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Schöner Herbst - Tucholsky, Kurt - Gedichtanalyse

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Schöner Herbst - Tucholsky, Kurt - Gedichtanalyse

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Schöner Herbst - Tucholsky, Kurt - Gedichtanalyse

Kurzbeschreibung: „Das ist ein sündhaft blauer Tag!“ – In 20 Versen stellt Kurt Tucholsky einen leuchtenden Herbsttag der Müdigkeit und Arbeitslast eines Menschen in der Großstadt gegenüber. Du untersuchst Quellfassung, Lesefassung und Interpretation, prüfst Versbelege und deutest Form, Klang und Bildsprache. Der Kurs eignet sich besonders für die Klassen 9–10 sowie – mit den Vertiefungen – für die Klassen 11–13.

Vorwissen: Gedicht, Lyrisches Ich, Reim, Metrum, Bildsprache, Moderne, Expressionismus

Vorhandene Textseite: Gedicht - Schöner Herbst - Tucholsky, Kurt


Einleitung

Kurt Tucholsky veröffentlichte das Gedicht unter dem Namen Theobald Tiger. Der Erstdruck ist für den 13. November 1913 in Die Schaubühne nachgewiesen. 1919 erschien das Gedicht in der Sammlung Fromme Gesänge.

Das Gedicht zeigt einen starken Gegensatz: Draußen ist der Herbsttag klar, kalt, windig und intensiv blau. Das lyrische Sprechen bleibt aber in der Stadt, blickt aus einem Mansardenfenster und fühlt sich „müde, satt und matt“. Die Erinnerung an Meer und Strand steht gegen Arbeit, Geld und Enge.


Quellfassung

Die folgende Fassung folgt der Druckausgabe Fromme Gesänge, Felix Lehmann, Charlottenburg 1919, S. 87. Sie bewahrt die historische Schreibweise.

Das ist ein sündhaft blauer Tag!
Die Luft ist klar und kalt und windig,
weiß Gott: ein Vormittag, so find ich,
wie man ihn oft erleben mag.

Das ist ein sündhaft blauer Tag!
Jetzt schlägt das Meer mit voller Welle
gewiß an eben diese Stelle,
wo dunnemals der Kurgast lag.

Ich hocke in der großen Stadt:
und siehe, durchs Mansardenfenster
bedräuen mich die Luftgespenster …
Und ich bin müde, satt und matt.

Dumpf stöhnend lieg ich auf dem Bett.
Am Strand wär es im Herbst viel schöner …
Ein Stimmungsbild, zwei Fölljetöner
und eine alte Operett!

Wenn ich nun aber nicht mehr mag!
Schon kratzt die Feder auf dem Bogen.
das Geld hat manches schon verbogen …
Das ist ein sündhaft blauer Tag!

Quelle: Kurt Tucholsky: Fromme Gesänge, 1919, S. 87. Die Sammlung ist bei Wikisource digitalisiert und als fertig korrekturgelesen gekennzeichnet. Der Text ist gemeinfrei.


Lesefassung mit Verszählung

Eine Lesefassung verändert den Inhalt nicht. Sie hilft nur beim Zitieren.

  1. V. 1: „Das ist ein sündhaft blauer Tag!“
  2. V. 2–4: klare, kalte, windige Luft und ein besonderer Vormittag
  3. V. 5–8: Vorstellung des Meeres und eines früheren Aufenthalts
  4. V. 9–12: Großstadt, Mansardenfenster, „Luftgespenster“, Müdigkeit
  5. V. 13–16: Bett, Sehnsucht nach dem Strand, Arbeit an Texten
  6. V. 17–20: Überdruss, schreibende Feder, Geldzwang, Rückkehr zum blauen Tag

Für genaue Textarbeit nutzt Du die vollständige Quellfassung oder die vorhandene Seite Gedicht - Schöner Herbst - Tucholsky, Kurt.


Übersetzung, Lesefassung und Interpretation unterscheiden

Quellfassung bedeutet: historisch belegter Wortlaut.

Lesefassung bedeutet: derselbe Text wird übersichtlicher dargestellt, zum Beispiel mit Verszahlen.

Übersetzung bedeutet: ein Text wird in eine andere Sprache übertragen. Da das Gedicht auf Deutsch vorliegt, gibt es hier keine zusätzliche Übersetzung.

Interpretation bedeutet: Du erklärst mögliche Bedeutungen. Eine Interpretation muss sich auf überprüfbare Textstellen stützen.


Analyse


Lyrisches Sprechen

Das lyrische Sprechen ist deutlich als Ich erkennbar: „Ich hocke in der großen Stadt“ (V. 9) und „ich bin müde, satt und matt“ (V. 12). Dieses Ich ist nicht automatisch mit Kurt Tucholsky gleichzusetzen.

Es nimmt zwei Räume wahr: die reale Großstadt und den vorgestellten Strand. Dadurch entsteht ein Gegensatz zwischen Enge und Weite, Arbeit und Freiheit sowie Müdigkeit und Naturerleben.


Form

Das Gedicht besteht aus fünf Strophen mit je vier Versen, also insgesamt 20 Versen.

Die Strophen folgen überwiegend einem umarmenden Reim: Der erste und vierte Vers einer Strophe reimen sich, ebenso der zweite und dritte. In Strophe 1 lautet das Muster zum Beispiel: „Tag“ – „windig“ – „find ich“ – „mag“.

Der Rhythmus wirkt oft regelmäßig, aber nicht starr. Viele Verse haben ungefähr vier deutliche Hebungen. Umgangssprachliche Wendungen wie „so find ich“ oder „Wenn ich nun aber nicht mehr mag!“ halten den Ton beweglich.


Klang

Auffällig sind Klangwiederholungen. Besonders klar ist die Reihung „müde, satt und matt“ (V. 12). Die kurzen Wörter und die Wiederholung ähnlicher Laute verstärken den Eindruck von Erschöpfung.

Der Satz „Das ist ein sündhaft blauer Tag!“ steht am Anfang, kehrt in V. 5 zurück und schließt das Gedicht in V. 20. Diese Wiederholung bildet einen Rahmen.


Bildsprache

„sündhaft blauer Tag“ (V. 1) ist eine ungewöhnliche Verbindung. Ein Tag kann nicht wirklich sündhaft sein. Die Formulierung steigert die Wirkung des Blaues: Der Tag erscheint fast übertrieben schön.

„Luftgespenster“ (V. 11) macht die Luft zu etwas Bedrohlichem. Das passt zur bedrückten Stimmung des Ichs.

Die Bilder von Meer, Strand und „voller Welle“ (V. 6) stehen gegen Großstadt, Mansardenfenster, Bett, Feder und Geld.

Datei:Fall 2019 Herbstwind 01.webm


Arbeit, Geld und Sehnsucht

In V. 18 heißt es: „Schon kratzt die Feder auf dem Bogen.“ Das Schreiben wird hörbar als Arbeit dargestellt.

V. 19 nennt einen möglichen Grund: „das Geld hat manches schon verbogen …“ Das kann so gelesen werden, dass wirtschaftlicher Druck Wünsche, Freiheit oder künstlerische Arbeit verändert.

Die Schlusszeile wiederholt trotzdem: „Das ist ein sündhaft blauer Tag!“ Der schöne Tag bleibt vorhanden, obwohl das Ich ihn kaum nutzen kann.


Moderne und Expressionismus

Das Gedicht entstand 1913 und gehört damit in die literarische Moderne. Gleichzeitig liegt es zeitlich in der Phase des Expressionismus.

Typisch expressionistische Themen wie Großstadt, Unruhe, Entfremdung und eine zugespitzte Bildsprache lassen sich als Vergleichspunkte nutzen. Das Gedicht sollte aber nicht einfach als Musterbeispiel des Expressionismus etikettiert werden: Sein Ton ist auch ironisch, alltagssprachlich und feuilletonistisch.

Ein Vergleich mit expressionistischen Großstadtgedichten kann zeigen, was Tucholsky ähnlich und was er anders macht.

Hinweis zum Video: Die Vorlesung von Literaturgeschichte-Online der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel behandelt den Expressionismus anhand literarischer Beispiele.


Tucholsky hören

Auf Wikimedia Commons gibt es gemeinfreie LibriVox-Aufnahmen anderer Texte Tucholskys. Sie helfen Dir, Tonfall und Sprechtempo bei Tucholsky kennenzulernen.

Hörauftrag: Achte bei der Rezitation auf Tempo, Pausen und Betonung. Überlege anschließend, wie Du die wiederholte Zeile „Das ist ein sündhaft blauer Tag!“ sprechen würdest: begeistert, sehnsüchtig, ironisch oder resigniert?


Medien, Quellen und Lizenzen

  1. : Foto von Daderot, Wikimedia Commons, CC0 1.0.
  2. : Sonja Thomassen; Bearbeitung Fehlerteufel, Wikimedia Commons, GFDL 1.2.
  3. : Luomomi, Wikimedia Commons, CC0 1.0.
  4. Datei:Fall 2019 Herbstwind 01.webm: Nxr-at, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.
  5. : Kurt Tucholsky, LibriVox-Sprecher, Wikimedia Commons; LibriVox-Aufnahme gemeinfrei.
  6. YouTube-Einbettungen werden nur verlinkt und nicht als frei lizenzierte OER-Dateien übernommen. Maßgeblich sind die jeweiligen Angaben auf YouTube.


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

Welches Zitat eröffnet und schließt das Gedicht? (Das ist ein sündhaft blauer Tag!) (!Ich hocke in der großen Stadt) (!Dumpf stöhnend lieg ich auf dem Bett) (!Schon kratzt die Feder auf dem Bogen)




Welcher Ort wird in V. 9 ausdrücklich genannt? (die große Stadt) (!der Strand) (!das Meer) (!der Kurort)




Durch welches Bauteil blickt das lyrische Ich? (Mansardenfenster) (!Balkontür) (!Kellerfenster) (!Schaufenster)




Welche Wörter stehen gemeinsam in V. 12? (müde satt und matt) (!klar kalt und müde) (!blau satt und windig) (!matt still und warm)




Was schlägt laut V. 6 mit voller Welle? (das Meer) (!der Wind) (!der Regen) (!der Verkehr)




Wo wäre es laut V. 14 im Herbst viel schöner? (am Strand) (!im Theater) (!im Park) (!im Café)




Was kratzt laut V. 18 auf dem Bogen? (die Feder) (!der Wind) (!ein Ast) (!eine Möwe)




Was hat laut V. 19 manches schon verbogen? (das Geld) (!das Meer) (!die Stadt) (!der Herbst)




Welche Form hat das Gedicht? (fünf Strophen mit je vier Versen) (!vier Strophen mit je fünf Versen) (!zwei Strophen mit je zehn Versen) (!eine Strophe mit zwanzig Versen)




Welche Deutung wird durch Stadt Fenster Bett Feder und Geld besonders gestützt? (Spannung zwischen Sehnsucht und Arbeitsalltag) (!Beschreibung eines Strandurlaubs) (!Bericht über eine Seefahrt) (!Lob des Großstadtverkehrs)





Memory

„sündhaft blauer Tag“ gesteigerte Wahrnehmung des schönen Herbsttags
Mansardenfenster Grenze zwischen Innenraum und Außenwelt
Strand Ort der Sehnsucht
Feder Schreiben und Arbeit
Geld wirtschaftlicher Druck
„müde, satt und matt“ Erschöpfung





Drag and Drop

Ordne die richtigen Begriffe zu. Beobachtung
Natur Meer und Strand
Großstadt Mansardenfenster
Erschöpfung müde satt und matt
Schreibarbeit Feder auf dem Bogen
Geldzwang hat manches verbogen





Kreuzworträtsel

Strand Wohin sehnt sich das lyrische Ich?
Fenster Wodurch nimmt das Ich die Außenwelt wahr?
Feder Was kratzt auf dem Bogen?
Herbst Welche Jahreszeit nennt der Titel?
Stadt Wo hockt das lyrische Ich?
Welle Was gehört zum vorgestellten Meer?





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Lückentext

Vervollständige den Text.
Das Gedicht besteht aus

Strophen. Jede Strophe hat

Verse. Das lyrische Ich sitzt in der großen

. Es blickt durch ein

. Seine Sehnsucht richtet sich auf den

. Die Zeile „müde, satt und matt“ zeigt seine

. Die kratzende

steht für Schreibarbeit. Das

erscheint als Kraft, die „manches schon verbogen“ hat.




Gestufte Hilfen

Hilfe 1 – Beobachten: Markiere nur Wörter, die zu Natur, Stadt oder Arbeit gehören.

Hilfe 2 – Belegen: Formuliere: „Das zeigt sich in V. …: ‚…‘.“

Hilfe 3 – Deuten: Verbinde Beobachtung und Wirkung: „Der Gegensatz zwischen … und … macht deutlich, dass …“

Hilfe 4 – Vertiefen: Prüfe, ob die Schlusswiederholung eher begeistert, ironisch oder resigniert wirkt. Begründe Deine Entscheidung mit mindestens zwei Versstellen.


Offene Aufgaben


Leicht

  1. Vorlesen: Nimm eine eigene Lesung der fünf Strophen auf. Begründe kurz, wie Du die Schlusszeile betonst.
  2. Zitatkarte: Wähle einen Vers und gestalte eine Textkarte. Erkläre in zwei Sätzen, warum der Vers wichtig ist.
  3. Gegensatz: Schreibe fünf Sätze über den Gegensatz zwischen Stadt und Strand.
  4. Wortfeld: Sammle Wörter aus dem Gedicht zu Natur, Erschöpfung und Arbeit und erläutere ihre Wirkung.


Standard

  1. Innerer Monolog: Schreibe einen kurzen inneren Monolog des lyrischen Ichs nach V. 12. Verwende mindestens zwei überprüfbare Textbezüge.
  2. Gedichtvergleich: Vergleiche Tucholskys Stadtbild mit einem expressionistischen Großstadtgedicht. Nenne eine Gemeinsamkeit und einen Unterschied.
  3. Klangprobe: Lies V. 9–12 in zwei verschiedenen Stimmungen vor und beschreibe, wie Betonung die Wirkung verändert.
  4. Bildanalyse: Vergleiche das Commons-Foto „Blick aus dem Fenster in Berlin“ mit V. 9–12. Trenne Beobachtung und Deutung.


Schwer

  1. Interpretationsabsatz: Prüfe die These „Der schöne Herbsttag macht die Unfreiheit des Ichs erst sichtbar.“ Schreibe einen Absatz mit mindestens drei Versbelegen.
  2. Epochenvergleich: Erkläre, welche Merkmale des Expressionismus passen und welche nicht. Vermeide eine pauschale Zuordnung.
  3. Form und Inhalt: Untersuche, wie der umarmende Reim zur Erfahrung von Begrenzung oder Geschlossenheit passen könnte.
  4. Schreibprojekt: Verfasse ein kurzes Gegenwartsgedicht über einen schönen Tag, den eine Person wegen Arbeit nicht genießen kann. Ergänze danach einen Kommentar zu Deinen formalen Entscheidungen.




Text bearbeiten Bild einfügen Video einbetten Interaktive Aufgaben erstellen



Lernkontrolle

  1. Raumkontrast: Erkläre, wie Stadt und Strand als Gegenräume aufgebaut werden. Nutze mindestens zwei genaue Versbelege.
  2. Rahmenstruktur: Untersuche die Wirkung der wiederholten Zeile „Das ist ein sündhaft blauer Tag!“ am Anfang und Ende.
  3. Arbeit und Geld: Deute V. 18–19 im Zusammenhang mit der Sehnsucht nach dem Strand.
  4. Bildsprache: Vergleiche die Wirkung von „sündhaft blauer Tag“ und „Luftgespenster“.
  5. Epochenurteil: Beurteile die Aussage „Schöner Herbst ist ein typisches expressionistisches Gedicht.“ Formuliere ein differenziertes Urteil.




Lernnachweis

Für einen Lernnachweis solltest Du zeigen, dass Du:

  1. Quellfassung, Lesefassung, Übersetzung und Interpretation unterscheiden kannst.
  2. genaue Versangaben und überprüfbare Zitate verwendest.
  3. lyrisches Sprechen, Form, Reim, Klang und Bildsprache beschreiben kannst.
  4. Beobachtung und Deutung voneinander trennst.
  5. den Gegensatz von Großstadt, Arbeit und Natur begründet interpretierst.
  6. den Epochenbezug zur Moderne und zum Expressionismus differenziert einordnest.




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