Messfehler und Genauigkeit - Chemie


Messfehler und Genauigkeit - Chemie
Messfehler und Genauigkeit - Chemie

Einleitung
Beim Experimentieren in der Chemie misst Du zum Beispiel Masse, Volumen, Temperatur, Zeit oder den pH-Wert. Kein Messgerät liefert jedoch einen vollkommen exakten Wert. Deshalb ist es wichtig, Messwerte sorgfältig abzulesen, sinnvoll zu runden und ihre Messunsicherheit einzuschätzen.
Der Ausdruck Messfehler wird im Schulalltag häufig verwendet. Fachlich genauer unterscheidet man zwischen Messabweichung, Messunsicherheit und einem groben Fehler. In diesem aiMOOC lernst Du diese Begriffe kennen und wendest sie auf typische Messungen im Chemielabor an.
Lernziele
Nach der Bearbeitung kannst Du Messwerte mit Einheit angeben, zufällige und systematische Einflüsse unterscheiden, Genauigkeit und Präzision erklären, Messgeräte passend auswählen und Ergebnisse mit einer angemessenen Zahl von Stellen dokumentieren.
Messen im Chemielabor
Eine Messung vergleicht eine unbekannte Größe mit einer festgelegten Einheit. Das Ergebnis besteht mindestens aus einem Zahlenwert und einer Einheit, zum Beispiel oder .

Messwert und Referenzwert
Ein Messwert ist der abgelesene oder berechnete Wert. Ein Referenzwert ist ein möglichst verlässlicher Vergleichswert. Ist ein Referenzwert bekannt, kann die Messabweichung berechnet werden:
Das Vorzeichen zeigt die Richtung der Abweichung. Ein positives Ergebnis bedeutet, dass der Messwert über dem Referenzwert liegt.
Messabweichung und Messunsicherheit
Die Messabweichung ist die Differenz zwischen Messwert und Referenzwert. Sie lässt sich nur bestimmen, wenn ein geeigneter Referenzwert vorhanden ist.
Die Messunsicherheit beschreibt, wie stark die Werte, die der Messgröße vernünftigerweise zugeordnet werden können, streuen können. Sie ist nicht dasselbe wie ein Fehler. Im Schulversuch wird sie häufig als sinnvoll abgeschätzter Bereich angegeben:
Beispiel: .
Arten von Messabweichungen
| Art | Kennzeichen | Beispiel im Chemielabor | Umgang |
|---|---|---|---|
| Zufällige Abweichung | Messwerte streuen unvorhersehbar | Letzte Stelle einer Waage schwankt | Mehrfach messen und Mittelwert bilden |
| Systematische Abweichung | Werte sind ähnlich verschoben | Waage zeigt ohne Probe ständig | Ursache suchen, kalibrieren oder korrigieren |
| Grober Fehler | Vermeidbarer Irrtum oder Missgeschick | Einheit verwechselt oder Probe verschüttet | Messung verwerfen und korrekt wiederholen |
Zufällige Einflüsse
Zufällige Einflüsse ändern sich von Messung zu Messung. Dazu gehören kleine Schwankungen der Anzeige, wechselnde Ablesewinkel oder geringe Temperaturschwankungen. Wiederholungen machen die Streuung sichtbar. Der Mittelwert lautet:
Mehr Messungen können den Einfluss zufälliger Abweichungen auf den Mittelwert verkleinern. Sie beseitigen aber keine systematische Verschiebung.
Systematische Einflüsse
Systematische Einflüsse wirken in ähnlicher Richtung. Beispiele sind eine falsch justierte Waage, eine beschädigte Skala, eine ungeeignete Kalibrierung oder ein dauerhaft falscher Ablesewinkel. Häufiges Wiederholen allein löst das Problem nicht.

Eine Kalibrierung vergleicht die Anzeige eines Messgeräts mit bekannten Referenzwerten. In der analytischen Chemie werden außerdem Kalibriergeraden genutzt, um aus einem Messsignal auf eine Stoffmenge oder Konzentration zu schließen.
Grobe Fehler vermeiden
Grobe Fehler sind zum Beispiel Zahlendreher, falsche Einheiten, verschmutzte Gefäße, verlorene Probe oder eine nicht tarierte Waage. Sie gehören nicht zur normalen Messunsicherheit. Gute Vorbereitung und ein vollständiges Versuchsprotokoll helfen, sie zu erkennen.
Genauigkeit, Richtigkeit und Präzision
Im Alltag werden diese Wörter oft gleich verwendet. In der Messtechnik haben sie unterschiedliche Bedeutungen.

| Begriff | Bedeutung | Erkennbar an |
|---|---|---|
| Richtigkeit | Nähe des Mittelwerts zu einem Referenzwert | Kleine systematische Abweichung |
| Präzision | Nähe wiederholter Messwerte zueinander | Kleine Streuung |
| Genauigkeit | Gesamte qualitative Beurteilung einer Messung | Gute Richtigkeit und gute Präzision |
Eine Messreihe kann sehr präzise sein und trotzdem am Referenzwert vorbeiliegen. Dann liegen die Werte dicht beieinander, sind aber systematisch verschoben.
Typische Messgeräte in der Chemie
Volumen messen
Für Flüssigkeitsvolumina stehen verschiedene Geräte zur Verfügung. Ein Becherglas eignet sich vor allem zum Mischen und groben Abschätzen. Ein Messzylinder misst genauer. Vollpipette, Bürette und Messkolben sind für genauere Volumenarbeiten vorgesehen.

Beim Ablesen von Wasser und vielen wässrigen Lösungen befindet sich Dein Auge auf Höhe der Flüssigkeitsoberfläche. Du liest am tiefsten Punkt des konkaven Meniskus ab. Ein Blick von oben oder unten erzeugt einen Parallaxenfehler.
Pipette, Bürette und Messkolben
Eine Vollpipette überträgt ein festgelegtes Volumen. Eine Bürette gibt ein veränderliches Volumen kontrolliert ab und wird häufig bei einer Titration verwendet. Ein Messkolben dient dazu, eine Lösung bis zu einer Ringmarke auf ein festgelegtes Gesamtvolumen aufzufüllen.



Masse messen
Vor dem Wiegen wird die Waage auf null gestellt oder mit dem Gefäß tariert. Bei empfindlichen Waagen müssen Luftzug, Erschütterungen, Temperaturunterschiede und feuchte Proben vermieden werden. Das Ergebnis wird erst notiert, wenn die Anzeige stabil ist.
Temperatur messen
Ein Thermometer muss für den erwarteten Temperaturbereich geeignet sein. Der Messfühler soll die Probe erfassen, aber nicht unnötig die Gefäßwand berühren. Bei Volumenmessungen ist Temperatur wichtig, weil sich Flüssigkeiten und Glas bei Temperaturänderungen ausdehnen. Volumenmessgeräte sind häufig auf eine Bezugstemperatur von ausgelegt.

Messunsicherheit im Schulversuch abschätzen
Skalen und digitale Anzeigen
Bei einer analogen Skala wird als einfache schulische Näherung oft die Hälfte des kleinsten Skalenabstands verwendet. Bei einer digitalen Anzeige kann eine Einheit der letzten angezeigten Stelle eine vorsichtige Schätzung sein. Maßgeblich sind jedoch die Herstellerangaben, die Geräteklasse und die Kalibrierung.
Beispiel: Hat ein Messzylinder Teilstriche im Abstand von , kann für eine einfache Ablesung angesetzt werden.
Absolute und relative Unsicherheit
Die absolute Unsicherheit besitzt dieselbe Einheit wie der Messwert:
Die relative Unsicherheit vergleicht die absolute Unsicherheit mit dem Betrag des Messwerts:
In Prozent gilt:
Beispiel: Für beträgt die relative Unsicherheit näherungsweise .
Wiederholungsmessungen
Führe eine Messung mehrfach unter möglichst gleichen Bedingungen durch. Notiere alle plausiblen Werte und bilde den Mittelwert. Als einfache Streuungsangabe kann im Schulunterricht die halbe Spannweite genutzt werden:
Diese Methode ist eine Näherung. In der Oberstufe und im Studium werden dafür häufig Standardabweichung und statistische Messunsicherheit verwendet.
Ergebnisse sinnvoll runden
Ein Taschenrechner zeigt oft mehr Stellen, als die Messung rechtfertigt. Das Endergebnis darf daher nicht genauer wirken als die Ausgangsdaten.
- Runde erst am Ende der Rechnung.
- Gib die Unsicherheit meist mit einer oder zwei signifikanten Stellen an.
- Runde den Messwert auf dieselbe Dezimalstelle wie die Unsicherheit.
- Schreibe immer die Einheit dazu.
Beispiel: Aus und wird sinnvoll .
Beispiel: Dichte eines Feststoffs
Die Dichte wird mit berechnet. Du misst die Masse eines Körpers und bestimmst sein Volumen, zum Beispiel durch Wasserverdrängung.
Gemessen werden und . Der berechnete Wert ist:
Weil das Volumen deutlich unsicherer ist als die Masse, begrenzt vor allem die Volumenmessung die Genauigkeit. Ein genaueres Volumenmessverfahren würde das Ergebnis verbessern.
Strategien für bessere Messungen
| Problem | Sinnvolle Maßnahme |
|---|---|
| Schwankende Werte | Mehrfach messen und Mittelwert bilden |
| Dauerhafte Verschiebung | Nullpunkt, Kalibrierung und Methode prüfen |
| Meniskus schlecht sichtbar | Auf Augenhöhe ablesen und Kontrast verbessern |
| Unpassendes Messgerät | Gerät mit geeignetem Messbereich und geeigneter Teilung wählen |
| Zu viele Dezimalstellen | Unsicherheit beachten und sinnvoll runden |
| Unklare Dokumentation | Messwerte, Einheit, Gerät und Bedingungen notieren |
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Was beschreibt die Präzision einer Messreihe? (Wie eng die Messwerte beieinanderliegen) (!Wie groß die verwendete Einheit ist) (!Wie teuer das Messgerät ist) (!Wie viele Stoffe untersucht werden)
Welche Aussage zur Messunsicherheit ist richtig? (Sie beschreibt die mögliche Streuung zugeordneter Werte) (!Sie ist immer gleich null) (!Sie ist dasselbe wie ein grober Fehler) (!Sie gibt nur die Anzahl der Messungen an)
Welche Abweichung verschwindet nicht durch bloßes Wiederholen? (Eine systematische Abweichung) (!Eine zufällige Schwankung) (!Eine Rundungsstelle) (!Eine Einheitenangabe)
Wo liest Du bei Wasser den Meniskus ab? (Am tiefsten Punkt auf Augenhöhe) (!Am höchsten Rand von oben) (!Am Gefäßboden) (!An der oberen Gefäßkante)
Welches Gerät eignet sich zum genauen Herstellen eines festen Lösungsvolumens? (Ein Messkolben) (!Ein Uhrglas) (!Ein Spatel) (!Eine Abdampfschale)
Was bedeutet Tarieren beim Wiegen? (Die Masse des leeren Gefäßes ausgleichen) (!Die Probe erhitzen) (!Das Volumen verdoppeln) (!Die Waage schräg stellen)
Wie wird die relative Unsicherheit berechnet? (Absolute Unsicherheit geteilt durch Messwert) (!Messwert mal Einheit) (!Mittelwert plus Referenzwert) (!Größter Wert minus Einheit)
Welche Handlung verbessert vor allem die Beurteilung zufälliger Abweichungen? (Mehrfaches Messen) (!Einheit weglassen) (!Nur den größten Wert notieren) (!Alle Werte auf ganze Zahlen runden)
Welche Angabe ist ein vollständiger einfacher Messwert? (12,4 Gramm) (!12,4) (!Gramm) (!ungefähr schwer)
Warum werden Messergebnisse sinnvoll gerundet? (Damit keine unbegründete Genauigkeit vorgetäuscht wird) (!Damit alle Ergebnisse ganze Zahlen sind) (!Damit Einheiten unnötig werden) (!Damit Messgeräte schneller arbeiten)
Memory
| Präzision | Kleine Streuung wiederholter Messwerte |
| Richtigkeit | Nähe zum Referenzwert |
| Meniskus | Gekrümmte Flüssigkeitsoberfläche |
| Tarieren | Gefäßmasse an der Waage ausgleichen |
| Kalibrierung | Vergleich mit bekannten Referenzwerten |
| Mittelwert | Summe der Werte geteilt durch ihre Anzahl |
| Bürette | Kontrollierte Abgabe veränderlicher Volumina |
| Messkolben | Herstellen eines festgelegten Gesamtvolumens |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Thema |
|---|---|
| Zufällige Abweichung | Unvorhersehbare Streuung |
| Systematische Abweichung | Gleichgerichtete Verschiebung |
| Grober Fehler | Vermeidbarer Irrtum |
| Absolute Unsicherheit | Angabe in der Einheit des Messwerts |
| Relative Unsicherheit | Verhältnis von Unsicherheit zu Messwert |
Kreuzworträtsel
| Präzision | Wie heißt die Nähe wiederholter Messwerte zueinander? |
| Meniskus | Wie heißt die gekrümmte Oberfläche einer Flüssigkeit? |
| Kalibrierung | Wie heißt der Vergleich eines Messgeräts mit Referenzwerten? |
| Mittelwert | Welche Kenngröße erhältst Du aus Summe geteilt durch Anzahl? |
| Bürette | Welches Glasgerät gibt Flüssigkeit bei einer Titration kontrolliert ab? |
| Toleranz | Wie heißt eine zulässige Abweichungsgrenze? |
LearningApps
Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Messgeräte-Steckbrief: Erstelle einen Steckbrief zu Messzylinder, Waage oder Thermometer mit Messbereich, Skalenteilung und richtiger Anwendung.
- Meniskus-Foto: Zeichne oder fotografiere einen Messzylinder und markiere Augenhöhe, Meniskus und korrekte Ablesestelle.
- Fehlersuche im Labor: Formuliere fünf typische grobe Fehler und jeweils eine passende Gegenmaßnahme.
- Messwert-Tabelle: Miss einen ungefährlichen Gegenstand fünfmal und dokumentiere Zahlenwert, Einheit und Beobachtung.
Standard
- Präzisionsexperiment: Vergleiche wiederholte Volumenmessungen mit Becherglas und Messzylinder und beurteile die Streuung.
- Waagenvergleich: Wiege denselben Gegenstand mit zwei Waagen und erkläre Unterschiede in Anzeige, Auflösung und Ergebnis.
- Erklärvideo Messunsicherheit: Produziere ein kurzes Lernvideo, das Messabweichung und Messunsicherheit an einem Alltagsbeispiel trennt.
- Versuchsprotokoll prüfen: Überarbeite ein eigenes Protokoll und ergänze Messgerät, Einheit, Unsicherheit und sinnvolle Rundung.
Schwer
- Dichteprojekt: Bestimme die Dichte eines Feststoffs mit zwei verschiedenen Volumenmethoden und vergleiche die Genauigkeit.
- Systematische Abweichung: Entwickle einen sicheren Modellversuch, bei dem ein absichtlich verstellter Nullpunkt erkannt und korrigiert wird.
- Messdatenanalyse: Werte eine Messreihe mit Mittelwert, Spannweite und Diagramm aus und begründe, ob Ausreißer vorliegen.
- Laborinterview: Befrage eine Fachkraft aus Labor, Apotheke oder Qualitätskontrolle zur Bedeutung von Kalibrierung und dokumentiere die Ergebnisse.


Lernkontrolle
- Messstrategie entwickeln: Plane die Bestimmung der Dichte eines unregelmäßigen Steins. Begründe die Wahl der Geräte und nenne mögliche Unsicherheitsquellen.
- Messreihen vergleichen: Zwei Gruppen erhalten Werte mit unterschiedlicher Streuung und unterschiedlicher Nähe zum Referenzwert. Beurteile Präzision und Richtigkeit getrennt.
- Geräteauswahl begründen: Entscheide für drei chemische Aufgaben zwischen Becherglas, Messzylinder, Pipette, Bürette und Messkolben.
- Fehlerursache diagnostizieren: Eine Waage zeigt bei jeder Messung etwa denselben zu hohen Wert. Erkläre, warum Wiederholen nicht genügt, und schlage Prüfungen vor.
- Ergebnisdarstellung verbessern: Korrigiere ein Messergebnis mit zu vielen Nachkommastellen und begründe die gewählte Rundung.
- Transfer Qualitätskontrolle: Erkläre, warum ein Getränkehersteller sowohl präzise als auch richtige Konzentrationsmessungen benötigt.
Lernnachweis
Für einen überzeugenden Lernnachweis solltest Du zeigen, dass Du Begriffe nicht nur nennen, sondern auf reale Messsituationen übertragen kannst.
- Fachsprache: Messabweichung, Messunsicherheit, Richtigkeit, Präzision und grober Fehler korrekt unterscheiden.
- Messpraxis: Messgeräte passend auswählen, sicher bedienen und korrekt ablesen.
- Auswertung: Mittelwert und relative Unsicherheit berechnen sowie sinnvoll runden.
- Begründung: Zufällige und systematische Einflüsse an Beispielen erklären.
- Dokumentation: Messwert, Einheit, Gerät, Bedingungen und Unsicherheit nachvollziehbar angeben.
- Reflexion: Verbesserungen für einen Versuch fachlich begründen.
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