Ein abgelegenes Dorf im Hohen Venn wird durch die Einrichtung eines militärischen Übungsplatzes verändert. Armut, Abhängigkeit, persönliche Beziehungen und religiöse Bindungen verbinden sich zu einem Bild des sozialen Umbruchs.
RomanKlasse 9–10 · 11–1316 Abschnitte
Historisches Bildnis von Clara Viebig — Bildnis zur Autorschaft; keine Szene aus dem Buch. · Urheber unbekannt · Public domainBildquelle ↗
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In die Enge der Gassen war die Sonne noch nicht hinabgedrungen. Oben auf der Ley, wo das Kapellchen beim Kirchhof steht und Tannen ihre Wipfel über den Garten des Todes recken, glänzte sie schon; hell beschien sie die geweihten Ruhestätten derer, die man hier hinaufträgt in Frühlingsluft wie in Sommerglut, in Herbstschauern wie in Winterschnee. Jeden einzelnen auf den Schultern. Denn tief unten im Talspalt liegt die Stadt, neben den Fluss gequetscht, ein Haufe altersgedunkelter Schieferdächer. Zwei schmale Längsstraßen nur hat sie. Finster blickt der verfallene Wachtturm auf Kirche und Apotheke am Markt nieder. Und von der anderen Seite am jenseitigen Berghang schaut die alte Burg herunter auf die schieferigen, schlüpfrigen Treppenplatten, die aus dem Märchen des Mittelalters hinabführen in die enge Wirklichkeit: in den Alltag der Bürgerhäuser und der klingenden Ladentürchen, der rauchenden Fabrikschlöte und der gellenden Dampfpfeife; des murmelnden Betens der Lumpensortiererinnen und des regelmäßigen Geplappers vieler nägelbeschlagener Schuhe auf spitzigem Pflaster; des gemütlichen Schwatzens der Skatbrüder beim Schoppen, des Weibergeträtsches und des Sporenklirrens der Herren vom Schießplatz, die ihre freie Zeit benützen zu einer Flasche Sekt und einem guten Diner bei der schönen Helene im »Weißen Schwan«.
Der Weiße Schwan war heute so wie immer der Sammelplatz. Vor seiner verschnörkelten Barocktür, darüber der Schwan, künstlich aus Kupferplättchen gehämmert, schon ein Jahrhundert sich schaukelt, drängten sich die Herren. Alle in Zylindern und schwarzen Röcken; doch auch einige Uniformen waren unter dem feierlichen Schwarz.
»Armer Kerl,« sagte Adjutant von Scheffler, der eigens vom Platz herunterbeordert worden war, das Offizierkorps zu vertreten. »War immer höchst fidel und wusste sich doch dabei in den ihm zukommenden Grenzen zu halten. Und engherzig in keiner Weise – nee, wahrhaftig nicht!« Er lächelte flüchtig.
Der junge Leutnant Abeking lächelte auch. Die Augen halb schließend, blinzelte er in den jetzt schnell in die Gasse niedersteigenden Sonnenschein; er konnte das Lächeln nicht unterdrücken, das ihm kam, wenn er der vorigen Sonntagnacht gedachte, in der die schöne Helene bei einer fröhlichen Bowle ihm Blicke zugeworfen hatte – Blicke! Und ihr Fuß hatte den seinen gesucht, und neben ihn war sie gerückt, hatte sich gar nicht mehr um die andern gekümmert, hatte ihm zugetrunken und ihr Knie an dem seinen gerieben! Noch jetzt fühlte er, wie der Strom Leben, der von ihr ausging, ihm durch den Körper rieselte. Und der dicke Wilhelm hatte sein behagliches Lachen dazu gelacht und listig geblinzelt und noch an kein Arg gedacht. Dass der so schnell hatte sterben müssen!
»Am Suff ist er gestorben,« sagte jetzt plötzlich jemand ganz laut. Das war der Tierarzt. Verschiedene lächelnde und auch einige unwillige Gesichter wendeten sich dem kleinen, untersetzten, immer echauffiert aussehenden Manne zu: natürlich, der Dreiborn konnte wieder seinen Mund nicht halten! Aber diesmal hatte er recht!
Und nun wusste der Apotheker auch Näheres: Herz und Nieren waren längst krank gewesen, der Doktor hatte ihm immer schon Wein und Bier verboten. Aber beides im Keller, und dann nicht davon trinken dürfen! Der dicke Wilhelm hatte eben weiter getrunken, bis ihn die Helene, als sie vergangene Sonntagnacht, sehr spät – na, eigentlich war’s grauender Montagmorgen – nach oben kam, röchelnd im Bett fand.
»Unglücklich?!« Der Tierarzt ließ ein Lachen vernehmen, so laut, dass Abeking verletzt zusammenzuckte. Er sah sich verlegen um, aber heute schien der Tierarzt keinen Anstoß zu erregen; überall gleichgültige, wenn nicht heitere Mienen. Man unterhielt sich zwanglos. Nur als jetzt der Landrat, vom Amt her, eilig über die Gasse schwenkte, zusammen mit dem Bezirkskommandeur, legten sich die Gesichter in ernstere Falten. Man grüßte.
Der Landrat dankte verbindlich. Aber es war eine gewisse Unsicherheit in seinem Gruß; sein kluges, vornehmgeschnittenes Gesicht zeigte einiges Unbehagen. Das war eine recht mißliche Geschichte, zu diesem Leichenbegängnis zu gehen! Der Landrat hinter dem Sarg eines notorischen Säufers! Aber die schöne Helene würde ihm sein Fernbleiben nie verzeihen, und dann – er warf einen raschen Blick über die Gasse – sie waren ja alle gekommen! Da waren der Kreisphysikus und der zweite Arzt, der Bürgermeister, der Notar, der Amtsrichter, der Bauinspektor, der Apotheker und so weiter – ah, sieh da, selbst Schmölder von der Tuchfabrik! Und dann die Herren vom Militär.
Das gab ihm Sicherheit. Er richtete flüchtig ein paar Worte an die Ärzte, an den Bürgermeister, den Notar, den Amtsrichter, den Bauinspektor, den Apotheker und so weiter, um dann mit dem Fabrikanten, dem reichsten Mann des Orts, ein paar Schritte zur Seite zu treten. Sie unterhielten sich eine Weile halblaut, langsam dabei auf und nieder gehend. Sie mussten lange warten.
In diesem Augenblick fingen die Glocken der Kirche dumpf an zu läuten; es öffnete sich die verschnörkelte Barocktür. Beide Flügel wurden weit aufgeschlagen, von innen drang ein Schluchzen heraus auf die Gasse. Die Herren vor der Tür gaben den Durchgang frei. Wie sich die Helene hatte!
Hinter der Geistlichkeit, die mit Kreuz und Weihrauchduft die Stufen des Schwans hinabschritt, schleppten die Träger den Sarg heraus. Er war lang und breit, kaum konnte er durch die Tür; der Verstorbene war groß und schwer bei Leibe gewesen. Die vier, die ihn trugen, blickten schier bänglich: würden sie’s schaffen, bis die vier anderen sie ablösen? Sie hoben den Sarg auf die Bahre, der Zug setzte sich in Bewegung, Kinder mit Kränzen vorauf. Dicht hinter dem Sarg trug der Deputierte des Schützenvereins das Kissen mit sämtlichen Preisen und Ehrenzeichen; Wilhelm aus dem Schwan war, ehe noch seine Hand so zitterte, ein berühmter Schütze gewesen, totsicher hatte er allemal getroffen. Jetzt hatte der Tod ihn sicher getroffen. Die Witwe hatte laut aufgeschluchzt, als der Deputierte des Schützenvereins ihr mit diesen Worten, wohl gesetzt, seine Kondolation dargebracht hatte. –
Unablässig, sich immer wieder erneuernd, klang das murmelnde Beten. Die Glocke dröhnte mächtig dazu, mit gemessenem, schwerem Anschlagen. Vor einer langen Reihe schwarzgekleideter Frauen her wankte die Witwe. Man konnte ihr Gesicht nicht sehen; sie hielt es verborgen hinter dem schwarzgeränderten Taschentuch, das sie sich vor die Augen presste, und hinter dem dichten Kreppschleier, der, vorn und hinten, lang bis zum Saum des schleppenden Kleides, niederfiel.
Sie schien wirklich aufrichtig betrübt! Der kleine Leutnant machte einen langen Hals, aber er konnte nichts von ihr erblicken, als über der Pelzboa ein Streifchen der Haut im Nacken, die trotz des schwarzen Schleiers weiß schimmerte, und ein Weniges von dem blonden Haar, das ein Strählchen der Morgensonne jetzt vergoldend küsste.
Die Chorknaben schwangen den Weihrauchkessel. Der Sonnenglast drückte nieder, es war trotz früher Jahreszeit eine schwere Luft in der Gasse. Der Weihrauchdunst konnte nicht höher steigen als bis zum ersten Stockwerk der schieferbekleideten, hochgegiebelten Häuser, die in zwei gepressten Reihen sich so nahe gegenüberstehen, dass sie sich bis ins Herz hineinsehen können.
An allen Scheiben Neugierige. Über Töpfe mit blühenden Zimmerblumen weg reckten sich Mädchenköpfe aus geöffneten Fenstern. »Ha, ’ne finge Liechezog, ’ne finge jruße!« Die Helene konnte sich wirklich was einbilden; wer da alles mitging! Sie machten sich gegenseitig aufmerksam auf den und jenen: »Jesses Maria un Jusep, nee, ooch der Landrat!« Ein hübscher Herr und sehr vornehm, der von Mühlenbrink! Ein schöner Mann! Beinahe so schön wie der von Scheffler mit dem aufgedrehten Schnurrbart. Der kleine Leutnant konnte dagegen nicht an, von den anderen gar nicht zu reden.
Als fühlte Landrat von Mühlenbrink alle auf ihn gerichteten Blicke, so ging er, behutsam, mit kleinen Schritten. Er sah nicht auf. Es genierte ihn doch etwas, hinter diesem Sarge herzugehen. Aber was tut man nicht! Hier hieß es, mit den Wölfen heulen, und des war er sicher, heute würde seine Popularität erheblich steigen. Auch hierdurch macht man sich Stellung. Und er wollte sich Stellung machen, um jeden Preis. Ein Landrat, der in seinem Kreise populär ist, ist wie ein König. Und dieser Kreis war interessant genug, er stellte Anforderungen, er brauchte eine ganze Kraft. Und war er denn nicht diese Kraft? Gewiss! Sonst hätte man ihn doch nicht hierhergesetzt. Er war noch jung, es war eine Auszeichnung – einen so großen Kreis! Es gab hier vieles zu schaffen; vorerst galt es einmal mit dem alten Schlendrian aufzuräumen, in diese teils kleinstädtische Enge, teils verdummte Bäuerischkeit Licht und Luft zu bringen. Und dann –?! Er hob den Kopf. Wenn es erst hieß: »das hat unser Landrat ins Leben gerufen, das haben wir dem zu verdanken – unser Landrat, unser Landrat« – ah, was ließ sich auf diesem so lange verabsäumten Boden nicht noch alles schaffen, ins Leben rufen! Ein tiefer Atemzug wölbte seine Brust. Eine Fülle segensreicher Einrichtungen! Unwillkürlich reckte er sich: nein, er vergab sich nichts, hinter diesem Sarge herzuschreiten; das schaffte Vertrauen, und Vertrauen muss sich einer erwerben, der wirken will! Sie gingen ja auch alle mit – wahrhaftig, da hinten ja auch der Bürgermeister von Heckenbroich!
Er hatte sich flüchtig umgesehen, ihm war, als ruhe ein langer, fester Blick ihm im Rücken, und er hatte sofort den Mann bemerkt, der die anderen, die vor und neben ihm schritten, um Haupteslänge überragte. Den musste er doch gleich nachher einmal abfassen! Der machte sich ja so rar hier unten!
Der Zug, unter Gebet und Glockengeläut, war jetzt zur Stelle gelangt, wo der Weg sich teilt. Rechts steigt das Gäßchen zum Kirchhof hinan, links führt eine Straße zum Bahnhof hinauf. Hier, wo die Träger wechseln, pflegen die abzuschwenken, die der Höflichkeitspflicht Genüge getan haben; nur die nächsten Leidtragenden folgen in schmaler Prozession, wie ein schwarzer Wurm unter den fast überhängenden letzten ärmlichsten Häusern des Städtchens hinkriechend, der Leiche die steile Felsstiege hinan. Schon drückte sich da einer und dort einer; man pflegte das meist heimlich zu tun, wie unabsichtlich ein wenig zurückbleibend, aber heute verstellte ein Trupp Männer die rettende Ecke.
Sie standen da und gafften mit stumpfen Augen den Zug an. Fünfzehn Männer in Drillichkitteln; einer wie der andere mit geschorenem Kopf. Und bei ihnen, mit dem Falkenauge sie überwachend, ein schwarzer Kerl, nicht vertrauenerweckender als sie; auch in einer ihren Kitteln ähnelnden Drillichjacke, in Militärhosen und mit einem Karabiner über dem Rücken. Das war der Aufseher, und das waren die Gefangenen.
Aha! Der Landrat kniff die Augen halb zu und trat dann rasch näher. Da war ja der avisierte Kolonisationstrupp! Schon?! Er hatte die Leute eigentlich etwas später erwartet. Aber auch gut so, das Wetter war ja fast frühlingsmäßig, als ob es schon April wäre und nicht erst März. Es konnte immerhin begonnen werden! Mit der Miene des Vorgesetzten musterte er den Aufseher. Der Mann gab ruhig seinen Blick zurück.
»Ich habe mich bei der Polizeibehörde zu melden.« Eine gewisse Unlust knurrte in des schwarzen Mannes Stimme, man merkte es ihm an, er liebte es nicht, ausgefragt zu werden.
»Ich bin die Behörde,« sagte der Landrat scharf. Er ärgerte sich über die knappe Antwort dieses Menschen und winkte hochmütig ab: »Sie können jetzt gehen. Ich werde mich bald davon überzeugen, wie die Sache vorangeht!«
»Zu Befehl!« Des Schwarzen scharfes Auge, das hell war, graugrün, mit einem dunklen Ring um den Augapfel wie bei einem Falken, flog über die Drillichkittel; mit einem einzigen Blick umfasste er sie alle. »Marsch!«
Die fünfzehn, ohne einen Moment des Besinnens, schulterten ihre Bündel, die sie im Stehen hatten sinken lassen. Trapp, trapp. Hart klapperten ihre groben Schuhe auf dem Steinpflaster.
Wie ein bissiger Hund, der seine Herde bewacht, bald nebenher, bald hinterher, lief der Aufseher. Finster waren die Blicke, die er auf neugierige Gaffer in der Straße schoß. Was blieben sie denn stehen und glotzten ihn und seine Kerls an? Es lief mancher Halunke noch frei in der Welt herum, der eigentlich hier zwischen die Drillichkittel gehörte!
Der Landrat stand noch und besann sich, ob er den Mann nicht noch einmal zurückrufen und ihm noch einige Instruktionen geben sollte, als auch schon der Trupp um die Krümmung der Längsstraße verschwunden war.
»Stramme Kerls, was?« sagte der Platzkommandant und stellte sich neben dem Landrat auf. »Und gedrillt wie Rekruten. Der Schwarze ist natürlich Unteroffizier gewesen; merkt man gleich, noch gute militärische Zucht drin!«
Der andere lachte. »Alle Unteroffiziere sind grob, müssen grob sein, sonst sind sie nicht zu gebrauchen. Ich gehe jetzt zum Frühschoppen, kommen Sie mit? Fatal, mit dem Schwan ist’s heute nichts, wir müssen uns schon mit der Gans begnügen!« Der gemütliche Herr belachte seinen Witz. »Sie sind ja heute so schlechter Laune, Mühlenbrink, was ist denn los?«
»Äh, was, Geschäfte! Adieu!« Der alte Major schwenkte hinüber in das andere Gasthaus, dessen Wirt schon in der Türe stand und sich für heute, da der Schwan geschlossen blieb, viel Zuspruch erhoffte.
Einer der Leidtragenden nach dem andern verschwand im Bierlokal. Nur der, auf den Mühlenbrink, langsam die Gasse hinabschlendernd, wartete, spazierte noch immer nicht in die Wirtshaustür. Wo steckte denn der Bürgermeister von Heckenbroich? War er am Ende mit bis zum Kirchhof hinaufgegangen?
Der Landrat war schon ein paarmal bis zum Gäßchen zurückgeschritten und hatte ungeduldig den Weg emporgesehen, der, teils in Treppenstufen, teils über schieferige Platten führend, zur Kirchhofsley ansteigt. Ein paar Eidechschen schlüpften, vom stechenden Frühlingsschein hervorgelockt, über die Gasse und verschwanden schwänzelnd in den Spalten des bröckligen Mauerwerks, über das das Obergeschoß der Häuschen weit vorspringt.
Mit rüstigem Schritt, den rauhhaarigen Zylinder in der Hand tragend, kam jetzt der Bürgermeister von Heckenbroich die Gasse herunter. Man sah es, er war mit bis oben gewesen, seine Stirn war feucht von Schweiß.
»Zuviel Ehre für mich!« Der bäuerliche Mann wischte sich ruhig mit der flachen Hand den Schweiß von der Stirn und setzte dann den altmodischen Zylinder wieder auf. »Darf ich fragen, was der Herr Landrat von mir wissen möcht?« Das frische Gesicht unter dem schon ergrauenden Haar blieb ganz unbewegt. In den klaren Augen, die den andern frei ansahen, konnte man nur eine gewisse erstaunte Frage bemerken, aber nichts von der Ironie, die doch das misstrauische Ohr aus dem Ton der Stimme zu hören geneigt war.
»Ich – ich? Wissen?« Mühlenbrink lachte ein wenig nervös. »Nein, wissen will ich garnichts von Ihnen. Aber wie steht’s denn eigentlich bei Ihnen oben? Was denken Sie, wird es viel Futter geben, dies Jahr? Und wie ist der Gesundheitszustand?«
»Sehen Sie, da wollen Sie ja als wat wissen!« Leykuhlen lachte ungeniert. »Und wat viel auf einmal. Herr Landrat, dat weiß nur der Himmel. Dat Frühjahr lässt sich trocken an, diesen Winter haben wir auch ausnahmsweis wenig Schnee jehabt; wird wohl knapp mit Wasser werden dies Jahr!«
»Wat tut dat zur Sach! Wasserleitung – wat soll die wohl unserm Jras nützen?! Ob wir viel Futter kriegen oder wenig, da ändert kein Wasserleitung wat dran!«
»Aber für den Gesundheitszustand ist es doch höchst wichtig. Ich bitte Sie, lieber Freund, diese veralteten Brunnen! Bauen, bauen, nicht so rückständig sein! Eine Wasserleitung bauen, schleunigst!«
Der andere triumphierte. »Sie haben aber doch eine so große Kirche gebaut – ein Dorf solche Kirche – schöner Unsinn! Für die hundertfünfundsiebzigtausend Mark – oder wieviel war es doch gleich, was die Gemeinde vom Militärfiskus für Abtretung des Weidelandes bekommen hat? – na, eine anständige Summe jedenfalls. Die Gemeinde konnte auf einen grünen Zweig kommen. Statt dessen – zu dumm, zu dumm!«
Kontextbild zum Werk. Historisches Bildnis von Clara Viebig — Bildnis zur Autorschaft; keine Szene aus dem Buch. · Urheber unbekannt · Public domainBildquelle ↗
»Übrigens ist die Kirch nit von dem Jeld jebaut, Sie irren, Herr Landrat! Dafür haben wir jespart, jespart, schon seit Jahrzehnten. Aus freiwilligen Beiträgen ist sie erbaut. Et ist uns en Herzenssach jewesen. Dat Jeld vom Militärfiskus haben wir noch!«
»Sie sind wirklich der einzig vernünftige Mensch hier,« sagte der Landrat halblaut und legte vertraulich dem großen Mann seine Hand auf den groben Tuchrockärmel. »Kommen Sie ein bisschen mit mir, wir trinken ein Glas Wein bei mir zu Haus. Hier wird einem ja aus jedem Fenster zugehört!«
»Ich danke, Herr Landrat!« Leykuhlen machte sich frei und lüftete den Zylinder. »Aber ich bin heut zu sehr pressiert. Die beste Kuh will kalben, da muss der Uehm[1] selber zu Haus sein. Empfehle mich!«
Fort war er. Wie ein verdutzter Knabe sah der andere ihm nach. Wieder ausgewichen! Eine Röte stieg ihm in die Stirn. Im Grunde ein eingebildeter Patron – wenn man ihn nur nicht so nötig brauchte! Kein Mensch hier, bei dem man sich bessere Informationen über Land und Leute holen konnte. Und keiner, der soviel Einfluss hätte bei diesen Bauern. Man musste ihn für die Wasserleitung zu gewinnen suchen – diese war durchaus nötig. Das Geld hatte die Gemeinde also doch noch nicht ganz verplempert? – die Regierung würde zusteuern – es wäre wirklich ein kolossaler Erfolg, könnte man die Wasserleitung durchsetzen! – – – –
Mit starken Schritten weit ausholend hatte Bartholomäus Leykuhlen das Pflaster bald hinter sich. Gott sei Dank, da war er in der Au! Er schüttelte sich und atmete tief auf. Noch einmal schaute er zurück, wie etwas Unangenehmem glücklich entronnen.
Er schlug den Fußweg nach Heckenbroich ein. Zwischen gewaltigen Tannen, an deren Ästen lange Bärte von Moos hängen, führt der steinige Pfad jäh bergan, während die Fahrstraße noch unten im Tal bleibt, um erst bei der Schmölderschen Fabrik in großen Kehren langsamer nach oben zu steigen.
Unten im engen Tal in einem Felskessel eingepreßt blieb das Städtchen zurück, mit seiner überragenden Burg, mit seinen Treppen und Treppchen, seinen Winkeln und Gäßchen, mit seinen hoch an den Felsen hängenden, auf Ziegenpfaden nur erreichbaren Gartenfleckchen, mit seiner ganzen mittelalterlichen Aufeinandergebautheit, mit seinem düsteren Blau und Grau von altersgedunkeltem Schiefer und verwittertem Felsgestein.
Der Landmann schüttelte den Kopf: wie man das nur schön finden konnte und malerisch! Ihm konnte das gar nicht gefallen. Wenn es nicht des Wilhelms wegen gewesen wäre, den er doch kannte, seit er als Junge mit seinem Vater selig zur Kirmeß oben auf den Hof gekommen war, um ein Stück Reiskuchen zu essen, – weiß Gott, er wäre heut nicht da heruntergekrochen. An so einem lichten Tag erst recht nicht!
Der grauhaarige Mann fing an zu pfeifen wie ein Knabe. Wie warm das schon war! Wunderschön! Der Himmel rein blau, ohne Wolken, wie gefegt; und immer klarer der Sonnenschein, je weiter man von dem Neste abkam. Leidiges Pflaster! Und was dem Mühlenbrink nun schon wieder einfiel! Leykuhlens Stirn umwölkte sich. Fing der schon wieder an zu tripelieren?! Gesundheitszustand – veraltete Brunnen – ja wohl! Leykuhlen lachte auf und fing dann an, laut zu sprechen, als ging noch einer neben ihm: »Wat de sich denkt! So dumm sind wir nit, unser jut Jeld eso eraus zu schmeißen! Wasserleitung – ha, ha!« Er lachte wieder. »De is wohl jeck! Unsere Brunnen sind jut; Wasser drin kalt und klar. Un wenn et emal knapp is – no, Wasserleitungswasser würd doch kein Bauer trinken, wer weiß, wat da für ’ne Dreck drin is! Jesundheitszustand, Jesundheitszustand – jesund un krank, dat steht in Jottes Hand. Dat verjißt der Herr Landrat!«
Der Bürgermeister von Heckenbroich blieb stehen und ließ seine Augen mit Wohlgefallen schweifen. Wie schön war dieses Land, diese mißachtete Eifel! Und auch gesund. Fünfzig Jahre stand er nun schon auf dieser Erde, hatte die langen Winter und die noch längeren Regenzeiten über sich hingehen lassen, hatte vom einsamen Hof, weit draußen am Schieferbruch, wo er aufgewachsen war, täglich eine Stunde Marsch zur Dorfschule gehabt und eine wieder zurück, sowohl im Sonnenbrand als wenn der Westwind schnaufte; war tropfnaß geworden und wieder trocken, und war doch alle Zeit gesund gewesen bis auf den heutigen Tag. Er streckte den Arm aus, an dem die Muskeln kraftvoll schwollen, und schlug sich dann auf die Brust. Das war ein Brustkasten! Noch einmal. Der Arm hier konnte frei in der Schwebe an die hundert Pfund halten ohne zu zittern – das Mariechen war ihm auch nicht zu schwer! Er freute sich an der eigenen Kraft.
An der Wegseite, hinter einem großen Felsbrocken, den die Ley, deren Nase schroff über die Tannenwipfel ragte, heruntergespuckt zu haben schien, saß ein Mann. Dieser sprang jetzt lebhaft auf: »Tag, Leykuhlen! Kennen Sie mich noch? Ich habe Sie schon von weitem erkannt!«
Der andere blickte einen Augenblick verwundert, das »Du« war ihm doch ungewohnt, nachdem man sich so viele Jahre nicht gesehen hatte. Aber er fand sich in den Ton. »Bärtes«, sagte er herzlich, und ein liebenswürdiges Lächeln verschönte sein Gesicht, »das ist wahrhaftig nett von dir, dass du mich noch kennst. Mich haben nicht viele hier gekannt – oder sie wollten mich nicht kennen.« Das letzte sagte er mit einiger Verbissenheit. »Es ist eine verflucht schwere Situation, der Vetter eines reichen Mannes zu sein und selber kein Geld zu haben!« Er starrte zur Seite hinunter in das Tal, wo zwischen dem weißen Band der Chaussee und dem Bach, der mit starkem Gefälle die Au durchströmt, die Tuchfabrik aufragt. »Da hat der Heinrich nun mit seinem Kasten das schöne Tal schimpfiert – der Banause! Sieh an, Bärtes, wie der Schornstein sich frech gegen die Tannen reckt! Und der Rauch stinkt – stinkt nach Lumpen, pfui!« Er spuckte aus. »Und nach Geld!«
Leykuhlen nickte. »Dat is wahr, zur Verschönerung trägt die Fabrick jrad nit bei. Ich hab mich als oft jenug drüber jeärjert. De hätt können drinnen im Nest bleiben. Aber mer darf doch nix sagen –« er zuckte die Achseln – »so wat jibt Brot!«
»Brot, Brot – trauriges Brot das! Morgens um sieben anfangen, abends um sieben aufhören – Lumpen, Gestank, erstickender Rauch – nicht mal Zeit am Mittag, was Warmes essen zu gehen. Ich habe zugesehen von hier oben, schon seit ein paar Tagen lungere ich hier herum – siehst du, Bärtes? Jetzt, jetzt!« Aufgeregt ergriff er den andern beim Ärmel und zerrte ihn bis dicht zum Rand.
Unten, gerade unter ihrem Standpunkt lag die Fabrik. Es hatte eben Mittag geläutet. Die Türe des Saales hatte sich geöffnet, heraus strömte ein ganzer Schwarm; ein Summen drang bis zu ihnen herauf.
»Siehst du, Bärtes, siehst du die Mädchen mit den roten Kattuntüchern um die Köpfe?« Er wies mit unruhigem Finger hinab. »Da – eine, zweie, dreie! Da sitzen sie nun auf den Lumpenballen, und mit denselben Fingern, die eben noch Lumpen sortiert haben – fremde Lumpen, Gott weiß woher, Lumpen, an denen die Pest sitzt, Tuberkulose, Krebs, was weiß ich für scheußliche Krankheiten – mit diesen selben Fingern brechen nun die armen Dinger ihr Brot. Ich habe zu Heinrich gesagt: ›du bist ein Volksvergifter!‹ Da hat er mich ausgelacht: ›Volksbeglücker, willst du sagen. Was sollten die Leute denn anfangen, wenn sie meine Fabrik nicht hätten? Aus allen Ortschaften, drei Stunden weit, kommen die Mädchen gerannt, sie reißen sich um den Verdienst. Lass sie sich doch waschen, wenn ihnen meine Lumpen nicht rein genug sind, ein Brunnen steht im Hof, und im Bach ist Wasser genug.‹ So spricht mein Vetter – was sagst du dazu, Bärtes?!« Mit Dringlichkeit blickte der Aufgeregte dem andern ins Gesicht.
»Ja,« – Leykuhlens heiteres Gesicht war ernst geworden – »dat is freilich mit den Lumpen en schmierige Sach, un an et Waschen sind die Leut nit so recht dran zu kriegen. Sie sind et eben gewöhnt, mit Arbeitshänden ihr Brot zu essen. Dat macht auch nix, sie werden nit jleich Pest und Cholera dervon kriegen. Und der Heinrich hat auch janz recht, wenn der sagt, dat seine Fabrick Verdienst in die Dörfer bringt. Un doch wär et besser, sie ständ nit da. Et is wahr, nit alle können zu Haus bleiben, et sind Kinder und Alte jenug da, um et Vieh zu hüten. Aber mögen die Jungens jehen, meinswegen, lass die in die Fabricken zu Aachen, zu Düren und über die Jrenz nach Verviers jehen – um die Mädchens, die in die Fabrick jehen, um die is et mir leid!«
»Die Schwindsucht rennen sie sich an den Hals,« rief der andere heftig. »Sieh dir die Mädchen an, sehen die etwa stark aus? Spitznasig, schmalwangig, engbrüstig. Nicht wie Landmädchen, deren Wangen leuchten sollen wie rote Äpfel, deren Brüste das Mieder schwellen sollen, fest und rund!«
»No, no!« lächelnd klopfte ihm Leykuhlen auf die Schulter. »Biste noch immer der alte, Josef? Immer noch derselbe Haselebaues,[2] der du in der Klass’ schon warst? Haben dich zwanzig Jahre noch nit klein jekriegt? Wir haben aber doch hübsche Mädchens, wenn ich auch sagen muss: Fabricksarbeit taugt ihnen nix. Wat sie da lernen, is keine jute Sitt – un dat is dat Schlimmste!«
»Oh, Kinder haben wir jenug im Dorf,« sagte trocken der Bürgermeister. »Beruhig dich, Josef! Und nette Kinder. Besuch du uns bald emal, da sollste wat zu sehen kriegen. In jedem Haus ihrer fünf, sechs – mindestens. Da is der Jörres Huesgen, der Weber, de hat en janze Heck voll. Acht Stück; un dat neunte is unterwegs!«
»Genug davon, Bärtes!« Josef Schmölder legte ihm hastig die Hand auf den Mund. »Ich mag nichts mehr davon hören. Es beelendet mich. Überall das gleiche. Und ich dachte, hier würde es anders sein – besser. Hier auf dieser Höhe, der der Himmel so nahe ist!« Mit Schwärmerei im Blick sah er sich um und breitete dann plötzlich beide Arme aus: »Mensch, was hast du es so gut, hier oben immer gelebt zu haben! Wie schön, wie unbeschreiblich schön!«
Sie waren im Gespräch weiter gegangen; nun hielten sie auf einer Lichtung, deren trockene Heidegräser versilbert standen in einer Flut von Licht. Kein Haus, kein höherer Berg hemmten hier die Aussicht. Wie verklärt vom ersten Sonnenschein des jungen Jahres zeigte sich rundum die Ferne, sie enthüllte sich schleierlos; und die Luft war leicht, von jeder irdischen Schwere befreit, und durchsichtig klar, klarer als das reinste Glas. Da lagen unendliche Züge einsamer Heide mit schweigenden Tannenwäldern und tief einschneidenden Schluchten; im Grunde der Schluchten flossen Bäche, man sah nicht bis zu ihnen hinab, aber man sah den von der Sonne vergoldeten Duft, der von ihnen zu den Schluchträndern aufstieg. Noch zeigten die Matten von Heckenbroich nicht ihr saftiges Sommergrün, noch stieß der braune Rücken des Venns schwer und tot gegen die Helle des Horizonts, aber doch regte sich schon heimlich neues Leben in der Natur. Jene Wälder, deren Blau den ganzen Winter kalt und stumpf die Wellenlinie des Hochlandes gesäumt hatte, zeigten nun tieferes, wärmeres, ein besonntes Blau. Die Weidenbüsche an den Moorlachen trugen weiche, grausilberige Kätzchen; der Haselstrauch schüttelte lange, goldbepulverte Blütenräupchen.
»Du has’ höck keene jute Dag,« sagte Leykuhlen teilnahmvoll. Ihn fasste plötzlich ein Mitleiden, als er den andern betrachtete, der, vornüber geneigt, mit grauem Gesicht und gegen den Wind hüstelnd, neben ihm stand: arg mitgenommen sah der Josef aus, als ob er ebenso hoch in die Fünfzig zählte, wie er noch in den Vierzig war! Aber was sie im Städtchen über ihn klatschten, dass er sein Leben verlüdert, und dass er dem reichen Vetter recht zum Possen heimgekehrt sei, nein, das glaubte er nicht! Dem alten Kameraden, mit dem er ein paar Jahre unten in der Lateinschule zusammen gesessen hatte, die Hand auf die Schulter legend, sprach Leykuhlen herzlich: »Lass die Jrillen, Jung! Und wenn se dir unten zu viel Fisematenten machen, dann kömmste erauf bei uns. Du bist herzlich willkommen, Josef. Mariechen wird sich auch sehr freuen!«
»Danke, danke!« Josef Schmölder drückte Leykuhlen die Hand, aber kein Lächeln der Freude erhellte sein abgespanntes, von vielen feinen Kritzchen frauenhaft verfältetes Gesicht. »Du bist ein guter Kerl, Bärtes! Aber ich glaube an Freundschaft nicht mehr. Du musst mir das nicht übel nehmen. Ich habe viel Freunde in meinem Leben gehabt – wo sind sie?!« Er spitzte den Mund und blies in die Luft, wie man ein Stäubchen fortbläst. »Es mag an mir liegen. Ich tauge eben zu nichts. Ich kann mich nicht in den Alltag schicken. Ich möchte alles anders haben, als es ist, besser, schöner – nenn es Egoismus, nenn es Menschenliebe, wie du willst. Ich weiß es selber nicht. Jedenfalls gefällt es mir nicht auf der Welt. Ich habe mich da und dort versucht. Erst war ich in London, dann in New York, sollte Propaganda machen für Schmölder und Kompagnie – damals lebte der Alte noch, und Heinrich war Kompagnon – ich konnte den Leuten nicht das Lumpentuch anschmieren. Tuch aus Lumpen gemacht! Haha! ’s ist nichts wert – ich glaube, das habe ich gesagt!«
Leykuhlen sah ihn ganz verdutzt an. »Aber, Josef, sie machen doch jar kein Hehl draus, dat sie Lumpen zur Fabrikation verwenden! Ihre Tuche sind eben drum billiger. Und manchem tun sie et doch auch.«
»Lug und Trug, darin wie in allem!« Heftig stampfte Josef Schmölder mit dem Fuß auf. »Ich tauge nicht zum Kaufmann. Das haben sie auch eingesehen. Gelernt hab ich nichts anderes, Talente hab ich auch weiter nicht, meine Gesundheit ist zum Teufel, nervös bin ich, ha, so nervös« – er fasste sich an den Kopf mit beiden Händen und hielt ihn sich – »Geld habe ich keins, nie habe ich was in der Tasche halten können, die Finger haben mich gejuckt, bis es raus war – rausgeschmissen, wenn du willst – nun bin ich untergekrochen. Nun esse ich das Gnadenbrot.« Er lachte bitter auf. »Wenig stolz, wirst du sagen! Hast recht, ich bin ein Lump, ein Feigling, ein – ein« – er suchte noch nach einem stärkeren Ausdruck, fand ihn aber nicht und sagte dann kleinlaut: »ein gänzlich reduzierter Mensch!«
Leykuhlen stand betroffen: also, es war doch wahr, was sie unten sagten? Verjuxt hat der Josef alles, und nun war er heimgekommen. Schön war das weiter nicht und dem Heinrich Schmölder nicht zu verdenken, dass er ein schiefes Gesicht zog. Aber schlecht war der Josef nicht, nein, wahrhaftig nicht! Er hatte Herz; er hatte nur keine Willenskraft! Und sich selber in seiner ganzen bäuerischen Kraft reckend und die breite Brust frei gegen den hier oben stärker wehenden Wind kehrend, schrie er laut: »Jung, du machst dich viel schlechter als du bist! Du bist keine Lump und auch keine Feigling, dir fehlt nur dat, wat uns stark macht und frei und aufrecht – zu zufriedenen Leut! Und du hast auch kein rechtes Zuhaus. Siehste, ich sag et ja immer: am jlücklichsten die, die derheim bleiben können. En eigen Haus, en eigen Stück Land – un sei et noch so jering – dat jibt ’ne Stolz: hier steh ich auf meinem Jrund; nur Jott über mir!« Er hatte sich in Feuer geredet. Es war etwas Leidenschaftliches über den ruhigen Mann gekommen; man sah es an seinen Augen, ihr Graublau war dunkler geworden, und es sprühte darin. »Weißte, Josef,« – er schlug dem Jugendfreund mit einem so kräftigen Schlag auf die Schulter, dass diesem fast die Kniee einknickten – »besuch mich nächsten Sonntag. Da hab ich Zeit. Da wollen wir weiter über die Sach reden. Et interessiert mich, wat du derjegen zu sagen hast!«
»Ich habe ja gar nichts dagegen zu sagen!« Plötzlich erheitert, lachte der andere fast. Aber sein Gesicht verdüsterte sich rasch wieder. »Es ist eben nicht jedem vergönnt, auf eigener Scholle zu sitzen. Man möchte hadern gegen den Gott – wenn es einen gibt – der die Lose so ungleich verteilt hat.«
»Nu hör aber auf!« Der Bürgermeister wurde grob. »Wenn du mit Philosophieren anfängst, dann haste verspielt. Da kömmt nix bei eraus. Du bist wohl rein jeck? ›Wenn et ’ne Jott jibt‹ – da schlag doch en Donnerwetter drein, jewiß jibt et ’ne Jott, wenn wir uns ihn auch nit eso vorstellen können, wie die Kinder sich ihn denken, mit ’m langen weißen Bart auf ’nem joldnen Stuhl. Jott ist über uns, er sieht uns und kehrt bei uns ein im heiligen Sakrament. Den Jlauben soll mir keiner nehmen, nee!«
»Du Glücklicher!« Josef Schmölder lächelte trüb, und dann streckte er dem Jugendfreund die Hand hin: »Adjüs, Bärtes! Ich komme dich besuchen. Grüß deine Frau – und nichts für ungut!«
Sie schüttelten sich die Hände; lange genug hatten sie hier oben auf zugiger Höhe gestanden, der noch nicht an die starke Luft Gewöhnte fühlte, wie der Wind ihm erkältend alle Knochen durchblies. Sie wollten sich eben trennen, als sie von einem Mädchen gestreift wurden. Eiligen Schritts, fast im Lauf, stürmte die junge Person den Fußpfad herauf.
Das Mädchen schien das für einen Witz zu nehmen, es kicherte in sich hinein; aber dann machte es sich, ernst werdend, rasch wieder frei: »Loßt mich jonn, Hähr! Mi Motter es arg krank, seit diese Morje. Do konnt ich nit no’r Fabrick jonn. Mir hant de Frau jehollt, do saat di: hollt der Dokter. Do bin ich geloofe, han en äwer nit ajetroffe, de wor no’m Begräfniß vom Hähr aus ’m Schwan, un dann bei der Witfrau, der war et kollig[3]. Do bin ich no’m angere jejange, de wor beim Fröhschoppe, äwer de wellt nu diese Vormittag komme!«
Das Mädchen brach in Tränen aus. »Wat soll ich dan maache?! Mi Vatter es in Aoche, de könt net bis Samstig Aowend. Oß Doresche krog jester de Krämp, doröwer hat de Motter sich esu erfirrt[4] se hätt jut drinn bliewe könne, hat de Frau gesaat!«
»Dat es en Öwerläg!«[5] Der Bürgermeister wischte sich über die Stirn. »Loof ens flott, Bäreb, loof! Loof bi ming Frau, se soll jleich mit dich jonn; un aus dem Keller soll se de Flasch Champagner holln – Champagnerwein, Bäreb, verstehste mich – davon jebt der Motter alle halw Stund ’ne Löffel ein. Ich hollen der Doktor!«
»Lass mich ihn holen! Geh du mit dem Mädchen; das ist besser!« Rasch entschlossen hielt Schmölder den Freund zurück. »Ich möchte auch was tun – helfen! Ich bitte dich, geh mit ihr. In zwanzig Minuten bin ich schon unten – oh, ich kann rennen – adieu – ich schicke ihn sofort herauf!«
Er wartete gar keine Entgegnung mehr ab. Er hörte kaum mehr, dass der andere hinter ihm drein schrie: »Huesgen, Weber Huesgen, am grünen Klee!« In elastischen Sprüngen, plötzlich jünger geworden, setzte Josef den steilen Pfad hinunter. Loses Geröll prasselte hinter ihm drein.
2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Die Glocke dröhnte mächtig dazu, mit […], schwerem Anschlagen.«
3. Was bedeutet »Unwillkürlich« in diesem Ausschnitt? »Unwillkürlich reckte er sich: nein, er vergab sich nichts, hinter diesem Sarge herzuschreiten; das schaffte Vertrauen, und Vertrauen muss sich einer erwerben, der wirken will!«
5. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »»Wir haben kein Jeld,« sagte […] der Bürgermeister.«
6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse.
A: »Nicht wie Landmädchen, deren Wangen leuchten sollen wie rote Äpfel, deren Brüste das Mieder schwellen sollen, fest und rund!««
B: »Und nun wusste der Apotheker auch Näheres: Herz und Nieren waren längst krank gewesen, der Doktor hatte ihm immer schon Wein und Bier verboten.«
C: »Adieu!« Der alte Major schwenkte hinüber in das andere Gasthaus, dessen Wirt schon in der Türe stand und sich für heute, da der Schwan geschlossen blieb, viel Zuspruch erhoffte.«
8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »»Oh, Kinder haben wir jenug im Dorf,« sagte […] der Bürgermeister.«
9. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Ich habe viel Freunde in meinem Leben gehabt – wo sind sie?!« Er …«
10. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »In die Enge der […] war die Sonne noch nicht hinabgedrungen.«
2Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte
1. Ordne diese Textstelle in den Zusammenhang ein: »In die Enge der Gassen war die Sonne noch nicht hinabgedrungen.«. Was geschieht oder wird hier besprochen? Erkläre in drei bis fünf Sätzen auch, was davor und danach wichtig ist.
Impulse zur Selbstprüfung
Lies die verlinkte Stelle mit ihrer Umgebung. Trenne ausdrücklich Gesagtes von Vermutungen.
2. Vergleiche die beiden Ausschnitte: »In die Enge der Gassen war die Sonne noch nicht hinabgedrungen.« und »spitzte den Mund und blies in die Luft, wie man ein Stäubchen«. Welche Entwicklung, Gemeinsamkeit oder Spannung erkennst du? Begründe mit beiden Textstellen.
Impulse zur Selbstprüfung
Auch eine gleichbleibende Haltung ist ein mögliches Ergebnis. Erfinde keine Entwicklung, wenn sie sich aus dem Text nicht belegen lässt.
Beide Ausschnitte im Zusammenhang gelesen
Eine Gemeinsamkeit oder einen Unterschied erläutert
3. Untersuche die sprachliche Wirkung dieses Ausschnitts: »Adieu!« Der alte Major schwenkte hinüber in das andere Gasthaus, dessen Wirt schon in der Türe stand und sich für heute, da der Schwan geschlossen blieb, viel Zuspruch erhoffte.«. Wähle ein auffälliges Wort, ein Bild oder eine Formulierung. Erkläre seine Wirkung und begründe eine mögliche andere Lesart.
Impulse zur Selbstprüfung
Es gibt nicht nur eine richtige Interpretation. Prüfe beide Lesarten am Kapitel und benenne, was offen bleibt.
Sprachliches Merkmal am Wortlaut benannt
Wirkung als begründete Deutung formuliert
Alternative Lesart oder Grenze der Deutung erklärt
3Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte
Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.
Niveau 1 · Einstieg
1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »In die Enge der Gassen war die Sonne noch nicht hinabgedrungen.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Mit starken Schritten weit ausholend hatte Bartholomäus Leykuhlen das Pflaster bald hinter sich.«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Loses Geröll prasselte hinter ihm drein.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Deutschsprachiger Originaltext. Der urheberrechtliche Zeitraum des namentlich belegten Autors ist nach dokumentierten GND-Lebensdaten für Deutschland abgelaufen. Abbildungen und moderne Begleittexte der Ausgangsausgabe werden nicht übernommen.
Das Kreuz im Venn
Viebig, Clara: Das Kreuz im Venn, Project Gutenberg eBook 74557.
Quelltext und Ausgabe ↗ · Original German author text is public domain in Germany by documented author lifetime. Project Gutenberg US status is not the DE rights basis. Lizenz
Originalsprache · Deutsch
Unveränderte deutsche Quellfassung; die andere Spalte bietet eine gesonderte Lesefassung. Beide Ansichten gehören zu demselben Werk.
Viebig, Clara: Das Kreuz im Venn, Project Gutenberg eBook 74557.
Die Fassungen folgen den jeweils angegebenen Quellen; ihre Gliederung kann abweichen.
Welche Änderungen enthält die Lesefassung?
Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.