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Buch - Der Hexen-Sabbath - Tieck, Ludwig

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Originalwerk · Lesefassung

Der Hexen-Sabbath

Tieck, Ludwig · 1831

In einer von Glaubensstreit und Verfolgungsangst geprägten Welt geraten Menschen unter den Verdacht der Hexerei. Die Novelle zeigt die zerstörerische Wirkung von Fanatismus, Gerüchten und Machtinteressen.

Historische NovelleKlasse 11–1315 Abschnitte
Porträt von Tieck, Ludwig; Kontextbild zur Autorin oder zum Autor, keine Szene aus dem Buch.
Porträt · Tieck, Ludwig · Gbi.bytos · CC BY-SA 4.0 Bildquelle ↗
Hinweise für den Unterricht
  • Historische Sprache und zeitgebundene Wertvorstellungen gemeinsam einordnen. Klassenangaben sind redaktionelle Orientierung.
  • Für die begleitete Analyse in der Oberstufe; je nach Werk werden Gewalt, Sexualität, Krankheit oder historische Diskriminierung thematisiert.

Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.

Deutsch · Abschnitt 1 von 15

Ludwig Tieck · Leseabschnitt 1

Redaktioneller Leseabschnitt innerhalb von „Ludwig Tieck“. Die zusätzliche Gliederung verändert weder Wortlaut noch Reihenfolge.

1
Ludwig Tieck
2
Der Hexen-Sabbath
3
In Arras lebte, in den letzten Regierungsjahren Philipp des Guten, eine reiche schöne Wittwe, die sich am liebsten, da sie mit ihrem Manne nicht glücklich gewesen war, Frau Catharina nennen hörte. Sie besaß ein großes Haus in der Stadt, in welchem sie viele Gesellschaft sah, so wie vor dem Thore einen anmuthigen Garten, wo in den Sommertagen ihre Freunde oft im kühlen Saale sich um sie versammelten.
Vorlage S. 183
4
Philipp, den seine Zeitgenossen den Guten nannten, war in seinem hohen Alter schwach geworden, und seine Günstlinge benutzten seine Launen und wechselnden Stimmungen, um sich zu bereichern und vieles durchzusetzen, worüber die Unterthanen mit Recht Klage führen konnten. Die Mächtigen, der hohe Adel, die Reichen handelten oft nach Leidenschaft und Willkühr, und jedermann war in dem wohlhabenden blühenden Lande mehr oder minder darauf angewiesen, sich selber Recht zu schaffen, und durch Kraft der Waffen Anhang oder Protectoren sich zu sichern, um nicht beeinträchtiget zu werden.
Vorlage S. 183
5
Der Herzog Philipp war mit seinem Sohne Carl gespannt. Beide hatten Ursache, sich über einander zu beklagen und Günstlinge und Schmeichler wendeten alle Künste an, um diese Verstimmung in Zwietracht und einen öffentlichen Bruch zu verwandeln.
Vorlage S. 183
6
So waren zwei Partheien im Lande, die sich entgegenarbeiteten. Die des Sohnes hatte sich verstärkt, seitdem der Dauphin von Frankreich, Ludwig, seinem alten, argwöhnischen Vater mißtrauend, sich als Flüchtling unter den Schutz des Herzogs Philipp des Guten nach Burgund begeben hatte. Der Sohn, Carl Graf von Charolais glaubte, und wurde von seiner Umgebung in dieser Meinung bestärkt, dass der Dauphin seinen Einfluss benutze, um ihm seinen Vater Philipp ganz zu entfremden. Entfernen sich die Gemüter, die durch Bande des Bluts, durch Dankbarkeit und Wohlthat verbunden sind, erst von einander, so wird es Bösgesinnten leicht, gerade diese unversöhnlich und auf immer von einander zu trennen.
Vorlage S. 183
7
Alle Stände litten, indem sich das Misstrauen immer bestimmter aussprach, und sich die Partheien immer schärfer gegenüberstellten.
Vorlage S. 183
8
In einem so reichen Lande, wie es unter der Regierung Philipp des Guten alle Provinzen von Burgund waren, gab es freilich auch viele Menschen, die sich wenig um die Gefahren des Staates, oder um die zunehmende Macht Frankreichs kümmerten, und nur dafür hauptsächlich sorgten, wohlbehaglich ihr Einkommen zu verzehren, mit Verstand ihr Vermögen zu verwalten, und mit Heiterkeit das ungewisse Leben zu genießen, das so Viele unter den Anstalten verlieren, indem sie es herausputzen und zu etwas Würdigerem erheben wollen. Der Kreis von Freunden und Bekannten, der sich bei der verständigen Frau Catharina versammelte, war in der Stadt Arras als ein solcher bekannt, in welchem man dem Kummer, der Furcht, den Grübeleien, oder fern und selbst nahe liegender Besorgniß keinen Raum gestattete. So wenig die kluge Frau ihren Umgang beschränkt hatte, so sehr sie gern Menschen um sich von allen Ständen sah, so zogen sich doch die finstern Gemüter, oder diejenigen, die nur dem Gewinne oder ihren Tagesgeschäften lebten, von selbst zurück, weil man wusste, dass nur von Dichtkunst, Malerei, Festen, Putz, oder lustigen Geschichten in diesem Hause die Rede war. Schien es also, dass die weltliche Freude eine zu ausschließende Rolle hier spielen dürfe, so verweigerten dennoch ernste Gemüter, und selbst angesehene Geistliche nicht, Theil an dieser Heiterkeit zu nehmen, denn ein langer Friede, durch die Weisheit des Regenten erzeugt und erhalten, hatte Lust, Ueppigkeit und Pracht befördert und der Herzog und sein Hof gaben das Beispiel und ermunterten zur Nachahmung, das arme Leben mit allem Glanz aufzuschmücken, dessen es fähig ist, obgleich Philipp fromm war und die Kirche und ihre Regenten hochachtete und verehrte.
Vorlage S. 183
9
Im Garten der Frau Catharine Denisel war am heitern Sommertage eine Gesellschaft versammelt, die sich an Liedern und Saitenspiel ergötzte. Beaufort, ein alter, angesehener Edelmann und Ritter war heut der vornehmste in der Versammlung, er war in der ganzen Stadt wegen seinen Sitten, seiner Freundlichkeit und Milde, so wie wegen seines großen Reichtums geschätzt und geliebt. Er war mit seinem Sohne Friedrich zugegen, um von der artigen Frau, die er schon seit lange kannte, Urlaub zu nehmen, weil er sich in Geschäften auf einige Tage nach Gent begeben wollte. Friedrich war schwermüthig, denn er entfernte sich nur ungern, selbst auf kurze Zeit, von Arras, weil er, wenn er seinen Vater nicht gefürchtet, alle Stunden seines Lebens an der Seite der Frau Catharina zugebracht hätte, die ihn gern sah, oft aber verstimmt wurde, wenn er seine Leidenschaft zu deutlich zeigte, oder in die Gesellschaft trat, in welche er nicht geladen war.
Vorlage S. 184
10
Erfrischungen, Wein, Obst und Gewürz in Zucker wurde herumgegeben, als der alte Beaufort das Wort erhob und sagte: meine Freundin, diesen anmuthigen Saal, diese glänzenden, schön gewirkten Tapeten, und Euer liebliches, holdes Antlitz, dessen Lächeln alle diese bunten Figuren bleich macht, werde ich nun auf eine oder zwei Wochen nicht sehen, denn ich habe Geschäfte in Gent mit dem großen Grafen von Etampes, dem Vetter unsers gnädigen Herzogs. Diese vornehmen Herren brauchen, eben weil sie zu Zeiten großmüthig und freigebig sind, immerdar Geld; und zuweilen nehmen sie es mit der Art, es zu erringen, nicht so gar genau und christlich. Da sollen wir wieder beisteuern, und der Vorwand ist ziemlich nichtig. Die Stadt, die schon genug getan hat, wird gedrückt, und soviel auch aufgebracht wird, so zerrinnt es doch unserm Herrn wieder unter den Fingern, weil er zu gütig ist.
Vorlage S. 184
11
Ein geistlicher Herr, der etwa vierzig Jahr alt sein mochte, wendete sein schönes volles Antlitz herum, sah mit klugen Augen den Ritter an, und sagte mit wohlklingender Stimme: Gewiss, Herr Ritter, hat Euer Stand, und der der Bürger, zu klagen Ursach: aber was sollen wir Geistlichen erst aussprechen? Wir, die wir so schwer vor einigen Jahren taxirt wurden, als mit so großen Feierlichkeiten der Zug gegen Constantinopel beschlossen wurde, um den Türken wieder von dort zu vertreiben? Alle die Summen, die wir und das Land hergaben, verschwinden, und es geschieht nichts, und kann und wird niemals etwas geschehen. Und doch wird immerdar wieder Nachschuß begehrt, und immer wieder reicht die Summe nicht aus. Wenn wir aber verarmen, wie soll es der Armuth ergehn, die wir ernähren müssen?
Vorlage S. 185
12
Herr Dechant, verehrter Herr Marck, antwortete der alte Ritter, Ihr findet in der Kirche immer neue Quellen, um den Verlust wieder zu ersetzen; sind aber unsre Güter verpfändet und mit Schulden belastet, dringt der Kaufmann auf plötzliche Rückzahlung, so sind wir ganz und auf immer verloren. Und doch können wir uns nicht so einschränken, wie es dem Geistlichen vergönnt ist, wie es ihm sogar zur edlen und heiligen Pflicht gemacht wird; kommt der Fürst oder dessen Sohn zu uns, gilt es einen Aufzug, ein Bankett, dem Grafen Etampes zu Ehren, oder dem großen Croys, den Herren, die fast allein das Land regieren; kommt gar der Dauphin von Frankreich einmal zu uns herüber, so müssen wir in Kleidern und Livreen glänzen, und dürfen nicht fragen, um wie viel unsre Schulden zunehmen, oder wie sehr dadurch unsre Nachkommen verarmen.
Vorlage S. 185
13
Wächst uns, sagte der Dechant lächelnd, das Getreide unsichtbar nach, wie Ihr behauptet, so wisst Ihr vom Adel dagegen Künste, es auf offener Straße, in der Stadt oder auf dem Felde, am lichten Tage mit scharfer Sichel zu schneiden. Noch vorgestern ist bei Douay, unter dem nichtigsten Vorwand eines alten Zankes, ein reicher Mann aus Seeland eingefangen worden; der übermüthige Ritter hat ihn gefänglich eingesteckt, und so lange gemißhandelt, bis er ihm zweitausend Goldstücke durch einen andern Kaufmann ausgeliefert hat.
Vorlage S. 186
14
Der alte Ritter stand auf und sagte mit zornigem Gesicht: Herr Dechant, Ihr seid ein wackrer Mann, aber mit der Zunge noch etwas zu jung. Ich könnte erwiedern, dass die Kirche, Papst und Klerisei, mit Ablaß, Jubeljahr, und auf wie andre Weise noch, Gelder zwar nicht gewalttätig erpressen, aber doch auch, wie manche Freigesinnte sagen, durch Mißbräuche und falsche Deutung an sich bringen. Ich bin keiner dieser Freigesinnten, und will gegen die Kirche, die ich fromm verehre, nichts einwenden und vermuthen, weil es unerlaubt ist. Jener gewaltthätige Räuber, von dem Ihr eben sprächet, ist mir weitläuftig befreundet, aber weder ich noch andre echte und wahre Ritter werden sein Mißthun billigen oder rechtfertigen. Ich bin jetzt, unter den Augen meiner Mitbürger, siebenzig Jahr alt geworden, aber ich fordere Euch, oder wer es sei, selbst meine bittersten Feinde, auf, mir das Kleinste zu beweisen, worin ich von dem Wege Rechtens abgewichen wäre. Jeder mag sein Tun verantworten, vom Höchsten bis zum Niedrigsten. Unser glorreichster Fürst, den die Welt bewundert, ist zu alt und nachgiebig, um allenthalben, wo es nötig wäre, das Schwert der Gerechtigkeit walten zu lassen; auch erfährt er nicht alles, und so ist Gewaltthat, Willkühr und Laune des Hochmuthes in unserm Lande freilich nicht so bewacht und bestraft, wie in Frankreich. Doch ich fühle mich rein, und darf es aussprechen; und deshalb gestehe ich Euch, dass mich Euer Wort beleidigt hat.
Vorlage S. 186
15
Der geistliche Herr erhob sich, und reichte dem alten Ritter die Hand, indem er in einem freundlichen, fast bittenden Tone sagte: Nicht so war es gemeint, mein geehrter, wackrer Freund; ein Wort giebt das andere, halb im Ernst, halb im Scherz; doch vergebt mir, wenn Ihr aus meiner Rede etwas anderes herausgehört habt, denn wahrlich, es war nicht meine Absicht, Euch im mindesten zu verletzen.
Vorlage S. 187
16
Wie kommen wir nur, sagte die freundliche Frau Catharine, auf so sonderbare, widerborstige Gespräche? Lasst die jungen Nichten der Frau Wacker wieder einmal das Lied singen, welches neulich unser Freund Labitte gedichtet hat.
Vorlage S. 187
17
So geschah es; die jungen Mädchen wurden von ihrer alten Base ermuntert, und Friedrich nahm die Laute, um sie zu ihrem zärtlichen Gesange zu begleiten. Als sie geendigt hatten, fragte der Dechant, von wem diese zärtlichen Verse gedichtet seien, die sich dem Ohr und Herzen so schmeichelnd einfügten.
Vorlage S. 187
18
Kennt Ihr das schöne Lied nicht? erwiederte Frau Catharina. Es ist ja von unserm vielbekannten Labitte, dem beliebten Dichter.
Vorlage S. 188
19
Ist dieser jetzt hier? fragte der alte Ritter.
Vorlage S. 188
20
Schon seit geraumer Zeit, erwiederte Friedrich; vor Jahren war er auch in unserm Hause.
Vorlage S. 188
21
Ich kenne wohl, sagte der Ritter, manche seiner älteren Gedichte; auch weiß ich, dass er ein guter Maler ist.
Vorlage S. 188
22
Er ist eine Zier, fuhr Catharina fort, unserer Dichtergesellschaft; und eine unbegreifliche Munterkeit und Kraft hält ihn aufrecht, so alt er nun auch ist. Wer ihn nicht kennt und ihn zum erstenmale erblickt, hält ihn für einen einfältigen, fast blödsinnigen Menschen; auch hat er Stunden, in welchen er nur wenig Verstand verräth. Doch plötzlich erfasst ihn die Laune, oder eine Stimmung zur Poesie, und er spricht und singt die wunderbarsten Sachen und Gedichte. Er ist es manchmal allein, der lange Zeit hindurch unsre Gesellschaft belustigt.
Vorlage S. 188
23
Ganz recht, fügte der Dechant hinzu, es ist derselbe alte Thor, den sie oft den einfältigen, den blödsinnigen oder dummen Abt nennen, weil man nicht weiß, ob er sich albern stellt, oder wirklich ist. Ich habe nie begriffen, wie Menschen noch als Greise den Lustigmacher spielen mögen.
Vorlage S. 188
Porträt von Tieck, Ludwig; Kontextbild zur Autorin oder zum Autor, keine Szene aus dem Buch.
Kontextbild zum Werk. Porträt · Tieck, Ludwig · Gbi.bytos · CC BY-SA 4.0 Bildquelle ↗
24
Ihr seid viel zu hart, ehrwürdiger Herr, sagte Catharina sehr freundlich; soll alles auf eine und dieselbe Art sein? Ich versichere Euch, der gute Alte macht sich niemals verächtlich, so seltsam auch manchmal seine Reden ausfallen mögen. Sein Sinn ist ernst, ich habe ihn selbst schwermüthig gesehen, und wenn ein solcher, der ohne Weib und Kind, ohne Bruder und Schwester, nicht im Ueberfluß lebend, sich über die dunkle Bestimmung des Daseins durch Scherz und Laune, Spaß und Witz, die manchmal an die Tollheit gränzen, zu trösten sucht, und andere erheitert und ergötzt, indem er seine Lebensgeister in der Gesellschaft erhöht, so darf man solchen nicht mit jenen gemeinen Narren vergleichen, die das Edle verschmähen und in den Staub treten. Er ist ein guter, lieber alter Mann, einfältig wie ein Kind, leichtgläubig und harmlos. Deshalb wird sein besserer Sinn auch oft von Listigen gemißbraucht, die ihn lächerlich machen. Wenn es geschieht, und er einsieht, wie boshaft man mit ihm umgegangen ist, so ist er der Erste, welcher alles vergiebt. Ist dies nicht eine christliche Tugend?
Vorlage S. 188
25
Ohne Zweifel, antwortete der Dechant, doch wäre es noch christlicher, wenn er zu allen diesen Anstößen keine Gelegenheit gäbe.
Vorlage S. 189
26
Friedrich nahm das Wort und sagte: Nicht so, ehrwürdiger Herr: sollen wir dem Scherz und Gelächter gar keine Stelle einräumen, so dürften wir jungen Gesellen nur lieber Maulkörbe tragen, die die Lippen zu Ernst und Ehrbarkeit fest zusammenschnüren. Man muss die Thorheit erleben, um später Unglück ertragen und Weisheit begreifen zu können. Glaubt Ihr nicht, dass in solchen Spaßen, die oft zweideutig aussehn und dem Tadel unterliegen dürfen, sich nicht auch Liebe, Gefühl und eine Art Frömmigkeit zu Zeiten erziehn lassen?
Vorlage S. 189
27
Verschont mich mit dergleichen Fragen, sagte der Dechant, in übler Laune, denn da ich sie nicht verstehe, weiß ich keine Antwort darauf zu geben.
Vorlage S. 189
28
Der Vater sah den Sohn mit einem strengen Blick an, worauf Friedrich mit Laune und Freundlichkeit erwiederte: Ich will niemand ärgern, sondern jene Vorrede sollte nur die Einleitung zu einer kleinen unbedeutenden Geschichte abgeben. Unser guter Labitte war schon im vorigen Jahre, als er noch draußen in Douay wohnte, eine Zeitlang hier bei uns. Wir suchten ihn auf, da wir schon längst seine schönen Lieder gesungen hatten, und er gab sich uns so freundlich hin, als wenn er der jüngste und unerfahrenste von uns allen wäre. So verlor sich bald die fromme Scheu vor dem Manne, der auch den Lobgesang auf die Maria gedichtet hat, der bei uns zur Erbauung dient, wenn feierliche Umgänge gehalten werden, oder wenn man das große Erntefest feiert. Er nahm uns in seine Wohnung, und ließ uns zugegen bleiben, wenn er an seinem Bilde malte, das, wenn es auch nicht die vorzüglichsten erreicht, doch anmuthig wurde und uns mit seinen klaren Farben ergötzte.
Vorlage S. 189
29
Der Mann hat einen weißen Pudel, den er schon seit manchem Jahre mit der größten Zärtlichkeit liebt. Dieses Thier mit seinen langen Ohren und aufgelocktem Fell ist zu Hause sein beständiger Gesellschafter. Er spielt mit ihm, er spricht zu ihm, erzählt ihm, als wenn der Hund ihn verstehen könnte. Da wir zuweilen den halben Tag bei dem alten Maler zubrachten, so wurde der Hund, der schon gesellig war, auch bald mit uns allen vertraut und zuthunlich. Er machte auch uns seine Künste, die der Maler ihn gelehrt hatte, und freute sich in Sprüngen, wenn er einem von der jungen Bande auf der Straße begegnete. Wir wunderten uns oft über die Leichtgläubigkeit unseres Labitte, dem man, weil er sich um weltliche Händel und Staatssachen so gar nicht kümmerte, alles Mögliche einbilden konnte, wenn auch jedes Kind die Fabel begriffen hätte.
Vorlage S. 190
30
So geschah es denn, dass wir ihm erzählten, sein Hund sei um vieles klüger, als er es selber wisse. Wir hatten des Pudels Geburtsstunde von unserm Freunde erfahren, und so hatte uns ein leichtfertiger Astrolog das Horoskop des Künstlers gestellt, aus welchem hervorging, dass ein Wesen, in dieser Stunde, unter diesen Aspekten geboren, die auffallendsten Geistesfähigkeiten in sich vereinige. Es schmeichelte dem Alten, dass das Thier, welches er liebte, außer seiner Treue noch so viele Vorzüge besitze. Wir wussten, dass er an einem Morgen schnell zum Statthalter gerufen werden würde, um dessen Bildniß zu malen; er war auf dem Spaziergange, und musste auf einen Augenblick in sein Haus gehen, um seinen bessern Mantel umzulegen und seine Farben zu holen. Einer der Genossen, der in demselben Hause wohnte, hatte auf unsern Wink den gelehrigen, freundlichen Pudel genommen, ihn aufrecht sitzend in einem Sessel festgebunden, und vor ihm eine Chronik, die auf einem Pulte lehnte, aufgeschlagen. Wir schlichen uns in den Saal, um den Alten, wenn er eintreten würde, zu beobachten. Hinter einem großen Gemälde versteckt, sahen wir vor uns die possirliche Gestalt des Hundes, der aufrecht sitzend, die Pfoten auf den Tisch gestützt, in der kostbaren pergamentnen Handschrift zu lesen schien, indem ihm die lange rothe Zunge aus dem Maule hing, und er, von den Bändern gehemmt, keuchend Atem holte, wie einer, der tief von dem, was er lieset, ergriffen ist. Der Maler tritt hastig ein, fährt zerstreut und fahrig, nach seiner Weise, in die Kammer, kommt gleich in seinem neuen Mantel zurück, nimmt vom Tisch die Pinsel, und sieht plötzlich seinen weißen, zottigen Freund im Studium des Froissard begriffen. Die Miene des Erstaunens, der aufgerissene Mund, die großen Augen, seine Stellung, alles dies ist nicht zu beschreiben. Er hört die mahnende Glocke schlagen, und stürzt in größter Eile wieder aus dem Hause. Der Hund wird gleich losgebunden, und wir zerstreuen uns.
Vorlage S. 190
31
Am andern Tage sind wir in der Weinschenke heiter versammelt, und der Alte kommt auch wohlgemuth zu uns. Man sah ihm an, dass er ein Geheimnis auf dem Herzen habe, welches ihn drücke, und dass er den Muth und den günstigen Augenblick nicht finden könne, es uns mitzutheilen. Als ihn die Weinlaune mehr beherrschte, sagte er endlich: Freunde, junge Menschen, wenn Ihr nur ein wenig solider dächtet, so könnte ich Euch wohl etwas erzählen, das schon der Beachtung würdig ist. Aber Ihr seid zu leichtsinnig und zu ungläubig, Ihr werdet mir nicht glauben, und in Eurem Spott der Unerfahrenheit das abstreiten wollen, was ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe, und das wird mich dann verdrießen.
Vorlage S. 191
32
Wir ermunterten ihn, sich uns edel und offen mitzutheilen. Die Rede kam auf den Pudel, und dessen Lob wurde von neuem gesungen. So eröffnete er uns denn endlich, wie er gestern unvermuthet die Entdeckung gemacht habe, dass das gute verständige Vieh seine besten Eigenschaften verberge und verschweige; er habe diesen Tyras nehmlich überrascht, der sich dessen nicht versehen habe, wie er Geschichte hinter seinem Rücken studire und mit großem Eifer lese, so von dem Gegenstande hingerissen, dass er ihn selbst, seinen Herrn, nicht einmal bemerkt habe. Wie er nach zwei Stunden zurückgekommen, sei das Buch wieder an seinen Platz gestellt gewesen, und der bescheidne Student habe wieder, als sei nichts vorgefallen, und als könne er kein Wasser trüben, auf die gewöhnliche Hundeweise unter dem Bette gelegen. Mit ernster Miene hörten wir zu, und erklärten dann, er erzähle uns in dieser Sache nichts Neues, denn wir hätten dergleichen schon längst gemerkt, wie der Hund seine Abwesenheit benutze, um sich, ohne damit zu prahlen, im Stillen mehr auszubilden. Keiner hätte ihm etwas davon sagen wollen, weil er schon so oft klage, dass man ihn necke; man sei aber überzeugt, der Hund werde sich auch nächstens im Schreiben, vielleicht im Malen üben.
Vorlage S. 192
33
Der Alte war entzückt und rief aus: Wenn mein Tyras mich einmal durch ein gelungenes Bild von eigener Erfindung überrascht, oder durch ein gutes Gedicht, so soll er bei mir Zeitlebens die besten Tage haben. Welch ein Hund! Man kann ja von ihm noch das Unwahrscheinliche, ja das Unmögliche erwarten, da er es schon so weit gebracht hat. – So sehr sich meine Spielgenossen über die Albernheit des Alten freuten, so war mir diese seine mehr als kindliche Einfalt eine zu rührende Erscheinung, um es dulden zu können, dass er noch länger ein Spielball der übermüthigen Jugend sein sollte. Ich ging am folgenden Morgen zu ihm, und eröffnete ihm den ganzen Handel. Er war sehr bestürzt und traurig, nicht darüber, dass man ihn so arg geneckt hatte, sondern dass seinem Hunde nun jene Fähigkeit abgehe, über welche er sich schon so sehr gefreut habe. Es ist doch Jammerschade, sagte er dann, dass so alles Geschaffene sich in Schranken bewegen muss. Man findet doch auch so gar nichts, bei dem nicht das Hohe und Geistige mit dem Nichtigen, dem ganz Armseligen verbunden ist, ja in diesem Dummen, Nichtsnutzigen nur wurzeln und aus ihm erwachsen kann. Unsre schönsten Gemälde stehn da auf Holz, die Farben sind Saft aus Pflanzen, Pulver aus Erde und Metall. Staub, Nässe, Licht, alles arbeitet daran, den Schimmer wieder zu trüben. Der Dichter singt und wird heiser, er vertraut dem Pergament und dem Papier seine hellen Gedanken; sie vergehen und verschrumpfen, und haben nur für wenige, in wenigen Augenblicken geleuchtet. Wie man sich begeistert dünken mag, so fällt man doch, wie sich der Zeiger der Uhr nur etwas weiterbewegt, in Müdigkeit, Hunger und Durst zurück, und was eben noch das Feuer ins Auge trieb, ist jetzt ein kalter, oder unverständlicher, oder selbst widerwärtiger Gedanke. Der Hund versteht mich nicht, und ich nicht den Hund. Von dem Geheimnis der Welt und der Schöpfung weiß ich nun gar nichts, und Ihr, junges Volk, versteht nicht einmal, wie man die Farben reiben muss. Warum Roth roth, und Blau blau ist, weiß kein Mensch; noch weniger, was das Roth ist. Wir gehen eben so gut, wie Tyras, auf vier Beinen; er kann dienen und Schildwacht stehen, aber er muss doch wieder in die Quadratur seiner Füße und Bestimmung zurück. Wir richten auch unsern Geist nach oben, und sind beflügelt, schauen und glauben, und müssen platt wieder zur Erde in den Staub niederfallen. So räsonnirte er viel durcheinander, nahm dann mein Taschentuch und hieß mich gehen. Als ich auf der Straße in einem fernen Theil der Stadt war, rannte mir der weiße Pudel nach, sprang an mich hinauf, zerrte mich am Kleide, und belferte und kläffte in seinen hohen Tönen, mit denen er Freundlichkeit ausdrückte. Ich merkte nun wohl, dass er mich zurückhaben wollte, und ging auch mit ihm wieder nach der Wohnung seines Herrn. – Da seid Ihr wieder, rief mir der Maler lachend entgegen. Seht Ihr nun wohl, dass in seinem Fache der Hund mehr ist als wir alle? – Ich wies ihm nach einer halben Stunde nur Euer Tuch und winkte damit hinaus, er beschnupperte es eifrig, sprang Euch nach und hat Euch durch die Witterung bald ausgefunden. Macht das einmal nach, wenn ich Euch auch deutlich sage, holt mir den Ferdinand, Boppo, den Melzer, oder wer es nur sei. Trefft Ihr sie nicht zu Hause, und erfahrt dort nicht, wohin sie gegangen sind, so steht Ihr ganz dumm und völlig hülflos da; ja Euern besten Freund oder Euer Liebchen könnt Ihr nicht aus der dringendsten Lebensgefahr reißen, wenn Ihr es nicht mit dürren Worten erfahrt, wo und wie sie anzutreffen sind.
Vorlage S. 193
34
Der Dechant nahm nach dieser Erzählung wieder das Wort und sagte: Wenn dieser konfuse Mensch, wie es scheint, einigen Verstand hat, so wäre es wohl seine Pflicht, mit diesem seinen ganz augenscheinlichen Blödsinn auszubessern, damit er zum Menschen würde. Immer habe ich es geglaubt, und diese Schilderung bestärkt mich wieder in meiner Meinung, dass die Dummheit im Menschen meistentheils etwas Freiwilliges sei, das man aber abwerfen, und sich den Verstand aneignen muss. Aber bequem ist es, sich so gehn zu lassen, allen Launen zu folgen, Trägheit, Spaß und Laune die Herrschaft einzuräumen, und das göttliche Ebenbild in uns auszulöschen.
Vorlage S. 194
35
Seid nicht so unbillig, ehrwürdiger Herr, sagte die freundliche Frau Catharina. Die Gaben sind verschieden, die Geister mannigfaltig, und das ist das Erfreulichste der Schöpfung. Wir können uns nicht alle gleich und ähnlich sein, ja wir sollen es auch gewiss nicht. Dieser fasst in der Schärfe des Geistes die Bedeutung der Dinge in seinem Verstande auf, und weiß von allem Rechenschaft zu geben. Heil ihm, denn er ist wach im Erkennen, und wird weder vom Aberglauben beherrscht werden, noch sich den Täuschungen der Phantasie, oder den blinden Leidenschaften ergeben. Ein solcher Prüfender ist frei und Herrscher im Gebiet der Sinne und des Denkens. Doch der Dichter, der Künstler, der Maler muss jenem Schein, dem der Scharfsinnige entfliehen will, mehr Wesen, dem Schatten mehr Körper, und seinen Träumen mehr Wirklichkeit zugestehen, wenn ihm nicht in seinem Handwerk die Arme ermüdet und ungläubig am Leibe niederfallen sollen. Und unser alter, lieber Labitte nun gar. Er kommt mir vor, wie ein in Menschengestalt verwirklichter Traum, der unter uns herschreitet, um von den seltsamsten Gegenden, die wir niemals besuchen, Kunde zu bringen. Der Glaube an Wunder ist ihm der natürlichste; seine Phantasie umkleidet ihn wie ein Mantel, und es giebt für ihn keine Unmöglichkeit. Kann er durch diese Traumfähigkeit etwas auffassen, so sieht er weiter wie die meisten Menschen, und spricht tiefsinnig und prophetisch; soll er auf dem Wege unsers gewöhnlichen Verstandes etwas begreifen, so erscheint er ganz unfähig und blöde. Sein Wesen, sein Umgang, seine Laune ist deshalb so wundersam, dass jeder, der ihn kennt und versteht, ihn von Herzen liebgewinnen muss; dass er aber auch allen, die ihn so, wie die übrigen Menschen, nehmen und auffassen wollen, nur als unbeholfener und langweiliger Gesellschafter erscheint. Er ist wie ein Spielkamerad von Thieren und verklärten Geistern; das Irdische an ihm ist wie Verkleidung bei einem Maskenzug, und dahinter glänzt ein Elfe: Oberon, der König der Feen.
Vorlage S. 195
36
Genug und übergenug! rief der Dechant aus; der alte Thor muss sich glücklich schätzen, dass er von so schönen Lippen so kräftig vertheidigt wird. Er hat Recht, Wunder und das Wunderbare zu glauben, denn diese Gunst, die ihm selbst widerfährt, ist seltsam und unbegreiflich genug.
Vorlage S. 196
37
Der Zorn des Dechanten stieg noch höher, als jetzt ein aufwartender Knabe die Ankunft des alten Mannes meldete. Man sah diesen auch alsbald, auf seinen Stab gelehnt, durch den Garten schreiten. Der Geistliche stand auf und nahm Abschied von der Dame und der übrigen Gesellschaft, und hörte nicht auf Catharinens Bitte, dass er noch verweilen möge. Als er dem Alten vorbeiging, der ihn freundlich und achtungsvoll begrüßte, dankte er kaum, was der Maler in seiner arglosen Weise nicht bemerkte.
Vorlage S. 196
38
Der junge Friedrich ging dem Alten entgegen und Catharine begrüßte ihn herzlich. Meine theuren, verehrten Freunde, sagte der Alte mit erschöpfter Stimme, erlaubt mir, dass ich mich niedersetze, denn ich bin sehr ermüdet, und die Sachen, die ich da draußen auf dem Markt habe hören müssen und erläutern sollen, haben mir alle Kraft geraubt.
Vorlage S. 196
39
Er ließ sich im Gartensaale lächelnd nieder, und sagte nach einiger Zeit, indem ihn alle neugierig betrachteten: In der Stadt tragen sie sich mit der Nachricht, dass nicht weit von Mecheln vor einigen Tagen in der Nacht ein großer Stein vom Himmel gefallen sei, von einer Materie, die kein Mensch kennt und jemals gesehen hat. Er hat ein tiefes Loch in den Erdboden, auf dem Acker eines guten Landmannes, geschlagen, und man grübelt, deutelt und prophezeit nun, was dieser sonderbare Fall zu bedeuten habe. Einige meinen, es sage uns den Tod unsers guten alten Herzoges an, manche böse Menschen gehen noch weiter, und meinen, unser Philipp würde sterben, und unter seinem Sohne Carl, dem verwegenen Fürsten, das ganze Land zu Grunde gehen.
Vorlage S. 197
40
Am einfachsten, sagte der alte Ritter, ist anzunehmen, dass die ganze Sache erlogen sei, wie es denn viele dergleichen kindische Mährchen giebt, an denen sich das gemeine Volk ergötzt.
Vorlage S. 197
41
Nein! nein! rief der Maler, der Naturfreund Melchior, der so viele Steine sammelt, hatte sich gleich ein Stückchen von dieser Materie senden lassen, und zeigte es den Neugierigen vor.
Vorlage S. 197
42
Und wie sähe es aus? fragte Beaufort.
Vorlage S. 197
43
Halb wie Glas, antwortete Labitte, wie so grobes, grünliches, trübes, dickes Glas in der Masse, halb wie Eisenschlacke, halb wie ganz unförmlich gestaltet, halb wie ein Ding, das man schon sonst gesehen hat, und dann wieder wie etwas, worauf sich keiner besinnen kann. Es ist eben ein kurioses Ding, und verdient wohl eine genauere Betrachtung, denn ich dachte gleich daran, dass sich so was nicht malen ließe, und in einem Bilde eine schlechte Figur machen würde.
Vorlage S. 197
44
Der alte Ritter lachte über die Beschreibung und sagte: Sollte es nicht vielleicht wirklich eine Erzschlacke sein, die man aus einem Bergwerke gebracht hat?
Vorlage S. 198
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Nein, sagte Labitte, denn dergleichen unnützes unterirdisches Ungeziefer habe ich wohl oft schon auf meinen Reisen sonst gesehn. Der freundliche Denker und Philosoph, der Küster drüben an unsrer Cathedrale, der Dichter Wundrich, sagte: es sei offenbar ein Stück, welches vom Mond heruntergefallen sei. Er glaubte nehmlich, die Gestirne hätten eben so gut Krankheiten zu überstehen, wie die Menschen und Thiere, und unsre Erde sei auch nicht von solchen Fiebern, Catarrhen, Coliken, Gicht und Schwindsucht frei zu sprechen. Er habe seit lange unsern alten herkömmlichen Mond beobachtet, und nach seinem unpartheiischen Urteil aussagen müssen, dass er schon seit einigen Jahren an einer bedenklichen Blässe leide. Diese zeige sich um so auffallender, wenn er in der Fülle sein rundes Gesicht aufblasen und uns die runden Backen und seine aufgetriebenen Augen so recht vollständig hinhalte. Neulich, sagte Wundrich, als ich in einer Frühlingsnacht den Kunden beobachtete, erschrak ich fast über die Gesichter, die er plötzlich schnitt, denn es war nicht anders, als wollte er nun eben zu sprechen und zu heulen anfangen. Seht, Männer, fuhr der gelehrte Küster fort, mag es nun sein, was es will, aber er hat sich etwas zu Gemüte gezogen, er ist nicht mehr der Alte, jener rüstige, frische, unermüdete Nachtwanderer, mit dem kerngesunden, rothen, feurigen Antlitz, das dem dicken Dorfschulzen gleicht, wenn er Abends aus der Schenke kommt, sondern er pimpelt, blässelt, und wimmelt und wabbelt nur so nächtlich dahin, und so ist es natürlich, dass er abbröckelt, in Nerven- oder Altersschwäche hie und dort ein Stück von seinen Gliedern und Bestandteilen abfallen lässt, die nun uns, seinen nächsten Erben und Nachbarn, zusterben. Drum eben, fuhr der Naturfreund fort, merken wir nichts davon, wenn andre Gestirne, Sirius, Orion, Bär, Löwe oder Morgenstern dergleichen Anwandlungen kriegen, weil sie uns zu entfernt ihr Wesen treiben. Ich selbst aber fürchte fast, wenn unser Küster Recht haben sollte, dass es so in Kurzem um den ganzen lieben Mond getan sein möchte, und, wenn alles so beschaffen ist, wie das, was er uns jetzt gesendet hat, so ist es nicht der Mühe werth, auf seinen Sterbefall und sein Vermächtniß Hoffnungen zu gründen, denn der Bauer meint, zu gar nichts sei der Abfall der Mondwelt und diese Probezeichnung des jüngsten Tages zu gebrauchen, sondern es liege nur seinem Acker zur Last und verderbe ihn. Man will also das dumme Ding einer überreifen, ins Holz gewachsenen Schöpfung dort wegnehmen, und zum Angedenken der wunderbaren Begebenheit in der Kirche aufhängen. Fragt sich nur, ob der Mond, wenn die Umstände sich wieder einmal ändern, und er den Rausch ausgeschlafen hat, nicht diesen alten Knopf von seinem Alltags-Wamms, oder was es sein mag, wieder zurückfordert, um ihn sich von der Jungfrau am Himmel wieder an seine Stelle, wo er hingehört, nähen zu lassen.
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Dein Blick auf das Kapitel

10er-QuizZitate verstehen · Zusammenhänge erkennen · Lernpunkte sammeln10 Fragen

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Angemeldet zählen richtige Antworten für deinen Lernstand. Als Gast übst du ohne Kontopunkte.

Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.

1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Leben zu genießen, das so Viele unter den Anstalten verlieren, …«

Eine Antwort ist richtig.

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2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Ein geistlicher Herr, der etwa vierzig Jahr alt sein mochte, wendete sein schönes volles Antlitz herum, sah mit klugen Augen den Ritter an, und sagte mit […] Stimme: Gewiss, Herr Ritter, hat Euer Stand, und der der Bürger, zu klagen Ursach: aber was sollen wir Geistlichen erst aussprechen?«

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3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »weil« in diesem Textausschnitt? »Friedrich war schwermüthig, denn er entfernte sich nur ungern, selbst auf kurze Zeit, von Arras, weil er, wenn er seinen Vater nicht gefürchtet, alle Stunden seines Lebens an der Seite der Frau Catharina zugebracht hätte, die ihn gern sah, oft aber verstimmt wurde, wenn er«

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4. Welcher Ausschnitt enthält eine ausdrückliche Verneinung oder einen Ausschluss? Achte auf ein ausdrücklich genanntes Signalwort.

Eine Antwort ist richtig.

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5. Was bedeutet »allenthalben« in diesem Ausschnitt? »Unser glorreichster Fürst, den die Welt bewundert, ist zu alt und nachgiebig, um allenthalben, wo es nötig wäre, das Schwert der Gerechtigkeit walten zu lassen; auch erfährt er nicht alles, und so ist Gewaltthat, Willkühr und Laune des Hochmuthes in unserm Lande freilich nicht so bewacht und bestraft, wie in Frankreich.«

Eine Antwort ist richtig.

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6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse. A: »Der Vater sah den Sohn mit einem strengen Blick an, worauf Friedrich mit Laune und Freundlichkeit erwiederte: Ich will niemand ärgern, sondern jene Vorrede sollte nur die Einleitung zu einer kleinen unbedeutenden Geschichte abgeben.« B: »Nachahmung, das arme Leben mit allem Glanz aufzuschmücken, dessen es fähig ist, obgleich Philipp fromm war und die Kirche und ihre Regenten hochachtete und verehrte« C: »Seid nicht so unbillig, ehrwürdiger Herr, sagte die freundliche Frau Catharina.«

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7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Der Dichter singt und wird heiser, er vertraut dem Pergament und dem …«

Eine Antwort ist richtig.

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8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Immer habe ich es geglaubt, und diese Schilderung bestärkt mich wieder in meiner Meinung, dass die Dummheit im Menschen meistentheils etwas […] sei, das man aber abwerfen, und sich den Verstand aneignen muss.«

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9. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »weil« in diesem Textausschnitt? »Keiner hätte ihm etwas davon sagen wollen, weil er schon so oft klage, dass man ihn necke; man sei aber überzeugt, der Hund werde sich auch nächstens im Schreiben, vielleicht im Malen üben.«

Eine Antwort ist richtig.

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10. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Der freundliche Denker und Philosoph, der Küster drüben an unsrer Cathedrale, der …«

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Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

1. Ordne diese Textstelle in den Zusammenhang ein: »Alle Stände litten, indem sich das Misstrauen immer bestimmter aussprach, und sich die Partheien immer schärfer gegenüberstellten.«. Was geschieht oder wird hier besprochen? Erkläre in drei bis fünf Sätzen auch, was davor und danach wichtig ist.

Impulse zur Selbstprüfung

Lies die verlinkte Stelle mit ihrer Umgebung. Trenne ausdrücklich Gesagtes von Vermutungen.

  • Situation oder Gedanke verständlich erklärt
  • Mindestens ein passender Textbeleg
  • Eigene Formulierungen statt bloßer Abschrift
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2. Vergleiche die beiden Ausschnitte: »Alle Stände litten, indem sich das Misstrauen immer bestimmter aussprach, und sich die Partheien immer schärfer gegenüberstellten.« und »zu gebrauchen, sondern es liege nur seinem Acker zur Last und verderbe«. Welche Entwicklung, Gemeinsamkeit oder Spannung erkennst du? Begründe mit beiden Textstellen.

Impulse zur Selbstprüfung

Auch eine gleichbleibende Haltung ist ein mögliches Ergebnis. Erfinde keine Entwicklung, wenn sie sich aus dem Text nicht belegen lässt.

  • Beide Ausschnitte im Zusammenhang gelesen
  • Eine Gemeinsamkeit oder einen Unterschied erläutert
  • Deutung und wörtlichen Beleg unterschieden
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗

3. Untersuche die sprachliche Wirkung dieses Ausschnitts: »Der Vater sah den Sohn mit einem strengen Blick an, worauf Friedrich mit Laune und Freundlichkeit erwiederte: Ich will niemand ärgern, sondern jene Vorrede sollte nur die Einleitung zu einer kleinen unbedeutenden Geschichte abgeben.«. Wähle ein auffälliges Wort, ein Bild oder eine Formulierung. Erkläre seine Wirkung und begründe eine mögliche andere Lesart.

Impulse zur Selbstprüfung

Es gibt nicht nur eine richtige Interpretation. Prüfe beide Lesarten am Kapitel und benenne, was offen bleibt.

  • Sprachliches Merkmal am Wortlaut benannt
  • Wirkung als begründete Deutung formuliert
  • Alternative Lesart oder Grenze der Deutung erklärt
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Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »In Arras lebte, in den letzten Regierungsjahren Philipp des Guten, eine reiche schöne Wittwe, die sich am liebsten, da sie mit ihrem Manne nicht glücklich gewesen war, Frau Catharina nennen hörte.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
  • Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
  • Kennzeichne deine Ergänzungen als erfunden.
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Niveau 2 · Vertiefung

2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »So geschah es denn, dass wir ihm erzählten, sein Hund sei um vieles klüger, als er es selber wisse.«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
  • Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
  • Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
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Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Fragt sich nur, ob der Mond, wenn die Umstände sich wieder einmal ändern, und er den Rausch ausgeschlafen hat, nicht diesen alten Knopf von seinem Alltags-Wamms, oder was es sein mag, wieder zurückfordert, um ihn sich von der Jungfrau am Himmel wieder an seine Stelle, wo er hingehört, nähen zu lassen.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
  • Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
  • Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
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Ausgabe, Herkunft und Rechte

Das deutschsprachige Original ist nach den geprüften Lebensdaten des Autors in Deutschland gemeinfrei. TextGrid und www.editura.de stellen den bearbeiteten Datenbestand unter CC BY 3.0 DE bereit.

Der Hexen-Sabbath

Ludwig Tieck: Schriften, Vollständige auf’s neue durchgesehene Ausgabe, 28 Bände, Berlin: Georg Reimer, 1828–1854 [Nachdruck o. O.: Walter de Gruyter, 1966]. Tieck, Ludwig 183- Berlin

Das Werk Der Hexen-Sabbath von Tieck, Ludwig ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.

Quelltext und Ausgabe ↗ · CC BY 3.0 DE; underlying texts public domain per source Lizenz

Originalsprache · Deutsch

Unveränderte deutsche Quellfassung; die andere Spalte bietet eine gesonderte Lesefassung. Beide Ansichten gehören zu demselben Werk.

Das Werk Der Hexen-Sabbath von Tieck, Ludwig ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.

Autorschaft und Ausgabe: Tieck, Ludwig

Originaltext und Ausgabe ↗ · TextGrid / Editura · Lizenz und Nutzungsbedingungen

Ludwig Tieck: Schriften, Vollständige auf’s neue durchgesehene Ausgabe, 28 Bände, Berlin: Georg Reimer, 1828–1854 [Nachdruck o. O.: Walter de Gruyter, 1966]. Tieck, Ludwig 183- Berlin

Die Fassungen folgen den jeweils angegebenen Quellen; ihre Gliederung kann abweichen.

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?

Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.