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Buch - Arbeit - Frapan, Ilse

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Originalwerk · Lesefassung

Arbeit

Frapan, Ilse · 1849–1903

Arbeit von Frapan, Ilse. Volltext der angegebenen Ausgabe mit textbezogenen Leseaufgaben.

RomanKlasse 9–10 · 11–136 Abschnitte
Porträt von Frapan, Ilse
Porträt: Frapan, Ilse · Urheber unbekannt · CC0 Bildquelle ↗
Hinweise für den Unterricht
  • Historische Sprache und Wertvorstellungen im Unterricht einordnen.

Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.

Abschnitt 2 von 6

Erstes Buch

1
Erstes Buch
Vorlage S. 5
2
Es hatte soeben ein Uhr geschlagen. Über dem ganz lautlosen Hause »Zum grauen Ackerstein« brütete die lautlose, schwüle Sommernacht.
Vorlage S. 5
3
Plötzlich begann es in einem Zimmer des zweiten Stockwerks zu klingen, ein langgezogenes, schlaftrunkenes Kinderweinen, und zwischenhinein laute, schrille Schreie, einer nach dem anderen. Dann erhob sich eine dritte schluchzende Stimme, die einzelne Silben jammernd hinausstieß: »Uh! Uh! Mam! Uh!«
Vorlage S. 5
4
Das dunkle Eckzimmer, wo sie weinten, wurde jäh von einem hereinschießenden Lichtstreifen erhellt. Durch die helle Lichtbahn kam mit rücksichtslosem Tritt, so als ob es nicht Nacht wäre, eine große schwarze Frauengestalt, ihre Stirn berührte fast den niederen Querbalken über der Tür.
Vorlage S. 5
5
»Kinder! Kinder! Attention!« rief die Frau, hastig und erschrocken von einem Bettchen zum anderen eilend.
Vorlage S. 5
6
Eine Sekunde lang verstummte das Geschrei, dann brach es aus mit greller Heftigkeit, dass die ganze Luft davon zu zittern schien.
Vorlage S. 5
7
Drei kleine Gestalten saßen jammernd zwischen ihren Kissen. Nun erhob sich die eine und stand lang und weiß, mit verlangend gebogenen Armen, im Bette aufrecht.
Vorlage S. 5
8
Die Mutter eilte zu ihm, legte ihre Hand unter seine Achsel und versuchte die leichte, zitternde Gestalt niederzulegen.
Vorlage S. 5
9
»Was ist dir, Hermannli? Was ist denn, großer Bub?« beruhigte sie ihn.
Vorlage S. 5
10
Der Kleine widerstrebte, steif und unbeweglich, indes er an der Mutter vorbeistarrte, gerade hinaus mit offenen, tränenvollen Augen, den Mund vom Weinen zuckend, ohne Acht auf die streichelnden Hände.
Vorlage S. 5
11
»Ruhe! Attention!« rief sie laut und trat hart auf den Boden.
Vorlage S. 5
12
Dann lief sie hinaus und holte die Lampe.
Vorlage S. 5
13
Wieder war das Geschrei auf eine Weile verstummt. Und während die zusammengezogenen traurigen Augen der Mutter angstvoll suchend jeden Winkel des großen, einfachen, weißgetäfelten Schlafzimmers durchspähten, folgte ihr der blinzelnde, sonderbar vorwurfsvolle Blick der schläfrigen, aufgescheuchten Kleinen, und die Mündchen bebten, wie bereit, aufs neue hinauszuschreien.
Vorlage S. 5
14
Zum zweitenmal ging die Mutter von einem zum anderen, trocknete ihnen das Gesicht, klopfte und streichelte die zarten Backen und Schultern.
Vorlage S. 5
15
Aber ihre Stirn entrunzelte sich nicht bei ihrem Tun; die scharfe Gramfalte um den Mund verschwand nicht. Sie war nicht hier bei den Kindern, die sie zu beruhigen strebte.
Vorlage S. 6
16
Und die Kinder fühlten es. Auf einmal begann das Geschrei von neuem. Es hatte etwas Bewusstloses, Elementares, Ansteckendes. Etwas vom klagenden Wind, etwas von der Sturmglocke.
Vorlage S. 6
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Die Frau richtete sich heftig empor, unwillkürlich öffnete sich ihr Mund. Da, tief in ihrer Kehle steckte auch ein Schrei, ein Schrei, den sie Tag und Nacht zurückpressen musste, der sie würgte, erstickte ...
Vorlage S. 6
18
Sie rang ratlos die Hände.
Vorlage S. 6
19
»Hermannli, was ist denn? Kinder, ich bitt euch! Verrückt! verrückt! Man wird verrückt! – Leg dich, Bub! Schlaf!« schrie sie plötzlich auf und drückte den ältesten gewaltsam in sein Bettchen nieder.
Vorlage S. 6
20
»Papa!« schluchzte der Bub und drängte ihre Hand weg.
Vorlage S. 6
21
»Nein!« Sie klopfte auf den Boden. »Schlafen sollt ihr!«
Vorlage S. 6
22
Plötzlich, bei den starrenden Blicken ihrer Kinder, verließ sie die letzte Fassung. Die Tränen stürzten ihr hervor, unstillbar, unaufhaltsam, die Füße trugen sie nicht länger.
Vorlage S. 6
23
Sie warf sich auf den Boden, neben die Wiege, in der das Kleinste still im Schlaf geblieben war, biss in die Kissen und zuckte in wilden Krämpfen.
Vorlage S. 7
24
Ihre heftigen Bewegungen schaukelten die Wiege, aber die Kissen dämpften die Schreie ihres Mundes.
Vorlage S. 7
25
Die Lampe erlosch.
Vorlage S. 7
26
Die Kinder beruhigten sich, schliefen ein. Und zwischen ihnen auf dem Boden, in voller Kleidung, sank auch die Mutter endlich in bleiernen Ermattungsschlaf, den Kopf auf der Bretterdiele, in den entzündeten Augen Bilder des Entsetzens, die Ohren widerhallend von dem fieberischen, unbewussten Weinen ihrer kleinen Kinder, zermalmt unter der Wucht eines furchtbaren Schicksals.
Vorlage S. 7
27
Am anderen Morgen, früh gegen sieben Uhr, kam der Vater der Frau.
Vorlage S. 7
28
Er stand und wühlte mit den sonnengebräunten Fingern in dem breiten grauen Bart, sein breitkrempiger schwarzer Filzhut war tief in die Stirn gezogen. Die Stimme drang, wie aus weiter Ferne, fast erloschen und dennoch rauh aus der mächtigen Brust.
Vorlage S. 7
29
Das Mädchen, das die Stiege kehrte, erschrak vor ihm; sie war in der letzten Zeit in diesem Hause völlig schreckhaft geworden.
Vorlage S. 8
30
Auf seinen goldknäufigen Serbenstock gestützt, stand der alte Plattner vor dem kleinen Flurfenster mit dem roten Vorhang, durch den die Sonne breit auf die blanken gelben Stufen fiel, und blickte auf seine bestaubten Schuhe, während er seiner Tochter nachfragte.
Vorlage S. 8
31
»Noch nicht aufgestanden? Aber es ist bereits bald sieben Uhr. Geh, sag's ihr.«
Vorlage S. 8
32
Die natürliche Sicherheit eines starken aufrichtigen Menschen, die sich in der ganzen Erscheinung Plattners aussprach, schien wie durch eine innere schwere Erregung verstört. Bei den wenigen Worten färbte sich sein braunes Gesicht, und die Hand, die den Stock hielt, bebte.
Vorlage S. 8
33
Das Mädchen hatte die Flurtür hinter sich offen gelassen, durch die er schwerfällig, stampfend eintrat; er atmete stoßweise in der beklemmten Luft des fensterlosen Flurs.
Vorlage S. 8
34
»Vater,« sagte eine Stimme hinter ihm, halblaut, wie eine Frage, auf die man keine Antwort hoffen darf.
Vorlage S. 8
35
Plattner wendete sich um und streckte langsam die Hand aus, um die seiner Tochter zu erfassen.
Vorlage S. 8
36
Wortlos gingen sie miteinander auf eine der gelben Türen zu, an der ein weißes Porzellanschild mit der Inschrift »Wartezimmer« schimmerte.
Vorlage S. 9
37
Plattner zeigte im Hineingehen auf das Porzellanschild. »Warum nimmst du das nicht weg?« sagte er streng. Es war das erste Wort, das er sprach.
Vorlage S. 9
38
»Ja, ja,« erwiderte die Tochter bereitwillig und zerstreut. Ihre Blicke hingen an ihm. Als er sich auf einen der Rohrstühle setzte, wies sie auf das kleine Ledersofa. »Warum nicht hier? Es ist bequemer ... Du kommst so früh, so früh zu mir, Papa!«
Vorlage S. 9
39
Er saß dicht an der Wand, den Stock zwischen den Knien, den Kopf gesenkt. In die tiefe Stille klang durchs offene Fenster Räderknarren, Flüche und der Gesang der Amseln.
Vorlage S. 9
40
Die Frau schob mit abgewandtem Gesicht ihr weißes Tuch in die Tasche des schwarzen Kleides. Sie stand noch immer.
Vorlage S. 9
41
»Nun, Josy,« begann Plattner, »sitz daher!«
Vorlage S. 9
42
»Ja.« Sie blieb stehen.
Vorlage S. 9
43
»Und – also – eben – Josy – – es ist also eben aus! Und fertig und aus.«
Vorlage S. 9
44
»Ja.«
Vorlage S. 9
45
»Schuft! Schuft! Niederträchtiger Schuft!« brach der Mann aus und stieß den Stock nieder.
Vorlage S. 9
46
»Vater!« schrie Josy. Es war kein Wort, es war ein Hilfeschrei.
Vorlage S. 10
47
Der alte Plattner zuckte den Kopf empor, schob sich den Hut in den Nacken und blickte seine Tochter an. Auf der schönen hellen Stirn, die der Hut verdeckt hatte, arbeitete es, die klaren Augen funkelten.
Vorlage S. 10
48
»Nun?« grollte er verwundert, »noch nicht Schuft genug? Was meinst?«
Vorlage S. 10
49
Das Räderknirschen, die Fuhrmannsflüche, der Amselgesang erklang deutlich wie zuvor in der Stille. Josefine ächzte leise.
Vorlage S. 10
50
»Ich mein, wenn einer emal fünf Jahr Zuchthaus überkommt, no braucht man sich nicht genieren, ihn Schuft zu heißen!« schrie Plattner.
Vorlage S. 10
51
»Bitte, Papa! Nicht, nicht!«
Vorlage S. 10
52
Eine neue heftige Bestürzung überlief das Gesicht des Vaters. Er sprang auf, um der Tochter in die gesenkten, abgewendeten Augen zu sehen.
Vorlage S. 10
53
»Das wäre noch besser!« grollte er. »Wärst ihm etwa noch gut nach all der Schande? Hör emal – –«
Vorlage S. 10
54
Er fasste nach ihrem Ärmel, da drehte sie ihm selbst das leidende, verzerrte Gesicht mit den geschwollenen Augen zu. Eine kaum beherrschte Heftigkeit machte ihre Züge scharf, fast drohend.
Vorlage S. 10
55
»Ach, Vater, kommst auch nur, um ihn noch mehr herunterzusetzen? Gern haben? Man kann fast nicht anders! Wenn einer emal so tief drunten ist – – ach, was wollt ihr noch! Er ist ja schon in der Höll, und ich – mit – ihm –«
Vorlage S. 10
56
Sie schrie es heraus, dann erstarb ihre Stimme im Weinen. Das Gesicht mit den Händen verdeckt stand sie neben dem Vater, der sie lange betroffen, verständnislos anstarrte.
Vorlage S. 11
57
»Bin nit herkommen derwegen,« begann er endlich mit schwerer Zunge, »derwegen nit, Josy. Herkommen bin ich, um dich heim zu holen mit deinen Kindern. Ich hab Retourbillet.«
Vorlage S. 11
58
Er machte sich an seiner Brusttasche zu schaffen, indes er fort und fort ein gedankenloses »Ja, ja, ja!« murrte. Als er der Tochter die grüne Fahrkarte reichte, bebte seine Hand immer noch.
Vorlage S. 11
59
»Da siehst es. Heut oder morgen. Es läuft drei Tage.« Seine Stimme nahm einen gutmütig beruhigenden Ton an. Er las das Datum umständlich vor, Jahreszahl und alles. Ein zutrauliches Lächeln erschien auf seinem starken, grobgeschnittenen Gesicht.
Vorlage S. 11
60
»Die Alte hat schon die ganze Nacht rumort. Gleich gestern abend, wie's Telegramm kommen ist vom Verteidiger,« – er seufzte – »dass es aus ist, hat's angefangen, Betten rüsten. Ich bin gewesen wie en Ochs – vor den Kopf geschlagen – wie's Telegramm kommen ist – aber es ging halt in Gottesnamen kein Zug mehr – wirst es begreifen, Josy.«
Vorlage S. 11
61
Josefine presste seine Hand.
Vorlage S. 12
62
»Bist gütig, Vater!« sagte sie in müdem, hoffnungslosem Ton, »einzig lieb und gütig.« Sie bückte sich, schluchzte auf und legte ihren Kopf auf seine Schulter.
Vorlage S. 12
63
Steif und verlegen, ohne sich zu rühren, blickte Plattner gerade hin. Der dunkelblonde Scheitel, so nah seinem Gesicht, mahnte ihn an längst vergangene Zeiten und machte ihn weich vor Rührung.
Vorlage S. 12
64
»Nun, nun!« stotterte er. Und dann fasste er schnell nach einem Halt. »Und die ganz' Nacht hat's kracht und wetteret – – und ich hab mir dacht, wenn's nur ihn in den Gottserdsboden hineinschmetteret hätt, den verfluchten Schuft!«
Vorlage S. 12
65
Josefine richtete sich steil auf und zog mit plötzlichem Besinnen ihren Arm zurück. In den verweinten Augen begann es leidenschaftlich zu glühen.
Vorlage S. 12
66
»Ach, ihr! Ach, ihr alle!« rief sie schrill, »immer das gleiche! Immer der Schuft! Ich kann's nicht mehr hören! Ich will's nicht mehr hören! Es bringt mich um! Er ist ja verurteilt! Fünf Jahr, Vater! Zuchthaus! Denkst es? Kannst es ausdenken? Und die ganze Zeit, bis auf die letzte Minute, hab ich Hoffnung gehabt, bis – –«
Vorlage S. 12
67
Die Tränen überströmten ihr Gesicht, das im unerträglichen Weh zuckte. Händeballend begann sie das Zimmerchen zu durchlaufen, auf und ab.
Vorlage S. 12
68
»Wehe, wehe, wer ihnen in die Hände fällt! Es ist ihnen recht so! Es macht ihnen Freude! Ein Sündenbock muss sein, dass die Heuchler alle ihre Tugend an Tag legen können, wenn sie den einen in Fetzen reißen! Nein, Vater, so versteh ich's denn doch nit! Müsst mich nicht wild machen, ich versteh's nicht! Bist gütig, Vater, aber siehst – mit dir gehn – 's tut sich eben nicht! Wir kämen emal nicht überein! Du hast deine Meinung, aber ich – ich bin die Frau! Da sind die Kinder! Seine vier Kinder! Kannst die Natur umkehren? Wenn ich auch noch anfang, schreie: hoho, der Schuft! – – Was dann? Nein, lieber grad in den See, dass ein End wär! Aber es geht ja nicht! Nit Vater, nit Mutter für die vier Waisen? Bedenke doch, Vater, 's wär schrecklich! Schändlich wär's gradaus! Ich vermag's nicht und tät's doch so gern!«
Vorlage S. 13
69
Der Atem versagte ihr. Sie drückte die Hand auf den schmerzenden Hals, während sie hart vor dem Vater stehen blieb, der mit gerunzelter Stirn und offenem Munde, blass und regungslos, diesen Ausbruch angehört.
Vorlage S. 13
70
Es klopfte an die Tür des kahlen Wartezimmerchens, wo sie sich immer noch befanden.
Vorlage S. 13
71
»Frau, 's Koffi ischt vorusse!« rief das Mädchen, ohne zu öffnen.
Vorlage S. 14
72
Wie wenn es eine unaufschiebbare Pflicht zu erfüllen gelte, gingen Vater und Tochter auf die Altane, aßen und tranken.
Vorlage S. 14
73
Während dieser Zeit sprachen sie nichts. Plattner brockte sein Brot in die große Kaffeetasse und brummte etwas vor sich hin vom Zahnreißen, das er recht unleidlich spüre.
Vorlage S. 14
74
Josy erwachte wie aus schreckhaften Träumen. »Welcher ist's, Vater? Zeige emal.«
Vorlage S. 14
75
Der Alte öffnete weit den Mund unter dem überhängenden grauen Bart und klopfte mit dem Teelöffel an seine gelben starken Zähne.
Vorlage S. 14
76
»'s Gebiß wär g'sund. ›Echte Bündnerzähne‹, sagt der Doktor Anstand – kennst ihn ja – ist g'schickt. Aber die ewig' Aufregung zeither, 's sind halt die Nerven.« Sein Blick richtete sich voll Besorgnis auf die Tochter. Er versuchte sich vorzustellen, wie Josy sonst ausgesehen. »Ja so! Wie geht's denn dir mit der Gesundheit?«
Vorlage S. 14
77
»O danke, merci, Papa! 's passiert. Ich spüre nichts.«
Vorlage S. 14
78
Er sah die scharfen Züge von den Mundwinkeln abwärts, die hohlwangige Magerkeit Josefines. Unterm Tische ballte er die Hand. »Spürst nichts, bis die Reaktion kommt. Aber die bleibt nicht aus.«
Vorlage S. 14
79
Sie schwiegen wieder. Plattner sah hinaus.
Vorlage S. 15
80
Der Morgen war nebelig; die Sonne schien gedämpft. Die Altane, von Reben umzogen, deren Blätter sich an den vier Pfeilern zu goldgrünen Kränzen verwoben, ließ den Blick frei wandern über die schöne weiße Stadt am grünen See, auf den niedere weißgeballte Wolken herabhingen. Hier und da funkelte eine Fensterreihe, ein Glasdach, eine der Wiesen am Ütli drüben war smaragdgrün herausgehoben, sonst lag ein sanftes Lilagrau über allem; rosig schimmerte das nackte Felsenegg aus den sommerdunklen Wäldern. Mit kosendem Zwitschern schossen die Schwalben ganz nah und niedrig um die Altane; Wolken von Duft stiegen aus den Weinbergen und aus den breiten saftigen Gewinden an den Pfeilern.
Vorlage S. 15
81
»Blühen eure Reben erst jetzt?« entfuhr es Plattner.
Vorlage S. 15
82
»Ja! Es ist recht verspätet. Die Sonne hat gefehlt.«
Vorlage S. 15
83
Wieder langes Schweigen.
Vorlage S. 15
84
Die Nebel zerrannen und flossen wieder zusammen. Einen Augenblick standen die hübschen Villen am See weiß und zierlich wie Elfenbeinspielzeug auf dunklem, verwischtem Grunde. Dann wieder war die Stadt grau verschattet und hob sich nur in undeutlicher Masse vom hell und scharf beleuchteten Berge ab.
Vorlage S. 15
85
Plattners Augen folgten dem Wechselspiel, ohne dass er selbst darum wusste. Nun schob er die klirrende Tasse zurück und faltete die braunen Hände auf der Tischplatte. »Was hast vorhin gemeint, Kind? Ich hab's nicht recht verstanden.«
Vorlage S. 16
86
Josy hob die dunkelumschatteten Augen und ließ sie gleich wieder sinken; es war eine Bewegung in ihrem eingefallenen Gesicht, die den Vater warnte.
Vorlage S. 16
87
»Man muss ja reden, wenn's auch unangenehm ist, Josy. Also – heraus mit der Hauptsach! Willst gleich Antrag stellen auf Scheidung oder willst noch warten?«
Vorlage S. 16
88
»Nein, davon ist keine Rede,« sagte Josefine mit fester Stimme.
Vorlage S. 16
89
Der Mann bäumte sich von seinem Sitz auf. Das Blut stieg ihm in die Augen.
Vorlage S. 16
90
»Ich versteh nicht,« sagte er rauh. »Hast mich nicht recht gehört, wie es scheint. 's ist ja nur die letzte Form. Glatt wird's gehen, ohne allen Anstand. Ich denk sogar, dass du nicht vor Gericht erscheinen musst. Es wär ja auch widrig. Wenn du mal von dem Schurken los bist – auch gesetzlich los – –«
Vorlage S. 16
91
Josefine stand auf, so schnell, dass ihr Strohsessel umfiel. Leise, mit zischender Dringlichkeit in der Stimme, begann sie: »Nein, Papa, nein! Scheiden lass ich mich nicht! Ihr braucht mir nicht zuzureden. Weder glatt noch schwierig – ich will's nicht! Es ist unmöglich. Aber weißt, es sticht mich da! Jedes Wort, was du drüber redest! Nur nicht sagen, ich wär vernarrt in ihn, jetzt noch! O nein! Bin nicht vernarrt, Vater, bin ganz klar und so ruhig!«
Vorlage S. 16
92
Ihr ganzes Gesicht glühte plötzlich in Fieberröte.
Vorlage S. 17
93
»Du sagst: nicht vernarrt? Also verzaubert? Behext?« schrie Plattner, auf den Tisch schlagend. »So ein Schuft, so ein –«
Vorlage S. 17
94
»Siehst du!« rief sie wild. »Das ist es! Weil ihr immer so sprecht! Weil er von der ganzen Welt verachtet, verstoßen, verlassen ist! Und ich soll mitmachen? Nein, nicht verzaubert, nicht behext, aber die nächste, wo er hat! Den einen erwischen sie, und zehntausend gehen frei aus. Schuft! Schuft! Immer nur Schuft! Pfui, die Bande! Alle hergefallen über einen! Schämt euch! Vater, weißt – einmal ist der Georges doch so ganz wie andere – doch so ganz – –«
Vorlage S. 17
95
Tränenüberströmt sank sie an der Wand in sich zusammen. Aber wie der Vater wirr und stumm dreinblickte, zwang sie ihre Fassung zurück.
Vorlage S. 17
96
»Bitte, bitte, lass mich tun, was ich kann! Du weißt ja, dass ich immer meinen Weg gehen muss. Ich bin ja ganz zerschlagen, eigentlich wie toll!« Sie drückte ihre Schläfen mit den Händen zusammen. »Auf die Straße möcht ich und schreien, bis die Leute mit mir kommen und ihn da herausreißen, wo sie ihn vergraben haben!«
Vorlage S. 18
97
Sie funkelte den Vater an, kurz und schnell, mit ihren Fieberblicken. Aber sein Gesicht war fremd und abweisend geworden; er sah sich verloren um, betastete seine Stirn, auf der Schweißtropfen standen. Dann suchte er seinen Hut, den derben Stock und näherte sich dabei unmerklich der Tür.
Vorlage S. 18
98
»Also – also – adie, Josy,« sagte er in trockenem Ton, ohne die Hand auszustrecken.
Vorlage S. 18
99
Sprachlos sah die junge Frau ihm zu. Sie konnte nichts reden, um den Preis ihres Lebens nicht. Aber ihr Herz klopfte in wilder Verzweiflung, dass er so gehen sollte, ihr lieber, treuer Vater.
Vorlage S. 18
100
Und er ging.
Vorlage S. 18
101
Durch das halbdunkle Balkonzimmer über den kleinen fensterlosen Flur hörte sie seine schweren Tritte. Er stieß mit dem Stock auf, als ob er mit lahmen Füßen an der Krücke ginge ...
Vorlage S. 18
Porträt von Frapan, Ilse
Kontextbild zum Werk. Porträt: Frapan, Ilse · Urheber unbekannt · CC0 Bildquelle ↗
102
Die Tür klappte, der schwere, müde Tritt, der Krückstock erklang auf den Treppenstufen ... Josy schüttelte sich auf aus der Erstarrung. Sie riss das Kleinste aus der Wiege und rannte mit ihm auf dem Arm dem Vater nach. Am Ende der Stiege holte sie ihn ein.
Vorlage S. 18
103
»Die Kinder!« rief Josy keuchend. »Vater, du hast ja die Kinder nicht gesehen.«
Vorlage S. 19
104
Er kehrte mit ihr zurück in die Wohnung.
Vorlage S. 19
105
Die älteren Kinder lärmten in ihren Betten. Josefine riss weit die Schlafzimmertür auf: »Springt heraus, der Großvater ist gekommen!«
Vorlage S. 19
106
Schüchtern, im Hemdchen, mit bloßen Füßen kamen sie herangehuscht, ein blasser, schmaler Bub von sieben Jahren mit unruhigen Augen und ein untersetzter Blondkopf mit rotgeschlafenen Backen. Ein zartes Mädchen mit dünnem, seidigem, dunklem Haar folgte. Es ging mit gesenktem Kopf und schlaff hängenden Ärmchen beschämt und langsam hinter den Buben her.
Vorlage S. 19
107
Josefine eilte mit dem Kleinsten in die Küche. Sie war froh, einen Augenblick fortzukommen, während sie doch den Vater noch hier wusste, hier bei ihr, in der traurigen Wohnung mit dem schwarzen, gähnenden Schlund in der Mitte. Der gute, treue Vater mit dem starken, ehrlichen Antlitz, mit den kräftigen, Lebensfrische atmenden Gliedern, mit den derben Kleidern, die nach Heu dufteten, mit den sonnenbraunen, arbeitgewöhnten Händen. Er war noch hier.
Vorlage S. 19
108
Sie stand in der Küche und sah gedankenlos zu, wie das Mädchen die kleine Nina badete und ankleidete. Das Mädchen lachte, denn die Kleine sog an dem Waschschwämmchen und wollte es nicht fahren lassen. Aus dem Zimmer vorn kamen die Stimmen der Kinder, froh und jauchzend, und dann wieder hörte sie ihres Vaters Stimme und sein Gelächter. Josefine seufzte erleichtert. Er war ja im Grunde ein fröhlicher Mann, ihr Vater, jung geblieben zwischen seinen jungen Zöglingen von der landwirtschaftlichen Schule. Und sie fühlte es: immer doch würde er auf ihrer Seite sein mit seiner Hilfsbereitschaft, mit seinem praktischen Sinn und seinem Vaterherzen. Nur keine Entzweiung zwischen ihnen! Nur seine Hand nicht loslassen müssen!
Vorlage S. 19
109
Zögernd entschloß sich Josefine, wieder hinüberzugehen, aber dann, als sie die fröhliche Gruppe sah, wurde ihr ganz licht vor den Augen. Die Kinder hielten den Großvater eng belagert, wie er da mitten im Balkonzimmer saß. Röslis leichtes, kleines Figürchen lag ganz fest in den starken Armen, das Köpfchen dicht an des Großvaters Brust geschmiegt, die Finger in seinem grauen Lockenbart vergraben. Hermannli hielt ihn von rücklings umfasst, der Kleinere, Uli, stand zwischen den Knien des Alten, der ganz beruhigt, milde und versöhnt auf die Kinder niedersah.
Vorlage S. 20
110
»Sie gehen mit mir, alle miteinander! Deine ganze wilde Bande! Aber das ist die wildeste von allen!«
Vorlage S. 20
111
Er zupfte Rösli an den braunen Ringeln und wiegte sie spielend. Hermann versuchte, sie von dem bevorzugten Platze zu verdrängen. Plattners Blick musterte scharf den Knaben, und jäh entschwand das Wohlgefallen aus seinen Zügen.
Vorlage S. 21
112
»Wie der Bub ihm gleicht!« sagte er langsam. »Der wird dir zu schaffen machen.« Und in romanischer Sprache fuhr er fort: »Er hat mich gleich gefragt, wo doch der Papa sei. Die Mama sage: im Spital bei den kranken Leuten, aber er glaubt's nicht. ›Und warum glaubst du's nicht?‹ frag ich ihn. Da macht der Lausbub so ein altbärtiges G'sicht hin und flüstert: ›Mir darfst schon sagen, Großvater, dass der Papa tot ist. Ich bin nicht so dumm, wie die Mama meint, ich merke alles.‹«
Vorlage S. 21
113
Während der Wiedererzählung blickte der Knabe mit seinen unruhigen Augen von dem Großvater zur Mutter und umgekehrt, als verstehe er jedes Wort der ihm fremden Sprache.
Vorlage S. 21
114
»Mama, wann kommt der Papa heim?« sagte er, sich an des Großvaters Schulter drängend.
Vorlage S. 21
115
»Wenn er gesund ist,« entgegnete Josefine kurz.
Vorlage S. 21
116
»Wird er wahrscheinlich lange krank sein?« fing der Bub in herausforderndem Ton an.
Vorlage S. 21
117
»Ja, lang. Wahrscheinlich.«
Vorlage S. 21
118
»Wieviel Jahre, Mama? Ein Jahr oder mehr?« Es klang wie frühreife Ironie.
Vorlage S. 22
119
Josy ergriff ihn am Arm. »Schwatz nicht so viel,« sagte sie finster. »Geh jetzt! Wasche dich! Zieh dich an! Marsch hinaus!«
Vorlage S. 22
120
Da beugte sich der Knabe an des Großvaters Ohr und zischelte: »Wir beide sind Männer, gelt Großvater? Ich will mit dir gehen! Und du zeigst mir Papas Grab, haha!«
Vorlage S. 22
121
Er lachte plötzlich frech der Mutter ins Gesicht, dann duckte er sich, schluchzte auf und ging mit schlotternden Knien hinaus. Mit scheuer Miene schlich ihm Rösli nach. Nur der kleine rotbäckige Uli ritt lärmend und jauchzend in seinem kurzen Hemdchen auf einem Blumenstab durch das Zimmer und über die Altane, wo Vater und Tochter wieder gramvoll nebeneinander saßen. Selten fiel ein Wort.
Vorlage S. 22
122
»Ihr kommt also nicht mit mir?«
Vorlage S. 22
123
»Nein, Vater!«
Vorlage S. 22
124
»Und was gedenkst du zu tun?«
Vorlage S. 22
125
»Irgend etwas anfangen.«
Vorlage S. 22
126
»Und denkst davon zu leben?«
Vorlage S. 22
127
»Ja!«
Vorlage S. 22
128
»Mit den Kindern?«
Vorlage S. 22
129
»Wenn ich die Kinder nicht hätt, braucht ich nicht zu leben.«
Vorlage S. 22
130
»So-o-o?« Der große vorwurfsvolle Aufblick des Vaters drang Josefinen tief in das leidende Herz.
Vorlage S. 22
131
»Hab nicht Furcht,« sagte sie bitter, »ich lebe und will leben. Der Bub bringt mich fast um mit seinen Fragen, und ich gäb ihn dir gern. Aber es könnte ein Wort fallen – von den Knechten – von einem Zögling – nein. Sie werden ja dort von nichts anderem reden.«
Vorlage S. 23
132
Plattner fuhr auf. »In meiner Gegenwart?« stürmte er ingrimmig. Unwillkürlich sah er hinter sich, als erwarte er schon die Angreifer und Tuschler.
Vorlage S. 23
133
Die Sonne kam über den Balken herein, sie malte das zackige Blattornament scharf und treu auf den hellen Parkettboden. Aus dem nebligen Morgen wollte ein voller Sommertag erstehen, nicht ganz klar, aber voll lockendem, mildem Glanz.
Vorlage S. 23
134
»Was der Mensch sich selber zubereitet!« nickte Plattner aus seinen schweren Gedanken heraus.
Vorlage S. 23
135
Josefine nickte stumm.
Vorlage S. 23
136
»Du auch, Kind, du auch.«
Vorlage S. 23
137
»Ich? Was kann ich noch tun oder nicht tun? Mir hat ja das Schicksal alle Wahl erspart,« höhnte sie bitter.
Vorlage S. 23
138
»Wenn du dem – dem – Menschen absagst und lässt dich scheiden und ziehst zu deinem Vater und – –«
Vorlage S. 23
139
»Dann bist erst recht gemein!« rief Josy überlaut. »Wenigstens ich, Vater, ich wär's. Übrigens – ich könnt nicht. Da ist kein Überlegen, kein Besinnen. Was ich einmal lieb gehabt, das bleibt mein gegen die ganze Welt. Wir sind nun in der Hölle, Vater – nun denn – in der Hölle.« Sie sprang auf. Ihre starren Augen erschreckten ihn.
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140
Unwillkürlich hob er den Arm, um sie zu schützen. Aber er ließ ihn wieder sinken.
Vorlage S. 24
141
Ihr bewegliches Gesicht hatte sich verändert.
Vorlage S. 24
142
»Man muss herauskommen, aber nicht so, wie du meinst, Vater. Man muss ihn mit herausreißen, sonst ist's gemein. Wenn ich könnte – wenn ich beweisen könnte, dass man ihn unschuldig verurteilt hat!«
Vorlage S. 24
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Glühend, leuchtend, von Schwärmerei verklärt, mit aufwärts gerichteter Stirn, mitten in dem sonnendurchspielten Zimmer stehend, erschien die Frau plötzlich wie eine andere. Es war einer jener Augenblicke, in denen das sonst unkenntlich verhüllte oder umpanzerte Innerste des Menschen, sein eigenes, individuelles Selbst, in eigenster Gestalt erscheint, überraschend, neu, eine Offenbarung.
Vorlage S. 24
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Den Vater überrann ein leichter Schauer. Er schwieg betroffen. Die Tochter gewann Gewalt über ihn, über seine Meinungen und Abneigungen, die er für unerschütterlich gehalten. Mühsam ermannte er sich.
Vorlage S. 24
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»Unschuldig?« sagte er in weichem, traurigem Ton. »Josy, was träumst auch! Er hat ja gestanden. Da fehlt kein Pünktchen am Schuldbeweis. Die Hoffnung musst fahren lassen.«
Vorlage S. 24
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Josefine antwortete nicht gleich. Die Begeisterung auf ihrem Gesichte erlosch, wie eine helle Lampe erlischt. Herausforderung bebte um ihre Lippen.
Vorlage S. 25
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»Und wer in der ganzen Welt ist unschuldig?« schrie sie. »Welcher Mensch und welcher Mann? Wen dürfte man nicht einsperren, wenn man jedes Blatt seines Lebens kennte?«
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»Halt du! Hast schon vorhin so etwas gesagt!« Plattner war aufgestanden, Zornröte schoss ihm über die Wangen. »Ich verbitt mir, dass du so mit mir redest!«
Vorlage S. 25
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Die Hände auf dem Rücken, lief er im Zimmer hin und her, kopfschüttelnd, unbehaglich über alle Maßen, von hilflosem Mitleid gequält für dies eigensinnige Kind, das sich in allem Elend so selbständig, so unbeugsam zeigte.
Vorlage S. 25
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»Ich bin so weit,« sagte Josy, ins Leere sprechend, »dass für mich alles aus ist. Achtung vor den Menschen? Pah! Glauben an die Menschen? Noch viel haltloser. Heute denk ich so, morgen wieder anders, und alle Leute so, einfach. Wir sind wie Buchstaben, ins Wasser geschrieben! Launische Kranke! Armselige Verrückte, wir alle!«
Vorlage S. 25
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»Widerspricht sich bei jedem Wort und weiß es selber nicht!« zürnte Plattner.
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»Widersprech ich mir?« – Josy errötete flüchtig – »nun, vielleicht auch. Warum nicht, wo alles ringsum sich widerspricht? Aber ich weiß doch nicht, warum wir nicht aneinander hängen sollten, coûte que coûte. Glauben hab ich nicht, Hoffnung hab ich nicht, aber dies – dies bisschen Liebe – das ist etwas so menschliches – so natürliches –« Sie brach in ein heftiges Schluchzen aus.
Vorlage S. 26
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Der kleine Uli kam herangestolpert, ahnungsvollen Kummer in seinem dreijährigen Gesichtchen und bereit, auch zu schreien.
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Plattner drückte ihn an sich und fasste Josys Hand. »Gut, gut; ich sage nichts mehr. Die kleine Zeit, wo ich noch hier bin, soll Friede sein. Von mir aus.« Seine Augen wanderten, und plötzlich rief er: »Aber ich bitte dich, Josy, warum hast du nicht wenigstens das Bild da weggetan? 's ist doch entsetzlich, wenn jemand –«
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Er stockte und zog Uli auf seine Knie.
Vorlage S. 26
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Der unselige Georges! wie er den Eindringling, den Verderber, den Teufel haßte!
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157
Drei Tage blieb Plattner bei seiner Tochter und all die drei Tage stieß er Stunde um Stunde mit dem Gespenst zusammen, das hier im Hause »Zum grauen Ackerstein« bei hellichter Sonne, bei Amselsang und Kinderlachen in allen Zimmern spukte und aus seinen verschleierten Augen mit stillem Hohnlachen auf all die blühende Wirklichkeit sah.
Vorlage S. 26
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Im Balkonzimmer die große Photographie des jungen Ehepaares – Josefine und Georges mit dem damals einjährigen Hermann auf den Knien – verdarb dem Vater das Frühstück und ließ ihn mitten im Satz innehalten, so oft seine Augen widerwillig über die Wand streiften.
Vorlage S. 27
159
Auf dem Flur das Porzellanschild an der Tür mit der Aufschrift »Wartezimmer. Sprechstunden von 7 bis 9 und von 3 bis 5 Uhr« stach ihm belästigend in die Augen, wenn er aus dem einen Raum in den anderen ging.
Vorlage S. 27
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Im Eßzimmer wieder ein Bild: Georges mit seiner Schwester Licile, sie im weißen Konfirmandenkleid und Schleier, er halbwüchsig, mit langen blaßblonden. Locken über einem goldbraunen Sammetrock, schmachtend und glatt, die fatale Unterlippe ohne alle Form und Zeichnung schon gerade so schlaff wie jetzt beim Erwachsenen. Eine talentlose Malerei, eine süßlich fade Auffassung; für Plattner eine tägliche Herausforderung, dies Geschwisterpaar.
Vorlage S. 27
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Schon damals hat er nicht getaugt, der freche lüsterne Bengel! dachte er bei sich und ballte heimlich die Faust. Und der hat meine Josy bekommen, mein bestes, tüchtigstes Kind! Wo hab ich alter Esel meine Augen gehabt? Wir sind alle blind gewesen, sagte er sich ingrimmig.
Vorlage S. 27
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Im Schlafzimmer, Doktor Georges Geyers ehemaligem Schlafzimmer, derselbe Georges Geyer als Student, in einer Gruppe, irgend einer Verbindung in Wichs. Hier unter den übrigen, ziemlich unbedeutenden Köpfen sieht er gleichwohl nach etwas aus. Ein feines Gesicht, bis auf den Mund. Und den versteckt der Bart. Was man so einen »schönen Mann« nennt. Der Teufel hol ihn.
Vorlage S. 28
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Und Plattner nahm allabendlich die Photographie von der Wand, um besser schlafen zu können.
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Aber er schlief trotzdem schlecht. Warum konnte er nicht sein tapferes armes Kind herausziehen aus alledem? Warum nicht sie in die Arme nehmen, samt ihren Kleinen und fort, fort in reine Luft?
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Er hätte ihr befehlen mögen: Denk nie mehr an ihn! vergiss sein Gesicht, seine Stimme, euer achtjähriges Zusammenleben! vergiss das kurze Glück, vergiss die lange Schmach! es soll alles sein, als wäre es nie gewesen!
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Wenn er abwesend war von ihr, im anderen Zimmer nur, dann erschien sie ihm so jung, so hilflos, so unendlich mitleidsbedürftig.
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Seine Lider wurden heiß und feucht, seine starken Hände wanden und krampften sich in verzweifeltem Harm. Wie ein kleines Kind war sie ihm dann, das in dunklen Wellen um sein Leben kämpfte.
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Und wenn er sie dann wieder vor sich sah in der Dornenkrone ihres Leides, in der ernsten Würde der Gefaßtheit, unnahbar in ihrem heißen Gram, unnahbar in ihrer leidenschaftlichen Parteinahme für den Verurteilten – dann stand er stumm, dann sagte er sich bitter und schmerzlich: nie mehr kommen wir recht zu einander. Der verfluchte Schuft steht zwischen uns.
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Und er haßte ihn tiefer jeden Tag, und er fluchte ihm mit jedem Gedanken und jedem Wort, und seine Tochter fühlte den Haß wie eine feindselige Atmosphäre um den geliebten Vater, die sie nicht durchbrechen konnte; sie hörte die Flüche, obgleich sie nicht ausgesprochen wurden, und Weh und Trotz kämpften in ihrem Herzen.
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Plattner lag nachts und grübelte: Sie sagt, der Schuft ist wie alle! Allmächtiger Gott, was meint sie? Hat er ihr zu allem übrigen noch das moralische Gefühl geraubt? Ist sie auch schon verdorben?
Vorlage S. 29
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Er sah Josy wieder und atmete auf: Sie ist so unschuldig – sie versteht nicht einmal, was der schuftige Patron angestellt hat!
Vorlage S. 29
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Der Abschied war unsäglich traurig.
Vorlage S. 29
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Gerade beim Verlassen der Wohnung sieht er noch die Messingtafel an der Glastür. Auf dem Namen »Doktor Georges Geyer, praktischer Arzt« funkelt gelb die Sonne. Neben Plattner steht Josy, wie immer in Schwarz, mit bleichem, schmalem Gesicht, mit ungeduldigen Augen, denn bis zum letzten Moment fürchtet sie einen jähen Zusammenstoß.
Vorlage S. 30
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»Adieu! adieu!« rufen die älteren Kinder. Den dreijährigen Uli, die einjährige Nina nimmt der Großvater mit; das Mädchen ist mit ihnen voraus auf den Bahnhof, wird sie auch während der Eisenbahnfahrt versorgen.
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Rot vor Zorn deutet Plattner auf die sonnenglitzernde Namentafel. »Und das soll auch bleiben?«
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»Ja,« macht Josy herausfordernd.
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»Aber 's ist ja nicht wahr! Er wohnt ja ganz wo anders!« ruft Plattner.
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Ein Blick auf die Kinder macht ihn still. Er erschrickt. Fast hätten sie sich gezankt, harte Worte gesagt, hier an der Schwelle der Trennung.
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Auch Josefine besinnt sich. »Nein, so sollst du nicht gehen, Vater! Wir kommen mit. Holt eure Hüte, Kinder.«
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Als sie gerüstet da standen, und Plattner sie stumm und trübe musterte, blitzte ihr ein plötzlicher Argwohn auf.
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»Ich trage keinen Schleier. Soll ich einen Schleier umbinden, Vater? Du scheust dich vielleicht, mit mir so über die Straße zu gehen?«
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»Komm, komm!« sagte Plattner müde.
Vorlage S. 31
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»Aber du wirst angestarrt werden, Vater. Sie werden dich alle sehen wollen. Ich kenne diese grausame Neugier,« rief sie schneidend.
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Ohne zu antworten, ergriff Plattner das kleine Rösli an der Hand und ging mit ihm hinunter.
Vorlage S. 31
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In Josys Augen spielten grünliche Funken. Sie wollte ihren Hut wieder abnehmen.
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»Komm, komm, Mama! Der Zug fährt weg!« drängte Hermann.
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So kamen sie dann auf die Straße. Aber nur gleichgültige Worte wurden gewechselt, und ein gespannter argwöhnischer Zug wich nicht aus den Gesichtern.
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Erst als sie die Bahnhofshalle betraten, unter dem Kohlendampf und dem Pfeifen der Züge sich durch den Menschenstrom arbeiteten, schob sich Josefine an ihres Vaters Seite.
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»Aber das ist alles dummes Zeug, nicht wahr? alles dummes Zeug.« Sie sprach hastig, sie überstürzte sich im Reden. »Ich habe dir noch nichts von meinen Plänen gesagt. Man muss natürlich Pläne machen. Mit dem dummen Zeug, dem Kummer und so weiter verliert man alle Zeit und Kraft. Und nun reist du fort! O, wie schade! Ich habe einen Plan, weißt du, einen Hauptplan – du schickst mir Laure Anaise, nicht wahr? Und dann, wenn ich sehe, dass es geht, schreib ich dir. Du hilfst mir ja doch, gelt? Ach, es ist eigentlich keine Minute zu verlieren, und nun haben wir diese drei Tage – O, schon einsteigen? Kaum, dass ich die Kinder noch küssen kann!«
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Noch aus dem Fenster rief Plattner seiner Tochter zu: »Das Türschild ist absolut unnötig, führt nur irre!«
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Das letzte, was er sah, war ihr hartnäckiges Kopfschütteln.
Vorlage S. 32
192
Dann kamen große, graue Dampfwolken und legten sich zwischen die Abschiednehmenden, und die geschwenkten Taschentücher wurden unsichtbar ...
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Josefine weinte viel auf dem Rückwege. Stumm und gedrückt gingen die Kinder neben ihr.
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Einmal blieb sie stehen: »Kinder, nun ist der liebe, liebe Großvater fort! Aber wir danken es ihm tausend-, tausendmal, dass er zu uns gekommen ist.«
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»Tausendmal,« sagten die Kleinen mechanisch.
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Und den ganzen Nachmittag, während sie sich in der verödeten Wohnung bewegten, das nötigste besorgten, ohne fremde Hilfe, ward Josy nicht müde, den beiden von dem lieben Großvater zu erzählen, und dass man ihm tausendmal danken müsse.
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»Er hat uns aber nichts mitgebracht,« sagte Hermann blinzelnd.
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»Und Uli und Nina?« fragte Röslis unsicheres Stimmchen, »sind sie nicht lieb? Wollen wir sie nicht mehr haben, Mama?«
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»Nein, aber ich möchte wissen, in welchem Spital Papa ist!« flüsterte der Bub seinem Schwesterchen zu. »Es ist sicher, dass Mama ihn gar nicht lieb hat, sonst würde sie ihn doch besuchen. Und ich geh dann einmal, ich gehe von Tür zu Tür und frage: Ist mein Pappe nicht hier?«
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»Ich geh auch,« flüsterte Rösli mit großen Augen.
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»Nein, du nicht, das ist nur was für Männer,« er stieß sie vertraulich an. »Weißt, Rösli, der Pappe ist überhaupt schon lang tot, die Mama will's nur nicht sagen. Er ist ausgegangen und nicht heimgekommen, einmal am frühen Morgen; wir haben noch geschlafen. Er ist gewiss ermordet. Man muss sein Grab suchen. Ich will ihm einen Kranz hinlegen von Efeu und Immergrün. Das ist für die Toten.«
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»Und weiße Rosen sind auch für die Toten. Und ich will auch,« sagte Rösli, ängstlich an den Bruder geschmiegt.
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Johannes Vermeer – Briefleserin in Blau, um 1663. Vergleichsbild zum Motiv des Lesens und Briefeschreibens, keine konkrete Buchszene.
Kontextbild zum Werk. Briefleserin in Blau · Johannes Vermeer · Public domain Bildquelle ↗
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»Nein, du nicht. Du bist zu klein. Du bist eine dumme Gans. Der Pappe ist ermordet!« Er spitzte den Mund und machte starre Augen.
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Rösli wurde es heiß vor Angst. »Das lügst du,« flüsterte sie empört, »das sag ich der Mama.«
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»Ach, du Dumme! Warum trägt sie immer Schwarz? Schwarz ist Trauer! Da siehst es!«
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Rösli zitterte vor Aufregung. »Kriegen wir jetzt einen neuen Papa?«
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»Ho, die redet! neuen Papa, sagt sie. So sagt man nicht, man sagt Stiefvater! Dann kriegst du aber Wichs!«
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Der Bub lachte höhnisch auf; dann stockte er. Die Kinder sahen sich erschrocken an.
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»Was habt ihr beiden vor? Warum flüstert ihr? sprecht laut!« rief Josefine aus dem anstoßenden Raum.
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»Wir sprechen etwas, Mama,« sagte Rösli kleinlaut.
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»Vom Christkindli, Mama!« rief Hermann und ließ seine Finger knacken. Er lächelte dreist der Kleinen zu.
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»Vom Christkind? schon jetzt?« Josy seufzte erleichtert. »Wohl, 's ist ganz recht, sprecht nur vom Christkindli. Vergesst auch den Großpapa nicht.«
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Und die Geschwister nickten sich zu und steckten die Köpfe dicht zusammen und spannen weiter an ihrem phantastischen Gewebe wie zwei der kleinen roten Spinnentierchen, die blitzgeschwind über schwarze Spalten und unheimliche Klüfte ihre silbernen Fädchen ziehen und daran durch die Luft fliegen, heimlich und lautlos, fast ohne Bewegung, dass man meint, sie schliefen nur, die schlauen kleinwinzigen Spinnlein.
Vorlage S. 35
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Josefine hatte nicht mehr geglaubt, dass ihre Schwestern zu ihr kommen würden, aber eines Abends, in der Dämmerung, kamen sie doch zu ihr. Hübsch, jung und elegant, von einer Wolke zarten Parfüms umhüllt, mit dem Knistern seidener Unterkleider, traten sie in das Zimmer.
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In Hüten und Schleiern saßen sie, nahe der Tür, als Josefine, aus dem Schlafraum der Kinder kommend, sie begrüßte.
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216
Josefines Herz wallte hoch auf, als sie die Schwestern sah. Sie konnte nicht sprechen. Sie trug die Sonnenschirme, die sie ihnen abgenommen, aus einer Zimmerecke in die andere.
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Die hübschen Frauen saßen da wie das böse Gewissen. Schweigend bewegten sie die Taschentücher.
Vorlage S. 35
218
Die Balkontür war halb geschlossen, es regnete schwer. Durch das Prasseln der Tropfen in das dichte, harte Kastanienlaub tönte das Kreischen und Klingeln des Trams. Der Wind schüttelte die Balkontür. Die Besucherinnen seufzten und schnäuzten sich abwechselnd.
Vorlage S. 36
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Adele, die schlanke Älteste mit der gebogenen Nase und dem Zwicker am Bande, blickte Josefine prüfend an. »Du trägst also Schwarz! ja, ja, ja!« sagte sie in kondolierendem Ton.
Vorlage S. 36
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»Ihr trinkt doch eine Tasse Tee mit mir,« machte Josefine aufstehend.
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Marie hielt sie zurück. Ihr kleines verweintes Gesicht unter dem toupierten hellen Blondhaar verzog sich kummervoll.
Vorlage S. 36
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»Nicht dazu sind wir hergekommen, Fifi; ist es denn wahr, dass du dich nicht scheiden lässt?«
Vorlage S. 36
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»Ja, das ist ganz wahr,« nickte Josefine, den Blick abwendend.
Vorlage S. 36
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»Aber, mon dieu! mon dieu! was werden sie sagen!« Adele zog die Handschuhe ab und begann die Hände zu ringen.
Vorlage S. 36
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»Wer?« machte Josefine zerstreut.
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»Die Leute, Fifi, alle Leute!«
Vorlage S. 36
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»Ja, ich kann mich doch darum nicht kümmern!« Josefines Gesicht ward immer finsterer.
Vorlage S. 36
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»Sie sagen, dir fehlen die moralischen Begriffe!« schrie Marie auf.
Vorlage S. 37
229
»Ich habe meine eigenen Begriffe, Mia.«
Vorlage S. 37
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»Aber das verzeiht dir ja kein Mensch, Josefine.«
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»Auch ihr nicht?« forschte Josefine in seltsam leichtem Ton.
Vorlage S. 37
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Adele richtete sich gerade auf. »Wir sind deine Schwestern. Mit uns ist es ja anders. Wir kennen dich.«
Vorlage S. 37
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»Bin ich eure Schwester? Kennt ihr mich?« stammelte Josefine mit verzerrtem, schmerzhaftem Lächeln. Sie fühlte Stiche am Herzen und atmete mühsam.
Vorlage S. 37
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»Mein guter Mann –« begann Marie.
Vorlage S. 37
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»Mein Léon –« fiel Adele ein.
Vorlage S. 37
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»Ja, ihr seid die Glücklichen,« flüsterte Josefine.
Vorlage S. 37
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»Aber das ist doch nicht unsere Schuld!« riefen die Schwestern gleichzeitig.
Vorlage S. 37
238
»Nein, es ist euer Verdienst,« versetzte Josefine sehr bitter.
Vorlage S. 37
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Schmollend blickten die Besucherinnen einander an.
Vorlage S. 37
240
»Wir haben's ja gewusst, wie du uns aufnehmen würdest!« sagte Adele gekränkt, »aber gekommen sind wir in Gottesnamen doch.«
Vorlage S. 37
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»Arme Fifi! du bist natürlich furchtbar verbittert,« schluchzte Marie und fächelte mit dem feuchten Taschentuch ihre Augen. »Wir, das heißt unsere Männer und wir, meinen es ja so gut mit dir!«
Vorlage S. 37
242
Josefine sah die Sprecherin mit einem langen, trüben Blick an. Dann glitt der Blick zur Seite und fiel auf den Boden, matt und leblos.
Vorlage S. 38
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»Warum seid ihr gekommen?« hauchte sie in sich hinein.
Vorlage S. 38
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»Wenn du es nur nicht falsch auffassen möchtest –« sagte Marie und legte mit einer ihr eigentümlichen weich koketten Bewegung den Kopf auf die rechte Schulter.
Vorlage S. 38
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Adele rückte sich zurecht.
Vorlage S. 38
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»Das beste ist und bleibt doch, dass du von Zürich fortziehst, liebe Josefine, von dem Orte, wo – nun, wir wissen ja alle, wie schrecklich dir diese Stadt jetzt sein muss! Zum Vater – das wäre natürlich sehr schön, jedoch in seiner Stellung – als Direktor der landwirtschaftlichen Schule – ist es ja begreiflich. – – Nein, aber irgendwo aufs Land. Es ist auch wegen der Kin der. Weil sie dort frische Luft haben. Sehr viel besser ist ja die Luft auf dem Lande als in der Stadt.«
Vorlage S. 38
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»Keimfrei, Fifi, das ist nicht zu unterschätzen,« fiel Marie ein.
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Adele nickte. »Ganz recht. Und dann, wenn du dich dann recht bald zur Scheidung entschließen wolltest – nein, hör doch erst, was ich dir sagen soll – Léon und der Vater und vielleicht auch Albert, wenn seine Geschäfte so weitergehen, werden jeder jährlich tausend Franken hergeben, damit du die Kinder recht erziehen und selber ziemlich bequem leben kannst. Auf dem Lande, wo alles billiger ist, der Hauszins und so weiter, wirst du mit dreitausend Franken – aber Léon wird sogar noch fünfhundert zulegen, wenn du ja sagst, denn der Plan, weißt du, ist von Léon, und der Vater weiß noch nichts davon.«
Vorlage S. 38
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»Vater war hier,« unterbrach sie Josefine.
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»Hier? Bei dir und nicht bei uns? Wie lange denn?«
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»Drei Tage.«
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»Drei Tage?« Die Schwestern blickten sich fragend an. »Und zu uns ist er nicht gekommen? In schöner Gemütsverfassung mag er gewesen sein.«
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Sie schwiegen wieder. Marie seufzte oft und schüttelte den kleinen Kopf. »Nun, Fifi, was sagst du zu Léons Vorschlag?«
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Josefine hielt die Augen gesenkt. Sie drehte eine welke Rose in den Fingern, die aus der Schale auf dem Tische herausgefallen war. »Ich begreife, dass es euch unangenehm ist, wenn ich hier bleibe, und euren Männern erst recht,« sagte sie mit schwerer Zunge, »und ich danke euch für eure Fürsorge, auch der Kinder wegen. Die zwei kleinsten hat der Vater mitgenommen, die alte Nina ist noch beim Vater. Ich habe vorläufig nur die Sorge für zwei.«
Vorlage S. 39
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Die Schwestern hatten mit angehaltenem Atem gehorcht.
Vorlage S. 40
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»Das wussten wir ja gar nicht,« sagte Adele verwundert. »Wir sind immer die letzten, die etwas erfahren. Übrigens – Léons Plan wird ja dadurch nicht alteriert. Er hängt wirklich sehr an dem Plan. Sogar einen Ort hat er schon in Aussicht genommen. Es ist nämlich in Tessin, bei Morcote, weißt du, an dem reizenden Luganersee. Man bekommt selber gleich Lust, gelt Mia?« Adeles Jovialität brach durch den Nebel der Unbehaglichkeit und des bösen Gewissens plötzlich siegreich hervor.
Vorlage S. 40
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»Also, Fifi, nämlich. Léon ist – er weiß selbst nicht wie – an ein Häuschen in Morcote gekommen, ein reizendes Chalet. Von einem verkrachten Geschäftsfreund, sagt er. Es ist mit immergrünen Rosen berankt, von oben bis unten. Diese kleinen gelben immergrünen Rosen, weißt du – sie blühen so merkwürdig früh. Auch Garten dabei; Kamellien im Freien – alles tadellos. Und das Chalet gibt Léon dir kostenfrei für dich und die Kinder zum Bewohnen! Onkel Birrli sagt: ›Potztausend, da möcht ich auch hin!‹ Mit diesen Worten. Das einzige ist – – etwas einsam! Sozusagen weltabgeschieden! Aber das ist ja gut, nicht? Du musst ja vergessen, arme Fifi! Dort kannst du vergessen. Die Rosen! Die Kinder! Die Kamellien – –«
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Josefine schwieg. Ihr Atem ging hörbar laut. Sie drehte die entblätterte Rose immer schneller zwischen den Fingern.
Vorlage S. 41
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Marie fiel ein: »Einsam ist gut, aber ich hätte doch Angst so allein. Ich habe gleich gesagt: ›Fifi muss einen großen Hund haben!‹ Und den schenk ich dir, liebste Fifi – ohne Hund lass ich dich nicht in das abgelegene Häuschen ziehen. In Rapperswil hab ich einen prachtvollen Wurf echter Bernhardiner besehen. Ich nehme nämlich auch einen, Albert ist so oft auf Reisen jetzt. Sie sind braun, ein wunderhübsches Braun mit weißen Flecken. Die Mutter ist auf den Mann dressiert. Der Vater ein Prachttier! So hoch. Schon zweimal prämiiert!« Marie griff nach Josefines kalter Hand und war zum erstenmal, seit sie in die Tür getreten, unbefangen und natürlich.
Vorlage S. 41
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Josefine blickte auf. »Und was noch?« machte sie mit seltsamem Lächeln.
Vorlage S. 41
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Ganz ernüchtert sahen die Besucherinnen sich an. Sie verstanden nichts.
Vorlage S. 41
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»Möchtest du nicht an den Luganer –« stammelte Marie erschrocken.
Vorlage S. 42
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Ein schneidendes Lachen antwortete ihr. Josefine warf die Rose hin und sprang auf. »Warum nicht nach Afrika? Warum nicht auf eine Südseeinsel? Das wäre doch noch weiter! Mit einem zahmen Panther zur Unterhaltung und mit dem Geld meiner großmütigen Schwäger beladen! Man kann nur lachen! Als ob ich ein Kind wäre! ein Kind! eine Null! ein Nichts! Wie groß ist der Bernhardiner, Mia, zeig noch mal! Und was schenkst du mir, Adele, um mich zu beschützen? Eine Dynamitpatrone? Albert handelt ja mit Dynamit! Ach!« schrie sie und lachte immer wilder, »wie gütig ihr doch seid! Wie zwei fremde Damen gegen eine arme – so zum Verzweifeln großmütig! zum Verrücktwerden gütig. Aber seht mal« – sie setzte sich dicht zu den entsetzten Schwestern und flammte sie mit ihren großen Leidensaugen an – »es geht nicht. Der Bernhardiner frisst zu viel! Und die Rosen sind zu rot! Und der Luganersee ist zu blau! Haha! ich weiß, wie blau der ist. Das ist etwas für Leute, wie ihr seid! nicht für mich. Warum machst du solch ein dummes Gesicht, liebe Mia? Von geschenktem Gelde leben – in meiner Lage – und tun, als wäre es mir ums Tanzen –? Denken, wie ich mir einen guten Tag mache? Ach, Kinder, Kinder!« – –
Vorlage S. 42
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Marie war zusammengeknickt. »Mir ist fast ohnmächtig. Gib mir ein Glas Wasser!« stöhnte sie, »diese Aufregung! Dafür bin ich nicht gemacht.«
Vorlage S. 43
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Josy ging hinaus.
Vorlage S. 43
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»Was hat sie vor?« flüsterte Marie.
Vorlage S. 43
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»Was sie vor hat? Gott mag wissen. Irgend etwas Unsinniges! Du kennst doch Josefine. Ach, ich fürchte – wir werden nicht sobald wieder hierher kommen.«
Vorlage S. 43
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Marie weinte. »Sie ist nicht zurechnungsfähig. Man wird hier ganz nervös. Was für ein Zustand. Und solche Hartnäckigkeit. Wie öde hier! Schrecklich! Man sieht es den Zimmern an.«
Vorlage S. 43
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»Gottlob, Josefine hat Nerven von Stahl. Vater scheint auch in Unfrieden von ihr gegangen zu sein,« überlegte Adele.
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Dann kam Josy und brachte Himbeerlimonade.
Vorlage S. 43
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»Wir müssen leiser sprechen,« bat sie, »die Kinder wachen schon wieder. Sie sind so unruhig geworden –«
Vorlage S. 43
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Der Lampenschein, leicht gedämpft durch einen zartblauen Schleier, der die Gesichter blass machte, beleuchtete die drei Schwestern, die ungleichen Schwestern. Sie tranken, und dabei musterten sie einander wie fremde Leute.
Vorlage S. 43
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Hastig, sprudelnd, wie es ihre Art war, wenn sie einmal ihre natürliche Zurückhaltung durchbrach, begann Josy zu sprechen: »Was ich tun will? O, vielerlei. Erstlich kommt zu mir Laure Anaise von Chur, Vater hat mir heut telegraphiert.«
Vorlage S. 43
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»Ach, die Kleine von der alten Nina?« sagte Marie verwundert.
Vorlage S. 44
275
»Ja, die. Sie ist achtzehn Jahr, frisch, naiv. Nach der hab ich Sehnsucht.«
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276
»Merkwürdig!« machte Adele.
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»Laure Anaise – das ist wie ein Feldblumenstrauß; die Kinder brauchen sie auch. Dann – die Wohnung ist zu groß und zu teuer. Ich vermiete zwei Zimmer und die Mansarde.«
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»Fifi, aber nein! nein! Das ist doch nun wahrlich nicht nötig,« jammerte Marie.
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»Nicht? Ich weiß wohl, was nötig ist! Viel ist nötig. Alles ist nötig. Die Hauptsache kommt noch. Ich werde Medizin studieren und meines Mannes Praxis übernehmen.«
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Adele lachte schrill auf. »Du machst dich lustig! Das ist nicht schön von dir, Fifi, wir sind in guten Treuen zu dir gekommen!«
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»Und ich spreche zu euch in guten Treuen. Seit ich den Entschluss gefasst habe, bin ich wieder ein Mensch. Ich lebe wieder! Ich habe ja diese Zeit nicht gelebt.«
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Marie streichelte mitleidig Josys schmale Wange. »Arme Josy! Ich bin furchtbar erschrocken.«
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Josefine fing die Hand der Schwester und drückte sie zwischen ihren fiebernden, heißen.
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»Arme Marie! Arme Adele! Verzeiht! Ich muss hier bleiben. Wo sonst sollt ich so bequem studieren, so bequem Pensionäre finden. Ich werde bald hineinkommen. Hab ihm ja oft geholfen. Bei den Operationen, wisst ihr.«
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Adele saß wie erstarrt in kühler Würde. Sie vergaß, mit dem Zwicker zu spielen.
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»Ja, ob aber Albert und Léon zu einem solchen Experiment Geld hergeben – –«
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Marie seufzte tief auf.
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»Wohl,« sagte Josy nach langer Pause, »das glaub ich gern. Ich hab auch nicht auf eure Hilfe gerechnet, Kinder. Wir kennen uns ja. Eure Wege sind nicht meine Wege, und eure Gedanken sind nicht meine Gedanken. Que faire?«
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Marie beobachtete sie, diese vergrämten Züge mit den tiefliegenden Augen, die einen seltsam erschrockenen entsetzten Blick bekommen hatten. Ein schwesterliches Gefühl wallte auf. »Es ist mir unbeschreiblich traurig zu Mute. Dieses viele Schwere willst du auf dich nehmen, meine arme Fifi! Weißt du, was du brauchst? Ruhe und Erholung, sonst nichts! Wenn ich dich so ansehe – ach, kein Mensch würde denken, dass du von uns allen die jüngste bist.«
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»Das größte Unglück!« lachte Josefine. »Ich seh wohl schrecklich aus?« Sie sprang auf. »Das macht das Herumsitzen, das Zuwarten. Man wird fast verrückt davon. Nein, so kann es nicht weitergehen. Ich muss etwas tun, ich muss einen Beruf haben, sonst geh ich zu Grunde. Nur nicht denken! Denken macht verrückt! Tun! Arbeiten! Irgend etwas!«
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291
Die Schwestern gingen bald. Es war kein Wort mehr über das Geldanerbieten gefallen.
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292
»Besinne dich, Fifi!« hieß es noch beim Abschied.
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293
»Stärke dich! erhole dich!« rief Marie, während sie Josefine küsste.
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Aber als sie fort waren, hatte Josefine einen Weinkrampf.
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Hermannli erwachte davon; er rief Rösli zu: »Hörst du's? Mama weint wieder! Merkst du jetzt, dass der Papa tot ist?«
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Die Antwort des Vaters kam umgehend. Sie lautete!
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Mein gutes Kind Josefine!
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Du bist von den Menschen, die sich selbst helfen wollen und denen anderer Hilfe nichts nützt. Ich billige deinen Entschluss nicht, ich billige vor allem nicht, dass du die Scheidung hinausschiebst. Denn ich bleibe dabei, sie ist nur hinausgeschoben, und spätestens nach fünf Jahren, wenn eine gewisse schreckliche Frist abgelaufen sein wird, wirst du die Notwendigkeit einsehen. Mir ist nur leid, dass er überhaupt einmal wieder herauskommt. Das sollte nicht sein. Ich glaube auch nicht, dass du dir die Möglichkeit eines künftigen Zusammenlebens vorstellst. Ich kann das nicht glauben. Ich bin überzeugt, es wäre das größte Unglück für dich. Überlege, Kind.
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299
Ich habe dir oben so rundweg geschrieben, dass ich deinen Entschluss, zu studieren, nicht billige. Doch das ist zu viel gesagt. Ich kann nur sagen, dass mir die Frage neu und fremd vorkommt. Auf alle Fälle bin ich bereit, dich zu fördern und mit Geld zu unterstützen, soweit es in meinen Kräften steht. Doch das ist selbstverständlich.
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300
Pensionäre schaden nicht, nur bürde dir nicht zuviel auf. Nina und Uli möchte ich jedenfalls über die nächsten Jahre hier behalten. Die Alte ist versessen auf sie. Laure Anaise kommt morgen.
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Es ist wohl recht, dass du dein Heil in der Arbeit suchst. Lebe gesund!
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302
Dein Vater.
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Albert Anker – Die Dorfschule von 1848, gemalt 1896. Historisches Vergleichsbild für Schule und Bildung, keine Illustration der Buchfiguren.
Kontextbild zum Werk. Die Dorfschule von 1848 · Albert Anker · Public domain Bildquelle ↗
303
Josefine küsste den Brief unzählige Male. Sie hatte ein Gefühl, als müsse sie sich irgendwo auf die Kniee werfen in Dank für die Erlösung.
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304
Aber sie nahm sich kaum Zeit, den Kindern zuzurufen: »Der liebe Großvater hat geschrieben. Vergesst ihn fein nit.«
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305
Dann schrieb sie Briefe, Zimmerangebote und trug sie selbst auf die Redaktion und zum Pedell, damit er sie am schwarzen Brett anschlage. Sie erkundigte sich auch, wann der Rektor zu sprechen sei, und kaufte den Kindern, die sie mitgenommen, auf dem Heimweg Kirschen.
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»Könnten wir nicht gleich auch Papa besuchen, weil du so gut gelaunt bist?« fragte der Knabe, während er fröhlich dahinsprang.
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Josefine fasste beide Kinder an den Händen. »Hermannli und Rösli, der Papa ist auf eine große Reise gegangen, auf eine weite Reise –«
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»Nach Afrika?« fiel der Bub überrascht ein.
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»Ja ja, nach Afrika, und besuchen können wir ihn also nicht.«
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»Ist der Papa also wieder gesund,« sagte Hermann noch verwunderter.
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»Ja, gesund.«
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»Aber warum hat er uns nicht Grüß-Gott gesagt und nicht adie?«
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»Es war ja spät am Abend. Ihr schliefet schon. Da ist er in die Stube gekommen, hat euch angeschaut und im Schlaf geküsst und einen schönen Gruß für euch dagelassen. Und ist fort.«
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»Nach Afrika?«
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315
»Ja, nach Afrika.«
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»Und wir – sind wir nicht traurig, Mama?« fragte Rösli mit kläglichem Stimmchen.
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Auf der Bank in der kleinen blühenden Anlage, wo sie saßen und die Kirschen verzehrten, zog Josefine die beiden Kleinen in ihre Arme. »Ja, wir sind traurig,« sagte sie, ihre Tränen bezwingend, »aber wir dürfen nicht daran denken. Wir sollen nur denken, wie wir tüchtige, brave Menschen werden –«
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»Und dem Papa Freude machen, wenn er heimkommt,« fiel Hermann mit altkluger Miene ein.
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»Ja. Weißt noch, wie er sich über dein erstes Zeugnis gefreut hat?«
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»Man muss den Papa also lieb behalten?« fragte Rösli nachdenklich.
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»Aber gewiss! Behaltet ihn lieb, den armen Papa, behaltet ihn lieb, aber sprecht nicht von ihm. Es tut eurer Mama weh –«
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»Geht es ihm nicht gut in Afrika?« lispelte Rösli ängstlich.
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»O nein, es geht ihm nicht gut. Und er sehnt sich nach euch und denkt an euch, mein Rösli –«
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»Ich sehne mich auch,« sagte Rösli feierlich, die kleinen Hände faltend, »gib mir noch ein paar Kirschen, Mama.«
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»Ja, aber warum geht es dem Papa schlecht in Afrika? Ist es zu heiß da?« begann Hermann wieder.
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»Ja, heiß. Und nun hört, Kindli, was ich euch sage. Wir wollen den Papa lieb behalten und an ihn denken, da inwendig, in unserem Herzen,« Josefine tippte auf Hermanns und Röslis Brust, »aber sprechen wollen wir nicht mehr von ihm. Nicht laut und nicht leise. Nicht zur Mama und nicht zu anderen Leuten, hört ihr das? Weil es der Mama weh tut?«
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»Ja, aber wenn sie mich in der Schule fragen, was denn der Papa in Afrika macht?« fuhr Hermann unerwartet heraus.
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Josefine war ratlos vor Schrecken. »Nun – kannst ja nicht sagen, was du nicht weißt.«
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»Aber schreibt der Papa keine Briefe?«
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»Ich weiß nicht. Wenn die Kamele den Weg finden durch die große Sandwüste –«
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Die Augen der Kinder weiteten sich und hingen an ihr. »Ist der Papa auf einem Kamel, Mama?«
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»Ja, dort unten,« sagte Josefine mechanisch.
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Aber der Bub schüttelte eifrig ihren Arm.
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»Erzähl uns von der großen Sandwüste, von den Kamelen, erzähl uns alles, Mama!«
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»Ich bin nicht dort gewesen, Bub, ich weiß also nichts. Aber hört etwas anderes! Eure Mama war einmal klein, ganz klein, so klein wie Nina.«
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»Ach du!« sagte Rösli lachend, »das glaub ich nit.«
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»Ich glaub's, ich glaub's!« schrie Hermann, »sag weiter, Mama.«
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»Und die kleine Josefine, eure Mama, war hungrig und durstig, denn sie hatte keine liebe Mutter.«
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»Warum nicht?« erschrocken rückten die Kinder näher.
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340
»Weil sie gestorben war und ihre kleine Josefine allein gelassen hatte.«
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341
»Ach! Und was tat die kleine Josefine?«
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»Sie schrie den ganzen Tag, denn sie war durstig und hungrig, aber wenn jemand ihr Milch zu trinken geben wollte, dann drehte sie ihr Köpfchen weg und schrie noch ärger. Und die Leute sagten: die kleine Josefine trinkt nicht, sie wird sterben.«
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343
»O!« Rösli schmiegte sich dicht an die Mutter. »Und wo waren wir, Mama?«
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»Und es wäre vielleicht gut gewesen für die kleine Josefine, wenn sie damals gestorben wäre, denn sie musste noch viel weinen,« sagte Josy, von Schwäche übermannt.
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Hermannli streichelte ihren Ärmel. »Mach es lustiger, Mama, mach die Geschichte jetzt lustiger.«
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346
»Ja, sie wird ganz lustig. Da kommt eine braune Bäuerin aus dem Dorf, mit einem lustigen bunten Rock und einem lustigen seidenen Tuch um die Schultern und mit roten Bändern im Zopf und sagt: ›Gebt mir die kleine Josefine, bei mir wird sie wohl trinken lernen.‹«
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347
»Ja,« sagte Rösli zufrieden, »mit roten Bändern im Zopf, das ist schön.«
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»Und sie nimmt die kleine Josefine in den Arm, steckt sie unter das bunte Seidentuch, lacht ihr zu und hätschelt sie und klingelt mit der silbernen Kette an ihrem Hals, und die kleine Josefine muss lachen!«
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»Ja, sie muss lachen!« lachten die Kinder.
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»›Kannst du lachen, so kannst du auch Milch trinken, mein Schatzi,‹ sagt die gute Bäuerin Nina, und richtig – die kleine Josefine dreht nicht mehr das Köpfchen weg, schreit nicht mehr, sondern trinkt!«
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»Haha! Wir haben auch eine Nina, Mama!«
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»Und die kleine Josefine ist gerettet, denn die lustige Bäuerin ist ihre Amme geworden und hat sie so lieb wie ihre eigenen Kinder. Und die kleine Josefine wird groß, und die lustige Bäuerin wird alt. Ihre Kinder sind verheiratet, beim Großpapa in Chur führt sie die Wirtschaft. Sie hat aber eine Enkelin, und das ist Laure Anaise. Und nun, was geschieht? Laure Anaise sagt: Ich will einmal die Josefine in Zürich besuchen, und Hermann und Rösli will ich auch besuchen. Lange will ich bei ihnen bleiben und alles mit ihnen tun. Wann die Stuben geputzt werden, will ich mit putzen helfen, und wann viel zu schaffen ist, will ich mit schaffen. Und wenn sie mich dafür lieb haben, will ich singen und ihnen auf der Zither vorspielen und mit Hermann und Rösli tanzen. Ist das nicht schön? Sehr lieb werden wir Laure Anaise haben und keinen Augenblick vergessen, dass sie uns besucht und uns hilft. – Wie Mamas Schwester wird Laure Anaise sein –«
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353
»Wie Tante Adele?« machte Hermann erschrocken.
Vorlage S. 53
354
»Nein, nicht wie Tante Adele, bitte, Mama!« rief Rösli.
Vorlage S. 53
355
»Wie Tante Marie? Tante Marie ist ziemlich hübsch,« forschte der Bub mit dem altklugen Gesicht.
Vorlage S. 53
356
Die Mutter beruhigte sie. »Laure Anaise ist Laure Anaise, heißt nicht Tante, heißt Laure Anaise, hat eine Zither und lacht den ganzen Tag.« –
Vorlage S. 53
357
Diese Nacht weinten die Kinder nicht im Schlaf, von unbewussten Schrecknissen geängstigt. Sie träumten von Laure Anaise, die mit ihnen lacht und springt, dass der schwarze Zopf mit dem roten Bande wackelt.
Vorlage S. 53
358
Und am Morgen, als sie erwachten, war Laure Anaise gekommen und lachte wirklich und nickte ihnen zu, nickte bei jedem Wort, aber nichts verstand sie, denn sie war ein romanisches Kind und konnte wenig deutsch.
Vorlage S. 54
359
In der Küche erklingt das Lachen und Zwitschern der Kinder, die Zither erklingt.
Vorlage S. 54
360
Werden die zarten Klänge allmählich das dumpfe Grabgeläute übertönen, das unablässig, Tag und Nacht, durch dieses Haus dröhnt?
Vorlage S. 54
361
Werden die Frühlingsblumen den schwarzen Spalt verhüllen, dem Höllenqualm entsteigt?
Vorlage S. 54
362
Josefine sah es deutlich durch die geschlossenen Türen gehen, das Gespenst mit den verschleierten Augen, das sie verfolgte mit seiner Unbegreiflichkeit, mit seinen höhnenden, quälenden Rätselfragen.
Vorlage S. 54
363
Ich war dein Gatte. Ich war Georges.
Vorlage S. 54
364
Wer bin ich? Wer ist das – Georges?
Vorlage S. 54
365
Bin ich der Mann, den du kennst? Den du geliebt hast? Dem du noch anhängst mit der Kraft der Erinnerung? Der Vater deiner Kinder? Der Mann, der deine Kinder liebte? Bin ich dieser Mann? Oder bin ich der Abschaum, der Verbrecher, der Ausgestoßene, vor dem alle guten Dinge der Erde fliehen, vor dem die Sonne ihr Gesicht verhüllt? Das Scheusal, das die Menschen nicht unter sich dulden durften? Der Angesteckte, der die Pest verbreitet?
Vorlage S. 54
366
Nein! nein! nein! schrie es in ihrem zerspaltenen Herzen, ich kenne dich, Georges! Du bist ganz Mensch! Hab ich dich nicht oft gesehen, hilfsbereit, eilig, selbstverleugnend fortstürmen mitten in kalter Nacht? um als Arzt Leidenden beizustehen? Wie oft hab ich von dir Worte gehört, tiefe, warme, wenn du an den Bettchen unsrer Kinder standest! Wie dientest du eifrig der Wissenschaft! Wie wenig verlangtest du von den Menschen! Wie nachsichtig war dein Spott! Wie fröhlich war deine Weinlaune! Hast du nicht angstvoll um mein Leben gebebt, als ich in Gefahr war? Wolltest du nicht mit mir sterben, als ich zu sterben fürchtete? Nein, du bist ganz Mensch, Georges, ich muss dich doch kennen, ich, die Mutter deiner Kinder!
Vorlage S. 55
367
Aber – aber – sie sagen ja – ich kenne dich nicht! Sie sagen, du seiest jemand anders als der, der du bist. Du selber hast bekannt, nicht der zu sein, als der du gewöhnlich erscheinst. Du selber hast gegen dich ausgesagt. Das war gefährlich, Georges. Das war unsinnig! Sie haben alles geglaubt. Sie glauben das schlechteste zuerst und am liebsten. Warum hast du gegen dich selber ausgesagt, Georges?
Vorlage S. 55
368
Sie haben dich angeklagt unbegreiflicher, lichtscheuer Greuel, die der Mund nicht nennen kann, die nur ihr Mund nennt, der Mund der schamlosen Gerechtigkeit, die gekommen ist, die Schamlosigkeit zu strafen. Du hast die Beschuldigung gehört, und du hast sie nicht ins Gesicht geschlagen, deine Beschuldiger. Du hast ihre abscheuliche Zunge nicht in den lügnerischen Mund zurückgestoßen. Du hast die Achseln gezuckt, sagen sie, du hast – gelächelt! War das ein Augenblick zum Lächeln, Georges?
Vorlage S. 56
369
Wer bist du? Sprich, wer bist du?
Vorlage S. 56
370
Ein Bild auf dem Wasser?
Vorlage S. 56
371
Ein bunter Anstrich auf einer zerbröckelnden Lehmwand?
Vorlage S. 56
372
Ein Ungeheuer mit Menschenaugen?
Vorlage S. 56
373
Ein Vampir, der lachen kann und in heimtückischer Mitternacht seinen Mund in Blut taucht?
Vorlage S. 56
374
Ja – aber dann – wer bin ich?
Vorlage S. 56
375
Und deine Kinder?
Vorlage S. 56
376
Kleine weiche, rosige Geschöpfe mit träumenden Augen und Vogelstimmchen – wer sind sie?
Vorlage S. 56
377
Sind es Kinder wie andere Menschenkinder? Sind es junge Werwölfe?
Vorlage S. 56
378
Sind sie wie – du?
Vorlage S. 56
379
Wie welches du? Sind sie wie dein du, das ich kenne?
Vorlage S. 57
380
Sind sie wie jener schreckliche Verbrecher, den sie in dir gefunden haben?
Vorlage S. 57
381
Eine Mutter denkt viel, Georges! Sage mir etwas über die Kinder, deine und meine Kinder! Ist ihr Schicksal – nein, nein! Ich kann es nicht aussprechen! Ich kann die Antwort nicht hören. Ich entsetze mich vor der Antwort! Ich empöre mich gegen jede Unerbittlichkeit! – Ich will das nicht dulden, Schicksal! Hörst du mich, du unerbittliches?
Vorlage S. 57
382
Oh, Georges! ich kenne dein verschleiertes Lächeln. Was flüstern deine seltsam zuckenden Lippen mir zu? Was sagst du?
Vorlage S. 57
383
Wie ich, so sind alle! Ohne Ausnahme. Keiner ist besser. Nichts ist gut. Niemand ist wert, dass ihn die Sonne wärmt. Alles ist nur Heuchelei, Konvention, und darunter das Aas. Lüge ihre Begeisterung, Lüge ihre Entrüstung. Sie spielen! Hast du das nicht gesagt, Georges? Hast du nicht die Erde um mich zu einem Leichenfeld gemacht? Hab ich nicht an deiner Seite gebebt und gezittert nach der Sonne, die keiner auf Erden wert ist? –
Vorlage S. 57
384
Aber dann – als alles vorüber war, als du vor den Schranken standest, abgeurteilt, verdammt, zerschmettert, ausgelöscht, bist du da nicht wie ein Flehender an der Himmelspforte zusammengeknickt? Hast du nicht mit der Stimme der Wahrheit und der Verzweiflung geschrieen: ich sterbe ohne mein Weib! Gebt mir mein Weib und meine Kinder!
Vorlage S. 57
385
Haben sie nicht in ihren kalten Berichten berichtet: Es ging ein eisiger Schauder durch alle Anwesenden?
Vorlage S. 58
386
War das auch Heuchelei? Konvention? Lüge? Hast du das gespielt? Wer bist du?
Vorlage S. 58
387
Grübelnd, qualvoll starr ich dich an, und du erwiderst meinen Blick, grübelnd, qualvoll. Bodenlos und seicht zugleich ist dein Auge, höhnisch und verzweifelt zugleich ist dein Lachen.
Vorlage S. 58
388
Wer bist du? – –
Vorlage S. 58
389
Und plötzlich dann brach es wie ein Erlösungsschrei aus Josefines angstbeschwerter Brust: Ein Leidender! Was frag ich noch! Ein Verlassener! Ein Gefangener!
Vorlage S. 58
390
Armer Georges, fürchte nichts! Fürchte nichts! Ich verlasse dich nicht. Ich beurteile dich nicht. Ich verachte dich nicht. Ich will dich schützen, denn du bist in der Verzweiflung. Ich will aus meinem Herzen einen warmen Mantel machen um deine Nacktheit. Ich will –
Vorlage S. 58
391
Aber sag – wo waren deine Gedanken, während du bei mir warst, Georges? Was für Bilder –
Vorlage S. 58
392
Ach, nicht denken! Nicht denken! Gar nichts denken.
Vorlage S. 59
393
Leben. Und vergessen.
Vorlage S. 59
394
Die Zeit wird helfen; dir und mir.
Vorlage S. 59
395
Und die Arbeit! Vor allem die Arbeit.
Vorlage S. 59
396
Schaffen muss man, nicht rechts, nicht links sehen. Schaffen, leben und vergessen.
Vorlage S. 59
397
Lieber Gott, ich danke dir, dass ich arbeiten darf!
Vorlage S. 59
398
Lieber Vater, ich danke dir, dass du mir beistehen willst!
Vorlage S. 59
399
Nur Kräfte bitt ich ...
Vorlage S. 59
400
Und fort mit dem quälenden Grübeln!
Vorlage S. 59
401
– – – – – – – – – – – – – – –
Vorlage S. 59
402
Und so begann Josefine zu studieren wie ein Student und unter den Studenten. Und ihre schmerzhafte Aufregung verwandelte sich in rastlose Tätigkeit, und eine Fülle von Kraft strömte ihr aus der Arbeit entgegen.
Vorlage S. 59

Nach dem Lesen

Dein Blick auf das Kapitel

10er-QuizZitate verstehen · Zusammenhänge erkennen · Lernpunkte sammeln10 Fragen

Eine Antwort ist jeweils richtig. Lies den Textbeleg aufmerksam. Bei einer falschen Antwort kannst du es erneut versuchen.

Angemeldet zählen richtige Antworten für deinen Lernstand. Als Gast übst du ohne Kontopunkte.

Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.

1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Die Frau schob mit abgewandtem Gesicht ihr …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Sie drückte die Hand auf den […] Hals, während sie hart vor dem Vater stehen blieb, der mit gerunzelter Stirn und offenem Munde, blass und regungslos, diesen Ausbruch angehört.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

3. Was bedeutet »Unwillkürlich« in diesem Ausschnitt? »Unwillkürlich hob er den Arm, um sie zu schützen.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle nachlesen ↗

4. Welcher Ausschnitt kennzeichnet eine Aussage ausdrücklich als Möglichkeit oder Vermutung? Achte auf die Formulierung; entscheide nicht, ob die Aussage tatsächlich wahr ist.

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

5. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Gerade beim Verlassen der Wohnung sieht er noch die […] an der Glastür.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse. A: »Auf der schönen hellen Stirn, die der Hut verdeckt hatte, arbeitete es, die klaren Augen funkelten.« B: »Dieses viele Schwere willst du auf dich nehmen, meine arme Fifi!« C: »Wir sind wie Buchstaben, ins Wasser geschrieben!«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Und das Chalet gibt Léon dir …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

9. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »»Geht es ihm nicht gut …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

10. Welcher Ausschnitt verweist mit einer Zeitangabe ausdrücklich auf eine frühere Zeit? Achte auf ein ausdrücklich genanntes Signalwort.

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗
Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

1. Lies den Abschnittsbeginn: »Es hatte soeben ein Uhr geschlagen. Über dem ganz lautlosen Hause »Zum grauen Ackerstein« brütete die lautlose, schwüle Sommernacht.« Welche Informationen sind hier bereits sicher, und welche Frage bleibt für dich offen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne zwei Informationen, die sich tatsächlich aus dieser Passage ableiten lassen.
  • Trenne eine eigene Frage oder Vermutung klar vom Textbefund.
Textstelle nachlesen ↗

2. Fasse diese Textstelle in eigenen Worten zusammen: »Die Sonne kam über den Balken herein, sie malte das zackige Blattornament scharf und treu auf den hellen Parkettboden. Aus dem nebligen Morgen wollte ein voller Sommertag erstehen, nicht ganz klar, aber voll […]« Was ist für ihr Verständnis besonders wichtig?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Gib die zentrale Aussage oder Situation wieder, ohne etwas hinzuzuerfinden.
  • Nenne eine Einzelheit aus der Passage, auf die sich deine Zusammenfassung stützt.
Textstelle nachlesen ↗

3. Prüfe, ob es in dieser Passage um Gerechtigkeit oder Verantwortung geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »»Unschuldig?« sagte er in weichem, traurigem Ton. »Josy, was träumst auch! Er hat ja gestanden. Da fehlt kein Pünktchen am Schuldbeweis. Die Hoffnung musst fahren lassen.««

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

4. Prüfe, ob es in dieser Passage um Wahrheit oder Vertrauen geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] Sonne wärmt. Alles ist nur Heuchelei, Konvention, und darunter das Aas. Lüge ihre Begeisterung, Lüge ihre Entrüstung. Sie spielen! Hast du das nicht gesagt, Georges? Hast du nicht die Erde um mich zu einem Leichenfeld gemacht? Hab ich […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

5. Prüfe, ob es in dieser Passage um Angst oder Unsicherheit geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »Rösli wurde es heiß vor Angst. »Das lügst du,« flüsterte sie empört, »das sag ich der Mama.««

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
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6. Prüfe, ob es in dieser Passage um Nähe oder Gefühle geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »Josefines Herz wallte hoch auf, als sie die Schwestern sah. Sie konnte nicht sprechen. Sie trug die Sonnenschirme, die sie ihnen abgenommen, aus einer Zimmerecke in die andere.«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
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7. Vergleiche diese beiden Stellen: »Die Sonne kam über den Balken herein, sie malte das zackige Blattornament scharf und treu auf den hellen Parkettboden. Aus dem […]« und »Marie fiel ein: »Einsam ist gut, aber ich hätte doch Angst so allein. Ich habe gleich gesagt: ›Fifi muss einen großen Hund haben!‹ […]«. Welche Gemeinsamkeit oder welchen Unterschied kannst du am Wortlaut zeigen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne eine nachvollziehbare Gemeinsamkeit oder einen Unterschied.
  • Belege beide Seiten des Vergleichs; unterstelle keine Entwicklung, die der Text nicht zeigt.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗

8. Am Abschnittsende steht: »Und so begann Josefine zu studieren wie ein Student und unter den Studenten. Und ihre schmerzhafte Aufregung verwandelte sich in rastlose Tätigkeit, und eine Fülle von Kraft strömte ihr aus der Arbeit entgegen.« Was ist hier geklärt, und was bleibt offen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf den Schluss dieses Abschnitts, nicht auf dein Vorwissen über das ganze Werk.
  • Falls die Stelle nichts eindeutig klärt, begründe auch das mit dem Text.
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9. Prüfe deinen ersten Leseeindruck an Anfang und Ende: »Es hatte soeben ein Uhr geschlagen. Über dem ganz lautlosen Hause »Zum grauen Ackerstein« brütete die […]« / »Und so begann Josefine zu studieren wie ein Student und unter den Studenten. Und ihre schmerzhafte Aufregung […]«. Würdest du deine erste Einschätzung jetzt verändern? Begründe.

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne deine ursprüngliche Einschätzung oder Leseerwartung.
  • Verwende mindestens einen Textbeleg für deine jetzige Einschätzung.
  • Sowohl eine veränderte als auch eine bestätigte Einschätzung ist möglich.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗
Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Es hatte soeben ein Uhr geschlagen.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
  • Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
  • Kennzeichne deine Ergänzungen als erfunden.
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Niveau 2 · Vertiefung

2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Ach, es ist eigentlich keine Minute zu verlieren, und nun haben wir diese drei Tage – O, schon einsteigen?«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
  • Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
  • Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
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Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Und ihre schmerzhafte Aufregung verwandelte sich in rastlose Tätigkeit, und eine Fülle von Kraft strömte ihr aus der Arbeit entgegen.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
  • Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
  • Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
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Ausgabe, Herkunft und Rechte

Originalautor vor 1956 verstorben. TextGrid kennzeichnet die zugrunde liegenden reinen Texte als gemeinfrei; Struktur und Metadaten unter CC BY 3.0 DE mit Namensnennung TextGrid und www.editura.de. Das Werk Arbeit von Frapan, Ilse ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de, und wird unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland veröffentlicht. Der zugrunde liegende literarische Reintext ist gemeinfrei. TextGrid wurde vom BMBF gefördert (Förderkennzeichen 01UG1203A).

Die Extraktion erfasst alle Textpositionen der gelieferten Quelldatei; dies ersetzt keinen vollständigen Vergleich mit dem historischen Druck. Offene Kapitelaufgaben dienen der Selbstprüfung und sind keine automatisch bewertete Interpretation.

Arbeit

Ilse Frapan: Arbeit. Roman, Berlin: Gebrüder Paetel, 1903. Frapan, Ilse 5- Berlin

Das Werk Arbeit von Frapan, Ilse ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.

Quelltext und Ausgabe ↗ · CC BY 3.0 DE; reine Originaltexte gemeinfrei Lizenz

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?

Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.