Der Hundertjährige Krieg - Geschichte


Der Hundertjährige Krieg - Geschichte
Der Hundertjährige Krieg - Geschichte
Einleitung
Der Hundertjährige Krieg bezeichnet eine lange Folge von Kriegen, Waffenstillständen, Belagerungen, Bündniswechseln und inneren Konflikten zwischen den Herrschaftsräumen der englischen und der französischen Krone. Die übliche Datierung reicht von 1337 bis 1453. Der Name ist daher irreführend: Der Konflikt dauerte rechnerisch etwa 116 Jahre und wurde nicht ununterbrochen geführt. Zeitgenossinnen und Zeitgenossen kannten außerdem noch keinen einheitlichen Krieg mit diesem später geprägten Namen.
Im Mittelpunkt standen drei eng miteinander verflochtene Probleme: die Thronfolge im Königreich Frankreich, die lehnsrechtlich schwierige Stellung der englischen Könige als Herzöge von Aquitanien und der Kampf um politische, wirtschaftliche und militärische Vorherrschaft in Westeuropa. Hinzu kamen der französische Bürgerkrieg zwischen Armagnacs und Bourguignons, die Bündnispolitik mit Schottland, Flandern, Burgund, Kastilien und Portugal sowie tiefgreifende Veränderungen von Kriegführung, Steuerwesen, Herrschaft und politischer Kommunikation.
Dieser aiMOOC ist für das Studienfach Geschichte konzipiert. Du lernst nicht nur Daten und Schlachten kennen, sondern analysierst Ursachen, Strukturen, Quellen, Deutungen und langfristige Folgen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf Quellenkritik, Historiographie, der Einordnung von Jeanne d’Arc und der Frage, ob der Krieg tatsächlich als Geburtsstunde moderner Nationalstaaten gelten kann.

Lernziele und Kompetenzniveau
Nach der Bearbeitung des aiMOOCs kannst Du:
- Periodisierung: die wichtigsten Phasen des Konflikts unterscheiden und ihre Übergänge begründen.
- Ursachenanalyse: dynastische, lehnsrechtliche, wirtschaftliche und geopolitische Ursachen gewichten.
- Multiperspektivität: englische, französische, burgundische und regionale Interessen vergleichen.
- Militärgeschichte: das Zusammenspiel von Langbogen, abgesessenen Men-at-arms, Belagerungskrieg, Logistik und Artillerie erklären.
- Sozialgeschichte: Folgen für ländliche Bevölkerung, Städte, Adel, Söldner und Steuerpflichtige untersuchen.
- Herrschaftsgeschichte: den Zusammenhang zwischen Krieg, Besteuerung, Verwaltung und dauerhafter Heeresorganisation analysieren.
- Geschichtskultur: spätere Darstellungen von Jeanne d’Arc, Crécy oder Azincourt als Produkte ihrer Entstehungszeit beurteilen.
- Quellenkritik: Chroniken, Prozessakten, Urkunden, Bilder und Karten auf Perspektive, Intention und Überlieferung prüfen.
- Historiographie: den Begriff „Hundertjähriger Krieg“ als nachträgliche Konstruktion reflektieren.
- Urteilskompetenz: teleologische Erzählungen von der zwangsläufigen Entstehung moderner Nationen kritisch bewerten.
Begriff, Raum und Periodisierung
Ein nachträglich gebildeter Epochenbegriff
Der Ausdruck Hundertjähriger Krieg entstand erst in der neueren Geschichtsschreibung. Er bündelt verschiedene anglo-französische Kriege und französische Bürgerkriege zu einem scheinbar geschlossenen Gesamtgeschehen. Für die historische Analyse ist der Begriff nützlich, weil er langfristige Kontinuitäten sichtbar macht. Zugleich kann er Unterschiede zwischen einzelnen Kriegsphasen verdecken.
Die Grenzen 1337 und 1453 sind Konventionen. 1337 entzog der französische König Philipp VI. dem englischen König Eduard III. das Herzogtum Guyenne beziehungsweise Aquitanien; Eduard reagierte mit einer offensiven Politik und erneuerte seinen Anspruch auf die französische Krone. 1453 besiegten französische Truppen die Engländer in der Schlacht bei Castillon, anschließend fiel Bordeaux. Ein förmlicher Friedensvertrag beendete den Konflikt jedoch nicht.

Geographische Dimension
Der wichtigste Kriegsschauplatz war das Königreich Frankreich, besonders die Normandie, die Île-de-France, die Bretagne, das Loiregebiet, die Gascogne und Aquitanien. Der Konflikt reichte jedoch weit darüber hinaus. Seekrieg im Ärmelkanal, Handelsinteressen in Flandern, das englisch-schottische Verhältnis, Kämpfe auf der Iberischen Halbinsel und die burgundische Politik machten ihn zu einem europäischen Konfliktverbund.
Die englische Krone war keine rein „englische“ Territorialmacht. Seit der normannischen Eroberung Englands im Jahr 1066 besaßen englische Könige als französische Fürsten große Lehen auf dem Kontinent. Dadurch entstand eine widersprüchliche Doppelrolle: Der König von England war ein souveräner Monarch, zugleich aber für bestimmte Besitzungen Vasall des Königs von Frankreich.
Gebräuchliche Phaseneinteilung
Die Forschung verwendet häufig drei große Kriegsphasen:
- Eduardianischer Krieg 1337–1360: frühe englische Erfolge, darunter Crécy und Poitiers, abgeschlossen durch den Frieden von Brétigny.
- Karolinischer Krieg 1369–1389: französische Rückeroberungen unter Karl V. und Bertrand du Guesclin.
- Lancastrischer Krieg 1415–1453: englische Offensive unter Heinrich V., französische Krise, Auftreten Jeanne d’Arcs und schließlich französischer Sieg.
Zwischen diesen Phasen lagen längere Waffenstillstände, dynastische Krisen, lokale Fehden und Bürgerkriege. Die Periodisierung ist daher ein Analysewerkzeug und kein Abbild eines durchgehend einheitlichen Krieges.
Vorgeschichte und Ursachen
Die Thronfolgekrise von 1328
Als Karl IV. 1328 ohne überlebenden Sohn starb, endete die direkte männliche Linie der Kapetinger. Zwei Kandidaten waren besonders wichtig:
- Philipp VI. aus dem Haus Valois, ein Vetter des verstorbenen Königs in männlicher Linie.
- Eduard III. von England, ein Enkel des französischen Königs Philipp IV. über seine Mutter Isabella von Frankreich.
Die französischen Großen entschieden sich für Philipp VI. Dabei spielte die Auffassung eine Rolle, dass Frauen und eine über Frauen vermittelte Erbfolge von der französischen Thronfolge ausgeschlossen seien. Die spätere Berufung auf die Lex Salica wurde im Verlauf des Konflikts systematisiert und politisch zugespitzt. Eduard III. huldigte Philipp zunächst für seine französischen Lehen, erhob später aber selbst Anspruch auf die französische Krone.


Der lehnsrechtliche Konflikt um Aquitanien
Das Herzogtum Aquitanien beziehungsweise Guyenne war wirtschaftlich bedeutend, besonders wegen des Weinhandels mit England. Der englische König regierte dort als Herzog, musste dem französischen König aber als Lehnsherrn huldigen. Streit entstand regelmäßig über Gerichtshoheit, Grenzrechte, Burgen, Appellationen und die Frage, wie weit französische Eingriffe reichen durften.
Dieses Verhältnis war strukturell instabil: Ein König konnte im eigenen Reich keinen übergeordneten Herrn anerkennen, war aber auf dem Kontinent rechtlich Vasall. Die französische Beschlagnahmung Guyennes im Jahr 1337 war deshalb nicht die alleinige Ursache, aber ein unmittelbarer Auslöser der offenen Eskalation.
Wirtschaftliche und geopolitische Interessen
Flandern war ein Zentrum der Tuchproduktion und auf englische Wolle angewiesen. Englische Herrscher versuchten, flandrische Städte als Verbündete zu gewinnen, während die französische Krone ihren Einfluss auf die Grafschaft behaupten wollte. Zusätzlich wirkte die Auld Alliance zwischen Frankreich und Schottland: Englische Kriegsführung in Frankreich und französische Unterstützung für Schottland waren miteinander verbunden.
Auch die Kontrolle über Seewege, Häfen und Zölle war wichtig. Der Krieg war deshalb nicht bloß ein Familienkonflikt zweier Dynastien, sondern ein Kampf um Ressourcen, Handelsnetze, Lehnsrechte, Bündnisse und politische Rangordnung.
Politische Kultur und Ehre
Im spätmittelalterlichen Europa waren Herrschaftsansprüche eng an Abstammung, Eid, Ehre und öffentlich anerkannte Rechte gebunden. Ein Verzicht konnte als Schwäche erscheinen; zugleich mussten Kriege gegenüber Adel, Kirche und Untertanen legitimiert werden. Wappen, Titel, Manifeste, Predigten und Chroniken dienten dazu, Ansprüche als rechtmäßig darzustellen.
Eduard III. nahm die französischen Lilien in sein Wappen auf und führte den Titel eines Königs von Frankreich. Philipp VI. stellte den englischen König dagegen als ungehorsamen Vasallen dar. Damit wurde der Konflikt nicht nur militärisch, sondern auch symbolisch und juristisch geführt.
Erste Kriegsphase: 1337 bis 1360
Seekrieg und Schlacht von Sluis
Zu Beginn war die Kontrolle des Ärmelkanals entscheidend. In der Seeschlacht von Sluis 1340 zerstörte beziehungsweise eroberte die englische Flotte einen großen Teil der französischen Flotte. Dies erleichterte englische Truppentransporte auf den Kontinent, bedeutete aber keine dauerhafte englische Herrschaft über alle Seewege.
Die Chevauchée als Kriegsform
Eine Chevauchée war ein schneller, berittener Verwüstungszug. Ziel war nicht nur die Einnahme von Land, sondern die Zerstörung wirtschaftlicher Grundlagen, die Provokation einer Feldschlacht und die Demonstration, dass der gegnerische König seine Untertanen nicht schützen konnte. Dörfer, Ernten und unbefestigte Städte wurden besonders gefährdet.
Diese Strategie zeigt, dass mittelalterliche Kriegführung nicht ausschließlich aus Ritterduellen und großen Schlachten bestand. Versorgung, Plünderung, Lösegeld, Brandschatzung und die Kontrolle befestigter Orte waren oft wichtiger als spektakuläre Feldschlachten.

Crécy 1346 und Calais 1347
In der Schlacht von Crécy am 26. August 1346 besiegte das Heer Eduards III. ein zahlenmäßig starkes französisches Aufgebot. Englische Langbogenschützen, abgesessene Gewappnete, vorbereitete Stellungen, Disziplin und die schwierige Koordination der französischen Angriffe wirkten zusammen. Die Erklärung „Langbogen besiegt Ritter“ ist daher zu einfach: Gelände, Führung, Marschbelastung, Befehlsketten und das Zusammenspiel verschiedener Truppengattungen waren entscheidend.
Nach Crécy belagerten die Engländer Calais. Die Stadt kapitulierte 1347 und blieb bis 1558 in englischem Besitz. Calais wurde zu einem wichtigen Stützpunkt für Handel, Diplomatie und spätere Invasionen.

Pest und Kriegsunterbrechung
Die Pest erreichte Westeuropa ab 1347/48 und verursachte eine demographische Katastrophe. Krieg und Epidemie wirkten teilweise zusammen, müssen analytisch aber unterschieden werden. Die Pest war nicht einfach eine Folge des Hundertjährigen Krieges. Sie veränderte jedoch Rekrutierung, Arbeitsmärkte, Steueraufkommen, Besitzverhältnisse und soziale Konflikte.
Poitiers 1356 und die Gefangennahme Johanns II.
In der Schlacht von Poitiers 1356 errang der englische Thronfolger Edward, der Schwarze Prinz, einen weiteren großen Sieg. Der französische König Johann II. geriet in Gefangenschaft. Seine Auslösung erforderte enorme Geldsummen und verschärfte die Krise der französischen Monarchie.
Während der Gefangenschaft des Königs standen der Dauphin, die Generalstände, städtische Bewegungen und ländliche Aufstände einander gegenüber. Die Jacquerie von 1358 und die Pariser Bewegung um Étienne Marcel zeigen, wie militärische Niederlagen soziale und politische Spannungen verstärkten.


Der Frieden von Brétigny 1360
Der Frieden von Brétigny brachte Eduard III. stark erweiterte Besitzungen in Südwestfrankreich und sollte wechselseitige Verzichtserklärungen auf Lehnsoberhoheit beziehungsweise Thronanspruch regeln. Die Umsetzung blieb jedoch unvollständig. Viele rechtliche und territoriale Fragen bestanden fort, sodass der Vertrag eher eine längere Unterbrechung als eine dauerhafte Friedensordnung schuf.
Zweite Kriegsphase: 1369 bis 1389
Karl V. und die französische Erholung
Unter Karl V. stabilisierte sich die französische Monarchie. Der König vermied nach Möglichkeit große Feldschlachten und setzte auf schrittweise Rückeroberung, befestigte Plätze, Diplomatie und erfahrene Befehlshaber. Der wichtigste Heerführer war Bertrand du Guesclin, der 1370 zum Connétable von Frankreich ernannt wurde.
Die französische Strategie zielte darauf, englische Garnisonen zu isolieren, ihre Versorgung zu erschweren und lokale Unterstützung zurückzugewinnen. Viele englische Eroberungen gingen verloren, ohne dass eine einzelne Entscheidungsschlacht den Umschwung allein bewirkte.
Iberische und maritime Verflechtungen
Der kastilische Bürgerkrieg war mit dem Hundertjährigen Krieg verbunden. England unterstützte zeitweise Peter I., Frankreich dessen Rivalen Heinrich von Trastámara. Nach dem Sieg Heinrichs gewann Frankreich einen wichtigen Flottenverbündeten.
In der Seeschlacht von La Rochelle 1372 besiegte eine kastilisch-französische Flotte die Engländer. Der Verlust erschwerte die Versorgung englischer Besitzungen. Dies verdeutlicht, dass die zweite Kriegsphase nicht allein durch Kämpfe an Land entschieden wurde.
Waffenstillstand und ungelöste Probleme
Nach dem Tod Karls V. 1380 und Eduards III. 1377 veränderten sich die politischen Bedingungen. Beide Reiche litten unter inneren Spannungen. Der Bauernaufstand von 1381 in England und französische Aufstände standen auch im Zusammenhang mit Steuerlasten und Kriegsfinanzierung. 1389 begann ein längerer Waffenstillstand, ohne dass der Grundkonflikt gelöst war.
Krise der Monarchien und französischer Bürgerkrieg
England nach Eduard III.
In England folgten auf Eduard III. Richard II., dessen Herrschaft 1399 durch Heinrich IV. aus dem Haus Lancaster beendet wurde. Die neue Dynastie musste ihre Legitimität sichern. Ein erfolgreicher Krieg in Frankreich konnte dynastische Autorität stärken, Beute und Ämter verteilen und oppositionelle Adelige binden.
Die Krankheit Karls VI.
Der französische König Karl VI. litt seit 1392 wiederholt unter schweren psychischen Krisen. Dadurch entstand ein Machtkampf zwischen Fürsten des königlichen Hauses. Besonders wichtig waren die Lager der Armagnacs und Bourguignons.
Nach der Ermordung Ludwigs von Orléans 1407 eskalierte der Konflikt. 1419 wurde der burgundische Herzog Johann Ohnefurcht bei einem Treffen mit dem Dauphin ermordet. Sein Sohn Philipp der Gute verbündete sich daraufhin mit England. Der Bürgerkrieg schwächte die französische Verteidigung entscheidend.
Dritte Kriegsphase: 1415 bis 1453
Heinrich V. und die Schlacht von Azincourt
Heinrich V. erneuerte den englischen Anspruch auf die französische Krone und landete 1415 in der Normandie. Nach der Einnahme von Harfleur zog sein geschwächtes Heer Richtung Calais. Am 25. Oktober 1415 kam es zur Schlacht von Azincourt.
Die Engländer siegten trotz ihrer schwierigen Lage. Schlamm, enger Raum, französische Angriffsordnung, englische Verteidigungsstellung, Langbogenschützen und abgesessene Gewappnete wirkten zusammen. Spätere nationale Erzählungen und Shakespeares Drama Heinrich V. machten Azincourt zu einem Mythos. Historische Analyse muss zwischen Ereignis, zeitnaher Überlieferung und späterer Erinnerung unterscheiden.

Normandie und Vertrag von Troyes
Heinrich V. eroberte große Teile der Normandie. Der Vertrag von Troyes von 1420 erkannte ihn als Regenten Frankreichs und Erben Karls VI. an. Durch die Heirat mit Katharina von Valois sollte eine dynastische Union geschaffen werden. Der Dauphin Karl wurde ausgeschlossen.
1422 starben Heinrich V. und Karl VI. kurz nacheinander. Der minderjährige Heinrich VI. wurde von der englisch-burgundischen Seite als König von England und Frankreich anerkannt. Die Anhänger des Dauphins hielten dagegen an Karl VII. fest. Frankreich war damit politisch und territorial geteilt.
Orléans und Jeanne d’Arc
Die englische Belagerung von Orléans 1428/29 bedrohte die Verbindung zwischen Karls Herrschaftsräumen. In dieser Situation trat Jeanne d’Arc auf. Die junge Frau aus Domrémy erklärte, göttliche Stimmen hätten ihr den Auftrag gegeben, den Dauphin zu unterstützen und ihn zur Krönung nach Reims zu führen.
Jeanne war weder alleinige Heerführerin noch bloßes Maskottchen. Ihre genaue militärische Rolle muss differenziert untersucht werden. Sie wirkte als religiös-politische Symbolfigur, stärkte Moral und Legitimität und nahm an militärischen Operationen teil. Im Mai 1429 wurde die Belagerung von Orléans aufgehoben.


Die kleine Zeichnung in einem Pariser Register von 1429 gilt als einzige bekannte zeitgenössische bildliche Darstellung Jeanne d’Arcs. Sie ist kein Porträt nach dem modernen Verständnis, sondern eine schematische Notiz eines Schreibers.
Krönung Karls VII. und symbolische Politik
Im Juli 1429 wurde Karl VII. in der Kathedrale von Reims gekrönt. Reims besaß als traditioneller Krönungsort hohe sakrale und politische Bedeutung. Die Krönung beseitigte nicht sofort die englische Macht, stärkte aber Karls Anspruch und veränderte die Wahrnehmung seiner Herrschaft.

Gefangennahme, Prozess und Hinrichtung Jeanne d’Arcs
1430 geriet Jeanne bei Compiègne in die Gewalt burgundischer Truppen und wurde an die Engländer ausgeliefert. Ein kirchliches Gericht in Rouen verurteilte sie 1431 unter anderem wegen Häresie und Rückfalls; sie wurde verbrannt. Der Prozess war religiös, juristisch und politisch geprägt.
1456 wurde das Urteil in einem Rehabilitationsverfahren aufgehoben. Die überlieferten Prozessprotokolle sind außergewöhnlich wertvoll, müssen aber quellenkritisch gelesen werden: Sie dokumentieren Verhörsituationen, institutionelle Interessen, Übersetzungs- und Protokollierungsprozesse sowie Jeannes strategische Antworten.
Burgunds Seitenwechsel und französische Reformen
Der Vertrag von Arras 1435 versöhnte Philipp den Guten von Burgund mit Karl VII. England verlor damit seinen wichtigsten französischen Verbündeten. Gleichzeitig reformierte die französische Krone ihre militärische und finanzielle Grundlage.
Die Ordonnanzkompanien schufen ab den 1440er Jahren einen dauerhaft besoldeten Kern königlicher Truppen. Die Taille wurde zu einer regelmäßig erhobenen direkten Steuer. Artillerie und Belagerungstechnik wurden systematischer organisiert; mit den Brüdern Jean Bureau und Gaspard Bureau verband sich eine besonders wirkungsvolle königliche Artillerieverwaltung.

Formigny, Castillon und das Ende 1453
In der Schlacht bei Formigny 1450 verloren die Engländer die Normandie weitgehend. 1451 fiel Bordeaux, wurde nach einem englischen Gegenangriff aber kurzzeitig zurückgewonnen. Am 17. Juli 1453 besiegte ein französisches Heer unter starkem Einsatz befestigter Feldartillerie die Engländer bei Castillon; der englische Befehlshaber John Talbot fiel.
Nach der erneuten Kapitulation Bordeaux’ endete die englische Territorialherrschaft in Frankreich fast vollständig. Nur Calais blieb bis 1558 englisch. 1453 gilt deshalb als konventionelles Ende des Hundertjährigen Krieges, obwohl kein umfassender Friedensvertrag geschlossen wurde.


Kriegführung im Wandel
Langbogen, Ritter und kombinierte Waffen
Der englische Langbogen hatte hohe Reichweite und Schussfolge, erforderte aber langjährige Übung, geeignete Bögen, Sehnen, Pfeilvorräte und taktische Einbindung. Langbogenschützen waren besonders wirksam, wenn sie durch Gelände, Pfähle und Gewappnete geschützt wurden. Der Bogen machte schwere Reiterei nicht grundsätzlich überflüssig.
Viele englische und französische Adelige kämpften zu Fuß. Der Gegensatz „moderne Infanterie gegen veraltete Ritter“ verzerrt die Wirklichkeit. Beide Seiten passten ihre Taktik an, lernten aus Niederlagen und kombinierten unterschiedliche Truppengattungen.

Belagerung, Festungen und Logistik
Der größte Teil des Krieges bestand nicht aus Feldschlachten, sondern aus Belagerungen, Garnisonsdienst, Überfällen, Verhandlungen und der Sicherung von Nachschub. Mauern, Burgen, Flussübergänge und befestigte Städte strukturierten den Krieg.
Eine Armee musste Nahrung, Pferdefutter, Sold, Pfeile, Waffen und Transportmittel erhalten. Fehlschläge entstanden häufig durch Krankheit, Hunger, Desertion, unbezahlte Truppen und unterbrochene Versorgung. Logistik ist deshalb ein Schlüsselbegriff zum Verständnis des Konflikts.
Söldner und Gewaltökonomien
In Waffenstillstandszeiten schlossen sich entlassene Kämpfer zu Söldnerverbänden zusammen. Solche Freien Kompanien lebten von Sold, Beute, Schutzgeld und Erpressung. In Frankreich wurden sie als „Routiers“ oder später teilweise als „Écorcheurs“ bezeichnet.
Krieg wurde damit zu einer Erwerbsform. Lösegeld für hochrangige Gefangene konnte enormen Gewinn bringen, während einfache Gefangene weniger geschützt waren. Die soziale Stellung beeinflusste Überlebenschancen, Behandlung und wirtschaftlichen Wert.
Schießpulver und Artillerie
Kanonen wurden schon im 14. Jahrhundert verwendet, gewannen aber im 15. Jahrhundert an Zuverlässigkeit und organisatorischer Bedeutung. Artillerie erleichterte die schnelle Einnahme von Befestigungen und trug bei Castillon zur französischen Überlegenheit bei.
Von einer plötzlichen „Erfindung“ moderner Kriegführung kann dennoch keine Rede sein. Technischer Wandel wirkte nur zusammen mit Finanzierung, Spezialwissen, Transport, Munitionsversorgung, Verwaltungsorganisation und taktischer Anpassung.
Gesellschaft, Wirtschaft und Herrschaft
Belastungen der Zivilbevölkerung
Bauern, Handwerkerinnen, Kaufleute und Stadtbewohner waren von Plünderungen, Brandschatzung, Einquartierung, Abgaben, Lösegeldforderungen und zerstörten Ernten betroffen. Die Belastung war regional sehr unterschiedlich. Manche Gebiete wurden wiederholt verwüstet, andere profitierten zeitweise von Handel, Truppenversorgung oder königlichen Aufträgen.
Die Opfergeschichte darf nicht allein aus Chroniken der Eliten rekonstruiert werden. Steuerlisten, Gerichtsakten, Rechnungen, Testamente, Stadtbücher und archäologische Befunde können andere Perspektiven eröffnen.
Kriegsfinanzierung und politische Aushandlung
Krieg war teuer. Könige benötigten Steuern, Kredite, Zölle und Zustimmung politischer Körperschaften. In England gewann das Parlament Bedeutung bei der Bewilligung von Steuern. In Frankreich spielten Generalstände und regionale Stände eine Rolle, zugleich entwickelte die Krone dauerhaftere eigene Einnahmen.
Die Entwicklung war nicht linear. Krieg konnte königliche Macht stärken, aber auch Aufstände auslösen, Kreditkrisen verschärfen und Legitimität zerstören. Herrschaftsausbau und politische Mitwirkung entstanden teilweise gleichzeitig.
Adel und soziale Mobilität
Für Adelige bot der Krieg Chancen auf Ruhm, Ämter, Beute, Gefangene und Land. Zugleich drohten Tod, Verschuldung und Gefangenschaft. Militärische Unternehmer, Hauptleute, Verwaltungsfachleute und Spezialisten konnten aufsteigen.
Der Hosenbandorden, 1348 von Eduard III. gegründet, verband ritterliche Kultur mit königlicher Bindung. Auf französischer Seite wurden ähnliche Formen höfischer und militärischer Loyalität entwickelt. Ritterideale bestanden fort, obwohl die tatsächliche Kriegführung oft von Verwüstung und ökonomischem Kalkül geprägt war.
Sprache und politische Kommunikation
Der Konflikt beeinflusste die politische Verwendung von Englisch und Französisch. In England gewann Englisch im 14. und 15. Jahrhundert in Verwaltung, Parlament und Literatur an Gewicht, ohne Französisch oder Latein sofort zu verdrängen. In Frankreich wurden königliche Propaganda, Predigten und öffentliche Rituale genutzt, um Loyalität zu mobilisieren.
Sprachwandel darf jedoch nicht monokausal aus dem Krieg erklärt werden. Demographie, Hofkultur, Verwaltungspraxis und soziale Veränderungen wirkten ebenfalls.
Jeanne d’Arc zwischen Geschichte und Erinnerung
Handlungsspielräume einer Frau im Krieg
Jeanne d’Arc überschritt zeitgenössische Erwartungen an Geschlecht, Kleidung, religiöse Autorität und öffentliche Rede. Ihre Akzeptanz war möglich, weil sie ihre Mission religiös begründete und von Teilen des Hofes politisch genutzt wurde. Gleichzeitig machte gerade diese Grenzüberschreitung sie im Prozess angreifbar.
Eine geschlechtergeschichtliche Analyse fragt nicht nur, ob Jeanne „wirklich“ militärisch befehligte. Sie untersucht, wie Geschlecht, Frömmigkeit, Körper, Kleidung, Jungfräulichkeit und politische Legitimität miteinander verknüpft wurden.
Nationalheldin, Heilige und politische Projektionsfigur
Jeanne wurde in späteren Jahrhunderten sehr unterschiedlich gedeutet: als katholische Heilige, monarchistische Heldin, republikanische Patriotin, Symbol des Widerstands oder nationalistische Ikone. 1920 wurde sie von der katholischen Kirche heiliggesprochen.
Solche Deutungen erzählen ebenso viel über das 19. und 20. Jahrhundert wie über das 15. Jahrhundert. Historiengemälde zeigen daher nicht einfach „wie es war“, sondern konstruieren Vergangenheit nach den Bedürfnissen ihrer Zeit.

Das Gemälde aus dem späten 19. Jahrhundert ist eine romantisierende Darstellung. Vergleiche es mit der kleinen zeitgenössischen Registerzeichnung weiter oben: Welche Unterschiede erkennst Du bei Körperhaltung, Rüstung, Licht, Publikum und politischer Botschaft?
Europäische Verflechtungen
Burgund
Das Herzogtum Burgund war keine bloße Nebenfigur. Die burgundischen Herzöge bauten einen mächtigen Herrschaftskomplex zwischen Frankreich und dem Reich auf. Ihr Bündnis mit England nach 1419 ermöglichte die englische Herrschaft in Nordfrankreich; der Seitenwechsel von 1435 war für Karl VII. entscheidend.
Schottland und die Auld Alliance
Die Auld Alliance verband Frankreich und Schottland gegen England. Schottische Soldaten kämpften in Frankreich, besonders in der frühen Herrschaft Karls VII. Die englische Krone musste deshalb strategisch mit einem Zweifrontenproblem rechnen.
Iberische Reiche und Seeherrschaft
Kastilien unterstützte Frankreich zeitweise mit einer starken Flotte, während Portugal engere Beziehungen zu England entwickelte. Die Anglo-Portugiesische Allianz von 1386 gehört zu den langfristigen Folgen dieser Bündnispolitik. Kämpfe in Kastilien verbanden den Hundertjährigen Krieg mit iberischen Thronkonflikten.
Kirche und Papsttum
Das Abendländische Schisma von 1378 bis 1417 teilte die lateinische Kirche. England und Frankreich unterstützten zeitweise unterschiedliche Päpste. Kirchliche Loyalitäten, Diplomatie und Konzilien waren dadurch mit dem Krieg verflochten.
Religion war nicht nur Legitimation. Gebete, Prozessionen, Reliquien, Gelübde und Vorstellungen göttlicher Gunst prägten Wahrnehmung und Handeln. Jeanne d’Arcs Mission ist ohne diese religiöse Erfahrungswelt nicht verständlich.
Folgen und historische Bedeutung
Territorialer Ausgang
Frankreich ging als territorialer Sieger hervor. England verlor fast alle kontinentalen Besitzungen; Calais blieb als Ausnahme bis 1558 englisch. Die französische Krone konnte die Normandie und Aquitanien dauerhaft integrieren.
Monarchie, Verwaltung und stehende Truppen
In Frankreich förderte der Krieg dauerhafte Besteuerung, königliche Artillerie und einen besoldeten Heereskern. Dies stärkte die Valois-Monarchie. Dennoch blieb das Reich ständisch, regional und rechtlich vielfältig.
In England führte die Niederlage zu politischen Konflikten über Verantwortung, Ämter und Herrschaft. Der Verlust französischer Besitzungen war ein Faktor unter mehreren, die zu den Rosenkriegen beitrugen. Ein direkter Automatismus bestand nicht.
Nationalbewusstsein mit Einschränkungen
Der Krieg verstärkte Vorstellungen von Engländern und Franzosen als politischen Gemeinschaften. Sprache, Heilige, Königstreue und Feindbilder wurden mobilisiert. Von modernem Nationalismus oder vollständig ausgebildeten Nationalstaaten zu sprechen, wäre jedoch anachronistisch.
Menschen identifizierten sich zugleich mit Dynastie, Religion, Stadt, Region, Stand, Lehnsherrn und lokalen Gemeinschaften. Die Entstehung nationaler Deutungen war ein langer, widersprüchlicher Prozess.
Militärischer Wandel ohne einfache Revolution
Crécy, Poitiers und Azincourt erschütterten die Vorstellung, schwer gerüstete Reiter könnten jede Schlacht entscheiden. Castillon zeigte die wachsende Bedeutung von Artillerie. Trotzdem verschwanden Ritter, Burgen und Nahkampf nicht.
Statt einer einzigen militärischen Revolution ist es sinnvoller, von mehreren miteinander verbundenen Veränderungen zu sprechen: Professionalisierung, Steuerstaat, Logistik, Belagerungstechnik, Schießpulver, taktisches Lernen und Verwaltung.
Erinnerungskultur
Der Hundertjährige Krieg lebt in nationalen Mythen, Denkmälern, Filmen, Romanen, Computerspielen und Schulbüchern fort. Azincourt wurde in England, Jeanne d’Arc in Frankreich besonders stark aufgeladen. Erinnerungskultur vereinfacht häufig komplexe Bündnisse und regionale Loyalitäten zu einem Zweikampf zweier Nationen.
Quellen und Methoden des Geschichtsstudiums
Chroniken
Zu den bekanntesten erzählenden Quellen gehören die Chroniken des Jean Froissart. Froissart sammelte Berichte aus höfischen und adeligen Netzwerken und schilderte Schlachten, Diplomatie und ritterliche Kultur anschaulich. Seine Texte sind jedoch keine neutralen Augenzeugenprotokolle. Auswahl, Patronage, literarische Gestaltung und soziale Perspektive müssen untersucht werden.
Auch französische, englische, burgundische und städtische Chroniken widersprechen einander. Gerade diese Unterschiede sind erkenntnisreich: Sie zeigen konkurrierende Deutungen und politische Interessen.
Urkunden, Rechnungen und Verwaltungsquellen
Königliche Briefe, Verträge, Musterungslisten, Soldabrechnungen, Steuerregister und städtische Rechnungen ermöglichen die Rekonstruktion von Truppenstärken, Kosten, Wegen, Versorgung und Verwaltungspraktiken. Solche Quellen wirken präzise, sind aber ebenfalls selektiv. Sollzahlen sind nicht automatisch Istzahlen, und Abrechnungen können Interessen der Aussteller spiegeln.
Bildquellen
Mittelalterliche Buchmalereien entstanden häufig Jahrzehnte nach dem dargestellten Ereignis. Kleidung, Rüstung und Architektur zeigen deshalb oft die Entstehungszeit des Bildes, nicht exakt die Zeit der Schlacht. Bilder können dennoch politische Ordnung, Erinnerung, Rang und Erzählmuster sichtbar machen.

Prüfe bei jeder Bildquelle:
- Provenienz: Woher stammt das Bild?
- Datierung: Wann entstand es im Verhältnis zum Ereignis?
- Auftraggeber: Wer finanzierte oder besaß das Werk?
- Ikonographie: Welche Symbole, Gesten und Rangordnungen werden verwendet?
- Funktion: Sollte das Bild informieren, erinnern, legitimieren oder unterhalten?
- Rezeption: Wie wurde es später verwendet?
Prozessakten Jeanne d’Arcs
Die Protokolle des Verurteilungsprozesses von 1431 und des Rehabilitationsprozesses von 1455/56 gehören zu den wichtigsten Quellen. Sie bieten seltene Einblicke in Sprache, Frömmigkeit, politische Konflikte und Verhörtechniken.
Du musst jedoch unterscheiden zwischen gesprochenen Antworten, lateinischer Protokollierung, redaktioneller Bearbeitung und politischem Zweck. Der Rehabilitationsprozess war ebenfalls nicht neutral, sondern sollte das frühere Urteil entkräften und indirekt die Legitimität Karls VII. stärken.
Historiographische Kontroversen
Zentrale Forschungsfragen sind:
- War der Krieg vor allem ein dynastisch-feudaler Konflikt oder bereits ein Krieg zwischen politischen Gemeinschaften?
- Wie entscheidend war der Langbogen im Vergleich zu Führung, Gelände und Organisation?
- Welche militärische Rolle spielte Jeanne d’Arc tatsächlich?
- Entstand der französische Steuer- und Militärstaat durch den Krieg oder nutzte die Krone nur längerfristige Entwicklungen?
- Ist 1453 ein überzeugendes Ende, obwohl kein Friedensvertrag geschlossen wurde?
- Wie stark prägten spätere nationale Mythen die wissenschaftliche und populäre Darstellung?
Chronologie
| Jahr | Ereignis | Historische Bedeutung |
|---|---|---|
| 1328 | Tod Karls IV. und Thronbesteigung Philipps VI. | Ausgangspunkt des dynastischen Thronstreits |
| 1337 | Konfiskation Guyennes und offene Eskalation | Konventioneller Beginn des Hundertjährigen Krieges |
| 1340 | Seeschlacht von Sluis | Englischer Vorteil bei Truppentransporten über den Ärmelkanal |
| 1346 | Schlacht von Crécy | Früher großer englischer Feldsieg |
| 1347 | Kapitulation von Calais | Dauerhafter englischer Brückenkopf bis 1558 |
| 1347/48 | Ausbreitung der Pest in Westeuropa | Demographische und wirtschaftliche Krise neben dem Krieg |
| 1356 | Schlacht von Poitiers | Gefangennahme Johanns II. |
| 1360 | Frieden von Brétigny | Große englische Gebietsgewinne und längere Unterbrechung |
| 1369 | Wiederaufnahme des offenen Krieges | Beginn der französischen Rückeroberungen |
| 1372 | Seeschlacht von La Rochelle | Stärkung der französisch-kastilischen Position |
| 1389 | Waffenstillstand von Leulinghem | Beginn einer längeren Ruhephase |
| 1407 | Ermordung Ludwigs von Orléans | Eskalation des französischen Bürgerkriegs |
| 1415 | Schlacht von Azincourt | Großer Sieg Heinrichs V. |
| 1419 | Ermordung Johanns Ohnefurcht | Burgundisches Bündnis mit England |
| 1420 | Vertrag von Troyes | Heinrich V. wird als Erbe Karls VI. anerkannt |
| 1422 | Tod Heinrichs V. und Karls VI. | Konkurrierende Könige Heinrich VI. und Karl VII. |
| 1429 | Entsatz von Orléans und Krönung Karls VII. | Politischer und symbolischer Wendepunkt |
| 1431 | Hinrichtung Jeanne d’Arcs | Englischer Versuch, ihre Mission zu delegitimieren |
| 1435 | Vertrag von Arras | Burgund löst sich vom englischen Bündnis |
| 1450 | Schlacht bei Formigny | Verlust der Normandie für England |
| 1453 | Schlacht bei Castillon und Fall Bordeaux’ | Konventionelles Ende des Krieges |
Zusammenfassung
Der Hundertjährige Krieg war kein gleichförmiger Nationalkrieg, sondern ein Bündel dynastischer, lehnsrechtlicher, territorialer und wirtschaftlicher Konflikte. Englische Siege beruhten nicht auf einer einzigen Wunderwaffe, sondern auf Organisation, Taktik, Führung, Gelände und Logistik. Der französische Sieg entstand ebenfalls nicht allein durch Jeanne d’Arc, sondern durch politische Konsolidierung, Burgunds Seitenwechsel, dauerhaftere Finanzierung, militärische Reformen und wirkungsvolle Artillerie.
Langfristig veränderte der Krieg Monarchien, Steuersysteme, Heeresorganisation, politische Kommunikation und Erinnerungskultur. Er trug zu englischen und französischen Gemeinschaftsvorstellungen bei, ohne bereits moderne Nationalstaaten hervorzubringen. Für das Geschichtsstudium ist er besonders geeignet, um Ereignisgeschichte, Strukturgeschichte, Sozialgeschichte, Geschlechtergeschichte, Militärgeschichte, Verflechtungsgeschichte und Erinnerungskultur miteinander zu verbinden.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Warum war die Stellung der englischen Könige in Aquitanien politisch widersprüchlich? (Sie waren dort Vasallen des französischen Königs und zugleich souveräne Könige Englands) (!Sie durften in Aquitanien keine Steuern erheben) (!Sie wurden dort vom Papst als Bischöfe eingesetzt) (!Sie besaßen Aquitanien nur als Handelskolonie)
Welches Ereignis gilt als konventioneller Beginn des Hundertjährigen Krieges? (Die französische Konfiskation Guyennes und die Eskalation von 1337) (!Die normannische Eroberung Englands von 1066) (!Die Schlacht von Azincourt von 1415) (!Der Vertrag von Troyes von 1420)
Welche Aussage zur Schlacht von Crécy ist historisch am angemessensten? (Der englische Sieg entstand aus dem Zusammenspiel von Stellung Taktik Führung und Langbogenschützen) (!Der Langbogen machte jede andere Truppengattung sofort überflüssig) (!Die Schlacht wurde ausschließlich durch Artillerie entschieden) (!Die Franzosen verloren weil sie keine gepanzerten Kämpfer einsetzten)
Welche unmittelbare Folge hatte die Schlacht von Poitiers 1356? (Der französische König Johann II. geriet in englische Gefangenschaft) (!Burgund wechselte sofort auf die französische Seite) (!Calais fiel an Frankreich zurück) (!Jeanne d’Arc wurde zur Heerführerin ernannt)
Wofür steht der Begriff Chevauchée? (Für einen schnellen berittenen Verwüstungszug) (!Für eine kirchliche Gerichtsverhandlung) (!Für die Krönung eines französischen Königs) (!Für eine dauerhafte Friedenskonferenz)
Warum war der französische Bürgerkrieg für Heinrich V. vorteilhaft? (Er schwächte die französische Gegenwehr und erleichterte englische Bündnisse) (!Er beendete alle englischen Thronansprüche) (!Er vereinigte Armagnacs und Burgunder gegen England) (!Er führte zur sofortigen Rückgabe der Normandie)
Welche Bedeutung hatte der Vertrag von Troyes von 1420? (Heinrich V. wurde als Erbe und Regent Frankreichs anerkannt) (!Karl VII. wurde zum König von England gekrönt) (!England verzichtete endgültig auf alle Besitzungen in Frankreich) (!Burgund schloss ein Bündnis mit Schottland)
Welche Aussage beschreibt Jeanne d’Arcs Bedeutung am besten? (Sie verband militärische Mitwirkung mit religiöser und politischer Legitimation) (!Sie kommandierte während des gesamten Krieges allein alle französischen Truppen) (!Sie erfand die französische Artillerie) (!Sie unterzeichnete den Vertrag von Brétigny)
Welches Ereignis schwächte die englische Position 1435 entscheidend? (Der Vertrag von Arras zwischen Burgund und Karl VII.) (!Die englische Eroberung von Calais) (!Der Tod Philipps VI.) (!Die Seeschlacht von Sluis)
Warum gilt 1453 als Ende des Hundertjährigen Krieges? (Frankreich siegte bei Castillon und gewann Bordeaux zurück) (!Ein europäischer Friedenskongress löste alle Streitfragen) (!England eroberte Paris dauerhaft) (!Die Pest endete in ganz Europa)
Memory
| Eduard III. | Englischer König mit Anspruch auf die französische Krone |
| Philipp VI. | Erster französischer König aus dem Haus Valois |
| Crécy | Englischer Sieg von 1346 |
| Poitiers | Gefangennahme Johanns II. |
| Brétigny | Friedensschluss von 1360 |
| Azincourt | Sieg Heinrichs V. im Jahr 1415 |
| Orléans | Wendepunkt des Jahres 1429 |
| Arras | Burgundischer Seitenwechsel von 1435 |
| Castillon | Französischer Sieg von 1453 |
| Chevauchée | Berittener Verwüstungszug |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Thema |
|---|---|
| Thronfolgekrise | Dynastischer Streit nach dem Tod Karls IV. |
| Lehnsrecht | Doppelrolle des englischen Königs in Aquitanien |
| Langbogen | Fernwaffe mit hoher Schussfolge und hohem Trainingsbedarf |
| Chevauchée | Strategie der mobilen Verwüstung |
| Burgund | Entscheidender Bündnispartner und Machtfaktor |
| Jeanne d’Arc | Religiös-politische Symbolfigur des französischen Umschwungs |
| Ordonnanzkompanien | Dauerhaft besoldeter Kern königlicher Truppen |
| Artillerie | Wichtiger Faktor bei Belagerungen und in Castillon |
| Quellenkritik | Prüfung von Perspektive Entstehung und Zweck einer Überlieferung |
| Erinnerungskultur | Spätere Deutung und politische Nutzung der Vergangenheit |
Kreuzworträtsel
| Aquitanien | Welches französische Herzogtum besaßen die englischen Könige als Lehen? |
| Chevauchee | Wie heißt ein schneller berittener Verwüstungszug? |
| Froissart | Welcher Chronist prägte viele spätere Bilder des Krieges? |
| Orleans | Welche belagerte Stadt wurde 1429 entsetzt? |
| Burgund | Welcher mächtige Verbündete löste sich 1435 von England? |
| Castillon | Welche Schlacht markiert 1453 den französischen Endsieg? |
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Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Zeitleiste: Gestalte eine visuelle Zeitleiste mit zwölf Schlüsselereignissen zwischen 1328 und 1453 und formuliere zu jedem Ereignis einen Satz über seine Bedeutung.
- Kartenarbeit: Markiere auf einer Karte Frankreichs die Normandie, Calais, Paris, Orléans, Reims, Bordeaux, Crécy, Poitiers, Azincourt und Castillon.
- Begriffsnetz: Erstelle ein Begriffsnetz aus Thronfolge, Lehnsrecht, Aquitanien, Burgund, Langbogen, Artillerie, Steuer und Legitimität.
- Bildvergleich: Vergleiche die zeitgenössische Registerzeichnung Jeanne d’Arcs mit dem Historiengemälde von Lenepveu und notiere fünf Unterschiede.
Standard
- Quellenanalyse: Analysiere eine Passage aus Froissarts Chroniken nach Autor, Adressaten, Perspektive, Intention, Aussagewert und Grenzen.
- Podcast: Produziere einen achtminütigen Podcast mit der Leitfrage, warum der Krieg trotz englischer Siege französisch endete.
- Debatte: Führe eine strukturierte Debatte zur These „Der Langbogen entschied den Hundertjährigen Krieg“ und belege beide Seiten.
- Biographisches Dossier: Erstelle ein Dossier zu Jeanne d’Arc, Bertrand du Guesclin, Heinrich V. oder Karl VII. und trenne zeitgenössische Belege von späteren Mythen.
Schwer
- Forschungsessay: Verfasse einen Essay zur Frage, ob der Hundertjährige Krieg als Motor frühmoderner Staatsbildung gelten kann.
- Vergleichende Geschichtswissenschaft: Vergleiche die Kriegsfinanzierung Englands und Frankreichs unter Einbezug von Parlament, Generalständen, Taille, Krediten und Zöllen.
- Digitales Ausstellungsprojekt: Kuratiere eine digitale Ausstellung mit mindestens acht Quellen und Objekten. Begründe Auswahl, Reihenfolge, Metadaten und didaktische Aussage.
- Historiographieanalyse: Untersuche Darstellungen von Azincourt oder Jeanne d’Arc in drei verschiedenen Jahrhunderten und zeige, wie sich nationale, religiöse oder politische Deutungen verändern.


Lernkontrolle
- Kausalanalyse: Erkläre, weshalb der dynastische Thronstreit allein den langen Verlauf des Krieges nicht ausreichend erklärt. Verknüpfe mindestens vier Ursachenebenen.
- Strukturvergleich: Vergleiche die englischen Erfolge der ersten Kriegsphase mit dem französischen Sieg der letzten Phase. Untersuche Taktik, Bündnisse, Finanzierung, Verwaltung und Legitimität.
- Quellenkritisches Urteil: Beurteile, welche Aussagen eine spätmittelalterliche Schlachtminiatur über das tatsächliche Kampfgeschehen zulässt und welche nicht.
- Transfer: Übertrage das Modell „Krieg stärkt und schwächt Herrschaft zugleich“ auf England und Frankreich. Formuliere für beide Reiche je zwei stärkende und zwei destabilisierende Wirkungen.
- Kontroversenbeitrag: Nimm begründet Stellung zur These, Jeanne d’Arc habe den Hundertjährigen Krieg entschieden. Unterscheide symbolische, militärische und politische Wirkung.
- Periodisierungskritik: Entwickle eine alternative Gliederung des Konflikts und begründe, weshalb Deine Einschnitte analytisch sinnvoller sein könnten als die klassische Dreiteilung.
Lernnachweis
Für einen qualifizierten Lernnachweis solltest Du folgende Leistungen erbringen:
- Fachwissen: sichere Orientierung in Chronologie, Räumen, Akteuren, Verträgen und Schlüsselbegriffen.
- Zusammenhangswissen: nachvollziehbare Verknüpfung von Dynastie, Lehnsrecht, Wirtschaft, Bündnispolitik, Kriegführung und Herrschaftsausbau.
- Quellenkompetenz: methodische Analyse mindestens einer schriftlichen und einer bildlichen Quelle.
- Methodenreflexion: Unterscheidung zwischen Ereignis, Quelle, Darstellung, Erinnerung und historiographischem Begriff.
- Urteilskompetenz: abgewogene Argumentation zu Nationalbewusstsein, Staatsbildung, Jeanne d’Arc oder militärischem Wandel.
- Wissenschaftliches Arbeiten: transparente Belege, korrekte Zitation, begründete Literaturauswahl und klare Trennung von Befund und Interpretation.
- Transferleistung: Anwendung eines Analysemodells auf einen anderen spätmittelalterlichen Konflikt.
- Präsentation: verständliche Darstellung in einem Essay, Referat, Podcast, Poster oder digitalen Ausstellungsformat.
OERs zum Thema
Universitäre Vertiefung
Die Universität Tübingen stellt eine vollständige Vorlesungsreihe von Ellen Widder zum Hundertjährigen Krieg bereit:
Vorlesungsreihe „Der Hundertjährige Krieg“ im Tübinger Internet Multimedia Server
Für die Vertiefung eignen sich außerdem die frei zugänglichen Medien und Bildquellen auf Wikimedia Commons sowie die Artikel zu den einzelnen Schlachten, Verträgen, Herrschern und Quellenarten.
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