Martyrinnen - Rilke, Rainer Maria - Gedichtanalyse
Einleitung
Martyrinnen - Rilke, Rainer Maria - Gedichtanalyse
In Rainer Maria Rilkes Gedicht „Martyrinnen“ geht es um zwei junge Schwestern. Bilder von Gewalt stehen neben Bildern von Nähe und Schutz. Die beiden wirken heilig, wollen aber offenbar keinen Ruhm.
Das Gedicht hat 36 Verse. Es erschien 1906 in der zweiten, erweiterten Auflage von Das Buch der Bilder. Du lernst, das Gedicht mit echten Verszitaten zu untersuchen und eigene Deutungen zu begründen.
Zielgruppe: Klasse 9–10; mit Vertiefungen für Klasse 11–13.

Rainer Maria Rilke, dargestellt von Paula Modersohn-Becker. Gemeinfreies Bild auf Wikimedia Commons.
Gedichttext und Textfassungen
Quellfassung: der historische Text
Die Quellfassung zeigt den Wortlaut der Ausgabe von 1906. Die beiden gescannten Buchseiten kannst du direkt vergleichen.

Originalseite 24: Beginn von „Martyrinnen“.

Originalseite 25: Schluss des Gedichts.
Lies den vollständigen Text hier:
- Vorhandene Gedichtseite auf moocwiki
- Martyrinnen auf Wikisource: geprüfter Originalwortlaut von 1906
Der vollständige Gedichttext wird hier nicht erneut abgedruckt. So bleiben Textseite und Lernkurs getrennt.
Wichtig für die Verszählung: Zähle jede Gedichtzeile als einen Vers. Die Zahlen am Rand des historischen Drucks sind Orientierungshilfen.
Lesefassung, Übersetzung und Interpretation
Diese vier Begriffe meinen unterschiedliche Dinge:
- Quellfassung: Der historische Wortlaut. In Vers 4 steht beispielsweise „rothe Ring“.
- Lesefassung: Eine leichter lesbare Wiedergabe desselben deutschen Gedichts. In einer weiteren Online-Textfassung steht in Vers 4 „rote Ring“. Auch Zeichensetzung kann abweichen.
- Übersetzung: Der Text wird in eine andere Sprache übertragen. Eine Übersetzung wird hier nicht mit dem deutschen Original verwechselt.
- Interpretation: Du erklärst, was der Text bedeuten könnte. Deine Erklärung braucht Belege aus den Versen.
Lesehilfe: „rothe“ bedeutet „rote“, „muß“ entspricht der heutigen Schreibung „muss“. Das sind Rechtschreibhinweise, keine neuen Gedichtverse.
Mini-Auftrag: Vergleiche Vers 4 in der Quellfassung und der Lesefassung. Was wurde verändert? Was bleibt inhaltlich gleich?
Gedichtanalyse
Inhalt: Gewalt, Schutz und Nähe
In den Versen 1–7 erscheint die ältere Figur als Märtyrerin. Das „Beil“ (V. 3) steht für Gewalt. Der „rothe Ring“ (V. 4) bezeichnet im Bildzusammenhang eine Wunde am Hals. Der Text nennt ihn zugleich „Schmuck“ (V. 5). Das wirkt verstörend.
Die jüngere Schwester wird mit einer Wunde durch einen „Stein“ verbunden (V. 9–10). Im Schlaf hält sie die andere fest. Die Bitte „Fester, fester“ (V. 12) zeigt ihr Bedürfnis nach Halt.
In den Versen 18–19 nennt die sprechende Stimme beide „heilig“. Doch später heißt es, dass sie „keinen Ruhm“ haben (V. 21) und sich vor ihrem „Heldentum“ fürchten (V. 24).
Leitfrage: Ist Heiligkeit hier eine Auszeichnung oder eher ein Moment von Schutz und Menschlichkeit?

Domenichino: Martyrium der heiligen Agnes. Historisches Vergleichsbild zur Märtyrer-Darstellung. Das Gemälde zeigt nicht die Figuren aus Rilkes Gedicht und ist keine nachgewiesene Vorlage.
Wer spricht?
Es gibt kein ausdrücklich genanntes lyrisches Ich. Zunächst erzählt eine Stimme über die beiden Figuren in der dritten Person.
In Vers 25 wechselt die Perspektive: „Und du kannst meinen“. Nun werden die Lesenden direkt angesprochen. Die Stimme lädt Dich ein, Dir eine mögliche Szene vorzustellen.
Merke: Das lyrische Sprechen ist nicht automatisch mit der persönlichen Meinung Rilkes gleichzusetzen.
Video: Erklärung zum lyrischen Sprechen – übertrage die Begriffe auf „Martyrinnen“.
Aufbau, Rhythmus und Klang
Das Gedicht hat drei Strophen mit 17, 2 und 17 Versen. Die kurze Mittelstrophe hebt den Augenblick hervor, in dem die Schwestern als heilig beschrieben werden.
Die Verse sind unterschiedlich lang. Der sehr kurze Vers „mit einem Ruck“ (V. 2) klingt plötzlich und hart. Das passt zur beschriebenen Gewalt.
Es gibt zahlreiche Endreime, aber keinen durchgehend einfachen Reimablauf. Beispiele sind „ging“ / „Ring“ (V. 3–4), „Leide“ / „Seide“ (V. 20 und 22) und „Glanz“ / „Kranz“ (V. 34 und 36).
Klangprobe: Lies zuerst Vers 1–3, dann Vers 16–19 laut. Welche Stelle klingt abgehackt, welche eher ruhig? Erkläre Deine Beobachtung mit Verslänge und Wortwahl.
Video: Gedichtformen und formale Merkmale.
Bildsprache und Gegensätze
Der rote Ring: Die Wunde wird mit Schmuck verglichen (V. 4–7). Das verbindet Schmerz mit etwas, das sonst schön sein soll.
Das Segel: Die Bewegung des Nachtgewands wird mit einem Segel verglichen (V. 16–17). Das Bild macht die Atmung sichtbar und erzeugt Ruhe.

Ein Segel im Wind als Anschauungsbild für den Vergleich in Vers 17.

Animation der Atmung. Sie erklärt eine körperliche Bewegung, stellt aber keine Szene des Gedichts dar.
Weiße Seide: In Vers 22 sind die Seelen „wie weiße Seide“. Das kann auf Zartheit und Verletzlichkeit hinweisen.
Der fehlende Kranz: Vers 36 endet mit „ohne Kranz“. Ein Kranz könnte für öffentliche Ehrung stehen. Hier fehlt dieses Zeichen.
Zentrale Gegensätze: Gewalt und Geborgenheit, Heiligkeit und Angst, Ruhm und Unsichtbarkeit.
Zwei mögliche Deutungen
Deutung A – Kritik am Heldentum: Die Schwestern werden als Märtyrerinnen bezeichnet. Trotzdem „fürchten“ sie sich vor ihrem „Heldentum“ (V. 24). Das Gedicht könnte zeigen, dass Menschen unter einer zugeschriebenen Heldenrolle leiden.
Deutung B – stille Menschlichkeit: Die Nähe der Schwestern wird wichtiger als öffentlicher Ruhm. Sie sind in einem stillen Augenblick „heilig“ (V. 18), ohne dass andere sie feiern müssen.
Beide Deutungen sind Lesarten, keine bewiesenen Absichten des Autors. Prüfe, welche Verse dafür und welche möglicherweise dagegen sprechen.
Moderne und Expressionismus
Das Gedicht gehört in den Zusammenhang der literarischen Moderne. Es wurde 1906 veröffentlicht. Bildhafte Sprache, innere Empfindungen und mehrdeutige Symbole sind wichtige Merkmale dieser Zeit.
Der Expressionismus entwickelte sich vor allem im frühen 20. Jahrhundert. Angst, Gewalt und starke Bilder spielen auch dort eine Rolle. Diese Ähnlichkeiten bedeuten aber nicht, dass „Martyrinnen“ deshalb eindeutig ein expressionistisches Gedicht ist. Rilkes bildhafte Dichtung lässt sich ebenso mit dem Symbolismus verbinden.
Vergleichsfrage für Klasse 11–13: Was ist der Unterschied zwischen einer zeitlichen Einordnung in die Moderne und der eindeutigen Zuordnung zu einer literarischen Strömung?
Hörbeispiel und Gedichtvergleich
Gesprochene Aufnahme von Rilkes „Herbst“. Achtung: Das ist nicht „Martyrinnen“. Die Aufnahme dient nur dazu, Sprechtempo, Pausen und Betonung bei Rilke zu beobachten.
Lies danach „Martyrinnen“ selbst laut. Welche Wirkung haben Pausen nach Vers 2 und Vers 19?
Video: So vergleichst Du zwei Gedichte.
Gestufte Hilfen
Hilfe 1 – Leicht: Suche zuerst diese Wörter im Gedicht: „Beil“, „Schwester“, „Segel“, „Seide“, „Kranz“. Markiere sie und notiere, welche Gefühle sie auslösen.
Hilfe 2 – Standard: Verwende den Satzanfang: „Das Bild von … in Vers … könnte … bedeuten, weil …“.
Hilfe 3 – Schwer: Formuliere eine Deutung, ergänze zwei Versbelege und prüfe danach eine andere mögliche Erklärung. Unterscheide dabei Beobachtung und Schlussfolgerung.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Die zehn Fragen beziehen sich auf die überprüfte Quellfassung von 1906. Lies die angegebenen Verse vor dem Antworten.
Was wird in Vers 3 ausdrücklich genannt? (Ein Beil) (!Ein Schwert) (!Ein Dolch) (!Ein Speer)
Womit wird die Wunde am Hals in Vers 4–5 bildlich verbunden? (Mit einem Ring und Schmuck) (!Mit einer goldenen Krone) (!Mit einer schweren Kette) (!Mit einer Blume)
Welche Beziehung nennt Vers 8 ausdrücklich? (Eine junge Schwester) (!Eine ältere Mutter) (!Eine fremde Freundin) (!Eine Königin)
Was fordert die träumende Figur in Vers 12 mit „Fester, fester“? (Mehr Halt durch die Umarmung) (!Ein schnelleres Gehen) (!Lauteren Gesang) (!Ein größeres Zimmer)
Womit vergleicht Vers 17 die Bewegung des Nachtgewands? (Mit einem Segel) (!Mit einer Glocke) (!Mit einem Felsen) (!Mit einem Spiegel)
Wie werden die beiden in Vers 18 bezeichnet? (Heilig) (!Berühmt) (!Schuldig) (!Vergessen)
Welches Material erscheint im Seelenvergleich in Vers 22? (Weiße Seide) (!Schwarzer Stein) (!Rotes Eisen) (!Grünes Glas)
Wie stehen die beiden in Vers 24 zu ihrem Heldentum? (Sie fürchten sich davor) (!Sie verlangen nach Beifall) (!Sie kämpfen um einen Preis) (!Sie sprechen stolz darüber)
Wen spricht die Stimme in Vers 25 mit „du“ an? (Die lesende oder hörende Person) (!Den Dichter mit seinem Namen) (!Einen ausdrücklich genannten König) (!Den Maler des Vergleichsbildes)
Was fehlt den Figuren am Ende in Vers 36? (Ein Kranz) (!Ein Segel) (!Eine Schwester) (!Ein Nachtgewand)
Memory
Verbinde jeden Begriff mit der passenden Erklärung.
| Beil | Bild der Gewalt |
| Roter Ring | Wunde als Schmuckbild |
| Segel | Vergleich für eine Atembewegung |
| Weiße Seide | Bild für zarte Seelen |
| Heldentum | Rolle, vor der beide Angst haben |
| Kranz | Fehlendes Zeichen der Ehrung |
Drag and Drop
Ordne die Fachbegriffe den Erklärungen zu.
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Erklärung |
|---|---|
| Quellfassung | Historisch überlieferter Wortlaut von 1906 |
| Lesefassung | Redaktionell leichter lesbare Textwiedergabe |
| Übersetzung | Übertragung in eine andere Sprache |
| Interpretation | Begründete Erklärung einer möglichen Bedeutung |
| Versbeleg | Genaue Textstelle zur Stützung einer Aussage |
Kreuzworträtsel
| Martyrin | Wie wird die ältere Figur gleich am Anfang bezeichnet? |
| Schwester | Welche verwandtschaftliche Beziehung verbindet die beiden Figuren? |
| Segel | Womit vergleicht Rilke das sich hebende Nachtgewand? |
| Seide | Welches Material wird mit den Seelen verglichen? |
| Kranz | Welches Ehrenzeichen fehlt am Schluss? |
| Ruck | Welches kurze Wort beschreibt die plötzliche Bewegung in Vers 2? |
LearningApps
Suche hier nach weiteren vorhandenen Übungen. Der Suchrahmen ist kein eigens für diesen Kurs erstelltes Quiz.
Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Bildkarten und kurze Sätze: Wähle drei Bilder aus dem Gedicht. Zeichne zu jedem ein Symbol und erkläre die Bedeutung in einem kurzen Satz. Gib jeweils die Versnummer an.
Standard
- Zitiergestützte Deutung: Schreibe einen Text von etwa 150 Wörtern zur Frage „Warum sind die Schwestern heilig, obwohl sie keinen Ruhm haben?“. Nutze mindestens drei richtige Verszitate und erkläre jedes Zitat.
Schwer
- Vergleichende Stellungnahme: Schreibe eine begründete Deutung von etwa 250 Wörtern. Prüfe, ob das Gedicht Heldentum eher bewundert oder hinterfragt. Beziehe mindestens vier Versstellen und den Unterschied zwischen Moderne und Expressionismus ein. Formuliere ein mögliches Gegenargument.


Lernkontrolle
- Sprechhaltung: Erkläre, wie sich die Wirkung durch die direkte Leseransprache in Vers 25 verändert. Verwende einen Textbeleg.
- Aufbau: Begründe, warum die beiden Verse der Mittelstrophe besonders wichtig sein könnten.
- Bildvergleich: Vergleiche die Wirkungen von „rothe Ring“ und „weiße Seide“. Welche Gegensätze entstehen?
- Deutung prüfen: Eine Person sagt: „Das Gedicht feiert eindeutig berühmte Heldinnen.“ Überprüfe diese Aussage anhand von mindestens zwei Versen.
- Epochenvergleich: Erkläre, warum die Themen Gewalt und Angst allein noch keinen sicheren Beweis für eine expressionistische Einordnung liefern.
- Textfassungen: Erläutere, warum Du bei einem historischen Gedicht Originalschreibung, Lesefassung und eigene Interpretation auseinanderhalten musst.
Lernnachweis
Für Deinen Lernnachweis solltest Du zeigen, dass Du den Inhalt des Gedichts in eigenen Worten zusammenfassen kannst, die drei Strophen und das lyrische Sprechen erkennst und Form, Klang und Bilder mit echten Versstellen erklärst.
Du kannst außerdem zwei begründete Deutungen vergleichen, Quellfassung und Lesefassung unterscheiden und den Text vorsichtig in die literarische Moderne einordnen.
Bewertungskriterien: richtige Zitate und Versnummern, verständliche Erklärungen, nachvollziehbare eigene Gedanken und klare Unterscheidung zwischen Textbefund und Deutung.
OERs zum Thema
Primärtext und wissenschaftlich nutzbare Textgrundlage:
- Wikisource: Martyrinnen, überprüfter Originaltext
- Bestehende Gedichtseite auf moocwiki
- Wikipedia: Rainer Maria Rilke
- Wikipedia: Expressionismus in der Literatur
- Wikipedia: Symbolismus in der Literatur
Wikipedia zum Autor:
Mediennachweise und Lizenzen
Die folgenden Medien stammen aus bestehenden Dateien auf Wikimedia Commons. Die Lizenzangaben beziehen sich auf die jeweiligen Dateiseiten.
- Originalseite 24: Rainer Maria Rilke, Das Buch der Bilder (1906), Scan der Österreichischen Nationalbibliothek; gemeinfrei. Datei und Lizenz.
- Originalseite 25: Rainer Maria Rilke, Das Buch der Bilder (1906), Scan der Österreichischen Nationalbibliothek; gemeinfrei. Datei und Lizenz.
- Rilke-Porträt: Paula Modersohn-Becker, Rilke, Gemälde; gemeinfrei. Datei und Lizenz.
- Märtyrerinnen-Gemälde: Domenichino, Martirio di sant'Agnese; gemeinfrei. Datei und Lizenz.
- Segelfoto: Natasha Miller, Sail with the wind; CC0 1.0. Datei und Lizenz.
- Atmungsanimation: John Pierce, Diaphragmatic breathing; CC0 1.0. Datei und Lizenz.
- Audio: Pitichinaccio, Sprechaufnahme von Rilkes Herbst; CC BY-SA 3.0, unverändert eingebunden. Datei und Lizenz.
- YouTube: Studyflix, Lyrisches Ich, Gedichtformen und Gedichtvergleich; Originalvideos über YouTube eingebettet. Für diese Videos wird keine freie Nachnutzungslizenz behauptet. Urheber- und Nutzungsrechte verbleiben bei den jeweiligen Rechteinhabern.
Die Bilder sind Lernhilfen und werden nicht als historisch belegte Vorlagen Rilkes ausgegeben. Es wurden keine neuen Bilder, Tonaufnahmen oder Animationen erzeugt.
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