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Buch - Der Günstling - Fischer, Caroline Auguste

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Originalwerk · Lesefassung

Der Günstling

Fischer, Caroline Auguste · 1764–1809

Der Günstling von Fischer, Caroline Auguste. Volltext der angegebenen Ausgabe mit textbezogenen Leseaufgaben.

RomanKlasse 9–10 · 11–131 Abschnitte
Druckseite zum Vergleich mit der Lesefassung.
Der Günstling – historische Buchseite — Druckseite zum Vergleich mit der Lesefassung. · Caroline Auguste Fischer · Public domain Bildquelle ↗
Hinweise für den Unterricht
  • Historische Sprache und Wertvorstellungen im Unterricht einordnen.

Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.

Abschnitt 1 von 1

Caroline Auguste Fischer

1
Caroline Auguste Fischer
2
Der Günstling
3
Von der Verfasserin von
4
Gustavs Verirrungen
5
und der
6
Honigmonathe
7
Ich bin angekommen. Ob sie ihrem Rufe entspricht? O ja! viel Geist, viel Würde, und dennoch viel Milde – mehr als ich erwartete – dann aber auch viel Selbstvertrauen. Das ist kein Tadel. Was wäre sie, was wären ihre Völker, wenn sie es nicht hätte? Sie nennen sie Mutter, und tun Recht daran. Sie ist es; freilich mehr dem Sinne, als der That nach, die leider nur selten ihre That ist.
Vorlage S. 1
8
Nun so bin ich dann hier, und bin ausgezeichneter empfangen worden, als ich wünschte. Die Sorge für meine Wohnung war überflüßig. Mein Haus steht leer. Ich habe auf ihren ausdrücklichen Befehl im Pallaste bleiben müssen. Auch meine Leute sollten mit andern vertauscht werden. Diesem ausdrücklichen Befehle habe ich aber ein ausdrückliches Verlangen entgegen gesetzt, und so ist der Befehl nicht vollzogen worden.
Vorlage S. 1
9
»O Herr!« – rief Wilhelm – »welch fürchterliche Pracht! welche unendlichen Zimmer! Man erschrickt vor seinem eigenen Fußtritte.«
Vorlage S. 1
10
Ja wohl! ehrlicher Wilhelm! Man erschrickt vor seinem eigenen Fußtritte. –
Vorlage S. 1
11
Schwermüthig? Nun ja! aber ich thue meine Pflicht. Mit leichtem Herzen? Das habt Ihr gewiss nicht erwartet. Heiterkeit! wer kann sich am Hofe der Heiterkeit rühmen? Verlangt nur keine unmöglichen Dinge.
Vorlage S. 1
12
Mit euren Briefen seid vorsichtig. Sie werden geöffnet. Vielleicht auch die Meinigen. Vielleicht? – Ohne Zweifel! Dieses Paket, welches zugleich die verlangten Papiere enthält, wird durch einen Reisenden besorgt. Ihr schreibt nun nicht eher, bis Ihr von Wilhelm eine Addresse bekömmt. Er hat Anverwandte in der Hauptstadt, ehrliche Bürger, und wird prüfen, welchen man am sichersten vertrauen kann.
Vorlage S. 2
13
Seht! das ist nun schon die erste Frucht Eures mühseligen Treibens und Drängens! Nebenwege müssen wir suchen, um uns Gedanken mittheilen zu können. Vergesst nicht, dass Ihr's gewollt habt. –
Vorlage S. 2
14
Nein! keine Vorwürfe mehr! Es ist wahr! auch ich hab' endlich gewollt. Euch reizte der Ruhm, mich reizte die Pflicht. Schön und des Begehrens würdig ist Euer Höchstes, schön und des ganzen Daseyns würdig ist das Meinige. Sollt' ich geirrt haben? – Sollte das Eurige auch das Meinige gewesen sein? – Ich sehe sie ernten, wo ich säe. – Vielleicht dies der wahre Grund meines Unmuths – Das sei fern!
Vorlage S. 3
15
Wohlan! in die Schranken bin ich getreten; so will ich dann kämpfen bis zu Ende. Wohl gilt es auf Tod und Leben; aber wahrlich der Tod ist es nicht, den ich fürchte. Und was, was ist es dann? – Stehe Rede, Plagegeist, der mich wachend und träumend verfolgt! Was ist es denn? – Ach du nennst es mir nicht! und schon übermannt mich wieder die fürchterliche Beklemmung. Fort! ich will das Gute! will es mit allen Kräften meines Geistes und Herzens! wie kann das Böse mir schaden? –
Vorlage S. 4
16
Ihr könnt Recht haben! Freilich liegt er sehr schwer auf mir, dieser nordische Himmel. Aber die Nebel sind endlich zerstreut, und wir athmen eine reine, erquickende Luft.
Vorlage S. 5
17
Mit einer Sorgfalt, die mich ängstigt, ist sie um mein Wohlseyn bemüht. Gestern hatte ich, von Morgens vier Uhr, den ganzen Tag mit drei Secretairen gearbeitet, es schlug fünf, und wir waren nicht fertig. Auf diesen Fall habe ich mir, ein für alle Mal, die Erlaubnis verschafft, nicht zur Tafel kommen zu dürfen. So blieb ich denn auch heute, ohne zu ahnen, dies werde für etwas Außerordentliches genommen werden. Ich irrte. Nachdem sie zwei Mal meines Befindens wegen geschickt hatte, sagte sie mir heute: sie sei auf dem Punkt gewesen, selbst zu mir zu kommen. Ich fühlte meine Wangen erkalten, dann mein Blut gewaltsam hineinströmen. Sie schien auf irgend eine Antwort zu warten. Vergebens! Ich verneigte mich tief, und trat schnell, da P.... sich näherte, zurück.
Vorlage S. 6
18
Was fragt Ihr? Versteht sich nicht Alles von selbst? – Der thörichte Mensch! dass er des warnenden Gottes in seinem Busen nicht achtet! Dass er wähnt, irgend ein Anderer verstehe ihn besser, als er sich selbst! O wäre ich dieser heiligen Stimme gefolgt! ich wandelte jetzt im Lichte, statt dass nun immer tieferes Dunkel mich einhüllt.
Vorlage S. 7
19
Ich werde reden müssen. Sie wird mich zwingen. Warum zitt're ich gleich einem Verbrecher? Ach ich möchte sie schonen – O wehe! wehe, dass ich in dieses Labyrinth gerathen bin!
Vorlage S. 8
20
Sie scheint mir verändert. Doch wer weiß! Vielleicht war ich ein eitler Thor. – Wie dem auch sei! ich athme freyer und danke dem Himmel dafür; besonders da sich meine Geschäfte täglich vermehren. Gern will ich auf diese Weise mich opfern; aber meinen Leuten muss ich Erholung gönnen. Ach sie liegen, wie ich, an goldenen Ketten!
Vorlage S. 8
21
Ist es wahr, o Gott? Ist es endlich dahin gekommen? Sie, die größeste der Frauen, bittet um meine Liebe! Warum konnt' ich ihr gar nichts erwiedern? Nichts auf dieses Auge voll Thränen! Nichts auf diesen zitternden Händedruck! Nichts auf diese Sprache der wahrsten und tiefsten Leidenschaft! – Bin ich kein Mensch? Ist sie nicht schön? nicht edel? – Aber ich wußt' es vorher. O hätte sie geschwiegen! Unglückliche! und ich, ich Unglücklicher! Wie wird das enden!
Vorlage S. 9
22
Noch begreift sie nicht mein niedergeschlagenes Auge, mein Schweigen, glaubt vielleicht das Glück habe mich betäubt. O wäre der Augenblick vorüber, wo ich die Decke wegreißen muss! Aber bin ich nicht auch ein Mensch? und hat mein Herz keine Rechte? – Nein! sie wird mich nicht hassen! Eben weil sie edel und menschlich ist, wird sie mich begreifen, und das Unmögliche nicht fordern. Ach! Tausende wagten ihr Leben an das Glück, was mir nicht frommt. Wohlan, ich rede! Ich mache sie selbst zum Richter über mein Herz. Und, wer weiß – vielleicht ist es auch nur eine Laune.
Vorlage S. 10
23
Ihr habt sonst viel Wesens von meinem Muthe gemacht. Seht! jetzt handle ich, wie ein Feiger. Jeden Morgen stehe ich mit dem Vorsatze auf, frei, wie es einem Manne ziemt, mit ihr zu reden; aber beym Annähern der Stunde, wo ich sie sehen muss, fühle ich meinen Muth immer mehr verschwinden, die Nacht überfällt mich, und das schreckliche Verhältnis besteht wie vorher.
Vorlage S. 11
24
Mir selbst unbegreiflich muss noch immer etwas ihre Hoffnung Nährendes in meinem Betragen liegen, sonst hätte sie mich des Redens längst überhoben. Würde mir nicht die Freude gegönnt, Gutes zu wirken, ich risse mich plötzlich heraus, möchte daraus folgen, was da wollte.
Vorlage S. 12
25
Abends.
Vorlage S. 12
26
In ihren Zimmern soll ich arbeiten. So will sie Entscheidung? – Wohlan! sie möge ihr werden.
Vorlage S. 12
27
Vorüber ist die schreckliche Stunde! Vielleicht folgen ihr schrecklichere – Es sei! scheine ich doch jetzt was ich bin.
Vorlage S. 12
28
Zwei martervolle Tage waren ganz in ihrer Nähe verflossen. Wichtige Geschäfte waren beendigt. Dass ich sie mit Geistesfreyheit, in dieser drückenden Nähe, beendigte, ist mir noch jetzt unbegreiflich; aber mein Entschluss, das abscheuliche Dunkel zu zerstreuen, war fest. Dies ohne Zweifel der Grund meiner unbefangenen Besonnenheit.
Vorlage S. 13
29
Sie bemerkte sie, bemerkte sie abwechselnd mit Bitterkeit und Wohlgefallen. Endlich, da ich ihr die Papiere, zwar mit niedergeschlagenen Augen, aber doch ruhig überreichte, ergriff sie plötzlich meine Hand, und ein kalter Schauer durchdrang mein Innerstes.
Vorlage S. 13
30
Sie wollte reden; die Stimme versagte ihr. So standen wir einige Augenblicke. Des Todes Bitterkeit kann mir von nun an nicht fremd sein, ich habe sie während dieses Schweigens empfunden.
Vorlage S. 13
31
»Sie sollten immer hier arbeiten,« – sagte sie endlich – »mich dünkt dieses Geschäft wurde schneller, als gewöhnlich, beendigt.«
Vorlage S. 14
32
»Ich war in einer besonders glücklichen Stimmung.«
Vorlage S. 14
33
»Eben deswegen!« – antwortete sie schnell und richtete ihr durchdringendes Auge fest auf das Meinige. – Ich schwieg; aber mein Blick muss geantwortet haben, denn ein hohes Roth überflog ihre Wangen, und meine Hand fiel aus der Ihrigen. Sie wandte sich schnell von mir ab, und ich glaubte mich entlassen; aber kaum hatte ich einige Schritte getan, als ich mich plötzlich umfangen fühlte. Von ihr! von ihr! – Fast leblos starrt' ich vor mir hin, bis ein Thränenstrom aus ihren Augen mir die Besinnung wieder gab.
Vorlage S. 14
34
»Hassest du mich?« – rief sie mit halb erstickter Stimme – »Hassest du mich?« – rief sie lauter. Plötzlich entstand ein Geräusch. Ich wollte antworten, als das Geräusch dicht vor den Thüren sich verstärkte, und ich, schnell aus ihren Armen mich windend, hinaus eilte.
Vorlage S. 15
35
Ich warf mich an den Schreibtisch und gebot meinen Leuten jedermann zu entfernen, schilderte ihr dann den Zustand meines zerrissenen Herzens. Die Nacht hatte mich abermals überfallen; an Ruhe war nicht zu denken. Ich hieß meine Leute sich niederlegen und eilte in die Wildniß – so nennt sie den schönsten ihrer Gärten.
Vorlage S. 15
36
Das Papier, das vielleicht über mein Leben entschied, ruhte auf meinem Busen. Lang irrt' ich herum. Nur Augenblicke trat der Mond aus den düstern Wolken. Das Bild meiner seligen Kindheit glitt in seinem Strahl bey mir vorüber. Bittrer Unmuth wollte mich ergreifen; da warf ich mich auf eine Rasenbank, und mein Blick fiel auf ihre noch immer erleuchteten Zimmer.
Vorlage S. 16
37
»Sie leidet, wie du!« – rief eine Stimme in meinem Innern – »Vielleicht mehr noch als du!« – Mitleid besiegte den Unmuth, und ich kehrte zurück, fest entschlossen, sie auf das Aeußerste zu schonen. –
Vorlage S. 16
38
Vergebens! sie wollte Offenheit. Schon früh am Morgen wurde eine Jagd angesagt.
Vorlage S. 17
39
Es sei ihr ausdrücklicher Befehl: ich solle dabei sein. Mit banger Ahnung hört' ich die Worte des Boten, unterdrückte aber bald, unwillig über mich selbst, diese lähmende Empfindung und ging Iwanova mit Zuversicht entgegen.
Vorlage S. 18
40
Strahlend von Schönheit erhob sie sich über ihre Frauen, und ich schalt mich undankbar und gefühllos. Ach! sie mißverstand mich abermals und freute sich ihres Sieges. »Unglückliche!« – dacht' ich – »der es so schwer wird, an Unglück zu glauben! reißt dich dein Schicksal um einen Schritt weiter, so ist die Täuschung auf immner verschwunden!«
Vorlage S. 18
41
Aber sie war fern, etwas ihr Widriges zu ahnen, und benutzte jeden Augenblick, wo sie in meine Nähe gelangen konnte. Ein Reh wurde verfolgt. Abermals schoss sie mit flammendem Blick an mir vorüber; als ihr Pferd schäumend sich bäumte, und sie unfehlbar gestürzt sein würde, hätt' ich sie nicht in meinen Armen aufgefangen.
Vorlage S. 18
42
Sie war heftig erschrocken und schien an mir niedersinken zu müssen. Sanft legt' ich sie auf den Rasen und kniete an ihre Seite, allenthalben nach Hülfe umherblickend.
Vorlage S. 19
43
Aber jetzt schlug sie das große brennende Auge zu mir auf, zog meine Hand an ihr Herz und fragte noch einmal, mit einer Stimme, die mein Innerstes durchbebte: Hassest du mich? –
Vorlage S. 19
44
»Jetzt, oder niemals!« dacht' ich, zog das Papier aus meinem Busen, legt' es zu ihren Füßen, drückte ihre Hand an meinen Mund und zog mich schnell, da ihre Leute herbeyeilten, ins Gebüsch.
Vorlage S. 19
45
Lasst mich Atem holen.
Vorlage S. 19
46
S.... hatte sie auf sein Lustschloß gebeten, in dessen Nähe die Jagd veranstaltet war. Man hatte sie in einen offenen Wagen gebracht, und eilte das Schloß zu er reichen. Anfangs schien sie in dumpfer Betäubung dem Schwarm zu folgen; aber dann riss sie plötzlich, wie von einem schweren Traume erwachend, das Papier aus ihrem Busen, Feuerröthe und Todesblässe wechselten auf ihren Wangen. Dann schoss ein Blick aus ihrem Flammenauge und traf gerade den, den er treffen sollte. Aber ich war gefasst und denke, mein Aeußeres müsse weder Trotz, noch Feigheit verrathen haben. Ich folgte in stiller Ergebung.
Vorlage S. 19
47
Ihr Wagen hielt. Schon war ich am Eingange sie zu empfangen, wurde aber von S... übereilt. Ihr Unmuth darüber war sichtbar; doch erzwang sie ein Lächeln und rauschte mit Majestät an mir vorüber.
Vorlage S. 20
48
S.... hatte alles aufgeboten, ihre Gegenwart zu verherrlichen, und den ganzen benachbarten Adel zu Hülfe genommen. Aber sie verlangte allein gelassen zu werden, um sich – wie sie sagte – zur Freude zu sammeln. Ein Glück für S.... der mitten in seinen Anstalten überrascht war.
Vorlage S. 21
49
Kaum hatte sich der Schwarm zerstreut, als ich zu ihr gerufen wurde. Ich ging ohne Beklemmung.
Vorlage S. 21
50
An die Büste ihres großen Ahnherrn gelehnt, das Auge von Thränen umdüstert, schien sie mich Anfangs nicht zu bemerken; plötzlich aber wurde sie mich gewahr und kam schnell mir entgegen.
Vorlage S. 21
51
»Wer« – sagte sie mit dumpfer Stimme – »wer gab dir den Muth, mir zu schreiben? mir also zuschreiben? Vergaßest du, wer ich bin?«
Vorlage S. 21
52
Nein! gewiss nicht!
Vorlage S. 22
53
Wie!
Vorlage S. 22
54
Ich schrieb der größesten und gerechtesten der Frauen.
Vorlage S. 22
55
Du liebst!
Vorlage S. 22
56
Nein.
Vorlage S. 22
57
Hast nie geliebt?
Vorlage S. 22
58
Niemals.
Vorlage S. 22
59
Unmöglich! – kein Weib rührte dein Herz?
Vorlage S. 22
60
Ich suchte und fand keins.
Vorlage S. 22
61
Was erfüllte dann deine Jugend?
Vorlage S. 22
62
Das Schicksal meines Hauses.
Vorlage S. 22
63
Ach! das Schicksal deines Hauses! War der Gedanke deiner nicht würdig, den Glanz deines Hauses zu erneuern?
Vorlage S. 22
64
Träume des Jünglings müssen dem Manne scheinen, was sie sind.
Vorlage S. 22
65
Wie! das müssten sie auch dir? – das müssten auch Träume für dich sein? für dich, der .... Ha Undankbarer! – – Hier lies! lies mir die Worte, die mein Herz, wie giftige Dolche, durchbohrt haben! Lies! aus deinem Munde will ich sie hören!
Vorlage S. 22
66
»Was hält dich?« – rief sie abermals mit einem Blicke, der mein Innerstes durchdringen sollte – »Mitleiden? Fort! fort aus meinen Augen!«
Vorlage S. 23
67
Sie selbst eilte fort, das Gesicht in den Händen verbergend.
Vorlage S. 23
68
Endlich erschien sie wieder, das Auge von Thränen geschwollen; aber mit lächelndem Munde, mit Hoheit auf der blendenden Stirn. Ein Haufen blumenbekränzter Mädchen eilte ihr entgegen. Das erste brachte ihr kniend ein Danklied. Plötzlich flog ihr Blick über die Menge, er suchte mich, fiel dann wieder auf das Mädchen, dann wieder auf mich. – Sie konnte einen großen entsetzlichen Kampf nicht verbergen. Doch fragte sie nach dem Namen des Mädchens, nach dem Vater, und ein grauer Krieger, der Graf P...., trat hervor.
Vorlage S. 23
69
Noch immer kniete das Mädchen, bis es endlich, von ihrer Hand aufgerichtet, zur Seite trat.
Vorlage S. 24
70
Jetzt verstand ich ihren Blick. Das Mädchen schien, besonders in seiner idealisch-ländlichen Kleidung, ein überirdisches Wesen, das Bild der reinsten, vollendetsten Weiblichkeit; doch wahrlich meinem Herzen blieb es fremd. Ich fühlte mich – leider möcht' ich sagen – gezwungen, den Schein sogleich von der Wirklichkeit zu trennen.
Vorlage S. 24
71
Die Unglückliche! welche Qual sie selbst sich bereitet! – Ach von Allem, was sie umgiebt, ist sie meinem Herzen immer noch das Nächste. Sie leidet und leidet durch mich.
Vorlage S. 24
72
Das Fest dauerte bis tief in die Nacht. Einige lobten, Andere tadelten. Mir blieb alles wie in Nebel gehüllt. Nur die Gestalt der großen Leidenden wurde mir sichtbar, und verfolgte mich selbst noch im Traume.
Vorlage S. 24
73
Ein Sieg war erkämpft, und ich musste ihr diese Nachricht ohne Aufschub verkündigen. Ein schwerer Gang! Für andere ein Triumphzug. Ich ahnete, mein ungewöhnliches Erscheinen werde ihre Erwartung aufs höchste spannen, und ich hatte nicht geirrt. Sie empfing mich mit strahlendem Auge, in jedem Blicke eine Frage.
Vorlage S. 25
74
Schweigend überreichte ich ihr die Zusicherung ihrer vergrößerten Macht. Sie las; aber das Papier entfiel ihren Händen. Wie plötzlich gelähmt sank sie zurück, und sichtbarer Unmuth war über ihr ganzes Wesen verbreitet. »Ist das Alles?« – sagte sie endlich.
Vorlage S. 26
75
Ich bekenne, dass diese Nachricht meine Erwartung weit übertrifft. Durch diesen Sieg ist beinahe ein halber Welttheil erobert.
Vorlage S. 26
76
Und wenn ein ganzer Welttheil nun mein ist, bin ich dann reicher? –
Vorlage S. 26
77
Reicher an Macht, Segen über Tausende zu verbreiten.
Vorlage S. 27
78
Diese Tausende sind dann gesegnet, und ich darbe unter diesen Tausenden.
Vorlage S. 27
79
Mitten unter einem treuen, Sie bis zur Anbetung liebenden Volke!
Vorlage S. 27
80
Mitten unter diesem Volke.
Vorlage S. 27
81
Das wird der Nachwelt unbegreiflich scheinen.
Vorlage S. 27
82
Auch dir? Auch dir?
Vorlage S. 27
83
Monarchin! – sagt' ich nach einigem Stillschweigen – darf ich um eine Gnade bitten?
Vorlage S. 27
84
Grausamer! Ob du darfst? –
Vorlage S. 27
85
Sie umschließen Tausende mit Ihrer Liebe und Sorgfalt, haben Sinn für ihre Freuden und Leiden – muss ich der einzige Verwais'te sein unter diesen Tausenden? Hat Iwanova keinen Sinn für meine Leiden?
Vorlage S. 27
86
Die Gnade! die Gnade, die du erbittest!
Vorlage S. 27
87
Gerechtigkeit.
Vorlage S. 28
88
Du! du Gerechtigkeit! von mir! Falscher! Wer ist der Ungerechte? –
Vorlage S. 28
89
Fordert Iwanova Gerechtigkeit? Fordert sie das Mögliche? –
Vorlage S. 28
90
»Das Mögliche!« – rief sie, und Todesblässe bedeckte ihre Wangen – »Barbar! Also fordert Iwanova das Unmögliche? – Geh'! du hast mich von der Hoffnung auf ewig geschieden. Komme nun wieder mit Siegesnachrichten meiner zu spotten! Hüte dich!« – und plötzlich brannten ihre Wangen – »Hüte dich! die Hoffnungslosen sind gefährlich.« –
Vorlage S. 28
91
So seid denn nun auf Alles gefasst! Ich bin es und war es.
Vorlage S. 28
92
Sie wird heftig, launisch, könnte grausam werden, wenn ich es duldete. Oft erstaune ich selbst über die Wahrheiten, die der Augenblick mir entreißt. Doch wie könnt' ich anders, ohne den Lebensmuth gänzlich zu verlieren? Auch scheint sie das zu begreifen; freilich auf eine andere Weise, als ich wünsche.
Vorlage S. 28
93
Noch ist ihr die Stimme der Nachwelt etwas werth; aber an meiner Erhaltung liegt ihr mehr. Sonderbar! und mir selbst kaum begreiflich: sie nennt sich hoffnungslos und ist es nicht. Ich liebe keine Andere; darin, glaub' ich, liegt Alles.
Vorlage S. 29
94
Die Höflinge haben nicht umsonst gespürt. Unser Verhältnis ist entdeckt. Die mitleidigen Seelen wollen sich der großen Leidenden annehmen und den schönen R.... auf das schleunigste berufen. Sie zweifeln keinen Augenblick an meinem Falle und halten das beyspiellose Verbrechen, was sie mir doch jeder für sich von ganzem Herzen verzeihen, wenigstens der ewigen Verweisung würdig.
Vorlage S. 29
95
Gebe ich meiner Sehnsucht nach Freyheit und Ruhe Gehör, so wünsche ich, es möge ihnen gelingen. Aber leider ist der schöne R.... nur sehr schön und Iwanova liebt ihren Ruhm und ihr Volk. Ich fürchte, meine Ketten werden jetzt nicht gelös't.
Vorlage S. 30
96
Wunderbar! bedeutet das Freude oder Schmerz? – Ich bin im Besitze eines Schatzes, zu dem sich meine kühnsten Wünsche nicht erheben konnten, weil ich an seinem Daseyn verzweifelte. Die schönste, reinste, Seelenvollste Jungfrau ist mein. Ihr erstaunt. Ich erstaune, wie Ihr.
Vorlage S. 30
97
Graf G.... kehrte aus neunjähriger Gefangenschaft zurück. Ich trug sein Schicksal an meinem Herzen und eilte ihm entgegen. Seine Schwester war vor einem Monate gestorben und hatte G...s einzige Tochter verwais't zurückgelassen. Als fünfjähriges Kind war Maria aus seinen Armen gerissen. Jetzt sah er die schönste Jungfrau seine Knie umfassen, hörte sich Vater von ihr nennen. Es war zu viel. Er sank mit schmerzhaftem Lächeln zurück, und was wir auch thaten, ihn zur Freude zu stärken, er vermochte sie nicht mehr zu tragen.
Vorlage S. 31
98
»Sieh, das ist mein Retter! möcht' er der Deinige werden!« mit diesen Worten verschied er in unsern Armen, und Maria nannte mich Vater. Fast könnt' ich es dem Alter nach sein; dem Herzen nach bin ich es schon. Ihres Vermögens bleibt sie beraubt. Immerhin! das Meinige ist das Ihrige.
Vorlage S. 32
99
G...s Schwester lebte auf einem Guthe, zwei Meilen von der Hauptstadt. Das Guth ist an des Mannes Verwandte zurück gefallen; von denen ich es aber sogleich gekauft habe. Der Ort, wo eine Jungfrau erblühte, scheint mir mit ihr ein heiliges Ganzes auszumachen. Mich dünkt, sie werde dort allenthalben von schützenden Göttern umschwebt, die sie nur trauernd, selbst dann, wann der Gatte sie raubt, dem Schicksal überlassen.
Vorlage S. 32
100
Eine verständige Frau, altadlicher, aber dürftiger Familie, welche Mariens Erziehung seit acht Jahren leitete, wird die Führung des Hauswesens übernehmen und, wie sie es von jeher that, Mutterstelle bey Maria vertreten.
Vorlage S. 32
101
Geheim kann das Alles nicht bleiben, und so muss ich Iwanova davon unterrichten. Aber wann?
Vorlage S. 33
102
Schon fühl' ich die Wirkung des Reichthums, zittere schon vor dem Verluste meines Schatzes. – Doch warum zittern? – Er ist und bleibt mein im höchsten Sinne des Wortes.
Vorlage S. 33
103
Wer darf mir wehren, für die Bildung dieses herrlichen Mädchens Alles zu tun? Ihr Wohl als das Meinige zu betrachten? So lange sie selbst mir bleiben will, wer darf sie mir rauben?
Vorlage S. 34
104
Sanft mögt' ich sie, durch alle Klippen der Jugend, in einen blumen- und fruchtreichen Lebensgarten führen. Dahin gelangt, wähle sie dann einen andern Führer, wofern sie einen sicheren findet.
Vorlage S. 34
105
Vor Euch darf ich so denken. Ihr kennt und begreift mich; aber sicher heiß' ich Iwanoven ein Betrüger, den Höflingen ein Wahnsinniger. Es sei! Was wär' ich, wenn ich Ihnen jemals anders erschiene?
Vorlage S. 34
106
Ich bin im höchsten Grad unzufrieden mit mir selbst. Maria ist seit vier Wochen unter meinem Schutze, und Iwanova noch mit keinem Worte unterrichtet. Ohne Zweifel würden mir die Höflinge zuvorgeeilt sein, läge ihnen nicht alles daran, Iwanovens Aufmerksamkeit ausschließend für den schönen R... zu gewinnen. Auch gelingt es ihnen über Erwarten, so, dass sie sich des lauten Frohlockens kaum enthalten können. Möchten sie doch ihren Sieg allenthalben verkündigen; wüsste Iwanova nur, was ich ihr, sicher zu meinem Nachtheile, so lange verschwieg.
Vorlage S. 34
107
Will ich wahr bleiben, so muss ich gestehen, über den eigentlichen Grund dieses tadelhaften Stillschweigens nicht mit mir einig zu sein. Bald war es Furcht Iwanovens Schmerz zu errneuern, bald die Angst Maria, die Schuldlose! irgend einer Gefahr Preis zu geben, bald wähnt' ich – freilich nur augenblickliche Täuschung – gänzliches Schweigen sei dennoch das sicherste.
Vorlage S. 35
108
Welchen von allen diesen Gründen werde ich nun als den wahren angeben? – Alle! denn sie sind alle wahr! Und so erwarte ich dann keine Gelegenheit mehr, sondern rede noch heute, wie es mir ziemt.
Vorlage S. 36
109
Lebt wohl! Mein Leben war nichts, als ein Kampf, und wird es bleiben.
Vorlage S. 36
110
Noch hat sie nicht den Muth, mich warten zu lassen. Ich bekam schneller Gehör, als die Mienen der Höflinge versprachen, und eilte, Gebrauch davon zu machen.
Vorlage S. 36
111
Treu und lebhaft schilderte ich ihr meine Verlegenheit, klagte über mein fehlerhaftes Betragen und gestand, es könne mir mit dem vollen Scheine des Rechts zur Last gelegt werden.
Vorlage S. 37
112
»Sei ruhig!« – unterbrach sie mich, mit erzwungenem Lächeln – »die Rechtfertigung wird dir erlassen. Du hast die Tochter eines Verwiesenen in Schutz genommen. Das arme Geschöpf wird seiner bedürfen, und dir aus Dankbarkeit eine treue Magd werden.«
Vorlage S. 37
113
Es ist die Tochter des Grafen P....
Vorlage S. 37
114
Nun ja! des verwiesenen Grafen P....
Vorlage S. 37
115
Der von allen Rechtschaffenen geliebt und verehrt, dennoch einer schändlichen Kabale unterliegen musste.
Vorlage S. 37
116
Er war unbesonnen und verscherzte die Gnade seines Monarchen.
Vorlage S. 38
117
Ach, er wurde verkannt von seinem unglücklichen Monarchen! Er war edel und wahr! und so musste er fallen.
Vorlage S. 38
118
Du verschwendest dein Bedauern! spare es für deine Untergebene.
Vorlage S. 38
119
Monarchin! dieses Wort soll mich schmerzen – doch fühl' ich keinen Schmerz. Maria P.... ist Niemands Untergebene und kann es nicht werden, so wenig Iwanova es werden kann.
Vorlage S. 38
120
Verschwunden war die künstliche Fassung. »Entferne dich!« – rief sie glühend vor Zorn, und ich entfernte mich gern.
Vorlage S. 38
121
Iwanova's Zorn schützt Maria vor dem gefährlichen Glücke, bey Hof erscheinen zu müssen, und befreyt mich von einer Menge ängstlicher Sorgen.
Vorlage S. 38
122
Du schöne, zarte Blume! blühe fort in Einsamkeit! Möge kein Sturm dich bedrohn! – Meine angelegentlichste Sorge wird es sein, dir Licht und Freyheit zu erhalten.
Vorlage S. 39
123
Das himmelreine Wesen! Wie der bloße Anblick meine umdüsterte Seele erheitert! Wie Vergangenheit und Zukunft vor mir schwindet! Wie tiefer, seliger Frieden mich rings in ihrer Nähe umfängt!
Vorlage S. 39
124
Nur fern von Getümmel der Stadt, und ihrer verderbten Sitte, war es möglich, diesen heiligen Kindersinn zu bewahren. O Maria! Maria! wer ihn nur trübte!
Vorlage S. 39
125
Ich hatte gestern mit ihrer Pflegemutter eine lange Unterredung darüber. Sie wähnt, Maria trete nun in die Jahre, wo gewisse Anstandsregeln unvermeidlich wären. Das Entgegeneilen, mit ausgebreiteten Armen, sei doch von nun an nicht mehr schicklich. Man könne uns für Verlobte halten.
Vorlage S. 39
126
Und wenn man uns dafür hielte?
Vorlage S. 40
127
Sie dürfen es wahrscheinlich nie werden.
Vorlage S. 40
128
Weswegen?
Vorlage S. 40
129
Das fragt mich Fürst Alexander? –
Vorlage S. 40
130
Allerdings.
Vorlage S. 40
131
Nun so bitte ich, dass er sich selbst darauf antworte.
Vorlage S. 40
132
Das würde doch nur meine, nicht Ihre Antwort sein.
Vorlage S. 40
133
Liegt Ihnen an meiner Antwort?
Vorlage S. 40
134
Würde ich sonst darum bitten?
Vorlage S. 40
135
Wohlan denn! Iwanova herrscht in diesem Reiche. So lang Fürst Alexander darin lebt, wird er sich nie vermählen dürfen.
Vorlage S. 40
136
Ich bin ein freyer Mann und kann leben, wo ich will!
Vorlage S. 40
137
Ah das verändert die Sache! Ich rechnete nicht auf einen so festen Entschluss.
Vorlage S. 41
138
Konnten Sie einen andern erwarten?
Vorlage S. 41
139
O ja! ich konnte glauben, Fürst Alexander wolle und dürfe Maria nur Vater sein.
Vorlage S. 41
140
In der That war das bis diesen Augenblick mein Wille; aber es war mein freyer Wille. Ich hoffe sie jetzt davon überzeugt zu haben.
Vorlage S. 41
141
Gebe der Himmel, meine Ueberzeugung möge hinlänglich sein, Mariens Ruhe zu schützen.
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Was fürchten Sie?
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Ist mir statt der Antwort eine ähnliche Frage erlaubt? – Was fürchtete Fürst Alexander vor nicht gar langer Zeit? denn dass er fürchtete, war sichtbar.
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Er fürchtete, den Schein irgend einer Schuld auf sich zu laden.
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Nicht die Schuld selbst?
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Wo wäre hier Schuld?
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Druckseite zum Vergleich mit der Lesefassung.
Kontextbild zum Werk. Der Günstling – historische Buchseite — Druckseite zum Vergleich mit der Lesefassung. · Caroline Auguste Fischer · Public domain Bildquelle ↗
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Ich schweige.
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Und möchten Sie hinzusetzen: ich bin ruhig. Mutter meiner Maria! sein Sie es! Vertrauen Sie einem Manne, der weiter nichts beschließt, als in jedem Verhältnisse ein Mann zu sein und zu bleiben. Ist das so außerordentlich?
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Bey Fürst Alexander ist weder das Große, noch das Schöne außerordentlich.
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Ich danke Ihnen für die Schmeicheley! möge sie Wahrheit werden. Nur wenn Sie mich Ihres Vertrauens würdig glauben; versagen Sie mir nicht meine Bitte! Lassen Sie uns Mariens Unbefangenheit als heilig betrachten! Sie ist es. Auch würden wir ihr das Unersetzliche rauben. – Ich könnte Sie zu rühren versuchen, könnte Sie beschweren, mir nach einem arbeitsvollen Tage, dieses Labsal nicht zu versagen. Aber Sie fühlen wohl, dass ich das nicht darf, und eben deswegen nicht will. Nur von Maria soll unter uns die Rede sein, nicht von mir selbst.
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Sie reichte mir zutrauungsvoll die Hand, und wir schieden als nähere Freunde.
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Der schöne R..., von einer Menge Orden fast erdrückt, verlässt nicht mehr seine große Beschützerin. Meine Freunde beschuldigen mich eines gewissen Lächelns bey seinem Annähern. Er komme zu mir, wie ein asiatischer Despot, und gehe wie ein gezüchtigter Schulknabe.
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Ich bin mir dessen nicht bewusst, und werde von nun an über mich wachen. Meinen Weg ruhig fortzugehen, das ist mein Wunsch, nicht jemand zu reizen.
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Iwanovens Betragen setzt Alles in Erstaunen; aber mein Erwarten hat es nicht übertroffen. Ich wusste, sie werde die Pflicht niemals der Leidenschaft opfern, hier mehr, als jemals ihre Größe behaupten. Freilich scheint ihr der Eindruck, den die Erhebung des schönen R... auf mich macht, nicht gleichgültig. Ein paar Orden hat er offenbar diesem Umstande zu danken. Um so mehr liegt mir daran, meiner Freunde Ansicht möge nicht die wahre sein, wenigstens nicht bleiben.
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Fast wäre der Jubel des Volks über mein unverhofftes Erhalten zu laut geworden, fast hätte Iwanova ihrer Größe dabei vergessen können. Menschlich wäre es gewesen, der Versuchung zu unterliegen; groß und wahrhaft bewundernswürdig war es, ihr zu widerstehen. Wie könnten, nach solchem Beyspiele, noch kleinliche Empfindungen bey mir herrschen? – Sie besitzt alle männlichen Tugenden, dass ihr die weiblichen fehlen, ziemt mir nicht, weder zu bespötteln, noch, wenn ich es auch könnte, zu bestrafen.
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Wohl dem Manne, der dich, du Reine! Holdselige! für das Leben gewinnt! Werd' ich es sein? – Aber bin ich es nicht schon? – Nein! Nein! noch bin ich es nicht! noch hat sie keine Ahnung von mehr als kindlicher Liebe. Von einer Leidenschaft wird sie dennoch beherrscht. Sonderbar genug! von der Leidenschaft des Wissens. Alles möchte sie lernen. Ergreift das, wozu sie Gelegenheit bekommt, mit einer Liebe, mit einer Treue, die mich, wie ihre Pflegemutter, in Erstaunen setzt.
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Manches hielten wir für Laune; besonders war dies der Fall bey der Musik. Sie wollte fast alle für sie schickliche Instrumente lernen, spielt jetzt wirklich das Clavier, die Harfe, die Laute mit seltner Fertigkeit und mit unbeschreiblichem Ausdruck. Ihre seelenvolle, himmelreine Stimme übertrift das Alles.
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Seh' ich sie am Clavier, in der tiefen Trauer um ihren Vater, die sie, trotz allen Bitten nicht ablegt, den blendenden Hals von schweren, blonden Locken umflossen, himmlische Unschuld in den kindlichen Zügen; aber das Feuer der Begeisterung im Auge. – O was sagt dieses Auge! – Wenn ich sie so sehe – ja dann wend' ich mich ab; denn meiner Ruhe droht Gefahr. Meiner, nicht der ihrigen, die ist mir heilig und wird es bleiben.
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Allwina, ihre Pflegemutter, sprach noch heute von der Unschicklichkeit dieser beständigen Trauer, wie sie weder ihrem Alter, noch den Umständen angemessen sei. »Endlich« – setzte sie hinzu – »werden Sie sie doch ablegen müssen.«
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»Ich zweifle.« – antwortete Maria. –
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»Wie so?« – fragt' ich anscheinend befremdet; aber im Innersten ergriffen; denn ich glaubte diese Worte von düstrer Ahnung begleitet.
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»Bin ich nicht eine Vater- und Mutterlose Waise?« – sagte sie mit schmerzhaftem Lächeln. – »Muss ich nicht mein ganzes Leben hindurch trauern? Verzeihung! mein theurer, geliebter Vater! Ich weiß wohl, wie reichlich mir das Schicksal ersetzt hat; aber seh' ich nicht auch meinen geliebten Vater immerfort trauern?« –
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Mich! Sie haben mich niemals in Trauerkleidern gesehen.
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»Mein Vater trauert im Herzen!« – sagte sie schnell, mühsam das Weinen unterdrückend. – Ich verstummte. »Sehen Sie, dass ich Recht habe!« – rief sie nun zu Allwina sich wendend – »Lassen Sie mir immer meine Trauer! Sie passt besser als Sie glauben.«
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Sie behielt Recht; denn wir schwiegen beide sehr betroffen.
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Brennende Liebe für das Gute, Kraft, Gelegenheit es auszuüben, es weit zu verbreiten – ach ich wähnte, das könne des Mannes Brust ganz erfüllen. – Ich irrte. – O Iwanova! Iwanova! wie vieles von dem, was ich dir einwandte, könntest du jetzt mir zurückgeben, und es träfe mich mehr als es dich traf.
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Unglückliche! auf deinem einsamen Throne flehtest du um Liebe, und sie wurde dir versagt. Der ungeheure Schmerz drohte dich zu vernichten, und du fliehest in die Arme der Wollust. Ach! das scheinbare Leben hast du gerettet, das wahre geopfert. Warnend ist mir dein Beyspiel! und eben darin liegt mein Unglück. – Du wolltest mit dem Muthe der Verzweiflung Liebe erzwingen. Wer kann mehr als ich wissen, dass auch der Verzweiflung Muth an diesem Unmöglichsten scheitert? – Nein, Maria! ich schütze dich! schütze dich vor mir selbst! Und wolltest du Dankbarkeit Liebe nennen, und wolltest du dich betrügen, um die schönsten Freuden des Lebens; ich stehe dir zur Seite, und wehre der Täuschung.
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Zurück dann! in die innersten Tiefen meines Herzens! Du Ahnung des göttlichen Lebens der Liebe! dass kein Hauch, kein Blick dich verrathe! Frey soll sie wählen und sich keiner Wahl unterwerfen.
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Ich danke Euch, Ihr reicht Balsam für die Wunde. Ich danke Euch! auch dann, wenn sie unheilbar wäre.
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Maria ist funfzehn Jahr, Maria weiß nichts von allem, was Ihr mir mit bestochnem Herzen und Auge so hoch anrechnet. Und wüsste sie es, soll sie rechnen wie Ihr? Soll sie rechnen? Ist von ihrer Achtung die Rede? – Seht, wie schnell Ihr verwechselt! Wie Ihr vielleicht wähnt, es sei bey diesem Verwechseln wenig oder gar nichts zu wagen.
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Wohl dir, Maria, dass sie fern sind, diese grausam Liebenden! Sie würden dich ihrem Götzen opfern.
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Hab' ich geläugnet, hab' ich vergessen, dass Ihr mich liebt? O glaubt es nicht! Wie könnte der Liebende Liebe vergessen, verkennen? Aber Ihr habt mich vergessen, mich mit meiner ganzen Art zu empfinden und zu wollen.
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Könntet Ihr beobachten wie ich, Ihr würdet weniger hoffen. Wie soll Liebe Platz finden in diesem Herzen, das einem unersättlichen Geiste nur dienet? Von den Künsten zu den Wissenschaften rastlos hin und her eilend, wann bliebe ihr Zeit für die Liebe?
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Im Triumphe kommt sie mir jedes Mal entgegen. Weswegen? – Oft sagt mein thörigtes Herz: um dich schneller zu sehen! – Wohl ist es ein thörigtes Herz! – Ein schönes Lied, ein anziehendes Gemählde, eine große in der Geschichte aufgefundene Handlung, die sie mit leuchtendem Auge, mit glühender Wange erzählt: das ist es, weswegen sie meine Ankunft mit Sehnsucht erwartet. Ich weiß es, fühl' es tief in meinem blutenden Herzen, und täusche mich dennoch von neuem.
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Aber nun wird eine Menge Sachen herbeygeholt. Da muss ich hören, prüfen, wählen. Dann werde ich um diesen, um jenen Lehrer so dringend, so angelegentlich gebeten, als wäre kein Augenblick zu verlieren. Dann muss ich erzählen von römischen, griechischen Kunstwerken, Künstlern, wie, wann sie den Künsten sich widmeten? Ob sie später anfingen als sie? Ob sie sich Vorbilder wählten, oder nur ihrem Genius folgten? Ob es möglich sei, ohne die Muster der Alten es zu irgend etwas Vorzüglichem zu bringen?
Vorlage S. 53
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Wie einem Unglücklichen, aus seliger Heimat in fremde Lande Umhergetriebenen, so wird mir dann. Sie sieht es! sie fühlt es! Nur schneller reißt sie mich fort, bis sie mich endlich in ihren Zauberkreis gebannt hat.
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Endlich gesättigt, entlässt sie mich. Entlässt mich, wie einen Bettler, nachdem sie mich wie einen König empfangen hat.
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Noch zög're ich, noch hoff' ich auf einen einzigen Blick – Vergebens! ich bin schon für sie nicht mehr da. Tief mit sich selbst beschäftigt, das lockige Haupt auf den Busen gesenkt, so steht sie der äußern Welt gänzlich verschlossen und, o Schmerz! nie ist sie schöner.
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»Leben Sie wohl, Maria!« sag' ich dann – »Leben Sie wohl, mein geliebter Vater!« – ruft sie schnell, wie aus einem Traume erwachend – »Werden Sie Mariens Bitte vergessen?«
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Schweigend eil' ich fort, damit mich der Schmerz nicht verrathe.
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Und was war ihre Bitte? Wie gewöhnlich irgend ein Lehrer für diese oder jene Kunst, für diese oder jene Sprache, ein Kupferstich nach irgend einem berühmten Meister, die Lebensbeschreibung irgend eines großen Mannes. – So muss ich Alles herbeyführen, was ihren Blick von mir abziehen kann, und ich thue es mit der gewissenhaftesten Treue.
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Schon gleichen ihre Zimmer wirklichen Kunstsälen, und das ist nicht etwa spielende Liebhaberey, oder gar Eitelkeit. Ach nein! Sie könnte von der ganzen Welt vergessen, die ganze Welt vergessend, hier anstaunen, vergleichen, wählen, dann selbst begeistert erfinden. Hier, unter diesem zusammengedrängten Großen und Schönen, hier ist ihr Schatz! hier ist auch ihr Herz!
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Allwina sagt nein. Alles, was ich bey Maria für Zweck halte, sei nur Mittel. Frage ich dann nach diesem verborgenen Zwecke; so schweigt sie bedenklich. Dringe ich weiter in sie, so bittet sie mich eben so dringend: die Zeit antworten zu lassen.
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Dann will ein thörigter Eigendünkel mich irre führen, dann glaub' ich hie, da einen Lichtstrahl zu erblicken. Voll Lebenshoffnung eil' ich zu Maria – Sie! sie ist es, die mit grausamer Unbefangenheit alles zerstört.
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Es soll nicht sein! Ich bin der Pflicht und dem Schmerze gewidmet.
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Allwina hat Recht! Neben, oder vielmehr über dem Großen und Schönen, was ihre Seele erfüllt, thront dennoch ein Mann. Aber wer ist dieser Mann? Ein vor mehreren Jahrhunderten verstorbener Raphael! – Sein Bild wurde mit unbegrenzter Freude unter ihre Schätze aufgehangen, bald mit Rosen, bald mit Lorbeern gekrönt. Damit es nie daran fehle, bin ich, als gälte es das Wohl der ganzen Welt, gebeten worden: ein Paar lebendige Lorbeerbäume zu besorgen. Rosen werden schon jetzt für den Winter mit ängstlicher Sorgfalt gezogen.
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Fast jedes Mal, wenn ich komme, ist eine Veränderung mit dem Bilde vorgenommen, und schnell werd' ich hingeführt, um darüber zu entscheiden. Ich heiße dann alles gut; aber damit genügt ihr noch nicht. Es werden Zeichnungen nach seinen Gemählden herbeygeholt. Jetzt muss ich die Idee, die Gruppirung, die ganze mahlerische Anordnung bewundern, muss gestehen, das Alles liege schon in diesen Engelzügen, in diesen Himmelaugen! –
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Ja ich gestehe das Alles, lobe, bewundere; aber schon hab' ich mich im Hintergrunde des Zimmers auf einen Stuhl geworfen, ohne von ihr, die immer noch im Anschauen versunken ist, weiter bemerkt zu werden. Endlich blickt sie zurück, eilt nun, mich in den Garten zu ziehen, hoffend die so eben für Raphael aufgeblühten Rosen werden mich zerstreuen.
Vorlage S. 58
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Allwina lächelt und lächelt, ohne sich weiter zu erklären.
Vorlage S. 58
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Und wenn ich glauben wollte, was Allwinens Lächeln verräth, und wenn ich taub sein wollte gegen die lauten Klagen meines Herzens, dennoch bleibt ihre Liebe das zweifelhafte Guth. Iwanova ist beschäftigt, und so fehlt mir ein Grund, Maria der Welt länger zu entziehen. Kann sie in der Einsamkeit wählen? –
Vorlage S. 58
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So soll ich das Kostbarste dann Preis geben? dem Leichtsinn? der Verführung? – Doch muss der Kampf einmal gewagt sein, bald gewagt, damit mir die Kräfte nicht fehlen. Das weiß ich, das fühl' ich, und warte dennoch auf ein bestimmendes Zeichen. Von wem? – von Maria!
Vorlage S. 59
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Nur das unaussprechlich süße Gefühl von dieser herrlichen Natur alle gewaltsamen Eindrücke entfernt aus ihrem eigenen reinen Herzen ihr ganzes Schicksal entsponnen zu haben – nur dieses Gefühl, ich ahn' es, wird mir Kraft geben, Alles zu überwinden, darum will ich es ehren, und ihm gerne vertrauen.
Vorlage S. 59
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So spielt das Schicksal mit dem blindgebornen Menschen; der gleichwohl wähnt, alles zu überschauen. War ich nicht entschlossen sie niemals in ihrem Gange zu irren? nun werd' ich dennoch gezwungen, mich ihr gerade in den Weg zu stellen. Sie will ins Kloster. Konnt' ich das ahnen?
Vorlage S. 60
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Eine halbe Stunde von dem Gute wurde eins der schönsten Mädchen eingekleidet, die Zeremonie machte Aufsehen, und Maria bezeigte Lust ihr beyzuwohnen.
Vorlage S. 61
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Die Orgel, der Nonnengesang, der Anblick des schönen Mädchens, das Alles in einem tief erschütternden Bilde vereinigt, weicht nicht mehr aus dem jungen, sich alles mit Liebe und Heftigkeit aneignenden Gemüte.
Vorlage S. 61
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Mit leuchtendem Auge, mit glühender Wange schildert sie mir die Seligkeit dieser Gottgeweihten Mädchen. Auch die Gefahren der Welt, die sie vor der Einkleidung weder gekannt, noch geahnet, jetzt aber aus der Rede des Abtes treulich gemerkt hat, werden nicht vergessen.
Vorlage S. 61
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Dass die Orgel, die schöne Kirche, der vereinigte Nonnengesang wesentliche Bestandtheile der geschilderten Seligkeit ausmachen, dass eben deswegen die Gefahren der Welt sehr fürchterlich dargestellt werden – bemerkt man dies auch mit unwillkührlichem Lächeln; so fühlt man sich dennoch für den Augenblick hingerissen.
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Das merkt sie schnell, und glaubt nun Alles gewonnen. »Sehen Sie, Allwina!« – ruft sie triumphirend – »mein geliebter Vater wendet nichts ein! Er versagt mir nicht seine Erlaubnis.«
Vorlage S. 62
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Wozu, Maria?
Vorlage S. 62
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Ins Kloster zu gehen!
Vorlage S. 62
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Diesen Winter werden wir in der Hauptstadt zubringen. Sind Sie dann im Frühlinge entschlossen, so muss man die Sache überlegen.
Vorlage S. 62
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Sehen Sie, Allwina!
Vorlage S. 63
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»Recht wohl!« – sagt diese, und schweigt mit ihrem gewöhnlichen Lächeln.
Vorlage S. 63
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Es ist ein sonderbar schmerzhafter Genuss, sie so nahe zu wissen, und sie doch nur zu einer bestimmten Zeit sehen zu können. Ach! nur jetzt, da Maria hier athmet, ist mir diese Stadt werth, ja sie ist mir plötzlich eine Heimat geworden.
Vorlage S. 63
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Morgens fliegt mein erster Blick vom hohen, drückenden Pallaste nach dem einfachen Hause, das sie verbirgt. Oft dünkt mich, die liebe Gestalt wandle auf dem Altane. Unaussprechliche Sehnsucht will mich dann fortreißen; aber es klirren die goldenen Ketten, und ich bleibe. Schnell stürz' ich mich in das Gewühl der Geschäfte, die Sehnsucht entflieht; aber beym Sinken des Tages kehrt sie mächtiger wieder.
Vorlage S. 64
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Wie eil' ich, das widrige Prachtkleid mit dem schlichten Gewande zu vertauschen! dem spähenden Höfling, der starrenden Wache zu entfliehn! Jetzt hab' ich die Letzte, habe die Brücke, das jenseitige Ufer erreicht, und mit weit geöffneter Brust athme ich die kühlende Nachtluft. Himmlische Ahnung der Freyheit, der Liebe strömt mit ihr in mein Herz, mein Gang wird Flug, und in wenig Minuten ist das geliebte Haus schon erreicht.
Vorlage S. 64
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Jetzt hör' ich den Hund, höre die Tritte des Dieners – die Pforte wird geöffnet und ich stehe auf heimischem Boden.
Vorlage S. 65
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Wie lieb' ich das Licht auf der bräunlichen, von keinem Marmor belasteten Treppe! Sie führet zu Ihr! zu Ihr! – Das ist ihr liebliches Geflister! Das ist Harfengetön! Der Diener will mir zuvoreilen; aber ich stehe schon ihr zur Seite, in Mantel gehüllt, den Hut tief in die Augen gedrückt. Sie erschrickt, kennt mich nicht – sinkt dann mit lautem Freudengeschrey mir in die Arme.
Vorlage S. 65
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Die Oper mit ihren Wundern hat, wie ich es erwartete, alle Klostergedanken verdrängt.
Vorlage S. 65
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Maria umarmte bald mich, bald Allwina unter Thränen des Entzückens. Es schien, als könne die jugendliche Brust so viel Seligkeit nicht umschließen. Noch mehr, als das, was Maria hörte und sah, wirkte die mächtig geweckte Ahnung eines höheren Lebens. Sie glaubte nicht verstanden zu werden und bestrebte sich, das Unaussprechliche in Worte zu kleiden. Wir konnten nichts, als sie trösten; denn ihre Freude wurde Klage.
Vorlage S. 66
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So sehe ich sie allen schönen Täuschungen der Jugend hingegeben. Noch steht ihr die größeste bevor. Werde ich dann noch ihr Führer sein? oder mit ihr unterliegen? –
Vorlage S. 66
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Einen bedeutenden Schritt hat sie ohne Leitung getan, die Mahlerey verlassen, und sich für immer zur Musik hingewandt. Ich glaube, sie hat den Wink ihres Genius richtig gedeutet, und wird dies immer noch mehr inne werden.
Vorlage S. 66
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Auch Allwina ist darüber erfreut. Sie behauptet, das leidenschaftliche Eingreifen beyder Künste würde Marien verderblich geworden sein, und man müsse nun Alles tun, ihren Entschluss zu befestigen.
Vorlage S. 67
214
Ich habe ihr deswegen uneingeschränkte Vollmacht gegeben, überzeugt, sie werde die besten Mittel erwählen.
Vorlage S. 67
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Ob ich stark genug gewesen sein würde, Allwina's Wahl zu treffen – weiß ich nicht, wenigstens habe ich es über mich erhalten, sie zu billigen. Der erste Opersänger hat, auf ihr Bitten, Maria's Unterricht übernommen. Er ist einer der schönsten, anziehendsten und gewandtesten Männer. Maria hat ihn zuerst in einer Heldenrolle gesehen, und scheint es jetzt noch für unmöglich zu halten, dass dieser Halbgott ihr nahen werde.
Vorlage S. 67
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Ich lächle über den Helden, den mir das Schicksal entgegenstellt, lächle über meinen Schmerz, möchte lächeln über die Täuschung, der Maria wahrscheinlich unterliegen wird, und vermag es nicht.
Vorlage S. 68
217
Ich war nicht bey Thibaldy's Ankunft, sondern fand ihn schon am Clavier, Maria, dicht ihm zur Seite, beide im Wechselgesange begriffen. Allwina verstand meinen Wink und ließ mich unbemerkt in dem Hintergrund des Zimmers. Alles Licht fiel auf die Sänger, und ich war wider Erwarten unbefangen genug, beobachten zu können.
Vorlage S. 68
218
Maria – dies war sichtbar – hatte schon den Helden über der Musik vergessen, war mit schönem Ernst und himmlischer Einfalt bemüht, die Kunstaufgabe zu lösen. Jeder Ton kam rein aus dem unentweihten Munde, während die Stimme des Meisters wankte.
Vorlage S. 69
219
Er sang die Worte der Liebe mit Bedeutung, sie mit kindlicher Unschuld. Gerade das schien den Mann im Innersten zu ergreifen. Der Gesang war geendigt; noch horchte Thibaldy den verklingenden Tönen, suchte dann sich zu fassen, um einige Regeln mittheilen zu können.
Vorlage S. 69
220
Jetzt horchte Maria mit gespannter Aufmerksamkeit. Jedes Wort schien ihr Götterbotschaft. Aber die Regel wirkte, was sie Anfangs immer wirkt. Mariens Unbefangenheit ging verloren. Sie zitterte, wankte und fehlte.
Vorlage S. 70
221
Dies brachte den Sänger zum ganzen Gefühl seiner Ueberlegenheit, der nun die Arie, statt ihrer, meisterhaft ausführte.
Vorlage S. 70
222
Ich glaubte ihm in keiner vortheilhafteren Stimmung nahen zu können, und sagte ihm so viel Wahres und Schmeichelhaftes, wie ich nur konnte. Er empfing es, wie ein Mann, der des Beyfalls gewohnt ist, und gab mir dafür die Versicherung: Mariens Stimme sei der höchsten Ausbildung fähig, und er werde alle seine Kräfte daran wagen.
Vorlage S. 70
223
Maria war in Bewunderung und Beschämung versunken. So dankt' ich ihm dann in ihrem Namen. Er ging, das Auge langsam und schmerzhaft von ihr entfernend. Kaum war er fort, so stürzte sie mir weinend in die Arme.
Vorlage S. 70
224
Was ist Ihnen, Maria?
Vorlage S. 71
225
Ach, mein geliebter Vater! was wird der Mann von mir denken? ich habe nie schlechter gesungen.
Vorlage S. 71
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Liegt Ihnen so viel an der Meinung dieses Mannes? – Sie verstummte im höchsten Erstaunen – Wie Maria?
Vorlage S. 71
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Können Sie zweifeln!
Vorlage S. 71
228
Wie meinen Sie das, Maria?
Vorlage S. 71
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Ein so großer, außerordentlicher Mann! Kennen Sie ihn so genau?
Vorlage S. 71
230
Ich, lieber Vater?
Vorlage S. 71
231
Allerdings! Sie sind es, die von seiner Größe jetzt spricht.
Vorlage S. 71
232
Aber Sie waren ja mit in der Oper!
Vorlage S. 71
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Ist Ihnen da etwas Großes von ihm bekannt geworden?
Vorlage S. 72
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Theuerster Vater! Alles, was er sagte und that, war ja groß, rührend und schön. Sie selbst gaben Ihren Beyfall laut zu erkennen.
Vorlage S. 72
235
Er spielte mit außerordentlicher Kunst.
Vorlage S. 72
236
Ja! und wie könnt' er so spielen, wenn er nicht wirklich so empfände? wenn er nicht fähig wäre, unter ähnlichen Umständen eben so zu handeln?
Vorlage S. 72
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Liebe Maria! man kann vieles darstellen, was man nicht nachzuahmen vermöchte.
Vorlage S. 72
238
Ja! aber so darstellen. –
Vorlage S. 72
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Sie mögen in einem gewissen Sinne Recht haben, und darum will ich Ihren Glauben nicht wankend machen. Halten Sie den Mann immer für so gut und so groß, wie Sie es bedürfen.
Vorlage S. 72
240
Allwina lächelte. Das schmerzte mich; denn Maria wandte sich mit Bitterkeit von ihr weg und versank in düsteres Nachdenken.
Vorlage S. 73
241
Während die Blicke der Männer auf das schöne Mädchen in tiefer Trauer gerichtet sind, wendet sie kein Auge von dem Helden des Stückes, der oft, seiner Rolle vergessend, Rede und Gesang an sie richtet. Sie scheint das gar nicht außerordentlich zu finden, und hört ihn mit sichtbarem Entzücken.
Vorlage S. 73
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Schon besitzt sie die Partituren aller gegebenen Opern und studiert sie mit leidenschaftlichem Fleiße. Thibaldy's Arien werden jedes Mal, wenn sie gehört sind, bis tief in die Nacht wiederholt. Allwina will ihr Einhalt tun; aber ich bitte sie dringend, Maria gewähren zu lassen.
Vorlage S. 74
243
»Ich begreife Sie nicht.« – sagt die besorgliche Frau. Ich aber versichere sie, dass sie mich nach einiger Prüfung sehr wohl begreifen werde. Sie kann sich nicht überzeugen; tut aber doch, warum ich sie bitte.
Vorlage S. 74
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Liebt sie ihn? Nein! noch glaub' ich es nicht. Er stellt ihr die göttliche Kunst dar, in der sie lebet und webet; das ist es. Aber er liebt sie; dies ist keinem Zweifel unterworfen.
Vorlage S. 74
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Graf Perçy, ein Schüler von ihm, wünschte bey Maria eingeführt zu werden, und bat ihn darum. Er verschob es unter mancherley Vorwand. Aber der junge Mann wurde dringender. Nun glaubte Thibaldy zu einem nicht edeln, aber notwendigen Mittel greifen zu müssen, und schilderte mich wie einen der eifersüchtigsten Tyrannen.
Vorlage S. 75
246
Perçy beobachtete den Italiener, ahnete Betrug, und fasste sich ein Herz, mir alles zu entdecken. Ich versprach ihm die Erfüllung seines Wunsches, und trat mit ihm in Mariens Zimmer, gerade als Thibaldy in einer leidenschaftlichen Arie begriffen war.
Vorlage S. 75
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Ich bat ihn fortzufahren; aber vergeblich. Führte dann Perçy zu Maria, die uns voll heiterer Unschuld entgegen kam. Die beiden jungen Leute freuten sich nun ihrer gegenseitigen Neigung zur Musik, während Thibaldy voll Grimm und Beschämung sich zu entfernen bemüht war. Aber ich nöthigte ihn, Perçy's und Maria's Gesang zu begleiten. Die einzige Rache, die ich an ihm zu nehmen gedachte. Er fühlte das, schützte plötzlich ein Uebelbefinden vor, und verschwand.
Vorlage S. 75
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Schwerlich wird er den Unterricht fortsetzen. In Ansehung der Kunst ein großer Verlust für Maria; doch hoffentlich kein unersetzlicher.
Vorlage S. 76
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Perçy, ein liebenswürdiger Engländer, von untadelhaften Sitten, ist nun durch meine Erlaubnis zu einem fortgesetzten Umgange mit Maria berechtigt. Für Allwina schwer zu begreifen. – Weiß der Himmel, welch ein Bild sich die gute Frau sowohl von mir, wie von der Liebe entworfen hat! – Es scheint ihr alles gezwungen und erzwungen werden zu müssen.
Vorlage S. 76
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Perçy hat alles verrathen. Maria empfing mich mit einer Rührung, die ich mir Anfangs nicht zu erklären wusste. Sie hielt mich mit beiden Armen umschlungen, drückte das liebe Gesicht an meine Brust, und konnte auf mein dringendes Bitten, sich zu erklären, nur mit Thränen antworten.
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Endlich sank sie mir zu Füßen, umfasste meine Knie, und rief, im Ausdruck des höchsten Schmerzens: O mein geliebter Vater! war es möglich! – Ich erstarrte; denn ein Gedanke, vor dem ich jetzt noch erröthe, flog mir wie ein zerstörender Blitz durch die Seele. »Maria!« – sagte ich – »ich beschwöre Sie, meiner zu schonen! Was Sie mir auch zu vertrauen haben, verlassen Sie diese für mich so peinigende Stellung!«
Vorlage S. 78
252
»Vertrauen?« – rief Allwina – »Sie hat Ihnen nichts zu vertrauen, als dass sie durch Thibaldy's niedrige Ränke auf das innigste gekränkt ist.«
Vorlage S. 78
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»Ist es nur das!« – sagt' ich mit frohem Erstaunen. – »O sein Sie ruhig, Maria! ich habe ihm längst vergeben.«
Vorlage S. 79
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»Ich nicht!« – rief sie, und ihre Thränen hörten plötzlich auf zu fließen. – »Er hat das Höchste, was ich auf der Welt kenne, gelästert.«
Vorlage S. 79
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Es lag zu viel in den Worten. Von einer namenlosen Empfindung betäubt, fast gedankenlos, fragt' ich: Wen?
Vorlage S. 79
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»Wen?« rief sie mit leuchtendem Auge, mit brennender Wange, und lag, ehe ich es hindern konnte, wieder zu meinen Füßen. – »Wen?« rief sie abermals, und drückte den Engelmund auf meine zitternde Hand.
Vorlage S. 79
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»O Gott, Maria!« – sagt' ich – »hören Sie auf! Ihre Dankbarkeit geht zu weit.«
Vorlage S. 79
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Aber nur mit vieler Mühe gelang es mir, ihrem Schmerze Einhalt zu tun. Thibaldy wieder zu sehen, dagegen äußerte sie fortwährend den lebhaftesten Abscheu. Perçy, der sehr viele gründliche Kenntnisse mit vielem Geschmacke verbindet, ist nun an seine Stelle getreten.
Vorlage S. 79
259
Ich sah sie diese Nacht wieder zu meinen Füßen, hob sie voll Entzücken in meine Arme und – o Gott! mein Mund berührte den ihrigen. Wie von einem Heiligthume habe ich mich wachend von diesem Engelmunde entfernt, und nun! – Vergebens! ich tilge diesen Traum nicht aus meinem Gedächtnisse. O Iwanova; du wirst gerächt! –
Vorlage S. 80
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Darf ich sie heute sehen? Mich ihr nahen? Ich zittre vor mir selbst.
Vorlage S. 81
261
Aber in welche Unruhe wird sie gerathen. – Wird Entfernung nicht die Lebhaftigkeit ihrer Empfindung erhöhn? Will, und kann ich dann diese Täuschung benutzen? – Fort! Nichts Außerordentliches! Nichts Reizendes! Alles gehe seinen ruhigen Gang. Das wollt' ich, da ich noch frei war; das muss ich auch jetzt noch wollen.
Vorlage S. 81
262
Perçy war bey ihr. Sie sangen. Warum erschütterte mich seine Stimme noch mehr als die ihrige? –
Vorlage S. 81
263
Allwina bat mich, einige Augenblicke in ihr Zimmer zu treten. Ich folgte in schmerzhafter Betäubung. Sie schwieg und schien sich zu sammeln. Ach lange hätte sie schweigen können, ohne von mir unterbrochen zu werden.
Vorlage S. 82
264
»Ich bin es« – sagte sie endlich – »Ihnen und Maria schuldig, eine Bitte zu wagen.«
Vorlage S. 82
265
Ich sah sie fragend an; vermochte aber nicht etwas zu erwiedern.
Vorlage S. 82
266
»Vielleicht bin ich unbescheiden.«
Vorlage S. 82
267
Ich gab ein verneinendes Zeichen.
Vorlage S. 82
268
Graf Perçy ist ein sehr liebenswürdiger, junger Mann.
Vorlage S. 82
269
Gewiss!
Vorlage S. 82
270
Sollte es möglich sein, dass sich die beiden jungen Leute täglich sähen, ohne sich für einander zu interessiren? –
Vorlage S. 82
271
Ich schwieg.
Vorlage S. 83
272
Und wenn aus diesem Interesse Liebe würde? –
Vorlage S. 83
273
Könnten wir es hindern?
Vorlage S. 83
274
Sollten wir es zulassen?
Vorlage S. 83
275
Liebe! ich begreife sie nicht.
Vorlage S. 83
276
Ich begreife Fürst Alexander noch weniger.
Vorlage S. 83
277
Ist mein Betragen so räthselhaft?
Vorlage S. 83
278
Vielleicht scheint es nur so, und eben weil ich dies ahne, wollt' ich die Bitte wagen: er möge sich darüber erklären.
Vorlage S. 83
279
Gern! sobald Sie mir einen Widerspruch zeigen.
Vorlage S. 83
280
Fürst Alexander ist gegen Maria verändert. Er liebt sie nicht mehr mit väterlicher Empfindung. Sie liebt ihn ebenfalls nicht mehr so kindlich wie vormals.
Vorlage S. 83
281
Und doch fürchten Sie Graf Perçy? –
Vorlage S. 83
282
Maria ist jung, sie empfindet lebhaft, und tief; doch wird sie oft von einer Empfindung zu einer ganz entgegengesetzten fortgerissen.
Vorlage S. 83
283
Eben weil sie jung ist.
Vorlage S. 84
284
Ja! Aber soll man ihr da nicht rathen? Ihr nicht helfen? Sie nicht schützen?
Vorlage S. 84
285
Auf welche Weise?
Vorlage S. 84
286
Soll sie sich nicht selbst verstehn, soll sie das wahrhaft Wünschenswürdige nie kennen lernen?
Vorlage S. 84
287
Was wäre hier das wahrhaft Wünschenswürdige?
Vorlage S. 84
288
»O mein Gott!« – rief sie ungeduldig – »will Fürst Alexander mich quälen? oder quält er sich selbst?«
Vorlage S. 84
289
»Ich weiß die Zeit,« – sagt' ich nach einigem Stillschweigen – »wo Allwina das im höchsten Grade fürchtete, was ihr jetzt als das Wünschenswürdigste erscheint.«
Vorlage S. 84
290
Die Umstände sind verändert, mithin auch mein Urteil. Es war, nachdem was ich zu jener Zeit voraussetzen musste, sehr richtig und wahr, es ist es jetzt – wie mich dünkt – nicht minder.
Vorlage S. 84
291
Doch scheint es mir, als komme es gerade jetzt auf eine Wahrheit an, welche unter allen Umständen dieselbe bleibt.
Vorlage S. 85
Georg Friedrich Kersting – Mann am Sekretär. Vergleichsbild zum Lesen, Schreiben und Nachdenken; keine Darstellung einer Figur dieses Buches.
Kontextbild zum Werk. Am Schreibtisch · Georg Friedrich Kersting · Public domain Bildquelle ↗
292
Die wäre?
Vorlage S. 85
293
»Dass Liebe,« – sagt' ich aufstehend und ihre Hand ergreifend – »dass Liebe aus Zwang nicht gedenkbar ist.«
Vorlage S. 85
294
Sie sah verdrüßlich vor sich nieder. Ich drückte ihr noch ein Mal die Hand, und ging zu Maria.
Vorlage S. 85
295
Noch war sie im Wechselgesange mit Perçy begriffen und bemerkte mich nicht; er aber sah mich und erröthete. – Endlich schlug Maria das Himmelauge zu mir auf und flog, wie gewöhnlich, mit lautem Frohlocken in meine Arme.
Vorlage S. 85
296
Perçy glühte. Maria noch mit meiner Linken umschließend, reichte ich ihm lächelnd die Rechte. Er zögerte mir die seinige zu geben.
Vorlage S. 85
297
Ich muss mit dem jungen Manne reden.
Vorlage S. 86
298
Heute traf ich Maria allein in tiefen Gedanken. Sie kam mir langsam entgegen. »Ist Ihnen nicht wohl, liebe Maria?« – fragt' ich schnell – »O ja!« – sagte sie – »aber ich denke nur an Graf Perçy.«
Vorlage S. 86
299
Und das macht Sie betrübt?
Vorlage S. 87
300
Ach, wie wird es im Frühlinge werden? –
Vorlage S. 87
301
Wie so?
Vorlage S. 87
302
Da wird er nicht zu mir kommen können. Wir wohnen zu weit von der Stadt.
Vorlage S. 87
303
Möchten Sie lieber den Sommer hier zubringen?
Vorlage S. 87
304
»Das wäre herrlich!« – rief sie, meine beiden Hände ergreifend.
Vorlage S. 87
305
So gefällt Ihnen die Stadt besser als das Land?
Vorlage S. 87
306
Dies eben nicht. Es ist nur wegen Graf Perçy.
Vorlage S. 87
307
Aber er kann ja zu Ihnen kommen.
Vorlage S. 87
308
Wenn das möglich wäre!
Vorlage S. 88
309
Warum sollt' es nicht möglich sein? Ich kam ja alle Tage.
Vorlage S. 88
310
Ja Sie! Was thäten Sie nicht! Sie ließen Ihr Leben für Maria; Maria ließ' es für Sie.
Vorlage S. 88
311
»O Maria! Maria!« – rief ich, und zog mit Heftigkeit ihre Hand an mein Herz. Da trat plötzlich Allwina herein.
Vorlage S. 88
312
Iwanova ist unpäßlich, und die Bestürzung allgemein. Man flistert, der schöne R.... habe das Ende seiner Laufbahn schon erreicht. Er ist mehrmals nicht vorgelassen worden, und soll der Verzweiflung sehr nahe sein.
Vorlage S. 88
313
Schon reichen die Tage zu den Berathschlagungen der Höflinge nicht mehr hin. Sie scheinen, bis die wichtige Stelle besetzt ist auf Schlaf und Bequemlichkeit Verzicht tun zu wollen. Besonders aber fürchten sie in Ansehung meiner, einen Rückfall bey Iwanova. Gott verhüte, ihre Furcht möge gegründet sein! –
Vorlage S. 89
314
Während dessen häufen sich die Geschäfte. Einige sind ohne Iwanova's Entscheidung gar nicht zu beendigen. Bald wird es unmöglich sein, sie weiter zu verschieben. Ich gestehe, dass ich vor der ersten Zusammenkunft zittre. Ist sie erwacht, so muss dieses Erwachen schrecklich sein. Ein Lichtstrahl wollte meine umdüsterte Seele erhellen; aber schon ist es wieder Nacht um mich her. O Maria! weiß ich dich nur gesichert! –
Vorlage S. 89
315
Vergebens hatt' ich dem gefürchteten Augenblicke zu entfliehen gesucht, vergebens alles Wichtige, in einem möglichst gedrängten Auszug ihr überreichen lassen, hoffend, sie werde schriftlich darüber entscheiden. Gestern, da ich eben zu Maria gehen wollte, wurde mir mit vieler Aengstlichkeit hinterbracht: sie habe nach mir gefragt.
Vorlage S. 90
316
R.... kam mir am Eingange der Vorzimmer, wo er noch immer Schattenähnlich umherirrt, entgegen, und fiel mir mit einem Thränenstrome um den Hals. Bald hätte der Unwille über dieses so ganz unmännliche Betragen, das Mitleid in meinem Herzen erstickt. Doch fasst' ich mich, und bat ihn ebenfalls, sich zu fassen.
Vorlage S. 91
317
»Ihre Ketten« – sagt' ich – »sind gelös't. Wäre es möglich, dass Sie dieses Glück unbenutzt lassen, dass Sie es verkennen sollten?«
Vorlage S. 91
318
Er starrte mich an, als höre er eine ihm durchaus unverständliche Sprache. »Muth und Freyheit!« – fuhr ich fort, seine Hand zum Abschiede ergreifend. In dem Augenblicke gingen ein Paar Höflinge vorüber. Dass ich seine Hand dessen ungeachtet immer noch hielt, schien ihm vollends unbegreiflich.
Vorlage S. 92
319
Ich verlangte gemeldet zu werden; aber man antwortete nur mit tiefen Verbeugungen: »Wie!« – sagt' ich – »dürfen Sie mich nicht melden?« – »O mein Gott!« – rief der Mensch in einem Tone, als habe ich eine Blasphemie ausgesprochen, als stehe die Welt mir zu Gebote. Noch betrachtete ich ihn eine Weile mit fragendem Blicke, eilte dann schnell durch den kriechenden, flisternden Schwarm, der sich mir aus dem hellerleuchteten Vorzimmern entgegendrängte.
Vorlage S. 92
320
Ohne Zweifel war es dies blendende Licht, weswegen mir Iwanovens Gemach gänzlich verfinstert erschien. Ganz außer Stand, irgend etwas zu unterscheiden; aber mir doch bewusst, ich befinde mich im Audienzsaal, wo mich Iwanova niemals empfing, stand ich einige Secunden unbeweglich, wollte dann weiter forteilen, als mir plötzlich ein herzzerreißendes Aechzen aus dem Hintergrunde des Zimmers entgegen schallte. Mein Auge folgte dem Schalle, und entdeckte eine menschliche Gestalt auf dem Boden des Zimmers – Iwanova! – Ich glaubte mich in einem schrecklichen Traume; aber es wurde heller und heller und ich fühlte schaudernd, dass ich wachte.
Vorlage S. 92
321
Da lag sie mit zerstreutem Haare, mit hochschlagendem Busen, mit düsterm, von Thränen geschwollenem Auge. »Darf ich,« – sagt' ich, vor ihr niederknieend – »darf ich nach Hülfe rufen?«
Vorlage S. 93
322
»Wo ist Hülfe?« – antwortete sie mit dumpfer gebrochener Stimme.
Vorlage S. 93
323
Wenn auch nirgends, doch sicher in Iwanovens Herzen, in ihrem Geiste.
Vorlage S. 94
324
Das Herz bleibt hoffnungslos, darum wendest du dich schnell zu dem Geiste.
Vorlage S. 94
325
Ich schwieg und versuchte sie aufzuheben. »Wohin?« – fragte sie schnell. – »Dort!« – sagt' ich, auf den Sessel des Throns, den einzigen in der Nähe, deutend – »dort! auf die Stelle, wohin Iwanova gehört.« Plötzlich wandte sie sich nach der entgegengesetzten Seite und lag jetzt mit der Stirn auf dem Boden. Meine Empfindung war unbeschreiblich.
Vorlage S. 94
326
»Muss ich an jeder Hülfe verzweifeln,« – sagt' ich endlich – »verlässt Iwanova ihr Volk?«
Vorlage S. 94
327
Du hast mich verlassen.
Vorlage S. 94
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»O Gott!« – rief ich, meiner nicht mehr mächtig – »bin ich zum Schmerze verdammt? – Blüht nun und nimmer eine Freude für mich?«
Vorlage S. 94
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Nach einem langen, schrecklichen Stillschweigen stützte sie plötzlich das Haupt auf den Arm, sah mich durchdringend an und fragte: »Was macht Maria?«
Vorlage S. 95
330
»Sie lebt« – sagt' ich, indem das Bild des herrlichen Mädchens, wie ein tröstender Engel, vor mich hin trat – »das Leben der Unschuld.«
Vorlage S. 95
331
»Ha, Verräther!« – rief Iwanova aufspringend – »Was soll dieser Ton?« Ich verstummte im höchsten Erstaunen; denn, bey Gott! meine Worte waren fast tonlos. »Folge mir!« sagte sie mit glühendem Blicke, und wir gingen in das innerste Gemach, die Geschäfte zu beendigen. –
Vorlage S. 95
332
Sie entschied mit harten, einsylbigen Worten. Ich milderte, wo ich konnte, wollte dann, da sie in ein dumpfes Stillschweigen versank, mich entfernen. »Bleib!« – rief sie schnell, und nach abermaligem Stillschweigen. »Wie stehst du mit Maria? Liebt sie dich?«
Vorlage S. 95
333
Als Freund, als Beschützer. Ob sie mehr noch empfindet, bin ich außer Stande zu bestimmen.
Vorlage S. 96
334
Und das konntest du so lange, so ruhig abwarten?
Vorlage S. 96
335
Freyheit des Herzens ist das heiligste Gut.
Vorlage S. 96
336
Ich wollte keine Sentenz, sondern Antwort!
Vorlage S. 96
337
Ich glaube sie gegeben zu haben. Wie kann ich Freyheit als ein Heiligthum betrachten und es dennoch verletzen?
Vorlage S. 96
338
So empfindet dein Herz nichts, als was die Vernunft ihm befiehlt? –
Vorlage S. 96
339
Mein Herz kann hier nicht in Betracht kommen.
Vorlage S. 96
340
Ihr Eismassen! wer wird Euch begreifen! Aber es ist der Zwang, unter dem Ihr von Jugend auf seufzt. So glaubt Ihr dann, seufzen, entbehren sei das menschliche Loos.
Vorlage S. 96
341
Glauben wir dies, wehe denen, die uns in diesem Glauben bestärken!
Vorlage S. 97
342
Nichts von der Art! Ich bin jetzt am wenigsten aufgelegt, es zu hören. – Warum ist Maria nicht am Hofe erschienen?
Vorlage S. 97
343
Iwanova nannte sie vormals die Tochter eines Verwiesenen. Wusste Maria, ob sie als eine solche erscheinen dürfte? –
Vorlage S. 97
344
Ah! du wolltest sie den öffentlichen Blicken entziehn. – So bist du doch eifersüchtig.
Vorlage S. 97
345
Woher das Bedürfnis durchaus etwas Tadelhaftes an mir zu finden?
Vorlage S. 97
346
»Weil ich dich hassen will und muss!« – rief sie, sich mit flammendem Blicke entfernend.
Vorlage S. 97
347
Weil sie mich hassen will und muss? – Warum wallt mein Blut so heftig bey dieser Erinnerung? Hab' ich etwas Anderes erwartet?
Vorlage S. 98
348
Ich hatte Marien die Ursache meines Außenbleibens gemeldet, und ihr die Hoffnung, sie den folgenden Tag zu sehen, mitgetheilt. Doch musst' ich vorher zu Iwanova, da sie Morgens nicht sichtbar ist. Ich trat hinein, und fand Maria bey ihr. –
Vorlage S. 98
349
Wie gewöhnlich flog diese mir mit einem lauten Ausrufe der Freude in die Arme, und Iwanova erblaßte so schrecklich, dass auch mein Herz plötzlich aufhören wollte zu schlagen.
Vorlage S. 99
350
»Was ist meinem geliebten Vater?« – fragte Maria in himmlischer Unschuld – »Nicht wahr? solch ein Glück hat er schwerlich erwartet?«
Vorlage S. 99
351
Immer auf Iwanova blickend, drückte ich das geliebte Mädchen sanft von mir weg, bis ihr Auge dem Meinigen folgte. Mit einem eben so lauten Ausrufe des Schreckens flog sie nun zu Iwanova, und die Große, Gefürchtete, Verzweifelnde lag in den Armen der Unschuld.
Vorlage S. 99
352
Sie fühlte es, und aus ihrem Flammenauge, das zum ersten Male im gemilderten Schmerz niederblickte, ergoß sich ein Thränenstrom, den die Hand des lindernden Engels vergebens aufzuhalten bemüht war.
Vorlage S. 100
353
»Willst du bey mir bleiben?« – fragte sie mit einem Tone, den ich seit den Tagen der Liebe nicht von ihr hörte. – »Gern! o gern!« – rief Maria – »Mein geliebter Vater ist ja auch immer hier.«
Vorlage S. 100
354
Sonst bliebest du nicht?
Vorlage S. 100
355
O ja! denn ich fühle Ihren Schmerz; ob ich ihn gleich nicht kenne. Ich liebe Sie, und mein geliebter Vater würde ja zu uns kommen.
Vorlage S. 100
356
Du liebst mich?
Vorlage S. 101
357
Wär' es möglich, Sie nicht zu lieben?
Vorlage S. 101
358
Dieser Mund kann nicht schmeicheln.
Vorlage S. 101
359
»Nein, gewiss nicht!« – rief ich begeistert – »Reiner kann die Wahrheit Iwanoven nicht nahn!«
Vorlage S. 101
360
»Mädchen!« – sagte Iwanova, indem sie Maria forschend betrachtete – »Nein! dein Gesicht kann nicht lügen! So bleibe dann bey mir. Wir wollen einen Bund gegen ihn machen.«
Vorlage S. 101
361
»Gegen wen?« – rief Maria im höchsten Erstaunen.
Vorlage S. 101
362
Gegen ihn! Gegen ihn!
Vorlage S. 101
363
Ach, Sie sind noch sehr krank, oder Sie scherzen.
Vorlage S. 101
364
»Beydes! beydes!« – rief Iwanova, sie mit sich fortziehend – »Heute nichts von Geschäften!«
Vorlage S. 101
365
So reißt sie, mit schonungsloser Hand, den Schleyer weg, der mir heilig war.
Vorlage S. 102
366
Perçy setzt auf ihren Befehl den Unterricht fort, und Allwina ist ebenfalls bey Marien geblieben. Diese hat, mit ihrer gewöhnlichen Offenheit darauf gedrungen, mich, wie vormals, jeden Abend, und zwar nur in Allwina's Gegenwart, sehen zu dürfen. Das meldete sie mir diesen Morgen. Die ersten Zeilen von der geliebten Hand. Wie oft hab' ich sie gelesen! Wo kann ich sie besser verwahren, als an meinem Herzen?
Vorlage S. 102
367
Ich fand Maria mit Allwina im Wortwechsel und fragte nach der Ursache. »Ich sollte« – sagte Maria unwillig – »heute öffentlich am Hofe erscheinen, und behauptete: dies könne ohne meines Vaters ausdrückliche Erlaubnis nicht geschehen. Allwina meinte: da Iwanova es befehle, so könne eine solche Antwort gar nicht Statt finden, und ich müsse entweder gehorchen, oder eine Unpäßlichkeit vorschützen. Ich habe aber weder das Eine, noch das Andere getan, und das findet Allwina sehr tadelhaft.«
Vorlage S. 103
368
»In der That?« – fragte ich, mich zu Allwina hinwendend.
Vorlage S. 104
369
»Unsre Lage« – sagte sie verwirrt und beschämt – »ist verändert, und so kann das, was vormals lobenswürdig war, jetzt sehr unschicklich sein.«
Vorlage S. 104
370
»Daraus sollte man fast schließen« – antwortete ich lächelnd – »es könne etwas sehr schicklich, und doch nicht lobenswürdig sein. Maria – fuhr ich ernster fort – ist jetzt, wie Sie richtig bemerken, in eine ganz veränderte Lage gekommen, und wird sich noch oft in dem Falle befinden, zwischen dem Schicklichen und Lobenswürdigen wählen zu müssen. Nach dem, was Sie jetzt äußern, ist es nicht zweifelhaft, welchem von beiden Sie den Vorzug geben werden.« –
Vorlage S. 104
371
Das müssen die Umstände bestimmen.
Vorlage S. 105
372
»Ah! die Umstände!« – rief Maria – »Geliebter Vater! ich beschwöre Sie! sagen Sie mir, ist es wahr, dass die Umstände Alles und alles bestimmen? Ja, dass der Mensch sein Heiligstes den Umständen unterwerfen müsse?
Vorlage S. 105
373
Das wolle der Himmel verhüten!
Vorlage S. 105
374
Sehen Sie, Allwina!
Vorlage S. 105
375
»Sie drücken das,« – sagte Allwina erröthend – »was ich unter ganz andern Bedingungen behauptete, so hart aus, dass es hier als Unsinn erscheint.«
Vorlage S. 106
376
»Das würde es unter jeder Bedingung.« – antwortete ich mit Verachtung – »Nicht allein hat Maria Sie, sondern Sie selbst haben sich missverstanden. Wer aber – fuhr ich mit gehaltenem Unwillen fort – sich selbst nicht versteht, vermag nicht einem Andern zu rathen, noch weniger ihn zu leiten. Somit haben Sie sich selbst an die Stelle gesetzt, wo Sie nun nach meinem ausdrücklichen Willen verbleiben. Sie sind nicht mehr Mariens Rathgeberin, sondern ihre Gesellschafterin, und bleiben dieses nur, so lange Sie sich jedes Rathes enthalten.«
Vorlage S. 106
377
Ich bin hier auf Iwanovens Befehl!
Vorlage S. 106
378
Und bleiben hier auf ihren Befehl; bey Maria aber nur unter der Ihnen mitgetheilten Bedingung.
Vorlage S. 106
379
Sie eilte fort, zitternd und glühend vor Zorn.
Vorlage S. 107
380
»Ach, mein geliebter Vater!« – sagte Maria, nachdem sie bestürzt eine Weile geschwiegen hatte – »Wär' ich doch bey Ihnen! bey Ihnen allein! Fern von diesen Menschen! – O Gott, seitdem ich hier bin, fühl' ich eine Angst! eine Beklemmung!«
Vorlage S. 107
381
Auch ich, Maria, fühlte diese Beklemmung. Auch mich wollte düstre Ahnung zu Boden drücken; doch Muth und Beharrlichkeit hielten mich aufrecht. Maria wird sich auf ihre Unschuld stützen.
Vorlage S. 108
382
Was will Iwanova mit mir?
Vorlage S. 108
383
Ihr Scherz hat es verrathen.
Vorlage S. 108
384
Wär' es möglich!
Vorlage S. 108
385
Was ist denen, die kein anderes Gesetz, als ihren Willen kennen, nicht möglich? – Noch befindet sich Iwanova nicht in diesem Falle ....
Vorlage S. 108
386
O ja! ja! Eine schreckliche Leidenschaft wüthet in ihrem Inneren. Schon kann sie die gemeinste Billigkeit nicht mehr erkennen. Ach, geliebter Vater! darf ich Ihnen etwas gestehen?
Vorlage S. 109
387
Maria? mir!
Vorlage S. 109
388
Man nennt Iwanova die Große – wohl mag es verwegen sein – aber ich bekenne, dass sie mir sehr klein erschienen ist.
Vorlage S. 109
389
Maria versicherte: sie liebe Iwanova. –
Vorlage S. 109
390
Ich kannte sie nicht!
Vorlage S. 109
391
Glaubt Maria sie jetzt schon zu kennen?
Vorlage S. 109
392
Ich ahnete wohl, dass mein Urteil unbesonnen und verwegen war!
Vorlage S. 109
393
Ihr Urteil war Ihrer jedesmaligen Empfindung angemessen. »Geliebte,« – sagt' ich, ihre Hand ergreifend – »Iwanova verdient wirklich den Namen der Großen; doch in einem andern Sinne, als den das Volk fassen kann, in einem Anderen, als den Maria mit diesem Worte verbindet.«
Vorlage S. 109
394
»Den Falschen!« – rief sie erstaunt. – »Den Wahren!« – sagt' ich schnell einfallend – »Maria spricht von der Größe, welche ohne die höchste Weisheit und Güte nicht bestehen kann: von der göttlichen. Iwanova besitzt die menschliche. Sie sucht große, schöne Zwecke, mit kräftigen, zweckmäßigen Mitteln, standhaft zu erreichen. Dass sie aber in der Wahl der Mittel, ja sogar in Ansehung der Zwecke, manchmal irrt, macht eben ihre Größe zu einer menschlichen. Mit mehrerer Kraft und Einsicht würde sie sich zur göttlichen erheben.«
Vorlage S. 110
395
»Ach, mein Vater!« – rief Maria, meine Hand fest in die ihrige schließend – »Wie wird mir so wohl in Ihrer Nähe! Werden Sie Maria nicht den Irrthümern, diesen Menschen nicht entreißen? die ihren Verstand verfinstern, in ihrem Herzen widersprechende Empfindungen wecken!«
Vorlage S. 110
396
Wir leben ja in denselben Mauern. Maria sieht mich täglich; kann schriftlich ihre Empfindungen zu jeder Stunde mit mir theilen.
Vorlage S. 111
397
Schriftlich!
Vorlage S. 111
398
Abends mündlich.
Vorlage S. 111
399
Abends! und den ganzen Tag seh' ich Sie nicht.
Vorlage S. 111
400
Das wünscht Maria?
Vorlage S. 111
401
Das fragt mein geliebter Vater! – O Gott! der Tag ist mir ja nur erträglich, weil der Abend darauf folgt! Alles, was ich thue, was ich denke und empfinde, bezieht sich nur auf den Abend. Auf den Abend! – auf meinen geliebten Vater! Wie der allgegenwärtige Gott, so umgiebt er mich. Ich lebe und empfinde nur durch ihn, möchte nicht leben, ohne ihn. Ach! ach! ich kann nicht sagen, was ich empfinde, und möchte es doch so gern.
Vorlage S. 111
402
»Maria!« – sagte ich, all' meine noch übrige Kraft zusammenfassend – »suchen Sie kein Wort für das, was der Worte nicht bedarf. Auszusprechen, was Sie empfinden, tut nicht noth; aber sich Ihrer Empfindung deutlich bewusst werden – darum möcht' ich Sie bitten. Sie haben sich in Thibaldy, in Iwanova geirrt. Wie, wenn Sie sich auch in mir, oder vielmehr in der Empfindung gegen mich irrten? – Wie, wenn Ihnen meine Gesellschaft minder angenehm, oder wohl gar lästig ....«
Vorlage S. 112
403
O, reden Sie nicht aus, mein geliebter Vater! Thibaldy! Iwanova! und Sie! – Ach, Maria ist unglücklich! ist sehr unglücklich! Alles verwirrt, verfinstert sich um sie her. Wird Niemand sie retten? Wird Niemand ihr sagen: das ist wahr, das ist Recht, das halte fest, das bist du, das wirst du sein.
Vorlage S. 112
404
Kann ein Mensch dem andern sagen: das wirst du sein?
Vorlage S. 113
405
O ja! Maria kann es! Maria kann sagen: das ist mein geliebter Vater, das wird er sein: Und ob Alles sich verändert, seine Güte ....
Vorlage S. 113
406
Doch, wie kann ich nachschreiben, was sie sagte! Es war die feurigste, leidenschaftlichste Lobrede, die ein Mensch auf den Andern halten kann. Ihr würdet mich den Unersättlichen nennen, würdet sagen: du quälst dich um Liebe, und hier ist Vergötterung. Ja! hier ist Vergötterung, darum traur' ich um Liebe.
Vorlage S. 113
407
»Du bist angeklagt!« – rief mir Iwanova, da ich heute zu ihr eintrat, entgegen – »Von Allwina,« – sagt' ich lächelnd – »das hab' ich erwartet.«
Vorlage S. 114
408
Weil du dich schuldig fühlst.
Vorlage S. 115
409
Weil sie sich schuldig fühlt.
Vorlage S. 115
410
Sie hat Mutterstelle bey Maria vertreten, und du hast ihr mit Undank gelohnt.
Vorlage S. 115
411
Ich habe den Mutternamen an ihr geehrt. Aber sie erniedrigte sich zu einer schändlichen Verführerin, und so ist sie schonender behandelt worden, als ich es vor der strengen Gerechtigkeit verantworten kann.
Vorlage S. 115
412
In Mariens Gegenwart!
Vorlage S. 115
413
Maria darf nicht schwanken zwischen Tugend und Laster, muss beydes in seiner wahren Gestalt kennen lernen. Allwina musste unschädlich werden.
Vorlage S. 115
414
Doch hast du ihr nur mit Entfernung gedroht.
Vorlage S. 115
415
Darin hab' ich gefehlt.
Vorlage S. 116
416
Der Fehler kann gut gemacht werden. Ich nehme sie unter meine Damen. Ihr Geschlecht ist eines der ältesten im Lande.
Vorlage S. 116
417
So wünsche ich, dass sie sich dieser Stelle würdig machen, und ihr Geschlecht ehren möge.
Vorlage S. 116
418
Meine Wahl macht diesen Wunsch überflüßig. Dass sie eine mönchische Tugend für unser Zeitalter nicht passend findet, benimmt ihr in keines Vernünftigen Augen etwas von ihrem Werthe.
Vorlage S. 116
419
Im Gegentheil muss dieses ihren Werth in jedes Vernünftigen Augen erhöhen.
Vorlage S. 116
420
So zählst du dich nicht zu den Vernünftigen? –
Vorlage S. 116
421
Was ich von mir halte, kann nicht in Betracht kommen. Was Iwanova von mir hält, beweis't sie durch ihr Vertrauen. Sie legt das Wohl ihrer Völker in meine Hände.
Vorlage S. 116
422
Von etwas Anderem! – Maria ist nun allein.
Vorlage S. 117
423
Ich bedaure es – doch ist sie unter meinem Schutze und wird es bleiben.
Vorlage S. 117
424
Den Meinigen scheinst du gar nicht zu rechnen. –
Vorlage S. 117
425
Er ist ein unerwartetes Glück. Stolz und vermessen würde es sein, wenn Maria darauf rechnete.
Vorlage S. 117
426
Nicht wahr, du wünschest ihr weder jenen Stolz, noch diese Vermessenheit? –
Vorlage S. 117
427
Ich müsste ihr Feind sein.
Vorlage S. 117
428
»Nun, was giebt es dort?« – sagte sie, sich verdrießlich zu den Papieren wendend – »du kamst ja heute entsetzlich gesegnet!«
Vorlage S. 117
429
Gesegnet, und mit Segen! Das Volk jauchzt über die Befreyung von der drückenden Abgabe.
Vorlage S. 117
430
Ach ja! es will genießen, und wir sollen denken und arbeiten.
Vorlage S. 117
431
Seine Gedanken auf das Wohl von Tausenden richten, welch ein göttliches Loos!
Vorlage S. 118
432
Eine Träne stieg in ihr Auge, und sie wurde wild und freundlich.
Vorlage S. 118
433
Maria an Alexander.
Vorlage S. 118
434
Guten Morgen, mein theurer, geliebter Vater!
Vorlage S. 119
435
Wie prächtig ist die Sonne aufgegangen! Immer, wenn ich die Sonne sehe, denk' ich an Sie.
Vorlage S. 119
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Mein theurer, geliebter Vater! ich habe diese Nacht einen sehr herrlichen Traum gehabt. Ich träumte, wir wären in einem wunderschönen Garten, wo Sie immer mir zur Seite waren. Darum, glaub' ich, war mir auch so wohl, als mir wachend niemals ist. Wir schwebten mehr, als wir gingen, und Sie waren nicht mein Vater; was Sie aber waren, weiß ich nicht mehr.
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Albert Anker – Die Dorfschule von 1848, gemalt 1896. Historisches Vergleichsbild für Schule und Bildung, keine Illustration der Buchfiguren.
Kontextbild zum Werk. Die Dorfschule von 1848 · Albert Anker · Public domain Bildquelle ↗
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Der allgütige Gott möge es mir verzeihen! aber es war mir lieb, dass Sie nicht mein Vater waren; denn ich fühlte mich unbeschreiblich glücklich und selig.
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Sie hatten ein weißes, fliegendes Gewand an, und einen Lorbeerkranz in den Haaren, und ich hatte auch ein weißes, fliegendes Gewand und einen Rosenkranz in den Haaren. Sie schienen nicht viel älter, als ich – ohngefähr so alt, wie Graf Perçy – und waren nicht freundlicher und gütiger; aber viel freudiger. Ihr Gesicht war, wie lauter Morgenroth, und Ihre Augen glänzten, wie ein paar Sonnen. Doch konnt' ich recht gut hinein sehen, und das machte mich eben so glücklich; denn ich sah, dass Sie gar keine fremde Gedanken und keine Sorgen mehr hatten, sondern immer an mich dachten.
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Dabei fällt mir ein, mein geliebter Vater, ob es denn wohl möglich sein sollte, dass ein Paar Menschen nur immer an einander dächten? und sich nur immer über einander freuten? Das müsste ein unbeschreiblich seliger Zustand sein! Aber, o Gott! wenn nun Einer von beiden stürbe? –
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Dieser Gedanke hat mich ganz verwirrt und betäubt, und ich muss das Uebrige ein ander Mal schreiben.
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Ich lese das wieder über, was ich geschrieben habe, und sehe wohl, dass es sehr schlecht geschrieben ist. Sie sagten mir zwar immer, wenn ich Sie um Unterricht bat: schreiben Sie so, wie Sie sprechen, und Sie werden immer gut schreiben. Aber, geliebter Vater! ich kann wirklich nicht so schreiben, wie ich spreche; denn das Sprechen wird mir sehr leicht, und das Schreiben wird mir sehr schwer.
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Das Ende meines Traumes wollt' ich Ihnen nun erzählen.
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Als wir so durch den herrlichen, unabsehlichen Garten flogen, begegnete uns mit einem Male Iwanova in einem brennenden Gewande. Ich erschrak und wollte entfliehen; Sie aber blieben unbeweglich. So konnt' ich dann auch nicht weiter, und verbarg mich hinter Ihrem Gewande.
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Plötzlich ergriff uns Iwanova, und schleuderte uns in einen brennenden Abgrund. (Die Empfindung während des Sturzes werde ich in meinem Leben nicht vergessen.) Aber die Flammen theilten sich, und ganz unten in der fürchterlichen Tiefe saß ein großer, herrlicher Engel, der uns mit seinen Flügeln auffing.
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Mit einem Male waren die Flammen verschwunden, eine himmlische Musik ertönte, und ein rosiges Licht erfüllte den Abgrund. Wir schwebten immer höher und höher; viel Tausend Sterne um uns her.
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Es war, als komme die Musik von den Sternen. Es war, als wären Sie ich, und als wäre ich Sie, und ich wusste – was ich mir so tausend Mal gewünscht habe – Alles, was Sie dachten. In dieser seligen Empfindung erwachte ich.
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Ach, sie ist verschwunden! aber die Furcht vor Iwanova, und der Widerwille gegen sie, ist geblieben.
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Glauben Sie mir, geliebter Vater! Iwanova meint es weder gut mit Ihnen, noch mit mir. So unbegreiflich es auch scheint – ich darf es nicht verschweigen – Iwanova haßt Sie.
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Lange hab' ich darüber nachgedacht: wie das möglich wäre? endlich glaub' ich die Ursache gefunden zu haben. Iwanova fühlt, dass sie nicht so gut ist, wie Sie, und niemals so gut werden will, dass sie die Große heißt, und dass Sie der Große sind.
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Geliebter Vater! ich bin wohl ein unerfahrnes Mädchen, und habe wohl oft unrichtig und voreilig geurtheilt; aber was ich hier schreibe, ist gewiss wahr, es ist so wahr, dass ich darauf sterben könnte. Für Sie – pflegt mein geliebter Vater dann wohl zu sagen. Nein! nicht allein für mich! Für alle Menschen, die Sie so lieben, und Iwanova so beobachten können, wie ich.
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Hat die menschliche Seele ein Ahnungs-Vermögen? Mein geliebter Vater sagt: ja. Nun so ahne ich denn: so gewiss ich lebe, so gewiss die Liebe zu meinem theuern Vater das Beste ist, was ich empfinde und empfinden kann, so gewiss beschließt Iwanova unser Verderben.
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Ist keine Rettung? mein geliebter Vater!
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Diesen Brief empfing ich gestern von Marien. Ihr könnt denken, wie mich die letzten Worte ergriffen. Wilhelm, den ich alle Morgen mit Blumen und Früchten zu ihr schicke, sagte mir, im Tone des Vorwurfs: sie habe gezittert und geweint. »O Herr!« – setzte er leiser und finsterer hinzu – »Fräulein Maria ist nicht gut aufgehoben. Der arme Engel!«
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»Wilhelm,« – erwiderte ich mit schmerzhaftem Lächeln – »die Engel sind nie arm, und allenthalben gut aufgehoben.« Er schüttelte den Kopf, und deutete schweigend auf den Brief. Ich las, und sah, dass er Recht hatte.
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Nur lange Gewohnheit, mit zerrissenem Herzen zu arbeiten, machte es mir möglich, die Geschäfte zu beendigen. Endlich konnt' ich Atem holen, eilte dann, sobald die zwei peinlichen Stunden der Mittagstafel überstanden waren, in die Gärten.
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Lange irrt' ich umher, ohne mit mir selbst einig zu werden; doch blieb der Gedanke: Maria, was es auch koste, zu retten, der Erste und Letzte.
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Sie erschrak, da ich zu ihr eintrat. Ich hatte in der Bestürzung das verhaßte Staatskleid nicht gewechselt, wollte es nun – die Zeit war kostbar – vergessen; aber Mariens Aengstlichkeit machte es unmöglich. Ich sah, der Abend würde verloren gehen, eilte fort, und kehrte nach wenig Minuten in meiner gewöhnlichen Kleidung zurück.
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Jetzt flog mir Maria mit lautem Freudengeschrey entgegen, ich empfing sie mit offnen Armen, und – als wäre mit dem verhaßten Kleide Alles, was uns trennte, hinweggeschaft – mein Mund berührte den ihrigen.
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»O Gott!« – rief Maria – »mein Traum wird erfüllt!« (Ich gestehe, dass diese, gerade jetzt wie eine fürchterliche Prophezeihung klingenden Worte, mich auf das heftigste erschütterten.) »Maria!« – sagte ich, sie mit bebender Hand zum Sofa leitend – »hören Sie mich! Oft haben Sie gewünscht zu wissen, was ich denke. – Wohlan! so mögen Sie es nun ohne Rückhalt erfahren.
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Ich wollte Ihr Vater sein, wollte es bleiben, wollte keiner andern Empfindung Raum geben. – Ich vermochte es nicht. Ich liebte Sie früher, als Sie mich.«
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»Nein!« – rief sie, und wollte mir wieder zu Füßen sinken; aber ich hielt sie fest gedrückt an meiner Brust, und fuhr fort: »Als Ihr Herz nur für alles Große und Schöne, und keiner vorzüglich lebhaften Empfindung für mich empfänglich war, schon da liebte ich Sie, und war schwach genug, Raphael um seine Rosen zu beneiden. Doch vermochte diese Schwäche nicht, mich zu eigentlicher Ungerechtigkeit zu verleiten. Ihre Freyheit blieb mir heilig, und meine Liebe tief in meinem Herzen verschlossen.
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Eigennutz lag gleichwohl dem Allen zum Grunde. Ich wollte Alles aufgeben, um Alles zu gewinnen. Ihre Liebe sollte ein durchaus freyes Geschenk wer den, und nur dann wollt' ich Sie für das höchste irdische Gut erkennen.
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Aber dieser feine Eigensinn, diese eigensinnige Feinheit machte mich dennoch ungerecht. Ich forderte Liebe, ohne als Mann um Liebe zu werben. So forderte ich dann das Opfer des Heiligsten, das Opfer der Weiblichkeit.
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Ich wurde bestraft, vielleicht härter, als ich verdiente. Indem ich mich über menschliches Streben, über menschliche Begierde erhob, verlor ich menschliches Glück, erntete, was ich säete: Achtung, Bewunderung; aber nicht Liebe.«
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»O mein Vater!« – rief Maria, da ich einen Augenblick, von Empfindung überwältigt, einhielt – »ist das auch wahr?« –
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Ich drückte einen zitternden Kuß auf die Engelstirn und fuhr fort: »Wäre es nicht wahr, müsste es nicht wahr werden? Darf ich um Liebe werben? Darf ich geliebt werden? – Iwanova trägt verschmähte Liebe im brennenden Herzen, will hassen, weil sie nicht lieben soll. Aber ich bin ein freyer Mann, kann mich ihrem Hasse entziehen. So dacht' ich vormals. Darf ich auch jetzt so denken, da ein ganzes Volk die Hände flehend zu mir erhebt? mich Retter nennt? Da ich täglich überzeugter werde, dass ich es bin? Da ich vergebens unter Allen, die Pflicht und Vaterland im Munde führen, Einen suche, der den Sinn dieser Worte zu fassen, der die Hälfte von dem, was auf mir liegt, zu tragen vermöchte? Und so heißt dann die Losung nicht mehr Liebe, oder Haß! Freyheit, oder Zwang! sondern: Liebe, oder Pflicht! – Wenn Maria entscheiden dürfte, was würde sie sagen?«
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Liebe und Pflicht! Iwanova kann hier nur gerecht, oder verabscheuungswürdig sein.
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Wie, wenn sie das Letzte wäre? – Maria staunt mich an? – Wer war es, der mir schrieb: Iwanova beschließt unser Verderben! Wer war es, der da fragte: Ist keine Rettung möglich? –
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O Gott!
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Ja sie ist möglich! sie soll möglich sein! Maria wird, muss gerettet, muss glücklich werden.
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Wie?
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Graf Perçy liebt Maria. Sein Alter passt besser zu dem ihrigen. Das hat sie selbst im Traume gefühlt.
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O mein Vater!
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Ja! Alexander bleibt Mariens Vater. Und so liebt sie ihn, wie sie ihn immer geliebt hat, vielleicht lieben kann.
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Und was wird dann aus Maria?
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Graf Perçy führt sie als Gemahlin nach England, und sie ist für immer gerettet.
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Gerettet! Maria gerettet? Wenn sie nach England geführt wird? – Wo bleibt Mariens Vater?
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Hier, wo Pflicht und Vaterland ihn binden.
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Und Maria in England? Nimmermehr! Maria wird nicht Graf Perçy's Gemahlin.
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Warum nicht?
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Weil Maria keinen Mann lieben kann, der ihr gleich ist.
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Der ihr gleich ist? –
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Ja! Graf Perçy ist nicht mehr werth als Mann, wie Maria als Mädchen. Er kann Mariens Gespiele, nie ihr Gemahl werden. Maria ist gewohnt, das über sich zu sehen, was sie liebt. Sie würde in schlaffe Unthätigkeit versinken, entrisse man ihr den sichtbaren Gott, durch den sie lebt und empfindet.
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Maria! Maria!
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So ist es! So wird es sein! Soll nun Maria nach England gehen?
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(Ich verhüllte mein Gesicht und schwieg.)
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»Soll nun Maria nach England gehen?« – wiederholte sie und lag, eh' ich es hindern konnte, zu meinen Füßen. Verschwunden war die Zukunft. Ich zog sie schnell in meine Arme und bedeckte ihr Gesicht mit brennenden Küssen. »O mein Vater! mein Geliebter!« – rief sie – »jetzt leben wir! Müssen wir nun sterben, weil wir lebten? Ist keine Rettung?«
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Vielleicht. – Doch ehe von Rettung gesprochen werden kann, muss Maria Alles wissen und bedenken.
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Was?
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»Heute nichts mehr!« – sagt' ich, mich losreißend – »Morgen, Maria! Morgen! Und dann gilt es einen festen Entschluss.«
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Ich drückte sie noch ein Mal fest an mein Herz, und eilte davon.
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Am andern Tage fand ich Maria in tiefen Gedanken. Sie eilte mir nicht, wie gewöhnlich, entgegen, sondern reichte mir schweigend die Hand. »Was denkt Maria?« – fragt' ich besorgt.
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Mein geliebter Vater sagte gestern: er habe das Opfer des Heiligsten, das Opfer der Weiblichkeit gefordert. – Hat Maria dieses Heiligste wirklich geopfert?
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Nein! Maria ist rein und weiblich geblieben, wie vorher. Aber das bestätigt meine Furcht: Mariens Liebe sei nur zärtliche Achtung, Bewunderung. – Die eigentlich menschliche, immer mehr oder minder leidenschaftliche Liebe, kann von dem reinen Weibe nie mit dieser Unbefangenheit bekannt werden.
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Und wenn Mariens Liebe nun höchste Bewunderung wäre? –
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So könnte sie zu spät eine lebhafte Empfindung kennen lernen, welche gleichwohl diese höchste Bewunderung nicht ausschlösse.
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Durch einen Mann?
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Durch einen Mann! der Graf Perçy's Jugend mit der Achtungswürdigkeit, die Maria nicht erlassen kann, verbände.
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Ich kenne einen solchen Mann.
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Und Maria ist sich keiner lebhafteren Empfindung bewusst?
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Maria ist sich bewusst, dass sie, so lange sie athmet, nach dem Höheren werde streben müssen; denn nur das heißt ihr leben. Maria ist sich bewusst, dass nur dieses Höhere das wahrhaft Liebenswürdige für sie sein und bleiben wird. Maria hat den Mann gefunden, der diese Liebenswürdigkeit im höchsten Grade besitzt. So ist sie dann ihrer Empfindung gewiss. Denn, gäbe es auch einen Zweiten, der dem Geliebten ähnlich wäre (ihm gleich ist keiner) so fesseln sie ja schon tausend Bande an den Ersten.
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»Ach, Maria!« – rief ich innigst bewegt – »Sie mögen wohl Recht haben! Doch bleibt meine Furcht nicht weniger gegründet. Aber gesetzt, alle Schwierigkeiten wären gehoben, Iwanovens Haß überwunden, bleibt in meiner Bestimmung nicht ein unüberwindliches Hindernis? – Maria hat verrathen, was sie unter lieben sich denkt. Es ist ein unaufhörliches Eins sein mit dem Geliebten, eine Allwissenheit seiner Gedanken und Empfindungen, ja sogar ein Ausschließen Alles zu dieser Liebe nicht Gehörigen. – So liebt Gott nur die Welt. So kann die Welt nur von Gott geliebt werden. Diese vollkommenste Ehe ist dem Menschen ein nie zu erreichendes Ideal. Wer dürfte, ohne Betrug, Marien eine solche versprechen? – Der freye Mann darf es nicht; denn er ist Mensch, Alexander darf es noch weniger; denn er ist Mensch und Staatsmann zugleich. – Aber wenn er sich dem Staate opfert, darf er von einem weiblichen Wesen dasselbe verlangen? – Und vielleicht ist es nicht einmal dasselbe, vielleicht ist das Opfer viel größer. – Dem Manne (mag er sich von Lob und Tadel so frei dünken, wie er will) wird immer die Stimme der Nachwelt etwas gelten, wird ihm noch hörbar sein, wenn Alles Andere verstummt. – Aber was bleibt dem zarteren Weibe, wenn der Mann ihre Liebe wie die erquickende Luft, ohne die er nicht leben kann, aber doch nur unbewusst empfindet? Wenn der Theil seiner Kraft, den er im Streben nach ihrem Besitze verwandte, nun auch dem Staate anheim fällt? Wenn er sich am Ende, durch ihre Großmuth verwöhnt, nur lieben lässt, wähnend: das könne und müsse nun so sein?
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So wäre Alexander! So würde es sein!
Vorlage S. 140
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So war Alexanders Vater; ein Mann, den Alexander jetzt noch bey weitem nicht erreicht.
Vorlage S. 140
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Und wusste Alexanders Mutter vor ihrer Verheirathung, was Maria jetzt weiß?
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Nein! denn sie fand sich bitter getäuscht; aber trug ihr Schicksal mit unbeschreiblicher Milde.
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So übertrift dann Alexander seinen Vater entweder an Offenheit, oder an Einsicht, und so muss das Schicksal seiner Gattin, von dem seiner Mutter ganz verschieden sein.
Vorlage S. 140
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Und wie?
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Weiß Alexanders Gemahlin, dass sie sich, wie er, dem Staate opfern muss, so kann sie ihre Kräfte ja prüfen, und nur sie selbst kann sich dann täuschen. Weiß Alexander, dass sie mit ihm sich opfert, so kann er das Opfer ja würdigen. In beiden Fällen muss ihr Schicksal von dem seiner Mutter verschieden sein.
Vorlage S. 140
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Es könnte verschieden, und dennoch sehr traurig sein.
Vorlage S. 141
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Es ist es schon! Alexanders Mutter war glücklich; denn sie wurde, obgleich getäuscht, dennoch geliebt. Maria ist niemals geliebt worden.
Vorlage S. 141
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Maria! Maria!
Vorlage S. 141
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Vielleicht ist sie auch dieses Glückes nicht würdig, und so war ihr Wunsch, ins Kloster zu gehen, sehr passend. Dort ist sie sichrer, als in England.
Vorlage S. 141
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Darf sich Maria ihrer Bestimmung entziehen? –
Vorlage S. 141
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Mariens Bestimmung kann nicht sein, einen Mann zu betrügen, oder sich einem hinzugeben, der sich mit dem Bewußtseyn, er werde nicht geliebt, dennoch mit ihr verbände. O nein! Maria geht ins Kloster. Ist dort glücklicher, als Tausende in der Welt es sind. In ihrem Herzen ist das ewige Leben. Die Liebe, auf ihrem Altare ein sichtbarer Gott, das herrlichste Ebenbild des Unsichtbaren und Ewigen. Dann, wann die Glocken läuten, wann die geweihten Jungfrauen sich nah'n, dann schließen sich die eisernen Thore zwischen ihr und dem irdischen Wechsel auf ewig! Dann gehört sie ganz ihrer Liebe!
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Sie schwebte fort, und ich blieb mit namenloser Empfindung zurück.
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Welch ein Schmerz nagt so schrecklich an meinem Inneren? Ist es Reue? Was, was hab' ich zu bereuen? – Sollt' ich sie täuschen? Sie ins Elend führen? – Aber ist sie jetzt nicht elend? Will sie sich selbst nicht auf das schrecklichste täuschen? – Wer giebt mir Licht in dieser Finsterniß? – Und dabei diese sich stündlich häufenden Geschäfte! Iwanova, die sich mit Sterndeutern und Wahrsagern einschließt! Jedem unglaublich, der es vor seinen Augen nicht siehet. Die geistvollste Frau, in den schändlichsten Banden! – Unglückliches Volk! wer könnte jetzt dich verlassen?
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Wilhelm hat Euch geschrieben, und so wisst ihr schon, dass ich von dem schrecklichen Traume erwacht bin. Die Grausame! Getäuschte! Bedauernswürdige! Sie leidet jetzt mehr als ich litt. Dieses Leiden hatten die Schändlichen bey ihren Zaubertränken nicht berechnet. Sie versprachen ihr Liebe, Liebe bis zum Wahnsinn. Sie haben ihr nur gelassen, was sie schon hatte, und ihr, statt dessen, was sie gelobten, nur Reue gegeben. Wo soll ich anfangen, Euch mit der ganzen Abscheulichkeit bekannt zu machen?
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Im vorigen Monathe bekamt Ihr den letzten Brief von mir. Ich schrieb Euch von einem entsetzlich nagenden Schmerze. Aber das, was ich damals für Seelenleiden hielt, war körperliches zugleich. Ich hatte von den schändlichen Giftmischern, durch Iwanovens eigne Hand, einen sogenannten Wundertrank bekommen, der bis an Wahnsinn grenzende Liebe, wenn auch nicht in meinem Herzen, doch in meinem Blute entzünden sollte.
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Schon fühlt' ich das schreckliche Feuer in meinen Adern. Aber eine Menge wichtiger Geschäfte war zu beendigen. Ich arbeitete fort mit brennendem Blute, machte schnell eine Verfügung auf alle mir gedenkbaren Fälle, und widerstand dann noch dem wüthenden Fieber, bis mir, mit dem Bewußtseyn, alle Kraft zum Widerstand geraubt wurde.
Vorlage S. 145
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Jetzt, da mir das Vergangene allmählich wieder deutlich wird, erinnere ich mich, in den beiden letzten Tagen vor meiner Krankheit, oft zu Iwanova gerufen worden zu sein, und eine sonderbare neugierige Freundlichkeit an ihr bemerkt zu haben.
Vorlage S. 145
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Aber mein Ernst und ein eben so sonderbarer, nie empfundner Widerwille, schien in eben dem Grade zuzunehmen. Mit einer Härte, derer ich bis dahin nicht fähig war, schilderte ich ihr die Folgen ihrer gänzlichen Pflichtvergessenheit. Mein exaltirter Zustand machte mir jede Vorsicht, jede Schonung unmöglich. »Ich bin krank!« – rief ich, mit Heftigkeit ihre Hand ergreifend – »Ich bin krank! Sie klag' ich an! denn Sie haben Uibermenschliches von mir gefordert! mit unbegrenzter Sorglosigkeit Alles auf meine Schultern geworfen. Ach, Sie wussten, dass ich das unglückliche Volk nicht verlassen würde! Jetzt werf' ich die ungeheute Last auf Sie zurück! Hören Sie mich? Sind Sie erwacht?« – Sie antwortete mit einem lauten Ausrufe des Schmerzens; denn ich hatte mit wüthender Kraft ihre Hand fast zerquetscht – »Von Ihnen fordere ich dieses Volk! mag ich der fürchterlichen Krankheit unterliegen oder sie überwinden, von Ihnen will ich es fordern!«
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Mit diesen Worten verließ ich sie und war von nun an der Krankheit überlassen.
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Folgendes hab' ich aus Wilhelms Erzählung, der, Nacht und Tag nicht von mir weichend, nur das Allgemeine Euch melden konnte.
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Er empfing mich beym Eintritt in mein Zimmer mit einem Thränenstrome, und dankte Gott, dass ich mich endlich für krank erklären, und die Hülfe der Aerzte annehmen wollte. »Maria!« – rief ich. Er stürzte bey diesem Ausrufe mir zu Füßen, schlug heftig an seine Brust, und streckte dann die Rechte gen Himmel. Ich sah, dass er mich verstanden hatte, und sank auf mein Lager.
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Dies ist das Letzte, dessen ich mir bewusst bin. Alles Andere scheint mir nur ein fürchterlich verworrner Traum.
Vorlage S. 147
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Mein Fieber wurde jetzt so heftig, dass die Aerzte nur wenig von ihrer Kunst erwarteten. Bey Iwanovens Anblick schien es Raserey werden zu wollen. Die Unglückliche, Betrogene, war selbst von diesem schrecklichen Zustande nicht mehr fern, und vertrauete, von Verzweiflung getrieben, ihrem Leibarzte das ganze schändliche Geheimnis.
Vorlage S. 148
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Er gab nun einige Hoffnung; drang aber sogleich auf die Entfernung der übrigen Aerzte, welche, mit dem wahren Ursprunge der Krankheit nicht vertraut, ihm entgegen handeln konnten. Eben so dringend bat er Iwanova, sich entfernt zu halten, und nur solche Personen bey mir zu dulden, deren Anblick mich nicht zu beunruhigen schien.
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Aber diese waren nur Wilhelm und Maria, welche von nun an meine Pflege übernehmen mussten. Ich erkannte sie im heftigsten Fieber, und ließ mich von ihnen bedeuten. Besonders schien Mariens Spiel und Gesang wunderbar auf mich zu wirken; doch konnte sie mir nur immer durch ein und dasselbe Lied ein Lächeln abzwingen. Bey allen Anderen verrieth ich, obwohl beruhigt, minder oder mehr schmerzhafte Empfindungen. Sie hatte es kurz vor unserer entscheiden den Unterredung gedichtet, und ich setze es Euch seiner Einfalt und Herzlichkeit wegen her.
Vorlage S. 148
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Du bist bey mir, ich bin bey Dir,
Vorlage S. 149
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Bis an mein Lebens Ende.
Vorlage S. 149
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Und trennte Dich der Tod von mir,
Vorlage S. 149
533
Wüßt' nicht, wie's um mich stände.
Vorlage S. 149
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Ach, schleuß mich in Dein Herz hinein!
Vorlage S. 149
535
Dann kann ich ewig bey Dir sein.
Vorlage S. 149
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Sie sang dieses Lied zu ihrer Laute, nach einer alten, herzerschütternden Melodie. Oft – sagt Wilhelm – haben Thränen ihre Stimme erstickt. Dann habe ich – sonderbar genug – mich unwillig von ihr abgewandt und die Augen geschlossen. Endlich aber vermochte sie es, das Lied ohne Thränen zu singen, und bewirkte dadurch, selbst nach dem Zeugnisse des Arztes, meine Genesung augenscheinlich.
Vorlage S. 149
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Durch den Anblick schöner Blumen, schöner Gemählde, suchte sie gleichfalls wohlthätig auf mich zu wirken. Aber bey den Blumen alle grelle Farben, bey den Gemählden alle leidenschaftlichen Gegenstände vermeidend. Oft wählte sie, wenn ich schlummerte, stundenlang unter den Blumen und weinte immer stärker, je länger sie wählte, bis sie dann bey meinem Erwachen plötzlich erheitert zu mir hineilte.
Vorlage S. 150
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Anfangs hatte ich die Gemählde nur in finsterer Betäubung angestarrt. Aber nun verfiel sie darauf, mir das Dargestellte zugleich vorzusingen, und die im Gesange vorkommenden Personen mit der Hand anzudeuten. Das erheiterte mich augenscheinlich und ich horchte nun mit der gespanntesten Aufmerksamkeit.
Vorlage S. 150
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So vergingen zehn Tage. Kein Schlaf kam in Mariens Auge. Oft versuchte Wilhelm sie zu bereden, wenigstens die Zeit, wo ich schlummerte, für ihre Ruhe zu benutzen; aber das leiseste Geräusch schreckte sie auf, und so stand sie plötzlich wieder, mit zurück gehaltenem Atem, mir zur Seite.
Vorlage S. 151
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Auch konnte sich Iwanova nur während meines Schlummers mir nähern, musste fliehen, wenn ich erwachte, irrte so, schattenähnlich hin und her, Verzweiflung im Blick, in jeder Bewegung.
Vorlage S. 151
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Anfangs bezeigte ihr Maria, von Ahnung getrieben, einen fast eben so großen Widerwillen, wie ich selbst, vermochte aber doch nicht dem Anblicke ihres tiefen Leidens lange zu widerstehen. Die Verzweiflung der Großen, Gefürchteten, lös'te sich endlich, am Busen des tröstenden Engels in Wehmut auf.
Vorlage S. 151
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Aber nun wurde Maria auch mit der ganzen, schrecklichen Leidenschaft Iwanovens bekannt. Ach, wie sorgfältig hatte ich ihre reine Seele davor gehütet! – Ihr Erstaunen war unbeschreiblich, das Liebe, äußerste Liebe nennen zu hören, was sie mit empörtem Gefühle Haß nennen musste. Wie oft es ihr auch betheuert wurde; sie bestand darauf: es sei ein schrecklicher Irrthum.
Vorlage S. 152
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»Sehen Sie!« – rief sie aus – »ich liebe ihn auch, werde nicht von ihm geliebt und doch sind alle meine Empfindungen von den Ihrigen verschieden. Wäre es möglich, dass er ein Weib seiner würdig fände, ich wurde mich dennoch glücklich schätzen, in seiner Nähe zu athmen. Wird nicht Alles, was er sein nennt, geheiligt? Ist seine Wahl nicht das sicherste Kennzeichen der Vortrefflichkeit? – Da ein thörichter Eigendünkel mich noch irre führte, da ich mich seiner Liebe noch würdig hielt, weil ich die meinige zum Maasstabe meines Werthes machte, da wollte mich auch eine kleinliche Empfindlichkeit niederdrücken, entfernen. Ach, das ist Alles verschwunden! Nur in seiner Nähe ist Leben! Alles Tod, Finsterniß, wo sein Auge nicht leuchtet! Das hab' ich jetzt, bey der Möglichkeit seines Verlustes begriffen.«
Vorlage S. 152
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Denkt Euch meine Empfindung! als Wilhelm mir Alles dieses, in seine treuherzige Sprache übersetzt, bald mit zurückgehaltener Träne, bald mit triumphirendem Lächeln berichtete. Er saß während dieser Unterredung an meinem Bette. Vielleicht glaubte man ihn ganz mit mir beschäftigt, vielleicht setzte Iwanova voraus, er sei doch von Allem unterrichtet; oder, was mir das Wahrscheinlichste ist, sie hielt es, wie gewöhnlich, nicht der Mühe werth, ihn irgend einer Rücksicht zu würdigen. Solche Menschen scheinen den Großen Würmer, die sie zerdrücken können, wann sie wollen.
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In dieser ganzen Ergießung des unschuldsvollen, himmlischen Herzens, fiel Iwanoven nur die Versicherung auf: Maria werde nicht geliebt. Sie forderte Beweise, und Maria erzählte mit ihrer, alle Herzen gewinnenden Offenheit den Traum und die darauf folgende Unterredung.
Vorlage S. 154
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»Er wollte mich also« – fuhr sie fort – »nicht allein entfernen, er zweifelte sogar an der Dauer seiner Empfindung, ja er sagte vorher: dass sie nicht dauern werde und könne. Wer, der da liebte, hat jemals Aehnliches versichert oder geahnet? – Bey wahrer Liebe ist schon der Zweifel unmöglich. Liebe hält sich für ewig, und ist es.«
Vorlage S. 154
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»Mädchen, woher weißt du das Alles?« – rief Iwanova.
Vorlage S. 155
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Woher? O Gott, ich liebe ihn ja!
Vorlage S. 155
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Jetzt erfolgte ein langes Stillschweigen. Iwanova blieb unbeweglich in tiefen Gedanken mir gegenüber, Maria eilte an das andere Ende des Zimmers, mir Erfrischung zu bereiten.
Vorlage S. 155
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Aber jetzt schien ich zu erwachen. Iwanova warf noch einen Feuerblick voll Rührung und Bewunderung auf Maria, entfernte sich dann schnell, die sorgenvolle Stirn mit der Hand unterstützend.
Vorlage S. 155
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Noch am selbigen Abend wurde eine spanische, mit durchsichtigem Zeuge bedeckte Wand in mein Zimmer gebracht, hinter welcher Iwanova mich und Maria Stunden lang beobachtete. Maria wusste das; aber es war nicht die geringste Veränderung in ihrem Betragen zu erspähen. Ach was konnte, was sollte das Engelherz auch verbergen!
Vorlage S. 156
552
Oft, wenn ich nun einschlummerte und Iwanova hervortrat, griff sie schnell nach Mariens Hand, zog sie mit Heftigkeit an das andere Ende des Zimmers und schien das, was ihr Innerstes bewegte, nicht mehr unterdrücken zu können. Aber plötzlich stand sie dann wieder unbeweglich, die Worte erstarben auf ihren Lippen und nur finstere, Unglück verkündende Blicke fielen auf das zitternde Mädchen.
Vorlage S. 156
553
Endlich war die Krankheit überwunden, und mit meiner Kraft kehrte mein Bewußtseyn auch wieder. Doch schien mir Mariens beständiges Umschweben, im Anfange nichts als ein beseligender Traum. Ach! dass nicht große schreckliche Sorgen, dass nicht blutige Welthändel mich beschäftigten, mir nicht jeden Lebensgenuß entrissen, dass ich sie, die ewig Theure! wie in stiller seliger Häuslichkeit, um mich, mit mir beschäftigt sah – musst' es mir nicht wie ein Traum erscheinen?
Vorlage S. 156
554
Die Krankheit hatte mich weicher, auch gegen mich selbst, gemacht. Ich schien mir losgerissen, freygegeben, nahe dem Lohne für tausendfältigen Schmerz. Ich begriff das Glück, dem ich entsagen wollte, ich sah, dass ich es, grausam gegen mich selbst, absichtlich meinem Auge entrückt hatte, um mich sicherer täuschen zu können. Ach, ich begriff, dass ich ein Mensch war und menschliche Rechte hatte!
Vorlage S. 157
555
Unwillig über diese absichtliche Verblendung schalt ich mich feige, ein Gut preis gegeben zu haben, nach dem die Weisesten trachten und beschloss nun es auf das äußerste zu vertheidigen.
Vorlage S. 157
556
Worte verriethen mich nicht; aber was bedurft' es der Worte! – O, wie wurde das Engelgesicht durch Erstaunen verschönt, wenn ich die liebe Hand, sie die mich dem Grabe entriss, an mein Herz zog, mit tausend Küssen bedeckte, und mein von Bewunderung, Dankbarkeit und Liebe trunkenes Auge den Blick des Himmelsauges verfolgte! Ich fühlte, dass ich lebte, ich war, ich bin entschlossen zu leben.
Vorlage S. 158
557
Die entscheidende Stunde rückt heran. Ich soll sie wiedersehen, sie, die mein Leben der Leidenschaft preis gab. Dass sie selbst mich zu sehen verlangt, zeugt von einer Verhärtung, die, wollt' ich noch einen Augenblick wanken, mir meine ganze Kraft wiedergiebt.
Vorlage S. 158
558
Sie kennt meine schwache Seite, sie wird sie benutzen wollen; aber auch darauf bin ich gefasst. Will sie mich dem Vaterlande entreißen; sie möge es verantworten. Ich will die Bürde wieder aufnehmen, deren ganze Last ich jetzt, da ich frei bin, erkenne. Ich will es; aber Maria ist mein, bleibt mein, oder ich rette diesen Schatz, mit ihm meine Freyheit, um welchen Preis es auch sei.
Vorlage S. 159
559
Morgen also! Wohlan! ich bin bereit.
Vorlage S. 159
560
Darauf war ich nicht gefasst! Ich weiß schon! Ihr werdet mich tadeln. Höret! höret! Ich sah sie, wie ich sie niemals gesehen! Werde ich Alles sagen dürfen? – flehend um das, was ich nicht geben kann – und wie flehte sie! – Nein! das sterbe mit mir! – Das ist mein Trost! das ist mein einziger Trost! dass sie die Liebe nicht kennt. Wie könnte sie sonst darum bitten? – sie für irgend einen Preis feil halten? Sie bot einen Thron. Das hat selbst sie, die doch einen Thron nicht überschätzen sollte, verblendet. Das wird Euch verblenden, wie sie.
Vorlage S. 159
561
Seht, es schmerzt mich, dass ich das im voraus schon weiß. Was soll ich weiter schreiben? Ich will Eure Antwort mit Eurem Tadel erwarten.
Vorlage S. 160
562
O, ich wußt' es vorher! Die Hoffnung Euch zu überzeugen, geb' ich auf. Aber glaubt Ihr wirklich, ich habe nicht Alles, was Ihr mir vorrechnet, erwogen? Von Pflicht schweiget nur! Das bitt' ich! »Sei es ein Rausch« – sagt Ihr – »möge er verfliegen, möge sie inne werden, dass es nichts war, als ein Rausch; Dir bleibt die Macht, ein Volk zu beglücken, das jetzt schon Retter Dich nennt.«
Vorlage S. 160
563
Groß gedacht! Auch schön gedacht? – Ich zweifle! Auch recht gedacht? – Nein! denn ich erkaufe diese – ich gebe es zu – verführerische Macht mit Betrug.
Vorlage S. 161
564
Ihr zuckt die Achseln, spöttisch und mitleidig, starrt unverwandt auf den Zweck und scheltet jeden kleinlich, der auf sich selbst zurück blickt. Ich nicht. Das ist der Unterschied. Er wird unter uns bleiben, wie er von jeher unter uns war.
Vorlage S. 161
565
O, glaubet mir! ich könnte Euern Gründen noch manche, die Ihr nicht ahnet, hinzufügen! Glaubt mir, ich begreife Euch! Dass Ihr mich nicht begreift, ist ein Unglück. Ich könnte ausruhen bey Euch, könnte mich nach dem schweren Kampfe Eures Beyfalls erfreuen. Auch das nicht! – Nun, es sei aufgegeben, wie so vieles.
Vorlage S. 162
566
Das war falsch! Das war Bestechung! noch dazu verschwendete Bestechung. Also glaubet Ihr, Maria halte mich? Maria müsse man bewegen, mich frei zu geben? O, wie Ihr das Engelherz verkanntet! Vergaßet Ihr, wie schnell sich ihre Liebe über Selbstsucht erhob? Wie sie hoffnungslos ihr ganzes Leben mir weihte? – Sagt ihr: sie müsse Der, die ich wähle, die nen, und sie tut es, Dienst und Dienstbarkeit adelnd.
Vorlage S. 162
567
Maria! Maria! sie kennen dich nicht! Werden sie dich begreifen, wenn sie dich kennen? – Und welche Beredsamkeit Ihr verschwendet an der Kunstlosen! Reinen! – Ach ich fühle ein ordentliches Mitleiden, dass Ihr so gar keinen Begriff von ihr habt! – Ich reicher! reicher! tausendfältig belohnter Mann! Ich kenne sie! verstehe sie! Jeder Blick dieses Himmelauges dringt bis in mein Innerstes und durchglüht es mit heiligem Feuer. Maria, ich lasse Dich nimmer! Du bist für die Ewigkeit mein!
Vorlage S. 163
568
Ob Iwanova Alles weiß? Ob ich die ganze Zukunft vergessend, ein bestimmtes Nein gewagt habe? – Eben die ganze Zukunft erwägend, habe ich Iwanova in den Fall gesetzt, dieses Nein selbst sagen zu müssen.
Vorlage S. 164
569
Sie fordert Liebe. Vorgeblich! – sagt Ihr. Desto schlimmer für Euch und für sie, wenn dem so ist. Aber dem ist wahrlich nicht so! Ohne die Liebe zu kennen, fühlt sie gleichwohl das Bedürfnis, geliebt zu werden. Kann ich dieses Bedürfnis befriedigen? – Nicht wahr, Ihr fühlt die Unmöglichkeit? – Diese Unmöglichkeit habe ich ihr vors Auge gerückt. »Wie vormals!« – ruft Ihr. Nein, nicht wie vormals. Noch freyer, noch offner. Was das gewirkt hat? – Eine Erniedrigung von ihrer Seite, die ich nicht erwartete. Welche? – Das fragt nicht! Eine Wuth, auf die ich gefasst war. Die Folge von dem Allen? – Meine Entlassung, die ich gefordert habe und die ich, wofern sie mir nicht bald gegeben wird, durch meine Abreise für überflüssig erkläre.
Vorlage S. 165
570
Unbesonnen und härter gegen sie, als ich jemals gewesen? Was hieße Euch wohl besonnen? Wie weich müsste ich Eurem Sinn nach wohl sein? – Ihr fürchtet. Was fürchtet Ihr? Ihr denkt an vormals. Aber vormals ist nicht jetzt. Mich schützt das Volk, was von ihr gefürchtet wird. Seid ruhig! sie krümmt mir kein Haar. Darf es nicht. Aber wenn sie es dürfte; ich rettete Maria und handelte wie jetzt.
Vorlage S. 166
571
O wenn sie begriffe, was ihrer Größe hier ziemt! Sie hat ja nur Leidenschaft, nicht Liebe zu bekämpfen. Oder wenn sie wahrhaft lieben könnte, wollte – welch ein herrliches Ende könnte das Alles noch gewinnen.
Vorlage S. 167
572
Unglückliches Volk! in welche Hände bist du gefallen! Ich glaubte mein Herz verschlossen; aber deine Leiden waren mir fern. Ach, ich sehe, dass ich mich abermals verkannte. Verlassen wollt' ich dich? – Kann ich es, o Gott! – Wer soll hier siegen? – Das Recht! das Recht! die Unschuld soll siegen! und sie, die das Recht, die Unschuld beugen wollte, sie soll nachgeben. Das schwöre ich mir selbst.
Vorlage S. 167
573
Sie ließ mich rufen; denn die Verwirrung war aufs äußerste gestiegen. Ihr Blick war unstät, oft schrecklich. Sie winkte mir, und ich nahte. »Du musst« – sagte sie endlich mit dumpfer, kaum vernehmlicher Stimme – »Du musst die Geschäfte sogleich übernehmen. Das Vaterland, Dein Vaterland braucht schleunige Hülfe.«
Vorlage S. 168
574
»Monarchinn!« – erwiderte ich ebenfalls mit gedämpfter Stimme; aber zugleich mit Festigkeit – »ich fühle das ganze Gewicht dieser Worte. Aber zu dieser schleunigen Hülfe bedarf es der Kraft. Sie gebricht mir, wofern ich die lauten und gerechten Forderungen meines Herzens nicht befriedige.« – Ein Blick aus ihrem Flammenauge würde mich hier, wär ich nicht fest entschlossen gewesen, verwirrt haben. Aber ich fuhr fort: »Maria rettete mein Leben. Ihr und dem Vaterlande werde ich es widmen. Müssen die Geschäfte sogleich von mir übernommen werden; so muss noch heute meine Verlobung sein, morgen meine Vermählung mit Marien vollzogen werden.«
Vorlage S. 169
575
Dass ich diese Worte je sprechen würde, muss sie für unmöglich gehalten haben. Das sah ich an der fürchterlichen Wirkung, die sie hervorbrachten. Ihr ganzer Körper wurde convulsivisch erschüttert. Doch mussten sie gesprochen werden diese Worte. Sie sind es nun. Heute! – Morgen! – Schneller als ich dachte. Maria! Maria! so hab' ich nun dein Schicksal bestimmt! –
Vorlage S. 170
576
Dieses die letzten Zeilen Alexanders an seine Verwandten. Sie hatten ihm Unbesonnenheit und Härte, leider mit Recht, vorgeworfen. Er, der sonst immer Herr seiner selbst blieb, konnte jetzt den Widerwillen gegen die Feindin nicht unterdrücken. Oder vielmehr sie erschien ihm als Feind, seitdem ihre Leidenschaft durch That sich geäußert, ein männliches Ansehen bekommen hatte. So setzte er nun Kraft gegen Kraft, und Härte schien ihm Gerechtigkeit.
Vorlage S. 170
577
Aber diese Härte brachte die Unglückliche auf das Aeußerste. Sie suchte Gehülfen zur Befriedigung ihrer Rache, und fand sie in Allwina und Thibaldy. Perçy, der schon lange seine Liebe dem größern Mitwerber geopfert hatte, ahnete ein schreckliches Geheimnis und eilte zu warnen. Vergebens! Man entdeckte und verhinderte es.
Vorlage S. 171
578
So wurde dann Alexanders und Mariens Vermählung mit der größten Pracht vollzogen; aber das Brautbett war vergiftet. In der schönsten Nacht des irdischen Lebens, erhoben sich ihre Geister zu den Sternen.
Vorlage S. 172
579
»Du bist bey mir, ich bin bey Dir,
Vorlage S. 172
580
»Bis an mein Lebens Ende.«
Vorlage S. 172
581
So sang Maria noch zu ihrer Laute, eine Stunde vor der ewigen Vereinigung mit Alexander.
Vorlage S. 172

Nach dem Lesen

Dein Blick auf das Kapitel

10er-QuizZitate verstehen · Zusammenhänge erkennen · Lernpunkte sammeln10 Fragen

Eine Antwort ist jeweils richtig. Lies den Textbeleg aufmerksam. Bei einer falschen Antwort kannst du es erneut versuchen.

Angemeldet zählen richtige Antworten für deinen Lernstand. Als Gast übst du ohne Kontopunkte.

Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.

1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Dann schoss ein Blick aus ihrem Flammenauge …«

Eine Antwort ist richtig.

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3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »deswegen« in diesem Textausschnitt? »Dass die Orgel, die schöne Kirche, der vereinigte Nonnengesang wesentliche Bestandtheile der geschilderten Seligkeit ausmachen, dass eben deswegen die Gefahren der Welt sehr fürchterlich dargestellt werden – bemerkt man dies auch mit unwillkührlichem Lächeln; so fühlt man sich dennoch für den Augenblick hingerissen.«

Eine Antwort ist richtig.

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4. Welcher Ausschnitt enthält ausdrücklich einen Grund oder eine daraus gezogene Folge? Achte auf ein ausdrücklich genanntes Signalwort.

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5. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »entweder« in diesem Textausschnitt? »So übertrift dann Alexander seinen Vater entweder an Offenheit, oder an Einsicht, und so muss das Schicksal seiner Gattin, von dem seiner Mutter ganz verschieden sein.«

Eine Antwort ist richtig.

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6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse. A: »Graf Perçy ist nicht mehr werth als Mann, wie Maria als Mädchen.« B: »Ach! sie mißverstand mich abermals und freute sich ihres Sieges.« C: »Führte dann Perçy zu Maria, die uns voll heiterer Unschuld entgegen kam.«

Eine Antwort ist richtig.

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7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Ich träumte, wir wären in einem wunderschönen …«

Eine Antwort ist richtig.

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8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »»Nein!« – rief sie, und wollte mir wieder zu Füßen sinken; aber ich hielt sie fest gedrückt an meiner Brust, und fuhr fort: »Als Ihr Herz nur für alles Große und Schöne, und keiner vorzüglich lebhaften Empfindung für mich […] war, schon da liebte ich Sie, und war schwach genug, Raphael um seine Rosen zu beneiden.«

Eine Antwort ist richtig.

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9. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Schon fühlt' ich das […] Feuer in meinen Adern.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

10. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Dass sie selbst mich zu sehen verlangt, zeugt von einer Verhärtung, …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗
Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

1. Lies den Abschnittsbeginn: »Ich bin angekommen. Ob sie ihrem Rufe entspricht? O ja! viel Geist, viel Würde, und dennoch viel Milde – mehr als ich erwartete – dann aber auch viel Selbstvertrauen. Das ist kein Tadel. Was wäre sie, was […]« Welche Informationen sind hier bereits sicher, und welche Frage bleibt für dich offen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne zwei Informationen, die sich tatsächlich aus dieser Passage ableiten lassen.
  • Trenne eine eigene Frage oder Vermutung klar vom Textbefund.
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2. Fasse diese Textstelle in eigenen Worten zusammen: »So soll ich das Kostbarste dann Preis geben? dem Leichtsinn? der Verführung? – Doch muss der Kampf einmal gewagt sein, bald gewagt, damit mir die Kräfte nicht fehlen. Das weiß ich, das fühl' ich, und warte […]« Was ist für ihr Verständnis besonders wichtig?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Gib die zentrale Aussage oder Situation wieder, ohne etwas hinzuzuerfinden.
  • Nenne eine Einzelheit aus der Passage, auf die sich deine Zusammenfassung stützt.
Textstelle nachlesen ↗

3. Prüfe, ob es in dieser Passage um Gerechtigkeit oder Verantwortung geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »Sie mögen in einem gewissen Sinne Recht haben, und darum will ich Ihren Glauben nicht wankend machen. Halten Sie den Mann immer für so gut und so groß, wie Sie es bedürfen.«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

4. Prüfe, ob es in dieser Passage um Wahrheit oder Vertrauen geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »Doch scheint es mir, als komme es gerade jetzt auf eine Wahrheit an, welche unter allen Umständen dieselbe bleibt.«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

5. Prüfe, ob es in dieser Passage um Angst oder Unsicherheit geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »Sie eilte fort, zitternd und glühend vor Zorn.«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

6. Prüfe, ob es in dieser Passage um Nähe oder Gefühle geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »»Ach, mein geliebter Vater!« – sagte Maria, nachdem sie bestürzt eine Weile geschwiegen hatte – »Wär' ich doch bey Ihnen! bey Ihnen allein! Fern von diesen Menschen! – O Gott, seitdem ich hier bin, fühl' ich eine Angst! eine Beklemmung!««

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

7. Vergleiche diese beiden Stellen: »So soll ich das Kostbarste dann Preis geben? dem Leichtsinn? der Verführung? – Doch muss der Kampf einmal gewagt sein, bald […]« und »Ihr Urteil war Ihrer jedesmaligen Empfindung angemessen. »Geliebte,« – sagt' ich, ihre Hand ergreifend – »Iwanova verdient […]«. Welche Gemeinsamkeit oder welchen Unterschied kannst du am Wortlaut zeigen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne eine nachvollziehbare Gemeinsamkeit oder einen Unterschied.
  • Belege beide Seiten des Vergleichs; unterstelle keine Entwicklung, die der Text nicht zeigt.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗

8. Am Abschnittsende steht: »»Du bist bey mir, ich bin bey Dir, »Bis an mein Lebens Ende.« So sang Maria noch zu ihrer Laute, eine Stunde vor der ewigen Vereinigung mit Alexander.« Was ist hier geklärt, und was bleibt offen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf den Schluss dieses Abschnitts, nicht auf dein Vorwissen über das ganze Werk.
  • Falls die Stelle nichts eindeutig klärt, begründe auch das mit dem Text.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

9. Prüfe deinen ersten Leseeindruck an Anfang und Ende: »Ich bin angekommen. Ob sie ihrem Rufe entspricht? O ja! viel Geist, viel Würde, und dennoch viel Milde – mehr […]« / »»Du bist bey mir, ich bin bey Dir, »Bis an mein Lebens Ende.« So sang Maria noch zu ihrer Laute, eine Stunde […]«. Würdest du deine erste Einschätzung jetzt verändern? Begründe.

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne deine ursprüngliche Einschätzung oder Leseerwartung.
  • Verwende mindestens einen Textbeleg für deine jetzige Einschätzung.
  • Sowohl eine veränderte als auch eine bestätigte Einschätzung ist möglich.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗
Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »O ja! viel Geist, viel Würde, und dennoch viel Milde – mehr als ich erwartete – dann aber auch viel Selbstvertrauen.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
  • Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
  • Kennzeichne deine Ergänzungen als erfunden.
Textstelle nachlesen ↗

Niveau 2 · Vertiefung

2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »»Das wäre herrlich!« – rief sie, meine beiden Hände ergreifend.«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
  • Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
  • Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
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Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »So sang Maria noch zu ihrer Laute, eine Stunde vor der ewigen Vereinigung mit Alexander.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
  • Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
  • Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Textstelle nachlesen ↗

Ausgabe, Herkunft und Rechte

Originalautor vor 1956 verstorben. TextGrid kennzeichnet die zugrunde liegenden reinen Texte als gemeinfrei; Struktur und Metadaten unter CC BY 3.0 DE mit Namensnennung TextGrid und www.editura.de. Das Werk Der Günstling von Fischer, Caroline Auguste ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de, und wird unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland veröffentlicht. Der zugrunde liegende literarische Reintext ist gemeinfrei. TextGrid wurde vom BMBF gefördert (Förderkennzeichen 01UG1203A).

Die Extraktion erfasst alle Textpositionen der gelieferten Quelldatei; dies ersetzt keinen vollständigen Vergleich mit dem historischen Druck. Offene Kapitelaufgaben dienen der Selbstprüfung und sind keine automatisch bewertete Interpretation.

Der Günstling

Karoline Auguste Ferdinandine Fischer: Der Günstling. Von der Verfasserin von Gustav Verirrungen und der Honigmonathe, Posen und Leipzig: Johann Friedrich Kühn, 1809. Fischer, Caroline Auguste 1- Posen und Leipzig

Das Werk Der Günstling von Fischer, Caroline Auguste ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.

Quelltext und Ausgabe ↗ · CC BY 3.0 DE; reine Originaltexte gemeinfrei Lizenz

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?

Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.