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Crammon, ein Wanderer auf Wegen des Behagens und Vergnügens, war seit seinen Jünglingsjahren beständig unterwegs, von einer Hauptstadt Europas zur andern, von einem Landsitz seiner Freunde zum andern.
Er stammte aus einem österreichischen Geschlecht, das in Mähren begütert war. Mit seinem vollen Namen hieß er Bernhard Gervasius Crammon von Weißenfels.
In Wien besaß er ein schön eingerichtetes kleines Haus. Zwei ehelose alte Damen betreuten es, Fräulein Aglaja und Fräulein Konstantine. Es waren entfernte Verwandte von ihm, aber er hing an ihnen, wie an leiblichen Schwestern. Sie ihrerseits liebten ihn mit nicht geringerer Zärtlichkeit.
Eines Nachmittags im Mai saßen sie beide am offenen Fenster und blickten sehnsüchtig die Straße hinab. Er hatte seine Ankunft brieflich gemeldet, und es war schon der vierte Tag, dass sie ihn vergeblich erwarteten. Sooft ein Wagen um die Ecke bog, streckten sie gleichzeitig die Hälse über das Sims.
Als es dämmerte, schlossen sie das Fenster und seufzten. Konstantine fasste Aglaja unter den Arm, und so gingen sie durch die geschmückten Räume, die in blinkende Bereitschaft gesetzt waren.
Sie betrachteten sinnend die Gegenstände, die an ihn gemahnten und von denen ihm jeder einzelne teuer war, weil ihn ein Erlebnis oder eine Erinnerung damit verband.
Da war der ziselierte Pokal aus dem fünfzehnten Jahrhundert, den ihm der Marquis d'Autichamps geschenkt hatte; da die Achatschale, Vermächtnis der Gräfin Ortenburg; da waren die farbigen Kupferstiche aus dem Nachlass der Herzogin von Kingsborough; da die kostbare Schreibtischgarnitur, die er vom alten Baron Regamey bekommen; da die Tanagrafigürchen, die ihm Felix Imhof aus Griechenland mitgebracht, da sein Porträt, welches der englische Maler Lavery im Auftrag von Sir Macnamara angefertigt hatte.
Es zeigte ein vollwangiges Gesicht von einigermaßen strengem, ja finsterm Ausdruck. Aber der Ausdruck musste täuschen, denn um die glattrasierten Lippen zuckten verräterische Lichter von Weltlust, Spott und Schelmerei.
Am Abend erhielten die beiden Damen ein Telegramm des Inhalts, dass Crammon die geplante Heimreise um vier Wochen verschieben müsse. Sie zündeten kein Licht mehr an und gingen traurig zu Bett.
Es geschah, dass Crammon mit einigen Freunden in Baden-Baden soupierte. Da er aus Schottland kam, wo er bei dem berühmten Forellenfischer Macpherson gewesen war und eine lange Eisenbahnfahrt hinter sich hatte, legte er sich nach dem Essen ermüdet auf ein Sofa und schlief ein.
Die Freunde unterhielten sich eine Weile, bis Crammons lautes Schnarchen ihre Aufmerksamkeit auf ihn lenkte; sie beschlossen, sich einen Scherz mit ihm zu machen.
Einer ging hin, rüttelte den Schläfer an der Schulter und fragte, als Crammon die Augen aufschlug: »Sag mal, Bernhard, was ist eigentlich mit Lord James Darlington los? Wo ist er? Warum hört man nichts von ihm?«
Crammon, ohne sich eine Sekunde zu besinnen, antwortete mit klarer Stimme und feierlichem Ernst: »Lord James befindet sich auf seiner Jacht im Ligurischen Meerbusen, zwischen Livorno und Nizza. Wieviel Uhr habt ihr? Drei Uhr nachts – da nimmt er die nervenberuhigenden Pulver, die ihm der Doktor Magliano, sein italienischer Arzt, zubereitet und verordnet hat.«
»Er flunkert,« sagte einer aus der Gesellschaft, der Crammon nur oberflächlich kannte. Die andern erklärten dem Zweifler, dass Crammon niemals flunkere, und sie sprachen leise, um den Schlummernden nicht zu stören.
Einmal war Crammon auf einem Gut in Ungarn als Gast und verabredete sich mit mehreren jungen Leuten, die auf einem andern Gut weilten, zu einem Gelage in der nahegelegenen Stadt. Der Morgen graute, als sie auseinandergingen; mit benommenem Sinn schritt Crammon allein dahin und sehnte sich nach dem Bett, das noch eine halbe Stunde Wegs von ihm entfernt war. Zufällig geriet er auf den Viehmarkt, wo eine Menge Bauern versammelt waren, die ihre Ochsen, Kühe und Kälber aus den Dörfern hereingetrieben hatten.
Im Gewühle musste er stehenbleiben und hörte, wie ein Stier zum Verkauf ausgeboten wurde. »Fünfzig Kronen zum ersten!« rief der Auktionar, und die Bauern schwiegen und überlegten.
Fünfzig Kronen für einen ganzen Stier? Nicht übel, dachte Crammon in seiner Halbtrunkenheit und bot sogleich fünf Kronen mehr. Die Bauern machten ihm respektvoll Platz, einer schlug noch um eine Krone auf, er überbot um zwei Kronen, zum ersten, zum zweiten, zum dritten, niemand bot höher, der Stier wurde Crammon zugesprochen.
Als es aber zum Zahlen kam, erfuhr er, dass die achtundfünfzig Kronen der Preis für den Zentner waren, und da das Tier zwölfeinhalb Zentner wog, sollte er siebenhundertfünfundzwanzig Kronen erlegen.
Er weigerte sich und schimpfte; es entstand ein Geschrei, kein Einspruch half, der Stier war sein Eigentum. Da er nicht Geld genug bei sich hatte, musste er einen Knecht mieten, der ihn mit dem erhandelten Vieh auf das Gut begleitete.
Crammon liebte das Theater und alles, was mit dem Theater zusammenhing. Als die große Wolter starb, schloss er sich acht Tage lang in seinem Hause ein und trauerte wie über einen persönlichen Verlust.
Während eines Aufenthaltes in Berlin drang der junge Ruhm Edgar Lorms zu ihm. Er sah ihn als Hamlet, und als er das Theater verließ, umarmte er auf der Straße einen wildfremden Mann und rief: »Ich bin glücklich.« Es entstand ein kleiner Zusammenlauf von Menschen.
Er hatte drei Tage in Berlin bleiben gewollt und blieb drei Monate. Seine Beziehungen machten es ihm leicht, Edgar Lorm kennenzulernen. Er überhäufte ihn mit Geschenken, kostbaren Dosen, schönen Büchern und seltenen Leckerbissen.
Jeden Morgen, wenn sich Edgar Lorm vom Schlaf erhob, fand sich Crammon ein und schaute still versunken zu, wie sich der Schauspieler wusch, rasierte und seine Leibesübungen machte. Er bewunderte seinen schlanken Wuchs, seine edlen Gebärden, seine sprechende Mimik und die Vollkommenheit seiner Stimme.
Er schrieb Briefe für ihn, fertigte Agenten ab und hielt ihm lästige Verehrer und Verehrerinnen vom Hals. Er stellte Zeitungskritiker zur Rede und schleuderte im Theater giftige Blicke, wenn der Beifall nach seiner Meinung zu lau war. »Das Pack hat zu rasen,« sagte er, und bei der Szene in Richard dem Zweiten, wo der König von den Mauern der Burg herunter zu den Lords spricht, besonders bei der Stelle: Herab, herab komm' ich wie Phaeton, geriet er in solchen Enthusiasmus, dass seine Freundin, die Prinzessin Uchnina, die mit ihm in der Loge saß, ihren Fächer vor das Gesicht hielt, um sich den Augen des Publikums zu entziehen.
Für ihn war Lorm der königliche Richard, der schwermütige Hamlet, der liebende Romeo und Fiesko der Rebell. Er glaubte dem Schauspieler, ganz und gar; er nahm ihn wörtlich, ganz und gar. Er erfüllte ihn mit dem Geiste Beaumarchais', mit der Beredsamkeit des Mark Anton, mit dem Sarkasmus Mephistos und mit der Dämonie Franz Moors. Als er sich von ihm trennen musste, verbarg er seinen Kummer nicht, und aus der Ferne schrieb er ihm von Zeit zu Zeit eine überschwengliche Epistel.
Der Schauspieler nahm diese Anbetung als einen Tribut entgegen, der sich von den Durchschnittshuldigungen, von denen er satt zu werden begann, wesentlich unterschied.
Lola Hesekiel, die gefeierte Schönheit, hatte Crammon ihr Glück zu verdanken. Crammon hatte sie erzogen, Crammon hatte ihr Platz und Anerkennung in der Welt verschafft.
Als sie noch ein unerhebliches kleines Mädchen war, machte Crammon mit ihr eine Reise nach Sylt. Dort trafen sie Franz Lothar von Westemach, Crammons Freund. Lola verliebte sich in den hübschen jungen Aristokraten, und eines Abends, nach einer zärtlichen Stunde, gestand sie Crammon ihre Liebe zu dem andern. Da erhob sich Crammon vom Lager, kleidete sich an, ging in das Zimmer Franz Lothars und brachte den Schüchternen, schüchtern Lächelnden herüber. »Meine Kinder,« sagte er gütig, »ich gebe euch zusammen, seid glücklich miteinander, genießt eure Jugend.« Mit diesen Worten ließ er die beiden allein, die lange Zeit nicht wussten, wie sie sich in die ungewöhnliche Lage schicken sollten.
Die Gräfin Ortenburg, eine siebzigjährige Matrone, lebte zurückgezogen auf ihrem Schloß bei Bregenz. Crammon, der eine große Zuneigung für alte Damen von Würde und Welt hegte, besuchte sie fast jedes Jahr einmal, um sie zu erheitern und mit ihr von der Vergangenheit zu plaudern.
Die Gräfin war ihm für diese Anhänglichkeit dankbar und hatte beschlossen, ihn zu belohnen. Eines Tages zeigte sie ihm eine goldmontierte Achatschale, ein altes Erbstück der Familie, und sagte, die Schale sei ihm nach ihrem Tode zugedacht, die testamentarische Verfügung sei bereits getroffen.
Crammon wurde vor Freude rot und küsste der Gräfin zärtlich die Hand. Bei jedem Besuch verlangte er die Schale zu sehen, weidete sich an dem Anblick und genoss den Besitz im voraus.
Die Gräfin starb; Crammon wurde alsbald, wie zu erwarten war, von dem Vermächtnis benachrichtigt. Die Schale wurde ihm zugesendet, sie war höchst behutsam in einer Kiste verpackt. Als er sie aber aus den Hüllen befreit hatte, sah er zu seiner Bestürzung, dass er betrogen worden war. Was er in Händen hielt, war eine Imitation, geschickt und genau angefertigt, jedoch aus falschem Material; nur die Fassung war aus Gold nachgeahmt.
Die Erben der Gräfin waren drei Neffen gleichen Namens. Der älteste von ihnen, Graf Leopold, war verrufen als ein geldgieriger Mensch, der sich und andern nicht das Brot gönnte. War der es, der ihm den Streich gespielt, so war die Schale längst vertan.
Leicht bot sich ein Vorwand, den Grafen Leopold in Salzburg zu besuchen. Er zeichnete sich durch Frömmigkeit aus und war Gnadenperson am bischöflichen Hof. Crammon glaubte in seinen Augen einen Schimmer von Verlegenheit zu entdecken. Er hielt Umschau wie ein Luchs; vergeblich.
Nun aber kannte er alle bedeutenden Antiquare auf dem Kontinent und begab sich auf die Suche. Zweieinhalb Monate lang reiste er von Stadt zu Stadt, ging von Händler zu Händler, fragte, forschte, spähte. Die gefälschte Schale hatte er stets bei sich und wies sie vor; den Händlern waren solche von einem Gegenstand besessene Liebhaber vertraute Erscheinungen; sie antworteten bereitwillig und schickten ihn dahin und dorthin.
Er verzweifelte schon, da wurde ihm in Aachen ein Brüsseler Händler genannt, der die Schale erworben haben sollte. Es hatte seine Richtigkeit, in Brüssel fand er die Schale. Crammon erfuhr den Namen des Verkäufers; es war ein Mann, von dem er wusste, dass er in geschäftlicher Verbindung mit dem Grafen Leopold stand. Der Händler forderte zwanzigtausend Franken für die Schale. Crammon erlegte sofort tausend Franken und sagte, den Rest werde er in acht Tagen bezahlen und die Schale dann mitnehmen. Zu feilschen unterließ er, und er bemerkte wohl die Verwunderung des Händlers darüber; aber er dachte in seiner Bosheit: der Dieb ist in der Schlinge, weshalb ihm die Schurkerei verbilligen?
Zwei Tage später trat er in das Zimmer des Grafen, begleitet von einem Hoteldiener, der das Kistchen mit der falschen Schale auf den Tisch stellte und verschwand. Der Graf saß allein beim Frühstück; er erhob sich und runzelte die Brauen.
Crammon öffnete schweigend das Kistchen, nahm die falsche Schale heraus, putzte sie eine Weile sorgfältig mit dem Taschentuch, behielt sie dann in der Hand und machte ein bekümmertes Gesicht.
Crammon erzählte, wie er zufällig bei einem Händler in Brüssel die Schale aufgefunden habe, die seines Wissens jahrhundertelang im Besitz der gräflichen Familie gewesen sei. Es habe nicht erst der wehmütigen Erinnerung an seine verehrte hingegangene Freundin bedurft, um ihn zu bewegen, das kostbare Stück wieder für den Ortenburgschen Tresor zu retten und in Sicherheit zu bringen. Er erachte es für ein wahres Glück, dass er es sei, der von dieser pietätlosen Verschacherung zuerst Kenntnis gewonnen; was für ein Skandal hätte gedroht, wenn ein derartiges Verfahren von müßigen Mäulern aufgeschnappt worden wäre. Er habe dem Antiquar zwanzigtausend Franken gezahlt, die Quittung vorzulegen sei er bereit, hier sei die Schale, er erstatte sie dem Haus Ortenburg treulich zurück, der Graf habe seinerseits nichts weiter zu tun, als eine Anweisung auf die Bank zu schreiben.
Nichts von dem Testament, keine Silbe von dem Vermächtnis, kein Sterbenswort darüber, dass man ihm eine Schale, wennschon die falsche, gegeben hatte. Der Graf verstand. Er sah die falsche Schale an, die auf dem Tisch lag, und erkannte sie als die falsche. Er hatte nicht den Mut zu Einwänden. Er schluckte seinen Grimm hinunter. Er setzte sich hin und füllte einen Scheck aus. Seine Kinnbacken schlotterten in stiller Wut. Crammon strahlte. Die falsche Schale ließ er, wo sie war, fuhr am selbigen Tag nach Brüssel und holte sich die echte.
Drei Dinge haßte Crammon aus Herzensgrund: Zeitungen, allgemeine Bildung und Steuern. Namentlich, was die Steuerpflicht betraf, konnte er nicht einsehen, dass auch seine Person ihr unterworfen sein sollte.
Einst war er vorgeladen worden, um seine Einnahmen zu bekennen. Er sagte, er befinde sich den größten Teil des Jahres auf den Schlössern und Gütern seiner Freunde als Gast.
»Gewiss,« log Crammon zynisch, »diese Einkünfte bestehen aus dürftigen Spielgewinsten in mehreren internationalen Badeorten. Ein derartiger Erwerb unterliegt meines Wissens keiner Besteuerung.«
Der Beamte staunte und schüttelte den Kopf; dann verließ er das Zimmer, um sich über den Fall mit seinem Vorgesetzten zu beraten. Crammon sah sich allein. Wutbebend hielt er Umschau, nahm ein Bündel Akten aus einem Regal und schob sie hinter den Ständer an die Mauer, wo sie aller Voraussicht nach im Laufe der Jahre vermodern mussten und in ungesetzlicher Verborgenheit als Spender von Steuerbefreiungen wirksam waren.
Die Prinzessin Uchnina hatte Crammon auf einem der Esterhazyschen Schlösser in Ungarn kennengelernt. Schon zu jener Zeit hatte ihre ungebundene Lebensführung Anstoß erregt, später hatte sich ihre Familie deswegen von ihr losgesagt.
In einem Hotel in Kairo begegnete er ihr wieder. Da sie reich war, musste er nicht fürchten, ausgebeutet zu werden. Er hatte für die blutsaugerischen Frauen nicht viel übrig, und die Herrschaft über seine Sinne hatte er noch nie verloren. Es gab keine Leidenschaft, die ihn verhindern konnte, um zehn Uhr im Bett zu liegen und zehn Stunden zu schlafen wie ein Bär.
Die Uchnina lachte gern, Crammon bot ihr Stoff dazu, er war zufrieden, wenn sie sich amüsierte. Er wünschte nicht, dass man übermäßig verliebt in ihn sei, sondern er legte Wert auf eine anständige Behandlung und kameradschaftliche Leichtigkeit. Ihn verlangte nicht nach Liebe mit den üblichen Zutaten von Romantik und Unruhe, von Eifersucht und Sklaverei, sondern er wollte genießen, und zwar möglichst greif- und spürbar genießen. Er machte sich weniger aus der Flamme als aus dem Braten, der darauf zubereitet wurde; er fragte nicht viel nach der Seele, sondern hielt sich allezeit an den Leib.
Auf dem Schiff, das ihn und die Prinzessin nach Brindisi brachte, befand sich eine strohblonde Dänin mit Augen wie Kornblumen. Er ging zu der Einsamen und wusste sie zu bestricken. Sie fuhren zu dreien nach Neapel, dort hatte die Dänin ihr Zimmer näher bei dem Crammons als die Prinzessin. Die Prinzessin aber lachte.
Sie kamen nach Florenz. Vor dem Baptisterium traf Crammon eine traurige junge Person, und als er sie genauer anschaute, entdeckte er, dass es eine Badebekanntschaft aus Ostende war, die Tochter eines Mainzer Fabrikanten. Sie hatte vor kurzem geheiratet, aber ihr Mann hatte in Monte Carlo ihre Mitgift verspielt und war nach Amerika entflohen. Crammon führte sie zu seinen Gefährtinnen und gab sie, der Dänin wegen, die argwöhnisch war und alles für sich allein haben wollte, für seine Cousine aus. Nicht lange, so entstand auch Zank zwischen den beiden, und Crammon war vollauf beschäftigt, Frieden und Versöhnlichkeit zu predigen.
Crammon sagte: »Ich will doch sehen, wie viele man auf einmal beisammen haben kann, ohne dass sie sich einander die Köpfe abbeißen.« Er wettete um hundert Mark mit der Prinzessin, dass er es bis auf fünf bringen werde, sie natürlich ausgenommen.
Im Mailänder Bahnhof wurde er mit hellen Freudenbezeigungen von einem reizenden Wesen begrüßt; es war eine Artistin, die vor Jahren einen seiner Freunde ruiniert hatte. Sie war nach Petersburg engagiert und war im Begriff, die Reise anzutreten. Sie gefiel Crammon so gut, dass er die Dänin und die Mainzerin über ihr vernachlässigte. Obwohl er es an List nicht fehlen ließ, mehrten sich die Zeichen, die eine Palastrevolution verkündigten. Sie brach in München aus. Harte Worte wurden gewechselt, Tränen wurden vergossen, Koffer wurden gepackt, und sie stoben nach allen Himmelsrichtungen auseinander: die Dänin nach Norden, die Mainzerin nach Westen, die Artistin nach Osten.
Crammon war betrübt; er hatte seine Wette verloren. Die kleine Prinzessin lachte. Sie blieb noch bei ihm, bis eine andre Lockung stärker war, dann feierten sie vergnügten Abschied.
Als junger Mann von dreiundzwanzig Jahren war Crammon einmal beim Grafen Sinsheim zur Jagd eingeladen. Unter den Gästen befand sich ein Herr von Febronius, der ihm durch seine Schweigsamkeit auffiel, und nicht minder dadurch, dass er häufig Crammons Nähe suchte, während er sich von der übrigen Gesellschaft absonderte.
Herr von Febronius war Besitzer eines ausgedehnten Majorats an der schlesisch-polnischen Grenze. Er war der Letzte seines Stammes und Namens, und alle Welt wusste, dass er darüber unglücklich war. Vor neun Jahren hatte er ein Mädchen aus einer Breslauer Bürgerfamilie geheiratet, und trotz des Altersunterschiedes waren sie einander noch mit großer Liebe zugetan; die Frau war dreißig, der Mann um die Fünfzig. Aber die Ehe war kinderlos, und dass dieses sich jemals ändern würde, war nicht zu hoffen.
Crammon versprach zu kommen, und einige Wochen später, an einem Maiabend, traf er auf dem Gut ein. Herr von Febronius war entzückt, ihn bei sich zu sehen, die Frau aber, die hübsch und fein war, zeigte ein auffallend frostiges Benehmen, und wenn sie Crammon ansehen musste, wechselte sie immer kaum merklich die Farbe.
Am andern Morgen führte ihn Herr von Febronius durch das ganze Gut, durch den Park, die Felder und Wälder, die Ställe und Meiereien. Es war ein kleines Königreich, und Crammon äußerte Bewunderung. Aber Herr von Febronius seufzte. Er sagte, der Segen sei ihm vergällt, jedes Stück Vieh schaue ihn mit vorwurfsvollen Augen an, all das Land und das Gedeihen darauf sei ihm nichts wert, er habe den Tod über sein Geschlecht gebracht, die Fruchtbarkeit der Natur beschäme ihn bloß, da er selbst, da sein Blut zur Unfruchtbarkeit verdammt sei.
Nach dem Mittagessen saßen sie mit Frau von Febronius auf der Terrasse, da wurde der Gutsherr hinausgerufen, kehrte aber nach kurzer Zeit zurück, ein Telegramm in der Hand, und sagte, er habe eine wichtige Nachricht erhalten, die ihn zwinge, zu verreisen. Crammon erhob sich in einer Art, die ausdrückte, dass dann seines Bleibens natürlich nicht länger wäre. Aber Herr von Febronius bat ihn fast erschrocken, er möge doch seiner Frau Gesellschaft leisten, es handle sich höchstens um zwei Tage, sie werde ihm sicherlich Dank dafür wissen.
Bei diesen hervorgestammelten Worten erblaßte er. Frau von Febronius hatte ihr Gesicht über den Stickrahmen gebeugt, und Crammon sah, wie ihre Finger zitterten. Da wusste er genug. Er reichte dem Mann die Hand und wusste auch, dass sie sich im Leben nicht mehr begegnen würden und begegnen durften.
Allein mit der Frau, fand er sie scheuer, als er erwartet hatte. Ihre Gebärde war Widerstreben, ihr Blick Angst, wenn seine Sprache kühner wurde, loderten Scham und Empörung in ihren Augen. Sie floh seine Nähe, suchte sie wieder, am Abend wandelten sie im Park, da beschwor sie ihn, am andern Tag zu reisen, und sie gingen in die Kutscherwohnung, um den Wagen zu bestellen. Wie sie ihn so willig sah, veränderte sich ihr Wesen, Qual und Härte schmolzen. Nach Mitternacht kam sie plötzlich in sein Zimmer, abwehrend und mit sich ringend, trotzig und gedemütigt, in der ersten Hingabe noch bitter, in der Zärtlichkeit fremd.
Die wunderbare Nacht schwand aus seiner Erinnerung wie tausend andre, minder wunderbare, zuvor; das seelenhafte Erlebnis mischte sich mit tausend andern nachher, die nicht so schmerzlichen Duft hatten.
Er erkundigte sich nach Herrn von Febronius und erfuhr, dass dieser schon seit zehn Jahren tot sei. Sein Charakter habe sich in den letzten Jahren seines Lebens durchaus verändert. Er sei zum Verschwender geworden, die greuliche Mißwirtschaft, die er auf dem Gute habe eintreten lassen, habe seine Verhältnisse zerrüttet, Betrüger und falsche Freunde hätten ausschließliche Macht über ihn gewonnen, und die Frau, die mit ihrer einzigen Tochter noch auf dem Gut lebe, könne sich nur mit Mühe dort halten; bedrängt von wucherischen Gläubigem und einer anwachsenden Schuldenlast, habe sie keine frohe Stunde mehr, der völlige Ruin sei nur noch eine Frage der Zeit.
Crammon fuhr hinüber nach Klein-Deussen; so hieß das Gut. Er ließ sich unter einem falschen Namen melden, Frau von Febronius kam. Sie war noch immer reizvoll; die Haare waren noch braun, die Züge eigentümlich unalt, doch war etwas Erschrecktes und Misstrauisches an ihr.
Sie fragte, woher sie die Ehre habe, von ihm gekannt zu sein. Crammon betrachtete sie eine Weile, auch sie blickte ihn aufmerksam an; auf einmal stieß sie einen Schrei aus und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Nachdem sie ihre Bewegung niedergerungen hatte, reichte sie ihm die Hand, dann ging sie aus dem Zimmer und kehrte nach einigen Minuten mit einem jungen Mädchen von großer Anmut zurück.
Das Mädchen lächelte. Ihre Lippen wölbten sich dabei, als schmolle sie, und ihre Zähne zeigten die glitzernde Feuchtigkeit von Muscheln, an denen noch Meerwasser haftet.
Sie sprach von dem schönen Tag und dass sie in der Sonne gelegen. Die gebrochene Altstimme überraschte bei einem so jugendlichen Geschöpf. In ihren weitgeschnittenen braunen Augen strahlte unbändige Lust.
Crammon sagte geschmeichelt zu sich selbst: Wenn unser Herrgott ein Frauenzimmer aus mir gemacht hätte, wäre ich vielleicht so geworden. Er fragte nach ihrem Namen. Sie hieß Lätizia.
»Gebt mir nur etwas zu lieben,« erwiderte Lätizia und streichelte eine weiße Katze, die schnurrend auf ihren Schoß sprang, »dann werd ichs schon festhalten.«
Als Crammon vierzig Jahre alt wurde, erhielt er von sieben Freunden, die ihre Namen daruntergesetzt hatten, ein mit kunstvollen Lettern in der Art und Weise eines Diploms verfertigtes Schriftstück, das folgenden Wortlaut hatte:
Crammon! Du Freund der Freunde, Verehrer der Frauen, Verächter des Weibes, Feind der Ehe, Muster der Weltleute, Verteidiger des Herkommens, Hort des Adels, Gast aller Edlen, Finder des Echten, Schmecker des Guten, Volksfreund und Menschenhasser, Langschläfer und Rebell, Bernhard Gervasius, heil dir!
Leuchtend in stolzer Genugtuung hing Crammon das schöngerahmte Pergament an der Wand neben seinem Bett auf. Sodann machte er in Begleitung seiner beiden Hausdamen eine Promenade in den Prater.
Fräulein Aglaja ging rechts von ihm, Fräulein Konstantine links, beide waren sonntäglich, wenn auch nach einer veralteten Mode, gekleidet, und ihre Gesichter waren die glücklichsten, die man sehen konnte.
Die Vierzig seien eine kritische Zeit für einen Mann, fand Crammon; da halte er inneres Gericht; er ziehe die Summe seines Daseins und finde Rechenfehler über Rechenfehler.
Die moralischen Beschwerden beeinflußten seine Haltung und Führung nur wenig. Der Lebensappetit wuchs, und das Alleinsein war ihm noch lästiger als früher. Es kam, wenn er allein war, etwas über ihn, was er die Melancholie des halbierten Zustands nannte.
In Paris wurde er von diesem Schicksal betroffen. Er hatte sich mit Felix Imhof und Franz Lothar von Westernach verabredet. Beide ließen ihn im Stich. Imhof war durch eins seiner Börsen- und Gründergeschäfte in Frankfurt zurückgehalten worden und hatte telegraphiert, er wolle später kommen. Franz Lothar war mit seinem Bruder Konrad und dem Grafen Prosper Madruzzi in der Schweiz geblieben.
Aus Verdruss brachte Crammon fast den größten Teil des Tages im Bett zu. Entweder las er unwürdige Schmöker, oder er maulte laut vor sich hin. Aus Verdruss ließ er sich vierzehn Paar Stiefel machen bei den drei oder vier Meistern der Zunft, die nur für Auserwählte arbeiten und ohne bedeutende Empfehlung sich zu keinem neuen Kunden entschließen.
Er hätte den September bei der Familie Wahnschaffe auf deren Gut im Odenwald verbringen sollen. Den jungen Wolfgang Wahnschaffe hatte er im letzten Sommer während des Tennisturniers in Homburg kennengelernt und seine Einladung angenommen. Aus Verdruss über die beiden Treulosen sagte er ab.
Eines Abends traf er auf dem Montmartre den Maler Weikhardt, den er aus München kannte. Sie gingen eine Weile miteinander, und Weikhardt ermunterte Crammon, ihn in ein nahegelegenes Saaltheater zu begleiten, es trete dort, seit einer Woche etwa, eine blutjunge Tänzerin auf; mehrere seiner französischen Kollegen hätten ihm dringend geraten, hinzugehen.
Weikhardt führte ihn durch ein Gewirr verdächtiger Gäßchen zu einem Haus, das nicht minder verdächtig aussah. Es war das Theater Sapajou. Ein phantastisch gekleideter Knabe öffnete ihnen die Tür eines mäßig großen, halbverdunkelten Raums mit purpurroten Wänden und einer Holzgalerie. Ungefähr fünfzig Menschen, meist Maler und Literaten mit ihren Frauen, saßen einer winzigen Bühne gegenüber. Die Vorstellung hatte schon begonnen.
Er fürchtete sich, einem seiner vielen Pariser Bekannten zu begegnen, und schlich mit gesenkten Augen durch die Straßen. Es war ihm widerwärtig, zu denken, dass er mit ihnen von Eva Sorel hätte reden müssen und dass sie dann eine gleichgültige oder neugierige Miene zeigen würden, ohne zu fühlen, was er fühlte.
Den Maler Weikhardt mied er, denn sein Anblick riss ihn aus der Illusion, dass er, Crammon, Eva Sorel entdeckt habe und dass sie vorläufig nur in seinem Bewusstsein als das Wunder lebte, das er in ihr sah.
Er ging umher wie ein verkannter Reicher und bekümmert wie ein Geizhals, der seinen Schatz von Dieben belauert weiß. Alle, die ein geschwätziges Entzücken aus dem Theater Sapajou in die Welt hinaustrugen, waren Diebe in seinen Augen, denn sie drohten die Schar der Dummen und Banalen hinter sich her zu ziehen, die das Große in den Staub schleifen, indem sie es zur Mode machen.
Es war sein Traum, die Tänzerin auf eine verlassene Insel im Ozean zu entführen. Er hätte sich dann begnügt, sie anzubeten, ohne ihr mit einem Wunsch zu nahen.
So wie er für Lorm, den Schauspieler, Beifall verlangt hatte, haßte er den Beifall, den die Tänzerin gewann. Nicht weil sie ein Weib war, nicht aus Männereifersucht. Er betrachtete sie gar nicht wie ein Weib. Sie war ihm als Wesen die Erfüllung dunkler Ahnungen und Gesichte; sie war das Leichte im Gegensatz zum Schweren, das in ihm und allen andern lastete; das Schwebende im Gegensatz zum Kriechenden, das Geheimnis im Gegensatz zum Wissen, die Figur im Gegensatz zum Wirrsal.
Er sagte: »Dieses berühmte zwanzigste Jahrhundert, so jung es ist, geht mir auf die Nerven, die Menschheit wälzt sich wie ein hässlicher, plumper Wurm über die Erde. Sie will von ihrer Wurmhaftigkeit befreit werden, und in ihrer Sehnsucht nach Entpuppung entsteht in ihr die Lust zu hüpfen. Es ist der Gipfel barbarischer Komik.«
Das Leben, das er führte, war ihm als herausfordernde Störung seiner schweißtriefenden Mitmenschen wohl bewusst. Er schwärmte von Zeiten, in denen die herrschende Klasse wirklich geherrscht, wo ein geistlicher Fürst unter den Angestellten seines Hofstaats einen Kapaunenstopfer gehabt und irgendein unbedeutender Reichsgraf eine Armee besoldet hatte, die aus einem General, sechs Obersten, vier Trommlern und zwei Gemeinen bestand.
Eva Sorel hatte eine Gesellschafterin und Behüterin, Susanne Rappard; einen hässlichen Irrwisch, schwarz gekleidet und zerstreut. Sie war aus der unbekannten Vergangenheit Evas mit aufgetaucht, und sie rieb sich noch die Finsternis aus den Augen, als sich für die achtzehnjährige Eva die Lichtbahn öffnete. Sie spielte vortrefflich Klavier und war dadurch die Helferin Evas bei deren Übungen.
Crammon hatte ihr einige Artigkeiten erwiesen, und der Ton, mit dem er über ihre Herrin sprach, gewann ihm ihre Sympathie. Sie bewog Eva, ihn zu empfangen. »Bringen Sie ihr Blumen,« raunte sie ihm zu, »das mag sie gern.«
Eva und Susanne Rappard bewohnten zwei Zimmer in einem kleinen Hotel. Crammon brachte Rosen in solcher Menge, dass die muffigen Korridore stundenlang voll Duft waren.
Auf dem Teppich kniete ein junger Mensch, siebzehn Jahre alt, sehr blass, mit Tränenspuren im Gesicht. Er hatte ihr erklärt, dass er sie liebe. Er mochte nicht aufstehen, auch als der Fremde kam; seine unglückliche Leidenschaft machte ihn blind.
Der Knabe presste die Stirn an die Lehne ihres Sessels. »Ich werde mich töten,« flüsterte er. Da schlug Eva die Hände zusammen und näherte ihr Gesicht, das spöttische Betrübnis zeigte, dem des Knaben.
Welche Bewegung! musste Crammon denken; wie durchgebildet, wie zart, wie neu! Und wie sich das Augenlid hob und der Stern des Auges energischesten Glanz aufwies und in der Neigung des Kopfes das Kinn ein wenig sank und ein unerwartetes Lächeln in den Mienen war, halb darbend, halb süß, halb verschlagen, halb kindlich.
Susanne antwortete, sie habe ihn auf den Tisch gelegt. Sie suchte dort umsonst, sie flatterte hin und her, ein schwarzer Riesenfalter, machte Laden auf und wieder zu, schüttelte den Kopf und drückte besinnend die Hand an die Stirn, endlich fand sich der Reif unter dem geschlossenen Klavierdeckel, neben einigen Hundertfrankscheinen.
»Ich weiß nicht,« erwiderte sie; »vielleicht ein spanisches, ich bin lange in Spanien gewesen, vielleicht ein deutsches. Ich bin in Deutschland geboren und habe bis zu meinem zwölften Jahr dort gelebt.« Ihr Blick verdunkelte sich ein wenig.
Der verliebte Knabe war fortgegangen, Eva schien ihn vergessen zu haben, kein Schatten war in ihrem braunblassen Gesicht. Sie setzte sich wieder, und nach einigen Worten und Fragen erzählte sie Crammon ein Erlebnis, das sie gehabt.
Der Grund, weshalb sie es erzählte, lag in Verbindung von Gedanken, die sie nicht äußerte. Ihre Blicke ruhten still im Unbegrenzten, für ihre Augen gab es eigentlich keine Wände, und niemand konnte behaupten, dass sie ihn ansah, sie schaute bloß.
Susanne Rappard saß im Ofenwinkel, das Kinn auf die Arme gestützt, während die Finger über die zerfurchten Wangen hinauf sich in die leicht ergrauten Haare gewühlt hatten.
In Arles in der Provence war häufig ein junger Mönch zu Eva Sorel gekommen, Bruder Leotade. Er war nicht älter als fünfundzwanzig Jahre, kräftig, von südländischem Gepräge, ziemlich schweigsam.
Er liebte das Land, er kannte die alten Burgen. Einmal sprach er von einem Turm, der, eine Meile von der Stadt entfernt, auf einem Felsenhügel stand; er rühmte den Ausblick, den man von der Höhe des Turmes genoss, mit Worten, die Eva begierig machten. Bruder Leotade wollte sie führen; sie verabredeten den Tag und die Stunde.
Der Turm hatte eine verschlossene eiserne Tür, der Schlüssel war bei einem Weinbauern verwahrt. Es war spät am Nachmittag, als sie sich auf den Weg begaben, aber es war noch heiß auf der baumlosen Straße. Vor Einbruch der Nacht wollten sie zurück sein, deshalb wanderten sie rasch, doch als sie zum Turm kamen, war die Sonne bereits hinter die Hügel gesunken.
Bruder Leotade öffnete die eiserne Tür, und man sah eine enggewundene Steintreppe. Sie waren schon mehrere Stufen hinaufgestiegen, da kehrte der Mönch plötzlich um, sperrte die Tür ab und steckte den Schlüssel in die Tasche seiner Kutte. Eva fragte ihn, weshalb er dies täte; er entgegnete, es geschehe der Sicherheit halber.
Es war dunkel in dem Turmgewölbe, und Eva sah die Augen des Mönches verderblich blitzen. Sie ließ ihn vorangehen, aber auf einem Treppenabsatz wandte er sich und griff nach ihr. Er war stumm; sie spürte seine Finger. Sie entglitt ihm, ebenfalls stumm, und lief wieder voraus, so schnell sie konnte. Sie hörte keine Schritte hinter sich im Dunkeln; die Treppe schien unendlich. Sie lief empor, der Atem verging, sie lechzte nach dem Licht. Da leuchtete die grüne Himmelsglocke in den Schacht, der Kreis, je mehr sie stieg, erweiterte sich bis zum Scharlach des Westens, und als sie auf der letzten Stufe angelangt war, als sie auf die Plattform trat, aus dem Moder in die Balsamkühle, in die hundertfache Farbenpracht von Luft und Erde, schien die Gefahr überstanden.
Sie wartete und bewachte das schwarze Treppenloch. Der Mönch kam nicht herauf. Seine tückische Verborgenheit spannte ihre Nerven qualvoll. Die kurze Dämmerung schwand; es wurde Abend, es wurde Nacht; kein Schritt, kein Laut. Spät erst fiel ihr ein, dass sie rufen konnte; sie rief ins Land hinab, aber sie sah, dass die Gegend öde war und ohne menschliche Wohnungen. Und als ihr schwacher Schrei verklungen war, zeigte sich die Gestalt des Bruders Leotade über der Treppe.
Der Ausdruck seines Gesichts flößte ihr noch größeres Entsetzen ein als vorher. Er murmelte etwas und streckte die Arme nach ihr aus. Sie prallte zurück, mit den Händen hinter sich tastend. Er folgte ihr, sie schwang sich auf die Brüstung, kauerte sich in die Zinne, hielt sich am äußersten Rand der Mauer, Haupt und Schulter über dem Abgrund schon. Der Wind erfasste den Schleier, den sie um den Kopf trug und ließ ihn wehen wie eine Fahne. Der Mönch blieb stehen, ihr Auge bannte ihn. Sein Blick war ununterbrochen auf sie geheftet, doch wagte er sich nicht zu rühren, denn ihre Miene verkündete ihren Entschluss: bei der ersten Bewegung, die er gegen sie machte, gab es für sie nur noch den Sturz in die Tiefe.
Stunde auf Stunde verfloß. Der Mönch stand da wie aus Erz, und sie kauerte auf der Zinne mit wehendem Schleier und sonst regungslos und hielt ihn fest im Auge gleich einem Wolf. Der Himmel bedeckte sich mit Sternen; von Zeit zu Zeit sandte sie einen sekundenschnellen Blick hinauf ins Firmament. So nah war sie dem ewigen Feuer nie gewesen; sie hörte die Millionen Welten melodisch in ihrer Bahn schwingen; mit gelähmten Gliedern flog sie; die Hände, die um den Stein geklammert waren, trugen die diamantene Decke des Kosmos, und da unten war die Kreatur, erfüllt von ihrer Leidenschaft, die blinde Kreatur, einem Gott verdungen, den sie belog.
Allmählich erhellte sich der Rand des Himmels, und Vögel flatterten auf. Da warf sich Bruder Leotade zur Erde und fing an laut zu beten. Und je lichter der Osten wurde, je lauter betete er. Auf dem Bauche kroch er zur Treppe hin, dann richtete er sich auf und verschwand.
Sie sah ihn unten aus der Pforte treten, und mit dem ersten Schein der Sonne verlor er sich zwischen den Weinbergen. Eva lag noch lange matt und betäubt unten im Gras, bevor sie fähig war, zur Stadt zu gehen.
»Es hätte sein können,« so schloss sie ihre Erzählung, »dass mir einer vom Sirius her zugeschaut hat, einer, der bald kommt und vielleicht mein Freund sein wird.« Sie lächelte.
»Vom Sirius?« ließ sich Susannes Stimme vernehmen; »und woher wird er Perlen haben und Diademe? Und welche Kronen wird er dir anbieten, welche Provinzen? Wir wollen uns nicht mit Habenichtsen einlassen, nicht einmal, wenn sie vom Himmel kommen.«
»Still, du Sancho Pansa,« wehrte Eva ab; »er muss wunderbar lachen können, das ist alles, was ich verlange. Er muss lachen können wie jener junge Eseltreiber in Cordova, erinnerst du dich? Er muss so lachen können, dass ich meinen Ehrgeiz vergesse.«
Da ist eine Tugend, die nicht um Pfennige betteln geht, dachte Crammon und beschloss, auf der Hut zu sein und sich beizeiten in Sicherheit zu bringen. Denn in seiner Brust verspürte er ein neues, unbekanntes, trauriges Brennen, und er wusste, dass er keineswegs imstande war, zu lachen wie die jungen Eseltreiber in Cordova; keineswegs so, dass eine Ehrgeizige ihren Ehrgeiz vergaß.
Felix Imhof kam und mit ihm Wolfgang Wahnschaffe, ein hochaufgeschossener junger Mann von zweiundzwanzig Jahren. Er trat mit der Eleganz auf, die ihm seine fast unbeschränkten Mittel erlaubten. Sein Vater war einer der großen Maschinenindustriellen Deutschlands.
Crammons Absage hatte ihn verdrossen, und er wollte sich seiner versichern. Es war die Art der Wahnschaffes, dass sie gerade das am stärksten begehrten, was sich ihnen entzog.
Sie gingen ins Theater Sapajou, und Felix Imhof fand die Tänzerin unvergleichlich. Sofort spritzten Pläne aus seinem Hirn wie Funken aus glühendem Eisen, das man hämmert. Er wollte eine Akademie der Tanzkunst gründen, einen Impresario zu einer Reise durch Europa dingen, eine Pantomime verfassen, alles womöglich zwischen morgen und übermorgen.
Sie saßen zusammen und tranken viel; zuerst Wein, dann Sekt, dann Ale, dann Whisky, dann Kaffee, dann wieder Wein. Auf Imhof übte das Zechen nicht die mindeste Wirkung; er war schon im nüchternen Zustand so wie andre Menschen, wenn sie berauscht sind.
Er schwärmte von Gauguin, von Schiller, von Balzac und entwickelte das Projekt einer Menschenzuchtschule; die erlesensten Exemplare von Männern und Weibern sollten verheiratet werden und ein arkadisches Geschlecht erzeugen.
Dazwischen zitierte er Verse von Keats und Stellen aus Rabelais, mischte Schnäpse auf zehnerlei Arten und erzählte ein Dutzend saftige Anekdoten aus seiner Lebemannserfahrung. Sein Mund mit den sinnlichen Lippen barst von Superlativen, seine hervorquellenden Negeraugen sprühten Geist und Laune, und der hagere, sehnige Körper litt, wenn er für einige Minuten zur Unbeweglichkeit verurteilt war.
Den beiden andern fielen vor Müdigkeit die Augen zu, er aber wurde immer munterer, immer lärmender, fuchtelte mit den Händen, schlug auf den Tisch, schlürfte begeistert die verräucherte Luft ein und lachte mit dem Baß eines Riesen.
So ging es fünf Nächte hintereinander, da wurde es Crammon zu viel, und er beschloss abzureisen. Wolfgang Wahnschaffe hatte ihn aufgefordert, ihn zur Jagd nach Waldleiningen zu begleiten.
Es war vormittags um elf Uhr, als Felix Imhof zu Crammon kam. In der Mitte des Zimmers stand der große Reisekoffer mit offenem Deckel. Wäsche, Kleider, Bücher, Schuhe, Krawatten waren auf dem Boden verstreut wie aus einer Feuersbrunst gerettete Habseligkeiten. Vor den Fenstern wogten gelbflammend die Baumwipfel des Parks Monceau.
Crammon saß nackt, nur mit ein Paar langen Strümpfen an den Beinen, in einem Lehnstuhl. Er hatte nackt gefrühstückt und schaute düster vor sich hin. Der viereckige, gotische Kopf und der breitgebaute, muskulöse Rumpf waren wie aus Bronze.
Felix Imhof hatte den Tag zuvor die Bekanntschaft Cardillacs gemacht, des Pariser Börsenkönigs, und war jetzt wieder auf dem Weg zu ihm. Er wollte sich an einer der Unternehmungen Cardillacs mit zwei Millionen beteiligen und fragte Crammon im Vorübergehen, ob er nicht auch Lust habe, eine Summe zu wagen; eine Kleinigkeit genüge, fünfzigtausend Franken; unter den Händen des Zauberers verdoppelten sie sich in drei Tagen, dann habe man den Genuss von Einsatz und Erwartung gehabt.
Er sagte: »Dieser Cardillac ist ein Phänomen. Der Mann hat als Laufbursche in einem Bahnhofshotel begonnen, jetzt ist er Hauptaktionär von siebenunddreißig Aktiengesellschaften, Gründer der spanisch-französischen Bank, Besitzer der Zinkminen von La Nere, Gebieter eines ganzen Stocks von Zeitungen und Herr eines Vermögens von Hunderten von Millionen.«
Crammon erhob sich, zog aus dem Kleiderhaufen auf dem Boden einen violettfarbenen Schlafrock und hüllte sich fröstelnd darein. Nun sah er aus wie ein Kardinal.
Wolfgang Wahnschaffe erzählte unterwegs von seinen Angehörigen; von Judith, seiner Schwester, von seinem älteren Bruder Christian; von seiner Mutter, die die schönsten Perlen in Europa besaß; »in ihrem Schmuck sieht sie aus wie eine indische Göttin,« sagte er; von seinem Vater, den er einen liebenswürdigen Mann mit Hintergründen nannte.
Crammon hätte gern Einleuchtenderes erfahren über das Leben und die Vorgeschichte einer dieser reichgewordenen Bürgerfamilien, die der alten Aristokratie den Rang abliefen. Es interessierte ihn als ein Stück Neuland, eine Welt, die noch in Knospen stand und die zu fürchten war.
Sein schlaues Fragen brachte ihn nicht weiter, aber etwas andres kam zutage. Da war ein Bruder, dem der Bruder im Wege war; versteckte Bitterkeit über unbegreifliche Bevorzugung; Zweifel, Kritik und Spott; ein Wort der Mutter, das sie zu einem Fremden gesprochen: »Sie kennen meinen Sohn Christian nicht, das Schönste, was unser Herrgott je erschaffen hat?«
Billig, fand Wolfgang, billig, ein Pferd im Stall zu rühmen, das man nicht zum Derby schickt, weil man es für zu edel und kostbar dazu hält. Warum denn billig? fragte Crammon, belustigt von dem feudalen Gleichnis, warum Stall, warum Derby, was er damit sagen wolle?
Nun, damit sei ein Bursche gemeint, der noch nichts bewiesen, nichts geleistet habe mit seinen dreiundzwanzig Jahren; dürftig durchs Examen geschlüpft sei; kein Lumen, in keiner Beziehung. Ausgezeichnet gewachsen, das müsse ihm der Neid lassen; elegant im Auftreten, ein Gesicht wie Milch und Blut, wie man so sage; von bestrickendem Wesen, ohne allen Zweifel, so bestrickend, dass kein Mann und kein Weib ihm widerstehen könne; aber kalt wie eine Hundeschnauze und glatt wie ein Fisch; und maßlos verwöhnt, maßlos hochmütig, als ob die ganze Welt eigens für ihn gemacht sei.
Schneller als er selbst gedacht haben mochte, erfüllte sich Wolfgangs Vorhersage: schon am dritten Tage waren Crammon und Christian Wahnschaffe ein Herz und eine Seele; die Gespräche, die sie führten, hatten einen Ton der Vertraulichkeit, als kennten sie sich seit Jahren. Der Altersunterschied von beinahe zwei Dezennien schien einfach nicht vorhanden.
Crammon erinnerte Wolfgang lachend an seine Prophezeiung und fügte hinzu: »Ich wünsche, dass mir nie Übleres verkündet und das Angenehme stets so prompt verwirklicht wird.« Bei diesen Worten spuckte er zuerst nach rechts, dann nach links; er war abergläubisch wie ein altes Weib.
Crammon hatte in Christian ein verzärteltes Muttersöhnchen zu sehen erwartet; statt dessen sah er einen durch und durch gesunden, blonden jungen Athleten, der ihn um anderthalb Kopflängen überragte, sich seiner Kraft und Schönheit ohne eine Spur von Eitelkeit bewusst war und von froher Laune strahlte. Es erwies sich als wahr: alle machten ihm den Hof, von seiner Mutter an bis zum letzten Stallburschen, aber er nahm es hin wie schönes Wetter, unbefangen, ganz leicht, verbindlich, ohne sich zu binden.
Crammon liebte Jünglinge, wenn sie so elastisch waren wie Pantherkatzen und ihre Heiterkeit die Stimmung der übrigen Menschen verwandelte wie ein köstliches Aroma die Luft einer Krankenstube. Sie erschienen ihm als hochbegnadete Wesen, denen man alles aus dem Weg zu räumen hat, was ihre segensreiche Mission hemmen könnte, und denen er nicht zu imponieren, sondern von denen er zu lernen bemüht war.
Nur in England und bei Engländern hatte er diese Achtung vor der Jugend, vor dem werdenden Mann gefunden, die ihm längst Grundsatz und Lebensregel war. Er sagte sich, dass das Klima eines gepflegten Verständnisses für ein solches Menschenwesen das geeignetste wäre, und schmiedete insgeheim seine Pläne. Er dachte an eine Kavalierstour im Stil des achtzehnten Jahrhunderts, bei der er die Rolle des Mentors zu übernehmen hätte.
Indessen unterhielt er sich mit Christian über die Jagd, das Forellenfischen, über die verschiedenen Arten der Zubereitung von Wildbret, über die Vorzüge der einen Jahreszeit vor der andern, über die zahlreichen Reize des weiblichen Geschlechts und über lächerliche Eigenschaften gemeinsamer Bekannten; immer mit tiefsinniger Miene und erschöpfender Gründlichkeit.
Sooft er Christian betrachtete, musste er denken: was für Augen, was für Zähne, was für Kiefer, was für Beine! Da hat die Natur ihr edelstes Material hergegeben, ebenso auf Dauer wie auf Wohlgefälligkeit berechnet; ein Meister hat die einzelnen Partien zusammengesetzt; wäre man ein schlechter Kerl, man könnte platzen vor Neid.
Bei einem Auftritt, der ihn entzückte, trieb es ihn, sein Entzücken den andern Zuschauern mitzuteilen. Der Vorfall trug sich im Hof zu, wo sich früh am Morgen die Jagdgesellschaft versammelt hatte. Die Hunde sollten gekoppelt werden, Christian stand allein in der Mitte von dreiundzwanzig Rüden, die mit ohrenbetäubendem Gebell und Gekläff um ihn herum und an ihm emporsprangen; er schwang die kurzstielige Peitsche und ließ sie über ihre Köpfe sausen; die Tiere wurden immer wilder, der zudringlichsten musste er sich mit den Ellbogen erwehren, der Förster wollte ihm zu Hilfe kommen und schrie in die tobende Schar hinein, Christian winkte ihn lachend zurück, sein verstellter Zorn, alle seine Bewegungen reizten die Hunde; einer, dessen Maul von Schaum troff, schnappte nach ihm, hing mit den Zähnen an seiner Schulter, da schrien die Herumstehenden auf, am lautesten Judith; Christian aber stieß einen kurzen, scharfen Pfiff durch die Zähne, seine Arme sanken, sein Blick hielt zwei, drei der Tiere fest, und alle hörten plötzlich auf zu lärmen, nur die vordersten gaben ein demütiges Gewinsel von sich.
Frau Wahnschaffe trat blassen Gesichts zu ihrem Sohn und fragte, ob er verletzt sei. Er war nicht verletzt; die Joppe zeigte einen langen Riss, das war alles.
»Er muss irgendwie gefeit sein,« sagte am Abend nach dem Souper Frau Wahnschaffe zu Crammon, mit dem sie sich in eine stille Ecke zurückgezogen hatte; »das ist mein einziger Trost, denn seine Tollkühnheit macht mir manchmal Angst. Sie nehmen ja Interesse an ihm, ich habe es mit Vergnügen bemerkt, Herr von Crammon. Lenken Sie ihn doch ein wenig in die Bahn der Vernunft.«
Sie sprach mit hohler Stimme und unbeweglichem Gesicht; ihre Augen blickten starr an den Menschen vorüber. Sie kannte keine Sorgen, hatte sie nie kennengelernt; vielleicht hatte sie auch über die Sorgen andrer niemals nachgedacht; trotzdem hatte noch kein Mensch diese Frau lächeln gesehen; die vollständige Regungslosigkeit, die in ihrem Dasein herrschte, hatte die Bewegungen der Seele auf einen toten Punkt gebracht. Nur in dem Gedanken an Christian bekam ihr Wesen einen Hauch von Wärme; nur wenn sie von ihm sprechen konnte, wurde sie beredt.
Frau Wahnschaffe nickte, obwohl ihr das Saloppe an Crammons Ausdrucksweise mißfiel. Sie erzählte, dass Christian, als er noch ein Knabe gewesen, einst zu den Holzfällern in den Forst gegangen sei. Eine mächtige Tanne sei angehauen worden, die Knechte liefen zurück zum Ende des Seils, und wie der Baum schon wankte, gewahrten sie den Knaben. Sie schrien ihm entsetzt zu, sie versuchten dem Fall des Baumes eine andre Richtung zu geben, es war jedoch zu spät, und während einige aus Leibeskräften am Strick zerrten und in ihrem Schreck wie von Sinnen warm, rannten ein paar mit aufgehobenen und deutenden Armen in den Kreis der Gefahr, ihnen voran der Aufseher. Ruhig stand der Knabe da, ahnungslos sah er in die Höhe; den Aufseher traf der stürzende Stamm und zerschmetterte ihn; um Christian hingegen legten sich sanft die Zweige, wie wenn sie ihn nur streicheln wollten, und als die Tanne auf der Erde lag, stand er inmitten der Krone, als hätte er sich hineingestellt, unberührt und ohne Staunen. Die es mitangesehen, sagten, es sei um eines Haares Breite gegangen.
Crammon wurde aber das Bild nicht los, dessen Zeuge er selbst gewesen: den übermütigen Peitschenschwinger unter der entfesselten Hundemeute. Mich dünkt, überlegte er, den Finger an der Nase, ich kann es mir schenken, die jungen Eseltreiber in Cordova lachen zu sehen.
Es gab eine Weinstube im Schloß zu Waldleiningen, worin sich gemütlich kneipen ließ. Dort tranken Crammon und Christian eines Abends Bruderschaft. Und als sie die Flasche Liebfrauenmilch geleert hatten, sagte Crammon, es sei eine schöne Nacht, man könnte noch ein wenig im Park spazierengehen. Christian wars zufrieden.
Sie setzten sich auf eine Bank unter eine mächtige Platane. Christian schaute eine Weile schweigend vor sich hin, dann richtete er unvermittelt die Frage an Crammon: »Sag mal, Bernhard, was ist das eigentlich, wovon die meisten Leute so viel Aufhebens machen: der Ernst des Lebens –?«
Christian wünschte, dass Crammon mit ihm und Alfred Meerholz, dem Sohn des Generals, zum Wintersport nach St. Moritz fahre; aber Crammon musste zu Konrad von Westernachs Hochzeit nach Wien. So verabredeten sie ein Zusammentreffen in Wiesbaden, wohin im Frühjahr auch Frau Wahnschaffe und Judith gingen.
Frau Richberta verbrachte den Januar und Februar gewöhnlich in dem Würzburger Stammhaus der Familie; sie hatte viele Gäste dort, und die Langeweile der Provinzstadt war nicht fühlbar. Wolfgang hatte bis jetzt in Würzburg die Staatswissenschaften studiert; aber mit Abschluss des Semesters sollte er nach Berlin, um das Examen zu machen und dann ins Auswärtige Amt einzutreten. Judith sagte spöttisch zu ihm: »Du bist der geborene Diplomat der neuen Schule; wenn du das Zimmer betrittst, wagt niemand mehr zu scherzen. Höchste Zeit, dass du deinen Wirkungskreis vergrößerst.« Er antwortete: »Gewiss; ich werde einem Würdigeren Platz machen, der es besser versteht, euch zu amüsieren.« Und Judith darauf: »Du bist bitter, aber du sprichst wahr.«
Als Christian im April nach Wiesbaden kam, stellte ihn seine Mutter der Gräfin Brainitz und ihrer Nichte Lätizia von Febronius vor. Die Gräfin befand sich zur Kur in Wiesbaden; manche Leute sagten aber, ihr eigentlicher Zweck sei, für Lätizia eine passende Partie unter den reichen jungen Männern des Landes zu suchen. Sie hatte es verstanden, die schwer zugängliche und misstrauische Frau Richberta für sich einzunehmen; Judith war von Lätizias Anmut ganz bezaubert.
Christian begleitete die jungen Damen auf ihren Promenaden und Spazierritten; die Gräfin sagte zu Lätizia: »In den Mann würde ich mich verlieben an deiner Stelle.« Worauf Lätizia mit ihrem innigsten Augenaufschlag erwiderte: »Ich an Ihrer Stelle, Tante, würde davor die größte Angst haben.«
Crammon kam in übler Laune an. Wenn einer seiner Freunde sich so weit vergaß, zu heiraten, wurde er von einer schleichenden Misanthropie erfasst, die sein Gemüt wochenlang verdüsterte.
Er wunderte sich, als ihm Christian von den neuen Bekannten erzählte, er wunderte sich über die Fügung, die ihn selbst so unerwartet in Lätizias Lebenskreis führte. Es war ihm nicht recht geheuer zumute.
Über die Gräfin Brainitz zeigte er sich wenig entzückt. Vertraut mit der Genealogie und der Geschichte der toten und lebenden Mitglieder aller adligen Familien des Kontinents und der Inseln, wusste er auch über sie genauen Bescheid. »Sie ist in ihrer Jugend Schauspielerin gewesen,« berichtete er, »eine jener beliebten Naiven, die durch hervorstechende Blondheit und rührend-verlegenes Zupfen am Schürzensaum die Gemüter poesievoll stimmen. Damit hat sie seinerzeit auch den Grafen Brainitz erobert, einen geistesschwachen Podagristen. Sie hatte ihn für reich gehalten, später erwies es sich, dass er gänzlich verschuldet war und vom Chef des gräflichen Hauses ein Jahresgehalt bezog, das nach seinem Tode auf die Witwe übergegangen ist.«
Jetzt war sie nicht mehr blond, sondern hatte weiße Haare, strähnig und metallisch schimmernd wie gesponnenes Glas; früh weiß allerdings, denn sie war kaum älter als fünfzig. Sie war wohlbeleibt; ihr Körper hatte eine besondere Art von gedrechselter Rundheit; auch ihr Apfelgesicht war vollkommen rund und glatt; es leuchtete von einer gesunden Röte, und jeder einzelne Teil darin, die Nase, der Mund, das Kinn, die Stirn, zeichnete sich durch eine gewisse Zierlichkeit und Harmlosigkeit aus.
Von der ersten Sekunde an lag sie mit Crammon im Streit. Über alles, was er sagte, schlug sie entsetzt die Hände zusammen, alles, was er tat, erboste sie. Mit weiblichem Instinkt witterte sie in ihm den Widersacher ihrer listigen Projekte, und er sah in ihr die Erzfeindin, die das Netz knüpfte, in welchem wieder einmal ein Freund gefangen werden sollte.
Sie hatte ihn zu Tisch gebeten; Lätizia hatte es gewünscht. Sie sagte: »Wenn Sie ihn auch sonst nicht leiden mögen, Tantchen, als Tischgenosse wird er sicher Ihren Beifall finden, denn da hat er manche Ähnlichkeit mit Ihnen.« Aber die Abneigung Crammons gegen die Gräfin beraubte ihn sogar der Eßlust, was wieder die Gräfin nicht eben versöhnlich stimmte. Sie selbst aß drei Eier in Mayonnaise, eine halbe Ente, ein gewaltiges Stück Lendenbraten, vier Portionen Schaumtorte, einen Teller Kirschen und verschiedene Kleinigkeiten als Zeitvertreib und Füllsel. Crammon war bestürzt.
Nach jedem einzelnen Gang wusch sie sich mit großer Sorgsamkeit die Hände, und als das Mahl zu Ende war, zog sie sogleich wieder die schneeweißen Handschuhe über ihre runden Händchen.
Lätizia saß mit dem ihr eigenen zart-schelmischen Lächeln dabei, und ihre bloße Gegenwart verlieh dem Gewöhnlichen um sie her einen Hauch von Romantik.
Klein-Deussen war unter den Hammer gekommen, und Frau von Febronius hatte sich, völlig mittellos, zu einer jüngeren Schwester begeben, die in Stargard in Pommern lebte. Ihrer Tochter Lätizia hatte sie das Schauspiel des letzten Zusammenbruchs ersparen wollen, darum hatte sie sie zur Gräfin nach Weimar geschickt.
Alle drei Schwestern waren Witwen; die in Stargard hatte den Amtsrichter Stojenthin zum Mann gehabt. Sie lebte von der staatlichen Pension und den Zinsen des kleinen Vermögens, das sie in die Ehe gebracht. Sie hatte zwei Söhne, die sich zigeunerhaft in der Welt herumtrieben, ihre Arbeitsscheu mit Philosophie verbrämten und immer, wenn ihnen das Wasser an den Hals stieg, sich an die Gräfin-Tante wandten.
Die Gräfin-Tante ließ sich jedesmal erbitten; sie handhabten den Briefstil, der auf sie wirkte, mit großer Geschicklichkeit. »Sie werden sich schon die Hörner abstoßen,« sagte die Gräfin; darauf wartete sie nun seit Jahren mit heiterer Zuversicht und schickte ihnen bisweilen Nahrungsmittel und kleine Geldsummen.
Lätizia war auf so einfache Weise nicht zu helfen. Als sie ankam, besaß sie drei Kleider, denen sie entwachsen war, und an Wäsche nur das Notdürftige. Die Gräfin bestellte Toiletten aus Wien und stattete sie aus wie eine reiche Erbin.
Lätizia hielt still und ließ sich schmücken. Aus den Augen der Menschen erfuhr sie, dass sie reizend war. Die Gräfin-Tante sagte: »Du bist zu etwas Großem bestimmt, mein Engel,« nahm ihren Kopf zwischen ihre behandschuhten Hände und küsste sie knallend auf die porzellanklare Stirn.
Sie begnügte sich nicht mit dem, was sie getan. Sie wollte Fundamente schaffen, dem anmutigen Geschöpf mit Erheblichem dienen. Da fiel ihr der Wald von Heiligenkreuz ein.
Am Nordhange des Rhöngebirges lag ein Forstareal von zehn bis zwölf Quadratkilometer Fläche, um welches der verstorbene Graf länger als zwei Jahrzehnte mit seinem Vetter, dem Majoratsherrn, prozessiert hatte. Der Prozess lief noch immer, er hatte Unsummen verschlungen, und die Aussicht, dass ihn die Gräfin gewann, war gering. Trotzdem fühlte sie sich als künftige Eigentümerin des Waldes und hielt ihren Besitztitel im voraus für so sicher, dass sie sich entschloß, den Wald als Mitgift und Morgengabe Lätizia zu schenken und die Schenkung urkundlich festzulegen.
Eines Abends trat sie mit einem beschriebenen Bogen Papier in der Hand in Lätizias Schlafzimmer. Über einem Spitzennachtkleid trug sie einen schweren Zobelpelz und auf dem Kopf eine helmähnliche Gummihaube, welche sie vor den Bazillen schützen sollte, die nach ihrer Ansicht, nicht anders als Fledermäuse, in der Dunkelheit herumschwirrten.
»Nimm dies, mein Kind, und lies es,« sagte sie bewegt und reichte Lätizia das Schriftstück, kraft dessen der Wald von Heiligenkreuz nach Beendigung des schwebenden Rechtsstreites dem Fräulein von Febronius gehören sollte.
Lätizia kannte die Umstände; sie wusste, was von dem Stück Papier zu halten sei; sie wusste aber auch, dass die Gräfin sie nicht zu täuschen beabsichtigte, sondern dass sie überzeugt war, etwas Wichtiges für sie zu tun, und so besaß sie Geist und Takt genug, eine herzliche Freude zu zeigen. Die Wange an den mächtigen Busen der Gräfin lehnend, flüsterte sie mit ihrer rührenden Stimme: »Sie sind unaussprechlich gütig, Tante. Überhaupt muss ich Ihnen ein Geständnis machen.«
»Siehst du, das ist recht, Liebchen,« sagte die Gräfin, »wenn man jung ist, muss jeder Tag wie ein frischer Veilchenstrauß sein. Bei mir wenigstens war es so.«
In der Nähe von Königstein im Taunus besaßen Wahnschaffes ein kleines Schloß, das Frau Richberta Christiansruh genannt hatte und das eigentlich Christians Besitz war. Christian hatte sich gegen die Bezeichnung gewehrt; er war damals noch ein Knabe gewesen. »Für mich ist keine Ruhe not,« hatte er gesagt. Seine Mutter hatte erwidert: »Einmal vielleicht wird dir Ruhe not sein.«
Frau Richberta lud die Gräfin ein, den Mai auf Christiansruh zu verbringen. Es war eine liebliche Gegend; das Entzücken der Gräfin äußerte sich lärmend.
Crammon kam natürlich auch. Mit Argusaugen beobachtete er die Gräfin, und dass er Christian und Lätizia häufig im Gespräch sah, erregte sein Mißbehagen.
Er saß am Fischteich, die kurze englische Pfeife im Mund, und sagte: »Wir müssen nach Paris; du weißt, so war die Abrede. Ich habe dir Eva Sorel versprochen. Wenn du nicht schnellere Beine hast als ihr Ruhm, wirst du das Nachsehen haben.«
»Nur die Faulenzer haben Zeit,« fuhr Crammon brummig fort; »und Faulenzerei ist es, einem achtzehnjährigen Gänschen den Kopf zu verdrehen und sich am Ende noch von ihr hereinlegen zu lassen. Diese jungen Mädchen von Stande sind zu nichts nutz auf der Welt, außer, wenn sie Geld haben, für arme Schlucker, die nach dem Kirchgang ihren Gläubigern das Maul stopfen wollen; ihre Manipulationen sind nicht so harmlos, wie es den Anschein hat, besonders wenn sie in Begleitung von Patronessen auftreten, die mit Kupplerinnen eine so verdammte Ähnlichkeit haben wie meine Westenknöpfe mit meinen Hosenknöpfen.«
Er ließ sich im Moos nieder und dachte an Adda Castillo, die schöne Löwenbändigerin, die er in Frankfurt kennengelernt. Sie hatte ihm gesagt, sie werde im Juni in Paris sein, und bis dahin wollte er warten. Sie gefiel ihm, sie war so wild und kalt.
Aber auch Lätizia gefiel ihm; sie war so feucht und zart. Feucht nannte er das Tauige an ihr, den Glanz ihrer Augen, das Entschlüpfende ihres Wesens. Täglich in der Frühe hörte er sie von seinem Turmzimmer aus trillern wie eine Lerche.
»Ausgezeichnet,« antwortete Crammon, »Löwen, das ist eine Sache für meines Vaters Sohn.« Und er schlug Christian kameradschaftlich derb auf den Schenkel.
Judith fuhr mit Lätizia nach Homburg, und sie gingen in die Modeläden. Die Reiche kaufte, was ihr nur irgend Lust erregte, und von Zeit zu Zeit wandte sie sich an die Freundin mit den Worten: »Willst du das? Würde dich das freuen? Probier's doch mal an! Steht dir reizend!« Auf einmal sah sich Lätizia mit Geschenken überhäuft, und wenn sie sich nur mit einer Miene sträubte, war Judith gekränkt.
Dann gingen sie über den Markt; Lätizia war nach Kirschen genäschig; als sie zu der Öbstlerin trat, kam ihr Judith zuvor, begann mit dem Weibe zu feilschen, weil ihr die Kirschen zu teuer erschienen, und da das Weib auf dem Preis beharrte, zog Judith die Freundin herrschsüchtig mit sich fort.
Sie fragte Lätizia: »Wie findest du meinen Bruder Christian? Ist er nett mit dir?« Sie ermunterte die Offenherzige, gab ihr Ratschläge und wusste von den vielen Abenteuern zu erzählen, die Christian mit Frauen gehabt. Die Freunde Christians hatten sie oft mit Berichten darüber unterhalten.
Als aber Lätizia, durch so unverstellten Anteil in Sicherheit gewiegt, ihr Gefühl für Christian errötend bekannte, stumm und dankbar, mit niedergeschlagenen Augen, mit süßen halben Worten, verzog Judith spöttisch den Mund, warf den Kopf in den Nacken, und ihre Miene zeigte den ganzen Hochmut einer Familie, die sich ein Geschlecht von Königen dünkte.
Crammon gab ihr weise Lehren. Er suchte ihr einen heilsamen Schrecken vor den Frischlingen einzuflößen, um sie für die älteren Jahrgänge empfänglich zu stimmen, die allein einem Weibe Schirm und Verlaß böten. Er war durchaus nicht so fein und so listig, wie er es zu sein glaubte.
Bei all seiner jesuitischen Zwecksucht fühlte er, dass ihm an diesem Geschöpf ein Etwas naheging, wogegen keine Verstellung half. Unbequemes Spiel der Gedanken! Sollten Ammenmärchen von der Blutmahnung wahr werden? Dann fort aus dem verhexten Kreis!
Frau Richberta hatte beschlossen, ein Frühlingsfest zu veranstalten. Es sollte aller Prunk dabei aufgeboten werden, der bei solchen Gelegenheiten im Hause Wahnschaffe herkömmlich war, und Beratungen fanden statt, an denen der Majordom, die Wirtschaftsdame, die Gesellschafterin und die Gräfin teilnahmen. Frau Richberta leitete die Sitzungen mit der Miene eines Femrichters; die Gräfin interessierte sich hauptsächlich für das, was es zu essen und zu trinken geben würde.
»Ach, Herzensengel,« sagte sie zu Lätizia, »es sind fünfundsiebzig Hummern bestellt worden, und aus den Kellern haben sie zweihundert Flaschen Sekt heraufgebracht. Ich bin ganz bouleversiert, Liebchen, ich glaube, seit meiner Hochzeit war ich nicht so bouleversiert.«
Lätizia stand schlank da und lächelte. Für sie waren sogar diese Worte der Gräfin Musik. Sie hätte die Tage beflügeln mögen, die sie noch vom Fest trennten; sie zitterte, wenn eine Wolke über das Firmament zog.
Oft wusste sie nicht, wie sie den Jubel in ihrem Innern dämpfen sollte. Wie herrlich, dachte sie, dass man fühlt, was man fühlt, und dass das, was ist, auch wirklich ist. Kein Gedicht eines Dichters, kein Bild eines Malers konnte mit den Eingebungen ihrer Phantasie wetteifern, die jedes Geschehen vergoldete und keiner Enttäuschung zugänglich war. Alles war Reichtum, alles Geschenk.
Sie machte keinen Unterschied zwischen Traum und wirklichem Erlebnis. Sie bereitete sich vor, zu träumen, wie andre Menschen sich zu einem Spaziergang anschicken, und das Unbestimmte und Gesetzlose in den Traumbegebenheiten erschien ihr durchaus natürlich.
Eines Tages erzählte sie von einem Buch, das sie gelesen. »Es ist überirdisch schön,« sagte sie. Sie schilderte die Menschen, den Schauplatz, die ergreifenden Vorgänge mit solcher Eindringlichkeit und Begeisterung, dass alle, die es hörten, begierig wurden, das Buch kennenzulernen. Aber sie wusste weder den Titel noch den Verfasser anzugeben. Sie besann sich und grübelte; man fragte: »Wo ist das Buch? Woher hast du es? Wann hast du es gelesen?« »Gestern,« antwortete sie; »es muss da sein,« sagte sie stockend. »So bring es doch,« wurde sie aufgefordert. Und als sie nun wieder sich besann und ratlos vor sich hinschaute, sagte Judith zu ihr: »Vielleicht hast dus nur geträumt.« Da schlug sie langsam die Augen nieder, kreuzte mit einer unnachahmlichen Gebärde die Arme über der Brust und antwortete wie eine Schuldige: »Ja, mir scheint, ich habs nur geträumt.«
»Keine Komödie, aber doch ein Weibertrick,« antwortete Crammon; »der liebe Gott hat dieses Geschlecht mit mancherlei Blendwerk ausgerüstet, womit sie uns aus dem Gleichgewicht bringen.«
Lätizia bekam zum Fest ein Kleid aus weißer Seide, ein Tanzkleidchen mit vielen feinen Fältchen im Rock und einer dunkelblauen Schärpe um die Hüften. Sie sah aus darin, als ginge sie in Milchschaum. Wenn sie in den Spiegel schaute, lächelte sie erregt, als könne sie dem Bild nicht trauen. Die Gräfin lief hinter ihr her und sagte: »Liebchen, gib nur acht auf dich;« aber Lätizia wusste nicht, was sie meinte.
Ein wenig trunken sprach sie mit Männern, Frauen und Mädchen. Sie hatte die Menschen immer geliebt, doch heute erschienen ihr alle unwiderstehlich. Als sie Judith vor dem lichtübergossenen Pavillon traf, drückte sie ihr die Hände und flüsterte: »Kann es schöner sein? Ich fürchte mich, dass die Nacht zu Ende geht.«
Auf der Wiese vor dem künstlichen Wasserfall spielte Christian mit einigen jungen Mädchen ein Fangspiel nach Art der Kinder. Sie lachten unaufhörlich, Jünglinge standen im Kreis herum und sahen halb spöttisch, halb belustigt zu.
Christian gab sich dem Spiel mit einer Lässigkeit hin, die seine Partnerinnen reizte. Sie wollten es wichtiger genommen haben und ärgerten sich, dass er sie trotzdem so mühelos erhaschte. Die junge Meerholz war dabei, Sidonie von Gröben, das schöne Fräulein von Einsiedel.
Da kam auch Lätizia hinzu. Sie stellte sich in die Mitte des Platzes, ließ Christian ganz nahe kommen und entwischte flinker, als er berechnet hatte. Er wandte sich zu den andern, doch immer wieder flatterte Lätizia vor ihm her. Glaubte er sie zu fassen, so war sie schon wieder sprungweit weg. Einmal hatte er sie an die Taxushecke getrieben, da schlüpfte sie ins Laub und war verschwunden. Ihre Bewegungen, ihr Laufen, ihr Umkehren, ihre fröhliche Leidenschaft hatten etwas Fesselndes; sie lockte mit kleinen, lachenden Rufen aus dem Busch wie ein Vogel. Nun lauerte er ihr auf, und die Zuschauer wurden neugierig.
Als sie wieder zum Vorschein kam, tat er, wie wenn er ihrer nicht achte, aber plötzlich lief er mit wunderbarer Schnelligkeit zum Rand des Wasserbeckens, wo sie stand. Sie aber war noch schneller, und da die andern Fluchtwege versperrt waren, sprang sie auf den Felsen, sprang jauchzend von Stein zu Stein, ohne sich umzusehen und ohne mit den Händen nachzuhelfen. Ihr Kleid mit den feinen Falten und offenen Ärmeln flog, und als Christian sie verfolgte, klatschten sie unten Beifall.
Es war dunkel hier oben, Lätizias Schuhe wurden vom Wasser benetzt, ihr Fuß stockte, aber bevor Christian sie erreicht hatte, schwang sie sich noch auf einen mächtigen Block zwischen zwei Tannen, wie um sich dort zu verteidigen oder noch weiter zu klettern. Doch auf dem schlüpfrigen Moos glitt sie aus; sie schrie leise, denn sie wusste, jetzt hatte er sie gefangen.
Er hatte sie gefangen, aufgefangen und hielt sie in seinen Armen. Sie blieb ganz still, bemüht, den erregten Atem zur Ruhe zu bringen. Auch Christians Atem ging heftig, und es wunderte ihn nur, dass das Mädchen so still blieb. Er fühlte ihre schöne Gestalt und zog sie ein wenig näher zu sich, mit jenem unterdrückten Lachen, das kalt und übermütig klang. Mondlicht fiel durchs Gezweig und machte sein Gesicht außerordentlich schön. Lätizia sah seine großen weißen Zähne glitzern, sie machte sich von ihm los und schlang den linken Arm um den Stamm der Tanne.
Da war nun alles, wonach sie sich gesehnt hatte. Da war Gefahr und Begehrtsein, Mondnacht und Wildnis, ferne Musik und heimliches Beisammensein. Aber ihr Blut war ruhig, sie war noch ein Kind.
Wie Christian das an den Baum geschmiegte Mädchen anschaute, mit ihren verwirrten Haaren, den brennenden Wangen, den feuchten Augen und feuchten Lippen, maß er die Linie ihres Körpers, schmeckte er schon die Kühle ihrer Haut, roch er ihren unschuldigen Atem. Er zögerte nicht mehr, sich der Beute zu bemächtigen. Da gab es kein Bedenken.
Er griff nach ihrer Hand; plötzlich gewahrte er eine Kröte, die mit ekelhafter Langsamkeit über Lätizias weißes Kleid kroch, erst über den unteren Saum, dann gegen die Hüfte empor. Er erblaßte und kehrte sich ab. »Die andern warten vielleicht, wir müssen zurück,« sagte er und fing an über die Felsen hinunterzugehen.
Mit starren Augen sah ihm Lätizia nach. Das feurige Gefühl von sich selbst als einem Märchenwesen, Diana oder Melusine, wurde zum Schmerz, und sie brach in Tränen aus. Sie wusste das Geschehene auf keine Weise zu deuten, und ihr Kummer hielt so lange an, bis sie sich durch irgendeine reizvolle Verknüpfung das Unverständliche doppelt unverständlich, aber für ihr Gemüt tröstlich gemacht hatte. Da trocknete sie ihr Gesicht ab und lächelte wieder.
Am Nachmittag vor Crammons und Christians Abreise wütete ein schweres Gewitter. Beide gingen im oberen Korridor des Schlosses auf und ab und sprachen über ihre Pläne. In einer Pause zwischen zwei Donnerschlägen sagte Crammon aufhorchend: »Was für ein sonderbares Geräusch? Hörst du's nicht?«
Am Ende des Flurs lag der Spiegelsaal, dessen Tür bloß angelehnt war. Crammon öffnete den Spalt ein wenig weiter, spähte hinein und lachte gurrend. Auch Christian spähte hinein, über Crammons Kopf hinweg, auch er lachte.
Auf dem blankgewichsten Parkett des Saales, der von Möbeln nur einige an die Wand gelehnte Sessel und Polsterbänke enthielt, stand Lätizia mit blauen Pantöffelchen an den Füßen und einem blaßblauen Gewand bekleidet und spielte mit einem Ball. Ihr Gesicht hatte den Ausdruck von Entrücktheit; die ununterbrochenen Blitze, die alle Spiegel gelb flammen machten, verliehen dem Spiel etwas Geisterhaftes.
Bald warf sie den Ball senkrecht in die Luft, bald an die Wand zwischen die Spiegel und fing ihn wieder, lächelnd. Bisweilen ließ sie ihn auf den Boden fallen und breitete, bis er wieder in Brusthöhe sprang, die Arme aus oder klatschte leise in die Hände. Sie drehte sich, beugte sich, warf den Kopf zurück, trat einen Schritt vor, flüsterte etwas, immer lächelnd, ganz hingegeben. Nachdem die beiden einige Zeit heimlich zugeschaut, zog Crammon Christian von der Tür fort, denn die Blitze machten ihn nervös. Er haßte Gewitter und hatte deshalb den Korridor zum Aufenthalt gewählt, wo man weniger davon sah. Nun zündete er seine kurze Pfeife an und fragte mürrisch: »Begreifst du diese Jungfrau?«
Christian blieb die Antwort schuldig. Etwas lockte ihn zurück an die Schwelle des Saals, in dem Lätizia einsam Ball spielte, aber da erinnerte er sich der Kröte auf ihrem weißen Kleid, und ein Widerwille regte sich in ihm.
Er liebte es auch nicht, von Vergangenem zu sprechen, gleichviel, ob es angenehm war, davon zu sprechen oder nicht. Er kehrte nicht gern um auf einem Weg, den er ging, und wo Umkehr notwendig war, wurde er bald müde.
Er liebte nicht Menschen, die geistig angestrengte Züge hatten, oder solche, die von Büchern und Wissenschaft redeten. Er liebte nicht bleiche, hektische, krampfhafte Menschen und solche, die viel stritten und ihr Recht behaupteten. Fand er bei jemand eine der seinen entgegengesetzte Meinung, so lächelte er höflich, als ob er auf einmal derselben Meinung wäre. Es war ihm auch peinlich, wenn man ihn um seine Meinung geradezu befragte, und ehe er sich auf ein Wort verpflichtete, schreckte er nicht davor zurück, sich unwissend zu stellen.
War er in großen Städten gezwungen, durch die Proletarierviertel und Armenquartiere zu fahren oder zu reiten, so beschleunigte er die Geschwindigkeit, presste die Lippen zusammen, sparte den Atem, und vor Unmut bekamen seine Augen einen grünlichen Glanz.
Eines Tages hatte ein bettelnder Krüppel auf der Straße seinen Mantel mit Fingern angefaßt. Als er nach Hause kam, schenkte er den Mantel seinem Diener. Schon als Kind hatte er sich geweigert, an Orten vorüberzugehen, wo zerlumpte Leute saßen, und wenn jemand von Elend und Not erzählte, hatte er das Zimmer verlassen, voll Abneigung gegen den Erzähler.
Er liebte nicht, von Funktionen des Leibes zu sprechen oder zu hören, von Schlaf, Hunger oder Durst. Der Anblick eines schlafenden Menschen war ihm widerwärtig. Er liebte nicht, Abschied zu nehmen oder solche, die lange fortgewesen waren, umständlich zu begrüßen. Er liebte Kirchenglocken nicht, Betende nicht und nichts, was mit Frömmigkeit zu schaffen hatte. Selbst dem gemäßigten Protestantismus seines Vaters stand er ohne Verständnis gegenüber.
Es war keine Forderung, die er auszudrücken wusste, aber instinktiv ertrug er nur die Gesellschaft von gut angezogenen, sorglosen und klar übersehbaren Menschen. Wo er Geheimnisse spürte, verborgene Leiden, ein verdunkeltes Gemüt, Hang zu Grübeleien und äußere oder innere Kämpfe, wurde er frostig unnahbar und mied den Betreffenden. Daher sagte Frau Richberta: »Christian ist ein Sonnenmensch und kann bloß im Sonnenlicht gedeihen.« Sie hatte von früh an einen Kultus daraus gemacht, alles Trübe, Verzerrte und Schmerzliche von ihm fernzuhalten.
Auf ihrem Schreibtisch lag, nach einem Gipsabguß in Marmor gearbeitet, Christians Hand; eine große, nervige, feingegliederte, zu packen fähige, geschonte und ruhige Hand.
Auf der Fahrt zwischen Hanau und Frankfurt ereignete sich das Automobilunglück, dem Alfred Meerholz' junges Leben zum Opfer fiel. Christian, der den Wagen lenkte, blieb, wie damals beim Fällen des Baumes, auf wunderbare Weise unversehrt.
Crammon hatte Christian und Alfred bis Hanau begleitet. Dort wollte er Klementine von Westernach besuchen und am Abend mit der Eisenbahn nach Frankfurt fahren. Den Chauffeur, der Einkäufe machen sollte, hatte Christian schon tags zuvor nach Frankfurt geschickt.
Gleich zu Anfang nahm Christian ein schnelles Tempo, und als die Straße gegen Abend fast menschenleer und ohne Hindernisse dalag, steigerte er die Geschwindigkeit. Alfred Meerholz bestärkte ihn darin; der junge Mensch glühte im Rausch der Bewegung. Christian lächelte, und lächelnd ließ er die Maschine rasen.
Die Alleebäume sahen aus wie springende Tiere auf einer Momentphotographie, das weiße Band der Straße rollte schimmernd heran und wurde vom sausenden Gefährt verschlungen, der gerötete Himmel und die Hügel am Horizont schienen in Kreisen zu schwingen, die Luft siedete in den Ohren, der Körper bebte und verlangte noch wilder hingerissen zu werden über die Erde, die ihre glatte Rundheit lockend offenbarte.
Da tauchte ein schwarzer Punkt im weißen Schimmer der Chaussee auf. Christian gab ein Signal. Der Punkt wurde rasch zur Menschengestalt. Die Sirene gellte. Die Gestalt wich nicht. Christian packte das Lenkrad fester. Alfred Meerholz erhob sich im Sitz und schrie. Die Bremse konnte nicht mehr genügen. Christian riss das Rad herum; es war eine kleine Drehung zuviel: ein Ruck, ein Anprall, ein Krachen; das Geächz eines zusammenbrechenden Baumes, helles Zischen im Kessel, Aufprasseln einer Flamme, Klirren von Eisenteilen, und alles war vorüber.
Einen Augenblick lag Christian betäubt. Dann erhob er sich, fühlte an Arm und Leib herab; er konnte denken, konnte gehen. »All right«, sagte er vor sich hin.
Nun erblickte er den Körper seines Freundes. Mit zerschmetterter Hirnschale lag der junge Mensch unter den Trümmern der Karosserie. Ein kleiner roter Blutbach rann über den weißen Straßenstaub. Ein paar Schritte entfernt stand stumpfsinnig erstaunt der Betrunkene, der nicht ausgewichen war.
Schon eilten von allen Seiten Leute herzu. In der Nähe war ein Hotel. Christian antwortete einsilbig auf die vielen Fragen. Man versicherte sich des Betrunkenen. Ein Arzt kam, der die Leiche des jungen Meerholz untersuchte. Der Körper wurde auf eine Bahre gelegt und in das Hotel getragen. Christian telegraphierte erst an den General Meerholz, dann an Crammon.
Sein Reisekoffer hatte keinen Schaden genommen. Während er sich umkleidete, erschienen Polizeibeamte, die seine Erklärungen protokollierten. Dann ging er in den Speisesaal und bestellte zum Essen eine Flasche Bocksbeutel. Einige Leute an andern Tischen betrachteten ihn neugierig.
Er sah sich im dunklen Gewächshaus stehen, Lätizia erwartend; und wie sie gekommen war, von ihrer Erregung beseelt. »Christian, mein Herr und mein Gebieter,« hatte sie schmachtend und scherzhaft geflüstert. »Lass eine kleine Kröte aus Gold machen,« hatte er zu ihr gesagt, »und trag sie um den Hals, damit der böse Zauber weicht.«
Um elf Uhr abends kam Crammon, der Getreue. »Ich bitte dich. Lieber, ordne, was zu ordnen ist,« sagte Christian, »ich will die Nacht hier nicht verbringen. Adda Castillo wird schon ungeduldig sein.« Er reichte ihm die Brieftasche.
Die Romantische, dachte Christian, schenkt, ohne zu wissen, was sie schenkt, und wem; weiß nicht, wie lang das Leben ist. Aber ihr Kuß brannte auf seinen Lippen; er konnte es nicht vergessen.
Crammon kehrte zurück. »Erledigt,« sagte er geschäftsmäßig, »das Auto ist in einer Viertelstunde bereit. Nun lass uns noch dem armen Alfred ein Lebewohl sagen.«
Christian folgte ihm. Ein Hausdiener führte sie in eine düster erleuchtete Kofferkammer, wo der Leichnam bis zum Morgen untergebracht war. Ein weißes Tuch war um den Kopf geschlungen. Neben den Füßen kauerte eine Katze mit geflecktem Fell.
Crammon faltete still die Hände. Christian spürte einen kühlen Hauch um die Wangen, innen in seiner Brust bewegte sich nichts. Als sie ins Freie traten, sagte er: »Wir müssen in Frankfurt einen neuen Wagen kaufen. Wenn wir zu Mittag wieder hier sind, ists Zeit genug, früher kann der General nicht kommen.«
Crammon hatte recht behalten: zehn Monate hatten genügt, um die Augen einer Welt auf die Tänzerin Eva Sorel zu lenken. In den großen Zeitungen stand ihr Name unter den Zelebritäten, ihre Kunst galt als hohe Blüte der Epoche.
Es lagen ihr alle zu Füßen, deren geistig-unruhigem Verlangen sie eine Gestalt dargeboten hatte. Die Vorläufer der gehetzten Menschheit schöpften Atem und blickten zu ihr empor. Die Anbeter der Form und die Verkünder eines neuen Rhythmus warben um ein Lächeln ihres Mundes.
Sie blieb gelassen und gegen sich selber streng. Der Lärm des Beifalls ermüdete sie manchmal. Von den Verheißungen gieriger Unternehmer bedrängt, verspürte sie nicht selten ein leises Grauen. Ihr innerer Blick, gegen ein unerreichbares Ziel gekehrt, trübte sich vor Leichtzufriedenen, die Dank stammelten. Diese, schien es ihr, wollten sie betrügen. Und sie flüchtete zu Susanne Rappard und ließ sich schelten.
Ihre Schwelle wurde belagert, doch sie empfing nur wenige, die sie sorgfältig auswählte. Sie lebte in einer Blumenwelt. Jean Cardillac hatte ihr ein entzückendes Hotel eingerichtet, dessen Gartenterrasse ein tropisches Paradies war. Wenn sie dort am Abend saß oder lag, unter dem gemilderten Lampenschein, von leise plaudernden Freunden umgeben, deren absichtslosester Blick eine Huldigung war, schien sie dem Bereich des Willens und der Sinne entrückt und weilte nur noch als schöner Leib im gegenwärtigen Raum.
Die ihr jede Verwandlung zutrauten, erstaunten doch über eine plötzliche, deren Ursache ein Unbekannter und Unscheinbarer war. Der junge Fürst Alexis Wiguniewski hatte ihn bei ihr eingeführt. Er hieß Iwan Michailowitsch Becker. Er war klein und hässlich, hatte tiefliegende Sarmatenaugen, Lippen, die wie geschwollen aussahen, und schwarzes Bartgestrüpp an Kinn und Wangen. Susanne fürchtete ihn.
Es war eine Nacht im Dezember, der Schnee lag vor den Fenstern, da hatte Iwan Michailowitsch Becker acht Stunden lang in dem kleinen Zimmer, wo die italienischen Teppiche hingen, mit Eva Sorel gesprochen. Im Zimmer daneben ging Susanne fröstelnd auf und ab, gewärtig, einen Hilferuf der Herrin zu vernehmen; sie hatte einen alten Schal um die Schultern geworfen, von Zeit zu Zeit zog sie eine Krachmandel aus der Tasche, zerbiss sie und spuckte die Schale in den Kamin.
In dieser Nacht ging Eva nicht schlafen, auch nicht, als der Russe sie verlassen hatte. Sie trat ins Schlafgemach, ließ ihre Haare aus Reif und Kämmen fallen, so dass sie Haupt und Leib umhüllten, während sie auf einem niederen Sessel saß und das glühende Gesicht zwischen den flachen Händen hielt. Susanne, die gekommen war, um ihr beim Entkleiden zu helfen, kauerte neben ihr auf dem Boden und wartete auf ein Wort.
Susanne holte zwei Kerzen und das Buch. Die Kerzen stellte sie auf den Teppich, das Buch legte sie auf Evas Knie, und so las sie eintönig und klagend, aber mit klarer Stimme, die gegen den Schluss, dort namentlich, wo von den erstarrten und gefrorenen Tränen die Rede ist, sicherer und gehobener wurde.
»Lo pianto stesso li pianger non lascia; / E'l duol che truova 'n sugli occhi rintroppo / Si volve in entro a far crescer l'ambascia: / Che le lagrime prime fanno groppo / E, sicome visiere di cristallo /Riempion sotto 'l ciglio tutto 'l coppo« /.
Eva erhob sich, beugte den Kopf in den Nacken zurück, und mit geschlossenen Augen sagte sie: »Die Verdammnis will ich tanzen. Die Verdammnis in der Hölle und die Erlösung.«
Da schlang Susanne die Arme um Evas Knie und presste die Wange an die bronzegelbe Seide des Gewands. »Du kannst alles, was du willst,« murmelte sie liebkosend.
Seit dieser Nacht erfüllte sie ein drängenderes Feuer, und ihr Tanz hatte Linien, wo die Schönheit an den Schmerz grenzt. Es gab verzückte Propheten, die behaupteten, sie tanze das neue Jahrhundert, den Untergang der alten Ideen, die kommende Revolution.
Als Crammon sie wiedersah, zwang ihn die erlesene Bestimmtheit der großen Dame, mit der sie auftrat, zu schweigender Anerkennung. Und wieder begann das unruhige Brennen in seiner Brust.
Er sprach mit ihr von Christian Wahnschaffe; eines Abends brachte er ihn mit. In Christians Gesicht war Strahlendes; Adda Castillo hatte es mit ihrer Leidenschaft durchtränkt. Eva spürte den Hauch einer andern Frau an ihm; ihre Miene verriet spöttische Neugier. Ein paar Sekunden lang standen der Jüngling und die Tänzerin einander gegenüber wie zwei Statuen auf Postamenten.
»Ein Prinz, der inkognito dieses Jammertal bereist,« antwortete Crammon. »Ihr habt euch prächtig verändert,« fuhr er, sich umblickend fort und blähte die Nasenflügel, »ich bin zufrieden mit euch. Ihr seid klug und versteht euch auf das Weltgetriebe.«
Susanne blieb stehen und erzählte von dem, was sie beunruhigte. Sie erzählte von Iwan Michailowitsch Becker. Wie er von Zeit zu Zeit komme und stundenlang währende Gespräche mit Eva führe; wie sie jedesmal danach die Nacht außer Bett zubringe, auf keine Frage antworte und mit glänzenden Augen starr vor sich hinschaue. Wer wolle dem wunderbaren Kind eine Laune verwehren? Diese aber könne einen gefährlichen Weg nehmen; eine so zart schwingende Seele dürfe nicht von den täppischen Händen eines hergelaufenen Finsterlings roh mit Gewichten beschwert werden. »Was raten Sie zu tun, Herr von Crammon?« schloss Susanne.
»Ich werde nachdenken,« sagte Crammon, sein glattes Kinn reibend, »ich werde nachdenken.« Er setzte sich in eine Ecke, stützte den Kopf in die Hand und dachte nach.
Eva plauderte mit Christian. Bisweilen lachte sie über seine Bemerkungen, bisweilen schien sie fremd berührt und staunte. Auch wo sie des besseren Urteils sicher war, staunte sie und wollte lernen. Mit Wohlgefallen betrachtete sie seine Gestalt, und einmal bat sie ihn, er möge ihr einen Gegenstand holen, der auf dem Tische lag, eine Dose aus Onyx, gefüllt mit Halbedelsteinen. Sie wollte sehen, wie er ging und sich bewegte, wie er nach der Dose griff und sie ihr gab. Sie schüttete die Steine in ihren Schoß und spielte mit ihnen, ließ sie durch die Finger gleiten und sagte lächelnd zu Christian, er hätte ein Tänzer wer den sollen.
Er erwiderte naiv, er tanze im allgemeinen nicht gern, aber mit ihr zu tanzen, würde ihn reizen. Da lachte sie wieder belustigt, versprach ihm jedoch, sie wolle mit ihm tanzen. Zwischen ihren Fingern blitzten die Steine, und ein Zucken ihres Mundes verriet Unmut und Stolz, aber auch Mitleid mit diesem Unwissenden.
Als sie lachte, wurde Christian verlegen, und als sie schwieg, fürchtete er sich vor ihren Gedanken. Er hatte in naher Stunde eine Verabredung mit Adda Castillo, er versäumte die Zeit, trotzdem er eine eifersüchtige Szene zu fürchten hatte. Eva erschien ihm so unbekannt als erforschenswert, alles an ihr, Ton, Gebärde, Antlitz und Wort erschien ihm so völlig neu, dass er sich nicht loszureißen vermochte und seine dunkelblauen Augen mit einer Art von Dringlichkeit an ihr hingen. Auch als ihre Freunde kamen, Cardillac, Wiguniewski, der Marquis d'Autichamps, blieb er.
Eva aber hatte einen Namen für ihn gefunden. Sie nannte ihn Eidolon. Eidolon, rief sie ihn, mit dem Klang spielend, wie sie mit den bunten Steinen in ihrem Schoß gespielt hatte.
Eines Nachts betrat Crammon ein Kaffeehaus an einem der äußeren Boulevards, »le pauvre Job«, spähte eine Weile durch den Raum und setzte sich dann unfern von einem Tisch nieder, an welchem mehrere junge Leute von fremdem Aussehen sich leise in einer fremden Sprache unterhielten.
Es war eine Gesellschaft von russischen Flüchtlingen, deren Zusammenkunftsort er ausgeforscht hatte. Ihr Haupt war Iwan Michailowitsch Becker. Indem er sich stellte, als läse er in einer Zeitung, beobachtete Crammon mit Aufmerksamkeit diesen Mann, den er nach einer Photographie erkannte, welche ihm Fürst Wiguniewski gezeigt. Er hatte ein so fanatisches Gesicht nie gesehen. Er verglich es mit einem schwelenden Feuer, das Hitze und Qualm um sich verbreitet.
Man hatte ihm erzählt, dass Iwan Becker sieben Jahre in Gefängnissen und fünf Jahre in Sibirien geschmachtet habe, dass Tausende und aber Tausende junger Menschen seines Volks ihm schrankenlos ergeben seien und es nur eines Winks von ihm bedürfe, damit sie sich opferten mit Leib und Seele.
Crammon war ein Gegner des Umsturzes, obwohl er es, wenn seine Bequemlichkeit nicht gefährdet war, ganz gern sah, dass der kleine Mann dem satten Bürger etwas am Zeug flickte. Er war ein Freund des kleinen Mannes; er war dem Volk leutselig zugeneigt. Doch achtete er das Herkommen, widersetzte sich dem Bruch der Gerechtsame und verehrte seinen Monarchen. Jede Neuerung im Staatsleben erfüllte ihn mit unheilvollen Ahnungen, und er seufzte über die Schwäche der Regierenden, die sich von nichtswürdigen Parlamenten das Steuer entwinden ließen.
Es war etwas Drohendes an der Peripherie seiner Welt; Lampen wurden vom Sturmwind ausgeblasen, und was dann, wenn der Lichterglanz völlig verlosch? Illumination war das wesentlich Beruhigende des Lebens.
Breit und ernst saß er da, im Gefühl seiner Überlegenheit und seiner guten Taten. Er hatte beschlossen, als Vertreter der Ordnung dem Rebellen ins Gewissen zu reden, falls sich ein geeigneter Anlass bot. Dabei quälte ihn nicht so sehr die Furcht um den Bestand des Zarenthrons als die Sorge um Eva Sorel. Es war notwendig, die Tänzerin aus den Netzen des Menschen zu befreien.
Die Fügung begünstigte sein Vorhaben. Einer nach dem andern entfernte sich vom Tisch drüben, und schließlich blieb Iwan Becker allein. Crammon nahm sein Glas Absinth, ging hinüber und stellte sich dem Russen vor, wobei er sich auf seine Bekanntschaft mit dem Fürsten Wiguniewski berief.
Getreu seiner leutseligen Veranlagung, machte Crammon durchaus den Liebenswürdigen, der sich in jede menschliche Abnormität zu schicken weiß. In unverfänglichen Windungen näherte er sich seinem Ziel; das giftige Gestrüpp politischer Themen streifte er kaum; dass im europäischen Westen die private Freiheit auserwählter Personen unangetastet bleiben müsse und man gezwungenermaßen Gewalt gegen Gewalt setzen werde, ließ er nur zart in der Andeutung. Aber es war ein Mahnruf. Iwan Michailowitsch Becker lächelte nachsichtig.
»Wenn der ganze Himmel von den Feuersbrünsten lodert, die euer heiliges Rußland verheeren,« sagte Crammon pathetisch, und seine Mundlinien senkten sich in rechten Winkeln gegen das eckige Kinn, »wir werden, was uns heilig ist, zu schützen wissen. Caliban ist eine imposante Bestie; vergreift er sich an Ariel, so mag ers bereuen.«
Wieder lächelte Iwan Michailowitsch, sonderbar weich und mild, was seinem hässlichen, auffallend großräumigen Gesicht einen frauenhaften Ausdruck verlieh. Er lauschte wie um sich belehren zu lassen.
Hierdurch ermutigt, fuhr Crammon fort: »Was hat Ariel zu schaffen mit eurem Jammer? Er schaut zurück im Schreiten, ob man die Spuren seiner Füße küsst, und fordert Freude und Ruhm, nicht Blut und Gewalt.«
Halb ängstlich, halb verächtlich blickte ihn Crammon an. Nach einer langen Pause ließ er sich obenhin vernehmen: »Ich treffe das Herzaß auf zwölf Schritt Entfernung unter fünf Schüssen viermal.«
Iwan Michailowitsch nickte. »Ich nicht,« antwortete er fast demütig und zeigte seine rechte Hand, die er sonst geschickt zu verbergen wusste. Sie war verkrüppelt.
Crammon schwieg; aber Iwan Michailowitsch fuhr fort: »Sie werden auch bemerkt haben, dass mir das Sprechen Schwierigkeiten bereitet. Ich habe zu lange einsam gelebt, in der Schneewüste, in einer Hütte aus Holz, in eisiger Kälte. Ich war der Worte entwöhnt. Ich litt, doch das ist auch nur ein Wort: Leiden. Was könnte man sagen, wie sich verständlich machen? Mein Körper war nur noch ein Gerüst, ein Überbleibsel; mein Herz, das wuchs und schwoll, ja, was könnte man da sagen? Es war so groß, so blutrot, so schwer, dass es mir gleichsam zur Last wurde während der fürchterlichen Flucht, zu der ich mich endlich entschloß. Aber Gott hat mich beschützt.« Und er wiederholte leise: »Gott hat mich beschützt.«
In Crammons Kopf verwirrten sich die Begriffe. Dieser Mann mit der sanften Stimme und den schüchternen Augen eines Mädchens, war das der mordgierige Revolutionär und Barrikadenheld, auf den er gefasst gewesen? Er wunderte sich und schwieg beklommen.
»Lassen Sie uns aufbrechen, es ist spät,« sagte Iwan Michailowitsch, erhob sich, warf eine Münze auf den Tisch und trat an Crammons Seite auf die Straße. Er begann wieder, zögernd und scheu: »Ich will mir kein Urteil anmaßen, aber ich verstehe die Menschen hier nicht. So selbstgewiß und vernünftig; sie ist ja der vollendete Wahnsinn, diese Art Vernunft. Das Tier ist klüger, das von seiner Stätte flieht, wenn es ein Erdbeben spürt. Noch etwas, Monsieur. Ein Wort noch über das Wesen, das Sie so ausdrücklich in Ihren Schutz nehmen. Ariel ist moralisch nicht belastbar. Niemand denkt daran, es zu tun. Da ist nur Linie, nur Gebärde, nur Schönheit. Meinen Sie nicht, dass die dunklere Farbe und tiefere Kraft, die das Wissen um übermenschliche Leiden gibt, diese Kunst über die Interessensphäre müßiger Schmecker hinausheben kann? Wir brauchen Herolde, die über den Idiomen der Völker stehen; da sind Möglichkeiten, von denen man nur mit Verzweiflung im Herzen träumen kann.« Er nickte einen Gruß und ging.
Crammon war es wie einem, der in leichtem Sommeranzug fröhlich ausgezogen ist und, von einem Platzregen überrascht, nass und verdrossen heimkehrt. Die Uhren schlugen zwei. Eine Sängerin von der Komischen Oper erwartete ihn seit Mitternacht; er trug ihren Wohnungsschlüssel in der Tasche. Als er über die Seinebrücke schritt, ergriff er den Schlüssel und schleuderte ihn in einem Anfall heftigen Missmuts ins Wasser.
Adda Castillo merkte, dass Christian sich von ihr abwandte. Sie hatte es nicht erwartet, nicht nach so kurzer Zeit. Als sie ihn erkalten sah, wuchs ihre Liebe. Da wuchs auch seine Gleichgültigkeit, und ihr leidenschaftliches Herz büßte die Ruhe gänzlich ein.
Sie war an Wechsel gewöhnt, war viel geliebt worden, trotz ihrer Jugend, hatte viele geliebt und Treue nie gefordert, noch gehalten. Aber dieser Mann war ihr mehr, als andre gewesen waren.
Sie wusste, an wen sie ihn verlor; sie hatte die Tänzerin gesehen. Christian, zur Rede gestellt, gab offen zu, was sie bloß als Verdacht geäußert hatte, um beschwichtigt zu werden. Sie verglich. Sie fand, dass sie schöner sei als Eva Sorel, ebenmäßiger, rassiger, feuriger; ihre Freunde bestätigten es. Dennoch spürte sie, dass dort ein Vorteil war, gegen den sie unterlag, den weder sie noch einer ihrer Schmeichler benennen konnte; um so mehr fühlte sie sich beleidigt.
Sie schmückte sich, sie trieb kokette Spiele, sie entfaltete alle Seiten ihres wilden und hinreißenden Temperaments; es war umsonst. Da schwor sie Rache, ballte die Fäuste, stampfte auf den Boden; sie bettelte, lag auf den Knien vor ihm und schluchzte. Eines war so töricht wie das andre. Er wunderte sich und fragte gelassen: »Warum entwürdigst du dich so?«
Eines Tages teilte er ihr mit, dass sie auseinander gehen müssten. Sie wurde kreideweiß und zitterte. Plötzlich riss sie einen Revolver aus ihrem Täschchen, zielte auf ihn und drückte zweimal ab. Er hörte die Kugeln an seinem Kopf vorüberzischen, die eine links, die andre rechts. Sie schlugen in den Wandspiegel und zertrümmerten ihn; die Scherben fielen klirrend zu Boden.
Leute Christians stürzten an die Tür. Christian ging hinaus und erklärte den Vorfall harmlos als die Folge einer Unvorsichtigkeit. Zurückgekehrt, sah er Adda Castillo auf dem Sofa liegen, das Gesicht in Kissen vergraben. Keine Miene von ihm zeigte Schrecken über die Gefahr, der er entgangen war. Wie lästig dies alles und wie banal, dachte er. Er nahm Hut und Stock und verließ das Zimmer.
Erst lange nachher erhob sich Adda Castillo, schritt zum Spiegel und schauderte leicht zusammen, als sie nur noch ein Stück davon in einer Ecke des Rahmens stecken sah. Doch ordnete sie vor der Scherbe ihr kohlschwarzes Haar.
Ein paar Tage später kam sie zu Christian, zu einer letzten Unterredung von fünf Minuten, wie sie ihm auf einer Karte geschrieben hatte. Am selben Abend sollte die Abschiedsvorstellung für Paris sein, und sie bat ihn, er möge in den Zirkus gehen. Er zögerte mit der Antwort; ihre glühenden Augen in dem wachsbleichen Antlitz waren wie in Todesangst auf ihn geheftet. Ihm ward unbehaglich, aber in einer Regung von Mitleid sagte er zu.
Crammon begleitete ihn. Sie kamen gerade, als Adda Castillos Nummer begann; der Wagen mit den Löwen wurde in die Arena geschoben. Ihre Plätze waren ganz vorn. »Sie sind mir schon ein wenig langweilig, die guten Löwen,« räsonierte Crammon und hielt sein Lorgnon an die Nase, um die Leute zu mustern.
Adda Castillo im scharlachroten Trikot, die schwarzen Haare gelöst, Wangen und Lippen geschminkt, betrat den Käfig, in welchem sich fünf Löwen, eine Mutter mit ihren vier Jungen, befanden. Mochte sein, dass etwas im Wesen der Bändigerin die Tiere reizte; Teddy, der jüngste Löwe, stellte sich gegen seine Mutter, brummte gewaltig und erhob die Tatze gegen sie. Adda Castillo stieß ihren Pfiff aus und machte eine Gebärde, um die beiden auseinanderzutreiben. Teddy duckte sich und fauchte.
In diesem Moment drehte sich Adda Castillo, anstatt das Raubtier im Blick zu behalten, dem Publikum zu und durchsuchte mit funkelnden Augen die vordersten Reihen. Da sprang ihr Teddy an die Schulter und warf sie zu Boden. Ein Schrei aus vielen Kehlen ertönte, die Menschen erhoben sich, viele flüchteten, viele blickten gebannt und bleich in den Zwinger.
Nun geschah es, dass Trilby, die Mutter der jungen Löwen, mit einem riesigen Satz hinzusprang, nicht etwa, um die Herrin ebenfalls anzugreifen, sondern um sie zu retten. Mit furchtbaren Prankenhieben schlug sie Teddy beiseite und stellte sich schützend über das auf dem Boden liegende, aus zahlreichen Wunden blutende Mädchen. Aber die jungen Löwen, blutlüstern, warfen sich auf die Mutter, schlugen auf sie ein und bissen sie in den Rücken und in die Flanken, so dass sie sich heulend in einen Winkel zurückzog und das Mädchen seinem Schicksal überließ.
Mittlerweile waren die Wärter mit Spießen und langen Gabeln herbeigeeilt; zu spät. Die jungen Löwen hatten sich in den Körper Adda Castillos verbissen und ihn vollkommen zerfleischt. Erst als man auf die zerfetzten Leichenteile Formaldehyd spritzte, ließen sie davon ab.
Mitleids- und Angstrufe, Weinen und Händeringen von Frauen, Gewühl an den Ausgängen und Lärm der Helfer, ein Clown, der wie erfroren auf einer Trommel stand, ein Pferd, welches aus der Manege rannte, der Anblick des verstümmelten, zerrissenen, blutüberströmten Frauenkörpers mit den bunten, bluttriefenden Kleiderfetzen, es drang als Zusammenhang und Folge kaum recht in Christians Bewusstsein. Es war Wirrsal und Spuk. Er gab keinen Laut von sich, und sein Gesicht war blass. Sein Gesicht war sehr blass.
Während sie im Auto zu Jean Cardillac fuhren, bei dem sie zum Souper geladen waren, sagte Crammon: »Ich möchte nicht zwischen den Kinnladen eines Löwen enden, bei Gott nicht. Es ist ein grausamer Tod, ein jämmerlicher Tod.« Er seufzte und schielte verstohlen zu Christian hinüber.
»Allein sein! Verrückte Idee,« brummte Crammon kopfschüttelnd, und er befahl dem Lenker, weiterzufahren. Er stülpte den Mantelkragen hinauf und weihte der unglücklichen Adda Castillo ein letztes Gedenken, ohne den Freund schuldig zu finden und ohne ihn zu tadeln.
»Es hat mir geträumt, ich war auf dem Bahnhof und wollte abreisen. Viele Züge kamen und fuhren in rasender Eile vorüber. Ich wollte fragen, was es bedeuten solle, und wie ich mich umdrehte, sah ich hinter mir, in einem weiten Halbkreis, eine unglaubliche Menge Leute stehen. Alle diese Leute schauten mich an, und wie ich mich ihnen näherte, wichen sie alle auf einmal langsam und stumm zurück, mit vorgestreckten Armen. Rings im Kreis wichen sie alle ganz langsam und stumm zurück. O, es war hässlich.«
Sie strich mit der Hand über seine Stirn, um das Hässliche fortzuwischen. Da erkannte sie die Macht ihrer Berührung und erschrak über ihr Bild in seinem Auge.
Als sie von der Bühne herab, sich verneigend und von Blumen überschüttet, seinem antastenden Blick begegnete, fühlte sie, dass Knechtschaft drohte. Als sie an seinem Arm zur Tafel schritt und das entzückte Raunen der Menschen vernahm, das ihnen beiden galt, schien sie sich wie das Opfer einer Verschwörung, und in jeder Gebärde war Zögern. Als Crammon, sich selbst verleugnend, überschwenglich von ihm sprach, Susanne sogar bei den nächtlichen Unterhaltungen von seiner hohen Abkunft phantasierte, als Cardillac unruhig wurde und Cornelius Ermelang, der junge deutsche Poet, der sie anbetete wie ein überirdisches Wesen, mit scheuen Augen fragte, da zerriss sie das unbequeme Gewebe, gab sich kalt und wurde unnahbar.
Sie wies Susanne zurecht, sie verspottete Crammon, sie lachte über Jean Cardillac, sie beugte scherzend das Knie vor dem Dichter, sie verwirrte ihren ganzen aufgeregten Hofstaat von Malern, Politikern, Journalisten und Dandies mit ihrer unfaßbaren Mimik und Beweglichkeit und sagte, Eidolon sei nur ein Trugbild, Eidolon sei ein Symbol.
Christian verstand dies nicht. Auch ihr Entfliehen nicht, und dann das Umkehren und Locken. Es war etwas andres als Koketterie, etwas Tieferes als bloßes Spiel. Eine leidenschaftliche Gebärde, die er entstehen sah, wurde plötzlich verweisend, eine freudige fremd. Sie an ein gesagtes Wort zu binden, war vergeblich; da legte sie die Fingerspitzen gegeneinander, drehte den Kopf und schaute aus den Augenwinkeln kühl und listig zur Erde.
Ein andermal sprach er, um zu erproben, wie sie es aufnähme, von seiner Abreise nach England; sie raffte mit anmutig gebogenen Händen das Kleid und sah ihre Füße an.
Ein andermal wieder warf er ihr vor, in dem heiteren und leichten Ton allerdings, der zwischen ihnen herrschte, dass sie ihn narre. Sie kreuzte die Arme und lächelte rätselhaft, fromm und wild zugleich; da sah sie aus wie aus einer byzantinischen Mosaik hervorgetreten.
Er wusste nichts von dem geistigen Feuer der Tänzerin. Er hielt die Tänzerin für ein Weib gleich allen andern Weibern. Er sah nicht, dass bei ihr nur Neigen und Vorübergleiten sein durfte, was bei allen andern höchste Daseinsform und höchster Einsatz war. Ihm entging noch die Gestalt, verwischte sich der Kontur in seinem flimmernden Wechsel. Aus der sinnlichen Region einer Besessenen wie Adda Castillo kommend, atmete er hier eine geläuterte, unschwüle Luft, die ihn berauschte, aber auch ängstigte, die den Herzschlag beschleunigte, aber den Blick schärfte.
Es war alles voll Schicksal: wenn sie neben ihm ging; wenn sie im Bois Seite an Seite ritten; wenn sie in der Dämmerung beisammen saßen und er ihre helle Kinderstimme vernahm; wenn sie im Palmengarten ihre kleinen Affen neckte; wenn sie dem Klavierspiel Susannes lauschte und dabei die bunten Edelsteine von einer Hand in die andre rinnen ließ.
Als er sie eines Abends verlassen hatte, begegnete ihm Jean Cardillac im Torweg. Sie grüßten einander, dann blieb Christian unwillkürlich stehen und sah dem Manne nach, dessen Riesengestalt einen Riesenschatten auf die Stufen warf. Lauter unsichtbare kleine Sklaven folgten im Schutz dieses Schattens, und sie trugen die Schätze, die er Eva zu Füßen legte.
Zwangvolle Entschlossenheit kam über ihn. Sich mit dem Schatten zu messen, schien wichtig. Er kehrte um, die Diener ließen ihn passieren. Cardillac und Eva waren im Gemäldesaal, Eva auf einer Ottomane zusammengekauert, zusammengerollt, fast wie eine Schlange; unweit von beiden saß, glutäugig und regungslos, Susanne in einem niedrigen Sessel.
»Sie haben versprochen, Eva, mit mir zum Rennen nach Longchamps zu fahren,« sagte Christian, unter der Tür verharrend, um anzuzeigen, dass er sonst nichts begehre.
Sie lachte über den naiv-liebenswürdigen Ausdruck in seinen Worten; ihr Blick wurde sanft, und sie legte den Kopf auf das Kissen. Dann sah sie Cardillac an, der sich schweigend erhob.
Nun war in diesen Tagen Sir Denis Lay eingetroffen, von Crammon erwartet und mit Enthusiasmus begrüßt. »Er ist der einzige lebende Mann, der dir ebenbürtig ist und dir in meinem Herzen den Rang streitig macht,« sagte Crammon zu Christian.
Sir Denis war der zweite Sohn von Lord Stainwood, berühmter Schüler von Oxford, wo er Neuerungen geschaffen hatte, die den Gesprächsstoff der vereinigten Königreiche ausmachten, Parteien gebildet hatte, in deren Kampf es um geheiligte Institutionen ging; Schütze, Jäger, Fischer, Seemann, Boxer, Ringkämpfer und gelehrter Philolog, zweiundzwanzig Jahre alt, schön, reich, lebensprühend, mit einer Legende von tollen Streichen und einer Glorie von Vornehmheit und Eleganz umgeben, die letzte, üppigste, edelste Blüte Englands.
Christian erkannte seine Vorzüge ohne Neid und wurde rasch sein Freund. An einem Abend hatte er Cardillac, Crammon, Wiguniewski, Sir Denis Lay, die Herzogin von Marivaux und Eva Sorel als Gäste bei sich. Da geschah es, dass Eva die Zusage brach, die sie ihm gegeben, vor der ganzen Tischgesellschaft, und mit leichtem Wort.
Sir Denis hatte den Wunsch geäußert, sie in seinem Wagen nach Longchamps bringen zu dürfen. Eva bemerkte Christians wartenden Blick, in dem noch Sicherheit war. Sie hielt eine Traube in der Hand, und als sie sie auf den Kristallteller legte, hatte sie den Verrat begangen. Christian erblaßte. Er fühlte, dass es keiner Erinnerung bedurfte; sie hatte gewählt, er trat schweigend zurück.
Eva langte wieder nach der Traube; sie zwischen flachen Händen emporhebend, sagte sie mit ihrem traumhaft begeisterten Lächeln, das Christian nun herzlos erschien: »Du schöne Frucht, ich will dich lassen, bis mich nach dir hungert.«
Am andern Abend, nach ihrer Vorstellung, hatte Eva einige Freunde zu sich beschieden. Sie hatte in einer neuen Pantomime, den »Dryaden«, die tragende Rolle getanzt und einen großen Triumph gefeiert. In einer Wolke von Blumen kam sie nach Hause. Später brachte ein Diener einen Korb, der gehäuft voll von Briefen und Karten war.
Crammon sagte: »Vielleicht gibt es Schurken, die so etwas nicht empfinden, aber für mich ist es herrlich, ein Menschenwesen auf dem Gipfel des Daseins zu sehen.«
Es war vereinbart worden, dass Christian und Sir Denis Lay miteinander Florett fechten sollten. Eva hatte darum gebeten; sie versprach sich Genuss und Belehrung von dem Anblick, den die beiden schön gewachsenen Menschen dabei bieten mussten.
Die Vorbereitungen waren beendigt; in dem Rundraum, wo die Teppiche hingen, traten Christian und Sir Denis einander gegenüber. Eva klatschte in die Hände, und sie nahmen ihre Positionen ein. Man hörte eine Weile nur die gedämpften, raschen, rhythmischen Sprungschritte, das leise Klirren der Degen. Eva stand hochaufgerichtet, ganz Auge, die Bewegungen mit Blicken trinkend. Christians Körper war schlanker und elastischer als der des Engländers, dieser wieder zeigte mehr Kraft und Freiheit. Sie waren wie Brüder, der eine in einem rauhen Klima aufgewachsen, der andre in einem milden; der eine auf sich selbst gestellt und von weit zurückreichender Zucht getragen, der andre von Zärtlichkeit umhorcht und ohne innere Führung. Dort war alles Saft, hier alles Schmelz, aber an Männlichkeit und Feuer gaben sie einander nichts nach.
Als der Kampf beinahe zu Ende war, erschien Cornelius Ermelang und in seiner Begleitung Iwan Michailowitsch Becker. Eva hatte Ermelang aufgefordert, eine Dichtung vorzulesen; er und Becker waren einander seit langem bekannt, und da er den Russen im Torweg auf und ab schreitend getroffen, hatte er ihn einfach mit heraufgenommen. Es war das erstemal, dass Iwan Becker sich den andern Freunden Evas zeigte.
Christian und Sir Denis hatten sich umgekleidet, und nun sollte Ermelang lesen. Susanne setzte sich in Beckers Nähe und beobachtete ihn mit aufmerksamer Miene.
Cornelius Ermelang war ein schwächlicher Mensch, fast abschreckend hässlich. Er hatte eine steile Stirn, wasserblaue Augen mit verschleiertem Blick, eine kraftlos hängende Unterlippe und ein gelbliches, unscheinbares Stückchen Bart am untersten Ende des Kinns. Seine Stimme war außerordentlich sanft und leise; sie hatte etwas Singendes wie die eines Predigers.
Einstmals weilte Sankt Franziskus in dem Kloster der Portiunkula mit Bruder Masseo von Marignano, der sehr heilig war und schön und verständig von Gott zu reden wusste. Darum liebte ihn Sankt Franziskus sehr. Eines Tages nun kehrte Sankt Franziskus aus dem Walde zurück, wo er gebetet hatte, und gerade, wie er aus dem Wald treten wollte, kam ihm Bruder Masseo entgegen und sprach: »Warum dir? Warum dir? Warum dir?« Sankt Franziskus antwortete: »Was willst du denn eigentlich sagen?« Bruder Masseo erwiderte: »Ich frage, warum alle Welt dir nachläuft, und warum jedermann dich sehen will und auf dich horchen und dir gehorchen; du bist kein schöner Mann, du bist nicht gelehrt, nicht von edler Abkunft; was ist es denn, dass alle Welt dir nachläuft?« Wie das Sankt Franziskus hörte, ward er sehr froh im Gemüte, und er hob sein Antlitz gegen den Himmel und blieb lange unbeweglich stehen, denn sein Geist war zu Gott erhoben. Als er aber wieder zu sich kam, warf er sich auf die Knie, pries und dankte Gott, wandte sich dann voller Inbrunst zu Bruder Masseo und sprach: »Willst du wissen, warum mir? willst du wissen, warum mir? willst du wissen, warum mir? warum mir alle nachfolgen? Das hat mir der Blick des allmächtigen Gottes ersehen, der allerorten auf Guten und Bösen weilt. Denn seine heiligen Augen sahen unter den Sündern keinen, der elender war denn ich, keinen, der untüchtiger war denn ich, keinen, der ein größerer Sünder war denn ich; und um das wundersame Werk zu vollbringen, das er sich vorgenommen, fand er kein Geschöpf auf Erden, das armseliger war denn ich. Darum hat er mich auserwählt, um die Welt zu beschämen mit ihrem Adel und ihrem Stolz und ihrer Stärke und ihrer Schönheit und ihrer Weisheit; auf dass da kund werde, dass alle Kraft und alles Gute von ihm ausgehet und nicht von der Kreatur, und niemand sich vor seinem Angesicht rühme. Wer sich aber rühmt, rühme sich in dem Herrn.« Da erschrak Bruder Masseo über diese Antwort, die so demütig war und mit so viel Inbrunst gesprochen.
In dem Gedicht ging dann Bruder Masseo in den Wald, aus welchem Sankt Franziskus gekommen, und es war ein orgelndes Brausen in den Baumwipfeln, das ihm vernehmlicher zu der Frage wurde: Willst du wissen, warum? willst du wissen, warum? Und er warf sich zur Erde, auf Wurzeln und Steine, er küsste Wurzeln und Steine und rief aus: »Ich weiß warum, ich weiß warum.«
»Was mir am meisten gefällt,« fuhr Sir Denis fort, »ist, dass einem die Figur des Franziskus nahetritt und dass er jenes Bezaubernde hat, das ihm vor allen Heiligen zugeschrieben wurde, die Cortesia.«
Eva erhob sich. »Das ist es,« sagte sie, »das.« Und sie machte mit beiden Händen eine entzückende Gebärde. Alle sahen sie an. Sie fügte hinzu: »Geben, was mein ist, und nehmen, zum Scheine nur, was des andern ist. Das ist Cortesia.«
Christian hatte sich während dieses Gesprächs aus dem Kreis entfernt. Widerwille zeigte sich in seinem Gesicht. Auch während der Vorlesung hatte er es kaum ertragen, auf seinem Stuhle ruhig sitzen zu müssen. Er wusste nicht, was es war, das sich in ihm aufbäumte, ihn im höchsten Grad reizte. Hohn und Trotz erfüllten ihn und drängten ihn zu einer Kundgebung. Mit verstellter Gleichgültigkeit rief er Sir Denis Lay zu sich und begann mit ihm von dem Vollbluthengst zu sprechen, den Sir Denis zu verkaufen und den Christian zu besitzen wünschte. Er hatte vierzigtausend Franken schon geboten, jetzt bot er fünfundvierzigtausend, so laut, dass es alle hören konnten. Crammon trat wie ein Wächter an seine Seite.
»Komm, Susanne,« wandte sich Eva zu ihrer Dienerin, und um ihren Mund zuckte es spöttisch und bitter, »komm. Er versteht zu fechten, und er versteht, Rosse zu erhandeln. Von Cortesia versteht er nichts. Gute Nacht, meine Herren.« Sie verbeugte sich und schlüpfte durch den grünen Türvorhang.
In ihrem Gemach angelangt, warf sich Eva auf einen Sessel und schlug erbittert die Hände vor das Gesicht. Susanne kauerte sich neben ihr auf den Boden und sah sie wartend und suchend an. Als eine Viertelstunde verflossen war, erhob sie sich, löste die Spangen aus Evas Haar und begann sie zu kämmen.
Die Lehre des Meisters war: Erziehe deinen Leib zur Furcht vor dem Geist; was du ihm über die Notdurft gewährst, macht dich zu seiner Sklavin. Sei nie die Verführte, verführe du, dann bleibt dir immer der Weg bekannt. Sei allen ein Geheimnis, sonst wirst du dir gemein; nur dem Werk gib dich hin, Leidenschaften der Sinne verwüsten das Herz. Was ein Mensch vom andern wirklich empfängt, ist niemals die Fülle der Stunde und der Seele, sondern ein Bodensatz, der erst spät und unmerkbar befruchtet wird.
Als sie im Alter von zwölf Jahren, von Gauklern beschwatzt und von ihrem Schicksal gerufen, die Heimat verließ, das weltentlegene fränkische Städtchen, war es noch weit bis zum Meister hin, aber der Weg war vorbestimmt.
Sie verlor sich nie. Sie glitt über Bedrängnisse und Erniedrigungen hinweg, wie die Gemse über Abgründe und Geröll. Wer sie unter den Mitgliedern der wandernden Truppe sah, hielt sie für ein geraubtes Kind von vornehmer Geburt. Dabei war sie die Tochter eines unbekannten Musikers, der Daniel Nothafft hieß, und einer Dienstmagd; mit dem Vater war sie nur durch ein Traumgefühl von Mitleid und Verehrung verbunden, die Mutter hatte sie niemals gesehen und deren mißklingenden Namen hatte sie abgeworfen.
In Zelten und Scheunen zu nächtigen, war sie gewohnt. In Orten am Meer hatte sie oft zwischen Klippen geschlafen, eingehüllt in eine Decke. Sie kannte den Nachthimmel, seine Wolken und seine Sterne. Sie war unter Tieren gelegen, Eseln und Hunden, im Stroh, und war auf der gebrechlichen, mit Menschen bepackten Karre bei Regen oder Schneegestöber über die Landstraßen gefahren. Es war eine Romantik, die im Widerspruch zum Zeitalter stand.
Sie hatte ihre theatralischen Kostüme nähen und täglich unter der Fuchtel des Oberhaupts der Gesellschaft ihre anstrengenden Übungen machen müssen. Aber sie lernte auch die fremde Sprache und kaufte auf Jahrmärkten heimlich die Bücher der Poeten, die in dieser Sprache gedichtet hatten. Heimlich las sie, manchmal auf herausgerissenen Seiten, die sich leicht verbergen ließen, Beranger, Musset, Victor Hugo und Verlaine.
Sie ging auf dem hohen Seil, das ohne Schutznetz über einen Dorfplatz von First zu First der Häuser gespannt war, und ging so sicher wie auf Breitern. Sie war die Partnerin eines dressierten Tanzbären und trat mit fünf Pudeln auf, die Purzelbäume machten. Sie turnte am Trapez, und ihre große Nummer war, sich in Karriere von einem Pferd aufs andre zu schwingen. Hierbei stellte der Leierkastendreher die Musik ein, um die Zuschauer zu verständigen, dass Ungewöhnliches geschah. Sie trug den Sammelteller am Strick entlang und nötigte manchen, durch einen Blick nur, in die Tasche zu greifen, der sich tückisch davonstehlen wollte.
Sie beklagte sich nicht nur nicht, sondern sie nahm die vielfachen Obliegenheiten aus eigenem Antrieb auf sich. Es war ihr bewusst, dass alles dies nur Schule war und Vorbereitung. Sie hatte die Gabe zu warten, in niedriger Sphäre sich innerlich schaffend zu gedulden.
In einigen Dörfern und kleinen Städten an der Rhone geschah es, dass sie unter dem Publikum häufig einen Mann bemerkte, der sich an zwei Krücken mühselig fortschleppte. Er folgte der Truppe von Ort zu Ort, und da seine ganze Aufmerksamkeit jedesmal bloß auf Eva gerichtet war, litt es keinen Zweifel, dass er es um ihretwillen tat.
Es war in der Nähe von Lyon, als sie, nach zweijährigen Wanderzügen, am Typhus erkrankte. Ihre Leute mussten sie ins Hospital bringen, sie konnten nicht warten, der Führer wollte nach gemessener Zeit zurückkehren und sie holen. Als er kam, war sie erst im Beginn der Genesung; plötzlich tauchte neben ihrem Bett der Mann mit den Krücken auf. Er winkte den Gauklerchef beiseite; man sah an den Mienen, dass es sich bei dem Gespräch um Geld handelte. Aus dem Händedruck ihres bisherigen Herrn spürte Eva, dass sie ihn zum letzten Male sah.
Lukas Anselm Rappard hieß der mit den Krücken. Er wurde Evas Retter und Erwecker; er lehrte sie ihre Kunst, er nahm sie in seine Obhut, und diese Obhut war von tyrannischer Art. Er gab sie erst wieder frei, als sie geworden war, wozu er sie hatte formen wollen.
Seit langem hatte er sich in Toledo zur Ruhe gesetzt, weil drei oder vier Gemälde dort waren, denen nah zu sein er die Weltabgeschiedenheit nicht scheute. Dann auch, weil die spanische Sonne ihn am meisten durchwärmte, und weil das Volk ihm gefiel.
Ungeachtet seines Gebrechens reiste er alljährlich nach Norden an die See. Er reiste wie die Altvordern, langsam von Ort zu Ort. Seine Schwester Susanne war seine stete Begleiterin.
Auf der Rückkehr war er diesmal zufällig von Evas Auftreten Zeuge geworden. Die dörflichen Jahrmärkte dieser Gegend hatten ihn schon oft verlockt. Da fand er unversehens, was ihn reizte, ein Werk zu schaffen. Es war ein Bildhauergelüst; die Form schwebte ihm vor, der Stoff war gegeben; der Anblick des Lebens entzündete Ideen, die zu gestalten er bereits verzichtet hatte.
Er mochte vierzig Jahre zählen oder etwas mehr. Sein bartloses Gesicht war derbknochig, bäurisch-brutal. Je genauer man es aber betrachtete, je geistiger erschien es. Die grüngrauen Augen, tief in starken Höhlen liegend, hatten eine Blickgewalt, die überraschte, ja erschreckte.
Der merkwürdige Mann hatte eine merkwürdige Herkunft und ein merkwürdiges Schicksal. Sein Vater war ein holländischer Sänger gewesen, seine Mutter eine Dalmatinerin; sie waren beide nach Kurland verschlagen worden und während einer Epidemie fast zu gleicher Zeit gestorben. Die Geschwister waren schon als Kinder in die Ballettschule des Rigaer Theaters gekommen. Lukas Anselm gab zu großen Hoffnungen Anlass. Durch eine unvergleichliche Elastizität und Leichtigkeit stellte er alles in den Schatten, was man bisher an jungen Tänzern gesehen hatte. Mit siebzehn Jahren entfesselte er das Publikum der Mailänder Skala durch seine Wirbel und Sprünge zu einer selten gehörten Beifallsraserei. Seine Wirkung erschien unzeitgemäß, verspätet oder verfrüht. Seine ganze Person hatte etwas Befremdendes, Überpflanztes, und bald wurde er auch an sich irre oder an den Elementen, die ihn trugen. Mit zwanzig Jahren wurde er von einer krankhaften Schwermut erfasst.
Da begab es sich, als er in Petersburg gastierte, dass sich eine junge und jungverheiratete Dame vom Hof in ihn verliebte. Sie bewog ihn dazu, sie eines Nachts in ihrer Villa außerhalb der Stadt zu besuchen. Jedoch ihr Gatte war hiervon benachrichtigt worden; er schützte eine Reise vor, um die Frau in Sicherheit zu wiegen, drang mit mehreren Dienern in ihr Schlafgemach, riss den Liebhaber von ihrer Seite, ließ ihn von seinen Leuten blutig peitschen, sodann binden und nackt in den Schnee hinaustragen. Hier, im Schnee, bei strenger Kälte, musste der Unglückliche bis zum Morgen, sechs Stunden lang, liegen.
Gefährliche Krankheit und unheilbare Lähmung waren die Folgen der Gewalttat. Susanne pflegte ihn und verließ ihn nicht eine Stunde. Sie hatte ihn stets bewundert und geliebt, jetzt vergötterte sie ihn. Ein kleines Vermögen hatte er bereits erworben, es vermehrte sich durch eine Erbschaft von mütterlicher Seite. So war er in den Stand gesetzt, unabhängig zu leben.
Ein neuer Mensch wuchs in ihm. Die Krüppelhaftigkeit verlieh seinem Gehirn jene Schwungkraft, die vordem sein Körper besessen hatte. Auf wunderlichem Weg durchmaß er die Weite modernen Daseins von einem Endpunkt bis zum andern und spannte, über Schmerz, Enttäuschung und Verzicht, den Bogen vom Sinnlichen zum Geistigen. In seiner Verwandlung vom Tänzer zum Krüppel schien ihm eine tiefe Bedeutung zu liegen; er forschte nach der Idee und nach dem Gesetz, und das schroffe Widerspiel von äußerer Ruhe und innerer Bewegung, von innerer Ruhe und äußerer Bewegung dünkte ihm wichtig zur Erklärung der Menschheit und der Zeit.
Mit zweiundzwanzig Jahren lernte er Lateinisch, Griechisch und Sanskrit. Er trieb die Studien eines Schülers und hörte Vorlesungen an deutschen Universitäten. Der fremdartige Student, der mühsam an Stöcken humpelte, bildete häufig den Gegenstand neugieriger Nachfrage. Als er dreißig alt war, reiste er in Susannes Begleitung nach Indien und lebte vier Jahre lang in Delhi und in Benares. Er verkehrte mit gelehrten Brahmanen und wurde von ihnen in Mysterien eingeweiht, die kein Europäer vor ihm erfahren. Eines Tages stand er einem sagenhaften tibetanischen Lama gegenüber, der achtzig Jahre lang in einer Höhle im Gebirg gelebt und den die ewige Finsternis blind, die ewige Einsamkeit zum Heiligen gemacht hatte. Der Anblick des Hundertjährigen erschütterte ihn, zum erstenmal in seinem Leben, bis zu Tränen. Er verstand nun Heiligkeit und glaubte an Heiligkeit. Und dieser Heilige tanzte. Beim Sonnenaufgang tanzte er, die blinden Augen dem Gestirn zukehrend.
Er sah die religiösen Feste in den Tempelsiedlungen am Ganges und fühlte die Nichtigkeit des Lebens und die Gleichgültigkeit des Todes, wenn die Pestleichen zu Hunderten und aber Hunderten den Fluss hinunterschwammen. Er ließ sich in die Urwälder und die Dschungeln tragen und sah überall Tod und Leben so ineinander verstrickt, dass eines Art und Züge des andern annahm, Verwesung die der Geburt, Fäulnis die der Zeugung. Man erzählte ihm von der Marmorstadt eines Rajahs, in der nur Tänzerinnen lebten, die von Fakiren unterrichtet wurden; wenn die Zeit kam, wo sie verblühten und ihre Gelenke die Kraft einbüßten, wurden sie getötet. Sie hatten das Gelübde der Keuschheit abgelegt, und wenn sie es brachen, wurden sie getötet. Er ging hin, doch erhielt er keinen Einlaß. In der Nacht sah er Feuer auf den Dächern und hörte die Gesänge der jungfräulichen Tänzerinnen. Bisweilen glaubte er auch einen Todesschrei zu hören.
Mehrere Räume waren angefüllt mit Büchern; die Bücher wurden Evas stumme Freunde in den Jahren, die nun kamen und in denen sie fast keinen andern Menschen sah als Rappard und Susanne.
Sie betrat es mit der Furcht vor ihm, der sie durch seinen Willen hergezwungen. Seine Sprache und sein Wesen schüchterten sie so ein, dass sie Angstvorstellungen hatte, wenn sie an ihn dachte. Sie zu beschwichtigen, war Susanne eifrig bemüht.
Susanne erzählte vom Bruder, abends und nachts, wenn Eva mit einem bis zur Verzweiflung erschöpften Körper dalag, vor Erschöpfung nicht schlafen konnte. Sie war nicht verweichlicht, das Leben bei der Truppe hatte sie an die härtesten Anstrengungen gewöhnt, aber dieser unaufhörliche Drill, diese eintönige Plage der ersten Monate, in der alles wüst und schmerzlich war, ohne Lockung, ohne Licht, ohne Begreifen fast, machte sie krank und ließ sie ihre Glieder hassen.
Susanne beschwor sie mit dumpfer Stimme; Susanne streichelte ihre Arme und Beine; Susanne trug sie ins Bett und las ihr vor. Und sie schilderte ihn, der in ihren Augen ein Zauberer war, ein ungekrönter König, an dessen Blick und Atemhauch sie hing und aus dessen Vergangenheit sie Szenen und Worte wiedergab, weitschweifig und wirr oft, zuweilen auch so packend und bildvoll, dass Eva das Glück der Fügung zu ahnen begann, welches ihn auf ihren Weg geführt.
Dann kam ein Tag, wo er zu ihr redete. »Glaubst du dich zur Tänzerin geboren?« – »Ich glaube es.« Und er sprach zu ihr über den Tanz. Das schwankende Gefühl wurde fest. Sie spürte den leichter und leichter werdenden Körper. Als er sie verließ, schaute sie mit Augen, in denen schon der Ehrgeiz flammte.
Er hatte sie gelehrt, mit aufgereckten Armen zu stehen, und kein Muskel durfte zittern; sich auf den Fußspitzen zu halten, dass der Scheitel einen hängenden spitzen Pfeil berührte; mit nackten Füßen bestimmte Figuren zwischen aufgespießten Nadeln zu gehen, und wenn jede Wendung den Gliedern eingefleischt war, mit verbundenen Augen die Gefahr zu meiden; sich um einen vertikal gespannten Strick zu wirbeln und ohne Hilfe der Arme auf hohen Stelzen zuschreiten.
Sie hatte vergessen müssen, wie sie bisher gegangen, geschritten, gelaufen, gestanden war, und sie musste lernen, zu gehen, zu schreiten, zu laufen, zu stehen. Es musste neu werden, wie er sagte; Glieder, Knöchel und Gelenke mussten sich zu neuen Funktionen entschließen, so wie ein Mensch, der im Straßenschmutz gelegen ist, neue Kleider anzieht. »Tanzen heißt Neusein,« sagte er, »in jedem Augenblick frisch aus Gottes und seiner Engel Hand.«
Er schuf die Gebärde mit ihr. Er dichtete um jede Gebärde ein Erlebnis. Er zeigte ihr, was Flucht war, was Verfolgung, was Abschied, was Begrüßung; was Erwartung, was Triumph; was Freude, was Angst. Es gab keine Regung eines Fingers, an der nicht der ganze Körper teilzunehmen hatte; Spiel der Augen und der Mienen kam so wenig in Frage, dass man das Gesicht getrost verhüllen konnte, ohne dass der Ausdruck litt.
»Kannst du beten? Kannst du pflücken, die Sense schwingen, Körner sammeln, einen Ring darreichen, einen Schleier binden? Gib das Bild davon! Stell es dar!« Sie konnte es nicht. Er lehrte es sie.
Wenn sie sich in die Wirklichkeit verirrte, schäumte er vor Zorn. »Die Wirklichkeit ist ein Vieh!« schrie er und schleuderte eine seiner Krücken an die Wand, »die Wirklichkeit ist ein Mörder!«
Er erklärte ihr an Statuen und vor den Gemälden großer Künstler die wesentliche und geadelte Linie und wie das Gedachte und Erbaute wieder mit der Natur und ihrer Unmittelbarkeit in Harmonie gebracht war.
Er sprach über die Musik als Helferin. »Du brauchst die Melodie nicht, kaum den Ton. Wichtig ist allein die geteilte Zeit, das hörbar abgesetzte Maß, das die heftige, wilde, leidenschaftliche oder die sanfte, getragene, liebliche Bewegung leitet und eindämmt. Hierzu genügt ein Tamburin oder eine Wasserpfeife. Alles übrige ist Schwindel und Trübung. Hüte dich vor Poesie, die nicht aus deiner Leistung kommt.«
Er ging des Nachts mit ihr in Schenken und Tanzlokale, wo Mädchen aus dem Volk ihre kunstlosen und aufgeregten Tänze vorführten. Er enthüllte den Kern davon und ließ sie einen Bolero, einen Fandango, eine Tarantella tanzen, die nun wie geschliffene Edelsteine wirkten.
Er rekonstruierte die alten Waffentänze für sie, die Pyrrhiche und die Karpeia; den Tanz der Musen auf dem Helikon um den Altar des Zeus; den Tanz der Artemis mit ihren Gespielinnen; den Geranostanz von Delos, welcher den Weg des Theseus durch das Labyrinth nachahmte; den Tanz, den die Mädchen von Karyai zu Ehren der Artemis von Karyai tanzten, wobei sie einen kurzen Chiton und ein korbartiges Weidengeflecht auf dem Haupte trugen; den Keltertanz, der durch die Schale des Hieron überliefert ist und bei welchem alle bei der Weinlese und beim Keltern vorkommenden Handlungen dargestellt werden. Er zeigte ihr Abbildungen der Francoisvase, der geometrischen Vase vom Dipylon, vieler Reliefs und Terrakotten und ließ sie die Figuren studieren, die eine hinreißende Anmut und einen unvergleichlichen Schwung der Bewegung hatten. Er verschaffte ihr die Musik dazu, die er mit Susannes Hilfe aus alten Notenschriften auszog und den Tänzen anpaßte.
Von da an führte er sie höher; veranlaßte sie, selbst zu erfinden, selbst zu fühlen und das Gefühl zu formen; löste den hypnotisch aufs Technische oder nur Schöne gebannten Blick, machte ihre Sinne frei, ließ sie das Feld übersehen, auf dem sie wirken sollte, den tauben, blinden Schwarm und Haufen; flößte ihr die Liebe zu den unsterblichen Werken ein und wappnete ihr Herz gegen die niedrige Verführung, gegen das Spiel ohne höchsten Einsatz, das Tun ohne Maß, das Sein ohne Gewicht.
Er gab ihr Susanne mit, als er sie reif fand, sich der Welt zu zeigen, außerdem Empfehlungen, die den Anfangsweg ebneten. Er wollte einsam leben. Für die Pflege, deren er bedurfte, hatte Susanne einen jungen Kastilier abgerichtet. Ob er in Toledo bleiben oder einen andern Wohnsitz wählen würde, sagte er nicht. Seit sie ihn verlassen, hatte weder Eva noch Susanne von ihm gehört; Briefe und Nachrichten hatte er sich verbeten.
Susanne saß oft in der Nacht in einem finstern Winkel und nannte aus tiefem Brüten heraus seinen Namen. Ihre Gedanken drehten sich um die Wiedervereinigung mit ihm. Der Dienst bei Eva war bloß eine gewaltsame Unterbrechung des Lebens an seiner Seite.
Sie liebte Eva; aber sie liebte sie als Lukas Anselms Werk und Werkzeug. Wenn Eva Ruhm gewann, so war es für Lukas Anselm; wenn sie Schätze sammelte, es war für Lukas Anselm; wenn sie mächtig wurde, für Lukas Anselm wurde sie's. Die sich Eva nahten und sich ihr unterwarfen, waren Kreaturen Lukas Anselms, seine Hörige und Sendlinge.
Ach, dachte sie, als sie nach dem Auftritt mit Christian Wahnschaffe in Evas Gemach ihr zu Füßen kauerte, wie so oft, und ihre Knie umklammert hielt, ach, er hat ihr eine unwiderstehliche Seele eingehaucht, er hat sie schön und strahlend gemacht.
Aber es war auch eine abergläubische Befürchtung in ihr. Insgeheim zitterte sie davor, dass diese unwiderstehliche Seele plötzlich einmal aus Evas Körper entweichen, die strahlende Schönheit schwinden würde, und dass dann nichts übrigblieb als eine leere, tote Hülle. Geschah es, dann wusste sie, dass Lukas Anselm nicht mehr war.
Darum freute sie sich, wenn Überschwang und Ausgelassenheit, Glanz und Tumult in Evas Leben herrschten, und wurde niedergeschlagen und von schlimmen Ahnungen geplagt, wenn die Schöne sich zurückzog und still und allein blieb. So lang Eva tanzte, so lang Eva liebte, so lang sie Feste feierte und sich schmückte, brauchte Susanne nicht um den Bruder zu bangen, und darum saß sie da und blies in die Flamme, aus welcher Lukas Anselm zu ihr redete.
»Hast du den Engländer gewählt, so musst du deswegen dem Deutschen nicht den Laufpaß geben,« sprach sie. »Nimm den einen, und den andern kannst du noch schmachten lassen. Man weiß nicht, wie die Dinge sich verändern. Es sind viele da; sie steigen, sie fallen. Mit Cardillac gehts auch bergab; man munkelt allerlei.«
Mit einem Ruck schnellte Eva empor. »Du sollst mir nicht von ihm sprechen, du sollst ihn mir nicht preisen, Kupplerin,« rief sie mit glühenden Wangen, und der spöttisch leichte Ton, in dem sie immer mit Susanne redete, wurde drohend.
Am andern Tag kam Crammon. »Ich habe einen gefunden, dessen Lachen die Eseltreiber in Cordova schamrot macht,« begann er mit komischer Feierlichkeit; »aus welchem Grund wird er verworfen?«
Sein Herz blutete, aber er warb für den Freund. Wie sehr er Denis Lay auch bewunderte und liebte, Christian stand ihm näher; Christian war sein Fund, auf den er eitel war, Christian war sein Held.
»Es ist wahr, er versteht zu lachen wie jener Eseltreiber in Cordova, aber er hat auch nicht mehr Herzensbildung als der Eseltreiber in Cordova, und das, mein Lieber, ist mir zu wenig.«
»Ihr könnt mit mir nach England gehen,« antwortete Eva heiter. »Ich tanze im Theater Seiner Majestät. Eidolon soll mein Page sein, soll Ehrfurcht lernen und nicht um Pferde feilschen, wenn man mir schöne Gedichte vorliest. Sagen Sie es ihm.«
Cardillac fiel in Ungnade bei Eva; damit verlor er den letzten Halt. Die Gefahr, mit der er verwegen gespielt, umstrickte ihn; der Abgrund zog ihn hinunter.
Den äußeren Anstoß zu seinem Sturz gab ein junger Ingenieur, der einen Wassermesser erfunden hatte. Cardillac hatte ihn durch großartige Versprechungen überredet, ihm die Nutzbarmachung der Erfindung zu überlassen. Es dauerte nicht lange, so erkannte der Ingenieur, dass er betrogen und um den Ertrag seiner Arbeit gebracht war. Er sammelte in der Stille Material gegen den Spekulanten, deckte seine betrügerischen Geschäfte auf und überreichte bei Gericht eine Reihe vernichtender Anklagen. Obwohl ihm Cardillac schließlich fünfmalhunderttausend Franken anbieten ließ, wenn er die Klagen zurückziehe, weigerte sich der hartnäckige Verfolger.
Andre Umstände kamen hinzu; die Katastrophe war nicht mehr aufzuhalten. An einem einzigen Vormittag fielen die Kurse seiner Papiere um Hunderte von Franken. Dreihundert Millionen wurden in zweimal vierundzwanzig Stunden verloren. Die Ernte des Baissiers war gekommen. Zahllose Existenzen gerieten mit der Geschwindigkeit eines Lawinensturzes ins Elend, achtzehnhundert Kleingewerbetreibende büßten ihr ganzes Hab und Gut ein, siebenundzwanzig bedeutende Firmen mussten den Konkurs anmelden, Senatoren und Abgeordnete des Parlaments wurden in den Strudel gerissen, und unter den Angriffen der Opposition wankte die Regierung.
Felix Imhof kam nach Paris, um aus dem Zusammenbruch zu retten, was noch zu retten war. Der empfindliche Verlust, den er erlitten hatte, hinderte ihn nicht an entzückten Äußerungen über das imposante Schauspiel, welches der Untergang Cardillacs der Welt darbot.
Crammon sagte: »Ich war keusch wie Joseph, als mich diese Potiphar verführen wollte.« Er deutete mit dem Zeigefinger kichernd auf Imhof und rieb sich selbstzufrieden die Hände.
Am darauffolgenden Abend ging Imhof mit den Freunden zu Eva Sorel. Sie hatte das Palais verlassen, das ihr Cardillac eingerichtet, und ein schönes Haus an der Chaussee d'Antin gemietet.
Imhof sprach von der besonderen Tragik moderner Schicksale, und als ein Beispiel erzählte er, wie Cardillac drei Tage vor seinem Sturz im Hauptquartier seiner erbittertsten Gegner erschienen sei, nämlich in der Bank von Paris. Der Verwaltungsrat der Bank war vollzählig versammelt. Mit gefalteten Händen, mit tränenüberströmtem Gesicht flehte der gehetzte Mann um ein Darlehn von zwölf Millionen Franken. Es war ein drastisches Zeichen seiner Naivität, von denen Hilfe zu verlangen, die er seit Jahr und Tag an der Börse geschröpft, deren Verluste er eingeheimst und die er mit dem neuen Darlehn noch weiter bekämpfen wollte.
Christian hörte zerstreut zu. Er stand Arm in Arm mit Crammon vor einem chinesischen Wandschirm; ihnen gegenüber saß Eva, eigentümlich verträumt, und dicht neben ihr Sir Denis Lay. Auch andre waren anwesend, aber ihnen schenkte Christian keine Aufmerksamkeit.
In der Tat war es Cardillac, der eingetreten war. Seine Stiefel waren beschmutzt, Kragen und Krawatte in einer Unordnung, als habe er sie schon eine Woche lang am Leib. Er hatte die Fäuste zusammengedrückt, seine Augen wanderten unstet von Gesicht zu Gesicht.
Eva und Sir Denis blieben ruhig sitzen. Eva stützte den Fuß auf den Rand eines kupfernen, mit weißen Lilien gefüllten Gefäßes. Auch die andern rührten sich nicht. Nur Christian machte, unwillkürlich, ein paar Schritte auf Cardillac zu.
Cardillac gewahrte ihn. Er ergriff ihn am Ärmel des Fracks und zog ihn zur Tür des Nebenraums. Sie waren kaum über die Schwelle gelangt, als Cardillac gepressten Tones flüsterte: »Ich muss zweitausend Franken haben, sonst bin ich verloren. Strecken Sie mir zweitausend Franken vor, Monsieur, retten Sie mich, ich habe Frau und Kind.«
Frau und Kind, dachte Christian erstaunt, wie geht das zu, kein Mensch hat davon gewusst. Und weshalb wendet er sich gerade an mich? Da ist Wiguniewski, da ist d'Autichamps, da sind viele, die er besser kennt.
Frau und Kind, fuhr es ihm durch den Kopf, und der heftige Widerwille gegen Bettler erwachte in ihm; was hab ich damit zu schaffen? Er nahm die Geldnoten heraus. Zweitausend Franken, dachte er, und erinnerte sich der Millionensummen, die man gewohnt war, in Verbindung mit dem Namen des Mannes zu nennen, der bettelnd vor ihm stand.
Mit gesenktem Kopf schritt Cardillac an ihm vorüber; im andern Zimmer hatten sich indessen zwei fremde Männer eingefunden. In der offenen Doppeltür hinter ihnen standen die Diener mit verlegenen Gesichtern. Es waren Polizeibeamte. Sie suchten Cardillac, sie waren ihm bis ins Haus gefolgt.
Cardillac, sie erblickend und was sie hergeführt erratend, prallte gurgelnd zurück. Seine rechte Hand verschwand in der Rocktasche; mit einem Sprung waren die beiden Leute neben ihm und hatten seine Arme gepackt. Es gab ein kurzes, lautloses Ringen; plötzlich war er gefesselt.
Eva hatte sich erhoben. Ihre Gäste scharten sich um sie. Sie lehnte sich an Susannes Schulter und drehte den Kopf zur Seite, als graue ihr ein wenig. Aber sie lächelte noch, wenngleich mit entfärbten Wangen.
Christian starrte auf Cardillacs mächtigen Rücken; wie der Rücken eines Ochsen, der zur Schlachtbank gezogen wird, musste er denken. Die zwei Männer, in deren Mitte der Gefesselte ging, hatten fettglänzende Nacken und darüber am Hinterkopf schlecht abgeschnittene, unsaubere Haare.
Cardillacs Worte: »Ich habe Frau und Kind« wollten ihm nicht aus dem Sinn. Im Gegenteil, sie klangen immer greller, und da fragte auf einmal eine zweite Stimme, neugierig, einfältig: wie mögen sie aussehen, diese Frau, dieses Kind? Wo mögen sie sein? Was wird mit ihnen geschehen?
In der Grafschaft Devonshire, südlich von Exeter, hatte Sir Denis Lay seinen Landsitz. Das Herrenhaus lag inmitten eines Parks mit uralten Bäumen, tiefgrünen Rasenplätzen, kleinen Seen, in deren Spiegel der Himmel ruhte, und Blumenbeeten, denen das mildeste Klima der Erde alle Kraft entlockte.
»Wir sind in der Nähe des Golfstroms,« sagte Crammon erklärend zu Eva und Christian, die gleich ihm Sir Denis Gäste waren, und er machte ein Gesicht, als ob er nur um der Freunde willen den Golfstrom eigenhändig aus dem Busen von Mexiko an die englische Küste geleitet hätte.
Mit einer Miene schwesterlicher Zärtlichkeit ging Eva stundenlang zwischen den eben erblühten Veilchen umher. Weite Flächen strahlten blau; es war im März.
Auf einem Spaziergang waren die vier vom Regen überrascht worden und kehrten nass zurück. Als sie sich umgekleidet hatten, trafen sie im Bibliotheksraum wieder zusammen und nahmen hier den Tee. Es war eine große Halle, deren Wände mit dunkler Eiche getäfelt waren; mächtige Balken trugen die Decke. In halber Höhe lief eine Galerie mit geschnitztem Geländer, und an einer Schmalwand sah man zwischen den Bogenfenstern die vergoldeten Pfeifen einer Orgel.
Es dämmerte, und der Regen rauschte. Eva hatte ein Album mit Kopien Holbeinscher Bilder vor sich; langsam schlug sie Blatt um Blatt um. Christian und Crammon spielten Schach. Sir Denis schaute ihnen eine Weile zu, dann setzte er sich an die Orgel und begann zu spielen.
»Die Partie ist verloren,« sagte Christian, stand auf und ging die Treppen zur Galerie empor. Er lehnte sich über die Brüstung und blickte hinunter. Auf einem Vorbau des Geländers lag, wie ein Ei in einem Becher, ein Erdglobus in metallenem Gestell.
Sir Denis wandte sich um. »Ich habe eine Stelle aus dem Hohen Lied zu komponieren versucht,« antwortete er. Er begann wieder und sang mit wohllautender Stimme: »Erhebe dich, du Schöne, und komm mit mir, der Winter ist vorüber.«
Der Klang der Orgel erregte in Christian ein Gefühl von Haß. Sein Auge umfasste die Gestalt Evas; in einem meergrünen Kleid, schlank, fern und fremd, saß sie dort drunten, und wie er sie anschaute, vermischte sich mit dem Haß gegen die Musik ein andres Gefühl, ein wehes, lastvolles, und sein Herz fing heftig an zu schlagen.
»Erhebe dich, du Schöne, und komm mit mir,« sang Sir Denis. Crammon brummte die Melodie leise mit. Eva sah empor und begegnete dem Blick Christians; in ihrem Gesicht war ein rätselhafter Ausdruck von Hoheit und von Liebe.
Christian nahm den Globus aus dem Gestell, um mit ihm zu spielen. Er ließ ihn, als sei es ein Gummiball, auf der flachen Brüstung zwischen seinen Händen hin und her rollen. Aber da entglitt ihm die Kugel, stürzte in die Tiefe und rollte auf dem Boden weiter, gerade vor Evas Füße.
Eva hob die Kugel auf und ging mit ihr Christian entgegen; er nahm sie, aber sie griff gleich wieder danach. Und sie hielt sie so, dass sie auf den Fingerspitzen ihrer rechten Hand lag. Die Linke hielt sie mit gespreizten Fingern daneben, der Kopf war vorgebeugt, die Lippen warm geöffnet.
»Das ist also die Welt,« sagte sie; »das ist eure Welt! Das Blaue ist der Ozean und das Schmutzige, Gelbe, das sind die Länder. Wie hässlich die Länder! Wie unförmlich! Wie ein Käse, an dem die Mäuse geknabbert haben! Pfui! O Welt, was alles auf dir kriecht! was alles auf dir geschieht! Das also bist du, Welt, so halt ich dich, so trag ich dich. Das gefällt mir.«
Die drei jungen Leute, obschon sie lächelten, verspürten einen leisen Schauder. Sie konnten auf dieser kleinen runden Erdkugel nicht mehr aufrecht stehen, sie stürzten vor dem Atemhauch der Tänzerin in die schwarze, unermessliche Tiefe des Kosmos.
Und Christian sah, dass Sir Denis ihn anschaute, mit einem Entschluss ringend. Plötzlich ging der Baronet auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Christian gab ihm seine Hand, dem bevorzugten Rivalen, gegen den sich sein heimlichstes Gefühl doch im Vorteil wusste; denn zwischen Evas Antlitz und dem bunten Globus glaubte er ein geisterhaftes Figürchen wahrzunehmen, das sie mit bannendem Blick umfing, ein winziges Ebenbild seiner selbst, Eidolon.
Im Sommer wollten sie nach Exeterhall zurückkehren, um den Hirsch zu Pferde zu jagen, wie es dort Herrenbrauch war. Aber im Sommer war schon alles anders; im Sommer war Sir Denis schon von der runden Kugel geglitten.
Eva Sorel war die unbestrittene Beherrscherin der Londoner Modemonate. Alles war voll von ihrem Namen; die Frauen trugen Hüte à la Eva Sorel, die Männer Krawatten mit ihren Lieblingsfarben. Die umworbensten Größen der Zeit sahen sich neben ihr in den Schatten gestellt, sogar der Negerboxer Jackson. Sie konnte den Ruhm in vollen Zügen schlürfen und das Gold mit Eimern schöpfen.
Der Mai in London war sehr heiß. Sir Denis und Christian verabredeten den Plan zu einer nächtlichen Fahrt auf der Themse. Sie mieteten die Dampfjacht »Aldebaran«, bestellten ein köstliches Mahl auf dem Schiff, und Sir Denis schickte Einladungen an Freunde und Bekannte.
Vierzehn Herren und Damen der vornehmen Londoner Gesellschaft nahmen an der Partie teil. Die Jacht wartete am Landungsplatz vor dem Parlamentsgebäude, und kurz vor Mitternacht kamen die Gäste, alle in Abendkleidern. Es war der Sohn des russischen Botschafters dabei, der Honorable James Wheely, der Bruder des Ministers, der Graf und die Gräfin von Westmoreland, Eva Sorel, Fürst Wiguniewski und andre.
Punkt zwölf Uhr lichtete der »Aldebaran« die Anker, und die Musikkapelle, die aus erwählten Künstlern des Drury-Lane-Theaters bestand, fing an zu spielen.
Als die Jacht auf ihrem Weg flußaufwärts die Eisenbahnbrücke von Battersea erreicht hatte, sah man am linken Ufer, von einer Reihe trüber Straßenlaternen beleuchtet, eine unabsehbare Menschenmenge, Männer und Weiber, Kopf an Kopf, Tausende und Tausende.
Es waren streikende Arbeiter von den Hafendocks. Warum sie hier standen, so schweigend, so drohend im Schweigen, war keinem auf dem Schiff bekannt. Es mochte eine stumme Demonstration sein.
Sir Denis Lay, der viel Champagner getrunken hatte, trat an die Reling des Schiffes, und in seinem Übermut rief er ein dreimaliges Cheer hinüber. Kein Laut antwortete ihm. Wie eine Mauer stand die gedrängte Masse, und in den düsteren Gesichtern, die sich dem blendend erleuchteten Dampfer zukehrten, bewegte sich keine Miene.
Da sagte Sir Denis zu Christian, der neben ihn getreten war: »Wir wollen zu ihnen hinüberschwimmen, wir beide. Wer zuerst ans Ufer gelangt, ist Sieger und soll sie fragen, diese Leute, worauf sie warten, warum sie nicht in ihre Löcher kriechen, so spät in der Nacht.«
»Hinüber zu denen?« antwortete Christian und schüttelte den Kopf. Man forderte von ihm, er solle schleimiges Gewürm mit seinen Händen greifen und eine Trophäe daraus machen.
Er war als vorzüglicher Schwimmer berühmt; die Gesellschaft nahm daher den Einfall als eine jener bizarren Launen hin, die an dem jungen Edelmann nicht überraschten. Nur Eva suchte ihn zurückzuhalten; sie näherte sich ihm und legte warnend die Hand auf seinen Arm. Vergeblich; schon schickte er sich an, mit einem Kopfsprung über das Geländer in den Fluss zu springen. Da kam noch der Kapitän, packte ihn an der Schulter und bat ihn, so üblen Scherz zu unterlassen, da die Themse bei aller scheinbaren Unbewegtheit eine starke und gefährliche Strömung habe. Jedoch Sir Denis riss sich los, eilte auf das Promenadendeck, und einige Sekunden später flog sein schlanker Körper in die schwarze Flut.
Niemand dachte an Unheil. Der Schwimmer kam in mächtigen Stößen vorwärts, und die Zuschauer an Bord waren sicher, dass er das Ufer von Chelsea mit Leichtigkeit gewinnen würde. Auf einmal aber sah man ihn, der vom Licht eines Scheinwerfers am Ufer ziemlich gut beleuchtet war, die Hände über den Kopf werfen. Gleichzeitig rief er gellend um Hilfe. Ohne sich zu besinnen, sprang darauf ein Cellist von der mitgenommenen Musikkapelle mitsamt seinen Kleidern über Bord, um dem offenbar Ertrinkenden beizustehen. Unglücklicherweise war die durch die Ebbe verursachte Strömung um diese Stunde besonders heftig; sowohl Sir Denis als auch der Musiker wurden von ihr fortgerissen. Beide verschwanden in den Wellen.
Da wich die Betäubung von Christian, und ehe noch einer ihn hindern konnte, sprang er ebenfalls ins Wasser. Er vernahm einen Aufschrei; er fühlte, dass es Eva war, die schrie. Die Herren und Damen auf dem Schiff eilten ratlos hin und her. Christian konnte die Leiber der Gesunkenen nicht mehr wahrnehmen. Das Wasser staute sich und hemmte seine Bewegungen. Jähe Schwäche überfiel ihn, doch Angst hatte er nicht. Den Kopf hebend, sah er die stumme Menge der Arbeiter, Gesichter von Männern und Weibern, andre Antlitze, als er sie je geschaut; obwohl der Blick, den er auf sie heftete, nur sekundenkurz war, war er fast sicher, dass alle ihre finstere Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt wäre, dass sie auf ihn harrten, auf ihn ganz allein, die Tausende und Tausende. Die Schwäche nahm zu, sie hatte ihre Ursache im Herzen, das schwer und schwerer wurde. Aber da wurde er von einem Rettungsboot erreicht.
Um drei Uhr morgens, als es dämmerte, fand man die Leichen von Sir Denis und dem Musiker zwischen zwei Balken am Pfeiler einer Brücke. Sie lagen nun auf Deck, und Christian konnte sie betrachten. Die Gäste hatten das Schiff verlassen; auch Eva war gegangen, Fürst Wiguniewski hatte die Erschütterte weggeführt.
Die Sonne ging auf, das Wasser des Stroms begann zu glühen, das Pflaster in den verödeten Straßen und die Mauern und Fenster der Häuser färbten sich mit Röte. Möwen flogen schreiend um den Schlot.
Christian saß allein bei den Leichen, in einen alten Mantel gehüllt, den ihm der Kapitän gegeben. Unverwandt schaute er in das Gesicht des toten Gefährten, das gedunsen und hässlich war.
Nördlich vom Loch Lommond wanderten Christian und Crammon; sie jagten Schnepfen und Wildenten. Das Land war rauh; unfern brüllte die See, am Himmel zogen vom Sturm zerfetzte Wolken hin.
»Deine Mutter wirds ihn zu verschmerzen lehren,« antwortete Crammon. »Du bist ja volljährig, kannst fünfmal soviel brauchen, ohne dass dich einer hindern darf.«
Ihr Kuß brannte längst nicht mehr auf Christians Lippen; sie hatten seitdem andre Flammen gespürt. Wie lachende Putten auf einem Gemälde gaukelten die schönen Gesichter um ihn her. Freilich, manche unter ihnen lachten jetzt nimmer.
Dunkelgekleidet war Eva zwischen weißen Säulen hervorgetreten, als er sich von ihr verabschiedet hatte. Er sah es noch, sah ihr braunblasses Gesicht, die unsäglich schlanke Hand, die beredteste Hand der Welt. Sie hatte ihn mit dem scherzenden Du angeredet, wie sie oft zu tun pflegte, in der Sprache ihrer deutschen Heimat, die in ihrem Munde eindringlicher und melodischer klang als in irgendeinem Munde sonst.
»Man verlässt mich also, ohne um Urlaub zu bitten?« sagte sie und legte beide Hände auf seine Schultern. »Aber es ist vielleicht gut, dass du gehst. Du machst mich irre. Ich fange an, an dich zu denken, und das will ich nicht.«
»Es hängt von dir ab,« hatte sie erwidert. »Lass mich immer wissen, wo du bist, damit ich dich rufen kann. Unsinn, ich werde dich natürlich nicht rufen. Aber es könnte doch sein, dass mich eine Laune er greift und ich dich haben will, dich und keinen andern. Nur musst du lernen –,« sie unterbrach sich und lächelte.
Das Meer brüllte wie eine Herde von Büffeln. Christian blieb stehen und wandte sich an Crammon. »Hör mal, Bernhard, da ist eine Sache, die mir wunderlich im Sinn herumgeht. Als ich zuletzt mit Eva redete, sagte sie, ich müsste etwas lernen, wenn ich sie wiedersehen wollte. Und als ich sie fragte, was sie meinte, sagte sie, du könntest mir Auskunft darüber geben. Was ist es denn? Was soll ich denn lernen?«
Crammon antwortete ernsthaft: »Ja, siehst du, mein Schatz, das ist nicht so einfach. Manche wollen ein Beefsteak durchgebraten, manche wollen es roh; manche wollen es halb roh und halb gebraten, und wenn man nun den Geschmack nicht kennt und es in der Weise aufträgt, wie es einem selber am besten schmeckt, so riskiert man eine Blamage und steht da als ein Tropf. Es ist nicht einfach mit den Menschen.«
Sie fuhr mit der Gräfin-Tante in den Süden der Schweiz und lustwandelte staunend zu Füßen blauer Gletscher; sie lag am Ufer des Genfer Sees und träumte oder las Gedichte; von Bewunderern umringt, schritt sie lächelnd über die Promenaden der Kurorte; ihrer Jugend und ihres Schatzes von Gefühlen enthusiastisch bewusst, genoss sie den Tag und den Abend, Bild und Buch, Duft und Ton, alles, was zu genießen war; aber sie sehnte sich.
Viele kamen und redeten von Liebe, offen und verhohlen; und sie liebte; nicht eben den, der sprach, sondern das Wort, den Ausdruck, die Verheißung. Traf sie ein entzückter Blick, so war sie entzückt; Zwanzigjährigen und Sechzigjährigen schenkte sie ihr Ohr mit gleicher Geduld.
Die Gräfin-Tante sagte: »Von den Aristokraten lass die Finger, Liebchen; sie sind ungebildet und voller Dünkel. Sie machen keinen Unterschied zwischen einem Weib und einem Pferd. Sie nageln dein junges Herz an einen Stammbaum, und wenn du die Gnade nicht zu würdigen weißt, bist du zeitlebens eine Deklassierte. Haben sie kein Geld, so sind sie zu dumm, welches zu verdienen, haben sie es, so verstehen sie nicht, es auf vernünftige Weise auszugeben. Lass die Finger von ihnen, es sind keine richtigen Menschen.«
Die Gräfin hatte schlechte Erfahrungen mit der Aristokratie gemacht. Sie sagte: »Du kannst dir denken, Liebchen, dass man es weit getrieben hat, wenn ich so reden muss.«
Judith schrieb: »Wir erwarten dich und die Gräfin, wenn wir in unser Haus bei Frankfurt übersiedeln. Es ist ein feenhaftes Schloß, das uns Papa gebaut hat, und soll künftig der Familiensitz sein. Es liegt im Schwanheimer Wald, und mit dem Auto ist man in zehn Minuten in der Stadt. Die Leute, die es sehen, sind begeistert; Felix Imhof sagt, es erinnere an den Palast des Minotaurus. Es hat vierunddreißig Fremdenzimmer, eine fünfzig Meter lange Wandelhalle mit Säulen und Nischen und eine Bibliothek, die nach dem Muster der Peterskuppel in Rom angelegt ist und mehr als zwanzigtausend nagelneue Bücher enthält. Wer soll die alle lesen?«
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Kontextbild zum Werk. Porträt: Wassermann, Jakob · Urheber auf der Commons-Dateiseite nicht angegeben · Public domainBildquelle ↗
Sie hatte eine kleine Kröte aus Gold machen lassen; die trug sie aber nicht am Halse, sondern bewahrte sie in einem Schächtelchen aus Saffianleder auf und betrachtete sie oft, lieblich grübelnd.
In Schwetzingen machten sie die Bekanntschaft eines jungen Argentiniers von deutscher Abkunft. Er studierte in Heidelberg die Rechte, doch gestand er freimütig, dass er nur nach Europa gegangen sei, um sich eine deutsche Frau zu holen. Am Mittag sagte er es, am Abend gab er Lätizia zu verstehen, dass eben sie das Ziel seiner Wünsche sei.
Er hieß Stephan Gunderam, hatte eine olivenfarbene Haut, glühende Augen und tiefschwarze Haare, die in der Mitte des Kopfes gescheitelt waren. Lätizia war von seiner Erscheinung fasziniert, die Gräfin vom Gerücht seines Reichtums. Sie zog Erkundigungen ein, und es erwies sich, dass die Fama nicht übertrieben hatte. Der Gunderamsche Landbesitz am Rio Plata war größer als das Großherzogtum Baden.
»Liebchen, das ist ein Mann für dich,« sagte die Gräfin; doch als sie bedachte, dass sie sich von Lätizia werde trennen müssen, fing sie an zu weinen und verlor für einen ganzen Vormittag den Appetit.
Stephan Gunderam erzählte von dem fernen, fremden Land, von seinen Eltern, seinen Brüdern, seinen Knechten, seinen Viehherden, seinen Häusern. Er sagte, die Frau, die er heimführe, werde eine Königin sein. Er war so stark, dass er ein Hufeisen biegen und einen fingerdicken Strick zerreißen konnte. Aber er fürchtete sich vor Spinnen, glaubte an Vorbedeutungen und litt häufig an Migräne; da lag er dann drei Tage im Bett und trank Warmbier mit Eidotter und Milch, ein Mittel, das ihm eine alte Mulattin geraten hatte.
Er verliebte sich dermaßen in Lätizia, dass er bleich wurde, wenn er sie sah. Als er bei der Gräfin um sie anhielt, zerdrückte er in seiner Erregung ein Figürchen aus Meißener Porzellan, das auf dem Tisch stand.
Die Gräfin sagte, sie müsse erst an Frau von Febronius, ihre Schwester, schreiben. Sie war würdevoll und gemessen, obgleich sie nach ihrer noch unvergessenen Gewohnheit der sentimentalen Naiven am liebsten in die dicken, runden Händchen gepatscht hätte. Sie erkundigte sich, wie es mit der Reinlichkeit in Argentinien bestellt sei und wie mit den Tafelfreuden. Damit es nicht den Anschein habe, als müsse man Lätizia ihrem Bewerber auf Gnade und Ungnade überliefern, brachte die Gräfin das Gespräch auf den Wald von Heiligenkreuz, der eine zwar nicht gesicherte, doch respektable Morgengabe darstelle. Stephan Gunderam antwortete etwas ungeduldig, er lege hierauf kein Gewicht; Land, Wald und Geld habe er für seine Person genug. Und er knirschte leidenschaftlich mit den Zähnen, so dass die Gräfin Angst bekam.
»Um so besser,« sagte die Gräfin zu Lätizia, »um so besser; er ist großmütig, er ist uneigennützig. Der Wald von Heiligenkreuz bleibt dir nach wie vor, mein Engel. Man weiß nicht, wie das Schicksal sich wendet; ein guter Feldherr denkt an die Reserven.«
»Lassen Sie mir ein wenig Zeit zur Entscheidung, Tante,« bat Lätizia, »ich kann mich an den Gedanken, zu heiraten, noch nicht gewöhnen. Ich bin so jung; heiraten, das heißt am hellichten Tag die Fensterläden schließen.« Die Heftigkeit von Stephan Gunderams Gefühl stimmte sie dankbar und weich; sooft seine Tigeraugen auf sie gerichtet waren, überlief sie ein wohltuendes Rieseln. Aber sie zauderte und zauderte; schließlich, von der Gräfin und von ihm bedrängt, wollte sie drei Monate Frist haben.
In einem Brief vertraute sie sich Judith Wahnschaffe an. Judith antwortete, sie möge doch den Argentinier auffordern, dass er für einige Zeit als Gast in das Frankfurter Schloß mitkomme. Dies dünkte Lätizia ein Ausweg. Als Postskriptum hatte Judith ihrem Brief die Mitteilung hinzugefügt, dass sie sich mit Felix Imhof verlobt habe.
Man hatte eine Verabredung mit Stephan Gunderam. Lätizia ließ sich von der Jungfer die Stiefel zuknöpfen; währenddem las sie in einem Band Lenauscher Gedichte.
In einer Stadt am Rhein mussten Christian und Crammon Station machen. Die Maschine des Wagens war schadhaft geworden, und der Lenker brauchte zur Ausbesserung einen ganzen Tag.
Sie verließen die Straßen der Stadt, es war ein schöner Septemberabend, und schweigend wanderten sie am Ufer des Stromes entlang. Als es dunkel wurde, kamen sie, fast ohne es zu wollen, in einen Biergarten, der am Wasser lag. Die Tische und Bänke, in die Erde festgerammt, standen unter dichtbelaubten Bäumen und waren von einigen hundert Menschen, Bürgern, Arbeitern und Studenten, besetzt.
»Lass uns eine Weile rasten und dem Volk zusehen,« sagte Crammon. Und sie fanden einen Tisch nahe dem Eingang, wo noch Platz war. Eine Kellnerin stellte zwei Krüge Bier vor sie hin.
Kellerluft war unter den Bäumen, von den Ausdünstungen der Menschen erfüllt. Die spärlichen Lampen hatten irisierende Nebelringe. Am Nachbartisch saßen Studenten mit roten Kappen und Bändern; sie hatten fette, gedunsene Gesichter und freche Stimmen. Einer schlug mit einem Stock dreimal auf den Tisch, dann begannen sie zu singen.
Crammon riss die Augen auf, und seine Lippen zuckten sarkastisch. Er sagte: »So denk ich mir eigentlich die Indianer, Sioux oder Irokesen.« Christian antwortete nicht. Er hatte die Ellbogen an den Leib gedrückt und die Schultern etwas hochgezogen. Auch an den übrigen Tischen herrschte ziemlich viel Lärm. »Wir wollen doch wieder gehen,« sprach Christian nach einer Weile, »mir ist unbehaglich.«
»Ja, siehst du, mein Lieber, das ist das Volk,« belehrte ihn Crammon mit einer Mischung von Hochmut und Spott; »so singt es, so saust es, so riecht es. Und ruhig fließet der Rhein. Prosit, Durchlaucht.« Unter fremden Menschen nannte er Christian immer Durchlaucht und freute sich, wenn er dadurch eine ehrfürchtige Neugier bei Zuhörern erregte. Wirklich sahen einige Männer an ihrem Tisch betroffen nach ihnen und flüsterten untereinander.
Ein junges Mädchen mit blonden, um den Kopf geschlungenen Zöpfen war in den Garten getreten. Sie blieb am Eingang stehen und schaute suchend über die Tische. Die Studenten lachten; einer rief sie herzu. Sie zögerte verlegen, doch ging sie hin. »Wen suchst du, hübsches Kind?« fragte ein Fuchs. Das Mädchen schwieg. »In die Kanne für deinen Vorwitz,« rief ein älteres Semester, »mir geziemt die Frage.« Der Fuchs grinste und trank in langen Schlucken. »Was begehrst du, Mägdlein?« erkundigte sich das ältere Semester mit kollernder Bierstimme; »sollst etwa deinen Vater holen, ist er im Maßkrug steckengeblieben?« Das Mädchen nickte errötend. Nach ihrem Namen gefragt, antwortete sie, sie heiße Katharina Zöllner, nach dem Beruf des Vaters gefragt, antwortete sie, er sei Schiffer; sie sprach zwar leise, doch so, dass Christian und Crammon sie deutlich verstehen konnten. Er sei Schiffer und müsse um drei Uhr morgens schon gegen Köln fahren. »Gegen Köln,« lallte der Frager, »gegen Köln; so gib mir einen Kuß, und ich schaff ihn dir herbei.«
Das Mädchen bebte zurück. Die Kommilitionen fanden die Forderung berechtigt und johlten Beifall. »Zier dich nicht, Katharina,« sagte das ältere Semester, stand auf, fasste sie brutal um die Hüften und küsste sie trotz ihres erschrockenen Sträubens.
»Mir auch,« riefen die andern, »mir auch!« Schon war das Mädchen einem zweiten überliefert; dem riss sie ein dritter aus dem Arm; dem ein vierter, fünfter, sechster. Sie konnte nicht rufen, kaum atmen. Ihr Widerstand wurde schwächer, das Gelächter und Gebrüll ärger. Der Nachbartisch wollte nicht das Zusehen haben; »her zu mir,« meldete sich die Stimme eines dicken Kerls mit Warzen im Gesicht, und Gleichgesinnte wieherten. Als der letzte Student fertig war, packte jener das Mädchen, küsste es, warf es dem Nebenmann zu; immer mehr standen auf, streckten die Arme vor und verlangten die wehrlose Beute. Es geschah nichts, als dass sie sie küssten, aber es war eine ansteckende wüste Gier. Sogar die Weiber johlten und kreischten vergnügt, indes die Studenten, zufrieden mit ihrer Heldentat, aus rauhen Kehlen »Sassa geschmauset« sangen. »Sassa geschmauset, lasst uns nicht rappelköpfig sein.«
Der Körper des Mädchens, eine leblose Masse, wirbelte willenlos von Arm zu Arm. Christian und Crammon hatten sich erhoben. Sie schauten in das Gewühl unter den Baumkronen, vernahmen das Geschrei, das Gelächter, die Zurufe, sahen das Mädchen schon weit entfernt, die Hände, die nach ihr griffen, ihr Gesicht mit den geschlossenen, jetzt wieder entsetzt offenen Augen. Endlich trat einer hinzu, der Mitleid hatte, ein junger Arbeiter, und schlug dem, der sie gerade küsste, die Faust auf die Nase; zwei andre fielen über ihn her, es entstand eine Rauferei, das Mädchen, mit letzten Kräften, taumelte gegen den Zaun, wo Gras wuchs. Ihr Haar war aufgelöst, ihre blaue Bluse zerrissen, dass man die nackte Brust gewahrte, ihr Gesicht voll hässlicher Flecken. Sie suchte sich aufrecht zu halten, nach einigem Umsichtasten brach sie zusammen; und nun kamen Besonnene, die ihr beistanden und einander fragten, was mit ihr zu tun sei.
Christian und Crammon gingen am Ufer des Stroms zur Stadt. Die Studenten hatten einen neuen Kantus begonnen, der mißtönig durch den Abend schallte und allmählich in der Ferne verklang.
Mitten in der Nacht verließ Christian sein Lager, zog einen seidenen Schlafrock an und ging in Crammons Zimmer. Dort machte er Licht, setzte sich an Crammons Bett und rüttelte den laut Schnarchenden an der Schulter. Es war ein Ringen mit dem Schlafe selbst, und er wandte den Blick ab, um das verstörte, vertierte Gesicht nicht zu sehen.
Crammon wurde immer zorniger. »Es ist ja närrisch, einem Menschen die wohlverdiente Ruhe zu verkürzen. Bist du mondsüchtig geworden oder hast du Leibweh? So frage, aber mach schnell.«
»Meiner Treu, er ist mondsüchtig,« entfuhr es Crammon entsetzt, »er redet irre. Man muss einen Doktor rufen lassen.« Er schickte sich an, auf den Knopf des elektischen Läutewerks zu drücken.
»Lass das,« wehrte ihm Christian, unmutig lächelnd, »lass das, und bemüh dich lieber, zu überlegen, was ich sage. Reib dir die Augen, wenn du noch nicht munter bist; zu schlafen bleibt dir Zeit genug. Ist es, Hand aufs Herz, Bernhard, deine Ansicht, dass ich ganz richtig lebe?«
»Unsinn,« sagte Crammon; »sie hätte dich betrogen, sie hätte mich betrogen. Sie würde den Kaiser betrügen und vor unserm Herrgott doch unschuldig dastehen. Mit ihr kann man nicht rechnen, mit ihr kann man nicht sein, sie ist bloß für die Augen da. Auch das mit dem Eseltreiber in Cordova war Betrug. Gib dich zufrieden und lass mich schlafen.«
Christian erwiderte sinnend: »Ich verstehe nicht, was du sagst, und du verstehst nicht, was ich meine. Seit wir sie verlassen haben, ist mir manchmal, wie wenn ich bucklig geworden wäre. Ohne Spaß, Bernhard; ich steh auf, es befällt mich ein Schrecken, und ich recke mich gerade, so hoch ich kann. Ich weiß, dass ich richtig gewachsen bin, und doch ist mir so, als hätt ich einen Buckel.«
»Und nun sag mir, Bernhard,« fuhr Christian unbeirrt fort, und sein klares, offenes Gesicht bekam einen Ausdruck unbeschreiblicher Kälte, »hätten wir nicht der Schifferstochter helfen sollen, du und ich? Oder wenn es dir lästig war, hätt ich es nicht sollen? Sag mir das.«
»Bist du so vergeßlich? Das Mädchen in dem Biergarten mein ich. Sie nannte doch ihren Namen, Katharina Zöllner, erinnerst du dich nicht? Und sagte, sie sei die Tochter eines Schiffers. Sie haben sie schauderhaft zugerichtet.«
»Sollt ich meine Haut zu Markte tragen für eine Schifferstochter?« versetzte Crammon wütend. »Die Leute mögen sich nach ihrer Fasson vergnügen, was gehts mich an, was gehts dich an? Bist du den wilden Bestien in die Pranken gefallen, als sie Adda Castillo zerfleischt haben? Und das ist weit schlimmer, als von hundert schmierigen Mäulern abgeschmatzt zu werden. Sei kein Schwachkopf, mein Lieber, und lass mich schlafen.«
»Ich wusste, dass du schimpfen würdest,« erwiderte Christian mit leiser Stimme und lächelte zerstreut, »aber mich plagt die Neugier so, dass ich mich in meinem Bett von einer Seite auf die andre wälze.« In der Tat hatte sein Gesicht einen lüsternen und erwartungsvollen Zug, der Crammon vollständig fremd war. Er fuhr fort: »Ich möchte sehen, was sie tut, was mit ihr geschieht, wies in ihrer Stube aussieht. Man muss das wissen, man ist ja ganz dumm, was diese Sorte Menschen betrifft. Komm nur mit, Bernhard,« schmeichelte er.
Crammon seufzte, Crammon entrüstete sich, Crammon verwies auf seinen gebrechlichen Körperzustand und die Notwendigkeit des Schlummers für seinen müden Geist; schließlich jedoch, da Christian allen Einwänden ein empfindungsloses Schweigen entgegensetzte und er ihn nicht allein in einen wer weiß wie gefährlichen und verruchten Stadtteil gehen lassen wollte, fügte er sich und stieg verdrossen aus dem Bett.
Christian nahm ein Bad und vollendete seinen Anzug mit gewohnter Sorgfalt. Vor dem Verlassen des Hotels schlugen sie das Einwohnerverzeichnis nach und fanden die Wohnung des Schiffers darin an gegeben. Sie stiegen in einen Wagen und fuhren hin. Es war halb fünf Uhr morgens, als der Wagen vor einer Baracke am Stromufer hielt. In den Fenstern war Licht.
Crammon begriff noch immer nicht. Er hatte schon den rostigen Glockenzug in der Hand, da fragte sein ratloser Blick zum letztenmal. Christian schenkte dem Zaudernden keine Beachtung. Ein abgehärmt aussehendes Weib erschien in der Tür. Crammon musste sprechen, und widerwillig sagte er, sie kämen, um sich nach dem Befinden der Tochter zu erkundigen. Das Weib glaubte, ihre Tochter habe in Heimlichkeit vornehme Herren zu Freunden; sie trat betroffen zurück und ließ die beiden ein.
Crammon sah eine düster erleuchtete Stube mit alten Spinden, die verräuchert waren, mit einer Bettstatt, in deren rotkariertem groben Linnen das Mädchen Katharina lag, mit einer Wiege, in der ein wimmernder Säugling lag, mit aufgehängter Wäsche am Ofen, mit einem Tisch, an dem der Schiffer saß und eine Mehlsuppe löffelte, mit einer Bank, auf welcher ein junger Bursche schlief, und mit vielen hässlichen, schmutzigen Gegenständen außerdem.
Für Christian war es wie ein Traum vom Fallen. Auch er sah den Schiffer, das abgehärmte Weib, den schlafenden Burschen, den Säugling in der Wiege und das Mädchen, dessen verglaste Augen und verkrampfte Züge ihn übrigens sofort an den Beweggrund seines Hierseins gemahnten; aber er sah es, wie man Bilder sieht, während man in einen Schacht hinuntergleitet; Bilder, die beständig wiederkehrten und von andern abgelöst wurden, die sich von oben her dazwischenschoben.
Jetzt erhob sich der Schiffer und nahm seine Kappe ab. Und Christian sah Sir Denis Lay und den Grafen von Westmoreland, die einander begrüßten und sich die weißbehandschuhten Hände reichten; ein nichtssagender Vorgang, der aber etwas Grelles und Schneidendes hatte.
Jetzt erwachte der Bursche auf der Bank, rekelte sich, gab sich einen Ruck und starrte finster erstaunt auf die Fremden, indes die von ihrem abscheulichen Erlebnis hingeworfene Katharina den Kopf herüberwandte und erschrocken das Deckbett bis an das Kinn zog. Da sah Christian das anmutige Bild der im leeren, von Blitzen durchflammten Saal ballspielenden Lätizia wieder, und jedes Ding, auf das sein Auge fiel, hatte Bezug auf ein andres aus der andern Welt.
Die Neugier, die ihn hergetrieben, nährte noch das lüsterne Lächeln auf seinen Lippen. Aber sein Blick suchte Hilfe bei Crammon, und er empfand das Unschickliche seines stummen, dummen Dastehens, das Zwecklose und Törichte des nächtlichen Ausflugs überhaupt. Kaum erträglich erschien ihm der Aufenthalt in dem niedrigen Raum, der Geruch mangelhaft gepflegter Körper und jahrelang getragener Kleider.
Bis zum letzten Augenblick hatte er sich vorgestellt, dass er mit dem Mädchen sprechen würde. Aber gerade dies erwies sich als unausführbar. Er getraute sich nicht einmal, den Kopf in die Richtung zu wenden, wo sie lag. Dabei war ihm beständig gegenwärtig, wie er sie dort draußen gesehen hatte, wegtaumelnd von den Biertischen, mit aufgelöstem Haar und zerrissener Bluse.
Der Schiffer sah ihn an, das Weib sah ihn an, der Bursche sah ihn an, letzterer mit tückisch verkniffenen Augen, als bereite er sich zu handgreiflicher Beleidigung vor, und nun trat auch noch ein alter Mann aus einem Verschlag hervor, wo Kartoffeln aufgehäuft waren, und heftete trübe Blicke auf ihn. In der Bedrängnis, in die ihn dies peinigende Anschauen versetzte, machte er ein paar Schritte gegen das Bett Katharinas. Die hatte ihr Gesicht zur Wand gekehrt, lag regungslos da. In einem Anfall zorniger Verzweiflung griff er in die Taschen, erst in die linke, dann in die rechte, fand nichts, wusste auch nicht recht, was er suchte, spürte dabei den Diamantring am Finger, der ein Geschenk seiner Mutter war, zog ihn hastig herunter und warf ihn auf das Bett, mitten zwischen die Hände des Mädchens, wie einer, der sich loskaufen will.
Katharina bewegte den Kopf, erblickte den herrlichen Ring, und Verachtung und Bestürzung, Lust und Furcht wechselten in ihren Zügen; sie hob den Blick, senkte ihn wieder und wurde bleich. Ihr Gesicht war nicht schön; es war durch die Empfindungen entstellt, deren Beute sie in den kürzlich verflossenen Stunden gewesen war. Aus einem Grund, der ihm selbst rätselhaft war, musste Christian plötzlich lachen, heiter und herzlich lachen; zugleich drehte er sich gebieterisch nach Crammon um und forderte ihn durch eine Gebärde zum Gehen auf.
Crammon hatte indes die Peinlichkeit der Situation auf seine praktische Weise zu lösen beschlossen. Er richtete ein paar Worte an den Schiffer, der in seinem kölnischen Platt antwortete, dann nahm er aus der Brieftasche zwei Scheine und legte sie auf den Tisch. Der Schiffer betrachtete die Scheine, die Hände des Weibes langten danach, Crammon schritt zur Tür.
Während sie im Wagen über das holperige Pflaster fuhren, sagte Crammon mürrisch: »Du bist deinem Zahlmeister hundert Mark schuldig. Das andre, was nicht Bargeld ist, will ich verschmerzen. Oder kannst du mir den verlorenen Schlaf bezahlen?«
»Ich verehre dir den chinesischen Apfel aus ambrafarbenem Elfenbein dafür, der dich bei dem Händler in Antwerpen so begeistert hat,« erwiderte Christian.
Aber als er am Mittag ausgeschlafen hatte, betrachtete Crammon das Vorgefallene mit der philosophischen Milde, deren er unter Umständen fähig war, und nachdem sie köstlich gefrühstückt hatten, sagte er, indem er die kleine Pfeife stopfte: »Solche Extravaganzen im Stile Harun al Raschids führen zu nichts, mein Lieber. Diese dunklen Tiefen kannst du nicht ergründen. Wozu in unbekanntem Revier jagen, da das bekannte noch so viele Reize hat? Sieh deinen ergebenen Diener an, der vor dir sitzt, eine wahre Fundgrube von Rätseln und Geheimnissen. Deshalb sagt auch der Dichter so treffend: Was wissen wir von Sternen, Wasser und Wind? Was von den Toten, die unter der Erde sind? Was von Vater und Mutter, Weib und Kind? Das Herz ist gefräßig, das Auge blind.«
Als sie in dem neuen Prachtbau am Schwanheimer Forst eintrafen, fanden sie dortselbst große Unruhe und eine Menge Gäste. Lätizia war noch nicht gekommen, Felix Imhof wurde stündlich erwartet, Lieferanten und Postboten kamen und gingen ununterbrochen, es war ein Treiben wie in einem Bienenstock.
Frau Richberta begrüßte Christian mit gehaltener Würde, obwohl die Freude ihren Augen einen Phosphorglanz verlieh. Judith sah angegriffen aus und nahm von dem zurückgekehrten Bruder wenig Notiz. Nur einmal, am Abend, stürzte sie ihm plötzlich in die Arme und gab einen sonderbar wilden Laut von sich, der eine sinnliche Ungeduld, verborgene Begierden, deren Beute das kalte und ehrgeizige Mädchen allzu lange gewesen war, verräterisch kundgab.
Er ging mit Crammon auf die Jagd, oder sie fuhren in die benachbarten Städte. Nirgends hielt es Christian, er wollte immer weiter, immer woanders hin. Auch sein Blick wurde unstet; wenn sie durch die Straßen schritten, schaute er verstohlen in die Fenster von Wohnungen und in die Flure von Häusern.
Eines Nachts saßen sie in einem Weinkeller zu Mainz und tranken Bernkastler Doktor, dreißigjährig und von seltener Blume. Crammon, Kenner durch und durch, füllte mit verliebter Miene sein Glas stets aufs neue. »Sublim,« sagte er und steckte ein dickbestrichenes Kaviarbrot in den Mund; »sublim. Das sind die Wirklichkeiten des Lebens. Das sind meine Altäre, meine Erbauungsschriften, meine Reliquien, meine stillen Andachten. Die unsterbliche Seele ruht, und hinter mir im Staub liegt das Erhabene.«
Aber der Weinselige fuhr unbeirrt fort: »Ich habe genossen das irdische Glück. Das hab ich, Bruderherz, das hab ich, in Hütten und Palästen, im Süden und im Norden, zu Wasser und zu Land. Nur die letzte Erfüllung ward mir nicht. O Ariel, warum hast du mich verstoßen?«
Er seufzte und zog ein kleines, kostbar gebundenes Album aus der Brusttasche, das er immer bei sich trug. Es enthielt zwölf schöne Photographien der Tänzerin Eva Sorel. »Sie ist wie ein Knabe,« sagte er, dem Anblick der Bildnisse hingegeben, »ein schlanker, spröder, schneller Knabe. Sie steht an der Grenze des Geschlechts, die Zweideutige, Zweigestaltige, wo Männer verrückt werden, wenn sie an Fleisch und Blut nur denken. Du schlüpfrige Eidechse, du liebesnüchterne Amazone! Graut dir nicht auch ein wenig, Christian, rieselts dir nicht kühl in den Adern, wenn du sie in deinen Armen dir vorstellst, auf einem Bett mit ihr, Brust an Brust? Mir graut. Da ist etwas von Widernatur darin und von Schändung. Wem sie die Lippen reicht, der ist verloren. Das haben wir ja erlebt.«
Christian verspürte auf einmal Sehnsucht, in einem Wald zu sein, in einem stillen, finstern Wald. Es graute ihm, aber in andrer Weise, als Crammon meinte. Er sah ihn an und hatte Mühe, zu begreifen, dass da ein vertrauter Mensch vor ihm saß, dessen Antlitz und Gestalt er schon tausendmal ohne nachzudenken gesehen hatte.
»Alle sind Dirnen, mein süßer Ariel,« begann Crammon wieder, das letzte Bild betrachtend, auf dem Eva mit dem Traubenkorb tanzend dargestellt war, »alle, alle, alle sind Dirnen, unzüchtige und wilde oder furchtsame und geheime, nur du bist rein; Vestalin du, Halbgespenstchen; Spinnenwesen, das an seinem selbstgesponnenen Faden durch die Lüfte steuert. Lass uns trinken, Freund, wir sind aus Dreck gemacht und müssen Feuer als Medizin nehmen.«
»Ich glaube, wir müssen uns trennen,« wiederholte Christian mit leiser Stimme und einem unbestimmten Lächeln; »wir sind nicht mehr für einander, glaube ich. Geh du deiner Wege, ich will meine gehen.«
Crammons Gesicht wurde vor Zorn und Erstaunen dunkelrot. Er schlug mit der Faust auf den Tisch und knirschte: »Was fällt dir ein? Gibst mir den Laufpaß wie einem Dienstboten? Mir?« Er erhob sich, nahm Hut und Mantel und ging.
Am folgenden Tag beim Erwachen, als Christian nach seinem Diener läutete, trat an Stelle des Dieners Crammon mit einem tiefen Bückling ins Zimmer. Über dem linken Arm trug er die gebürsteten Kleider, in der rechten Hand die gereinigten Schuhe. Im Ton des Dieners wünschte er guten Morgen, legte dann die Kleider auf einen Stuhl, stellte die Stiefel auf den Boden, fragte, ob das Bad gerichtet werden solle und was der gnädige Herr zum Frühstück befehle, alles mit vollkommenem Ernst, mit einem traurigen Ernst beinahe und einer Anmut innerhalb der gespielten Rolle, die Wohlgefallen erweckte.
Christian musste lachen. Er streckte Crammon die Hand entgegen. Das Spiel fortsetzend, trat Crammon einen Schritt zurück und verbeugte sich verlegen. Dann zog er die Vorhänge auf, öffnete ein Fenster, brachte das frische Hemd, die Strümpfe, die Krawatte, lispelte noch einige Fragen und ging, um nach einer Weile mit dem Frühstückstablett wiederzukehren. Nachdem er den Tisch gedeckt und Teller und Tassen geordnet hatte, stand er mit geschlossenen Hacken und vorgeneigtem Haupt; endlich, als Christian abermals lachte, veränderte sich der Ausdruck seiner Züge, und er fragte, halb spöttisch, halb trotzig: »Willst du noch immer behaupten, dass du mich entbehren kannst?«
»Es gehört nicht zu meinen Gewohnheiten, von der Tafel aufzustehen, wenn erst die Suppe serviert ist,« sagte Crammon; »kommt meine Zeit, so troll ich mich von selber. Fortschicken lass ich mich nicht.«
Es wollte aber Christian scheinen, dass aus dem Freund nun wirklich ein Diener geworden sei, ein Mensch jedenfalls, gegen den er nicht mehr verpflichtet war, sich aufzuschließen, an den ihn kein inneres Band mehr knüpfte, ein Begleiter nur.
Von da an herrschten Scherz und oberflächliche Tändelei in ihren Gesprächen ausschließlich, und Crammon merkte nicht oder übersah es mit Fleiß, dass seine Beziehung zu Christian verwandelt war.
Die Ankunft des Argentiniers verursachte Aufsehen unter den Gästen des Hauses Wahnschaffe. Er hatte fremdartige Gewohnheiten. Den Damen, die er begrüßte, drückte er mit solcher Lebhaftigkeit die Hand, dass sie einen Schrei unterdrückten. Wenn er eine Treppe herabkam, blieb er vor den letzten Stufen stehen, schwang sich wie ein Akrobat über das Geländer und ging dann weiter, als ob dies die natürlichste Sache von der Welt wäre. Der Gräfin hatte er ein kleines, löwengelbes Hündchen geschenkt, und sooft er diesem Hündchen begegnete, zwickte er es ins Ohr, bis es entsetzlich zu quietschen begann. Aber er tat es nicht mit Lustigkeit und Lachen, sondern trocken und geschäftsmäßig.
Von den zahlreichen Koffern, die er mitgebracht, war einer der größten als Reiseapotheke eingerichtet. Es befanden sich darin, festgeschraubt in Behältern, alle möglichen Mixturen, Pulver und Medikamente; Dosen, Tuben, Schachteln und Gläser, und wenn jemand über eine Unpäßlichkeit klagte, wusste er sogleich ein Mittel aus dem großen Koffer dagegen und empfahl es dringlich.
Felix Imhof hatte brennendes Interesse für ihn gefasst. Wo er seiner habhaft werden konnte, zog er ihn beiseite und fragte ihn aus, nach seiner Heimat, nach seinen Plänen und Geschäften, nach seinem Außen-und seinem Innenleben.
Sie haßte den Argentinier, doch wenn sie allein mit ihm war, suchte sie ihn zu umgarnen. Wäre es möglich gewesen, ihn Lätizia abspenstig zu machen, sie hätte es ohne Skrupel getan, aus bloßer Unersättlichkeit.
Ihre Augen glitzerten in beständiger, heimlicher Begierde. Sie ging mit Imhof, Lätizia und Stephan Gunderam ins Theater, als Edgar Lorm in der Jüdin von Toledo gastierte. Der Beifall, mit dem der Schauspieler überschüttet wurde, wühlte ihre ganze Seele auf, und sie begehrte. Was aber begehrte sie? Den Mann? den Künstler? seine Kunst? seinen Ruhm? Sie hätte es nicht zu sagen vermocht.
Sie wartete ungeduldig auf Crammon, von dem sie wusste, dass er mit Edgar Lorm befreundet war. Crammon sollte den Schauspieler ins Haus bringen. Sie war gewohnt, dass jeder kam, nach dem sie die Angel warf. Sie bissen an, sie wurden serviert, und man tat sich, je nach ihrem Wohlgeschmack, gütlich an ihnen. Der Verbrauch an Menschen war groß.
Aber Crammon und Christian kehrten erst zurück, als Lorms Gastspiel schon zu Ende war. Judith geriet in schlechte Laune und quälte ihre Umgebung grundlos. Wäre ihr Wunsch erfüllt worden, so hätte sich ihr flackerndes und immer neue Nahrung aufgreifendes Gemüt vielleicht beruhigt, doch nun verrannte sie sich eigensinnig in den Gedanken an das, was ihr entgangen war.
Christian und Crammon waren eine Woche lang bei Klementine und Franz Lothar von Westernach in der Steiermark. Klementine hatte Crammon des Bruders wegen gerufen, der vor einiger Zeit tief verstört von einem Aufenthalt in Ungarn zurückgekommen war.
Crammon und Franz Lothar waren alte Freunde. Der diplomatische Beruf hatte den offenen und schmiegsamen Menschen zurückhaltend und spröde gemacht; er nahm den Beruf ernst, obwohl er ihn nicht liebte. Eine hypochondrische Gemütsverfassung hatte sich schon frühzeitig in ihm entwickelt.
Christian fasste Sympathie für ihn. Wenn er ihn so trüb vor sich hinstarren sah, fühlte er sich versucht, ihn zu fragen. Klementine, in ihrer leer plaudernden Manier, gab Crammon Verhaltungsmaßregeln, zu denen dieser die Achseln zuckte.
Sie sagte, sie habe an ihren Vetter, den Baron Ebergeny, geschrieben, auf dessen Gut in Syrmien Franz Lothar als Gast geweilt hatte. Der Baron aber, ein halber Bauer, hatte ihr keine Aufklärung von Belang zu geben vermocht; er hatte nur angedeutet, dass er und Franz Lothar an einem der letzten Tage von dessen Anwesenheit bei einem Scheunenbrand in Orasje, einem Dorf in der Nähe des Guts, zugegen gewesen, und dass bei diesem Brand viele Menschen ums Leben gekommen seien.
Aus Franz Lothar selbst war nichts herauszubringen. Er schwieg beharrlich. Je mehr sich die Schwester um ihn bemühte, je finsterer schloss er sich zu. Mochte sein, dass Crammon eines Blickes, eines Tones fähig war, der sein erstarrtes Inneres traf und es löste; an einem Abend geschah das Unerwartete. Es erwies sich, dass eben jener Scheunenbrand die Ursache der krankhaften Melancholie geworden war.
Klementine hatte sich nach ihrer Gepflogenheit bald zur Ruhe begeben. Crammon, Christian und Franz Lothar saßen stumm beieinander. Plötzlich, kein äußerer Vorgang bot den Anlass hierzu, bedeckte Franz Lothar das Gesicht mit den Händen, und ein Schluchzen brach aus seiner Brust. Crammon beschwichtigte ihn, streichelte ihm über die Haare, ergriff ihn bei den Händen; umsonst, das Schluchzen wurde zu einem Weinkrampf, der den Körper in Stößen erschütterte.
Christian saß unbeweglich da. Es wurde ihm bitter in der Kehle, denn er spürte das Triftige und die Seelenwahrheit in dem Ausbruch von Schmerz mit unerwarteter Stärke.
Jäh, wie der Krampf begonnen, endete er. Franz Lothar erhob sich, ging mit seinen ziehenden Schritten auf und ab und sagte: »Ihr sollt hören, was da war.« Danach setzte er sich wieder und erzählte.
Im Dorf Orasje stand eine abendliche Tanzunterhaltung bevor. Es gab keinen Saal, und wie in solchen Fällen üblich, wurde die große gedielte Scheune eines Bauern hergerichtet. Zahlreiche Lampen wurden aufgehängt und die Holzwände mit Laub und Blumen geschmückt. Dem Brauch gemäß erhielten die ringsum auf den Gütern wohnenden Herrenfamilien Einladungen zu dem Fest; ein reitender Bote überbrachte sie mündlich und feierlich.
Franz Lothar bat seinen Vetter, den Ball der Bauern mit ihm zu besuchen. Seit langem war ihm viel Rühmens gemacht worden von dem Bilde, das sich dabei entfaltete; die schneeweißen Gewänder der Männer, die derb und malerisch bunten der Frauen, die nationalen Tänze, die urtümliche Musik, all dies versprach Vergnügen und Kenntnis neuer Sitten.
Sie wollten erst zu einer späten Stunde hinüberfahren, wenn das Tanzen schon begonnen hatte; Bekannte aus ihrem Kreis, zwei junge Komtessen und deren Bruder, hatten die Absicht gehabt, sich ihnen anzuschließen; sie gingen aber dann vor ihnen hin, weil die jungen Damen am Ball teilnehmen und keinen Tanz versäumen mochten. Die ältere von ihnen, Komtesse Irene, verehrte Franz Lothar herzlich und seit langem.
Einige Tage vor dem Ball waren die Mädchen von Orasje mit den Burschen in Zwistigkeiten geraten. Beim Kirchgang hatte ein Bursche einer siebzehnjährigen Schönen, die ihn ihre Abneigung zu deutlich hatte merken lassen, eine lebendige Maus auf die entblößte Schulter gesetzt. Schreiend lief das Mädchen zu den Gefährtinnen, die sich um sie scharten und eine aus ihrer Mitte an die Burschen schickten mit dem Verlangen, der Missetäter solle Abbitte leisten.
Dies wurde verweigert; unter Lachen und Spott, aber die Mädchen wollten den mutwilligen Streich nicht leicht nehmen, sie wiederholten ihre Forderung schroffer, und als sie zum zweitenmal abgewiesen wurden, fassten sie den Beschluß, die Burschen von Gradiste zum Ball einzuladen, mit denen die von Orasje seit vielen Jahren in Feindschaft lebten. Sie wussten, welche Beleidigung sie damit den ihren zufügten, aber sie bestanden darauf, die Übermütigen zu bestrafen, und obwohl sie gewarnt wurden, auch von ihren Müttern und Vätern, obwohl stumme und laute Drohungen aller Art ihnen hätten Furcht einflößen müssen, verblieben sie bei ihrem Willen.
Die Burschen von Gradiste natürlich jubelten und triumphierten über den billigen Sieg; am Abend des Tanzfestes waren sie vollzählig und schön angetan zur Stelle, brachten sogar ihre eigne Musikkapelle mit. Von den jungen Männern von Orasje aber erschien nicht ein einziger. Sie zogen in der Dämmerung unheimlich still durch die Straßen des Dorfs und waren dann für eine Weile verschwunden.
Die Alten von Orasje, die Verheirateten, saßen im Hof an Tischen, plauderten, nicht so aufgeräumt wie sonst an solchen Abenden, denn sie spürten die rachebrütende Stimmung ihrer Söhne und fürchteten sie, tranken Wein und lauschten der Musik. In der Scheunenhalle waren über dreihundert junge Menschen versammelt; die Luft war schwül, und die Tanzenden waren in Schweiß gebadet. Plötzlich, während eines Csardas, wurden die beiden Scheunentore zu gleicher Zeit von außen zugeschlagen. Die es sahen und hörten, hielten im Tanzen inne. Nun schallte ein widrig-starkes Geräusch in die grellen und jubelnden Töne der Instrumente; es war der Klang von Hämmern, und eine einzelne Stimme rief gellend angstvoll: »Man nagelt die Türen zu!«
Die Musik schwieg. Die Atmosphäre war in einem Augenblick erstickend geworden. Alle starrten versteinert gegen die Türen; ihr Blut gerann bei dem fürchterlichen Pochen der Hämmer. Auch lautes Hin-und Widerreden drang von draußen herein; die Alten erhoben Einspruch, das Streiten wurde zum Lärm, zum wüsten Geschrei, zu einem anwachsenden Heulen, und da begann es auf einmal zu knistern und zu prasseln; vom Schlagen der Hämmer war eine Lampe heruntergefallen, das Petroleum hatte sich entzündet, und die mürbe Bretterdiele hatte wie Zunder Feuer gefangen, das nicht mehr zu ersticken war.
Da war es mit jeder menschlichen Besonnenheit und Haltung zu Ende. Im Nu verwandelten sich die Hunderte in wilde Tiere. Die Burschen warfen sich in rasender Kraft gegen die verschlossenen und vernagelten Tore. Aber die waren aus dickem Eichenholz gezimmert und spotteten der Anstrengung. Die Mädchen stießen irrsinnige Schreie aus, und da der Rauch durch die Fugen und die sternartig ausgesägten Fensterlöcher nicht abziehen konnte, umhüllten sie mit den Röcken ihre Köpfe. Andre schleuderten sich wimmernd zu Boden, und wenn sie von den Hin- und Hertobenden getreten wurden, wanden sie sich in Zuckungen und streckten die Arme über sich. Das trockene Fachwerk stand rasch in lichterlohen Flammen. Hochofenhitze verbreitete sich. Einzelne rissen sich die Kleider vom Leib, Mädchen wie Burschen, und in der Todesangst und Todesqual umschlangen sie sich und raubten, im düstersten Taumel, dem hinschwindenden Leben noch einen Fetzen Fleischeslust.
Diese umschlungenen Paare sah Franz Lothar später mit eignen Augen als verkohlte Überreste zwischen den rauchenden Trümmern. Er langte mit seinem Vetter an, als das Entsetzliche bereits vorüber war. Den Flammenschein hatten sie schon von weitem bemerkt und ihre Pferde zur Eile getrieben. Von den umliegenden Dörfern strömten Scharen von Menschen herzu; Hilfe konnte jedoch nicht mehr geleistet werden, die Scheune war in einem Zeitraum von fünf Minuten niedergebrannt, und alle darin Eingesperrten, mit Ausnahme von fünf oder sechs, hatten den Tod gefunden.
Unter den Opfern befanden sich auch die Komtesse Irene, ihre Schwester und ihr Bruder. Wie schrecklich dies auch war, für Franz Lothar fügte es dem Schrecken des Ganzen nur wenig hinzu. Das Bild der Trümmerstätte, der Anblick der rauchenden Leichen, der Geruch davon, Geruch von Blut und versengten Haaren und verbrannten Kleidern, die glatthäutigen, gefleckten Dorfhunde, die gierig knurrend um den heißen Herd voll gekochten Fleisches schlichen, die medusisch entstellten Züge der Erstickten, die unter den Körpern der Verkohlten unversehrt lagen, der stumme und der laute Schmerz der Mütter, Väter und Brüder, die syrmische Nacht mit Qualm bis an den gestirnten Himmel, das alles schlug ihn nieder wie mit Knütteln, und eine schwarze Verzweiflung nistete sich unlöslich in seinem Gemüte ein.
Crammon, Gewölk auf der zerfurchten Stirn, sagte: »Sie können nur mit der Peitsche im Zaum gehalten werden. Was ich bedaure, ist die Abschaffung der Folter. Unsre milde Gesetzgebung soll der Teufel holen.« Damit ging er hin und küsste Franz Lothar auf die Backe.
Für den nächsten Morgen war die Abreise bestimmt. Crammon trat ins Zimmer zu Christian, der so in Gedanken verloren war, dass er den Gruß des Freundes nicht erwiderte. »Was treibst du, Mensch!« rief Crammon aus und musterte ihn; »hast du in den Spiegel geschaut?«
Christian war in diesen Tagen ohne seinen Diener, sonst hätte der Mißgriff nicht geschehen können: er trug zu einem lichtgrauen Anzug einen Schlips von derselben Farbe.
»Ich bin sehr zerstreut heute,« sagte Christian mit halbem Lächeln und band den Schlips wieder auf, um ihn durch einen andern zu ersetzen. Er brauchte hierzu dreimal soviel Zeit wie gewöhnlich. Crammon schritt ungeduldig auf und ab.
Es war in seiner Brust ein leerer Raum, in den von außen nichts einströmen konnte; er war von einem zu engen Panzer umschnürt, der ihn an freier Beweglichkeit hinderte. Er trachtete danach, den leeren Raum zu füllen und den Panzer zu sprengen.
Seine Mutter sagte besorgt: »Du hast ein hageres Gesicht bekommen, Christian; fehlt dir etwas?« Er versicherte, dass ihm nicht das geringste fehle. Aber sie war nicht beruhigt. »Was ist mit Christian los?« erkundigte sie sich bei Crammon, »er ist so still und blass.«
Crammon antwortete: »Gnädigste Frau, so ist eben seine Form. Es sind die Erlebnisse, die sein Gesicht zurechtgeschnitzt haben. Ist es nicht edler und stolzer geworden? Fürchten Sie nichts, er geht fest und verlässlich seinen Weg. Und solange ich da bin, wird ihm nichts Übles geschehen.«
»Da sei Gott vor, dass ich Schlechtes von ihm denken sollte,« entgegnete Crammon heuchlerisch; »er ist von so weit her und geht wieder so weit fort, dass er mir unbedingt sympathisch ist. Nimmt er das Kind, die Lätizia, mit, so begleiten sie meine Segenswünsche. Ob es ihr zum Heil gereichen wird, darüber kann ich mir den Kopf nicht zerbrechen. So große Entfernungen haben auf jeden Fall etwas Kalmierendes. Argentinien, Rio de la Plata, ich bitte dich; es sind so unbekannte Gegenden, dass sie für mich ebensogut auf dem Mond liegen könnten.«
Dreiundzwanzig Fremdenzimmer waren besetzt; Leute kamen an, Leute reisten ab. Kaum hatte man ein Gesicht festgehalten, so entschwand es wieder. Damen und Herren, die sich gestern kennengelernt hatten, bewegten sich heute mit freier Vertraulichkeit gegeneinander und sagten sich am nächsten Tag Lebewohl für immer. Ein Herr von Wedderkampf, Geschäftsfreund des Herrn Wahnschaffe, hatte seine vier Töchter im Gefolge. Das Fräulein von Einsiedel traf Anstalten, den ganzen Winter zu bleiben, da ihre Eltern im Scheidungsprozeß lagen. Wolfgang, der die Ferien zu Hause verlebte, hatte drei Studienfreunde mitgebracht.
Diese alle waren gehobener Laune, schmiedeten umständliche Pläne, sich die Zeit zu vertreiben, schrieben Briefe, empfingen Briefe, tafelten, liebelten, musizierten, waren aufgeregt und neugierig, witzig und vergnügungssüchtig, spannen ihre Geschäfte von draußen weiter und gaben sich den Anschein der Freundlichkeit, der Harmlosigkeit und der Sorglosigkeit.
Livrierte Diener liefen treppauf, treppab, Glockensignale ertönten, Automobile tuteten, Tische wurden gedeckt, Lampen strahlten, Geschmeide funkelte, hinter jener Tür wurde geschäkert, hinter dieser medisiert, in der Halle mit den schönen Marmorsäulen saßen lächelnde Paare; es war eine Welt, die sich wohl unterschied von den modernen Zufallszirkeln an Orten, wo man zahlt; voll verbindlichen Lebens, voll von heimlichen Einverständnissen und geselligen Reizen.
Lätizia war mit ihrer Tante für eine Woche nach München gefahren. Erst am dritten Tag nach Christians Ankunft kehrte sie zurück. Christian war froh, sie zu sehen. Aber er konnte sich nicht zu einem Gespräch mit ihr entschließen.
Eines Morgens saß er mit seinem Vater beim Frühstück. Er wunderte sich, wie fremd ihm dieser Mann mit den weißen, gescheitelten Haaren war, mit dem elegant geschnittenen, in der Mitte geteilten Bart und der rosigen Färbung des Gesichts.
Herr Wahnschaffe behandelte ihn mit großer Höflichkeit. Er erkundigte sich nach den Beziehungen, die Christian in England angeknüpft, und versah die kargen Antworten des Sohnes mit lehrhaften Bemerkungen über Personen und Verhältnisse. »Es ist gut, wenn wir Deutsche dort drüben Boden gewinnen,« sagte er, »es ist nützlich und notwendig.«
Er sprach über die drohenden politischen Wolken und äußerte sich mißbilligend über die Haltung Deutschlands beim Abschluss des Marokkovertrags. Da Christian hiezu teilnahmslos und unwissend schwieg, wurde er sichtlich kühler, nahm die Zeitung und begann zu lesen.
Wie fremd er mir ist, dachte Christian und suchte einen Vorwand, aufzustehen und fortzugehen. Da trat Wolfgang an den Tisch und sprach von den Ergebnissen des Rennens in Baden-Baden. Seine Stimme war Christian nicht angenehm, und er ging weg.
Es geschah, dass er mit Judith in der Bibliothek saß und sie ihn neckend über Lätizia zur Rede stellte. Lätizia und Crammon traten plaudernd herein. Felix Imhof gesellte sich zu ihnen, Lätizia nahm ein Buch, und man merkte, dass sie bemüht war, nicht in die Richtung zu blicken, wo Christian war. Dann verließen alle drei den Raum wieder. Judith sagte: »Sie begeht vielleicht eine Dummheit.« Und sie lauschte erblassend, weil sie ein Kompliment aufgefangen hatte, das Imhof Lätizia gemacht. »Warum bist du so still?« wandte sie sich stirnrunzelnd an den Bruder und legte die Hände gefaltet auf seine Schulter; »wir sind alle lustig und guter Dinge, aber du bist ganz verändert. Bist du denn nicht gern wieder bei uns? Ist es nicht schön zu Hause? Und wenns dir nicht gefällt, kannst du nicht jede Stunde wieder gehen? Warum bist du verstimmt?«
»Bis zu meiner Hochzeit wirst du doch bleiben,« fuhr Judith mit hochgezogenen Brauen fort; »ich wäre dir sonst ewig gram.« Und als Christian nickte, sagte sie freundlich drängend: »Sprich doch einmal mit mir, du Unliebenswürdiger. Frag mich doch etwas.«
»So mit der Tür ins Haus zu fallen,« lachte Judith; »du warst nie so plump.« Kopf und Leib vorgebeugt, die Ellbogen auf den Knien, spreizte sie die Finger aus und sagte: »Wir Wahnschaffes können nicht zufrieden sein. Es ist alles so wenig, was man hat, es ist so viel, was man nicht hat. Ich fürchte, es wird eine rechte Fru Ilsebill aus mir. Oder ich fürcht es nicht, nein; ich freue mich darauf, den Fischer immer wieder zum Fisch an die See zu schicken, immer wieder. Da weiß man doch dann, was er wagt.«
Christian betrachtete seine schöne Schwester, und er hörte ihre verwegenen Worte. Alles erschien ihm verwegen an ihr. Die Gebärde, die Worte, der helle Kehlton der Stimme und der Glanz ihrer Augen. Es fiel ihm ein, dass er eines Abends neben Eva Sorel gesessen war, so nahe, wie er jetzt neben Judith saß. Er hatte mit stummem Entzücken ihre Hände angesehen, da hatte sie die linke Hand gegen das Licht gehalten, und obgleich die Durchleuchtung des rosig glühenden Fleisches die vollendete Form noch edler hervortreten ließ, hatte man doch die dunklen Schatten des Knochengefüges darin bemerkt. Und Eva hatte gesagt: »Sieh, Eidolon, der Kern weiß nichts von Schönheit.«
Es geschah dann, dass er ins Zimmer seiner Mutter kam und sie nicht darin fand. Er näherte sich der Tür, die zu ihrem Schlafgemach führte, und pochte. Als keine Antwort erfolgte, öffnete er. Sie war auch in diesem Zimmer nicht. Sich umschauend, gewahrte er ein braunes Seidenkleid, mit Spitzen geschmückt, das Frau Richberta gehörte und das über einem Rohrmodell hing. Einen Augenblick hatte er den Eindruck, als stehe die Mutter vor ihm, jedoch ohne Kopf.
Er verfiel in Sinnen, und sein Gedanke war, genau wie dem Vater gegenüber: wie fremd ist sie mir. Das Kleid, das nur Hülle über einem Rohrgeflecht war, wurde ihm zu einem Bild der Mutter, an welchem er sie besser erkannte als am lebendigen Leib.
Das Undurchdringliche und Unaufschließbare; die starre Haltung, die hoffnungslose Miene, das trübe Auge, die brüchige Stimme ohne Hall, das Wesen ohne Freude. Sie, in deren Haus sich alle vergnügten, deren ganzes Tun und Sein anscheinend nur darauf abzielte, andern die Gelegenheit zum Vergnügen zu bereiten, ermangelte ganz und gar der Freude.
Die Selbsttäuschung Christians ging so weit, dass er im Begriffe war, das Kleid über dem Gestell anzureden, vertraulicher vielleicht, als er je die Mutter angeredet hatte. Eine Frage drängte sich ihm auf die Lippen, ein zartes, heiteres Wort. Da vernahm er ihre Schritte, wandte sich um und erschrak. Er glaubte eine Doppelgängerin zu sehen.
Sie sprach über Imhof, der einen seiner Freunde im Hause eingeführt hatte, einen Juden. Sie äußerte sich mißbilligend über den Verkehr mit Juden im allgemeinen. Auch Wahnschaffe, sie nannte ihren Gatten stets so, sei derselben Meinung.
Sie missbilligte Judiths Verlobung. »Auch Wahnschaffe ist im Grunde gegen diese Ehe,« sagte sie; »doch ein Vorwand, den Bewerber abzuweisen, bot sich schwer. Wenn Judith einmal will, – du weißt es ja, du kennst sie. Ich fürchte, ihr Hauptbestreben war dabei, ihrer Freundin Lätizia zuvorzukommen.«
Christian blickte überrascht empor. Frau Richberta beachtete es nicht und fuhr fort: »Imhof erscheint mir bei allen seinen guten Eigenschaften nicht verlässlich. Er ist ein Hazardeur, ein unruhiger Kopf, ein wetterwendischer Charakter. Von den zehn Millionen, die ihm sein Adoptivvater hinterlassen hat, sind schon fünf oder sechs verspielt und vertan. Wie beurteilst denn du ihn?«
»Auch ist er ja von dunkler Herkunft. Er war ein Findelkind, und der alte Martin Imhof, den Wahnschaffe übrigens kannte und der einer der ersten Düsseldorfer Patrizierfamilien angehörte, soll ihn unter merkwürdigen Umständen zu sich genommen haben. Er war Junggeselle, Misanthrop, wie es heißt, stand schließlich allein in der Welt und liebte das Zufallskind abgöttisch. Wusstest du das nicht?«
Aber Christian schwieg. Seine Welt und der Mutter Welt, er sah keine Brücke mehr dazwischen. Und während diese Erkenntnis über ihn kam, wurde ihm noch etwas andres klar. Auch zwischen der Welt, in der er wissentlich lebte, und einer zweiten, die hinter ihr lag, nebelhaft und drohend, lockend und schrecklich, die er nicht begriff, nicht kannte, kaum ahnte, die bloß ein im Blitzesleuchten aufgetauchtes Gesicht war, ein Traum, ein flüchtiger Schauder, gab es keine Brücke.
Trotz rieselnden Regens ging er, in der Dämmerung, mit Lätizia durch den Park. Sie wanderten den Pfad von den Gewächshäusern bis zum Pavillon oftmals auf und ab und hörten vom Hause her Klavierspiel. Es war das Fräulein von Einsiedel, welches spielte.
Im Anfang hatte das Gespräch lange Pausen. Nimm mich, nimm mich, flehte etwas in Lätizia, und Christian, der es wohl verstand, hatte sein hochmütiges Lächeln, wagte aber nicht, sie anzublicken.
Lätizia fragte errötend: »Was lieben Sie eigentlich? Von Dingen, meine ich. Was für Dinge lieben Sie?« Der schelmische Ausdruck ihres Gesichts gab doch dem Ernste Raum, der in der Frage enthalten war.
»O nein,« rief Lätizia, und ihre tiefe Stimme erzeugte eine eigentümliche Wärme in Christian, »o nein. Dinge sind da zum Lieben. Zum Beispiel Blumen und Sterne. Das sind Dinge zum Lieben. Hör ich ein schönes Lied, seh ich ein schönes Bild, so ruft es gleich in mir: mein! mein! meine Sache!«
»Auch wenn ein Vogel plötzlich aus der Luft fällt?« wandte Christian zaudernd ein, »herunterfällt und stirbt, wie es manchmal geschieht –? Auch wenn ein erschossenes Reh vor Ihnen liegt?«
Lätizia verstummte und schaute ihn ängstlich an. Unendlich wohltuend berührte ihn der Blick ihres Auges. Nimm mich, nimm mich, flehte es von ihr zu ihm. »Das sind ja keine Dinge, das sind Wesen,« sagte sie leise.
»Ihre Sache, das glaub ich,« fuhr er fort, und seine Stimme klang sanfter als bisher. »Ihre Sache ist alles, was duftet und was glänzt, was schmückt und was ergötzt. Das ist Ihre Sache, Lätizia. Was ist aber meine Sache?« Er blieb stehen. »Ja, was ist meine Sache?« fragte er noch einmal mit einem Ausdruck innerlicher Not, der erschütternd auf Lätizia wirkte. Sie hatte ein solches Wort, in solchem Ton gesprochen, nicht von ihm erwartet.
»Ich weiß es nicht genau, vorläufig sind wir noch gar nicht formell verlobt,« erwiderte Lätizia lachend. »Er hat erklärt, dass ich seine Frau werden müsste, und dagegen gibts keinen Widerspruch bei ihm. Zu Weihnachten kommt meine Mutter nach Heidelberg, und dann wird die Hochzeit sein. Ich freue mich auf die Meerfahrt und auf das fremde Land.« Nimm mich, nimm mich doch, flehte es ungestüm aus ihren leuchtenden Augen, nimm mich, ich sehne mich. »Wie gefällt Ihnen Stephan?« erkundigte sie sich mit koketter Drehung des Hauptes.
Lätizia flüsterte: »Er gönnt mich nicht dem Erdboden und der Luft.« Da es stärker zu regnen anfing, lenkten sie ihre Schritte gegen das Haus. Und Christian fühlte, dass er sie liebte.
Eine Stunde später betrat er den Spielsalon. Imhof, Crammon, Wolfgang und Stephan Gunderam saßen um einen runden Tisch und spielten Poker. Jeder verhielt sich nach seiner Art; Imhof überlegen und viel redend; Crammon zerstreut und düster; Wolfgang misstrauisch und erregt. Gunderam zuckte mit keiner Miene; dem Spiel überliefert, saß er da, wie ein Schläfer dem Schlaf. Er hatte beständig gewonnen, ein Berg von Scheinen und Goldstücken war vor ihm aufgehäuft.
Crammon und Imhof rückten auseinander, damit Christian zwischen ihnen Platz nehmen sollte. Da sprang Stephan Gunderam von seinem Stuhl empor. Die Karten in der Hand haltend, starrte er Christian mit hassendem Blick an.
Christian betrachtete ihn mit Verwunderung. Als sich die andern drei, einigermaßen erschrocken, gleichfalls erheben wollten, ließ sich Gunderam wieder auf seinen Stuhl sinken und sagte barsch und finster: »Spielen wir weiter. Ich bitte um vier neue Karten.«
Ein entlassener Arbeiter hatte eines Abends dem aus der Stadt zurückkehrenden Automobil des Herrn Albrecht Wahnschaffe aufgelauert. Als der Wagen am Parktor langsamer fuhr, hatte der Mensch aus meuchlerischem Hinterhalt, von Gebüschen gedeckt, einen Revolver auf den ehemaligen Brotherrn abgedrückt.
Der Schuss streifte nur den Arm des Überfallenen. Die Verletzung war leicht, doch Albrecht Wahnschaffe hütete mehrere Tage lang das Bett. Nach verübter Tat war der Verbrecher im Dunkel des Abends entflohen; erst am andern Morgen gelang es der Polizei, ihn festzunehmen.
Dieses Ereignis, so unbeträchtlich seine Folgen waren, hatte das fröhliche Treiben im Hause Wahnschaffe für eine Weile gestört. Einige Personen reisten ab; so Herr von Wedderkampf, der zu seinen Töchtern sagte, der Boden unter den Füßen sei ihm hier zu heiß.
Christian wunderte sich darüber. Er wunderte sich über das rasche Vergessen. Er wunderte sich über den Gleichmut der Mutter, über die Unbekümmertheit von Bruder und Schwester.
Er wollte den Namen jenes Arbeiters erfahren, aber niemand wusste ihn. Der eine sagte, er heiße Müller, der andre sagte, er heiße Schmidt. Er wunderte sich darüber. Auch der Beweggrund, der den Mann zu seiner Tat getrieben, war keinem genau bekannt. Der eine sagte, es sei Rachsucht gewesen, Frucht systematisch geschürten Klassenhasses; der andre sagte, nur ein Irrsinniger sei zu solcher Tat fähig.
Mochte es sich so verhalten oder so, der Schuss aus dem Hinterhalt, von einem Unbekannten abgefeuert, aus unbekannter Ursache geplant, war für Christian nicht ganz dasselbe, was er für alle andern war, die rings um ihn lebten und sich nach wie vor vergnügten, jeder nach seiner Art. Er war für ihn ein Anlass zum Nachdenken, einem zwar ziel- und fruchtlosen, aber ernsten und sonderbar leidenden Nachdenken.
Crammon sagte: »Wieder ein Fall, wo sich sonnenklar erweist, dass man mit der Abschaffung der Folter nichts erreicht hat, als dass die Kanaille frech geworden ist. O, was war so ein spanischer Stiefel oder eine Daumenschraube, was waren das für herrliche Erfindungen der Humanität und Disziplin!«
Christian besuchte seinen Vater, der in einem Lehnstuhl saß, mit verbundenem Arm, die breit auseinandergefaltete Kreuzzeitung vor sich. Herr Wahnschaffe sagte: »Ich hoffe, dass ihr euch in keiner Weise Zwang auferlegt, du und deine Freunde. Ich wäre untröstlich, wenn ich schuld wäre, dass die Laune meiner Gäste nur um einen Hauch sich trübt.«
Ringsum ragten alte Stämme und uraltes Gemäuer, über den Baumwipfeln spannte sich der blaßblaue Herbsthimmel, im dürren Laub lag auf den Knien ein Mann und schwor mit Anwendung erhabener und maßloser Worte seine ewige Liebe. Dem allen vermochte Lätizia nicht zu widerstehen.
Stephan Gunderam sagte: »Verweigern Sie mir Ihre Hand, so bleibt mir nur die Kugel übrig. Sie ist für diesen Zweck schon längst bereit. Beim Leben meines Vaters, ich spreche wahr.«
Wer, so weich und so verführbar wie Lätizia, mag Blutschuld auf sich laden? Und sie gab ihr Ja. Sie dachte an keine Fessel, sie dachte nicht an das Unverbrüchliche eines solchen Entschlusses, sie dachte nicht an die Zeit und an das Spiel der Folgen, sie dachte nicht an den, dem ihre Seele zu eigen war; sie dachte nur an den Augenblick und dass da ein Mensch war, welcher erhabene und maßlose Worte zu ihr sagte.
Stephan Gunderam sprang auf, riss sie in seine Arme und stammelte: »Von nun an bis in die Ewigkeit gehörst du mir. Dein Atem, dein Gedanke, dein Traum mir, nur mir! Vergiss das nicht! Vergiss es nie!«
»Lass mich los, du Schrecklicher,« sagte Lätizia mit einem Schauer des Entzückens. Sie fühlte sich von einer Welle von Romantik lustvoll getragen. Ihre Nerven gerieten in Schwingung, der Blick flimmerte und brach; zum erstenmal regte sich Verlangen des Blutes. Leise aufschreiend glitt sie aus Gunderams Armen.
Schon auf dem Heimweg konnte das Paar die Glückwünsche der Gesellschaft entgegennehmen. Crammon schlich still beiseite; als Christian kam und Lätizia die Hand reichte, war in ihren Augen eine unruhige Erwartung, etwas phantastisch Freudiges, das Christian durchaus nicht begriff. Er konnte durchaus nicht ergründen, was sich hinter dieser Miene verbarg. Er konnte nicht erraten, dass sie dem, welchem sie soeben ihr Leben anvertraut hatte, den Atem, den Gedanken und den Traum, sich treulos schon jetzt entzog, und dass sie dies ihm, Christian, auf ihre Weise, die eine unschuldige und törichte Weise war, zu verstehen gab.
Er liebte sie, von Stunde zu Stunde wuchs seine Liebe. Er empfand es fast wie ein inneres Gesetz, dass er sie lieben sollte; ein Auftrag, der ihm befahl: an diese wende dein Selbst; eine Botschaft, die ihm ausrichtete: in dieser finde dich.
Er glaubte Evas Stimme zu vernehmen: Von mir war der Weg zu ihr; hab ich dich fühlen gelehrt, so gib dort dein Gefühl, wo ein Herz in Bereitschaft ist; dort forme, dort werde, dort wirke; lass es nicht vergehen, lass es nicht sinken und verglühen.
Crammon, der Verhärtete, hatte einen Traum, worin ihm jemand Vorwürfe machte, dass er untätig zuschaue, während man sein Fleisch und Blut an einen argentinischen Viehzüchter verkuppele.
Infolgedessen ging er zur Gräfin und fragte sie, ob sie wirklich gesonnen sei, das unmündige Kind in die Länder der Wilden zu schicken. »Ist Ihnen nicht bange, wenn Sie daran denken, wie verlassen das Kind in diesen äußerst südlichen Regionen dastehen wird?« fragte er und rieb die Hände rollend umeinander, was ihm das Aussehen eines alten Wucherers verlieh.
»Was fällt Ihnen ein, Herr von Crammon?« erwiderte die Gräfin entrüstet, »mit welcher Befugnis stellen Sie mich zur Rede? Wissen Sie vielleicht einen besseren Freier, einen, der reicher, vornehmer, repräsentabler ist? Meinen Sie, nur in Europa könne man glücklich sein? Ich habe mir die Leute genau angesehen, denn sie sind uns ja schockweise nachgelaufen, in Interlaken, in Aix-les-Bains, in Genf, in Zürich und in Baden-Baden; Alte und Junge, Franzosen, Russen, Deutsche und Engländer, Grafen und Millionäre. Dass wir nicht von vornherein auf das Exotische versessen waren, wird Ihnen Ihr Freund Christian bezeugen, der sich wahrscheinlich zu gut für uns gedünkt hat. Kummer genug, dass ich mein Liebchen über den Ozean lassen muss, Sie sollten mir nicht auch noch das Herz schwer machen.«
Aber Crammon war nicht zu rühren. »Überlegen Sie sich die Sache noch einmal genau,« sagte er, »es ist ein verantwortungsvoller Schritt. Bedenken Sie, dass es dort Giftschlangen geben soll, deren Biss innerhalb fünf Sekunden tötet. Ich habe von Stürmen gelesen, die die stärksten Bäume mit den Wurzeln ausreißen und neun Stock hohe Häuser umwerfen. Gewisse Volksstämme, die sogenannten Feuerländer, huldigen noch dem Kannibalismus, soviel ich weiß. Ferner existiert eine Gattung Ameisen daselbst, die auch den Menschen überfällt und ihn mit Stumpf und Stiel verzehrt. Die Hitze im Sommer soll nicht zu ertragen sein, die Kälte im Winter desgleichen. Es ist eine unwirtliche Gegend, Gräfin, eine schmutzige Gegend mit gefährlichen Einwohnern; überlegen Sie sich die Sache noch einmal.«
Am Abend, Lätizia lag schon zu Bett, ging die Gräfin mit unter der Brust gekreuzten Armen im Zimmer des jungen Mädchens auf und ab. Ihr Gewissen war beschwert, sie wusste aber nicht recht, wie sie das Gespräch beginnen sollte. Sie hatte den ganzen Nachmittag Briefe und Verlobungsanzeigen geschrieben und war jetzt müde. Puck, das Löwenhündchen, saß im Nebenzimmer auf einem seidenen Kissen und kläffte bisweilen grundlos.
Lätizia schaute mit feuchtglänzenden, schwelgerischen Augen in den dämmernden Raum über sich. Man hätte ihre Haut mit einer Nadel ritzen können, sie hätte es nicht gespürt.
Endlich überwand sich die Gräfin. Sie nahm einen Stuhl, setzte sich an das Bett und ergriff die Hand Lätizias. »Ist es wahr, Liebchen,« fing sie an, »ist es wahr, was Herr von Crammon berichtet, hat dir Stephan auch davon gesprochen, von den giftigen Schlangen, den Menschenfressern, den Orkanen, den wilden Ameisen und der schauerlichen Hitze und Kälte, wovon das Land heimgesucht sein soll, in das du gehst? Wenn es sich so verhält, möchte ich dich bitten, den Schritt, den du unternimmst, noch einmal gründlich in Erwägung zu ziehen.«
Lätizia lachte, tieftönig und herzlich. »Wie, Tante, jetzt kriegen Sie es mit der Angst?« rief sie aus; »jetzt, wo ich mir schon die ganze Zukunft ausgemalt habe? Crammon hat sich einen unpassenden Scherz mit Ihnen erlaubt, das ist alles. Stephan sagt niemals eine Lüge, und seiner Schilderung nach ist Argentinien das Paradies auf Erden. Hören Sie nur, Tantchen,« sagte sie geheimnisvoll, rückte an den Rand ihres Lagers und sah die Gräfin zutraulich und entzückt an, »Pfirsiche gibt es dort, so groß wie Kinderköpfe, schmackhafter als man sichs träumt, und in solcher Menge, dass man die, die man nicht essen und verkaufen kann, zu Hügeln aufschichtet und verbrennt. Wildbret jeder Art, Tantchen, köstlich und in Zubereitungen, die hier ganz unbekannt sind; Fische, Geflügel, Honig, die seltensten Gemüse, alles, was man nur will und was das Herz begehrt.«
Lätizia aber fuhr fort: »Hab ich mich einmal eingelebt und die Verhältnisse kennengelernt, so schreib ich Ihnen, Tante, und Sie müssen zu uns kommen. Da werden Sie dann ein Haus für sich bewohnen, eine reizende Villa, die von Blumen überwachsen ist. Die Vorratskammern sollen jeden Tag frisch gefüllt werden, und neben Ihrem Schlafzimmer wird ein marmornes Badebecken sein; sooft Sie Lust haben, können Sie sich darin ausstrecken, und schwarze Sklavinnen werden zu Ihrer Bedienung bereit stehen.«
»Gewiss, Liebchen,« antwortete die Gräfin mit verklärtem Gesicht, »denn Paradies oder nicht Paradies, das eine wird wohl unter allen Umständen zutreffen: schmutzig wird es sein, und Schmutz, du weißt es ja, Schmutz ist für mich fast so arg wie Giftschlangen und Menschenfresser.«
Um dem Trubel auf Wahnschaffeburg, wie das neue Haus genannt wurde, zu entfliehen, gingen Christian und Crammon für einige Tage nach Christiansruh. Kaum aber hatten sie sich dort eingerichtet, so kamen auch Judith und deren Gesellschafterin, Lätizia und das Fräulein von Einsiedel.
Die Gräfin und Stephan Gunderam waren nach Heidelberg gefahren, wo sie Frau von Febronius erwarteten; Lätizia sollte ihnen erst eine Woche später folgen. Felix Imhof war nach Leipzig gerufen worden, wo er an der Gründung einer großen Verlagsgesellschaft beteiligt war. Nach seiner Rückkehr sollte auf Wahnschaffeburg die Hochzeit stattfinden.
Judith sagte, sie wolle die letzten Stunden der Freiheit genießen; Lätizia zum Mittun zu bewegen, hatte es nicht vieler Überredung bedurft; das Fräulein von Einsiedel und die Gesellschafterin wurden als Garden betrachtet, und so hatten die vier Christian und Crammon mit Lärm und Lachen überrascht.
Das Wetter war schön, wenngleich schon kalt; sie verbrachten die meiste Zeit im Freien, gingen in den Wäldern spazieren, spielten Golf, veranstalteten Picknicks, und die Abende verflogen mit heiterem Plaudern. Einmal las Crammon aus dem Torquato Tasso vor, und er ahmte dabei den Tonfall und Rhythmus Edgar Lorms so täuschend nach, dass Judith erregt wurde und nicht genug hören konnte. Ihn reizte nichts andres als eben diese Nachahmung; Lätizia genoss die Verse wie trunken machenden Wein; das Fräulein von Einsiedel, das seit Jahren um eine verlorene Liebe trauerte, kämpfte bei manchen Stellen mit den Tränen; Judith hingegen erblickte in einem Zauberspiegel ein vergöttertes Bild, und als der Vortrag zu Ende war, brachte sie das Gespräch auf Edgar Lorm und bat Crammon, er möge ihr von ihm erzählen.
Crammon willfahrte ihr. Er erzählte von der romantischen Freundschaft des Schauspielers mit einem König; von seiner ersten Ehe mit einer rothaarigen Jüdin, die er sehr geliebt und die ihn eines Tages verlassen hatte und nach Amerika geflohen sei; wie er ihr gefolgt sei, erst hinüber, dann drüben von Ort zu Ort und alle seine Versuche, sie wiederzugewinnen, fehlgeschlagen seien; wie er, zurückgekehrt, in Gefahr gewesen, sich zu verlieren, sein Talent zu zersplittern; wie er, einsam und unstet, bald da, bald dort festen Fuß zu fassen bestrebt war; wie er Verträge gebrochen habe, von den Bühnenleitern in Acht und Bann getan, vom Publikum als gefährlicher Irrwisch nur gerade geduldet worden sei; wie aber endlich sein Genie alle Widrigkeiten und die Mängel seiner Natur selbst besiegt habe und er nun als strahlendstes Gestirn am Himmel der Kunst glänze.
Als Crammon schwieg, trat Judith auf ihn zu, streichelte ihm Kinn und Wangen und sagte: »Das war hübsch, Crammon, dafür dürfen Sie sich etwas ausbitten.«
Da lachte Crammon sein lautestes Lachen im tiefsten Baß und antwortete: »Dann bitt ich mir aus, dass die vier Damen morgen in der Frühe nach Wahnschaffeburg zurückkehren und uns beide, meinen Freund Christian und mich, noch ein wenig in Frieden gegeneinander schweigen lassen. Nicht wahr, Christian, mein Engel, wir schweigen gern? Wir beschweigen die Geheimnisse der Welt.«
»O ungalanter Bär!« wurde da gerufen; »o Verräter, o herzloser Intrigant!« Aber es war bloß eine Scheinempörung, denn die Rückfahrt war für den nächsten Tag ohnehin beschlossen.
Christian erhob sich und sagte: »Bernhard hat nicht unrecht, wenn er behauptet, dass wir schweigen wollen. So schön es mit euch ist, ihr schönen Mädchen, aber ihr seid so unruhig, ihr seid gar zu munter.« Er hatte scherzend gesprochen, jetzt strich er mit der Hand über die Stirn, weil sich seine Empfindung in Ernst verwandelt hatte.
Alle schauten ihn an. Er sah eigentümlich stolz aus. Lätizia schlug das Herz. Als sein Blick auf sie fiel, senkte sie den ihren, und sie errötete tief. Sie liebte alles, was er war, alles, was hinter ihm war, alles, was er erlebt hatte, alle Frauen, die er geliebt hatte, alle Menschen, von denen er kam und zu denen er ging.
Plötzlich fiel ihr die goldene Kröte ein; sie hatte das kleine Schmuckstück mitgenommen, und sie fasste den Vorsatz, es ihm heute noch zu bringen. Aber hiezu musste sie ihn allein treffen.
Es sollte in der Nacht sein, das war ihr Wunsch, und sie gab ihm ein Zeichen. Es gelang ihr, ihm von den andern unbemerkt zuzuflüstern, dass sie in der Nacht zu ihm kommen und ihm etwas bringen wolle; er möge sie erwarten.
Er sah sie wortlos an. Viele waren schon zu ihm gekommen, in der Nacht; das Versprechen keiner hatte ihn so entflammt. Als sie von ihm weghuschte, bebten seine Lippen.
Nach Mitternacht, alle schliefen im Hause, verließ sie ihr Zimmer und stieg in das obere Stockwerk hinauf, in welchem Christian mehrere Gemächer bewohnte. Sie ging leise, ohne sonderliche Ängstlichkeit. Den Kopf spähend vorgeneigt, raffte sie mit den Händen die Schleppe des weißseidenen Übergewands, das sie trug. Der durchsichtige Stoff glich mehr einem Schimmer auf der Haut, einem Perlenschimmer, als einer Hülle. Nur um Brust und Leib lag er in Verdopplung; den Schritt behinderte ein um die Knie geschlungenes Atlasband, und sie musste, sich selbst zum Spott, während die Pulse stürmisch klopften, vorsichtig trippeln wie die Geishas, die sie auf dem Theater gesehen hatte.
Er fasste sie zart an beiden Handgelenken, hauchte einen Kuß auf ihre Stirn und fragte lächelnd: »Was wolltest du mir denn bringen, Lätizia? Ich bin gespannt.«
Da wurde sie inne, dass sie die goldene Kröte vergessen hatte. Noch kurz bevor sie aus ihrem Zimmer gegangen war, hatte sie sie bereit gelegt, desungeachtet hatte sie sie vergessen. »Nein, wie dumm,« entschlüpfte es ihr, und sie sah beschämt auf ihre schwarzen Samtschuhe nieder, »wie dumm! Ich hab mir eine kleine Kröte aus Gold machen lassen, die wollt ich dir bringen.«
Er stutzte. Er erinnerte sich der Worte, die er ihr vor vielen Monaten gesagt. Die verflossene Zeit war dreifach lang. Er wunderte sich, wie es hatte sein können, dass ihn eine Kröte so geschreckt. Wohl hörte er sich selbst: »Lass dir eine kleine Kröte aus Gold machen, damit der böse Zauber weicht.« Aber die Mahnung besaß heute keine Gültigkeit mehr, der Zauber war auch ohne Talisman gebrochen.
Wie er nun das Mädchen so vor sich stehen sah, zitternd und trunken, zitterte auch er und ward trunken. Viele waren schon gekommen, in der Nacht; keine so unschuldig und so schuldig dabei, keine so entschlossen und so betört zugleich. Er kannte die Gebärden, ihr stummes Schmachten, das erloschene und wieder aufflammende Auge an ihnen, das halbe Nein und halbe Ja, ihr Anklammern und Wegstoßen, ihre Seufzer, ihre wunderbaren Tränen, die wie warmer, salziger Tau schmeckten, er kannte es an vielen. Und es neuerdings zu erfahren und zu spüren, drängten ihn die Sinne mit aller Macht.
Aber es war etwas dawider. Es war ein braunblasses Gesicht dawider, das ihn mit Augen von unbeschreiblicher Klarheit anschaute. Es war ein blutüberströmtes Gesicht dawider, an dem die schwarzen Haare klebten, und es war ein vom Wasser aufgedunsenes Gesicht dawider, das vordem schön gewesen war. Es war ein Gesicht dawider voll Haß und Scham, das auf schlechtem Linnen ruhte, und ein anderes, in einer Kofferkammer, mit einer weißen Binde umkleidet. Es waren Gesichter von Männern und Weibern dawider, Tausende und Tausende, am Ufer eines Stroms, und andre Gesichter, verkohlte und zertretene in einer Scheune, die er so genau wie in Wirklichkeit durch die Augen eines Ergriffenen gesehen.
Er wurde ein wenig bleicher, und in seinen Fingerspitzen war Kälte. Da fasste er Lätizia bei der Hand und führte sie in die Mitte des Zimmers. Sie schaute sich zaghaft um, doch jeder Blick galt ihm, von dem sie erfüllt war. Sie fragte nach den Bildern, die an der Wand hingen, bewunderte die Ähnlichkeit seines Porträts, welches sich darunter befand, wollte wissen, was eine kleine Skulptur vorstellte, die er in Paris gekauft hatte; ein Mann und ein Weib, aus Felsen sich lösend, strebten elementar gegeneinander.
Ihre tiefe Stimme hatte sinnlicheren Klang denn je. Indem er ihr antwortete, kam ihm von neuem die Versuchung an, die warme, rosige, blutdurchpulste Wölbung der Schulter, die einer frischen Frucht glich, mit den Lippen zu berühren. Aber es rief in ihm, unüberhörbar: einmal nicht! nur ein einziges Mal nicht!
Lätizia wusste nicht, was mit ihr geschah. Sie schauerte zusammen und bat ihn, das Fenster zuzumachen. Aber als das Fenster zugemacht war, fröstelte sie noch stärker. Sie sah ihn von der Seite an. Sein Gesicht erschien ihr hochmütig und fremd. Sie hatten sich auf den Diwan gesetzt, und es war ein Schweigen entstanden. Warum hab ich nur die kleine goldene Kröte vergessen? dachte Lätizia, das ist an allem schuld; und instinktiv rückte sie ein wenig von seiner Seite weg.
»Vielleicht wirst du es später verstehen, Lätizia,« sagte er und erhob sich. Gleich darauf ließ er sich vor ihr auf den Boden nieder, nahm ihre beiden kühlen Hände und legte sie an seine Wangen.
»Nie,« beteuerte sie leidenschaftlich, »nie.« Alles verwirrte sich in ihr. Sie dachte an Blumen und Sterne, an Bilder und Träume. Sie dachte, wie er es gesagt, an Vögel, die aus der Luft fallen und sterben, und an ein Reh, das erschossen vor ihren Füßen lag. Sie dachte an Wege, die sie gehen würde, an Fahrten auf dem Meer, an Schmuck und an köstliche Gewänder. Aber es hatte kein Bindendes für sie, es löste sich alles wieder zu Stücken. Es riss in ihrem Innern eine Kette, und sie hatte das Bedürfnis, sich hinzulegen und einige Zeit zu weinen. Nicht lange; wenn dann das Weinen vorüber war, konnte es sein, dass sie sich wieder auf den morgigen Tag freute und auf Stephan Gunderam und auf die Hochzeit mit ihm.
»Gute Nacht, Christian,« sagte sie und bot ihm die Hand wie nach harmlosem Plaudern. Die Gegenstände im Zimmer hatten ein andres Aussehen. Auf dem Tisch stand eine geschliffene Schale mit Herbstzeitlosen; die weißen Stengel glichen den Fühlarmen eines Polypen. Die Nacht vor den Fenstern war nicht mehr dieselbe Nacht wie vordem. Man war auf eine eigne Art ganz frei, auf eine trotzige und rachsüchtige Art.
Christian war überrascht von ihrer Haltung und Gebärde. War sie als Mädchen zu ihm gekommen, so ging sie fort als Frau, ohne dass er sie angerührt hatte. »Ich will nachdenken,« sagte sie und nickte ihm mit einem großen, dunklen Blick zu, »ich wills verstehen lernen.«
Christian lauschte ihrem Schritt, der hinter der geschlossenen Tür schnell verklang. Er stand regungslos, mit tief gesenktem Kopf. Es war, auch für ihn, nicht mehr dieselbe Nacht wie vordem. Ungeachtet seines Gehorsams gegen die Stimme nagte der Zweifel an ihm, ob, was er getan, recht oder unrecht war, gut oder schlecht.
Eines Tages erhielt Christian einen Brief, der die Unterschrift von Iwan Michailowitsch Becker trug. Becker teilte ihm mit, dass er sich vorübergehend in Frankfurt aufhalte und dass eine gemeinsame Freundin ihm nahegelegt habe, Christian Wahnschaffe zu besuchen. Dies unterlasse er aber aus erwogenen Gründen. Wenn Christian Wahnschaffes Gesinnung derart sei, wie die gemeinsame Freundin vorauszusetzen scheine, möge er um eine Abendstunde zu ihm kommen.
Christians erste Regung war, der Aufforderung nicht zu folgen. Er sagte sich, dass er mit Iwan Becker nichts zu schaffen habe. Der Russe war ihm unsympathisch gewesen; seine Beziehung zu Eva Sorel hatte er missbilligt und hochmütig übersehen. Sooft er sich seines hässlichen Gesichts, seines schleichenden Ganges, seiner stummen, düsteren Gegenwart erinnerte, überkam ihn ein Unbehagen. Was konnte er jetzt von ihm wollen? Weshalb dieser Ruf, in dem Drohendes war?
Nachdem er vergeblich versucht hatte, sich des Nachdenkens hierüber zu entschlagen, zeigte er Crammon den Brief, in der geheimen Erwartung, dass Crammon ihm widerraten werde, zu Becker zu gehen. Crammon las, zuckte die Achseln, sagte aber nichts. Crammon war in übler Laune, Crammon war verletzt; er spürte seit einiger Zeit schon, dass ihn Christian von seinem Vertrauen ausschloß. Außerdem dachte er an Eva Sorel mehr, als seiner Seelenruhe förderlich war. Er machte Fräulein von Einsiedel den Hof; das Fräulein war nicht taub gegen sein Werben, aber dieser Erfolg konnte Crammon das Gleichgewicht nicht zurückgeben, und der Brief riss die Wunde von neuem auf.
Mit Entschluss beendete Christian sein Schwanken und machte sich auf den Weg zu Becker. Das Haus lag in der Vorstadt; er musste vier Stiegen einer Mietskaserne erklimmen. Er bemühte sich, nirgends anzustreifen, nicht an der Mauer, nicht am Geländer. Als er vor der Tür die Glocke zog, war sein Gesicht blass von Beklommenheit und Widerwillen.
Wie leidend er aussieht, dachte Christian, als er in dem armselig möblierten Zimmer Iwan Becker gegenübersaß. Er fragte sich, ob dieser Zug des Leidens neu sei oder ob er ihn früher bloß nicht wahrgenommen habe. Als Becker das Wort an ihn richtete, antwortete er verlegen und ungeschickt.
»Madame Sorel geht im Frühjahr nach Petersburg,« sagte Iwan Michailowitsch; »sie hat einen Vertrag unterzeichnet, der sie für drei Monate an das Kaiserliche Theater verpflichtet.«
»Mein letztes Gespräch mit Madame Sorel drehte sich ausschließlich um Sie,« fuhr er fort und sah Christian aus seinen tiefliegenden Augen aufmerksam an.
»Sie bestand darauf, dass ich mich mit Ihnen in Verbindung setzen solle. Sie sagte, es läge ihr daran. Einen Grund nannte sie nicht. Sie nennt ja niemals Gründe. Sie verlangte auch, dass ich ihr Bericht erstatte. Dabei habe ich nicht einmal einen Auftrag für Sie. Sie sagte nur immer: Es hängt etwas für mich davon ab und für ihn vielleicht sehr viel. Sie sehen, ich bin ein willenloses Werkzeug. Ich hoffe, dass Sie mir wegen der Belästigung nicht zürnen.«
»Durchaus nicht,« erwiderte Christian beengt. »Ich kann mir freilich nicht denken, was ihr vorschwebt.« Verwundert fügte er hinzu: »Sie ist sehr eigenartig.«
»Ja, sehr!« Iwan Becker lächelte, wobei die Feuchtigkeit seiner dicken Lippen unangenehm bemerkbar wurde. »Sie ist ein enthusiastischer Mensch. Eine Frau von bedeutender Anlage. Sie hat große Macht über andre Menschen, und sie ist entschlossen, sich dieser Macht zu bedienen.«
Becker sah ihn an. »Nein,« antwortete er kalt, »ich wüsste nicht.« Er wandte den Blick gegen das Fenster, vor dem man Fabrikschlöte sah, Rauch und trübe Luft, welche Schnee verkündete. Über seine Knie war eine Decke gebreitet, da der Raum nicht geheizt war; unter der Decke war seine verkrüppelte rechte Hand versteckt. Eine Bewegung des Beins verschob die Decke, und die Hand kam zum Vorschein. Christian wusste, was es damit für eine Bewandtnis hatte: Crammon hatte ihm von seiner Begegnung und dem Gespräch mit Becker erzählt, damals in Paris schon. Er hatte es mit Gleichgültigkeit vernommen und, wo er konnte, es vermieden, sein Augenmerk auf diese Hand zu richten.
Er betrachtete sie jetzt; er stand auf, und mit einer Gebärde von Freiheit und Versicherung, die selbst Becker, der ihn doch nur oberflächlich kannte, an ihm in Erstaunen setzte, reichte er seine Hand dar. Iwan Michailowitsch gab ihm die Linke; Christian hielt sie und drückte sie stark und lange. Dann ging er, ohne ein Wort zu sprechen.
Iwan Michailowitsch erzählte ihm die Geschichte seines Lebens. Er bot ihm in einfacher Weise Gastfreundschaft, kochte Tee, und sogar die Stube war geheizt. Er erzählte abgerissen, mit halbgeschlossenen Augen und krankhaftem, kränklichem Lächeln, ohne rechten Zusammenhang, bald aus seiner Jugend, bald aus den Spätjahren. Es war immer dasselbe: Unterdrückung, Not, Verfolgung, Leiden; Leiden ohne Zahl. Zermalmte Herzen, wohin man ging und sah, vernichtetes Glück, zerstörte Schicksale. Die Eltern in Armut umgekommen, die Geschwister verschollen, die Freunde im Krieg gefallen oder in der Verbannung gestorben; ein Leben ohne Halt, ohne Licht, ohne Ruhe, ohne Aufblick; eine Welt voll Haß und Bosheit, Grausamkeit und Finsternis.
Sie trafen sich im Kaffeehaus, in einem hässlichen Lokal, das zu betreten Christian vordem nicht vermocht hätte, und saßen bis in die späte Nacht. Oft schweigend, in einem Schweigen, das Christian quälte und bis zu einem kaum erträglichen Grad spannte. Aber seine Miene war sanft.
Sie gingen miteinander am Fluss, durch Straßen und Anlagen, im Schnee. Iwan Michailowitsch sprach von Puschkin, von Belinski, von Bakunin und Herzen, vom Zaren Alexander dem Ersten und der Legende seiner Entrückung, von den Bauern, dem dumpfen, armen Volke. Er sprach von den ungezählten Märtyrern verwehten Namens, Männern und Frauen, deren Tun und Leiden ans Herz der Menschheit pochte und deren Blut, so drückte er sich aus, wie die Röte den Aufgang der Sonne, den Anbruch neuer Zeit verkündete.
Einmal sagte Iwan Michailowitsch: »Man hat mir berichtet, dass ein Arbeiter einen Mordanfall auf Ihren Vater gemacht hat. Der Mann ist gestern zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt worden.«
Es erwies sich, dass der Mann weder Schmidt noch Müller hieß, sondern Roderich Kroll. Iwan Michailowitsch wusste den Namen. »Eine Frau und fünf kleine Kinder sind da, leben im größten Elend,« sagte er. »Haben Sie einmal eine Viertelminute lang versucht, sich vorzustellen, was es bedeutet: im Elend leben? Haben Sie Phantasie genug, sich nur eine Viertelminute eines solchen Daseins auszumalen? Haben Sie einmal das Gesicht eines Menschen, der hungert, an gesehen? Da ist ein Weib, fünf Kinder hat sie geboren; liebt ihre Kinder genau so, wie Ihre Mutter Sie und Ihre Geschwister liebt. Schön; die Schubladen sind leer; der Herd ist kalt; die Betten sind ins Pfandhaus gewandert; die Kleider und Schuhe sind zerrissen. Die Kinder, jedes ist ein Mensch wie Sie und ich, jedes hat genau dieselbe Anwartschaft auf Zufriedenheit, auf Brot, auf ruhigen Schlaf und auf gesunde Luft wie Sie und Herr von Crammon und zahllose andre, die gar nie darüber nachdenken, dass sie im Besitz all dieser Dinge sind. Schön; nicht nur, dass man sich anstellt, als sehe und wisse man nichts davon; nicht nur, dass man es unbequem findet, wenn man daran erinnert wird; sondern man verlangt auch von diesen Wesen, dass sie still sein sollen, dass sie ihren Hunger, ihre Notdurft, die Kälte, die Krankheit, den Raub an ihrem Besitz und die freche Ungerechtigkeit als etwas Selbstverständliches und Unvermeidliches hinnehmen und ertragen sollen. Haben Sie das schon einmal überlegt?«
»Dieser Mann,« fuhr Iwan Michailowitsch fort, »dieser Roderich Kroll, wurde, soviel ich erfahren habe, planmäßig zum Äußersten getrieben. Er war gläubiger Anhänger der sozialistischen Theorien und sogar den Leuten seiner eignen Partei wegen seiner extremen Anschauungen und der heftigen Propaganda dafür ein wenig zur Last. Man hat ihm den Boden unter den Füßen abgegraben. Man hat ihn durch die kleinlichsten Ränke erbittert und zum Äußersten gedrängt. Man wollte ihn unschädlich machen und zum Schweigen bringen. Aber sagen Sie mir: gibt es ein Extrem auf dieser Seite, das so unbillig, so herausfordernd, so verwerflich sein könnte, wie es das Extrem auf der andern Seite, der Übermut, der Luxus, die Schwelgerei, die Fühllosigkeit und sinnlose Verschwendung an jedem Tag und zu jeder Stunde wirklich ist? Nicht einmal den Namen des Menschen haben Sie gewusst!«
Christian blieb stehen. Der Wind blies ihm den Schnee ins Gesicht und näßte Stirn und Wangen. »Was soll ich tun, Iwan Michailowitsch?« fragte er langsam.
Auch Iwan Michailowitsch blieb stehen. »Was soll ich tun!« rief er. »So fragen alle. So fragte auch Fürst Jakowlew Grusin, einer unsrer Großherren, Adelsmarschall im Nowgoroder Kreis. Nachdem er seine Bauern ausgesogen, seine Pächter geplündert, seine Beamten nach Sibirien gebracht, nachdem er Mädchen geschändet, Frauen verführt, seine eignen Söhne zur Verzweiflung getrieben, sein Leben lang gefressen, gesoffen, gehurt und Verbrechen auf Verbrechen gehäuft hatte, ging er in seinem vierundsiebzigsten Jahr ins Kloster und schrie Tag und Tag aus seiner Zelle: Was soll ich tun? Herrgott und du, mein Heiland, was soll ich tun? Da konnte ihm natürlich niemand antworten. Und so hörte ich auch einen andern vor sich hin fragen, dessen Seele aber rein und weiß war. Er schritt zum Tode, ein Siebzehnjähriger; neun Mann, Gewehr bei Fuß, standen im Festungsgraben; er taumelte heran, und seine unschuldige Seele fragte laut: Was soll ich tun, Vater im Himmel, was soll ich tun?«
Es kamen die Kohlen- und Eisenbarone der ganzen Provinz; hohe Militärs und Verwaltungsbeamte mit ihren Damen; die Spitzen des Frankfurter Patriziats und der Finanz; Mitglieder des Darmstädter und Karlsruher Hofs und weither gereiste Fremde. Ein Tenor aus Berlin, eine berühmte Liedersängerin, ein Wiener Komiker, ein Zauberkünstler und ein Taschenspieler waren engagiert worden, um für die Unterhaltung zu sorgen.
In der marmornen Wandelhalle und ihren Nebenräumen wogte die festliche Menge. Bei den Toiletten der Damen herrschte Gelb und Rosa vor, die jungen Mädchen waren zumeist in Weiß. Nackte Schultern leuchteten hinter Perlen- und Diamantengefunkel; das strenge Schwarz und Weiß an Männern dämmte energisch das Schwimmende des Farbenbildes.
Christian ging mit Randolph von Stettner auf und ab, einem jungen Offizier, der bei den Bonner Husaren stand. Sie waren Freunde aus der Knabenzeit her, hatten sich ein paar Jahre nicht gesehen und tauschten Erinnerungen aus. Randolph von Stettner sagte, dass er in seinem Beruf nicht sonderlich glücklich sei; er hätte lieber studiert; seine große Neigung war die Chemie, als Soldat fühlte er sich nicht an seinem Platze. »Aber es nützt nichts, wider den Stachel zu löken,« schloss er seufzend, »man muss in die Kette beißen und still sein.«
Christians Blick fiel auf Lätizia, die inmitten eines dichtgedrängten Kreises von Herren stand. Auf ihrer Stirn war Vergessen; sie wusste nichts vom vorigen Tag und nichts vom morgigen. So in der Stunde gelöst, gab es keine außer ihr.
Ein Diener trat zu Christian und reichte ihm eine Karte. Die Stirn des Dieners hatte bedenkliche Falten; die Karte war nicht ganz sauber. Christian las die geschriebenen Worte auf der Karte: »I.M. Becker muss Sie sogleich sprechen.« Er entschuldigte sich hastig bei Stettner und ging hinaus.
Iwan Michailowitsch stand unbeweglich in der Vorhalle. Neuangekommene Gäste, denen Diener Mäntel und Hüte abnahmen, schritten achtlos an ihm vorüber, die Männer tänzelnd und sprungbereit, die Frauen mit erregten Blicken den Spiegel zu einer letzten Musterung suchend.
Iwan Michailowitsch trug einen langen, grauen, nassen Mantel, der abgeschabt war; das Gesicht mit dem pechschwarzen Rahmenbart war totenbleich. Christian zog ihn in einen leeren Teil des Raumes, wo sie ungestört waren.
»Ich bitte um Verzeihung, wenn ich Ihnen die Festesfreude trübe,« begann Iwan Michailowitsch, »aber ich hatte keine Wahl. Heute nachmittag erhielt ich einen polizeilichen Ausweisungsbefehl. Ich muss binnen zwölf Stunden Stadt und Land verlassen haben. Ich wollte Sie um die Gefälligkeit ersuchen, dieses Heftchen in Obhut zu nehmen und es zu bewahren, bis es Ihnen von mir selbst oder einem zweifellos beglaubigten Freund wieder abgefordert wird.« Er schaute sich um, zog schnell ein dünnes blaues Heft aus der Tasche und gab es Christian, der es ebenso schnell, mechanisch, in der Brusttasche des Fracks verschwinden ließ.
»Es enthält Aufzeichnungen in russischer Sprache,« fuhr Iwan Michailowitsch fort; »sie haben Wert nur für mich allein, aber man darf sie nicht bei mir finden. Da man mich aus dem Lande weist, muss ich auch darauf gefasst sein, dass man sich an meiner Person und meinem Eigentum vergreift.«
»Wollen Sie nicht wenigstens Ihren Mantel trocknen?« fragte Christian wieder. Die einschmeichelnde Musik, der von ihm gewußte Prunk im Saale, die Heiterkeit, das Lachen, die Fülle der Schönheit und des Glückes, alles das bildete einen so schneidenden Gegensatz zur Erscheinung des Menschen im nassen Mantel, mit dem totenbleichen Gesicht und den krankhaft flammenden Augen, dass er den Gedanken nicht mehr ertragen konnte, dazwischen zu stehen, fühllos und die vollkommene, fürchterliche Fremdheit beider Welten kennend.
»Ich weiß nicht, warum mich die Lust ankommt,« murmelte Christian, »ich weiß nicht, was mich daran reizt. Ich stehe da vor Ihnen und habe unrecht. Wenn ich schweige, wenn ich rede, mit meinem bloßen Atem schon habe ich unrecht. Wir sollten nicht hinter der Wand und im Domestikenwinkel miteinander sprechen. Sie fordern etwas von mir, Iwan Michailowitsch, ist es nicht so? Sie fordern etwas; nennen Sie Ihre Forderung.«
Diese Worte verrieten eine bis in den Grund gehende Verwirrung des Gefühls. Sie bebten vor Sehnsucht nach einem Anderssein und Anderswerden. Iwan Becker begriff es inspirativ. Wenn er anfangs geargwöhnt hatte, dass eine Herrenlaune oder, im besseren Fall, der törichte und gedankenlose Trotz eines flüchtig erglühten Proselyten den schönen, reichen, stolzen Menschen zu solcher Äußerung getrieben, so erkannte er jetzt seinen Irrtum. Er begriff vor allem, dass er um Hilfe gerufen wurde, und zwar in einem der entscheidenden Augenblicke, deren es in jedem Leben nur wenige gibt.
»Was sollte ich denn von Ihnen fordern, Christian Wahnschaffe?« fragte er ernst, »doch nicht, dass Sie mich zu den Ihren schleppen, und dass ich das als eine Tat von Ihnen zu betrachten hätte, als eine Überwindung?«
»Überlegen Sie doch, welche Figur ich dabei abgeben würde, ich mit meinem Kittel, widerwillig und demonstrativ im Reich der Sphären, wie wir uns in Rußland ausdrücken. Ihnen würde man verzeihen; man würde Sie der Extravaganz beschuldigen, man würde Sie auslachen, und man würde darüber hinwegsehen. Aber was geschähe mir? Wenn Sie mich auch vor Beleidigungen schützen könnten, das Demütigende der Situation wäre kaum zu überbieten. Und welchen Zweck sollte eine so prahlerische Handlung haben? Was versprechen Sie sich Gutes davon, Gutes für mich, für Sie, für die andern? Ich könnte keinem etwas anhaben, keinen überreden, keinen überzeugen. Und nicht einmal Sie selbst wären überzeugt.«
Er schwieg einige Sekunden und sah Christian mit einem gütigen und starken Blick an. Dann fuhr er fort: »Wär ich im Gesellschaftsanzug hierhergekommen, so wäre dieses Gespräch wesenlos. Und damit ist es auch erledigt. Sein Gegenstand ist zu klein. Warum, Christian Wahnschaffe, warum soll ich meinen Kittel und meinen nassen Mantel hinein zu Euren Fräcken tragen? Gehen Sie doch einmal dorthin mit mir, wo Ihr Frack ein Frevel und ein Makel ist und mein grober nasser Mantel noch ein Prunkgewand und Vorzug. Ich kenne ein solches Haus; gehen Sie mit mir.«
Christian, ohne ein Wort zu erwidern, rief einen der Diener herbei, ließ sich seinen Pelz reichen und folgte Iwan Michailowitsch ins Freie. Derselbe Diener stürzte ihm voraus, in die Garage hinüber; sie hatten nur wenige Minuten zu warten, und als der Wagen anfuhr, ließ Christian Iwan Michailowitsch den Vortritt, befragte ihn um das Ziel, nahm an seiner Seite Platz, und der Wagen setzte sich in Bewegung.
Iwan Michailowitsch Becker hatte die Familie des mit Zuchthaus bestraften Arbeiters Roderich Kroll schon zweimal besucht. Sein Interesse an den Leuten war nur ein mittelbares, durch jenes hervorgerufen, das er für Christian Wahnschaffe gefasst hatte. Es war in Christian Wahnschaffe etwas, das ihn bewegte; gleich nach dem ersten Gespräch, das sie miteinander gehabt, hatte er lange über ihn nachgedacht, über seine Person und seine bestrickenden Eigenschaften sowohl wie über seine Lebensumstände und das soziale Erdreich, aus dem er hervorgewachsen war. Da der Name des Großindustriellen Wahnschaffe so eng mit dem Roderich Krolls und seinem Prozess verknüpft war, der ziemlich viel Lärm gemacht hatte, war seine Aufmerksamkeit auf natürlichem Weg dorthin gewendet worden. Er hatte möglicherweise schon vorher den Schritt erwogen, der jetzt zur Ausführung kam. Denn für ihn stand es unerschütterlich fest, dass viele Menschen besser wären und gerechter handeln würden, wenn sie nur sehen könnten oder wenn man ihnen die Gelegenheit verschaffen würde, zu sehen.
Frau Kroll hatte mit ihren fünf Kindern in dem Mansardenloch einer von vielen Hunderten von Menschen bewohnten Mietskaserne am äußersten Rande der Stadt Zuflucht gefunden. Sie hatte vordem eine der zahlreichen Arbeiterwohnungen innegehabt, die Albrecht Wahnschaffe bei seinen Fabriken hatte bauen lassen; aus diesem Heim war sie vertrieben worden, und sie war in die Stadt gezogen.
Die Mansarde beherbergte außer ihr und ihren Kindern, von denen das älteste zwölf Jahre zählte, noch drei Bettgeher: einen Lumpensammler, einen Orgeldreher und einen beständig betrunkenen Vagabunden. Es war ein Raum von zwanzig Quadratmeter Fläche; die Bettgeher lagen auf schmutzigen Strohsäcken, die fünf Kinder auf zwei eng aneinandergeschobenen zerrissenen Matratzen, Frau Kroll im Winkel zwischen Dach und Fußboden auf einem Wollhaartuch und einem Bündel alter Kleider.
An diesem Tag war der Hausverwalter dreimal erschienen, um die Miete einzufordern. Beim drittenmal hatte er, da sie nicht zahlen konnte, gedroht, sie am Abend auf die Straße zu setzen. Eine Viertelstunde vor Christians und Iwan Beckers Ankunft war er in Begleitung des Pförtners und eines andern Untergebenen in den halbfinstern, übelriechenden Raum getreten und hatte sogleich Anstalten getroffen, seine Drohung auszuführen. Sein Gesicht machte eher den Eindruck der Gutmütigkeit als den der Härte; er tat sich etwas zugute auf den Humor, mit dem er seine amtlichen Verrichtungen würzte; das Schreien und Jammern beirrte ihn nicht im geringsten. Er sagte: »Hurtig, Kinder, hurtig;« oder: »Marsch, an die Gewehre, keine Lamentos, keine Zärtlichkeiten, keine Kniefälle; Zeit ist Geld, Geschwindigkeit ist halbe Arbeit.«
Wie immer bei solchem Anlass gerieten alle nahe wohnenden Parteien in Bewegung und drängten sich auf dem Flur. Ein Weib mit gelben Haaren, im Hemde; ein andres im scharlachroten Schlafrock; ein Krüppel ohne Beine; ein Greis mit langem Bart; Kinder, die sich rauften; ein geschminktes Frauenzimmer mit einem Hut so groß wie ein Wagenrad, ein andres, das eine brennende Kerze trug, während ein Mann, der von der Straße mit ihr gekommen war, sich erschrocken ins Dunkel zu drücken bemüht war.
Dazwischen schallte das Weinen der Krollschen Kinder, das tonlose Bitten der Frau, die mit verstörten Blicken zuschaute, wie die Gehilfen des Exekutors ihre Habseligkeiten auf einen Haufen warfen. Der Vagabund fluchte, der Orgeldreher schleppte seinen Strohsack zur Tür, der Hausverwalter knipste mit den Fingern und sagte: »Hurtig, Kinder, mein Abendessen wird kalt, keine Lamentos, keine Zärtlichkeiten, hurtig, hurtig.«
Da traten Christian und Iwan Becker ein. Sie zwängten sich durch Gaffende, Christian im kostbaren Pelz. Der Verwalter blieb mit offenem Munde stehen. Seine Kreaturen rissen mechanisch die Kappen herunter. Iwan Michailowitsch wollte die Tür schließen, aber das Frauenzimmer mit dem großen Hut stand auf der Schwelle und wich nicht. »Die Tür sollte man zumachen,« sagte er zum Verwalter, und dieser ging hin und machte die Tür zu, wobei er die geschminkte Person einfach zurückstieß. Iwan Michailowitsch fragte, ob die Frau mit ihren Kindern delogiert werden solle. Der Verwalter antwortete, sie könne die Miete nicht zahlen, man habe bis heute, weit über die Frist, Nachsicht gehabt, länger gehe es nicht an, ohne dass die Ordnung litte und schlechtes Beispiel gegeben würde. Iwan Michailowitsch sagte, er verstehe; zu Christian gewandt, wiederholte er, als ob er Worte einer fremden Sprache übersetze: »Sie kann den Zins nicht bezahlen.« Draußen ertönte ein Pfiff, und ein Frauenzimmer kreischte. Der Verwalter öffnete die Tür, schrie etwas hinaus und warf sie wieder ins Schloß, worauf Ruhe eintrat.
Frau Kroll kauerte zwischen ihren Kindern, die Ellbogen in den Schoß gewühlt. Sie hatte eine robuste Figur und ein knochiges Gesicht, fahl wie Brotteig und mit zentimetertiefen Gramfalten. Es sah totenkopfähnlich aus. Die Kinder starrten sie angstvoll an; zwei waren völlig unbekleidet, und der eine der nackten Körper war von Krätze bedeckt. Ob er etwas für die Leute tun wolle, erkundigte sich der Verwalter in biederem Ton bei Iwan Becker; Christian wagte er nicht einmal anzureden. »Ich denke, wir werden etwas für sie tun können,« versetzte Becker und kehrte sich Christian zu.
Sein Blick fiel auf einen Waschkrug mit abgebrochenem Henkel; der Krug zeigte ein grünes Muster, eine banale Arabeske, die sich ihm einprägte. Dann wurde er von dem schief aufgestellten Fenster im Dach beunruhigt und dem Schneerand in der Rille. Dann gewahrte er einen einzelnen Stiefel mit einer dicken Kotkruste an der Sohle. Dann fesselte ein Strick seine Beachtung, der von einem Balken herabhing; dann die kleine Petroleumlampe, mit geschwärztem Zylinder. Nur Dinge, an denen sich sein Auge festsaugte. Aber die Dinge gingen in ihn über, und er verwandelte sich in sie. Er war selbst der Krug mit abgebrochenem Henkel und der grünen Bemalung, selbst das Fenster mit dem Schneerand darunter, selbst der Stiefel mit der Kotkruste, selbst der Strick, der vom Balken hing, selbst das Lämpchen mit dem berußten Zylinder. Er wurde in einem Schmelzfeuer umgeformt, Gestalt wechselte mit Gestalt, und obwohl er auch die Vorgänge spürte, die Menschen, diese Bettler, dieses Weib, die Kinder, Iwan Michailowitsch, den Verwalter und diejenigen, die draußen vor der Tür standen, war es sein innigstes Bemühen, sie noch von sich abzuhalten, eine kleine Weile noch, ehe sie mit ihrer Qual, ihrer Verzweiflung, ihrer Besessenheit, ihrer Grausamkeit über ihn stürzten: wilde Hunde über ein Stück Fleisch.
Ein Seufzer entrang sich ihm, ein verstörtes, wieder zurückfliehendes Lächeln trat auf seine Lippen. Eines der Kinder, ein vierjähriger Knabe mit einem unkenntlichen Fetzen angetan, schritt zu ihm, schaute an ihm empor wie an einem Turm. Zugleich waren die Augen aller andern auf ihn geheftet; er glaubte es wenigstens. Seine Brust wurde ein feuergefülltes Becken, getragen und in die Höhe gehoben von den mageren Armen des Knaben. Im Nu hatte er die Hand voller Goldstücke, machte eine Geste, die das Kind ermutigte, die offenen Hände ihm entgegenzustrecken, legte die Goldstücke hinein, von denen die kleinen Hände nur wenige fassen konnten, so dass sie, zum starren Erstaunen der Zuschauer, auf den Boden rollten.
Danach riss er die Brieftasche heraus, leerte sie mit nervösen Fingern bis auf den letzten Schein, sah sich um, trat auf das Weib zu, empfand eine gewisse Verachtung gegen sein hohes Dastehen, indes jene unten kauerte, kniete nieder, kniete nieder und ließ alle Geldscheine in ihren Schoß fallen. Er wusste nicht, wieviel Geld es war; später stellte es sich heraus, dass es viertausendsechshundert Mark waren. Er erhob sich wieder, ergriff Iwan Becker am Arm, und sein Blick wurde von diesem verstanden.
Es herrschte atemlose Stille, als sie gingen. Der Verwalter und seine Leute, die drei Bettgeher, die fünf Kinder, alle waren wie versteinert. Das Weib schaute mit stieren Augen den Reichtum in ihrem Schoße an. Sie stieß einen Schrei aus und verlor das Bewusstsein. Der Knabe spielte mit den Goldstücken, die leise klirrten, so wie nur Gold klirrt, melodisch und ohne Härte.
Auf der Straße unten sagte Iwan Michailowitsch zu Christian: »Dass Sie vor ihr niedergekniet sind, das war es, das ganz allein. Das andre, darin liegt etwas wie Verhängnis und Bitterkeit für mich. Aber dass Sie hingekniet sind – das, ja das!« Mit jäher Bewegung ergriff er Christians Kopf, stellte sich auf die Zehen und küsste ihn, mit einem Hauch nur, auf die Stirn. Danach murmelte er ein Abschiedswort und eilte die Straße hinunter, ohne des wartenden Automobils zu achten.
Christian gab seinem Chauffeur die Weisung, ihn nach Christiansruh hinauszufahren. Zwei Stunden später war er dort; in tiefer Ruhe, denn Ruhe war ihm not. Die Seinen ließ er telephonisch benachrichtigen, dass unvorhergesehene Ereignisse ihn verhindert hätten, bis zum Schluss des Abends zu bleiben, dass er aber bei Judiths Trauung bestimmt anwesend sein würde. Er begab sich in das entlegenste Zimmer des Hauses und blieb die Nacht über wach.
Sechs Wochen nach Judith heiratete Lätizia. Die Hochzeit fand aber, Stephan Gunderams Wunsch entsprechend, in der Stille statt. Bei dem einfachen Mahl in einem Heidelberger Hotel waren als Gäste Frau von Febronius, die Gräfin, die beiden Neffen Ottomar und Reinhold und ein argentinischer Freund Stephans anwesend, ein grober Riese, der für ein Jahr nach Deutschland geschickt worden war, um sich Schliff anzueignen.
Ottomar trug ein selbstverfertigtes Gedicht zum Preis seiner schönen Cousine vor. Reinhold sprach einen Toast im Stil der Tischreden Martin Luthers. Stephan Gunderam zeigte wenig Verständnis für die literarische Geistigkeit seiner neuen Verwandten.
Frau von Febronius war still, auch beim Abschied. Die Gräfin weinte sich die Augen aus dem Kopf. Sie versah Lätizia mit allerlei Regeln und Ratschlägen, aber das Schwierigste hatte sie sich, aus Feigheit, bis zuletzt aufgehoben. Sie zog Lätizia in ihr Zimmer und, bleich und rot in einem, war sie bestrebt, der Sorglosen einen Begriff von der Physiologie des ehelichen Lebens zu geben. Aber auch jetzt versagte ihr der Mut, und sobald sie auf den Kern des Gegenstandes dringen wollte, begann sie zu stottern und sich zu verwirren.
Frau von Febronius sagte zu ihrer Schwester: »Es ahnt mir nichts Gutes von dieser Heirat, obwohl das Kind den Eindruck einer Glücklichen macht. Ihre Natur ist es, die sie gegen das Unglück wappnet; das ist die wunderbare Mitgift, die sie hat.« Da sagte die Gräfin mit gefalteten Händen und tränenverhängten Augen: »Wenn ich gesündigt habe, lieber Gott, so vergib es mir.«
Lätizia überstand die Seereise vortrefflich. Sie hielt sich mit ihrem Gatten einige Tage in Buenos Aires auf und lernte dort viele Leute kennen. Bekannte Stephans betrachteten sie mit teilnahmsvoller Neugier. Alles war anziehend und merkwürdig, Menschen, Häuser, Tiere, Pflanzen, Erde und Himmel. Am anziehendsten und merkwürdigsten aber war ihr noch immer die eifersüchtige Tyrannei des Mannes, dem sie vermählt war, obwohl sich bisweilen ein Tropfen Furcht in ihr Gefühl mischte. Aber sie scherzte die Anfechtung vor sich selbst hinweg.
Eines frühen Morgens stand eine feste, schwere Kutsche mit zwei kleinen, flinken Pferden bereit, um sie auf das dreißig Meilen entfernte Gut zu bringen. Mit Proviant reichlich versehen, verließen sie in schneller Fahrt die Stadt. Nach ein paar Stunden hörte die gebahnte Chaussee auf, etwa wie ein Bach versiegt, und die Ebene der Pampas dehnte sich bis an die Grenzen des Horizonts ohne Weg noch Weiser.
Oder doch; die Straße, welcher die Pferde zu folgen hatten, war links und rechts durch mannshohe Pfähle bezeichnet, die in Abständen von ungefähr zwanzig Metern in den Grasboden geschlagen waren. In dieser Zeile liefen die Tiere ruhig hin; der Neger auf dem Bock brauchte sie nicht anzufeuern; die eintönige und gefahrlose Fahrt erlaubte ihm zu schlafen.
Es gab keine Station; Futterrasten wurden, wenn die Tiere dessen bedurften und Wasser in der Nähe war, unter freiem Himmel gemacht. Kein Haus, kein Baum, kein Mensch zeigte sich von morgens bis abends. Lätizia verspürte Bangigkeit.
Als die Sonne hinter weißlichen Wolkenschleiern gesunken war, richtete sie sich auf und blickte suchend über die unendliche Grasfläche. Noch immer ragten die hohen Holzpfähle in ermüdender Regelmäßigkeit zu beiden Seiten der ungebahnten Straße.
Stephan Gunderam schreckte empor. »Eine Eule ist es,« antwortete er; »kennst du Eulen nicht? Bald wirst du mehr von ihnen sehen. Jeden Abend, wenn es dunkel wird, hocken sie auf den Pfählen. Schau hin, es fängt schon an, auf jedem Pfahl sitzt eine.«
Lätizia schaute hin, und wirklich, auf jedem Pfahl, hüben wie drüben, so weit der Blick reichte, auf jedem Pfahl saß mit riesigen, kreisrunden Glühkohlenaugen feierlich träg und schwer eine Eule.
Das Fräulein von Einsiedel nahm die zärtliche Tändelei mit Crammon ernst. Als Crammon dies merkte, wurde er kalt und war darauf bedacht, sich die drohende Unbequemlichkeit vom Halse zu schaffen.
Sie schickte ihm durch ihre Jungfer dringliche kleine Briefchen; er beantwortete sie nicht. Sie ersuchte ihn um ein Stelldichein, er versprach zu kommen und kam nicht. Vorwurfsvoll fragte sie nach dem Grund; er schlug die Augen nieder und antwortete betrübt: »Ich habe mich in der Stunde geirrt, liebe Freundin. Mein Geist ist seit einiger Zeit in einem Zustand von Abwesenheit. In der Frühe wache ich manchmal auf und denke, es ist noch Abend. Ich setze mich zu Tisch und vergesse zu essen. Ich brauche eine Kur, ich muss einen Arzt konsultieren. Haben Sie Nachsicht mit mir, Elise.«
Aber Elise wollte nicht verstehen. Sie gehörte, nach Crammons bedauerndem Tadel, zu denen, die aus einem Kuß und aus einer Nacht alle Folgerungen ziehen, welche einem Mann unter Umständen lästig fallen.
Crammon sagte zu sich selbst: »Sei robust, Bernhard Gervasius. Lass dich von deiner angeborenen Delikatesse nicht zum Schwächling machen. Hier ist eine Mausefalle, der Speck riecht meilenweit. So ein hübsches und gutes Kind und so verblendet! Als ob nicht ein kurzes Vergnügen einem langen Jammer vorzuziehen wäre.«
Crammon hatte erfahren, wo Christian an Judiths Polterabend hingegangen und wer sein Begleiter gewesen war. Der Chauffeur hatte geplaudert, darauf hatte Crammon in seiner brüderlichen Besorgnis Nachforschungen gehalten, und die unbestimmten Gerüchte, die bis nach Wahnschaffeburg gedrungen waren, hatten sich bestätigt.
Eines Morgens, sie waren in Christiansruh alle beide, trat Crammon in Christians Zimmer und sagte: »Ich muss endlich reden. Der Kummer nagt an mir. Schäm dich, Christian. Schäm dich deiner Heimlichkeit. Gesellst dich zu landesflüchtigen Aufwieglern und Bombenschleuderern und verwirrst armes unschuldiges Volk durch hirnlose Generosität. Wohin soll das führen?«
»Wie kannst du dich nur so bloßstellen!« rief Crammon, »dich, deine Familie, deine Freunde! Ein Wort im Vertrauen, lieber Schatz: wenn du dir etwa einbildest, du hättest dem Weibe aus ihrem Jammer geholfen, zu dem dich der russische Desperado geschleppt hat, befindest du dich auf dem Holzweg. Die Illusion kann ich dir glücklicherweise rauben.«
Crammon dehnte sich aus und erzählte saftig breit: »Allerdings. Ich war sogar mit der hohen Polizei in Verhandlung und habe dir Unannehmlichkeiten erspart. Die Frau hätte verhaftet und das Geld konfisziert werden sollen. Dies habe ich zum Glück verhindert. Denn obgleich ich der Meinung bin, dass Ordnung sein muss im Staate, so halt ich es doch nicht für wünschenswert, dass die Obrigkeit ihre Nase in unsere Privatangelegenheiten steckt. Sie soll ihre Pflicht tun, dass es uns wohlergehe auf Erden, mehr wird nicht von ihr verlangt. Soviel hievon. Über deinen Schützling kann ich dir wenig Erfreuliches mitteilen. Das Gelichter dort in dem Haus war außer Rand und Band über den Goldregen. Sie sind alle um sie herumgelegen und haben gebettelt, und einige haben gestohlen, und es gab Streit, und einer stieß einem ein Messer in die Gedärme, und die rabiate Frau schlug mit der Ofenschaufel um sich, und die Wache musste einschreiten. Dann ist die Frau in ein anderes Quartier gezogen, hat allerlei Krimskrams gekauft, Möbel, Betten, Kleider, Küchengeschirr und sogar eine Schwarzwälderuhr. So eine Schwarzwälderuhr, musst du wissen, ist ein Greuel. Es kommt immerfort ein Kuckuck heraus und schreit. Ich bin einmal bei Leuten zu Gast gewesen, die hatten drei von der Sorte; kaum war ich eingeschlafen, so krächzte das Vieh. Zum Verrücktwerden; dabei ganz reizende Menschen sonst. Was das Krollsche Eheweib betrifft, so ist seit deiner Schenkung kein Funken Verstand mehr in ihr. Das Geld hat sie in einer Schatulle, die trägt sie Tag und Nacht mit herum und lässt sie nicht aus den Augen. Sie spielt in der Lotterie, kauft sich Zehnpfennigromane, die Kinder verludern genau so wie früher, das Hauswesen verkommt genau so wie früher, bloß dass der scheußliche Kuckuck dazu brüllt. Was hast du also geleistet? Wo ist der Segen? Das Volk verträgt keine plötzlichen Glücksfälle. Du kennst das Volk nicht, du weißt nichts von ihm, also lass es ungeschoren.«
Christian schaute durchs Fenster in den bewölkten Himmel. Dann kehrte sein Blick zu Crammon zurück. Er sah, wie wenn er es noch nie gesehen hätte, dass Crammon ziemlich fette Wangen und ein in weiches Fleisch gebettetes Kinn mit einem Grübchen besaß. Er konnte sich nicht entschließen, ihm zu antworten. Er lächelte und schlug die Beine übereinander.
»Du gefällst mir nicht, mein Lieber,« fing er an, »ich müsste lügen, wenn ich sagen sollte, dass du mir gefällst. Heute ist es eine Woche, dass wir uns auf dieser Villegiatur mopsen. Zugegeben, es ist ein reizender Landaufenthalt, im Frühling und im Sommer, in lustiger Gesellschaft, wenn man Feste im Park feiern kann und die Städte vor Langweile sieden. Aber jetzt, mitten im Winter, ohne Orgien, ohne Turbulenz, ohne Damen, was für einen Zweck hat es? Warum verkriechst du dich? Warum lässt du den Kopf hängen? Worauf wartest du? Was hast du vor?«
»Du fragst so viel, Bernhard,« erwiderte Christian; »du solltest nicht so viel fragen. Es ist hier so gut wie anderswo. Sag mir einen Ort, wo es besser ist.«
Crammon schöpfte Hoffnung, und im Vorgefühl gemeinsamer Genüsse verklärten sich seine Mienen. »Einen Ort, wo es besser ist? Mein Engel, jedes Eisenbahnkupee ist besser. Das schmierige Antichambre der Madame Simchowitz in Mannheim ist besser. Immerhin, wir können uns einigen. Ich unterbreite dir einen exzellenten Plan. Zunächst Palermo; Conca d'oro, der Monte Pellegrino, Sizilianerinnen auf dem Kirchgang, lüstern hinter Tugendschleiern äugend. Von dort machen wir einen süßen Abstecher nach Neapel. Magnet: Fräulein Ivonne. Die schwärzesten Haare, die weißesten Zähne, die vollendetsten kleinen Füße Europas; die Gegenden dazwischen – sublim. Hierauf depeschieren wir an Prosper Madruzzi, der im Palazzo venezia Trübsal bläst und nur darauf wartet, uns in die erlauchten Zirkel der römischen Hochwelt einzuführen. Da hat man nur mit Contessas, Marchesas und Principessas zu tun; die Originale aller fünf Kontinente wimmeln durcheinander wie in einem wunderbaren Irrenhaus; fischblütige Amerikanerinnen treiben Unfug mit heißblütigen Lazzaronis, die märchenhafte Namen und geschmacklose Seidenstrümpfe haben; jede Hundehütte erhebt Anspruch, eine Kuriosität zu sein, vor jedem Steinhaufen kannst du deine Bildung bereichern, und auf Schritt und Tritt stolperst du über gigantische Meisterwerke der Kunst.«
»Also einen andern Vorschlag,« fuhr Crammon fort; »geh mit mir nach Wien. Es ist das eine Stadt, die deine Beachtung verdient. Hast du schon einmal vom Messias gehört? Der Messias ist eine Persönlichkeit, mit welcher die Juden ihre Zeitrechnung abzuschließen gedenken, und wenn er kommt, begrüßen sie ihn mit Zimbeln und Schalmeien. So wird ein Fremder von Distinktion in Wien empfangen. Wer sich ein bisschen geheimnisvoll gibt, mit Trinkgeldern nicht kargt und hie und da einem, der zu vertraulich wird, einen Nasenstüber versetzt, vor dem liegt die Gesellschaft auf dem Bauch. Es herrscht eine angenehme Sorte Schlamperei, die alles erlaubt, was verboten ist. Die Weiblichkeit ohne Konkurrenz; das Rindfleisch bei Sacher unvergleichlich; der Walzer, wo immer ein Musikant und eine Geige sich zusammentun, elektrisierend; eine Fahrt zum Lusthäuschen, ich bitte, ausdrücklich Lusthäuschen, ein Traum. Wahrhaftig, ich sehne mich. Ich sehne mich nach der schmeichelnden Luft, nach Backhühnern und Rahmstrudel, nach meinem Retiro mit den Möbeln aus der Maria-Theresia-Zeit und nach meinen beiden lieben Damen. Raff dich auf und komm mit.«
Da stieg die Röte der Entrüstung in Crammons Gesicht, und seine Augen blitzten. »Nichts für dich? Schön. Den Harem des Großsultans kann ich dir nicht zur Verfügung stellen, die Gärten des Propheten auch nicht. So überlass ich dich denn deinem Schicksal und zieh von dannen.«
Er nahm keine Besuche an; Briefe und Aufforderungen von Freunden beantwortete er nicht. Das Weihnachtsfest hätte er bei den Eltern in Wahnschaffeburg verbringen sollen; er ließ sich entschuldigen.
Da Christiansruh, seit er majorenn geworden, völlig in seinen Besitz übergegangen war, befanden sich dort alle Kunstgegenstände die ihm gehörten, die Plastiken, Bilder, Miniaturen und die Dosensammlung. Er war spezieller Liebhaber von Dosen.
Die Händler schickten ihm ihre Kataloge; wenn bedeutende Auktionen stattfanden, hatte er seinen Vertrauensmann dabei. Diesem gab er die Aufträge telegraphisch, und es kam dann: ein Becher aus Bergkristall, ein Service aus echtem Meißner, eine Kohlenzeichnung von Van Gogh. Besah er das Erworbene, so war er enttäuscht. Es war nicht so selten und nicht so kostbar, wie er erwartet hatte.
So kaufte er eine Bibel aus dem sechzehnten Jahrhundert, auf Pergament gedruckt, mit farbigen Initialen innen und silbernen Beschlägen am Deckel. Sie hatte vierzehntausend Mark gekostet und enthielt das Exlibris des Kurfürsten August von Sachsen. Er durchblätterte sie neugierig, ohne der Worte zu achten, die ihm fremd waren und nichts besagten. Nur das Bewusstsein der Seltenheit und Kostbarkeit ergötzte ihn; aber er wünschte sich Selteneres und Kostbareres als dieses Buch.
Jeden Morgen fütterte er die Vögel. Mit einem Körbchen voll Brosamen trat er aus dem Portal, und sie flogen von allen Seiten herbei, da sie ihn und seine Stunde kannten. Sie waren hungrig, und er schaute zu, wie sie emsig pickten. Hierbei vergaß er, was er sich wünschte.
Einmal ging er in Jagdausrüstung fort und schoss einen Hasen. Als das Tier mit gebrochenen Augen vor ihm lag, konnte er es nicht anrühren. Er, der schon so viele Tiere gejagt und getötet hatte, verspürte Abneigung gegen dieses Tun und ließ die Beute liegen, um die er bald die Raben schreien hörte.
Die meisten Wege führten ihn durchs Dorf, das eine Viertelstunde vom Christiansruher Park entfernt lag. Am Ende des Dorfes stand an der Landstraße das Försterhaus. Einige Male war ihm dort am Fenster das Gesicht eines jungen Menschen aufgefallen. Er glaubte sich der Züge zu erinnern; es musste Amadeus sein, der Sohn des Försters Voß. Als sechsjähriger Knabe war er bisweilen in das Försterhaus gekommen; Christiansruh war erst später gebaut worden, und sein Vater hatte hier eine Jagd gepachtet und sich, jeweils ein paar Tage nur, im Försterhaus einquartiert. Da war Amadeus Christians Spielgefährte gewesen.
Das Gesicht, welches ihm nun diese Kinderzeit zurückrief, war entfärbt und hohlwangig; es hatte dünne, gerade Lippen, und der Kopf war von schlichtem, weißblondem Haar bedeckt. Die stark geschliffenen Gläser einer Brille ließen es wegen der Lichtreflexe augenlos erscheinen.
Christian wunderte sich, dass der junge Mensch Tag für Tag stundenlang am Fenster saß und unbeweglich durch die Scheiben auf die Straße starrte. Ein Geheimnis rührte ihn deutlich an; eine Kraft aus der Tiefe langte nach ihm.
»Nein, der Förster ist vor drei Jahren gestorben,« antwortete der Schulze. »Aber seine Witwe wohnt noch im Hause; man hat ihr zwei Stuben überlassen; der jetzige Förster ist unverheiratet, und die Frau stört ihn nicht. Sie erkundigen sich wohl des Amadeus halber, der jetzt plötzlich da ist, kein Mensch weiß, warum –?«
»Er war zum Geistlichen bestimmt und kam aufs katholische Seminar nach Bamberg. Man hat immer nur das Beste über ihn gehört, seine Lehrer lobten ihn über den grünen Klee. Stipendien wurden ihm verschafft, und man dachte wunder was aus ihm werden würde. Im vorigen Winter wurde er von seinen Oberen für eine Hofmeisterstelle an den Bankdirektor und Geheimrat Ribbeck empfohlen. Sie werden den Namen wohl gehört haben; ein großes Tier, der Geheimrat. Die zwei Knaben, die Voß erziehen sollte, leben auf Halbertsroda, einem Gut in Oberfranken; die Eltern waren nur selten bei ihren Kindern. Soll übrigens eine unglückliche Ehe sein. Alles schien in schönster Ordnung, und man dachte, dem Amadeus gehe nichts ab, bei seinen natürlichen Gaben und mit solchen Beschützern. Auf einmal kommt er mit Sack und Pack hier an, rührt sich nicht aus der Stube, kümmert sich um keine Seele, schaut in kein Buch, fällt seiner alten Mutter zur Last, und wenn man ihn anreden will, knurrt er wie ein böser Hund. Es müssen sich dort in Halbertsroda tolle Sachen ereignet haben. Näheres ist nicht zu erfahren, nur hin und wieder brodelt was auf, ein Gerücht oder ein Verdacht, als obs mit der Geheimrätin was gegeben hätte.«
»Hatte der Förster nicht noch einen Sohn?« unterbrach Christian den Geschwätzigen. Es war die dämmernde Erinnerung an ein Kindererlebnis in ihm erwacht.
»Er ist mit vierzehn Jahren verstorben,« fuhr der Schulze fort. »Eines unaufgeklärten Todes eigentlich. Am Abend des Sedanfestes war es, da ging er hinaus, um sich die Scheiterbrände anzusehen, und am andern Morgen fanden wir seine Leiche im Fischteich.«
In der Nachbarloge saß ein hübscher junger Mann, und Lätizia konnte nicht umhin, seine huldigenden Blicke bisweilen zu bemerken. Da fühlte sie sich hart am Arm gepackt. Es war Stephan, der ihr wortlos befahl, ihm zu folgen.
Draußen im verdunkelten Korridor näherte er sein bläulichweißes Gesicht ihrem Ohr und zischte: »Blinzelst du noch ein einziges Mal zu dem Laffen hinüber, so stoß ich dir meinen Dolch in die Brust. Richte dich danach. Hierzulande macht man in solchen Fällen kurzen Prozess.«
Sie traten wieder in die Loge. Stephan lächelte mit glitzernden Zähnen wie ein Torero und steckte ein Stück Schokolade in den Mund. Lätizia sah ihn von der Seite an und dachte neugierig darüber nach, ob er wirklich einen Dolch bei sich trug.
Als sie in der Nacht auf die Estanzia zurückfuhren, erdrückte sie Stephan beinahe mit seinen Liebkosungen. Sie wehrte ihn ab und bat: »Zeig mir den Dolch, Stephan; gib ihn mir, ich will ihn sehen.«
Und Lätizia sah, dass sie mit ihm spielen konnte. Sein düsteres Schweigen schreckte sie nicht mehr, der große Schädel nicht auf seinem Stiernacken, der lippenlose Mund nicht, das entfärbte Gesicht nicht, die außerordentlich kleinen Hände bei solcher Kraft nicht. Sie wusste, dass sie mit ihm spielen konnte.
Große Glühwürmer flogen durch die Luft und saßen allenthalben im Gras. Als der Wagen vor der Villa hielt, deutete Lätizia mit Rufen des Entzückens um sich. Es war ein Funkenregen; die leuchtenden Tiere umschwirrten die Fenster, das Dach, die Pflanzengewinde und waren sogar in den Flur gedrungen.
Lätizia blieb vor der finsteren Stiege stehen, betrachtete das phosphorische Geflimmer und fragte ängstlich, mit einer kaum vernehmlichen Selbstverspottung in der tiefen Stimme: »Sag, Stephan, mein Lieber, können sie nicht das Haus in Brand setzen?«
Am Dreikönigstag kam Randolph von Stettner mit mehreren Freunden nach Christiansruh. Sie hatten telephonisch angefragt, und Christian hatte Gesellschaft so lange entbehrt, dass er sie gern aufnahm und bewirtete. Randolph zu sehen, war ihm stets angenehm. In seiner Begleitung fanden sich zwei Kameraden, ein Baron Forbach und ein Hauptmann von Griesingen, ferner ein junger Privatdozent, Doktor Leonrod, der bei den Bonner Husaren sein Jahr abdiente und ebenfalls in Uniform war. Christian kannte ihn von den Kommersabenden der Borussen her.
Hauptmann von Griesingen seufzte: »Wer könnte sie verachten, da sie uns so hart zusetzt und so verführerisch umgaukelt. Was ist nicht alles begehrenswert! Frauen, Pferde, Weine; Macht, Ruhm, Geld und Liebe. Ein Juwelenhändler in Frankfurt, David Markuse, hat jetzt einen Diamanten erworben und bietet ihn zum Kauf an, der über eine halbe Million kosten soll. Danach gelüstet mich zwar nicht, aber die Dinge sind doch da und werden besessen und geben Glück.«
»Ignifer, ein Name, der einem Diamanten ansteht,« sagte Randolph von Stettner; »aber warum sprechen Sie mit soviel Beziehung von ihm? Was unterscheidet ihn von seinesgleichen, die Höhe des Preises ausgenommen? Hat er so ungewöhnliche Schicksale gehabt?«
»Durchaus,« antwortete Doktor Leonrod, »durchaus ungewöhnliche. Ich weiß zufällig Genaueres über ihn, da ich mich, in meiner Eigenschaft als Mineraloge, manchmal auch für Edelsteine interessiere.«
»Der Käufer des Ignifer würde nicht wenig Mut beweisen,« fing Doktor Leonrod an; »denn der Stein ist von Verhängnis umwittert. Seine erste Besitzerin war nachweislich Madame de Montespan; sie ist gleich hernach von ihrem Herrn verstoßen worden. Dann war er Eigentum der Königin Marie Antoinette. Er wog damals fünfundneunzig Karat. Während der Revolution wurde er gestohlen und kam, entzweigespalten, erst fünfzig Jahre später wieder zum Vorschein; er wog nur noch sechzig Karat. Es erwarb ihn ein Engländer, Thomas Horst, der durch Mord endete. Die Erben verkauften ihn nach Amerika; die Dame, die ihn trug, eine Mrs. Melmcoast, wurde auf einem Ball von einem Tobsüchtigen erdrosselt. Darauf kaufte ihn ein Fürst Alexander Tschernitscheff, brachte ihn nach Rußland und lieh ihn seiner Geliebten, einer Schauspielerin. Sie wurde von einem andern Liebhaber auf offener Szene erschossen, der Fürst selbst fiel durch die Kugel eines Nihilisten. Nun gelangte der Stein nach Paris, und der Sultan Abdul Hamid ließ ihn für seine Favoritin kaufen. Die Favoritin wurde vergiftet, das Ende des Sultans ist bekannt. Nach der türkischen Revolution wanderte der Ignifer wieder nach Westen, dann abermals nach Osten, denn der neue Besitzer, Tavernier war sein Name, reiste nach Indien und kam bei einem Schiffbruch in der Nähe von Singapore ums Leben. Man glaubte eine Zeitlang, dass der Diamant mit ihm verlorengegangen sei. Es war ein Irrtum; der Stein war in einem Bankhaus in Kalkutta deponiert, und jetzt ist er wieder in Europa und wieder feil.«
»Er muss einen bösen Geist beherbergen,« sagte Randolph von Stettner, »und ich gestehe, es verlangt mich nicht nach ihm. Ich bin ja nichts weniger als abergläubisch, sind aber die Tatsachen so aufdringlich, wie in diesem Fall, dann wird die erleuchtetste Skepsis zuschanden.«
»Was tut das, wenn der Stein schön ist, wenn er unvergleichlich schön ist!« sagte Christian mit einem trotzigen und in sich gekehrten Ausdruck. Er blieb wortkarg, auch als sich die Unterhaltung andern Gegenständen zuwandte.
Ignifer war in einem Kassenschrank verwahrt, der in einem feuer- und einbruchssicheren Gewölbe stand. Herr Markuse nahm ihn aus einem schwierig zu öffnenden Behälter, legte ihn auf die grüne Bespannung des Tischs und trat zurück, indem er Christian ansah.
Christian blickte stumm in das konzentrierte Strahlenfeuerwerk. Sein Gedanke war: Da ist das Seltenste und Kostbarste; Selteneres und Kostbareres gibt es nicht. Dass er den Diamanten haben müsse, beschloss er sogleich.
Die Farbe des Steins war etwas zitronengelblich. Er war als reich facettierte Briolette geschliffen. In einem Viertel der Höhe war eine Rille eingearbeitet, so dass ihn eine Frau an einer Schnur oder dünnen Kette am Hals tragen konnte.
Herr Markuse hob ihn auf ein weißes Blatt und behauchte ihn. »Er ist vom zweiten Wasser,« sagte er, »aber er hat weder Asche, noch Rost, noch Knoten. Sie sehen keine Adern an ihm, keine Sprünge und Cracks; keine Federn, Wolken und Körner und nicht die Spur von Stroh. Er ist ein Wunder der Natur.«
Fünfhundertfünfzigtausend Mark war der Preis. Christian stellte sein Anerbieten dagegen. Herr Markuse sah auf die Uhr. »Ich war einer Dame im Wort geblieben,« erklärte er; »die Zeit ist jedoch um.« Sie einigten sich auf fünfhundertzwanzigtausend Mark. Die Hälfte sollte bar, der Rest in zwei verschieden befristeten Wechseln bezahlt werden. »Der Name Wahnschaffe ist genügende Garantie,« sagte der Händler.
David Markuse lächelte. »Bei meinem Geschäft lernt man Menschen beurteilen,« sagte er ohne Vertraulichkeit. »Sie kaufen in einer tieferen Absicht, die Ihnen vielleicht selbst nicht bekannt ist. Die Seele des Diamanten hat Sie verführt. Denn der Diamant hat eine Seele.« »Meinen Sie wirklich?« Christian wunderte sich.
»Ich weiß es. Es gibt Menschen, die alle Scham verlieren, wenn sie so eines Steins ansichtig werden. Die Nasenflügel beben, die Wangen werden fahl, die Finger greifen unsicher, die Pupillen vergrößern sich, jede Bewegung ist ein Selbstverrat. Andre wieder werden eingeschüchtert oder betäubt oder traurig. Man gewinnt merkwürdige Einblicke. Masken fallen. Der Diamant macht die Menschen durchsichtig.«
Die indiskrete Wendung des Gesprächs mißfiel Christian. Aber er hatte schon oft die Wahrnehmung gemacht, dass etwas in seinem Wesen sein musste, das andre zur Mitteilsamkeit und zu Eröffnungen aufforderte. Er erhob sich und versprach, am Abend wiederzukommen.
»Die Dame, von der ich sprach, war gestern hier,« fuhr Herr Markuse fort, ihn zur Tür begleitend; »eine wunderbare Dame. Als sie hereinkam, dachte ich: Geht man so? Ist es möglich, so zu gehen? Nun, ich erfuhr bald, dass sie eine berühmte Tänzerin ist. Sie wohnte im Palasthotel und hatte, auf der Reise von Paris nach Rußland, einen Tag Aufenthalt genommen, um den Ignifer zu sehen. Ich zeigte ihr den Diamanten. Sie stand wenigstens fünf Minuten regungslos, und ihr Gesicht hatte dabei einen Ausdruck – wäre es nicht ein großer Teil meines Vermögens, ich hätte sie gebeten, das Juwel zu behalten. Solche Momente sind freilich nicht eben häufig in diesem Beruf. Sie wollte heute wiederkommen, aber, wie gesagt, die Zeit ist um.«
Das Blut schoss Christian ins Gesicht. Er ließ die Klinke los, die er gefasst hielt. »Eva Sorel ist hier?« murmelte er. Rasch nahm er sich wieder zusammen und öffnete die Tür zu einem leeren Zimmer, dessen Fußboden ein roter Teppich bedeckte, während an den Wänden Ebenholzschränke standen. Fast zu gleicher Zeit wurde die gegenüberliegende Tür aufgerissen, und an der Spitze einer Gruppe von vier Herren trat Eva Sorel auf die Schwelle.
Die Herren, die mit ihr waren, kannte Christian nicht. Gesichtsschnitt und Kleidung bezeichneten sie als Fremde. An überraschende Vorgänge im täglichen Leben der Tänzerin gewöhnt, betrachteten sie Christian mit kühler Neugier.
Eva war in grauem Maulwurfspelz von Kopf bis zu den Füßen. An der Pelzkappe war eine Agraffe mit einem vollendet schönen Rubin und einer Reiherfeder befestigt. Unter der Kappe quoll das honigfarbene Haar in seiner Fülle hervor. Das Gesicht war von der Winterluft aufs zarteste gerötet.
Mit ein paar stürmischen Schritten stand sie vor Christian, und ihre weißbehandschuhten Hände griffen nach seinen beiden. Ihr großflammender Blick scheuchte Bewusstsein, Freude, Gegenwartsgefühl ins Innerste. Auf seinen Zügen malte sich Furcht. Wie ein Spielball, den man schleudert, fand er sich wehrlos und wartete auf das Ziel.
»Es ist wahr, ich habe zu lange gezaudert,« antwortete Eva in ihrem melodischen Deutsch von merkbar fremdem Tonfall. Sich wieder zu Christian kehrend, fuhr sie fort: »Vielleicht macht es keinen Unterschied, Eidolon, ob du ihn hast oder ob ich ihn habe. Er ist wie ein Herz, das der Ehrgeiz in Kristall verwandelt hat. Aber du bist ja nicht ehrgeizig; wärst du es, so hätten wir uns hier getroffen wie zwei Vögel, die vom Gewitter in das nämliche Felsenloch gewirbelt werden. Die Kostbarkeit macht mir fast ein Gespenst aus ihm, und schenken dürfte ihn mir keiner, der nicht weiß, was er bedeutet. Und wer sollte wissen? Sie schenken Ware, das ist alles.«
»Willst du dich an ihm versuchen, Eidolon, und es auf eine Probe ankommen lassen? Den Dämon herausfordern, der etwas gegen dich vermag? Vielleicht rächt er sich nur an Unwürdigen, die ihn erschlichen haben. Auch mich hat er gelockt. Sein Name hat mich neidisch gemacht; als ich ihn hielt, war er wie der Nabel des Buddha; man kann die Gedanken nicht mehr von ihm reißen, wenn man ihn gesehen hat.«
»Behalt ihn nur und entzaubre ihn,« versetzte Eva und lachte. Da er ernst blieb, leistete sie für das Lachen Abbitte durch eine Geste, mit der sie gleichsam etwas Leichtes aus der Hand warf. Sie betrachtete ihn schweigend. In dem scharfen Schneelicht am Fenster waren ihre Augen grün wie Malachit. »Was tust du?« fragte sie, »du blickst so einsam.«
»Ich lebe seit einiger Zeit ziemlich allein,« antwortete Christian, dessen Äußerungen immer trocken und präzis waren; »auch Crammon hat mich verlassen.«
»Iwan Becker hat mir von dir geschrieben,« sagte Eva mit gedämpfter Stimme. »Den Brief hab ich geküsst. Ich hab ihn auf meiner Brust getragen und die Worte manchmal vor mich hin gestammelt. Gibt es eine Auferweckung? Kann die Seele aus der Finsternis herauswachsen wie eine Blume aus der Wurzel? Aber da stehst du und rührst dich nicht, Hochmütiger! Sprich, die Zeit ist kurz.«
Obgleich sein Blick unsehend starr blieb, entging es ihm nicht, dass Evas Gesicht verändert war. Ein neuer Zug von Strenge lag darin; gesteigerter Wille durchdrang die Muskulatur bis in das Heben und Senken der langen Wimpern. Erfahrung von Menschen und Dingen hatte ihm Leuchtkraft verliehen; die unbegrenzte Herrschaft über sie einen Hauch von Fürstlichkeit.
»Ich hatte nicht vergessen, dass du in dieser Stadt wohnst,« begann sie wieder, »aber in den gehetzten Stunden war für dich kein Platz. Sie zählen meine Schritte und lauern auf das Ende von meinem Schlaf. Ein Gefängnis sollt ich mir verlangen oder einen selbstlosen Freund, der mich zwingt, sparsam mit mir zu sein. Als ich in Lissabon war, schenkte mir die Königin einen herrlichen großen Hund, der mir so ergeben war, dass ich es in allen Gliedern spürte; eine Woche darauf lag er vergiftet an der Gartenpforte. Ich hätte Trauer um ihn tragen mögen. Wie stumm und wachsam er war, und wie er lieben konnte.« Sie zog frierend die Schultern hinauf, ließ sie wieder fallen, und mit Hast in der Stimme fuhr sie fort: »Ich werde dich rufen. Wirst du kommen, wenn ich dich rufe? Wirst du bereit sein?«
»Fühlst du noch für mich? Unverändert? Unveränderlich?« Ihr Blick hatte ein unbeschreibliches Empor, und der vom Geiste her bewegte Körper schlüpfte aus einer Hülle.
»Und wie steht es mit der Cortesia?« Sie trat näher, so nah, dass Christian ihren Atem roch. »Er lächelt,« rief sie, und ihre Lippen wichen von den Zähnen, »statt ein einziges Mal in die Knie zu sinken und zu rasen oder zu jubeln, lächelt er! Gib acht, du mit deinem Lächeln, dass ich nicht Lust bekomme, es auszulöschen.« Sie riss von der Rechten den Handschuh und reichte Christian die entblößte Hand, die er gehorsam mit den Lippen berührte. »So gilt es, Eidolon,« sagte sie heiter und mit einem Ausdruck von Verführung, »und du bist bereit. Messieurs,« wandte sie sich, aus der Nische tretend, an die Herren ihres Geleits, die sich, je zu zweien, flüsternd unterhielten, »nous sommes bien pressés.«
Sie grüßte den Juwelenhändler mit einem kleinen Neigen der Reiherfeder, und die vier Herren ließen die Flinkschreitende an sich vorüber, um ihr geräuschlos und ehrerbietig zu folgen.
Vossens Augen hinter den starkgeschliffenen Gläsern glitzerten gelb. »Wir sollten uns kennen,« sagte er. »Obzwar, es ist lange her, seit wir draußen im Hag mitsammen Brombeeren pflückten. Sehr lange.« Er kicherte ein wenig.
Christian hatte beschlossen, das Gespräch auf Amadeus' taubstummen Bruder zu bringen. Da lag ein Geschehnis im Nebel der Vergangenheit, worüber er sich keine Klarheit verschaffen konnte, soviel er auch grübelte.
»Man zerbricht sich wohl den Kopf über mich?« fragte Voß im Ton eines Menschen, der wissen möchte, was andre über ihn sprechen; »ich bin, scheint mir, ein Stein des Anstoßes. Finden Sie nicht?«
»Mit welcher Miene Sie das sagen,« murmelte Voß und schaute Christian von oben bis unten an; »wie hochmütig Sie sind. Warum sind Sie stehengeblieben, wenn nicht aus Neugier?«
Christian zuckte die Achseln. »Erinnern Sie sich an eine Geschichte, die damals passiert ist, als ich hier im Försterhaus mit meinem Vater wohnte?« fragte er sanft und höflich.
»Was für eine Geschichte? Ich weiß von nichts. Oder warten Sie – meinen Sie vielleicht die Geschichte mit dem Schwein? Als da drüben im Wirtshaus das Schwein geschlachtet wurde, und ich –«
»Ganz richtig, die Geschichte mit dem Schwein war es,« sagte Christian, matt lächelnd. Kaum hatte er es ausgesprochen, so traten Schauplatz und Handlung mit ungemeiner Deutlichkeit vor seinen Geist.
Er war mit Amadeus und dem taubstummen Dietrich unterm Tor gestanden. Da hatte das Schwein angefangen zu schreien. Im selben Moment reckte Amadeus die Arme empor und hielt sie konvulsivisch zitternd in die Luft. Das gellende, minutenlang dauernde Todesgeschrei des Tieres war auch für Christian neu und schaurig, und es lockte ihn an den Ort, von wo es kam. Er lief hin und sah das blitzende Messer, den erhobenen, dann sinkenden Arm des Schlächters, das Zappeln der kurzen borstigen Beine und den Körper des Opfers, der sich zuckend hin und her drehte. Amadeus, Schaum vor den Lippen, war ihm nachgetaumelt, und hindeutend röchelte er: »Das Blut!« Und Christian sah das Blut auf der Erde, das Blut am Messer, das Blut auf der weißen Schürze des Mannes. Was dann weiter geschehen war, wusste er nicht mehr. Amadeus Voß aber wusste es.
Er sagte: »Ich wurde von einem fürchterlichen Krampf befallen, als das Schwein schrie. Viele Stunden lag ich steif wie ein Stock. Meine Eltern waren in Sorge, denn solche Zufälle hatten sich bei mir nie gezeigt. Was Ihnen vorschwebt, ist wahrscheinlich die Art und Weise, wie Sie mich in meiner Zerrüttung aufzumuntern oder zu beschämen trachteten. Sie stiegen in die Blutlache und stampften darin herum, dass das Blut aufspritzte. Mein taubstummer Bruder merkte aber, dass dadurch meine Aufregung nur vermehrt wurde; er stammelte und hob bittend die Hände gegen Sie, während bereits meine Mutter aus dem Haus stürzte. Da schlugen Sie ihn mit der Faust ins Gesicht.«
»Warum nur? Warum haben Sie ihn geschlagen? Seit jener Zeit sind wir ja nie mehr zusammen gewesen, haben uns nur von fern gesehen, das heißt ich Sie, nicht Sie mich. Sie waren viel zu vornehm, gingen immer mit Ihrem Engländer spazieren. Warum haben Sie Dietrich geschlagen? Er hatte ja eine stille Verehrung für Sie, ist Ihnen überall nachgelaufen, entsinnen Sie sich nicht? Oft haben wir darüber gelacht. Seit dem Tag war er verändert, auffallend sogar.«
»Ich glaube, ich habe ihn gehaßt,« antwortete Christian sinnend. »Ich habe ihn gehaßt, weil er nicht hören und nicht sprechen konnte. Ich hielt es für Bosheit.«
Sie schwiegen beide. Christian fasste nach seinem Hut und schickte sich an zu gehen. Da sagte Voß, indem er die Arme auf das Sims stützte und sich aus dem Fenster beugte: »In der Zeitung steht, dass Sie einen Diamanten für mehr als eine halbe Million Mark gekauft haben. Ist das richtig?«
»Einen einzigen Diamanten für mehr als eine halbe Million? Ich dachte, es ist Journalistenlatein. Könnt ich den Diamanten einmal sehen, würden Sie ihn mir zeigen?« Sein Gesicht hatte etwas so Aufgerissenes und Lechzendes, zugleich auch Hohnvolles, dass Christian stutzte.
In einer Nacht erwachte Lätizia und vernahm schlürfende, rennende Schritte, Atem von Gehetzten, Wispern und heisere Flüche, bald nah, bald ferner. Sie richtete sich empor und lauschte. Ihr Schlafgemach war gegen das Freie offen, die Tür führte zu dem Rundaltan, der das ganze Stockwerk des Hauses umgab.
Da näherten sich die eiligen Schritte; sie sah Gestalten, die sich von der Dunkelheit dunkler abhoben und schnell vorüberhuschten: eine, zwei, drei, nach kurzer Weile eine vierte. Sie ängstigte sich, aber rufen mochte sie nicht. Stephan, der im Nebenzimmer lag, aus dem Schlaf zu stören, war ein Wagnis für sie wie für jeden; er konnte dann brüllen wie ein Stier und in Zuckungen verfallen wie ein Hampelmann.
Sie bekämpfte ihre Furcht, stand auf, warf ein Nachtgewand um und trat beherzt auf den Altan. In diesem Augenblick zerteilten sich dichte Wolken vor dem Mond. Durch das unvermutete Licht in Bestürzung versetzt, hielten die vier Gestalten in ihrem Lauf inne, purzelten gegeneinander und sahen sich keuchend an.
Lätizia sah vor sich den alten Gottlieb Gunderam und seine drei Söhne, Riccardo, Paolo und Demetrios, die Brüder ihres Mannes. Es herrschte zwischen Vater und Söhnen ein unstillbares Misstrauen. Sie belauerten und bezichtigten einander. Wenn bares Geld im Hause war, getraute sich der Alte nicht zu Bett, und jeder von den Brüdern verdächtigte den andern, dass er den Vater berauben wolle. Lätizia wusste davon. Aber dass sie in ihrer stummen Wut und Tücke einander in der Nacht jagten, einander um den Altan des Hauses jagten, jeder Verfolger und zugleich Verfolgter, voll Angst vor dem, der hinter ihm, voll Haß gegen den, der vor ihm lief, das war ihr neu. Sie lachte und schauderte.
Der Alte schlich zuerst hinweg. Er schlurfte in sein Zimmer und warf sich in Kleidern aufs Bett. Neben der Bettstatt standen zwei große Reisekoffer, bepackt und verschlossen. Sie standen seit zwanzig Jahren da. Seit zwanzig Jahren fasste er täglich den Entschluss, abzureisen, sich in das Familienhaus in Buenos Aires zu flüchten oder gar in die Staaten, wenn ihm des Haders mit seinem Weibe und später mit den Söhnen zuviel wurde. Er hatte sich niemals auch nur eine Stunde Wegs von der Estanzia entfernt. Aber die Koffer standen bereit.
Geduckt und still verließen auch die Brüder den Altan. Während Lätizia am Geländer stehend in den Mond schaute, hörte sie die rasselnden Töne eines Grammophons. Riccardo hatte das Instrument unlängst in der Stadt gekauft, und es kam oft vor, dass er es mitten in der Nacht ankurbelte.
Lätizia machte ein paar Schritte und spähte in das Zimmer, wo die drei Brüder mit finstern Gesichtern um den Tisch saßen und Poker spielten. Das Grammophon quiekte einen ordinären Walzer aus seinem Messingrachen.
Er hatte nach Waldleiningen gewollt, um nach seinen Pferden zu sehen. Manchmal waren ihm ihre feurigen und frommen Augen gegenwärtig, ihre samtene Haut, die reizvolle Nervosität, mit der sie zwischen Gelassenheit und Unruhe vibrierten. Der moschusartige Geruch der Ställe lockte ihn sinnlich.
Das schottische Vollblut, das er von Sir Denis Lay gekauft, sollte bei den Frühjahrsrennen laufen. Man benachrichtigte ihn, das edle Tier falle seit einigen Wochen ab. Ihm schien, es entbehre seine zärtliche Hand. Trotzdem fuhr er nicht nach Waldleiningen.
Am dritten Tag ließ Amadeus Voß durch den Obergärtner fragen, ob er Christian gegen Abend besuchen könne. Da ging Christian am Nachmittag ins Försterhaus hinunter, um die vierte Stunde etwa, und klopfte bei der Wohnung der Witwe Voß an.
Misstrauisches Erstaunen lag in Vossens Blick. Mit dem Instinkt der unterdrückten Klasse spürte er, dass Christian ihn von seinem Haus fernhalten wollte. Aber Christian war sich über seinen Beweggrund nicht so sehr im klaren, wie Amadeus Voß argwöhnte. Christian witterte Gefahr, sie zog ihn magisch an, und ihr entgegenzugehen, trieb es ihn halb unbewusst.
In dem schmucklosen, aber sauberen und wohlgeordneten Raum sich umschauend, sah Christian an der getünchten Wand über dem Bette mehrere Zettel angeklebt, auf denen, in großen Buchstaben geschrieben, Sprüche aus der Bibel standen. So dieser: »Er ward gequält und mißhandelt, doch tat er seinen Mund nicht auf, dem Lamm gleich, das man zur Schlachtbank führt; und wie das Schaf verstummt vor seinem Scherer, so tat er den Mund nicht auf.« Und der: »Es kommt der Tag der Angst und des Zertretens und der Verwirrung vor dem Herrn, dem Weltenherrscher, im Schautale; man zerstört die Mauern, dass das Getöse bis zum Gebirg hin schallt.« Und dieser: »So sprach der Herr zu mir: Geh und stell einen Wächter aus, der sehe und anzeige. Und ich rief wie ein Löwe auf seiner Wache: Herr, ich stand den ganzen Tag da, auf meiner Wache war ich die ganze Nacht. Und der Herr sprach: Nur noch ein Jahr, wie die Jahre eines Taglöhners, so wird ein Ende haben Kedars Herrlichkeit.« Ferner der: »O dass du kalt oder warm wärest! So aber, da du lau und weder warm noch kalt bist, werde ich dich aus meinem Munde speien. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist zu ihm spricht.«
Christian heftete einen langen Blick voll Neugier auf Amadeus Voß. »Sie sind fromm?« fragte er mit Vorsicht in der Stimme und nicht ganz ohne die spöttische Regung, die der Weltmann bei diesem Begriff empfindet.
»Antwort ich nein oder ja, es würde Ihnen gleich wenig bedeuten,« versetzte Voß stirnrunzelnd. »Sind Sie gekommen, um mich auszuholen? Was soll die Frage? Haben wir etwas miteinander gemein, was in dem Wort verschlossen wäre? Amadeus Voß und Christian Wahnschaffe, das sind Polaritäten. Welches Gleichnis wär imstande, unsre Unterschiede zu malen? Meine Jugend, Ihre Jugend! Dass das auf derselben Erde möglich ist!«
Voß lachte kurz und maß Christian von der Seite. »Wissen Sie, was Kosttage sind? Nein; natürlich nicht. Man bekommt seine Mahlzeiten bei fremden Leuten, die einen aus Gutherzigkeit füttern. Jeden Tag der Woche bei einer andern Familie, jede Woche die Reihe um. Dafür hat man sich fügsam zu erweisen und muss bescheiden sein. Selbst wenn einen vor einer Speise ekelt, muss man so tun, als wärens Leckerbissen. Lacht der Großvater, muss man mitlachen, macht der Onkel einen Witz, muss man grinsen, ist die Tochter des Hauses unverschämt, muss man schweigen. Jeder Gruß, der erwidert wird, ist Gnade; der abgetragene Mantel mit zerschlissenem Futter, den man zu Beginn des Winters geschenkt kriegt, verpflichtet zu ewiger Dankbarkeit. Man kennt alle schlechten Launen von allen, die am Tische sitzen, alle schäbigen Gesinnungen, alle Phrasen und heuchlerischen Mienen und muss sich für die bestimmte Stunde eines jeden Tages eine bestimmte Art von Verstellung zurechtlegen. Das sind Kosttage.«
Er erhob sich, ging auf und ab und setzte sich wieder. »Der Teufel ist mir frühzeitig erschienen,« sagte er dumpf; »vielleicht hab ich ein gewisses Kindheitserlebnis schwerer genommen als andre, vielleicht hat es mich tiefer vergiftet. Man kann es nicht vergessen, es gräbt sich ein, wenn der betrunkene Vater die Mutter schlägt. Jeden Sonnabend, so regelmäßig wie das Amen im Gebet. Man kann das Bild nicht aus dem Hirn radieren.«
Mit leiser Stimme und starrem Blick erzählte Voß: »In einer Nacht, vor Ostern, ich war etwa acht Jahre alt, schlug er sie wieder. Ich stürzte in den Hof und schrie den Nachbar um Hilfe an. Da sah ich am Fenster, dort an diesem Fenster, meine Mutter stehen und verzweifelt die Hände ringen. Sie war nackt.« Noch leiser, kaum hörbar, fügte er hinzu: »Wer darf die eigne Mutter nackend sehen?«
Wieder stand er auf und ging umher. Er war so voll von sich selbst und seinen Dingen, dass er auch nur mit sich selber sprach. »Zweierlei hat mir schon als Kind zu denken gegeben,« fuhr er fort. »Erstens die vielen armen Leute, die wegen unbedeutender Holzdiebstähle von meinem Vater angezeigt wurden und dann ins Gefängnis kamen. Oft hörte ich, wie ein altes Weiblein oder ein verschmierter, verhungerter Bub um Erbarmen bettelte. Es gab aber kein Erbarmen. Natürlich, er war Förster, er musste so verfahren. Zweitens die vielen reichen Leute, die gerade hier in der Gegend leben, auf Schlössern und Gütern und Jagden, und denen nichts verwehrt ist, wozu Gelüst und Übermut sie treibt. Dazwischen steht man wie zwischen zwei Walzen, die einen mit der Zeit zermalmen müssen.«
»Hören Sie zu: Im Seminar hatte ich einen Kollegen namens Dippel. Es war ein mäßig begabter, aber anständiger und pflichteifriger Mensch. Sein Vater war Bahnwärter, also einer von den ganz Armen, und der Sohn war sein Stolz und seine einzige Hoffnung. Nun war Dippel mit einem akademischen Maler bekannt geworden, und als er eines Tages in dessen Wohnung kam, entdeckte er ein Album mit weiblichen Aktphotographien. Er sah sie an und immer wie der an und bat schließlich den Maler, er möge ihm das Album leihen. Dippel lag in meinem Schlafsaal; ich war Stubenältester und merkte bald die lüsterne Aufregung und das Getue um Dippel herum, denn er hatte sich einigen andern anvertraut. Es war wie eine brandige Wunde. Ich ging der Sache nach, und sie mussten mir das Machwerk ausliefern, da half nichts. Ich machte die Meldung, Dippel wurde vorgenommen, peinlich verhört und mit Schimpf und Schande davongejagt. Am nächsten Tag fanden wir ihn an einem Apfelbaum im Garten erhängt.«
Amadeus Voß fuhr fort: »Sie finden es niederträchtig, was ich da getan habe. Aber nach den Grundsätzen, die man uns eingeprägt hatte, war es meine Schuldigkeit. Ich war sechzehn Jahre alt. Ich stak in einem finstern Loch. Ich wollte hinauf, hinaus. Mir geschah wie einem, der in einem Menschengedränge gequetscht wird und nicht sehen kann, was es draußen irgendwo zu sehen gibt. Eine qualmige Ungeduld war in mir; Platz, Platz, schrie es in mir. So mags denen zumute sein, die auf der ewig finstern Hälfte des Mondes wohnen. Ich hatte Furcht vor der Macht des Bösen. Alles, was ich von Menschen erfuhr, war mehr oder weniger böse. In meiner Brust schwankten die Wagschalen; da gibt es Stunden, wo man ebensogut morden wie am Kreuz sterben könnte. Es war Welt, nach der ich verlangte. Ich habe viel gebetet in jener Zeit, viel in frommen Schriften gelesen, strenge Bußübungen abgehalten. Spät nachts, wenn alles schlief, fand mich unser Pater noch mit dem Zilizium um den Leib in Andacht versunken. In der Messe und beim Chorgesang durchströmte mich eine Inbrunst, beispiellos. Aber dann waren einmal die Straßen der Stadt beflaggt, oder ich sah geschmückte Weiber, oder ich stand am Bahnhof, und ein Luxuszug hielt und verhöhnte mich. Oder ich sah einen Menschen, der sich aus dem Fenster gestürzt hatte, mit verspritztem Gehirn liegen, da rief es: Bruder, Bruder; da stand der Böse auf, der Leibhaftige, und ich wollte ihn fassen. Ja, leibhaftig ist das Übel und bloß das Übel; die Ungerechtigkeit, die Dummheit, die Lüge, alles, wovor einem graut bis in die Nieren, und was man selber werden muss, wenn man nicht mit dem silbernen Löffel im Mund geboren ist. Um mich in ein Stück Licht zu retten, lernte ich die Orgel spielen. Aber es fruchtete wenig. Was macht das aus, Orgelspiel? Was sind Gedichte und schöne Bilder und schöne Bauten und philosophische Werke und die ganze verzierte Welt da draußen? Ich kann zu mir nicht kommen. Zwischen mir und mir ist etwas, ja, was ist es? Eine Wand aus glühendem Glas ist es. Manche sind verflucht von Anfang an. Frag ich mich: was müsste denn geschehen, damit der Fluch nicht mehr wirkt? so heißt die Antwort: Ungeheuerliches müsste geschehen, Ungeheuerliches. So stehen die Dinge.«
»Man müsste einen Menschen erleben,« antwortete Amadeus Voß, »einen Menschen.« In der hereinsinkenden Dämmerung nahm sich sein Gesicht steinfahl aus. Es war ein wohlgebildetes Gesicht, lang, schmal, geistig, leidenschaftlich leidend. Die Gläser der Brille funkelten im letzten Tageslicht, und auf den weißlichen Haaren war ein Schimmer wie auf Geschmeide.
»Werden Sie im Dorf hier bleiben?« erkundigte sich Christian, nicht aus Wißbegier, sondern aus Not; das Schweigen war ziemlich quälend; »Sie waren bei Geheimrat Ribbeck, kehren Sie nicht zurück zu ihm?«
Voß zuckte zusammen. »Zurück? Da ist kein Zurück,« murmelte er. »Kennen Sie den Geheimrat? Nun, ich kenne ihn selber kaum. Ich habe ihn bloß zweimal gesehen. Das erstemal, als er ins Seminar kam, um mich für seine Knaben zu engagieren. Wenn ich an ihn denke, habe ich ein Bild von etwas Fettem und Gefrorenem. Die Wahl fiel gleich auf mich; ich stand bei meinen Oberen hoch in Gunst, und man wollte mir die Wege ebnen. Ja, und das zweitemal sah ich ihn, als er in einer Nacht im Dezember mit einem Polizeikommissar auf Halbertsroda erschien, um mich an die Luft zu befördern. Sehen Sie mich nicht so erschrocken an, es hatte keine Folgen weiter, man hat sich gehütet.«
Er verstummte. Christian erhob sich. Voß forderte ihn nicht zu längerem Verweilen auf; er begleitete ihn bis an die Tür. Dort sagte er mit veränderter Stimme: »Was sind Sie denn eigentlich für ein Mensch? Sie sitzen vor einem und schweigen, und man spricht und macht Geständnisse. Wie geht das zu?«
»Wenn Sie bereuen, will ich alles vergessen haben,« antwortete Christian in seiner schmiegsamen und höflichen Weise, die immer etwas Zweideutiges hatte.
Voß ließ den Kopf sinken. »Kommen Sie doch wieder herein, wenn Sie vorübergehen,« bat er leise. »Vielleicht erzähl ich Ihnen dann,« er wies mit dem Daumen über die Schulter, »erzähl Ihnen von dort.«
Albrecht Wahnschaffe ging ins Schlafgemach seiner Frau, die zu Bette lag. Es war ein mächtiges Himmelbett mit gedrehten Holzsäulen; zu beiden Seiten an der Wand hingen kostbare Gobelins, welche mythologische Szenen darstellten. Eine Decke aus blauem Damast verhüllte Frau Richbertas majestätische Gestalt.
Herr Wahnschaffe küsste galant die Hand, die sie ihm mit müder Gebärde hinstreckte und ließ sich in einen Sessel gleiten. »Ich muss mit dir über Christian sprechen,« begann er, »sein Treiben beunruhigt mich seit einiger Zeit. Es ist des Planlosen zuviel. Jetzt wieder dieser Kauf des Diamanten. Dergleichen wirkt herausfordernd. Ich bin verstimmt darüber.«
Frau Richberta verzog die Stirn und erwiderte: »Ich sehe durchaus keinen Grund zur Beunruhigung. Es gibt viele Söhne aus reichem Hause, die ihr Leben in derselben Weise verbringen wie Christian. Sie gleichen edlen Pflanzen, die dem Schmuck dienen. Sie bezeugen, meiner Ansicht nach, den Hochstand einer Entwicklung; sie betrachten sich selbst als Ausgezeichnete, und das mit vollem Recht. Sie sind durch Geburt und Vermögen der Mühe des Berufs enthoben. Ihr Wesen ist aristokratische Unberührtheit und Distanz.«
Albrecht Wahnschaffe beugte sich vor, und mit seinen schlanken, weißen Fingern spielend, denen kein Alter anhaftete, sagte er: »Verzeih, ich bin nicht ganz deiner Meinung. Ich bin der Meinung, dass innerhalb der sozialen Welt jeder einzelne eine Funktion zu übernehmen hat, durch die er der Gesamtheit nützt. In dieser Anschauung bin ich erzogen, und es ist mir unmöglich, sie zugunsten Christians zu verleugnen. Die Leichtherzigkeit in seiner Geldgebarung würde ich hinnehmen, obschon der Verbrauch der letzten Monate das ihm zugemessene Budget um ein Erkleckliches übersteigt. Ich notiere es; das Haus Wahnschaffe wird durch derartige Kapriolen nicht aus dem Gleichgewicht gebracht. Was mich stutzig macht, ist die Mittelpunktslosigkeit dieses Daseins und hauptsächlich der kundgegebene Mangel jedes Ehrgeizes.«
Frau Richberta sah den Gatten unter schlaff gesenkten Lidern hervor kühl an. Es erregte ihren Groll, dass er Christian, den zur Rast, zum Spiel, zur Lust und zur Schönheit Geschaffenen, in seine wirbelnden Kreise ziehen wollte, und sie antwortete ungeduldig: »Hast du ihn bis jetzt gewähren lassen, so sieh auch weiter zu. Alle müssen nicht schwitzen. Es ist so unappetitlich, das Tun und die Geschäfte. Ich habe dir zwei Söhne geboren, einen für dich, einen für mich. Von deinem kannst du fordern, was du magst, und er soll erfüllen, was er kann. An meinen will ich nur denken und mich freuen, dass er da ist. Wenn mich etwas besorgt macht, ist es der Umstand, dass sich Christian seit seiner englischen Reise mehr und mehr von uns zurückzieht. Von uns und, wie ich höre, auch von allen Freunden. Ich hoffe, dass es keine Bedeutung hat. Vielleicht steckt eine Frau dahinter, und das geht ja vorüber. Tragödien sind in dieser Beziehung nicht sein Fall. Aber das Sprechen greift mich an, Albrecht. Wenn du noch Argumente vorbringen willst, tu es bitte ein andermal.«
Sie wandte den Kopf und schloss erschöpft die Augen. Albrecht Wahnschaffe erhob sich, küsste mit derselben galanten Bewegung wie beim Beginn des Gesprächs ihre Hand und ging.
Ich habe dir zwei Söhne geboren, einen für dich, einen für mich; dieses Wort erbitterte ihn gegen die Frau, die ihm sonst unantastbar war wie ein höheres Element. Warum habe ich dies alles aufgebaut? fragte er sich, als er langsam die prachtvollen Räume durchmaß.
Es war schwer für ihn, sich Christian zu nähern, schwerer als einem Minister oder einem umworbenen Fremdling. Er konnte sich zwischen Bitte und Befehl nicht entscheiden. Der Autorität war er nicht sicher, des freundschaftlichen Einverständnisses noch weniger. Aber in den Tagen, wo er sich in das Würzburger Stammhaus begab, um Ruhe und Erholung zu suchen, schickte er eine Botschaft an Christian und bat ihn zu einer Unterredung.
Ehrenvoller! Allergeschätztester! Mit hoher Genugtuung vernehme ich, dass Ew. Liebden sich reuig zum Gotte Dionysos bekehrt und zum Zeichen davon an seinem Altare einen Edelstein niedergelegt haben, dessen Preis den Philistern im Lande Zähneklappern erregt und ihre lahme Verdauung unwillkommen befördert. Der treulich Unterfertigte hingegen hat bei der guten Kunde in seiner einsamen Kemenate einen heidnischen Freudentanz vollführt, indes seine bestürzten Palastdamen bereits telephonische Gespräche mit Psychiatern einleiteten. So ist die Welt, des Verständnisses bar, großer Betrachtung nicht fähig.
Meine Tage sind unhold. Ich bin in amouröse Geschehnisse verstrickt, die mich nicht vergnügen und die auf der Gegenseite Beteiligten enttäuschen. Bisweilen sitze ich an meinem lieblichen Kaminfeuer und lese mit geschlossenen Augen im Buche der Erinnerung. Eine Flasche goldgelben Kognaks leistet mir Gesellschaft, und während ich mein Herz mit künstlicher Wärme nähre, versinken die oberen Regionen in das kalte Mysterium des Stumpfsinns. Meine Geisteskräfte bewegen sich in absteigender Linie; meine Mannheit lässt zu wünschen übrig. Vor Jahren kannte ich in Paris einen Schachspieler, einen blöden alten Deutschen, der mit jedem Partner verlor und nach jeder verlorenen Partie wehklagend ausrief, so dass das ganze Cafe de la Regence es hören konnte: Wo sind die Zeiten, da ich Zuckertorten schlug; Zuckertort, will ich dir erklären, war ein berühmter Meister auf Caissas Feldern. Die Nutzanwendung setzt mich in Verlegenheit. Es gab einen römischen Kaiser, der in einer einzigen Nacht hundertvierzig germanische Jungfrauen um etwas ärmer gemacht hat, was ihn selbst schwerlich bereichert hat. Ich glaube, Maxentius hieß der Mann. Soll ich sagen: Wo sind die Zeiten, da ich Maxentiussen schlug –? Es wäre verworfene Prahlerei.
Schade, dass du nicht Zuschauer sein kannst, wenn ich mich des Morgens vom Lager erhebe. Würde dieses Schauspiel einmal von Sachverständigen geprüft und von Laien genossen, man würde sich dazu drängen wie weiland zu den Levers der Könige Frankreichs. Der Adel des Landes würde mir seine Reverenz erweisen, und schöne Damen würden mich kitzeln, damit ein Strahl der Heiterkeit in mein Antlitz käme. Du jugendgesegneter Freund und Gespiele meiner Träume, wisse also: die Augenblicke, in denen man das von der eignen Leiblichkeit angenehm durchwärmte Linnen verlässt, um zehn oder elf Stunden lang Unfug zu treiben, sind von nicht zu überbietender Kläglichkeit. Ich sitze an Bettes Rand und beschaue meine Dessous mit innerlich lärmender Wut. Ich sammle traurig die Reste meines Ichs und knüpfe dort den Faden wieder an, wo ihn Morpheus gestern abgeschnitten hat. Meine Seele ist ringsherum verstreut und rollt in Kügelchen davon wie das Quecksilber aus einem zerbrochenen Thermometer. Erst die Opferdämpfe aus dem Teekessel, der Duft von Schinken und einer schlüsselblumenfarbigen Eierspeise geben mich der Erde zurück, und sanfte Worte, ausgesprochen von den sanften Lippen der besorgten Hausverwalterinnen, versöhnen mich wieder mit meinem Schicksal.
Der alte Regamey ist gestorben. Den Grafen Sinsheim hat der Schlag gerührt. Meine Freundin Lady Constance Canningham, eine Dame der höchsten Aristokratie, hat einen amerikanischen Dollarnobody geheiratet. Die Besten gehn dahin, der Baum des Lebens blättert ab. Auf der Reise hierher habe ich mich in München aufgehalten und war drei Tage Gast des jungen Imhofschen Ehepaares. Deine Schwester Judith macht Figur. Sie wird von den Malern gemalt, von den Bildhauern gemeißelt und von den Dichtern besungen. Jedoch ihre Ambitionen fliegen höher; sie wünscht sich brennend für ihre Wäsche, die Livree und die vier Autos eine kleine neunzackige Krone und liebäugelt mit allem, was vom Hofe kommt und zu Hofe geht. Der gute Felix hinwiederum, Demokrat, der er ist, umgibt sich mit Unternehmern, Spekulanten, Polarforschern, Afrikareisenden und Schöngeistern beiderlei Geschlechts, und so ist das Haus ein Gemisch von Guildhall, Effektenbörse, Rabulistenversammlung und Jockeiklub. Nachdem ich eines Abends solches eine Weile mit angesehen, zog ich mir ein hübsches Kind in eine schummerige Ecke und bat sie, mir den Puls zu fühlen. Es geschah, und mein leidendes Gemüt ward beschwichtigt.
Von unserem süßen Ariel höre ich, dass er in Warschau die Polen und in Moskau die Moskowiter in Champagnerstimmung versetzt. In letzterer Stadt sollen ihr die Studenten einen Fackelzug gebracht und die Offiziere die Straße von ihrer Wohnung ins Theater trotz Eis und Schnee mit Zentifolien gepflastert haben. Auch heißt es, dass der Großfürst Kyrill Alexandrowitsch, der Menschenschlächter, wie ihn viele dort nennen, aus Liebe zu ihr halb toll geworden ist und das Unterste zu oberst kehrt, um ihrer habhaft zu werden. Wie ruft doch die Königin im Hamlet: ›O halt ein, halt ein! Verrat nur könnte solche Liebe sein.‹ In unergründlicher Wehmut denk ichs, o Ariel, dass auch mich dein Atem einst gestreift hat. Nicht mehr als dies, aber es genügt. Le moulin n'y est plus, mais le vent y est encore.
Amadeus Voß kehrte um und ging mit Christian. Sie stiegen zur Höhe hinan und wandten sich dann gegen den Wald. Schweigend gingen sie Seite an Seite. Die Sonne schien durchs Gezweig, alles war überronnen, Schneereste lagen auf dürrem Laub, der Boden war schlüpfrig, auf der Fahrstraße floss das Wasser in tiefen Gleisen. Als sie den Wald verließen, sahen sie die Sonne untergehen, der Himmel war grün und rosa, und als sie zu den ersten Häusern von Heftrich kamen, dämmerte es schon. Sie hatten auf dem ganzen Weg keine Silbe miteinander gesprochen. Anfangs hatten Vossens Schritte wider die Christians getrotzt; er hatte nicht so lange Beine und musste von Zeit zu Zeit ausholen; später hatte sich ein Rhythmus eingestellt, der wie ein Vorklang von Gesprächen war.
Sie betraten die Wirtsstube, die leer war. Sie setzten sich an den Tisch zum Ofen, denn draußen war es wieder kalt geworden. Ein Mädchen zündete die Lampe an und brachte, was sie bestellten. Christian, in einer Furcht, die ihn überfiel und die Neugier vertrieb, dachte: was wird nun kommen, und schaute Voß aufmerksam an.
»Neulich hab ich in einem alten Buch eine moralische Geschichte gelesen,« sagte Amadeus Voß; er stocherte sich mit einem zugespitzten Streichholz die Zähne, was Christian bis zum Zittern nervös machte; »ein König sieht, dass in seinem Reiche die Menschen und Zustände immer schlechter werden, da fragt er vier Philosophen um den Grund. Die Philosophen beratschlagen, gehen zu den vier Toren der Stadt, und an jedes Tor schrieb einer von ihnen die Ursachen hin. Der erste schrieb: Macht ist hier Recht, deshalb hat das Land kein Gesetz; Tag ist Nacht, darum hat das Land keine Straße; Flucht ist der Kampf, darum ist keine Ehre im Lande. Der zweite schrieb: Eins ist zwei, darum hat das Land keine Wahrheit; Freund ist Feind, deshalb fehlt dem Land die Treue; schlecht ist gut, deshalb gibt es keine Frömmigkeit. Der dritte schrieb: Die Schnecke will ein Adler sein, und Diebe haben die Gewalt. Der vierte schrieb: Der Wille ist unser Ratgeber; er rät übel. Der Heller fällt das Urteil, daher wird schlimm regiert. Gott ist tot, darum ist das Land mit Sünden angefüllt.«
Er warf das Streichholz fort und stützte den Kopf in die Hand. »In demselben Buch steht noch eine andre Geschichte,« fuhr er fort, »vielleicht spüren Sie einen Zusammenhang. In der Mitte von Rom öffnete sich eines Tags die Erde, und ein gähnender Schlund entstand. Als die Götter befragt wurden, antworteten sie: dieser Schlund wird sich erst schließen, wenn jemand freiwillig hineingesprungen ist. Keiner konnte dazu beredet werden, endlich aber meldete sich ein Jüngling und sagte: wenn ihr mich ein Jahr lang nach meinem Gefallen leben lasst, so will ich mich, ist das Jahr um, freiwillig und freudig in den Abgrund stürzen. Es wurde beschlossen, dass ihm nichts verboten sein sollte, und er benutzte ihr Eigentum und ihre Weiber nach Gutdünken und in völliger Freiheit. Sie sehnten den Augenblick herbei, wo sie seiner los sein würden, und als das Jahr vorüber war, kam er auf edlem Roß einher und stürzte sich mit einem Sprung in den Abgrund, der sich sogleich hinter ihm schloss.«
»Sie sind schwerfällig,« erwiderte Voß und lachte leise vor sich hin, »ein schwerfälliger Geist. Haben Sie nie das Bedürfnis gehabt, sich ins Gleichnis zu retten? Das Gleichnis ist eine schmerzstillende Medizin.«
»Zehn Monate lang,« antwortete Amadeus Voß; »als ich nach Halbertsroda kam, lag das Land in Eis und Schnee; als ich ging, lag es wieder in Eis und Schnee. Dazwischen war ein Frühling, ein Sommer und ein Herbst.«
Er blieb stehen und schaute einem Tier nach, das in der Dunkelheit über den Pfad sprang und in einer Ackerfurche verschwand. Nun begann er zu sprechen, anfangs stoßweise, trocken, dann lebhaft, stürmisch, schließlich atemlos. Sie gerieten vom Weg ab und merkten es nicht; es wurde spät, sie beachteten es nicht.
»Ich hatte ein ähnliches Haus nie gesehen. Die Teppiche, Bilder, Tapeten, das Silbergeschirr, die zahlreiche Dienerschaft, alles war mir neu. Ich hatte solche Speisen nie gegessen, in solchen Betten nie geschlafen. Ich kam aus vier kahlen Wänden mit einer Bettstatt, einem eisernen Ofen, einem Waschtisch, einem Bücherbrett und einem Kruzifix.
Meine beiden Zöglinge waren elf und dreizehn Jahre alt. Der ältere war blond und hager, der jüngere brünett und untersetzt. Die Haare hingen ihnen wie Mähnen bis auf die Schultern. Sie zeigten mir von der ersten Stunde an einen höhnischen Widerstand. Die Geheimrätin sah ich anfangs gar nicht; erst nach einer Woche ließ sie mich vor sich. Sie machte den Eindruck eines jungen Mädchens. Sie hatte rostrotes Haar und ein bleiches, verschüchtertes, unentwickeltes Gesicht. Sie behandelte mich mit einer Geringschätzung, auf die ich nicht gefasst war und die mir das Blut in die Schläfen trieb. Ich bekam meine Mahlzeiten besonders, durfte nicht am Tisch essen und wurde von den Dienstleuten wie ihresgleichen behandelt. Das wurmte mich bitter. Wenn die Geheimrätin im Garten war und ich grüßend vorbeiging, dankte sie kaum, ahnungslos und unverschämt in der Verachtung eines Menschen, den sie bezahlte. Ich war Luft für sie.
Das ist geschlechteralt, diese Sünde an meiner Seele. Ihr Sünder an meiner Seele, warum habt ihr mich darben lassen? Warum hab ich entbehren müssen, indes ihr geschwelgt habt? Wie soll denn ein Hungriger die Prüfungen bestehen, die ihm der Verführer auferlegt, der Leibhaftige? Glauben Sie, man spürt es nicht, wenn ihr praßt? Alles Tun, Gutes und Böses, rinnt durch alle Natur. Wenn die Traube auf Madeira wieder blüht, rührt sich weit über Meer und Land der Wein im Fasse, der aus ihr gepresst worden ist, und es hebt eine neue Gärung an.
Eines Morgens sperrten sich die Knaben in ihrem Zimmer ein und weigerten sich, zum Unterricht zu kommen. Während ich an der Klinke rüttelte, äfften sie mich drinnen. Im Korridor standen die Dienstleute und lachten über meine Ohnmacht. Da ging ich zum Gärtner, holte mir eine Axt und schlug mit drei Hieben die Türfüllung durch. Eine Minute später war ich im Zimmer. Die Burschen sahen mich verdutzt an und merkten endlich, dass mit mir nicht zu spaßen war. Der Lärm hatte die Geheimrätin herbeigelockt. Sie schaut die zerbrochene Tür an, sie schaut mich an; den Blick werd ich nie vergessen. Sie ließ mich nicht aus den Augen, auch während sie mit ihren Kindern sprach, mindestens zehn Minuten lang. Was wagst du? wer bist du? fragte der Blick. Als sie hinausging, gewahrte sie das Beil an der Tür, hielt einen Moment inne, und ich sah sie frösteln. Da wusste ich: der Wetterhahn hat sich gedreht. Aber es kam mir auch zum Bewusstsein, dass ein Weib vor mir gestanden war.
Die Neckereien meiner Zöglinge hatten damit kein Ende. Im Gegenteil, sie taten mir zuleide, was sie konnten. Nur verfuhren sie heimlich und waren nicht zu fassen. Ich fand Steine und Nadeln in meinem Bett, Tintenflecke in meinen Büchern und einen unheilbaren Riss in dem besten Anzug, den ich mitgebracht. Sie machten sich bei andern über mich lustig, verleumdeten mich bei ihrer Mutter und warfen einander infame Blicke zu, wenn ich sie zur Rede stellte. Was sie taten, waren keine gewöhnlichen Streiche dummer Jungen, dazu waren sie viel zu verzärtelt und raffiniert. Sie hüteten sich vor jedem Luftzug, ließen die Räume überheizen, dass einem schwindlig wurde, und dachten ausschließlich an ihr Wohlleben. Einmal rauften sie miteinander, der jüngere biss den Bruder in den Finger. Da legte sich dieser drei Tage lang ins Bett, und der Arzt musste kommen. Auch hierbei war nicht bloß Wehleidigkeit im Spiel, sondern eine abgründige Bosheit und Rachsucht. Sie betrachteten mich als einen tief unter sich Stehenden und ließen mich bei jeder Gelegenheit meine abhängige Lage fühlen. Schlimm war mir manchmal zumute, aber es war mein Vorsatz, mich in Geduld zu üben.
Eines Abends betrat ich den Salon, es war über die Schlafensstunde hinaus, die ich für die Knaben festgesetzt hatte. Die Geheimrätin saß auf dem Teppich, die Buben kauerten rechts und links von ihr; sie zeigte ihnen Bilder in einem Buch. Ihr Haar war aufgelöst, was ich unpassend fand, und umhüllte in seiner rötlichen Pracht sie mitsamt den Knaben wie ein Brokatmantel. Die Buben fixierten mich mit grünen, bösen Augen. Ich befahl ihnen, sie sollten augenblicklich zu Bett gehen. Es muss etwas in meinem Ton gewesen sein, was sie erschreckte und zum Gehorsam zwang. Ohne Widerrede erhoben sie sich und gingen.
Adeline war auf dem Teppich sitzengeblieben. Ich werde sie einfach Adeline nennen, wie ich es später in unserm Verkehr ja auch tat. Sie schaute mich wieder so an wie bei der Szene mit dem Beil. Man kann nicht bleicher sein, als sie es ohnehin war, aber ihre Haut wurde durchscheinend wie Glimmer. Sie stand auf, ging zum Tisch, nahm einen Gegenstand in die Hand und legte ihn wieder hin. Dabei schwebte ein spöttisches Lächeln auf ihren Lippen. Dieses Lächeln ging mir durch und durch. Überhaupt, die ganze Frau ging mir durch und durch. Sie werden mich missverstehen; schadet nichts. Verstehen Sie es nicht, so nützen keine Erklärungen. Die Eisdecke über mir brach, und ich konnte sehen, was oberhalb war.«
»Auf meine Frage, ob sie wünsche, dass ich ihr Haus verlassen solle, erwiderte sie frostig, da mich der Geheimrat engagiert, müsse sie sich fügen. Ich hielt ihr entgegen, dass ich unter dem Druck ihrer Abneigung Ersprießliches nicht zu leisten vermöge. Mit einem Seitenblick antwortete sie, es ließe sich wohl eine Manier finden, wie man zusammen wirken könne, und sie wolle darüber nachdenken. Seit diesem Abend aß ich am Tisch mit ihr und den Knaben, und sie behandelte mich, wenn auch nicht freundlich, so doch mit Achtung. Eines Abends, spät schon, ließ sie mich rufen und bat mich, ihr etwas vorzulesen. Sie reichte mir das Buch, aus dem ich lesen sollte. Es war irgendein Moderoman, und nachdem ich ein paar Seiten gelesen hatte, warf ich das Buch auf den Tisch und sagte, mir werde übel von solchem Zeug. Sie nickte und antwortete, ich spräche nur eine Empfindung aus, die sie sich nicht habe eingestehen wollen, und sie danke mir für meine Offenheit. Da holte ich meine Bibel und las ihr aus dem Buch der Richter die Geschichte Simsons vor. Ich muss ihr naiv erschienen sein, denn als ich fertig war, lächelte sie wieder spöttisch vor sich hin. Dann fragte sie mich: ›Meinen Sie nicht, dass man gar kein Held in Juda zu sein braucht, um Simsons Schicksal zu teilen? Oder dass es ein besonderes Kunststück ist, zu vollbringen, was Delila vollbracht hat?‹ Darauf sagte ich, mir fehle die Erfahrung in solchen Dingen, und sie lachte.
Ein Wort gab das andere, und ich kam endlich dahin, dass ich ihr die Verwahrlosung ihrer Kinder vorwarf, die Niedrigkeit und das Verletzende alles dessen, was ich bis jetzt in dem Hause gesehen und erlebt. Ich wählte absichtlich die schärfsten Worte und erwartete, dass sie zornig aufbrausen und mir die Tür weisen würde, aber sie blieb ruhig und ersuchte mich, ihr meine Ideen zu entwickeln. Das tat ich nun mit vielem Feuer, und sie hörte mir wohlgefällig zu. Ein paarmal sah ich sie aufatmen und sich ein wenig recken und die Augen schließen. Sie stritt mit mir, sie stimmte mir zu, verteidigte ihre Position und gab zuletzt alles wieder preis. Ich sagte ihr, die Liebe, die sie für ihre Söhne zu empfinden glaube, sei eigentlich ein Haß und beruhe auf Selbstvergiftung und Blutlüge; in ihrer Seele sei noch ein andres Leben und eine andre Liebe, die lasse sie freventlich verdorren und absterben. Dies muss sie nicht richtig aufgefaßt haben, denn sie schaute mich groß an und gebot mir plötzlich zu gehen. Als ich schon vor der Tür war, hörte ich ein Schluchzen, ich öffnete die Tür wieder und sah, dass sie die Hände vor das Gesicht geschlagen dasaß. Ich wollte zurück zu ihr, aber sie winkte mir heftig ab, und ich ging.
Ich hatte nie vorher eine Frau weinen gesehen, außer meine Mutter. Wie mir zumute war, darüber will ich schweigen. Hätte ich eine Schwester gehabt, wäre ich mit einer Schwester aufgewachsen, so hätte ich vielleicht anders gehandelt und empfunden. So war Adeline das erste Weib, das mir Aug in Auge gegenüberstand.
Ein paar Tage später fragte sie mich, ob ich Hoffnung hätte aus ihren Söhnen Menschen in meinem Verstand zu machen. Sie habe sich alles überlegt, was ich ihr vorgehalten, und sei zu der Einsicht gelangt, dass es so nicht weitergehen könne. Ich antwortete, es sei noch nicht zu spät; darauf sagte sie, ich möge retten, was noch zu retten sei, und um mich in meinem Werk nicht zu behindern, habe sie sich entschlossen, für einige Monate zu verreisen. Am dritten Tag reiste sie weg, ohne Abschied von den Knaben zu nehmen, schrieb ihnen aber dann aus Dresden einen Brief.
Ich zog mit den Knaben auf ein Jagdhaus, das zwei Stunden von Halbertsroda entfernt einsam im Wald lag. Es gehörte zum Ribbeckschen Besitz, und Adeline hatte es mir als Zufluchtsstätte angewiesen. Ich richtete mich mit den Knaben dort ein und nahm sie in Zucht. Mein Vorhaben galt mir als Prüfung meiner Herzens- und Geistesgewalt. Vielleicht griff ich fehl; vielleicht war ich geblendet durch die lange Dunkelheit unter der Eisdecke; vielleicht hat mich selber das Beil verführt. Manchmal ward mir bang, wenn ich der Worte eingedenk war: Warum gehst du beständig zu wechseln deinen Weg? Fürwahr, du wirst von Ägypten getäuscht werden, wie du von Assyrien bist getäuscht worden.
Ein alter tauber Diener kochte für uns, und die leckeren, üppigen Mahlzeiten hörten auf. Sie mussten beten, einmal in der Woche fasten, auf harten Lagerstellen schlafen und des Morgens um fünf Uhr aufstehen. Ich brach ihren Trotz auf alle Weise, ihre dumpfe Trägheit, ihre Lüsternheit, ihre Ränke. Spiele waren nicht erlaubt; der Tag hatte seine eiserne Ordnung. Ich schreckte vor keiner grausamen Maßregel zurück. Ich züchtigte sie. Ich schlug sie bei der geringsten Widersetzlichkeit mit der Peitsche. Ich lehrte sie den Schmerz. Nackt mussten sie vor mir liegen, mit den blutigen Striemen auf der Haut, da sprach ich ihnen vom Martyrium der Heiligen. Ich führte ein Tagebuch, damit Adeline erfahren könne, was geschehen war. Sie fuhren zusammen, wenn sie von weitem meine Stimme hörten; sie zitterten, wenn ich den Kopf erhob. Einmal überraschte ich sie am Abend, als sie beieinander in einem Bette lagen und ganz leise flüsterten. Da riss ich sie aus den Kissen, schreiend flohen sie aus dem Hause vor mir, im Hemde rannten sie in den Wald, ich ihnen nach, zwei Hunde hinter mir, der Regen über und um uns, endlich stürzten sie nieder, umklammerten meine Knie und flehten um Gnade. Am schwersten war es, sie zur Beichte zu bringen; aber ich war stärker als das Böse in ihnen und zwang sie zum Bekenntnis. Es waren schlimme Stunden, die ich nur ertrug, weil ich es Adeline in meinem Innern gelobt hatte.
Sie gingen in sich. Sie wurden zahm und still. Sie krochen in die Winkel und weinten. Als Adeline zurückkehrte, ging ich mit ihnen nach Halbertsroda, und sie war von der Verwandlung betroffen. Die Knaben stürzten ihrer Mutter in die Arme, klagten mich aber nicht an, auch als ich sie mit ihr allein ließ. Ich hatte ihnen gedroht, sobald sie sich aufsässig oder ungehorsam zeigten, müssten sie wieder aufs Jagdhaus. Einen oder zwei Tage der Woche brachten wir ohnehin dort zu. Späterhin mieden sie die Mutter, sowie auch Adeline gegen sie gleichgültiger wurde, da das weichliche, schwüle, überzärtelte Element nicht mehr wirksam war, das sie ehedem zueinander getrieben.
Adeline suchte meine Nähe, mein Gespräch, beobachtete mich, war herablassend, ermüdet, zerstreut und unruhig. Sie schmückte sich wie für Gäste und ließ sich dreimal täglich frisieren. Im übrigen unterwarf sie sich meinen Verfügungen. Es gibt Menschen, abgebrauchte, wurmstichige, schwelende Seelen, die vor dem erhobenen Beil in des andern Arm auf die Knie fallen, während sie nur Spott haben für die, die das Knie vor ihnen beugen. Ich war oft bestürzt von ihrer Vornehmheit und Verschlossenheit, dachte, da ist für dich kein Raum, dann schoss wieder ein Blick aus ihren Augen, der mich vergessen ließ, woher ich kam und was ich vor ihr war. Es schien mir alles möglich bei ihr. Sie konnte in der Nacht das Haus anzünden, weil sie sich darin langweilte und der Fraß an ihrer Lebenswurzel vor keinem edleren Affekt mehr haltmachte, und sie konnte vor dem Spiegel stehen, vom Mittag bis zum Abend, und beobachten, wie eine Furche auf der Stirn sich vertiefte. Alles schien möglich. Steht doch geschrieben: Welcher Mensch weiß, was in dem Menschen ist, als nur der Geist des Menschen, der in ihm ist.
Meine Anfechtungen begannen damit, dass sie eines Abends im Gespräch achtlos ihre Hand auf meine legte und sie hastig zurückzog. Da waren die Dinge, die mir vor Augen lagen, entrückt. Ich war der Knecht von Einbildungen und Begierden geworden in der Zeit von einem Gedanken bis zum andern.
Einmal begegnete ich ihr im Flur, als es dämmerte; sie blieb stehen und heftete einen durchbohrenden Blick auf mich. Dann lachte sie leise und ging weiter. Ich schwankte; der Schweiß perlte auf meiner Stirn.
Es war mir schwer im Herzen, wenn ich allein war. Gestalten waren da, die das Zimmer in Flammen setzten. Mein Gebetbuch, mein Rosenkranz wurden vor mir verborgen, und ich fand sie nicht. Immerfort schrie es in mir: Einmal nur! Einmal nur genießen! Einmal nur! Aber dann erschienen die Dämonen und mißhandelten mich; alle Muskeln, Adern und Nerven an meinem Leibe wurden zerfetzt. Tut an mir, was euch Gott gestattet, sagte ich, denn mein Herz ist bereit. Während des Schlafs schleuderte es mich aus meinem Bett, und bewusstlos stieß ich meinen Kopf gegen die Wände. Acht Tage fastete ich bei Brot und Wasser, aber es half nichts. Einmal hatte ich mich niedergesetzt, um zu lesen, da stand ein riesiger Affe neben mir und blätterte in dem Buch, in dem ich las. Jede Nacht hatte ich eine verführerische Vision von Adeline; sie trat an mein Lager und sagte: Geliebter, ich bin's. Dann stand ich auf und rannte sinnlos umher. Aber sie folgte mir und flüsterte mir zu: Ich will dich zum Herrn machen, und du sollst Geld in Hülle und Fülle haben. Wenn ich sie jedoch anfaßte, zeigte sie mir ihren Widerwillen, und es kamen schwebende Schatten, die sie zum Beistand aufgerufen, ein Notar mit Feder und Schreibzeug, ein Schlosser mit glühendem Hammer, ein Maurer mit der Kelle, ein Offizier mit blanker Klinge, eine Frau mit geschminktem Gesicht.
So übel war es mit mir bestellt, dass ich das furchtbare Wirkliche, das sich indessen begab, erst nach und nach begriff. Eines Morgens kam Adeline in das Zimmer, wo ich die Knaben unterrichtete, setzte sich an den Tisch und hörte zu. Dabei zog sie einen Ring mit einer schönen, großen Perle vom Finger, spielte sinnend mit ihm, stand auf, trat zum Fenster, sah dem Schneefall draußen zu und verließ dann das Zimmer wieder, um in den Garten zu gehen. Ich konnte nicht mehr atmen, nicht mehr sehen, ein unerträglicher Druck war auf meiner Brust, und ich musste für eine Weile hinaus und Luft schöpfen. Als ich zurückkehrte, sah ich in den Augen meiner Zöglinge einen besonders bösartigen Ausdruck; ich achtete nicht darauf; von Zeit zu Zeit bäumten sie sich auf gegen ihren Meister, aber ich kümmerte mich nicht darum. In geduckter Haltung saßen sie da, ich fragte ihnen den Katechismus ab, und sie antworteten hauchend und mit Blicken voller Furcht. Es mochten zehn Minuten verflossen sein, da kam Adeline, sagte, sie habe den Ring liegen lassen, ob ich ihn nicht gesehen habe. Ich verneinte. Darauf begann sie zu suchen, ich suchte ebenfalls, sie rief die Zofe und den Diener, die das ganze Zimmer durchstöberten, aber der Ring war verschwunden. Adeline und ihre Leute musterten mich verwundert, denn ich stand und konnte mich nicht rühren. Ich spürte sofort in allen Fibern, dass ich dem Verdacht ausgesetzt war. Sie suchten im Flur und auf den Stiegen, dann im Garten auf dem frischgefallenen Schnee, schließlich wieder im Zimmer, da Adeline bestimmt behauptete, sie habe den Ring abgestreift und auf dem Tisch vergessen, was ich auch bestätigte, obwohl ich ihn nicht auf dem Tisch gesehen und sie und ihr Tun nur wie im Halbschlaf wahrgenommen hatte. Alle Worte, die sie mit den Leuten wechselte, schienen mir gegen mich gerichtet, in den Mienen der Leute glaubte ich Argwohn zu lesen, ich wurde blass und rot, rief die Knaben, die sich beim Beginn des Alarms entfernt hatten, und forschte sie aus. Sie sagten, man solle in ihrem Zimmer Nachschau halten und sahen mich beide tückisch an. Ich bitte, auch mein Zimmer zu durchsuchen, sagte ich zu Adeline. Sie machte eine abwehrende Handbewegung, dann äußerte sie entschuldigend, der Ring sei ihr besonders wert, sie vermisse ihn ungern. Mittlerweile war der Gutsverwalter eingetreten, der an jenem Tag zufällig auf Halbertsroda übernachtet hatte; er grüßte mich nicht, sondern maß mich schweigend und finster. Da packte es mich; ich sah mich schutzlos dem Argwohn überliefert, und ich sagte zu mir: du hast vielleicht den Ring wirklich gestohlen. Der Sturz von meinem vorigen Seelenzustand in diesen gemeinen und hässlichen war mir so unerwartet, dass ich ein Gelächter ausstieß und nun erst recht darauf bestand, dass man mein Zimmer, meine Sachen und mich selber durchsuche. Der Gutsverwalter sprach leise mit Adeline; sie blickte ihn entgeistert an und ging hinaus. Ich leerte vor dem Verwalter meine Taschen, dann folgte er mir in mein Zimmer, ich setzte mich ans Fenster, er zog Schublade um Schublade aus der Kommode, öffnete den Schrank, der Diener, das Stubenmädchen, die beiden Knaben standen unter der Tür, da ließ der Verwalter einen dumpfen Laut hören und hielt in der Hand den Ring mit der Perle empor. Ich hatte es einen Moment zuvor völlig klar gewusst, dass er den Ring bei mir finden würde, ich hatte es von den Gesichtern der Knaben abgelesen. Deshalb blieb ich auch unbeweglich sitzen, während alle einander anschauten und dann mit dem Verwalter hinweggingen. Ich versperrte sogleich die Tür und schritt auf und ab, auf und ab, vierundzwanzig Stunden hindurch. Als die Nacht vorüber war, herrschte in meinem Innern eine feierliche Ruhe. Ich ließ Adeline fragen, ob ich mit ihr sprechen könne. Sie empfing mich nicht. Mich schriftlich zu rechtfertigen, verschmähte ich. Meine Unschuld beteuern hieß so viel wie mich erniedrigen. Ich war nun ganz rein und kalt. Ich erfuhr an dem Tage, dass dem Verwalter längst Gerüchte von entsetzlichen Mißhandlungen zugetragen worden waren, die die Knaben zu erdulden, und dass diese ihre Mutter des ehebrecherischen Einverständnisses mit mir geziehen hätten. Der Verwalter war ein paarmal heimlich gekommen, hatte das Gesinde verhört, und an jenem Morgen, an dem der Ringdiebstahl vorfiel, hatte er die Knaben in sein Zimmer geführt, ihnen geboten, sich zu entkleiden und an ihrem Körper die frischen und alten Spuren meiner Züchtigungen wahrgenommen. Da ihm auch ihre sonstige Verfassung Besorgnis einflößte, telegraphierte er dem Geheimrat, der dann in der Nacht mit einer Polizeiperson ankam. Ich vermute, dass Adeline den Anschlag mit dem Ring durchschaut hatte, denn es war davon nicht weiter die Rede. Der Kommissar trat drohend gegen mich auf und sprach von bösen Folgen, aber ich machte keinen Versuch, zu beschönigen oder zu erklären, was ich getan. Ich verließ Halbertsroda mitten in der Nacht. Adeline habe ich nicht mehr gesehen. Sie soll in ein Sanatorium geschafft worden sein. Drei Wochen waren vorüber, da erhielt ich eines Tages ein kleines Schächtelchen mit der Post, und als ich es öffnete, lag der Ring mit der Perle darin. Im Hof des Försterhauses ist ein alter Ziehbrunnen. Ich bin zu dem Brunnen gegangen und habe den Ring hinunter in die Tiefe geworfen.
Sie mussten noch eine Weile marschieren, ehe sie zum Parktor von Christiansruh kamen. Als Voß sich verabschieden wollte, sagte Christian: »Sie werden müde sein, wozu sollen Sie noch den Weg ins Dorf machen. Übernachten Sie bei mir.«
Sie gingen ins Haus und betraten die Halle, die erleuchtet war. Amadeus Voß schaute staunend um sich. Sie gingen die Treppe hinauf, in das Speisezimmer, das im Louis-Quinze-Stil eingerichtet war. Christian führte seinen Gast dann durch andre Räume in das Gemach, das er für ihn bestimmt hatte. Von Raum zu Raum staunte Amadeus Voß mehr. »Das ist noch ein ander Ding als in Halbertsroda,« murmelte er; »es ist ein Unterschied wie zwischen Festtag und Alltag.«
Schweigend saßen sie bei Tisch einander gegenüber. Dann gingen sie in die Bibliothek. Ein Diener servierte den schwarzen Kaffee auf silberner Platte. Voß stand an einen Pfeiler gelehnt, die Hände auf dem Rücken und starrte in die Luft. Als der Diener sich entfernt hatte, sagte er: »Haben Sie einmal von der telchinischen Seuche gehört? Es ist eine Krank heit, die der Neid der Telchinen ausgebrütet hat, der in Menschen verwandelten Hunde des Aktäon, und diese Krankheit wendet sich verderblich gegen alles in ihrem Umkreis. Ein Jüngling namens Euthelides erblickte seine eigne Schönheit mit neidischem Auge in einer Quelle, und die Schönheit welkte hin in Krankheit.«
»Es gibt eine Sage von einem Edelmann in Polen,« fuhr Amadeus fort; »dieser Edelmann wohnte am Weichselufer einsam in einem weißen Hause, und alle Nachbarn flohen seine Nähe, weil sein neidischer Blick Unglück über sie brachte, die Herden tötete, die Scheunen in Brand steckte, die Kinder mit Aussatz bedeckte. Einst wurde ein schönes Mädchen von Wölfen verfolgt und flüchtete in sein weißes Haus. Er verliebte sich in sie und heiratete sie. Weil aber das Übel, das von ihm ausging, auch sie überfiel, riss er sich die Augen aus und vergrub die glänzenden Kristalle an der Gartenmauer. Nun war er genesen, aber die vergrabenen Augen gewannen sogar unter der Erde neue Kraft, und ein alter Diener, der sie aus dem Boden grub, wurde von ihnen getötet.«
»Man muss von Zeit zu Zeit die Augen entsühnen,« sagte Amadeus Voß. »Drüben im Dorfe Nettersheim liegt eine Magd im Sterben, ein armes Ding, unsäglich verlassen; in einem Verschlag neben dem Stall liegt sie, und die Bauern glauben nicht an ihren nahen Tod, halten sie für arbeitsscheu. Zu der bin ich ein paarmal gegangen, um meine Augen zu entsühnen.«
Sie machten einen Spaziergang über das Glacis, redeten aber wenig miteinander. Die Dobermannhündin, Freia geheißen, die beständige Begleiterin Albrecht Wahnschaffes, trottete zwischen ihnen. Es überraschte Albrecht Wahnschaffe, zu bemerken, dass Christians Züge Veränderungen von innen her aufwiesen.
Abends, beim Tee, sagte er mit einer ritterlichen Geste: »Du bist zu einer ungewöhnlichen Erwerbung zu beglückwünschen. Es schlingt sich ja ein ganzer Legendenkranz um diesen Diamanten. Die Sache hat Staub aufgewirbelt, man wundert sich allgemein. Mit einigem Recht, scheint mir, da du weder ein englischer Herzog noch ein indischer Prinz bist. Ist es wirklich ein so begehrenswertes Stück?«
Albrecht Wahnschaffe nickte. »Ich zweifle nicht,« sagte er; »ich verstehe solche Passionen, obgleich ich als Kaufmann die Brachlegung eines so erheblichen Kapitals missbilligen muss. Es ist eine Exzentrizität. Der Weltzustand ist immer gefährdet, wenn Männer aus dem Bürgertum exzentrisch werden. Über einen gewissen Punkt möchte ich deine Betrachtung anregen. Alle Privilegien, deren du dich erfreust, und sie sind nicht gering, wie du zugeben musst, alle Erleichterungen des Daseins, alle Möglichkeiten zur Befriedigung deiner Launen und Leidenschaften, die gesellschaftliche Gipfelstellung, die du einnimmst, das alles beruht auf Arbeit. Ich brauche nicht hinzuzufügen: auf der Arbeit deines Vaters.«
Aus einer Ecke des Gemachs hatte sich die Hündin Freia erhoben. Sie trat zu Christian und legte schmeichelnd den Kopf auf seinen Schenkel. Albrecht Wahnschaffe, in einer leichten Regung von Eifersucht, gab dem Tier einen Klaps auf die Flanke.
Er fuhr fort: »Ein solches Ausmaß von Arbeit bedeutet natürlich Verzicht auf allen Linien. Man ist Pflugschar, die aufreißt und rostet. Man ist Brennstoff, der Helligkeit gibt und verzehrt wird. Ehe, Familie, Freundschaft, Kunst, Natur, sie existierten kaum für mich. Ich habe gelebt wie der Bergmann im Stollen. Und welchen Dank hatte ich? Unsre Volksbetrüger füttern ihren Anhang mit dem frechen Märchen, als seien wir die Vampire, die das Blut der Unterdrückten trinken. Sie wissen nichts, die Brunnenvergifter, oder wollen nichts wissen von den Erschütterungen, Leiden und Entbehrungen, an die der friedliche Lohnsklave mit keiner Ahnung hinreicht.«
Freia schmiegte sich dichter an Christian, leckte seine Hand und warb demütig um seinen Blick. Die stumme Zärtlichkeit des Tieres tat ihm wohl. Er runzelte die Stirn und sagte lakonisch: »Wenn es so ist und du es so empfindest, warum immerfort arbeiten?«
»Es gibt auch eine Pflicht, du Weichgebetteter, es gibt eine Treue gegen die Sache,« erwiderte Albrecht Wahnschaffe, und seine blaßblauen Augen zürnten. »Jeder Bauer hängt an dem Stück Erdreich, dem er seine Sorge weiht. Als ich anfing, war unser Land noch ein armes Land. Heute ist es ein reiches Land. Ich will nicht behaupten, dass meine Leistung dem Ganzen gegenüber hoch in Betracht kommt; aber sie ist einzurechnen. Sie ist ein Symptom unsres Aufschwungs, unsrer jungen Macht, unsres wirtschaftlichen Gedeihens. Wir stehen nun auch unter den großen Völkern und haben einen Leib und ein Gesicht.«
»Was du sagst, ist gewiss richtig,« versetzte Christian, »leider fehlt mir der Sinn dafür. Ich bin in dieser Hinsicht entschieden mangelhaft organisiert.«
»Fünfundzwanzig Jahre früher, und dein Los wäre gewesen, ein Brotverdiener zu sein,« sprach Albrecht Wahnschaffe weiter, ohne auf den Einwand zu achten; »heute bist du Nachfahr und Erbe. Deine Generation blickt in eine verwandelte Welt und Zeit. Wir haben euch Flügel an die Schultern geheftet, und ihr habt vergessen, wie beschwerlich das Kriechen ist.«
Christian, im dunklen Verlangen nach der Wärme eines Körpers, nahm den Kopf der Hündin zwischen seine Hände, die mit dankbarem Knurrlaut sich erhob und die Vorderpfoten gegen seine Schultern stemmte. Mit einem Lächeln, das noch dem Spiel mit dem Tier galt, sagte er: »Keiner verschmäht, was ihm in den Schoß fällt. Ich habe freilich nie gefragt, woher es kommt und wohin es soll. Man könnte gewiss auch anders leben. Vielleicht werde ich noch einmal anders leben. Es müsste sich ja dann zeigen, ob man ein andrer wird und wie man wird, wenn die Behelfe fehlen, die Flügel, von denen du sprichst.« Sein Gesicht war ernst geworden.
Albrecht Wahnschaffe fühlte sich auf einmal ziemlich ratlos vor diesem schönen, stolzen, fremden Menschen, der sein Sohn war. Um seine Verlegenheit zu verbergen, antwortete er hastig: »Anders leben, das ist es; genau das meine ich. In der Überzeugung, dass dir ein Dasein auf die Dauer zur Last werden muss, das nur eine Kette von Nichtigkeiten ist, wollte ich dir vorschlagen, eine deinen Kräften und Gaben würdigere Bahn zu betreten. Wie wäre es mit der diplomatischen Karriere? Wolfgang fühlt sich ungemein befriedigt über die Möglichkeiten, die sich ihm dabei bieten. Es ist auch für dich noch nicht zu spät. Die versäumte Zeit lässt sich einbringen. Der Name, den du trägst, wiegt jeden Adelstitel auf. Du verbleibst in einer Region, die dir gemäß ist; du hast große Mittel, die persönliche Eignung und außerordentliche Beziehungen; das übrige vollzieht sich automatisch.«
Christian schüttelte den Kopf. »Du irrst dich, Vater,« sagte er leise, aber bestimmt, »ich habe nicht die Fähigkeit dazu, auch nicht die geringste Lust.«
»Dacht ich mir,« entgegnete Albrecht Wahnschaffe lebhaft; »also nichts mehr davon. Mein zweiter Vorschlag, mir selbst sympathischer, möchte dich zur Mitarbeit in der Firma ermuntern. Der leitende Gedanke ist, eine repräsentative Stellung für dich zu schaffen, entweder im inneren oder im äußeren Dienst. Wählst du das letztere, so könntest du deinen Aufenthalt im Ausland wählen, in Japan, in den Vereinigten Staaten. Weitgehende Vollmachten würden dir erlauben, unabhängig aufzutreten. Du übernimmst Verantwortungen, die in keiner Weise drückend wären, und genießt die Vorrechte eines Botschafters. Es bedarf nur deiner Einwilligung, das andere ist meine Sorge.«
Christian erhob sich von seinem Stuhl. »Ich bitte dich herzlich, Vater, dieses Thema fallen zu lassen,« sagte er. Seine Miene war kalt, sein Blick gesenkt.
Auch Albrecht Wahnschaffe stand auf. »Sei nicht zu rasch, Christian,« mahnte er. »Ich kann dir nicht verhehlen, dass mich deine endgültige Weigerung empfindlich träfe. Ich habe auf dich gerechnet.« Er sah Christian fest an. Christian schwieg.
»Es war um Pfingsten vor drei Jahren, wenn ich mich recht entsinne,« sagte Albrecht Wahnschaffe, wie immer ein wenig eitel auf sein selten trügendes Gedächtnis; »du hattest mit deinem Vetter Theo Friesen eine Vergnügungsfahrt in den Harz verabredet, und Theo wollte einen Abstecher zu den Fabriken machen. Er hatte von unsern neuen Wohlfahrtseinrichtungen gehört und interessierte sich dafür. Ihr habt euch aber dann doch nicht aufgehalten, scheint mir.«
Christian erinnerte sich jetzt genau. Es war Abend geworden, als das Auto langsam durch die Straßen der Maschinenstadt fuhr. Er hatte sich dem Wunsch seines Vetters gefügt, aber plötzlich war der Widerwille gegen diese Welt aus Rauch und Staub und Schweiß und Eisen erwacht; er hatte den Wagen nicht verlassen gewollt und dem Lenker befohlen, das Tempo zu beschleunigen.
Gleichwohl erinnerte er sich des Höllengesangs, zu dem Stahlschlag und Radgesurr sich verbündeten; er hörte noch das Donnern, Pfeifen, Zischen, Kreischen und Fauchen; sah noch das Vorüberziehen von Schmieden, Walzen, Pumpen, Dampfhämmern, Gebläsen, Hochöfen, Schmelzöfen, Gießereien, Kesselhäusern; die Tausende geschwärzter Gesichter; ein menschenähnliches Geschlecht, aus Kohle gemacht, behaucht von Weiß- und Rotgluten; elektrische Nebelmonde, die durch den Raum tanzten; Totenkarren gleichende Fahrzeuge, von einer violetten Dämmerung verschlungen; die Wohnstätten in einem Schein von Behäbigkeit und einem Sein von unergründlicher Traurigkeit, die Badehäuser, Lesehallen, Vereinshäuser, Krippen, Spitäler, Säuglingsheime, Warenhäuser, Kirchen und Kinotheater. Dies Gepräge von Zwang und Fron, von Pferch und Aufputz, von Häßlichem, Allerhäßlichstem auf Erden, das überschminkt, von Drohendem, das gefesselt und erstickt war.
Vetter Friesen erschöpfte sich in staunenden Ausrufen; Christian hatte erst wieder frei aufgeatmet, als der Wagen über die Landstraße raste, in panischer Flucht vor dem lodernden Grauen.
Sie standen eine Weile schweigend voreinander. Albrecht Wahnschaffe ergriff die Hündin Freia beim Halsband und sagte mit merklicher Überwindung: »Geh mit dir zu Rate, du hast Zeit; ich dränge dich nicht; ich werde warten. Wenn du die Umstände erwägst und dich selber prüfst, wirst du zu der Einsicht gelangen, dass ich dein Glück im Auge habe. Antworte mir also jetzt nicht, und wenn du mit dir im reinen bist, lass mich deinen Entschluss wissen.«
In einer Nebenstraße des belebtesten Viertels von Buenos Aires stand ein Haus, das der Familie Gunderam gehörte. Die Eltern Gottfried Gunderams hatten es gekauft, als sie Mitte des neunzehnten Jahrhunderts nach Argentinien gekommen waren. Damals war es billig gewesen; die Entwicklung der Stadt hatte inzwischen ein Objekt von hohem Wert aus ihm gemacht. Gottfried Gunderam erhielt verlockende Angebote, nicht bloß von Privatleuten, sondern auch von der Gemeinde, die das baufällige Haus niederreißen lassen wollte, um an seiner Stelle einen modernen Mietspalast zu errichten.
Aber Gottfried Gunderam blieb gegen alle Versuchungen taub. »Das Haus, in dem meine Mutter ihr Leben beschlossen hat, kommt nicht in fremde Hände, solang ich noch einen Atemzug in mir habe,« erklärte er.
Diese Hartnäckigkeit beruhte nicht so sehr auf kindlicher Pietät als vielmehr auf einem Aberglauben, der so stark war, dass er sogar seine Geldgier zum Schweigen brachte. Er fürchtete, die Mutter werde aus dem Grab aufstehen und sich an ihm rächen, wenn er das Stammhaus der Familie veräußerte und zerstören ließ. Gedeihen, Reichtum, gute Ernten und hohes Alter hingen nach seiner Meinung davon ab. Kein Unberufener durfte das Haus betreten.
Das Haus wurde von den Söhnen und Verwandten spöttischerweise der Escurial genannt; aber Gottfried Gunderam nahm von dem Spott keine Notiz und hatte sich allmählich daran gewöhnt, das Haus ebenfalls und in allem Ernst den Escurial zu nennen.
Einst, lange vor seiner Reise nach Deutschland, hatte Stephan dem Alten in einer Stunde, wo er getrunken hatte und bei guter Laune war, das Versprechen abgelistet, dass er den Escurial bekommen sollte, wenn er heiraten würde. Als er nun Lätizia heimgeführt hatte, rechnete er mit diesem Versprechen. Er wollte sich in Buenos Aires als Advokat niederlassen und die verlotterte Ruine, den Escurial, in einen behaglichen Wohnsitz verwandeln.
Er erinnerte den Vater an seine Zusage. Jedoch der Alte leugnete sie ihm rundweg ab. »Kannst du mirs schwarz auf weiß zeigen?« fragte er augenzwinkernd; »kannst dus nicht? Was willst du dann von mir? Was bist du für ein Rechtsgelehrter, wenn du ohne schwarz auf weiß eine Forderung realisieren willst?«
Der Alte sagte: »Das Weib, das du dir genommen hast, ist nicht nach meinem Geschmack. Sie passt nicht in unsre Verhältnisse. Sie ist eine Bücherleserin, pfui Teufel; ein weißhäutiges Püppchen ohne Rasse. Sie soll zufrieden sein mit dem, was sie hat. So dumm bin ich nicht, dass ich mich euretwegen in Unkosten stürze. Den Escurial zum Wohnen einzurichten, ist ein teurer Spaß, und Geld hab ich keins, absolut keins.«
Der böse Greis antwortete: »Mein letztes Wort sag ich noch lange nicht. Noch mindestens ein Dutzend Jahre nicht. Aber wir wollen einen Vergleich schließen, denn ich lebe mit den Meinen gern in Frieden. So höre: Wenn dein Weib niederkommt und einen Jungen auf die Welt bringt, sollt ihr den Escurial haben und fünzigtausend Pesos obendrein.«
Der Alte lachte trocken. »Bravo,« rief er und kniff die Augen zusammen, »jetzt bist du klug, ein kluger Rechtsgelehrter. Man sieht doch wenigstens, dass die Tausende nicht umsonst verstudiert sind.« Und mit auffallender Willigkeit setzte er sich an den Schreibtisch und verfasste die geforderte Erklärung.
Die einzige Bewohnerin des Escurial war eine neunzigjährige Mulattin, und um sie aus ihrer Höhle zu locken, musste man Steine ins Fenster werfen. Dann erschien sie, krumm, halb blind, in Lumpen gehüllt und mit einem gelben Auswuchs auf der Stirn.
Die Straße war vor einem Jahrhundert um einen Meter tiefer gelegt worden, deshalb war es nötig, dass vom Tor des Hauses eine Leiter herabgelassen wurde; die mussten Stephan und Lätizia erklimmen. Innen war alles verfault und vermodert, die Möbel und die Dielen. In den Ecken ballten sich Spinnweben wie Wolken, und fette, haarige Spinnen glotzten hervor. Die Tapeten hingen in Fetzen von den Wänden, die Fensterscheiben waren zerbrochen, die Kamine eingestürzt.
Aber in einem Raum, dem Sterbezimmer der Stammutter, stand ein Tisch mit schöner Intarsia, ein antikes Stück aus einem Sieneser Kloster. Die Intarsia zeigte zwei Engel, die Palmenzweige gegeneinander neigten, und zwischen ihnen kauernd einen Adler. Auf dem Tisch lagen alle Juwelen, die die Verstorbene besessen; Broschen, Ketten, Ohrgehänge, Ringe und Armbänder lagen hier seit Jahr und Tag, von dickem Staub bedeckt und durch den gespenstischen Ruf des alten Hauses besser geschützt als durch die vergitterten Fenster.
Jedoch als Stephan ihr seine Umbau- und Erneuerungspläne auseinandersetzte, wurde sie froh, und gleich verwandelten sich die Räume, in denen Verwesung herrschte, in einladende Gemächer, zierliche Boudoirs, helle, kühle Säle mit hohen Fenstern und Treppenaufgänge mit Teppichen und Estraden.
»Es liegt nur an dir, uns zu einem glücklichen und schönen Heim baldmöglichst zu verhelfen,« sagte Stephan; »ich für meine Person tue meine Pflicht; von dir kann man dasselbe nicht behaupten.«
Von Frist zu Frist musste sie ihre fehlgeschlagene Hoffnung bekennen. Der Escurial lag nach wie vor im Totenschlaf, und Stephans Gesicht wurde immer finsterer. Er schickte sie in die Kirche, dass sie beten solle; er streute gemahlene Walnüsse auf ihr Bett; er gab ihr Knochenpulver, in Wein gelöst, zu trinken; er ließ eine Frau kommen, die wirksamer Sprüche mächtig war, und Lätizia musste sich vor ihr entkleiden und ihren Leib, um den sieben brennende Kerzen aufgestellt waren, der zauberkräftigen Beschwörung unterwerfen. Und sie ging in die Kirche und betete, obwohl sie an das Gebet nicht glaubte, keine Andacht verspürte und von Gott nichts wusste. Sie erschauerte bei dem Gemurmel der italienischen Hexe, obwohl sie sich, wenn alles vorbei war, über das Kauderwelsch und den Hokuspokus lustig machte.
Sie zeugte im Geiste das Bild des Kindes, das ihr der Leib versagte. Sie sah es, unbestimmten Geschlechts, aber vollkommen in der Schönheit. Es blickte sie mit sanften Rehaugen an. Es hatte die Züge eines Raffaelschen Engels und die zarte Seele einer Ode von Hölderlin. Es war zu großen Dingen erkoren, und ein schwindelnder Lebensaufstieg stand ihm bevor. Der Gedanke an dies Traumwesen erfüllte sie mit schwärmerischen Empfindungen, und sie wunderte sich über Stephans Zorn und wachsende Ungeduld. Sie wunderte sich und war sich keiner Schuld bewusst.
Stephans Mutter, Donna Barbara, wie sie genannt wurde, sagte zu ihrem Sohn: »Ich habe deinem Vater acht geschenkt; acht lebendige Menschen. Drei sind gestorben, vier sind Männer geworden, deine Schwester Esmeralda will ich gar nicht zählen. Warum ist jene unfruchtbar? Züchtige sie, mein Sohn, schlage sie.«
Es war Abend und Christian ging ins Försterhaus. Schon war ihm der Weg selbstverständlich; über das Zwangvolle, das ihn hintrieb, gab er sich keine Rechenschaft.
Er trommelte mit den Fingern auf seinen Knien. Da Christian schwieg, begann er von der Magd Walpurga zu erzählen, die beim Großbauern Borsche, seinem Onkel, in Diensten stand.
»Sie ist im Dorf geboren, eine Häuslerstochter. Mit fünfzehn Jahren ging sie in die Stadt. Sie hatte viel gehört von dem schönen Leben in der Stadt und glaubte es wunder wie weit zu bringen. Sie kam in verschiedene Häuser, zuletzt zu einem Kaufmann; da war ein Sohn, der verführte sie, und wie es zu geschehen pflegt, man jagte sie davon. So ist es eben, dass diejenigen, die ohnehin die Opfer sind, auch noch die Strafe erleiden müssen.
Sie gebar ein Kind; das Kind starb. Mit ihr selber aber ging es tiefer und tiefer herab. Sie fiel einem Mädchenhändler als Beute zu, der brachte sie in ein Bordell, dort war ihres Bleibens nicht lange, danach wurde sie Straßendirne. Es war in Bochum und in Elberfeld, wo sie diesen Beruf ausübte, und es war ihr nicht wohl dabei, und sie kam ins Elend. Eines Tages wurde sie von Heimweh erfasst, sie raffte ihre letzte Kraft zusammen und kehrte ins Dorf zurück, bettelarm und krank am Körper, doch gewillt, sich ihr Brot zu erarbeiten, gleichviel um welchen Lohn und durch welche Plage.
Aber niemand wollte sie nehmen. Ihre Eltern waren tot, Verwandte hatte sie keine, so war sie der Gemeinde zur Last, und man ließ es sie entgelten. Eines Sonntags geschah es, dass der Geistliche von der Kanzel herab gegen sie wetterte. Zwar nannte er ihren Namen nicht, aber er sprach vom Lotterleben und vom Sündenpfuhl und von der Heimsuchung und von der Strafe und wie der Zorn des Herrn sich so sichtbar an einem Beispiel erfüllt habe, das vor aller Augen stehe. Da war sie gebrandmarkt und der öffentlichen Verachtung preisgegeben und beschloss, ihrem Dasein ein Ende zu machen. An einem Abend, als der Großbauer Borsche vom Wirtshaus heimging, sah er eine Frauensperson in gräßlichen Zuckungen mitten auf der Straße liegen. Es war Walpurga, die Stadthure, wie sie im Dorf allgemein geheißen wurde. Kein Mensch war in der Nähe; der Bauer hob sie auf seinen breiten Rücken und trug sie in seinen Hof. Sie hatte von vielen Zündhölzern den Phosphor abgeschabt und gegessen, und das bekannte sie. Da ließ ihr der Bauer Milch reichen, sie erholte sich und durfte auf dem Hof bleiben.
Manchen Tag konnte sie arbeiten und sich aufs Feld schleppen, manchen wieder nicht, da verkroch sie sich in einen Winkel und streckte sich hin. Die Knechte, so viel ihrer waren, betrachteten ihren Leib als herrenloses Gut, und dagegen half kein Sträuben. Erst als der Bauer zornig dazwischenfuhr, wurde es besser. Sie war erst dreiundzwanzig Jahre alt und hatte trotz Krankheit und erlittenen Elends ein blühendes Aussehen bewahrt; ihre Wangen waren immer gerötet, ihre Augen glänzten frisch. Und wenn sie nun nicht zur Arbeit ging wie die andern Mägde, so zogen diese über sie her und hießen sie ein betrügerisches Mensch.
Vor zwei Wochen kam ich auf einer Wanderung nach Nettersheim und kehrte bei Borsches ein. Sie bewillkommten mich freundlich, denn da sie mich als künftigen Geistlichen ansehen, gelte ich etwas bei ihnen. Sie redeten auch von Walpurga; der Bauer er zählte mir ihre Geschichte und bat, ich möge doch einmal zu ihr gehen und ihm sagen, ob ich ihre Krankheit für Verstellung halte. Auf meinen Einwand, weshalb er nicht den Arzt zu Rate ziehe, erwiderte er, der Doktor aus Heftrich sei bei ihr gewesen, habe jedoch nichts ausfindig machen können. Hierauf ging ich zu ihr. Sie lag im Stall, durch eine Bretterwand vom Vieh getrennt, vor der Erdbodenkälte durch eine Schicht Streu geschützt, eingehüllt in eine alte Pferdedecke. Ihre gesunden Farben und ihre volle Gestalt täuschten mich nicht, und ich sagte zum Bauern: Die glimmt nur noch so hin. Er und die Bäuerin schienen mir zu glauben, aber als ich sie aufforderte, die Kranke anständig unterzubringen und zu verpflegen, zuckten sie die Achseln und meinten, wärmer als im Stall sei es nirgends, und wer solle sich um ein so gemiedenes und armseliges Weibermensch groß kümmern und in Unbequemlichkeiten stürzen?
Am dritten Tag ging ich wieder hinüber und dann jeden andern Tag. Meine Gedanken konnten sich nicht mehr von ihr losreißen. In meinem ganzen Leben hat mir kein Mensch so ins Herz gegriffen. Sie konnte jetzt nicht mehr aufstehen, das sahen sogar die Böswilligsten. Ich saß bei ihr im dunstigen Verschlag, auf einer Holzbank neben der Streustelle. Mit jedem Mal wurde sie froher, wenn ich kam. Unterwegs pflückte ich Feldblumen, die hielt sie in den gefalteten Händen über der Brust fest. Man hatte ihr gesagt, wer ich sei, und allmählich hatte sie eine Menge Fragen an mich zu stellen. Sie wollte wissen, ob es ein ewiges Leben und eine ewige Seligkeit gebe. Sie wollte wissen, ob Christus auch für sie am Kreuz gestorben sei. Sie hatte Angst vor den Qualen des Fegefeuers und sagte, wenn es so schlimm sei wie alles, was sie unter den Menschen erfahren, jammere sie ihr unsterbliches Teil. Darin war keine Schmähung und keine Klage; sie wollte bloß wissen.
Und was konnte ich antworten? Dass Christus auch für sie das Kreuz auf sich genommen, versicherte ich ihr. Das übrige Fragen ließ mich stumm. Man ist so stumm und wild, wenn ein lebendiges Herz nach Wahrheit verlangt, und der gefrorene Christ da drinnen möchte auftauen zu neuem Tag und neuer Sonne. Sie verbrennen im Fegefeuer und fragen, wann es sie umfangen wird. Im Schwarzen sehen sie die Schwärze nicht, mitten in Flammen nicht den Brand. Wo ist Satans wahres Reich, hier oder dort? Und wo ›dort‹, auf welchem Stern, der noch verfluchter wäre? Man stößt den Armen aus dem Wege, steht geschrieben, sämtlich verkriechen müssen sich die Bedrängten des Landes; aus Städten röcheln Sterbende, die Seele tödlich Verwundeter schreit, und doch stellt Gott das Unrecht nicht ein. Und es steht geschrieben, dass der Herr zu Satan sprach: Woher kommst du? Und Satan antwortete: Vom Herumziehen auf der Erde und vom Aufspüren auf der Erde.
Sie bat mich, ihr Absolution von ihren Sünden zu geben, und sie beichtete mir ihre Sünden. Aber nichts von dem, was ihr sündig war, erschien mir sündig. Ich sah die Ödnis und Verlassenheit; die öden Stuben sah ich, die schaurigen Wände, die Straßen bei der Nacht mit flackernden Laternen, die einsamen Menschen mit ihren Augen ohne Gnade, und des Wortes gedachte ich: Man bricht im Dunkel in die Häuser, bei Tage sperren sie sich ein und kennen nicht das Licht. Das sah ich, das dachte ich, und ich sprach sie frei von Schuld, auf mein Gewissen. Ich sprach sie frei und verhieß ihr das Paradies. Da lächelte sie mich an, bat mich um meine Hand und küsste sie, eh ich es hindern konnte. Das war gestern.«
Amadeus schwieg. »Das war gestern,« wiederholte er nach langem Sinnen, »und heute bin ich nicht hingegangen aus Furcht vor ihrem Sterben. Sie ist vielleicht schon tot.«
Eine Stunde später waren sie im Hof des Großbauern. Die Stalltür war offen. Knechte und Mägde standen davor. Ein alter Knecht hielt eine Laterne hoch im Arm, und alle schauten hinein in den Holzverschlag. Ihre Gesichter in dem bewegten und ungenügenden Licht zeigten eine verwunderte Andacht. Drinnen auf der Streu lag der Leichnam der Walpurga mit Wangen wie Rosen. Nichts in dem Antlitz erinnerte an den Tod, alles an einen friedlichen Schlaf.
Amadeus Voß schritt durch die Gruppe der Knechte und Mägde hindurch und kniete zu Füßen der Leiche nieder. Der alte Knecht, der die Laterne hielt, flüsterte etwas, da knieten auch die Knechte und Mägde auf den Boden und falteten die Hände.
Eine Kuh blökte laut, dann hörte man nur das Klingeln der Glocken am Hals der beunruhigten Rinder. Die Dunkelheit im Stall, das Antlitz der Toten, das wie ein gemaltes Bild war, die vom Licht der Laterne gelb beglühten Gesichter der Knienden mit ihren stumpfen Stirnen und hartgeschlossenen Lippen; das alles sah Christian mit aufgelockertem Gefühl.
Als Amadeus Voß wieder zu Christian hinausgetreten war, kam der Schreiner des Dorfs, um an der Toten das Maß für den Sarg zu nehmen. Sie begaben sich auf den Heimweg, ohne miteinander zu sprechen.
Mitten im Gehen hielt Christian plötzlich inne. Es war bei einem Wegweiser; er umklammerte den Pfahl mit beiden Händen, legte den Kopf zurück und blickte mit tiefer Gespanntheit in die ziehenden Nachtwolken. Da hörte er Amadeus Voß sagen: »Wärs möglich? Wärs möglich?«
»Mir wird in Ihrer Nähe ganz eigen, Christian Wahnschaffe,« sagte Voß tonlos und gepresst; dann murmelte er vor sich hin: »Wärs möglich? Könnte das Ungeheuerliche geschehen?«
Crammon hatte Gäste. Nicht bei sich zu Hause, dort verboten sich gewisse Zusammenkünfte durch die respektable und unschuldige Nähe der beiden alten Fräuleins Aglaja und Konstantine von selbst. Es wäre kummervoll und eine nicht zu verwindende Enttäuschung für die guten Damen gewesen, die von der Tugendhaftigkeit ihres Gebieters und Beschützers so überzeugt waren wie von des Kaisers Majestät.
In früheren Jahren hatte es allerdings bisweilen geschienen, als wandle der Angebetete nicht immer auf einwandfreien Pfaden. Man hatte ein Auge zugedrückt. Jetzt aber, so gesetzt und sonor, wie er sich gab, wagte sich kein Zweifel mehr an ihn.
Crammon hatte seine Gäste in den Sonderraum eines vornehmen Hotels geladen, in welchem er bekannt und hoch geehrt war. Die Gesellschaft setzte sich zusammen aus einigen jungen Männern von Adel, gegen die er Verpflichtungen hatte, und, was den weiblichen Teil betraf, aus einem Vierteldutzend Schönheiten, gerade so unterhaltsam, so elegant und so willig, als es für den Zweck wünschenswert war. Crammon nannte sie seine Freundinnen, aber es war etwas Schläfriges und Verdrießliches in der Art, wie er sie behandelte; er gab ihnen einfach zu verstehen, dass er nur der geschäftliche Leiter der Partie und mit seinem Herzen ganz und gar nicht bei der Sache sei.
In der Tat war niemand zugegen, für den er nicht Gleichgültigkeit empfunden hätte. Am sympathischsten war ihm der alte Klavierspieler mit den langen grauen Locken, der immer die Augen schloss und träumerisch lächelte, wenn er ein melancholisches oder schmachtendes Stück vortrug, genau wie vor zwanzig Jahren, als Crammon noch ein Himmelstürmer gewesen war. Er steckte ihm Süßigkeiten und Zigaretten zu und klopfte ihm manchmal liebreich auf die Schulter.
Die Tafel bog sich unter der Last der Speisen und der Weine. Man streute Pfeffer in den Sekt, um den Durst zu steigern. Die Herren vergnügten sich beim Kirschenessen damit, dass sie die Kerne in die Halsausschnitte der Damen warfen, diesen wieder gelang immer besser der Versuch, das Gesetz der Erdanziehung zu umgehen; ihre reizenden Schuhe und in Seide und Spitzen raschelnden Beine waren an Orten zur Schau gestellt, wo man vordem ehrbar und vertikal gelebt hatte. Die beweglichste unter ihnen, eine beliebte Soubrette, erstieg die Plattform des Flügels, und begleitet von dem graugelockten Künstler schmetterte sie das Couplet der letzten Mode in den Raum.
Im Korridor lehnte einsam und etwas müde der Oberkellner Ferdinand an einem Spiegelrahmen. Eine zarte Vertraulichkeit von zwei Dezennien verband Crammon mit diesem Mann, der nie in seinem Leben indiskret gewesen war, so viele Geheimnisse er auch schon erlauscht hatte.
Crammon seufzte. Er gab Auftrag, den Herrschaften, falls sie nach ihm fragten, zu melden, dass er sich unpäßlich gefühlt habe und nach Hause gegangen sei.
An der Treppe vor der Wohnungstür stand Fräulein Aglaja. Sie hatte ihn kommen gehört und war vor die Tür geeilt. Crammon erschrak, denn es war spät in der Nacht.
»Es ist eine Dame im Salon,« flüsterte Fräulein Aglaja; »seit acht Uhr abends sitzt sie da und wartet. Sie hat uns so flehentlich gebeten, bleiben zu dürfen, dass wir nicht das Herz hatten, sie wegzuschicken. Es ist eine noble Dame, ein liebes Gesicht –«
»Leute, die meine Wohnung betreten, haben ihren Namen zu nennen,« brauste Crammon auf; »bin ich ein Bahnhof? Bin ich eine Wärmestube? Gehen Sie hinein und fragen Sie, wer sie ist. Ich bleibe indessen hier.«
Nach ein paar Minuten kam das Fräulein zurück und sagte in mitleidigem Ton: »Sie schläft. Sie ist im Sessel eingeschlafen. Sie können sie aber sehen; ich habe die Tür ein wenig offen gelassen.«
Auf den Fußspitzen schlich Crammon über den Flur und spähte in das erleuchtete Zimmer. Er erkannte die Schlafende sogleich. Es war Elise von Einsiedel. Sie schlummerte mit zurückgelehntem und zur Seite geneigtem Kopf. Ihr Gesicht war blass, die Augen waren dunkel umrändert, der linke Arm hing schlaff herab.
Mit aller Vorsicht, deren er fähig war, schloss er die Tür, dann zog er Fräulein Aglaja zur Treppe hinaus und sagte: »Die Anwesenheit einer Dame verbietet mir selbstverständlich, in meinem Hause zu übernachten. Ein Bett für mich wird sich irgendwo finden. Ich hoffe, Sie billigen meinen Entschluss.«
Von soviel Sittenstrenge und Enthaltsamkeit hingerissen, sah ihn Fräulein Aglaja wortlos an. Crammon fuhr fort: »Morgen mit dem frühesten packen Sie meine Koffer und bringen sie mir um halb elf Uhr zum Ostendexpreß. Konstantine mag Sie begleiten, damit ich von euch beiden Abschied nehmen kann. Die Dame drinnen soll bleiben, solang es ihr gefällt. Bewirten Sie sie; erfüllen Sie ihr jeden Wunsch; sie hat Kummer und bedarf der Schonung. Wenn sie sich nach mir erkundigt, sagen Sie, ich sei wegen dringlicher Geschäfte abgereist.«
Hiermit ging er die Treppe hinunter. Bestürzt und wehmütig blickte ihm Fräulein Aglaja nach. »Gute Nacht, Aglaja,« rief er vom Hausflur aus noch einmal zurück. Dann fiel das Tor ins Schloß.
Es war in den letzten Tagen des April, als Christian eine Depesche Eva Sorels erhielt. Der Wortlaut war: Eva Sorel wird vom dritten bis zum zwanzigsten Mai im Hotel Adlon in Berlin sein und erwartet Christian Wahnschaffe dort mit Bestimmtheit.
Christian las die Zeilen mehrere Male. In seinem innern und in seinem äußern Leben hatte sich alles zu einem Wendepunkt vorbereitetet. Er wusste, dass dieser Ruf eine Entscheidung für ihn bedeutete, deren Art und Tragweite ihm jedoch unbekannt war.
Seit einigen Wochen war eine Unruhe in ihm, die in der Nacht zu stundenlanger Schlaflosigkeit wuchs. An manchen Tagen hatte er das Auto kommen lassen, um in eine der nahen Städte zu fahren. Wenn der Wagen auf halbem Wege war, befahl er dem Chauffeur, umzukehren.
Er war nach Waldleiningen gegangen und hatte seine Pferde geliebkost und mit seinen Hunden gespielt. Da hatte ihn das Gefühl eines Schülers überfallen, der sich durch lügenhafte Entschuldigungen Freiheit verschafft, und seine Lust an den Tieren war dahin gewesen. Seinen Lieblingshund, eine herrliche graue Dogge, umschlang er beim Abschied, und während sie einander in die Augen blickten, schien Christian, der entlaufene Schüler, sagen zu wollen: Ich muss erst meine Prüfung ablegen, worauf der Hund antwortete: Ich begreife, du musst fort.
Dass das Vollblut beim Rennen in Baden-Baden laufen sollte, war ausgemacht; der irische Jockei war voll Zuversicht. Aber am Tage, nachdem Christian Waldleiningen verlassen hatte, wurde ihm mitgeteilt, das Tier sei wieder anfällig geworden. Christian dachte: Sicher hab ich ihm mit meiner Liebe zu stark zugesetzt; es entbehrt nun die Hand, die ihm so schöngetan; wie einsam muss es sich fühlen ohne die Hand, die es liebte.
Mit Anbruch des Frühlings waren täglich Gäste aus den Städten nach Christiansruh gekommen. Doch Christian hatte selten jemand empfangen. Einen allein ertrug er schwer. Wenn es zwei waren, gaben sie einander Rede und Antwort und erleichterten ihm das Schweigen.
Eines Tages kamen Konrad von Westernach und Graf Prosper Madruzzi mit Grüßen von Crammon. Sie befanden sich auf einer Reise nach Holland. Christian lud sie zum Essen, war aber äußerst wortkarg. Konrad von Westernach sagte später in seiner derben Art zu Graf Prosper: »Was für ein wunderliches Lächeln der Mensch an sich hat; man weiß nicht, ist er ein bisschen albern oder macht er sich über einen lustig.«
Christian hatte dem Diener Befehle wegen der Reise erteilt und war in die Treibhäuser gegangen, wo die Gärtner arbeiteten. Inzwischen war die Dämmerung eingebrochen. Tagsüber hatte es geregnet, jetzt tropften nur noch die Bäume. Das junge Grün hob sich leuchtend gegen die Abendröte ab; die Fenster des schönen Hauses waren in Gold getaucht.
Christian hatte Amadeus Voß aufgefordert, er möge sich der Bibliothek nach seinem Gefallen bedienen, ohne Rücksicht, ob er selbst zu Hause war oder nicht. Die Dienstleute waren entsprechend unterrichtet. Voß hatte sich erboten, einen Katalog anzufertigen; bis jetzt hatte er keine Anstalten dazu getroffen; er stöberte bloß, und wenn ihn ein Buch interessierte, fing er an zu lesen und vergaß die Zeit.
Auch im Bibliotheksaal lag die Abendröte. Voß war gerade beschäftigt, eine Menge Bücher, fünfzig oder sechzig, die er aus den Regalen genommen, auf dem großen Eichentisch in Stößen aufzuschichten.
»Weil mich nach einem Autodafe gelüstet. Es ist nichtsnutziger und verworfener Kram, die Pest eitler und träger Gehirne. Spüren Sie nicht das Gift davon in der Atmosphäre?«
Amadeus Voß, der seit drei Uhr nachmittags in der Bibliothek war, hatte hier etwas Merkwürdiges erlebt. Beim Herumsuchen in den Regalen hatte er in einem von ihnen ein Paket zusammengebundener Briefe entdeckt; es war vermutlich durch Zufall hinter die Bücher geraten und dort vergessen worden. Er hatte ein paar Zeilen des zu oberst liegenden Briefes gelesen; aus den ersten Worten schon hauchte ihm die Glut einer Seele entgegen. Da hatte er sich nicht enthalten können, das Paket aufzuschnüren; er war mit den Briefen in einen Winkel geschlichen und hatte sie der Reihe nach mit fiebernden Blicken durchflogen.
Einige waren datiert; das Datum war zwei Jahre alt. Unterschrieben waren sie nur mit einem F. Eine solche Fülle der Liebe, der Hingebung, der Vergötterung, der Entselbstung lag in jedem Ausdruck, in jeder Wendung, in jedem Bild, ein so wilder und zugleich geistig duftender Strom von Zärtlichkeit, Schmerz, Glück und Sehnsucht, dass Amadeus Voß aus einer Schein- und Schattenwelt in eine wirkliche schlüpfte, in der doch alles wieder nur gedichtet und ihm hingestellt war als betrügerische Lockung.
Und diese unbekannte F., dieses beredte, glänzende, ergriffene und für ihn namenlose Wesen, wo war sie jetzt? Was hatte sie mit ihrer Liebe gemacht? Zwischen manchen Blättern lagen gepresste Blumen; war die Hand schon verwelkt, die sie gepflückt? Und was hatte er aus dieser Liebe gemacht, der demütig Umworbene, der achtlose Verschwender? Dem damals Zwanzigjährigen war doch nur Zeitvertreib gewesen, was dies erfüllte Herz als Schicksal traf, und er hatte es zertreten und verbraucht, ein Reicher, der nicht zählt und rechnet.
Je weiter er las, je tiefer bohrte sich der Stachel in Amadeus' Brust. Die Telchinen bekamen Gewalt über ihn. Er wurde abwechselnd blass und rot. Seine Finger zitterten; sein Gaumen vertrocknete; in seinem Kopf stach es wie mit Nadeln. Wäre Christian jetzt eingetreten, er hätte sich in schäumendem Haß auf ihn geworfen, um ihn zu würgen oder die Kehle zu durchbeißen. Hier war das Unerringbare, das ewig verschlossene Tor, vor das der Dämon ihn hingeschmettert.
Dumpf brütend saß er lange; dann, nach scheuem Umherblicken, steckte er die Briefe in seine Tasche. Und dann erwachte die Begierde, etwas zu zerstören, zu vernichten; er wählte Bücher als die Opfer dazu und wartete mit zurückgedrängter Erregung auf Christians Kommen.
»Es ist fast lauter zeitgenössischer Schund,« sagte er trocken und wies auf die Bücher. »Geschichten wie aufgedröseltes Garn; verworren, ohne Anfang, ohne Ende. Liest man eine Seite, so kennt man tausend. Sittenschilderungen mit dem Behagen am Kleinen und Gemeinen. Die Gefühle wuchern wie Unkraut, und der Stil ist so lärmend, dass einem Hören und Sehen vergeht. Liebe, Liebe und wieder Liebe. Oder Elend, Elend und wieder Elend. Da sind auch Historien und Memoiren; der pure Klatsch. Gedichte; schale Reimereien von Leuten, die sich aufplustern. Eine Popularphilosophie; selbstgerechtes Geschwätz; ein überzeugter Pfaff ist mir lieber. Was soll das alles? Lesen ist gut; wenn der Geist mich aufnimmt, ist es gut, sich zu vergessen und zu verlieren. Aber der Ungeist hat keine Ehrlichkeit und keine Phantasie; er ist ein Dieb und ein Schwindler.«
Amadeus Voß ging zu dem Marmorkamin, der so groß war, dass ein Mann bequem sein Lager darin aufschlagen konnte, und öffnete das geschmiedete Gitter. Dann trug er die Bücher Stapel um Stapel hinüber und warf sie auf die steinernen Platten. Als er alle hineingeworfen hatte, zündete er die Blätter eines Buches an und schaute mit gesenktem Kopf zu, wie sich die Flamme verbreitete.
»Machen Sie mich nicht durch Almosen zum Bettler, Christian Wahnschaffe,« antwortete Voß. »Und wenn Sie mir das ganze Haus schenken, mit allen seinen Gärten und Wäldern, so bin ich eben um das Haus und die Gärten und Wälder ärmer.«
Amadeus blieb vor einem in die Nische gebauten Pult stehen. Auf diesem lag die alte Bibel, die Christian gekauft. Sie war aufgeschlagen. Die Flamme von den brennenden Büchern loderte so hell, dass er die Worte lesen konnte. Er las eine Weile still, dann nahm er das Buch, ging zum Kamin, setzte sich Christian gegenüber und las laut:
»Freue dich, Jüngling, in deiner Jugend, und lass dein Herz guter Dinge sein und folge den Gelüsten deines Herzens und den Blicken deiner Augen. Aber wisse, dass dich Gott über dieses alles zu Gericht ziehen wird.«
»Gedenke an Gott in deiner Jugend, ehe kommen die Tage des Unglücks und die Jahre, von denen du sagen wirst: sie gefallen mir nicht. Eh verdunkeln Sonne und Tageslicht und Mond und Sterne und wiederkehren die Wolken nach dem Regen. Eh die Hüter des Hauses zittern, und sich krümmen die Stärksten, und die Mühlen stillstehen, weil es menschenleer geworden, und es denen dunkel wird, die durch die Fenster sehen. Eh verschlossen bleiben die Straßentüren und man erwacht beim Laut eines Vogels und verstummen die Töchter des Gesangs. Eh verachtet wird der Mandelbaum, und lästig wird die Zikade, und die Kapern dahin sind, und der Mensch in sein ewiges Haus gehet. Eh der Silberstrick reißt, und die goldene Ölflasche verrinnt, und der Eimer am Born zerbrochen und das Rad am Brunnen zertrümmert wird ...«
Er hielt inne. Christian, der kaum zuzuhören schien, hatte sich erhoben und war dicht an das Gitter des Kamins getreten. Nun kauerte er sich mit untergeschlagenen Beinen nieder und schaute mit einem Ausdruck heiteren Staunens in die Flammen.
»Lassen Sie mich mit Ihnen gehen,« sagte Voß dringlicher; »es ist möglich, dass Sie mich brauchen, gewiss aber ist, dass ich ohne Sie verloren bin. In mir ist die Finsternis, in mir ist der Teufel. Sie allein können ihn bannen. Warum es so ist, weiß ich nicht; dass es so ist, weiß ich. Lassen Sie mich mit Ihnen gehen.«
Sie war bei einer uralten Fürstin Neukirch in Berchtesgaden zu Gast, langweilte sich dort und ging nach Venedig, Ravenna und Florenz. Mit dem Baedeker und dem Cicerone ausgerüstet, besah sie sich die Galerien, die Kirchen, die Basiliken, die Palazzi, die Grabmäler, die Monumente und setzte das Fräulein Stöhr durch ihre Unermüdlichkeit in Verzweiflung.
Sie zankte mit den Gondolieri um das Fahrgeld, mit den Kellnern um das Trinkgeld, mit den Geschäftsleuten um die Preise der Waren. Jede Münze hielt sie für falsch und berührte aus Angst vor Schmutz und Ansteckung keine Türklinke, keinen Stuhl, keine Zeitung und keines Menschen Hand. Sie wusch sich ununterbrochen, kreischte ununterbrochen und erregte durch ihren Appetit Aufsehen an der Table d'hote.
Mit Groll im Herzen schied sie aus dem Land der Wunder und des kleinen Betrugs. Sie besuchte ihre Neffen in Berlin, die Brüder Stojenthin, die sich hochentzückt zeigten, sie zu sehen und bei Austern und Champagner eine Anleihe von tausend Mark bei ihr machten. Dann fuhr sie zu ihren Schwestern Hilde Stojenthin und Else von Febronius nach Stargard.
Sie amüsierte sich über die Damen von Stargard, von denen ihr jede einen Hofknicks schuldig zu sein glaubte. Bei den Kaffeekränzchen thronte sie in der Mitte eines Kanapees, welches einen getüpfelten Kattunbezug hatte. Da erzählte sie der andächtig lauschenden Runde Geschichten aus der großen Welt. Sie waren manchmal so gewagt, dass die Amtsrichterswitwe ihre gräfliche Schwester warnend in den Arm zwickte.
Frau von Febronius kränkelte seit Beginn des Winters. Durch eine unvorsichtige Schlittenfahrt zog sie sich eine Brustfellentzündung zu, die alsbald eine Wendung zum Schlimmen nahm. Die Gräfin, welche Krankheiten nicht nur für sich fürchtete, sondern auch an andern haßte, wurde unruhig und sprach von Abreise.
»Als mein seliger Mann sein Ende kommen sah, schickte er mich nach Mentone,« sagte sie zu Fräulein Stöhr; »so dumm und verständnislos er sonst war, nicht dümmer und verständnisloser übrigens als alle Männer, in diesem Punkt zeigte er ein lobenswertes Zartgefühl. Ich bin nun einmal nicht für den Anblick von Leiden geschaffen. Das Karitative liegt mir nicht.«
Fräulein Stöhr machte ihre geistlichen Augen, mit Blick nach oben. Sie kannte ihre Gebieterin zur Genüge, um zu wissen, dass die Geschichte von dem sterbenden Grafen und der Verschickung nach Mentone ein Erzeugnis der Einbildungskraft war. Sie sagte: »Der Mensch sollte sich beizeiten an den Todesgedanken gewöhnen, Frau Gräfin.«
Die Gräfin erwiderte entrüstet: »Liebe Stöhr, sparen Sie sich die Brahminenweisheit für Zeiten der Not. Geistliche Tröstungen sind nicht mein Fall. Ihre Aufgabe ist es nicht, mir Wahrheiten zu predigen, sondern mich angenehm zu täuschen.«
Eines Abends verlangte Frau von Febronius nach der Gräfin. Die Gräfin ging zu ihr, in Hut und Schleier, mit dicken Wollhandschuhen, angstbleich. Seufzend setzte sie sich an das Bett der Schwester und maß die Entfernung daraufhin ab, dass sie außer dem Atembereich der Kranken blieb.
Frau von Febronius lächelte nachsichtig. Die Krankheit hatte die Sorgenfurchen und die Alltagstraurigkeit aus ihren Zügen gewischt, und in den weißen Kissen ähnelte sie auffallend ihrer Tochter Lätizia. »Verzeih die Belästigung, Marion, aber ich muss mit dir reden,« begann sie; »ich habe etwas auf dem Herzen, es beschwert mich, und ich muss es einem Menschen anvertrauen, damit es einer weiß, der mich kennt, und es nicht mit mir ins Grab geht.«
»Ich beschwöre dich, Elschen, mein gutes, armes Kind, sprich nicht von Grab und solchen Sachen,« rief die Gräfin weinerlich; »da schmeckt mir eine Woche lang kein Bissen mehr. Folge mir, wirf die Arzneiflaschen aus dem Fenster, und jag die Quacksalber zum Teufel, so bist du übermorgen gesund. Ich flehe dich an, lass auch das Beichten sein; es ist ja gräßlich, woran einen das erinnert.«
Frau von Febronius fuhr fort: »Es nützt nichts, Marion, es muss heraus. Ich wende mich an dich, weil du Lätizia soviel Liebe erwiesen hast und weil Hilde, so verständig und treu sie ist, mich doch nicht recht begreifen würde. Sie denkt zu bürgerlich dazu.«
Nun erzählte sie flüsternd die Geschichte von Lätizias Geburt. Wie ihr Mann durch ein frühes Leiden der Hoffnung auf Nachkommenschaft beraubt worden; wie er sich trotzdem nach einem Sohn, einem Kind überhaupt gesehnt, und wie dieser Wunsch schließlich alle Bedenken verscheucht, alle andern Empfindungen dermaßen zurückgedrängt habe, dass ein Fremder, für den er Sympathie gefasst, von ihm erwählt wurde, das Geschlecht fortzupflanzen. Wie er sie, die Frau, die er mehr als alles geliebt, hiezu überredet und sie nach langem Kampfe endlich in das unerhört Sonderbare gewilligt; wie aber, als das Kind dagewesen, eine wachsende Melancholie sich des Mannes bemächtigt habe und zu einem unheilbaren Übel geworden sei, unter dessen Gewalt er sein Haus, sein Vermögen, sich selbst zugrunde gerichtet. Von dem Glück, das ihm sein Wahn vorgemalt, habe er nichts verspürt; im Gegenteil, er habe Lätizia stets eine verächtliche Abneigung fühlen lassen und sei ihr aus dem Weg gegangen, wo er es gekonnt.
»Mich wundert das gar nicht,« bemerkte die Gräfin; »du warst ungewöhnlich naiv, Liebchen, wenn es dich gewundert hat. Kuckuckskind ist Kuckuckskind; auf welche Manier es ins Nest kommt, spielt keine Rolle. Immerhin, es ist eine märchenhafte Begebenheit, und ich sehe, dass ich dich unterschätzt habe und dass dus hinter den Ohren hast. Und wer ist der Vater des Kindes? Wer hat meinen süßen Engel in die Welt gesetzt? Der Mann ist unter allen Umständen zu loben.«
Frau von Febronius nannte den Namen. Da schrie die Gräfin auf und fuhr von ihrem Sitz empor wie gestochen. »Crammon? Bernhard von Crammon?« Sie schlug die Hände zusammen. »Ist das wahr? Träumst du nicht? Überleg dirs, Liebchen; du fieberst. Ach ja, du delirierst. Trink einen Schluck Wasser, tu mir den Gefallen, und dann denk einmal genau nach und rede keinen Unsinn mehr.«
»Ja, ich kenne ihn,« antwortete die Gräfin erbittert, »ich kenne ihn. Und sag mir das eine: weiß er es, dieser ... dieser Mensch? Hat er es immer gewusst?«
»Er weiß es. Er hat Lätizia vor zwei Jahren in Klein-Deussen gesehen, seitdem weiß er es. Aber du tust ja, als sei er der Gottseibeiuns, Marion. Hast du Zank mit ihm gehabt, oder was war sonst? Wie du nur alles übertreibst!«
Die Gräfin ging erregt hin und her. »Er weiß es, das Scheusal,« murmelte sie; »er hat es gewusst, der Bösewicht. Und solche Verstellung! Solche Heuchelei! Warte nur, Scheusal, das werd ich dir eintränken; warte nur, Bösewicht, ich werde dich zu finden wissen!« Sich an die Schwester kehrend, sagte sie laut: »Entschuldige, Elschen, aber das Temperament ist wieder einmal mit mir durchgegangen. Du hast recht, der Name hat einen verjährten Zorn in mir wachgerüttelt. Ich koche, ich kann nichts andres sagen als: ich koche. Gewiss war der Mann in seiner Jugend ein Ehrenmann und Kavalier, da du dich in so verwegene Dinge mit ihm eingelassen hast. Was er heute ist, will ich nicht näher untersuchen. Verschwiegen ist er noch immer, darüber kannst du beruhigt sein; es gibt aber eine Grenze für die Verschwiegenheit, behaupte ich, und wo die überschritten wird, schütteln die honetten Leute den Kopf, und die Tugend sieht aus wie Niedertracht. Voilà.«
»Was du da vorbringst, ist mir rätselhaft,« antwortete Frau von Febronius müde, »und ich habe auch keine Lust, es zu ergründen. Ich wollte dir ein Geheimnis mitteilen, das mich bedrückt hat. Bewahre es bei dir, und mache nur dann Gebrauch davon, wenn du durch seine Eröffnung ein Unglück verhüten oder Lätizia einen Dienst erweisen kannst. Zwar seh ich nicht, wie es dazu kommen soll, aber der Gedanke tröstet mich, dass außer mir und jenem Mann noch ein Mensch um das Geschehene weiß.«
Zu dieser Zeit hatte die Gräfin schon längst das Weite gesucht. Ihr Tun und Treiben war planlos und vielfältig wie je, aber ihre stets gehegte Lieblingsvorstellung war: Crammon zu treffen, mit dem neuen Wissen ihm gegenüberzutreten, Rache an ihm zu üben, ihn herauszufordern und niederzuschmettern, kurz, über ihn zu triumphieren. Bisweilen, wenn sie allein war oder auch im Beisein von Fräulein Stöhr, die sich darüber erstaunt zeigte, furchte sich plötzlich die kindliche Stirn der Gräfin, ihre kleinen Fäuste ballten sich, ihr glattgescheuertes Gesicht wurde krebsrot, und ihre Vergißmeinnichtaugen blitzten kampfdurstig.
Es war drei Uhr nachts, als Felix Imhof eine Gesellschaft in der Leopoldstraße verließ, wo hoch gespielt worden war. Er hatte einige tausend Mark gewonnen, und in seiner Manteltasche klirrten Goldstücke, die er achtlos hineingeschüttet hatte.
Heimzugehen hatte er trotzdem noch keine Lust; so trat er in ein Kaffeehaus, in welchem Künstler verkehrten. Er erwartete noch einige Leute zu finden, mit denen er schwatzen und streiten konnte. Der gelebte Tag war ihm noch nicht voll genug; es sollte noch mehr Leben hinein.
In dem verräucherten Lokal saßen nur zwei Menschen, der Maler Weikhardt, der vor kurzem aus Paris zurückgekehrt war, und ein andrer Maler, der ziemlich verlumpt aussah und trübsinnig auf die Tischplatte stierte.
Felix Imhof setzte sich zu ihnen, bestellte Kognak, schenkte den beiden ein, vermochte jedoch zu seinem Ärger kein Gespräch in Gang zu bringen. Er erhob sich und forderte Weikhardt auf, ihn zu begleiten. »Na, Sie oller Farbenreiber,« wandte er sich verächt lich-jovial an den Verlumpten, »bei Ihnen scheint der Spiritus ausgebrannt zu sein.«
Felix Imhof griff in die Manteltasche und warf ein paar Goldstücke auf den Tisch. Der Maler blickte empor, dann raffte er die Goldstücke zusammen. »Hundertsechzig Mark,« sagte er gelassen; »wird am Ersten zurückgezahlt.«
»Er glaubt daran,« bemerkte Weikhardt gutmütig, als sie auf die Straße traten; »wenn er nicht felsenfest daran glaubte, hätte er das Geld nicht genommen. Es sind noch elf Tage bis zum Ersten; eine Menge Platz für Illusionen.«
»Mag sein, dass er daran glaubt,« erwiderte Imhof mit seinem trunkenen Lachen, »mag sein. Er glaubt ja auch, dass er existiert, und ist doch bloß ein trauriger Kadaver. Ihr Maler, o ihr Maler!« rief er tobend in die stille Nacht, »ihr spürt ja nicht das Leben. Malt mir doch das Leben, ihr Maler! Ihr hockt noch am Spinnrocken statt am gewaltigen Schwungrad mit sechzehntausend Pferdekräften. Malt mir doch meine Zeit! meine ungeheure Daseinswollust! Riecht, schmeckt, greift, schaut den Koloß! Lasst mich den großen Rhythmus fühlen, gestaltet mir meine grandiosen Träume, bestätigt mich, bejaht mich, schafft mir Leben!«
Weikhardt sagte lakonisch: »Dergleichen hab ich oft gehört zwischen Mitternacht und Morgengrauen. Wenn der Hahn kräht, gibt man sich wieder zufrieden, und jeder Gaul zieht den Karren, vor den er gespannt wird.«
Imhof blieb stehen, legte Weikhardt etwas theatralisch die Hand auf die Schulter und sah ihn mit seinen pechschwarzen, blutunterlaufenen Augen starr an. »Ich mache eine Bestellung bei Ihnen, Weikhardt,« sagte er. »Sie haben Talent; Sie sind der einzige hier, der von der Palette los kann. Porträtieren Sie mich. Es mag kosten, was es will, zwanzigtausend, fünfzigtausend, ganz gleich. Es mag dauern, solange es will, zwei Monate oder zwei Jahre. Aber mich müssen Sie mir zeigen, mich, mich. Abstrahieren Sie von dieser Geiernase, von dieser Habsburgerlippe, von diesen Gorillaarmen und Spinnenbeinen, von diesem Frack und diesem Chapeau claque und geben Sie die Idee davon. Ich pfeife auf meine zufällige Visage, die aussieht, als ob ein boshafter Töpfermeister dran herumgepfuscht hätte. Geben Sie meinen Ehrgeiz, meine Unruhe, meine innere Farbigkeit, mein Tempo, meinen Hunger, meine Zeithaftigkeit. Aber beeilen Sie sich. Ich verbrenne schnell. In ein paar Jahren bin ich hin. Meine Seele ist wie Zunder. Photographieren Sie diesen Prozess mit dem göttlichen Objektiv der Kunst, und ich bezahle Sie mediceisch. Aber ich muss die Flamme sehen, den Aufstieg, den Untergang, die Zuckungen, alles will ich sehen, und wenn darüber die ganze Tradition seit Raffael und Rubens in Fetzen ginge.«
»Sie sind ein kühner Mann,« sagte Weikhardt trocken; »haben Sie Geduld mit uns und mäßigen Sie die Bewunderung für das Jahrhundert. Ich lasse mich nicht von der Zeit übertölpeln. Die ehrfürchtigen Schauder vor der Geschwindigkeit und vor der Maschine kenn ich nicht, von denen viele unsrer jungen Leute jetzt befallen sind wie von einer neuartigen Epilepsie. Ich empfinde nun einmal keine Andacht vor Siebenmeilenstiefeln, D-Zügen, Dreadnoughts und aufgebauschten Impressionen; ich suche mir meine Götter woanders; und Ihr Maler, scheint mir, bin ich nicht. Sie waren wieder unterwegs, waren verreist?«
»Ich bin immer unterwegs,« versetzte Felix Imhof. »Eigentlich doll, so ein Leben. Hören Sie, wie ich die letzten fünf Tage verbracht habe. Montag abends fuhr ich nach Leipzig. Früh neun Uhr Verhandlung mit einigen Schriftstellern wegen Gründung einer neuen Revue. Prachtvolle Kerle, lauter Frondeure und Jakobiner. Dann Besichtigung einer Majolikenausstellung. Schöne Dinge gekauft. Mittags nach Hamburg; im Coupe zwei Romane und ein Drama in Handschrift gelesen; junges Genie, wird riesiges Aufsehen machen. Abends Sitzung der Ostafrikanischen Gesellschaft, bis spät in die Nacht gekneipt, zwei Stunden geschlafen, dann nach Oldenburg zu einem alten Herrenfest der Offiziere meines ehemaligen Regiments; viel geredet, getrunken, getanzt, wenn auch ohne Damen. Sechs Uhr morgens nach Quackenbruck, schäbiges Land- und Moorstädtchen, wo kleines Offiziersrennen gelaufen wurde. Ich wurde um einen Kopf geschlagen. Im zweiräderigen Jagdwagen zur Bahn; am andern Morgen Berlin; Geschäfte im Auswärtigen Amt erledigt, Agenten empfangen, in der Klinik einer merkwürdigen Operation beigewohnt, nach Johannisthal, wo ein neuer Flugapparat probiert wurde, abends im Deutschen Theater bei einer fabelhaften Aufführung von Peer Gynt; die Nacht mit den Schauspielern durchgezecht; am Morgen nach Dresden, Konferenz mit zwei amerikanischen Freunden, und heute wieder hier. Die nächste Woche wird nicht viel anders sein, die übernächste auch nicht. Ich sollte mehr schlafen. Das ist das einzige.« Er fuchtelte mit seinem dicken Bambusrohr in der Luft herum.
»Es kann einem angst und bang werden,« sagte Weikhardt, dessen Phlegma augenscheinlicher wurde, da es sich im Gegensatz zur Exaltation seines Begleiters gefiel; »und Ihre Frau? Was sagt die zu Ihrem Leben? Jemand hat sie mir neulich gezeigt; sie sieht nicht so aus, als ließe sie sich ohne weiteres an die Mauer drücken.«
Imhof blieb wieder stehen. Mit gespreizten Beinen stand er da, bog den Oberleib nach vorn, stützte sich auf den Stock und lachte. »Meine Frau!« rief er, »wie das klingt! Ich habe also eine Frau. Ehrenwort, lieber Freund, wenn Sie mich nicht daran erinnert hätten, ich hätt es rein vergessen diese Nacht. Nicht als obs an ihr läge, gewiss nicht. Judith Imhof, geborene Wahnschaffe, alle Achtung. Aber es liegt, weiß der Deibel, woraus liegt ... na, an dieser gottverfluchten Hetzjagd vielleicht. Sie haben recht, an die Mauer drücken, nee, das gibts nicht bei ihr. Die schafft sich Raum, so –« er beschrieb mit dem Stock einen weiten Kreis – »und da drinnen residiert sie, kühl bis in die Fingerspitzen, gespannt wie ein Drahtseil. Eine großartige Natur; energisch; mit einem starken Sinn für das Dekorative. Respekt, mein Lieber.«
Weikhardt wusste hierauf nichts zu sagen. Die Mischung von Prahlerei und Ironie, von Zynismus und Rausch entwaffnete und ermüdete ihn. Sie waren an einer Seitengasse angelangt, die gegen den Englischen Garten führte und in der das Häuschen stand, das der Maler bewohnte. Er wollte sich verabschieden, da fragte Imhof, der noch immer nicht allein sein mochte: »Haben Sie was auf der Staffelei?«
Felix Imhof rezitierte leise vor sich hin: »Wo am letzten Rastort Reiter / Und geschmückter Züge Leiter / Spähen nach erreichten Zinnen: / Stillen Wanderer ihr Dürsten / Bieten Wasserträgerinnen / Ihm den Krug und grüßen heiter / Niemand kennt den frühern Fürsten.«
Weikhardt, der Imhof in der Kenntnis und Liebe des Dichters Stephan George nichts nachgab, fuhr im selben zärtlichen Tonfall fort: »Lachend dankbar. Kein Erbittern / Ist in ihm, doch flieht er weiter /Scheu, weil Seine Hoheit bricht. / Jede Nähe macht ihn zittern, / Und er fürchtet fast das Licht.«
Das Gemälde, an die Visionskraft und den Pinsel Grecos gemahnend, war bizarr im Aufbau, inbrünstig in der Bewegung und von ekstatischer Leidenschaft erfüllt; die Formensprache eines alten Meisters, in der es sich ausdrückte, war nur Schein. Es hatte etwas Hingeschleudertes und Brennendes. Die Figuren, ohne Veraltetes und Phrase, sahen aus wie Wolken, die Wolken wie Architektur, Dinge waren kaum noch da. Ein Chaos, das zu Sinn und Ordnung erst in der gesammelten Empfindung des Beschauers gedieh.
Weikhardt senkte den Kopf. Er legte diesem Wort geringe Bedeutung bei. Vor ein paar Tagen war er einmal vor der Leinwand gestanden und hatte sich eingebildet, neben ihm stehe ein Bauer; ein alter Bauer oder sonst ein Mann aus dem Volk. Und es hatte ihm möglich geschienen, dass dieser Bauer, dieser einfache Mensch, der nichts von Kunst verstand, niederkniete, um zu beten. Nicht etwa aus Frömmigkeit, sondern weil er von der Sache selbst bis zur Bestürzung überwältigt wurde.
Beinahe schroff wandte sich Imhof an den Maler und sagte: »Das Bild gehört mir. Unter allen Umständen. Es ist mein Bild. Ich muss es haben. Gute Nacht.« Mit seinem schiefsitzenden Zylinder und dem übernächtigen, verwüsteten Gesicht war er eine Gestalt zum Erschrecken.
Christian dachte darüber nach, wie er Amadeus Voß zu Geld verhelfen sollte, ohne ihn zu demütigen. Da es nun beschlossene Sache war, dass sie zusammen reisten, musste Voß eine Ausstattung haben. Er besaß nichts, als was er auf dem Leibe trug.
Voß verhöhnte im stillen die Schwäche des andern, liebte ihn zugleich für seine edle Scham; liebte ihn mit seinem knechtischen, abgewandten, zertretenen, von Jugend auf beleidigten Gefühl; schauderte bei der Aussicht, mit leeren Händen und enttäuschten Hoffnungen wieder im Försterhaus sitzen, an lockenden Bildern verbluten zu sollen. Was wird er tun? Wie wird er die Schwierigkeit überwinden? grübelte er und beobachtete Christian mit Haß.
»Schadet nichts,« meinte Christian, »Sie müssen nur die Farben unterscheiden, Rot und Schwarz. Ich halte die Bank. Setzen Sie auf eine Farbe. Wenn Sie auf Rot gesetzt haben und ich schlage Rot auf, so haben Sie gewonnen. Wieviel wollen Sie setzen? Machen wir den Anfang mit einem Taler.«
Er setzte zehn Taler und verlor. Er setzte fünfzehn, dann zwanzig, dann dreißig und verlor. Er setzte hundert Mark, zweihundert, fünfhundert, immer höher und verlor. Vossens Wangen röteten sich hektisch, wurden kreideweiß; seine Hände bebten, seine Zähne klapperten. Es packte ihn die Angst vor einem Wechsel des Glücks, aber er war nicht fähig zu sprechen und um Einhalt zu bitten. Die Scheine häuften sich vor ihm; nach einer halben Stunde hatte er über viertausend Mark gewonnen.
Christian hatte die Karten vorher markiert, in einer Art, die von einem Unerfahrenen nicht bemerkt werden konnte. Er wusste immer genau, welche Farbe Voß aufschlagen würde, aber das Sonderbare war, dass er bisweilen vergaß, nach dem Zeichen zu sehen und dass dann Voß trotzdem gewann.
Voß war betäubt von dem Umschwung, den sein Leben in wenigen Minuten erfahren. Glomm in seinem Innern ein Funken von Argwohn, so kehrte er den Sinn ab, um sich in maßlose Träume zu stürzen.
Das Auto brachte sie nach Wiesbaden, und Voß kaufte unter Christians Beistand Kleider, Wäsche, Mäntel, Stiefel, Hüte, Handschuhe, Schlipse, Toilentteartikel und Koffer. Er staunte und war stumm.
Um zehn Uhr abends saßen sie im Schlafwagen. »Wer bin ich nun?« fragte Amadeus Voß. »Was stell ich vor?« Er sah sich mit einem neugierigen und heftigen Blick um und strich die gelben Haare aus der Stirn. »Geben Sie mir ein Amt und einen Titel, Christian Wahnschaffe, damit ich weiß, wer ich bin.«
Ihr Tag war von Menschen bevölkert. Die allseitigen Forderungen zu gewähren oder nur zu prüfen, verlangte die Geschmeidigkeit eines erfahrenen Praktikers. Hierin leistete Monsieur Chinard, der Impresario, Dankenswertes. Nur Susanne Rappard behandelte ihn mit Unlust. Sie nannte ihn einen Figaro pris à la retraite.
Mehrere ihrer Anbeter folgten ihr seit Monaten von Stadt zu Stadt. Fürst Wiguniewski; Mr. Bradshaw, ein Amerikaner in mittleren Jahren; der Marquis Vicenti Tavera von der spanischen Botschaft in Petersburg; Herr Distelberg, ein jüdischer Fabrikant aus Wien; Botho von Thüngen, ein Hannoveraner, blutjung, Student im dritten Semester.
Diese wie auch andre, die sich gelegentlich einfanden, vernachlässigten ihren Beruf, ihre Freunde, ihre Familie. Sie brauchten die Luft, in der Eva atmete, um selber atmen zu können. Sie hatten die Geduld von Bittstellern und den Optimismus von Kindern. Sie neideten einander ihre Vorzüge, ihr Wissen, ihre witzigen Einfälle. Jeder vermerkte es mit Schadenfreude, wenn sich der Rivale eine Blöße gab. Sie warben mit Eifer um die Gunst Susannes und machten ihr kostbare Geschenke, damit sie ihnen berichten sollte, was die Herrin gesprochen und getan, wie sie geschlafen, in welcher Laune sie aufgewacht und wann sie empfangen würde.
Seit Graf Maidanoff in Evas Lebenskreis getreten war, hatte sich Niedergeschlagenheit ihrer aller bemächtigt. Sie wussten, wie jeder es wusste, wer sich hinter dem Pseudonym verbarg. Gegen den Gewaltigen und Gefürchteten konnte keiner hoffen zu bestehen.
Eva tröstete sie lächelnd. Sie wogen nichts in ihren Augen. »Wie geht es meinen Kammerherren?« erkundigte sie sich bei Susanne; »was treiben meine Zeitvertreiber?«
Es war in Trouville gewesen, wo sie den Grafen Maidanoff kennenlernte. Als sie ihm auf der Strandpromenade vorgestellt wurde, stand ein weitgebogener Kreis von mondänen Zuschauern regungslos. Behutsames Murmeln mischte sich mit dem Rauschen des Meeres.
Sie kam nach Hause und packte Susanne bei den Schultern. »Lass mich nicht wieder fortgehen,« sprach sie hauchend und blass, »ich mag nicht mehr in diese Augen schauen, ich will dem Manne nicht mehr begegnen.«
Susanne erschöpfte sich in Versprechungen, ohne noch zu wissen, wem das Entsetzen galt. »Elle est un peu folle,« sagte sie zu Monsieur Labourdemont, dem Sekretär, »mais ce grain de folie est le meilleur de l'art.«
Seine Sprache war breit und schwer; er schien die Worte zu verachten, deren er sich mit einiger Anstrengung bediente. Manchmal hielt er mitten in einem Satz inne und runzelte die Stirn, belästigt. Zwischen seinen Brauen befanden sich zwei senkrechte Einkerbungen, die das Gesicht dauernd verfinsterten. Sein Lächeln begann mit einem Fletschen der Lippen und endete in dem dürren, farblosen Bart wie eine Muskellähmung.
Er steuerte auf ein vorgesetztes Ziel ohne Umschweife los. Gewöhnlich war es das Amt seiner Kreaturen, solche Beziehungen einzuleiten; in diesem besonderen Fall wollte er dem Gegenstand seiner Wünsche, indem er selbst warb, einen Beweis von Gnade geben.
Die anfängliche Beklommenheit der Tänzerin hatte ihm behagt; die Furcht war das Sympathische an den Menschen; aber Evas aufschlußlose Kälte bei seinen höflichen Vorschlägen beirrte ihn. Er spähte leer, schien gelangweilt und bat um die Erlaubnis, eine Zigarette anzünden zu dürfen.
Er sprach von Paris, von einer Sängerin an der Großen Oper, dann verstummte er und saß da wie ein Mensch, der eine Ewigkeit lang Zeit hat. Als er sich erhob und Abschied nahm, sah er aus, als schlafe er gehend.
Mit verschränkten Armen wanderte Eva bis zum Abend im Zimmer umher. In der Nacht griff sie nach Büchern, die sie nicht las, dachte an Dinge, die ihr gleichgültig waren, rief Susanne, um sie zu quälen, schrieb einen Brief an Iwan Becker, den sie wieder zerriss, warf schließlich den Mantel über und ging trotz des stürmischen Regens auf die Terrasse.
Maidanoff wiederholte seinen Besuch. Mit Zartheit bedeutete ihm Eva, als das Gespräch den Punkt erreichte, wo sie es musste, dass er sich in seinen Erwartungen täuschte. Er sah sie mit trägen, schrägen Blicken an und entschloß sich zu seinem Lächeln. Die Lippen fletschten, in der Lähmung endete es. Was für ein Unsinn, schien ein missmutiges Verziehen der Stirn sagen zu wollen.
Becker wohnte in einem einsamen Vorstadthaus, das in einem verwilderten Garten stand. Er empfing sie in einem unordentlichen Zimmer, das so groß wie ein Saal war. Auf dem Tisch brannten zwei Kerzen.
Er nickte. Nach einer Weile setzte er sich und begann: »Ich will Ihnen einen Traum erzählen, den ich hatte. Oder nein, es war kein Traum, denn ich lag mit wachen Augen, es war eine Halluzination. Hören Sie.
Um eine reichgedeckte Tafel saßen fünf oder sechs junge Weiber. Sie waren in Gesellschaftstoilette, tief entblößt, lachten ausgelassen und tranken Sekt. Mit ihren frivolen Wortspielen und verführerischen Gebärden wandten sie sich an einen, der am oberen Ende der Tafel saß. Der aber hatte keine Gestalt; er war wie ein Kloß oder ein Stück Lehm. Die Diener zitterten, wenn sie in seine Nähe kamen, und die Frauen wurden unter der Schminke bleich, wenn er sie anredete. Mitten auf dem blendend weißen Tischtuch lag, unbemerkt von allen, eine Leiche. Der Körper war mit Früchten bedeckt, und aus der Brust ragte, zwischen Pfirsichen und Trauben, der Griff eines Messers heraus. Durch die Fugen des Tisches rann Blut und tropfte in leisen Schlägen auf den Boden.
Die Mahlzeit war zu Ende, alle waren in übermütigster Laune, da erhob sich der Gestaltlose, packte eine der Frauen, zog sie an sich und forderte Musik. Und während rauschende Musik erschallte, dehnte sich der Kloß und wuchs; er bekam einen Schädel, aus dem Schädel blickten Augen, und die Augen sprachen: ich begehre, ich begehre. Das Weib, das er hielt, wurde zusehends bleicher, sie suchte sich aus seiner Umklammerung zu befreien, ihm jedoch wuchsen spindeldürre Arme, mit denen er sie still und gewalttätig an sich presste, immer stärker, so stark, dass sie zu röcheln begann, dass ihr Gesicht blau wurde, dass ihr Leib in der Mitte einknickte. Schließlich lag sie ihm entseelt in den Armen, und es schien nichts mehr von ihr übrig als das Kleid. Da richtete der Tote, der mit dem Messer in der Brust unter Früchten und Konfekt begraben war, den Kopf in die Höhe und sagte mit geschlossenen Augen: Gib sie mir wieder.
Auf einmal strömten viele Menschen in den Raum, Bauern, Fabrikarbeiter, Soldaten, ärmlich gekleidete Frauen, Juden und Jüdinnen. Ein alter Mann mit weißem Bart sagte zu dem Kloß: Gib mir meine Tochter wieder. Mehrere, die hinter ihm standen, schrien gleichfalls, wie außer sich: Gib uns unsre Töchter wieder, unsre Bräute, unsre Schwestern. Einige Bauern drängten sich vor; mit bekümmerten Mienen beugten sie sich zur Erde und riefen: Gib uns unser Land, gib uns unsre Wälder. Dazwischen gellten die Stimmen von Frauen: Unsere Söhne gib uns, unsere Söhne. Der Kloß wich Schritt für Schritt ins Leere, bekam aber eine immer deutlichere Gestalt. Das Angesicht, die Hände und die Kleider waren braun, wie mit Rost überzogen oder mit verkrustetem Schlamm. Die Züge erweckten nicht die geringste Vorstellung von seinem Wesen, und ebendieser Umstand trieb die Verzweiflung aller auf den Gipfel. Sie riefen ununterbrochen: Unsre Brüder! Unsre Söhne! Unsre Schwestern! Unsre Länder! Unsre Wälder, du in Ewigkeit Verfluchter!«
Iwan Becker stützte den Kopf in die Hand. Nach einer Weile sagte er: »Eines steht fest: Er ist der Anlass von so viel Tränen, dass der See, den sie gesammelt bilden würden, tiefer wäre, als der Kreml hoch ist; aber das Blut, das er vergossen hat, wäre ein Meer, in dem man ganz Moskau versenken könnte.«
Er stand auf, machte ein paar Schritte, setzte sich wieder und fuhr fort: »Er ist der Schöpfer und Usurpator eines beispiellosen Schreckensregiments. Unsre lebendigen Seelen sind seine Opfer. Wo eine lebendige Seele bei uns ist, wird sie sein Opfer. Sechstausendachthundert Intellektuelle wurden in den letzten zwölf Monaten deportiert. Wo sein Fuß hintritt, ist der Tod. Seinen Weg bezeichnen Leichenfelder und Trümmer. Diese Ausdrücke sind nicht bildlich zu nehmen, sondern ganz und gar wörtlich. Er hat die Organisation des vereinigten Adels geschaffen, die das Land unter Druck hält, ein modernes Folterinstrument größten Stils. Die Pogrome, die finnischen Mordexpeditionen, die Mißhandlungen in den Gefängnissen, die Greueltaten der Schwarzen Hundert, alles sein Werk. Er verschwendet unermessliche Summen aus dem Staatsschatz, er begnadigt Schuldige und verdammt Schuldlose; er erdrosselt den Geist und löscht das Licht aus. Er darf es. Niemand verwehrt es ihm. Er ist allmächtig. Er ist der Gegner Gottes. Ich beuge mich vor ihm.«
Eva blickte überrascht empor, doch Becker bemerkte es nicht. »Es gibt niemand, der ihn kennt. Niemand vermag ihn zu durchschauen. Ich glaube, er ist satt. Vielleicht sind es nur noch Reize der Epidermis, die auf ihn wirken. Es wird erzählt, dass er manchmal zwei schöne nackte Frauen miteinander kämpfen lässt. Sie haben Dolche und müssen einander zerfleischen. Davor muss man sich beugen.«
Becker schüttelte abwehrend den Kopf, und seine eintönige Stimme erfüllte wieder den Raum. »Ihm ist alles käuflich zwischen Himmel und Erde. Käuflich die Freundschaft, die Liebe, die öffentliche Meinung, die Langmut des Volkes, die Justiz, die Kirche, der Krieg und der Frieden. Befehl und Gewalt kommen zuerst, das versteht sich von selbst; aber was Befehl und Gewalt nicht zustande bringen, wird gekauft. Es scheint freilich, dass Befehl und Gewalt manches zustande bringen, woran gewöhnliche Sterbliche scheitern würden. Auf einer Bärenjagd im Kaukasus war sein Liebling und Günstling, der Fürst Fjodor Szilaghin, schwer erkrankt. Mit hohem Fieber wurde er in eine Tscherkessenhütte getragen. Dieser Fürst Szilaghin, nebenbei, ist ein Mensch von verderbtestem Typus, zwanzig Jahre alt, eine weibische, aber trotzdem erstaunliche Schönheit. Infolge einer Wette ging er einmal eine Nacht lang als Kokotte verkleidet in den Straßen und Vergnügungslokalen Petersburgs herum und brachte allerlei Schmuck und Juwelen, die man ihm seiner Schönheit wegen geschenkt hatte, zu den Freunden, unter anderm ein kostbares Smaragdarmband. Der also wurde im Gebirge krank. Ein reitender Bote ward in den nächsten Ort geschickt und schleppte auf seinem Pferd einen alten unwissenden Landarzt herauf. Der Großfürst, indem er auf den in Delirien sich bäumenden Szilaghin wies, sagte zu dem Alten: Stirbt mir dieser, so stirbst auch du. Rette ihn, damit du am Leben bleibst. Der Doktor flößte dem Fiebernden von Stunde zu Stunde eine Medizin ein; in der Zwischenzeit kniete er zitternd und betend am Lager. Die Fügung wollte es, dass Szilaghin gegen Morgen das Bewusstsein wiedererlangte und dann allmählich genas. Sein Gebieter war überzeugt, dass das unerbittliche Entweder-Oder, vor welches er den alten Arzt gestellt, geheime Kräfte in ihm entbunden und eine Art Wunderheilung bewirkt habe. Er macht nicht Halt vor der Natur.«
Evas Züge belebten sich hastig. Sie erhob sich, trat ans Fenster und öffnete es. Der Sturmwind schüttelte die Bäume. Ein zerzauster Ruysdaelscher Wolkenhimmel, vom verborgenen Mond schwach erhellt, wölbte sich über dem Dunkel. Ohne sich umzudrehen sprach sie: »Sie sagen, niemand kann ihn durchschauen. Es ist aber nichts zu durchschauen. Er ist wie ein Abgrund, offen und finster.«
Ein Schweigen entstand. »So sprechen Sie es aus, Iwan Becker, sprechen Sie es endlich aus!« rief Eva in die Nacht hinein, zum offenen Fenster hinaus. Jede Faser an ihr, von den Haarspitzen bis zum Kleidsaum, der den Boden streifte, war angehaltenes Lauschen.
Eva kehrte sich um. »Soll ich mich in seine Arme stürzen, um eine neue Ordnung in der Welt zu machen?« fragte sie dann ruhig und stolz; »soll ich seine ungeheuerliche Meinung von dem, was käuflich ist, noch um einen Grad, um so viel eben, wie ich mich selbst einschätze, herunterschrauben? Oder glaubt man, ich könnte ihn dazu bringen, die Schlachtbank mit dem Beichtstuhl zu vertauschen, das Henkerbeil mit einer Flöte?«
»Ein Weib vermag viel,« fuhr Eva fort; »sie kann sich verschenken, sie kann sich wegwerfen, sie kann sich feilbieten, sie kann ihre Gleichgültigkeit überschminken, ihren Haß verleugnen; gegen das Grauen vermag sie nichts. Das Grauen reißt die Brust auseinander. Zeigen Sie mir einen Weg. Machen Sie mich unempfindlich gegen das Grauen, und ich will den Tiger an die Kette legen.«
Ihre Freunde beobachteten die Entwicklung gespannt. Dass sie Maidanoff ernstlich Widerstand leisten werde, erwartete keiner. Als es dennoch so schien, bewunderte man nur die Finesse. Paris prophezeite ihr die glänzendste Zukunft. Ihr Tun und Lassen war Mittelpunkt der öffentlichen Neugier und füllte Zeitungsspalten.
Als sie nach Rußland kam, hatten die Behörden und Geschäftsstellen Befehle erhalten. Eine Königin hätte nicht subtiler behandelt werden können. Die palastartigen Räume eines Hotels waren vorbereitet und geschmückt. Sklavendemut umgab sie.
Bei dem ersten Besuch des Großfürsten bat sie ihn, den Zwang aufzuheben, der sie zur Schuldnerin machte. Er verschlang ihre Worte mit einem frostigen Lauern im Gesicht, zog aber keine Folgen daraus. Sie empörte sich gegen diese Trägheit einer Willensrichtung, dieses taube Ohr, das gierig lauschte.
Seine Menschenverachtung hatte etwas Zermalmendes. Sie äußerte sich wie Schläfrigkeit. Mensch, du klebriger Schleim, wirf dich hin und vergeh, sprachen seine trägen Augen.
Sie wagte es, mit ihm zu rechten. Ein junges Mädchen, Wera Scheschkow, hatte den Stadthauptmann erschossen. Sie hatte den Mut, diese Tat zu preisen. Er antwortete glatt und entschlüpfte gefühllos. Sie forderte ihn stärker heraus. Ihr erzogener Körper schwang im Rhythmus der Bitterkeit und Erschütterung. Sie war hineingeschmolzen in Schmerz, Zorn und Anteil.
Er betrachtete sie, wie man eine Edelkatze anschaut, deren Spiel entzückt. Er sagte: »Sie sind außerordentlich, Madame. Ich wüsste nicht, welchen Ihrer Wünsche ich unerfüllt lassen könnte um den Preis, Sie zu besitzen.« Er sagte es mit seiner tiefen Stimme, die heiser klang; er hatte auch eine hohe, die an das Kreischen rostiger Angeln erinnerte.
Zweimal sah sie ihn sich verändern und aufzucken. Das erstemal, als sie sich zu ihrer deutschen Abkunft bekannte. Eingefleischter Haß erfüllte ihn gegen alles Deutsche und alle Deutschen. In seinen Mienen lag böser Hohn; er entschloß sich, ihr nicht zu glauben und ließ das Thema fallen.
Da schoss ein peitschender Blick aus den trägen Augen. Die zwei senkrechten Einkerbungen zwischen den Brauen verlängerten sich wie die Fühler eines Insekts; eine plötzlich querlaufende bildete ein düsteres Kreuz mit ihnen. Das Gesicht wurde fahl.
Susanne war ungeduldig; sie trieb und lockte. »Was besinnst du dich?« sagte sie eines späten Abends zu ihrer Herrin. »So nah dem Gipfel gibt es kein Zurück. Unsre Träume in Toledo; wir dachten wunder, wie frech sie seien. Die Wirklichkeit beschämt uns. Greif zu. Niemals werden deine süßen kleinen Füße Größeres ertanzen.«
»Erinnerst du dich an den Bildhauer, den wir im Winter besuchten? Es war in Meudon. Er zeigte uns seine Skulpturen, und ihr spracht über die Kunst. Er sagte: Ich darf nicht bangen vor dem Marmor, der Marmor muss bangen vor mir. Beinahe hättest du ihn geküsst für dieses Wort. Sei nicht bange, du bist die Stärkere.«
Da ging Susanne zum Flügel und begann mit eckigen und flattrigen Bewegungen eine Chopinsche Polonäse zu spielen. Eva hörte eine Weile zu, dann trat sie hinter die Spielerin, tippte ihr mit einem Finger auf die Schulter und sagte, als Susanne die Hände ruhen ließ, mit dunkel gurrender Stimme: »Wenn es denn sein muss, so will ich erst einen Liebessommer haben, wie noch keiner gewesen ist auf Erden. Sprich nicht, Susanne, spiel weiter und sprich nicht.«
An dem Tag, an welchem Eva zum letztenmal in Petersburg auftrat, flog durch die Entzündung einer Mine der Hauptpavillon der landwirtschaftlichen Ausstellung in die Luft.
Der Anschlag hatte der Person des Großfürsten gegolten. Sein Besuch war erwartet, die Reihenfolge in der Besichtigung der Gebäude vorher festgesetzt worden. Sein Automobil erlitt jedoch eine Panne, und durch diesen Zufall war er mit seinem Hofstaat einige Minuten nach der peinlich fixierten Zeit eingetroffen.
In dem Augenblick, als er seinen Fuß auf die Treppe des Pavillons setzte, ertönte fürchterliches Krachen. Der Himmel verschwand unter Qualm und aufschießenden Trümmern. Einige Industrielle und hohe Beamte, die dem Großfürsten beflissen vorausgeeilt waren, sowie zehn oder zwölf Arbeiter fanden den Tod. Im Umkreis von einem Kilometer wurden durch den Luftdruck an allen Häusern die Fensterscheiben zerschmettert.
Der Großfürst stand eine Weile regungslos. Ohne Neugier und ohne Schrecken, mit unsäglich düsterer Miene aber betrachtete er die Verwüstung. Als er sich zum Gehen wandte, wichen die herzugeströmten Menschenmassen lautlos zurück; es bildete sich eine Gasse lautlosen Volks, die er mit den Säerschritten seiner abnorm langen Beine finster und säbelklirrend durchmaß.
Als Abschiedsvorstellung hatte Eva die Rolle des gefesselten und dann befreiten Echos in dem Ballett Pans Erwachen gewählt. Sie hatte damit stets Begeisterung hervorgerufen, aber einen Triumph wie dieses Mal hatte sie nie gefeiert.
Es war ein Tanz der Freiheit und der Erlösung, der unmittelbar auf die Nerven des dichtgefüllten Hauses wirkte und Spannungen milderte, die vom Tag her kamen. Der bacchantische Trotz, die feurige Angst der Verfolgten, die Umkehr, der heroische Entschluss, der Schmerz über das erste Unterliegen, das Spiel mit der Rachefackel, der Jubel über die aufdämmernde Morgenröte, dies alles hatte aktuelle Beredsamkeit.
Zweitausendfünfhundert Menschen saßen nach dem Fallen des Vorhangs versteinert. Da richteten sich zahllose Augenpaare nach der Loge des Großfürsten. Sie blickten hin und sahen in seine trägen Augen, die niemals blickten. Sie erfassten seine Schmächtigkeit und die unproportionierte Länge seines Körpers, seinen sehnigen Vogelhals über dem Uniformkragen, seinen dürren Bart, die höckerige Stirn, an der nichts Hautähnliches war, die Atmosphäre, die sich vor ihm herwälzte und die er hinter sich ließ, ein in Millionen Atome zerstäubter Tod; und mittendrin die trägen Augen.
Dann brach der Beifall los. Vornehme Damen wanden sich in Konvulsionen; Greise mit zahnlosen Mündern schrien wie Knaben; blasierte Theatergänger stiegen auf die Sitze und winkten aufgeregt. Als Eva vor die Rampe trat, verstummte der Lärm, und zehn Sekunden lang war es so still, dass man nur das Röcheln aus Brustkästen und das Knistern von Kleidern vernahm.
Sie schaute in das blendende Meer von Gesichtern. Die Falten ihres weißen griechischen Gewands erinnerten an Marmor. Von neuem begann der Sturm, die Zurufe, das Tücherschwenken. An die Brüstung der Galerie drängte sich ein Mädchen, streckte die Arme aus und rief mit einer schluchzenden Stimme, die alles übertönte: »Du hast uns begriffen, Seelchen!«
Respektvolles Murmeln und Verstummen entstand, als man ihrer ansichtig wurde. Träger erlauchter Namen, die schönsten Frauen des Hofes und der Gesellschaft, hohe Offiziere und die fremden Gesandten waren versammelt. Einige Herren hatten sich bereits um sie geschart, da trat Fjodor Szilaghin auf sie zu, führte ihre Hand ehrerbietig an die Lippen und löste sie geschmeidig plaudernd aus der Gruppe.
Kein Hauch von Banalität war an ihm. Bewegungen und Worte waren mit äußerster Kaltblütigkeit und Feinheit auf den Effekt berechnet. Die Augen waren beim Sprechen schmachtend niedergeschlagen, und die allen Russen eigne Leichtigkeit und Fülle der Rede hatte bei ihm außerdem etwas unablässig Schillerndes. Ein anmaßendes und fast zynisches Bewusstsein davon, dass er schön, geistreich, apart, umworben, mysteriös war, verließ ihn nie. Seine Brauen waren gefärbt, seine Lippen geschminkt. Das stumpfe Schwarz des üppig-glatten Haares hob die durchleuchtete Blässe des bartlosen Gesichtes faszinierend.
»Ich muss es rühmen, Madame,« sagte er mit einer Stimme von unergründlicher Falschheit, »ich muss es rühmen, dass Ihre Kunst für uns Slawen nicht das westlich Überzüchtete hat wie bei den meisten Sternen des Auslands. Sie gibt sich wie die Natur selbst. Es müsste belehrend sein, den Weg zu kennen, auf dem Sie, von einer andern Seite her, zu den nämlichen Gesetzen und Formen gelangt sind, auf denen sowohl unsre nationalen Tänze als auch unsre modernen orchestrischen Bestrebungen beruhen. Von diesen wissen Sie doch zweifellos?«
»Schwärmerei, gewiss, und vielleicht noch etwas mehr: Raserei,« sagte der junge Fürst mit beziehungsvollem Lächeln. »Ohne Raserei wird nichts Großes in der Welt geschaffen. Glauben Sie nicht, dass sogar Christus ein Rasender war? Was mich betrifft, ich kann mich mit der allgemein angenommenen Figur des sanften und harmonisch ausgeglichenen Christus nicht befreunden.«
»Wie es auch sei, bei uns ist alles noch im Werden, der Tanz und die Religion,« fuhr Fjodor Szilaghin fort. »Diese beiden in einem Atem zu nennen, enthält für mich keine Blasphemie; sie haben etwas Verwandtes, wie eine rote Rose und eine weiße Rose. Verzeihen Sie den vorwitzigen Exkurs. Wenn ich sage, wir sind Werdende, so heißt das, dass wir im Guten und im Bösen ohne Grenzen sind. Ein Russe kann den grausamsten Mord begehen und gleich hernach Tränen vergießen beim Anhören eines schwermütigen Gesangs. Er ist jeder Wildheit, Zügellosigkeit und Schändlichkeit fähig, aber auch der Hochherzigkeit und Selbstverleugnung, und kein Wandel kann schneller und schrecklicher sein als der vom Haß zur Liebe bei ihm, von Liebe zum Haß, vom Glück zur Verzweiflung, von der Treue zum Verrat, von der Furcht zur Tollkühnheit. Man vertraue ihm und gebe sich ihm hin; man wird in ihm das gefügigste, großmütigste und zärtlichste Wesen finden. Man enttäusche und mißhandle ihn, – er stürzt in Finsternis und verliert sich in Finsternis. Er kann geben, geben, geben, ohne Ende, ohne Besinnung, bis zur Entäußerung, bis zur Phrenesie, und erst wenn er in die unterste Tiefe der Hoffnungslosigkeit geschleudert ist, erwacht die Bestie, und er zertrümmert alles um sich her.« Der Fürst blieb stehen. »Ist es indiskret, zu fragen, wo Sie den Mai verbringen werden, Madame? Man sagte mir, Sie wollten an die See,« unterbrach er sich in verändertem Ton und blickte Eva erwartungsvoll an.
Sie hatten die für die Gäste bestimmten Räume unversehens verlassen und befanden sich in den ausgedehnten Glashäusern des Wintergartens. Nach allen Seiten führten labyrinthische, von Pflanzen überwucherte Wege. Ein dämmeriges Licht herrschte, und da, wo sie standen, in einer etwas theatralischen Einsamkeit, hauchten Tausende von gespenstisch gefleckten Orchideenblüten ihren beklemmenden Duft aus.
Eva hatte Sinn und Hinweis der Worte Szilaghins erfasst, so geschickt und deutbar sie auch gewählt waren. Das Eidechsenschlüpfrige seines Geistes lockte sie, sich mit ihm zu messen, trotzdem es sie drohend anrührte. Spiel mit Spiel vergeltend, hüllte sie sich in ein Lächeln, das undurchdringlich war wie Szilaghins Stirn und großpupillige Augen und antwortete: »Ja, ich gehe nach Heyst am Meer. Ich will ruhen. Das Leben in diesem Land der verkappten Rasenden hat mich müde gemacht. Was ich leider entbehren musste, Fürst, war ein Mentor und Seelenkundiger wie Sie.«
Plötzlich ließ sich Szilaghin auf ein Knie nieder und sagte leise: »Mein Herr und Freund bittet durch mich um die Gnade, dort, wohin Sie gehen, in Ihrer Nähe sein zu dürfen. Er besteht auf keiner Zeit, er fügt sich Ihrem Geheiß. Ich kenne nicht den Grad und die Ursache Ihres Schwankens, schöne Eva, aber welches Unterpfand fordern Sie denn, welche Bürgschaft für die Aufrichtigkeit eines Gefühls, das keine Probe zu scheuen hat und kein Opfer scheuen will?«
»Stehen Sie auf, Fürst,« befahl Eva, indem sie einen Schritt zurücktrat und die Arme zart, in widerwilliger Vertraulichkeit gegen ihn ausstreckte; »Sie sind zu verschwenderisch mit sich selbst in diesem Augenblick. Stehen Sie auf.«
»Nicht, ehe Sie mich ermächtigen, der Überbringer guter Botschaft zu sein. Ihr Entschluss wiegt schwer. Wolken sammeln sich und warten auf den Wind, der sie vertreibt. Prozessionen ziehen aus, um das Verhängnis abzuwenden durch Gebete. Ich bin nur ein Einzelner, zufällig Beauftragter. Darf ich jetzt aufstehen?«
Eva schloss die ausgebreiteten Arme über der Brust und wich bis in ein grünes Lianengehänge zurück. Nun spürte sie des Schicksals gewaltigen und unverstellten Ernst. »Stehen Sie auf,« sagte sie mit gesenktem Kopf, und zweimal wechselten Glut und Blässe auf ihren Wangen.
Szilaghin erhob sich, lächelte schnellatmend und führte abermals ihre Hand, in schweigender Ehrfurcht, an seine Lippen. Dann geleitete er sie, wie vorher geschmeidig plaudernd, zu den übrigen Gästen zurück.
Eines Tages war er bei einer literarischen Dame zum Tee, da entstand in einer Ecke ein Gekicher, das seiner Person galt. Er war sehr erheitert, als er erfuhr, dass die wispernde Gesellschaft, die sich dort zusammengefunden, des festen Glaubens war, er kopiere Lorm als Misanthrop.
Felix Imhof hörte davon und wollte bersten vor Lachen. »Nicht zu leugnen, der Gedanke hat etwas Bestechendes, wenn man dich nicht kennt,« sagte er zu Crammon. »Wahrscheinlich liegt ja die Sache umgekehrt, und du hast Lorm in der Rolle das Modell abgegeben.«
Diese Deutung war schmeichelhafter. Crammon schmunzelte dankbar. Unbewusst vertiefte er die Züge von Weltfeindlichkeit in seinem feisten Domherrengesicht. Als sich Lorm im Kostüm des Alcest photographieren ließ, pflanzte sich Crammon hinter dem Apparat auf und verwandte keinen Blick von der statuenreifen Erscheinung des Schauspielers.
Seine Absicht war, zu lernen. Die Rolle, welche ihm in dem Stück zugeteilt war, das täglich von neun Uhr morgens bis elf Uhr abends gespielt wurde, begann seine Unzufriedenheit zu erregen. Er wünschte sich eine minder episodenhafte. Es schien ihm, dass man den Direktor des Theaters veranlassen könne, eine Umbesetzung vorzunehmen. Er sprach es auch Lorm gegenüber aus. Denn der Schauspieler war ihm nicht mehr, wie in den Jahren der Jugend, Krone und Leuchtpunkt menschlicher Existenz und Gefäß ihrer edelsten Bewegung, sondern Mittel zum Zweck. Man hatte von ihm zu lernen, seine wahren Gefühle bis zur völligen Unbemerkbarkeit zu verbergen; alle Kräfte für den Augenblick zu sammeln, in welchem das Stichwort fiel; mit sich selber hauszuhalten; eine glaubwürdige Maske mit Bravour zu tragen und sich in jeder Situation eines guten Abgangs zu versichern.
Er sagte: »Ich habe mich mit meinen Partnern immer leidlich vertragen. Ich kann behaupten, dass ich ein gefälliger Kollege war und immer in den Hintergrund geschlichen bin, wenn sie an der Rampe ihren Monolog oder ihre große Szene hatten. Aber zwei von ihnen, der erste Liebhaber und die Heroine, haben meine Gutmütigkeit entschieden missbraucht. Sie haben mich nach und nach aus der Komödie verdrängt. Zu ihrem eignen Schaden; die Intrige hätte famos werden können; seit man mich hinter die Kulissen geschickt hat, droht sie im Sand zu verlaufen. So etwas wurmt einen.«
Edgar Lorm lächelte. »Da scheint mir eher der Dichter gesündigt zu haben als jene beiden,« antwortete er. »Es ist sicher ein Fehler im Bau der Handlung. Auf eine Figur wie Sie verzichtet ein erfahrener Theatermann nicht ohne weiteres.«
»Man muss auch die Entwicklung abwarten,« fuhr Lorm fort, den die Charade ergötzte; »es gibt, namentlich bei guten Autoren, manchmal unerwartete Wendungen. Schimpfen darf man erst, wenn der Vorhang gefallen ist.«
Crammon murmelte verdrossen: »Die Zeit wird lang. Ich will demnächst mal wieder auf die Bühne und sehen, in welchem Akt wir sind. Kann sein, dass ich mir ein Extempore leiste.«
Crammon zuckte die Achseln. Sie sahen einander ernsthaft an. Um den schmallippigen Mund des Schauspielers blitzte gute Laune. »Seit wann haben wir uns nicht mehr gesehen, mein Vortrefflicher?« sagte er und schlang vertraulich den Arm um Crammons Schulter; »es mögen Jahre sein. Bis vor kurzem hatte ich einen Sekretär, der mir jeden Brief von Ihnen abends auf das Kopfkissen legte. Er wollte damit sagen: Sieh mal, Edgar Lorm, die Menschen sind doch kein so miserables Pack, wie du immer behauptest. Na, er war ein Idealist, aufgewachsen bei Zichorienkaffee, Kartoffeln und Hering. So was findet man zuweilen. Mein guter Crammon, Sie haben Fett angesetzt indessen. Wie rund und behäbig Sie wohnen in der prallen Haut da. Ich bin mager geblieben und zehre von meinem Blut.«
Judith Imhof ging an allen Gastspielabenden Lorms ins Theater. Sie ging aber nicht mit ihrem Mann und Crammon; die beiden störten sie; für Crammon hatte sie außerdem wenig Sympathie; wenn er ihr nicht gerade spaßhaft erschien, fand sie ihn unleidlich.
Sie nahm einen Platz im Parkett, und im Zwischenakt winkte sie gnädig und gelassen Crammon und Felix zu, die in einer Loge saßen. Um die Verwunderung der Bekannten kümmerte sie sich nicht. War jemand so vermessen, sie nach dem Grund ihres Alleinseins zu fragen, so antwortete sie: »Imhof mag es nicht, wenn einem andern etwas missfällt, was ihn begeistert, und so gehen wir getrennte Wege.«
»Missfällt Ihnen denn Lorm?« fragte der oder die Neugierige unfehlbar weiter. Worauf sie entgegnete: »Ich habe nicht viel übrig für ihn. Es ist wahr, er zwingt mir Interesse ab, doch das trag ich ihm nach. Ich begreife nicht, dass man so viel Aufhebens von ihm macht.«
Eines Tages wurde sie von einer Dame aus ihrem Kreis gefragt, ob sie sich in der Ehe glücklich fühle. »Ich weiß es nicht,« erwiderte sie lachend; »ich kann mir unter dem, was die Menschen Glück nennen, nichts Rechtes vorstellen.« Warum sie dann geheiratet habe? forschte die Dame. »Sehr einfach,« antwortete sie; »junges Mädchen zu sein, war mir ein so unerfreulicher Zustand, dass ich getrachtet habe, ihn so bald wie möglich zu beendigen.« So liebe sie also ihren Mann nicht? »Gott, Liebe,« versetzte sie, »Liebe. Mir scheint, mit dem Wort wird viel Unfug getrieben. Ich glaube, die meisten Leute flunkern bloß, wenn sie von Liebe reden, und legen sich nur deshalb so ins Zeug, weil keiner zugeben will, dass nichts dahinter steckt. Es ist wie mit des Königs neuen Kleidern im Märchen; alle tun ungeheuer wichtig und entzückt, derweil ist der König im jämmerlichsten Neglige.«
Als einst in Gesellschaft die Rede auf Schmerzempfindlichkeit kam, sagte sie, sie könne jede körperliche Marter erdulden, ohne mit der Wimper zu zucken. Es wurde bezweifelt. Sie verschaffte sich eine lange goldene Nadel und befahl einem Herrn, ihr die Nadel durch den ganzen Arm zu stechen. Als der Aufgeforderte sich erschrocken weigerte, ersuchte sie einen andern darum, der gröbere Nerven hatte, und der ihr willfahrte. Und wirklich regte sich kein Muskel in ihrem Gesicht. Das Blut ergoß sich in einem dicken Bach; sie lächelte.
Der Schauspieler ging ihr nahe. Sie wehrte sich vergeblich; er hielt sie im Bann, immer fester, immer unlösbarer. Sie grübelte. Waren es die Verwandlungen, die sie reizten?
Wie geschliffener Stahl, biegsam und elegant, war sein Körper, der den Vierzigjährigen zum Epheben machte. Wie Stahlschlag seine Stimme, in der die Worte als Funkengewirbel aufprasselten. Unter seinen Schritten wurde die Bretterbühne zur Palästra; da klebte nichts, da winselte und kroch nichts; alles war Anspannung, Fortgang, Verve, Rhythmus, Sturmtakt. Nichts innere Belastung, alles Fanfare. Sie gab Felix recht, als er sagte: »In diesem Menschen ist mehr Inhalt unsrer Zeit als in sämtlichen Journalen, Leitartikeln, Broschüren und dickleibigen Wälzern, die seit zwanzig Jahren die Druckerpresse verlassen haben. Er hat das Wort zum Herrscher gekrönt.«
Sie war ungeduldig nach der persönlichen Bekanntschaft mit Lorm. Crammon machte den Vermittler. Lorm kam ins Haus. Die Häßlichkeit seines Gesichts überraschte sie. Sie verübelte ihm die unbedeutende Stulpnase und die niedrige Stirn. Der Zauber wurde dadurch nicht gebrochen. Sie wollte es übersehen und übersah es. Es war eine Verwandlung mehr. Sie traute ihm unendliche zu.
Er zeigte sich als Feinschmecker mit Resten jener Gier, die Emporkömmlingen eigen ist. Tafelgenüsse verführten ihn zu Ausbrüchen lärmender Fröhlichkeit. Bei Sekt und Austern urteilte er wohlwollend über Feinde.
Er war so launenhaft, dass der Umgang mit ihm anstrengte. Ein Schatten veränderte seine Stimmung. Niemand trat ihm entgegen, und der Mangel an Widerstand hatte einen leeren Raum um ihn erzeugt, der beinahe wie Einsamkeit aussah. Er hielt es selbst für Einsamkeit und gefiel sich schmerzlich darin.
Er sprach nur in Monologen. Er hörte nur sich zu. Aber es lag Unschuld darin wie bei einem Wilden. Wenn andre redeten, verschwand er in einer Versenkung, und seine Augen bekamen einen Steinglanz, ohne dass der noch anwesende Teil von ihm an Artigkeit einbüßte. Doch hatte diese Artigkeit nicht selten etwas belastet Automatisches. Ergriff er dann wieder das Wort, so entzückte er durch Witz, Paradoxie und meisterhaft erzählte Anekdoten.
Unterhaltung mit Frauen vermied er. Schönheit und kokette Künste machten keinen Eindruck auf ihn. Wenn man ihn anschwärmte, wurde seine Miene höflich-aufmerksam und er dachte etwas Respektloses. Er erlebte keine Abenteuer, an seinen Namen hingen sich keine pikanten Gerüchte. Außerhalb des Theaters führte er das Leben eines Privatmannes von bescheidenen Gewohnheiten.
Mit kühlem Spürsinn tastete sich Judith an den Klippen seines Wesens entlang. Sie, die ohne allen Schwung war, vollkommen nüchtern, bloß Nützliches gewahrend, bloß an Zweckmäßiges denkend, von Jugend auf eingeschnürt in Formen und nichts anderes schätzend als Äußeres: Gewänder, Geschmeide, Prunk, Titel, Namen, war in einem Zeitraum von drei Tagen so von ihm besessen, dass sie mit Elektrizität geladen schien. Es war vornehmlich Äußeres, wovon sie fasziniert war: sein Auge, seine Stimme, sein Ruhm; aber es war auch ein Inneres: die Illusion vom Schauspieler.
Eines Tages klagte Lorm über die Ordnungslosigkeit in seiner Existenz, die heillose Verwirtschaftung seines Erworbenen. Es war bei Tisch; die andern gingen mit Redensarten darüber hinweg; Judith nahm das Thema auf, als es ihr später gelang, mit ihm allein zu sprechen. Sie ließ sich die Personen schildern, die er verantwortlich gemacht und drückte Zweifel an deren Vertrauenswürdigkeit aus. Sie verwarf Einrichtungen, die er getroffen, gab Ratschläge, die er billigte, warf ihm Versäumnisse vor, deren er sich schuldig bekannte. »Ich schwimme in Geld und ersticke in Schulden,« seufzte er; »in zwanzig Jahren werde ich ein alter Mann und ein armer Teufel sein.«
Ihre praktische Umsicht erfüllte ihn mit naiver Bewunderung. Er sagte: »Ich habe bisweilen gehört, dass es solche Frauen wie Sie geben soll, ich habe aber nie an ihre Existenz geglaubt. Ich weiß nur von leeren Ansprüchen und blümeranten Gefühlen.«
»Sie sind ungerecht,« versetzte sie lächelnd, »jede Frau hat ein Gebiet, wo sie sich bewährt; die Welt kümmert sich bloß nicht darum. Zur Welt stehen wir meistens in einem falschen Verhältnis.«
Gern ließ er sich nun von ihr in Gespräche über seine kleinen Sorgen und Nöte ziehen. Er hatte ausführliche Verhöre zu bestehen, denen er sich geduldig unterwarf. Er brachte ihr die Rechnungen seiner Lieferanten. »Man beutet Ihre Unerfahrenheit aus; Sie werden betrogen,« war Judiths Urteil. Er war beschämt.
»Haben Sie Geld ausgeliehen?« fragte sie. Es verhielt sich so. Er hatte zahllosen Schmarotzern seit Jahr und Tag beträchtliche Summen geborgt. Judith zuckte die Achseln und bemerkte: »Sie hätten Ihr Geld ebensogut zum Fenster hinauswerfen können.«
Lorm antwortete: »Es ist so lästig, wenn sie kommen und bitten; ihre Gesichter sind mir unappetitlich; ich gebe ihnen, was sie verlangen, nur um sie loszuwerden.«
Dergestalt bewegten sich ihre Unterhaltungen ausschließlich im Kreis der gewöhnlichsten Alltagsdinge. Aber gerade dies und nichts andres entbehrte und brauchte Edgar Lorm. Es war für ihn so neu und so ergreifend wie für einen nach Poesie und Leidenschaft hungernden Bürger die Entdeckung einer schwärmerisch entrückten Seele.
Judith hatte einen Traum. Sie lag nackt bei einem großen, schlüpfrigen, eiskalten Fisch. Sie lag bei ihm, weil er ihr gefiel, und sie schmiegte sich eng an ihn an. Auf einmal aber begann sie, ihn zu schlagen, denn seine kühlen, feuchten, schlüpfrigen, silbern glänzenden und am Rücken opalisierenden Schuppen flößten ihr eine hexenhafte Wut ein. Sie schlug und schlug, bis ihr die Besinnung schwand und sie erschöpft aufwachte.
Man unternahm eines Nachmittags einen Ausflug ins Isartal: Crammon, Felix, ein junger Freund Imhofs, Lorm und Judith. In einem Wirtsgarten war Kaffee getrunken worden; der Rückweg führte durch den Wald, man ging paarweise, Lorm und Judith waren die letzten. »Ich habe meine goldene Tabatiere verloren,« sagte Lorm plötzlich, in die Tasche fassend, »ich muss das Stück Wegs noch einmal gehen. Im Ort drüben hatte ich sie noch.« Es war eine Kostbarkeit, auf die er besonderen Wert legte, ein Geschenk des Königs, dem er in seiner Jugend in überschwänglicher Freundschaft verbunden gewesen, und ihm unersetzlich als Erinnerungszeichen.
Er entfernte sich, Judith blieb stehen, den Kopf an einen Baum gelehnt, und sann. Ihre Stirn faltete sich, ihr Auge blickte bohrend. Es war still im Wald; die Luft regte sich nicht, kein Vogel schrie, kein Tier ließ Zweige knistern. Die Zeit verging; keineswegs von Ungeduld getrieben, nur von ihren Gedanken, die heftig und bestimmt waren, verließ sie endlich ihren Platz und wanderte langsam in die Richtung, aus der Lorm kommen musste. Als sie eine Weile gegangen war, sah sie im Moos etwas Goldenes blitzen. Es war die Tabatiere, und sie hob sie ruhig auf.
Lorm kam verstimmt zurück; er schwieg, und als er an ihrer Seite weiter schritt, reichte sie ihm die Dose auf der offenen Hand. Er machte eine Gebärde freudiger Überraschung, und sie musste ihm berichten, wo sie die Tabatiere gefunden hatte.
»Soll geschehen.« Er suchte mit den Blicken in der Runde und trat an einen Baum. »Sehen Sie den kleinen Käfer da? Sehen Sie, wie er sich plagt, um in die Höhe zu kommen? Er hat wahrscheinlich schon ein ganz anständiges Stück Arbeit geleistet heute. Seit Sonnenaufgang mag er schon krabbeln, und wenn er oben ist, hat er was vollbracht. Nehm ich ihn aber jetzt zwischen meine Finger und hebe ihn hinauf, dann ist ihm sogar der Pfad, den er sich selber gebahnt hat, nichts mehr wert. So ist das mit dem Käfer, und so ist es mit mir.«
Judith überlegte. »Vergleiche müssen hinken, das ist ihr Vorrecht,« sagte sie spöttisch. »Ich begreife nicht, dass man einen Menschen verwirft, bloß weil er nicht mit leeren Händen zu einem kommt. Ein lächerlicher Einfall.«
»Zwischen einer Hand, die leer ist, und einer, die über unermessliche Schätze gebietet, ist ein Unterschied,« antwortete Lorm ernst. »Ich habe mich aus der Armut emporgedient. Sie ahnen nicht einmal, was das ist: Armut. Alles, was ich bin und habe, verdanke ich unmittelbar meinem Körper, meinem Kopf, meinem Gehirn. Sie sind von Geburt an und durch Geburt daran gewöhnt, die Körper, Köpfe und Gehirne andrer Menschen zu kaufen. Und wenn Sie noch tausendmal mehr Sinn und Auge für die Wirklichkeit und vernünftige Lebensführung hätten, als Sie haben, Sie wissen nichts und können nichts wissen von dem sittlichen und höchst achtunggebietenden Gesetz, das Leistung und Entgelt gegeneinander sichert. Ihre Hilfsmittel geben Ihnen immer die Macht, dieses Gesetz zu ignorieren und eine Willkür dafür zu schaffen. Ihr Reichtum wäre mir eine Lähmung, ein Hohn, ein Gespenst.«
»Da ich nicht erwarten kann und darf, dass Sie verzichten und Millionen im Stich lassen, um sich einem Komödianten zugesellen, ist er allerdings hoffnungslos.«
Sie schritten rasch und stumm weiter. Der Wald öffnete sich, unter schwarzer Wolkenwand hing die glutbebende Sonnenkugel. In rasendem Zorn starrte Judith hinein. Zum erstenmal war ihr Wille an einen stärkeren Willen geraten. Vor Zorn füllten sich ihre Augen mit Nässe. Vor Zorn stieß sie ein Gelächter aus, das nichts Melodisches hatte. Als Lorm sie betroffen anschaute, wandte sie sich ab und biss die Zähne in die Lippe.
Wie er es erwartet hatte, fand Christian, als er mit Amadeus Voß nach Berlin kam, viele Menschen und viel Tumult um Eva. Kaum konnte er zu ihr dringen. »Ich bin müde, Eidolon,« rief sie ihm entgegen, »führ mich fort.«
Dann wieder, als sie sich aus einem Schwarm von Bedrängern gelöst hatte: »Wie gut, dass du da bist, Eidolon, ich habe mit Schmerzen auf dich gewartet. Morgen reisen wir.«
Aber die Abreise wurde von Tag zu Tag verschoben. Es war davon die Rede, dass sie in dem holländischen Seebad, das ihr nächstes Ziel war, allein und zurückgezogen leben wollte, doch Christian hatte bereits ein Dutzend Personen gesprochen, die dort Quartier bestellt hatten, und er zweifelte an dem Ernst ihrer Absichten. Die Menschen waren ihr unentbehrlich, und wenn sie schwieg, mussten wenigstens andre um sie reden; wenn sie ruhig lag, musste Bewegung um sie sein.
Als sie vor ihm stand, durchdrang ihn der Wohlgeruch ihres Körpers wie ein Schrecken. Er blickte verwirrt vor sich nieder. Unter der Heftigkeit einer aufrauschenden Blutwelle verlor sein Pulsschlag den Rhythmus.
Er hatte ihr Gesicht vergessen, ebenso wie die erstaunliche Wahrheit ihrer Gebärde, ihr unmittelbares Wort, ihre Hingerissenheit und ihr Hingerissensein, ihre ganze machtvolle, zarte, blühende, blendende Gegenwart. Alles war ihr zu Willen, die Elemente sogar. Wenn sie auf die Straße trat, strahlte die Sonne reiner, war die Luft linder. Sie verwandelte das gehetzte Treiben um sich in einen gehorsam flutenden Strom.
Susanne sagte zu Christian: »Wir sollen hier tanzen; man macht uns Anträge; aber die Preußen gefallen uns nicht. Es sind engherzige Leute. Sie sparen ihr sauer verdientes Geld für Kanonen und Kasernen. Ich habe noch kein wirkliches Gesicht gesehen. Ein Mann sieht aus wie der andre, eine Frau wie die andre. Wahrscheinlich werden sie von Maschinen erzeugt, fünftausend im Tag, gleich ausgewachsen und fertig angezogen wie Jasons Geharnischte.«
»Bah, wenn der Genius aus dem Himmel verstoßen wird, stürzt er blind auf die Erde und kann sich sein Asyl nicht wählen. Wo ist Herr von Crammon?« unterbrach sie sich, »warum besucht er uns nicht? Und wen haben Sie statt seiner mitgebracht?« Sie deutete mit dem Kinn auf Amadeus Voß, der steif und befangen in einer Ecke stand; die großen Brillengläser machten ihn einem Uhu ähnlich. »Wer ist dieser?«
Wer ist dieser? fragten auch Wiguniewskis und des Marques Tavera verwunderte Miene. Amadeus Voß war bis zu einem peinigenden Grad Neuling. Der stiere Ausdruck seiner Züge hatte bisweilen etwas so Albernes, dass Christian sich seiner schämte und die andern über ihn lachten.
Voß trieb sich in den Straßen herum, zwängte sich durch Menschengewühl, stand vor Auslagen und den Spiegelglasscheiben der Kaffeehäuser, kaufte Zeitungen und Flugblätter, redete fremde Leute an, aber er vermochte nichts in sich zu beschwichtigen. Er sah nur immer das Gesicht der Tänzerin vor sich; aufreizend und geziert; die Bewegung, mit der sie eine Frucht zerschnitt, einen der Freunde begrüßte, zu einem sich beugte, mit der sie sich auf einen Stuhl niederließ oder von ihm erhob, mit der sie an einer Blume roch, alle Bewegungen der Lider, der Lippen, des Halses, der Schultern, der Hüften, der Beine. Er fand sie aufreizend und geziert, aber sie waren seinem Gehirn eingeätzt wie einer photographischen Platte.
»Wer ist eigentlich Eva Sorel?« fing er mit Ingrimm und Verbissenheit an. »Woher kommt sie? Wem gehört sie? Was sollen wir bei ihr? Erzählen Sie mir etwas über sie. Klären Sie mich auf.« Er warf sich in einen Sessel und starrte Christian an.
Da Christian schwieg, nicht gefasst auf diese Sturzflut von Fragen, fuhr er fort: »Sie haben mich in eine neue Haut gesteckt, aber der alte Mensch krümmt sich darin. Ist es ein Maskenball, auf dem ich mich befinde? So sagen Sie mir wenigstens, was die Figuren vorstellen. Ich bin auch maskiert, aber schlecht, scheint es. Ich hoffe von Ihnen, dass Sie die Fehler an meiner Maskerade ausbessern.«
Voß stützte den Kopf auf die Arme. »Also eine Tänzerin ist sie, eine Tänzerin,« murmelte er gedankenvoll. »Für mein Gefühl hatte das Wort und der Begriff von jeher etwas Unzüchtiges. Wie ist es möglich, damit andre Vorstellungen zu verbinden als solche, die einem die Schamröte in die Wangen treiben?« Er schaute jäh empor und fragte mit stechendem Blick: »Ist sie Ihre Geliebte?«
Christian erbleichte. »Was Sie aus dem Gleichgewicht bringt, Amadeus,« sagte er, »glaub ich zu verstehen. Aber da Sie nun einmal mit mir gegangen sind, müssen Sie auch bei mir aushalten. Ich weiß nicht, wie lange wir mit all diesen Leuten beisammen sein werden, auch wozu wir hier sind, kann ich Ihnen so genau nicht sagen. Über Eva Sorel fragen Sie mich nicht. Kein Wort von ihr, im Lob nicht und im Tadel nicht.«
Aber sie vertrug Eisenbahnfahrten ebenso schlecht wie lange Autofahrten. In der Nacht lag sie schlaflos auf dem Bett, eingehüllt in Seide, das Gesicht in seidene Kissen geschmiegt. Susanne kauerte vor ihr, reichte ihr bald eine Parfümflasche, bald ein Buch, bald eine Süßigkeit, bald ein Glas eisgekühlte Limonade. Ein Prickeln war in ihren Gliedern, das sie nicht ruhen ließ, auf ihrer Brust lag der Alp, ihre Stirn zuckte zwischen Denken und Phantasien, zwischen Wollen und Überdruß am Wollen. Der Gesang der Räder auf den Schienen zerschnitt ihre Nerven, das Vorbeigleiten der nie so schwarz gewesenen Nacht reizte wie ein ins Unendliche auseinandergeflossenes Wahngebilde; sie sah Landschaften, in denen Bosheit war, Wälder, die tückisch den Weg versperrten, verwunschene Häuser und verstörte Menschen.
»Was erhoffst du eigentlich von ihm?« flüsterte sie auf einmal in zärtlichem Ton, »was bedeutet das Spiel mit ihm? Er ist der Banalste von allen. Ich habe aus seinem Mund noch nie ein Wort von Schliff und Geist gehört. Weiß er, was du bist? Nicht im Traum. Seine Träume sind gewiss so leer wie sein Kopf. Dein Tanzen gilt ihm ungefähr soviel wie einem mittleren Bürger die Sprünge einer Provinzballerine. Die Nationen liegen dir zu Füßen, während er sich zu seinem überheblichen Lächeln entschließt. Du hast der Welt eine neue Gattung Glück geschenkt, und dieser deutsche Selbstgewiß steht ahnungslos und ungebildet.«
»Man möchte ihm in die Ohren schreien: Auf die Knie mit dir! Bete an!« ereiferte sich Susanne. »Doch eher käme die Vendomesäule ins Wanken. Warum wankt er nie? Ich habe ihm geschildert, wie wir in Rußland auf Händen getragen worden sind, was für ein Taumel das war, was für Feste, was für Eruptionen von Begeisterung. Er machte ein Gesicht dazu, als läse man ihm eine mäßig interessante Nachricht aus der Zeitung vor. Ich sprach vom Großfürsten; runzle nicht die Stirn, ich konnte nicht anders, ich wäre sonst erstickt. Der Dschingiskhan an der Kette, ein Schauspiel, bei dem jedes Herz höher schlägt; eine eiserne Barbarenseele zerschmolzen, das passiert nicht alle Tage. Fünfzig Millionen zitternde Sklaven, und das übrige nach dem Wort: Sonne stehe still zu Gideon und Mond im Tale Ajalon. Dichter könnten es nicht schöner dichten. Hättest du zugehört, wie ich ihm zu Leibe gerückt bin, du wärst erstaunt gewesen über mein Talent, Goldfäden auf Sackleinwand zu sticken. Vergebliche Mühe. Er blieb bei regelmäßigem Atem wie eine Uhr. Ein paarmal schien mir, er zucke zusammen, aber es war eine Fliege schuld, die ihn an der Nase kitzelte.«
»Ob die Toiletten aus Paris schon in Heyst sein werden?« fragte Eva. Das lange Oval ihres Gesichtes dehnte sich, die Lippen kniffen sich ein wenig ein, die weißen Zähne blitzten hervor wie frisch geschälte Mandeln.
»Warum hast du dich ihm verweigert?« fuhr Susanne fort; »was man besitzt, hat man schon besessen, aufgeschobene Lust wird Last. Sie sollen die Sprossen deiner Leiter sein, weiter nichts. Alle Seligkeit der Nächte für dich; beim ersten Hahnenschrei mögen sie sich trollen. Wodurch verdient gerade er einen Vorrang? Weil du die Laune hattest, ein Götzenbildchen aus ihm zu schnitzen? Wozu hast du ihn gerufen? Ich habe Angst. Du wirst eine Dummheit machen.«
Eva schwieg. Ihre Zungenspitze zeigte sich zwischen den Lippen, ihre Augen schlossen sich listig. Diese Miene zu verstehen glaubend, sagte Susanne: »Es ist wahr, er besitzt den wunderbaren Diamanten, um den du Tränen geweint hast; es ist wahr. Aber du brauchst nur zu befehlen, und man wird dir die Schuhe mit solchen Steinen garnieren.«
»Wann hätte ich je um einen Diamanten geweint, du Lügnerin?« fragte Eva gleichgültig. Sie richtete sich empor; ganz in durchsichtige, wehende, blütenleichte Stoffe gehüllt, glich sie einem Geist, der aus dem Nichts entstanden ist. »Wann hätte ich je um einen Diamanten geweint?« wiederholte sie und fasste Susannes Schulter an.
Susanne faltete die Hände und sagte ergeben: »Volvedme del otro lado, que de este ya estoy tostado,« was ein spanischer Stoßseufzer war: Legt mich auf die andre Seite, denn auf dieser bin ich schon geröstet.
Das Haus, das Eva bewohnte, lag unfern vom Strand. Es war ein alter Herrensitz; Wilhelm von Oranien hatte es erbaut; bis vor wenigen Jahren hatte es der verstorbenen Herzogin von Leuchtenberg gehört.
In den von mächtigen Quadern umschlossenen Räumen fühlte sich Eva wohl. Bei Tag und Nacht vernahm sie das langgezogene Rauschen des Meeres. Sooft sie ein Buch aufschlug, um zu lesen, ließ sie es alsbald wieder sinken und lauschte.
Sie schritt durch die Zimmer mit den alten Möbeln und dunklen Gemälden, froh, sich selbst zu besitzen und ohne Qual den erwartend, der dann kam. Sie begrüßte ihn mit halbgeschlossenen Augen und mit dem Lächeln einer, die sich ergeben hat.
Christian und Amadeus Voß hatten sich in einer benachbarten Villa eingemietet, Voß im Erdgeschoß, Christian oben. Voß, da Christian ihn nicht forderte und hielt, ging am Morgen fort und kehrte am Abend, auch spät in der Nacht, zurück. Wo er gewesen war, was er gesehen und erlebt, darüber schwieg er.
»Einen Menschen wie mich, darf man nicht von der Kette nehmen,« sagte er am Morgen des dritten Tages zu Christian, während sie frühstückten. »Ich schlafe einen andern Schlaf, ich atme einen andern Atem. Meine Seele rast irgendwo herum, ich bin auf der Jagd nach ihr. Erst muss ich sie eingefangen haben, dann werd ich vielleicht wissen, was mit mir los ist.«
Voß machte eine ironische Verbeugung. »Dies Souper sieht für mich verdammt nach Gnadenbrot aus,« erwiderte er bissig. »Spür ich doch den Widerstand gegen mich und die Fremdheit in Fleisch und Knochen. Es ist eine ziemlich überflüssige Komödie. Was soll ich dort? Fast alle reden französisch. Ich bin ein Kleinstädter, ich bin ein Dörfler, und die Lächerlichkeit, die mir anhaftet, ist schlimmer, als wenn ich ein Mörder und Brandstifter wäre. Vielleicht entschließ ich mich zu Mord und Brandstiftung, um nicht mehr lächerlich zu sein; wer weiß.« Er öffnete den Mund zum Lachen, es kam aber kein Ton heraus.
»Mich wundert es, Amadeus, dass Sie mit Ihren Gedanken nicht von dem einen Punkt loskommen,« sagte Christian. »Glauben Sie wirklich, dass es ein so wichtiger Punkt ist, der allein den Ausschlag gibt? Niemand kümmert sich darum, ob Sie reich oder arm sind. Da Sie in meiner Gesellschaft auftreten, genießen Sie volle Gleichberechtigung, und es wäre einfach schlechter Ton, wenn irgendwer dagegen verstoßen würde. Die Gefühle, die Sie äußern, erzeugen Sie in sich selber, und, wie mir scheint, mit einer Art von Freude. Es macht Ihnen Freude, sich zu quälen, und dann rächen Sie sich an den andern. Ich hoffe, Sie nehmen mir meine Offenheit nicht übel.«
Amadeus Voß grinste. »Man möchte Ihnen manchmal die Wange tätscheln wie ein Schulmeister,« antwortete er geduckt; »das haben Sie brav gemacht, Christian Wahnschaffe, möchte man sagen. Ja ja, es war entschieden brav; brav geladen, brav geschossen, bloß schlecht gezielt. Um mich zu treffen, müssen Sie besser zielen. Eines ist wahr, die Krankheit sitzt in mir; viel zu tief, als dass sie durch ein paar billige Weisheitssprüche zu heilen wäre. Wenn mir dieser russische Fürst oder dieser spanische Legationsrat die Hand reicht, ist mir zumute, als hätt ich Banknoten gefälscht und die Sache könnte jeden Moment entdeckt werden. Wenn diese Dame an mir vorübergeht, mit ihrem unbeschreiblichen Duft und dem Rauschen von Gewändern, da schwindelt mir, als hing ich sechshundert Meter hoch über einem Abgrund, und alles in mir krümmt sich und stöhnt vor Niedrigkeit und Zertretenheit. Es krümmt sich, es krümmt sich, wie soll ichs ändern? In diesem Zeichen bin ich nun einmal geboren. Es ist nicht meine Welt, es kann nicht meine werden. Die Unteren müssen verbluten, die Oberen finden es in der Ordnung so. Ich gehöre zu den Unteren, zu denen, welchen man zuruft: Poche nur, du trüber Geist, zu denen, die man riecht wie faules Fleisch, die man meidet, die mit ewig eiternder Wunde herumgehen; zu denen gehöre ich, das ist mein Gesetz, und darüber haben Sie keine Macht, dagegen hilft keine Übereinkunft. Es ist nicht meine Welt, Wahnschaffe, und wenn Sie nicht wollen, dass ich den Verstand verliere und Unheil anrichte, so führen Sie mich tunlichst bald wieder aus ihr heraus oder schicken Sie mich fort.«
Christian, mit den Fingerspitzen über die Stirn streichend, sagte: »Geduld, Amadeus. Ich glaube, es ist auch meine Welt nicht mehr. Lassen Sie mir noch ein wenig Zeit, ich muss mir das alles erst zurechtlegen.«
Vossens Blick war saugend auf Christians Hand und Lippen geheftet. Die Worte waren ruhig hingesprochen, beinahe kühl, dennoch war etwas schwer Ringendes in ihnen, ein Ausdruck, der Voß bezwang. »Dass man dieses Weib verlässt, wenn man einmal bei ihr ist, will mir nicht einleuchten,« murmelte er mit tückischem Lauern um den Mund; »es sei denn, sie setzt einen vor die Tür.«
Eine Stunde später sah Amadeus Voß Christian und Eva am Strand. Er kam von den Dünen her, sie gingen unten, über den Schaum der letzten Wellen. Er blieb stehen, deckte die Hand über die Brille und schaute aufs Meer hinaus, als gewahre er weit draußen ein Segel. Jene sahen ihn nicht. In einem Gleichschritt, wie ihn das bewährte Einverständnis der Körper verleiht, wanderten sie dahin. Nach einer Weile blieben auch sie stehen, eng beieinander, und waren wie zwei dunkle, schlanke Säulen ins Lichtgrau von Luft und Wasser geschnitten.
Es kam der Abend. Das große Ereignis war, dass Eva unter ihren Gästen mit dem Diamanten Ignifer im Haar erschien. Sie trug ihn in einem kunstvoll gearbeiteten Platingestell, und er leuchtete über ihrem Haupt, abgelöst und radial entbrannt, eine geisterhafte Flamme.
Sie fühlte ihn mit jedem Herzschlag; er war ein Teil von ihr, ihre Rechtfertigung, ihre Krone. Er war nicht mehr Schmuck; er war ein aufstrahlendes und alle sofort überzeugendes Sinnbild.
Einige Sekunden lang herrschte ein fast bestürztes Schweigen. Die schöne Beatrix Vanleer, eine belgische Bildhauerin, schrie vor Erstaunen und Bewunderung laut auf.
Da verschwand das zart-trunkene Lächeln aus Evas Gesicht, und ihre Augäpfel drehten sich in die Winkel. Ihr Blick war auf Amadeus Voß gefallen. Dessen Gesicht war bläulichweiß.
Der Mund war halb offen wie bei einem Blöden, der Kopf brutal vorgestreckt, die herabhängenden Arme zuckten. Er trat langsam näher, die Augen stier auf den unsäglich glühenden Edelstein gerichtet. Die rechts und links von ihm standen machten ihm erschrocken Platz. Eva wendete das Gesicht von ihm und wich zwei Schritte zurück, Susanne tauchte neben ihr auf und breitete schützend die Arme aus, im selben Moment ging Christian auf Amadeus Voß zu, ergriff ihn bei der Hand und zog den stumm Gehorchenden aus dem Kreis.
Christians Haltung und Miene hatten etwas unmittelbar Beruhigendes für alle Anwesenden, und es begann auch, wie wenn nichts geschehen wäre, ein lebhaftes und angeregtes Gespräch.
»Nun hab ich das Geschlecht begriffen,« murmelte Voß, und der Krampf in seinem Gesicht löste sich unter dem Einfluß von Christians Nähe. »Ich habe Mann und Weib begriffen. In diesem Diamanten sind eure Tränen und eure Schauder eingeschlossen, eure Wollust und eure Finsternis. Loskauf, Blendwerk, unseliges Blendwerk; Fetisch, verfluchter Fetisch! Wie ich eure Nächte spüre, Wahnschaffe, wie ich alles weiß und sehe von Ihnen und ihr, seit ich dies gleißende Mineral erblickt habe, das der Herr aus Schleim geschaffen hat wie mich und euch beide. Es ist ohne Schmerz; irdisch und ganz und gar ohne Schmerz, rein geglüht und gnadenlos. Mein Gott, mein Gott, und ich, und ich!«
Der ihm unverständliche Ausbruch erschütterte Christian. Seine Gewalt fegte den Unwillen hinweg, den die schamlose Beredsamkeit Vossens in ihm entfacht hatte. Er horchte gegen das Meer.
Voß raffte sich zusammen. Er trat an die Brüstung und sagte auffallend gefasst: »Sie haben mir heute Geduld angeraten. Was wollten Sie damit? Es hat so allgemein und vieldeutig geklungen wie das meiste, was ich von Ihnen zu hören bekomme. Von Geduld zu reden, ist auf jeden Fall bequem. Es ist ein Luxus, den Sie sich gestatten, ein Luxus wie jeder andere, nur weniger kostspielig. Kein hassenswerteres und verächtlicheres Wort als Geduld. Es ist ein Lügenwort. Genau besehen, heißt es Feigheit, Trägheit. Was haben Sie denn vor?«
Christian gab keine Antwort, oder vielmehr, er nahm seine Antwort als gegeben an und stellte nach geraumer Weile und aus versunkenem Sinnen die Frage: »Glauben Sie, dass es etwas nützt?«
Der Amerikaner lenkte das Gespräch auf die aussterbenden Völkerschaften der neuen Welt und die Tragik ihres Untergangs. Von Eva aufgefordert, erzählte er ein Erlebnis, das er bei den Navajosindianern gehabt.
Der Stamm der Navajos hatte sich dem Christentum und den damit verbundenen Zivilisationsbestrebungen am längsten widersetzt. Um sie gefügig zu machen, verbot ihnen die Bundesregierung den Jahrtausende alten Yabe-Chi-Tanz, die feierlichste Übung ihres Kultus. Der Kommissär, der den Befehl auszuführen hatte und in dessen Begleitung sich Mr. Bradshaw befand, erteilte auf die flehentliche Bitte der Häuptlinge die Erlaubnis zur Abhaltung eines letzten Tanzes. Um Mitternacht, beim Schein der Lagerfeuer und Holzfackeln, traten die grellgeputzten und -bemalten Sänger und Tänzer auf. Die Sänger sangen ihre Lieder, die die Schicksale dreier Helden schilderten, welche in die Gewalt eines feindlichen Stammes geraten und durch den Gott Ya befreit worden sind. Der Gott lehrt sie, auf dem Blitz zu reiten; sie flüchten in die Höhle der Grizzlybären und von dort in das Reich der Schmetterlingskönigin. Die Tänze stellten die sagenhafte Begebenheit sinnlich dar. Während nun die Felsengebirge von den Gesängen widerhallten und die fratzenhaften Tänze in der Purpurglut sich zum Ausdruck der Verzweiflung steigerten, brach ein gewaltiges Unwetter los. Wolkenbrüche stürzten herab, die binnen einer Viertelstunde die ausgetrockneten Flußläufe mit brüllenden Fluten füllten; die Feuer verloschen, die Medizinmänner beteten mit erhobenen Armen, und die Sänger und Tänzer, im Glauben, der Gott sei ergrimmt, weil sie bereit gewesen waren, auf den heiligen Tanz zu verzichten, suchten in schmerzlicher Wildheit freiwillig den Tod in den rasenden Gewässern, die ihre Leichname hinunter in die Ebene trugen.
»Eine heidnische Anschauung das,« ließ sich scharf und herausfordernd die Stimme Amadeus Voß' vernehmen; »es gibt keine Götter. Götzen gibt es, allerdings, und Götzen soll man zerschlagen.« Er schaute sich trotzig um und fügte schleppend hinzu: »Denn der Herr sprach: es kann mich der Mensch nicht ansehen und dann noch leben.«
Man lächelte. Der Marques Tavera hatte nicht verstanden und wandte sich an Wiguniewski; dieser flüsterte ihm ein paar französische Worte zu, und nun lächelte auch der Marques, mitleidig und boshaft.
Voß erhob sich mit zerquältem Gesicht. Die Heiterkeit in allen Mienen war eine Züchtigung für ihn. Aus den glitzernden Brillengläsern schoss ein giftiger Blick in die Richtung, wo Eva saß, und verstört sagte er: »An der gleichen Stelle der Schrift heißt es auch: Lege deinen Schmuck ab, Volk Israel, und ich will sehen, was ich aus dir mache. Da ist kein Platz für Deutung.«
Amadeus Voß verließ die Gesellschaft. Auf der Straße rannte er mit den Händen an den Schläfen wie gehetzt. Der steife englische Hut war in den Nacken zurückgeschoben. In seinem Zimmer angelangt, öffnete er den Reisekoffer und nahm ein Paket Briefe heraus. Es waren die gestohlenen Briefe der unbekannten F. Er setzte sich zur Lampe und las mit gespannter Aufmerksamkeit und brennender Stirn. Es war nicht die erste Nacht, die er dieser Beschäftigung widmete.
Er wünschte, alle andern Laute möchten sterben außer dem Donnern des Meeres und der sinnlich jungen Stimme an seinem Ohr. Er wünschte, er hätte damit die Unruhe ersticken können, die ihn mitten in Umarmungen überfiel und ihn, wenn das Bewusstsein wiederkehrte, nach neuen Umarmungen durstig machte.
»Warum bist du mit diesem Mann gekommen?« fragte Eva in tiefer Nacht, zwischen Schlaf und Schlaf, zwischen Umarmung und Umarmung, glühend und ermattet. »Ich ertrag ihn nicht. Seine Stirn ist immer nass von Schweiß. Er ist aus einer finstern Welt.«
»Was ists mit diesem Voß, was ists mit dir, Lieber?« rief Eva, zog ihn an sich, klammerte sich an ihn und küsste seine Augen, als wolle sie sie austrinken.
»Ich will ihn bitten, deine Nähe zu meiden,« sagte Christian, und er sah auf einmal sich und Voß auf dem Bauernhof in Nettersheim, sah die knienden Knechte und Mägde, die alte, rostige Laterne, die tote Magd und den Schreiner, der das Maß zum Sarg nahm.
Ihre Augen glänzten feucht, ihre Haut glich weißleuchtendem Atlas; ihr Gesicht hatte im Zwielicht eine vergeistigte Magerkeit; die beherrschte Anmut der Gebärde unterwarf die Stunde; das Lächeln war tiefsinnig täuschendes Spiel; alles war Spiel, Spiegelung, Entrückung, unerwartete Zauberei. Christian schaute sie an.
»Erinnerst du dich an ein Wort, das du mir einmal sagtest?« sprach er. »Du sagtest, Liebe ist eine Kunst wie die Musik und die Poesie, und wer sie anders versteht, der findet keine Gnade. Hab ichs richtig behalten?«
Er hielt sie in den Armen, und das Leben ihres Körpers, die Wärme, das Blutwissen und die ihm begegnende Bewegung erleichterten ihm die Rede. »Nun sieh,« fuhr er bedächtig fort und liebkoste ihre Hand, »ich habe Frauen nur genossen. Nur genossen, nichts weiter. Ich wusste nichts von Liebe, die Kunst ist. Ich habe es leicht gehabt mit ihnen. Sie beteten mich an, da war keine Mühe. Sie legten mir keine Hindernisse in den Weg, und ich bin über sie hinweggegangen. Man hat mir keine Aufgaben gestellt, sie waren froh, wenn ich nur mit ihnen zufrieden war. Aber du, Eva, du bist mit mir nicht zufrieden. Du siehst mich an und prüfst und lässt mich nicht aus den Augen. Du bleibst wachsam, ob wir auch noch so tief hinuntersinken, dorthin, wo man nicht mehr weiß und denkt; du bleibst wachsam, weil du mit mir nicht zufrieden bist. Ist das nun ein Irrtum, ein falsches Gefühl?«
»Es ist so spät in der Nacht,« sagte Eva, beugte den Kopf aufs Kissen zurück und schloss die Augen. Sie lauschte dem verlorenen Nachhall seiner Stimme und war vor Beklommenheit fast ohne Atem.
Da sah Christian in der Dunkelheit vor den Fenstern die Gestalt seines Vaters, daneben die Hündin Freia. Der Vater hatte den Schritt eines einsamen Mannes. Niemals war Christian diese Einsamkeit so augenscheinlich gewesen. Das Tier war sein einziger Gefährte. Er hatte Umschau gehalten nach einem andern Gefährten, doch keiner hatte ihn begleiten gewollt.
Seine Sinne verloren sich in eine Art von Halbschlummer, während er Evas schönen Körper hielt, der glatt und kühl wie Elfenbein war. In diesem Halbschlummer, oder was es war, tauchten sein Bruder, seine Schwester, seine Mutter auf, und um jeden von ihnen war dieselbe Einsamkeit und Verlassenheit.
Aber ist denn nicht auch dein Leben zum Ersticken voll von Menschen, antwortete er sich, und fühlst du nicht auch diese Einsamkeit und Verlassenheit? Woher kommt das? Was ist schuld?
Nun senkte sich ein dunkler Gegenstand über ihn. Es war ein Mantel; ein nasser triefender Mantel. Gleichzeitig rief ihm jemand zu: Steh auf, Christian, steh auf! Er vermochte nicht aufzustehen, die elfenbeinernen Arme ließen ihn nicht los.
Auf einmal gewahrte er Lätizia. Sie fragte nur das eine Wort: warum? Es dünkte ihm, während er schlief oder vielleicht auch nicht schlief, dass er sich für Lätizia hätte entscheiden sollen, die verurteilt war, mit ihren Träumen (und nur von Träumen lebte sie, von Einbildungen und Fiktionen) das Opfer der gemeinen Wirklichkeit zu werden. Ihm dünkte, als spräche Lätizia, auf Eva weisend: Was willst du bei dieser? Sie weiß nichts von dir, sie lebt und webt für sich. Sie ist ehrgeizig, bei ihr kannst du nicht Hilfe finden in deinem Leiden. Denn nur um dein Leiden zu vergessen und zu betäuben, verschwendest du dich an sie.
Christian erstaunte darüber, dass Lätizia so weise war. Er war fast geneigt, ihre Weisheit zu belächeln. Gleichwohl wusste er nun, dass er litt. Es war ein Leiden von unergründlicher Beschaffenheit, das von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde größer wurde wie eine um sich fressende Wunde.
Sein Kopf lag auf der Schulter seiner Geliebten; ihre kleinen Brüste ragten aus violetten Schatten empor und hatten einen zitternden Kontur. Er fühlte ihre Schönheit durch und durch, ihre Seltsamkeit, ihre Leichtigkeit. Er fühlte, dass er sie mit allen Gedanken und bis in die letzten Adern liebte, aber dass er trotzdem keine Hilfe bei ihr finden konnte.
»Gewiss, Liebling, weißt du nicht, dass ich eine Zauberin bin? Ich habe Gewalt über den Fisch im Wasser, das Pferd auf der Erde, den Geier in der Luft und die unsichtbaren Daevas, wie es in der persischen Schrift heißt. Ich kann mit dir machen, was ich will, und du musst dich fügen.«
»Frag mich nicht. Lass mich nicht aus deinen Gedanken, nicht eine Sekunde lang aus deinem Gefühl, sonst haben wir uns verloren. Halt mich fest mit deiner ganzen Kraft.«
Christian antwortete: »Es kommt mir vor, als sollt ich wissen, was du meinst. Aber ich will es nicht wissen. Sieh mal, ich ... du ... es ist alles zu gering;« er schüttelte den Kopf, »alles zu gering.«
Edgar Lorm spielte in Karlsruhe. Es war an einem Abend, wo er das Tempo gejagt und seinem Haß gegen Rolle, Stück, Partner und Publikum so deutlichen Ausdruck verliehen hatte, dass nach dem letzten Akt gezischt worden war.
»Ich bin ein armes Luder,« sagte er zu den Kollegen, mit denen er in einem Restaurant zur Nacht speiste. »Ein Komödiant ist ein armes Luder.« Er sah sie alle, die Reihe um, verächtlich an und schmatzte mit den Lippen.
»Man stand in besserem Einklang mit sich selbst in jenen Zeiten, da man unsereinen noch als Wäschedieb fürchtete und die kleinen Kinder mit unsern Namen schreckte. Findet ihr nicht? Oder ist euch wohl in euerm Stall?«
Staub wirbelte in den Straßen, Sommerstaub, als er in sein Hotel ging. Wie öde mir ist, dachte er und schüttelte sich. Aber sein Schritt war leicht und frei wie der eines jungen Jägers.
Er besann sich mit verkniffenem Gesicht, das ihn alt und hässlich machte. Eine Gebärde lud sie ein, ihm zu folgen, und sie traten in das leere Lesezimmer. Eine einzige Flamme brannte über dem mit Zeitungen bedeckten Tisch. Sie ließen sich in zwei Ledersesseln nieder. Judith fingerte nervös an ihrem goldenen Handtäschchen. Sie war im Reisekleid und hatte ermüdete Züge.
»Nichts,« erwiderte Judith frostig. »Wenn die Bedingung, die Sie gestellt haben, nur ein Abschreckungsmittel war und Sie sich feig von ihr lossagen im Moment, wo sie erfüllt wird, dann habe ich mich natürlich getäuscht, und ich habe hier nichts mehr zu suchen. Mich mit wohlmeinenden Reden zu verschonen, darf ich Sie ja um der Sache willen bitten, die mir ernst war.«
»Scharf, Frau Judith, und bitter, doch allzu ungestüm,« versetzte Lorm mit ruhiger Ironie. »Ich bin ein abgebrühter Mann, reichlich bei Jahren, und habe zuviel erlebt, um noch mit Romeohitze selbst die köstlichsten Überraschungen, die eine Frau für mich bereit hält, zu begrüßen. Lassen Sie uns über das, was Sie getan haben, wie zwei gute Freunde sprechen, und vertagen Sie das Urteil über mein Verhalten.«
Judith hatte an ihren Vater geschrieben und ihm mitgeteilt, er möge über die jährliche Rente, die er ihr bei ihrer Verheiratung ausgesetzt, anderweitig verfügen; sie habe den Entschluss gefasst, sich von Felix Imhof scheiden zu lassen und folge einem Manne, dessen ausdrücklicher Wunsch es sei, dass sie auf ihr Vermögen verzichte. Zugleich hatte sie eine notariell beglaubigte Erklärung abgefaßt, die sie bei sich trug, um sie Lorm zu zeigen, und die sie dann erst an ihren Vater schicken wollte. So berichtete sie mit Gelassenheit. Felix hatte bei ihrer Abreise von ihrem Vorhaben noch nichts gewusst. Sie hatte einen Brief für ihn seinem Diener übergeben, das war alles. »Auseinandersetzungen in einer solchen Situation haben keinen Zweck,« sagte sie; »einem Mann, den man verlässt, die Gründe zu nennen, warum man ihn verlässt, das wäre so töricht, als wollte man den Zeiger auf dem Zifferblatt zurückdrehen, damit eine vergangene Stunde wiederkommt. Er weiß, wo ich bin und was ich will, das genügt. Im übrigen ist es keine Affäre für ihn; besser gesagt, es gibt so viele Affären in seinem Leben, dass eine mehr oder weniger nichts ausmacht.«
Lorm saß da, den Kopf weit vorgebeugt, das Kinn auf den Perlmuttergriff seines Stocks gestützt. Seine sorgfältig gescheitelten, noch ziemlich dichten, braunen Haare glänzten von Öl; seine Brauen waren zusammengezogen, in den Falten um die Nase und den zerarbeiteten Mund lag Freudlosigkeit.
Er legte den Stock auf den Tisch und verschränkte die Finger. »Ich bin ein Komödiant,« wiederholte er, und sein Gesicht wurde maskenhaft; »als solcher bin ich genötigt, die menschliche Natur in ihren extremsten Äußerungen vorzuführen. Das Bestechende beruht in einer auf den engsten Kreis projizierten Leidenschaftlichkeit und Konsequenz, die sich im wirklichen Leben niemals oder nur sehr selten finden. Es ereignet sich daher immer wieder, und diese Täuschung scheint ein verhängnisvolles Gesetz zu sein, dass man meine Person, diesen hier sitzenden Edgar Lorm, mit einem Rahmen umgibt, ungefähr so passend wie ein gotisches Kirchenfenster für eine Miniatur. Die weitere Folge ist, dass mir die Befestigungen und Vernietungen gegen die bürgerliche Existenz fehlen und alle Versuche, mich in ein harmonisches Verhältnis zu ihr zu bringen, kläglich scheitern. Ich zapple unter einer luftleeren Glasglocke. Was ich mache, ist aufgetriebener Schaum. Es soll Menschen mit einem Doppelleben geben; ich habe ein halbiertes, ein gevierteiltes, im Grunde ein erloschenes. Ich verabscheue diesen Beruf. Ich übe ihn aus, weil ich keinen andern habe. Ich möchte Bibliothekar sein, in Diensten eines großen Herrn, der mich ungeschoren ließe; oder Besitzer eines Meierhofs in einem Schweizer Tal. Ich rede nicht von dem, was beim Theater nebenher läuft, an Eklem und Abstoßendem; von dem Narrenzug der Lügen und Eitelkeiten. Auch müssen Sie nicht glauben, dass ich das übliche Klagelied des verwöhnten Mimen absingen will, das aus Selbstüberschätzung und koketter Sucht nach Widerspruch gebraut ist. Mein Leiden liegt etwas tiefer. Der Krankheitserreger, wenn ich so sagen darf, ist das Wort. Mein Leiden stammt vom Wort. Es hat einen mörderischen Vergiftungs- und Entseelungsprozeß in mir verursacht. Was für ein Wort? werden Sie fragen. Nun, das Wort zwischen Mensch und Mensch, zwischen Mann und Weib, zwischen Freund und Freund, zwischen mir und der Welt. Dasselbe Wort, das zu äußern Ihnen natürlich ist, bei mir ist es schon durch alle Register der Sprache und alle Temperaturen des Geistes gegangen. Sie gebrauchen es wie der Bauer die Sense, wie der Schneider die Nadel, wie ein Soldat seine Waffe. Für mich ist es ein Requisit, ein Scheinding, eine Molluske, ein Schalleffekt, ein tausendfach veränderliches Etwas ohne Umriß und ohne Kern. Ich schreie es, flüstre es, stammle es, krächze es, flöte es, treibe es auf, fülle das sinnlose mit Sinn, werde vom erhabenen zu Boden gedrückt: seit fünfundzwanzig Jahren. Es hat mich zerrieben; es hat mir den Gaumen gesprengt und den Brustkasten ausgehöhlt. Es ist, wenn auch noch so wahr, zuletzt doch unwahr; für mich unwahr. Es tyrannisiert mich, es martert mich, es flackert durch Wände und erinnert an Ohnmacht und unbelohnte Hingabe; es verwandelt mich in eine hilflose Puppe. Kann ich je sprechen: ich liebe, ohne mich bis in die Eingeweide zu schämen? Was bedeutet es nicht alles dies: ich liebe! Was hat es mir nicht alles bedeuten müssen! Immer wieder sieht der vorschriftsmäßig beleuchtete Pappendeckel vom Zuschauerraum wie eine echte Krone aus. Ich bin, genau betrachtet, ein verzweifelter Mensch. Ich bin ein Mensch, der Schiffbruch gelitten hat am Wort. Es klingt wunderlich, aber es ist so. Vielleicht ist der Schauspieler der verzweifelte Mensch schlechthin.«
Edgar Lorm fand aber die Bemerkung sein und nickte ihr dankbar zu. »Das wäre allerdings ein Zustand, aufs innigste zu wünschen,« entgegnete er in seiner prinzlichen Weise; »denn sehen Sie: Wort und Gefühl, das sind Geschwister. Was zu sagen mich widert, empfinde ich auch verfilzt und schmacklos. Man müsste stumm sein wie das Schicksal. Möglich, dass ich für die wirklichen Erlebnisse schon verdorben bin; ausgelaugt. Ich habe verdammt geringes Zutrauen zu mir und bemitleide die Hand, die sich meiner annimmt. Na, wie dem immer sei,« schloss er und schnellte elastisch auf, »auch ich bin bereit.«
Am andern Nachmittag erschien plötzlich Felix Imhof im Hotel. Er schickte Judith seine Karte und wartete in der Halle, das dünne Spazierstöckchen im Auf- und Abgehen nachlässig schlenkernd, die Negerlippen zum Pfeifen gespitzt, das Hirn beladen mit Gedanken an Geschäfte, Spekulationen, Kurszettel, hundert Beziehungen und hundert Verabredungen. Aber sooft er an dem großen Glasfenster vorüberkam, warf er neugierige und lachende Blicke auf die Straße, wo sich zwei Knaben balgten.
Judith empfing ihn verwundert. Er begann sofort mit Eifer auf sie einzureden. »Ich habe in Liverpool zu tun und wollte dich noch mal sehen,« sagte er. »Es sind so viele Leute gekommen, die Anliegen an dich hatten; du wurdest eingeladen, man hat telephoniert, die Modistin war da, es kamen Briefe, ich wusste mir nicht zu helfen. Ich kann doch nicht jedem auf die Nase binden: meine Frau hat sich soeben französisch empfohlen für immer. Da ist dies und jenes; du musst mich informieren, sonst gibts Verwirrung.«
Sie sprachen eine Weile über die Belanglosigkeiten, von denen er behauptete, dass sie ihn hergeführt. »Heute morgen war ich noch in Audienz beim Regenten,« erzählte er; »er hat mir gestern den persönlichen Adel verliehen.«
Felix Imhof beklopfte mit dem Stöckchen seine klassisch gebügelte Hose. »Verzeih die Kritik,« sagte er, »aber meines Erachtens war die Sache besser anzupacken, als wie du sie behandelt hast. So Knall und Fall das Weite zu suchen, nee, das war nicht das Richtige. Eigentlich ein bisschen unter dem Niveau. Eigentlich nicht ganz fair.«
»Unvermeidliches muss schnell geschehen,« erwiderte Judith achselzuckend; »übrigens hat ja deine Seelenruhe nicht besonders darunter gelitten, wie ich merke.«
»Bah, Seelenruhe; das kommt gar nicht in Frage.« Er stand, nach seiner Gewohnheit, mit gegrätschten Beinen, wiegte sich und betrachtete seine glänzenden Lackstiefel. »Seelenruhe, was hat das damit zu schaffen? Aber wir sind ja Leute von Kultur. Ich bin kein Tiger, ich bin kein Philister. Welche Menschlichkeit fände mich unzugänglich? Du kennst mich eben nicht. Was mich freilich nicht erstaunt, denn wie und wo und wann hätten wir uns kennenlernen sollen? Die Ehe gab uns keine Gelegenheit dazu. Wir müssen das nachholen. Gestatte mir, diesen Wunsch in mein neues Junggesellenleben hinüberzuretten. Versprich mir, dass du mich künftig nicht so planvoll meiden wirst wie während der acht Monate unsres Zusammenlebens.«
Eine Stunde später saß Felix Imhof im Eisenbahnzug. Er starrte mit hervorquellenden Augen in die Landschaft, bis es finster wurde. Ihn verlangte nach Gesprächen, nach Wortgefechten, nach Entladungen. Mit verzogener Stirn musterte er die fremden Menschen, die nichts von ihm wussten, nichts von seiner Fülle, seinen umwälzenden Ideen, seinen weitgreifenden Plänen.
In Düsseldorf verließ er den Zug. Er hatte sich in letzter Minute hiezu entschlossen. Sein Handgepäck gab er zur Aufbewahrung, dann ging er durch mitternächtig düstere, alte Straßen, mit gebauschtem Mantel, hager.
Vor einem uralten Gebäude blieb er stehen. In diesem hatte er seine Jugend verlebt. Alle Fenster waren schwarz. »Hallo, Junge!« schrie er zu einem Fenster hinauf, hinter welchem er einst geschlafen hatte. Es echote von den Mauern. »Hallo, Junge, du Ohnename, wo kommst du eigentlich her?« sprach er. Er pflegte oft von sich zu sagen: »Ich bin von dunkler Geburt wie Caspar Hauser.«
Er betrat ein Haus, zu dem er den Weg wusste seit den Gymnasialzeiten. In einem Saal, dessen Wände mit verschmierten Spiegeln bedeckt waren, befanden sich fünfzehn bis zwanzig halbentkleidete Mädchen. Er setzte sich in Hut und Mantel ans Klavier und spielte dilettantenhaft rauschend.
»Mädels, ich habe einen Zorn in mir,« sagte er. Und die Mädchen trieben Schabernack mit ihm, indes er spielte. Sie hingen ihm einen purpurroten Schal um die Schultern und tanzten um ihn herum.
»Tut etwas, um meinen Gram zu mildern, Mädels,« forderte er sie auf, stellte ihrer ein halbes Dutzend in eine Reihe, befahl ihnen, den Mund zu öffnen und steckte jeder einen Hundertmarkschein, wie eine Zigarette gerollt, zwischen die Zähne. Sie erstickten ihn schier mit Liebkosungen.
Von ihm zu ihr war alles wie Abschiednehmen. Ging er an ihrer Seite, so war es wie zum letztenmal. Jedes Händereichen und Tauschen von Blicken hatte den Schmelz und Schmerz des letzten Mals.
Es drückte sich in der Art aus, wie er ihr den Mantel hielt, in den sie schlüpfte; wie er ihr das Glas gab, aus dem sie zu trinken verlangte; wie er ihr den Arm zur Stütze ließ, wenn sie müde war; wie er auf sie wartete, wenn sie später an einen Ort kam als er.
Sie spürte es oft, und sie fragte ihn. Er wusste nicht darauf zu antworten. Er hätte vielleicht seine Empfindung des Abschieds ungefähr umschreiben können, aber was dann kommen sollte, nach dem Abschied, hätte er nicht zu sagen vermocht.
Es war ihm auch klar, dass es sich nicht allein um den Abschied von ihr handelte, sondern von allem, was ihm bisher teuer, angenehm und unentbehrlich gewesen war. Aber sonst begriff er nichts, hatte keinen Plan und grübelte auch nicht über einen.
Er war so ohne Begehrlichkeit und Forderung, dass sich Eva zu hundert Wünschen hinreißen ließ und zornig wurde, wenn keiner unerfüllt blieb. Sie wollte aufs Meer; er mietete eine Jacht, und sie fuhren vierzehn Tage lang auf dem Atlantischen Ozean umher. Sie hatte Sehnsucht nach Paris, und er fuhr mit ihr im Auto nach Paris. Sie speisten bei Foyot in der Rue de Tournon, wohin sie ihre Freunde, Schriftsteller, Maler, Musiker bestellt hatte, und am andern Tag kehrten sie zurück. Es wurde von einem Schloß in der Normandie gesprochen, das wie ein Traum vom frühen Mittelalter sei. Sie wollte es sehen, bei Mondschein wollte sie es sehen, und die Reise wurde angetreten, als es Vollmond war und auf wolkenlose Nächte gehofft werden konnte. Dann lockte die Kathedrale von Rouen; dann die berühmte Rosenzucht, die ein Baron Zerkaulen in der Nähe von Gent besaß; dann ein Ausflug in die Ardennen; dann ein Sonnenuntergang an der Zuidersee; dann ein Spazierritt im Park von Richmond; dann ein Rembrandt im Haag; dann ein festlicher Umzug in Antwerpen.
Eva antwortete: »Die Welt ist groß, die Jugend ist kurz. Das Schöne will zu mir, für mich ist es da, ohne mich stirbt es. Seit ich den Ignifer besitze, ist mein Hunger gar nicht mehr zu stillen. Er leuchtet über meine Erde und macht mir alle Wege leicht. Du siehst nun, was du getan hast, Lieber.«
»Du siehst keinen, aber alle sehen dich,« sagte Eva. »Alle staunen dir nach. Alle fragen: Wer mag der Schlanke, Vornehme sein, mit den weißen Zähnen und blauen Augen, wer mag es sein? Hörst du nicht das Gewisper? Sie machen mich eitel.«
»Die Frauen erbleichen, wenn du kommst. Gestern sah ich auf der Promenade eine junge Blumenverkäuferin, eine Flamin. Sie schaute dir nach, und dann fing sie an zu singen. Hast dus nicht gehört?«
Eva verdeckte die Augen mit der Hand und sang leise, mit halb leidvollem, halb schalkhaftem Ausdruck um den Mund: »Où sont nos amoureuses? /Elles sont au tombeau / Dans un séjour plus beau /Elles sont heureuses / Elles sont près des anges / Au fond du ciel bleu / Où elles chantent les louanges /De la Mère de Dieu. / Es griff mir an die Seele, und ich haßte dich eine Minute lang. Wieviel Empfindung strömt aus Menschenherzen und findet kein Gefäß!«
Am Abend gingen sie den Strand hinab. »Ich habe das Fräulein Gamaleja gesehen,« erzählte Eva. »Fjodor Szilaghin hat sie mir vorgestellt. Sie ist seine Geliebte. Eine Tatarin. Schön wie eine Giftschlange. Seltsam wie unbekannte Landschaften, die man träumt. Sie maß mich, und wir rangen heimlich miteinander. Wir sprachen von Marie Bashkirtseff und ihrem Tagebuch. Sie meinte, solche Wesen müssten bei der Geburt erdrosselt werden. Aber ich seh dirs an, mein armer Freund, dass du nicht weißt, wer Marie Bashkirtseff war. Nun, eine von den Frauen, die um ein Jahrhundert zu früh gelebt haben und die erfrieren müssen wie Blumen im Februar.«
Christian schwieg. Zwölf Frauen und neunzehn Kinder waren um die Leichen der Fischer herumgestanden, alle dürftig gekleidet, alle in eisigen Schmerz versunken.
Als sie weiter gingen und sich vom Lärm der Wogen entfernten, sagte Eva: »Warum lachst du nicht? Hast du das Lachen verlernt?« Es war wie ein Aufschrei.
»Morgen ist Jahrmarkt in Dudzeele,« sagte Eva hastig und griff nach ihrem Schleier, der in der Luft wehte, »komm mit mir nach Dudzeele. Pulcinell spielt. Wir wollen lachen, Christian, wir wollen lachen.«
»In der letzten Nacht war ein Sturm,« berichtete Christian; »du weißt es, wir waren ja lange in den Dünen oben. Gegen Morgen bin ich noch einmal an den Strand gegangen, denn ich konnte nicht schlafen. Gerade als ich kam, trugen sie die angeschwemmten Leichen von den Fischern weg. Drei Boote waren in der Nacht zerschellt, ganz nah vom Molo, man hatte ihnen keine Hilfe bringen können. Sieben Männer trugen sie auf Bahren in die Totenkammer. Einige Leute gingen mit, lauter armes Volk, und da ging ich auch mit. Dort in der Totenkammer brannte eine Laterne, und wie sie die nassen Leichen hinlegten, sammelte sich eine Menge Wasser an. Über die Gesichter der Ertrunkenen waren die Mäntel gebreitet, und von den Frauen sah ich nur eine einzige weinen. Sie war so hässlich wie ein morscher Baumstrunk, aber als sie weinte, war alle Häßlichkeit verschwunden. Warum soll ich lachen, Eva? warum soll ich lachen? Ich muss an die Fischer denken, die Tag um Tag auf dem Meere draußen ihr Brot verdienen. Warum soll ich da lachen? Gerade heute?«
Im Ton der Unerheblichkeit, den er nie steigerte, fuhr Christian fort: »Gestern zeigten sie mir in einer Bar, Wiguniewski und Botho Thüngen, einen fünfzigjährigen Mann, einen ehemaligen Opernsänger, der berühmt gewesen war und viel Geld verdient hatte. Er war den Tag vorher auf der Straße zusammengebrochen, und zwar aus Hunger. In seiner Tasche befanden sich aber zwanzig Franken. Als man ihn fragte, weshalb er seinen Hunger nicht gestillt habe mit Hilfe dieser zwanzig Franken, antwortete er, das Geld habe er als Reisevorschuß erhalten; er sei in einem Kabarett in Havre engagiert; nach monatelangen Bemühungen sei es ihm gelungen, den Posten zu bekommen, doch koste die Fahrt bis Havre fünfunddreißig Franken, und seit sechs Tagen war er unaufhörlich unterwegs gewesen, um die fehlenden fünfzehn Franken zusammenzuscharren. Jeder Versuchung, die zwanzig Franken anzutasten, die er bei sich getragen, habe er widerstanden, denn er habe genau gewusst, dass sein Leben, wenn er nur einen einzigen Centime davon nahm, endgültig zerstört sei. An jenem Tag war auch der Termin verstrichen, an dem er in Havre hätte sein müssen, und er ging später zu dem Agenten und gab ihm das Geld zurück. Den Mann haben sie mir gezeigt. Er saß mit aufgestützten Armen bei einer leeren Tasse. Als ich mich zu ihm setzen wollte, war er schon fort. Er war auch nicht mehr zu finden. Warum soll ich lachen, Eva, während ich an so etwas denken muss? Verlang nicht von mir, gerade heute, dass ich lachen soll.«
Sie fuhren zum Jahrmarkt und drängten sich bis zu dem kleinen Marionettentheater durch. Die Bänke waren von Kindern dicht besetzt; um die Bankreihen standen Kopf an Kopf die Erwachsenen. Vom Hafen herüber zogen die Gerüche von Maschinenöl, Leder und gesalzenem Hering, in der Luft widerhallten die Mißtöne von allerlei Musik und die Stimmen der Ausrufer.
Christian bahnte eine Gasse für Eva; die Leute machten halb widerwillig, halb verwundert Platz. Mit heiterer Spannung verfolgte Eva das Spiel. Seit Kinderzeiten liebte sie solche Schaustellungen, und auf die Jahre der Verschollenheit warfen sie einen reizvoll-schwermütigen Glanz.
Der Pulcinell, in der Rolle des geprellten Bauernfängers, musste erkennen, dass keine Schlauheit gegen den Zauber guter Feen etwas vermag. Seine Einfalt war zu witzig und seine Niederlage zu wohlverdient, um Mitleid zu erwecken. Der Regen von Prügeln, unter dem er endete, war ein befriedigender Sieg der Moral.
Als der Vorhang sich über die kleine Bühne gesenkt hatte, ließen sie sich vom Strom der Lustbarkeiten weiter tragen. Es bildete sich aber hinter ihnen ein Schwanz von Nachläufern; Gewisper ging von Mund zu Mund, und einer machte den andern auf Eva aufmerksam. Insbesondere ein paar junge Mädchen waren hartnäckig in der Verfolgung der apart gekleideten Fremden. Eva trug einen Hut mit Rosen und einen seidenen Mantel, der blau war wie das Meer in der Sonne.
Eines der jungen Mädchen hatte sich einen Fliederstrauß verschafft, und auf dem Platz vor einer Schenke überreichte sie ihn der Verehrten mit zierlichem Knicks. Eva dankte ihr und neigte das Gesicht über die Blumen, da schlossen fünf oder sechs Mädchen einen Ring um sie, fassten sich bei den Händen und drehten sich im Kreise, wobei sie eine übermütige Melodie trällerten.
»Nun bin ich gefangen,« rief Eva munter zu Christian hinüber, der außerhalb des Kreises geblieben war und sich die spöttischen Blicke der Mädchen gefallen lassen musste.
An der Treppe, die zur Schenke führte, stand ein betrunkener Mensch, der mit unerklärlichem Ingrimm beobachtete, was zwischen Eva und den Mädchen geschah. Zuerst erging er sich in wüsten Beschimpfungen, und als sich niemand darum kümmerte, geriet er in tätliche Wut. Er hob einen faustgroßen Stein vom Boden auf und schleuderte ihn gegen die Gruppe der Mädchen. Diese schrien erschrocken; einige duckten sich, einige wichen hastig aus. Der Stein fuhr hart am Arm derjenigen vorüber, die die Blumen gespendet hatte, und traf im Niederfallen Evas beide Füße.
Eva verfärbte sich und presste die Lippen aufeinander. Ein paar Männer stürzten auf den Betrunkenen los, der mit drohend erhobenem Arm in die Schenke taumelte. Auch Christian lief zu der Treppe hin, kehrte aber auf halbem Weg um, denn sich Evas anzunehmen, schien wichtiger. Die Mädchen hatten sich um sie geschart, befragten, beklagten sie, er schob sie beiseite.
»Kannst du gehen?« fragte er. Sie bejahte mit angestrengt beherrschter Miene, hinkte aber, als sie zu gehen versuchte. Da hob er sie auf den Arm und trug sie zum Auto, das in geringer Entfernung hielt. Die Mädchen waren nachgelaufen und winkten beim Abschied mit Tüchern; aus der Schenke drang Geschrei.
»Pulcinell ist rabiat geworden,« sagte Eva lächelnd und verbiß ihren Schmerz. »Es ist nichts, Liebling,« flüsterte sie nach einer Weile, »es vergeht; sei unbesorgt.« Sie fuhren mit hundert Kilometer Geschwindigkeit.
Eine halbe Stunde später saß sie in einem Zimmer der Villa in einem Fauteuil, und Christian kniete vor ihr und hielt ihre beiden nackten Füße in seinen Händen.
Susanne war angstverstört herbeigelaufen, hatte Ratschläge gestammelt, von denen einer dem andern widersprach, hatte die Leute zusammengerufen und aufgeregt nach dem Arzt verlangt, hatte der Herrin Schuhe und Strümpfe abgerissen und mit weiten Augen voll Entsetzen die roten Flecke betrachtet, die von dem Steinwurf herrührten. Schließlich hatte Eva sie zur Ruhe verwiesen und aus dem Zimmer geschickt.
Christian hielt und betrachtete die beiden nackten Füße, diese herrlichen Werkzeuge, vergleichbar den Händen eines großen Malers oder den Schwingen eines weit- und hochfliegenden Vogels. Indem er sich noch an der Form erfreute, der Klarheit der Muskulatur, der vollendeten Wölbung, den rosigen Zehen und durchsichtigen Nägeln, kam eine innere Aufmerksamkeit über ihn, und es sprach jemand: Da kniest du, Christian, da kniest du. Ja, ich knie, antwortete er im stillen und nicht ohne eine gewisse Bestürzung, warum sollt ich nicht? Er begegnete den Blicken Evas, und der lustvolle Glanz in ihren Augen vermehrte seine Bestürzung.
Eva schüttelte den Kopf. »Ich liebe es eben,« erwiderte sie, und ihre halbgelösten Haare fielen auf die Schultern. »Ich liebe es eben,« wiederholte sie, legte die Hände auf seinen Scheitel und drückte sein Haupt tiefer hinab. »Ich liebe es eben.«
Da kniest du ja, hörte Christian abermals. Und er sah einen Waschkrug mit abgebrochenem Henkel; und ein schiefes Fenster mit einem Schneerand in der Rille; und einen einzelnen Stiefel mit einer Kotkruste an der Sohle und einen Strick, der von einem Balken herunterhing, und eine Petroleumlampe mit geschwärztem Zylinder. Nur Dinge, niedrige und armselige Dinge.
Er antwortete nicht, und ihre nackten Füße wurden schwer in seinen Händen. Die sinnliche Empfindung, die sie ihm durch ihre Wärme, ihre Glätte, ihre triebartige Beweglichkeit eingeflößt hatten, verschwand und machte einem Gefühl Platz, das aus Furcht, Scham und Trauer gemischt war. Diese menschenhaften Gebilde, diese Füße einer Tänzerin, Glieder einer geliebten Frau, das Seltenste und Kostbarste der Welt, schienen ihm auf einmal hässlich und abstoßend, und jene niedrigen und armseligen Dinge, der Krug mit dem abgebrochenen Henkel und der grünen Bemalung, das schiefe Fenster mit dem Schneerand, der Stiefel mit der Kotkruste, der Strick, der vom Balken hing, und das Lämpchen mit dem berußten Zylinder waren dagegen schön und verehrenswert.
»Sprich, sind es viele, vor denen du gekniet hast?« vernahm er Evas beinahe angstvoll zärtliche Stimme, und ihm dünkte, Iwan Becker antwortete für ihn: »Dass Sie vor ihr niedergekniet sind, das war es, das allein. Das andre, darin lag Verhängnis und Bitterkeit. Aber dass Sie hingekniet sind, das, ja das.«
Er atmete tief, mit geschlossenen Augen und war bleich. Und jetzt erlebte er deutlicher, näher und wahrer jene Stunde des Schicksals. Er spürte den Kuß Beckers auf seiner Stirn, und er begriff den Sinn davon. Er begriff die fieberhaften Verwandlungen des bösen Gewissens, dass er selbst zum Krug, zum Fenster, zum Stiefel, zum Strick und zum Lämpchen geworden war, bloß um zu fliehen und Zeit zu gewinnen; und dass er, im Wechsel von Gestalt zu Gestalt, die Menschen wohl gesehen und gehört, den Bettler, das Weib, Iwan Michailowitsch, die kranken, halbnackten Kinder, dass es aber dabei sein innigstes Bemühen gewesen, sie noch von sich abzuhalten, eine kleine Weile noch, ehe sie mit ihrer Qual, ihrer Verzweiflung, ihrer Besessenheit und ihrer Grausamkeit über ihn stürzten wie die wilden Hunde über ein Stück Fleisch.
Die Frist war verstrichen. Er erhob sich mit einem Ausdruck von Eile und Festigkeit. »Entlasse mich, Eva,« sprach er zu ihr; »schick mich fort. Es ist besser, du schickst mich fort, als dass ich mich losringen muss, Schritt um Schritt, Riss um Riss. Ich kann nicht bei dir bleiben, ich kann für dich nicht sein.« In diesem Augenblick fühlte er die Liebe zu ihr wie einen Flammensturm, und er hätte sein Herz dafür ausgerissen, wenn er das Gesagte wieder ungesagt hätte machen können.
Er trat ans Fenster. Er erblickte den ganzen Raum des Himmels vor sich, den Abendstern und das bewegte Meer. Und er wusste, dass dies alles täuschte, dieser Frieden, dieser blitzende Stern, die leicht phosphoreszierende Flut, dass es nur ein Gewand war, ein bemalter Vorhang, und dass man sich nicht davon beruhigen lassen durfte. Dahinter war Schrecken und Furchtbarkeit, dahinter war unergründlicher Schmerz. Er begriff, er begriff.
Er begriff die Tausende und Tausende am Ufer des Stroms, ihr finsteres Schweigen. Er begriff die Tochter des Schiffers, die geschändeten Leibes auf schlechtem Linnen lag. Er begriff den Todeswillen Adda Castillos. Er begriff Jean Cardillacs trübsinniges Herumirren und seinen Kummer über Weib und Kind. Er begriff den siebzigjährigen Wollüstling, der hinter Klostergittern schrie: Was soll ich tun, Herrgott, und du, mein Heiland, was soll ich tun? Er begriff den taubstummen Dietrich, der sich ertränkt hatte; er begriff Beckers Hinweis auf den nassen Mantel und Franz Lothars Entsetzen über die Leichname, die sich umschlungen hielten; er begriff Amadeus Vossens lechzenden Hunger und das Wort vom Silberstrick und von der Ölflasche. Er begriff den versteinerten Gram der Fischerweiber, und er begriff den Opernsänger mit seinen zwanzig Franken in der Tasche.
Er gewahrte plötzlich Amadeus Voß, der draußen aus dem Dunkel von Bäumen trat und auf ihn gewartet zu haben schien, denn er machte lebhafte Zeichen gegen das Fenster. Mit hastigem Gruß verließ er das Zimmer.
Ein wenig später ging sie, die noch schmerzenden Füße vergessend, in ihr Ankleidegemach, öffnete die Schmuckkassette, nahm den Ignifer heraus und betrachtete ihn lange und mit grübelndem Ernst.
Dann steckte sie den Stein ins Haar und trat vor den Spiegel: kühl am Leibe, blassen Gesichts, ruhigen Auges. Sie verschränkte die Arme und blieb im Anschauen verloren.
»Sie denken vielleicht an irgendeinen verfeinerten Teufel, eine Halluzination, ein poetisches Gehirnprodukt,« fuhr Amadeus in seiner atemlosen und sonderbar feindseligen Weise fort. »Nein, nein, es war ein richtiger, altmodischer Teufel mit Bockskopf und Klauenfüßen. Er sprach zu mir: Nimm von ihrem Überfluss; umkleide dich mit dem Panzer, der unempfindlich macht; lass dich nicht einschüchtern, lass dich nicht vom Hauch ihrer frechgeschmückten Welt in die wolkige Enge deiner Qualen treiben. Und mit seinen kundigen Fingern lenkte er die kleine hüpfende Kugel für mich. Das Licht der Lampen schrie, von den Wangen der Weiber fiel die Schminke ab, über zitternde Bärte rann der Geifer schmutziger Habgier. Ich gewann, Christian Wahnschaffe, ich gewann. Zehntausend, zwölftausend, ich weiß nicht mehr, wieviel. So ein Tausendfrankschein sieht aus wie ein verwaschener Fahnenfetzen. Blendende Säle, Treppen, Gärten, weißgedeckte Tische, Champagnerkübel, Austernplatten, ich ziehe Luft in die Lungen, ich lebe, ich bin Herr. Wildfremde Bursche beglückwünschen mich, schenken mir die Ehre ihrer Gesellschaft, tafeln mit mir, gesiebte Leute, adrette Leute, ehrenwerte Leute. Im Hotel de la Plage verwandelte sich mein bocksfüßiger Teufel endlich in ein würdiges Symbol; er wurde zu einer Spinne mit einem ungeheuren Ei zwischen den Füßen, und daran saugte er, unersättlich. Gallerte, die anschwillt, um vor Wonne zu platzen.«
»Ja, ich bin ein wenig übernächtig,« gestand Amadeus Voß. »Wieviel ich verspielt habe? Vierzehntausend sind es ungefähr. Der Fürst Wiguniewski hat mir das Geld vorgeschossen. Er meinte, Sie würden es ihm schon zurückgeben. Ein vornehmer Mann; alle Achtung. Kein Muskel zuckt in seinem Gesicht, wenn er höflich ist; nichts an ihm verrät, dass er den Proletarier wittert.«
Amadeus Voß stieß ein Gelächter aus. »Ich wusste, dass Sie großmütig sein würden, Christian Wahnschaffe. Nur immer weiter hinein den Stachel in die Wunde, nur immer weiter.«
»Ich verstehe Sie nicht, Amadeus,« sagte Christian ruhig. »Fordern Sie Geld von mir, soviel Sie wollen; aber es wäre mir lieber, Sie forderten es nicht für diesen Zweck.«
»Großmütig gesprochen, wahrhaft großmütig,« höhnte Voß. »Wie aber, wenn mir gerade daran liegt, keine Grenze einzuhalten? Wenn mir daran liegt, die bettelhafte Scham loszuwerden und mich als Räuber zu erklären? Würden Sie mich verleugnen?«
Diese nüchternen und einfachen Worte machten sichtlich Eindruck auf Amadeus Voß. Er senkte den Kopf, und nach einer Weile sagte er: »Es ist herzzermalmend, dies Warten, bis die kleine Kugel zu hüpfen aufhört und der Femrichter den Spruch verkündet. Das verwaschene Tausendfrankfähnchen knistert heran, oder ein runder Turm von Goldstücken kommt auf einer Schaufel gefahren. Ich habe mir eine Zahl in den Kopf gesetzt. Ich teile acht Buchstaben in drei und fünf. Ein Vorname, ein Zuname. Einmal gewann ich siebzehnhundert auf einen Coup damit, ein andermal dreitausend. Sie dürfen mich nicht im Stich lassen, Wahnschaffe. Auch ich habe eine Seele. Drei und fünf, das ist mein Problem. Ich werde die Bank sprengen. Ich werde dreimal, zehnmal hintereinander die Bank sprengen. Es ist möglich, es kann also geschehn. Würde ›drei und fünf‹ einem Wolkenbruch von Gold widerstehen? Würde Danae den Perseus von sich weisen, oder würde sie verlangen, dass er ihr zuerst das Haupt der Gorgo bringt?«
Er verstummte jäh, da Christian den Arm um seine Schulter legte, eine Vertraulichkeit, die ihm so neu und unerwartet war, dass er tief aufatmete wie ein Kind im Schlaf. »Denken Sie doch an das Vergangene, Amadeus,« sagte Christian; »denken Sie doch an Ihre Worte, wie Sie zu mir sagten: Es ist möglich, dass Sie mich brauchen, gewiss aber ist, dass ich ohne Sie verloren bin. Haben Sie schon vergessen? Hast du es schon vergessen, Amadeus?«
Amadeus fuhr zusammen unter dem Du. Er ergriff plötzlich, stehenbleibend, Christians Hände und stotterte: »Um Gottes willen, so hat noch keiner ... so hat keiner noch zu mir geredet.«
Schwäche befiel Amadeus Voß. Er schaute sich mit unsteten Augen um und sah hinter sich einen niedern Betonpflock zum Befestigen der Schiffsseile. Er setzte sich auf den Stein und wühlte das Gesicht in die Hände. Dann begann er, durch die Hände hervor: »Sieh mal, Bruder, ich bin ein verprügelter Hund. Das bin ich und nichts sonst. Mir ist, als ob ich zu lange an einer kalten, harten, getünchten Kirchenwand gestanden hätte. Es ist mir stets eine Kälte in Mark und Bein sitzengeblieben, und ich will mich durch dieses fatale Gefühl nicht unterkriegen lassen. Ich denke oft, ich möchte einmal bei einem Weibe sein. Ich kann nicht leben ohne Liebe. Und ich lebe doch immerfort ohne Liebe, Tag für Tag. Immerfort ohne Liebe. Die verdammte Mauer ist mir zu kalt, ich kann, ich mag, ich will nicht ohne Liebe leben. Ich bin nur ein Mensch, und ich muss zu einem Weibe, sonst erfriere ich oder ich versteinere, oder ich bin verdonnert. Ich bin ein Christ, und als Christ ist es schwer, zu einem Weib zu gehen, wenn man ein gewisses Bild im Herzen hat. Hilf mir zu einem Weibe, Bruder, ich bitte dich darum.«
Christian blickte auf das dunkle Meer hinaus. Wie ist da zu helfen? dachte er und empfand die ganze Kälte der Welt und die Verworrenheit der menschlichen Dinge.
Während er so stand und sann, vernahm er, aus der Ferne, von den Dünen herschallend, einen Schrei, wie ihn ein Mensch in höchster Bedrängnis, ja in Todesnot ausstößt. Auch Amadeus Voß erhob den Kopf und lauschte. Sie sahen einander an.
Sie gingen der Richtung nach, aber der Damm war verödet, ebenso der Strand und die Dünen. Noch dreimal hörten sie den Schrei, dumpfer, dann wieder heller, näher, dann wieder ferner; ihr Suchen, Lauschen und schnelles Wandern war vergeblich. Als sie den Rückweg antraten, sagte Voß: »Es war kein Menschenschrei. Es war ein Etwas in der Natur, ein Zeichen. Es war ein Geisterruf. Das kommt vor, und nicht so selten, wie man denkt. Es ruft uns irgendwohin. Einer von uns zweien ist gerufen worden.«
Auf der Reise nach Schottland, zu Macpherson, hielt sich Crammon einen Tag in Frankfurt auf. Er benachrichtigte Christians Mutter, die ihn freundlich dringend zu sich bat.
Es war Ende Juni. Sie saßen auf einem von Geißblatt überwucherten Balkon des Hauses beim Tee. Frau Richberta hatte befohlen, jeden andern Besuch abzuweisen. Das Gespräch plätscherte eine Weile in oberflächlichen Wendungen hin, von vielen Pausen unterbrochen. Nur von Christian wollte Frau Richberta etwas erfahren, denn sie hatte, seit er Christiansruh verlassen, nichts mehr von ihm gehört und hoffte, durch Crammon eine Kunde zu erhalten. Aber Judiths Scheidung und ihre bevorstehende Wiederverheiratung mit Edgar Lorm, Ereignisse, die zu berühren ihr Stolz sich sträubte und über die sie doch nicht völlig schweigen durfte, weil sie einen Mitwisser und Kronzeugen vor sich hatte, mussten vorher wenigstens erwähnt werden.
Sie fand die Anknüpfung nicht, und Crammon, übelwollend und in knorrigem Trotz, obgleich äußerlich glatt, erkannte ihre Verlegenheit, ohne ihr entgegenzukommen.
»Warum wohnen Sie im Hotel, Herr von Crammon?« fragte sie; »Wahnschaffeburg hat ein Anrecht auf Sie, und es ist nicht hübsch, dass Sie uns links liegen lassen.«
»Gönnen Sie einem alten Landstreicher seine Freiheit, gnädigste Frau,« antwortete Crammon; »außerdem würde es mir Herzweh machen, wenn ich diesem Zauberschloß nach vierundzwanzig Stunden schon den Rücken kehren müsste.«
Frau Richberta knabberte an einem Biskuit. »Alles besser als Hotel,« versetzte sie; »Hotel ist immer ein bisschen trübselig; je luxuriöser, je trübseliger eigentlich. Und das Vornehmste ist es auch nicht. Tür an Tür mit irgendeinem, ich bitte Sie. Und die Geräusche. Aber schließlich, was ist heutzutage noch vornehm. Das kommt aus der Mode.« Sie seufzte. Jetzt glaubte sie die Brücke schlagen zu können und gab sich einen Ruck. »Was sagen Sie übrigens zu Judith?« fuhr sie mit gleichmäßig hohler Stimme fort. »Eine beklagenswerte Verirrung. Schon die Ehe mit Imhof war ja keine first-class-Angelegenheit und hat mir nie gefallen wollen; aber das! Ich kann keinem meiner Bekannten in die Augen sehen. Dieses Kind, von dem man bloß fürchten musste, dass es zu hoch hinaus wollte, dessen Prätensionen gar keine Zügelung vertrugen, wirst sich einem Komödianten an den Hals. Und zu all dem Peinlichen noch die Extravaganz mit dem Vermögensverzicht. Unfaßlich. Mit rechten Dingen geht das nicht zu, Herr von Crammon. Hat sie sich denn klargemacht, was es bedeutet, von einer mehr oder weniger beschränkten Gage leben zu müssen? Unfaßlich.«
»Ach, Künstler,« unterbrach ihn Frau Richberta ziemlich ungeduldig und mit geringschätziger Geste, »das sagt mir nichts. Ja, man bezahlt sie; man bezahlt sie bisweilen sehr gut. Aber es sind lusche Leute. Fortwährend auf der Kippe. Ich bin nicht für die Kippe. Es ist ja jetzt üblich, viel Geschichten mit ihnen zu machen, sogar in unsern Kreisen. Ich habe das nie begriffen. Judith wird ihre Torheit bitter zu büßen haben, und für mich und Wahnschaffe ist es eine schwere Enttäuschung.« Sie seufzte wieder und streifte Crammon mit einem scheuen Seitenblick, bevor sie anscheinend gleich gültig fragte: »Hatten Sie in der letzten Zeit Brief von Christian?«
»Wir sind seit zwei Monaten ohne jede Nachricht,« fügte Frau Wahnschaffe hinzu. Ein abermaliger scheuer Blick auf Crammon belehrte sie, dass er ihr den gewünschten Aufschluß nicht geben konnte. Er war in diesem Moment nicht genug Herr seines Mienenspiels, um zu verbergen, was sein geheimer Kummer seit langem war.
»Man hat mir erzählt, er sei mit dem Sohn des Försters abgereist,« sagte Crammon und zog die Brauen so weit in die Höhe, dass sein Gesicht einer mittelalterlichen Teufelsfratze glich. »Wohin er gegangen ist, darüber könnte ich nur Vermutungen äußern. Ich halte mich hierzu nicht für befugt, gnädigste Frau. Möglich, dass sich unsre Pfade kreuzen. Wir haben uns im besten Einvernehmen getrennt. Möglich, dass wir uns genau so wiederfinden.«
»Allerneuesten Datums, jawohl. Ich kann mir keinen Vers darauf machen. Ein Försterssohn ist ja an sich nichts Besorgniserregendes, aber man müsste doch wissen, was für eine Art Attraktion da im Spiele ist.«
»Ich habe manchmal schlimme Gedanken,« sagte Frau Wahnschaffe leise, und die Haut um ihre Nase wurde fahl. Sie beugte sich jäh nach vorn, und in ihren sonst so leeren Augen entstand eine düstere und angstvolle Glut, die Crammons Meinung über die innere Beschaffenheit der Frau auf einmal veränderte.
»Herr von Crammon,« begann sie mit einer heiser, ja krächzend klingenden Stimme, »Sie sind Christians Freund. Sie haben mich glauben gemacht, dass Sie es sind. So handeln Sie auch als Freund. Gehen Sie zu ihm; ich erwarte es von Ihnen; säumen Sie nicht.«
»Was an mir liegt, soll geschehen,« erwiderte Crammon. »Es war ohnehin meine Absicht, ihn aufzusuchen. Ich gehe für zehn Tage nach Dumbarton, von dort dann zu ihm. Ich werde ihn finden. Grund zur Beängstigung ist nicht vorhanden, gnädigste Frau. Noch immer bin ich der Meinung, dass Christian unter dem Schutz einer besondern Gottheit steht, aber ich gebe zu, man muss von Zeit zu Zeit Nachschau halten, ob der betreffende Engel seinen Posten auch ordentlich versieht.«
»In jedem Fall werden Sie mir schreiben,« sagte Frau Wahnschaffe, und Crammon versprach es. Sie nickte ihm zu, als er sich verabschiedete, die Glut in ihren Augen erlosch, und alleingeblieben versank sie in stumpfes Brüten.
Crammon verbrachte den Abend mit einigen Bekannten in der Stadt. Er kam spät ins Hotel und saß noch eine Weile in der Halle, unbeweglich, unnahbar und aus dem Anblick Vorübergehender schweigsamen Menschenhaß nährend. Dann musterte er die Tafel, auf welcher in kleinen Blättchen die Namen der Gäste geschrieben standen. Was tun die Leute hier? fragte er sich; wie wichtig das aussieht: Rentier Max Ostertag nebst Gattin; warum gerade Ostertag? warum Max? warum nebst Gattin?
Erbittert ging er die Treppe zu seinem Zimmer empor. Erbittert und weltmüde wanderte er in dem langen Korridor auf und ab. Vor sechs oder sieben Türen links und rechts standen je zwei Paar Stiefel, ein Paar Herrenstiefel, ein Paar Damenstiefel. Dieses Gepaartsein der Stiefel erregte allmählich seine Wut. Er erblickte darin eine prahlerische und schamlose Zurschaustellung ehelicher Begebenheiten. Denn das Eheliche und offiziell Gestattete erkannte er am Bau und Wuchs der Stiefel. Er glaubte ihnen eine mißgelaunte und überlang dauernde Zusammengehörigkeit anzumerken, eine breite, von der Wucht der Renten verursachte Getretenheit, eine niedrige Gesinnung, einen selbstgerechten Dünkel.
Er vermochte dem Anreiz nicht zu widerstehen, Verwirrung unter ihnen anzurichten. Er spähte umher, ob ihn niemand belausche, nahm ein Paar Männerstiefel, gesellte es zu den Frauenstiefeln an einer andern Tür und fuhr in dieser Tätigkeit fort, bis kein Paar seine frühere Gesellschaft mehr hatte. Sodann begab er sich zur Ruhe mit der angenehmen Empfindung, die etwa den Verfasser eines Lustspiels erfüllen mag, wenn es ihm gelungen ist, seine Figuren in unwahrscheinliche und kaum entwirrbare Verknüpfungen zu bringen.
In der Frühe wurde er durch den Lärm heftigen und endlosen Wortwechsels aufgeweckt, der aus dem Korridor hereinschallte. Er hob den Kopf, horchte befriedigt, schmunzelte träg, dehnte sich, gähnte geräuschvoll und genoss das Stimmengezeter wie eine erbauliche Morgenmusik.
Als Christian am Tag nach der nächtlichen Wanderung zu Eva kam, fand er zu seiner Überraschung viele Menschen bei ihr, Russen, Engländer, Franzosen, Belgier. Bis zu diesem Tag hatte sie sich der Geselligkeit fast ganz entzogen oder sich ihr nur in Stunden gewidmet, die zwischen ihr und Christian vorher vereinbart waren. Die unerwartete Veränderung machte ihn selbst zum Gast, indem sie ihn zugleich aus dem Mittelpunkt an die Peripherie schob.
Es wurde von der Ankunft des Grafen Maidanoff gesprochen, und ein allgemeiner Austausch von Mutmaßungen war im Zug, sowohl über die Dauer seines Aufenthalts wie auch über den Zweck. Politische Kulissen wurden mit bewußter Heuchelei aufgestellt: Besuch beim König, Besprechung mit Ministern. Er hatte zuerst im Hotel Lettoral in Knocke gewohnt, war aber alsbald in die weitläufige und prachtvolle Villa Herzynka übersiedelt, die sein Günstling und Freund Fjodor Szilaghin gemietet hatte.
»Ich sehe morgen abend einige Freunde bei mir,« sagte Szilaghin mit der ihm eigenen Artigkeit eines großen Komödianten, »ich hoffe, Sie erweisen mir die Ehre zu kommen.« Er musterte Christian kalt, und Christians Nerven spannten sich gepeinigt unter diesem Blick. Er verbeugte sich und beschloss, nicht hinzugehen.
Eva war im Balkonzimmer und posierte der Bildhauerin Beatrix Vanleer. Diese saß mit einem Zeichenblock vor ihr und entwarf Skizzen. Währenddessen plauderte Eva lebhaft mit einigen Herren. Sie reichte Christian die Hand zum Kuß. Seinen fragenden Blick beachtete sie nicht.
In einem zimtfarbenen Kleid mit hoher Frisur, die von einem Elfenbeindiadem gekrönt war, erschien sie ihm außerordentlich fremd. Ihr Gesicht war wie aus Email. Im Kinn drückte sich Feindseliges aus. Zarte Vibrationen der Schläfenmuskeln berührten wie Anzeichen inneren Sturms. Aber diese Wahrnehmung verflüchtigte sich wieder. Hauptsächlich war es eine lähmende Kälte, die um sie strömte.
Als die Bildhauerin fertig war, ging Eva im Gespräch mit einer jungen Fürstin Helfersdorff auf und ab. Sie führte sie auf den Balkon, der in Sonne gebadet lag, dann in ihr Boudoir, in welchem sie sich aufzuhalten liebte, wenn sie las oder von ihren Übungen ruhte. Er folgte den beiden Frauen gequält. Er fühlte, dass er sich demütigte. Er fühlte es zum erstenmal in seinem Leben. Aber es schlug ihn nicht so nieder, wie es, vielleicht vor einer Stunde noch, der Gedanke an die Möglichkeit einer Demütigung getan hätte.
Der Marques Tavera trat zu ihm. Auf der Schwelle des Boudoirs stehend, sprachen sie nichtige Dinge. Christian hörte, wie Eva der jungen Fürstin erzählte, dass sie in einer Woche nach Hamburg fahren werde; der Norddeutsche Lloyd feiere gelegentlich des Stapellaufs eines Riesendampfers ein Fest, und man habe sie eingeladen, zu tanzen. »Ich freue mich eigentlich darauf,« fügte sie heiter hinzu; »den Deutschen bin ich immer noch ein bloßer Name. Sie werden mich examinieren und mir endlich sagen, was ich kann und wohin ich gehöre.«
Die junge Dame blickte die Tänzerin begeistert an. Christian dachte: ich muss sogleich mit ihr sprechen. In jedem Wort, das Eva sprach, fühlte er etwas Feindseliges und Spöttisches gegen sich. Er ließ Tavera stehen und trat in das Gemach. Die Entschiedenheit seiner Bewegung nötigte Eva, ihn anzuschauen. Sie lächelte verwundert; ein kaum merkliches Achselzucken drückte Befremden und Tadel aus.
Der Marques Tavera hatte sich an die Fürstin gewandt, und als die beiden sich anschickten, das Zimmer zu verlassen, schien Eva ihnen folgen zu wollen. Eine Geste Christians, die sie, von der Tür zurückblickend, wahrnahm, bestimmte sie, zu bleiben. Christian schloss die Tür, und Evas Miene wurde immer verwunderter. Aber er spürte, dass diese Verwunderung Komödie war. Er geriet in Verlegenheit und wusste nicht, was er sagen sollte.
»Dieser Szilaghin ist mir unerträglich,« murmelte Christian mit gesenktem Blick. »Ich erinnere mich, ich sah einmal in einem Aquarium ein regenbogenfarbiges Meertier, wunderschön, aber zugleich grauenhaft. Ich konnte das Bild nicht los werden. Ich hatte immerfort Lust wieder hinzugehen und immerfort dasselbe hässliche Grauen.«
»O lala,« sagte Eva; weiter nichts. In dem leisen Ausruf lag Geringschätzung, Ungeduld und Neugier. Dann blieb sie stehen. »Ich liebe nicht, dass man mich arretiert,« sagte sie hart. »Ich liebe nicht, dass man mich unter meinen Gästen abfängt, um mir Dinge mitzuteilen, die uninteressant sind. Verzeih, aber es interessiert mich nicht, welchen Eindruck Fjodor Szilaghin auf dich macht; oder genauer gesagt: es interessiert mich nicht mehr.«
Christian schaute sie stumm an. Er erschien sich geschlagen, gezüchtigt und wurde leichenblaß. Das Gefühl der Demütigung wuchs wie ein Fieber. »Er hat mich für morgen in sein Haus gebeten,« stammelte er. »Ich wollte dir nur sagen, dass ich nicht gehen werde.«
»Du wirst gehen,« entgegnete Eva rasch; »ich bitte dich, zu gehen.« Seinem erstaunt fragenden Blick ausweichend, fuhr sie fort: »Maidanoff wird dort sein. Ich wünsche, dass du ihn siehst.«
Sie schüttelte sich vor Ungeduld. »Nichts, was nicht schon längst beschlossen war,« antwortete sie mit einer klirrend hellen Stimme; »dachtest du denn, ich wollte unsern schönen wilden Mai aus spinnen bis zu einem trübseligen November? Die Deutlichkeit von gestern hättest du dir schenken können. Der Traum war zu Ende, und für dich keinen Augenblick früher als für mich. Das musstest du wissen, und wenn du es nicht gewusst hast, musstest du dich benehmen, als wüsstest dus. Ein Mann von Geschmack und Welt wirst nicht die Karten auf den Tisch, während der Partner den letzten Einsatz wagt. Du verdienst nicht einen ehrlichen Abschied, wie ich ihn dir gebe. Ich hätte dich an die Paradekette legen und dich aushungern sollen wie die dummen, kleinen Bestien, die mir beständig vorwinseln, dass sie bereit sind, sich für mich zu ruinieren. Sie nennen es ihre Leidenschaft; ein Feuer wie jedes andre, aber ich möchte mir nicht einmal die Kerze daran anzünden, wenn ich Licht brauche, um mir die Schuhe aufzuschnüren.«
»Du hast mich missverstanden,« sagte Christian bestürzt, »du mißverstehst mich gänzlich.« Er trat ihr mit schwach erhobenen Händen in den Weg. »Begreifst du denn nicht? Hätt ich nur die Worte, ... aber ich liebe dich ja. Ich kann mir ja das Leben ohne dich noch gar nicht vorstellen. Trotzdem, wie soll ichs nur sagen, mir ist wie einem, der ungeheure Summen schuldig ist und fortwährend darum gequält und gemahnt wird und nicht weiß, womit er zahlen soll und wem er zahlen soll. Versteh mich doch recht, ich war übereilt, aber ich dachte, du könntest mir helfen.«
Es war ein Schrei aus der Not, aber Eva hörte ihn nicht und wollte ihn nicht hören. Sie hatte ihr Gefühl im höchsten Bogen ausgespannt; als er brach, war ihr jede Tiefe zu gering, in die sie die Trümmer schleuderte. Sie hatte keine Ohren mehr; sie hatte keine Augen mehr. Sie hatte über ihr Schicksal schon entschieden; und fürchtete sich vor dem Schritt nach vorn, der Schritt zurück ging gegen ihren Stolz und gegen ihr Blut. Eine souveräne Geste schnitt Christian die Rede ab. »Genug,« sagte sie. »Von allem Hässlichen, was es zwischen Menschen gibt, sind Auseinandersetzungen über ein Gefühl das Hässlichste. Ich habe keinen Sinn für Hypochondrien, und mich langweilen Epiloge. Was deine Gläubiger betrifft, so sieh zu, dass du sie kennenlernst und bezahlst. Es ist peinlich, mit rückständigen Rechnungen zu wirtschaften.«
Am andern Tag erhielt Christian eine Depesche von Crammon, worin ihm dieser für die Mitte der Woche seine Ankunft meldete. Er starrte versonnen auf das Papier und musste sich das Bild Crammons erst Zug für Zug aus der Erinnerung zusammensetzen. Gleich darauf vergaß er es wieder.
Bei Fjodor Szilaghin hatten sich ungefähr zwanzig Personen eingefunden: acht oder zehn Russen, darunter Wiguniewski, die Brüder Maelbeek, junge, belgische Aristokraten, ein französischer Linienschiffskapitän, der Marques Tavera, Mr. Bradshaw, die Fürstin Helfersdorff und ihre Mutter, eine sehr gewöhnlich aussehende Dame, Beatrix Vanleer und Sinaide Gamaleja.
Christian kam später als alle andern, und Szilaghin begrüßte ihn auf einem Sessel halb sitzend, halb liegend; ein junger Wolf kauerte auf seinen Knien, und auf der Armlehne des Sessels stand ein grüner Papagei, von jener Art, die man Kurika nennt. Er entschuldigte sich lächelnd bei Christian, als er ihm die Hand reichte und wies mit einer Miene auf die Tiere, als sei es unmöglich, sich ihrer zu entledigen.
Aus Wiguniewskis Erzählungen wusste Christian, dass Szilaghin solche Schaustellungen liebte. In Oxford war er mit einem Adler an der Kette im Boot gefahren, in der Nacht und allein, in Rom hatte er einst einen Palazzo gemietet und die Hefe der Stadt, Bettler, Krüppel, Dirnen und Zuhälter, zu einem Ball geladen. Die Prahlerei darin war unverkennbar, aber als er vor ihm stand und ihn mit seinen Tieren sah, hatte Christian nicht nur den Eindruck eines krankhaften Übermuts, sondern auch den der Verzweiflung. Nachhaltige Beklommenheit bemächtigte sich seiner.
Die Beleuchtung in den Räumen war auffallend spärlich und düster. Da ein Gewitter heraufzog und wegen der schwülen Hitze die Fenster weit geöffnet waren, streute jedes Aufzucken eines Blitzes unerwartete Helligkeit aus.
Von einigen Gästen aufgefordert, setzte sich Sinaide Gamaleja mit einer Laute unter einen Strauch hochstämmiger Soleil-d'or-Rosen und begann ein russisches Lied zu singen. Um ihre Schultern war ein golddurchwirktes Tuch gebreitet, ein Diamantband schmückte ihr mattschwarzes Haar. Sie war von schmächtigem Wuchs; sie hatte breite Backenknochen, einen breiten Mund und stumpfglühende, weitlidrige Augen.
Der graugelbe Wolf auf Szilaghins Knien erhob den Kopf und äugte schläfrig zwinkernd zu der Sängerin hin; die Melodie hatte einen Traum von der heimatlichen Steppe in ihm erweckt. Auch der Papagei rührte sich; ein unverständliches Wort krächzend, ließ er das schwelgerisch gefärbte Gefieder seines Halses schimmern. Szilaghin mahnte ihn mit dem Finger zur Ruhe; gehorsam duckte der Sittig den Kopf in die Federn, die ein Windhauch aufblies. Ein alter Russe, der sehr geschwätzig war, redete eifrig zu Szilaghin; er überhörte ihn voll Verachtung und sang bei der zweiten Strophe das Lied mit.
Seine Stimme war wohlklingend, ein tiefer, dunkler Bariton. Christian aber dünkte es ein verworfener Wohlklang, so verworfen wie die halbverdeckten, grollenden, schwermütigen, von Menschenverachtung erfüllten Augen, wie das edelgeschnittene, wächserne Gesicht, das für achtzehnjährig gelten konnte, indes die Erfahrungen eines bösen Greises in ihm wohnten, wie die reptilhaft lange, blasse, entnervte Hand, wie das süßliche, müde und geistreiche Lächeln.
Wiguniewski, die Maelbeeks, der Kapitän und Tavera hatten sich im Raum nebenan zum Bakkarat gesetzt. In den Pausen des Gesangs vernahm man das Klirren von Gold und das Aufschlagen der Karten. Die fremden Geräusche erregten den Kurika; er vergaß die empfangene Warnung und stieß wieder sein mißtönendes Gekrächz aus. Sinaide Gamaleja warf ihm einen zornigen Blick zu; eine Sekunde lang krampfte sich ihre Hand über den Saiten.
Da richtete sich Szilaghin auf, packte das Tier mit der einen Hand bei den Füßen, mit der andern beim Kopf und drehte dem entsetzt aufkreischenden, schauerlich sich sträubenden Vogel den Hals rund um seine Achse. Die grüne Leiche schleuderte er mit einer Miene von Ekel auf den Boden und intonierte gleichmütig die dritte Strophe des Liedes.
In Sinaida Gamalejas Augen flammte es befriedigt. Der alte Russe, der mit seinem endlosen Geschwätz die Bildhauerin heimgesucht hatte, schwieg plötzlich. Der Wolf gähnte, und um seine gute Gesinnung zu erhärten, drückte er die Lefzen schmeichelnd auf den Arm seines Herrn.
Christian schaute auf den getöteten Vogel hinab, der mit zerzaustem Gefieder dalag und in einem über den Estrich hinlohenden Blitz wie ein phantastisch großer Smaragd funkelte. Auf einmal wurde ihm das tote Tier zu einem Siegel all des Verworfenen, Eitlen, Lügenhaften, Aufgeputzten und Gefährlichen, das er um sich sah und spürte. Er heftete einen Blick auf Szilaghin, einen Blick auf die Gamaleja und ihre Laute, einen Blick auf den schwatzhaften Alten, einen Blick auf die Spieler und wandte sich ab. Eine Schärfe war in seiner Kehle, ein Brennen in seinen Augen. Er machte ein paar Schritte gegen das nächste Fenster; draußen rauschte das Laub der Bäume und Donner rollten. Da erhob sich in ihm die Frage: wo kommt all dieses Böse her? Wo kommt es her, und warum ist es so schwer, es von sich zu tun?
Es trieb ihn davon. Die Nacht, der Regen, das nahende Gewitter lockten. Der Wunsch erwachte in ihm, sich zu verlieren, im Finstern, im Sturm, fern von Menschen. Er fürchtete sich vor aufsteigenden Tränen, zum erstenmal seit er denken konnte; denn so lange er ein bewußtes Leben führte, hatte er nie geweint. Sein ganzer Körper war durchtobt von einer Erschütterung ohnegleichen, die er noch immer, mit dem Aufgebot aller Kräfte, zu verbergen imstande war. Gerade als er nach der Türklinke greifen wollte, wurde von einem Lakaien die Tür geöffnet, und Maidanoff und Eva erschienen auf der Schwelle. Christian blieb stehen. Aus seinem Gesicht wich jede Spur von Farbe.
In die Gesellschaft kam lebhafte Bewegung. Szilaghin sprang auf und eilte den Ankömmlingen entgegen. Maidanoffs verwitterte Hagerkeit bot einen grellen und düstern Gegensatz zu Evas freudig blühendem Ebenmaß. Sie trug ein Kleid, das fast nur Hauch war, tief ausgeschnitten, an den Schultern mit Perlenschnüren befestigt. Ihre Haut hatte einen fließenden Goldglanz, Hals, Arme, Rumpf und Beine spielten in durchpulstem Leben.
Für Christian war sie Erscheinung ganz. Er starrte sie an; indes sein Name mit andern Namen genannt wurde, die Maidanoff neu waren, starrte er sie an wie ein unergründliches und verhängnisvolles Gebilde. Es war ihm so eisig ums Herz, so ungeheuerlich verlassen; so wild und so stumm; die aufgelockerte Brust konnte die Spannung nicht mehr ertragen; schon maßen ihn Blicke: eine fehlende Hemmung, und das Aufstöhnen aus verworrenstem Schmerz, das draußen vier leere Wände und zwei blöd-erstaunte Diener aus dem Mund des Fliehenden hörten, hätte ihn drinnen lächerlich gemacht und erniedrigt.
Nach einem Verlust von achtundzwanzigtausend Franken, soviel hatte er nach und nach von Mr. Bradshaw und Fürst Wigunieswki erhalten, stand Amadeus Voß vom Spieltisch auf und wankte ins Freie. Als trübes Ziel schwebte ihm vor, Christian zu unterrichten, damit er innerhalb vierundzwanzig Stunden die Schuld begleichen konnte.
Als ein Weib des Weges kam, schloss er sich ihr an. Doch plötzlich stieß er ein Gelächter aus, schwenkte in eine Seitengasse ab und ging allein weiter.
Er ging und ging und ging, sechs Stunden lang, bis zwei Uhr morgens, da war er in Heyst. Sein Gehirn zog sich zu einem Klumpen zusammen, in dem kein Licht und kein Gedanke mehr war.
Grauschwarze Wellenhügel, die sich wälzten, zeigten sich ihm als Leiber von Frauen. Die Wolken, die in der heißen Nacht gegen Norden zogen, waren Mäntel über begehrenswerten Formen. Er sehnte sich dumpf über die Länder hin, in denen Liebe war, woran er keinen Teil hatte.
Am Gartentor der Villa stehend, starrte er zu den Fenstern von Christians Zimmern hinauf. Sie waren offen und beleuchtet. »Bruder,« murmelte er, »Bruder.« Da trat Christian an ein Fenster. Der Anblick seiner Gestalt flößte Voß besinnungslosen Haß ein. »Hüte dich, Wahnschaffe!« schrie er.
Christian ging vom Fenster weg und kam alsbald aus dem Tor. Amadeus erwartete ihn mit geballten Fäusten. Aber als Christian näher kam, wandte er sich um und flüchtete, Christian schaute ihm nach, die Straße hinunter. Amadeus' Gang verlangsamte sich, und er folgte ihm.
Nachdem Voß eine Weile planlos herumgeirrt war, verspürte er quälenden Durst. An einer Matrosenkneipe vorübergehend, hielt er inne, überlegte und ging dann hinein. Er ließ sich einen Grog geben, berührte ihn aber nicht. Fünf oder sechs Männer saßen an mehreren Tischen. Drei schliefen, die übrigen stierten betrunken. Der Wirt, eine feiste Galgenphysiognomie, thronte hinter dem Schenktisch und musterte den späten Gast mit der eleganten Kleidung und dem unnatürlich bleichen und verstörten Gesicht. Einer, dems an den Kragen geht, war das Ende seiner Betrachtung, und er gab dem Schankmädchen, einer schwarzhaarigen, schmutzigen Wallonin, einen Wink, dass sie sich zu ihm setzen solle.
Sie setzte sich in freche Nähe und begann ein Gespräch. Er verstand sie nicht. Sie lachte gemein und legte die Hand auf sein Knie. Ihre Brüste bewegten sich hinter dünnen bunten Fetzen wie Tiere. Alles roch nach Tierheit an ihr. Ihm schwindelte. Mordlust regte sich.
Er griff in die Tasche und holte alles Geld hervor, das er noch besaß. Es waren siebzig Franken, drei Goldstücke und fünf Silberstücke. »Hexenzahl,« murmelte er und verfärbte sich noch mehr; »drei und fünf; E.V.A. Hexendrei, Hexengold.«
Sie blickte auf seinen Mund. Der Wirt sprach deutsch und übersetzte ihr die Worte. Sie lachte grell und deutete einwilligend gegen die Türe. Amadeus schüttelte den Kopf. »Nein; jetzt; hier,« versteifte er sich. Das Mädchen wandte sich an den Patron, und sie beratschlagten flüsternd. Aus ihren Gebärden war zu entnehmen, dass sie sich aus den ringsum sitzenden Schnarchern und Betrunkenen nichts machten. Das Mädchen verschwand hinter einem braunen Vorhang, der ehemals gelb gewesen war. Der Wirt strich die siebzig Franken vom Tisch, schlich von Fenster zu Fenster, um zu prüfen, ob die roten Tücher keinen Spalt freiließen und stellte sich dann als Wache an die Tür.
Amadeus saß wie in siedendem Wasser. Wenige Minuten verflossen, da wurde der braune Vorhang beiseite geschoben, und die Wallonin trat nackt hervor. Die Matrosen schauten auf. Einer erhob sich und gestikulierte. Einer begann toll zu lachen. Die Wallonin stand mit gesenkten Augen, trotzig, gleichgültig und rieb einen Fuß am andern. Sie war ziemlich dick, ohne jeden Reiz und hatte zerstörte Formen.
Aber für Amadeus Voß musste es eine überirdische Erscheinung sein, denn er schaute sie entgeistert an. Seine Arme waren aufgestützt und vorgestreckt, die Finger krallenartig eingezogen, um den Mund zuckte es. Die Fischer sowie der Wirt sahen jetzt nicht mehr das Mädchen, sondern nur ihn. Sie empfanden Furcht; der Anblick war so ungewöhnlich für sie, dass sie das Öffnen der Tür unbeachtet ließen. Zu spät stieß der Wirt einen leisen Warnpfiff aus, der Eintretende, es war Christian, gewahrte noch die Nackte, als sie eilig hinter den Vorhang schlüpfte.
Christian legte die Hand auf seine Schulter. Nun erst riss Amadeus den Blick los, kehrte ihn langsam, wie fragend Christian zu, und seinem zuckenden Mund entrangen sich seltsam die Worte: »Est Deus in nobis agitante callescimus illo.«
»Komm, Amadeus,« sagte Christian, und seine Stimme schien tiefen Eindruck auf Voß zu machen, denn er folgte ihm ohne Widerspruch. Der Wirt wie auch die Fischer drängten ihnen nach bis auf die Gasse.
Crammon kam am festgesetzten Tag zur festgesetzten Stunde. Er hatte sich vorbereitet, zu weilen und Feste zu feiern. Damit war es nichts. Eva war mit den Ihren schon im Aufbruch begriffen. Maidanoff war nach Paris gereist, um dort auf Eva zu warten.
Man hatte Crammon von der neuen Beziehung seines Abgotts unterrichtet. Er war alsbald auf dem laufenden über alles, was vorgefallen war; auch dass zwischen Christian und Eva ein Zerwürfnis stattgefunden haben musste. Um so mehr wunderte es ihn, als er Christian entschlossen sah, Eva nach Hamburg zu folgen.
Nach wenigen Worten schon, die er mit Christian gewechselt, fiel ihm die Veränderung des Freundes auf. Er legte ihm die Hand auf die Schulter und fragte teilnehmend: »Hast du mir nichts anzuvertrauen?«
Er verbrachte einen Abend mit Wiguniewski. »Es ist nicht möglich, ihr müsst euch irren,« sagte er, »oder die Welt ist auf den Kopf gestellt, und ich weiß nicht mehr, was ein Mann und was ein Weib ist.«
»Ich hatte von Anfang an keine besondere Vorliebe für Wahnschaffe,« bekannte Wiguniewski. »Er war und ist mir zu undurchsichtig, zu versteckt, zu verwöhnt, zu kühl, zu kalt, zu deutsch, wenn Sie wollen. Trotzdem habe ich von Anfang an gewusst: der ist für Eva Sorel wie geschaffen. Wenn man die beiden Menschen beieinander sah, empfand man eine spirituelle Freude; dasselbe Vergnügen, das eine schöne Komposition erregt, überhaupt alles Sinnvolle und Harmonische.«
Crammon nickte. »Er hat ja eine merkwürdige Gewalt über die Weiber,« sagte er; »ich habe jetzt wieder ein Beispiel davon erlebt, das um so verblüffender ist, als es sich bloß um sein Bild handelt. Ich lernte da bei Ashburnhams in Yorkshire, wo ich zu Gast war, eine junge Wienerin kennen, Bankierstöchterchen, recht hässlich, wenn ich aufrichtig sein soll, aber mit einem besondern Tick, einem besondern Charme, einem besondern Witz; auch das Gestaltchen nicht übel, obschon dürftig, ausnehmend dürftig. Sie heißt Johanna Schöntag, aber der Name tut ja nichts zur Sache; ich nannte sie bloß Rumpelstilzchen, das passte zu ihr. Der Teufel mag wissen, wie sie in die Gesellschaft dort geraten war; ich glaube, ihre Schwester, ein rothaariges Frauenzimmer, wie aus einem Rubens entsprungen, hat einen kleinen Attache bei einer kleinen Gesandtschaft geheiratet, Rumänien oder Bulgarien oder so was. Das Großkapital sucht Mäntelchen für seine Töchter. Na, gleichviel, dieses Rumpelstilzchen und ich, wir verbündeten uns in der nebligen Langeweile von Lord und Lady Ashburnhams Heim zu gegenseitiger Aufheiterung. Eines Tages zeig ich dem Mädel Christians Bild. Ich besitze eine Miniature von ihm, die ich in Paris von Maitre Gaston Villiers habe machen lassen. Sie sieht das Bild an; ihr lustiges Gesicht wird ernst; sie versinkt, sie schweigt, sie gibt es mir stumm zurück. Ein paar Tage später verlangt sie es noch einmal zu sehen; derselbe Effekt. Sie befragt mich über den Menschen, ich, nicht faul, erzähle das Blaue vom Himmel herunter, unter anderm auch, dass ich Christian hier treffen würde, und da erklärt sie, sie wolle ihn kennenlernen, ich müsse ihr dazu verhelfen. Es ist sonst ein sprödes Geschöpf, schwer einzufädeln, schlau und argwöhnisch, was Hunderten gefällt, darüber rümpft sie die Nase, die übrigens das Hässlichste an ihr ist. Die Bitte war mir unerwartet und, offen gestanden, auch nicht ganz bequem. Man muss aufpassen, dass man nicht die falschen Menschen zueinander bringt, das gibt bloß Scherereien. Ich spreche: davor schütze mich der Allgütige und Allweise; ich ermahne sie sanft, sich eines Bessern zu besinnen; ich male ihr die Gefahr in den schwärzesten Farben, aber sie will nicht hören, sie lacht mich aus, sie heißt mich einen Quäker und entwickelt mir sofort einen listigen Feldzugsplan. Um Zeit sei sie nicht verlegen, zu Hause müsse sie erst im November sein, sie habe also sieben Wochen vor sich und werde sich auf die niederländischen Galerien ausreden, was ja eine gebildete Sache sei; über eine Gardedame oder Reisebegleiterin verfüge sie ohnehin, die Schwester werde sie nötigenfalls ins Komplott ziehen, die sei in solchen Dingen großherzig. Das alles legte sie mir mit einer Pfiffigkeit dar, dass ich schwach wurde und mich zu ihrem Mitverschworenen machte. Nun, seit gestern ist sie hier, sitzt im Hotel de la Plage, ein bisschen ängstlich wie ein aus dem Nest gefallener Vogel, ist unzufrieden mit sich, hat moralische Anwandlungen, und ich meinerseits weiß nicht, was ich mit ihr beginnen soll. Auf derlei Scherze geht mir der Christian jetzt nicht ein, das hab ich mir zu spät überlegt, und ich muss es dem Mädel klarmachen. Aber alles das nur nebenbei, Fürst. Eine Randglosse. Ich will Sie nicht aus dem Konzept gebracht haben.«
Wiguniewski hatte die Erzählung mit geringer Teilnahme angehört. Er begann wieder: »Die verflossenen Monate gaben uns allen, wie gesagt, ein unvergessliches Erlebnis. Wir sahen ein freies Paar, das eine höhere Legitimität schuf als jede vorhandene. Auf einmal wird das schöne Schauspiel zur abgegriffenen Boulevardkomödie. Durch seine Schuld. Ein solches Verhältnis hat seinen organischen und natürlichen Abschluss; ein Mensch von Witterung weiß es und handelt danach. Statt dessen lässt er es zu peinlichen Szenen kommen; er sucht Begegnungen, die ihn demütigen und lächerlich machen. Er wartet, wenn sie nicht zu Hause ist, in ihren Zimmern, bis sie zurückkehrt und erträgt es, dass sie mit einem Kopfnicken an ihm vorübergeht, ohne sich um ihn zu kümmern. So saß er einmal die ganze Nacht und starrte in ein Buch. Er lässt es sich gefallen, dass die Rappard von oben herab mit ihm redet; er setzt sich darüber hinweg, dass man die Blumen und Früchte, die er täglich schickt, täglich refüsiert. Was ist das? Was bedeutet das?«
»Vorgestern hatte sie Gäste,« fuhr Wiguniewski fort; »wie zum Hohn wurde ihm ein Platz am untersten Ende der Tafel angewiesen; ich kannte seine Tischnachbarn nicht einmal. Es scheint sie bis zur Grausamkeit zu erbittern, dass er sich diesen Demütigungen nicht entzieht; und ihn seinerseits scheint etwas Unerklärliches daran zu reizen. Er nahm den Platz ein und saß die ganze Zeit schweigend. Nachher kam es dann zu einem eigentümlichen Auftritt. Man stand oder saß in Gruppen beisammen; er hielt sich wenige Schritte von Eva entfernt und ließ kein Auge von ihr. Sein Gesicht hatte einen grüblerischen Ausdruck, wie er sie so unablässig beobachtete. Sie trug an dem Abend den Ignifer, sein Geschenk, und sah aus wie Diana mit einem brennenden Stern auf dem Haupt.«
»Das Gespräch berührte in zehn Wendungen zwanzig Gegenstände, ohne flach zu werden; Sie wissen ja, wie meisterhaft sie es versteht, die Konversation in Zucht zu halten. Zuletzt spricht man von flämischer Literatur, jemand nennt den Namen Verhaeren, und sie zitiert einige Zeilen aus einem Gedicht, das ›Die Freude‹ heißt. Die Worte lauten ungefähr: ›Mein Dasein ist in allem, was ringsum lebt; Wiesen, Wege und Bäume, Quellen und Schatten, ihr werdet ich, seit ich euch ganz gefühlt.‹ Man murmelt beifällig, sie geht zu einem Büchergestell und nimmt ein Buch heraus; es waren eben die Gedichte Verhaerens. Sie blättert, schlägt die Seite mit den betreffenden Versen auf, wendet sich plötzlich zu Wahnschaffe, reicht ihm das Buch und bittet oder befiehlt, er solle das Gedicht vorlesen. Er zögert einen Augenblick, dann gehorcht er. Dieses Lesen wirkte auf alle zugleich lächerlich und quälend. Er las wie ein Schüler, mit halblauter Stimme, stotternd, eintönig und als sei der Inhalt über seinen Begriff. Es war für ihn selbst lächerlich und quälend, denn während die verzückten Strophen in seinem Mund den Charakter einer langweiligen Zeitungsnotiz annahmen, wurde er abwechselnd blass und rot, und als er fertig war, legte er das Buch hin und verließ, ohne einen von uns anzuschauen, das Zimmer. Eva aber sagte, zu uns gewendet, wie wenn nichts geschehen wäre: es sind wundervolle Verse, nicht wahr? Dabei zitterten ihre Lippen vor Zorn. Was wollte sie mit alldem? Wollte sie uns beweisen, dass er unfähig ist, so schön und zart Empfundenes mitzuempfinden? Wollte sie ihn beschämen, ihn für einen Mangel seiner Natur strafen und öffentlich bloßstellen, oder war es nur eine ungeduldige Laune, der Ärger über sein stummes Dasein, seine stummen, forschenden Blicke? Fräulein Vanleer sagte mir später: er hätte lesen müssen wie ein Gott, dann hätte sie ihm verziehen. Was verziehen? fragte ich. Sie lächelte und gab mir zur Antwort: ihre eigne Treulosigkeit. Darin ist vielleicht etwas Richtiges. Sie sollten ihn aus diesem schlimmen Zirkel reißen, Herr von Crammon.«
»Ich werde tun, was in meinen Kräften steht,« sagte Crammon mit einer gramvollen Mundfalte. Er wischte sich die Stirn. »Ich weiß freilich nicht, wie weit mein Einfluß noch reicht. Es wäre Prahlerei, wollte ich mich verbürgen. Es ist mir auch Unterbracht worden, er verkehre in allerlei verrufenen Lokalen, gehe mit gemeinem Volk um, wahrhaftig, ich könnte heulen, wenn ich daran denke. Diese Blüte der Gentlemanschaft, dieser Stolz meiner fortgeschrittenen Jahre, dieser aus Tausenden Gesiebte! Leider Gottes hatte er bereits damals, als ich ihn verließ, gewisse konfuse Anwandlungen, aber ich schrieb sie auf das Schuldkonto jenes verdächtigen Subjekts, jenes Iwan Becker.«
»Sprechen Sie nicht von ihm, sprechen Sie nicht von Becker,« unterbrach Wiguniewski scharf, »jedenfalls nicht in dieser Weise, ich bitte ausdrücklich: nicht in dieser Weise.«
Crammon riss die Augen auf, und seine Zungenspitze wurde sichtbar wie eine rote Schnecke, die aus ihrem Gehäuse lugt. Er würgte sein Mißbehagen hinunter und zuckte die Achseln.
Wiguniewski sagte: »Sie geben mir immerhin einen Fingerzeig. Ich habe das nie in Betracht gezogen. Ich sehe nun manches in anderm Licht. Im übrigen ist es wahr, dass Wahnschaffe mit bedenklichen Leuten zu tun hat. Der bedenklichste von allen ist dieser Amadeus Voß, dieser Spieler und Heuchler. Wie darf man da an Iwan Becker denken; das hat gar keinen Sinn. Becker mag einen Weg gewiesen haben; es lässt sich annehmen, gewisse Vorgänge werden dadurch verständlich. Wenn etwas Unheilvolles vor sich geht, so kommt es von jenem Voß; vor ihm retten Sie Ihren Freund.«
»Ich habe den Burschen noch nicht zu Gesicht gekriegt,« murmelte Crammon; »was Sie mir da sagen, Fürst, trifft mich nicht ganz unvorbereitet, aber ich danke Ihnen trotzdem. Wehe dem Halunken; ich will nie wieder einen anständigen Tropfen aus einem Glase trinken, wenn er mir straflos entwischt. Ich will nie wieder nach einem verführerischen Busen blinzeln, wenn ich diesen Hundesohn nicht zu einem übelriechenden Brei zermalme. Das walte Gott.«
Die Sonne des Spätseptembermorgens lag vergoldend über Meer und Land, als Crammon in Christians Zimmer trat. Christian saß an einem rundbogigen Schreibtisch. Die hellblauen Stofftapeten leuchteten; Tische und Stühle waren von hundert Gegenständen bedeckt; alles deutete auf Abreise.
Aber Christian legte die Feder weg. »Ich weiß nicht, was das ist mit mir,« sagte er ärgerlich, ohne Crammon anzuschauen, »ich bringe nicht zwei vernünftige Sätze aufs Papier. Und wenn ich mirs vorher noch so gut ausdenke, es hilft nichts, es klingt steif und albern. Geht das andern auch so?«
Crammon antwortete: »Es gibt schon welche, die sich darauf verstehen. Vor allem muss man eine gewisse Frechheit haben. Du darfst dich nie fragen: ist das richtig? stimmt das? hat es Hand und Fuß? Sondern einfach los. Je skrupelloser, je zweckmäßiger. Die am besten schreiben, sind oft die dümmsten Kerle. An wen willst du denn schreiben? Eilt es denn so? Briefschreiben kann man immer verschieben.«
»Ja, es eilt. Diesmal eilts,« versetzte Christian. »Stettner hat mir geschrieben. Ich werde nicht klug aus dem, was er schreibt. Er teilt mir mit, dass er den Dienst quittiert und nach Amerika geht, und dass er mich vorher noch einmal sprechen möchte. Am fünfzehnten Oktober schifft er sich in Hamburg ein. Nun trifft sichs ja ganz gut, dass ich um diese Zeit in Hamburg bin, und das will ich ihn wissen lassen.«
»Da seh ich weiter keine Schwierigkeit,« sagte Crammon ernst; »du schreibst: ich bin dann und dann dort und dort und hoffe oder wünsche oder erwarte et cetera. Dein treuer oder ergebener oder dich grüßender et cetera. Er quittiert also? Und aus welchem Grund? Gleich nach Amerika? Da ist was faul.«
»Er hat eine Duellaffäre gehabt. Er hat eine Forderung abgelehnt. Das ist alles, was er als Grund anführt, und dass die Verhältnisse sich so gestaltet hätten, dass er in der neuen Welt eine neue Existenz bauen müsse. Mich berührt das ziemlich nah. Ich hab ihn immer gern gehabt. Ich will ihn sehen.«
»Ich wäre auch neugierig, zu wissen, was da vorgegangen ist,« sagte Crammon. »Der gute Stettner sieht mir nicht aus wie einer, der leichterdings kneift und seine Ehre aufs Spiel setzt. Er war als Offizier exemplarisch. Eine verdrießliche Geschichte, scheint es. Aber sie verschafft dir einen Vorwand für Hamburg, wie ich merke.«
Crammon beugte den Kopf weit ins Zimmer hinein und legte das Kinn auf die Elfenbeinkrücke seines Stockes. Die Pfeife saß im Mundwinkel, kunstvoll, und rührte sich nicht bei den Sprechbewegungen der Muskeln. »Du wirst doch nicht behaupten wollen, mein süßer Schatz, dass du es sonst mit reinem Gewissen tätest,« begann er wie ein Beichtvater, der einem ungeständigen Verbrecher mit sorgfältig ausgearbeiteten Argumenten zu Leibe rückt; »du wirst doch deinem alten Spießgesellen und Bruder im Geiste nicht einen blauen Dunst vormachen wollen? Man ist dem Freund einiges schuldig. Man darf nicht vergessen, unter welchen Auspizien und Verheißungen man in die Welt getreten ist und was für Bürgschaften der geleistet hat, stille Bürgschaften, Herzensbürgschaften, der der Urheber und Regisseur eines glänzenden Einzugs war. Sogar Sokrates, dieser Stänkerer und Bösewicht, erinnerte sich seiner Schulden, noch dazu auf dem Totenbett. Es war die Angelegenheit mit dem Hahn, mit irgendeinem Hahn; kann auch sein, dass das Beispiel gar nicht stimmt; nimms nicht so genau, die alten Griechen waren mir immer odios. Was aber unbedingt stimmt, ist, dass du mir mißfällst und allen andern, die dich lieben, mißfällst. Es zerreißt mir das Herz, dich am Pranger und Leute, die einen Zuchthengst nicht von einer Schindmähre unterscheiden können, über dich die Achseln zucken zu sehen. Ich halt es nicht aus. Lass uns lieber einen Streit anfangen und uns bei fünf Schritt Distanz und zehnmaligem Kugelwechsel schießen. Wie geht denn das zu mit dir? Was ist denn geschehen? Hast du aufgehört, Skalpe zu sammeln und lässt dich selber skalpieren? Die Hasen, die gejagt werden, und die Hunde, die jagen, das ist zweierlei Kreatur. Ich begreife alle Menschlichkeiten, aber nichts, was gegen die göttliche Ordnung geht. Es geht gegen die göttliche Ordnung, dass du auf dem Stuhl, den man dir vor die Tür gestellt, sitzen bleibst. Früher warst dus, der ihnen zeigen musste, wo der Zimmermann das Loch gemacht hat, früher warst dus, hinter dem sie gewinselt und geächzt haben, und so soll es auch sein. Ich hatte einen Onkel, einen philosophischen Kopf, der pflegte zu sagen: einem Frauenzimmer, einem Advokaten und einem Ofen muss man den Rücken kehren, wenn sie am hitzigsten sind. So hab ichs immer gehalten und habe dadurch meine Gemütsruhe und mein Renommee bewahrt. Freilich, du hast einen Milderungsgrund; ich fühle es nach; ein solches Weib gibt es nur einmal in einem Jahrhundert, und wem sie zufällt, der verliert wahrscheinlich ein bisschen den Verstand; aber das gilt nicht für dich, mein lieber Christian; für dich ist die Fülle; die Gnaden hast du auszuteilen; auf deiner Tafel muss der Honig jeden Morgen frisch sein. Und jetzt sage mir, was du zu tun gedenkst.«
Christian hatte die langatmige, wenn auch weise und gehaltvolle Rede mit großer Geduld angehört. Manchmal blitzte es zornig oder spöttisch in seinen Augen, dann senkte er sie wieder und schien verlegen. Manchmal erfasste er den Sinn, manchmal dachte er an ganz andre Dinge. Es kostete ihm Mühe, sich klarzumachen, kraft welchen Rechtes sich dieser ihm fremd vorkommende Mensch in sein Leben mischte und seine Beschlüsse zu beeinflussen versuchte; dann empfand er wieder eine gewisse Zärtlichkeit für Crammon, und er erinnerte sich an gemeinsame Erlebnisse und Gespräche. Aber alles war so fern und so anders als die Gegenwart.
Er schaute zum Fenster hinaus, das den Blick bis an den Horizont freigab, wo Meer und Himmel sich berührten. Weit draußen schwamm eine kleine Wolke wie ein weißes, rundes Kissen. Dieselbe Zärtlichkeit, die er für Crammon gespürt, fühlte er jetzt für die kleine weiße Wolke.
Wie nun Crammon vor ihm saß und auf eine Antwort wartete, fiel ihm die Geschichte mit dem Ring ein, die ihm Amadeus Voß erzählt hatte, und er begann: »Ein armer Seminarist, der bei den Kindern eines Bankdirektors als Hofmeister angestellt war, geriet eines Tages in den Verdacht, einen kostbaren Ring gestohlen zu haben. Der Betreffende hat es mir selbst berichtet, und aus seinen Worten ging deutlich hervor, dass der Ring, als er ihn an der Hand der Frau gesehen, der er gehörte, seine Begehrlichkeit gereizt hatte. Außerdem liebte er diese Frau und hätte wahrscheinlich gern ein Andenken an sie gehabt. Aber an dem Verschwinden des Ringes war er unschuldig, und einige Zeit, nachdem er das Haus verlassen hatte, wurde ihm seine Unschuld auch eklatant bestätigt; die Frau schickte ihm nämlich den Ring, er sollte ihn als Geschenk behalten. Es hätte für ihn in seiner Armut viel bedeutet; aber er ging hin und warf den Ring in einen Brunnen, in einen offenen Ziehbrunnen. Das Kostbarste, was er je in seinem Leben besessen, warf er ohne Zögern und Überlegung in einen Brunnen, dieser Mensch.«
»Na ja, ganz gut, obzwar ... ich weiß nicht recht, was deine Fabel soll,« sagte Crammon unzufrieden und schob die Pfeife aus dem rechten Mundwinkel in den linken; »was hat denn nun der dumme Teufel von dem Ring gehabt? Was für eine Verrücktheit, eine Sache, die einem auf so zarte und diskrete Manier zukommt, in einen Brunnen zu schmeißen? Warum denn gleich in einen Brunnen? Hätte nicht eine Truhe oder Schublade denselben Dienst geleistet, wo man ihn gelegentlich hätte wiederfinden können? Es ist läppisch.«
In der Art, wie Crammon dasaß, die Beine übereinanderschlug und die grauen Seidenstrümpfe zeigte, war etwas so Sicheres und Sattes, es gemahnte so sehr an ein Tier, das in der Sonne liegt und verdaut, dass Christians Widerwille gegen seine Worte schwand und er nur noch jene leichte, fast mitleidige Zärtlichkeit fühlte. Er sagte: »Es ist so schwer zu verzichten. Man kann davon sprechen und es sich vorstellen; man kann es wollen und kann glauben, man sei dazu befähigt, aber wenn dann der Augenblick da ist, wo verzichtet werden soll, ist es schwer, ja fast unmöglich, auch nur auf das Geringste zu verzichten.«
»Wenn du damit meinst, dass du dir die wunderbare Queen Mab aus dem Sinn schlagen willst, dann kann ich nur sagen: der Herr segne deinen Vorsatz,« antwortete Crammon.
Crammon schwieg einige Minuten mit hochgefalteter Stirn. Dann räusperte er sich und fragte: »Hast du mal was von Homöopathie gehört? Ich will dir erklären, was man darunter versteht. Homöopathie ist Heilung durch Gleichartiges. Wenn du dir z.B. den Magen verdorben hast, und ich verabreiche dir eine Mixtur, durch die deine Eingeweide noch heftiger turbuliert werden, so dass man gleichsam den Teufel mit Beelzebub austreibt: das ist eine homöopathische Kur. Capito?«
Crammon rückte seinen Stuhl näher zu Christian, legte ihm die Hände auf die Knie, und flüsterte listig: »Ich habe was für dich, mein Engel. Ich habe einen exquisiten Fund gemacht. Es steht dir eine weibliche Person ins Haus, wie die Kartenschlägerinnen sagen. Jemand sehnt sich nach dir. Jemand ist ganz weg von dir. Jemand stirbt vor Ungeduld, dich kennenzulernen. Mal was ganz andres; ein neuer Typ, was Prickelndes, Komisches, Zwittriges, Empfindliches, Sichmauserndes, Eckiges, Kleines, Hässliches, aber merkwürdig Reizvolles. Aus der Bürgerwelt, wo sie am fettesten ist, zappelt aber mit Händen und Füßen gegen das Los, die Perle im Schweinekoben zu sein. Da hast du Beschäftigung, da gibt es Dressur, Ablenkung, Auffrischung. Nicht für lange, ein Ferienvergnügen, schätz ich, aber lehrreich und im Sinne der Homöopathie unfehlbar wirksam. Sieh mal: Ariel, das ist das Wunder, das ist der Stern, das ist die Himmelsspeise; damit leben kann man nicht, tägliches Brot ist es nicht. Steig herunter, mein Sohn, von der Warte, wo du nach dem miraculum coeli haschst, das dir einmal am Busen flammte; vergiss es, steig herunter und nimm wieder mit den Sterblichen vorlieb. Heute abend um sieben im Speisesaal des Hotel de la Plage, wenn ich bitten darf. Abgemacht?«
Christian lachte und erhob sich. Auf dem Tisch stand in einer Vase ein Strauß weißer Nelken. Er zog eine Blüte heraus und steckte sie Crammon lachend ins Knopfloch.
Crammons Stirnadern schwollen. »Ich hab dich aber versprochen, und du darfst mich nicht im Stich lassen,« erboste er sich. »Eine solche Behandlung verdien ich nicht nach all den Fußtritten, mit denen du mich ohnehin seit langem regaliert hast. Einem hergelaufenen Kerl räumst du Vorrechte ein, über die alle Welt den Kopf schüttelt, und den erprobten Freund stößt du herzlos zurück; das erbittert, das kränkt, da regt sich die Galle, da bin ich mit meinem Einmaleins am Ende.«
»Beruhige dich, Bernhard,« sagte Christian und bückte sich, um ein paar Nelken vom Boden aufzuklauben, die aus dem Strauß gefallen waren. Und während er die Blumen in die Vase steckte, sah er Amadeus Voßens weißes, von innen verblutetes, durch Gier und Entbehrung gelähmtes Gesicht, hingekehrt zu der nackten, fetten, mürrischen Wallonin. »Ich begreife deine Hartnäckigkeit nicht,« fuhr er fort; »gib dich doch zufrieden. Weißt du nicht, dass ich Unglück über die bringe, die mich lieben?«
Crammon stutzte. Trotz Christians zweideutigem Lächeln hatte er eine Anwandlung abergläubischer Furcht. »Blödsinn,« brummte er. Er stand auf, griff nach seinem Hut und wollte, unbelehrbar, eine Zusage für das Zusammensein am Abend erpressen, da pochte es an der Tür, und Amadeus Voß trat ein.
»Verzeihung,« stotterte er und warf einen scheuen Blick auf Crammon, der sich in feindselige Positur setzte, »ich möchte dich nur fragen, Christian, wann wir reisen. Soll gepackt werden oder nicht? Man muss doch wissen, woran man ist.«
Wie der Lümmel sich zu reden erfrecht, dachte Crammon wütend, und konnte sich kaum zu einer Grimasse der Höflichkeit entschließen, als Christian, ziemlich verlegen, sie einander vorstellte.
Amadeus verbeugte sich wie ein Schulamtskandidat. Die Augen hinter der Brille waren wie Saugringe einer Luftpumpe auf Crammon geheftet, der ihm von der ersten Sekunde an widerwärtig war. Aber er hielt es für ratsam, es nicht nur zu verbergen, sondern er spielte auch den Unterwürfigen. Sein Haß war so augenblicklich und heftig, dass er Angst hatte, ihn zu früh zu zeigen und sich damit der Mittel zu seiner Befriedigung zu entblößen.
Crammon suchte Angriffspunkte; er behandelte Voß über die Achsel, sah ihn an wie ein Bündel Kleider, das an der Wand hängt, antwortete nicht und hörte nicht, wenn er sprach, zog seinen Besuch absichtlich in die Länge und kümmerte sich nicht um Christians Nervosität. Voß berief sich auf den Schulamtskandidaten, nickte, stimmte überein, scheuerte mit der Sohle des einen Stiefels die Spitze des andern, hob den Stock auf, den Crammon fallen ließ, und da er entschlossen schien, Crammon das Feld nicht zu überlassen, hatte dieser endlich Mitleid mit der stumm verwunderten und gequälten Miene Christians; er winkte ihm mit der behandschuhten Linken einen Gruß zu und entfernte sich, von Grimm aufgeschwollen wie ein Frosch. Sachte mein lieber B.v.C., sprach er zu sich selbst, bewahre deine Würde, tritt nicht in den Schmutz, getröste dich des Herrn, denn sein ist die Rache. Und er versetzte einem kleinen Hund, der ihm in den Weg lief, mit dem Fuß einen Nasenstüber, dass das Tier heulend in einen Kellerschacht floh.
Christian und Voß standen eine Weile stumm einander gegenüber, der Tisch war zwischen ihnen. Voß zog Nelken aus der Vase und zerkrümelte die Kelche mit seinen dünnen Fingern. »Das also war Herr von Crammon,« murmelte er; »ich weiß nicht, warum mich so lächert; aber ich kann mir nicht helfen, mich lächert in einem fort.« Er feixte in sich hinein.
»Wir fahren morgen,« sagte Christian, hielt das Taschentuch vor den Mund und atmete das zarte Parfüm ein, das eine Fülle zarter und halbverblaßter Erinnerungsbilder in ihm erzeugte.
Voß nahm eine Blüte, riss sie mitten durch, blickte gespannt auf die Teile und sagte: »Faser bei Faser, Körnchen an Körnchen. Ich hab das Schlaraffen- und Schmarotzerdasein satt. Ich will Menschenkörper aufschneiden, Leichen sezieren. Man lernt vielleicht dabei, wo die Schwäche und die Gemeinheit ihren Sitz haben. Das Leben an seiner Mündung suchen, den Tod an seiner Wurzel. Es steckt sicher das Talent zu einem Anatomen in mir. Einst wollt ich ein großer Prediger werden, ein Savonarola. Aber es ist ein waghalsiges Unternehmen heutzutage. Besser, sich an die Leiber zu machen; die Geister bringen einen zur Verzweiflung.«
»Ich glaube, man muss arbeiten,« antwortete Christian leise; »gleichviel was immer, man muss arbeiten.« Er wandte sich zum Fenster. Die weiße, runde Wolke war verschwunden, das silberne Meer hatte sie aufgesogen.
»Bist du nun so weit?« höhnte Voß; »ich weiß es längst. Der Weg zur Hölle ist mit Arbeit gepflastert. Bloß in der Hölle kannst du reingebrannt werden. Gut, dass du endlich so weit bist.«
Crammon und Johanna Schöntag saßen in der Halle des Hotels. Sie hatten soupiert. Johannas Gesellschafterin, Fräulein Grabmeier, hatte sich bereits zurückgezogen.
»Ich werde mich gedulden, gnädiger Herr,« erwiderte Johanna mit brüchiger Knabenstimme, und ein lustiges Blitzen flog über ihr kleines Gesicht, in dem sich Anmut und Häßlichkeit seltsam vereinigten; »es fällt mir auch gar nicht schwer, denn schließlich geht bei mir alles schief. Erfüllt sich unerwarteterweise einmal etwas, worauf ich mich gefreut habe, so bin ich sterbensunglücklich, weil es doch ganz anders ist, als ich mirs vorgestellt hab. Es kann mir daher nichts Besseres widerfahren, als dass meine Wünsche unerfüllt bleiben.«
Johanna seufzte komisch. »Ich rate Ihnen, mein lieber Gönner, sich meiner postwendend zu entledigen,« fuhr sie fort und reckte das magere Hälschen mit absichtlich bizarrer Eckigkeit aller Bewegungen; »ich bin ein Verkehrshindernis, ich bin das personifizierte böse Omen. Bei meiner Geburt ist eine Dame namens Kassandra erschienen, und was für unerquickliche Sachen von der erzählt werden, weiß ja jeder Gebildete. Erinnern Sie sich, wie wir in Ashburnhill nach der Scheibe geschossen haben und ich ins Schwarze traf? Alle waren starr, Sie auch, am meisten ich selber. Es war nämlich der frechste Zufall, den man sich denken kann. Das Gewehr war losgegangen, eh ich gezielt hatte. Durch solche kleine und wertlose Geschenke will sich das Schicksal bei mir beliebt machen und mich einschläfern. Aber mich schläfert man nicht ein. Ha, eine Nonne, eine Nonne,« unterbrach sie sich bestürzt und sah mit weitaufgerissenen Augen in den Garten, wo eine Ursulinerin vorüberging; sie schlug die Arme kreuzweis übereinander und zählte mit erstaunlicher Zungengeläufigkeit: »Sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins.« Dann lachte sie und zeigte zwei Reihen wunderbarer Zähne.
»Die rituelle Vorschrift, jawohl. Aber sie war verschwunden, bevor ich bei eins war, und das bedeutet nichts Gutes. Übrigens, Herr Baron, Ihre sportliche Terminologie ist mir suspekt. Was heißt das: er hat nicht angebissen, der Köder schwimmt noch? Ich bitte sich zu menagieren. Ich bin eine schutzlose Reisende und auf Ihre delikateste Ritterlichkeit angewiesen. Wenn Sie mein ohnehin trübes Selbstbewusstsein durch Reminiszenzen an die Forellenfischerei erschüttern, telephonier ich an die Schlafwagengesellschaft um zwei Betten nach Wien. Für mich und Fräulein Grabmeier natürlich.«
Sie liebte gewagte Anspielungen, denen sie dann unbefangen entschlüpfen konnte. Crammon brach in verspätetes Gelächter aus, und diese Verspätung seiner Heiterkeit erregte wieder Johannas Heiterkeit.
Sie war wachsam, nichts entging ihrem aufmerkenden Blick; Wesen und Treiben der Menschen interessierte sie brennend. Sie beugte sich zu Crammon, sie tuschelten, er musste erzählen, wenn ein Gesicht oder eine Figur aus andern hervortrat. Die Chronik internationaler Lebensläufe und Begebenheiten, die er magistral beherrschte, war unerschöpflich; ließ ihn das Gedächtnis einmal im Stich, so erfand und dichtete er ein bisschen. Erbstreitigkeiten, Familienzwiste, illegitime Herkunft, Ehebrüche, Verschwägerungen, alles war ihm geläufig. Johanna hörte lächelnd zu. Sie lugte nach allen Tischen, hielt jede ungewöhnliche Erscheinung fest; eine Glosse, ein spitzbübisches Verziehen des Mundes, und irgendeine Albernheit oder Seltsamkeit eines dieser unbewussten Schauspieler und Schauspielerinnen der großen Welt und der Halbwelt war aufgespießt wie ein Käfer auf einem Pappendeckel.
Plötzlich wurden die beweglichen Pupillen ihrer graublauen Augen größer, die Lippen bildeten einen Bogen kindlichen Entzückens. »Wer ist das?« flüsterte sie und wies mit dem Kinn gegen ein Portal, dem Crammon den Rücken zukehrte. Im selben Moment wusste sie, wer es war, hätte es auch ohne das allgemeine Köpfeheben und Dämpfen der Gespräche gewusst.
Crammon wandte sich um und gewahrte Eva in einer Gruppe von Herren und Damen. Er erhob sich, wartete bis ihr Blick die Richtung zu ihm einschlug und verbeugte sich tief. Eva stutzte; sie hatte ihn seit den Tagen Sir Denis Lays nicht gesehen; sie besann sich, nickte fremd, erkannte ihn dann, stieß mit einer unvergleichlichen Bewegung des Fußes die Rockschleppe zurück und ging, sprechend ehe sie noch sprach, lebhaft auf ihn zu.
Auch Johanna hatte sich erhoben. Das Gestaltchen fiel Eva auf; sie gab Crammon zu verstehen, dass er Pflichten habe und dass sie eine Annäherung der Unbekannten nicht ablehnen würde, auf deren Gesicht Begeisterung und Verehrung so deutlich und rührend zu lesen waren. Crammon stellte Johanna vor, durchaus zeremoniös; Johanna knixte erblassend und errötend; sie erschien sich so nebensächlich, dass sie in Scham ertrank; da riss sie die drei gelben Rosen, die in ihrem Gürtel steckten, heraus und reichte sie Eva mit schüchtern und jäh hingedehntem Arm, und dieser Elan gefiel Eva; sie spürte seine Einmaligkeit und Wahrheit und wusste also auch, was er wert war.
Ein großer Amerikadampfer lag, stumm und leer noch, am Molo. Die Zwischendeckspassagiere warteten an seinen Flanken auf die Stunde, wo sie Einlaß finden würden. Es waren polnische Bauern, russische Juden, Männer, Weiber, Greise, Greisinnen, Säuglinge, Kinder; hingekauert auf die Steinfliesen, auf ihre schmutzigen Bündel gekauert; schmutzig selber, verwahrlost, müde, teilnahmslos brütend, ein trauriger Wirrwarr von Leibern und Fetzen. Man hörte reden, schreien, lachen, singen, fluchen, ein trauriger Wirrwarr von menschlichen Lauten.
Christian und Amadeus blieben stehen. Nach einer Weile gingen sie weiter, doch Christian wollte zurückkehren, und sie kehrten zurück. Bei einem Straßenübergang vor dem Lager der Auswanderer sperrten zehn oder zwölf von Eseln gezogene Karren den Weg. Die Karren sahen aus wie halbierte Fässer auf Rädern und waren beladen mit geräucherten Makrelen.
Einige Auswanderer kamen herüber, glotzten hungrig, berieten sich mit andern, die schon nach Münzen in ihren Taschen suchten, bis endlich Entschlossene sich zum Kauf anschickten.
Amadeus Voß erwiderte verdrossen: »Tu nach deinem Belieben. Große Herren müssen ihren Spaß haben.« Es war ihm unbehaglich in der entstehenden Menschenansammlung.
Christian wandte sich an einen der Händler. Er hatte Mühe, sich mit seinem korrekten Französisch verständlich zu machen. Nach und nach gelang es; der Mann rief die andern Händler herzu; aufgeregtes Schwatzen und Gestikulieren erfolgte; Summen wurden genannt, erwogen, verworfen. Es war für Christian zu langweilig und zeitraubend; er schlug den höchsten Preis, der beraten wurde, noch um ein Erhebliches auf, nahm die Brieftasche und reichte sie Amadeus, damit er die Leute bezahle. Dann sagte er zu der um ihn anwachsenden Schar der Auswanderer auf deutsch: »Die Fische gehören euch.«
Ein paar unter ihnen fassten seine Worte und erklärten sie den übrigen. Zaghaft wagten sie sich vor. Ein leberkrankes Weib, zitronengelb im Gesicht, war die erste, die zupackte. Bald kamen Hunderte, von allen Seiten kamen sie mit Körben, Töpfen, Netzen, Säcken. Das Gedränge wurde von mehreren Alten in Ordnung gewandelt. Einer, im Kaftan, mit wallendem weißen Bart, bückte sich vor Christian dreimal fast bis zur Erde.
Zum Zweck gerechter Verteilung tätig einzugreifen trieb es Christian in einer Anwandlung von Übermut. Er streifte die Ärmel auf und warf mit seinen verwöhnten Händen die fetten und stark riechenden Fische in die Gefäße. Lachend beschmutzte er sich mit den Fischen. Auch die Händler lachten, und müßige Zuschauer lachten. Sie hielten ihn für einen verrückten jungen Engländer, der sich darin gefiel, die Straße zu ergötzen. Plötzlich ekelte ihm vor dem Geruch der Fische und mehr noch vor dem Geruch der Menschen. Er roch die Kleider und den Atem, ihn widerten ihre Zähne und ihre Finger, ihr Haar und ihre Schuhe; er dachte sich in Zwangsangst ihre Körper ohne die Gewänder und schauderte vor ihrem Fleisch. Da ließ er es sein und ging im Schutz der Dämmerung davon.
Amadeus Voß hatte sich aus dem Staub gemacht. Er wartete vor dem Hotel. Dort hatte sich das Automobilgeschwader eingefunden, das Eva auf der Reise nach Deutschland folgte. Auch Crammon und Johanna Schöntag waren dabei.
Im Oktober begann es heiß zu werden am Rio de la Plata. Man konnte tagsüber das Zimmer nicht verlassen; wenn die Fenster geöffnet wurden, wälzte sich Feuer herein. Einmal wurde Lätizia ohnmächtig, als sie der gepressten Luft Zufuhr verschaffen wollte und einen der Holzläden aufstieß.
Der einzige Ort, wo gegen Abend Schattenkühle herrschte, war die Palmenallee am Strom. Während der kurzdauernden Dämmerung stahl sich Lätizia bisweilen mit ihrer jungen Schwägerin Esmeralda heimlich hinüber. Der Weg führte an den Ranchos vorbei, den armseligen Erdlöchern, in denen die eingeborenen Arbeiter hausten.
Einst sah Lätizia, dass die Rancholeute in Festtagsgewändern lustig zechten. Auf ihre Frage nach dem Grund erfuhr sie, ein Kind sei gestorben. »Sie feiern immer ein Freudenfest, wenn jemand stirbt,« sagte Esmeralda. Lätizia antwortete: »Wie traurig muss ihr Leben sein, wenn sie den Tod so lieben.«
Die Palmenallee war verbotenes Gebiet; lichtscheues Volk trieb sich dort herum, und mit der Dunkelheit wurden die Büsche lebendig. Vor kurzem hatte die berittene Polizei einen spanischen Matrosen dingfest gemacht, der in Galveston gemordet hatte. Lätizia träumte von ihm. In ihrem Traum war er ein Verbrecher aus Eifersucht und von schöner Tragik umwittert.
Eines Abends war sie in der Allee einem jungen Marineoffizier begegnet, der auf einer Nachbarestanzia zu Gast war. Lätizia tauschte Blicke mit ihm, und er suchte von da an Wege zu ihr. Aber man war eine Gefangene, bewacht wie eine Türkin im Harem. Lätizia fasste den Vorsatz, ihre Wächter zu betrügen; sie verliebte sich in den jungen Offizier, machte ihn zu einer Heldengestalt und begann sich nach ihm zu sehnen.
Die Hitze nahm zu. Lätizia konnte nachts nicht schlafen. Moskitos schwirrten süßlich, und sie wimmerte vor sich hin wie ein kleines Kind. Bei Tag schloss sie sich in ihrem Zimmer ein, warf alle Kleider von sich und legte sich auf die steinernen Fliesen.
Einst lag sie so, bäuchlings und mit wagrecht ausgestreckten Armen. Ich bin verwunschen, dachte sie, ich bin eine verwunschene Prinzessin in einem verwunschenen Schloß.
Da pochte es an der Tür, und Stephans Stimme rief sie an. Sie erhob faul den Kopf und spähte zwischen den schwergewordenen Lidern an ihrem nackten Körper herab. Wie langweilig er ist, dachte sie; es ist so langweilig, immer nur mit einem zu sein, ich will auch andre haben. Sie antwortete nicht, ließ den Kopf wieder sinken und rieb die glühende Wange an der heißen Haut des Oberarms.
Nach einiger Zeit hörte sie Lärm im Hof, Gelächter, Peitschenknallen, Detonation von Geschossen und gellendes Geschrei von Tieren. Erschrocken sprang sie auf, schlüpfte in den Seidenschlafrock, öffnete die Altantür und spähte hinunter.
Stephan hatte mittels einer Zündschnur zwei Katzen an den Schwänzen zusammengebunden. Leicht explodierende Feuerwerkskörper hingen an der Fessel. Als die aufzischenden Raketen ihr Fell versengten und die weiterglimmende Schnur ihnen Wunden ins Fleisch brannte, überschlugen sich die Tiere vor Schmerz und quiekten kläglich. Stephan hetzte und verfolgte sie, die Brüder, über das Altangelände gebeugt, wieherten vor Wonne, und als stumme und ernste Zuschauer standen zwei Indianer am Tor.
Dass die neugierige Lätizia ihre Tür öffnen würde, hatte Stephan berechnet und erwartet; ein halb Dutzend Sätze und er war oben. Esmeralda, mit ihm im Verständnis, stellte sich der flüchtenden Lätizia tückisch entgegen und hinderte sie am Schließen der Tür. Weiß vor Zorn stürmte er mit erhobener Faust über die Schwelle. Sie brach in die Knie und bedeckte das Gesicht mit den Händen.
»Weib, ist das wahr?« fragte er. Lätizia lugte verstohlen zwischen ihren Fingern durch und dachte spöttisch: große Oper, letzter Akt, gleich wird der Gouverneur erscheinen. Sie nickte schmerzlich und beschloss, ihn mit dem Schiffsoffizier zu betrügen.
Stephan stieß ein Triumphgebrüll aus, tanzte um sie herum, warf sich zu ihr nieder, küsste ihre Arme, ihre Schultern, ihren Nacken. An den Fenstern und Türen erschienen Donna Barbara, Esmeralda, die Brüder, das Gesinde. Er hob Lätizia auf seine starken Schultern und trug sie über den Rundaltan. Man solle ein Festmal richten, schrie er, einen Ochsen schlachten und Sekt aufs Eis stellen.
Als der alte Gunderam die Ursache des häuslichen Jubels erfuhr, kicherte er und sprach zu sich selbst: »Angeschmiert, mein schlauer Rechtsgelehrter; den Escurial kriegst du doch nicht, trotz deinem Schwarzaufweiß, noch lange nicht, und wenn sie Drillinge wirst.« Er striegelte seinen eisengrauen Bart mit einem unappetitlichen Kämmchen, dem die Hälfte der Zähne ausgebrochen war, und goß zur Kühlung Kölnisches Wasser auf seinen Kopf, bis die Haare trieften, die ihm noch reichlich wuchsen.
Es erwies sich aber, dass die Notlüge, deren sich Lätizia bedient hatte, ohne ihr Wissen eine Wahrheit war. Einige Tage später wusste sie es. Sie wunderte sich still und heimlich. Jeden Morgen trat sie vor den Spiegel und betrachtete sich respektvoll und mit einem leisen Grauen. Sie fand sich unverändert, grübelte eine Weile elegisch und warf sich eine Kußhand zu.
Da man sich scheute, ihr einen Wunsch zu versagen, durfte sie einen Ball besuchen, den Sennor und Sennora Küchelbäcker veranstalteten. Dort lernte sie den Schiffsleutnant Friedrich Pestel kennen.
Felix Imhof und der Maler Weikhardt trafen sich in der Ausstellung der Münchener Sezession. Sie wanderten eine Weile durch die Räume und besahen die Bilder. Danach gingen sie auf die Terrasse und setzten sich an einen Tisch, der die Aussicht auf den englischen Garten gewährte.
Imhof warf seine langen Beine übereinander und gähnte affektiert. »Werde jetzt diesem vortrefflichen Kunst- und Kulturzentrum einige Monate den Rücken kehren,« sagte er. »Fahre mit dem Staatssekretär für die Kolonien nach Südwest. Will mal sehen, wies da unten zugeht; bisschen den Leuten auf die Finger gucken; bisschen Neuland erforschen, bisschen jagen.«
Weikhardt war ganz in sich versunken, in seine Bedrängnisse, Mißhelligkeiten und Kämpfe und sprach daher nur von sich. »Ich soll für die alte Gräfin Matuschka den Luini-Zyklus in der Brera kopieren,« berichtete er; »sie hat ein paar leere Wände in ihrem galizischen Schloß, für die will sie Tapeten haben. Aber die Person ist filzig wie ein Rettich, und es ist ein widerliches Feilschen.«
Auch Imhof blieb in seinem Geleise. »Habe in letzter Zeit viel Stanhope gelesen,« sagte er; »kolossaler Kerl. Durch und durch modern; Reporter und Konquistador. Felsenbrecher nannten ihn die Schwarzen, bula matari. Nach so was wässert einem der Mund. Imponiert mir scheußlich, der Mann.«
Weikhardt fuhr fort: »Was hilfts, ich muss den Auftrag übernehmen; es ist Matthäi am letzten bei mir. Aber ich freu mich auf die alten Italiener. Es gibt da in Mailand eine Beweinung Christi von Tintoretto; anbetungswürdig. Ich bin jetzt einem Geheimnis auf der Spur. Ich mache Dinge, die gut wirken werden. Neulich hatte ich ein Bild fertig, eine einfache Landschaft, und ging damit zu einem Bekannten, der einen ziemlich vornehmen Raum hat, wo wir es aufhingen. Graue Wandverkleidung, Möbel schwarz mit Gold. Der Mann ist reich, er wollte das Bild kaufen. Ich hatte aber ein solches Aufleuchten von Mut, als es ihm gefiel, als es da hing in dem zarten, melancholischen Frieden dieser Farbenzusammenstellung, dass es mir unmöglich war, von Geld zu reden, und so hab ichs ihm geschenkt. Er hat es angenommen, ohne viele Worte. Er sagte nur immer: die Sache ist verdammt gut.«
»Es wird mich auf andre Gedanken bringen, so ne kleine Spritztour in die südliche Hemisphäre,« sagte Imhof. »Ich logiere ja momentan nicht in Fortunas Schoß. Geht mir sogar ganz ausgesprochen rotzig. Mein bestes Pferd ist zuschanden geritten; mein Lieblingshund ist krepiert; meine Frau ist auf und davon, meine Freunde meiden mich, weiß nicht warum; meine Geschäfte gehen den Krebsgang, alle Spekulationen schlagen fehl. Aber schließlich, was tuts. Ich sage mir: Kopf hoch, Junge; da ist die große, schöne Welt, da ist das reiche, wundervolle Leben; beklagst du dich, so verdienst du was um die Ohren. Mein Butterbrot ist in den Dreck gefallen; bon, streich ich mir ein frisches. Wer in den Krieg zieht, muss auf eine Blessur gefasst sein. Die Hauptsache ist, dass man zur Fahne steht. Die Hauptsache ist der Glaube, der richtige Köhlerglaube.«
Wer zuerst dem Partner sich zuwenden, zuerst des andern Stimme hören würde, war noch fraglich. Weikhardt, düster vor sich hinblickend, ergriff wieder das Wort. »Dieses stumme Alleinsein in einem Atelier mit hundert verunglückten Schmieragen und den Gespenstern von hunderttausend verzweifelten Stunden! Ich hätte jetzt Gelegenheit, zu heiraten, und werde es auch tun. Das Mädchen hat zwar kein Geld, aber sie hat Herz. Sie fürchtet sich nicht vor meiner Armut und versteht die Donquichotterie, die das Leben eines Künstlers ausmacht. Sie stammt aus einer protestantischen Familie mit freigeistiger Überlieferung, hat sich aber vor zwei Jahren zum Katholizismus bekehrt. Als ich sie kennenlernte, war ich voll Misstrauen und suchte alle möglichen Gründe dafür, nur nicht den einfachen und menschlichen. Es ist sehr schwer, das Einfache und Menschliche zu sehen, und noch viel schwerer, es zu tun, außerordentlich schwer. Nach und nach begriff ich, was das heißt: zu glauben; ich begriff, was an jedem Glauben heilig ist. Der Glaube selbst ist heilig, nicht das, was geglaubt wird. Gleichgültig, woran man glaubt, an ein Buch, an ein Tier, an einen Menschen, an einen Stern, an Gott; gleichgültig, es muss nur der Glaube sein, der unverrückbare, unbezwingliche Glaube; Sie haben ganz recht: der Köhlerglaube.«
Weikhardt antwortete nicht darauf. Sein hübsches, glattes, jungenhaftes Gesicht bekam, je länger er sprach, immer mehr Ähnlichkeit mit dem eines zänkischen alten Mannes. Doch seine Stimme blieb sanft und langsam und sein Wesen phlegmatisch. »Die heutige Menschheit hat den Glauben verloren,« fuhr er fort; »der Glaube ist ausgeronnen wie das Wasser aus einem zersprungenen Glas. Die Zeit wird von der Maschine tyrannisiert; es ist eine Pöbelherrschaft sondergleichen. Wer rettet mich vor der Maschine, vor dem Betrieb? Das goldene Kalb hat die Tollwut bekommen. Der Geist macht Kotau vor dem Warenhaus. Vielleicht rettet mich das I.N.R.I. vor dem M.W. Machen wir, heißt die Parole, m.w. Wir machen Christentum, wir machen Renaissance, wir machen Eiweiß, wir machen Kultur, brav und folgsam unter staatlicher Kontrolle, und wenns nicht ganz das Echte ist, ists doch brauchbar. Alles wendet sich ans Äußere, alles wird Ausdruck, Linie, Schnörkel, Gebärde, Maske; alles wird an die Mauer geklebt und blendend beleuchtet, alles ist das Neueste, bis das Allerneueste in Funktion tritt: die Seele flieht, die Güte hört auf, die Form zerbricht, die Ehrfurcht stirbt. Graut Ihnen nicht auch ein wenig vor dem Geschlecht, das jetzt heranwächst? Es ist eine Luft wie vor der Sintflut.«
»Freilich,« gab Weikhardt etwas beschämt zu, »wir wissen ja nicht, worauf alles abzielt. Aber es gibt doch Symptome, die einem wenig Hoffnung lassen, typische Fälle gewissermaßen. Haben Sie von dem Selbstmord des Deutschamerikaners Scharnitzer gehört? Er war in Künstlerkreisen ziemlich bekannt, ging selber in die Ateliers und kaufte, was ihm gefiel, ohne zu handeln. Manchmal kam er mit seiner achtzehnjährigen Tochter, einem engelschönen Geschöpf; Sybil hieß sie, und für sie kaufte er auch die Bilder; sie liebte besonders Stilleben und Blumenstücke. Der Mann hatte in Kalifornien durch Holzhandel viele Millionen verdient und sich dann hierher zurückgezogen, in die alte Heimat, um dem Mädchen eine Atmosphäre von Bildung und Ruhe zu schaffen. Sybil war sein einziger Gedanke, seine Hoffnung, sein Idol, seine ganze Welt. Er war nur kurz verheiratet gewesen, die Frau war ihm durchgegangen, wie es heißt mit einem Mulatten, und auf dieses Kind hatte er nun alles gesetzt, was ihm, nach einem Leben fieberhafter Arbeit, an Gefühl und Vertrauen und Zukunft geblieben war. Er sah ein erlesenes Wesen in ihr, eine kleine Heilige, und so erscheint sie auch, außerordentlich fein, stolz, ätherisch; man würde nicht wagen, mit einem Finger nach ihr zu greifen. Eine wohltuende Harmonie ging von dem Beisammensein der beiden aus, namentlich der Vater machte einen glücklichen Eindruck; um so verblüffender war dann der selbstgewählte Tod des Mannes. Niemand ahnte den Grund, man dachte an Sinnesverwirrung, aber er hatte einen Brief an einen amerikanischen Freund hinterlassen, der die Motive erklärte. Eines Tages war er krank und musste das Bett hüten. Sybil hatte ein paar Gefährtinnen zum Tee geladen, und die jungen Mädchen befanden sich drei oder vier Räume vom Zimmer des Kranken entfernt. Alle Türen waren offen bis auf die letzte, und auch die war nur angelehnt, so dass das Geplauder der Mädchen zu ihm herüberklang, in unbestimmten Lauten, und ohne dass er die Worte verstehen konnte. Da erfasste ihn die Neugier, zu erfahren, wovon sie sich unterhielten. Er erhob sich, warf einen Schlafrock über, ging leise durch die Zimmer und blieb vor der letzten Türe lauschend stehen. Das Gespräch drehte sich um Zukunftsdinge, um künftiges Glück, um Liebe und Ehe. Jede entwickelte ihre Ansichten, endlich kam die Reihe an Sybil, die sich sträubte und sich erst äußerte, als man sie lebhaft bedrängte. Da sagte sie, aus Gefühlen mache sie sich überhaupt nichts; Gefühle seien ihr nur lästig; sie kenne weder Sehnsucht noch Liebe; nicht einmal Dankbarkeit vermöge sie zu empfinden; von einer Heirat erwarte sie lediglich die Befreiung von einem unbequemen Joch; der Mann, dem sie ihre Hand reiche, müsse ihr alle Genüsse des Lebens bieten können, grenzenlosen Luxus, gesellschaftliche Stellung und sich im übrigen völlig von ihr beherrschen lassen; das sei ihr Programm und so werde sie es durchführen. Die andern Mädchen schwiegen, keine antwortete. Der heimliche Lauscher aber war von der Stunde an vergiftet. Dieser Zynismus, vorgebracht von einer reinen, seelenhaften Stimme, von einem Wesen, das er anbetete und für ein Wunder an Poesie und Gemütstiefe hielt, an das er alles verschwendet hatte, was er besaß, stürzte ihn in eine unheilbare Schwermut, in der er dann auch seinem Leben ein Ende machte.«
»Mein Lieber, der Mann war kein Holzhändler!« rief Imhof und streckte den Arm in die Luft; »das lass ich mir nicht einreden; der Mann war ein Lyriker.«
»Möglich, dass er ein Lyriker war, möglich,« entgegnete Weikhardt schmunzelnd; »was ändert das? Mich zwingts zur Bewunderung, wenn einer die Konsequenzen aus dem Zusammenbruch seiner Ideale zieht. Es ist besser als bula matari, glauben Sie mir. Die meisten ziehen überhaupt keine Konsequenzen, sie passen sich immerfort an, und dadurch werden sie so gemein und so steril.« Sein Blick verfinsterte sich wieder, und halb für sich fügte er hinzu: »Ich träume manchmal von einem, der nicht steigt, der nicht fällt, von einem, der da wandelt, unteilbar, unveränderlich, unerschrocken und ohne Anpassung. Vollständig ohne Anpassung; von so einem träum ich manchmal.«
Imhof sprang auf und schüttelte seine Kleider zurecht. »Genug geschwatzt,« schnarrte er in dem Offizierston, den er in seinen starken Momenten anzunehmen liebte; »mit Schwatzen wirds nicht besser.« Er schob seinen Arm in den Weikhardts, und während sie die Terrasse verließen, auf der inzwischen auch andre Gäste aufgetaucht waren, rezitierte er in demselben schnarrenden Leutnantston laut und ungeniert die Hölderlinschen Verse: »Und Waffen wider alle, die atmen, trägt / In seinem ewigbangen Stolze der Mensch; im Zwist / Verzehrt er sich und seines Friedens / Blume, die zärtliche, blüht nicht lange.«
Am ersten Abend in Hamburg nahm Crammon eine Loge im Schauspielhaus und lud Christian, Johanna Schöntag und Herrn Livholm, einen der Direktoren des Lloyd, ein. Diesen hatte er im Hotel kennen gelernt, wo er Eva einen Begrüßungsbesuch abgestattet hatte; da er ihm gefallen hatte und er auch eine leidliche Figur machte, hatte er sich seiner bemächtigt, um, wie er es nannte, mittelst eines neutralen Strohmanns harmlose Luft zu erzeugen.
»Es ist im Gesellschaftlichen wie in der Kochkunst,« pflegte er zu sagen; »zwischen zwei schwere, füllige Gerichte muss immer ein schaumiges und den Gaumen bloß oberflächlich reizendes placiert werden; sonst hat die Sache keinen Stil.«
Es wurde ein mittelmäßiges Lustspiel gegeben. Christian langweilte sich, Crammon hielt sich für verpflichtet, eine herablassende und gedämpfte Heiterkeit zu zeigen und versetzte Christian dann und wann einen leichten Stoß in den Rücken, um ihn gleichfalls zu einer Kundgebung von Teilnahme zu ermuntern; Johanna war die einzige, die sich amüsierte, und zwar über einen Darsteller, der eine ernsthafte Rolle zu spielen hatte, aber so albern und gespreizt redete, dass sie bei seinem Auftreten jedesmal ihr Spitzentaschentuch vor den Mund presste, um ihre Lachlust zu bändigen.
Christian streifte bisweilen das Mädchen mit einem fremden Blick von der Seite. Sie war ihm weder besonders angenehm, noch besonders unangenehm; er wusste nicht, was er aus ihr machen sollte. Diese Empfindung hatte sich nicht verändert, seit er sie, in Evas Gesellschaft, auf der Reise zum erstenmal gesehen.
Sie spürte seinen fremden Blick, und in der untern Partie ihres Gesichts drückte sich, ohne dass ihr Übermut beeinträchtigt wurde, Enttäuschung auf äußerst zarte Weise aus.
Wie hilfesuchend wandte sie sich zu Crammon: »Der Mann ist doch furchtbar komisch, nein?« flüsterte sie, in ihrer charakteristischen Art eine fragende Negation an den Schluss einer Behauptung setzend.
Da ging die Logentür auf, und Voß trat ins Halbdunkel; in Smoking und Lackschuhen, der Vorschrift entsprechend. Aber niemand hatte ihn erwartet, niemand hatte ihn aufgefordert. Alle sahen ihn erstaunt an; er grüßte, blieb ruhig und ohne Verlegenheit stehen und richtete seine Aufmerksamkeit auf die Bühne.
Crammon schaute Christian an; Christian zuckte die Achseln. Nach einer Weile erhob sich Crammon und wies mit sarkastischer Höflichkeit auf seinen Platz. Voß schüttelte freundlich ablehnend den Kopf, verfiel aber dann sogleich wieder in die Untertänigkeit des Schulamtskandidaten. Er stammelte: »Ich war im Parkett, schaute herauf; dachte mir: besuchst sie einfach, es macht ja nichts.« Plötzlich ging Crammon hinaus, und man hörte ihn mit dem Logendiener schreien. Johanna war ernst geworden und blickte zerstreut in den Zuschauerraum; Christian hatte in stummer Abwehr die Schultern ein wenig zusammengedrückt; die Leute auf den Nachbarsitzen wurden ungehalten über den Lärm, den Crammon verübte; Herr Livholm spürte nur, dass die Atmosphäre von Korrektheit gestört war; Amadeus Voß allein zeigte Unempfindlichkeit.
Er stand hinter Johanna und dachte: die Haare dieses Frauenzimmers haben einen Geruch, dass einem schwindlig wird. Nachdem der Zwischenaktsvorhang gefallen war, entfernte er sich und kam nicht wieder.
In später Nacht, als er Christian für sich hatte, spie Crammon Wut. »Ich knalle ihn nieder wie einen tollen Hund, wenn er dergleichen noch einmal wagt. Was denkt sich der Mensch? Was sind das für Manieren? Wo ist er aufgewachsen, dieser bebrillte Galgenvogel? Mein ahnungsvolles Gemüt! Ich habe Personen mit Brille immer misstraut. Warum jagst du ihn nicht zum Teufel? Ich bin im Verlauf meines sündenbeladenen Lebens mit mancherlei Existenzen aneinandergeraten; ich kenne die Creme, ich kenne den Abschaum; aber so ein Bursche ist mir nie begegnet. Beim Zeus, nie! Ich muss Brom nehmen, sonst kann ich nicht schlafen.«
Amadeus Voß legte Christian folgenden Plan vor: er wollte nach Berlin, als Hospitant die Universität besuchen und für das medizinische Examen arbeiten.
Christian nickte billigend und sagte, er werde in Kürze ebenfalls nach Berlin kommen. Voß ging im Zimmer auf und ab; er fragte brüsk: »Wovon soll ich leben? Soll ich Akten kopieren? Soll ich mich um Stipendien bewerben? Wenn du mir deine Gunst entziehen willst, so gesteh es offen; durch den Dreck zu waten, hab ich ja gelernt. Der neue wird nicht zäher sein als der alte.«
»Kost, Logis, Kleidung, Bücher ...« zählte Voß auf, und seine Miene war die eines Fordernden, der nur aus Rücksicht den Bittsteller spielt. »Ich werde mich billig einrichten.«
»Ich lasse dir monatlich zweitausend Mark anweisen,« sagte Christian mit einem Ausdruck von Widerwillen. Das freche Verlangen nach Geld peinigte ihn. Besitz lastete wie ein Berg auf ihm; er konnte die Arme nicht freibekommen, die Brust nicht heben, das Gewicht wurde schwerer und schwerer.
In einer Chrysolitschale auf dem Tisch lag eine Krawattennadel mit einer großen, schwarzen Perle. Voß, dessen Hände immer Beschäftigung suchten, griff nach ihr, nahm sie zwischen Daumen und Zeigefinger und hielt sie gegen das Licht. »Willst du sie haben?« fragte Christian. »Nimm sie nur,« überredete er den Zaudernden, »ich mag sie ohnehin nicht.«
Als Christian allein war, stand er lange nachdenkend; dann setzte er sich hin und schrieb an seinen Verwalter nach Christiansruh. »Geehrter Herr Borkowski,« schrieb er in seiner steilen Schrift und seinem nicht minder ungelenken Stil, »ich habe mich entschlossen, Christiansruh zu verkaufen, und zwar samt allen Mobilien und Kunstgegenständen, samt dem Park, den Forsten und Ökonomien. Ich beauftrage Sie hiermit, einen verlässlichen und tüchtigen Agenten ausfindig zu machen, der mir etwaige günstige Offerten telegraphisch mitteilen soll. Sie kennen sich ja unter den Leuten aus und brauchen bloß einmal nach Frankfurt hinüberzufahren. Seien Sie so freundlich, die Angelegenheit in möglichster Stille zu erledigen. Inserate in Zeitungen müssen unterbleiben.«
Hierauf schrieb er einen zweiten Brief an den Aufseher des Rennstalls in Waldleiningen. Diesen abzufassen, kostete mehr Überwindung als der erste, denn er sah fortwährend die sanften und feurigen Augen der edlen Tiere auf sich gerichtet. Er schrieb: – »Geehrter Herr Schaller, ich habe mich entschlossen, meinen Rennstall aufzulösen. Die Tiere sollen ehestens zur Auktion gebracht oder unter der Hand an Liebhaber abgegeben werden. Letzteres wäre mir natürlich angenehmer, was ich auch von Ihnen voraussetze. Baron Deidinger auf Deidingshausen hat sich seinerzeit sehr für ›Columbus‹ und für ›Lovely‹ interessiert. Ziehen Sie mal Erkundigungen ein. ›Admirable‹ und ›Windsbraut‹ könnte man dem Fürsten Pleß oder Herrn von Strathmann anbieten. Sir Denis Lays ›Exzelsior‹ lassen Sie nach Baden-Baden schaffen und einstweilen im Stall des Grafen Treuberg versorgen. Ich möchte nicht, dass er allein in Waldleiningen bleibt.«
Als er die Briefe versiegelt hatte, atmete er auf. Er läutete dem Diener und gab ihm die Briefe zur Beförderung. Der Diener hatte sich schon zum Gehen gewandt, da rief ihn Christian zurück. »Ich muss Ihnen leider Ihre Stelle kündigen, Wilhelm,« sagte er; »ich will mich von jetzt an alleinbehelfen.«
»Leider, es muss sein,« sagte Christian, blickte an ihm vorüber und lächelte fast genau so eigentümlich wie Amadeus Voß, als er vor dem Spiegel die Perlennadel in seinen Schlips gesteckt hatte.
Crammon behauptete, Amadeus Voß mache Johanna Schöntag den Hof. Johanna schlug unwillig mit dem Handschuh nach ihm. »Ich gratuliere zu der Eroberung, Rumpelstilzchen,« neckte Crammon. »Ein Werwolf an der Leine, das ist schon was; damit kann man sich sehen lassen. Ich bin aber auch für einen Maulkorb. Nicht wahr, Christian, mein Herzchen, wir sind für einen Maulkorb?«
Crammon biss sich auf die Lippen. Die Zurechtweisung dünkte ihn hart. Da war irgendwo ein Stein in den Daunen verborgen, auf denen er lag und schlemmte; es tat weh. Er suchte den Stein, aber die Weichheit der Daunen beruhigte ihn wieder, und er vergaß den Schmerz.
»Ich saß im Frühstücksraum und wartete auf Madame Sorel,« erzählte Johanna mit einer Stimme, die in jeder Hebung und Schattierung um Christians Ohr warb; »da kam Herr Voß herein und ging geradeswegs auf mich zu. Ich dachte: böser Mann; was will der böse Mann von mir? Er fragte mich, wie wenn wir seit Jahren dick befreundet wären, ob ich mit ihm nach Sankt Pauli gehen wolle, der berühmte Wanderpastor Jakobsen hielte eine Predigt dort. Ich musste ihm ins Gesicht lachen, da war er ganz beleidigt. Und heute nachmittag, als ich das Hotel verließ, stand er auf einmal wie aus dem Boden geschossen wieder vor mir und lud mich zu einer Spazierfahrt im Hafen ein; er habe ein Motorboot gemietet und suche Gesellschaft. Er war wieder genau so grimmig vertraulich, und als er wegging, genau so beleidigt. Und das, Onkelchen, nennen Sie den Hof machen? Ich hatte eher das Gefühl, er wollte mich verschleppen und umbringen. Aber vielleicht ist das seine Manier.« Sie lachte.
Christians Gedanke war: warum lacht sie so oft? Warum sind ihre Hände so plump und rot? Johanna spürte sein Missfallen und war gelähmt. Gleichwohl fühlte sich Christian durch eine verborgene Kraft angezogen.
Weshalb sich sträuben? Weshalb so viel Umstände machen? dachte er, als Johanna sich erhob und er mit verdeckten Blicken ihre graziöse Gestalt maß, die noch die Biegsamkeit sinnlicher Unreife hatte; als er den Ansatz ihres schlanken Nackens gewahrte, in dem sich zugleich Schwäche des Willens und Feinheit der Rasse ausdrückte. Er kannte diese Zeichen. Er hatte sie stets zu deuten und zu nutzen verstanden.
Crammon, massig in einen Klubsessel gegossen, sprach mit Emphase von dem morgigen Tanzabend Evas, der die ganze Stadt mit Erwartung erfüllte. Christian und Johanna aber sahen plötzlich einander.
»Ja, mein Schatz, lass uns tafeln!« rief Crammon. Er nannte Hamburg das Paradies des heiligen Bernhard, über den er, als über seinen Schutzpatron und Namensgeber, Spezialforschungen angestellt hatte, und der nach seiner Meinung ein gewaltiger Fresser gewesen, zu Tours in Frankreich anno Domini.
Ein banges, verschlagenes Weiberlächeln spielte um Johannas Lippen. Als sie den beiden voranschritt, war Bedrücktheit und zugleich humoristische Auflehnung gegen das Bedrückte und Unfreie in den Bewegungen ihres eckig-zierlichen Körpers.
Amadeus Voß wusste, dass er niemandes Sympathien hatte; niemandes außer Christians. Und diesen beargwöhnte er; er zählte, wog und haderte. In der Angst vor Verstellung und Verrat heuchelte und verriet er selbst. Nichts diente ihm, nichts überzeugte ihn, nichts versöhnte ihn. Dass Christians Blick und Gegenwart eine bändigende Wirkung auf ihn hatte, verzieh er ihm am wenigsten. Seine Erbitterung stöhnte aus Träumen.
Er las in der Schrift: Ein Hausvater pflanzte einen Weinberg; umgab ihn mit einem Zaun; ließ darin eine Kelter graben und einen Wachtturm bauen; und vermietete ihn an Weingärtner und reisete außer Landes. Da nun die Zeit der Früchte gekommen war, schickte er seine Knechte zu den Weingärtnern, um die Früchte in Empfang zu nehmen. Die Weingärtner aber fielen über seine Knechte her, schlugen den einen, töteten den andern und steinigten den dritten. Noch einmal schickte er andre Knechte, und zwar mehr als zuvor; und sie behandelten diese auf gleiche Art. Zuletzt aber schickte er seinen Sohn zu ihnen und sprach: vor meinem Sohn werden sie doch wohl Ehrfurcht haben. Als aber die Weingärtner den Sohn sahen, sagten sie: »Dieser ist der Erbe! Auf, lasst uns ihn töten.« Sie packten ihn, schleppten ihn zum Weinberg hinaus und töteten ihn.
Manchmal wich er stundenlang nicht von Christians Seite, studierte seine Gesten, seine Mienen, und jede Wahrnehmung trieb ihm die fressende Glut ins Gehirn. Dieses ist der Erbe! Dann floh er, zerstörte sich, zerrieb sich, und Schuldgefühl steigerte sich bis zur Zerknirschung. Er kehrte zurück, und sein Wesen war Beichte: ich kann nur bei dir gedeihen. Ihm schien, es müsse gehört werden wie ein Schrei. Es wurde nicht gehört, und der Bruder wurde wieder zum Feind. So schwankte er auf und ab, von der Finsternis durch Feuer und Qualm in die Finsternis.
Er litt unter seiner Befangenheit und unter seiner Aufdringlichkeit. Mitten in dem Luxus und Überfluss, in die er durch einen märchenhaften Glückswechsel versetzt war, litt er unter der Erinnerung an seine frühere Armut, spürte er noch, wie sie ihn geknebelt und gewürgt hatte, bäumte sich noch gegen sie auf. Er griff nicht hin, schloss die Augen, schauderte vor Begierde und Gewissensqual. Die Bildseite des Gewebes wollte er nicht betrachten; er drehte es um und grübelte finster nach dem Sinn der wirr verknüpften Fäden. Da war keine Beziehung, die er nicht verdächtigt, kein heiteres Gespräch andrer, in dem er nicht einen Stachel für sich gefunden, kein Gesicht, das nicht seinen Haß vermehrt, keine Schönheit, die ihm nicht ihr Widerspiel gezeigt hätte. Alles wurde Gift, alles Fäulnis, Blüte ward Unkraut, Sammet Nessus, Licht ein Schwelen, Kitzel eine Wunde; an jeder Mauer stand das mene tekel upharsim flammend.
Er gab sich nicht, wurde nicht weich. Neid glomm weiter, auch wenn das Begehrte errungen war. Was ihn jemals erniedrigt hatte, reizte die Rachlust bei jedem Darandenken. Züchtigungen, die er vom Vater erfahren, verzerrten dessen Bild im Grab; Mitschüler im Seminar hatten ihm einst Pfeffer in den Kaffee geschüttet; er konnte es nicht vergessen; nicht vergessen die Miene Adeline Ribbecks, als sie ihm nach dem ersten Monat den Gehalt im geschlossenen Kuvert überreicht; Unglimpf und Mißachtung von Hunderten, die sich an ihm und nur an ihm schadlos gehalten für die Bedrückungen, welchen sie selbst ausgesetzt waren. Er konnte es nicht verwinden, dem Schicksal nicht verzeihen; die eingeätzten Male brannten frisch.
Dann wieder warf er sich hin, betend, bettelnd, der Verzeihung seinerseits bedürftig. Von religiösen Skrupeln gefoltert, von Reue geplagt, verlangte ihn nach ausgelöschtem Bewusstsein, sprach er Verdammung über sich, verdammte er sich zur Askese.
Und Askese schleuderte ihn in die Ausschweifung, die wahllos war, wüst, unsinnig, mit unsinnigem Verprassen von Geld. Er konnte die Erregungen des Spiels nicht mehr missen und geriet in die Hände von Bauernfängern, in verrufene Lasterhöhlen, äffte dort den reichen Kavalier, den Aristokraten im Inkognito, denn es trieb ihn, die Maske zu erproben und sich ihre Verächtlichkeit zu beweisen. Da man ihn in einer Rolle ernst zu nehmen schien, die ihn selber mit Scham und Verzweiflung erfüllte, verschmerzte er die hohen Verluste und übersah die plumpen Betrügereien. Eines Abends drang Polizei in das Lokal, wo er war; er konnte nur mit knapper Not entwischen. Ein Individuum heftete sich an seine Fersen, spiegelte ihm Gefahren vor, drohte mit Anzeige und erpreßte ihm ein Schweiggeld.
Er wurde die Beute von Kokotten. Er kaufte ihnen Schmuck und Kleider und veranstaltete nächtliche Gelage. Sie waren Verworfene in seinen Augen, die er benutzte wie ein Durstiger aus der Pfütze trinkt, wenn er reines Wasser nicht bekommen kann. Und er gab es ihnen brutal zu verstehen; er zahlte dafür, dass sie es ertrugen, und sie wunderten sich, wehrten sich nur gegen den infamsten Schimpf, machten sich lustig über Züge von Muckertum, die erzählt wurden. Mit einer, die jung und hübsch war, hatte er eine Stunde allein verbracht; er hatte sich dabei die Augen verbunden und war plötzlich wie von Furien gejagt davongestürzt.
Dreimal hatte er den Tag seiner Abreise festgesetzt, dreimal ihn verschoben. Das Bild Johannas war zu Evas Bild getreten. Beide tobten in seinem Hirn. Beide waren in unerreichbarer Welt. Die Hässliche schien ihm verwandt, möglicherweise war sie zu umstricken; die Schöne war wie gellender Hohn seiner Existenz. Er hatte nun von ihrer Kunst so viel gehört und in Zeitungen gelesen, dass er beschloss, den Abend ihrer Vorstellung abzuwarten, um, wie er zu Christian äußerte, sich ein Urteil zu bilden und nicht länger der Gefoppte von Verblendeten und frechen Schmeichlern zu sein.
Es war theatre paré. Er saß neben Christian in dem reichgeschmückten und festlich beleuchteten Saal, in welchem fürstliche Personen, die Familien der Senatoren, die Spitzen der Behörden und der Handelswelt und Abgesandte aus allen Gauen und Städten Deutschlands zu sehen waren. Christian hatte Plätze dicht hinter dem Orchester genommen; Crammon, als Kenner perspektivischer Wirkungen, hatte die erste Reihe des Balkons vorgezogen; Johanna und Botho von Thüngen waren seine Nachbarn; er hatte ihnen eindringlich erklärt, dass in der Tiefe des Theaters das Spiel der Beine und der Füße durch die Rampenlinie schädlich abgeschnitten würde, während es hier, in mittlerer Höhe, harmonisch zum Ganzen fließe.
Amadeus Voß blieb in seiner vorgefaßten Starrheit. Er sträubte sich nicht etwa, spürte nicht ein Mächtiges, dem er trotzen musste; er war und blieb kalt, trüb und blöde. Da flog im abgeteilten Raum ein Wesen vogelhaft, der Schwere wunderbar entledigt; da offenbarte sich ein Rhythmus, der Bewegung in Gesang verwandelte; da brachen die Ketten seelischer Bindung, Gefühl war Bild, Handlung Mythos, Schreiten Sieg über die Materie; seine Miene aber drückte aus: wozu dient mir das? Wozu dient euch das? Von geschlechtlichem Ingrimm erfüllt, sah er nur eine aufreizende Schaustellung, und als das Gewitter des Beifalls losbrach, bleckte er die Zähne.
Das letzte Stück war eine Art Tanz-Proverbe, ein lieblicher Scherz, den sie zu einer Musik von Delibes erfunden und ausgearbeitet hatte. Der Inhalt bestand in nichts andrem, als dass ein Pierrot einen Kreisel schlägt und, seinen launenvollen Lauf lenkend und regelnd, in immer neuen Stellungen, Sprüngen und Wendungen den Widerstrebenden und endlich Erschöpften einem Loch zutreibt, in dem er spurlos verschwindet. Der nichtige Vorgang war durch den Wechsel und durch den Reichtum der Positionen mit solchem Leben erfüllt, funkelnder Übermut und die rascheste Grazie, die je auf Brettern sich ihren Eingebungen überlassen, hatten ihn derart zu einem Kunstgebilde erhöht, dass das Zuschauen atemloses Staunen wurde und der Dank eine Raserei.
Im Foyer stürzte Crammon auf Christian zu und zog ihn durch Menschenmassen in einen halbfinstern Gang und hinter die Bühne. Amadeus Voß, von Crammon nicht beachtet, folgte beiden mürrisch und gedankenlos. Der Anblick von Kulissen, papiernen Felsen und Bäumen, aufgerollten Prospekten, Beleuchtungsmaschinen, Flaschenzügen und hin- und herrennenden Arbeitern schürte dumpf-feindselige Neugier.
Erregte Menschen drängten sich in Evas Garderobe. Sie saß, im schwarzundweißgewürfelten Pierrotkleid noch, die zierliche, silberne Peitsche, mit der sie den Kreisel getrieben, in der Hand, unter Blumen, die zu einem Berg um sie gehäuft waren. Vor ihr kniete Johanna Schöntag und schaute mit heißschimmernden Augen zu ihr auf. Susanne Rappard reichte der Herrin ein Glas Sekt; dann begann sie mit den ungerufenen Gästen in einem Kauderwelsch aus fünf bis sechs Idiomen zu verhandeln und ihnen begreiflich zu machen, dass sie im Wege seien. Aber jeder wollte einen Blick, ein Wort, ein Lächeln Evas erobern.
Neben der Garderobe, abgetrennt von ihr durch eine falsche Wand mit einem türlosen Eingang, befand sich ein schmaler Ankleideraum, der außer den Kostümen der Tänzerin nur einen großen Stehspiegel enthielt. Mehr beiseite geschoben, als von eignem Antrieb bestimmt, sah sich Voß unvermerkt in diesem Gemach allein, und als er es einmal betreten hatte, wuchs seine Kühnheit; er wagte noch ein paar Schritte.
Er schaute sich um und starrte auf die Gewänder, die da lagen und hingen; auf die glitzernden Seidenstoffe, die roten, grünen, blauen, weißen und gelben Tücher und Schleier, auf die duftigen Gewebe aus Gaze, Battist und Tüll. Da war das durchsichtige Gespinst und der schwere Brokat; da glänzte ein Kleid wie pures Gold, dort war ein silberdurchwirktes und ein mit Pailletten behängtes; eins sah aus wie von Rosenblättern gemacht, eines war wie ein Netz aus Glasfäden, dieses wie weißer Schaum, jenes wie ein violetter Stein. Und da standen zierliche Schuhe, der Reihe nach; Schuhe aus Maroquin, aus Seide und aus Bast; da waren Strümpfe in allen Farben, und Bänder und Spitzen und allerlei antiker Schmuck. Die Luft war von einem Geruch erfüllt, der seine Sinne aufregte; es roch nach Salben und kostbarem Öl, nach Frauenhaut und Frauenhaar. Seine Pulse klopften, sein Gesicht wurde grau; mechanisch streckte er den Arm aus und griff nach einem kunstvoll bemalten spanischen Schal; er zerknüllte ihn in den Händen, zornig, gierig, fassungslos und grub Mund und Nase hinein, an allen Gliedern zitternd.
Da gewahrte ihn Susanne Rappard und deutete befremdet hinein. Eva wurde aufmerksam, schob Johanna sanft von sich weg, erhob sich und schritt auf die Schwelle. Als sie den Verzückten, besessen Versunkenen erblickte, war ihr, als geschähe Unflätiges, und sie stieß einen leisen, kurzen Schrei aus. Amadeus Voß zuckte, ließ das Tuch fallen und schaute sie wild und schuldbewußt an. Mit einem Ausdruck lachender, unsäglich tiefer Verachtung, einem monatealten Abscheu, hob Eva die silberne Peitsche und schlug ihn ins Gesicht, das nun jede Spur von Farbe verlor und sich zu wollüstigem Schrecken verkrampfte.
In dem bestürzten Schweigen ging Christian auf Eva zu, nahm der Erstaunten die Peitsche aus der Hand und sagte mit einer Stimme, die sich kaum von der unterschied, mit welcher er sonst redete: »Das nicht, Eva; das sollst du nicht tun.« Er hielt die Peitsche an beiden Enden und bog sie so lange, bis das zarte Metall brach. Dann warf er sie zu Boden.
Sie sahen einander an. In Evas Zügen loderte noch der Abscheu; nun kam das Erstaunen über Christians Vermessenheit. Christian dachte: sie ist schön; und er liebte sie. Er liebte sie in dem schwarzundweißgewürfelten Pierrotkostüm mit den großen, schwarzen Samtknöpfen und der Kegelmütze auf den Haaren, von der eine Quaste leichtsinnig baumelte; er liebte sie, unvergleichlich schien sie ihm, und sein Blut schrie nach ihr wie in den Nächten, aus denen sie ihn verstoßen hatte. Aber er fragte sich auch: warum ist sie böse geworden? Da fühlte er ein sonderbares Mitleid, eine sonderbare Befreiung, und er lächelte. Es dünkte allen, die es beobachteten, ein wenig albern, dieses Lächeln.
Amadeus Voß las in der Schrift: Was reibt ihr auf mein Volk und zermalmt das Gesicht der Armen? Weil stolz sind die Töchter Zions und einhergehen mit hochaufgereckten Hälsen und geschminkten Augen, und mit tändelnden Schritten daherkommen, und Spangen an ihren Füßen tragen, so wird der Herr den Scheitel der Töchter Zions kahl machen und entblößen ihre Scham. Und wird allen Schmuck beseitigen, den Schimmer der Fußkettchen, die kleinen Sonnen und die kleinen Monde, die Ohrgehänge, Armbänder und die Schleier, den Kopfputz, die Gürtel, die Riechfläschchen, die Amulette, die Fingerringe, die Oberkleider und Mäntel, die weiten Gewänder und die Beutel, die Spiegel, Hemden und Kopfbinden. Und statt Balsamduft wird Modergeruch sein, statt Gürtel Stricke, statt Haargeflecht Kahlheit, statt eines weiten Mantels ein enger Sack, und statt der Schönheit Brandnarben. Fallen werden deine Männer durch das Schwert und deine Helden im Kriege. Wehklagen werden dann und trauern deine Tore, und beraubt wird jene auf der Erde sitzen.
Edgar Lorm blühte auf. Ordnung und Regel beherrschten sein Leben. Mit kindlicher Ruhmredigkeit sprach er von seinem Heim. Sein Direktor und Freund, der Doktor Emanuel Herbst, beglückwünschte ihn zu der Verjüngung, die an ihm bemerkbar wurde.
Menschen, die ihm seit langem etwas galten, führte er Judith vor. Sie äußerte sich über die meisten mit liebloser Schärfe. Ihr Wahnschaffescher Hochmut verscheuchte Gutmeinende. Aus Bequemlichkeit unterwarf sich Lorm, der Vielumworbene, ihrem Urteil.
Nur Emanuel Herbst gab er ihr nicht preis. Als Judith über ihn spottete, über seinen wackligen Gang, seine Häßlichkeit, seine lächerlich dünne Stimme, seine geschmacklosen Kalauer, erwiderte er ernst: »Ich kenne Herbst seit mehr als zwanzig Jahren. Was dich an ihm stört, ist mir genau so lieb wie die Eigenschaften, die ich an ihm schätzen gelernt habe und von denen du noch nichts weißt.«
Lorm sagte: »Man muss sich an den Gedanken gewöhnen, dass die andern Menschen nicht immer zu unserm Vergnügen da sind. Du stehst zu einseitig auf dem Luxus- und Verbrauchsstandpunkt. Es gibt an Männern eine Qualität, die ich höher anschlage als Schönheit und aristokratische Manieren: das ist Verlässlichkeit. Die Leute, mit denen man in meinem Beruf zu tun hat, entziehen sich den bürgerlichen Pflichten, namentlich der Pflicht, ein gegebenes Wort zu halten, mit einer Ruhe und Frivolität, die einem den Ekel bis an den Hals treibt. Da ist es mir unendlich wertvoll und ich kann es Herbst nicht genug danken, dass das Verhältnis zwischen uns ohne den Schatten eines Mißtrauens und jedes Ja und Nein so gültig und unumstößlich ist wie ein geschriebener Vertrag.«
Judith erkannte, dass sie Herbst gegenüber ihre Taktik ändern musste. Sie spielte die Liebenswürdige und Bekehrte und warb geschmeidig um Gunst. Der kluge Doktor Herbst durchschaute sie, ließ es sie jedoch nicht merken und behandelte sie mit ritterlicher Artigkeit, die altmodisch wirkte und hinter der er seine Vorbehalte verbarg.
Manchmal saß sie abends in Gesellschaft der beiden Männer und beteiligte sich an Fachgesprächen über Dichter und Theaterstücke, Komödianten und Komödiantinnen, Erfolge und Mißerfolge. Während sie aufmerksam schien oder eine Frage einwarf, dachte sie an die Schneiderin, an die Köchin, an die Wochenrechnung, an das frühere, versunkene, völlig andersgeartete Leben, und ihre Augen blickten hart.
Es kam vor, dass sie mit erbitterter Miene durch die Zimmer ging und sich an allen Dingen feindselig maß. Da haßte sie die vielen Spiegel, deren Lorm bedurfte, die vorgestern gekauften Teppiche, die prunkvollen Möbel und Gemälde, die zahllosen Bibelots, Photographien, Schmuckgeräte, Bücher und pietätvoll bewahrten Erinnerungsstücke.
Sie hatte nie in Häusern gewohnt, wo Mietsparteien über den Köpfen und unter den Füßen durch ihr widrig-unbekanntes Dasein störten. Erbittert lauschte sie den Geräuschen und dünkte sich zu einer Kasernenexistenz erniedrigt.
Es war nicht ihr Element, jeden Morgen zu warten, bis sich der Herr vom Lager erhob; zu sorgen, dass beim Frühstück nichts mangelte; beiseite zu stehen, bis der Barbier, der Masseur, der Chauffeur, der Theaterdiener, die Sekretärin ihre Weisungen erhalten und abgefertigt waren; wieder zu warten, bis er müde, verstimmt und ausgehungert von der Probe kam, und ihm beim Essen zuzusehen, das er lecker und reich zu haben wünschte, und das er hinunterschlang wie einen Fraß; ihm Lärm und Besuch fernzuhalten, wenn er memorierte; von Fremden ans Telephon gefordert zu werden, Auskünfte zu erteilen, Einladungen abzusagen, Lästige fortzuschicken, Ungeduldige zu vertrösten. Es war nicht ihr Element, aber sie bezwang sich, so wie sie sich bezwungen hatte, als man ihr die Nadel durch den Arm gestochen hatte.
Emanuel Herbst, scharfer Beobachter und beinahe gelehrter Kenner der menschlichen Natur, zergliederte für sich im stillen das Verhältnis zwischen den beiden Gatten. Er sagte sich: Lorm hält ihr nicht, was sie sich von ihm versprochen hat, so viel ist klar; sie hat geglaubt, ihn schälen zu können, wie man eine Zwiebel schält, so dass sie beständig etwas Überraschendes und Neues in die Hand bekam, hinreichend, sie für alles zu entschädigen, was sie aufgegeben hat. Sie wird bald begreifen, dass ihre Rechnung falsch war; denn Lorm bleibt derselbe; Lorm bleibt sich selber gleich; ihn kann man nicht schälen. Er trägt nur Kostüme, er schminkt sich nur. Eben dies Vermögen, leere Gefäße immer wieder mit schönem Inhalt zu füllen und selbst nichts weiter zu sein als bescheidener Diener seiner Sache, macht sie ihm zum Vorwurf, und je mehr er in ihren Augen schuldig wird, je mehr Macht wird sie über ihn gewinnen. Denn er ist müde. Ohne Zweifel ist er der Bezwungenen müde, der Anbeter und Lobhudler, der Süßigkeiten und Erleichterungen des täglichen Lebens, und es verlangt den grenzenlos Verwöhnten, ohne dass er es weiß, nach Ketten und nach einem Wärter.
Judith aber erinnerte sich ihres Traumes. Wie sie bei dem Fisch gelegen, weil es ihr so gefiel, und wie sie ihn geschlagen, von Wut erfasst über seine kühlen, feuchten, schlüpfrigen Schuppen, die am Rücken opalisierten.
Ihre beständige Angst war: ich bin arm, verarmt, abhängig und ungesichert. Der Gedanke quälte sie dermaßen, dass sie ihn einmal gegen die Hausdame aussprach. Erstaunt antwortete diese: »Aber der gnädige Herr gibt Ihnen ja neben Ihrem Nadelgeld monatlich zweitausend Mark für die Wirtschaft, wie können Sie sich da solchen Einbildungen überlassen?«
Judith schaute sie misstrauisch an. Sie war misstrauisch gegen alle Leute, die sie bezahlte. Wenn sie von Geld redeten, glaubte sie sich schon bestohlen.
Eines Tages kündigte ihr die Köchin; es war die vierte, seit der Haushalt bestand. Vom abgezählten Zucker fehlten zwölf Würfel, deren Verbrauch nicht nachzuweisen war. Es gab einen hässlichen Streit, und Judith bekam Dinge zu hören, die ihr noch niemand zu sagen gewagt hatte.
Die Sekretärin verlegte einen Schlüssel. Als er endlich gefunden war, stürzte Judith zu der Schublade, die er aufschloß, und sah nach, ob von dem Briefpapier, den Bleistiften und Stahlfedern nichts abhanden gekommen sei.
Die Hausdame hatte zwanzig Meter Leinwand gekauft. Judith fand den Preis zu hoch. Sie fuhr selbst in das Geschäft, der Wagen kostete mehr als sie hoffen konnte zu ersparen, und feilschte mit einem Kommis so lange um Ermäßigung, bis man ihr nachgab. Am Abend erzählte sie Lorm triumphierend davon. Er versäumte es, sie zu loben; beleidigt stand sie vom Tisch auf, sperrte sich in ihrem Zimmer ein und legte sich ins Bett. Immer wenn sie Grund zu haben glaubte, ihm zu zürnen, legte sie sich ins Bett.
Lorm kam an ihre Türe, pochte leise, bat, sie möge ihm öffnen. Sie ließ ihn eine Weile stehen, damit er Zeit habe, zu bereuen, dann öffnete sie. Sie musste ihre Heldentat noch einmal erzählen, und er hörte mit reizender Neugier zu; dann sagte er: »Du bist ein Juwel« und liebkoste ihre Hand und ihre Wange.
Es konnte aber geschehen, dass sie für Gegenstände, nach denen sie begehrte, Summen ausgab, die in unsinnigem Mißverhältnis zu den mühseligen kleinen Sparkünsten standen. Sie sah einen Hut, ein Kleid, einen Schmuck in einer Auslage, konnte sich von dem Anblick nicht mehr losreißen, ging in das Geschäft und erlegte, ohne zu feilschen, den geforderten Preis.
Eines Tages besuchte sie eine Auktion und kam gerade dazu, wie eine Alt-Wiener Konfektschale ausgeboten wurde, eines jener Stücke, die, obwohl äußerlich unansehnlich, das Entzücken der Sammler sind. Zuerst reizte sie der Gegenstand gar nicht, dann aber erregten die hohen Gebote ihre Aufmerksamkeit, und sie begann selbst zu bieten. Sie entflammte sich, bot und überbot und schlug endlich die Mitbewerber aus dem Feld.
Erhitzt kam sie nach Hause und stürmte in Lorms Arbeitszimmer. Emanuel Herbst befand sich bei Lorm; sie saßen beide am Kamin und pflogen eine vertrauliche Unterhaltung. Judith übersah Herbsts Anwesenheit; sie blieb dicht vor Lorm stehen, packte die Porzellanschale aus der Hülle und sagte: »Da sieh mal, Edgar, was ich Herrliches erwischt habe.«
Es war schon Abend, Lorm hatte aber noch kein Licht angezündet, denn er liebte die Dämmerung und liebte, wenn es dunkel wurde, den Schein des Kaminfeuers, der hier allerdings nur eine großstädtische Nachahmung von Holzfeuer war. Beleuchtet von der gesättigt roten, schwimmenden Reflexglut nahm sich Judith in ihrer Freude und Bewegtheit wundervoll aus.
Lorm griff nach der Schale, betrachtete sie mit höflichem Interesse, drehte sie um und um, warf die Lippen ein wenig auf und sagte: »Hübsch.« Herbsts Gesicht, wie der Mond, zeigte zahllose ironische Falten und Fältchen.
Judith wurde böse. »Hübsch? Siehst du nicht, dass es eine kleine Zauberei ist, ein süßer Traum? das Pikanteste und Rarste? Die Kenner waren außer sich. Weißt du, was es gekostet hat? Achtzehnhundert Mark; dabei waren sechs oder sieben wütende Konkurrenten hinter mir her. Hübsch!« Sie lachte hart. »Gib mirs wieder, du fasst es ja so roh an.«
Aber Judith war gekränkt, mehr durch Herbsts stummen Spott als durch Lorms Unverständnis. Sie warf den Kopf zurück, rauschte aus dem Zimmer und knallte die Türe hinter sich zu. Im Zorn waren ihre Manieren manchmal ein bisschen gewöhnlich.
Die Männer schwiegen eine Weile. Dann sagte Lorm, betreten und mit entschuldigendem Lächeln: »Süßer Traum ... achtzehnhundert Mark ... na ja. Kindisches Geschöpf.«
Emanuel Herbst scheuerte mit der Zunge den Raum zwischen Lippen und Zähnen, was ihm Ähnlichkeit mit einem steinalten Säugling verlieh. Er sagte: »Du solltest ihr gelegentlich klarmachen, dass achtzehnhundert Mark eintausendachthundertmal eine Mark sind.«
»Sie kommt nicht so weit, denn sie fängt mit den Pfennigen an,« antwortete Lorm. »Ein Mensch, der beständig auf dem Meer gelebt hat und plötzlich auf einen kleinen Binnensee versetzt wird, findet sich in den Maßen und Entfernungen schwer zurecht. Es sind wunderliche Wesen, die Frauen.« Er seufzte lächelnd. »Direktor, ein Schnäpschen?«
Doktor Herbst wiegte sorgenvoll den Cäsarenkopf. »Warum denn wunderlich? Sie sind so oder so, und man muss sie so oder so behandeln. Man darf sich nicht über das Material täuschen, das man in der Hand hat. Zum Exempel: ein Hufeisen ist kein Birkenholz; obschon es aussieht wie ein Bogen, kannst du es nicht biegen, mit aller Kraft nicht. Bindest du eine Sehne dran, so bleibt sie schlaff, und der Pfeil schnellt nicht ab. Na, schenk ein das Schnäpschen.«
Crammon und Johanna Schöntag wollten zu Hagenbeck nach Stellingen fahren, und Crammon bat Christian um das Auto. Sie stiegen gerade in den Wagen, als Christian aus dem Hotel trat. »Warum kommst du nicht mit?« fragte Crammon. »Hast du was Besseres vor? Komm doch mit, es ist lustiger zu dreien.«
Christian wollte ablehnen, da bemerkte er Johannas dringlich auffordernden Blick. Sie konnte viel Wunsch in ihre Augen legen, hinüberziehenden Wunsch, und man wurde widerstandslos. Er sagte: »Gut, ich fahre mit,« und setzte sich neben Johanna. Aber er blieb den ganzen Weg schweigsam.
Sie wanderten durch den Park, und Johanna machte drollige Bemerkungen über die Tiere. Bei einem Seehund blieb sie stehen und rief: »Er sieht aus wie der Direktor Livholm. Nein?« Mit einem Waschbären sprach sie wie mit einem geringen Mann aus dem Volk und warf ihm Zuckerstücke hin. Die Kamele erklärte sie für unglaubwürdig; sie verstellten sich nur, weil sie in den Naturgeschichtsbüchern so beschrieben seien. »Beinah so hässlich, wie ich selber,« fügte sie hinzu; und mit einem Verziehen des Mundes: »Aber nützlicher; wenigstens hab ich in der Schule gelernt, dass ihr Magen eine Wassersparkasse ist. Wunderbar, was es alles gibt auf der Welt.«
Weshalb spricht sie stets verächtlich von sich? dachte Christian. Sie beugte den Nacken über eine Steinbrüstung, und da rührte ihn dieser Nacken. Er erschien ihm wie ein Gefäß von armen und verletzten Dingen.
Crammon sagte: »Mit Tieren ist es eine eigne Sache. Die Gelehrten behaupten, sie hätten eine Menge Instinkt. Was ist aber Instinkt? Ich finde sie meistens grenzenlos dumm. Auf dem Gutshof, wo ich meine Kindheit verbrachte, hatten wir ein Roß, ein dickes, blödes, lammfrohes Roß. Es hatte nur ein einziges Laster: es war sehr kitzlich. Bei strenger Strafe war uns, mir und meinen Spielgefährten, verboten worden, es zu kitzeln. Der Erfolg war natürlich, dass uns beständig der Kitzel quälte, es zu kitzeln. Wir waren fünf, ich und vier aus der Nachbarschaft, fünf Kerle nicht höher als die Tischbeine. Jeder verschaffte sich ein Filzhütchen, und darauf befestigte er eine Hahnenfeder. Und als das Roß glotzend vor dem Stall stand, gingen wir hin, einer hinterm andern, und marschierten mit unsern Federn auf dem Kopf unter dem Bauch des dummen Viehs durch. Die Federn kitzelten es aber so schrecklich, dass es mit allen Vieren ausschlug und einen förmlichen Negertanz verübte. Noch heute ist es mir ein Rätsel, dass wir mit heiler Haut davon gekommen sind; aber es war nett, es war erbaulich, und vom sogenannten Instinkt war weit und breit nichts zu merken.«
Sie gingen ins Affenhaus. Viele Leute standen um eine kleine Tribüne, auf der ein zierliches junges Äffchen unter der Leitung eines Wärters seine Kunststücke zeigte. »Affen sind mir ein Greuel,« sagte Crammon; »sie belästigen meine Erinnerung. Ich soll mich ihnen verwandt fühlen, die Wissenschaft fordert es, aber man hat ja schließlich seinen Stolz. Nein, ich erkenne sie nicht an, diese teuflischen Atavismen.« Er kehrte um und verließ den Raum, um draußen zu warten.
Johanna, bei Christian allein, übertrieb in ihrer Schüchternheit eine Wallung von Mut; sie zog ihn am Arm vor die Tribüne des Äffchens. Sie war berückt, ihre Freude war kindlich. »Wie lieb, wie süß, wie arm!« rief sie aus. Christian schlug eine Wärme entgegen, der er sich hingab, weil er ihrer bedurfte, und die brüchige Stimme des Mädchens erregte in ihm Sinnlichkeit und Angst. Sie stand dicht an seiner Seite; er spürte ihr Erbeben, diese ihm so wohlbekannte Wirkung einer in ihm verborgenen erotischen Macht, und was sonst in ihm drängte, wurde stumm.
Da geschah es, dass das Äffchen in seinen possierlichen Sprüngen stutzte und den lichtlosen Tierblick erschrocken auf die Zuschauer heftete. Eine scheue Wahrnehmung hatte ihm Furcht eingeflößt; es war wie Denken und Sichbesinnen. Als es die vielen Gesichter erblickte, schien sich das Nebelhafte des Bildes in seinem Auge zu Umrissen zu klären; es sah vielleicht eine Sekunde lang die Welt und den Menschen, und damit verband sich ein ungeheuerliches Entsetzen. Es zitterte am Leibe, wie wenn es geschüttelt würde; es stieß einen gellenden Pfiff aus, der Jammer und Grauen enthielt; es flüchtete, und als der Wärter nach ihm griff, sprang es vom Podium und suchte mit verkrampften Bewegungen ein Versteck; seine Augen glitzerten von Tränen, die Zähne klapperten, und trotz des bestialischen Gepräges dieser Äußerungen waren sie zugleich so menschlich und seelenhaft, dass nur wenige Unempfindliche zu lachen wagten.
Christian wehte etwas an von einer fremden Sphäre, von Erde, Wald und Einsamkeit. Seine Brust weitete sich und zog sich dann zusammen. »Gehen wir,« sagte er, und seine eigne Stimme klang ihm nicht angenehm.
Randolph von Stettner war angekommen. Er hatte noch einige Tage vor sich bis zur Abfahrt des Schiffes und wollte nach Lübeck, um von einer dort verheirateten Schwester Abschied zu nehmen. Christian zögerte, zu versprechen, dass ihn Stettner bei seiner Rückkehr noch in Hamburg finden würde; erst nach langem Drängen des Freundes sagte er es zu.
Sie aßen am Abend in Christians Zimmer und unterhielten sich über Verhältnisse in der Heimat, über gemeinsame Erinnerungen. Christian, einsilbig wie immer, wunderte sich im stillen, wie fern das alles war.
Als der Kellner abgedeckt hatte, erzählte Stettner, was ihn zu dem Entschluss getrieben, über den Ozean zu gehen. Während er sprach, schaute er mit dem gleichen Blick und Ausdruck fortwährend auf das Tischtuch.
»Es ist mir in den letzten Jahren eng geworden in des Königs Rock; du weißt es. Außer den gemessen voneinander liegenden Stationen des Avancements sah ich kein Ziel. Es gibt welche, die setzen ihre Hoffnung auf Krieg. Schließlich, Krieg: da könnte man sich bewähren und erweisen. Aber wer wird darauf warten? Andre nützen ihre Beziehungen aus; andre angeln nach einer vorteilhaften Heirat; andre verlieren sich im Sport und im Jeu. Für mich waren das keine Ziele. Der Dienst befriedigte mich in keiner Weise. Ich erschien mir im Grunde als ein Müßiggänger, der anspruchsvoll auf fremde Kosten lebt.
Sieh mal: Man steht auf dem Kasernenhof; es regnet; der Sand glänzt feucht; die paar armseligen Bäume triefen; die Mannschaft wartet auf das Kommando mit der Wachsamkeit dressierter Hunde; das Wasser läuft von ihren Monturen herunter, der Wachtmeister brüllt, die Unteroffiziere knirschen vor Eifer und Wut; du aber denkst beständig, mit der Eintönigkeit, mit der die Regentropfen auf deine Mütze fallen: was wird heute abend sein? Was wird morgen früh sein? Was wird morgen abend sein? Das Jahr liegt vor dir wie eine aufgeweichte Landstraße. Du denkst an deine öde Stube mit den drei Dutzend Büchern, den nichtssagenden Bildern an den Wänden und dem Teppich, der von Fußtritten abgeschürft ist; du denkst an den Rapport und an die Kantinenrechnung und an die Stallinspektion und an den nächsten Offiziersball, wo du mit den namenlos prätenziösen Frauen der Vorgesetzten tödlich langweilige Konversation wirst machen müssen; denkst es im Kreis herum, immer dasselbe Nichtige, Unfrohe, Graue, Regnerische; ist das zu ertragen?
Ich legte mir eines Tages die Frage vor: was leistest du eigentlich und was wird dir dafür gewährt? Die Antwort war: die Leistung ist, von einem menschlichen und geistigen Gesichtspunkt aus betrachtet, gleich null. Gewährt wurde mir dafür ein Privileg, vielmehr eine Summe von Privilegien, die zusammen eine hohe soziale Rangstufe ausmachten, allerdings um den Preis des vollkommenen Verzichts auf Persönlichkeit. Ich hatte nach oben hin zu gehorchen, nach unten hin zu befehlen, weiter nichts. Dabei war die Befehlsmacht bedingt durch die Gehorsamspflicht. Jeder, ob er nun über oder unter mir stand, hatte dieselbe Aufgabe: nach oben zu gehorchen, nach unten zu befehlen. Man war einfach ein Schaltapparat in einer komplizierten Leitung. Nur die Untersten, die große Masse hatte ausschließlich zu gehorchen; die Verantwortungen nach oben hin verloren sich irgendwo ins Ungewisse. Das Gebäude der militärischen Organisation hat ja trotz seiner Primitivität letzten Endes eine sehr geheimnisvolle Struktur; zwischen der Willkür einzelner und der unbegreiflichen, erschütternden Unterwerfung der Masse bewegen sich die Glieder nach ehernem Gesetz, und wer da versagt oder sich auflehnt, wird zermalmt.
Viele behaupten, dass dieser Zwang sittliche Wirkungen ausübe und zu einem höheren Grad von Freiheit erziehe. Ich selbst war lange der Ansicht. Ich konnte sie auf die Dauer nicht aufrechthalten. Ich fühlte das Versagen kommen, die Auflehnung gärte mir im Blut. Ich nahm mich zusammen; ich bekämpfte Zweifel und Kritik in mir; es war umsonst. Es ging nicht mehr. Die Sicherheit im Befehlen schwand, und gleichzeitig fiel mir der Gehorsam schwer. Ein quälender Zustand. Ich sah über mir lauter unerbittliche Götzen und unter mir lauter wehrlose Opfer. Ich selbst war Götze und Opfer in einem, unerbittlich und wehrlos zugleich. Wo mein Pflichten- und Tätigkeitskreis begann, hörte die Menschheit auf, so schien es mir. Mein Leben erschien mir nicht als ein Teil des allgemeinen Lebens, sondern als eine durch die Formeln Befehl und Gehorsam bewirkte fossile Versteinerung.
Das konnte natürlich nicht verborgen bleiben. Die Kameraden rückten von mir ab. Ich wurde beobachtet, und man misstraute mir. Ehe ich Zeit gewann, die Dinge zu reinlichem Austrag zu bringen, kam mir ein Ereignis zu Hilfe, das mir die Entscheidung abzwang. Ein Regimentskamerad, Rittmeister von Otto, war mit der Tochter eines Gerichtspräsidenten verlobt. Die Hochzeit, die schon festgesetzt war, konnte nicht stattfinden; er musste wegen einer leichten Erkrankung der Lunge Urlaub nehmen und ging nach dem Süden, um sich auszuheilen. Etwa vier Wochen nach seiner Abreise war Kaisergeburtstagfeier, und unter den geladenen Damen befand sich auch die Braut des Rittmeisters. Alle waren an diesem Abend in ziemlich ausgelassener Stimmung; besonders übermütig war aber ein lieber Freund von mir, Georg Mattershausen, der eben an dem Tag zum Oberleutnant befördert worden war, ein harmloser, frischer, freundlicher Mensch. Die Braut des Rittmeisters, die seine Tischnachbarin gewesen war, hatte sich von seiner Lustigkeit mitreißen lassen, und auf dem nächtlichen Heimweg, während er kurze Zeit mit ihr allein war, bat er sie um einen Kuß. Sie schlug ihm die Bitte ab, da wollte er sie mit Gewalt küssen. Nun begegnete sie seiner Zudringlichkeit mit Ernst, er kam zur Vernunft, bat herzlich um Verzeihung, und noch vor der Tür des elterlichen Hauses versprach das Mädchen feierlich, mit keinem Menschen über das Vorgefallene zu sprechen. Als aber ihr Verlobter zurückgekehrt war, siebzehn Wochen später, wurde sie von Gewissensbissen geplagt, und sie glaubte ihm bekennen zu müssen, was sich zwischen ihr und Mattershausen begeben. Die Folge davon war eine Forderung. Die Bedingungen waren außerordentlich schwer: zehn Schritt Distanz, gezogene Pistolen, eine halbe Minute Zielzeit, abwechselndes Schießen bis zur Kampfunfähigkeit eines der Gegner. Ich war Mattershausens Sekundant. Von Otto, der Beleidigte und Fordernde, hatte den ersten Schuss; er zielte sorgfältig nach dem Kopf des Gegners, ich sah es. Die Kugel ging am Ohr vorbei. Als Mattershausen schoss, versagte die Waffe. Der Versager gilt als Schuss, es wurden neue Pistolen genommen, von Otto zielte wieder mit großer Genauigkeit, diesmal nach der Mitte des Körpers, und nun traf er Mattershausen ins Herz. Der Tod trat sofort ein.
Findest du die Strafe für eine Unbesonnenheit und ein jugendliches Überschäumen nicht ein wenig hart? Ich fand sie ungewöhnlich hart. Ich fand, dass an dem jungen Menschen ein Verbrechen begangen worden war. Die Kaste, die fossile Kaste hatte einen Mord verlangt. Es war zwei Tage nachher, im Kasino, als ich diese meine Meinung unverhohlen äußerte. Man war befremdet. Es wurde schroff repliziert. Man fragte: Hätten Sie denn in einem solchen Fall nicht gefordert? Ich antwortete: Ich glaube nicht, dass ich gefordert hätte, bestimmt nicht; nun und nimmer könne ich einen Ehrbegriff gutheißen, der in krankhafter Übersteigerung ein Menschenleben wegen einer Bagatelle vernichtet; wenn sich schon das junge Mädchen bemüßigt gesehen habe, ihr allzu zartes Gewissen zu erleichtern und die gelobte Verschwiegenheit zu brechen, hätte ich weiter kein Wesens daraus gemacht und das Geschehene geschehen und vergessen sein lassen. Darüber war man empört; ich sah Kopfschütteln, unwillige Mienen, ratlose Gesichter, bedeutsames Blickewechseln. Aber ich war einmal im Zug; Mattershausens schmähliches Ende war mir verdammt nahgegangen, ich wollte mir den Groll von der Seele reden. Wäre ich an Mattershausens Stelle gewesen, fuhr ich fort, ich hätte es ruhig abgelehnt, mich zu schlagen, was auch immer die Folgen gewesen wären. Das Wort fiel wie ein Keulenschlag, und es entstand ein peinliches Schweigen. Ich glaube, Sie hätten sich doch eines Bessern besonnen, lenkte der rangälteste Major ein, ich glaube nicht, dass Sie alle Folgen auf sich genommen hätten. Gewiss, alle Folgen, beharrte ich. Da erhob sich Rittmeister von Otto, der am Nebentisch saß, und fragte frostig: Auch das Odium der Feigheit? Ich erhob mich ebenfalls und antwortete: Unter diesen Umständen selbstverständlich auch das Odium der Feigheit. Rittmeister von Otto lächelte verzerrt und sagte mit einer Betonung, die nicht zu mißdeuten war: Dann begreife ich nicht, dass Sie sich mit Offizieren Seiner Majestät an denselben Tisch setzen. Sprachs, grüßte steif und ging hinaus.
Damit waren die Würfel gefallen. Man war nicht neugierig, was ich tun würde, man zweifelte gar nicht daran, dass mir nur eines zu tun übrigblieb. Aber ich war entschlossen, bis zum logischen Ende zu gehen. Der Befehlsgötze, diesmal Ehrenkodex genannt, hatte sein Diktum erlassen; ich war entschlossen, ihm den Gehorsam zu verweigern und die Folgen auf mich zu nehmen. Als ich am Abend nach Hause kam, warteten schon zwei Kameraden auf mich, um mir ihren Beistand anzubieten. Ich lehnte höflich ab. Sie schauten mich an, als wäre ich verrückt geworden, und entfernten sich mit etwas lächerlicher Eile.
Es kam dann, was kommen musste. Dass ich in derselben Luft nicht länger atmen konnte, nach all dem, wirst du verstehen. Man schlägt nicht ungestraft den gültigen Anschauungen ins Gesicht. Ich hatte mich vor Schimpf zu wahren und erfuhr, was Ächtung ist. Ächtung ist etwas sehr Schlimmes, und man hat selten Phantasie genug, sie sich vorher in ihrer ganzen Abscheulichkeit auszumalen. Ich sah, dass in meinem Vaterland kein Platz mehr für mich war. Der Ausweg ergab sich von selbst.«
Christian hatte den Bericht mit unbewegter Miene angehört. Er stand auf, ging ein paarmal durch das Zimmer, setzte sich dann wieder und sagte: »Mich dünkt, du hast das Richtige getan. Es ist schade, dass du von uns weggehst, aber es ist das Richtige.«
Stettner blickte empor. Wie sonderbar das klang: das Richtige. Eine Frage schwebte ihm auf den Lippen, aber sie verbot sich; der Ausdruck in Christians Gesicht wurde plötzlich konventionell; er fürchtete die Frage und sperrte sich zu.
Christian, die beiden Brüder Maelbeck, die aus Holland mitgereist waren, Botho von Thüngen, ein russischer Staatsrat namens Koch und Crammon saßen beim Mittagessen im Speisesaal.
Das Gespräch drehte sich um einen an einer Prostituierten verübten Mord. Den Täter hatte die Polizei bereits dingfest gemacht. Es war ein Mann, der einst der guten Gesellschaft angehört hatte, aber nach und nach verkommen war. In einer Matrosenherberge hatte er das Mädchen erdrosselt und beraubt.
Nun hatten alle Prostituierten der Stadt einhellig beschlossen, der ihrem Beruf zum Opfer gefallenen Kollegin im Angesicht der Welt die letzte Ehre zu erweisen und ihrem Sarg zum Grab zu folgen. Darin erblickten die anständigen Bürger eine Herausforderung; es wurde Einspruch erhoben, aber die Behörde hatte keinen Rechtstitel, gegen die Veranstaltung einzuschreiten.
»Dann wäre keine Zeit zu verlieren,« bemerkte der ältere Maelbeck und schaute auf die Uhr; »punkt drei versammeln sich die Leidtragenden vor dem Trauerhaus.« Er lächelte; die Worte Leidtragende und Trauerhaus sollten witzig klingen.
Christian erklärte, mitgehen zu wollen; das Auto brachte sie an einen Straßenzugang, der durch Polizei abgesperrt war. Sie verließen den Wagen, Herr von Thüngen verhandelte mit dem Polizeioffizier, und sie durften passieren.
Eine dichte Menschenmenge umgab sie alsbald, Matrosen, Fischer, Arbeiter, Zuhälter, Weiber und Kinder, lauter geringes Volk. In den Häusern waren die Fenster Kopf bei Kopf besetzt. Die Maelbecks und Staatsrat Koch blieben stehen und riefen Thüngen, der sich zu ihnen gesellte. Christian ging weiter. Ihr Verhalten berührte ihn aus irgendeinem Grunde nicht angenehm. Die Art der Neugier, von der er sie erfüllt wusste, war ihm plötzlich nicht angenehm. Auch er empfand Neugier, aber sie war nicht von derselben Beschaffenheit, so schien es ihm wenigstens.
Crammon blieb an seiner Seite. Das Gewühl wurde beängstigend. »Wohin gehst du denn?« fragte Crammon mürrisch; »es hat ja keinen Zweck, weiterzugehen; lass uns einfach warten.«
Christian schob sich bis in die Nähe des alten, schmutzigen Hauses, vor dessen Toreinfahrt der Leichenwagen stand. Es war ein nebliger Tag; der schwarze Wagen wirkte wie ein Loch im Grau der Luft. Er wollte noch ein paar Schritte weiter gehen, aber mehrere Burschen verhinderten ihn durch absichtliche Unbeweglichkeit daran. Sie drehten die Köpfe und musterten ihn. Sie witterten seine Welt. Ihre Kleidung war von frecher und billiger Eleganz; Blick und Miene machten ihr Gewerbe erkennbar. Einer war von riesenhaftem Wuchs. Er überragte Christian noch um Stirnhöhe; seine Brauen waren zusammengewachsen. Am Zeigefinger der linken Hand trug er einen Siegelring mit einem Karneol.
Uneingeschüchtert sah sich Christian um. Er sah Hunderte von Mädchen, Aberhunderte; alle Altersklassen zwischen sechzehn und fünfzig; alle Abstufungen zwischen Frische und Fäulnis, alle Grade zwischen Luxus und Elend.
Es waren die gekommen, die auf bewegter Bahn den Zenit überschritten hatten, und die, die noch am Anfang standen, kaum den Kinderschuhen entwachsen, leichtsinnig, sanguinisch, gefallsüchtig und schon mit allem Schlamm der Großstadt vertraut. Sie waren da von allen Straßen, allen Nationen, allen Gesellschaftsklassen; aus umfriedeter Jugend und aus verlorener; aus tieferer Verworfenheit gestiegen, aus der Höhe gestürzt; solche, die sich als Parias fühlten, mit dem Haß des Parias in den Mienen, und andere, die einen gewissen Standesstolz zur Schau trugen und sich absonderten; die ausgehaltene Kokotte, das Mädchen mit dem behördlichen Schein, die von ihrer Gefängnisluft gebleichte Bordellbewohnerin, die aufgetakelte Kasernierte und Nachtwandrerin, die kranke, vertierte Vettel, die unsichere Novize mit Überbleibseln von Selbstbesinnung und Erinnerung an Reinheit und Harmlosigkeit.
Er sah sorgenvolle Gesichter und zynische, liebliche und verrohte, gleichgültige und verstörte, gierige und sanfte, gepflegte und verwahrloste, bemalte und fahle, die seltsam nackt wirkten.
Er kannte sie aus vielen Gassen und Häusern vieler Städte, wie jeder Mann sie kennt. Er kannte den Typus, die Prägung, die eingelernte Gebärde und den Blick, diesen harten, starren, stumpfen, saugenden, taglosen Blick. Aber er hatte sie nie anders gesehen, als ihrem Zweck überliefert, hinter den Gittern des Berufs, verstellt, einzeln und einzeln ausgelöscht, unter dem Fluch des Geschlechts. Sie von all dem abgeschnitten vor sich zu haben, viele Hunderte, sie ohne den Reiz und Anhauch trüber Sexualität als Menschen zu erblicken, das riss ihm eine Wolke von den Augen weg.
Der Sarg wurde aus dem Hause getragen. Er war hoch bedeckt mit Blumen und Kränzen. Goldbedruckte Schleifen flatterten herab. Christian spürte Neugier, zu lesen, was auf den Schleifen stand, aber es war nicht möglich. Der Sarg hatte kleine, gedrechselte, versilberte Füße, die Tiertatzen ähnlich sahen; jedoch war durch irgendeinen Zufall einer abgebrochen. Das berührte Christian als etwas entsetzlich Armseliges, er wusste selbst nicht, weshalb. Hinter dem Sarg schritt ein altes Weib, das eher ärgerlich und verdrossen als bekümmert aussah. An ihrem schwarzen Kleid war unter der Achsel die Naht gerissen. Auch dies war entsetzlich armselig.
Der Leichenwagen setzte sich in Bewegung, sechs Männer mit brennenden Kerzen voraus. Das Geplauder und Stimmengewirr verstummt. Die Dirnen, in Reihen sich ordnend, folgten dem Wagen. Christian blieb stehen, an die Mauer gedrückt und ließ alle vorbeiziehen. Nach einer Viertelstunde war die Straße verödet. Die Fenster in den Häusern schlossen sich. Er stand ganz allein in der Straße, im Nebel.
Als er weiterging, dachte er: ich habe meinem Vater die Ringsammlung in Verwahrung gegeben; es sind über viertausend Ringe, seltene und kostbare Stücke; auch sie könnte man verkaufen. Wozu brauch ich sie, dachte er; ich brauche sie nicht, ich will sie verkaufen.
Er ging und ging, und ohne dass es ihm recht zu Bewusstsein kam, verfloß Stunde auf Stunde. Es wurde Abend, die Lichter glommen irisierend aus dem Nebel. Alles war feucht, sogar die Handschuhe, die er trug.
Er schritt über eine der großen Elbbrücken und ging dann am Ufer entlang. Die Gegend war einsam. Unter einem Gaskandelaber blieb er stehen, schaute eine Weile ins Wasser, zog dann die Brieftasche heraus, entnahm ihr einen Hundertmarkschein und betrachtete ihn aufmerksam. Er betrachtete ihn bald von der einen, bald von der andern Seite, schüttelte ein wenig den Kopf und warf ihn mit einer Gebärde des Ekels ins Wasser. Er nahm einen zweiten und machte es ebenso. Es waren zweiundzwanzig Hundertmarkscheine in den Fächern des Portefeuilles. Er nahm einen nach dem andern heraus und ließ sie, mit einem Ausdruck von Ekel und Zerstreutheit mehr aus den Händen gleiten als dass er sie warf.
Als er ins Hotel kam, verspürte er ein heftiges Bedürfnis nach Wärme. Er betrat nacheinander den Lesesaal, den Konversationssaal, den Speisesaal; trotzdem in allen Räumen ziemlich stark geheizt war, genügte ihm die Wärme nicht. Er gab der Feuchtigkeit schuld, in der er so lange gewandert war.
Er fuhr mit dem Lift in das Stockwerk, wo seine Zimmer lagen. Er wechselte den Anzug, hüllte sich in eine Decke und setzte sich dicht vor den Heizapparat, in welchem der Dampf zischte und wie ein gefangenes Tier an den Ventilen lärmte.
Es wurde ihm noch immer nicht warm. Da merkte er endlich, dass das Frösteln nicht von der Feuchtigkeit und vom Nebel herrührte, sondern eine innere Ursache hatte.
Gegen elf Uhr erhob er sich und ging in den Korridor. Die stuckverkleideten Wände des Flurs waren in große Felder mit goldenen Randleisten abgeteilt; den Boden entlang lief ein Teppich, der aus Stücken zusammengefügt war und die Schritte dämpfte. Christian empfand Abneigung gegen die auf Täuschung berechnete Scheinpracht. Er näherte sich der Mauer, befühlte prüfend eine der Goldleisten und zuckte geringschätzig die Achseln.
Am Ende des langen Korridors lagen Evas Gemächer. Ein paarmal war er schon an den Türen vorübergegangen; als er jetzt wieder hinkam, hörte er die Töne eines Klaviers. Es wurden nur einzelne Tasten leise angeschlagen. Nach kurzem Besinnen öffnete er die Doppeltüre, klopfte und trat ein.
Susanne Rappard war allein im Zimmer. Sie saß im Pelz am Klavier. Auf dem Notenständer lag ein Buch, in dem sie las; ihre Finger huschten dabei gespenstisch rasch über die Tasten und schlugen nur bisweilen, wie aus Versehen, eine an. Sie wandte den Kopf und fragte unwirsch: »Was wünschen Sie, Monsieur?«
»Jetzt? in der Nacht?« wunderte sich Susanne. »Wir sind müde. Wir sind jeden Abend müde in diesem hyperboräischen Klima, wo man die Sonne nur vom Hörensagen kennt. Der Nebel greift uns an. Gott sei Dank, in vier Tagen haben wir unsre dritte und letzte Vorstellung, dann verlassen wir das Graue und begeben uns wieder ins Blaue. Gott sei Dank. Wir sehnen uns nach Paris.«
Susanne schüttelte den Kopf. »Sie haben eine merkwürdige Geduld, Monsieur,« entgegnete sie boshaft. »Ich hätte nicht vermutet, dass Sie so romantisch veranlagt sind. Sie fahren schlecht mit dem, was Sie tun; glauben Sie mir, denn ich weiß es. Übrigens können Sie es ja versuchen. Gehen Sie hinein. Ce petit laideron est chez elle, demoiselle Schöntag. Sie versieht das Hofnarrenamt und findet alles in der Welt komisch, sogar sich selbst. Auch das wird ja bald ein Ende haben.«
Man hörte Stimmen und helles Lachen. Die Tür zu Evas Gemächern ging auf, und Eva und Johanna traten auf die Schwelle. Eva trug ein einfaches, weißes Gewand ohne andern Schmuck als einen großen Chrysopras, mit dem es auf der linken Schulter befestigt war. Ihre Haut leuchtete wie Bernstein, die Bewegung der Nasenflügel verriet geheime Reizbarkeit. Die schöne Frau und die hässliche nebeneinander: jede weiblich wissend, die eine, dass sie schön, die andre, dass sie hässlich war; die eine blutendstes, gefährlichstes, umwittertstes Leben, Bewusstsein, Adel, Freiheit; die andere Anbetung, sehnsüchtiges Emporlangen nach diesem Leben und dieser Freiheit.
Johanna hatte den Arm um Eva gelegt, zart und behutsam. Sie bog den Kopf, bis ihre Wange Evas bloße Schulter berührte und sagte mit ihrem bizarren Lächeln: »Wie gut, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß'.«
Sie hatten Christian noch nicht bemerkt; erst eine Gebärde Susannes machte sie aufmerksam. Christian stand im Schatten an der Tür. Johanna erblaßte, ein scheuer Blick ging von Eva zu Christian; sie ließ den Arm von Eva, beugte sich rasch, küsste Evas Hand, flüsterte ein »Gutenacht« und ging, an Christian vorüber, hinaus.
Obwohl Christians Augen gesenkt waren, hielt er Evas Erscheinung umfasst. Er sah die Füße, die er einst nackt in seinen Händen gehalten, er sah hinter dem dünnen Stoff die wundervollen festen Brüste, er sah die Arme, die sich um ihn geschlungen, die vollendet schönen Hände, deren Liebkosungen er erfahren, von deren Feinheit und Glätte alles, was an ihm Haut und Leib war, noch wusste; er sah sie da vor sich, ganz nah, hoffnungslos unerreichbar, und es war letzte Lockung, letzter Verzicht.
»Ich wollte dich fragen,« begann Christian leise, »was der Name Eidolon bedeutet, mit dem du mich früher gerufen hast. Ich komme damit ein wenig spät, es ist albern, ich weiß es,« er lächelte verlegen, »aber es quält mich, sooft ich darüber nachdenke, und ich hatte mir vorgenommen, dich um Aufklärung zu bitten.«
Susanne lachte heimlich im Winkel, denn die Frage klang in ihrer Verspätung und grundlosen Dringlichkeit in der Tat recht einfältig. Auch Eva schien ergötzt, verbarg es aber; sie blickte ihre Hände an und antwortete: »Es ist schwer zu sagen, was es bedeutet. Ein Ding, das man opfert, oder einen Gott, dem man opfert, ein schöner, heiterer Genius. Eines von beiden, vielleicht auch beides zugleich. Wozu daran erinnern? Es gibt keinen Eidolon mehr. Er ist mir zerschlagen worden, und man soll mir nicht die Scherben zeigen. Scherben sind hässlich.«
Sie schauderte ein wenig, ihr Blick funkelte, und sie wandte sich zu Susanne. »Lass mich morgen schlafen, bis ich von selbst erwache,« sagte sie. »Ich träume jetzt so schlecht in der Nacht, erst frühmorgens finde ich Ruhe.«
Als Christian wieder über den Korridor ging, fiel sein Blick auf eine Gestalt, die unbeweglich im Halbdunkel stand. Er erkannte Johanna, und er sah, es musste so sein, dass sie hier stand und auf ihn wartete.
Sie schaute ihn nicht an; sie schaute zu Boden. Erst da er vor sie hintrat, hob sie die Augen, blickte aber schüchtern an ihm vorbei. Ihre Lippen zuckten. Ein Warum war es, das darauf zuckte. Sie war unterrichtet von allem, was zwischen Christian und Eva vorgefallen war. Dass die beiden einmal zueinander gehört hatten, war ein enthusiastischer Gedanke für sie; was jetzt sich abspielte, eben noch war sie fliehende Zeugin gewesen, dünkte ihr schimpflich, und sie begriff es nicht.
Phantasievoll und sensitiv, liebte sie die Stolzen und litt, wenn Stolz und Würde fielen. An einem idealisierten Begriff von Vornehmheit hing ihr ganzes Herz; mißverstand sie ihn zugunsten äußerlicher Formen und Moden, so litt sie doppelt durch diesen Zwiespalt, dem sie nicht gewachsen war, und der sie der Frivolität überlieferte.
»Es ist spät,« flüsterte sie scheu; es war keine Aussage, es war ein Rettungsversuch. Drei Signale gab es, die sie aufhorchen gemacht hatten, jedesmal, wenn von Christian die Rede gewesen war: der Elegante, der Hochmütige, der Eroberer aller Herzen. Das rief, das rührte auf; das war eine Vereinigung von Vorzügen, um die Tage eines Jahres mit Begierden zu füllen.
Sie war Crammon ins Abenteuer gefolgt, obgleich sie schon eine Stunde, nachdem sie ihn kennengelernt, von ihm gesagt hatte: »Er ist ein Gebirge von Komik.« Sie war ihm gefolgt wie eine Sklavin, die sich auf den Sklavenmarkt führen lässt, in der Hoffnung, das Auge des Khalifen auf sich zu ziehen.
Aber sie glaubte an keine Kraft in sich. Sie zerstückte ihre Leidenschaften in kleine Gelüste, freiwillig und mit Fleiß; und litt wieder; und lachte über sich. Zum Raub fehlte der Mut; Naschhaftigkeit ersetzte den Schwung des Genießens. Und sie mokierte sich über ihre verunglückte Natur; und litt.
Da stand er nun vor ihr. Sie erschrak und wunderte sich, trotzdem sie ihm aufgelauert hatte. Sie wollte ihn verwegen finden, weil er nicht wich; da es nicht gelang, wurde sie sich gleich Auswurf. »Es ist spät,« flüsterte sie, nickte ihm grüßend zu und öffnete die Tür ihres Zimmers.
Christian bat stumm, mit einer Miene, die unwiderstehlich war. Er schritt hinter der Zitternden über die Schwelle. Ihr Gesicht wurde hart, aber sie konnte nicht Komödie spielen. In ihren Augen war fließende Hingebung, bevor noch das Blut davon wusste. Die Blässe, die ihr Gesicht überstrahlte, ließ es in einer neuen Anmut schwimmen. Nichts Hässliches war mehr darin; die stürmische Erwartung, genommen zu werden, straffte die gebrochenen Linien und sammelte die sonst unharmonisch verstreuten Teile von Weichheit, Sanftmut und Zärtlichkeit.
Ihrer sinnlichen Wirkung war sie ziemlich sicher; sie hatte das Fluidum an manchen erprobt, denen man Halbes gab, um Halbes zu empfangen. Man hatte sich irgendwie betäuben müssen und hatte mit falschem Geld bezahlt, ohne den Ernst der Forderungen anzuerkennen: ein stillschweigendes Übereinkommen innerhalb ihrer Gesellschaftsschicht. Hier bewährte sich die Übung nicht mehr. Nichts war läßlich, alles streng; der Nacht, die ihr entgegentrat, ergab sie sich, ohne an Zukunft und Verantwortung zu denken.
Stephan Gunderam musste nach Montevideo reisen. Es gab dort einen deutschen Arzt, dem eine geschickte Behandlung nervöser Zustände nachgerühmt wurde. Der stiernackige Riese litt an Schlaflosigkeit und nächtlichen Wahnbildern. Außerdem fand in Montevideo eine Regatta statt, und er hatte schon große Summen beim Totalisateur gesetzt.
Er ernannte Demetrios und Esmeralda zu Aufsichtspersonen über Lätizia. Er sagte zu ihnen: »Wenn der Frau etwas passiert, oder wenn sie sich Ungehöriges zuschulden kommen lässt, schlag ich euch die Knochen im Leib entzwei.« Demetrios grinste, Esmeralda verlangte eine Schachtel langues de chat als Mitbringsel und Belohnung.
Alsbald ging Lätizia daran, ihre Wächter mild zu stimmen. Sie schenkte Demetrios hundert Pesos und Esmeralda ein goldnes Armband. Sie stand in geheimem Briefwechsel mit dem Schiffsleutnant Friedrich Pestel; ein Indianerknabe, dessen Verschwiegenheit und Willfährigkeit sie sicher sein durfte, war der Bote. In acht Tagen sollte Pestels Schiff nach Kapstadt auslaufen, also war nicht mehr viel Zeit zu verlieren; erst im nächsten Winter, im Mai, glaubte er wieder in Argentinien sein zu können. Lätizia liebte ihn sehr.
Zwei Meilen von der Estanzia entfernt, lag mitten in den Pampas eine Sternwarte. Ein reicher Viehzüchter, ein Deutscher, hatte sie erbaut, und ein deutscher Professor hauste dann mit zwei Assistenten und beobachtete Nacht für Nacht das Firmament. Lätizia hatte schon oft den Wunsch geäußert, die Sternwarte zu besuchen; Stephan hatte es ihr stets verweigert. Jetzt wollte sie es tun und Friedrich Pestel dort treffen. Sie sehnte sich nach einer Aussprache mit ihm.
Die Sternwarte als Zufluchtsort für Liebende: es war eine Vorstellung für Lätizia, die sie beglückte und jedem Wagnis geneigt machte. Tag und Stunde wurden verabredet, die Umstände begünstigten sie; Riccardo und Paolo waren auf die Jagd geritten, Demetrios war von seinem Vater auf eine nördlich gelegene Farm geschickt worden, die Alten schliefen; nur Esmeralda musste noch getäuscht werden. Zum Glück hatte sie Kopfschmerz, und es gelang Lätizia, sie zu überreden, dass sie sich zu Bett begab. Die Dämmerung war nahe, da zog Lätizia ein helles, duftiges Kleid an, in welchem sie auch reiten konnte; trotz ihrer Schwangerschaft trug sie kein Bedenken dagegen; dann verließ sie, scheinbar harmlos wandelnd, die Estanzia und ging zur Palmenallee, wo der Indianerknabe, der sie begleiten sollte, mit zwei Ponnies auf sie wartete.
Es war schön, in die unendliche Ebene hinauszureiten. Im Westen stand noch rötlicher Dunst, in dem, zart wie Ahnung, Umrisse einer Hügelkette schwammen. Die Erde litt unter Trockenheit; es hatte lange nicht geregnet, und überall zeigten sich Risse und Sprünge. Hunderte von Barreras, Heuschreckenfallen, waren in den Feldern aufgestellt, und die zwei bis drei Meter breiten Gruben daneben waren voll von den Insekten.
Als sie zur Sternwarte kamen, war es dunkel geworden. Das Gebäude glich einem orientalischen Bethaus. Auf einem länglichen Ziegelunterbau erhob sich eine mächtige Kuppel aus Eisenkonstruktion, deren oberer Teil um eine bewegliche Achse rotieren konnte. Die Fensterläden waren geschlossen, und man sah nirgends Licht. Friedrich Pestel stand am Tor; sein Reittier hatte er an einen Pfahl gebunden. Er berichtete, dass der Professor und die beiden Assistenten seit einer Woche abwesend seien; sie könnten aber in das Observatorium hinauf; der Pförtner, ein alter, fieberkranker Mulatte, den er aus dem Schlaf geklopft, habe ihm die Schlüssel gegeben.
Der Indianerknabe zündete die Laterne an, die am Sattelzeug seines Ponnies hing, Pestel nahm sie und ging Lätizia voran, erst durch einen öden Steinflur, dann über eine Holzstiege, dann über eine eiserne Wendeltreppe. »Das Glück ist uns hold,« sagte er; »nächste Woche ist eine Sonnenfinsternis; es kommen Astronomen aus Europa in Buenos-Aires an, und der Professor ist mit seinen Assistenten hinübergefahren, sie zu empfangen.«
Lätizias Herz schlug erregt. In dem hochgewölbten Observatorium verlor sich das Licht der Laterne kraftlos. Das große Teleskop warf einen furchteinflößenden Schatten; die Zirkel, Winkel und Meßinstrumente auf dem langen Tisch und der photographische Apparat auf dem Stativ sahen aus wie Tiergerippe; die Karten an den Wänden, mit mysteriösen Zeichen und Linien bedeckt, ließen an Zauberkünste denken. Der ganze Raum gemahnte an die Höhle eines Zauberers.
Ein kindlich neugieriges und befriedigtes Lächeln wich nicht von Lätizias Lippen. Einer solchen Stunde bedurfte ihre verschmachtete Phantasie. Sie vergaß Stephan und seine Eifersucht, die ewig streitenden Brüder, den bösen Alten, die zänkische Donna Barbara, die tückische Esmeralda, das Haus, in dem sie gefangengehalten wurde, sie vergaß es völlig, und es gab nur noch diesen Raum mit den Zaubergeräten, diesen Abend, das trübe Flämmchen in der Laterne, und den reizenden jungen Mann, der sie bald küssen würde. Sie hoffte es wenigstens.
Aber Pestel war verlegen. Er trat an das Teleskop, schraubte die blitzende Messingkapsel ab und sagte: »Wir wollen die Sterne anschauen.« Er schaute hinein, dann forderte er Lätizia auf, hineinzuschauen. Lätizia sah milchigen Qualm und aufzuckendes, hüpfendes Feuer. »Sind das die Sterne?« fragte sie mit koketter Melancholie in der Stimme.
Da erzählte Pestel von den Sternen. Sie hörte mit strahlenden Augen zu, obwohl es sie nicht im geringsten interessierte, zu wissen, wieviel Millionen Meilen der Sirius oder der Aldebaran von der Erde entfernt waren und was es mit dem geheimnisvollen Kohlensack des südlichen Himmels für eine Bewandtnis hatte.
Der Schiffsleutnant, von Kosmos und Unendlichkeit sich abwendend, sprach von sich, von seinem Leben, von Lätizia, von dem Eindruck, den sie auf ihn gemacht, und dass er nur an sie denke, Tag und Nacht nur an sie.
Als gewissenhafter Charakter, der er war, hatte Pestel seinen Zukunftsplan bereits entworfen. Wenn er in sechs Monaten wiederkehrte, sollten der Scheidung und neuen Ehe die Wege geebnet werden. An Flucht denke er nur für den äußersten Notfall.
»Ach,« hauchte Lätizia wieder, halb erstaunt, halb betrübt. »Es macht nichts,« sagte sie entschlossen, »ich bin reich. Ich habe einen großen Wald. Meine Tante, die Gräfin Brainitz, hat ihn mir als Heiratsgut geschenkt.«
»In Deutschland. Bei Heiligenkreuz in der Rhön. Er ist so groß wie eine Stadt, und wenn man ihn verkauft, kann man viel Geld dafür bekommen. Ich bin nie dort gewesen, aber jemand hat mir erzählt, dass ein riesiges Erzlager in ihm verborgen sei. Man müsste es finden und ausbeuten, dann wäre man noch viel reicher, als wenn man den Wald verkaufte.« Dies war eine Phantasie Lätizias, Ausgeburt eines wünschenden Traums, der in ihr Festigkeit und Gestalt gewonnen hatte, seit sie hier in Argentinien Leibeigene war. Sie log nicht; sie wusste selbst nicht mehr, dass sie es erfunden hatte; sie wünschte, und damit war Wirklichkeit entstanden.
Die Worte rührten Lätizia. Sie begann zu schluchzen und warf sich ihm an die Brust. Ihr junges Leben dünkte ihr hart; sie sah es hässlich und von Gefahren umstellt. Nichts von dem, was sie erwartet, war in Erfüllung gegangen; es waren Seifenblasen gewesen, die im Wind zerplatzten. Ihre Tränen kamen aus der Erkenntnis davon und aus der Angst vor den Menschen und vor dem Schicksal. Sie sehnte sich nach starken Armen, die ihr Schutz und Sicherheit boten.
Pestel umfing sie erschüttert und wagte einen Kuß auf ihre Stirn. Sie schluchzte noch heftiger, da küsste er sie auf den Mund. Sie lächelte. Er wolle sie bis an seinen Tod lieben, stammelte er; niemals sei ihm eine Frau wie sie begegnet, nie habe er Ähnliches empfunden.
Sie gestand ihm, dass sie von dem Mann, an den sie unliebend gekettet war, guter Hoffnung sei. Pestel drückte sie innig an seine Brust und sagte: »Das Kind ist Blut von deinem Blut und ich will es wie mein eignes ansehen.«
Die Zeit drängte zum Aufbruch. Sich bei den Händen haltend, gingen sie die Treppen hinunter. Mit dem Versprechen, einander täglich zu schreiben, schieden sie.
Ich will mit ihm auf ein Schiff gehn und fliehen, wenn er von Afrika zurückkehrt, beschloss Lätizia, als sie durch die kühle Pampasnacht langsam der Estanzia zuritt; alles andere ist hässlich und langweilig. Wär es nur bald, wär nur alles schon vorüber, dachte sie mit Sorge und Herzweh. Und die Neugier regte sich in ihr, wie sich Pestel benehmen, wie er der Schwierigkeiten und Hindernisse Herr werden würde. Sie glaubte an ihn und begann schon zarte und verführerische Bilder der Zukunft zu malen.
In der Estanzia hatte man sie vermisst, und Leute waren ausgeschickt worden, sie zu suchen. Auf Umwegen schlich sie ins Haus und in ihr Zimmer und kam dann mit unschuldiger Miene zum Vorschein.
Stettner war zurückgekehrt; das Schiff, mit dem er fuhr, sollte am selben Abend die Anker lichten. Er hatte noch einige Geschäfte in der Stadt zu besorgen; Christian und Crammon warteten auf ihn, um ihm das Abschiedsgeleit zu geben.
Crammon sagte: »Ein Husarenrittmeister, der mir plötzlich in Jackett und Stehkragen entgegentritt – ich kann mir nicht helfen, es hat etwas Verzweifeltes. Es macht mir ein Gefühl, als müsst ich ihm immerfort mein Beileid ausdrücken. Schließlich ist es doch Deklassierung. Ich liebe nicht Deklassierung. Die Unterschiede der Stände sind eine gottgewollte Institution; wer sich daran vergreift, leidet Schaden an seiner Seele. Einen Beruf schmeißt man nicht fort wie einen faulen Apfel. Es sind heikle Dinge; der gemeine Verstand setzt sich darüber hinweg, der höhere behandelt sie mit Ehrfurcht. Was sucht er denn bei den Yankees, was kann ihm da Gutes blühen?«
»Bah, danach fragen die Yankees nicht. Man stellt ihn irgendwohin, wo tags zuvor einer an Auszehrung krepiert ist, und wenn er da nicht klein beigibt, wird er langsam gevierteilt oder gerädert. Mit dem Stolz in der Mannesbrust ist's vorüber. Es ist ein Land für Diebe, Kellner und Renegaten. Musste es denn sein, musste es so weit kommen?«
Eine Stunde später waren sie mit Stettner am Hafen. Es wurde noch Ladung und Gepäck verstaut, und sie wanderten, Stettner zwischen Christian und Crammon, in einer schmalen Gasse auf und ab, die aus Baumwollballen, Kisten, Fässern und Körben gebildet war. Von den hohen Masten gossen die Bogenlampen übermäßiges Licht; Lärm von Karren, Kranen, Motoren, Glocken, Ausrufern und Bootsführern durchtoste den Nebel. Der Asphalt war nass; einen Himmel gab es nicht.
»Ich weiß nicht, obs uns fürder so wohl bleiben wird im alten Lande,« begann Crammon, der jetzt manchmal pessimistische Anwandlungen und Gesichte hatte; »bislang ists uns ja leidlich gut ergangen. Küche und Keller waren wohlbestellt, wir hatten nicht zu klagen; auch für die höheren Bedürfnisse war gesorgt. Aber die Zeiten werden schlechter, und täusch ich mich nicht, so zieht sich allerlei politisches Gewölk am Horizont zusammen. Sich mit guter Miene aus dem Staub zu machen, ist daher kein so übler Gedanke von Ihnen, mein lieber Stettner, und ich hoffe nur, dass Sie sich da drüben einen Sitzplatz sichern, von dem aus Sie das Schauspiel unsres Debakle in aller Ruhe genießen können. Und wenn die Wellen ganz hoch gehen, dann denken Sie auch unser und lassen Sie eine Messe für uns lesen, d.h. für mich, denn dieser da ist ja ausgestoßen aus dem Schoß der heiligen Kirche.«
Stettner lächelte zu diesen Reden, wurde jedoch gleich wieder ernst. »Ja, mir scheint, man ist hier ziemlich in der Mausefalle,« erwiderte er. »Ich fühl mich Deutscher wie noch nie, gerade jetzt, wo ich gehe, wahrscheinlich für immer gehe. Aber es ist etwas Schmerzliches um das Gefühl; mir ist, als sollt ich von einem zum andern laufen und warnen. Wovor warnen, warum warnen, das kann ich nicht sagen.«
Crammon versetzte gewichtig: »Meine alte Aglaia schrieb mir neulich, sie habe eine ganze Nacht lang von schwarzen Katzen geträumt. Sie ist ein tiefes Wesen, ein prophetisches Gemüt, und so ein Traum von ihr bedeutet Schlimmes. Es ist denkbar, dass ich in ein Kloster gehe, es liegt im Bereich der Möglichkeiten. Lache nicht, Christian, lache nicht, darling, du kennst mich noch nicht.«
Stettner blieb stehen und reichte beiden die Hand. »Leben Sie wohl, Crammon,« sagte er herzlich, »Dank für das Geleit. Leb wohl, Christian, leb wohl.« Er drückte Christians Hand fest und lange, dann riss er sich los, eilte gegen die Schiffsbrücke und verlor sich im Gewühl.
»Ariels Tage hier sind nun gezählt,« sagte Crammon. »Mich meinerseits ruft die Pflicht. Ich will bei meinen beiden Damen nach dem Rechten schauen; dann muss ich zu Franz Lothar in die Steiermark; Auerhahn, du weißt; dann hab ich dem jungen Sinsheim versprochen, nach Sankt Moritz zu kommen. Und du? Was sind deine Pläne?«
Ein gewaltiges Monument erhob sich vor ihnen. »Der Herr von Bismarck,« sagte Crammon anerkennend. »Ich möchte nicht das ganze Jahr versteinert dastehen und fürchterliche Musterung halten. Also, was planst du, Herzchen?«
Crammon blieb stehen, machte den Mund auf und vergaß ihn wieder zu schließen. »Arbeiten?« keuchte er fassungslos und war mit zwei Sprüngen wieder an Christians Seite. »Arbeiten? Was denn, wie denn, du Unglückseliger?«
Crammon schüttelte entsetzt den Kopf. »Arbeiten ... Vorlesungen ... Medizin ... heilige Gnade! du hörst es, Ewiger! Als ob nicht genug Schweiß in der Welt wäre, nicht genug Stümperei, nicht genug Afterweisheit, nicht genug Streberei und Handlangerei. Das kann doch dein Ernst nicht sein.«
»Du übertreibst, Bernhard, wie immer,« antwortete Christian lächelnd. »Lass doch das Jammern. Es ist ja etwas Einfaches und Selbstverständliches, was ich tue. Auch probier ich's ja nur mal erst; ich weiß ja noch gar nicht, ob ichs können werde. Aber probieren muss ichs, daran kannst du nichts ändern.«
Crammon erhob die Hand mit gestrecktem Zeigefinger und sagte feierlich düster: »Du wandelst einen schlimmen Pfad, Christian, glaube mir, einen verderblichen Pfad. Mir ahnt Gräßliches, schon lange, lange schon. Der Schlaf meiner Nächte ist bitter geworden deinetwegen; der Gram nagt an mir, meine Ruh ist hin. Wie soll ich im Schneegebirge den Auerhahn schießen, wenn ich dich bei den Pharisäern weiß? Wie soll ich ein Rakett schwingen und einen Angelhaken schleudern, wenn mein innres Auge dich über schmierige Folianten gebeugt und an bresthaften Leibern herumstochern sieht? Mir wird kein Wein mehr heiter im Glase perlen, mir wird kein Mädchen mehr freundlich blicken, mir wird keine süße Birne mehr schmecken.«
»Doch, doch, Bernhard,« lachte Christian. »Ich hoffe sogar, dass du manchmal zu mir kommen wirst, um dich zu überzeugen, dass du mich nicht ganz zu verwerfen brauchst.«
Johanna erzählte Eva, der vergötterten Freundin, von ihrem Leben. Für Eva war es unerwarteter Ausblick in die graue Niederung der Bourgeoisie. Abstoßend klang der Bericht, doch war es Reiz, der Verschmachtenden, der Fliehenden Asyl zu gewähren.
Auch sie selbst erschien sich bisweilen wie eine Fliehende. Aber sie hatte ihre Bollwerke. Die Zeit wehte sie kalt an, und wenn ihr vor den geschäftigen Marionetten graute, deren Drähte sie zog, fühlte sie sich härter werden. Sie betrachtete es wie eine Ruhepause im Rasen ihres Schicksals, als sie dem ergebenen Mädchen Freundschaft schenkte.
Sie duzten einander. Susanne Rappard murrte. Sie machte die Augen auf, und Eifersucht entwickelte Gaben einer Spionin. Sie begann zu merken, was zwischen Christian und Johanna im Werke war.
Bei der Mittagstafel hatte es lustiges Gelächter gegegeben. Johanna hatte eine Anzahl wollener Zipfelmützen gekauft, hatte sie sorgfältig in weißes Papier gepackt, hatte witzige Verschen darauf geschrieben und jedem von Evas Trabanten ein solches Päckchen zum Besteck gelegt. Niemand war der Urheberin gram. Bei aller Spottsucht und Querköpfigkeit war ihr etwas Liebliches eigen, das rasch versöhnte.
»Wie übermütig du heute bist, Rumpelstilzchen,« sagte Eva. Auch sie bediente sich des Necknamens. Das Wort, nicht ganz leicht bezwungen, klang entzückend aus ihrem Mund.
Arm in Arm standen sie vor den Bildern. Da war etwas Geläutertes um beide. Johanna liebte dies ebensosehr, wie wenn sie Gedichte miteinander lasen, Wange an Wange fast. In entselbsteter Anbetung ausgelöscht, vergaß sie, was hinter ihr lag, das ängstliche, klebende, streberische Dasein der Börsianerfamilie; was vor ihr lag, Druck und Zwang, gewiesener, unfroher Weg.
Dieser melancholische Witz berührte Eva tief. »Was duckst du dich so?« rief sie, »warum verkriechst du dich? warum wendest du die Augen von dir und wagst nicht, dich zu freuen?«
Johanna schüttelte den Kopf. Sie sagte: »Im Mittelalter mussten die Juden gelbe Flecke auf den Kleidern tragen. Ich trage den gelben Fleck in der Seele.«
Eva kleidete sich für die Teestunde um, und Susanne Rappard half ihr. »Was gibt es Neues bei uns, Susanne?« fragte Eva und löste die Spangen aus ihrem Haar.
Susanne Rappard antwortete: »Das Gute ist nicht neu, das Neue nicht gut. Dein hässliches Hofnärrchen hat ein Liebesverständnis mit Monsieur Wahnschaffe. Sie treiben es ziemlich geheim, aber man tuschelt bereits. Ich begreife nur ihn nicht. Er ist schnell genügsam geworden. Ich habs ja immer gesagt, es fehlt ihm an Geist, es fehlt ihm an Herz; nun sieht man, dass ihm auch die Augen fehlen.«
Kurz darauf schlüpfte Johanna ins Zimmer. Sie trug ein einfaches, schwarzes Samtkleid, das ihre Gestalt reizend machte. Eva saß noch vor dem Spiegel. Susanne frisierte sie; sie hatte ein Buch in der Hand, las darin und schaute nicht empor.
Auf einem Sessel neben dem Toilettentisch lag eine geöffnete Schmuckkassette. Johanna stand davor, blickte lächelnd hinein und entnahm ihr zaghaft eine schön geschnittene Kamee, die sie sich spielend an die Brust steckte; dann ein Edelsteindiadem, das sie entzückt betrachtete und auf ihrem Haar befestigte; dann ein paar Ringe, die sie einen um den andern über ihre Finger schob; dann ein goldenes, mit Perlen besetztes Armband, das sie auf dem Ärmel anbrachte. So geschmückt, trat sie, halb mutlos, halb selbstverspottend lächelnd, vor Eva hin.
Eva kehrte langsam die Augen vom Buch ab, sah Johanna an und fragte: »Ist es wahr?« Und nach einigen Sekunden leiser, mit größer aufgeschlagenen Augen noch einmal: »Ist es wahr?«
Da erhob sich Eva, ging dicht zu ihr hin, löste die Agraffe von des Mädchens Brust, das Diadem aus dem Haar, zog die Ringe von den Fingern, das Armband vom Arm und legte alles in die Kassette zurück. Danach setzte sie sich wieder hin, nahm das Buch wieder zur Hand und sagte: »Mach fertig, Susanne, ich will noch ein wenig ruhen.«
Johanna stockte der Atem. Sie sah aus wie eine Geschlagene. Eine zarte Blüte des Herzens war für immer geknickt; ihr Hinwelken hauchte Miasmen aus. Fast ohnmächtig verließ sie das Zimmer.
Wie zur Besiegelung eines beendeten Lebensabschnittes und Drohung schwereren Unheils empfing sie zwei Stunden später eine Depesche ihrer Mutter, die sie in dringlichster Form, mit dem Hinweis auf eine geschehene Katastrophe, nach Hause rief. Fräulein Grabmeier packte sogleich die Koffer. Der Zug ging um fünf Uhr morgens.
Von Mitternacht an saß Johanna in Christians Zimmer und wartete auf ihn. Sie hatte das Licht nicht angezündet und saß in der Dunkelheit am Tisch, den Kopf auf die Hand gestützt, regungslos und mit starrem Blick.
In ihren Gesprächen waren Christian und Crammon immer tiefer in die Gassen des Hafenviertels gelangt. »Lass uns umkehren und einen Ausweg suchen,« riet Crammon, »hier ist nicht gut sein. Es ist eine verdammte Gegend, will mich dünken.«
Er sah sich spähend um, auch Christian sah sich um. Als sie ein paar Schritte weitergegangen waren, sahen sie einen Mann bäuchlings auf dem Pflaster liegen. Er machte krampfhafte Bewegungen, krächzte lästerliche Flüche und ballte die Faust gegen eine rotverhängte, beleuchtete Glastür, zu welcher von der Gasse ein paar Stufen hinunterführten.
Plötzlich öffnete sich die Tür, und ein zweiter Mensch flog heraus; eine Schachtel, ein Regenschirm und ein steifer Hut wurden ihm nachgeworfen. Er stolperte mit um sich greifenden Armen über die Stufen herauf, stürzte neben den ersten hin und blieb mit stieren Augen sitzen.
Christian und Crammon schauten durch die offene Tür in die Kaschemme. In dunstigem Halblicht hockten zwanzig bis dreißig Menschen beieinander. Das eintönige Greinen eines Weibes war hörbar, bald in schrillen, bald in dumpfen Tönen.
»Ich will mal sehen, was da vorgeht,« sagte Christian und stieg die Stufen hinunter. Crammon konnte nur noch einen erschrockenen Warnruf ausstoßen; nach kurzem Zögern folgte er. Eine Fuselwolke schlug ihm entgegen, als er hinter Christian in den unterirdischen Raum trat.
An Tischen und auf dem Boden kauerten Männer und Weiber; in jeder Ecke lagen einige im Knäuel, schlafend oder betrunken. Die auf die Ankömmlinge gerichteten Augen blinkten gläsern. Die Gesichter hatten Ähnlichkeit mit Lehmklumpen. Der Raum mit den schmutzigen Tischen, Gläsern, Flaschen hatte ein Kolorit von Scharlach und Gelb. Zwei handfeste Kerle standen am Ausschank.
Das Weib, dessen Greinen bis auf die Straße gedrungen war, saß mit blutüberströmtem Gesicht auf einer Wandbank und gab immerfort die flennenden, viehisch monotonen Laute von sich. Vor ihr stand mit gegrätschten Beinen, anders konnte er sich nicht aufrecht halten, der riesige Mensch, den Christian beim Leichenbegängnis der Dirne gesehen hatte, der mit den zusammengewachsenen Brauen und dem Karneol am Zeigefinger. »Et jibt wat aus der Armenkasse, wart nur,« schrie er heiser, im plattesten Berliner Jargon, »dir wer'k uf'n Drab bringen. Krist eens ufs Hauptjebäude. Denn kannste dein Kopp in Mond suchen.«
Auf der Schwelle einer offenen Tür im Hintergrund stand ein beleibter Mann mit zahllosen Anhängseln auf der karierten Weste. Eine dicke Zigarre starrte ihm aus gelben Zähnen; er schaute dem Vorgang mit überlegener Ruhe zu. Es war der Besitzer des Lokals. Als er die beiden Fremden erblickte, zog er die Stirn in die Höhe. Er hielt sie zuerst für Detektivs und eilte auf sie zu. Dann sah er, dass er sich getäuscht hatte, und wunderte sich. »Kommen Sie in mein Bureau, meine Herren,« sagte er mit einer feisten Stimme und ohne die Zigarre aus dem Munde zu tun, »kommen Sie nach hinten, ich setze Ihnen einen guten Tropfen vor.« Er zog Christian am Arm nach sich. Ein Weib mit einem gelben Kopftuch richtete sich vom Boden auf, streckte Christian die Hände flehend hin und bat um einen Groschen. Christian fuhr zurück wie vor Gewürm.
Ein Alter wollte den mit dem Karneol verhindern, das blutüberströmte Frauenzimmer weiter zu mißhandeln. Er nannte ihn Meseckekarl, schmeichelnd und furchtsam. Aber Meseckekarl hieb ihm die Faust unters Kinn, dass er röchelnd wankte. Da murrten einige, doch keiner wagte sich gegen den Goliath. »Er will Pinke von ihr,« raunte der Besitzer Christian zu, »sie soll noch mal auf die Gasse und Lemlem bringen. Man kann da vorläufig nichts machen.«
Er packte mit der andern Hand auch Crammon am Ärmel und zog beide durch die Tür in einen finstern Flur. »Die Herren wollen sich wohl in meinem Lokal interessieren?« forschte er unruhig. Er klinkte eine Tür auf und zwang sie einzutreten. Der Raum, in den sie kamen, zeigte einen geschmacklosen Luxus von Plüschmöbeln, Sofas, Sesseln, goldgerahmten Bildern und Portieren. Er hatte etwa fünf Meter im Geviert; alles stand dicht beieinander wie in einem Magazin; gekreuzte Schwerter hingen über einem Bukett aus Pfauenfedern, darüber eine violette Studentenmütze. Zwischen zwei Fenstern stand ein Schreibtisch mit geneigten Pulten, von Geschäftsbüchern bedeckt; an einem Pult schrieb ein schattenhaft magerer Mensch, wachsgelb im Gesicht. Er erschrak, als der Wirt ins Zimmer trat und beugte sich eifriger über seine Arbeit.
»Ich muss die Herren in Verwahrsam halten,« sagte der Wirt, »es könnte sonst 'n Malheur passieren. Wenn sich die Kanallje draußen beruhigt hat, können Sie ja unser Museum genauer in Augenschein nehmen. Sind wohl zugereist, die Herren?« Er langte auf ein Regal und holte eine Flasche herunter. »Dreiundneunziger Kognak,« fistelte er, »edelste Marke; die Herren müssen kosten. Ich liefere per Flasche und im Dutzend. 'n ochsig guter Tropfen. Kosten die Herren doch.«
Crammon schaute Christian an, dessen Gesicht ohne Regung von Unruhe war. Er ging mit düsterer Stirn an den Tisch und nippte geistesabwesend von dem Kognakglas, das der Wirt eingeschenkt hatte. Kognak war immerhin eine Zuflucht.
Indessen drang von draußen entsetzlicher Lärm herein. »Mir scheint, es gibt Senge,« sagte der Wirt, lauschte einen Moment und verschwand dann. Der Lärm schwoll an, aber plötzlich wurde es wieder still. Da sagte der Schreiber, ohne sein wachsgelbes Gesicht vom Pult zu heben: »Kein Mensch kann das aushalten. So ist es Nacht für Nacht. Und in den Büchern hier steht, was dabei verdient wird. Hunderttausende. Er ist ein Millionär, der Mann; Hillebohm rafft Millionen zusammen, ohne Erbarmen, ohne Erbarmen. Kein Mensch kann das mitansehen.«
Christian öffnete die Tür, Crammon zog aus seiner hinteren Beinkleidtasche den Browning, den er stets bei sich trug. Sie schritten über den Flur zurück und blieben am Eingang zur Kaschemme stehen. Meseckekarl war verschwunden; man hatte ihn mit vereinten Kräften ins Freie befördert. Das Frauenzimmer, von dem er Geld erpressen gewollt, wusch sich mit einem nassen Tuch das Gesicht ab. »Sei nur stille, Karen,« tröstete sie jener Alte, der vorhin geschlagen worden war, »sei nur stille, 's wird schon wieder werden.« Sie hörte nicht auf ihn und sah tückisch und böse aus.
Auf ihrem Kopf loderte ein Gewirr von gelben Haaren, hoch wie ein Helm, verstrickt wie Tabaksfäden. Während sie geblutet, hatte sie mit dem Handrücken häufig über die Augen gewischt und dabei die Haare mit Blut besudelt.
»Jetzt geh mal nach Hause,« gebot ihr der Wirt. »Wasch dir deine Vorderflossen ab und geh und grüß Gott, wenn du 'n siehst. Mach nich so lang, sonst kommt er wieder, dein Bräutigam, und es setzt neue Bimse.«
»Kommen Sie mit uns,« sagte Christian unerwartet. Von der Schank herüber schmetterte ein Gelächter. Crammon legte Christian in verzweifelter Mahnung die Hand auf die Schulter.
Dutzende von verglasten Augen stierten höhnisch. »Dübel, Dübel, Dübel, so wat Feines,« meckerte eine Stimme. Eine zweite fiel ein im Tonfall, wie man Verse skandiert: »Wenn det nich jut for die Wanzen is, denn weeß ich nich, was besser is. Besinn dir nich, Karen Engelschall; flink auf die Beene, Droomtute.«
Karen erhob sich. Sie hatte den scheuen und finstern Blick noch nicht von Christian gewandt. Seine Schönheit machte einen verblüffenden Eindruck auf sie. Ein schiefes, zynisches Lächeln, das furchtsam wurde, glitt über ihre vollen Lippen.
Sie war ziemlich groß. Sie hatte üppige Schultern und eine starke Brust; sie war schwanger, vielleicht in der Mitte der Zeit; man sah es deutlich, als sie stand. Sie trug ein dunkelgrünes Kleid mit grünschillernden Knöpfen und unter dem Hals eine grellrote Seidenschleife, auf der eine Brosche befestigt war, ein venetianischer Gondelkopf aus Silber mit eingelegten Granatsteinen und der Inschrift: Ricordo di Venezia. Ihre Schuhe waren plump und kotig. Der Hut, ein Lacklederhut mit einem Büschel roter Gummikirschen, lag neben ihr auf der Bank. Sie griff danach. Es war ein sonderbarer Raubtiergriff.
Crammon suchte Rückendeckung, denn es kamen neue Gäste, Individuen mit verdächtigen Gesichtern. Er hatte begonnen, sich ins Unvermeidliche, Unbegreifliche zu fügen, und war entschlossen, seinen Mann zu stellen. Innerlich knirschte er über die Abwesenheit obrigkeitlicher Organe. No my dear, redete er vor sich hin, aus dieser Hölle kommen wir lebendig nicht mehr heraus. Und er dachte an sein Hotelbett, an sein köstliches Bad mit wohlriechenden Essenzen, an das leckere Frühstück, an eine Schachtel mit Lindt-Schokolade, die auf seinem Nachttisch auf ihn wartete; er dachte an junge Mädchen, die nach frischer Wäsche rochen, überhaupt an angenehme Gerüche, an Ariels Lächeln, an Rumpelstilzchens Heiterkeit, an den Expreßzug, der ihn nach Wien bringen sollte; an alles das dachte er, wie wenn seine letzte Stunde gekommen wäre.
Zwei Matrosen schleppten zwischen sich ein Mädchen die Treppe herunter, das vor Betrunkenheit fahl und steif war. Als sie unten waren, schmissen sie es roh auf die Erde. Das Geschöpf röchelte und hatte einen geisterhaft wollüstigen, ja lasziven Ausdruck im Gesicht. Sie blieb steif wie eine Latte liegen. Die Matrosen fragten herausfordernd nach dem Meseckekarl. Es schien, dass sie ihn draußen getroffen und von ihm aufgestachelt worden waren. Sie wollten den Wirt provozieren. Der eine hatte eine breite Schramme auf der Stirn; des andern Arme waren nackt und bis zu den Schultern hinauf über und über blau tätowiert. Man sah als Zeichnung eine Schlange, ein beflügeltes Rad, einen Anker, einen Totenschädel, einen Phallus, eine Wage, einen Fisch und noch vieles.
Beide maßen Christian und Crammon frech blickend. Der Tätowierte deutete auf den Revolver, den Crammon in der gesenkten Hand hielt und sagte: »Steck nur die Pixtaule wieder ein, sonst sollste mit Vergißmeinnicht handeln.«
Der andre stellte sich so dicht vor Christian hin, dass dieser erbleichte. Gemeinheit hatte ihn noch niemals angetastet, Schimpf und Unflat nie bespritzt. Vor Verachtung und Ekel überlief es ihn heiß. Dies konnte zur Umkehr nötigen. Es war schlimmer als die Vision des Bösen im Hause Szilaghins.
Wie er aber dem Menschen in die Augen sah, merkte er, dass diese seinen Blick nicht ertrugen. Sie zuckten, flatterten, entflohen. Die Wahrnehmung verlieh ihm Mut und das Gefühl einer innern Kraft, deren Tragweite noch unbestimmt war.
»Ruhe im Glied,« fuhr der Wirt die beiden Matrosen an, »nu soll Ruhe sein. Ihr wollt mir woll die Pollezei uf' n Hals hetzen; det fehlte mir noch. Ruhig, Ede; hast woll 'n kleenen Lütiti. Die Deern mag mit die Kavaliers fortgehn, die Herren zahlen ihre Zeche: zwee Glas fin Schampanje; eene Mark un fumfzig und damit Gott befohlen.«
Crammon legte ein Zweimarkstück auf den Tisch. Karen Engelschall hatte den Hut auf das Haar gesteckt und wandte sich zur Treppe. Christian und Crammon folgten, der Wirt begleitete sie mit sarkastischen Verbeugungen, die beiden Athleten vom Schanktisch bildeten obendrein Schutzgarde. Ein paar Halbbetrunkene sangen in der Melodie des Torgauer Marsches: »Fritze Weber / Hat'n Kleber / An de Zunge / An de Lunge / An de Leber.«
Die Gasse war menschenleer. Karen spähte hinauf, hinunter und schien unschlüssig, wohin sie ihre Schritte lenken sollte. Crammon fragte sie, wo sie wohne. Ohne ihn anzuschauen erwiderte sie barsch, sie wolle nicht nach Haus. »Wohin dürfen wir Sie sonst bringen?« fragte Crammon weiter, sich zu Geduld und Rücksicht überwindend. Sie zuckte die Achseln. »Ist mir ganz egal,« sagte sie; dann nach einer Weile, mit Trotz: »Ich brauch Sie ja gar nicht.«
Sie gingen in der Richtung gegen den Hafen, Karen zwischen Christian und Crammon. Einen Augenblick blieb sie stehen und murmelte mit schaudernder Angst: »Dass ich bloß nicht ihm in die Hände laufe; bloß das nicht.«
»Machen Sie uns also einen Vorschlag,« redete ihr Crammon zu. Er wäre am liebsten auf und davon gegangen, aber um Christians willen, um Christian mit heiler Haut aus dem schlimmen Abenteuer zu ziehen, tat er sich Gewalt an und spielte den Menschenfreundlichen.
Karen Engelschall antwortete nicht und ging rascher, da sie unter einer Laterne eine Gestalt gewahrte. Bis sie aus deren Blickbereich war, flog ihr Atem in rasender Furcht. Man hörte es.
Sie entgegnete zornig: »Ich brauche nicht Ihr Geld. Will kein Geld.« Sie schielte verstohlen zu Christian hinüber, und ihr Gesicht wurde tückisch und verschlossen.
Crammon verließ den Platz an ihrer Seite, ging zu Christian und sagte französisch: »Es ist am besten, wir führen sie in irgendein Hafengasthaus, wo sie ein Zimmer und ein Bett bekommt. Wir können ja eine Summe für sie erlegen, damit man sie eine Zeitlang behält. Dann mag sie sich selber helfen.«
Karen war stehengeblieben; sie zog wie frierend die Schultern hinauf und sagte mit einer vom Trinken heiseren Stimme: »Lasst mich doch in Frieden. Was schwatzt ihr da? Ich geh nicht einen Schritt mehr. Bin zu müd. Kümmert euch nicht um mich.« Sie lehnte sich an die Mauer eines Hauses, wobei sich der Lacklederhut mit den Gummikirschen in die Stirn schob. Reizloseres, Verwüsteteres als der Anblick, den sie darbot, war kaum zu denken.
Christian blieb schweigend bei der Dirne stehen. Karen schaute stumm und verdrossen zur Erde. Ihre Finger nestelten an der Seidenschleife. Christian lauschte auf den Schlag von Turmuhren. Es schlug zwei. Endlich zeigte sich Crammon wieder auf der Straße. Er winkte von weitem und rief: »Ready.«
Jetzt sprach Christian das Mädchen zum erstenmal an. »Es ist eine Unterkunft für Sie gefunden,« sagte er ein wenig näselnd und blinzelte stark, was er sonst niemals tat. Seine eigne Stimme klang ihm außerordentlich unsympathisch. »Sie können dort einige Tage bleiben.«
Sie sah ihn mit haßvoll funkelnden Augen an; eine unsägliche Neugier, keine Neugier guter Art, brannte in dem Blick, dann senkte sie die Augen wieder. Christian fuhr gezwungen fort: »Ich denke, Sie werden da in Sicherheit sein vor dem Menschen. Ruhen Sie sich aus. Vielleicht sind Sie krank. Man kann ja einen Arzt benachrichtigen.«
Seine Stimme und seine Worte machten denselben verblüffenden Eindruck auf Karen wie vorher seine Schönheit. Sie schickte sich in einer Weise zum Gehen an, als würde sie von hinten geschoben.
Ein verschlafener Pförtner in Pantoffeln stand an der Tür des Gasthauses. Seine demütige Höflichkeit bewies, dass Crammon verstanden hatte, ihn zu behandeln. »Nummer vierzehn im zweiten Stock ist frei,« sagte er.
Sie schien nicht zu hören. Ohne Gruß, ohne Blick, ohne Dank stieg sie, von dem Pförtner geführt, die mit einem schmutzigroten Teppich belegte Treppe hinauf. Die Gummikirschen auf dem Hut klapperten leise gegen das Leder. Die plumpe Gestalt verlor sich in der Schwärze.
Als Christian sein Zimmer betrat und das elektrische Licht aufflammte, wunderte er sich, Johanna am Tisch sitzen zu sehen. Sie schützte die geblendeten Augen mit der Hand. Er blieb an der Türe stehen. Die gerunzelte Stirn glättete sich wieder, als er die unsägliche Blässe in Johannas Gesicht bemerkte.
Eine Weile herrschte Schweigen. Dann begann Johanna: »Seh ich dich wieder? Kann ich dich wieder sehn? Darf ichs?« In den bescheidenen Fragen verriet sich die Zerrissenheit ihres Innern. Sie lächelte geduldig und verzichtend.
»Ich werde in Berlin sein,« erwiderte Christian. »Willst du wissen, wo, ich selbst weiß es noch nicht, so wendest du dich am besten an Crammon. Crammon ist leicht erreichbar. Seine Damen in Wien schicken ihm alle Briefe.«
»Wenn du wünschest, kann ich nach Berlin kommen,« sagte Johanna mit demselben geduldigen und verzichtenden Lächeln. »Ich habe dort Verwandte. Aber ich glaube, du wünschst es nicht.« Dann, nach einer Pause, während der sich der Blick ihrer sanften Augen ziellos verlor: »Soll also Schluss sein?« Sie hielt den Atem an und war gespannt wie die Sehne am Bogen.
Christian trat an den Tisch und stützte den Zeigefinger einer Hand auf die Platte. Mit gesenktem Kopf sagte er langsam: »Fordere jetzt nicht Entscheidungen von mir. Ich kann sie nicht geben. Ich möchte dir nicht weh tun. Ich möchte nicht, dass sich etwas wiederholt, was schon so oft dagewesen ist in meinem Leben. Treibt es dich, so komm, und achte nicht auf mich dabei. Denke nicht, dass ich vorhabe, dich im Stich zu lassen; es ist nur momentan eine kritische Zeit. Mehr kann ich dir nicht sagen.«
Aus diesen Worten konnte Johanna nichts für sich entnehmen als Hoffnungsloses. Dennoch tönte etwas hinter ihnen, das ihren egoistischen Schmerz linderte. Mit der ihr eignen schlanken Bewegung streckte sie Christian den Arm hin, und in damenhaft starrer Haltung, matt lächelnd, sagte sie: »Also, auf Wiedersehn – vielleicht.«
Als das junge Mädchen fortgegangen war, legte sich Christian auf die Ottomane, verschränkte die Hände hinter dem Kopf, und so lag er, bis der Morgen anbrach. Das Licht hatte er nicht verlöscht. Die Augen fielen ihm nicht zu.
Er sah die ausgetretenen Treppen, die zur Kaschemme führten, und den von vielen Füßen beschmutzten Teppich auf der Treppe des kleinen Hafengasthofs; er sah die Laterne in der verödeten Gasse und die bunt karierte Weste des Wirtes mit den klappernden Anhängseln; er sah die Kognakflasche auf dem Regal und das grüne Umhangtuch eines der betrunkenen Weiber, er sah die tätowierten Zeichen auf den nackten Armen des Matrosen: den Anker, das beflügelte Rad, den Phallus, den Fisch, die Schlange; er sah die Gummikirschen auf dem Lacklederhut der Prostituierten, die silberne Brosche mit den eingelegten Granatsteinen und der albernen Devise: Ricordo di Venezia.
Je länger er lag und an diese Dinge dachte, ein je gewisseres Gefühl von Befreiung und Freiheit weckten sie in ihm, je mehr schienen sie ihm geeignet, ihn von andern Dingen zu erlösen, die er bisher geliebt hatte, den seltenen, und kostbaren Dingen, die er aus schließlich und ergebnislos geliebt hatte; auch von den Menschen, zu denen sie alle in Beziehung standen, und mit denen er zu keinem Ergebnis gelangt war.
Wie er so lag und schaute, lebte er in den armseligen und gemeinen Dingen drin; alle ergebnislosen Beschäftigungen und Beziehungen verloren ihre Wichtigkeit in seinen Augen, und der Gedanke an Eva hörte auf, ihn zu quälen und zu ergebnisloser Erniedrigung zu verführen.
Das strahlende und königliche Wesen lockte ihn nicht mehr, wenn er an das blutüberströmte Gesicht der Dirne dachte, denn diesem gegenüber empfand er eine Art von Neugier, die mehr und mehr sein ganzes Inneres ausfüllte, so dass nichts daneben Platz hatte.
Als der Tag graute, schlief er ein, aber nach einer Stunde erwachte er wieder, erhob sich, wusch das Gesicht mit kaltem Wasser, dann verließ er das Hotel, nahm einen Wagen und ließ sich in das Hafengasthaus zum König von Griechenland fahren.
Der Nachtportier war noch auf seinem Posten. Er erkannte den frühen Gast wieder und geleitete ihn mit unangenehmem Eifer über zwei Stiegen bis an das Zimmer von Karen Engelschall.
Christian pochte; es blieb drinnen still. »Gehen Sie nur hinein, mein Herr,« sagte der Portier; »Schlüssel ist keiner da, und der Riegel funktioniert nicht. Es passiert so allerlei, und da ist es besser für uns, wenn die Türen unverschlossen bleiben müssen.«
Christian trat ein. Es war ein Raum mit hässlichen braunen Möbeln, einem dunkelroten Plüschsofa, einem runden Toilettespiegel mit einem Sprung in der Mitte, einer elektrischen Birne mit weißem Sturz an einem Messingstab und einem Öldruckbild des Kaisers an der Wand. Alles war voll Staub, abgegriffen, abgetreten, abgesessen, armselig und gemein.
Karen Engelschall lag im Bett und schlief. Sie lag auf dem Rücken; das verwilderte Haargestrüpp glich einem Bündel Stroh; das Gesicht war blass und etwas gedunsen. Auf der Stirn und der rechten Wange waren frische Narben. Die volle, aber schlaffe Brust quoll über der Decke heraus.
Der alte heftige Widerwille gegen schlafende Menschen regte sich in Christian; er wurde dessen Herr und betrachtete das Gesicht. Er sann darüber nach, aus welchem Stande sie hervorgegangen sein mochte, ob sie eine Fischers- oder Schifferstochter war, eine Kleinbürgerin, eine Proletarierin, eine Bäuerin. Dies beschäftigte seine Neugier eine Weile, dann fiel ihm die unsägliche Verstörung der Züge auf. Es war ein Gesicht ohne Böses, ohne Gutes, wie es da schlafend lag, aber zerrissen wie von unerhört quälenden Träumen. Da dachte Christian an den Karneol an der Hand des Menschen, der sie geschlagen; der widerlichrote Stein, der an ein Insekt oder an ein Stück rohes Fleisch erinnerte, wurde ihm außerordentlich gegenwärtig.
Er machte eine Bewegung und stieß an einen Stuhl; von dem Geräusch erwachte Karen Engelschall. Sie schlug die Lider auf, und Furcht und Entsetzen brannten in ihren Augen, als sie die Gestalt im Zimmer gewahrte; die Züge verzerrten sich furienhaft, der Mund öffnete sich hohl zu einem Schrei. Dann sah sie, wer der Eindringling war; sie hatte sich halb aufgerichtet; sie fiel in die Kissen zurück und seufzte erleichtert. Ihr Blick bekam wieder das Störrische, ihr Gesicht den Ausdruck erzwungener Fügsamkeit. Sie lauerte; sie wusste sich den Besuch nicht zu deuten; sie schien sich zu wundern und überlegte. Sie zog die Decke bis ans Kinn und lächelte halb geschmeichelt, halb schal.
Unwillkürlich forschten Christians Blicke nach der grellroten Schleife und der silbernen Brosche. Die Kleider des Mädchens waren unordentlich über einen Stuhl geworfen. Der Hut mit den Gummikirschen lag auf dem Tisch.
»Warum stehen Sie?« fragte Karen Engelschall mit heiserer Stimme, »setzen Sie sich doch.« Wieder wie in der Nacht war sie von seiner Schönheit und Vornehmheit verblüfft. Er ist ein Baron oder ein Graf, überlegte sie und lächelte das schale Lächeln. Sie war ausgeschlafen und fühlte sich ziemlich wohl.
»Sie können nicht lang in diesem Haus bleiben,« begann Christian mit höflichem Ton; »ich habe darüber nachgedacht, was man für Sie tun könnte. Ihr Zustand fordert eine gewisse Schonung. Sie dürfen sich den Mißhandlungen jenes Menschen nicht mehr aussetzen. Es wäre am besten, wenn Sie die Stadt verließen.«
»Anrecht? Wieso? Wie meinen Sie das? Ach so. Nein, nein. Es ist nur so, wie es eben bei unserm Geschäft ist. Man hat den zum Schutz, dem man das Geld gibt, und vor dem nehmen sich die andern in acht. Wenn er stark ist und viele Freunde hat, geschieht einem nichts. Schlechte Kerle sind sie alle, aber man darf nicht groß wählen, sie sitzen einem ganz eklig auf der Pfanne. Man hat Tag und Nacht keine Ruh; das Fleisch wird müd, sag ich Ihnen.«
»Das kann ich mir denken,« erwiderte Christian und blickte eine Sekunde lang in Karens runde, unschimmernde Augen; »deswegen wollte ich mich Ihnen zur Verfügung stellen. Ich reise heute oder morgen von hier ab und bleibe wahrscheinlich einige Monate in Berlin. Ich bin bereit, Sie mit mir zu nehmen. Sie dürften aber Ihren Entschluss nicht verzögern, denn ich habe vorläufig keine Adresse dort, das heißt, ich weiß noch nicht, wo ich wohnen werde, und wenn man ein solches Vorhaben verschiebt, wird es meistens nie ausgeführt. Momentan sind Sie für Ihren Verfolger so gut wie verschwunden, und diese Gelegenheit scheint mir günstig. Sie brauchen Ihre Sachen nicht zu holen; ich werde Ihnen, was Sie nötig haben, dort verschaffen.«
Diese mit Freundlichkeit gesprochenen Worte übten nicht die Wirkung, die Christian erwartet hatte. Karen Engelschall fasste das Einfache und Offene darin nicht. Höhnischer Verdacht stieg in ihr auf; sie wusste von Sittenaposteln und Heilspredigern, die in der Welt der Dirnen im allgemeinen so gefürchtet waren, wie die Sendlinge der Polizei; aber bei schärferem Hinsehen verriet ihr ein Instinkt, dass sie mit solchem Argwohn fehlging. Schwerfällig tastend, verirrte sie sich in andre Vermutungen, romanhaftere, dachte an ein Komplott, an Verschleppung, an ein Schicksal, das noch unerträglicher sein konnte als das unter der Botmäßigkeit ihres bisherigen Peinigers. Darüber grübelte sie in Hast und Groll mit verdüsterten Mienen, verkrampfter Faust, aus Furcht in Hoffnung, aus Hoffnung in Misstrauen gerissen, dabei, wie schon gestern, von etwas bezwungen, dem man sich nicht entziehen konnte, so viel man sich auch sträubte, dem man unter allen Umständen gehorchen musste.
»Sie sollen zu mir gehen,« sagte Christian fest, beinahe hart. Seine Brust füllte sich mit Atem und leerte sich wie ein Blasebalg über Schmiedefeuer. Das Wort war gesprochen.
»Ich bin ein schwangeres Weib,« fuhr sie mit finsterm Gesicht fort, und zum erstenmal zitterte ihre Stimme; »ein Straßenmädchen, das schwanger ist. Wissen Sie das? Das Miserabelste und Ludrigste, was es in der Welt gibt; wissen Sie das?«
»Schön; so will ich warten.« Sie kreuzte die Arme über der Brust, starrte zur Decke des Zimmers empor und rührte sich nicht mehr. Christian erhob sich, nickte und ging. Auch als er fort war, blieb Karen unbeweglich. Eine tiefe Falte grub sich in ihre Stirn; die frischen Narben leuchteten auf der fahlen Haut wie Brandmale; ein dumpfes, animalisches Staunen machte die Augen leichenhaft glanzlos.
Als Christian durch die Halle des Hotels schritt, erblickte er Crammon, der traurig in einem Sessel saß. Christian blieb stehen und reichte ihm lächelnd die Hand. »Hast du gut geschlafen, Bernhard?« fragte er.
»Ach, wenns vom Schlafen abhinge,« versetzte Crammon; »der Schlaf lässt nie was zu wünschen übrig. Das Wachen ists, worans hapert. Man wird alt. Die Vergnügungen halten nicht mehr recht vor. Die Freuden werden fadenscheinig. Man rechnet auf Dank und Liebe und hat nur Kummer und Enttäuschung. Ich glaube, ein Kloster wär für mich wirklich das Passendste. Demnächst werde ich das Projekt in die Nähe rücken.«
»Nein, Bernhard,« gab Christian lachend zur Antwort, »im Kloster würdest du eine üble Figur machen. Fort mit den schwarzen Gedanken; lass uns lieber frühstücken.«
»All right, lass uns frühstücken.« Crammon erhob sich. »Hast du eine Ahnung, weshalb das Rumpelstilzchen plötzlich bei Nacht und Nebel abgedampft ist? Ich höre, sie hat eine unangenehme Nachricht vom Hause erhalten; aber das ist doch noch kein Grund, ohne ein Sterbenswort auf und davon zu gehen. Jedenfalls ist es schnöde gehandelt. In wenigen Stunden wird uns auch Ariel verloren sein. Die Gemächer oben starren von Koffern und Schachteln, Monsieur Chinard vergeht vor Wichtigkeit. Nur schwarzes Gewölk grinst einen noch an, der bunte Regenbogen ist dahin. Exzellent, dieser Kaviar übrigens. Ich werde mich in die Heimlichkeiten des Privatlebens zurückziehen. Vielleicht miete ich mir einen Sekretär oder eine appetitliche und diskrete Sekretärin und fange an, meine Memoiren zu diktieren. Du, mein Lieber, scheinst guter Laune; du blickst so fröhlich, wie schon lange nicht.«
»Ja, mir geht es ausgezeichnet,« sagte Christian und zeigte beim Lächeln seine großen, blendendweißen Zähne; »ausgezeichnet,« wiederholte er und streckte dem überraschten Freund abermals die Hand entgegen.
»Bravo, bravo.« Und Crammon, behaglich schmausend, philosophierte: »Wär es anders, so wärs betrüblich. Ich muss es immer wieder betonen: Ariel gehört nun einmal zu den Sternen. Es gibt segensvolle Sterne und gibt verhängnisvolle Sterne. Einige sind von guten Geistern bewohnt, einige von Dämonen Das wissen wir seit urältesten Zeiten. Sie sollen ihre Affären untereinander schlichten. Kommt es zu Kollisionen und Katastrophen, so ist es eben eine kosmische Angelegenheit, die uns Sterbliche nicht weiter zu kümmern hat. Schließlich bist du ja auch nur ein Sterblicher, wenn auch ein auserwählter; hast sogar eine Reise in die seligen Jagdgründe tun dürfen. Aber was zu viel ist, ist zu viel. Die Konkurrenz mit moskowitischen Autokraten kannst du nicht aufnehmen. Den Drachen vermag Siegfried am Ende noch zu besiegen; wenn Luzifer selber auf hohem Roß feuerschnaubend dahersprengt, trägt er nur seine schöne Haut zu Markte. Erfreulich und weise, dass du die Finger davon lässt. Auf eine genußreiche Zukunft, mein Engel!«
Christian ging aus Büfett, wo herrliches Obst zum Verkauf lag. Er wusste, ein wie entzückter Liebhaber seltener Früchte Crammon war. Er nahm einen geflochtenen Korb und legte in die Mitte eine Ananas, die er aufschnitt, so dass ihr goldnes Fleisch feuchtschimmernd lockte; darum im Kreis vier Kalvilleäpfel von reinster Oberfläche, gelblich leuchtende, sechs große französische Pfirsiche, flaumig und von elastischer Weichheit wie Muskulatur, und sieben enorme Dolden kalifornischer Trauben. Nachdem er die Früchte sachverständig angeordnet, trug er den Korb zu Crammon und überreichte ihn dem Beglückten mit scherzender Feierlichkeit.
Er konnte sich nicht fassen. Er erschien sich als das Opfer einer unheimlichen Kabale. »Sie lassen mich alle im Stich,« murmelte er zornig vor sich hin; »sie wollen sich über mich lustig machen. Es ist eine wahre Epidemie. Du hast abgewirtschaftet, Bernhard Gervasius, du bist ihnen im Wege, es ist aus mit dir, geh in deine Klause und betraure dein Leben.«
Er befahl seinem Diener zu packen und Plätze für den Zug nach Wien zu besorgen. Dann stellte er das Körbchen mit den Früchten auf den Tisch und pflückte betrübt sinnend Beere um Beere von den Trauben.
Er begleitete seine beiden frommen Damen in die Kirche, und aus Rücksicht und Gefälligkeit für sie betete er manchmal selbst. Herr, vergib meinen Feinden und führe mich nicht in Versuchung, war sein Hauptgebet. An sonnigen Nachmittagen kam der Fiaker, um die drei zur Fahrt in den Prater abzuholen. Am Abend wurde der Speisezettel für den folgenden Tag festgesetzt, wobei die nationalen und altüberkommenen Gerichte bevorzugt wurden. Dann las er Fräulein Aglaia und Fräulein Constantine, die lautlos andächtig zuhörten, klassische Gedichte vor, einen Gesang aus Klopstocks Messias, oder den Spaziergang von Schiller, oder Rückerts Makamen; noch immer ahmte er Stimme und Tonfall Edgar Lorms täuschend nach. Auch erzählte er unverfängliche Anekdoten aus seiner Vergangenheit, die er ausschmückte und veredelte, so dass sie jedem Töchteralbum Ehre gemacht hätten.
Erst wenn sich die beiden Damen zur Ruhe begeben hatten, zündete er die englische Pfeife an, schenkte ein Glas Kognak ein, hielt ruhige Rückschau und Selbstschau oder vertiefte sich in den Genuss der Schätze seines kleinen Museums, der in vielen Jahren zusammengetragenen Kostbarkeiten.
Frau Richberta teilte ihm mit, dass Christian Weisung gegeben habe, seine sämtlichen Liegenschaften zu verkaufen, Christiansruh, Waldleiningen, das Jagdhaus, die Pferde, die Hunde, die Automobile, die Sammlungen, sogar die kostbare Ringsammlung. Das Unfaßliche sei bereits im Wege, und man habe nicht die geringste Andeutung eines Grundes. Sie befinde sich in ratloser Verzweiflung und bitte Crammon um Aufschluß, bitte ihn, nach Wahnschaffeburg zu kommen. Ob er über Christians Schritt, über Christians Tun unterrichtet sei, was sich denn um Gottes willen mit ihm ereignet habe? Man könne keine Nachricht erhalten, seit Wochen sei er wie verschollen, man tappe im Finstern. Die Familie wünsche natürlich nicht, dass der Besitz in fremde Hände überginge, und werde alles an sich bringen, obschon es sich widrig anlasse, den frechen Überbietungen, Advokaten- und Agentenmanövern, die der von Christian beauftragte Verwalter ins Werk gesetzt, wirksam zu begegnen. Aber allem voran stehe die Sorge um Christian; sie erwarte, dass Crammon ihr in ihrer Not beistehen und die hohe Meinung rechtfertigen werde, die sie von seiner Freundschaft für Christian und Anhänglichkeit an das Haus gefasst.
Crammon las die Zeilen noch einmal, die vom Verkauf von Christiansruh und der Sammlungen handelten. Er schüttelte lange den Kopf, drückte das Kinn in die Hand, und zwei dicke Tränen rollten über seine Backen.
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1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Sie aber war noch schneller, und da die andern Fluchtwege versperrt waren, …«
2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Aber es war auch eine […] Befürchtung in ihr.«
3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »Entweder« in diesem Textausschnitt? »Entweder las er unwürdige Schmöker, oder er maulte laut vor sich hin.«
4. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Am […] kam Randolph von Stettner mit mehreren Freunden nach Christiansruh.«
5. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Noch […] ein Dutzend Jahre nicht.«
6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse.
A: »Seien Sie so freundlich, die Angelegenheit in möglichster Stille zu erledigen.«
B: »Vor zwei Wochen kam ich auf einer Wanderung nach Nettersheim und kehrte bei Borsches ein.«
C: »Er ließ sich in die Urwälder und die Dschungeln tragen und sah überall Tod und Leben so ineinander verstrickt, dass eines Art und Züge des andern annahm, Verwesung die der Geburt, Fäulnis die der Zeugung.«
8. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »»Ich sehe morgen abend einige Freunde bei mir,« sagte Szilaghin mit der …«
9. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Crammon, ein Wanderer auf Wegen des Behagens und Vergnügens, war seit seinen […] beständig unterwegs, von einer Hauptstadt Europas zur andern, von einem Landsitz seiner Freunde zum andern.«
10. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Christian wünschte, dass Crammon mit ihm und Alfred Meerholz, dem Sohn des Generals, zum […] nach St.«
2Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte
1. Lies den Abschnittsbeginn: »Crammon, ein Wanderer auf Wegen des Behagens und Vergnügens, war seit seinen Jünglingsjahren beständig unterwegs, von einer Hauptstadt Europas zur andern, von einem Landsitz seiner Freunde zum andern.« Welche Informationen sind hier bereits sicher, und welche Frage bleibt für dich offen?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Nenne zwei Informationen, die sich tatsächlich aus dieser Passage ableiten lassen.
Trenne eine eigene Frage oder Vermutung klar vom Textbefund.
2. Fasse diese Textstelle in eigenen Worten zusammen: »Ringsum ragten alte Stämme und uraltes Gemäuer, über den Baumwipfeln spannte sich der blaßblaue Herbsthimmel, im dürren Laub lag auf den Knien ein Mann und schwor mit Anwendung erhabener und maßloser Worte […]« Was ist für ihr Verständnis besonders wichtig?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Gib die zentrale Aussage oder Situation wieder, ohne etwas hinzuzuerfinden.
Nenne eine Einzelheit aus der Passage, auf die sich deine Zusammenfassung stützt.
3. Prüfe, ob es in dieser Passage um Gerechtigkeit oder Verantwortung geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] dort verboten sich gewisse Zusammenkünfte durch die respektable und unschuldige Nähe der beiden alten Fräuleins Aglaja und Konstantine von selbst. Es wäre kummervoll und eine nicht zu verwindende Enttäuschung für die guten Damen gewesen, […]«
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
4. Prüfe, ob es in dieser Passage um Wahrheit oder Vertrauen geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »»Wann hätte ich je um einen Diamanten geweint, du Lügnerin?« fragte Eva gleichgültig. Sie richtete sich empor; ganz in durchsichtige, wehende, blütenleichte Stoffe gehüllt, glich sie einem Geist, der aus dem Nichts entstanden ist. »Wann […]«
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Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
5. Prüfe, ob es in dieser Passage um Angst oder Unsicherheit geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »Amadeus schwieg. »Das war gestern,« wiederholte er nach langem Sinnen, »und heute bin ich nicht hingegangen aus Furcht vor ihrem Sterben. Sie ist vielleicht schon tot.««
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
6. Prüfe, ob es in dieser Passage um Nähe oder Gefühle geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] Flasche goldgelben Kognaks leistet mir Gesellschaft, und während ich mein Herz mit künstlicher Wärme nähre, versinken die oberen Regionen in das kalte Mysterium des Stumpfsinns. Meine Geisteskräfte bewegen sich in absteigender Linie; meine […]«
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Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
7. Vergleiche diese beiden Stellen: »Ringsum ragten alte Stämme und uraltes Gemäuer, über den Baumwipfeln spannte sich der blaßblaue Herbsthimmel, im dürren Laub lag […]« und »Der Mund war halb offen wie bei einem Blöden, der Kopf brutal vorgestreckt, die herabhängenden Arme zuckten. Er trat langsam […]«. Welche Gemeinsamkeit oder welchen Unterschied kannst du am Wortlaut zeigen?
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Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Nenne eine nachvollziehbare Gemeinsamkeit oder einen Unterschied.
Belege beide Seiten des Vergleichs; unterstelle keine Entwicklung, die der Text nicht zeigt.
8. Am Abschnittsende steht: »Crammon las die Zeilen noch einmal, die vom Verkauf von Christiansruh und der Sammlungen handelten. Er schüttelte lange den Kopf, drückte das Kinn in die Hand, und zwei dicke Tränen rollten über seine Backen.« Was ist hier geklärt, und was bleibt offen?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf den Schluss dieses Abschnitts, nicht auf dein Vorwissen über das ganze Werk.
Falls die Stelle nichts eindeutig klärt, begründe auch das mit dem Text.
9. Prüfe deinen ersten Leseeindruck an Anfang und Ende: »Crammon, ein Wanderer auf Wegen des Behagens und Vergnügens, war seit seinen Jünglingsjahren beständig […]« / »Crammon las die Zeilen noch einmal, die vom Verkauf von Christiansruh und der Sammlungen handelten. Er […]«. Würdest du deine erste Einschätzung jetzt verändern? Begründe.
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Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Nenne deine ursprüngliche Einschätzung oder Leseerwartung.
Verwende mindestens einen Textbeleg für deine jetzige Einschätzung.
Sowohl eine veränderte als auch eine bestätigte Einschätzung ist möglich.
3Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte
Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.
Niveau 1 · Einstieg
1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Crammon, ein Wanderer auf Wegen des Behagens und Vergnügens, war seit seinen Jünglingsjahren beständig unterwegs, von einer Hauptstadt Europas zur andern, von einem Landsitz seiner Freunde zum andern.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Crammon klatschte mit je zwei Fingern Beifall.«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.
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Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Er schüttelte lange den Kopf, drückte das Kinn in die Hand, und zwei dicke Tränen rollten über seine Backen.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.
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Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Originalautor vor 1956 verstorben. TextGrid kennzeichnet die zugrunde liegenden reinen Texte als gemeinfrei; Struktur und Metadaten unter CC BY 3.0 DE mit Namensnennung TextGrid und www.editura.de. Das Werk Christian Wahnschaffe von Wassermann, Jakob ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de, und wird unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland veröffentlicht. Der zugrunde liegende literarische Reintext ist gemeinfrei. TextGrid wurde vom BMBF gefördert (Förderkennzeichen 01UG1203A).
Die Extraktion erfasst alle Textpositionen der gelieferten Quelldatei; dies ersetzt keinen vollständigen Vergleich mit dem historischen Druck. Offene Kapitelaufgaben dienen der Selbstprüfung und sind keine automatisch bewertete Interpretation.
Christian Wahnschaffe
Jakob Wassermann: Christian Wahnschaffe. Roman in zwei Bänden, 56. Bis 59 Aufl., Berlin: Fischer, 1928. Wassermann, Jakob 7- 1928 Berlin
Das Werk Christian Wahnschaffe von Wassermann, Jakob ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.
Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.