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Buch - Amanda und Eduard - Mereau, Sophie

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Originalwerk · Lesefassung

Amanda und Eduard

Mereau, Sophie · 1795

Amanda und Eduard von Mereau, Sophie. Volltext der angegebenen Ausgabe mit textbezogenen Leseaufgaben.

RomanKlasse 9–10 · 11–133 Abschnitte
Porträt von Mereau, Sophie
Porträt: Mereau, Sophie · Urheber auf der Commons-Dateiseite nicht angegeben · Public domain Bildquelle ↗
Hinweise für den Unterricht
  • Historische Sprache und Wertvorstellungen im Unterricht einordnen.

Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.

Abschnitt 2 von 3

Erster Theil

1
Erster Brief
Vorlage S. 3
2
Amanda an Julien
Vorlage S. 3
3
Ich habe den geliebten, vaterländischen Boden wieder betreten, und bin Dir nun wieder um vieles näher, meine Julie! Wer durch mehr als hundert Meilen getrennt war, dem scheint eine Entfernung von zwanzig nur ein unbedeutender Zwischenraum zu sein, obgleich nicht selten sich hier größere Schwierigkeiten in den Weg stellen, als selbst bei jenen. – Du und Deine Liebe sind mir noch um vieles werther geworden, denn meine nähere Bekanntschaft mit den Menschen hat mich den Werth und die Seltenheit einer Neigung, die sich nicht auf äussere Verhältnisse sondern auf unsere Persönlichkeit gründet, sehr innig fühlen lassen. – Ich freue mich darauf, Dir, da ich hier sehr ruhig leben zu können hoffe, von Zeit zu Zeit manches aus der Geschichte dieser letzten, im Geräusch verlebten, Jahre nachholen zu können. Meine bisherigen flüchtigen Briefe müssen Dir nur einen sehr unvollkommenen Abriß meiner Lage gegeben haben. Alles war mir neu, Gegend, Menschen, Verhältnisse, und ich gestehe Dir, dass ich mich oft mit geheimem Vergnügen, oft auch mit Bangigkeit, daran erinnerte: »ich stehe nun wirklich auf dem Schauplatze der Welt, die ich mir sonst in mancher stillen Jugendphantasie verworren geträumt hatte.« Doch zuweilen schien das Gewühl von Menschen und der glänzende Schein, der mich umgab, meine Eigenthümlichkeit ganz verschlungen zu haben, und es kostete mir beinah Mühe, mich zu überzeugen, dass ich jenes stille, einfach erzogene Mädchen sei, welches die Welt und die Menschen nur aus ihren Büchern kannte. Mein ganzes, voriges Leben wich immer mehr in einen neblichen Hintergrund zurück, und selbst Dein Bild, meine Julie, schien an seiner Lebhaftigkeit verloren zu haben. Aber dann kam ein Brief von Dir, Du warst noch immer die Alte. Ganz und in Allem Deinen vorigen Ideen getreu, lebtest Du noch ungestört in jenem glücklichen Ländchen, dessen Andenken mir immer mehr zu verschwinden drohte. Mit Dir erschienen die Geister aller vergangenen, freundlichen Jugendscenen, und so waren Deine Briefe das Band, das über Berg und Thal zu mir reichte, und mich an sanften, seidenen Fäden zu einem unversiegbaren Quell von Ruhe und milder Besonnenheit zurückführte. – Ach! ich hatte oft nötig, aus diesem Quell zu schöpfen, wenn ich nicht unter den wechselnden Eindrücken von Vergnügen und Sorge, Neigung und Wiederwillen, mich selbst und alle innre Uebereinstimmung auf ewig verlieren wollte! – Der erste Eintritt in das Haus meines Mannes, als wir unsre Reise vollendet hatten, überraschte mich auf das angenehmste. Der Glanz, den ich dort allenthalben herrschen sah, war mir neu, und berauschte mich mit Vergnügen. Ich wiegte mich mit Lust auf den seidnen, schwellenden Polstern, ich strich gern vor den Spiegelwänden vorüber, ich horchte mit Aufmerksamkeit auf das melodische Spiel einer Flötenuhr, welches die Stunden angenehm bezeichnete. So geschwind auch die Lebhaftigkeit dieses Eindrucks verlosch – denn das Auge gewöhnt sich bald an die Reize einer prächtigen Umgebung, und Bewunderung ermüdet leicht – so wusste doch Albret durch Neuheit und Abwechselung ihn immer wieder anzufrischen. Er führte mich in eine Welt voll glänzenden Scheins, und munterte mich unaufhörlich auf, hier alle andre zu verdunkeln. Die Art, wie ich mich, auf sein Verlangen, allenthalben zeigen musste, war mir oft lästig, so sehr sie auch der Eitelkeit schmeichelte. Ueberall, wo ich erschien, zog ich die Blicke der Neugierde auf mich, öfterer folgten selbst Frauen mir nach; besonders gab es Einige, die mich mit einer seltsamen, unangenehmen Teilnahme beobachteten. Einst, als wir aus einem glänzenden Zirkel zurückgekommen waren, wo diese mir, oder meiner Umgebung, geweihte Aufmerksamkeit ihren höchsten Gipfel erreicht zu haben schien, fiel mir Albret mit Innigkeit um den Hals. »Holdes Weib, rief er entzückt, wie sehr hast du mich zu deinem Schuldner gemacht! ich sehe es, ich bin durch dich gerächet!« – Diese Aeusserung freute und betrübte mich. Ich fühlte, dass ich sie nicht mir selbst, sondern einer fremden, mir unbekannten Ursache zuzuschreiben hatte, und doch rührte es mich, ihn endlich einmal herzlich mit mir sprechen zu hören. »Lieber Albret, sagte ich, und lehnte mich an seine Brust, wolltest du mich nur näher kennen lernen, so würdest du, wie ich hoffe, ganz andere Ursachen finden mit mir zufrieden zu sein, als diese, von denen ich mir nichts zueignen kann.«
Vorlage S. 3
4
Er sah mich einige Augenblicke lang mit zweifelhaftem Ausdruck an, und schien bewegt. Aber bald war es, als schämte er sich seiner Empfindung, er verließ mich, und blieb so verschlossen, wie vorher. Ach! Julie, wenn ich diesen sonderbaren Mann zuweilen Sätze aufstellen hörte, die meiner heitern Ansicht von Welt und Menschen gänzlich Hohn sprachen, wenn ich sein peinliches Misstrauen in Alle und auch in mich vergebens zu mildern versuchte, und vor diesem verschloßnen Herzen ewig unerhört stand, dann wurden mir meine Tage oft unerträglich, und die Erinnerung an das Gute, das ich ihm verdankte, sank wie eine erdrückende Last auf mein Herz! – Freilich habe ich dies alles auch oft genug vergessen. Meine Wünsche waren nicht eigensinnig an einen einzigen Gegenstand gebunden, meine Sinne standen jedem Ein druck offen, und so konnte es mir in meiner Lage nicht an Veranlassungen fehlen, meinen Kummer zu vergessen. Nur das Verlangen nach einer vertrauten Seele, nach dem Genuss einer gegenseitigen Mittheilung, eines arglosen, innigen Umgangs, ließ sich nie ganz unterdrücken.
Vorlage S. 8
5
Und wo hätte ich dies Glück eher suchen sollen, als bei Albret? – Aber ach! meine Julie, an welches unerklärliche, furchtbare Wesen hat mich das Schicksal gebunden! – Du scheinst hievon weniger überzeugt zu sein, und Deine schon oft geäusserte Meinung, dass meine Klagen über unsere wenige Uebereinstimmung wol überspannt sein möchten, bewegt mich, Dir ein Geheimnis zu entdecken, das vielleicht bei mir auf ewig vergraben bleiben sollte. Du bist das einzige Wesen auf der Welt, dem ich es anvertraue, das einzige, in dessen Herzen ich alle meine Sorgen niederlege.
Vorlage S. 9
6
Wenn ich nicht irre, so habe ich Dir schon längst in einem meiner Briefe von dem Markese * geschrieben, der meine nähere Bekanntschaft sehr eifrig zu suchen schien. Bei dem zerstreuten, geselligen Leben, welches wir führten, ward es ihm nicht schwer, Zutritt in unserm Hause zu finden; er sah mich fast täglich, und bald hörte ich das Geständniß seiner Liebe von ihm. Ich hörte es ohne Entrüstung – und ohne Vergnügen an. Ich schätzte den Markese; seine Unterhaltung war mir von großem Werth; doch Liebe fühlte ich nicht. Natürlich dass ich ihm dies sagte, er aber schien es nur halb zu glauben. »O! Sie werden, Sie müssen mich lieben, rief er feurig aus, meine Beharrlichkeit soll sie dazu zwingen. Die Natur will mein Leben; ohne Liebe sterbe ich, und ich kann Niemand lieben, als Sie.« Was ich auch gegen diese Behauptung einwandte, so konnte es ihn doch für den Augenblick nicht überzeugen, und nur die Folge bewies zu seinem Schmerz, mit welchem Recht ich widersprochen hatte. Doch gestehe ich Dir, dass ich mich selbst oft im Stillen über die eigensinnige Unempfindlichkeit meines Herzens gegen diesen liebenswürdigen Mann wundern musste. Das allgemeine Urteil nannte ihn schön, ich selbst erkannte gern so viele Vorzüge in ihm an, und gleichwol fehlte meiner Empfindung für ihn jener geheimnißvolle, harmonische Zug, ohne welchen mir nun einmal jede Liebe gemein erschien. Unser Umgang, den Jedermann für ein Liebesverständniß hielt, dauerte auf diese Weise fort, ohne dass unser gegenseitiges Glück sehr dabei gewonnen hätte. Die Offenherzigkeit, mit der ich meinem Freunde den Zustand meines Herzens mittheilte, schien ihn nur fester an mich zu binden. Er zerriss, zu seinem Nachteil, manches andere Verhältnis, und fuhr fort, mir mit einer hartnäckigen Anhänglichkeit ergeben zu sein. Albret schien auf alles dies nicht zu merken, er beschränkte unsern Umgang nicht, und legte durchaus keine Spur seines Mißfallens an den Tag.
Vorlage S. 10
7
Einst an einem schönen Abend war ich mit dem Markese im Garten, der unser Haus umgab. Das laue, schmeichelnde Wehen der Lüfte, und die balsamischen Gerüche, die aus tausend Blumen und Pflanzen stiegen, bewegten mein Herz auf ungewohnte Weise. Was ich empfand, war nicht Erinnerung des Vergangenen; nicht Genuss des Gegenwärtigen; es war eine Ahnung, ein Sehnen nach etwas Fernem, Unnennbarem. Es schien mir, als müsste ich die ganze Welt mit Innigkeit, mit Liebe umfassen; nur das Nahe, Gegenwärtige war mir fremd. Auch der Markese war ungewöhnlich bewegt, jedoch von ganz andern Empfindungen, als ich. Wir gingen schweigend neben einander durch die duftenden, halberhellten Alleeen. »Wenn Sie nur liebten, rief er endlich, mit schmerzlichem Ausdruck, wenn auch nicht mich! – Aber Sie lieben nicht, und werden ewig nicht glücklich sein! – O! der nagende Schmerz, diese Blume, die schönste, welche je die Natur hervorbrachte, traurig verblichen, an dem kalten Herzen eines Mannes vergehen zu sehen, der keinen Sinn für ihre Vortrefflichkeit hat! – und o! fuhr er fort, indem er mir schmerzlich die Hand drückte, dass eine Zeit kommen wird, wo Sie dies alles lebhafter, aber vergebens, mit ewiger Reue empfinden werden!« – – Mich schauderte, indem er dies sprach. Ich fühlte, dass eine Wahrheit in seinen Worten lag, die ach! nur zu sehr mit meinen eignen Empfindungen zusammen traf. Meine Gedanken flogen weit hinweg; überall fanden sie eine trostlose Leere, und kehrten quälender zurück. So, ohne Gegenstand, verworren träumend, wusste ich es kaum, dass wir uns in einer Laube niedergesetzt hatten, und dass der Markese mir zu Füßen gesunken war, und mich mit einem Arm umschlungen hielt.
Vorlage S. 12
8
In diesem Augenblick trat Albret vor uns. – Er fuhr betroffen zurück, doch war er bald gefasst. »Gut, sagte er mit kaltem aber schneidendem Ton, ich habe es erwartet.« Und hierauf, als wäre nichts geschehen, verschwand er in einen Seitengang. Der Markese sprang auf, er drückte mich mit Heftigkeit an sich, dann trennten wir uns stumm und beängstigt. Ich suchte Albret auf seinem Zimmer; ich wünschte so sehnlich, ihm den wahren Zusammenhang dieser Scene entdecken zu können. Er war nicht da, und als ich ihn am andern Morgen wieder sah, blickte er mich so kalt und entfernend an, dass es unmöglich war, diese Scheidewand hinwegzuschieben. Er war noch bei mir, als man uns die Nachricht brachte, der Markese sei am vorigen Abend, nicht weit von unserm Garten, ermordet gefunden worden. Todesschauer überfiel mich bei dieser Nachricht und ein gräßlicher Argwohn zuckte mir wie ein Dolchstich durch die Seele. O! Albret! rief ich mit leichenblassem Gesicht, und beben der Stimme. Mein Mann heftete lange einen festen Blick auf mich, und schien den schrecklichen Gedanken ohne große Befremdung in meinem Auge zu lesen. Es lag etwas furchtbares in seinem Blick, aber zugleich eine gewisse Hoheit, der ich nicht widerstehen konnte. Unsre Abreise erfolgte bald darauf, und ich blieb in dieser schauderhaften Ungewissheit, deren Quaalen nur durch die Veränderung der Gegenstände, und durch den gänzlichen Mangel einer, jenen Verdacht bestärkenden, Bestätigung, gemildert worden sind.
Vorlage S. 15
9
Doch, frage Dich selbst, ob mir nicht, wenn ich darüber nachdenke, immer noch Gründe genug zu ängstlichen, entfernenden Zweifeln gegen Albrets Carakter übrig bleiben? – Was soll, was kann ich von diesem geheimnißvollen Wesen denken? und ist nicht vielleicht diese erhabene, in allen Fällen sich gleichbleibende, Fassung selbst ein Beweis, dass gewisse schreckliche Grundsätze ihm ganz zur Natur geworden sind?
Vorlage S. 17
10
Ich verlasse Dich, um mich zu zerstreuen, und diese Gedanken so viel als möglich aus meiner Seele zu verbannen. Wollte ich ihnen nachhängen, so müsste ja aller Frieden und aller Glauben an Menschlichkeit auf ewig daraus scheiden.
Vorlage S. 17
11
Zweiter Brief
Vorlage S. 19
12
Eduard an Barton
Vorlage S. 19
13
Seitdem Du mich verlassen, mein Barton, habe ich schon oft den waldigen Hügel erstiegen, wo ich zum letztenmal Deines vertrauten, freundschaftlichen Umgangs genoss. Du warst damals in einer ungewöhnlich feierlichen Stimmung, und Dein Auge schaute voll tiefer Rührung herunter in die heitere, weit um uns verbreitete Welt. »Welches Leben, welche Wirksamkeit in der ganzen Natur! sagtest Du. Stete Umschaffung, Verarbeitung, Veränderung, und eine Kraft, die immer bleibt; denn nur das Bleibende kann sich verändern. Aber was sie ist, diese Kraft, welche die Räder des Ganzen zusammen hält, dass kein Theil sich aus seinen Fugen herausreißen darf, die den Geist mit Formen bekleidet, und das Aufgelösete, nach Ruhe strebende, zu neuem Leben, neuer Tätigkeit zwingt? – Forsche nicht darnach; nur das, was sich verändert, können wir wahrnehmen, und das Bleibende erkennen wir, wie unser eignes Wesen, aus seinen Wirkungen. Ja, Eduard, fuhrst Du fort, wir lernen unser inneres Leben immer deutlicher und schöner kennen, je wirksamer wir in dem äussern sind. Lass uns dem großen, guten All aufs innigste angehören, und unser Selbst nur in dem Ganzen wiederfinden. Der Mensch fängt damit an, Alles von Andern zu erwarten, und soll damit enden, Andern so viel er kann zu gewähren. Es giebt eine Zeit, wo er sich unglücklich fühlt, wenn Andere ihm nichts sein wollen, und wieder eine andere, wo es ihm Bedürfnis ist, der Welt etwas zu sein. Du hast den Weg bis dahin natürlich und gut vollendet; ich gebe Dich mit frohem Muth der Welt; und verlasse Dich, weil Du es werth bist, allein zu stehen.« – Dieses, und noch manches andere fällt mir ein, so oft ich den Hügel ersteige, und ich liebe diese Erinnerungen. – O! ich begreife wohl Deine Absicht, Theurer! Du sahest meine Anhänglichkeit an Dich, meine feurige Bewundrung Deiner seltnen Eigenschaften, und Du fürchtetest, meine Eigenthümlichkeit könnte bei diesen Empfindungen leiden, das Lebendige, Wahre in mir könnte zu einer künstlichen, nachgeahmten Tugend herabsinken, die immer unfruchtbar bleibt, so vortrefflich auch ihr Vorbild sein mag. Deshalb hättest Du mich verlassen, auch wenn keine andre Geschäfte Deine Gegenwart verlangt hätten. Aber Dein Bild wird nie aus meinen Gedanken weichen, und in den Stunden des Unmuths, wie in Stunden der Weihe, wird es, wie ein freundlicher Genius, tröstend oder theilnehmend vor meiner Seele schweben. Ja, Du hast mich der Welt gegeben, ein heitres gutgebildetes Wesen, stehe ich vor ihr, und blicke mit Lust in die weite, lebensvolle Sphäre hin, wo auch ich mit wirken soll und will. Eindrücke aller Art strömen mit Macht an mein Herz, und ich brenne vor Verlangen, dem Ganzen, durch Wort und That, das wieder zu geben, was es so wohlthuend in mir erweckte. Ich kann Dir nicht beschreiben, Barton, wie sehr mich ein frohes Selbstgefühl zuweilen emporhebt, und glücklich macht. So war ich am gestrigen Abend in einer Gesellschaft junger Männer, die sich versammelt hatten, um fröhlich zu sein. Wir hatten Musik, tranken, und die herrschende Idee eines Jeden mahlte sich bald lebendiger und stärker im freien Gespräch. Barton! hier fühlte ich recht meinen Werth; ich fühlte mich voll Kraft, reich an Erfindung eine ganze Welt zu beglücken, stark an Entschließung, trotz allen Verhältnissen, der Natur getreu zu leben. Ich sah um mich her – die meisten schienen mir kraftlos, künstlich, verstimmt – nicht Einer, der sich zu meinen Gefühlen hätte emporheben können. Mitleid und Stolz bestürmten mich wechselsweise so sehr, dass ich es nicht aushalten konnte. Hinaus in die freundliche Abendwelt lief ich, und an den einsamen Ufern des Stroms, wo nur die Abendwinde mit geistigen Stimmen mich umsäuselten, fand ich mich inniger, glücklicher wieder. Ich sank auf die Kniee und küsste die Blumen und die Erde, im Gefühl einer namenlosen Liebe. – O! was sind alle Genüsse der Sinne gegen das Entzücken eines solchen Augenblicks! – ein dumpfes, unterbrochenes Geräusch störte meine Begeisterung. Es kam aus dem Wasser, und ich entdeckte bald durch die Gesträuche etwas Lebendiges in dem Strom. Ein Knabe war es, der noch spät am Ufer geangelt hatte, und unvorsichtig in die Fluth hinabgegleitet war. Er kämpfte noch matt gegen die Wellen. Ich sprang sogleich hinein, und brachte ihn, ohne Gefahr, leicht und glücklich ans Ufer. Seine Besinnung kehrte nach einiger Mühe bald zurück, und ich führte ihn zu seinen, um ihn besorgten, Aeltern, deren Wohnung er mir beschrieb. Das Kind hatte ein bedeutendes Gesicht, und selbst die Keckheit, womit er sich heimlich an den Fluss geschlichen hatte, gefiel mir; es freute mich doppelt, ihn gerettet zu haben. Hierauf gieng ich zurück an den Strom, entkleidete mich, und tauchte von neuem in die lauen Fluthen. Der gewölbte Himmel mit Mond und allen leuchtenden Sternen stand in unermesslicher Tiefe unter mir im Wasser. Ich durchkreuzte die Fluren des Himmels und verwirrte der Sterne ewige Bahnen. Ueber mir, unter mir und in mir war Himmel.
Vorlage S. 19
14
Ein einziges tut mir weh, Barton! dass sich mein Vater so lange von mir trennt, dass ich in manchen Augenblicken nicht zu ihm eilen kann, zu ihm, dem ich mein ganzes Glück verdanke, und dem mein Anblick gewiss belohnend sein müsste. -Jetzt erst fange ich an zu begreifen, wie er auf mich gewirkt hat. In vielem, wo ich sonst nur das planlose Spiel des Zufalls fand, ahne ich jetzt die wohlthätige Einwirkung eines vernünftigen heitern Geistes, der die Umstände gerade so für mich zusammenreihte. Mein Vater hielt mir nie langweilige Vorstellungen meiner Lebenspflichten, die nur den Verstand berühren und das Herz unbewegt lassen; nur durch lebendige Eindrücke suchte er mich zu bilden, und so blieb die Eigen-thümlichkeit und Freiheit meines Gemüts ungekränkt. Wenn ich in die Zeiten meiner Kindheit zurückgehe, wie eine lachende Welt mich, von der Wiege an, umfing, und alles einen Quell von Lebenslust in meine Brust senkte, der wie ich hoffe, unversiegbar sein wird. – Selbst das Zimmer, worin ich lebte, der erste Schauplatz meiner Erfahrungen und meiner Spiele, hat ein angenehmes Bild von Harmonie und Fröhlichkeit in mir zurückgelassen, und ich weiß noch ganz genau, welche Farben, welche Gemälde es zierten, welche Aussicht es gewährte. Mein Auge gewöhnte sich an heitre, liebliche Formen, und mein kindisches Herz war mit unsichtbarer Gewalt an das Schöne gebunden; ich unterließ das Schlechte, nicht weil es böse, sondern weil es hässlich war. So ward die Sinnlichkeit zuerst in mir gebildet, und mir eine Freundin an ihr erzogen, bis ich älter ward, und mein Verstand erwachte. Von dem glücklichen Wahn erfüllt, dass man Alles lernen, Alles begreifen könne, war ich unermüdet in Fragen, und vielleicht ward meine Wißbegierde noch geflissentlich gereizt. So lernte ich Sprachen, Mathematik, Naturwissenschaft, Geschichte, mit immer neuer Lust und dankbarem Gefühl, und der Baum der Erkenntnis trug mir nur süße Früchte, bis ein reiferes Alter mir durch das Gefühl meines beschränkten Wissens auch die bittern darreichte. Aber jetzt brach ein neues Leben für mich an. Mein Vater, hieß es, müsste eine Reise in verschiedene Gegenden Europa's tun, und ich sollte ihn begleiten. Das heitre Bild menschlicher Tätigkeit wuchs vor meinen Augen immer mehr, wie der Raum um mich her. Unter der Menge neuer, lebendiger Vorstellungen verlohr ich das Andenken an mich selbst; meine erwachende Phantasie umgab die Natur mit einem ätherischen Schimmer; die Strahlen der Kunst berührten meine Seele mit heiliger Ahnung, und eine Welt von neuen Gestalten bildete sich in meinem Busen aus. Ich dachte nur so viel als gerade nötig war, um meine Genüsse schöner und an ziehender zu machen, und so genoss ich Glücklicher! alle Freuden der Jugend, von Phantasie, Gefühl und Geschmack zu Allem begleitet, und nur dann verlohren sie ihren Reiz für mich, wenn die Grazien sich von ihnen weggewandt hatten. – – Freilich bin ich stolz geworden. Diesen Nacken hat noch kein Unglück gebeugt, immer hat ein günstiger Zufall mir, wenn ich sorgen wollte, die Hand geboten, und selten habe ich einen Wunsch verfehlt. Ja, ich traue mir Kraft genug zu, die Gewährung meiner Wünsche, so hoch sie fliegen mögen, der Welt abzuzwingen, und von dem Schicksal die Erfüllung meines Berufes zum Glück zu fordern. Aber Barton, mein Gefühl ist lebendig und gut; es giebt Menschen, die ich hasse, aber ich könnte sie dennoch beglücken, stände es in meiner Macht; und selbst die, welche ich verachten muss, bedaure ich zugleich. Meine Leidenschaften sind heftig, ich weiß es, aber sie brechen sich in sanfte Farben, wie Regentropfen im Sonnenstral, vor dem allmächtigen Schönheitssinn, der mein ganzes Wesen durchdringt und emporhebt. – Und ist nicht dieser Sinn, wenn wir frei genug denken, ihn aufs Ganze zu verbreiten, das größte, heiligste in uns? – wie weit erhebt er uns über eine engherzige Sinnlichkeit! Diese zieht nur einen kleinen Zirkel um uns, wählt wankelmüthig bald dies, bald jenes, und selbst das höchste Interesse, das sie an Andere binden kann, wird durch den Tod zerrissen. Aber jenes Gefühl, dessen heilige Rührung durch die ganze Gattung gefühlt wird, durch welches eine wahrhaft schöne Handlung, eine große Empfindung, die vor Jahrhunderten verübt oder gefühlt ward, und auf unser persönliches Wohl oder Weh keinen Einfluss hat, Tränen des reinsten Wohlgefallens in unser Auge lockt – dies Gefühl entstand mit der Menschheit, erhielt sich und dauert fort.
Vorlage S. 25
15
Du siehst, mein Lieber, dass ich Deine Auffoderung, Dir viel, und viel von mir selbst zu schreiben, treulich in Erfüllung setze. Ich habe jetzt mehr als je über mich nachgedacht, und ich hoffe, dies soll nicht ohne Nutzen gewesen sein. Ja, Barton, ich erwarte viel von mir selbst. In dieser jugendlichen Freudigkeit gedeihen gute Entschlüsse, und die Kräfte, die ich in mir fühle, sollen eine wohlthätige Erscheinung werden, und die Fackel der Tätigkeit auch in fremden Gemüthern anzünden. Das handelnde Leben, ohne welches die edelsten Gesinnungen unfruchtbar bleiben, und alle Kraft des Gedankens verschwindet, reizt mein Verlangen, und ich brenne vor Sehnsucht mein eignes Wesen, in Wort und That, wieder zu finden.
Vorlage S. 31
16
Leb wohl, mein Freund, und lass mich bald von Dir hören.
Vorlage S. 32
17
Dritter Brief
Vorlage S. 33
18
Eduard an Barton
Vorlage S. 33
19
Liegt es in meiner gegenwärtigen Stimmung, oder ist es ein besondrer Reiz dieser Gegend, was mir diese Stadt so angenehm macht, dass ich sie ungern verlassen würde, auch dann, wenn mir der nähere Umgang des vortrefflichen Mannes, dem ich empfohlen bin, nicht so viel wahren Vorteil gewährte, als er wirklich tut? – Ich denke mir oft, hier sollte ich eigentlich gebohren sein, und lebhaft sehnte ich mich schon sonst in diese Gegend, gleichsam als wären Theile in mir, die hier erst ihr wahres Vaterland finden würden. Und so viel ist gewiss – bin ich gleich nicht unter dem Einfluss dieses schöneren südlichen Himmels gebohren, so wird doch vieles hier in mir erzeugt, was mir ein neues schöneres Daseyn gewährt. Ein unbeschreibliches glückliches Gefühl steht mit mir auf, winkt mir ins Freie, belebt mir jede Ansicht. Blühende Mandelbäume, schmeichelnde Lüfte, muntre Vögel, die in den zarten Schatten des sprossenden Gesträuchs frölich umher hüpfen, alles, alles erhebt mein Herz mit freudiger Ahnung. Viele Stunden, die nicht ernstere Beschäftigungen einnehmen, weihe ich der Musik. Die Mitternacht findet mich oft im Genuss dieser bezauberten Welt, und kaum bin ich des Morgens wach, so tragen mich die lockenden Töne bald wieder in ihr geheimnißvolles Vaterland hin.
Vorlage S. 33
20
Vor einigen Wochen ist Nanette Sensy hier angekommen. Sie hatte meine Wohnung bald erfahren, und kam, anstatt mich zu sich rufen zu lassen, selbst zu mir. Wir waren seit mehrern Jahren getrennt, und unser Wiedersehen war so fröhlich, herzlich, so kindlich, als Du Dir nur denken magst. Erinnerungen an das väterliche Haus, an unsere Jugendspiele, und ein lustiges Verwundern über jede kleine Veränderung, die wir gegenseitig an uns bemerkten, erfüllten die ersten Stunden, und seitdem vergeht kein Tag, wo wir nicht, allein oder in Gesellschaft, zusammen sind. Ich finde sie sehr liebenswürdig, und es ist mir herzlich wohl bei ihr. Sie ist jetzt Witwe und ist, wo möglich, noch heitrer, muthwilliger, unbefangner geworden, als sie vor ihrer Verheirathung war. Es leben hier in der Nähe mehrere ihrer Verwandten, und da ihr die Gegend gefällt, so gedenkt sie lange hier zu bleiben.
Vorlage S. 35
21
Gestern hatten wir ganz in der Frühe, noch mit einigen Andern, eine Wallfahrt nach einem ziemlich fern gelegenen Dorfe getan, dessen Lage uns sehr romantisch beschrieben wurde, und es auch wirklich war. Nanette war sehr ermüdet, als wir zurückkamen und wollte die noch übrigen Stunden des Tages allein sein. Ich hingegen fühlte mich noch sehr munter, und da der Abend schön war, ließ ich mein Pferd satteln und suchte das Freie. Sehnsucht nach menschlichem Anblick lockte mich auf die Landstraße, wo ich in jeden Wagen, der mir begegnete, neugierig hinein sah und mich damit belustigte, aus dem Aussehen der Reisenden auf ihren Stand, Gewerbe, Charakter und Vorhaben zu schließen. In dem letzten, den ich sah – denn für die folgenden hatte ich kein Auge mehr – schlummerte in einer Ecke des Wagens eine unbeschreiblich schöne, weibliche Gestalt. Du weißt, wie mich Schönheit, wenn und wo ich sie auch finde, unwiderstehlich anzieht, – wie musste sie in diesem Moment auf mich wirken, da sie mich so empfänglich gegen jeden Eindruck fand! – Ich wandte um, der Wagen fuhr langsam, und ich hatte Zeit, sie ruhig zu betrachten. Der Schlaf goß eine liebliche Unbestimmtheit über die schönen Züge, in denen kein herrschender Ausdruck sichtbar war, und mich dünkt, ein wahrhaft schönes Gesicht dürfe auch nie einen andern Ausdruck haben, als den, einer reinen Harmonie, welchen es von der Natur empfängt. – Die schöne Schläferin erwachte endlich, und nun fielen meine Blicke auch auf ihre Begleitung, auf die ich zuvor gar nicht geachtet hatte. Es war ein bejahrter Mann, mit einem sehr bedeutenden Gesicht, welches wunderbar anziehend und zurückstoßend war. Ein leichter Gram schien um die Augen zu schweben, und flößte Theil nahme ein, doch ein kaltes verächtliches Lächeln bewachte den Mund und zerstörte schnell jenen Eindruck wieder. Die Stirne zeigte Hoheit und das Auge schien geübt, in fremden Seelen zu lesen. Ich sah bald dass meine Blicke ihm lästig waren, und fühlte selbst das Unschickliche derselben. Ich nahm nun einen andern Weg, und träumte noch viel über die beiden. Nie schienen mir zwei Geschöpfe sich so unähnlich zu sein, wie diese, und der Gedanke dass sie wol auf irgend eine Art zusammen gehören möchten, machte mich beynah traurig. Aber der holde Eindruck des Schönen beherrschte mich bald wieder rein und ungetheilt. – Schönheit gleicht dem Genie; sie ist freie Gabe der Götter, und als solche hat der Wille der Menschen keinen Theil daran. Was selbst erworbner Reiz des Betragens langsam hervorbringt, ist bei ihr das Werk eines Augenblicks: die angenehme Rührung, welche mein Herz bewegte, goß einen höhern Reiz über die ganze Natur um mich her. Der Glanz der Abendsonne schien mit überirdischer Klarheit auf den Baumwipfeln zu ruhen – der Rheinstrom und die romantische Ferne, die einsamen Höhen und der frische duftige Wiesengrund mit dem lebendigen Gewühl von Menschen und Thieren – das zarte Laub, das, kaum entfaltet, freudig im Abendwind flüsterte.-Alles schien verklärt, harmonisch, ahnungsvoll. – O! ich bin so glücklich, mein Freund! – Mein einziger Wunsch ist, dass ich tausend Leben haben, tausend Formen beleben, alle Verhältnisse durchirren, alle mögliche frohe Empfindungen fühlen könnte, und meine einzige Sorge, dass irgend eine Fähigkeit ungeweckt in meiner Seele schlummern, irgend eine Freude ungefühlt vor mir vorüber rauschen möchte!
Vorlage S. 36
22
Vierter Brief
Vorlage S. 41
23
Amanda an Julien
Vorlage S. 41
24
Dein Brief hat mich angenehm gerührt. Du schilderst mir Deine Lage so gefühlvoll, Du bist so harmonisch mit Dir und Deiner Welt, Deine folgsame Phantasie führt Dich nicht über Deinen Kreis hinaus, und haucht nur ein blühenderes Kolorit über die Bilder des gewöhnlichen Lebens. Wie glücklich bist Du, meine Julie! – komm zu mir und lehre mich in meiner Lage zu sein, was Du in der Deinigen bist. Dein Anblick wird die stillen Bilder unserer frühen Jugend an Blumenketten der Erinnerung vor meine Seele führen, und meine gespannte Stimmung wohlthätig mildern. – Wenn wir uns allein fühlen, mag sich dann der lieblichste Sonnenschein in goldnen Wellen über die Gegend ergießen; ein gleichgültiger Tag nach dem andern vergeht, und die Freude wird Wehmuth für den, der sie nicht theilen kann. Und ich bin allein! allein in der lebendigsten Natur, über deren fröhlichste Bilder dies Gefühl einen schwermüthigen Schleier zieht. Diese duftenden Lauben wollen ein liebendes Gespräch, diese reizenden Irrgänge wollen eine Bedeutung. – Ach! vielleicht trennt nur ein blühendes Gebüsch, ein leichter Pfad den Gegenstand von mir, der es würdig wäre, meine Gefühle zu theilen! vielleicht wandelt auch er allein, mit dem schönen, unbefriedigten Herzen, erstaunt, die todte Natur so lebendig, und die lebendige Welt so todt zu finden! Er weiß es nicht, dass die, welche einzig ihn verstehen kann, so nahe bei ihm ist; er flieht das Glück, das er sucht – ein schadenfroher Dämon führt ihn ewig bei mir vorbei!
Vorlage S. 41
25
Du lächelst über meine Schwärmereien, Julie, aber lass mir sie, die allein mir Bürge sind, dass ich noch glücklich sein kann. Glücklich ist der Mensch nur in seinem Gefühl. Er kann zufrieden sein, mit sich, mit der Welt, durch Vernunft, durch reine Würdigung der Dinge – aber jene göttlichen Momente, wo der schöne Eindruck nur Bilder und keine Begriffe in uns erweckt, jene Augenblicke voll Unendlichkeit die wir undeutlich nennen, weil die Sprache für sie zu arm ist – diese liegen nur in unserm Gefühl. Zu lange, o! zu lange hat mein Sinn an den Reizen einer zufälligen Umgebung gehangen, zu lange habe ich unter den Freuden des Lebens mit kalter Ueberlegung gewählt, ich möchte nicht mehr wählen, ich möchte hingerissen sein. Die Seligkeit, die in dem Tausch der Seelen, in dem Gedanken liegt, die Welt in einem fremden Herzen schöner zu genießen, diese süße Trunkenheit der Gefühle, warum versagt sie mir das Schicksal, nur mir allein? – In früher Jugend stand das Bild eines solchen Glücks lebhaft vor meiner Seele; Jahre lang schien es verschwunden zu sein, aber jetzt stellen Einsamkeit und Phantasie es mir mit neuen Reizen dar. Soll ich sterben, ohne je geliebt zu haben? und habe ich dies Glück nicht durch eigene Schuld verscherzt? – Wenn dies so ist, Julie, so werde ich ewig über mein Geschick trauern müssen, ohne deshalb unzufrieden mit mir selbst sein zu können, denn die Gründe meiner Handlungen konnten irrig sein, aber unrecht waren sie nicht. – Damals als ich mit Albret bekannt wurde, warst Du nicht bei mir, und ich glaube dass ich jene Tage mit Recht für den Zeitpunkt halten kann, wo Du in Deinem ganzen Leben den wenigsten Anteil an mir genommen hast. Es war unsre erste Trennung. Du reis'test mit Deinem jungen, kaum zum Gatten gewordnen, Liebhaber nach Deinem neuen Wohnorte, und natürlich dass Dir da im ersten süßen Rausch einer ganz aus Liebe geschloßnen Verbindung, wohl wenig Zeit, an Deine Freundin zu denken, übrig blieb. Es hat mir, die gerade in diesen Momenten fester an Dir hing, als je, manche Träne gekostet; desto erfreulicher ist mir jetzt der Gedanke, dass eine Zuneigung, welche dieser Klippe, der gefährlichsten, die weiblicher Freundschaft drohet, zu trotzen wusste, auf der ganzen Reise des Lebens keinen Schiffbruch mehr zu besorgen hat. Ich blieb allein, und bemerkte zum erstenmal, nicht ohne Befremdung, dass unsre Denkungsart nichts weniger als gleichförmig sei. Ich dachte mir Dich als unaussprechlich glücklich, und grämte mich recht sehr, dass ich es auf Deinem Wege nicht sein und nie werden zu können glaubte. Ich hielt Dich für besser, weil Du glücklicher warest, und glaubte fast, ich verdiene von Dir vergessen zu sein. Unser gemeinschaftlicher Freund, der redliche Brenda, besuchte mich oft, und suchte mir Deine Abwesenheit vergessen zu machen, aber es wollte ihm nie recht gelingen. Er schien sich immer fester an mich zu ketten, und auch ich glaubte Neigung für ihn zu fühlen, – vielleicht nur, weil Du mir gesagt hattest, dass Du es wünschtest. Aber diese Neigung erfüllte mein Herz nicht so sehr, dass darinnen nicht tausend Phantasieen noch Raum gefunden hätten. Es war mir süß, wenn ich an die Zukunft dachte, wie Kinder bei halbgeschloßnen Augen, eine Menge rosiger, goldner, verworrner Gestalten vor mir hinschweben zu sehen. Ich konnte mir das Leben unmöglich wie einen geraden, offnen Weg denken, wo man schon beim Eintritt das Ende übersehen kann; vielmehr liebte ich mir einen, verschlungenen seltsamen Pfad voll romantischer Stellen und wechselnden Lichts zu träumen. Unser Freund, das wusste ich, war für diese Ideen nicht gestimmt, sie betrübten ihn sogar und verursachten manches Missverständnis zwischen uns; demohngeachtet blieb er der einzige Gegenstand meiner jugendlichen Anhänglichkeit. – Jetzt kam Albret in unsre Stadt. Sein erster Anblick machte einen tiefen aber unangenehmen Eindruck auf mich. Zwar konnte er, obgleich nicht mehr jung, mit allem Recht auf den Namen eines schönen Mannes Anspruch machen, aber in seinen Zügen war etwas so zerstörtes, gewaltsames, willkührliches, das allen den sanften fröhlichen Bildern, die ich mir von Liebe und Lebensgenuß gezeichnet hatte, grausam Hohn zu sprechen schien. Mein Vater hatte viel Geschäfte für ihn zu besorgen, er sagte mir, dass er ihn schon ehedem, auf Reisen an verschiednen Orten kennen gelernt hätte, und hegte von seinem Charakter eine eben so hohe Meinung, wie von seinen Reichthümern. Ich sah ihn oft, und lernte ihn nie kennen; denn er hatte in seinem Wesen etwas so entfernendes, willkührliches und planmäßiges, dass es mir nicht möglich war, etwas anders, als dass er unergründlich sei, von ihm zu wissen. Indessen übte die Reife seiner Urteile, und die Sicherheit, der Gleichmuth seines Betragens über meinen Verstand eine stille Gewalt aus, ohne dass die Kluft, welche die Verschiedenheit unserer Gefühle zwischen uns legte, dadurch ausgefüllt worden wäre. – In jener Zeit sah ich meinen Vater von einer, mir unbekannten Unruhe gequält; sein Betragen gegen mich ward weicher und zärtlicher als je, und wenn er mich betrachtete, traten ihm oft die Tränen in die Augen. Einst kam er zu mir – ich sehe es noch, wie er vor mir stand – die ganze ehrwürdige, alternde Gestalt, Ausdruck des Kummers, und der schöne Zug reiner Güte in seinem Gesicht, mit Rührung und Unruhe vermischt. – »Mein Kind, sagte er, Unglücksfälle haben unser kleines Glück vernichtet; mein Vermögen ist verlohren, und auch selbst dies kleine Eigenthum, worinnen wir bis jetzt frei und zufrieden lebten, müssen wir verlassen. Ich zittre nicht für die wenigen Tage, die ich noch zu durchleben habe, aber dein Schicksal bricht mir das Herz. Die Umstände vergönnten mir nicht, dir eine Erziehung zu geben, welche die, in dir vielleicht schlummernden Talente hätte gehörig entwickeln können, damit du jetzt in ihrer Ausbildung Mittel zu einem leichten und anständigen Unterhalt finden möchtest. Aber du lebtest bis jetzt in freien, sorgenlosen Verhältnissen, und dein eignes Wesen ist mehr für Freiheit als Dienstschaft gemacht; du giebst lieber als du empfängst, und du kannst nur glücklich sein, wenn es in deiner Macht steht, glücklich zu machen. Was sollen dir diese Eigenschaften, die dein Schmuck sein würden, wenn du reich wärest, in deiner nunmehrigen Lage? wie wirst du, armes Kind, nun die Dienstbarkeit, das Eingeschränkte, Kümmerliche ertragen können?« – Ich war betroffen, denn ich hatte, leichtgesinnt wie eine freie, unverkümmerte Jugend immer ist, nie an die Quellen meines sorgenfreien Lebens und also auch nie an ihre Versiechung gedacht, und fühlte jetzt mit Erröthen, dass ich wirklich sogleich kein Mittel wusste, die Sorge für meine Erhaltung selbst zu übernehmen. Indessen kam mir das alles nicht so grausend vor, wie meinem Vater, und tröstend sagte ich ihm: Nein! bester Vater, wir werden nicht ganz unglücklich sein! es werden mir Mittel einfallen, ich werde Aussichten finden – – Es hat sich eine gefunden, sprach er wieder, und wenn es dir möglich ist, dieser zu folgen, so bittet dich dein Vater, thue es! Albret verlangt deine Hand; er wird dir ein heitres, genußvolles Leben, deinem Vater ein sichres, sorgenfreies Auskommen verschaffen. Du wirst von Einem Menschen abhängen, aber in übrigen frei sein. Bedenke, wie selten Liebe allein eine ehliche Verbindung schließt, wie selten vorzüglich ein Weib in ihrer abhängigen Lage darauf Anspruch machen kann! bedenke, dass du Bedürfnisse und Wünsche hast, welche ein freies, nicht von ängstlichen Sorgen bekümmertes Leben verlangen, und dass jene Freiheit, welche uns in den Stand setzt, den äussern Verhältnissen, mehr und mehr eine selbstbeliebige Form zu geben, am leichtesten durch Reichthum erreicht wird. Ich verlasse dich jetzt; aber Albret verlangt schnelle und entscheidende Antwort; bedenke dass die Ruhe deines Vaters davon abhängt.
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Und so, Julie – denn mein Herz wiederstand dem bittenden Vater nicht, und ich hielt es für verdienstlich das dunkle, traurige Gesicht zu überwinden, welches mich von dieser Verbindung zurückzuziehen schien – ward ich in wenig Tagen Albrets Gattin, denn er verlangte die schnelle Vollziehung unsrer Verbindung mit einem Eifer, den ich für wahre herzliche Liebe zu mir nahm. – Ach! dies war es nicht! ganz andre Wünsche, andre Zwecke fesselten ihn an ferne, mir unbekannte Gegenstände und zogen ihn in andre Gegenden, und unsre Verheirathung ward nur darum so beschleunigt, damit er sogleich nach seinen, bei Florenz gelegnen Gütern reisen konnte, wohin ihn ein heftiges Verlangen trieb. Die allen meinen Wünschen zuvorkommende Artigkeit meines Gatten, tröstete mich anfangs über den Mangel an Vertrauen und Herzlichkeit, welchen ich nur allzubald fühlte, und ich schmeichelte mir mit der Hoffnung, ihm durch mein Betragen sein Zutrauen abzugewinnen und selbst an seinem Wesen, vielleicht manches umändern zu können – und erst dann, als ich wahrgenommen, dass er mich zu wenig achtete, um mir seine Geheimnisse mitzutheilen, ja, dass er mich oft als Mittel zu mir unbekannter Absichten brauchte, ist diese Hofnung gänzlich von mir gewichen. Bald nach unsrer Trauung ward mein Vater gefährlich krank, und ich bemerkte mit tiefem Schmerz, dass Albrets Bekümmerniß, mehr dem Verdruss, unsre Reise verzögert zu sehn, als dem Anteil an dem geliebten Alten zuzuschreiben war.
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Er starb, der zärtlichste der Väter, dem in der liebenden Brust seines Kindes, ein stilles aber unvergängliches Denkmal seiner Herzensgüte und seiner Liebe zurückgeblieben ist. – Mit aller Mühe konnte ich Albrets Einwilligung zu einer Reise zu Dir nicht erlangen, und nur dass er selbst sich gezwungen sah, noch einige notwendige Geschäfte abzuthun, bestimmten ihn endlich dazu. Da kam ich zu Dir, meine Julie, mit allen meinen Leiden, meinen Sorgen, meinem Wahn und meinen Hoffnungen. Unsre Herzen fanden sich bald wieder; Deine heitre Stimmung theilte sich mir unvermerkt wieder mit, und Deine ruhige Vorstellungsweise half mir an meiner Lage manche neue, angenehme Seite entdecken. Doch gestehe ich Dir auch, Julie, dass ich Dich oft beneidete, wenn ich Dich traulich an der Seite eines Mannes sah, mit dem Dich nur Neigung verbunden hatte. Eure Thorheiten kamen mir zuweilen belachenswerth vor, ich schalt Dich damals oft, wegen Deiner gänzlichen Hingebung, der sorglosen Nachlässigkeit Deines Betragens, aber ich fand Dich glücklich. In euren kleinen Zänkereien selbst, die oft entstanden, weil ihr euch einander ganz ohne allen Schein, alle Verstellung zeigtet, lag etwas, das mit gefiel. Die Erinnerung an eure Liebe vereinigte euch bald von neuem, und die stille Harmonie eurer Herzen hielt das Band fest, das Leichtsinn und Laune umsonst zu zerreissen drohten. Vielleicht verschönerte sich Dein Glück in meiner Phantasie, aber ich gestehe dies, so oft ich daran dachte, ward ich traurig, und fühlte es mit schmerzlicher Lebhaftigkeit, dass Harmonie sich nicht erkünsteln lässt.
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Diese bei Dir verlebte Zeit hatte mir jedoch dazu verholfen, dass ich die Reise nach Florenz nun mit neuem Muth und neuer Lebenslust antreten konnte. Der Schmerz über den Verlust meines Vaters war gemildert; vorige Träume und Wünsche kehrten zurück, und die Phantasie stellte meinem neu auflebenden, ahnungsvollen Herzen in die Ferne manches reizende Gemälde hin. Mit Vergnügen erinnere ich mich noch jetzt der ersten Tage unsrer Reise. Der volle Farbenschimmer des Herbstes war über die Gegend verbreitet, kleine Büsche wallten goldnen Locken ähnlich, die Hügel hinab; weisse Gewebe flogen über den Boden, und der Himmel war in zarte silberne Dünste gehüllt. Nie bin ich heitrer gewesen, als da, habe nie freier, jugendlicher gefühlt, nie der Tage, die mich erwarteten, mit froherer Zuversicht entgegen gesehn. An den Gedanken, die Welt zu sehen, knüpfte sich alles, was Phantasie, Hang zum Vergnügen und Verlangen nach reiferen Begriffen sich nur wunderbares, liebliches und belehrendes zu denken vermögen.
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Doch so blieb es nicht lange. Ich dachte oft an Dich, meine gute Julie, und nie hab' ich Dich schmerzlicher vermisst, nie hat mir ein theilnehmendes Herz so sehr gefehlt, als wenn wir durch neue bezaubernde Gegenden kamen – Gegenden, bei denen ich, obgleich an die liebliche Hoheit meiner vaterländischen Ansichten gewöhnt, in ein tiefes, wonnevolles Staunen gerieth – und Albret bei allem ganz kalt blieb, und meine Entzückungen beinah verächtlich belächelte. Immer schien sein Sinn mit Ungeduld in die Zukunft zu streben; die meiste Zeit war er still und in sich gekehrt, und nie gieng ihm die Reise schnell genug. Ich suchte alles hervor, was mich über sein Betragen trösten konnte, und gewiss habe ich viele frohe, sehr frohe Momente gehabt. Viel jugendliche Träume, viel Wünsche sind mir erfüllt worden, ich war oft glücklich, nur mein Herz war nie hingerissen, nie befriedigt! Und Julie! sollte ich vielleicht diesen Träumen nicht einmal nachhängen? – aber warum erinnert mich denn Alles daran, dass Liebe das höchste Glück des Lebens ist, warum muss ich allenthalben sehn, wie sie die niedrigste Lage veredeln, und der Dürftigkeit und Abgeschiedenheit selbst ein zauberisches, beneidenswerthes Ansehen leiht? – Meine Fenster gehen auf der einen Seite in einen benachbarten Garten, den ein Gärtner mit ein paar jungen Töchtern bewohnt. Die Welt wird wohl nie ihren Namen nennen, niemand als die nächsten Nachbarn kennen sie, ihr Anzug, ihre Beschäftigungen verrathen ihren Mangel an allen Gütern des Glücks, aber die Liebe hat sich ihrer angenommen. Bei frühem Morgen, wenn noch alles schläft, schleicht die eine von ihnen an die Planke, und öfnet leise die Thüre. Unruhig erwartend geht sie auf und ab, und fährt bei jedem Geräusch zusammen, das der Morgenwind an der halbofnen Thüre macht. Bald erscheint ein junger wohlgebildeter Mann, sie hüpft ihm entgegen – sie sind so jugendlich, so froh, und sie genießt in diesen Augenblicken die reichste Entschädigung für alles, was ihr die Laune des Glücks versagte! ich gestehe Dir, dass ich ihre frohen Unterhaltungen schon öfter mit dem höchsten Interesse belauscht habe – doch hinter der Jalousie, damit mein Anblick ihre Freude nicht störte.
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Fünfter Brief
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Amanda an Julien
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Dies kleine, niedliche Städtchen gefällt mir mit jedem Tage mehr. Das ruhige Leben welches ich hier führe, lässt mich meinen Träumen ungestört nachhängen, und mildert manches traurige Bild, das sich mir, als ich im Geräusch lebte, sehr oft, mit schreienden Farben und bitterm Contrast unerwartet darstellte. Hier ist alles was mich umgiebt, Luft, Gegend, Frühling, in ein weiches Colorit getaucht, und unvermerkt verschmelzen hier auch die Bilder meiner Gedanken, traurige und fröhliche, in ein mildes, übereinstimmendes Ganze. Könnte ich nur diese Sehnsucht nach einem verwandten Wesen, nach jener, vielleicht nur erträumten Seelenharmonie, die mich jetzt oft lebhafter als je ergreift, könnte ich nur diese vergessen, so würde ich ganz glücklich sein. Ich seh' es ein, dass mir so vieles ward von dem, was die Wünsche des Menschen reizt. In der Blüthe der Jahre, in der vollen Kraft der Gesundheit gewährte mir ein günstiges Schicksal so manche fröhliche Genüsse, schöne Beziehungen des Lebens, die Andre unter ewigen Wünschen, unter Sorgen und Gram erst spät, viele nie erreichen. Frei und ohne mein Sorgen bieten sich mir alle Mittel dar, das Leben zu genießen, warum fehlt mir doch oft der Sinn dafür? Warum fliegen alle meine Wünsche unauf- haltbar dem Einen nach, was mir fehlt, da mich das Mannigfaltige, was ich besitze, genug beschäftigen könnte? – Ja, ich will allein sein, meine Julie! – ist es denn so unmöglich, dass ein Weib sich selbst genug sein kann? – sind unsre Herzen durchaus dazu geschaffen, in einem einzigen Gefühl die ganze Welt zu genießen, und warum sollten wir dies Gefühl nicht über die ganze Welt verbreiten können? – Wenn ich die Liebe, die ich ungetheilt im Herzen verschließe, auf viele Gegenstände übertrage, wenn ich einzeln und zerstreut die schönen Blumen breche, die das Schicksal nun einmal nicht für mich in einen Straus zusammenband, werde ich da nicht glücklich sein?
Vorlage S. 62
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Ich habe, seitdem ich mich in dieser Stimmung zu erhalten suche, schon viele frohe Augenblicke gehabt. Kaum sind es einige Wochen, seit ich hier bin, und dennoch seh' ich mich bereits mit einer Innigkeit geliebt, die mir nichts mehr zu wünschen übrig lässt. Mein Liebhaber ist ein wunderliches Geschöpf, das jede Stimmung willig von mir annimmt und sich ganz davon beherrschen lässt, ohne sich im geringsten darum zu bekümmern, ob er mich dagegen auch beherrscht, und ohne deshalb von seiner Originalität zu verlieren, der, ob er gleich das sinnlichste Wesen von der Welt ist, bei stundenlangem Alleinsein, auch die Eifersucht selbst nicht zum leisesten Mißvergnügen reizen würde, der mich ungestört meinen Launen nachhängen lässt und mich nie um meine Geheimnisse fragt. – Willst Du diesen seltnen Liebhaber, ohne Herrschsucht, voll Unschuld und Bescheidenheit näher kennen lernen, so sage ich Dir, dass es ein kleiner, sieben oder achtjähriger Knabe ist, der meiner Wirthin angehört. Das Kind hat etwas edles, bedeutendes in seinem Wesen, das ich unbeschreiblich anziehend finde. In den ersten Tagen meines Hierseins traf ich ihn meist auf der Hausflur, wo er mit einem zahmen Vogel spielte, den er immer mit sich herum trug, und ausserordentlich zu lieben schien. Lange konnte ich ihm keine Rede abgewinnen, und nur dadurch, dass ich seinem kleinen Liebling alle Tage eine Handvoll Körner brachte, und auf ihn gar nicht zu achten schien, erwarb ich mir sein Zutrauen. Seitdem bringt er den größten Theil des Tages bei mir zu, und die Aussicht etwas zur Verschönerung seines innern und äussern Lebens beitragen zu können, ist mir unbeschreiblich angenehm. – Ach! warum kann Albret dies Vergnügen nicht theilen! wie unglücklich ist das Herz, das sich so unschuldigen Gefühlen nicht hin zu geben wagt! Albret traf den Kleinen auf meinem Zimmer, und sein liebenswürdiges Wesen schien auch seine Aufmerksamkeit zu erregen. Er betrachtete ihn – beinah wohlwollend, spielte mit ihm – ja er war, wie ich ihn noch nie gesehen. Aber unerwartet schien ein schneller Unwille gegen das Kind in ihm rege zu werden; er bat mich, ihn zu entfernen, wunderte sich über meine Gedult mit dem unartigen Knaben, und sagte so viel Hartes und unfreundliches über ihn, dass Wilhelm – so heißt der Kleine – scheu aus dem Zimmer sprang. Ist diese, so oft hervorbrechende Bitterkeit Werk der Natur, oder ist sie das Symptom eines vom Schicksal oder Menschen tief gekränkten Herzens?-O! dass ich das letzte glauben dürfte, wie gern wollte ich theilen, was auf diesem Herzen lastete! – Aber umsonst suche ich mir sein Vertrauen zu erwerben; er verschmäht den Anteil, den ihm jetzt freilich nur mein Blick noch zu zeigen wagt!
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Aber wie mild doch jede Naturscene die Seele zu stimmen, und über das harte Gemälde des Menschenlebens ein weiches, geistiges Colorit zu hauchen vermag! – ich stand am Fenster, und meine Blicke tauchten sich träumend in die nächtliche Gegend hin. Ueber den Bergen erhob sich ein wankender Schein, der sich immer weiter und weiter verbreitete. Das Schweigen der Lüfte, die feierliche Erwartung der Natur, des Himmels wachsender Glanz, verkündete die nahende Erscheinung einer Gottheit. – Und nun stieg sie herauf, im Glanz gehüllt, die Beherrscherin der Nacht, und ein silbernes Licht strömte aus ihren Augen über die dunkle Erde hin. In Träume aufgelößt, und von dem langen Wiegenlied der Grillen in tiefe Selbstvergessenheit gesungen, sah ich dem leichten Tanz der Wolken um unsern Erdkreis zu, und überließ mich ganz dem Genuss einer unbestimmten, ahnungsvollen, freundlichen Schwärmerei, die eigentlich nur das Eigenthum der frühen Jugend ist. O! wer sollte nicht wünschen, dass es möglich wäre, in diesem Blüthenraum der Jugend, wo die Zukunft wie ein Feenland vor uns liegt, und ein ewiges Morgenroth der Hoffnung unsre Aussicht bekränzt, das ganze flüchtige Leben wegträumen zu können? Warum treibt der scharfe Hauch der Zeit uns so schnell aus diesen Blumenthälern hinweg, wohin kein Weg zurückführt? – Die Fähigkeit zu allen süßen, allen traurigen Empfindungen ruht in der Kindheit noch unentwickelt in dem kleinen Herzen, und es empfindet da bei der einfachsten Veranlassung noch ungetheilt, alles, was es jemals, vertheilt, bei den mannigfaltigsten Eindrücken zu fühlen vermag. Jedes Bild tritt neu und ungetrübt vor die jugendliche Phantasie, und der lebendige Eindruck ergießt sich mit sanfter Gewalt durch alle Saiten des erwachenden Gefühls. Deshalb umfasst es die kleine Welt, die es umgibt, mit einer Innigkeit, die sich nicht durch Worte ausdrücken kann. Die liebliche Magie der Unerfahrenheit überwebt Ursprung und Ende jeder schönen Empfindung wie mit einer Wolke, dass sie auf einmal in ihrer ganzen Fülle dasteht, unbegreiflich und mächtig wie das Erscheinen einer Gottheit. Dies alles verschwindet, wenn der reifer gewordne Verstand, nun heller um sich schaut, und den leisen Gang der Eindrücke die das Saitenspiel des Herzens bewegen, zu verfolgen vermag. – Aber, Julie, giebt es keine Zeit im Leben, wo diese jugendliche Begeisterung in ihrer ganzen Stärke und Einheit, nur noch inniger, schöner, heiliger zurückkehrt? und welche Zeit kann dies anders sein, als die, wo wir lieben? – O! Julie, dies Bild wird ewig, wie ein verlornes Paradies, vor meiner Seele schweben!
Vorlage S. 68
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Ich habe bis jetzt wenig gelesen; in frühen Jahren lernte ich nur wenige, meist unterrichtende Bücher kennen, und Bücher zärtlichen Inhalts blieben mir fast ganz fremd. – Jetzt lese ich, unter andern, für mich neue Schriften, auch zum erstenmal Rouseau' s Briefe zweier Liebenden. Was ich empfinde bei manchem von Juliens Briefen – denn nur sie, sie nur liebt, nicht St. Preux – vermag ich nicht, Dir zu beschreiben. So, denke ich, könnte ich auch lieben, und seufze über das Geschick, das mir Alles gab, ausser dem Einen und in dem Einen mir alles versagte.
Vorlage S. 71
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Sechster Brief
Vorlage S. 73
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Eduard an Barton
Vorlage S. 73
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Nicht immer, mein Freund, fühle ich mich so glücklich als an dem Tage wo ich Dir zuletzt schrieb. Unruhe überfällt mich zuweilen, und treibt mich rastlos umher. Vergebens rauschen die muntern Freuden des Lebens dann an mir vorüber; ihr schmeichelnder Fittig weckt die Sehnsucht meines Herzes nicht. Und doch ist die jugendliche Glut des Geistes nicht im mindesten erloschen; vielmehr umfasse ich die Gegenstände stärker, inniger, obgleich seltner. Oft dünkt es mich, als fehlte mir ein hellerer Aufblick in die eigentliche Oeconomie des Lebens, und das Gemälde menschlicher Wünsche und Handlungen wirkt in gewissen Augenblicken verworren und drückend auf meinen Geist. Es ist mir, als stünde ich noch unter den Uneingeweihten, als fehlte mir noch das Wort, der Aufschluß, die mir das Räthsel des Lebens und der Welt erklären sollten. Sehe ich dann einen Mann, mit verständigem, bestimmten Gesicht, wo Leidenschaften geherrscht, aber nicht verwüstet haben, der das freie Spiel der Unterhaltung nicht mit seinen Ideen gewaltsam beherrschen will, sondern es geschickt, und wie wir gern es mögen, zu lenken weis; so fühl' ich mich sanft zu ihm hingezogen, und möcht' ihn bitten: »o Du! der Du die geheimen Irrgänge des Herzens beobachtetest und selbst durchwandeltest, ihre Erscheinungen auf dem großen Schauplatz des tätigen Lebens zu erkennen und zu würdigen weißt, o schließe den Reichthum Deiner Erfahrungen vor mir auf, und befriedige meine ungeduldige Sehnsucht!« – denn was kann wohl schöner sein, Barton, als in dem vorüberrauschenden Strom des Lebens, wo so viele nur ein wildes Spiel der Wogen sehen, eine hohe Harmonie zu vernehmen, und mit geläuterten Sinnen die schönen Töne des Gefühls zu unterscheiden, die aus dem todten Stoff der Umstände lebendig hervorquellen? Wer dies vermag, dem kann es dann auch gelingen, die bunten Gaukeleien des Zufalls nach seinem Gefallen zu ordnen, und dem verwornen Stoff eine bestimmte Form zu geben. Mit schöpferrischer Hand drückt er selbst der todten Natur Spuren eines freien, denkenden Wesens ein, und in Stunden ernster Begeisterung gehen die ewigen Zwecke des Lebens faßlich und rein seiner Seele vorüber.
Vorlage S. 73
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Meine Hoffnung ist auf die Zeit gerichtet, wo mein Vater seine, mir zum Theil noch unbekannte Pläne mit mir, ausführen will, auf die Zeit, wo mich vielleicht eine andere Hemisphäre aufnehmen und mit ihren Wundern erfreuen wird. Diese Idee, die ich freilich nur ahne, ist meine Geliebte, die mich durch ihr zauberisches Halbdunkel unaufhörlich reizt, und anzieht; und ich bitte Dich, mein Freund, wenn Du etwas beitragen kannst, mich diesem Ziel näher zu bringen, so thue es, und mache Deinen Eduard sobald als möglich glücklich.
Vorlage S. 76
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Ich komme eben von einem weiten Spaziergang zurück, und weihe Dir noch die letzten Augenblicke dieses Tages. – Neues Leben regt sich durch die Natur; ein frisches Grün breitet sich über den Grund, die Bäume schwellen von junger Lebenskraft. Mit welcher Lust sah ich, als ich die bekannten Höhen hinaufstieg, den Raum unter mir, immer mehr an Leben und Mannigfaltigkeit gewinnen! – Wäre es doch möglich, dachte ich, so immer höher zu steigen, und dann, in heiliger Einsamkeit, die ganze Erde, ihren einfachen Gesetzen gemäß, dahin wandeln zu sehen, dann immer weiter den unersättlichen Durst nach Wissen zu folgen, und den Sonnen und Sternen ihre ewigen Geheimnisse abzulauschen! – Ach! dass es einen Punkt giebt, wo alles in Nebel verschwindet, wo der Blick des menschlichen Auges, des äussern und innern, traurig an der Gränze haftet, welche eine unbegreifliche Macht seiner durstigen Wißbegier vorschob! – Hier, wo sonst alles in der Natur den Zweck erreichen kann, zu dem seine innern Kräfte es bestimmen, wo alles in friedlicher Notwendigkeit die beschriebene Bahn durchläuft, wo für jedes Bedürfnis des sichern Instinkts gesorgt ist; was soll hier des Menschen freier, unauslöschlicher Durst, nach Wissen, der nie befriedigt wird, und ihn gleichwol zwingt, lieber, ewig unbefriedigt, vor der geheimnißvollen lezten Ursache alles Lebens, aller Wirkung stehen zu bleiben, ehe er, mit den Erscheinungen zufrieden, ruhig den kurzen Traum des Erdenlebens genießt? – Und doch, mein Barton, wäre der Streit über unser eignes Wesen entschieden, der geheimnißvolle Schleier der Natur zerrissen; so wäre ein Stillstand aller Tätigkeit, alles Strebens in uns. Ewig müssen wir suchen, indeß ein jeder das Geheimnis seines Wesens und seiner Hoffnungen, unerkannt und ahnungsvoll in seinem eigenen Busen trägt. Lebe wohl. Morgen reise ich nach dem Landgut des Herrn von W * *, wo er eine vorzügliche Sammlung phisikalischer Instrumente aufbewahrt, und wo ich mir für meinen Geist reichlichen Genuss verschaffen darf.
Vorlage S. 76
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Siebenter Brief
Vorlage S. 80
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Amanda an Julien
Vorlage S. 80
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Ein guter Genius hat mir seit einigen Wochen die angenehmste Gefährtin zugeführt – und dass ich Dir so lange nicht schrieb, ist wol der stärkste Beweiß, wie anziehend sie mich beschäftigt. Sie ist ein leichtes zierliches Wesen, das gleich den Schmetterlingen nur auf Blumen verweilt, und ohne sich zu verletzen, den Dornen des Lebens vorüber flattert; eine immer fröhliche Laune, und das glücklichste Talent, allenthalben das Angenehme leicht und sicher herauszufinden, scheint sie in jede Lage zu begleiten. Ein solcher Umgang ist gewiss ein großer Schatz für Menschen, die, gleich mir, noch unruhig und strebend, oft das Gute verschmähen, weil sie nach dem Vollkommenen schmachten. – Nanette Sensy – dies ist der Name meiner neuen Freundin – lebte nur wenige Tage in der Ehe, die bloß Convenienz geschlossen hatte, und ist jetzt Wittwe. Der Wunsch, einige vormalige Bekannte wieder zu sehen, führte sie hieher ins Bad, wo es ihr nun sehr zu gefallen scheint. Ich sah sie zum erstenmal auf einem Ball. Wir waren beide fremd, hatten uns durch ein Spiel des Zufalls auf gleiche Art gekleidet, fanden, dass wir in der Gestalt viel Aehnliches hatten, und dies alles – Du weist, dass solche kleine Umstände oft ein Band knüpfen können – beredete uns, dass wir einander mehr als den Uebrigen angehörten. Sie kam mir mit der angenehmsten Art von der Welt entgegen, und zeigte in Allem was sie sagte und that, etwas so unbefangenes und dabei so vollendetes, dass ich gleich sehr lebhaft für sie eingenommen ward, und ihren Umgang eifrig zu suchen beschloss. Seitdem sehen wir uns täglich, und sie hat mich dazu vermogt, – was ich bis jetzt nicht habe tun mögen, – unter der, hier immer mehr anströmenden Menge von Fremden mehrere Bekanntschaften zu machen, und an ihrer Seite herum zu schwärmen. Aber die liebsten Stunden, sind mir die, welche ich mit Nanetten allein zubringe. Es giebt so vieles aus unserm vergangnen Leben, was wir uns gern mittheilen mögen, und Nanette hat eine so harmlose, leichte Art, die Dinge zu betrachten, dass ich, seit diese Silphide mich umgaukelt, meine jugendliche Heiterkeit ganz zurückkehren fühle. Wie sehr können zwei weibliche Wesen sich gegenseitig beglücken, bei ihrer zarten Empfindung, dem leisen Errathen, der schnellen, reizbaren Phantasie, die ihnen eigen ist, wenn sie nur standhaft alle Eifersucht von sich entfernt zu halten wissen! – Da wir häufig das Freie suchen, so haben wir die Gegend umher schon ziemlich genau kennen lernen, und wir sind bei unsern kleinen Ausflügen stets äusserst froh. Ueberlaß ich mich in manchen Augenblicken zu sehr den Lockungen einer schwermüthigen Träumerei, so weiß sie meine Blicke immer sehr glücklich auf die angenehmen Seiten meines Lebens zu lenken, oder sie neckt mich auch wol, und zerstreut mich, indem sie mit Laune und Feinheit, meine Empfindlichkeit rege macht. Eine Scene, die gestern vorfiel, muss ich Dir schildern, denn ich weiß, Du liebst das idyllenhafte – und der ganze Tag ist wol einer Beschreibung werth. Es war ein liebliches Wetter; die Luft athmete so warm, so wohlthuend, dass Alles ihren Einfluss fühlte. Meine Gärtnermädchen sangen mit frühem Morgen, Frühlingslieder, und selbst ein paar wilde, junge Menschen, die nicht weit von mir wohnen, waren aus ihrer Fühllosigkeit erwacht, und stimmtem ihre rauhen Töne zu sanften Gesängen um. Wir fühlten uns ungewöhnlich heiter, und Nanette schlug vor, die Familie eines Pächters zu besuchen, die sie auf ihrer Reise zufälligerweise hatte kennen lernen, und die in einer vorzüglich schönen, selten besuchten Gegend wohnen sollte. Bald war alles in Ordnung; wir nahmen Wilhelm mit uns, und es war uns dreien recht herzlich wohl. Wir fuhren seitwärts durch die Gebirge in ein freundliches Thal; die waldigen Höhen wichen immer mehr zurück, und bekränzten zuletzt nur noch in weiter Entfernung die lieblichste Ebene, die je dem Auge gelacht. Eine Menge zierlicher Dörfer sahen munter und anmuthsvoll aus ihren blühenden Gärten hervor; weite Saatfelder säuselten in grünen Wogen vorüber, trauliche Gruppen von Bäumen bekränzten kleine spiegelhelle Seen, oder wölbten sich über schnelle, lautmurmelnde Bäche. Wir freuten uns der mahlerischen Krümmungen, an denen uns unser Weg durch viele Dörfer und Büsche führte, und priesen die Reise durchs Leben, welche eben so sanft abweichend und abwechselnd zum Ziele führt. Es war Mittag als wir ankamen; ich fand, ein schönes, reinliches Landhaus, worinnen alles Ordnung, Betriebsamkeit und Fröhlichkeit athmete, und eine schlanke, weibliche Gestalt, mit Vergißmeinnichtaugen uns zuerst bewillkommte. Sie sagte uns bald, unaufgefodert, dass sie die Braut eines von den Söhnen des Hauses sei, mit dem sie in wenig Tagen getraut werden würde. Sie schien sich schon ganz als ein Mitglied der Familie zu betrachten, auf nichts bedacht zu sein, als alle Geschäfte in dem Sinn derselben zu verrichten, und ihr ganzes Wesen zeigte den Ausdruck einer muntern, ruhigen Aufmerksamkeit. Bald kamen auch die Uebrigen herbei, die durch unsern Besuch überrascht, aber nicht im mindesten verlegen waren. Es war eine sehr zahlreiche Familie von sehr verschiedenem Alter und Ansehen; alle schienen mit ihrer Lage zufrieden, und die Reden der Alten waren so vollwichtig und gediegen, wie die schweren, silbernen Löffel, die uns an der wohlbesetzten Tafel gereicht wurden. Nach Tische giengen wir in den Garten, der etwas erhöht, die Aussicht über das ganze Dorf gewährte. Eine warme, fühlbare Luft trug uns auf ihren schmeichelnden Flügeln die würzigen Düfte tausend blühender Pflanzen und Bäume entgegen. Mein Herz bebte in wunderbarer Rührung, von Vergnügen und Wünschen getheilt. Hier der trauliche Schatten, hoher, wehender Bäume, der sichtbar Kühlung verbreitete – dort das blühende, fröhliche Weib, das sorgenlos spielend mit ihrem Kind auf dem Arm, in der kleinen Thür stand – die hohe Linde am Kirchhof, die ihre Schatten und Blätter friedlich über die Grabhügel streute – mit ihrem Korbe voll Klee die muntre Dirne, die mit raschem Gang durch die sonnige Wiese schritt – alles dies gab mir ein Bild von Unabhängigkeit und Ruhe, von heiterm, schuldlosen Lebensgenuß, und natürlicher, leichter Erfüllung aller menschlichen Pflichten, das mich innig rührte. Sind nicht, dachte ich, diese ruhigen, phantasielosen Menschen, mit ihrer heitern Luft und ihrem heitern Herzen, ihrem eingeschränkten Wissen, und ihrem eingeschränkten Wünschen, glücklicher und näher der Natur, als wir, die sie verbessern, um uns im Gebiet der Einbildung unendliche Freuden aber auch unendliche Qualen zu holen, wir, die erst nach Schmerzen und Verirrungen zu ihrer heitern Beschränktheit zurückkehren können?
Vorlage S. 80
44
Unser Wirth hatte mehrere erwachsene Söhne, die, obgleich wohl gebildet, doch bloße Landleute waren, und sich mit nichts anderm zu beschäftigen schienen, als die weitläuftige Wirthschaft ihres Vaters bestellen zu helfen. Der eine von ihnen hatte mich immer mit aufmerksamen, vergnügten Blicken angesehen; doch als beim Mahl, der Genuss des fröhlichen Weins, den alten jovialischen Vater zu etwas rohem Scherz begeistert hatte, und ich eine kleine Verstimmung, nicht verbergen konnte, war er hinweggegangen. Jetzt gieng ich einige Augenblicke allein, in einen von den schattigen Gängen, und hier kam er mir nach. Mit wahrer Feinheit, sagte er mir: »mein Vater hat ihnen nicht gefallen, aber sein sie uns darum nicht böse, ich will ihn bitten, dass er nicht wieder so spricht.« Dann trat er mir ehrerbietig aber zutraulich näher, legte seine Hand auf meinen Arm und sagte: »werden sie zürnen, wenn ich sie um einen Kuß bitte?« Sein Ton war weich und bescheiden, seine Miene ehrlich und gefühlvoll; ich zürnte nicht. Julie ich küsste ihn, und ich kann Dir sagen, dass ich ihm im Herzen recht innig wohl wollte. Er verließ mich schnell, sein Auge glänzte von reiner Freude, und wer weis, ob mein Kuß irgend jemand einen glücklicheren Moment gewähren könnte, als diesen Jüngling.
Vorlage S. 89
45
Als wir zurückfuhren glänzten die Wiesen im Abendthau, ein röthliches Licht wankte um die Gipfel des Waldes, und als dies verschwand, blickte der Mond heller durch die Gebüsche.
Vorlage S. 90
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Ich erzählte Nanetten mein kleines Abendtheuer, und sie lachte, wie ich vermuthen konnte, mich recht herzlich aus. Sie sah in dem Jüngling nichts weiter, als einen hübschen jungen Landmann, der sich in mich verliebt habe, und alles andre, was ich in ihm fand, nannte sie eine meiner gewöhnlichen Schwärmereien. Und doch liebe ich sie darum nicht minder, so wenig auch ihre Art, die Dinge anzusehen, mit der meinigen übereinstimmt. Ihr gelingt es, keinen Eindruck so stark werden zu lassen, dass er das Gleichgewicht ihres Gemüts stört, und dadurch, dass sie von Allem spricht, und Alles aus dem gefährlichen Halbdunkel der Gedanken ans Licht der Sprache hervorzieht, entwindet sie der Phantasie ihrem mächtigsten Zauber, der Deiner Amanda oft so gefährlich zu werden droht. Ja zuweilen fühle ich es recht lebhaft, wie verschieden meine Art, die Dinge anzusehen, von der euren ist. Wie vieles ängstigt und entzückt mich, wobei ihr andern ganz gleichgültig und gelassen bleibt. Dafür aber bewahrt ihr in eurem Gemüt eine gewisse Klarheit, deren ich mich nicht zu erfreuen habe; denn – was es ist, weis ich nicht – aber vieles liegt noch dunkel und ahnungsvoll in meiner Seele.
Vorlage S. 91
47
So harmlos gehen mir jetzt mehrere Tage hin, und auch Nanette versichert, dass sie sich kein bessres Leben wünscht. Freilich muss ich fürchten, dass vielleicht der Reiz der Neuheit die Flüchtige am stärksten anzieht, und dass sie, wenn dieser verloschen ist, mich leicht für eine neue Bekanntschaft hingeben könnte. Denn sagte sie nicht selbst: »mein Herz schmachtet ohne Aufhören nach Neuheit; durch sie allein wiederholen wir uns den süßen, allzuflüchtigen Traum der Jugend, wo uns alles neu ist?« –
Vorlage S. 92
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Albret sehe ich jetzt wenig; er scheint sehr beschäftigt; aber Wilhelm kömmt fast nie von meiner Seite. Herzlich erfreut mich sein dankbares Lächeln, jede freundliche Aeusserung, womit er mir die angenehmen Empfindungen, die ich ihm verschaffe lohnt, und ich würde seine Dankbarkeit ungern entbehren. Nenne dies nicht eigennützig; es ist ein so süßes, menschliches Gefühl, sich als den Schöpfer fremder Freuden betrachten zu dürfen, und von einem unschuldigen, liebevollen Herzen dafür anerkannt zu sehen; so wie es in meinen Augen eine unnatürliche Größe ist, die nahe an Bitterkeit und Härte gränzt, allein und unerkannt Gutes schaffen, und das dankbare Gefühl des Andern als überflüssig entbehren zu wollen!
Vorlage S. 93
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Achter Brief
Vorlage S. 95
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Amanda an Julien
Vorlage S. 95
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Meine Julie, ich habe neue traurige Stunden verlebt, und fast trage ich Bedenken, Dir davon zu schreiben. Denn soll ich ewig klagen? Muss ich mich nicht schämen, dass ich zum Leben zu ungeschickt bin, und dass meine Verhältnisse mir eher dunkler und schwerer werden, da sie mir leichter und klärer werden sollten? – Doch was Du auch von meinem Verstand denken magst, ich kann, ich will mich nicht gegen Dich verstellen, und finde in der Wahrheit meiner Aeusserungen einen Genuss, der das Bewusstsein, von andern für vorzüglich gehalten zu werden, mir zehnfach aufwiegt. Du kennst die weiche Stimmung worin ich jetzt bin – alle meine Briefe sprechen sie nur all zu deutlich aus. Mein Herz, das in Liebe zerschmilzt, gleicht einer reifen Frucht, die über einen Strom hängt. Bricht sie nicht irgend ein Kühner, wenn auch mit Lebensgefahr, so sinkt sie und begräbt sich in die Fluth; denn brechen muss sie. Höre – und sag selbst, wie ist es möglich, meine Wünsche mit meinen Verhältnissen in Uebereinstimmung zu bringen?
Vorlage S. 95
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Ich stand heute hinter meinen Jalousien, und bemerkte Albret in einer nahe stehenden Laube, neben ihm den kleinen Wilhelm. Er glaubte sich ungesehn, und ich sah, wie er mit einem ungewöhnlichen Ausdruck seines Gesichts, den Knaben in seinen Armen empor hielt, und ihm bewegt ins Gesicht sah. Dass dieser Kleine in irgend einer Verbindung mit ihm stehen müsse, war mir längst gewiss, und ich beschloss schnell, diesen köstlichen Moment, wo ich sein Herz bewegt, wo ich ihn menschlich, fühlend und leidend zu sehen glaubte, nicht unergriffen vorüber gehen zu lassen. – Ich eilte zu ihm hinab und lehnte mich schmeichelnd an seine Brust. »Liebster,« sagte ich, »was soll diese unselige Verschlossenheit? lass mich von diesem theuren Herzen die grausame Rinde ablösen, worunter es beinah erliegt. – Vergönne mir Theil zu nehmen an Deiner Freude und an Deinem Schmerz, und verheele nicht länger die Empfindungen, die ein treues Weib mit Dir theilen will.« – »Eben weil es ein Weib ist, verheele ich sie,« sagte er, und sah mich mit einem Blick an, als befremde es ihn, dass ich glauben könne, er leide. »Vertändle du dein Leben, Amanda, und kümmere dich nicht um ernste Dinge. Wenn ihr nur spielt, seid ihr wenigstens nicht schädlich, wenn ihr ernsthaft sein wollt, seid ihr es immer. Handle du nach Laune und überlaß es dem Mann nach Vernunft zu handeln.« – Mein Gefühl entbrannte bei diesen Worten. »Warum,« rief ich schmerzhaft aus, »wähltest du ein fühlendes Weib zur Gefährtin deines Lebens, wenn du sie nicht zu würdigen vermagst? warum bereitest du einem schuldlosen Herzen, das dich achtet, und dir Alles sein möchte, die kränkende Ueberzeugung, dass es für dich nichts sein kann? – War es recht, ein dir gleiches Wesen bloß Mittel sein zu lassen, zu Zwecken, welche du ihm nie bekannt zu machen gedachtest?« – »Wer nicht selbst Zwecke haben soll und kann, wird immer nur Mittel sein,« sagte er nun schon ganz gefasst. »Ich hoffe nicht, dass du dich über mich zu beklagen hast. Verschließt dein Herz Wünsche, so sage sie, und wenn sie nicht unmöglich sind, sollen sie sicher befriedigt werden. Nur wenn du an meiner Denkungsart zu ändern hofst, so –« Er brach hier ab, und gab mir eine beträchtliche Summe Geld, wobei er mich mit vieler Artigkeit bat, bei Gelegenheit einiger bevorstehenden Lustbarkeiten meinen Anzug so glänzend einzurichten, als ich es mit vollem Recht tun könnte. Sein Gesicht hatte sich nun ganz wieder in die feinen, verschloßnen Falten gezogen, die es gewöhnlich hat, und er verlies mich. Ich fühlte, es war vorbei; er sah meine schwimmenden Augen und konnte mich verlassen. Ich fühlte mich in diesem Augenblick ganz einsam; alle Gegenstände schienen weit von mir zurückzuweichen, und ein unermesslicher Abgrund von Leere sich neben mir zu öfnen. – Ich lies mein Mädchen ausgehen, und meine Thür blieb vor der ganzen Welt, selbst vor dem Knaben, verschlossen. Ein bittrer, unmässiger Gram durchdrang das Innerste der Seele. Ach! auf der ganzen Welt kannte ich kein liebendes Herz, das mich in den trüben Strom gereizter Empfindlichkeit erhalten, und durch freundliche Teilnahme wieder zum Licht der Hoffnung empor gehoben hätte! – Selbst Du, meine Julie, entferntest Dich von mir! ich fühlte nur allzuwohl, was ich Dir sei, obgleich ich Dir Alles bin, was ich Dir sein kann. Du hast Deinen Gatten, Deine Kinder, und Dein Herz zerschmilzt in Liebe für die Gegenwärtigen, während es für die Entfernte nur ein freundliches Andenken hat. – Anders war es, als wir zusammen lebten, und unsre Freuden und Leiden, wie verschlungne Ranken zusammen aufwuchsen. Damals, umgab mich die wahre, herzliche Liebe meines Vaters, gleich einem wohlthätigen Schutzgeist, damals schien es mir, hingen so viele an mir, schlug mir so manches Herz entgegen, und jetzt – Ich ging ans Fenster und kühlte meine brennenden Augen in der milden Abendluft. Es war ein lieblicher Abend, und alles suchte das Freie. Mit welcher Sehnsucht sah ich auf die Vorübergehenden; ach! Alle schienen mir glücklicher als ich. – Die Gärtnertöchter gingen in den schattigen Gängen mit einem jungen Mann. Sie waren dürftig gekleidet, ohne Grazie, ohne Liebenswürdigkeit, aber sie gingen so traulich; ihre Herzen waren leicht wie die Lüfte und übereinstimmend wie die Farben des Abendhimmels – mit welcher quälenden Wehmuth sah ich ihnen nach!
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Sieh! so strebe ich, während die hier immer mehr anwachsende Menschenmenge sich munter um mich her treibt, und alles dem Vergnügen sich ergiebt, mit grausamer Erfindsamkeit mich selbst zu quälen und wie ein eigensinniges Kind alles Glück, das sich mir anbietet, zu verschmähen, weil mir das Einzige, nach dem ich mich sehne: geliebt zu werden, so wie ich mir es träume, versagt ist. Doch fühle ich, dass mir während dem Schreiben unvermerkt wieder leichter geworden ist, und dass der Quell der Hoffnung und Lebenslust, wie in jeder Menschenseele, unversiegbar auch in mir lebt. – Aber was soll ich tun? ich fühle was ich einem andern sein könnte, und darum ist es mir so schmerzlich, Nichts für den zu sein, dem ich viel sein möchte. Warum kann ich den Weg zu seinem Vertrauen nicht finden, und stehe ewig fremd und unverstanden vor ihm? – Als ich Albret kennen lernte, glaubte ich an ihm einen furchtbaren Gleichmuth, eine kalte Erhabenheit über Leidenschaften und Wünsche wahrzunehmen, die ihn in meiner Phantasie zu einem höhern Wesen erhoben und meine Ehrfurcht erregten. Aber in der Folge bemerkte ich, dass diese Stille von aussen, nur destomehr innre Stürme verbarg, Stürme, deren Natur mir nur Wiederwillen erregte – und da sah ich es gern, dass unsre Lebensart uns von einander entfernt hielt. Doch jetzt, da ich überzeugt zu sein glaubte, dass er menschlich empfindet, dass er leidet, dass er vielleicht mehr unglücklich als hart ist, jetzt, meine Julie, fing ich an, ihn zu lieben! – Noch einmal den Versuch zu machen, mich in seine Geheimnisse einzudringen, halte ich für unwürdig, aber der Knabe ist mir nun noch lieber geworden. Es ist unverkennbar, dass hier ein, ihm nahe liegendes Geheimnis verborgen ist, und, wie es auch sei, dies Kind soll mir als das Pfand einer vergangenen, wahrscheinlich für ihn glücklichen Zeit vorzüglich werth sein. – Gute Nacht, meine Julie, mein Herz schlägt ruhiger nach diesem Brief.
Vorlage S. 102
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Neunter Brief
Vorlage S. 106
Porträt von Mereau, Sophie
Kontextbild zum Werk. Porträt: Mereau, Sophie · Urheber auf der Commons-Dateiseite nicht angegeben · Public domain Bildquelle ↗
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Eduard an Barton
Vorlage S. 106
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Ich schreibe Dir nur, um Dir Dein langes Schweigen vorzuwerfen, Du Saumseliger! – Als wenn Du nicht wüsstest, dass ich ohne Dich, ohne Zusammenhang mit Dir, noch nicht im Leben auskommen kann, nicht wüsstest, dass ich nur durch Dich, von dem mir alles Gute kömmt, auch Nachrichten von dem theuern Vater erhalte, nach denen ich mich immer sehne! – Ich verlasse morgen diesen ländlichen Aufenthalt wieder, von dem ich viel Nützliche und angenehme Erinnerungen mit hinweg nehme. Einige Ideen über Dinge, die ich hier erlernt und überdacht, lege ich Dir noch besonders bei, und da ich weiß, wie sehr Du Eigenthümlichkeit zu schätzen weißt, in welcher Gestalt sie sich auch zeigen mag, so will ich Dir, da ich selbst heute nicht zum Schreiben tauge, einen Brief von Nanetten abschreiben, den ich vor ein paar Tagen erhielt.
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»Eduard,« schreibt sie, »wenn Du nicht im Augenblick Dein Altes verwünschtes Schloß, und Deine Kenntnisse und sogenannten Zwecke, mit denen Du Dir selbst und andern, doch nie eine einzige frohe Minute machen wirst, verlässt, und hieher eilst, wo alles frohes, warmes, erquickliches Leben athmet, so sterbe ich vor Ungeduld. Du musst sie sehen, und hast keinen Augenblick zu verlieren. Eine schöne, junge, reiche Frau, deren Mann älter, in seinen eignen verwickelten Händeln ganz vergraben, und ohne alles Gefühl zu sein scheint; kannst Du Dir für junge Männer etwas anziehenderes denken? – Ohne Gefahr können sie hier ihre zärtlichen Lügen bis aufs äusserste treiben, was sich, wenn sie bloß jung und schön wäre, doch nicht so unbedingt tun ließ. – Freilich hoffe ich, und sie wird von ihrer Seite, diese unschätzbare Situation nicht unbenutzt lassen; ihrer Eitelkeit mit ein paar Dutzend Männerherzen ein angenehmes Opfer bringen, und so Betrug mit Betrug vergelten. – Ich wenigstens thue alles, um sie dafür zu stimmen, denn ich liebe sie recht von Grund des Herzens, ob ich gleich eigentlich gar nicht begreifen kann, was mir so an ihr gefällt, da ich fast alles was sie denkt und tut, abgezogen, dass sie es tut, höchst lächerlich finde. Denn wie man bei einem lermenden, allerliebsten Ball voll eleganter Tänzer und Tänzerinnen, an die, im Menschen liegende, geheimnißvolle Neigung zur Harmonie, denken, und von einem Manne eine unerklärliche, süße Uebereinstimmung, kurz etwas anders verlangen kann, als – Mittel gegen die lange Weile und das angenehme Gefühl unsrer Verstandsüberlegenheit – das ist mir ganz unbegreiflich! Ich hasse alles, was nur von fern einer Träumerei ähnlich sieht, und die listige Miene einer artigen Modehändlerin, die sich beständig mit Geschmack zu kleiden versteht, und dadurch die Käuferinnen anlockt, ist mir viel interessanter als die tiefsinnigste Reflexion, die in nichts eingreift und nichts bewirkt. Frisch, munter hingelebt, sein Dasein nach allen Seiten hin, sorgenlos ausgebreitet, so viel Freude genossen, als möglich; gegen andre, nicht gut, sondern klug sich betragen; sich nur an die Aussenseite gehalten, um das Innere nicht bekümmert, denn dies ergründet doch keiner; uns als die Seele des Ganzen – die Männer, als die gröbern Werkzeuge betrachtet, die wir nach Gefallen regieren können – mit dieser Weisheit, oder Thorheit hoffe ich auszukommen; ja ich hoffe noch so viel angenehme Kleinigkeiten zu tun, so viel Neid und Liebe zu erregen, so viel fremde Thorheiten zu belachen, dass ich gar keine Zeit habe, an meine eigenen zu denken.«
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»Ja! ich weis es doch, was mich eigentlich so an Amanden fesselt. – Sie afektirt nicht; so wie sie ist, so ist es ihre Natur – und dies ist unschätzbar! denn wenn irgend etwas der verständigen Plumpheit der Männer beikömmt, so ist es die unverständige Ziererei der Weiber.«
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»So komm denn, ich erwarte Dich.
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Deine Nanette.
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«
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Zehnter Brief
Vorlage S. 112
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Amanda an Julien
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Ich komme eben aus dem Garten. Ein heitres, schimmerndes Morgenlicht ergoß sich über die Gegend; die Stauden und Blumen hauchten ihren Geist in den süssesten Gerüchen aus. Alle Lauben dufteten, alle Vögel sangen – Himmel und Erde umfassten mich mit freundlicher Liebe. Ich fühlte mich an Körper und Geist unaussprechlich wohl, und empfänglich für jeden Eindruck.
Vorlage S. 112
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Nur Eins noch, ihr Götter, rief ich in fröhlicher Begeisterung, und ich bin selig wie ihr!
Vorlage S. 112
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Was mein Gemüt in diese freie, empfängliche Stimmung versetzt hat, dass mir alles neu verklärt, in einem schönern Licht erscheint, ist, ich fühle es, wol etwas besseres als die flüchtige Anwandlung einer heitern Laune. Es ist der Nachklang einer höhern Harmonie, die gestern, mit göttlicher Hand alle Saiten meines Herzens berührte. Nanette ließ in ihrem Gartensaal eine Musik aufführen. Die geschmackvolle Einrichtung des Gartens, der freundliche Himmel, die muntre, liebenswürdige Wirthin, alles dies öfnete bald die Herzen für jeden gefälligen Eindruck. Ein paar fremde Virtuosen, Bekannte von Nanetten, die ganz in ihrer Kunst lebten, führten, von den übrigen gut unterstützt, verschiedene der besten Compositionen, meisterhaft aus. Bei einer der schönsten Stellen fiel mein Blick auf einen jungen Mann, der ganz in den Tönen zu leben schien. Denke Dir einen wahren Geniuskopf, und um diesen Kopf die Glorie inniger Entzückung. Die Töne verklärten sich in dem schönen Auge und schwebten wie Geister auf den feinen Lippen. Er hatte für nichts anders Sinn; seine ganze Seele war der Harmonie hingegeben; und dass ihn nichts stören konnte, war es eben, was mich ganz störte. – Diese schöne Rührung, der höchste Triumph der Kunst, die ich selbst in unharmonischen Zügen nie unbewegt wahrnehmen kann, wie mussten sie sich auf einem solchen Gesicht verherrlichen! – Ich konnte und wollte meine Augen nicht von der holden Gestalt wegwenden, und fand ein unbeschreibliches Vergnügen darinnen, mir die reine entzückte Stimmung dieser harmonischen Seele auf das lebhafteste zu denken. – Welch eine Wonne ist es, Julie, das Beschränkte unserer Natur zu vergessen, und mit der Einbildungsgewalt in fremde Seelen einzudringen! – So hatte ich, ganz in diese Betrachtungen vertieft, nicht eher wahrgenommen, dass das Spiel zu Ende war, bis ich den Jüngling fortgehen und unter die Spielenden treten sah. Er nahm mit freimüthigem, gebildetem Wesen ein Notenblatt; die Musik begann von neuem; er sang. Nie habe ich eine reinere, lieblichere Stimme gehört; er sang mit einer Wahrheit, Biegsamkeit, mit einer Seele, die unwiderstehlich in alle Herzen drang; auch die Gleichgültigsten wurden bewegt. Sein Gesang bezauberte mich so sehr, dass ich ihn selbst darüber vergaß; mein Herz zerschmolz in schmerzlich süßer Wehmuth, und überließ sich ganz einem Gefühl, das ich nie zuvor empfunden, das eine wunderbare Mischung von Ahnung und Erinnerung, nicht bloßes Wohlgefallen an der Kunst war.
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Als die Musik geendigt hatte, führte Nanette den Sänger zu mir, und stellte mir ihn als ihren sehr nahen Verwandten vor, der eben jetzt von einer kleinen Reise zurück gekommen sei. Ich erinnerte mich nun, dass ich sie unter dem Namen Eduard schon mehrmals hatte von ihm sprechen und vieles von ihm erzählen hören. – Unser Gespräch lenkte sich natürlich auf den nächstliegenden Gegenstand, die Musik, und gewann gar bald Leben und Bedeutung, besonders da wir mit Vergnügen in unserm Geschmack viel Uebereinstimmendes bemerkten. Nanette horchte einige Zeit mit muthwilliger Miene zu, aber bald, des ernstern Gesprächs überdrüßig, unterbrach sie es mit einer Neckerei, nahm Eduard am Arm, und hüpfte mit ihm weg. Sie beschäftigte sich auch den ganzen Abend sehr angelegentlich mit ihm, und schien in seiner Unterhaltung unendlich viel Vergnügen zu finden. Ich fühlte mich weniger theilnehmend wie sonst; doch freute ich mich im Stillen an dem anmuthsvollen Wesen, das in Allem, was Eduard sagte und that, sichtbar ward. Warum besitze ich nicht die Kunst, Dir sein Bild durch einige genievolle Züge lebendig vor Augen zaubern zu können? – – Sicher würdest Du mit Lust darauf verweilen, und Dich von diesem Auge, aus welchem Dir eine Welt von schönen Gefühlen entgegen strahlt, dieser hellen, geistvollen Stirn, diesem ganzen ausdrucksvollen Gesicht nur mit Mühe wieder wegwenden können.
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Auch Albret schien von dem ersten, allgemeinen günstigen Eindruck, nicht ausgenommen. Doch als ich ihn schärfer beobachtete, bemerkte ich bald, dass er etwas, dem jungen Mann nachtheiliges, in seinem Gemüt verschloss, so sehr er es auch mit seiner gewöhnlichen Feinheit zu verdecken wusste; denn er hat sich so sehr in seiner Gewalt, dass nur sein Auge denen, die ihn genau kennen, die wahre Stimmung seiner Seele ahnen lässt. Wie bewundrungswürdig ist doch dieser Ausdruck des Auges, und worinnen besteht er eigentlich? – Hier ist alles unendlich zärter, feiner, geistiger als in den übrigen Theilen des Gesichts, wo sich das, was in der Seele vorgeht, durch Röthe oder Blässe, oder Zusammenziehen der Haut entweder leicht verräth, oder bei festen Muskeln geschickt verheelen lässt. Aber das Auge ist unter allen das, was zunächst an Begeisterung, ans Unbeschreibliche gränzt – es ist hier, wo die Seele am unmittelbarsten zu wirken scheint.
Vorlage S. 118
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Doch, ist es nicht seltsam, dass ich im engen Zimmer sitze und schreibe, indeß mich im Freien alles zum fröhlichsten Leben und Empfinden einladet? – Lebe wohl, und freue Dich, Du theilnehmendes Wesen, dass Deiner Freundin heute ein sehr heit'rer Tag aufgegangen ist.
Vorlage S. 119
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Da der Brief noch nicht fort ist, muss ich Dir noch einmal schreiben. Ich habe diesen ganzen Tag allein zugebracht; selbst Nanetten habe ich nicht gesehen, und doch war mir so wohl, doch fühle ich mich so glücklich, meine Julie! – Eine leichte duftige Sommernacht schwebt' über der Landschaft. Der Himmel mit allen seinen glänzenden Augen blickte heiter herab. Der Mond strahlt mit halbem Antlitz, und wirft ein leichtes Nebelmeer zwischen die Berge hin. Kleine Johanniskäfer fliegen wie herabgefallene Sterne durch die dunkeln Büsche. Eine neue, muntre Welt umgiebt mich; alle Verhältnisse scheinen mir leicht, von freundlichen Genien gewoben. Die Gegenwart begränzt meine Wünsche, ich erwarte, ich verlange nichts. Und wenn ich mich frage, woher diese Stimmung, weiß ich es? – woher – doch ich kann dies nicht verschweigen – ja! ich habe ihn heute gesehen.
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Meinem Garten gegenüber liegt eine kleine, anmuthige Anhöhe, da gieng er in der lieblichen Abendkühlung. Er blieb stehen und betrachtete rings die Gegend, und zuletzt, da ihn das einsame Plätzchen anzuziehen schien, warf er sich auf den frischen Rasen nieder; halb verbarg ihn ein blühendes Gesträuch, und ich sah, dass er ein Buch hervorzog. – Es ist nichts, ich weis es; leicht möglich, dass er nicht einmal bemerkte, wer ihm gegenüber stand, aber ich fühle, dass meine heitre Stimmung durch dies Nichts gewonnen hat.
Vorlage S. 121
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Elfter Brief
Vorlage S. 122
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Eduard an Barton
Vorlage S. 122
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Ich beklagte mich in meinem letzten Brief über Dein Schweigen, und nun gebe ich Dir Ursache über das Meinige zu klagen. Aber sind wir uns gleich? – Du kannst meine Briefe entbehren, Du liesest sie vielleicht nur um meinetwillen; mir sind die Deinigen unentbehrlich, ja sie machen einen Theil meines Lebens aus.
Vorlage S. 122
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Ich habe seit ich Dir zuletzt schrieb, Nanettens Freundin, die sie mir in ihrem Brief schilderte, kennen lernen, und in ihr jene Unbekannte wieder gefunden, die ich in den ersten Tagen meines Hierseins, neben dem ältlichen Mann im Wagen schlummern sah, und deren unbefangene Schönheit ich Dir schilderte. Eine nähere Bekanntschaft hat mich nur noch mehr zu ihr hingezogen, und ich überlasse mich willig den Eindrücken die sie auf mich macht, – unbekümmert, ob sie meine flüchtige Neigung wird fesseln können, oder nicht. Du selbst riethest mir oft, mich dem verfeinerten Theil der Weiber, der gleichsam ein andres Geschlecht ausmacht, zu nähern, und ich hätte es gern getan, wenn mich nicht meine natürliche Ungeschicklichkeit immer davon zurückgehalten hätte. Doch jetzt fühle ich lebhafter als je den Wunsch, von diesem wunderbaren Wesen mehr zu erfahren, und ihre mächtige Einwirkung auf unsere Bildung und Zufriedenheit an mir selbst zu empfinden. Glaube jedoch nicht, dass mich der weibliche Umgang ausschließend beschäftigen und von allem andern, was mir bis jetzt wichtig war, abziehen werde, denn noch gedenke ich lebhaft der Stunde, wo Du mir einst sagtest: Nichts hindert die Bildung besserer Menschen mehr als Liebeleien. Leidenschaften können zerrütten und erheben; die Seele, die sich ganz der Liebe hingeben kann, ist zu jeder Größe fähig, aber sie werden nur selten empfunden, und kleinlich ist es, ihren Schein zu erkünsteln.
Vorlage S. 122
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Auch müsste ich wol sehr eitel sein, wenn ich glauben wollte, auf Amandens Herz einen bedeutend tiefen Eindruck machen zu können; denn sie ist reizend, sehr reizend, ein jeder fühlt das, der sie sieht, und ein wunderbarer Zauber, von tiefem, lebhaften Gefühl, der sie umgiebt, zieht Männer und Weiber mit Liebe zu ihr hin. Und doch, Barton! – ich möchte gegen Dich, um alles in der Welt nicht Heuchler sein – wenn ich alles bedenke, so, – wie mich auch ihre Phantasie ihr vielleicht darstellt – wie ich auch auf sie gewirkt haben mag – genug! ich muss es glauben, dieses Weib, dem Alles huldigt, das ich anbeten muss – sie liebt mich!
Vorlage S. 124
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Höre was ich Dir zu sagen habe, und urtheile selbst. Nanette hat sich in der Nähe ein Gut gekauft, weil ihr das hiesige Leben so sehr gefällt, dass sie jährlich einige Zeit in dieser Gegend zubringen will. Sie lud uns ein, mit ihr dahin zu fahren, Amanda, mich und noch einige Bekannte, die ich Dir ein andermal schildern will. Ich sage Dir nichts von der Reise, obgleich Witz und Vergnügen sie zu der angenehmsten erheben, und obgleich schon da ein unsichtbares, unnennbares Band sich zwischen mir und Amanda webte. Als wir ankamen war es bereits Nacht. Nanette, von der Hitze des Tages und ihrer eigenen Lebhaftigkeit ermüdet, sehnte sich nach Ruhe, und da Amanda, die, unveränderlich wie eine Göttin, noch wie am Morgen voll Geist und Leben war, sich gleichwol nicht von ihrer Freundin trennen wollte, so ließen wir übrigen sie allein und gingen in der heitersten Laune und mit der angenehmen Aussicht auf ein paar glückliche Tage in die uns angewiesene Zimmer. Ich erwachte früh am andern Morgen; im Hause war noch alles still, und ich eilte hinaus in die Landschaft, auf welche eben die ersten Strahlen des Morgens fielen. – Die Schönheit der Gegend überraschte mich, denn die glückliche Stellung der Gebirge, die sich um das schöne Thal ziehen, bildete sehr romantische Parthien und einen reizenden Grund, wovon ich am Abend nicht das Mindeste geahnet hatte.
Vorlage S. 125
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Ich verlor mich seitwärts in den Wald, der sich sanft den einen Berg hinaufzog; die frischen Waldgerüche durchdrangen und stärkten mich, und die Vögel wirbelten mit ihrer wilden, frohen Musik, mich zu neuer, rascher Lebenslust empor. Unvermerkt hatte ich die Höhe erreicht, und trat nun aus dem Dunkel des Waldes heraus. Ein wildes Klippengemisch sank unter mir ins Thal herab. Ringsumher waren alle Berge mit Wald bedeckt, der bald scharfe, dunkle Umrisse zog, bald gefällig wie mit grünen Wellen herabsank. Die Morgensonne glänzte mit heiligen Strahlen über die Berge, und meine Seele erklang wie Memnons Bildsäule, beim Wiedersehen der Mutter. Lange, lange stand ich da, das schöne Bild mit Wollust in mich aufzunehmen, und meine Gedanken hiengen an dem freudigen Wehen der Bäume, und an dem Leben, das aus ihren Zweigen in heiterer Ungebundenheit rauschte. Ueberall sah' ich eine unaussprechliche Freiheit und Liebe verbreitet. Wie in einem glücklichen, wohl organisirten Staat gedieh' hier alles, hinderte sich nichts, wuchs alles nach Kräften empor. – Mitten in diesen Bildern fühlte ich mein Herz von einer seltsamen Wehmuth durchschnitten. Hier, wo alles sich zu kennen, sich zu fassen schien, und fröhlich in Eins zerschmolz, schien ich mir ganz unzusammenhängend, ganz allein, dazustehen, und erschrack fast vor meiner eigenen Gestalt. – Ich breitete meine Arme aus, und fühlte mich so innig mit der Natur verwandt, hätte ein Mitglied dieser Bäumerepublik werden mögen! Ach, das ängstliche Klopfen meines Herzens störte keinen in seiner Ruhe, und eine Träne presste sich mir ins Auge, indem ich die unübersteigliche Scheidewand fühlte, die mich von den Wesen, welche mich umgaben, trennte. – In diesem Augenblick sah ich nicht weit von mir, unter Felsen und wildem Gesträuch, eine weibliche Figur sitzen, die ich im ersten Augenblick für Amanda erkannte. Sie sah zu mir herauf, sie blickte mich seelenvoll an, und mir ward wohl, jugendlich wohl. – O! Leben, rief ich – und sprang über die Felsen zu ihr hinab, welch ein liebes, freundliches Geschenk bist du! – Mit innigen Vergnügen hörte ich, wie sie mir zurief, nicht diesen Weg, der allzugefährlich sei, zu kommen. Ich sah sie schöner, himmlischer als je, eine überirdische Glut loderte in ihren Blicken, und jeder Zug ihres Gesichts, jede Bewegung, war Anmuth und Seele. – Meine Amanda! dachte ich – und merkte erst an ihrem überraschten Blick, dass ich es auch gesagt hatte. Aber wer hätte bei dieser Umgebung, in solcher Stimmung, und bei ihr, wol an Verhältnisse, oder nur an etwas Entferntes denken können? – Die Gegenwart war so allbeseligend, und eine fröhliche Begeisterung, gab allen Gegenständen um uns her eine neue, schönre Bedeutung. Ich schlang meinen Arm dicht um den ihrigen; mein Blick durchirrte die Gegend nicht mehr, und so oft auch sie mich anblickte, mit ihrem Auge voll Geist und Liebe, flog ein heiliger, nie gefühlter Schauer durch meine Seele.
Vorlage S. 127
79
Nach diesem Morgen war alles ganz anders, zwischen ihr und mir. Ueberall schienen wir uns zusammen zu gehören, und ein geheimes Verständnis leitete uns, ohne dass davon zwischen uns die Rede gewesen wäre. Wir blieben einige Tage auf dem Lande. Am letzten war Amanda trübe, aber diese Schwermuth war reizender als alle Freude der Welt. Wir alle hatten den schönen Abend in der Laube des Gartens zugebracht. Die andern giengen weg; sie verspätete sich einen Augenblick: O! dass ich sie zu erheitern vermöchte! sagte ich, dass ich ihnen nur etwas sein könnte! – Eduard, sagte sie, sie können mir Viel sein! Und in diesem Augenblick fühlte ich einen leisen Druck ihrer Hand, der meine ganze Seele erschütterte.
Vorlage S. 131
80
Was wirst Du mir schreiben, Barton? ich erwarte Deinen Brief mit der höchsten Ungeduld. Wie? wenn ich vor Dir da stände, wie einer jener Gecken, die ich immer so bitter gehaßt habe, die jedes freundliche Wort eines Weibes, jeden leichten, vorübergehenden Scherz für Liebe halten! – Tage sind vergangen, ich habe sie nicht gesehen, und jene seltsame, freudige Gewissheit, ist nicht mehr in meiner Brust; ja fast schäme ich mich, dass einige Blicke, halbe Worte, und ein Händedruck, mir sie erregen konnten. Und doch! – – O! sag' Du mir Deine Meinung, aber bald! ich bin entschlossen, sie nicht wieder zu sehen; denn, wenn die Gewalt eines Weibes so groß ist, dass sie uns mit uns selbst entzweit, so ist sie mir furchtbar.
Vorlage S. 132
81
Zwölfter Brief
Vorlage S. 134
82
Amanda an Julien
Vorlage S. 134
83
Hab' ich bis jetzt geträumt? oder sendet eine höhere Sonne nur zuweilen einen flüchtigen, aber göttlichen Blick auf unser düstres Leben? – Was für Stunden sind mir geworden! Das erste goldne Alter der Menschheit ist zurückgekehrt, alle Mißverhältnisse sind verschwunden, alle Fesseln zerbrochen, und ungehindert folgen die Herzen dem süßen Zug der Harmonie. Ich trage in meiner Seele ein hohes Bild; ich denke an nichts, kein Mensch hat Recht auf meine Teilnahme, ich lebe jetzt nur mir, nur meinem Himmel. Zu welcher Höhe von Glück bin ich auf einmal emporgestiegen? Welch ein göttlicher Frühlingshauch hat alle Blüthen meines Gefühls entfaltet? Julie! wenn Du jetzt nicht mit mir fühlst! – Du sagtest mir es oft – und ich bestritt es zuweilen – wenn zwei gleichgestimmte Herzen sich fänden, das sei die lieblichste Blüthe des Lebens. O! freue Dich mit mir, holde Jugendgespielin! Lass Dich von keiner Sorge, keiner Bedenklichkeit zurückhalten. – Wahrheit des Gefühls, wo und wenn sie auch erscheint, und wie sie sich auch äussert, ist immer ehrwürdig, immer heilig! –
Vorlage S. 134
84
Ich begleitete Nanetten auf ihr neuerkauftes Gut, das in einer mäßigen Entfernung von hier liegt. Sie hatte noch einige ihrer Bekannten eingeladen, und in unserm Wagen fuhr ihr Vetter Eduard, und noch ein andrer junger Mann, der zu unserm nähern Umgang gehört. Nanette war ausgelassen lustig; aber diese Laune ist bei ihr stets von einer gewissen Kindlichkeit begleitet, wodurch sie für mich erst reizend wird. Sie neckte und plagte die Männer auf mancherlei Weise. Eduard machte sie Vorwürfe über seine Sentimentalität, mit welcher er eigentlich nur seine gränzenlose Eitelkeit zu verdecken strebe, und sein unliebenswürdiges Betragen gegen die Weiber. Sie schloss mit der Prophezeihung, dass es mit ihm noch ganz anders werden würde. »Mein Herz, sagte Eduard lächelnd, ist gleich dem Diamant, den kein Feuer zerschmelzen kann, ausser die reinen Strahlen der Sonne.« Er sah mich flüchtig, aber ausdrucksvoll an, und Nanette fuhr fort, ihm zu sagen, dass er ihr wol auf vier Wochen lang gefährlich werden könnte; sie schlug ihm vor, den Verliebten zu spielen, und ermahnte ihn, seine Rolle aufs natürlichste vorzutragen. – Dann fieng sie Händel mit unserm andern Begleiter an, der immer viel von Verhältnissen und Uebereinstimmung sprach. Er nannte ihre Laune einen schönen Auswuchs, der eigentlich nur bewies, dass sie in ihrem Innern nicht ganz harmonisch sei. »Was das für phantastische Grillen sind! rief sie aus. Wie, ich sollte die gute, freundliche Stimmung, die mir stets ungerufen und unerwartet vom Himmel kommt, grämlich von mir weisen, weil sie sich nicht zu allen meinen innern und äussern Verhältnissen schickt! – Ich bitte, verschonen sie mich mit ihrer Uebereinstimmung, und lassen sie mir meine Fragmente, die mir auch das Fremde, Unharmonische ertragen lehren.!«
Vorlage S. 135
85
Der Abend war unbeschreiblich schön, und ich schlug vor, den Rest des Weg's zu Fuß zu machen. Eduard stimmte mir sogleich bei; doch Nanettens Bequemlichkeit war stärker als ihre vorgenommene Liebe zu ihm; sie lies ihn unter tausend scherzhaften Verhaltungsregeln, mit mir allein wandern und blieb im Wagen. – Der Weg gieng durch ein verwachsenes, süß duftendes Gehölz. Julie! was war es, was ich empfand? – hast Du es je gefühlt, was, ganz von dem gewohnten Gang der Gedanken getrennt, verschieden, mit zarten, leisen Schwingen, alle Saiten Deines Herzens rührt? – was Deinen Sinn von der Weiblichkeit abschneidet, und mit geheimnißvollem Zug, Dich in ein fremdes, himmlisches Leben führt, wo selbst die Flügel des Gedankens nicht hinreichen? – welch' eine Wehmuth, eine Ahnung quoll mir aus den Abendgerüchen des Waldes, den bethauten Pflanzen, aus der zarten Dämmerung, die schon durch die fernen Sträuche hervordrang, entgegen! Ich hatte so manches Gespräch anknüpfen, Eduard über manches fragen wollen, aber ich war stumm, doch ohne mißvergnügt darüber zu sein. Eduard schien meine Gefühle zu theilen, doch, vielleicht mehr gewohnt mit Eindrücken zu spielen, suchte er sich und mich, auf eine angenehme Weise zu zerstreuen, und ich wusste es ihm Dank, denn ich kam gefasster zu den Uebrigen zurück. Wir hatten von gleichgültigen Dingen gesprochen, und doch schien es, als hätte dieser Gang uns einander näher gebracht. Was ist das, Julie, was ohne Worte, die Seelen leise zusammen bindet? hast Du es je erklären können?
Vorlage S. 138
86
Es ward Nacht, wir waren angekommen, und ohne Müdigkeit zu fühlen, war ich froh, allein zu sein. Die Bilder des Tages giengen lächelnd vor meiner Seele vorüber; aber bald that es mir unbeschreiblich weh, dass ich mit Eduard nicht mehr gesprochen hatte. Ich wusste noch so wenig von ihm; seine ganze Vergangenheit war todt für mich, seine Zukunft konnte uns leicht auf immer trennen, und ich lies die kurzen Augenblicke der Gegenwart unbenützt vorbei! – Es schien mir in meiner Unruhe, als könnte diese schöne Gelegenheit nie wieder kommen, und doch beschloss ich sie wieder zu suchen. – Ich erwachte mit dem Tag, die Morgenröthe erschien mit ihrer Rosenstirn und ihren goldnen Füßen. Alles zog mich ins Freie; und ich folgte gern. Wie verändert war alles! Der Duft der Ahnung ruhte nicht mehr auf dem Thal, die Begeisterung hatte ihren Schleier aufgerollt, aber ein Glanz, ein Leben, eine Herrlichkeit schwebte über der Gegend, die ich nicht zu beschreiben vermag.
Vorlage S. 140
87
Ich war wie von unsichtbaren Händen empor getragen, mein ganzes Wesen, war leichte, freie, süße Freude. Lange schwelgte ich auf der Höhe in reinem Luftstrohm, dann lies ich mich die Felsen herab, und stand nun da, in einsam lieblicher Wildniß. Vor mir wehte und wogte die Gegend in sichtbarem Aether; Himmelswärme spielte um meine Wangen, Begeisterung küsste meine Seele, und frohe Schauer durchbebten mich. – Augenblicke voll unendlicher Seligkeit giengen mir vorüber; dann kehrten meine Gedanken zur Erde zurück, ich fühlte mich angenehm beschränkt, meine Wünsche überflogen diese Höhen nicht; ich hatte alles was ich wünschte – denn ich liebte. Da sah ich auf, und die schöne Gestalt die in meinem Herzen wohnte, stand lebendig vor mir. Nachdenkend, mit schönem Ausdruck, stand er auf der Höhe und bemerkte mich lange nicht. Endlich aber, wie von Zephirs getragen, kam er herab, leicht und glücklich über die gefährlichsten Stellen. Was soll ich Dir noch sagen, Julie? – Dieser Morgen band meine Seele auf ewig an die seine. – Alles um uns her blühte schöner, ein zarter, heimlicher Sinn säuselte in jedem Lüftchen, das uns küsste. Das Herz war des Herzens gewiss, jedes unsrer Worte war voll Geist und Leben, ein hoher Genius trug alles weit über das Mittelmäßige empor. – Ich zwang mich nicht. Was mir ins Herz kam, das sagte, das that ich. Ach! wie lange, wie innig hatte ich mich nach einem verwandten Wesen gesehnt, wie bitter mir die gestrige, verlorne Stunden vorgerückt – jetzt von der ganzen Natur zur Freude eingeladen, von allem Zwange fern, an seinem Arm, der heiß ersehnte Augenblick – denk' Dir, was ich empfand!
Vorlage S. 141
88
Wir kommen wieder unter Menschen. Etwas Unnennbares hatte ihn an mich gefesselt, hielt ihn ganz an mich gebannt. Die gleichgültigste Kleinigkeit, wie erhielt sie durch seine Gegenwart ein besonderes, unbeschreibliches Interesse! – in Allem was wir sprachen, lag ein geheimer Sinn, den der Scharfsinn des Andern immer leicht und glücklich zu finden wusste; ein zufriedenes Lächeln war dann die Belohnung. – Ohne Geist, welche traurige Liebe! Aber wenn das Auge von Begeisterung glänzt, und ein süßes Staunen über die Vorzüge des Geliebten die Seele erhebt, dann- Himmel! o Entzückung!
Vorlage S. 143
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O, Julie! – die süße erfinderische Liebe! – Eben kömmt Wilhelm, dessen Anhänglichkeit an mich sich nicht mindert, und immer stärker zu werden scheint, zu mir. Ich höre ihn hastig die Treppe herauf springen; die Mutter hält ihn auf; fragt, wo er die schönen Blumen her habe? Gefunden, ruft er dreist und schnell, macht sich los und schlüpft zu mir herein. Er hält mir einen großen, mahlerisch schönen Rosenzweig, mit voll entfalteten und noch halb geschlossnen Blüthen entgegen, und aus der kleinen festgeschloßnen Hand zieht er ein feines Blatt Papier hervor, das in leicht geschriebenen Zügen, folgendes enthält: »Ein reizender Knabe spielt an meinem Garten. Sein Anblick erfreut mich; ich finde Mittel ihn gesprächig zu machen, und erfahre, dass er in Amanda's Nähe lebt, dass er sie liebt- wie könnt' er anders? – Ich breche die schönsten Rosen meines Gartens; wie ihr Duft umschwebt mich das Andenken an die schönsten Tage, aber wie ihr Stachel, verwundet mich der Zweifel, ob sie auch je wiederkehren? – Bote der Liebe! bringe sie der Gebieterin, und wenn ihr der Duft gefällt, wenn sie den Zweifel zu heben würdigte, vielleicht durch Dich – o! dann eile schneller als ein Gott und segnender, zu dem Sehnsuchtsvollen zurück!« O! wie schmeichelt dieser Duft, dieses Geschenk der Liebe aus eines Amors Hand – wie mich die Nähe des Gottes ergreift!
Vorlage S. 144
90
Der Kleine hat mir noch vieles von dem schönen, jungen Mann erzählt, vieles, was mich entzückte. – Leb' wohl. Ich sende – ja ich sende ihn zurück. Der nächste Augenblick und mein Herz mag entscheiden, mit welcher Antwort.
Vorlage S. 146
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Dreizehnter Brief
Vorlage S. 147
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Amanda an Julien
Vorlage S. 147
93
Ich sitz' allein in meinem Zimmer, von den seligsten Träumen umgaukelt. Die Kleider, welche ich heute trug, liegen zerstreut umher. Ich küsse sie, ich drücke sie an mein Herz – seine Blicke, sein Hauch haben sie umschwebt und geheiligt. Ach, Julie! wie liebe ich diese Erinnerungen! wie süß ist diese Träumerei! Endlich, endlich bin ich glücklich! – Die Stunden hüpfen wie silberklare Wellen um mein Dasein; aus dem verworrenen Spiel menschlicher Wünsche, tönt eine leise Harmonie zu mir her – die ganze Natur ist ein schöner, ewig ungetrübter Spiegel, der mir heiter nur mein eignes Glück zurückstrahlt!
Vorlage S. 147
94
Wenn ich Dir sagen werde, was heute geschehen ist, und was ich fühle, so wirst Du vielleicht erstaunen, und wie in Deinem vorigen Briefe fragen, ob ich noch dieselbe Amanda bin, und ein so weises Misstrauen in sie setzte? – Aber, Julie, so lange wir noch nicht geliebt haben, dürfen wir nicht hoffen, uns selbst recht zu kennen. Eine fremde, höhere Macht bestimmt dann unsere Handlungen, ja sie reicht bis in das Heiligthum unserer Gedanken und wir freuen uns noch ihrer Allgewalt. Wahre Liebe ist nicht möglich ohne das vollkommenste Vertrauen; wir haben keine Gründe dazu, aber wir bedürfen auch keine. Unser Gefühl reicht weiter, als unsre Ueberzeugung, und ein heiliger Glaube bürgt uns für das fremde Herz, wie für unser eignes.
Vorlage S. 148
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Ich schrieb Dir zuletzt, auf welche Art ich von Eduard Nachricht erhalten. Vom Schreibtisch gieng ich zu den Blumen, die einen kleinen Garten vor meinen Fenstern bilden, und suchte bei ihnen eine Antwort, denn diese Sprache hatte mir etwas so liebliches, dass auch ich sie wählen wollte. Ich brach einen schönen, frischen Myrthenzweig, und umwand ihn dicht mit Stundenblumen, deren schöne, vergängliche, aber sich schnell wieder erholende Blüthe Du wohl kennst. Dann schrieb ich auf ein Blättchen: »Liebe hält das Flüchtige fest und erneuert das Vergangene.« Der Kleine sprang vergnügt und schnell mit seinem Auftrage fort. Eduard wiederholte auf diese Weise seine Erinnerungen öfterer; wir sahen uns zwar zuweilen, aber stets in Gesellschaft, wo, eben der geheime Wunsch, einander näher zu sein, uns mehr von einander entfernte. Ich antwortete einigemal, und der Knabe vollzog seine Aufträge mit einer Geschicklichkeit und Besonnenheit, die mich in Erstaunen setzte. Aber bald befremdeten sie mich nicht allein; sie erschreckten mich. Diese früh geübte Verstellung musste ja eine Rinde um sein Herz legen, die vielleicht nie ein Strahl der Wahrheit zu durchdringen fähig war. Durfte diese zarte Seele mit einem Geheimnis belastet werden, diese Unbefangenheit etwas zu verheelen haben, und sind Verschwiegenheit und Tugenden für Kinder? Nein! um diesen Preis konnte ich meine Freunde nicht erkaufen, und was ich auch dabei verlor, so schrieb ich dies doch Eduard, und verbot ihm, mir ferner auf diesem Wege Nachricht von sich zu geben.
Vorlage S. 149
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So giengen mehrere Tage traurig hin, an denen ich nichts von ihm hörte, und mein Herz war weit entfernt, in dem Gedanken: gut gehandelt zu haben, Beruhigung und Freude finden zu können; ja es warf mir vielmehr meine Bedenklichkeit und Unempfindlichkeit bitter vor.
Vorlage S. 151
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Heute war es, wo ich, wie ich oft zu tun pflege, allein spazieren gieng. Ich gieng durch blühende Alleen, zwischen Hecken und über gemäheten Wiesen;
Vorlage S. 151
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unachtsam auf das was um mich her vorgieng und ganz meinen Träumen hingegeben, war ich weit gegangen, als ich sahe, dass eine dunkle Wolke sich tief in die Thäler hereinneigte, und bereit schien, sie mit ihrem Seegen zu tränken. Die Linden hauchten starke, begeisternde Gerüche aus, eine laue, zärtliche Luft drang mir entgegen, und die ganze Natur erschien mir wie die Geliebte des Himmels, die ahnend den Tränen der Liebe entgegen harrt. – Jetzt stand ich ganz nah vor einem Garten; die kleine Thür, von grünen Ranken und blauen Blumen beinah verdeckt, stand halb offen, und ich trat, vor den nahen Stürmen flüchtend, eilig hinein. Meine Blicke suchten nach einem Obdach, als ein junger Mann mir entgegen kam, den ich sogleich für Eduard erkannte. Er selbst war der Bewohner dieses Gartens, und wir fühlten uns durch dies wunderliche Spiel des Zufalls unbeschreiblich überrascht und befangen. Es war das erstemal seit jenen schönen Tagen auf dem Lande, dass wir uns allein sahen, und es schien, als wären wir uns durch die Briefe selbst, nur fremder geworden. Und – es ist gewiss – Liebe verträgt keine fremde Mittheilung, so wie sie keine andre Nahrung als sich selbst bedarf. Was sollen Zeichen, die der Verstand erfand, wo keine Begriffe auszudrücken sind, wo nur ein Blick aus dem verklärten Auge des Geliebten, der Seele die Gewissheit, dass ihr unnennbares Gefühl auch von dem verwandten Wesen verstanden und empfunden wird? –
Vorlage S. 151
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Wir giengen durch einige Gänge, die nach dem Gartenhaus führten, als eine Nische von Acazienbäumen und Rosen beinah' verschlossen, meine Aufmerksamkeit erregte. Ich bog die Zweige zurück und gieng hinein. Die Bildsäule eines Amors, fein und richtig gearbeitet stand in reizender Gestalt da. Sein Bogen und seine Pfeile lagen zerbrochen vor ihm; keine Binde verdeckte seine Augen, Aber mit ernster Schalkheit legte er den Finger auf den Mund. – Ein hoher Rosenstock, der noch in voller Blüthe stand, verbreitete ein röthliches, unbeschreibliches Licht. Hier, sagte Eduard, vor diesem Gott, der verschwiegen, aber nicht blind ist, und gern auf ewig seinen Waffen entsagte, bete ich täglich die Göttin an, die selbst ich nicht darzustellen wagte.
Vorlage S. 153
100
Laut rauschte es jezt durch die Blätter und große Regentropfen fielen herab. Wir mussten eilen, in das kleine Zimmer zu kommen, das uns in seine freundliche Einsamkeit aufnahm. Könnte ich Dir doch den Eindruck mittheilen, den dieser reizende Aufenthalt der Ruhe und des Vergnügens, auf Deine bewegte Amanda machte! – Alles schien mir zu sagen, dass eine harmonische Seele hier ihre schönsten Stunden verlebe. Ueberall sah ich gefällige, zusammenstimmende Farben; wenige, aber mit Sinn gewählte Gemählde erhoben die Wände, überall dufteten Blumen aus den zierlichsten Gefäßen, köstliche Früchte wie unter hesperischem Himmel gereift, schimmerten unter frischen Blättern hervor, eine Laute lag weichlich auf den Polstern, und nicht fern davon grünte noch der Myrthenzweig, wie durch Zauberei erhalten.
Vorlage S. 154
101
Hier, wo so viele Bilder erweckt, und das berauschte Herz sich angenehm aus seiner Träumerei gezogen fühlte, fanden wir uns bald mit Gesprächen, wie mit Blumenketten, verschlungen. Ein jedes zeigte frei seinen Geschmack, seine Meinungen, die oft wie labyrintische Pfade durch Blumenthäler von einander abwichen, und doch am Ziel in schöner Harmonie sich immer wiederfinden. – Was soll ich Dir noch sagen, Julie? – Ach! Deine glückliche Amanda, vergaß ganz, dass es Verhältnisse, Klugheit und Mißtöne in der Welt giebt, und das selige Gefühl, ihren schönsten Traum erfüllt zu sehen, und endlich das gleichgestimmte Herz gefunden zu haben, das sie ganz zu verstehen vermag, durchathmete ihr ganzes Wesen!
Vorlage S. 155
102
Der Regen hatte aufgehört. Die grünen, getränkten Bäume schimmerten, frisch und lachend in die Fenster herein, und ein glühendes Licht wankte durch die bebenden Zweige an den zierlichen Wänden. Wir traten ans Fenster und athmeten die gereinigte Lüfte. Ach, Julie! welch ein Abend! Erst jetzt habe ich Worte für die Bilder, die ich da nur mit stummem Entzücken in mich sog! Die Sonne sandte einen stillen, aber brennenden Blick über die Gegend. Fröhlich flatterten Schwalben, mit glänzender, silberner Brust, wie weisse Blüthen, durch den Sonnenblick, der golden und blendend durch die Berge hervorschoß, und alles, was er berührte, mit überirdischem Reiz verklärte. Das ferne Bergschloß hüllten düstre Schatten, aber weit hinter demselben glühte der entlegendste Berg, wieder in röthlichem Gold. Der Sonnenblick zog weiter; das Thal versank schwermüthig in den Bergschatten, indeß sich von dem Schloß, der Schleier wegzog. Ein heiliger Glanz lag nun auf dem grauen, verfallenen Gestein, den kleinen, aufblühenden Gebüschen, die es umgaben, und dem ganzen düstern Bergprofiel. Graue Regenwolken, von der Abendsonne mit goldenen Flecken zerstreut, zogen wie flammende Wagen, flüchtig an den Höhen vorüber; in Westen glänzte ein endloses Aethermeer, und ein dunkles Gewölk, mit vergoldetem Rand, schwamm wie ein glückliches Eiland darinnen, und war immer goldner und strahlender, je weiter die Sonne hinabsank. – Ach, Julie! was war es, was mich, verloren in diesen Anblick, ganz von der Erde hinwegzog, in ein unbekanntes Land, von fremden seligen Gefühlen, und mein Auge mit unnennbaren Tränen erfüllte? – Nur dunkel, dachte ich: O! dort in dem strahlenden Wolkenland, von Menschen entfernt, und von der Unendlichkeit umgeben, mit dem Geliebten zu sein in ewiger Jugend und Liebe! – Da blickte ich auf, und sah Eduard, der in einiger Entfernung von mir stand. Ich kehrte aus meiner wunderbaren Entzückung zurück, und fühlte mich wieder freundlich an die Erde gefesselt. Wir waren fröhlich und sprachen viel, nur von dem, worüber wir hätten sprechen sollen, nehmlich: auf welche Weise wir uns künftig sehen oder schreiben wollten, kein Wort. Erst beim Abschied dachten wir daran, aber dieser Abend schien uns zu schön, zu heilig, als von dergleichen Dingen zu sprechen; wir überließen alles den Göttern und trennten uns wehmüthig, aber unendlich glücklich.
Vorlage S. 156
103
Ich gieng zurück. Alles war still um mich. Ich bewunderte dies weite Schweigen in der Natur. So, dachte ich, war es im Anfang aller Dinge; aber die Liebe erschien, und alles war belebt. Ich kam nach Hause, und erstaunte, alle Gesichter noch eben so gleichgültig zu finden, als ich sie verlassen. War ich es denn allein, deren Augen von Vergnügen glänzten, deren Seele mit Wonne an den vergangenen Momenten hieng? – Ist denn die Welt so arm an Freuden? Ich blieb allein; mein Mädchen bat um die Erlaubnis einige Bekannte zu besuchen, und ich gab sie ihr gern. Vielleicht erwartet sie ein liebendes Gespräch, und ich würde mich mit ihr freuen; sie ist ein gutes Geschöpf. In der ganzen Welt sehe ich nur Liebe, allenthalben Liebe, und ich begreife nicht, wie ohne sie etwas der Rede werth sein könne? – Ich habe mich ans offene Fenster gesetzt, und die zärtliche, warme Luft, zu mir herein wallen lassen. – Du weißt nun alles, und ich verlasse Dich, um von neuem zu träumen.
Vorlage S. 159
104
Vierzehnter Brief
Vorlage S. 162
105
Eduard an Barton
Vorlage S. 162
106
Dein Brief würde mich sehr beruhigt haben, wenn es nicht schon zuvor die Liebe getan hätte. Du schreibst es mir – o! und ich habe es gefühlt! – mit meinem Entschluss sie nicht mehr zu sehen, sei es mir nicht Ernst. – Thor, der ich war! Die schönsten Freuden meines Lebens frevelnd von mir weisen zu wollen, eines elenden Stolzes wegen! – O, Freund! es ist geschehen! Alle Zweifel sind gelöst; die Welt steht in schöner Klarheit vor mir, und das Leben liegt erwacht in meinen Armen!
Vorlage S. 162
107
Ich bin wieder auf einige Tage auf dem Gute des Herrn von V –, und bin hieher gereist, um Dir zu schreiben, denn dort, ich gestehe Dir es aufrichtig – in ihrer Nähe, ist an keinen Brief zu denken. – Anfangs sahen wir uns nur selten und schüchtern; aber jetzt bin ich fast täglich in ihrem Hause; wir sehen uns bei Lustbarkeiten, und allein; Albret scheint keinen Widerwillen zu haben, und ich begleite sie fast allenthalben hin.O, Freund! wie ist das alles so anders geworden! Was war das kalte, leere Wohlgefallen an ihr, gegen das glühende Gefühl, das jetzt in mir lebt! – Oft muss ich mich vor ihr niederwerfen und anbeten, wenn sie in ihrer Unbefangenheit so hohe Dinge sagte, die wie Gestalten aus einer andern Welt, mich mit süßem Schauer berührten. Mit Erstaunen höre ich sie oft, mit ungekünstelter Eigenthümlichkeit und Klarheit, Gedanken aufstellen, die den größten Scharfsinn enthalten. Sie sind nicht das Resultat eines langen, mühsamen Nachdenkens, wie bei den Männern, nein! sie sind vielmehr der leichte, glückliche Fund eines reinen, unfehlbaren Sinns, der die Wahrheit nicht erst durch Dunkel suchen darf, sondern dem sie sich gleich im heitern, schimmernden Lichte zeigt. – Und so, dünkt es mir, sollen überhaupt die Weiber immer auf das merken, was ihnen schnell einfällt, ohne viel darüber nachzudenken, denn bei ihnen kommen die Resultate immer zuerst. Auch wenn sie schreiben, müssten sie dies beobachten, und stets die schnell herabfallenden Funken achten. Aber sie sollen überhaupt nicht schreiben; sie sollen nichts als leben und – lieben.
Vorlage S. 162
Caspar David Friedrich – Wanderer über dem Nebelmeer, um 1818. Künstlerische Landschaft als Vergleichsmotiv, keine konkrete Buchszene.
Kontextbild zum Werk. Der Wanderer über dem Nebelmeer · Caspar David Friedrich · Public domain Bildquelle ↗
108
O, Freund! Du sagtest mir vieles, dessen Wahrheit ich schon erfuhr, aber das sagtest Du mir nie, dass das Leben so unaussprechlich reizend sein kann! oder solltest Du selbst es vielleicht nie empfunden haben? sind vielleicht nur wenige Sterbliche von den Göttern dazu ausersehen, und ergriff das Glück, das stets nach Laune wählt, gerade mich in meinem seligsten Moment? – Erst hier, von ihr getrennt, werd' ich mir ganz meines Reichthums bewusst; denn es gehet mit unserm Glück wie mit Gemählden; erst in der gehörigen Entfernung können wir die Schönheit derselben künstlerisch wahrnehmen und genießen. Welche Genüsse, welche Freuden, schmiegen sich bei diesen Rückerinnerungen um mein Herz! Alle Verhältnisse meines Lebens, legen sich lieb und schmeichelnd um mich, als wären es weichliche Gewänder, von Frühlingsdüften gewoben. Jetzt erscheint sie mir erst in all ihrer Schönheit, in all ihrer Liebe, und ich kann es kaum begreifen, wie so schnell, wie so schön wir uns gefunden haben. O Tag! o Abend, den ich nie vergessen will und kann! – Alles um mich her, war mir nicht mehr bedeutend, sondern ausgesprochen; alles war da, nicht fliehend und nicht kommend; alle Sehnsucht ruhte in der Gegenwart, die unendlich war. Als sie mich verlassen hatte, war ich nicht traurig – nein! die lebendigste Freude hatte mein Herz geöffnet, ich fühlte mich ganz für die Welt gebildet, kindlich nahm ich an Allem Theil, und sah in Allem den heitersten Sinn. Die Knaben belustigten mich, die an meinem Garten, hinter der grünen Umbüschung eines Teichs, mit komischer, wirklich empfundener Angst, nach einem Bret warfen, und es, als wäre es ein feindliches Schiff, durch Steine vom Ufer abzuhalten suchten, und in den rohen Gesängen einiger wilden Gesellen, vermochte ich durch alle Mißlaute hindurch, mit Vergnügen die einzelnen Spuren einer wilden Geniealität wahrzunehmen, und mich derselben zu erfreuen. –
Vorlage S. 165
109
Und als nach einer kurzen Schattennacht, der schwärmerische Tag des Mondes aufgieng, und die Bäume ihre Gipfel träumend in dem zärtlichen Licht wiegten, da fühlte ich mich ihr so nahe, war ihres Andenkens so gewiss, dass ich von neuem glücklich war.
Vorlage S. 167
110
Und so ist es nun noch immer mit mir. – Sieh diesen Morgen! wie die Berge hoch an ihren Scheitel den goldnen Schimmer empor heben, der Wald begierig die süßen Stralen einsaugt! o schöne, reizende Erde! Alles, in und ausser mir, ist Uebereinstimmung, Hoffnung und Liebe! In der ganzen Natur, sah ich keinen andern Zweck, als sie; sie ist der ätherische Kranz, in dem alle Wesen verflochten sind. Den stillen Drang der Notwendigkeit, und den freien Flug des Willens, ist kein anderes Ziel vorgesteckt; sie ist das Einzige, was uns glücklich macht, weil sie, bei aller Unendlichkeit der Empfindung, doch alle unsere Wünsche beschränkt.
Vorlage S. 167
111
Ich habe Dir nun alles gesagt; Du weißt nun, dass ich glücklich bin. Morgen reise ich wieder von hier ab. Länger von ihr getrennt sein, wäre Tod; ich muss sie sehen, denn mein Leben hängt an ihren Blicken. – O, ihr Horen! die ihr den Himmel der Götter verschließt und eröffnet, fliegt, fliegt und eröffnet auch mir meinen Himmel! Zieht die Wolke hinweg, die mir die Göttin verbirgt!
Vorlage S. 168
112
Funfzehnter Brief
Vorlage S. 170
113
Amanda an Julien
Vorlage S. 170
114
Monden sind vergangen, und zu sehr mit der glücklichen Gegenwart beschäftigt, hatte mein Herz für die entfernte Freundin, nur Gedanken, aber keine Worte.
Vorlage S. 170
115
Deine Briefe allein, meine Julie, sie, die ich sonst immer mit freudiger Rührung las, haben jetzt zuweilen mein Glück gestört. Wo ist der freie Blick, der milde, menschliche Sinn, der sonst Dein Urteil über die Menschen leitete, und Dich ihre Handlungen mit ihren Schicksalen gutmüthig und richtig vergleichen lehrte?
Vorlage S. 170
116
Kann ich dafür, dass mir die Liebe nicht auf Deinem Wege entgegen kam? und hast Du vergessen, dass, wie ich jetzt fühle, Du ehmals gefühlt hast? – Julie, bedenke es, dass, wir mögen noch so redlich streben, Keinem Unrecht zu tun, wenn unser Gefühl nicht zart genug ist, die feinen Nuancen des Herzens zu bemerken, und es uns an Phantasie fehlt, lebhaft die Tage eines andern zu empfinden; so werden wir dennoch oft andern weh tun, und keinen um uns her glücklich machen können. – Nein! störe den Frieden meines Herzens nicht mehr, und verlange nicht, dass ich mir Gewalt anthun soll. Wer sein natürlich reines Gefühl bewahrt hat, kann sich die undankbare Mühe ersparen, seine Neigungen bekämpfen zu wollen; sie führen ihn recht; er darf sich ihnen überlassen.
Vorlage S. 170
117
Du verkennest meinen Freund, wenn Du glaubst, er werde mich leichtsinnig und ohne Bedenken tausend Unannehmlichkeiten aussetzen. Er selbst hat es durch sein geschicktes Benehmen so einzuleiten gewusst, dass wir uns nun mit größter Leichtigkeit so oft sehen, als wir wollen. O! Du solltest es sehen, wie er auf Andere zu wirken versteht! Ueberall, so jung er auch ist, erregt er unwillkührliche Achtung. Seine Ueberlegenheit muss ein jeder, freiwillig oder nicht, anerkennen. Er bittet – und man weiß es ihm Dank, denn man fühlt, dass er befehlen könne. – Und Albret? – O! ich rechte nicht mehr mit ihm! sein Verhängnis führte ihn, wie mich das Meinige. Dass ich mit einem Herzen voll Liebe vergebens nach seinem Vertrauen rang, dass ich in seinen Ideenkreis mich nicht zu stellen vermochte, was kann er, was kann ich dafür? – Mein Schicksal führte mich einen blumigen Pfad; es sandte mir die gleichgestimmte Seele, wo ich ihrer am bedürftigsten und am würdigsten war. Denn meine Liebe ist nicht die betäubende, ungewisse Glut der ersten Neigung; sie ist der reinste Genuss des Herzens, mit den edelsten Blüthen des Lebens verwebt und verbunden. – Gern sagte ich alles, was ich empfinde; denn kann es ihm weh tun, da er mich nicht liebt? Aber würde ihm nicht mein Vertrauen vielleicht kindisch erscheinen, ihm lästig sein? – Er verlangt ja nur Schein von mir, nur – ach! ich weiß nicht, was er verlangt! Lass mich immer thörigt sein, Julie, diese Momente werden nie wiederkommen. – Ich will jetzt alles vergessen, ich will! – und ich fühle mich dabei weise und gut.
Vorlage S. 171
118
Wir werden wegen den Unruhen des Kriegs, diesen ganzen Winter, und vielleicht noch länger, hier bleiben. Seit einiger Zeit ist auch der Graf von L – hier, dessen Bekanntschaft ich schon in Italien machte.
Vorlage S. 174
119
Albret sieht es gern, wenn ich bei den Festen, die er veranstaltet, erscheine, und ich füge mich leicht in seinen Sinn, denn mit Freuden ergreife ich die Gelegenheit, ihn zu verbinden, und – allenthalben finde ich Eduard.
Vorlage S. 174
120
Du fragst mich nach Nanetten – und ich fühle ganz den Vorwurf, der in dieser Frage liegt; wie lange ist es, dass ich ihrer, die ich doch so herzlich zu lieben versicherte, gar nicht gegen Dich gedachte! Ach! wol lässt sie uns alles vergessen, diese gebieterische Leidenschaft! und so war es natürlich, dass ich Dir zu schreiben vergaß, wie sie schon seit einem Monat zu einer Verwandtin gereist ist, die sie sehr angelegentlich zu sich einlud. Aber sie hat versprochen, bald wieder hieher zu kommen, und wir erwarten sie täglich.
Vorlage S. 174
121
Und wolltest Du, meine Freundin, Du allein, Deine Freundin betrüben, während Zufall, Liebe und Wahrheit sich zu ihrem Glück vereint haben? – O! gedenk' an unsre jugendlichen Träume, an unsere Hoffnungen, an unsere milden, unschuldig freien Grundsätze! Bedenk', dass die Sterblichen zwar oft das erreichen, was sie wünschen, aber selten oder nie, gerade zu dem Zeitpunkt, wo sie es wünschten. Julie, es kann schwach und unrecht sein, die Verhältnisse, worinnen wir einmal sind, leichtsinnig zu verletzen, aber es ist stark und gerecht, sie zu seinem Glück zu vergessen, ohne sie zu verletzen.
Vorlage S. 175
122
Sechzehnter Brief
Vorlage S. 177
123
Eduard an Amanda
Vorlage S. 177
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Ich muss Sie verlassen, Amanda, wenn ich meine Abreise so nennen kann, da ich nie von Ihnen mehr zu trennen bin. Barton ist hier, und überbringt mir die Bitte meines Vaters, unverzüglich zu ihm zu kommen. Mein Vater schreibt, dass er nicht versteckt vor mir handeln, nicht seine Gründe in den Schleier des Geheimnisses hüllen, aber mir nur alles mündlich sagen wolle, dann soll ich urtheilen, und nur bis dahin seiner Versichrung trauen, dass er nicht willkührlich mit mir verfährt. – Meine Abreise soll für Albret ein Geheimnis bleiben. Warum? das weiß ich noch nicht, doch diese geheimnißvollen Wesen, die jetzt über mich gebieten, sollen mir von Allem Rechenschaft geben. Schon morgen reise ich; darum vergönne mir heute, Dich ungestört zu sehen. Freudig will ich die letzten köstlichen Tropfen der Gegenwart trinken. Ich bin glücklich; ich habe keinen Sinn für Trennung und für Schmerz. Wir werden uns bald, freudig und liebend wiedersehn.
Vorlage S. 177
125
Siebenzehnter Brief
Vorlage S. 179
126
Amanda an Eduard
Vorlage S. 179
127
Sie erschrecken mich. – Ich hatte mich so sehr an mein Glück gewöhnt, dass ich, wie ein Kind glaubte, es könne nie anders werden. Und nun, schon jetzt? – Ach! diese Trennung ist nicht gut! keine ist es. Kommen Sie bald, damit Ihre Gegenwart mir Alles klärer und heitrer mache.
Vorlage S. 179
128
Achtzehnter Brief
Vorlage S. 180
129
Amanda an Julien
Vorlage S. 180
130
Es ist vorbei! – Zwei Wesen sind getrennt, die ohne einander nicht leben können. Abgerissen sind die Fäden, die mein Herz an das gesellige Leben banden, und alle Freuden erscheinen mir ohne ihn, wie entseelte Körper. – O! allmächtiges Gefühl der Liebe, das im Innersten des Herzens wohnt, und mit unbekannter Kraft, Trauer oder Freude über die ganze Welt ausgießet, vergebens müht sich der bildende Verstand, Dir die Erscheinungen nach seinem Gefallen darzustellen, vergebens strebt die meisternde Vernunft, Dich in ihre Formen zu gießen – in hoher Freiheit, waltest Du, unumschränkt nach Deinem Willen. Deine Wahl ist die ewige Harmonie der Natur, der geheime Zusammenklang lebendig fühlender Wesen. Ewig suchst Du darnach, und, wo Du sie findest, aller Schranken und Hindernisse spottend, da ist einzige, ewige Wahrheit. Oft weißt Du in der Tiefe des Unglücks, Dir Deinen Triumpf zu bereiten, nach dem vergebens das glücklichste Leben sich sehnt. Und weh' dem, dem es gelingt, mit Dir den kalten Bund zu schließen, dass Du folgsam Dich den niedern Bedingungen des Verstandes anschmiegst; denn bald schweigst Du ihm ganz, und er steht da, ein kaltes, trauriges Monument, des einst in ihm wohnenden Lebens! –
Vorlage S. 180
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O! Julie! ich war glücklich! glücklich, wie es wol nie eine Sterbliche war, und werden wird! – Stunden hoher Begeisterung und ruhiger Einfalt, der geistigsten, schönsten Poesie, und bescheidner, nüchterner Lebensfreuden, schlossen sich reizend an einander. Ja! es gab Momente, wo uns das Herz so groß ward, wo uns Phantasie, Liebe und Naturgenuß, ganz über alle gewöhnliche Verhältnisse hinweg, ins Gebiet der Ideale empor hob, wo wir alles andere verachteten, und zu sterben wünschten, weil nach solchen Augenblicken, kein irdisches Glück mehr unsrer Sehnsucht werth schien. Aber es gab auch Stunden, Tage, wo wir friedlich auf dem sanften Strom des gewöhnlichen Lebens hinabgleiteten, uns in den mannigfaltigen Beziehungen der Menschen, in geselligen Verhältnissen glücklich fühlten, und mit freundlicher Ruhe einander ins Auge blickten. – Das war es eben, was uns so selig machte, dass wir uns allenthalben begegneten, auf den ewigen Höhen der Begeisterung, und in den flüchtigen Wellen des Augenblicks, allenthalben uns einander nahe fühlten. – Und dies alles ist vorbei! Julie, wenn Du dies je gefühlt hast, wenn Du es nur ahnen kannst, so komm zu mir, und lehre mich, mich selbst ertragen! – Eine stürmische Sehnsucht ruft mich weg in ferne Gegenden, wo ich ihm zu begegnen hoffe. Wilde Phantasien umschwärmen mich; es ist der sanfte Ton der Empfindung nicht mehr, der in nahem Bezug, auf die Gegenwart allein, meinen Träumen die fröhlichste Bedeutung lieh. Die Welt ist tod für mich, und in der ganzen Natur, bewegt kein erfreuender Ton mehr mein Herz mit leisem Widerklang.
Vorlage S. 181
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Dass Eduard von mir getrennt, weißt Du, aber warum so schnell, und so geheimnißvoll? – Das wusste er selbst nicht, und wird es erst aus dem Munde seines Vaters erfahren. Sein Freund Barton, den er so oft verehrte, kam hieher, um Eduard's Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, und vielleicht auch, wie ich fast vermuthe – mich näher zu beobachten. Es ist ein Mann, der die Welt sehr zu kennen scheint, und den eine gewisse Sicherheit und Schicklichkeit im Betragen, überall willkommen sein lässt. In seinem Gesicht hat sich, um den Mund, noch ein leiser Zug von Gutmüthigkeit erhalten, aber die Augen sprechen viel Klugheit, beinah Schlauheit aus. Er ist in unserm Haus bekannt geworden, und ich sehe ihn öfters, aber noch kann ich kein Vertrauen zu ihm fassen. Und wie sollte ich? er scheint zu verständig, um mich verstehen zu können.
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Albret hat sich jetzt, wie immer, auf eine eigenthümliche Weise benommen. Nach unsrer Trennung, bei der auch Eduard trostloser war, als er selbst erwartet hatte, sagte ich ihm alles was ich fühlte. Der Schmerz macht aufrichtig, und das bestürmte Gemüt kannte keine Schranken, keine Rücksichten mehr. – Er hörte mich gelassen an, ohne ein Zeichen von Ueberraschung, mit einem Lächeln, wie man die Träume eines Kindes belächelt. »Amanda,« sagte er, als ich schwieg, »Du kennst Dich selbst, Du kennst die Menschen nicht. Unbedachtsam hälst Du die hinfällige Pflanze, die einen Frühling lebt, für den Sprößling eines Baumes, der allen Wettern trotzen, und mit den Zeiten wachsen wird. Zu späte Reue ist schrecklich; bedenke das! – du bist mir werth.« Diese Aeusserung reizte meine Empfindlichkeit. Ich fühlte mich so groß, so unendlich in meiner Liebe, dass jeder Zweifel an ihrer Dauer, ihrer Stärke, mir Lästerung zu sein schien. – Indessen, was mir auch darinnen mißfällig sein konnte, so fand ich doch, Albrets Benehmen, in diesem Fall untadelich, ja! edel. – Seitdem
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hat er nie wieder über diesen Gegenstand, mit mir gesprochen, aber täglich verwickelt er mich absichtlich, immer mehr in einen Wirbel von Zerstreuung und Lustbarkeiten, wo ich ihm nicht glänzend genug erscheinen kann. Ich gestehe Dir, dass ich nicht weiß, was ich davon denken soll. Bin ich das Spielzeug seiner Eitelkeit, oder neuer, mir unbekannter Absichten? – Ach! die Liebe macht mich für alles andere ungeschickt, und raubt mir alles Urteil!
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Eduard hat mir geschrieben. Seitdem weiß ich, dass die Welt noch Reiz für mich hat; ich ahne wieder einen leisen Einklang im Spiel des Lebens, und bin mir selbst wieder gegeben. Seine Klagen haben mich geweckt, und die Sorge, ihn zu trösten, führt meinem eignen Herze Beruhigung zu. Wie sehr wünschte ich, meine Julie, dass Deine Einrichtung, Dir jetzt verstattete, zu mir zu kommen. Deine Gegenwart ist mir nie so notwendig gewesen, und sie würde das begonnene Werk vollenden. – Nanette ist seit einiger Zeit wieder hier, aber sie scheint sich von mir zu entfernen, wenigstens ist sie so unbefangen nicht mehr, wie vormals. Zuweilen blickt sie mich liebevoll an, und ein fremder Zwang scheint ihren Mund zu verschließen; dann aber glaub' ich auch, Misstrauen und Zweifel in ihren Augen zu lesen. – Und, soll ich Dirs gestehen? – beinah' ist es mir jetzt gleichgültig. – Ach! seit ich ihn verloren habe, welchen Verlust kann ich noch fürchten?
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Neunzehnter Brief
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Eduard an Amanda
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Wir halten hier in einem elenden Ort, weil mein Bedienter krank geworden ist. Nur mit Mühe konnte sich Barton, der mich einige Tagereisen mit begleitet, entschließen, diese Nacht hier zuzubringen, denn rastlos lies er mit mir dahin jagen, und der Wagen flog ihm nie schnell genug. Ich lasse mir alles gefallen, ich habe keine Kraft, keinen Willen mehr. Amanda, Amanda, was ist aus mir geworden? – O! wie wenig wusste ich, was Trennung war, wie frevelnd war der Muth, mit dem ich sie zu ertragen hofte! – Ich fürchte in eine gänzliche Melancholie zu verfallen, und wird es nicht besser mit mir, so kehre ich, trotz allen Gründen, allen Verhältnissen zu Dir zurück. Du bist das einzige Wesen auf der Welt, dem ich ausschließend angehöre. Andre bildeten mich zum Menschen, aber Du erhobst mich zum Gott; von Dir getrennt, sinke ich tiefer hinab, je höher ich stand. – Die ganze Natur scheint fühllos gegen meine Qual. Der blaue Himmel und die lachenden Fluren, spotten meines Kummers, die Menschen können mein unendliches Leid nicht fassen, und ihre unselige Kunst, entfernt mich schnell, und immer schneller von dem Ort, der all' meine Liebe, mein Leben, meine Freiheit in sich schließt. – Vergolde nur immer, Abendsonne! die träumende Erde, du vergoldest die Träume meines Herzens nicht mehr! Ich bin tod, ohne gestorben zu sein. Der magische Ring. ist zerbrochen, womit mein Sinn alle Erscheinungen in lieblicher Einheit zusammen hielt, und die Harmonie des Weltalls, ist mit der Harmonie meiner Seele entwichen. Die Unendlichkeit hat Grenzen, und ein kaltes Schicksal ist in dem Kreis meiner Gedanken an die Stelle der göttlich freien Willkühr getreten. Ich hasse die Welt, und in der Welt mich selbst am meisten.
Vorlage S. 189
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Amanda! schöne Seele! – Deine Wirkungen sind allgegenwärtig, wie die Gottheit und begegnen mir da, wo ich es nicht im geringsten vermuthete. Eine arme Vertriebene, die tiefer als viele andere ihres Gleichen gebeuget zu sein schien, kam zu uns, und klagte uns ihr Leid. Als sie aus einer unscheinbaren Brieftasche eine kleine Schrift hervorzog, die als Beglaubigungsschein ihres Unglücks gelten sollte, entfaltete sich ein andres Papier, worauf ich Deine Hand zu erkennen glaubte. Kaum bemerkte sie meine Aufmerksamkeit, als sie mir es überreichte, und mit ungewöhnlicher Rührung Dein Lob anstimmte. Ich las Deine freundlichen Worte, deren feine Wendung ein größrer Balsam auf die Wunde der Unglücklichen war, als selbst Dein ansehnliches Geschenk. Ich küsste die geliebte Schrift; es war das erste, was ich seit unsrer Trennung von Dir sahe; ich wünschte, sie zu besitzen, und bot der Frau eine beträchtliche Summe. Sie schlug sie aus, jedoch mit sichtbarer Resignation. Ach! es ist traurig, wenn das feinere Gefühl gegen Mangel zu kämpfen hat! – Ich gab ihr das Geld, und ließ ihr Deine Schrift, jedoch auch nicht ohne Resignation.
Vorlage S. 191
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Wir sind wieder weiter gereißt, da der Kranke sich bald gebessert hatte. Unsre Pferde laufen unerträglich schnell vorwärts, und der Raum schmilzt vor unsrer fliegenden Eil behende hinweg, indeß er zwischen mir und Dir immer mehr anwächst. Ach! Amanda, ich kann die Trennung von Dir, immer weniger ertragen! Meine Gesundheit leidet, und nur die Hoffnung auf einen Brief von Dir, hält mein fliehendes Leben noch fest. – Doch, sorge nicht, Geliebte, ängstige Dich nicht! es wird besser werden, oder ich kehre, so bald ich meinen Vater ein einzigmal umarmt habe, unaufhaltsam zu Dir zurück.
Vorlage S. 193
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Ich bin so stolz geworden, und so demüthig, dass ich mich selbst nicht mehr kenne. Stolz – denn ich habe Barton, ihn, der mir sonst alles war, noch nicht gewürdigt, mit ihm von Dir zu sprechen, so sicher er es wol erwartet hatte, und mit Recht erwarten konnte. Ach, er weiß es doch nicht, was Du bist, und kann es nicht fassen – auch konnte ich es ihm nicht beschreiben. Ich möchte eine eigne Sprache haben, um von Dir sprechen zu können. So kränke ich meinen Freund, dem ich so vieles verdanke, vorsätzlich, durch die eigensinnigste Verschlossenheit, und gleichwol ist er mir unentbehrlich. Ich bitte ihn, bei mir zu bleiben, wenn er weggehen will; er darf mich keinen Augenblick verlassen. Es ist so unaussprechlich schauerlich, sich Allein zu fühlen – ich habe das nie gefühlt, und müsste ich es nur auch jetzt nicht! – Ich war ein Uebermüthiger, der der ganzen Welt trotzen zu können glaubte – jetzt scheint mir jeder Dank zu verdienen, der mich erträgt.
Vorlage S. 194
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Heute hab' ich Dein Bild zum erstenmal angesehen, das war ein seliger Augenblick! – bis jetzt erlaubte ich mir es nicht, weil ich mich selbst fürchtete. Die Tränen stürzen mir aus den Augen, aber es waren wohlthätige, süße Tränen. Es ist so wenig von Dir, und mir doch so unendlich viel.
Vorlage S. 195
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Hier, im Wirthshaus ist ein kleines Mädchen, das Deinen Namen führt. Wie ich erschrack, als ich den Namen nennen hörte, wie rasch ich mich wandte! – Das Kind darf mich nun nicht mehr verlassen, es ist ein liebliches Geschöpf, und hat einen Zug um den Mund, der ihm viel Aehnlichkeit mit Dir giebt. Ich betrachte es mit süßem Schmerz, und träume mir viel. – Zuweilen wünsche ich – verzeih'! – es möchte Dein Kind sein, dessen Dasein vielleicht ein Geheimnis bleiben sollte, und das nun, durch Zufälle hieher gekommen sei. Dann wird mir das Mädchen so heilig, ich drücke sie mit Wollust an mein Herz, und ihre Augen schienen mir verklärter als vorher. Mich dünkt, es würde mir um vieles besser sein, wenn ich das Kind immer um mich haben könnte. Ich habe schon diese Idee gegen die Aeltern geäussert, und ernsthaft mit ihnen darüber gesprochen, aber sie wollen nichts davon hören.
Vorlage S. 195
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Barton treibt schon wieder zum Aufbruch. Er schildert mir meinen harrenden Vater, wie er meiner Ankunft mit unruhiger Sehnsucht entgegen sieht. Amanda, ach! wie kann ich weiter, da mich alles, alles zurückzieht? – Diese Qualen kennst Du nicht. –
Vorlage S. 197
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Was macht Wilhelm? Denkt er noch an mich? Was gäb' ich darum, ihn bei mir zu haben! Er hieng mit so treuer, warmer Liebe an Dir, und ich war oft eifersüchtig, wenn – o Bilder, o Erinnerung! –
Vorlage S. 197
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Ganz Dein.
Vorlage S. 197
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Zwanzigster Brief
Vorlage S. 198
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Amanda an Eduard
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Umwehe mich, Abendluft, und hauche mir Frieden in die beklommene Brust! – Ich tauche mich in dem kühlenden Luftstrom, ich athme die Düfte der Nacht, aber sie mildern die Sehnsucht des Herzens nicht. In der Dämmerung, im Lüftchen, im Blumenduft, überall wohnen Erinnerungen; überall bist Du und bist Du nicht! – O! dass ich Dich verlieren musste! –
Vorlage S. 198
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Es ist unbegreiflich, wie Deine Gegenwart in mein ganzes Leben verschlungen war. Alles war durch sie geweiht, und allmächtig hauchte sie Leben und Begeisterung, auch in die gleichgültigsten Dinge. Jetzt tritt mir allenthalben eine unerträgliche Leerheit entgegen. Gefühllos seh' ich, wie sich die Menschen um mich her bewegen; gefühllos thue ich, was Andre von mir begehren. Mein Herz ist tod; mit Dir hat mich mein beßres Selbst verlassen. Und dennoch regt sich in mir ein unendliches Verlangen nach Glück. Ach! ich hatte es gefunden, und ich ließ es entfliehen, das einzige Glück, welches für mich blühte! – Eduard! ich theile Deine jugendlichen Hoffnungen nicht, mir ahnet eine lange, grauenvolle Trennung. Jetzt erst denke ich: ach! warum reisete ich nicht mit ihm? O! kalte, unerträgliche Rücksichten, die mich noch jetzt zurückhalten! – Der Mensch denkt sich oft in seinem Kreise so wichtig, so unentbehrlich, und kaum hat er ihn verlassen, so sieht er, wie ein andrer ihn leicht, und oft weit besser ausfüllt. Aber da, wo ein höheres Leben für ihn blüht, wo sein heiligstes Dasein, an dem göttlichen Hauch harmonischer Freiheit und Liebe, sich mit den schönsten Blüthen entfaltet, die ganze Welt sich seinem Aug' verklärt, und er gut sein muss, weil ihm alles andre gut erscheint, da ist er an seiner Stelle, da muss er sich, aller Hindernisse trotzend, ewig zu erhalten suchen.
Vorlage S. 198
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Ich fuhr gestern spazieren, und wählte den Weg, den Du gereist bist. Es war mir, als käme ich Dir näher; ja, einige Augenblicke lang, dauerte die süße Täuschung, als eilte ich in Deine Arme. Es ward Abend; die Natur lag in ruhigen Träumen, still und frei vor mir; das graue Bergschloß, das Deinem Gärtchen gegenüber liegt, lächelte, wehmüthig zärtlich in die Abendglut; die Fenster, der ländlichen, umher zerstreuten Hütten, glänzten Ruhe und Einfalt. Komm, o! komm, rief ich laut, die Sehnsucht tödtet Deine Amanda! – Ach! da zerrann die Täuschung, und als ich wieder zurück fuhr, lebten alle Qualen der Trennung, tausendfach in mir auf.
Vorlage S. 200
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Und so war es denn ein Traum, das ganze wunderbare Glück unsrer Liebe? Eine Erscheinung, die flüchtig wie alles andere, und bedeutungslos verschwindet? – Ist es möglich, frage ich mich oft mit kindischem Zweifel, dass man so glücklich sein kann, wie wir es waren? so glücklich im Genuss der Gegenwart? – Vergangenheit umzieht ihre Freuden mit ätherischem Duft, und reizt die Sehnsucht, nach unmöglichen Genüssen; die Zukunft kleidet ihre Bilder, in das blendende Gewand der Täuschung; die Phantasie zieht sich aus einer fremden Welt Paradiese herab, die nie sein werden – aber Gegenwart, Wahrheit; wenn auch diese so beseligen, so begeistern, dann, ja! dann ist es nur das Werk der Liebe, der Allesvermögenden! Aber wie selten finden sich so gleichgestimmte Seelen, wie selten vereinigt sie ein so wunderbares Band! – Ach! unendlich wie mein Glück, soll auch mein Schmerz es sein! Wie gern gäb' ich noch eine solche Zeit, wie diese war, zu leben, mein Dasein, mit allen übrigen Genüssen, dafür hin, und stürbe, mit dem letzten Kuß beglückt, in Deinen Armen!
Vorlage S. 201
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Ich habe Deinen Brief! Wie süß hab' ich geweint, als ich ihn las! – O! Allgewalt der Liebe, auch getrennt umwindest du deine Lieblinge, mit ätherischen Blüthen des Entzückens! – Ich hatte mich sehr auf diesen Tag gefreut, und wohl mir, dass die Hoffnung mich nicht betrog! Sie täuschet also doch nicht immer, diese Trösterin der Getrennten? – Wie wächst mein Vertrauen nach dieser Ueberzeugung!
Vorlage S. 203
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Beruhige Dich, Eduard, wir werden uns wiedersehen. Bekämpfe diese Heftigkeit, die Deine Gesundheit untergräbt; ach! sie ängstet mich unaussprechlich! – Hoffe Alles – die Zeit – unser Wille – ich bin ruhig – Nein, Eduard! ich kann Dir nicht heucheln, der schöne Bund der Aufrichtigkeit, den wir zusammen schlossen, soll unter keinem Vorwand, auch den gutmüthigsten nicht von mir verletzt werden. Ich bin nicht ruhig. – Hoffnung und Zweifel belebt und tödtet mich; mein Geist entflammt in Sehnsucht, und das Leben ist Qual ohne Dich. -Wie wird sich das geheimnißvolle Benehmen Deines Vaters lösen? – Welche Pläne verschließt sein Busen, die Dich vielleicht weit, weit von mir entfernen? und soll ich Dich vielleicht nie wiedersehn?
Vorlage S. 203
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Wilhelm, der einst unser kleine Vertraute war, spricht oft von Dir. Er kann die Stunden, die er bei Dir zugebracht hat, nicht genug rühmen, und wird oft ungeduldig, wenn ich ihm auf seine Fragen, mit trübem Blick versichre, dass Du noch immer nicht wiederkömmst. Der Knabe ist jetzt mein einziger Trost. In den ersten Tagen der Trennung, wo ich für Alles tod war, war auch er mir gleichgültig geworden, aber sein süßes Geschwätz, und der Gegenstand desselben, hat mir bald Teilnahme abzulocken gewusst. Seine Bildung beschäftigt mich nun wieder, das heißt, ich pflege die zarten Blumen, die die Natur in das kindliche Herz pflanzte, Wohlwollen, Frohsinn, Wahrheitsliebe. Du weißt, wie bittre Vorwürfe ich mir einst machte, dass ich ihm Verstellung abgedrungen hatte; ich suche es jetzt durch die einfachsten Erklärungen wieder gut zu machen, und jede Spur einer Handlung zu vertilgen, die nur die Liebe entschuldigen konnte.
Vorlage S. 204
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Täglich, stündlich ruht mein Blick auf den Lauben, den Schattengängen, wo wir beide oft, in lieblicher Einsamkeit, die schönsten Stunden unsers Lebens verträumten. Eduard! diese leise flüsternde Bäume, die stumm wankenden Schatten, haben eine Sprache, die bis in das Innerste meiner Seele dringt! Dann fühle ich mich oft so frei, so hoffnungsvoll, wie in den Tagen der Liebe. Aber bald fehlt mir der Einzige, und es stürmt von neuem in der Seele.
Vorlage S. 206
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Und keiner, keiner, der mein Leiden mit empfinden könnte! – Nur Du leidest in der Ferne mit mir. Einsam trauren wir beide, und der süße Trost der Mittheilung ist uns versagt. Gute Nacht! ganz Dein.
Vorlage S. 206
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Ein und zwanzigster Brief
Vorlage S. 208
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Eduard an Amanda
Vorlage S. 208
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Nun bin ich hier in dem geräuschvollen * *, und statt meines Vaters, dessen Anblick allein einen Strahl von Freude in mein Herz zu senken vermogt hätte, fand ich bloß einen Brief von ihm. Er ist nach England gereis't, weil, wie er schreibt, Geschäfte, auf denen das Wohl von vielen beruht, dort seine Gegenwart verlangen. Nur den dringendsten Beweggründen, fährt er fort, vermöchte er seinen liebsten Wunsch, noch länger aufzuopfern. Er bittet mich um meine Nachsicht, und rechnet ganz gewiss darauf, in wenig Wochen wieder hier zu sein. – Und so muss ich nun ausharren, denn erwartete ich die Ankunft meines Vaters nicht: ich kehrte ohne Verzug zu Dir zurück. Ach, Amanda! ich bin so fern davon, ruhiger zu sein, dass meine Sehnsucht nach Dir, vielmehr mit jedem Tage zunimmt! – Täglich bin ich in Gesellschaft; die Menschen sind gefällig, zuvorkommend gegen mich; manches weibliche Auge glänzt mir entgegen, aber ich bin für alles kalt und fühllos. Wie anders, ach! wie ganz anders war es, wenn ich bei Dir war, welche Stunden der Weihe, der Begeisterung, der Liebe! Du weißt es nicht, was Du bist, Amanda, und dies macht Dich eben so schön! wie eine Heilige verehre, bet' ich Dich an!
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Georg Friedrich Kersting – Mann am Sekretär. Vergleichsbild zum Lesen, Schreiben und Nachdenken; keine Darstellung einer Figur dieses Buches.
Kontextbild zum Werk. Am Schreibtisch · Georg Friedrich Kersting · Public domain Bildquelle ↗
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Du glaubst nicht, wie schwer es mir oft wird, in Gesellschaft die nötige Fassung zu behalten. Meine Seele ist jetzt in einem so hohen Grad zur Wehmuth gestimmt, dass alles, was nur den leisesten Bezug auf Dich hat – und wo fände ich ihn nicht? – mich unbeschreiblich erschüttert. Gestern sagte einer bei Tische die Stelle aus Carlos:
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»Gehört die süße Harmonie, die in
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Dem Saitenspiele schlummert, seinem Käufer,
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Der es mit taubem Ohr bewacht? Er hat
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Das Recht erkauft, in Trümmern es zu schlagen,
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Doch nicht die Kunst, den Silberton zu rufen,
Vorlage S. 210
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Und in des Liedes Wonne zu zerschmelzen.
Vorlage S. 210
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Die Wahrheit ist vorhanden für den Weisen,
Vorlage S. 210
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Die Schönheit für ein fühlend Herz.
Vorlage S. 210
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Sie beide gehören für einander.«
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Dies ergrif mich so gewaltig, dass ich hinaus gehen musste. So geht es mir sehr oft, und das Schrecklichste dabei ist, dass ich dann noch Vorwände suchen muss, wenn ich nicht für einen Thoren gehalten sein will. Dann bringe ich bald der Wirthin Blumen, oder werfe irgend eine sonderbare Frage auf, und muss so noch an kalte Gesellschaftsregeln denken, indeß meine ganze Seele von Sehnsucht nach Dir glüht!
Vorlage S. 210
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Endlich Nachricht von Dir – das ist der erste, lichte Moment meines ganzen, fern von Dir verträumten Daseins. Jeder Buchstabe von Dir, ist mir heilig. Was für ein Himmel liegt in Deiner Liebe, einzige, geliebte Amanda! Ich bin eifersüchtig auf Dich, denn gewiss hat Dir mein Brief nicht das Entzücken gewährt, wie mir der Deinige. In Allem möchtest Du mich übertreffen, nur hierinnen solltest Du mich nicht zurücklassen. Und dennoch möchte ich um Alles in der Welt nicht, dass Dein Brief mir weniger Freude gemacht hätte. So ist kein Zustand im Leben so voll Widersprüche, wie der Zustand der Liebe; die Zeit der Liebe ist nicht die Zeit der Ruhe. Wie ist es doch möglich, dass wir bei diesen Widersprüchen, bei dieser Unruhe so glücklich sind?
Vorlage S. 211
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Ich beneide Dich, Amanda, obwol ich Dir es gönne, obwol ich alle Freuden meines Daseins hingeben möchte, um Dich froher zu wissen. Ich beneide Dich, dass Du dort lebst, wo jede Aussicht, jedes Plätzchen neue Schwärmereien weckt, und süße Qualen nährt. Was gäbe ich darum, wenn ich ungestört meinen Träumen nachhängen könnte! Du weißt, wie wenig ich über die Aeusserungen meiner herrschenden Stimmung zu gebieten vermag, und hier, im Kreise meiner Verwandten und ältern Bekannten, muss ich es fast immer. Mein einziger Trost ist oft, von Dir zu sprechen, so wie sich nur die entfernteste Gelegenheit darbietet. Alle kleine, von Dir gesammelten Züge, alles Freie, Hohe, Interessante, Schöne, wird erzählt, und da ich nicht von einer Einzigen sprechen will, so vertheile ich Deine Vorzüge auf alle die Weiber, die in Deinem Kreise leben, und es ist für alle genug, reicht vollkommen hin, um hier die weibliche Eitelkeit durch eure Unerreichbarkeit zu kränken. Sieh', meine Amanda so reich bist Du; und dass man Dir das erst sagen muss, das macht Dich eben noch reicher.
Vorlage S. 212
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Aufrichtigkeit – wie hat mich das Wort ergriffen, als ich es in Deinem Briefe fand! Jener Stunde, worinnen Du Dich so schön hierüber erklärtest, gedenke ich noch oft und gern. Ich lag auf den Knieen vor Dir, das Herz voll Qualen der Eifersucht. Es war spät; ich hatte Dich aus einem glänzenden Zirkel nach Hause begleitet, wo Dein Reiz, Deine Anmuth, alle Weiber überstrahlt, alle Männer geblendet hatte. Ich sah die trunknen Blicke nach Dir hintaumeln, und wie selbst kältere Herzen, Dir unwiderstehlich zuflogen, als Du mit seelenvollem Ausdruck, zu den schmelzenden Tönen einer Laute sangst. Ich stand in einiger Entfernung, und athmete kaum. Meine Blicke irrten auf Deiner Gestalt umher, und liebten alles, bis auf die schimmernden Ketten, die Deine Arme umschlossen. Diese schöngebildete Hand ist mein, sagte ich mir freudig, dieser Arm, dieser Nacken, diese Wange, die ser Mund – und mir schwindelte vor Entzücken. – Aber es wird, es kann nicht mein bleiben, dachte ich weiter. Die Ansprüche, die ein jeder an sie tut, ihr jugendlicher Sinn, ihr vorzüglicher Geist – genug, ich sagte Dir alles, was mich quälte, als wir allein waren, und Deine süßesten Versicherungen konnten mich nicht beruhigen. Da sprachst Du: Vertrauen ist das einzige Band, was die liebenden Seelen in fester, zarter Gemeinschaft erhält. Aller Zauber der Phantasie, vermag nichts über die Herzen, wenn nicht Wahrheit des Gefühls zum Grunde liegt. Sollte ich je anders für Dich fühlen, als jetzt – was mir unmöglich scheint, so sage ich Dir es frei, und auch Dich halte keine vermeinte Zartheit ab, die immer Falschheit bleibt, mir alles, was in Dir vorgeht, zu vertrauen. – Da gelobten wir einander stete Aufrichtigkeit, und es tröstete und labte mich dieser Bund über Alles.
Vorlage S. 213
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Barton hat mir geschrieben, doch was ich so sehnlich von seinem Briefe wünschte und erwartete, fand ich nicht. Er schreibt wenig und nichts Befriedigendes von Dir; aber wie sollte er anders? – Habe ich nicht durch meine hartnäckige Verschlossenheit seinen Unwillen verdient? Ist es nicht an mir, alles wieder gut zu machen? – Dagegen schreibt er mir von Nanetten, mit einer feurigen Beredsamkeit, die mir an ihm fremd ist, und mir eine sonderbare Art von Freude macht. – »Bei ihr,« schreibt er, »finde ich noch die liebe alte Fröhlichkeit, die, von uns entflohen, einst der Genius besserer Zeiten war, die nicht erst lange fragt, warum? und ob mit Grund? und ob alles in der ganzen Welt dazu passt? nein, frei aus dem Herzen herausquillt, und gleich einer erwärmenden Frühlingssonne, auch in Andern, manche ferne, erstorbene Freude weckt. Nanette plagt sich nicht mit Vorbereitungen zum Leben – sie lebt. Von andern wenig fodern, auf sich selbst rechnen, übrigens so wenig als möglich, an sich denken, und lustig fortleben, dies ist ihre Weisheit, die einzigen Regeln, die sie befolgt.«
Vorlage S. 216
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Ich danke Dir, Amanda, dass Du mir nichts von Albret schreibst, denn ich verheele Dirs nicht, dass sein Name mir stets, wie ein glühendes Eisen, durchs Herz fährt. Ich verehre Deine Handlungsart, aber das vermindert meine Schmerzen nicht, ich werde kalt und warm, und taumle zwischen Wehmuth und Ungestüm, wenn ich an ihn denke. – O! warum warst Du so fremd, mit Deinem eignen Herzen? Und, warum mussten wir uns jetzt erst finden? –
Vorlage S. 217
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In wenig Tagen reise ich aufs Land, an den Ort, wo ich die ersten, goldnen Tage des Lebens zubrachte. Dort werde ich auch meinen Vater einen Tag früher sehen können, der mit seiner Ankunft mir schon viel zu lang zögert. Aber ich habe nicht den Muth, mich darauf zu freuen, vielmehr fürchte ich, irgend ein Hindernis könnte mir dort die Nachrichten von Dir, länger vorenthalten, und diese sind jetzt das höchste Ziel meiner Sehnsucht. Schreibe mir Verbannten bald. Gute Nacht, mein Leben, meine Seligkeit, mein Alles – ach! warum antwortest Du nicht? –
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Zwei und zwanzigster Brief
Vorlage S. 220
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Amanda an Eduard
Vorlage S. 220
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Eduard! ich bin allein – die romantische Stille der Nacht, ruht auf allen Wesen. Vor gerißnen, dunklen Wolken, steht einsam der Stern der Liebe; Ein geistiger Schein verklärt das ferne Gebirge, indeß tiefe ambrosische Nacht, das vor mir liegende Thal bedeckt.
Vorlage S. 220
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Ach! aus allen Wesen ist die Bedeutung gewichen; ein kaltes Licht strömt von dem Stern hernieder, und in den leisen, durch die Nacht verstreuten Tönen, liegt Trauer und Wehmuth. – Eduard, ist dies die Welt, die einst so schön, so heiter war? – Welch ein allmächtiger Zauber lag in Deiner Nähe! – Du wusstest es nicht, nein! Du wusstest nicht, wie Du geliebt wurdest. – Die Luft hauchte mir Deinen Atem, in dem Geflüster der Blätter hörte ich Deine Stimme, der Mond beleuchtete nur Deinen Pfad. Ich wusste es, eine solche Nacht ließ Dich nicht ruhen. Du eiltest hinaus, in die Natur, vor Deinen Augen entfaltete sich eine neue Welt, himmlische Freiheit und Liebe empfing Dich, und die heiligen Stimmen der Nacht, riefen wunderbare Bilder vor Dein Gemüt.
Vorlage S. 220
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Dann, ach! das wusste ich auch – zog Dich ein allmächtiger Zug zu mir hin. Du wandeltest durch blühende Haine, blühender und lebendiger als sie, und eine stärkere Sehnsucht entflammte Dich. Wenn ich dann hinaus sah, in die nächtliche, liebeathmende Welt, und hinter jedem Gesträuch Dich ahnen durfte, wie ward mir dann die Gegend so lieb, so heilig! Wie strömte aus Deinen Blicken ein neuer, himmlischer Reiz über sie hin! – Deine Wünsche waren jugendlich wie die Frühlingsblumen, Deine Phantasie himmlisch, wie das Licht der Sterne, Deine Gefühle lebendig, wie der rauschende Bach. – Jetzt überfällt mich namenlose Wehmuth, wenn ich die blühende Natur um mich erblicke, und mich von Dir getrennt, in dieser blühenden Natur. Vergebens sage ich mir, dass jedes Glück – auch die Liebe, enden muss, besser gewaltsam durch Trennung als langsam durch die Zeit – das Innerste des Herzens widerspricht, und meine Tränen strafen mich Lügen.
Vorlage S. 221
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Seit einigen Tagen ist Julie hier, und wie wohl mir ihre Gegenwart tut, wirst Du fühlen, da Du weißt, wie ich sie liebe; doch habe ich manches an ihr anders gefunden, als ich mir es dachte. – Sie will um ihre, nicht ganz feste Gesundheit, zu stärken, diesen Sommer das hiesige Bad brauchen, und hat sich gefreut, dies mit meinem Wunsch, sie bei mir zu seh'n, vereinigen zu können. Die Jahre, während wir uns nicht sahen, haben den Duft der Jugend von ihrem Geist abgestreift, und sie hat manches in ihrem Wesen, was mir weh tut, was ich hart nennen möchte, wenn ich es nicht wegen der Uebereinstimmung des Ganzen gern ertrüge. Sie ist ganz das, was sie sein wollte, eine Frau, die Vergangenheit und Zukunft, stets im Bezug auf die Gegenwart denkt, mit ihren Verhältnissen in Eintracht lebt, den Lebensgenuß weise vertheilt, um damit bis ans Ende auszureichen, und die Befriedigung des, allen Menschen eignen Triebes nach Glück, mehr von dem Verstand als dem Gefühl erwartet. Freilich lässt sich von einem solchen Gemüt schwerlich Billigung und lebhafte Teilnahme an einer Leidenschaft erwarten, die wie die unsrige, alle Verhältnisse des Lebens vergisst, den ganzen Himmel in Momente zusammen fasst, und aus dem geheimnißvollen Quell der Gefühle, unendliche Freuden und unendliche Qualen schöpft. Gleichwol liebe ich sie, weil sie mir giebt, was sie mir geben kann, weil Jugendgefühle, Erinnerungen, mich an sie binden, und ich ehre sie, weil sie unbefangen das ist, was sie sein kann, und sich für nichts anders gehalten wissen will. – Verschieden werden die Menschen geboren, und mag doch immer jeder seine Eigenthümlichkeit, – nur in einer schönen Form – zu erhalten suchen! Wie thörigt begehren Manche die unendlich reiche Mannigfaltigkeit der Naturen mit der flachen Einförmigkeit einer einzigen Form vertauscht zu sehen!
Vorlage S. 223
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Eduard! Deine Klagen dringen mir ans Herz. Verbanne diese wilde Traurigkeit, die mich ängstigt; ich verlange, ich fodre es. – Auch ich will ruhiger sein; und bin es schon. Ich habe Augenblicke, Stunden, wo ich mit gefasstem Gemüt, über unsre Trennung nachzudenken vermag. – Mühsam suche ich dann alle Gründe hervor, um Vorteile für Dich darinnen zu finden. Der vorzügliche Mensch, sage ich mir, soll harmonisch ausgebildet werden; das Gefühl darf nicht die Oberhand behaupten, nicht das schöne Gleichgewicht verletzen, und dann in allen Verhältnissen des Lebens, sich eine despotische Herrschaft über die andern Geisteskräfte, anmaaßen. Ach! aber dann fällt es mir schwer aufs Herz, dass wir das, was in der Zukunft vielleicht noch reifen wird, mit den geliebtesten Freuden der Gegenwart erkaufen; das Schöne dem Nützlichen, das Freie dem Gesetz aufopfern, und wie gefallne Engel den hohen Pfad verlassen mussten, der uns, vereinigt, zu mehr als irdischem Glück und Hoheit führte. – Warum mussten wir so viel besitzen? – Ach! dem, der einmal den Himmel besaß, dünkt ein gleichgültiger Zustand schon Verdammung zu sein. – Doch, Eduard! wo gerathe ich hin!
Vorlage S. 225
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Ich beneide Dich um die Neuheit, das fremde Leben, welches Dich umgiebt, wie Du mich um meine stillen Träume. Jedes hält den Andern für glücklicher, wünscht sich an seine Stelle, und gönnt ihm doch seine vermeinte, beßre Lage. – Ach! in dem fremdesten Gewühl, und in der einsamsten Hütte, wird das treue Herz von Sehnsucht gequält!
Vorlage S. 227
186
Es beunruhigt mich oft, dass ich Dir nicht öfterer schreiben kann, und dass meine Briefe Dich erst so spät erreichen. – Ich zittre für jeden Aufschub, und möchte Dir gern jede Unruhe, jede Sorge ersparen. Zuweilen, Freund, durchfliegt mich eine himmlische Zuversicht. Weissagend, verheißt mir eine innre Stimme: wir sind nicht für einander verloren! – Der stille Gang der Schicksale führt uns wieder zusammen, diese Sehnsucht bleibt nicht ungestillt, aber wenn und wie? noch weiß ichs nicht! – O! ist nur erst der Schleier des Geheimnisses hinweg gerollt, der über Deinen Verhältnissen ruht! – Dass er dann bald erscheine, jener selige Moment des Wiedersehens! – bald, wenn noch die Glut der Gefühle ihn unendlich macht, und die himmlischen Geister der Phantasie um die Wahrheit ihre Blüthenkränze flechten!
Vorlage S. 227
187
Oft erfreut es uns, Julien und mich, auf die verschlungnen Pfade der Vergangenheit, wie von einer Höhe herabzusehen. Erst dann, wenn Jahre dazwischen liegen, wird erst bemerkt, was in der Gegenwart sich zu nahe vor die Augen drängte. Schon frühe trennten sich unsre Wege, aber wir bemerkten es nicht. Wenn wir von der Zukunft träumten, und Julie bald ein Ruheplätzchen zu finden wünschte, wenn ihre Phantasie sich kaum einige Meilen weit wagte, und sie das reinliche Landhaus, und ein stilles, regelmäßiges Leben bald festhielt, so reizte mich der Gedanke: mehr von der Erde zu sehen, ganz unaussprechlich; die unbestimmte Ferne zog mich an, und als das höchste Glück, dachte ich mir stets, an der Seite eines geliebten Mannes, ein schönes, vielseitiges Dasein zu genießen, tausendfach zu leben. – Ihr, der Gnügsamen, ward, was sie wünschte, und sie erfüllte die Lage, die sie so oft sich dachte; mich trieb das Streben, das hohe, was ich kannte, in Einem vereinigt zu finden, rastlos im Gebiet des Lebens umher, und als es mir ward, als ich kaum das harmonische Dasein fühlte, das alle Wünsche begränzte – ach! da verschwand der Himmel, und einsam und verlassen fand ich mich auf der Erde wieder!
Vorlage S. 228
188
Du schriebst mir lange nicht, Eduard! Dein Schweigen ängstet mich. Schon einige Posttage sind vergangen, wo ich Seligkeit erwartete, und alle Bitterkeit getäuschter Sehnsucht fand. Ach! Dein Bild webt sich in alle meine Träume, und meine süßesten Hoffnungen ruh'n in Deinem Herzen! Oft überflieg' ich, was uns trennt, und lebe dann mit Dir, ein neues, schönes Leben. Und theilst Du sie mit mir, diese Sehnsucht nach Wiedersehn? – wie soll ich mir Dein Schweigen erklären? – wie, wenn Du Dich der Freude überließest, während ich voll Trauer jede Freude verschmähe, und Dich stets allenthalben vermisse? – Ich bat Dich ruhig zu sein, und müsste verzweifeln, wenn Du es wärest. Nur das kann mich beruhigen – wenn Du mir nichts verheelst, Dich durch keine Spizfindigkeit des Verstandes, keinen Trugschluß der Vernunft verleiten lässt, das hohe Gesetz des Vertrauens zu brechen, das, wie durch Zauberei, Eins in des Andern Seele lesen lässt.
Vorlage S. 230
189
Drei und zwanzigster Brief
Vorlage S. 233
190
Eduard an Amanda
Vorlage S. 233
191
Ich bin nun hier auf dem Gute meines Vaters, und habe zum erstenmal einen Busen voll Sturm in diese friedlichen Fluren gebracht. Hier war ich als Knabe – glücklich ohne es zu wissen, eine heitre Welt stand vor meinem Blick, mein Leben war Genuss und Tätigkeit. Hier war ich oft als Jüngling, mit Wunsch und Gefühl. Oefters weinte ich da an einem schönen Abend oder Morgen, Tränen, deren Quelle ich nicht kannte. Ach! es waren schon damals Tränen der Sehnsucht, die ich Dir weinte, obwol ich Dich nicht kannte, einzige Amanda! warum sah ich Dich damals nicht, warum verband uns nicht Ein Himmel, Eine Flur? – Und als ich Dich endlich fand, als mich die Liebe mit Dir vereinigte, wie war es möglich, Dich wieder zu verlassen? – Ich habe viel darüber nachgedacht, was mich ans Leben hält, und was überhaupt den Menschen so ans Leben fesselt, und ich weiß es, ich habe es gefunden, es ist die Liebe, einzig sie allein. Wenn ich aufhöre zu lieben, so höre ich auch gewiss auf zu leben. Nur Liebe oder Eigennutz sind die Bande, die alle menschliche Gesellschaft zusammen halten, und wenn ich mich in schwarzen Stunden der Selbstqual ungeliebt und ohne Liebe denke, so schaudert mir, und ich ergreife rasch Dein Bild oder Deine Briefe. – Ich bin jung, und habe wenig Leiden erprüft, aber doch nicht selten schmerzlich die Nichtigkeit aller Freude gefühlt. Meine lebhafte Phantasie zauberte mich in alle noch ungeprüfte Lagen bis zur Wirklichkeit hinein. Ehe ich Dich kannte, fühlte ich öfters unbeschreibliches Verlangen, banges Gefühl von Alleinsein. Die Natur war damals meine Geliebte. Wie oft bin ich auf die Knie gesunken, den Busen voll Sturm, das Auge voll Tränen, und habe die Blumen geküsst und die Erde! – Dann schwärmte ich rastlos umher, und ich brauche Dir nicht zu sagen, dass es kein gemeiner Taumel, kein gewöhnlicher Durst nach Vergnügen war. Eine Art von Verzweiflung jagte mich, und bei allem Reichthum meiner Gefühle, dünkte ich mich arm. Da führte mein Genius Dich zu mir – und alles, was ich je empfunden, wiederholte sich schöner bei Dir. Der Sehnsucht Träne, der Wehmuth Seligkeit, die tiefe Ehrfurcht, das stumme Entzücken, – das alles gab ich nun Dir, und Du warst reicher als die Natur, Du nahmst und gabst. – O! Einklang der Seelen! Mittheilung ohne Worte! O! selige, selige, selige Zeit! – Gleich einer glücklichen Insel ragt sie aus dem Strom des Lebens hervor. Die Liebe leitete uns auf geheimnißvollem Weg dahin; aber wir mussten sie verlassen, unser Weg hat weiter keinen Zusammenhang mit ihr, und einsam und getrennt treibt der Strom den öden Nachen hinab. – Was soll ich nun allein auf den dunklen Wellen, wo Du, leuchtendes Gestirn! mir fehlst? – Ach! ich bin so kleinmüthig! und das macht die Entfernung allein, die Entbehrung, die mich alles Sinnes und Muthes beraubt! – Die Welt weicht von mir zurück. Leiser, und immer leiser verhallen in dem weiten All die Töne der Liebe, der Freude, unvermerkt löset sich ein Band nach dem andern, und an dem großen Accord menschlicher Wünsche und Freuden schließt sich der Ton meines Herzens nicht mehr an.
Vorlage S. 233
192
Dein Brief thaut Balsam auf mein wundes Herz, und gräbt die Wunde doch tiefer. Ich denke mich bis zum Wahnsinn in alle verschiedenen Lagen hin, worinnen ich Dich so oft gesehn. Ach! dass ich die Träume, die die Sehnsucht Deinem Auge entlockt, wenn Du einsam in die nächtliche Gegend blickst, nicht von Deinen Wangen küssen kann! dass ich nicht mehr gegenwärtig bin, um die Musik Deiner Rede zu vernehmen, wenn Deine Lippen sich so anmuthsvoll bewegen, dass ich oft selbst das Hören darüber vergaß! – Kann der todte Buchstabe mir ersetzen, was einst so lebensvoll, so göttlich vor mir stand? – Nein! meine Empfindung gleicht der Empfindung eines Greises, der aus dem Schatten der Ruhe noch einmal auf den schimmernden Blumenpfad seiner Jugend zurückblickt. Alles Glück liegt hinter ihm, und vor ihm, eine stille, leere, dunkle Gegend.
Vorlage S. 237
193
Ein Plätzchen habe ich hier gefunden, heimlich zwischen Bergen und Gesträuch, dem Garten ähnlich, wo einst Engel zu mir herabstiegen. Hier will ich mir eine kleine Kapelle bauen, einfach, prunklos und mit weichem Boden, dass man leise geht, wie der verstohlne Tritt der Liebe. Ueber dem Altar hängt Dein Bild; auf ihm liegt alles, was ich je in seligen Stunden von Bändern, Blumen und Briefen von Dir erhielt. Vier Säulen sind darinnen, der Phantasie, Erinnerung, Hoffnung und Liebe geweiht, und jede trägt das Gemälde einer Sonne aus der kurzen Blüthenzeit meines Glücks. Zuweilen muss ich auch einen Menschen mit mir dahin führen, um dort zu beten, denn welcher Genuss ist ungetheilt? – Aber behutsam, sehr behutsam werde ich sein in meiner Wahl, und wol manches Jahr wird hingehen, dass keiner in den Tempel meiner Allgegenwärtigen tritt. Und wenn auch einer der Erste seines Jahrhunderts wäre, so müsste er dennoch geliebt, glücklich geliebt haben, wenn er mich begleiten dürfte. Aber große Menschen werden nicht ohne Liebe; sie allein bringt uns den Vollkommnen näher. – Wäre nur meine Kapelle schon fertig, dass ich mich in den heissen Augenblicken der Unruhe und der Sehnsucht, dahin verbergen könnte!
Vorlage S. 238
194
Amanda! ich bin in Verzweiflung! – In meiner Zerstreuung hab' ich vergessen, dem Boten, der Briefe in die Stadt trägt, diesen Brief an Dich mitzugeben. Das Aussenbleiben desselben wird Dich beunruhigen, und ich kann diesen Gedanken nicht ertragen. Ich lasse das schnellste Pferd satteln, und fliege in die Stadt, um die Post noch zu erreichen. O! dass es so unbändig wäre und sich nicht halten ließe, und mich ohne Rast zu Dir hintrüge!
Vorlage S. 240
195
Ich bin wieder besser, meine Amanda, ich bin ganz gesund. – Ach! was habe ich gelitten, dass ich Dich so lange in dieser Ungewissheit lassen musste, aber die Krankheit übermannte mich mit unbeschreiblicher Stärke und Schnelligkeit; ein heftiges Fieber raubte mir das Bewusstsein, und vergönnte mir nur selten einen leichten Augenblick; ich habe viel phantasirt, und bin sehr glücklich gewesen. Ganz deutlich erinnere ich jetzt mich dessen, was meiner Krankheit vorher gieng, und ich will es Dir erzählen, weil ich Dir nichts verheelen darf. – Ich ritt, nachdem ich Dir zuletzt geschrieben, mit fliegender Eil, um noch vor Abgang der Post in der Stadt zu sein. Auf meinem Weg lag eine Fähre, die ich passiren musste. Es war so früh, dass man auf der andern Seite niemand vermuthete, und ich musste lange warten. Die Luft wehte kalt, der Himmel sah schwarz umzogen, und meine Ungedult war fürchterlich. Schon wollte ich mich in die Wogen stürzen und hinüberschwimmen, als ein alter Schäfer herbei kam, und mich gutmüthig festhielt. Er stellte mir die Gefahr bei dem herannahenden Sturm so lebhaft vor, dass ich einige Augenblicke lang schwankte, und ein kleines Gespräch mit ihm anknüpfte. Und hier – so bitter war meine Stimmung – war ich recht bemüht, diesem Menschen, der mit seinem Dasein zufrieden schien, das Traurige desselben mit wilder Lebhaftigkeit aufzudecken. In dieser öden Gegend, wo Stunden weit keine menschliche Wohnung, nur Sand und dünner Graswuchs zu sehen ist, musste dieser Mensch zwei mal 24 Stunden lang – allein mit seinem Hund die Schaafe hüten, wo dann ein andrer ihn ablöste. Bitter fragte ich den Mann: Wie magst du nur das Leben ertragen? – Aber er begriff mich nicht, und erzählte mir nur, wie er dann Einen Tag in seiner Hütte zubrächte, und mit seinem Weibe des kleinen Lohns sich freue, und sein Gärtchen bestelle. – Dies Gespräch machte mich noch ungeduldiger, und da die Fähre noch immer nicht gekommen war, so nahm ich keine Gründe mehr an. Ich verließ mich auf mein gutes Pferd und meine Kräfte, und wünschte, dass ein verzweifelter Kampf mit den, Wogen, dem Leben, das in manchen Augenblicken keinen Reiz mehr für mich hat, wiederum Werth geben möchte. – Glücklich er reichte ich das Ufer, und nun weiter nach der Stadt. Ich kam zu spät, und das brachte mein Blut noch mehr in Wallung; eine unnatürliche Glut rann durch meine Adern; ich fühlte die Krankheit, aber ich fasste die Idee, sie zu bekämpfen, und ihr durchaus nicht unterliegen zu wollen. Unverzüglich ritt ich wieder fort, durch eine dunkle, stürmische Nacht. Aber mir war wohl, sehr wohl. Das Ungewisse der Schatten, erhöhete meinen gespannten Zustand. Allmächtig, wie ein Gott, wandelte ich allein in einer unendlichen Welt. Die ganze Natur schien mir unterthan, ich fürchtete, ich hofte nichts; Leben und Tod lag in meiner Hand. Auf einer unermesslichen Nebelbahn kam mir ein ferner, freundlicher Lichtstrahl entgegen. Du warst es; wie eine leuchtende Sonne nahtest Du mir, und wir stiegen höher, immer höher. – Gegen Morgen kam ich an das Wasser und dachte mit Vergnügen der gestern überstandnen Gefahr. Diesmal fand ich die Fähre und ließ mich gleichgültig übersetzen. Meine Verwandten erschracken, als ich nach Hause kam. Ich sprach unbeschreiblich viel in Prosa und Versen, mit der größten Lebhaftigkeit. Nach einigen Stunden gelang es ihnen, mich ins Bett zu bringen, und von diesem Augenblick an weiß ich wenig mehr. – Mehrere Wochen sind mir ohne helles Bewusstsein vergangen, doch war Dein Bild in allen meinen Träumen. Sie sagen: ich soll noch nicht ausser Gefahr sein, doch fühle ich jetzt meine Kräfte täglich mehr zurückkehren, und meine einzige Sorge ist Deine Bekümmerniß. Fürchte nur nichts mehr, Geliebte! Du liebst mich und ich lebe.
Vorlage S. 241
196
Vier und zwanzigster Brief
Vorlage S. 247
197
Amanda an Eduard
Vorlage S. 247
198
O Du bist krank, Eduard! Du bist es noch immer! Dein Brief trägt unverkennbare Spuren Deines zerrütteten Zustandes. Weh mir, dass ich so Dich wissen und entfernt von Dir bleiben muss! Diese innre Notwendigkeit bei aller äussern Freiheit ist das Schrecklichste, was sich fühlen lässt, ist die größte Qual meines Lebens! – Ich möchte, wie Clärchen, als sie Egmont im Kerker weiß, und ihn nicht retten kann, ich möchte gebunden sein, an allen Gliedern gelähmt, lieber, als so frei herum gehn zu können, und doch fern von Dir bleiben zu müssen! – O! jetzt – bei dem heiligen Gefühl der Liebe, beschwöre ich Dich – schone Dein! gedenke des liebenden Herzens, dessen Qualen Dein Werk sind. Verbanne alle Schwärmereien, bändige Deine Phantasie, bedenke, dass mit der Gesundheit auch die Freude, mit dem Leben die Hoffnung verfliegt. – Wie heftig bist Du in Allem – o! sei ruhig, vertraue dem Herzen der Geliebten, der Du Alles bist, lass uns der Zeit vertrauen, die das Verworrene still lösen wird. Noch hab' ich selten an unsre Zukunft gedacht, und wohin das alles wol führen sollte. Fragst Du den Strom, wohin er seinen Lauf zu nehmen gedenkt? Allmächtig wogt er dahin, wie Naturgesetz und Kraft es ihm gebieten. – Wie nahe, wie lebendig hat mich noch heute Dein Andenken umschwebt! einsam gieng ich in den dunklen Gängen des Gartens! sehnsuchtsvoll breitete ich meine Arme aus, und nannte leise Deinen geliebten Namen. Ach! da war es mir, als müsste ich Dich aus Deiner Ferne zu mir herüberziehen, und mir ward wohl und weh bei dieser Täuschung. – Und nun noch einmal, Eduard! einzig Geliebter! schone Dein Leben, Deine Gesundheit! – Julie ist zurückgereist; Albret ist krank; ich bin allein – o! wenn Du meine Unruhe kenntest!
Vorlage S. 247
199
Fünf und zwanzigster Brief
Vorlage S. 250
200
Amanda an Julien
Vorlage S. 250
201
Ich komme mit der alten Freundschaft und mit neuer Unruhe zu Dir, geliebte Freundin! – Wohl uns, dass wir uns verstanden, uns aufs neue gefunden haben! Der Sonnenstrahl der Nähe, hat alle die verhüllten Blüthenknospen der Jugendfreundschaft und Erinnerung, in unsern Herzen wieder aufgeschlossen; ein neuer Lenz hat sich unserm Gefühl entfaltet, dessen heitern Himmel keine Mißverständnisse, keine Klugheit, keine kleinlichen Rücksichten getrübt haben, und unsre Herzen waren gegen einander noch rein und ohne Falsch, wie in den Tagen der Kindheit. Du hast mich weicher, fühlender – jugendlicher verlassen; mich hast Du klärer, menschlicher, hoffnungsvoller zurückgelassen. Und nun vergönne mir den tröstenden Genuss der Mittheilung, und lass mich Dir sagen, was seit Deiner Abreise mit mir vorgegangen ist.
Vorlage S. 250
202
Du weißt, dass Albret von einer heftigen Krankheit überfallen ward; sein Zustand schien gefährlich. Ich that für ihn, was Dankbarkeit, was menschliches Gefühl, was mir mein Herz gebot, und er schien weicher und vertrauungsvoller gegen mich zu sein als je. Einst ließ er mich zu sich rufen. »Amanda,« sagte er mit schwacher Stimme, »mein Leben, ich fühle es, ist bald dahin. Willst du meine letzten Lebensstunden erheitern, und dir selbst die Ruhe deiner Zukunft sichern?« – »O! rede frei,« rief ich, schon ganz erweicht, »alles was ich kann, will ich gern, gern für deine Zufriedenheit tun! –« »Du liebst Eduard,« fuhr er fort »diesen Jüngling, der heftig, ehrgeizig, unzuverlässig, undankbar ist, kurz alle Fehler der Jugend in hohem Maaß besitzt; dein Glück, deine Ruhe, zertrümmert der Wilde unausbleiblich. Entsage ihm jetzt, da es noch Zeit ist, brich allen Umgang mit ihm ab; versprich es mir, und du verbreitest Frieden über mein gequältes, hinsinkendes Leben! –« Mein Herz zerfloß in tiefen Schmerz, und mein Auge in Tränen; – ach! es gelang ihm nur zu gut, alle Saiten meines Gefühls zu tiefer Trauer zu bewegen – aber ich war entschlossen. Jene rauhe Tugend, die Alles seinen Grundsätzen aufzuopfern befiehlt, mögen auch alle andre darüber zu Grunde gehen, kenne ich zwar nicht; sie ist mir fremd; aber diesen Betrug, diese Herabwürdigung dessen, was mir das Liebste, das Heiligste ist – O! wie hätte ich ein solches Versprechen über meine Lippen bringen können? – Nein! sagte ich fest, und nur dieses einzige kann ich Dir nicht gewähren! – Albret gab seinen Plan so leicht nicht auf; er suchte alles hervor, was mich zu erschüttern vermochte, und nur spät überzeugte er sich, dass es vergebens war. »Nun wohl,« sagte er hierauf, »bist du seines Herzens, ist er des deinigen so gewiss, so kannst du nichts dabei wagen, wenn ich ihn auf eine, nicht allzu schwere Probe stelle; und dies Verlangen wirst du mir, ohne Ungerechtigkeit, nicht unbefriedigt lassen können. Versprich mir nur vier Monate lang, ihm keine Zeile, kein Wort von deiner Hand lesen zu lassen, und dann entscheide selbst über ihn. Fühlt er wirklich so, wie du glaubst, was vermag eine so kurze Zeit, was vermöchte die größte Wahrscheinlichkeit, gegen die freudige Gewissheit seiner Liebe? gegen sein Vertrauen zu dir?« – Er fügte noch manches hinzu, und Julie – ich versprach es. Ich versprach es und werde es halten, was es mir auch schon jetzt kostet. Denn diese Probe, was soll sie? – Verträgt sich die Klugheit einer solchen Prüfung mit der Einfalt, der heiligen Kindlichkeit der Liebe? – Ach! schon bin ich sehr unruhig! Dem Sterblichen sollte Wahrheit über alles heilig sein! Eine einzige Abweichung – und Du kannst die Folgen nicht berechnen. Kaum ist die Handlung geschehen, so geht ihre Wirkung ins Unendliche; unaufhaltsam stürmen die raschen Mächte des Schicksals mit deiner That dahin, und nie bekommst Du sie mehr in Deine Gewalt!
Vorlage S. 251
203
Sechs und zwanzigster Brief
Vorlage S. 256
204
Eduard an Barton
Vorlage S. 256
205
Barton! ich habe Dich beleidigt, schwer beleidigt – ich weiß es, und allen Deinen Briefen fühle ich meine Schuld und Deinen Kaltsinn an. Eigenmächtig, ohne Grund, entzog ich Dir mein Vertrauen. Du warst mir wenig mehr, weil mir Amanda Alles war. Vergiss es jetzt, ich selbst kann es Dir noch nicht erklären – und vielleicht kannst Du es besser als ich; beurtheile mich im Ganzen, als Erscheinung, wie Du sonst wol thatest, und Du wirst sehen, es wird sich alles ausgleichen.
Vorlage S. 256
206
Ich bin kaum genesen und es stürmt so vieles auf mich ein. Mein Vater ist hier, und hat mir Alles gesagt. Ich weiß es nun, dass er von Albret tödlich gehaßt wird, und aus welchen Gründen; weiß es, dass dieser stolze, rachedürstende Mann seinen Groll auch auf mich übertrug, und dass mein Vater, der in seiner Nähe für mich fürchtete, sogar mein Leben in Gefahr glaubte, deshalb so schleunig, so unbiegsam auf meine Abreise drang. Seine Liebe erfreut mich, aber die Gefahr, worinnen er mich geglaubt, rührt mich weit weniger, als, wie ihr das furchtbare Gemüt dieses Mannes kennen, und es so gleichgültig zu ertragen vermochtet, dass Amanda bei ihm lebt. Wie? habt ihr Herzen? oder hat die Welt schon euren Sinn so eng zusammen gezogen, dass nur euer eignes Schicksal euch rühren kann, und ihr das Wohl und Weh eines fremden Wesens – o Gott! und des vollkommensten – gelassen und unthätig, in seine eignen Hände gebt? – Und ihr seid ja die bessern unter den Menschen! – Doch davon hernach: jetzt das Wichtigste.
Vorlage S. 257
207
Amanda schreibt mir nicht – was geht dort vor? – das ist es, was ich von Dir wissen muss. Einer meiner dortigen Bekannten erzählt mir in seinem Brief ganz unbefangen, dass man sie sehr oft mit dem Grafen * * zusammen sehe; dass seine heftige Leidenschaft für sie kein Geheimnis sei, und Amanda ihr Gehör zu geben scheine. Ich glühe, wenn ich mir das denke. Kanntest Du jemals diese Qualen der Eifersucht, die mir, wüthender Flammen gleich, verheerend durch die Seele zucken. – Warum vernichten sie ohne zu tödten? – Und warum soll sie keine Freude mehr genießen, ohne mich: ihre ganze Existenz gedultig in die meinige auflösen? – Kann ich, will ich diesen Seelenmord verlangen? Ja! ich darf Alles von ihr fodern, weil ich ihr Alles zu geben bereit bin; mein Gefühl ist natürlich, ist gerecht! – Ein heiliges Gesetz, dass Liebe nur Liebe – verlangt und giebt, liegt ihm zu Grunde. Ist sie mir nicht Alles? Möchte ich nicht, von ihr getrennt, jede Freude nur darum genießen, um sie, treu aufbewahrt und verschönert, ihrer Phantasie wieder zu geben?
Vorlage S. 258
208
Vergleiche ich nun die stillen Aeusserungen Deiner Briefe damit, die auch ihrer oft in Verbindung mit dem Grafen erwähnen, so stoßen sie mir den Dolch ins Herz, und doch kann ich nicht sagen, dass du mir weh thust. Du schreibst mir kein Urteil, nur trockne Wahrheit; bloß die äußre Erscheinung, nichts von Vermuthung, selbst das nicht, wie es auf Dich wirkte. Das thust Du, eben weil Du weißt, wie tief es mich angeht. »Ich rathe niemand in Sachen des Gefühls,« sagtest Du einst, »denn ich kann so gut irren, wie der Andere. Aber ich stelle ihm die Sache hin, rein und natürlich, wie sie mir erscheint, um vielleicht durch eine neue Ansicht sein Urteil unbefangen zu machen.« – Aber, Freund! mit dieser kalten Klarheit richtest Du jetzt nichts aus, jetzt nicht gegen mein leidenschaftliches, gequältes Herz. Ich fodre Dein Urteil, ganz bestimmt, Alles was Du von ihr, ihrem Wesen, ihren Verhältnissen und ihrer Liebe zu mir, denkst. – Ach! dass ich so kalt, so fremd, so gemein, von ihr, von dem sprechen muss, was mir das Nächste, das Heiligste, das Unaussprechlichste war! – Wie anders, wie ganz anders gestalten sich diese göttlichen Bilder, durch diesen Zweifel, diese unwürdige Verhandlung! – Wie! ich hätte vielleicht geträumt? – und dies alles könnte enden, wie das Gemeinste endet? und es wäre Wahn gewesen, Rausch des Vergnügens, kurz, irgend etwas, was man erklären kann, was ich so einzig, so göttlich in mir fühlte? – O! vielleicht haben meine letzten Briefe, oder die ihrigen, ein unglückliches Schicksal gehabt, und ein gemeiner Zufall verführt mich zu den frevelhaftesten Aeusserungen! – Genug, schreibe mir bald und deutlich. Ich warte zwei Posttage auf Deinen Brief, und warte ich vergebens, so siehst Du mich vor Dir!
Vorlage S. 259
209
Sieben und zwanzigster Brief
Vorlage S. 263
210
Eduard an Barton
Vorlage S. 263
211
Gut! ich habe nun Deinen Brief, und Du bist mit mir abgefunden. Du handelst rechtlich, und ob gleich ich Dich hier lieber fühlend hätte handeln sehen, so darf ich doch nichts dagegen sagen. – Du schreibst mir, dass Dich Albret einst aus einer der größten Verlegenheiten Deines Lebens befreit hat, dass Du ihm große Verbindlichkeiten schuldig bist, und damals den unverbrüchlichen Vorsatz gefasst hast, niemals auf keine Veranlassung, und in keinem Verhältnis, gegen ihn zu handeln. Treue gegen Deinen Entschluss, und noch überdies, die Ueberzeugung, dass man sich nie in fremde Herzensangelegenheiten mischen dürfe, hielten Dich also ab, an meinem Verhältnis mit Amanda, auch nur entfernt, Theil zu nehmen, und alles was Du jetzt für mich tun konntest, war, dass Du Nanetten fragtest, ob ihr vielleicht der Grund von Amandas Schweigen bekannt sei? – Und er war es! – Amanda hat mir auf Albrets Bitte feierlich entsagt! Sei der Bewegungsgrund welcher er wolle, sie hat mir entsagen können, was lässt sich dagegen einwenden? – Und nicht von ihr selbst sollte ich dies erfahren – denn ich habe keinen Brief darüber von ihr, so unbegreiflich dies ist. Vielleicht, dass irgend ein Geheimnis hier verborgen ist, aber wie es auch sei – Nanette hat es ja von Albret selbst gehört. – Entsagt! nein! mein Stolz erwacht, und was es auch kosten mag, ich reiße Liebe und Hoffnung und Glück, auf ewig aus meinem Herzen!
Vorlage S. 263
212
In einigen Tagen wird mein Vater mit Privataufträgen des * * schen Hofs nach * * gehen. Er will, dass ich ihn begleiten, mancherlei Geschäfte übernehmen, und mich nun selbst mit Welt und Menschen bekannt machen soll; und ich werde, so viel ich kann, mich in seine Wünsche fügen; aber mein Sinn, meine Stimmung, treibt mich jetzt fast unwiederstehlich dazu, Kriegsdienste zu nehmen, und ich werde alles tun, um ihn für diesen Wunsch zu gewinnen. Sonderbar ist es mir zu Muthe, wenn ich jetzt an meine frühern Wünsche zurück denke, wo ich mir kein größer Glück denken konnte, als meines Vaters Freund zu sein, und viele Länder und Menschen kennen zu lernen. Und nun bin ich fast der Vertraute meines Vaters geworden; ich sehe ihn, der sonst vor meiner Phantasie immer in heiliges Dunkel gehüllt war, ganz nahe und klar vor mir handeln; nun ist der Augenblick gekommen, der sonst eine Gränze für alle meine Hoffnungen zog. Und wenn ich mich nun doch so voll Unruhe und Sehnsucht fühle, da erscheint mir der Mensch wie ein Wandrer, der einen Berg ersteigen will, und wenn er die eine Höhe, die er für die letzte hielt, erstiegen hat, so wächst der Berg vor seinen Augen, und er steigt mit steter Sehnsucht, so weit er kann, ohne je den Gipfel erreichen zu können. Unsre Wünsche verlieren sich ins Unendliche, wie alle unsre Vorstellungen; denn wir können uns das Größte und das Kleinste, das Unbeschränkte und Beschränkteste nicht denken. Nur Einen Zustand im Leben giebt es, welcher Ruhe gewährt ohne Ersterbung, der das Unendliche umspannt, und alle Sehnsucht befriedigt. Es ist der kurze, glühende Sonnenblick, den eine höhere Sonne, vorübergehend, auf das dunkle, flüchtige Leben des Sterblichen wirft. Aber er geht vorüber, und alles sinkt ihm noch in tiefere Schatten! – Ohne Hoffnung blicke ich in mein zukünftiges Leben hin; das Glück liegt hinter mir, und ich lebe dafür nicht mehr. Und wofür denn sonst? – zum Wohl des Ganzen soll ich wirken? und weiß ich denn, worinnen dies eigentlich besteht? zeige mir, wo ich das wahre Ziel zu suchen habe: – und wenn ich es nicht weiß, nicht wissen darf, so treibt mich eine ewige Notwendigkeit, auch ohne mein Zuthun dahin. – Ach! das hat mich schon öfters gequält! – Rollt die Menschheit mit allen ihren äussern und innern Revolutionen, ewig wie ein ungeheures Rad, mit Nacht und Traum bedeckt, in dem Strom der Zeit dahin? Das Rad rollt unablässig durch die Feuersäule hindurch, und was beschienen wird, er wacht auf einen Augenblick zum Leben, zum Bewusstsein. Aber alles eilt hindurch und schwindet in Nacht; bis es einst vielleicht wiederum unter einer andern Gestalt eben so flüchtig den Feuerstrahl durchrollt. O! dann wünscht' ich trostlos, von diesem unendlichen, einförmigen, zwecklosen Reif herabspringen zu können, wäre es auch, um in das ewige Nichts zu versinken! – Oder steigen wir auf der unermesslichen Linie der Zeit einem vorgesteckten Ziel entgegen? aber was es ist, und wo es endet? – O! warum streben unsre Wünsche ewig dieser Gränze zu, wo eine fremde Macht sie kalt zurückreißt; warum können wir nicht, wie Mückenschwärme im Abendgold, uns des flüchtigen Sonnenblicks unbesorgt erfreuen, bis er verloschen ist?
Vorlage S. 265
213
Ich habe * * verlassen; die Trennung von dieser Gegend, hat mich lebhaft an eine andre erinnert, und ein Augenblick hat mich belehrt, wie sehr mein Herz an seiner Liebe hängt. Beinah' dünkte es mir unmöglich, diese Gegend zu verlassen, und mich noch weiter von ihr zu entfernen. Nein! ich war zu rasch, und will nicht so von ihr getrennt sein! Ich will schreiben, und Nanette den Brief zuschicken, da Du es nicht übernehmen kannst. Ich muss, ich muss sie wieder sehn, mit ihr leben! – O! ewig würde dies schöne Bild, wie ein verlornes Paradies, meiner Seele vorschweben, und alle Freuden durch seine Erscheinung in Qualen verwandeln, wenn ich nicht alles thäte, um es mit Wahrheit zu beleben! – Wie? ich sollte nie mit ihr glücklich sein? unsre Bekanntschaft wäre ohne Zusammenhang mit unserm ganzen übrigen Leben, und die Harmonie unsrer Herzen nichts als der Traum einer erregten Phantasie? – Und wie kann sie ohne mich glücklich sein? – kein Andrer kann ihr das sein, keiner ihre Gefühle so verstehen wie ich, keiner sie so erwiedern! öde und leer wird uns beiden das Leben, das uns so frisch, so verständlich, so blüthenvoll sein könnte. – Nein! sie soll alles wissen was in mir vorgeht; unser Glück will ich ganz in ihre Hände, in ihren Willen legen. Und wissen soll sie, welch ein Herz der Mann, an welchen sie das Schicksal band, im Busen trägt. Denn mich banden ja die Bedenklichkeiten nicht, welche Euch zurückhalten, und ich darf ihr frei sagen, dass Albret, als ein unversöhnlicher Feind meines Vaters, seinen Haß auch auf mich Unschuldigen übertrug, ja, dass mein Leben nicht sicher in seiner Nähe war, und mein, um mich besorgter Vater, deshalb auf meine Entfernung so eifrig, so ohne Aufschub drang. Ja ich muss ihr das alles sagen, und wie konnte ich nur so lange schweigen? – welche Verblendung ist es, die den Menschen oft verführt, gegen einen falschen Stolz, kleinliche Bedenklichkeit oder ein übereilt gegebenes Wort, sein Liebstes, sein Heiligstes aufs Spiel zu setzen?
Vorlage S. 269

Nach dem Lesen

Dein Blick auf das Kapitel

10er-QuizZitate verstehen · Zusammenhänge erkennen · Lernpunkte sammeln10 Fragen

Eine Antwort ist jeweils richtig. Lies den Textbeleg aufmerksam. Bei einer falschen Antwort kannst du es erneut versuchen.

Angemeldet zählen richtige Antworten für deinen Lernstand. Als Gast übst du ohne Kontopunkte.

Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.

1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Ich sah um mich her – die meisten schienen mir kraftlos, künstlich, …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Und ich bin allein! allein in der lebendigsten Natur, über deren fröhlichste Bilder dies Gefühl einen […] Schleier zieht.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »deshalb« in diesem Textausschnitt? »trauern müssen, ohne deshalb unzufrieden mit mir selbst sein zu können, denn die Gründe meiner Handlungen konnten irrig sein, aber unrecht waren sie nicht. – Damals als ich mit Albret bekannt wurde, warst Du nicht bei mir, und ich glaube dass ich jene Tage mit Recht«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle nachlesen ↗

4. Welcher Ausschnitt verweist mit einer Zeitangabe ausdrücklich auf eine frühere Zeit? Achte auf ein ausdrücklich genanntes Signalwort.

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

5. Was bedeutet »allenthalben« in diesem Ausschnitt? »Jetzt tritt mir allenthalben eine unerträgliche Leerheit entgegen.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle nachlesen ↗

6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse. A: »Morgenröthe erschien mit ihrer Rosenstirn und ihren goldnen Füßen« B: »Ein unbeschreibliches glückliches Gefühl steht mit mir auf, winkt mir ins Freie, belebt mir jede Ansicht.« C: »Dann bringe ich bald der Wirthin Blumen, oder werfe irgend eine sonderbare Frage auf, und muss so noch an kalte Gesellschaftsregeln denken, indeß meine ganze Seele von Sehnsucht nach Dir glüht!«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Die Welt ist tod für mich, und in der ganzen …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Komm, o! komm, rief ich laut, die Sehnsucht tödtet Deine Amanda! – Ach! da zerrann die Täuschung, und als ich wieder zurück fuhr, lebten alle Qualen der Trennung, […] in mir auf.«

Eine Antwort ist richtig.

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9. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »weil« in diesem Textausschnitt? »Du warst mir wenig mehr, weil mir Amanda Alles war.«

Eine Antwort ist richtig.

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10. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Sie sagen: ich soll noch nicht ausser Gefahr sein, doch fühle ich …«

Eine Antwort ist richtig.

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Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

1. Lies den Abschnittsbeginn: »Ich habe den geliebten, vaterländischen Boden wieder betreten, und bin Dir nun wieder um vieles näher, meine Julie! Wer durch mehr als hundert Meilen getrennt war, dem scheint eine Entfernung von zwanzig nur […]« Welche Informationen sind hier bereits sicher, und welche Frage bleibt für dich offen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne zwei Informationen, die sich tatsächlich aus dieser Passage ableiten lassen.
  • Trenne eine eigene Frage oder Vermutung klar vom Textbefund.
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2. Fasse diese Textstelle in eigenen Worten zusammen: »Ich habe seit ich Dir zuletzt schrieb, Nanettens Freundin, die sie mir in ihrem Brief schilderte, kennen lernen, und in ihr jene Unbekannte wieder gefunden, die ich in den ersten Tagen meines Hierseins, neben […]« Was ist für ihr Verständnis besonders wichtig?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Gib die zentrale Aussage oder Situation wieder, ohne etwas hinzuzuerfinden.
  • Nenne eine Einzelheit aus der Passage, auf die sich deine Zusammenfassung stützt.
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3. Prüfe, ob es in dieser Passage um Gerechtigkeit oder Verantwortung geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] in meiner Seele ein hohes Bild; ich denke an nichts, kein Mensch hat Recht auf meine Teilnahme, ich lebe jetzt nur mir, nur meinem Himmel. Zu welcher Höhe von Glück bin ich auf einmal emporgestiegen? Welch ein göttlicher Frühlingshauch […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
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4. Prüfe, ob es in dieser Passage um Wahrheit oder Vertrauen geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] Freundin, Du allein, Deine Freundin betrüben, während Zufall, Liebe und Wahrheit sich zu ihrem Glück vereint haben? – O! gedenk' an unsre jugendlichen Träume, an unsere Hoffnungen, an unsere milden, unschuldig freien Grundsätze! Bedenk', […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
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5. Prüfe, ob es in dieser Passage um Angst oder Unsicherheit geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] Augenblick! – bis jetzt erlaubte ich mir es nicht, weil ich mich selbst fürchtete. Die Tränen stürzen mir aus den Augen, aber es waren wohlthätige, süße Tränen. Es ist so wenig von Dir, und mir doch so unendlich viel.«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
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6. Prüfe, ob es in dieser Passage um Nähe oder Gefühle geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] führte ihn, wie mich das Meinige. Dass ich mit einem Herzen voll Liebe vergebens nach seinem Vertrauen rang, dass ich in seinen Ideenkreis mich nicht zu stellen vermochte, was kann er, was kann ich dafür? – Mein Schicksal führte mich einen […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
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7. Vergleiche diese beiden Stellen: »Ich habe seit ich Dir zuletzt schrieb, Nanettens Freundin, die sie mir in ihrem Brief schilderte, kennen lernen, und in ihr jene […]« und »Wir sind wieder weiter gereißt, da der Kranke sich bald gebessert hatte. Unsre Pferde laufen unerträglich schnell vorwärts, und […]«. Welche Gemeinsamkeit oder welchen Unterschied kannst du am Wortlaut zeigen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne eine nachvollziehbare Gemeinsamkeit oder einen Unterschied.
  • Belege beide Seiten des Vergleichs; unterstelle keine Entwicklung, die der Text nicht zeigt.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗

8. Am Abschnittsende steht: »Ich habe * * verlassen; die Trennung von dieser Gegend, hat mich lebhaft an eine andre erinnert, und ein Augenblick hat mich belehrt, wie sehr mein Herz an seiner Liebe hängt. Beinah' dünkte es mir unmöglich, […]« Was ist hier geklärt, und was bleibt offen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf den Schluss dieses Abschnitts, nicht auf dein Vorwissen über das ganze Werk.
  • Falls die Stelle nichts eindeutig klärt, begründe auch das mit dem Text.
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9. Prüfe deinen ersten Leseeindruck an Anfang und Ende: »Ich habe den geliebten, vaterländischen Boden wieder betreten, und bin Dir nun wieder um vieles näher, meine […]« / »Ich habe * * verlassen; die Trennung von dieser Gegend, hat mich lebhaft an eine andre erinnert, und ein […]«. Würdest du deine erste Einschätzung jetzt verändern? Begründe.

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne deine ursprüngliche Einschätzung oder Leseerwartung.
  • Verwende mindestens einen Textbeleg für deine jetzige Einschätzung.
  • Sowohl eine veränderte als auch eine bestätigte Einschätzung ist möglich.
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Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Ich habe den geliebten, vaterländischen Boden wieder betreten, und bin Dir nun wieder um vieles näher, meine Julie!«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
  • Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
  • Kennzeichne deine Ergänzungen als erfunden.
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Niveau 2 · Vertiefung

2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Morgenröthe erschien mit ihrer Rosenstirn und ihren goldnen Füßen«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
  • Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
  • Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
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Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Ja ich muss ihr das alles sagen, und wie konnte ich nur so lange schweigen? – welche Verblendung ist es, die den Menschen oft verführt, gegen einen falschen Stolz, kleinliche Bedenklichkeit oder ein übereilt gegebenes Wort, sein Liebstes, sein Heiligstes aufs Spiel zu setzen?«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
  • Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
  • Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
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Ausgabe, Herkunft und Rechte

Originalautor vor 1956 verstorben. TextGrid kennzeichnet die zugrunde liegenden reinen Texte als gemeinfrei; Struktur und Metadaten unter CC BY 3.0 DE mit Namensnennung TextGrid und www.editura.de. Das Werk Amanda und Eduard von Mereau, Sophie ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de, und wird unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland veröffentlicht. Der zugrunde liegende literarische Reintext ist gemeinfrei. TextGrid wurde vom BMBF gefördert (Förderkennzeichen 01UG1203A).

Die Extraktion erfasst alle Textpositionen der gelieferten Quelldatei; dies ersetzt keinen vollständigen Vergleich mit dem historischen Druck. Offene Kapitelaufgaben dienen der Selbstprüfung und sind keine automatisch bewertete Interpretation.

Amanda und Eduard

Sophie Friederike Mereau: Amanda und Eduard, ein Roman in Briefen, Theil 1, Frankfurt a.M.: Fr. Willmanns, 1803. Mereau, Sophie 3- Frankfurt a.M.

Das Werk Amanda und Eduard von Mereau, Sophie ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.

Quelltext und Ausgabe ↗ · CC BY 3.0 DE; reine Originaltexte gemeinfrei Lizenz

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?

Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.