Nachkriegsliteratur und Gegenwart - Literatur verstehen
Nachkriegsliteratur und Gegenwart - Literatur verstehen
Für Klasse 9–10 · Deutsch · ca. 3–5 Unterrichtsstunden
Einleitung
Nach 1945 mussten viele Menschen in Deutschland neu anfangen. Auch die Literatur veränderte sich. Schriftstellerinnen und Schriftsteller schrieben über Krieg, Schuld und Hoffnung. Später kamen weitere Themen hinzu: Erinnerungskultur, Migration, gesellschaftlicher Wandel und das Leben mit digitalen Medien.
Dein Ziel: Du erkennst Themen einer Erzählung, beschreibst Figuren und erklärst eine Wirkung mit einer Textstelle. Du lernst auch, wie man Texte und Medien rechtmäßig nutzt.
Achtung: Einige Beispiele handeln von Krieg, Verlust und Ausgrenzung. Besprich belastende Stellen gemeinsam mit Deiner Klasse.
Lernpunkt 1: Kultur und Literatur nach 1945
Der Zweite Weltkrieg endete in Europa 1945. Viele Städte waren beschädigt. Laut dem Lebendigen Museum Online (LeMO) öffneten Theater und Museen wieder. Menschen wollten lesen, doch Papier war knapp. Verlage brachten alte, zuvor verbotene und neue Bücher heraus.
Merke: Nachkriegsliteratur ist mehr als Trümmerliteratur. Sie fragt zum Beispiel: Was ist passiert? Wer trägt Verantwortung? Wie kann ein Neubeginn gelingen?

Bildimpuls: Berlin 1945. Was erzählt das Foto über den Alltag? Was kann es über die Gefühle einer Person nicht zeigen?
Bildnachweis: Bundesarchiv, Bild 183-M1205-333 / Otto Donath, CC BY-SA 3.0 DE, Commons.
Bildimpuls: Eine Schreibmaschine aus den 1940er-Jahren. Was unterscheidet Schreiben damit vom Schreiben am Smartphone?
Bildnachweis: RenseNBM, CC BY-SA 4.0, Commons.
Video zum Einstieg (Streberfabrik, Zusammenfassung zur Nachkriegsliteratur):
Schauauftrag: Notiere zwei Themen und ein Merkmal der Sprache. Prüfe Aussagen mit dem LeMO-Text.
Lernpunkt 2: Trümmerliteratur und eine Kurzgeschichte
In manchen Texten der ersten Nachkriegsjahre ist die Sprache kurz, schlicht und direkt. Figuren leben mit zerstörten Häusern, Hunger oder Angst. Eine Kurzgeschichte zeigt oft nur einen wichtigen Moment.
Wolfgang Borchert schrieb 1947 die Kurzgeschichte „Nachts schlafen die Ratten doch“. Ein Junge trauert um seinen Bruder. Ein älterer Mann spricht mit ihm und gibt ihm Hoffnung. Die Geschichte fragt: Kann eine gut gemeinte Lüge helfen?
Lies in kleinen Schritten: Borchert-Text mit Arbeitsanregung bei teachSam. Lies zunächst nur den Anfang. Markiere Wörter, die den Ort beschreiben. Lies danach den Dialog.

Erinnerungsort: Das Grab von Wolfgang Borchert in Hamburg. Warum beschäftigen sich Menschen heute noch mit seinen Geschichten?
Bildnachweis: NordNordWest, CC BY-SA 3.0 DE, Commons.
Video zur Sprachanalyse (Digitale Schule):
Schauauftrag: Achte auf Dialog und Erzählweise. Suche anschließend selbst einen kurzen Beleg im Text.
Lernpunkt 3: Erinnerung und gesellschaftlicher Wandel
Erinnerungsliteratur fragt, wie Menschen Vergangenheit erzählen. Zwei Personen können dasselbe Ereignis verschieden erinnern. Eine literarische Figur ist aber nicht automatisch eine echte Zeitzeugin oder ein echter Zeitzeuge.
In der Bundesrepublik und in der DDR entstanden unterschiedliche Texte und Debatten. In der DDR gab es staatliche Kontrolle und Zensur. In beiden deutschen Staaten beschäftigten sich Schreibende auf unterschiedliche Weise mit Gesellschaft, Macht und Geschichte.
Der Mauerfall 1989 und die deutsche Einheit 1990 brachten weitere Veränderungen. Texte über diese Zeit behandeln zum Beispiel Freiheit, Unsicherheit und neue Lebenswege.

Bildimpuls: Berliner Mauer im November 1989. Welche Hoffnungen und Sorgen könnte eine Romanfigur mit dieser Zeit verbinden?
Bildnachweis: Yann, CC BY-SA 3.0, Commons.
Merke: Frage bei jeder Erzählung: Wer erzählt? Was wird erzählt? Welche Sicht fehlt vielleicht?
Lernpunkt 4: Migration, Sprache und Zugehörigkeit
Migration heißt: Menschen verlegen ihren Lebensmittelpunkt an einen anderen Ort. Geschichten können von Abschied, Familie, Sprache und Identität erzählen. Menschen mit Migrationserfahrung schreiben aber nicht nur über Migration.
Ein historisches Wort ist „Gastarbeiter“. Es wurde für angeworbene Arbeitskräfte verwendet. Viele Menschen blieben dauerhaft. Deshalb solltest Du den Begriff heute erklären und nicht gedankenlos für Menschen verwenden.

Bildimpuls: Eine italienische Familie in Wolfsburg 1973. Beschreibe erst, was Du siehst. Vermute erst danach, was die Personen denken könnten. Verwechsle beides nicht.
Bildnachweis: Bundesarchiv, B 145 Bild-F040747-0009 / Lothar Schaack, CC BY-SA 3.0 DE, Commons.

Kartenauftrag: Die Karte zeigt Anwerbeabkommen mit der Türkei. Eine Karte kann Wege zeigen, aber keine persönlichen Geschichten ersetzen.
Kartennachweis: Photosofturks, CC BY-SA 3.0, Commons.
Hörhilfe (nur Wort-Aussprache, keine historische Aufnahme): Audionachweis: Jeuwre, CC BY-SA 4.0, Commons.
Literaturbeispiel: Emine Sevgi Özdamar schreibt unter anderem über Sprache und Zugehörigkeit. Lies mit Unterstützung einen sehr kurzen Abschnitt aus der offiziellen Verlagsleseprobe zu „Mutterzunge“. Notiere: Welche Bedeutung hat Sprache für die erzählende Person?
Video zum historischen Hintergrund (Terra X History):
Schauauftrag: Unterscheide Flucht und Arbeitsmigration. Übertrage die Geschichte aus dem Video nicht einfach auf jede literarische Figur.
Lernpunkt 5: Gegenwartsliteratur und neue Medien
Gegenwartsliteratur ist kein fest begrenztes einzelnes Jahrzehnt. Neuere Geschichten behandeln zum Beispiel Familie, Vielfalt, Erinnern, Klima und digitale Kommunikation.
Wichtig ist der Unterschied: Ein E-Book zeigt einen Text auf einem Gerät. Bei einer interaktiven Geschichte kannst Du manchmal den Weg durch die Handlung wählen. BookTok dagegen ist vor allem eine Form, Bücher über kurze Videos zu besprechen oder zu empfehlen.

Bildfrage: Macht der Bildschirm allein schon eine andere Geschichte aus?
Bildnachweis: 117PXL, CC BY-SA 4.0, Commons.

Animation: Das Buch als bewegtes Symbol. Überlege: Was bleibt beim digitalen Lesen gleich, was kann sich verändern?
Animationsnachweis: Gonzalo Saavedra / Wikimedistas de Uruguay, CC BY-SA 4.0, Commons.
Weiterführendes Commons-Video: Datei:E-Book-Reader I.webm Videoauftrag: Schau bei Bedarf nur den Anfang. Was kann ein Lesegerät, und was macht daraus noch keine interaktive Literatur? Videonachweis: Torjäger, CC BY-SA 3.0, Commons.
Hör- und Sehausschnitt: Der Schriftsteller Saša Stanišić liest selbst aus einem neueren Buch. Achte auf Stimme, Pausen und Humor. Die Lesung steht auf dem offiziellen YouTube-Kanal von radioeins. Höre nur einen kurzen, von der Lehrkraft ausgewählten Abschnitt an; übernimm daraus keinen langen Text.
Lernpunkt 6: Texte verstehen und Medien fair nutzen
So arbeitest Du mit einem Text: Lies zuerst wenige Zeilen. Kläre unbekannte Wörter. Frage dann nach Figur, Problem und Veränderung. Begründe am Schluss Deine Meinung mit einer kurzen Textstelle.
Urheberrecht: Neuere Literatur ist nicht automatisch gemeinfrei. Eine frei sichtbare Leseprobe ist nicht automatisch frei zum Kopieren, Bearbeiten oder Hochladen. Verwende nur rechtmäßig zugängliche Texte. Beachte bei jeder Weiterverwendung die Rechte und die Namensnennung.
Gestufte Hilfen:
- Start: Wer handelt? Wo spielt es? Was passiert?
- Weiter: Ergänze: „Die Figur fühlt sich ..., weil ...“ und „Die Textstelle zeigt ...“.
- Profi: Erkläre eine andere Deutung. Prüfe Textquelle, Urheber und Lizenz.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Lernpunkt 1 – Neubeginn
Was war für Buchverlage nach 1945 oft knapp? (Papier) (!Strom für Smartphones) (!Digitale Speicher) (!Fernsehserien)
Welches Thema gehört zur Nachkriegsliteratur? (Neuanfang nach dem Krieg) (!Leben auf dem Mars) (!Ritterturniere im Mittelalter) (!Nur Zauberschulen)
Lernpunkt 2 – Trümmerliteratur
Wie klingt die Sprache vieler Texte der Trümmerliteratur? (Knapp und direkt) (!Immer gereimt) (!Nur in lateinischer Sprache) (!Wie eine Bedienungsanleitung)
Wer schrieb Nachts schlafen die Ratten doch? (Wolfgang Borchert) (!Johann Wolfgang Goethe) (!Friedrich Schiller) (!Thomas Mann)
Lernpunkt 3 – Erinnerung und Wandel
Was ist eine wichtige Frage an eine Erzählung über Vergangenheit? (Aus wessen Sicht wird erzählt) (!Wie schwer ist das Buch) (!Welche Farbe hat das Cover) (!Wie groß ist die Schrift)
Welches Ereignis veränderte das Leben in Deutschland 1989 stark? (Mauerfall) (!Erfindung des Buchdrucks) (!Beginn der Reformation) (!Erste Mondlandung)
Lernpunkt 4 – Migration
Wovon kann Literatur über Migration erzählen? (Sprache und Zugehörigkeit) (!Nur von Fahrplänen) (!Nur von Wetterkarten) (!Nur von Sportregeln)
Was bedeutet der Ausdruck Gastarbeiter im historischen Zusammenhang? (Angeworbene Arbeitskräfte aus anderen Ländern) (!Alle Menschen mit zwei Sprachen) (!Alle Touristinnen und Touristen) (!Alle Schriftstellerinnen und Schriftsteller)
Lernpunkt 5 – Neue Medien
Was kann eine interaktive digitale Erzählung ermöglichen? (Entscheidungen über den Verlauf) (!Gedankenlesen ohne Text) (!Automatisch wahre Erinnerungen) (!Urheberrechte abschaffen)
Lernpunkt 6 – Medienrechte
Was gilt für eine aktuelle Verlagsleseprobe? (Sie ist nicht automatisch frei weiterverwendbar) (!Man darf sie immer vollständig hochladen) (!Man darf den Autor immer weglassen) (!Jede Leseprobe ist gemeinfrei)
Memory
Ordne die Begriffe und Erklärungen einander zu.
| Trümmerliteratur | Erzählen über Krieg und Neubeginn |
| Kurzgeschichte | Kurzer Text mit einem wichtigen Moment |
| Erinnerungsliteratur | Fragen an die Vergangenheit |
| Migration | Wechsel des Lebensmittelpunkts |
| Perspektive | Blickwinkel einer Erzählung |
| BookTok | Kurze Videos über Bücher |
| Urheberrecht | Schutz geistiger Werke |
Drag and Drop
Ordne jeder Textform ihren passenden Schwerpunkt zu.
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Schwerpunkt |
|---|---|
| Trümmerliteratur | Neubeginn |
| Erinnerungsliteratur | Vergangenheit |
| Migrationsliteratur | Zugehörigkeit |
| Wendeliteratur | Umbruch |
| Interaktive Erzählung | Auswahlmöglichkeiten |
Kreuzworträtsel
| Borchert | Wie heißt der Nachname des Autors von Nachts schlafen die Ratten doch? |
| Trümmer | Wie heißen die Überreste zerstörter Gebäude? |
| Heimat | Welches Wort beschreibt einen Ort oder ein Gefühl von Zugehörigkeit? |
| Migration | Wie heißt die Verlegung des Lebensmittelpunkts über Orte oder Grenzen hinweg? |
| Perspektive | Wie heißt der Blickwinkel einer erzählten Geschichte? |
| Urheberrecht | Welches Recht schützt zum Beispiel neue literarische Werke? |
LearningApps
Lückentext
Offene Aufgaben
Ohne automatische Bewertung: Besprich Deine Ergebnisse mit anderen. Bei eigenen Aufnahmen gelten Datenschutz und Einwilligung. Teile keine fremden Texte oder Medien ohne Erlaubnis.
Leicht
- Bildbeschreibung: Beschreibe das Foto von Berlin 1945 in vier Sätzen. Trenne Beobachtung und Vermutung.
- Kurzgeschichte: Lies den Anfang des Borchert-Textes. Unterstreiche drei Wörter, die den Ort zeigen.
- Figurenanalyse: Erkläre in drei Sätzen, warum der Junge Hilfe braucht. Nutze einen Satzanfang aus den Hilfen.
- Medienkompetenz: Vergleiche Buch und E-Reader. Nenne je zwei Gemeinsamkeiten und Unterschiede.
Standard
- Textinterpretation: Erkläre die Rolle der Hoffnung bei Borchert mit einer passenden Textstelle.
- Erinnerungskultur: Vergleiche Foto und Erzählung. Was kann jedes Medium zeigen, was nicht?
- Migrationsliteratur: Lies eine kurze Stelle der offiziellen „Mutterzunge“-Leseprobe. Formuliere zwei Fragen an die Erzählstimme.
- Kreatives Schreiben: Schreibe einen kurzen Dialog über einen Neuanfang. Nutze einfache, direkte Sprache.
Schwer
- Zeitzeugen: Entwickle mit Zustimmung einer befragten Person vier respektvolle Interviewfragen zum gesellschaftlichen Wandel. Veröffentliche keine privaten Daten.
- Literaturvergleich: Vergleiche eine Textstelle von Borchert mit einer rechtmäßig zugänglichen neueren Stelle. Untersuche Sprache und Thema.
- Interaktive Literatur: Entwirf auf Papier eine Geschichte mit zwei möglichen Fortsetzungen. Erkläre, wie die Wahl die Aussage verändert.
- Urheberrecht: Untersuche bei zwei Commons-Dateien und einer Verlagsleseprobe die Nutzungsbedingungen. Erstelle einen korrekten Quellen- und Lizenznachweis.


Lernkontrolle
Diese Aufgaben verlangen Begründungen und werden nicht automatisch bewertet.
- Literarische Analyse: Warum kann eine knappe Sprache nach einem Krieg besonders wirken? Erkläre mit einem Textbeleg.
- Multiperspektivität: Erzähle denselben kurzen Moment aus zwei Perspektiven. Was verändert sich?
- Migration: Erkläre, warum eine Landkarte persönliche Erinnerungen nicht ersetzen kann.
- Gesellschaftlicher Wandel: Übertrage das Thema Neubeginn von 1945 auf eine andere historische oder heutige Umbruchsituation. Nenne Gemeinsamkeiten und Unterschiede.
- Digitale Literatur: Vergleiche einen gedruckten Text, ein Hörangebot und eine interaktive Geschichte. Was ändert sich an der Rolle des Publikums?
- Urheberrecht: Eine Person will einen vollständigen aktuellen Roman in einen Klassenblog kopieren. Bewerte den Vorschlag und zeige eine rechtmäßige Alternative.
Lernnachweis
Für Deinen Lernnachweis solltest Du zeigen, dass Du
- die wichtigsten Themen der Nachkriegsliteratur benennen kannst,
- eine Kurzgeschichte mit Figuren, Ort und Konflikt erschließt,
- Erinnerung und Erzählperspektive unterscheidest,
- Migration und gesellschaftlichen Wandel an einem Beispiel erläuterst,
- digitale Textformen von Buchwerbung unterscheidest,
- mindestens eine Deutung durch eine kurze Textstelle begründest,
- die Quellen und Nutzungsrechte Deiner verwendeten Medien angibst.
OERs zum Thema
Ausgangsquelle: LeMO – Kultur in den Nachkriegsjahren, von Dorlis Blume, Anne Baghdady, Regina Haunhorst, Annette Hinz-Wessels und Markus Würz, Stiftung Haus der Geschichte, Stand 27.06.2022; Quellentext CC BY-NC-SA 4.0. Der obige Lerntext ist eine kurze, eigenständige Zusammenfassung und Erweiterung.
Rechtmäßig zugängliche Textangebote: teachSam – Wolfgang Borchert mit Arbeits-PDF; Suhrkamp – offizielle Leseprobe zu „Mutterzunge“. Die Verlagsleseprobe ist kein frei lizenziertes OER.
Weitere geprüfte Hintergrundquellen: Bundeszentrale für politische Bildung – Gruppe 47; ARD Kultur – BookTok.
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