Allerseelen - Trakl, Georg - Gedichtanalyse
Zielgruppe: Klasse 9–10 und 11–13 | Fach: Deutsch | Thema: Lyrik der Moderne und des Expressionismus
Kurzbeschreibung: „Die Männlein, Weiblein, traurige Gesellen“ – Georg Trakls Gedicht „Allerseelen“ besteht aus 16 Versen. Du untersuchst Trauer, Tod, Sprache und Klang. Mit Originalquelle, Lesefassung, Lesequiz, Medien und drei Schreibaufgaben.
Einleitung
In „Allerseelen“ beschreibt Georg Trakl Menschen an Gräbern. Blumen und Lichter treffen auf Bilder von Angst, Verfall und Einsamkeit. Das Gedicht erschien 1913 im Band „Gedichte“.
Du lernst, Beobachtungen von Deutungen zu unterscheiden. Jede wichtige Aussage zur Gedichtanalyse soll durch einen Vers belegt werden.
Vorhandene Textseite: Gedicht – Allerseelen – Trakl, Georg

Georg Trakl, Aufnahme von 1910. Foto: C. P. Wagner, gemeinfrei.
Quellfassung und Lesefassung
Quellfassung von 1913
Die Quellfassung ist der historische Druck des Gedichts. Er erschien in „Gedichte“, Kurt Wolff Verlag, Leipzig 1913, Seite 26. Die Widmung „An Karl Hauer“ gehört nicht zu den 16 Versen.

Originalseite 26 der Ausgabe von 1913. Georg Trakl, gemeinfreier Originaltext und gemeinfreier Scan.
Quellen zum Vergleichen:
- Wikisource – geprüfte Transkription
- Wikimedia Commons – Originalseite
- Vorhandene Gedichtseite auf MOOCwiki
Wichtig: Wir verwenden die Schreibweise der historischen Ausgabe. In Vers 8 steht „in der Irre“. Andere Internetabschriften können abweichen.
Lesefassung mit Versnummern
Die Lesefassung macht die Verszählung sichtbar. Der Wortlaut bleibt unverändert. Lies jede Strophe zunächst langsam.
Georg Trakl: Allerseelen
An Karl Hauer
1 Die Männlein, Weiblein, traurige Gesellen,
2 Sie streuen heute Blumen blau und rot
3 Auf ihre Grüfte, die sich zag erhellen.
4 Sie tun wie arme Puppen vor dem Tod.
5 O! wie sie hier voll Angst und Demut scheinen,
6 Wie Schatten hinter schwarzen Büschen stehn.
7 Im Herbstwind klagt der Ungebornen Weinen,
8 Auch sieht man Lichter in der Irre gehn.
9 Das Seufzen Liebender haucht in Gezweigen
10 Und dort verwest die Mutter mit dem Kind.
11 Unwirklich scheinet der Lebendigen Reigen
12 Und wunderlich zerstreut im Abendwind.
13 Ihr Leben ist so wirr, voll trüber Plagen.
14 Erbarm’ dich Gott der Frauen Höll’ und Qual,
15 Und dieser hoffnungslosen Todesklagen.
16 Einsame wandeln still im Sternensaal.
Textgrundlage: Erstausgabe 1913, Seite 26; mit Wikisource abgeglichen. Die Versnummern wurden für den Unterricht ergänzt.
Übersetzung in heutiges Deutsch
Das Gedicht ist bereits deutsch. Deshalb folgt hier keine Übersetzung aus einer Fremdsprache, sondern eine sinngemäße Übertragung in einfache heutige Sprache. Sie ersetzt den Originaltext nicht.
Strophe 1: Menschen bringen Blumen zu Gräbern. Sie wirken klein und machtlos gegenüber dem Tod.
Strophe 2: Die Menschen haben Angst. Schatten, Herbstwind, Klagen und Lichter erzeugen eine unheimliche Stimmung.
Strophe 3: Liebe und Verwesung stehen nebeneinander. Selbst die lebenden Menschen wirken nicht mehr wirklich.
Strophe 4: Das Leben erscheint voller Leid. Eine Stimme bittet Gott um Erbarmen. Am Schluss bleiben Einsamkeit und ein rätselhaftes Sternenbild.
Gedichtanalyse
Inhalt und Aufbau
Das Gedicht zeigt keine klare Handlung mit Anfang und Ende. Stattdessen folgen mehrere bedrückende Bilder aufeinander.
- Verse 1–4: Blumen auf Gräbern und machtlose Menschen.
- Verse 5–8: Angst, Schatten, Weinen und wandernde Lichter.
- Verse 9–12: Liebe, Tod und unwirklich erscheinendes Leben.
- Verse 13–16: Lebensleid, Bitte an Gott und Einsamkeit.

Kerzen auf einem Friedhof in Newark, England. Foto: Laurence Goff, CC BY 3.0. Das Foto veranschaulicht das Totengedenken, zeigt aber nicht Trakls historischen Schauplatz.
Lyrisches Sprechen
Ein deutliches lyrisches Ich fehlt. Die Stimme beobachtet Menschen von außen. Das zeigen „Sie“ (V. 2) und „man“ (V. 8).
Doch die Stimme ist nicht gefühllos. Der Ausruf „O!“ (V. 5) zeigt Betroffenheit. In Vers 14 wird Gott um Erbarmen gebeten.
Deutung: Die Stimme schwankt zwischen Abstand, Mitleid und Verzweiflung.
Form und Klang
Das Gedicht besitzt vier Strophen mit jeweils vier Versen. Die Endreime bilden in jeder Strophe einen Kreuzreim.
Beispiel: „Gesellen“ – „rot“ – „erhellen“ – „Tod“ (V. 1–4). Das Muster lautet a-b-a-b.
Der Rhythmus wirkt oft regelmäßig und jambisch geprägt, hat aber Betonungsverschiebungen. Die feste Form steht im Gegensatz zu den unruhigen Bildern.
Zum Klang gehören Wörter wie „klagt“ (V. 7), „Seufzen“ (V. 9) und „Todesklagen“ (V. 15). Am Ende steht „still“ (V. 16). So führt die Klangwelt von Klage zur Stille.
Höraufgabe: Höre die Aufnahme von „Allerseelen“ bei LibriVox, Kapitel 20, gelesen von Sonia. Markiere die Verse, an denen Du beim Vorlesen eine Pause setzen würdest.
Wikimedia-Commons-Audio: Aussprache des Dichternamens
Sprecher: Jeuwre, 2026, CC BY-SA 4.0. Dieses Audio spricht nur den Namen aus und ist keine Gedichtlesung.
Weitere Rezitationen von Georg-Trakl-Gedichten – Lutz Görner:
Lyrik für Alle, Folge 119. Vergleiche die Vortragsweise mit der LibriVox-Lesung von „Allerseelen“. Es handelt sich nicht um eine gesicherte Einzelaufnahme dieses Gedichts.
Bildsprache und Stilmittel
Vergleich: „wie arme Puppen vor dem Tod“ (V. 4). Die Menschen wirken hilflos.
Unheimliches Bild: „der Ungebornen Weinen“ (V. 7). Selbst noch nicht Geborene werden mit Klage verbunden.
Harter Gegensatz: „verwest die Mutter mit dem Kind“ (V. 10). Dieses Bild des Todes steht neben dem Seufzen Liebender (V. 9).
Widersprüchliches Bild: „Unwirklich scheinet der Lebendigen Reigen“ (V. 11). Gerade die Lebenden erscheinen fremd.
Offenes Symbol: „Sternensaal“ (V. 16). Das Wort kann an Himmel, Ferne oder eine andere Wirklichkeit denken lassen. Es legt keine eindeutige Bedeutung fest.

Kerzenanimation von Qwestor, gemeinfrei. Beobachte, wie das Licht zugleich Hoffnung und Vergänglichkeit darstellen kann. Das ist eine mögliche Deutung, keine feste Bedeutung im Gedicht.
Moderne und Expressionismus
Expressionismus ist eine Richtung der literarischen Moderne. Um 1910 beschäftigten sich viele Dichter mit Angst, Entfremdung, Verfall und starken Gefühlen.
Trakls „Allerseelen“ erschien 1913, also vor dem Ersten Weltkrieg. Seine düsteren Bilder sind deshalb nicht automatisch als Bericht über diesen Krieg zu verstehen.
Typisch expressionistisch wirken die starken Gegensätze, die bedrohliche Stimmung und die ungewöhnlichen Bilder. Die feste Reimform zeigt aber: Auch expressionistische Gedichte können traditionelle Formen nutzen.
Lernvideo: Expressionistische Gedichte analysieren – Studyflix
Vertiefung: Georg Trakls Leben und Nachlass – Universität Innsbruck
Das zweite Video bietet Informationen über Trakls Nachlass und seine letzte Lebenszeit. Es ist keine Analyse von „Allerseelen“.
Interpretation: Drei Deutungsmöglichkeiten
1. Der Mensch ist machtlos. Der Vergleich mit den „armen Puppen“ (V. 4) macht den Menschen klein gegenüber dem Tod.
2. Leben und Tod verschwimmen. Der „Lebendigen Reigen“ erscheint „unwirklich“ (V. 11). Die Grenze zwischen beiden Zuständen wird unsicher.
3. Der Mensch sucht Trost. Die Bitte „Erbarm’ dich Gott“ (V. 14) und der „Sternensaal“ (V. 16) können als Suche nach Hoffnung gelesen werden. Ob Trost gefunden wird, bleibt offen.
Merke: Eine Interpretation ist keine Übersetzung. Sie erklärt eine mögliche Bedeutung mit passenden Zitaten und Versnummern.
Gestufte Hilfen
Hilfe 1 – Einstieg: Markiere in jeder Strophe ein Wort, das Angst, Trauer oder Tod ausdrückt.
Hilfe 2 – Untersuchung: Verbinde zwei Textstellen, zum Beispiel „arme Puppen“ (V. 4) und „Unwirklich“ (V. 11). Was haben sie gemeinsam?
Hilfe 3 – Deutung: Schreibe einen Satz nach dem Muster: „Das Bild … in Vers … könnte bedeuten, dass …, weil …“.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Lies die Verse bei jeder Frage nach. Die Fragen bilden ein zitiergestütztes Lesequiz.
Welche Farben haben die Blumen in Vers 2? (Blau und Rot) (!Grün und Gelb) (!Weiß und Schwarz) (!Gold und Silber)
Was tun die Menschen nach den Versen 1 bis 3? (Sie streuen Blumen auf Gräber) (!Sie verlassen eine Kirche) (!Sie tanzen auf einer Wiese) (!Sie schreiben Abschiedsbriefe)
Womit werden die Menschen in Vers 4 verglichen? (Mit armen Puppen) (!Mit starken Kriegern) (!Mit hellen Sternen) (!Mit wilden Tieren)
Welche Gefühle nennt Vers 5 ausdrücklich? (Angst und Demut) (!Freude und Stolz) (!Mut und Hoffnung) (!Liebe und Glück)
Was klagt nach Vers 7 im Herbstwind? (Das Weinen der Ungeborenen) (!Der Gesang der Vögel) (!Das Lachen der Kinder) (!Der Ruf eines Jägers)
Was wird in Vers 10 beschrieben? (Eine Mutter verwest mit dem Kind) (!Ein Kind pflückt rote Rosen) (!Ein Vater besucht sein Haus) (!Eine Mutter singt ein Lied)
Was erscheint in Vers 11 unwirklich? (Der Reigen der Lebendigen) (!Das Licht der Sonne) (!Der Klang der Kirchenglocken) (!Die Farbe der Blumen)
An wen richtet sich die Bitte in Vers 14? (An Gott) (!An den Herbstwind) (!An die Liebenden) (!An den Dichter)
Was ist die äußere Form des Gedichts? (Vier Strophen mit je vier Versen) (!Zwei Strophen mit je acht Versen) (!Vier Strophen mit je drei Versen) (!Ein einzelner Versblock ohne Reime)
Welches Reimschema haben die Verse 1 bis 4? (Kreuzreim) (!Paarreim) (!Umarmender Reim) (!Haufenreim)
Memory
| Kreuzreim | Abwechselnde Endreime |
| Puppenvergleich | Hilflosigkeit gegenüber dem Tod |
| Allerseelen | Gedenken an Verstorbene |
| Lyrisches Sprechen | Beobachtende Stimme |
| Gottesbitte | Wunsch nach Erbarmen |
| Sternensaal | Rätselhaftes Schlussbild |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Bedeutung im Gedicht |
|---|---|
| Blumenstreuen | Totengedenken |
| Puppenbild | Machtlosigkeit |
| Ungeborene | Rätselhafte Klage |
| Gottesanrufung | Bitte um Erbarmen |
| Sternensaal | Offenes Himmelsbild |
Kreuzworträtsel
| Allerseelen | Welcher Gedenktag gibt dem Gedicht seinen Titel? |
| Trakl | Wie heißt der Dichter mit Nachnamen? |
| Kreuzreim | Wie heißt das abwechselnde Reimschema? |
| Puppen | Womit werden die Menschen in Vers vier verglichen? |
| Weinen | Was klagt nach Vers sieben im Herbstwind? |
| Sternensaal | Wo wandeln die Einsamen im Schlussvers? |
LearningApps
Suche nach weiteren Übungen. Prüfe selbst, ob sie wirklich zu Trakls Gedicht passen.
Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht – Klasse 9 bis 10
- Stimmung beschreiben: Schreibe fünf bis sieben Sätze über die Friedhofsstimmung. Nutze mindestens zwei passende Wörter aus dem Gedicht und nenne die Verse.
Standard – Klasse 10 bis 12
- Zwei Bilder vergleichen: Schreibe eine Analyse von etwa 150 Wörtern. Vergleiche das Puppenbild in Vers 4 mit dem unwirklichen Reigen in Vers 11. Erkläre die gemeinsame Wirkung und zitiere beide Verse.
Schwer – Klasse 12 bis 13
- Eine Deutung begründen: Verfasse eine Interpretation von etwa 250 Wörtern. Prüfe, ob das Gedicht eher Hoffnung oder Verzweiflung ausdrückt. Verwende mindestens drei genaue Versbelege und berücksichtige eine mögliche Gegeninterpretation.


Lernkontrolle
- Perspektive: Erkläre, wie sich die Wirkung verändern würde, wenn die Stimme in der Ich-Form statt über „Sie“ und „man“ sprechen würde.
- Bildsprache: Vergleiche die Wirkung von „Blumen blau und rot“ (V. 2) mit dem Bild der Verwesung (V. 10). Warum könnte Trakl beide Bilder verbinden?
- Form und Inhalt: Begründe, wie die geordnete Reimform und die verstörenden Inhalte zusammenwirken.
- Deutungshypothese: Entwickle zwei verschiedene Deutungen des „Sternensaals“ (V. 16). Prüfe, welche weiteren Verse sie stützen.
- Literarischer Expressionismus: Erkläre an zwei Textstellen, warum das Gedicht zur Moderne passt. Zeige auch ein traditionelles Merkmal.
Lernnachweis
Für einen Lernnachweis zeigst Du, dass Du:
- Quellfassung, Lesefassung, vereinfachte Übertragung und Interpretation unterscheiden kannst.
- die 16 Verse sicher zitierst und richtige Versnummern nennst.
- lyrisches Sprechen, Strophenbau, Reim, Klang und Bildsprache untersuchst.
- mindestens zwei Deutungen mit Textbelegen begründest.
- eine eigene Gedichtanalyse mit Einleitung, Hauptteil und Schluss schreibst.
OERs zum Thema
Originaltext und historische Quelle:
- Wikisource: Allerseelen von Georg Trakl
- Bereits vorhandene MOOCwiki-Textseite
- Erstausgabe 1913 auf Wikimedia Commons
- LibriVox: Originalgedicht als Hörfassung, Kapitel 20
- Wissenschaftlicher Aufsatz: Wirklichkeit und Unwirklichkeit bei Georg Trakl
Wikipedia: Georg Trakl
Wikipedia: Gedichte von Georg Trakl
Mediennachweise, Lizenzen und Namensnennung
Die Wikimedia-Commons-Medien wurden anhand ihrer Dateiseiten ausgewählt. Sie wurden nicht neu erzeugt oder verändert.
- Porträt: C. P. Wagner, „Georg Trakl, 1910.jpg“, gemeinfrei. Quelle
- Originalscan: Georg Trakl, „De Trakl Gedichte 1913 26.jpg“, Originaldruck 1913, gemeinfrei, mechanischer Scan. Quelle
- Friedhofsfoto: Laurence Goff, „Candles placed at the graves during the All Souls' Day ceremony … (10).jpg“, CC BY 3.0, ohne Bearbeitung. Quelle
- Animation: Qwestor, „Animation candle flame.gif“, vom Urheber gemeinfrei freigegeben. Quelle
- Audio: Jeuwre, „De-Georg Trakl.ogg“, CC BY-SA 4.0, ohne Bearbeitung. Quelle
- Gedichtlesung: Sonia, LibriVox, „Allerseelen“, Kapitel 20. LibriVox veröffentlicht die Aufnahmen als gemeinfrei in den USA; Rechte außerhalb der USA sind gesondert zu beachten.
- YouTube: Studyflix, Lutz Görner und Universität Innsbruck. Die Videos werden nur eingebettet. Ihre Inhalte werden nicht als frei lizenzierte OER ausgegeben.
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