D9 G - Eine eigene Position entwickeln

D9 G - Eine eigene Position entwickeln
Einleitung
D9 G - Eine eigene Position entwickeln bedeutet: Du entscheidest Dich bei einer Streitfrage nicht nur spontan für „pro“ oder „contra“. Du informierst Dich, sammelst erste Gedanken, prüfst Argumente, hörst andere Sichtweisen an und formulierst am Ende eine klare und begründbare eigene Position.
Das brauchst Du in der Schule, im Alltag und im Netz. Vielleicht diskutierst Du darüber, ob Handys im Unterricht abgegeben werden sollen, ob KI bei Hausaufgaben erlaubt sein sollte oder ob der Schultag später beginnen soll. Eine gute Position ist mehr als ein Bauchgefühl. Du kannst erklären, warum Du so denkst, worauf Du Dich stützt und warum bestimmte Argumente für Dich stärker wiegen als andere.

In diesem aiMOOC arbeitest Du Schritt für Schritt. Das Ziel ist nicht, dass alle dieselbe Meinung haben. Das Ziel ist, dass Du Deine eigene Position verständlich, fair und nachvollziehbar entwickelst.
Lernziele
Nach diesem aiMOOC kannst Du eine Streitfrage erkennen und als Soll-Frage formulieren. Du kannst erste Gedanken von überprüfbaren Informationen unterscheiden, einfache Quellen prüfen, Pro- und Contra-Argumente sammeln, Argumente nach ihrer Stärke bewerten und Gegenargumente berücksichtigen. Außerdem kannst Du Deine eigene Position mündlich oder schriftlich klar ausdrücken und mit Gründen, Beispielen oder Belegen stützen.
Vom ersten Gedanken zur eigenen Position
Stell Dir die Frage vor: Sollen Schülerinnen und Schüler zu Beginn des Schultages ihr Smartphone abgeben?
Vielleicht denkst Du sofort: „Auf keinen Fall!“ Oder: „Eigentlich wäre das gut.“ Dieser erste Gedanke ist erlaubt und wichtig. Er zeigt, was Du spontan fühlst oder vermutest. Aber er ist noch keine gut begründete Position.

Eine tragfähige Position entsteht in mehreren Schritten:
- Streitfrage verstehen: Kläre genau, worüber entschieden werden soll.
- Erste Gedanken notieren: Halte Dein Bauchgefühl fest, ohne es schon für die endgültige Antwort zu halten.
- Informationen sammeln: Suche nach überprüfbaren Fakten, Erfahrungen und unterschiedlichen Sichtweisen.
- Argumente sammeln: Notiere Gründe für pro und contra.
- Argumente prüfen: Frage, ob die Gründe zur Streitfrage passen, verständlich und glaubwürdig sind.
- Argumente gewichten: Entscheide, welche Folgen und Werte für Dich besonders wichtig sind.
- Gegenargumente beachten: Nimm Einwände ernst und überlege, ob sie Deine Sicht verändern.
- Position formulieren: Antworte klar auf die Streitfrage und begründe Deine Entscheidung.
Merke: Eine starke Position darf sich während des Nachdenkens verändern. Wenn neue Informationen oder ein gutes Gegenargument Dich überzeugen, ist eine Änderung kein Fehler. Sie zeigt, dass Du geprüft und abgewogen hast.
Erste Gedanken sind ein Startpunkt, kein Endpunkt
Ein erster Gedanke kann aus eigenen Erfahrungen, Gefühlen, Erzählungen, Videos oder Kommentaren entstehen. Das ist normal. Problematisch wird es erst, wenn Du den ersten Gedanken nicht mehr prüfst.
Beispiel: Du denkst vielleicht: „Handys lenken immer ab.“ Das Wort „immer“ ist sehr stark. Um daraus eine begründbare Position zu machen, müsstest Du genauer werden: Wann lenken Handys ab? Gibt es Situationen, in denen sie beim Lernen helfen? Welche Regel wäre praktisch? Betrifft die Regel Pausen und Unterricht gleich?
So wird aus einer schnellen Meinung eine genauere Frage.
Die Streitfrage genau klären
Eine gute Streitfrage ist so formuliert, dass unterschiedliche Antworten möglich sind. Für das Üben eignet sich besonders eine Soll-Frage. Sie verlangt eine Entscheidung über eine konkrete Regel oder Maßnahme.
Beispiel: Soll die Schule an jedem Unterrichtstag eine handyfreie Zeit einführen?
Weniger geeignet ist: „Sind Handys gut oder schlecht?“ Diese Frage ist zu allgemein. Ein Smartphone kann je nach Situation nützlich, störend, sicherheitsrelevant oder unterhaltsam sein. Für eine klare Position musst Du wissen, welche konkrete Regel gemeint ist.
Achte beim Video besonders darauf, wie eine Debatte eine Entscheidungsfrage von verschiedenen Seiten beleuchtet. Für Deine eigene Position musst Du nicht so sprechen wie in einem Wettbewerb. Entscheidend ist, dass Du Gründe anhörst, prüfst und darauf reagieren kannst.
Die fünf Klärfragen
Bevor Du Argumente sammelst, kläre die Streitfrage mit fünf einfachen Fragen:
- Was genau soll eingeführt, verändert, erlaubt oder verboten werden?
- Wer wäre von der Entscheidung betroffen?
- Wann und wie lange soll die Regel gelten?
- Wo soll sie gelten?
- Wozu soll die Maßnahme dienen?
Beispiel „Smartphones abgeben“: Gilt das nur im Unterricht oder den ganzen Schultag? Wo werden die Geräte sicher aufbewahrt? Was passiert in Notfällen? Gilt die Regel für alle Klassen? Welches Problem soll sie lösen? Erst nach dieser Klärung kannst Du sinnvoll argumentieren.
Information, Meinung und Vermutung unterscheiden
Für eine eigene Position brauchst Du verschiedene Arten von Aussagen. Sie dürfen aber nicht verwechselt werden.
| Art der Aussage | Woran erkennst Du sie? | Beispiel |
|---|---|---|
| Information | Sie kann grundsätzlich überprüft werden. | „Die Schulordnung enthält Regeln zur Handynutzung.“ |
| Meinung | Sie bewertet etwas oder drückt eine persönliche Haltung aus. | „Eine handyfreie Pause wäre besser.“ |
| Vermutung | Sie nimmt etwas an, ohne dass es schon sicher belegt ist. | „Vielleicht würden sich dann mehr Jugendliche unterhalten.“ |
| Erfahrung | Sie beschreibt etwas selbst Erlebtes. | „In meiner Lerngruppe haben Nachrichten beim Arbeiten gestört.“ |
Eine eigene Erfahrung kann ein Argument anschaulich machen. Sie beweist aber nicht automatisch, dass es überall genauso ist. Ein einzelnes TikTok-Video, ein Kommentar oder eine Erzählung aus dem Freundeskreis kann einen wichtigen Gedanken liefern, ersetzt aber nicht die Prüfung von Informationen.
Quellen einfach prüfen: Wer? Was? Wann? Wozu?
Für das G-Niveau reicht zunächst ein klarer Quellencheck. Stelle vier Fragen:
- Wer hat die Information veröffentlicht?
- Was wird behauptet und werden Belege oder nachvollziehbare Gründe genannt?
- Wann wurde die Information veröffentlicht oder aktualisiert?
- Wozu wurde sie veröffentlicht: informieren, werben, überzeugen, unterhalten oder provozieren?
Bei wichtigen Streitfragen solltest Du nicht nur eine Quelle verwenden. Vergleiche unterschiedliche, möglichst verlässliche Quellen. Achte darauf, ob sie zum selben Ergebnis kommen oder ob sie verschiedene Aspekte betonen.
Ein Argument aufbauen
Ein Argument ist mehr als ein Satz wie „Das ist besser“. Ein einfaches und hilfreiches Muster ist:
Behauptung – Begründung – Beispiel oder Beleg
| Baustein | Leitfrage | Beispiel zur Streitfrage „Soll die Schule später beginnen?“ |
|---|---|---|
| Behauptung | Was behaupte ich? | „Ein späterer Schulbeginn kann sinnvoll sein.“ |
| Begründung | Warum denke ich das? | „Weil viele Jugendliche morgens Zeit brauchen, um aufmerksam zu werden.“ |
| Beispiel oder Beleg | Woran kann man den Grund erkennen oder prüfen? | „Man könnte zum Beispiel vergleichen, wie konzentriert Lernende in der ersten und in späteren Stunden arbeiten.“ |
Das Beispiel zeigt auch eine wichtige Regel: Erfinde keine Zahlen, Studien oder angeblichen Expertenaussagen. Wenn Du einen Beleg nennst, muss er wirklich aus einer überprüfbaren Quelle stammen.
Ein Argument verbessern
Schwaches Argument: „Handys sollten verboten werden, weil sie nerven.“
Stärkeres Argument: „Während selbstständiger Arbeitsphasen sollten private Nachrichten stumm bleiben, weil häufige Unterbrechungen das konzentrierte Arbeiten erschweren können. Eine klare Regel würde allen zeigen, wann das Handy weggelegt werden muss.“
Das stärkere Argument ist genauer. Es nennt eine konkrete Situation, einen Grund und eine mögliche Folge. Es behauptet nicht, dass Handys grundsätzlich schlecht sind.
Pro und Contra sammeln, ohne sich sofort festzulegen
Wenn Du eine Position entwickeln willst, solltest Du zunächst beide Seiten betrachten. Das bedeutet nicht, dass Du neutral bleiben musst. Es bedeutet nur: Du entscheidest erst, nachdem Du mehrere Gründe geprüft hast.

Nutze eine einfache Zweispaltentabelle:
| Pro: spricht für die Maßnahme | Contra: spricht gegen die Maßnahme |
|---|---|
| Welches Problem könnte gelöst werden? | Welche neuen Probleme könnten entstehen? |
| Wer könnte profitieren? | Wer könnte Nachteile haben? |
| Welche Werte werden gestärkt? | Welche Werte könnten eingeschränkt werden? |
| Welche Folgen wären wahrscheinlich? | Welche unerwünschten Folgen sind denkbar? |
Wichtig: Die Anzahl der Argumente entscheidet nicht. Drei schwache Gründe sind nicht automatisch stärker als ein sehr guter Grund.
Argumente gewichten
Beim Gewichten fragst Du: Welches Argument ist für die Entscheidung besonders wichtig und warum?
Ein Argument kann stark sein, wenn es direkt zur Streitfrage passt, nachvollziehbar begründet ist, sich auf überprüfbare Informationen stützen lässt und wichtige Folgen für viele Betroffene beschreibt.
Hilfreiche Kriterien sind:
- Relevanz: Passt das Argument wirklich zur Streitfrage?
- Plausibilität: Ist die Begründung nachvollziehbar?
- Belegbarkeit: Kann die Aussage überprüft oder gestützt werden?
- Folgen: Wie groß wären die Auswirkungen?
- Betroffene: Wen betrifft die Entscheidung und wie stark?
- Werte: Welche Werte spielen eine Rolle, zum Beispiel Freiheit, Sicherheit, Fairness, Gesundheit oder Chancengleichheit?
- Umsetzbarkeit: Kann die vorgeschlagene Regel praktisch funktionieren?
Eine Position wird klarer, wenn Du sagst, welches Kriterium für Dich am wichtigsten ist. Beispiel: „Für mich wiegt der Schutz konzentrierter Lernzeit stärker als die Möglichkeit, jederzeit private Nachrichten zu lesen.“
Werte können miteinander in Spannung stehen
Viele Streitfragen sind schwierig, weil mehrere Werte gleichzeitig wichtig sind. Beim Smartphone geht es zum Beispiel um Freiheit, Eigenverantwortung, Konzentration, Sicherheit und Gemeinschaft. Bei KI in der Schule können Lernerfolg, Ehrlichkeit, Chancengleichheit, Datenschutz und der sinnvolle Umgang mit neuen Werkzeugen eine Rolle spielen.
Eine begründete Position zeigt, wie Du solche Werte abwägst.
Gegenargumente ernst nehmen
Eine eigene Position wird nicht schwächer, wenn Du ein gutes Gegenargument erwähnst. Im Gegenteil: Du zeigst, dass Du die andere Seite verstanden hast.
Ein hilfreiches Muster lautet:
Einwand anerkennen – prüfen – eigene Gewichtung erklären
Beispiel: „Es stimmt, dass Smartphones im Notfall nützlich sein können. Deshalb wäre ein vollständiges Verbot für den ganzen Schultag zu weitgehend. Im Unterricht halte ich eine klare Aufbewahrungsregel trotzdem für sinnvoll, weil dort konzentriertes Arbeiten wichtiger ist.“
So entsteht oft eine differenzierte Position. Du musst nicht immer nur „komplett dafür“ oder „komplett dagegen“ sein. Du kannst Bedingungen nennen.
Positionswechsel ist erlaubt
Wenn Du nach neuen Informationen anders denkst als am Anfang, ist das ein Lernfortschritt. Halte deshalb zu Beginn und am Ende Deine Position fest. Vergleiche beide Antworten: Was hat sich verändert? Welches Argument war entscheidend?
Jugendnahe Streitfragen zum Üben
Die folgenden Fragen sind bewusst so formuliert, dass es gute Gründe auf beiden Seiten geben kann. Wähle Themen, die Dich wirklich interessieren. Informiere Dich, bevor Du Dich endgültig entscheidest.
Schule und Lernen
- Smartphone-Regel: Sollen Schülerinnen und Schüler ihr Smartphone während des Unterrichts in einer Sammelbox aufbewahren?
- Späterer Schulbeginn: Soll der Unterricht an weiterführenden Schulen später beginnen?
- Hausaufgaben: Sollen Hausaufgaben für das Wochenende abgeschafft werden?
- Projekt statt Klassenarbeit: Soll in jedem Schulhalbjahr eine Klassenarbeit durch ein Projekt ersetzt werden?
- Schulkleidung: Soll es an Schulen eine einheitliche Schulkleidung geben?
- Schülerfeedback: Soll regelmäßiges anonymes Schülerfeedback für Lehrkräfte verpflichtend sein?
- Handyfreie Klassenfahrt: Soll es auf Klassenfahrten täglich feste handyfreie Zeiten geben?
- Mensa: Soll es in der Schulmensa einen festen vegetarischen Tag pro Woche geben?
Digitales Leben und KI
- KI bei Hausaufgaben: Soll KI bei Hausaufgaben erlaubt sein, wenn die Nutzung angegeben wird?
- Social Media: Soll die Nutzung sozialer Netzwerke für jüngere Jugendliche stärker begrenzt werden?
- Influencer-Tätigkeit: Sollen Kinder und Jugendliche nur unter strengeren Regeln als Influencer tätig sein dürfen?
- Empfehlungsalgorithmen: Sollen Plattformen leichter verständlich erklären müssen, warum bestimmte Inhalte empfohlen werden?
- Gaming-Turnier: Soll die Schule ein freiwilliges Gaming-Turnier als Schulveranstaltung anbieten?
- Medienzeit: Soll es in Klasse 9 eine verbindliche Unterrichtseinheit zu Bildschirmzeit, Algorithmen und digitalem Wohlbefinden geben?

Alltag, Freizeit und Gesellschaft
- E-Scooter: Soll für E-Scooter eine Helmpflicht gelten?
- Energy-Drinks: Soll der Verkauf von Energy-Drinks an jüngere Jugendliche begrenzt werden?
- Nahverkehr: Soll der öffentliche Nahverkehr für Schülerinnen und Schüler kostenlos sein?
- Wählen ab 16: Soll bei politischen Wahlen das Wahlalter auf 16 Jahre gesenkt werden?
- Fast Fashion: Soll die Schule jährlich einen Aktionstag zu nachhaltigem Kleidungskonsum durchführen?
- Mehrweg bei Schulfesten: Soll bei Schulfesten nur Mehrweggeschirr verwendet werden?
- Vereinsengagement: Soll freiwilliges Engagement außerhalb der Schule in einem Schulprojekt sichtbar anerkannt werden?
- Freizeitangebot: Soll die Gemeinde mehr Geld für kostenlose Treffpunkte für Jugendliche ausgeben?

Streitfragen untersuchen: ein vollständiges Beispiel
Beispiel-Streitfrage: Soll KI bei Hausaufgaben erlaubt sein, wenn die Nutzung angegeben wird?
Schritt 1: Erste Gedanken
Du notierst ohne lange Recherche einen Satz: „Ich finde KI hilfreich, aber ich will trotzdem selbst lernen.“ Dieser Satz zeigt Deine erste Richtung. Er ist noch offen genug, um neue Informationen aufzunehmen.
Schritt 2: Frage klären
Was heißt „KI benutzen“? Darf sie Ideen liefern, Texte verbessern oder ganze Lösungen erzeugen? Was bedeutet „Nutzung angegeben“? Muss nur das Werkzeug genannt werden oder auch der verwendete Prompt? Für welche Fächer und Aufgaben gilt die Regel? Ohne diese Klärung reden verschiedene Personen möglicherweise über unterschiedliche Dinge.
Schritt 3: Informationen sammeln
Suche zum Beispiel nach der Schulregel, nach Hinweisen Deiner Lehrkraft, nach Informationen zum Datenschutz und nach Erklärungen dazu, wie generative KI arbeitet. Prüfe die Quellen mit „Wer? Was? Wann? Wozu?“.
Schritt 4: Pro und Contra
Möglicher Pro-Gedanke: KI kann Ideen oder Erklärungen liefern und beim Überarbeiten unterstützen.
Möglicher Contra-Gedanke: Wenn die KI die eigentliche Denkarbeit übernimmt, ist schwer zu erkennen, was Du selbst verstanden hast.
Beide Gedanken brauchen genauere Begründungen. Entscheidend ist auch, welche Art der Nutzung gemeint ist.
Schritt 5: Gewichten
Du könntest sagen: „Für mich ist entscheidend, dass ich die Lösung selbst erklären kann.“ Damit hast Du ein Kriterium gewählt: Dein eigener Lernfortschritt.
Schritt 6: Eigene Position
Eine mögliche Position lautet: „KI sollte bei Hausaufgaben erlaubt sein, wenn die Lehrkraft die Nutzung für die Aufgabe zulässt, die Nutzung genannt wird und die Schülerin oder der Schüler die Lösung selbst erklären kann. Ganze fertige Lösungen einfach zu übernehmen halte ich nicht für sinnvoll, weil dann der eigene Lernweg kaum sichtbar wird.“
Das ist keine allgemeingültige Musterlösung. Es ist ein Beispiel dafür, wie eine Position klar, begründet und bedingt formuliert werden kann.
Vom Sprechen zum Schreiben
Eine eigene Position kannst Du in einem Gespräch, einer kurzen Stellungnahme, einem Kommentar oder einer Erörterung vertreten. Für Klasse 9 auf G-Niveau hilft ein klarer Aufbau.
Einfacher Aufbau einer Stellungnahme
Einleitung: Nenne die Streitfrage und erkläre kurz, warum sie wichtig ist.
Hauptteil: Nenne Deine wichtigsten Argumente. Begründe sie und füge passende Beispiele oder überprüfbare Belege hinzu. Gehe mindestens auf ein Gegenargument ein.
Schluss: Formuliere Deine Position noch einmal klar. Nenne gegebenenfalls eine Bedingung, einen Kompromiss oder einen Lösungsvorschlag.
Satzstarter für Deine Position
| Funktion | Satzstarter |
|---|---|
| Position nennen | „Ich bin dafür, dass …“ / „Ich bin dagegen, dass …“ / „Ich stimme nur unter der Bedingung zu, dass …“ |
| Begründen | „Ein wichtiger Grund ist …“ / „Das ist für mich wichtig, weil …“ |
| Beispiel geben | „Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass …“ |
| Gegenargument aufnehmen | „Dagegen spricht zwar …“ / „Ein berechtigter Einwand ist …“ |
| Abwägen | „Trotzdem wiegt für mich … stärker, weil …“ |
| Schlussfolgerung ziehen | „Deshalb komme ich zu dem Ergebnis, dass …“ |
Fair diskutieren
Eine eigene Position zu entwickeln bedeutet auch, andere Positionen auszuhalten. Du darfst widersprechen, aber Du solltest die Person nicht angreifen.
Hilfreich sind Sätze wie: „Ich sehe den Punkt anders, weil …“, „Kannst Du Deinen Grund genauer erklären?“, „Dazu habe ich eine andere Information gefunden …“ oder „Bei diesem Punkt stimme ich Dir zu, aber …“.
Vermeide persönliche Abwertungen wie „Du hast keine Ahnung“. Sie sagen nichts über die Stärke eines Arguments aus.
Das Video zeigt, wie Debattieren auch an nichtgymnasialen Schulen eingesetzt werden kann. Achte darauf, welche Fähigkeiten die Jugendlichen beim Argumentieren und Zuhören beschreiben.
Eine echte Debatte beobachten
Eine Debatte ist besonders nützlich, wenn Du nicht nur auf die Position achtest, sondern auf die Begründungen.
Arbeitsauftrag zum Video: Notiere beim Anschauen drei Argumente, die Du verstanden hast. Markiere, ob sie pro oder contra sind. Schreibe anschließend auf, welches Argument Dich am meisten zum Nachdenken gebracht hat und warum. Es geht nicht darum, den „Sieger“ zu erraten, sondern Deine eigene Bewertung zu üben.
Deine Positionskarte
Bevor Du eine Stellungnahme schreibst oder in eine Diskussion gehst, kannst Du diese Positionskarte ausfüllen:
| Schritt | Deine Notiz |
|---|---|
| Streitfrage | Was genau soll entschieden werden? |
| Mein erster Gedanke | Was denke ich spontan? |
| Wichtige Information | Welche überprüfbare Information brauche ich? |
| Stärkstes Pro-Argument | Warum ist es stark? |
| Stärkstes Contra-Argument | Warum ist es stark? |
| Wichtigstes Kriterium | Was wiegt für mich besonders schwer? |
| Gegenargument | Welchen Einwand muss ich ernst nehmen? |
| Meine Position | Dafür, dagegen oder Zustimmung unter Bedingungen? |
| Meine Begründung | Welcher Hauptgrund trägt meine Entscheidung? |
Selbstcheck: Ist meine Position begründbar?
Prüfe vor dem Abgeben oder Sprechen:
- Habe ich die Streitfrage genau verstanden?
- Trenne ich Informationen von Meinungen und Vermutungen?
- Habe ich mehr als eine Sichtweise geprüft?
- Ist mein wichtigstes Argument verständlich begründet?
- Nutze ich ein passendes Beispiel oder einen echten Beleg statt einer erfundenen Zahl?
- Habe ich ein ernstzunehmendes Gegenargument berücksichtigt?
- Kann ich erklären, warum mein wichtigstes Argument stärker wiegt?
- Formuliere ich meine Position am Ende klar?
- Bleibe ich fair gegenüber Menschen, die anders denken?
Wenn Du mehrere Fragen noch nicht mit „ja“ beantworten kannst, überarbeite Deine Position. Genau dafür ist der Selbstcheck da.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Was ist der wichtigste Unterschied zwischen einem ersten Gedanken und einer begründeten Position? (Eine begründete Position wurde durch Informationen und Argumente geprüft) (!Ein erster Gedanke ist immer falsch) (!Eine begründete Position muss der Mehrheitsmeinung entsprechen) (!Ein erster Gedanke darf niemals auf Erfahrungen beruhen)
Welche Frage eignet sich besonders gut als Streitfrage? (Soll die Schule feste handyfreie Zeiten einführen?) (!Wie viele Räume hat die Schule?) (!Wann beginnt morgen der Unterricht?) (!Wie heißt die Schulleitung?)
Welche Aussage ist eine Meinung? (Eine handyfreie Pause wäre für unsere Klasse sinnvoll) (!Die Schulordnung wurde gestern veröffentlicht) (!Die Pause dauert zwanzig Minuten) (!Die Klasse hat dreißig Sitzplätze)
Welche Reihenfolge hilft beim Aufbau eines einfachen Arguments? (Behauptung Begründung Beispiel oder Beleg) (!Beispiel Überschrift Frage Schluss) (!Meinung Wiederholung Lautstärke Ende) (!Quelle Titel Datum Unterschrift)
Warum solltest Du Pro und Contra sammeln? (Damit Du unterschiedliche Gründe prüfen kannst bevor Du Dich festlegst) (!Damit Du am Ende keine eigene Position brauchst) (!Damit immer gleich viele Argumente auf beiden Seiten stehen) (!Damit Du automatisch die Pro Seite wählen kannst)
Woran erkennst Du ein stärkeres Argument? (Es passt zur Streitfrage und ist nachvollziehbar begründet) (!Es wird besonders laut gesagt) (!Es ist besonders kurz) (!Es stammt immer von der ältesten Person)
Was bedeutet Argumente gewichten? (Entscheiden welche Gründe für die Streitfrage besonders wichtig sind) (!Alle Argumente zählen und die größere Zahl wählen) (!Nur die eigene Seite lesen) (!Gegenargumente aus der Notiz streichen)
Wie gehst Du sinnvoll mit einem guten Gegenargument um? (Du prüfst es und erklärst wie es Deine eigene Abwägung beeinflusst) (!Du ignorierst es sofort) (!Du greifst die andere Person an) (!Du wechselst automatisch Deine Meinung)
Welche Frage gehört zu einem einfachen Quellencheck? (Wer hat die Information veröffentlicht?) (!Welche Schriftart wurde verwendet?) (!Wie lang ist der Benutzername?) (!Wie viele Farben hat die Webseite?)
Welche Schlussformulierung zeigt eine klare Position? (Deshalb bin ich dafür wenn die genannten Bedingungen eingehalten werden) (!Das Thema ist irgendwie schwierig) (!Vielleicht könnte man eventuell mal sehen) (!Alle anderen sollen entscheiden)
Memory
| Streitfrage | Frage mit unterschiedlichen begründbaren Positionen |
| Information | grundsätzlich überprüfbare Aussage |
| Argument | Grund der eine Position stützt |
| Gegenargument | Einwand gegen eine Position |
| Abwägung | Vergleichen und Gewichten von Gründen |
| Position | klare Antwort auf die Streitfrage |
| Beleg | überprüfbare Stütze für eine Aussage |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Vom ersten Gedanken zur Position |
|---|---|
| Streitfrage klären | Genau bestimmen worüber entschieden wird |
| Informationen sammeln | Überprüfbare Grundlagen suchen |
| Argumente prüfen | Gründe auf Relevanz und Plausibilität untersuchen |
| Argumente gewichten | Wichtige und weniger wichtige Gründe unterscheiden |
| Position formulieren | Eine klare begründete Antwort geben |
Kreuzworträtsel
| Position | Wie heißt Deine klare Antwort auf eine Streitfrage? |
| Argument | Wie heißt ein Grund der eine Position stützt? |
| Begründung | Wie heißt der Teil der erklärt warum eine Behauptung gelten soll? |
| Quelle | Woher stammt eine Information die Du prüfen kannst? |
| Abwägung | Wie heißt das Vergleichen und Gewichten von Gründen? |
| Streitfrage | Wie heißt eine Frage zu der verschiedene begründbare Antworten möglich sind? |
LearningApps
Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Mein erster Gedanke: Wähle eine Streitfrage aus dem aiMOOC. Schreibe Deinen ersten Gedanken in zwei Sätzen auf und markiere Wörter, die besonders wertend sind.
- Streitfrage prüfen: Formuliere aus dem Thema „Handys in der Schule“ drei unterschiedliche Soll-Fragen. Erkläre, welche davon am genauesten ist.
- Pro und Contra: Sammle zu „Soll der Schultag später beginnen?“ jeweils drei mögliche Pro- und Contra-Gründe. Entscheide noch nicht, welche Seite Du vertrittst.
- Argument bauen: Formuliere zu einer selbst gewählten Streitfrage ein Argument aus Behauptung, Begründung und Beispiel.
Standard
- Quellencheck: Suche zu einer jugendnahen Streitfrage zwei unterschiedliche Informationsquellen. Prüfe beide mit den Fragen Wer, Was, Wann und Wozu.
- Argumente gewichten: Nimm vier Argumente zu einer Streitfrage und ordne sie von stark bis weniger stark. Begründe Deine Reihenfolge.
- Interview: Befrage zwei Personen unterschiedlichen Alters zu derselben Streitfrage. Notiere ihre wichtigsten Gründe und vergleiche sie mit Deinen eigenen.
- Positionsaudio: Nimm eine einminütige Audioaufnahme auf, in der Du Deine Position, Dein stärkstes Argument und ein Gegenargument erklärst. Höre sie an und verbessere anschließend einen Punkt.
Schwer
- Mini-Debatte: Führt zu zweit oder zu viert eine kurze Debatte. Wechselt danach die Seiten und versucht, die Gegenposition so überzeugend wie möglich zu vertreten.
- Faktencheck: Untersuche eine Behauptung aus einem Social-Media-Beitrag zu einer Streitfrage. Suche nach einer verlässlicheren Quelle und dokumentiere, was bestätigt, unklar oder falsch dargestellt wurde.
- Videokommentar: Produziere ein kurzes Erklärvideo zu einer Streitfrage. Zeige darin mindestens ein Pro-Argument, ein Contra-Argument, Deine Gewichtung und Deine eigene Position.
- Kompromiss entwickeln: Wähle eine Streitfrage, bei der Pro und Contra starke Argumente haben. Entwickle eine konkrete Kompromissregel und erkläre, welche Interessen sie berücksichtigt und welche Probleme trotzdem bleiben.


Lernkontrolle
- Transfer Smartphone-Regel: Eine Schule plant, Smartphones den ganzen Tag einzusammeln. Entwickle eine begründete Position. Berücksichtige dabei mindestens zwei betroffene Gruppen, ein Gegenargument und eine mögliche Ausnahme.
- Argumentqualität: Vergleiche die Aussagen „KI ist schlecht, weil sie nervt“ und „KI sollte bei bestimmten Hausaufgaben nur mit Kennzeichnung genutzt werden, weil sonst schwer erkennbar ist, welche Leistung selbst erbracht wurde“. Erkläre, warum eine Aussage argumentativ stärker ist und wie Du beide weiter verbessern könntest.
- Quellenvergleich: Du findest zu einer Streitfrage einen werbenden Beitrag eines Unternehmens, einen persönlichen Erfahrungsbericht und eine sachliche Information einer öffentlichen Bildungseinrichtung. Erkläre, wie Du die drei Quellen unterschiedlich nutzen und prüfen würdest.
- Perspektivwechsel: Du bist gegen einen späteren Schulbeginn. Formuliere zunächst das stärkste Argument der Gegenseite so fair wie möglich. Antworte danach darauf, ohne die andere Seite abzuwerten.
- Abwägung: Bei einer Streitfrage stehen Freiheit und Sicherheit gegeneinander. Erkläre anhand eines eigenen Beispiels, wie Du beide Werte berücksichtigen und trotzdem zu einer Entscheidung kommen kannst.
- Positionsänderung: Beschreibe eine Situation, in der neue Informationen Deine erste Meinung verändern könnten. Erkläre, warum ein Positionswechsel in diesem Fall ein Zeichen guten Nachdenkens sein kann.
Lernnachweis
Für einen Lernnachweis ist wichtig, dass Du nicht nur eine Meinung nennst, sondern Deinen Denkweg sichtbar machst. Dein Lernnachweis sollte zeigen, dass Du eine Streitfrage genau klären, Informationen und Meinungen unterscheiden, mindestens zwei unterschiedliche Perspektiven berücksichtigen, Argumente nachvollziehbar aufbauen, ihre Stärke begründet vergleichen, ein Gegenargument fair behandeln und am Ende eine klare eigene Position formulieren kannst.
Besonders überzeugend ist ein Lernnachweis, wenn Du nachvollziehbar erklärst, warum ein bestimmtes Argument für Deine Entscheidung wichtiger ist als ein anderes. Du kannst Deinen Lernnachweis als schriftliche Stellungnahme, mündlichen Beitrag, Audio oder kurzes Video gestalten, sofern die Lehrkraft die Form zulässt.
OERs zum Thema
Weitere frei zugängliche Lernimpulse
Der Landesbildungsserver Baden-Württemberg bietet Materialien zum Debattieren im Deutschunterricht. Das Programm Jugend debattiert zeigt, wie Streitfragen mit Pro- und Contra-Positionen sachlich untersucht werden können. Wikimedia Commons stellt frei lizenzierte Medien zu Debatten, Smartphones, KI und weiteren Themen bereit.
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