Alice in den Städten – Wim Wenders

Alice in den Städten – Wim Wenders
Alice in den Städten – Wim Wenders
Einleitung
Alice in den Städten ist ein Roadmovie von Wim Wenders aus den frühen 1970er-Jahren und gehört zu den prägenden Werken des Neuen Deutschen Films. Im Mittelpunkt stehen der Journalist Philip Winter und das Mädchen Alice van Damm. Aus einer zunächst unfreiwilligen Reisegemeinschaft entwickelt sich eine Beziehung, in der beide Figuren ihre Orientierung neu bestimmen. Der Film verbindet äußere Bewegung mit innerer Suche und macht Reise, Heimat, Orientierung, Freundschaft und Fotografie zu zentralen Motiven.
Für die Klassen 9–13 eignet sich der Film besonders, weil er nicht nur eine Handlung erzählt, sondern dazu anregt, über filmische Wahrnehmung nachzudenken: Was bedeutet es, unterwegs zu sein? Kann ein Foto Wirklichkeit festhalten? Ist Heimat ein Ort, eine Erinnerung oder eine Beziehung? Wie verändert Verantwortung einen Menschen? Und wie entsteht Nähe zwischen zwei Figuren, die sich anfangs kaum kennen?
Der aiMOOC verbindet Filmanalyse, Filmgeschichte, Medienbildung und kreative Aufgaben. Du untersuchst die Beziehung zwischen Philip und Alice, analysierst die Bildgestaltung von Robby Müller, ordnest den Film in den Neuen Deutschen Film ein und prüfst, wie das Roadmovie als Erzählform eingesetzt wird.

Medienimpuls: Wim Wenders arbeitet nicht nur als Filmregisseur, sondern auch als Fotograf. Diese Verbindung von Kino und Fotografie ist für Alice in den Städten besonders wichtig.
Beobachtungsauftrag zum Trailer: Achte darauf, welche Verkehrsmittel, Straßen, Räume, Blicke, Fotografien und Begegnungen gezeigt werden. Notiere, ob der Trailer eher ein klares Ziel oder das Gefühl des Unterwegsseins vermittelt.
Lernziele
Nach der Arbeit mit diesem aiMOOC kannst Du die Handlung und Figurenkonstellation des Films erläutern, zentrale Motive untersuchen, filmische Gestaltungsmittel analysieren und den Film in seinen filmhistorischen Kontext einordnen. Du kannst außerdem begründet beurteilen, wie sich die Beziehung zwischen Philip und Alice verändert und welche Funktion Fotografie, Reise und Ortswechsel für diese Entwicklung haben.
Für die Klassen 9–10 liegt der Schwerpunkt auf sicherer Filmbeschreibung, Figurenanalyse und Motiverkennung. In den Klassen 11–13 kannst Du zusätzlich filmhistorische Zusammenhänge, medientheoretische Fragen, Erzählstruktur, Bildästhetik und komplexere Deutungen untersuchen.
Der Film im Überblick
| Aspekt | Information |
|---|---|
| Titel | Alice in den Städten |
| Regie | Wim Wenders |
| Drehbuch | Wim Wenders und Veith von Fürstenberg |
| Kamera | Robby Müller |
| Zentrale Darstellende | Rüdiger Vogler als Philip Winter, Yella Rottländer als Alice van Damm, Lisa Kreuzer als Alices Mutter |
| Produktion | Produktion 1 im Filmverlag der Autoren, im Auftrag des WDR |
| Entstehung | BRD 1973/1974 |
| Bild | 16-mm-Schwarzweißfilm; später digital restauriert |
| Genre | Roadmovie, Autorenfilm |
| Stellung im Werk | Erster Teil der Roadmovie-Trilogie vor Falsche Bewegung und Im Lauf der Zeit |
Wenders bezeichnete den Film rückblickend als einen entscheidenden Neubeginn seines eigenen Kinos, weil er mit ihm das Roadmovie als zentrale Form für sein Werk entdeckte. Der Film ist außerdem der erste Teil einer Trilogie, in der Reisen nicht bloß Ortswechsel darstellen, sondern zum Modell für Wahrnehmung, Selbstsuche und Begegnung werden.
Handlung
Philip Winter reist durch die Vereinigten Staaten. Er soll als Journalist einen Text über Amerika schreiben, kann den Auftrag jedoch nicht erfüllen. Statt eines Artikels produziert er immer neue Polaroid-Fotografien. Seine Bilder wirken wie der Versuch, etwas festzuhalten, das sich sprachlich seiner Kontrolle entzieht.
Auf dem Weg zurück nach Europa lernt Philip in New York eine deutsche Mutter und deren Tochter Alice kennen. Als die Mutter nicht wie verabredet weiterreist, übernimmt Philip widerwillig die Verantwortung für Alice. Beide gelangen nach Amsterdam. Dort warten sie vergeblich auf Alices Mutter.
Schließlich machen sich Philip und Alice gemeinsam auf die Suche nach Alices Großmutter. Alice kann den Wohnort jedoch nicht präzise angeben. Als Orientierung dient unter anderem eine Fotografie eines Hauses. Die Reise führt die beiden durch Wuppertal und das Ruhrgebiet. Gerade weil die Suche immer wieder scheitert, verändert sich die Beziehung zwischen Philip und Alice.
Anfangs empfindet Philip die Situation als Belastung. Alice wiederum begegnet ihm selbstbewusst, widerspricht ihm und akzeptiert ihn nicht automatisch als Autorität. Nach und nach entstehen Vertrauen, Aufmerksamkeit und Fürsorge. Die äußere Suche nach einem konkreten Ort wird damit zugleich zur inneren Suche nach Verlässlichkeit und Orientierung.
Die Reise als Erzählstruktur
Die Handlung folgt weniger einer klassischen Abfolge aus Ziel, Hindernis und Lösung als einer episodischen Bewegung. Flughäfen, Hotels, Straßen, Bahnhöfe, Autos, Züge und Zwischenräume bestimmen das Geschehen. Immer wieder wird aufgebrochen, gewartet, gesucht oder die Richtung geändert.
Das Roadmovie erlaubt es Wenders, Landschaften und Städte nicht nur als Hintergrund zu verwenden. Räume beeinflussen die Figuren. Die anonymen amerikanischen Verkehrs- und Konsumlandschaften, die Übergangsräume von Flughäfen und Hotels und die westdeutschen Städte erzeugen unterschiedliche Erfahrungen von Fremdheit und Vertrautheit.
Die Frage lautet deshalb nicht nur: Wo kommen Philip und Alice an? Ebenso wichtig ist: Was geschieht mit ihnen, während sie unterwegs sind?
Reise, Bewegung und Übergang
Die Reise beginnt für Philip als Ausdruck einer Krise. Er ist zwar ständig unterwegs, kommt beruflich und persönlich jedoch nicht weiter. Bewegung bedeutet zunächst gerade keine Orientierung. Er reist, fotografiert und beobachtet, ohne einen zusammenhängenden Text formulieren zu können.
Mit Alice verändert sich diese Situation. Nun hat die Reise eine Aufgabe: Er muss Verantwortung übernehmen und mit einem anderen Menschen Entscheidungen treffen. Dadurch bekommt Bewegung eine andere Qualität. Aus ziellosem Unterwegssein wird eine gemeinsame Suche.
Der Film zeigt dabei viele Transitorte: Flughäfen, Mietwagen, Bahnhöfe, Hotelzimmer und Straßen. Solche Orte sind vorläufig. Man hält sich dort auf, ohne wirklich zu Hause zu sein. Sie passen zu Figuren, deren Zukunft noch offen ist.

Analyseimpuls: Die Wuppertaler Schwebebahn ist ein besonders auffälliges Verkehrsmittel. Überlege, warum ein Film über Orientierung ausgerechnet so viele ungewöhnliche Perspektiven auf Bewegung und Verkehr zeigt.
Äußere und innere Bewegung
| Äußere Bewegung | Mögliche innere Bedeutung |
|---|---|
| Fahrt durch die USA | Philips Entfremdung und Orientierungslosigkeit |
| Flug nach Europa | Übergang zwischen Lebensphasen und Räumen |
| Warten in Amsterdam | Unsicherheit und Abhängigkeit von einer abwesenden Person |
| Suche im Ruhrgebiet | Versuch, Erinnerung in einen konkreten Ort zu übersetzen |
| Gemeinsame Zugfahrt | Vorläufige Richtung und gewachsene Verbundenheit |
Die Zuordnung ist eine Deutung und keine eindeutige Übersetzung. Gute Filmanalyse prüft deshalb immer, ob eine Interpretation durch Bildgestaltung, Figurenverhalten, Dialog, Ton oder Montage gestützt wird.
Heimat
Alice in den Städten stellt Heimat nicht als selbstverständlich gegebenen Ort dar. Alice sucht die Großmutter, besitzt aber keine sichere Adresse. Ihre Erinnerung ist räumlich ungenau. Ein Hausfoto verspricht Orientierung, doch es reicht nicht aus, um sofort ans Ziel zu gelangen.
Auch Philip verfügt über keinen stabilen Heimatbegriff. Er reist durch Amerika, kehrt nach Europa zurück und wirkt dennoch nicht wirklich angekommen. Seine Krise zeigt, dass geografische Rückkehr nicht automatisch innere Sicherheit erzeugt.
Der Film eröffnet damit mehrere Fragen:
- Heimat: Ist Heimat ein geografischer Ort oder eine Beziehung zu Menschen?
- Erinnerung: Wie zuverlässig sind persönliche Erinnerungen an Orte?
- Identität: Kann man sich selbst durch Bewegung neu verstehen?
- Fremdheit: Wie verändert sich ein Ort, wenn man ihn mit den Augen eines anderen Menschen sieht?
Heimat erscheint im Film weniger als fertiger Zustand denn als etwas, das durch Erinnerung, Vertrauen und Beziehung hergestellt werden kann.
Orientierung
Orientierung besitzt im Film mindestens drei Ebenen.
Geografische Orientierung betrifft Straßen, Städte, Adressen und Verkehrsmittel. Alice und Philip müssen herausfinden, wo sich die Großmutter befindet.
Biografische Orientierung betrifft Philip. Er hat Schwierigkeiten, seinen Beruf, seine Wahrnehmung und seine Zukunft in einen Zusammenhang zu bringen.
Soziale Orientierung betrifft beide Figuren. Sie müssen herausfinden, welche Verantwortung sie füreinander tragen und wie viel Nähe, Vertrauen und Selbstständigkeit möglich sind.
Besonders interessant ist, dass die Rollen von Erwachsenem und Kind nicht einfach feststehen. Philip besitzt zwar mehr formale Verantwortung und Bewegungsfreiheit, doch Alice ist häufig entschlossener, direkter und genauer in ihrer Wahrnehmung. Der Film stellt damit nicht die Verantwortung des Erwachsenen infrage, wohl aber die Vorstellung, Erwachsene seien automatisch innerlich orientierter als Kinder.
Philip Winter
Philip Winter ist Journalist, kann jedoch zu Beginn gerade das nicht leisten, was sein Beruf verlangt: Er kann seine Erfahrungen nicht zu einem Text ordnen. Seine Polaroids sammeln Einzelmomente, erzeugen aber zunächst keine zusammenhängende Geschichte.
Philip wirkt distanziert, erschöpft und unentschlossen. Er beobachtet viel, nimmt aber wenig verbindlich in die Hand. Erst die Verantwortung für Alice zwingt ihn dazu, Entscheidungen zu treffen, Pläne zu verändern und auf die Bedürfnisse einer anderen Person zu reagieren.
Seine Entwicklung besteht deshalb nicht darin, dass plötzlich alle Probleme gelöst wären. Vielmehr lernt er, aus bloßer Beobachtung in Beziehung zu treten. Am Ende ist er nicht mehr nur jemand, der Bilder sammelt. Er besitzt wieder eine Geschichte, die erzählbar geworden ist.
Alice van Damm
Alice wird nicht lediglich als hilfloses Kind dargestellt. Sie ist aufmerksam, eigensinnig, neugierig und in vielen Situationen handlungsfähig. Sie widerspricht Philip, fordert etwas ein und beteiligt sich aktiv an der Suche.
Gleichzeitig bleibt ihre Lage verletzlich. Sie ist auf Erwachsene angewiesen und muss mit der Abwesenheit ihrer Mutter umgehen. Ihre Selbstständigkeit darf deshalb nicht mit völliger Unabhängigkeit verwechselt werden.
Für die Filmanalyse ist wichtig, Alice nicht nur als Mittel für Philips Entwicklung zu betrachten. Ihre Perspektive verändert die Wahrnehmung der Reise. Durch sie erhält die Welt eine andere Aufmerksamkeit: Dinge, Orte und Situationen, die Philip vielleicht übersehen würde, werden wichtig.
Die Beziehung zwischen Philip und Alice
Die Beziehung beginnt nicht als freiwillige Freundschaft. Philip übernimmt Alice aus einer unerwarteten Situation heraus und empfindet die Verantwortung zunächst als Belastung. Auch Alice vertraut ihm nicht sofort.
Im Verlauf der Reise entstehen gemeinsame Routinen, Konflikte, Gespräche, Blicke und kleine Formen gegenseitiger Rücksichtnahme. Die Beziehung entwickelt sich gerade deshalb glaubwürdig, weil sie nicht plötzlich harmonisch wird. Nähe entsteht schrittweise.
Dabei bleibt ein wesentliches Ungleichgewicht bestehen: Philip ist der Erwachsene und trägt Verantwortung. Wenn man den Begriff Freundschaft verwendet, muss man deshalb berücksichtigen, dass es sich nicht um eine vollständig symmetrische Beziehung handelt. Der Film zeigt eher eine vorübergehende, vertrauensvolle Weggemeinschaft, in der beide voneinander lernen.
| Anfang | Entwicklung | Gegen Ende |
|---|---|---|
| Distanz und Widerwillen | Gemeinsame Suche und wiederkehrende Konflikte | Vertrautheit und gegenseitige Zuneigung |
| Philip beobachtet vor allem sich selbst und seine Krise | Philip muss Alices Bedürfnisse berücksichtigen | Philip kann wieder Verantwortung und Beziehung annehmen |
| Alice bleibt skeptisch | Alice erprobt Vertrauen, widerspricht aber weiterhin | Alice behandelt Philip als verlässlicheren Begleiter |
Die Beziehung lässt sich als Gegenbewegung zu Philips anfänglicher Entfremdung lesen. Aus dem Fotografen, der Distanz schafft, wird schrittweise ein Mensch, der Nähe zulässt.
Fotografie als Schlüsselmotiv

Die Polaroid-Fotografie ist für den Film zentral. Ein Polaroid erzeugt unmittelbar nach der Aufnahme ein materielles Bild. Dadurch entsteht der Eindruck, einen Augenblick sofort sichern zu können.
Philip fotografiert, weil ihm das Schreiben nicht gelingt. Seine Bilder sind konkret, aber fragmentarisch. Sie zeigen einzelne Oberflächen und Orte, erklären jedoch nicht automatisch deren Bedeutung.
Der Film stellt damit eine grundlegende medientheoretische Frage: Ist ein Foto ein Beweis dafür, dass wir Wirklichkeit verstanden haben – oder nur dafür, dass etwas vor der Kamera war?
Auch die Suche nach der Großmutter wird durch eine Fotografie geprägt. Das Bild des Hauses enthält visuelle Information, aber ohne sichere Adresse und aktuellen Kontext bleibt es unvollständig. Ein Foto kann Erinnerung auslösen und Orientierung anbieten, aber es ersetzt keine Interpretation.
Bild und Wirklichkeit
Du kannst die Fotografien im Film auf vier Arten untersuchen:
- Spur: Das Bild hält fest, dass ein Motiv zu einem bestimmten Zeitpunkt vor der Kamera war.
- Ausschnitt: Jede Fotografie zeigt nur einen begrenzten Teil der Wirklichkeit.
- Erinnerung: Ein Foto kann persönliche Erinnerungen stabilisieren, aber auch vereinfachen.
- Interpretation: Die Bedeutung eines Bildes entsteht erst durch Zusammenhang, Wissen und Betrachter.
Gerade Philips Krise macht deutlich, dass viele Bilder noch keine Geschichte ergeben. Erst durch Beziehungen und Erfahrungen entsteht Zusammenhang.
Kamera und Schwarzweißästhetik
Die Kamera führte Robby Müller, einer der wichtigsten Kameramänner im Umfeld von Wim Wenders. Alice in den Städten wurde auf 16-mm-Schwarzweißmaterial gedreht.
Die Schwarzweißfotografie prägt die Wahrnehmung von Straßen, Gesichtern, Industriegebieten, Hotelzimmern und Verkehrsräumen. Der körnige Charakter des analogen Materials kann dabei einen dokumentarisch-beobachtenden Eindruck erzeugen.
Für eine genaue Filmanalyse solltest Du nicht nur fragen, was gezeigt wird, sondern wie:
- Einstellungsgröße: Werden Figuren nah oder in ihrer Umgebung gezeigt?
- Kamerabewegung: Folgt die Kamera einer Bewegung oder beobachtet sie eher ruhig?
- Bildkomposition: Welche Rolle spielen Fenster, Straßen, Spiegelungen und Begrenzungen?
- Licht: Wie verändern Helligkeit und Kontrast die Wirkung eines Ortes?
- Dauer einer Einstellung: Wie viel Zeit erhältst Du, um einen Raum selbst zu betrachten?
Wenders und Müller geben Orten häufig Zeit. Dadurch ist das Publikum nicht nur auf Handlung konzentriert, sondern kann selbst beobachten. Diese Offenheit ist ein wichtiger Unterschied zu einem stark beschleunigten, ausschließlich handlungsorientierten Erzählkino.
Montage, Rhythmus und Ton
Der Film ist episodisch aufgebaut. Viele Situationen wirken wie Stationen einer Reise. Dadurch entsteht ein Rhythmus aus Fahren, Warten, Beobachten, Suchen und Weiterreisen.
Der Schnitt von Peter Przygodda verbindet dabei nicht nur Handlungsschritte. Er organisiert auch Übergänge zwischen Räumen und Stimmungen. Gerade die Wiederholung ähnlicher Situationen – Hotel, Straße, Verkehrsmittel, Warten – kann das Gefühl verstärken, dass Orientierung erst allmählich entsteht.
Musik ist ebenfalls wichtig. Im Film sind unter anderem Stücke von Can, Chuck Berry und weiteren Künstlern zu hören. Pop- und Rockmusik verbindet den Film mit der internationalen Jugend- und Alltagskultur der Zeit. Sie ist nicht bloß Hintergrund, sondern gehört vielfach zur hörbaren Welt der Figuren.
Das Roadmovie
Ein Roadmovie erzählt eine Reise, in der Bewegung selbst zum Strukturprinzip wird. Die Figuren verlassen vertraute Räume, treffen auf neue Orte und Menschen und verändern sich während des Unterwegsseins.
Alice in den Städten übernimmt Elemente des amerikanischen Roadmovies, verändert sie jedoch. Die Reise führt nicht zu Freiheit im klassischen Sinn. Sie zeigt Unsicherheit, Müdigkeit, Verantwortung und die Schwierigkeit, irgendwo anzukommen.
Wenders verbindet damit amerikanische Film- und Popkultur mit westdeutschen Landschaften. Das Ergebnis ist weder eine einfache Bewunderung Amerikas noch eine eindeutige Ablehnung. Stattdessen untersucht der Film, wie Bilder, Musik, Konsumräume und Reisevorstellungen unsere Wahrnehmung prägen.
Neuer Deutscher Film
Der Neue Deutsche Film war keine einheitliche Stilrichtung mit festen Regeln. Er bezeichnet eine vielfältige Erneuerungsbewegung des westdeutschen Kinos, die sich in den 1960er- und 1970er-Jahren entwickelte. Ein wichtiger Impuls war das Oberhausener Manifest von 1962, mit dem junge Filmschaffende eine Erneuerung des deutschen Films forderten. Wim Wenders gehörte nicht zu den Unterzeichnern des Manifests, wurde jedoch später zu den bedeutenden Regisseuren des Neuen Deutschen Films gerechnet.
Zu diesem Umfeld zählen unter anderem Rainer Werner Fassbinder, Werner Herzog, Volker Schlöndorff, Margarethe von Trotta, Alexander Kluge und Wim Wenders. Ihre Filme unterscheiden sich stark. Gemeinsam ist vielen Arbeiten jedoch der Wunsch nach persönlicheren Formen des Autorenkinos und nach neuen Erzähl- und Produktionsweisen.
Merkmale und ihre Bedeutung für Alice in den Städten
| Merkmal | Bedeutung im Neuen Deutschen Film | Bezug zu Alice in den Städten |
|---|---|---|
| Autorenfilm | Regie und persönliche künstlerische Handschrift gewinnen besonderes Gewicht | Wenders entwickelt ein stark persönliches Kino des Reisens, Sehens und Suchens |
| Abkehr von routiniertem Unterhaltungskino | Konventionelle Dramaturgien werden teilweise aufgebrochen | Die Handlung ist episodisch und lässt Beobachtungen und Zwischenräumen viel Zeit |
| Gegenwartsbezug | Zeitgenössische Orte und Lebensgefühle werden sichtbar | Flughäfen, Motels, Straßen, westdeutsche Städte und Konsumräume prägen den Film |
| Offene Formen | Nicht jedes Problem wird durch eine klassische Lösung abgeschlossen | Die Reise bleibt wichtiger als ein eindeutig abgeschlossenes Ziel |
| Arbeit an realen Orten | Außenräume und Alltagsumgebungen bekommen großes Gewicht | Amerika, Amsterdam, Wuppertal und das Ruhrgebiet werden zu erfahrbaren Räumen |
| Internationale Einflüsse | Deutsche Filmschaffende setzen sich mit Weltkino und besonders auch amerikanischem Kino auseinander | Wenders verbindet das amerikanische Roadmovie mit einer europäischen Perspektive |
| Film als persönliche Wahrnehmung | Die Welt wird nicht neutral, sondern durch eine erkennbare Haltung gestaltet | Fotografie und subjektive Orientierung werden selbst zum Thema |
Wichtig ist: Diese Merkmale sind keine Checkliste, die auf jeden Film des Neuen Deutschen Films gleichermaßen passt. Sie helfen vielmehr dabei, Alice in den Städten filmhistorisch einzuordnen.
Städte und Landschaften
Städte sind im Film nicht bloß Kulissen. Sie sind Erfahrungsräume. New York erscheint anders als Amsterdam, Wuppertal anders als die amerikanischen Straßenlandschaften.
Die verschiedenen Räume verbindet jedoch ein Motiv: Menschen sind in Bewegung, ohne immer genau zu wissen, wo sie hingehören. Städte können dadurch zugleich Möglichkeiten eröffnen und Orientierung erschweren.
Besonders das Ruhrgebiet wird nicht romantisiert. Straßen, Wohnhäuser, Verkehrsanlagen und urbane Übergangsräume erhalten Aufmerksamkeit. Die Suche nach Heimat findet also nicht in einer idealisierten Landschaft statt, sondern mitten in moderner Alltagswelt.

Transferfrage: Ein Zug fährt auf einem vorgegebenen Gleis und ist dennoch Symbol des Unterwegsseins. Wie passt dieser scheinbare Widerspruch zu Philips Entwicklung?
Sehen lernen
Alice in den Städten ist auch ein Film über Wahrnehmung. Philip sieht sehr viel, doch am Anfang kann er seine Beobachtungen kaum deuten. Alice sieht anders: konkreter, spontaner und häufig stärker auf unmittelbare Bedürfnisse bezogen.
Damit stellt der Film die Frage, ob gutes Sehen nur vom technischen Aufnehmen abhängt. Eine Kamera kann Bilder produzieren. Verstehen entsteht aber erst, wenn Wahrnehmung mit Erinnerung, Sprache und Beziehung verbunden wird.
Du kannst den Film deshalb als Lernprozess des Sehens deuten: Philip muss nicht lernen, mehr Bilder zu machen, sondern Zusammenhänge wahrzunehmen.
Freundschaft und Verantwortung
Die Beziehung zwischen Philip und Alice kann als Form von Freundschaft gelesen werden, sofern die besondere Verantwortung des Erwachsenen mitgedacht wird.
Freundschaft zeigt sich im Film weniger durch große Erklärungen als durch gemeinsam verbrachte Zeit. Die Figuren streiten, warten, essen, fahren und suchen zusammen. Gerade solche alltäglichen Situationen erzeugen Vertrauen.
Der Film zeigt gleichzeitig Grenzen: Alice ist ein Kind und Philip bleibt verantwortlich. Die Beziehung ist deshalb nicht einfach eine Partnerschaft unter Gleichen. Für eine differenzierte Analyse solltest Du zwischen emotionaler Nähe, gegenseitigem Lernen und ungleicher Verantwortung unterscheiden.
Vergleichsperspektiven
Der Film lässt sich mit anderen Werken und Themen verbinden.
- The Kid: Wenders’ Film wurde wiederholt mit Charlie Chaplins Film über einen Erwachsenen und ein Kind verglichen.
- Falsche Bewegung: Zweiter Teil von Wenders’ Roadmovie-Trilogie.
- Im Lauf der Zeit: Dritter Teil der Roadmovie-Trilogie und weitere Untersuchung von Reise, Landschaft und Beziehung.
- Paris, Texas: Späterer Wenders-Film über Reise, Familie, Verlust und Wiederannäherung.
- Fotografie: Vergleich zwischen analoger Sofortbildfotografie und heutiger Smartphone-Fotografie.
- Medienkompetenz: Frage nach Auswahl, Ausschnitt, Kontext und Wirklichkeitsanspruch von Bildern.
Restaurierung und Filmerbe
Die Wim Wenders Stiftung ließ Alice in den Städten 2014 digital bearbeiten. Das originale 16-mm-Schwarzweißnegativ war durch die jahrzehntelange Nutzung stark beansprucht. Es wurde in 4K gescannt und anschließend in 2K retuschiert und lichtbestimmt.
Bei der Restaurierung spielte auch das Bildformat eine Rolle. Obwohl das Material ursprünglich für das damalige Fernsehen im Vollformat aufgenommen worden war, hatten Wenders und Robby Müller bereits beim Dreh eine Breitwandkadrierung von 1:1,66 vorgesehen. Die restaurierte Fassung folgt diesem beabsichtigten Kinoformat.
Das Beispiel zeigt, dass Filmrestaurierung keine rein technische Reparatur ist. Restauratorinnen und Restauratoren müssen entscheiden, wie ein historisches Werk so erhalten werden kann, dass Material, ursprüngliche Gestaltung und heutige Vorführbedingungen miteinander vereinbar bleiben.
Quellen und Vertiefung
- Wim Wenders Stiftung: Alice in den Städten
- Wim Wenders Stiftung: Digitalisierung und Restaurierung
- filmportal.de: Alice in den Städten
- filmportal.de: Die 1970er Jahre und Neuer Deutscher Film
- Deutsche Kinemathek: Kinder-Spiele, Kinder-Blicke
- Wikipedia: Alice in den Städten
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Wer führte bei Alice in den Städten Regie? (Wim Wenders) (!Rainer Werner Fassbinder) (!Werner Herzog) (!Volker Schlöndorff)
Welchen Beruf hat Philip Winter? (Journalist) (!Architekt) (!Polizist) (!Musiker)
Welches Medium benutzt Philip besonders häufig? (Polaroidfotografie) (!Ölmalerei) (!Tonbandaufnahme) (!Superachtfilm)
Wer führte die Kamera bei Alice in den Städten? (Robby Müller) (!Peter Przygodda) (!Veith von Fürstenberg) (!Rüdiger Vogler)
Zu welchem Genre gehört Alice in den Städten besonders deutlich? (Roadmovie) (!Western) (!Historienfilm) (!Musical)
Was suchen Philip und Alice in Deutschland? (Alices Großmutter) (!Philips Bruder) (!Eine Filmproduktion) (!Ein verlorenes Manuskript)
Welche Funktion hat die Reise im Film? (Sie verbindet äußere Bewegung mit innerer Entwicklung) (!Sie dient nur dem Wechsel dekorativer Schauplätze) (!Sie löst alle Konflikte sofort) (!Sie hat keine Bedeutung für die Figuren)
Warum ist das Foto des Hauses für die Suche wichtig? (Es dient als unvollständiger Hinweis) (!Es enthält eine vollständige Adresse) (!Es ersetzt jede Erinnerung) (!Es beweist Philips beruflichen Erfolg)
Welcher filmhistorischen Bewegung wird Wim Wenders zugeordnet? (Neuer Deutscher Film) (!Italienischer Neorealismus) (!Dogma 95) (!Nouvelle Vague als französischer Regisseur)
Wie verändert sich die Beziehung zwischen Philip und Alice? (Aus Distanz entwickelt sich Vertrauen) (!Aus Freundschaft entsteht völlige Gleichgültigkeit) (!Sie vermeiden jede gemeinsame Entscheidung) (!Sie trennen sich unmittelbar nach dem ersten Treffen)
Memory
| Philip Winter | Journalist |
| Alice van Damm | Suchende Enkelin |
| Robby Müller | Kameramann |
| Polaroid | Sofortbild |
| Roadmovie | Reiseerzählung |
| Schwarzweiß | Bildästhetik |
| Wuppertal | Suchraum |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Thema |
|---|---|
| Polaroidfotografie | Bild und Wirklichkeit |
| Roadmovie | Reise und Entwicklung |
| Wuppertal | Suche nach Heimat |
| Philip und Alice | Vertrauen und Verantwortung |
| Schwarzweißbild | Filmische Wahrnehmung |
| Neuer Deutscher Film | Filmhistorischer Kontext |
Kreuzworträtsel
| Roadmovie | Welchem Reisegenre lässt sich der Film besonders zuordnen? |
| Polaroid | Welche Sofortbildtechnik prägt Philips fotografische Tätigkeit? |
| Müller | Wie heißt der Kameramann des Films mit Nachnamen? |
| Wuppertal | Welche Stadt ist eine wichtige Station bei der Suche nach der Großmutter? |
| Orientierung | Welcher Begriff bezeichnet sowohl räumliche als auch innere Richtungssuche? |
| Freundschaft | Welcher Begriff beschreibt die wachsende vertrauensvolle Nähe zwischen Philip und Alice? |
LearningApps
Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Figurenbeschreibung: Beschreibe Philip und Alice jeweils mit fünf Eigenschaften und belege jede Eigenschaft mit einer konkreten Szene.
- Reiseroute: Zeichne eine vereinfachte Karte der Reise und kennzeichne, an welchen Orten sich die Beziehung zwischen Philip und Alice verändert.
- Fotografie: Erstelle drei eigene Fotos zum Thema Orientierung und schreibe zu jedem Bild zwei Sätze darüber, was außerhalb des Bildausschnitts unsichtbar bleibt.
- Filmszene: Wähle eine Szene aus und notiere, was Du über Bild, Ton, Figuren und Ort beobachten kannst, ohne die Szene zunächst zu deuten.
Standard
- Filmanalyse: Analysiere eine Sequenz von zwei bis fünf Minuten und untersuche Einstellungsgrößen, Kamerabewegung, Schnitt, Ton und Raumwirkung.
- Heimat: Gestalte eine Collage mit dem Titel Heimat ist mehr als ein Ort und verbinde sie anschließend schriftlich mit mindestens zwei Szenen aus dem Film.
- Figurenkonstellation: Erstelle ein Entwicklungsdiagramm der Beziehung zwischen Philip und Alice und markiere mindestens vier Wendepunkte.
- Medienvergleich: Vergleiche Philips Polaroidfotografie mit heutiger Smartphone-Fotografie und untersuche Unterschiede bei Geschwindigkeit, Auswahl, Speicherung und Teilen von Bildern.
Schwer
- Neuer Deutscher Film: Recherchiere zwei weitere Filme des Neuen Deutschen Films und vergleiche deren Erzählweise mit Alice in den Städten in einer Präsentation.
- Roadmovie: Produziere einen drei- bis fünfminütigen Kurzfilm, in dem eine Reise zugleich eine innere Veränderung sichtbar macht.
- Interview: Führe ein Interview mit einer Person über einen Ort, der für sie Heimat bedeutet, und reflektiere anschließend, wie Erinnerung und tatsächlicher Ort voneinander abweichen können.
- Filmessay: Verfasse oder produziere einen Videoessay zur These, dass Philip erst durch Alice lernt, aus Bildern wieder Geschichten zu machen.


Lernkontrolle
- Reise und Entwicklung: Erkläre anhand von drei Stationen der Reise, wie äußere Bewegung und innere Entwicklung miteinander verbunden sind.
- Fotografie und Wirklichkeit: Untersuche, warum die Fotografien im Film zugleich Orientierung geben und Orientierung verhindern können.
- Figurenanalyse: Beurteile die Aussage: Alice ist für Philip nicht nur eine Person, für die er Verantwortung trägt, sondern auch eine Herausforderung für seine bisherige Wahrnehmung der Welt.
- Heimatbegriff: Entwickle aus dem Film eine eigene Definition von Heimat und prüfe sie an mindestens zwei Szenen.
- Neuer Deutscher Film: Zeige anhand von mindestens drei Gestaltungselementen, warum Alice in den Städten mit dem Neuen Deutschen Film verbunden werden kann.
- Medienreflexion: Übertrage die Frage des Films nach Bild und Wirklichkeit auf soziale Medien und erläutere, welche Probleme durch Ausschnitt, Auswahl und fehlenden Kontext entstehen können.
Lernnachweis
Für einen Lernnachweis zu Alice in den Städten – Wim Wenders solltest Du zeigen, dass Du nicht nur die Handlung kennst, sondern filmische Zusammenhänge analysieren und begründet deuten kannst.
- Handlungsstruktur: Du kannst die Reise als episodische Struktur erklären.
- Figurenentwicklung: Du kannst die Entwicklung von Philip und Alice differenziert darstellen.
- Beziehung: Du kannst Nähe, Vertrauen, Konflikt und ungleiche Verantwortung voneinander unterscheiden.
- Filmästhetik: Du kannst Bildgestaltung, Schwarzweißfotografie, Einstellungsgrößen, Kamera, Montage und Ton an Beispielen untersuchen.
- Fotografie: Du kannst die Funktion der Polaroids für Wahrnehmung, Erinnerung und Wirklichkeitsdarstellung erklären.
- Heimat und Orientierung: Du kannst beide Motive auf räumlicher und innerer Ebene untersuchen.
- Roadmovie: Du kannst erklären, warum Bewegung im Film mehr als bloßer Ortswechsel ist.
- Neuer Deutscher Film: Du kannst den Film filmhistorisch einordnen, ohne die Bewegung als einheitlichen Stil zu vereinfachen.
- Transfer: Du kannst die Fragen des Films auf heutige Bildmedien, Reisen, Identität oder soziale Beziehungen übertragen.
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