adelbert Stifter: Gesammelte Werke in sechs Bänden, [herausgegeben von Max Stefl,] Band 3, 6.–10. Tausend der Gesamtausgabe, Wiesbaden: Insel, 1959. Stifter, Adalbert 683- Wiesbaden
Das Werk Der Kuß von Sentze von Stifter, Adalbert ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.
Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.