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Alte Winkelmauer - Ringelnatz, Joachim - Gedichtanalyse

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Alte Winkelmauer - Ringelnatz, Joachim - Gedichtanalyse

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Alte Winkelmauer - Ringelnatz, Joachim - Gedichtanalyse

Deutsch · Klasse 7–8 · Gedicht lesen, verstehen und deuten


Einleitung

Eine alte Mauer wird zum besonderen Ort: Die Stimme im Gedicht sieht darin Gesichter und fühlt sich ihr verbunden. Das ist manchmal komisch, manchmal nachdenklich.

Dein Ziel: Du beschreibst den Inhalt, erkennst zwei sprachliche Mittel und belegst deine Meinung mit Versangaben.

Einband des Gedichtbands Allerdings von 1928
Einband des Gedichtbands Allerdings von 1928

Der Einband gehört zum Buch, in dem das Gedicht 1928 erschien.


Autor und Textgrundlage

Joachim Ringelnatz um 1930, fotografiert von Hugo Erfurth
Joachim Ringelnatz um 1930, fotografiert von Hugo Erfurth

Joachim Ringelnatz (1883–1934) schrieb das Gedicht. Es steht in Allerdings. Gedichte, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin 1928, S. 8–9. Es hat 31 Verse in sechs Strophen.

Wichtig: Das lyrische Ich ist die sprechende Stimme im Gedicht. Es ist nicht automatisch der Autor.


Gedicht: Quellfassung und Lesefassung


Quellfassung (Druck von 1928)

Unveränderter Wortlaut nach dem überprüften Druck, S. 8–9. Verszahlen dienen nur der Orientierung und stehen nicht im Gedichttext.

Originalseite 8 mit dem Beginn des Gedichts
Originalseite 8 mit dem Beginn des Gedichts
Originalseite 9 mit dem Ende des Gedichts
Originalseite 9 mit dem Ende des Gedichts

Alte Mauer, die ich oft benässe,
Weil’s dort dunkel ist.
Himmlisches Gefunkel ist
In deiner Blässe.

Pilz und Feuchtigkeiten
Und der Wetterschliff der Zeiten
Gaben deiner Haut
Wogende Gesichter,
Die nur ein Dichter
Oder ein Künstler
Oder Nureiner schaut.

„Können wir uns wehren?“
Fragt’s aus dir mild.
Ach, kein Buch, kein Bild
Wird mich so belehren.

Was ich an dir schaute,
Etwas davon blieb
Immer. Nie vertraute
Mauer, dich hab’ ich lieb.

Weil du gar nicht predigst.
Weil du nichts erledigst.
Weil du gar nicht willst sein.
Weil mir deine Flecken
Ahnungen erwecken.
Du, eines Schattens Schein.

Nichts davon wissen
Die, die sonst hier pissen,
Doch mir winkt es: Komm!
Seit ich dich gefunden,
Macht mich für Sekunden
Meine Notdurft an dir fromm.

Quellennachweis: Joachim Ringelnatz: Alte Winkelmauer, in: Allerdings, 1. Auflage, Berlin 1928, S. 8–9. Korrekturgelesener Text auf Wikisource · Buchscans auf Wikimedia Commons. Der Originaltext ist in Deutschland gemeinfrei.


Lesefassung in einfacher Sprache

Lesehilfe, keine Übersetzung und kein Originalzitat. Die sechs Abschnitte geben den Inhalt der sechs Strophen vereinfacht wieder.

  1. Verse 1–4: Die Stimme pinkelt an eine dunkle Mauer. Trotzdem findet sie dort etwas Schönes.
  2. Verse 5–11: Feuchtigkeit und Wetter haben Spuren hinterlassen. In den Flecken erkennt die Stimme Gesichter.
  3. Verse 12–15: Die Mauer scheint eine Frage zu stellen. Die Stimme lernt durch das Anschauen.
  4. Verse 16–19: Die Begegnung bleibt in Erinnerung. Die Stimme sagt, dass sie die Mauer liebhat.
  5. Verse 20–25: Die Mauer verlangt nichts. Ihre Flecken regen zum Nachdenken an.
  6. Verse 26–31: Andere Menschen bemerken das nicht. Für einen Moment erlebt die Stimme sogar beim Pinkeln etwas Feierliches.

Wörterhilfe: „benässe“ = nass mache; „Wetterschliff“ = Spuren von Regen, Wind und Zeit; „Ahnungen“ = unklare Gedanken oder Gefühle; „Notdurft“ = hier das Wasserlassen; „fromm“ = ehrfürchtig oder andächtig. „Nureiner“ steht so im historischen Druck; wir ändern es nicht stillschweigend.


Das Gedicht verstehen


Die Mauer als Gegenüber

Die Stimme redet die Mauer mit „du“ an. „Mauer, dich hab’ ich lieb“ (V. 19) zeigt Zuneigung. Das ist ungewöhnlich: Normalerweise sprechen wir nicht mit einer Mauer.

Mögliche Deutung: Auch ein unscheinbarer Ort kann uns viel bedeuten. Das ist eine Lesart, keine beweisbare Absicht des Autors.

Moos auf einer Ziegelmauer
Moos auf einer Ziegelmauer

Schau auf die Oberfläche: Welche Spuren fallen dir auf?


Gesichter in Flecken

Die Stimme sieht „Wogende Gesichter“ (V. 8). Das heißt nicht, dass dort echte Menschen sind. Wir können in zufälligen Formen bekannte Bilder erkennen. Das nennt man Pareidolie.

Ein Fleck auf einer Wand erinnert an eine Landkarte
Ein Fleck auf einer Wand erinnert an eine Landkarte

Welche Form siehst Du? Andere sehen vielleicht etwas anderes.

Wolkenformen, in denen man Tiere erkennen kann
Wolkenformen, in denen man Tiere erkennen kann

Vergleiche: So wie in Wolken können wir auch in Mauerspuren Figuren entdecken.


Sprache: drei Beobachtungen

  1. Personifikation: „Fragt’s aus dir mild“ (V. 13). Der Mauer wird eine menschliche Fähigkeit gegeben.
  2. Wiederholung: „Weil du“ (V. 20–24) leitet mehrere Gedanken ein. Das betont, warum die Stimme die Mauer schätzt.
  3. Gegensatz: „Notdurft“ und „fromm“ stehen zusammen (V. 31). Ein alltäglicher Vorgang trifft auf ein feierliches Gefühl. Das kann komisch wirken.
Animation einer optischen Täuschung mit scheinbar verschiedenen Grautönen
Animation einer optischen Täuschung mit scheinbar verschiedenen Grautönen

Sehen ist nicht immer eindeutig. Diese Animation ist ein Vergleich zum Wahrnehmen, keine Abbildung der Mauer aus dem Gedicht.


Lyrisches Ich oder Autor?

Joachim Ringelnatz ist der Autor. Das lyrische Ich sagt „ich“ und „mir“. Wir wissen nicht, ob Ringelnatz die beschriebene Szene selbst erlebt hat.

Video von Studyflix: „Lyrisches Ich | einfach erklärt“. Achte auf den Unterschied zwischen Autor und Sprecher.

Video von Die Merkhilfe: sprachliche Mittel. Suche die Erklärung zur Personifikation.


Hören und selbst vorlesen

Hörvergleich: Hier hörst Du nicht „Alte Winkelmauer“, sondern das andere Ringelnatz-Gedicht „Nach dem Gewitter“ aus demselben Band. Höre auf Pausen und Betonung.

Audiodatei direkt bei Commons öffnen

Zweiter Hörvergleich: Auch „Schenken“ ist ein anderes Gedicht von Ringelnatz. Welche Wörter betont die Sprecherin?

Zweite Audiodatei direkt bei Commons öffnen

Jetzt Du: Lies „Alte Winkelmauer“ selbst. Mache nach „Mauer, dich hab’ ich lieb“ eine Pause. Klingt die Stelle ernst, zärtlich oder komisch?

Video vom Studienkreis: So schreibst Du eine kurze Gedichtanalyse.


Schreibplan mit Hilfen

Leicht: „In dem Gedicht geht es um ...“

Standard: „Die Stimme findet die Mauer besonders, weil ... Das zeigt Vers ...“

Schwer: „Der Gegensatz zwischen ... und ... könnte bewirken, dass ...“

Eine Deutung wird überzeugender, wenn Du ein kurzes Zitat mit Verszahl nennst.


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

Zitiergestütztes Lesequiz: Lies die genannten Verse vor jeder Antwort. Pro Frage stimmt genau eine Antwort.

Was spricht die Stimme in „Alte Mauer“ (V. 1) direkt an? (Eine Mauer) (!Einen Baum) (!Eine Lehrerin) (!Einen Hund)




Warum sucht die Stimme den Ort auf? Beachte „Weil’s dort dunkel ist“ (V. 2). (Weil es dort dunkel ist) (!Weil dort Musik spielt) (!Weil die Mauer neu ist) (!Weil dort eine Tür offen steht)




Was hat die Mauer laut „Wetterschliff der Zeiten“ (V. 6) gezeichnet? (Das Wetter über lange Zeit) (!Ein Maler mit Farbe) (!Ein Kind mit Kreide) (!Ein Baumeister mit Plänen)




Wer wird neben dem Dichter als Beobachter genannt? Lies V. 9–11. (Ein Künstler) (!Ein Kaufmann) (!Ein König) (!Ein Polizist)




Was ist an „Fragt’s aus dir mild“ (V. 13) auffällig? (Die Mauer scheint eine Stimme zu haben) (!Die Mauer wird abgerissen) (!Die Mauer ist neu gestrichen) (!Die Mauer bewegt sich wirklich)




Was sagt die Stimme über Bücher und Bilder? Lies V. 14–15. (Die Mauer kann sie besonders viel lehren) (!Sie möchte ein neues Buch kaufen) (!Sie malt selbst ein Bild auf die Mauer) (!Sie möchte nichts mehr lesen)




Welches Gefühl zeigt „Mauer, dich hab’ ich lieb“ (V. 19)? (Zuneigung) (!Angst) (!Wut) (!Neid)




Was fällt bei „Weil du“ in V. 20–24 auf? (Der Satzanfang wird wiederholt) (!Der Text nennt vier Jahreszeiten) (!Die Stimme wechselt die Sprache) (!Alle Verse bestehen aus nur einem Wort)




Was „erweckt“ die Ahnungen der Stimme? Lies V. 23–24. (Die Flecken) (!Die Fenster) (!Die Straßenschilder) (!Die Bücher)




Welche Deutung passt zu „Meine Notdurft an dir fromm“ (V. 31)? (Ein alltäglicher Vorgang wirkt plötzlich feierlich) (!Die Mauer verwandelt sich in eine Kirche) (!Die Stimme besucht einen Gottesdienst) (!Die Straße wird neu gebaut)





Memory

Lyrisches Ich Sprechende Stimme im Gedicht
Ringelnatz Verfasser des Gedichts
Personifikation Ein Ding bekommt menschliche Eigenschaften
Wetterschliff Spuren durch Wind und Regen
Pareidolie Bilder in zufälligen Formen erkennen
Vers Eine Zeile im Gedicht
Strophe Gruppe von Versen





Drag and Drop

Ordne die richtigen Begriffe zu. Bedeutung im Gedicht
Mauer Angesprochener Gegenstand
Gesichter In Flecken gesehene Formen
Notdurft Körperliches Bedürfnis
fromm Andächtiges Gefühl
Ahnungen Unbestimmte Gedanken





Kreuzworträtsel

Mauer Welcher Gegenstand wird im Gedicht angesprochen?
Flecken Was erweckt laut den Versen 23 und 24 Ahnungen?
Dichter Wer kann laut Vers 9 besondere Gesichter sehen?
Schattens Welches Wort steht in Vers 25 nach „eines“?
Ringelnatz Wie lautet der Nachname des Autors?
Notdurft Welches Wort steht im letzten Vers vor „an dir fromm“?





LearningApps

Dies ist eine Suche nach passenden fremden Lernspielen, keine geprüfte Aufgabe zum Gedicht.


Lückentext

Vervollständige jeden Satz mit einem Wort.
Das Gedicht heißt „Alte

“.
Sein Autor ist Joachim

.
Die sprechende Stimme im Gedicht heißt lyrisches

.
Das Gedicht hat sechs

.
Die Stimme erkennt in den Mauerspuren

.
Sie hat die Mauer sogar

.
Die wiederholten Worte „Weil du“ sind eine

.
Mit „Notdurft“ ist hier das

gemeint.
Am Schluss fühlt sich die Stimme für Sekunden

.



Offene Aufgaben

Ohne automatische Bewertung: Schreibe, zeichne oder bespreche Deine Lösung. Eine andere Deutung ist möglich, wenn Du sie mit dem Gedicht belegst.


Leicht

  1. Bildbeschreibung: Beschreibe die Mauer auf dem Commons-Foto in drei Sätzen. Hilfe: Farbe – Oberfläche – Spuren.
  2. Wortschatz: Erkläre „Wetterschliff“ mit eigenen Worten. Hilfe: Denke an Regen und Zeit.
  3. Kreatives Schreiben: Schreibe einen kurzen Brief an die alte Mauer. Hilfe: Beginne mit „Liebe Mauer ...“.
  4. Textverständnis: Schreibe zu jeder der ersten zwei Strophen einen Satz. Hilfe: Was geschieht? Was sieht die Stimme?


Standard

  1. Perspektivwechsel: Schreibe sechs Sätze aus der Sicht der Mauer. Hilfe: Beginne mit „Ich stehe hier schon lange ...“.
  2. Gedichtanalyse: Erkläre die Personifikation in V. 12–13 mit einem Zitat. Hilfe: Was kann eine echte Mauer nicht?
  3. Kreatives Schreiben: Schreibe vier eigene Verse über einen unscheinbaren Gegenstand. Hilfe: Sprich ihn mit „du“ an.
  4. Hörverstehen: Vergleiche das Hörbeispiel „Nach dem Gewitter“ mit Deinem eigenen Vortrag. Hilfe: Notiere zwei Pausen und zwei betonte Wörter.


Schwer

  1. Interpretation: Erkläre den Gegensatz zwischen „benässe“ (V. 1) und „fromm“ (V. 31) in acht Sätzen. Hilfe: Alltag – Gefühl – Wirkung.
  2. Textvergleich: Vergleiche die Buchscans mit dem abgetippten Text. Notiere drei Schreibweisen oder Satzzeichen und begründe, warum die Quelle wichtig ist.
  3. Schreibwerkstatt: Verfasse eine andere Schlussstrophe und erkläre, wie sie die Wirkung verändert. Hilfe: Bleibt der Schluss komisch?
  4. Argumentieren: Nimm Stellung: Kann ein hässlicher oder schmutziger Ort schön sein? Schreibe zehn Sätze und nutze zwei Versbelege.




Text bearbeiten Bild einfügen Video einbetten Interaktive Aufgaben erstellen



Lernkontrolle

Transfer statt Auswendiglernen:

  1. Perspektive: Du findest im Gehweg eine Form, die wie ein Gesicht aussieht. Erkläre mit einem Textbeleg, wie das zu V. 8–11 passt.
  2. Sprachliche Mittel: Gib einem alltäglichen Gegenstand in zwei Sätzen eine Stimme. Vergleiche Deine Wirkung mit V. 12–13.
  3. Deutung: Erkläre einer jüngeren Person, warum der Schluss komisch und zugleich ernst wirken könnte. Nenne V. 31.
  4. Quellenkritik: Ein Internettext schreibt „Nur einer“ statt „Nureiner“. Beschreibe, wie Du die richtige Schreibweise für den Druck von 1928 überprüfst.
  5. Schreibkompetenz: Verfasse eine Mini-Gedichtanalyse mit Einleitung, zwei Zitaten samt Verszahlen und einer eigenen Deutung.


Lernnachweis

Du kannst das Gedicht in sechs Strophen zusammenfassen, Autor und lyrisches Ich unterscheiden, mindestens zwei sprachliche Mittel mit Versen belegen und einen kurzen Deutungsabsatz verfassen. Zeige außerdem, wo die Originalausgabe von 1928 nachzulesen ist. Offene Lösungen bespricht oder beurteilt die Lehrkraft.


OERs zum Thema

Historische Quelle: Wikisource: „Alte Winkelmauer“ (Erstdruck 1928, S. 8–9). Zeno.org: weitere Online-Textfassung. Für genaue Schreibweisen gilt in diesem aiMOOC der Scan von 1928.

Wikipedia zum Autor (nicht zur Textfassung des Gedichts):


Wikimedia-Commons-Medien und Rechte

Alle folgenden Bilder, Scans, Hördateien und Animationen sind bereits vorhandene Medien. Keine Darstellung zeigt die konkrete Mauer des Gedichts. Bild- und Tonrechte gelten jeweils nach den verlinkten Dateiseiten.

  1. Buchumschlag – Zeichnung: Rudolf Großmann (1882–1941); gemeinfrei, PD-Art.
  2. Druckseite 8 und Druckseite 9 – Joachim Ringelnatz; Digitalisate nach UB Bielefeld; gemeinfrei.
  3. Porträt – Hugo Erfurth (1874–1948); gemeinfrei.
  4. Mauer mit Moos – Sankar; CC BY-SA 4.0.
  5. Wandfleck – Basile Morin; CC BY-SA 4.0.
  6. Wolkenformen – Danamania; CC BY-SA 3.0.
  7. Animation zur Wahrnehmung – Thomas Schoch; CC BY-SA 3.0.
  8. Hörbeispiel „Nach dem Gewitter“ – Sprecherin: Juliane Flade; CC BY-SA 4.0.
  9. Hörbeispiel „Schenken“ – Sprecherin: Juliane Flade; CC BY-SA 4.0.

Zu den Videos: Studyflix, Die Merkhilfe und Studienkreis erklären allgemeine Lernmethoden. Sie sind keine Aufnahmen von „Alte Winkelmauer“ und keine als frei lizenziert ausgewiesenen OER; es gelten die Rechte der jeweiligen Anbieter. Die Hörbeispiele sind andere Gedichte von Ringelnatz.


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