Deutsch · Abschnitt 2 von 16
Erstes Buch
1 Erstes Buch.
Vorlage S. 5 2 Inhalt. Weltschöpfung. Die vier Zeitalter. Giganten. Lycaon. Die große Flut. Deucalion und Pyrrha. Erneuerung der Thierwelt. Python. Daphne. Jo (Argus; Syrinx).
Vorlage S. 5 3 Lust wird rege zum Sang, wie sich Formen in andere Körper
Vorlage S. 5 4 Wandelten. Götter, o seid – ihr habt ja auch sie gewandelt –
Vorlage S. 5 5 Meinem Beginnen geneigt, und vom Uranfange der Schöpfung
Vorlage S. 5 6 Führt bis auf unsere Zeit des Gedichts fortlaufenden Faden.
Vorlage S. 5 7 Ehe denn Meer und Land und der alles bedeckende Himmel,
Vorlage S. 5 8 War in dem ganzen Bereich der Natur ein einziges Aussehn,
Vorlage S. 5 9 Das man Chaos genannt, ein verworrenes rohes Gemenge,
Vorlage S. 5 10 Anderes nicht als träges Gewicht und zwistige Keime
Vorlage S. 5 11 Trübe zu Einem gehäuft von lose verbundenen Stoffen
Vorlage S. 5 12 Noch goß kein Titan in das Weltall leuchtende Strahlen;
Vorlage S. 5 13 Noch nicht füllete aus durch Zuwachs Phöbe die Hörner;
Vorlage S. 5 14 Eignes Gewicht auch hielt noch nicht frei schwebend die Erde
Vorlage S. 5 15 In der umfließenden Luft; noch breitete Amphitrite
Vorlage S. 5 16 Nicht weithin an dem Rand daliegender Länder die Arme;
Vorlage S. 5 17 Da, wo Aether, alldort war Erdreich, Luft und Gewässer.
Vorlage S. 5 18 So war nicht zum Stehen das Land, zum Schwimmen die Woge;
Vorlage S. 5 19 Lichtes entbehrte die Luft; die Gestalt blieb keinem beständig.
Vorlage S. 5 20 Eins war feindlich im Wege dem Anderen, weil in der Masse
Vorlage S. 5 21 Kaltes im Streit stets lag mit Warmem, mit Trockenem Feuchtes,
Vorlage S. 5 22 Weiches mit Hartem und mit dem Gewichtigen das, was gewichtlos.
Vorlage S. 5 23 Aber dem Zwist gab Schlichtung ein Gott und die bessere Triebkraft;
Vorlage S. 5 24 Denn er schied von dem Himmel das Land und vom Lande die Wogen,
Vorlage S. 5 25 Und von der dunstigen Luft los trennt' er den lauteren Himmel.
Vorlage S. 5 26 Als er so sie entwirrt und dem finsteren Haufen entnommen,
Vorlage S. 5 27 Schloß er gesondert im Raum sie zusammen in friedlicher Eintracht.
Vorlage S. 5 28 Ohne Gewicht stieg auf lichtvoll des gewölbeten Himmels
Vorlage S. 5 29 Feurige Kraft und ersah sich die Statt in der obersten Höhe.
Vorlage S. 5 30 Ihr ist die Luft am nächsten im Raum und in Mangel der Schwere.
Vorlage S. 5 31 Dichter als sie zog an die gröberen Theile die Erde,
Vorlage S. 5 32 Niedergedrückt durch eignes Gewicht. Das umströmende Wasser
Vorlage S. 5 33 Wählte den äußersten Sitz und umschloß den gefestigten Erdkreis.
Vorlage S. 5 34 Wie er so das Gemisch, wer jener der Götter gewesen,
Vorlage S. 5 35 Ordnend hatte zertheilt und in Schichten gefügt das zertheilte,
Vorlage S. 5 36 Rundete er im Beginn, auf dass nach jeglicher Seite
Vorlage S. 5 37 Gleich sie wäre, zur Form großmächtiger Kugel die Erde.
Vorlage S. 5 38 Dann goß Fluten er aus und hieß sie von tobenden Winden
Vorlage S. 5 39 Schwellen und rings umfahn der umgürteten Erde Gestade;
Vorlage S. 6 40 Quellen gesellt' er dazu und Seen und unendliche Sümpfe
Vorlage S. 6 41 Und wies Flüssen die Bahn in den Grenzen gewundener Ufer,
Vorlage S. 6 42 Die in verschiedenem Lauf teils werden geschlürft von dem Grunde,
Vorlage S. 6 43 Theils hinkommen zum Meer, und empfangen vom offenen Felde
Vorlage S. 6 44 Freierer Flut anstatt der Ufer bespülen die Küsten.
Vorlage S. 6 45 Ebenen ließ er sich auch ausdehnen und Thäler sich senken,
Vorlage S. 6 46 Wälder sich decken mit Laub, aufsteigen die steinigen Berge.
Vorlage S. 6 47 Und wie den himmlischen Raum zwei Gürtel durchschneiden zur Rechten,
Vorlage S. 6 48 Links gleichviel und heißer als sie in der Mitte der fünfte,
Vorlage S. 6 49 So in die nämliche Zahl schied auch die geschlossene Masse
Vorlage S. 6 50 Sorglich der Gott, und es trägt gleich viele der Striche die Erde.
Vorlage S. 6 51 Der in der Mitte sich zieht, ist nicht vor Hitze bewohnbar;
Vorlage S. 6 52 Zwei deckt mächtiger Schnee; zwei legte er zwischen die beiden,
Vorlage S. 6 53 Denen er Mäßigung gab, mit der Glut die Kälte vermengend.
Vorlage S. 6 54 Darob schwebet die Luft, die lastender ist als das Feuer
Vorlage S. 6 55 Soviel, wie an Gewicht nachstehet der Erde das Wasser.
Vorlage S. 6 56 Dort hieß Nebel er auch, dort dunstige Wolken sich lagern
Vorlage S. 6 57 Sammt dem Donnergeroll, das menschliche Herzen erschrecke,
Vorlage S. 6 58 Und mit den Blitzen zugleich die Frost herführenden Winde.
Vorlage S. 6 59 Ihrem Gelüste jedoch gab nicht zum Schweifen den Luftraum
Vorlage S. 6 60 Frei der Besteller der Welt. Kaum wird jetzt ihnen gewehret,
Vorlage S. 6 61 Da in verschiedenem Strich sein Weh'n doch jeglicher richtet,
Vorlage S. 7 62 Dass sie zerreißen die Welt: so liegen in Hader die Brüder.
Vorlage S. 7 63 Fern zu Aurora entwich, gen Persien und Nabatäa
Vorlage S. 7 64 Und zu den Höhen der Ost, die stehen im Lichte des Morgens;
Vorlage S. 7 65 Abendlich Land und die Küsten gewärmt von der sinkenden Sonne
Vorlage S. 7 66 Liegen dem Weste zunächst; die Scythen befällt und die sieben
Vorlage S. 7 67 Stiere der schaurige Nord; durch unablässige Wolken
Vorlage S. 7 68 Näßt gegenüber das Land der regengeschwängerte Südwind.
Vorlage S. 7 69 Drobhin lagert' er dann den klar durchsichtigen Aether,
Vorlage S. 7 70 Der von Schwere befreit nichts hat von der irdischen Hefe.
Vorlage S. 7 71 Kaum nun hatt' er verzäunt das alles in sichere Grenzen,
Vorlage S. 7 72 Als die Gestirne, die lang sich gepresst in jenem Gemenge
Vorlage S. 7 73 Bargen, am Himmel umher glanzreich anhuben zu flimmern.
Vorlage S. 7 74 Jetzo, damit kein Raum ermangele seiner Bewohner,
Vorlage S. 7 75 Haben den himmlischen Sitz mit den Sternen die Göttergestalten;
Vorlage S. 7 76 Wohnstatt ward in den Wellen verlieh'n den glänzenden Fischen;
Vorlage S. 7 77 Thiere bekam das Land und Vögel der regsame Luftraum.
Vorlage S. 7 78 Aber es fehlete noch ein Geschöpf, das höher in Würde
Vorlage S. 7 79 Mit tiefdenkendem Geiste den anderen könnte gebieten.
Vorlage S. 7 80 Sieh, da wurde der Mensch, ob ihn aus göttlichem Samen
Vorlage S. 7 81 Machte der Bildner der Welt, der Urquell besserer Schöpfung,
Vorlage S. 7 82 Oder die Erd' im Beginn, die sich vom erhabenen Aether
Vorlage S. 7 83 Eben gelöst, noch Keime behielt gleichartigen Himmels
Vorlage S. 7 84 Und des Japetus Sohn sie gemengt mit fließenden Wellen
Vorlage S. 7 85 Bildete gleich der Gestalt der alles beherrschenden Götter.
Vorlage S. 7 86 Während die Erde gebückt ansehen die andern Geschöpfe,
Vorlage S. 8 87 Gab er erhabenes Gesicht dem Menschen und ließ ihn den Himmel
Vorlage S. 8 88 Schauen und richten empor zu den Sternen gewendet das Antlitz.
Vorlage S. 8 89 Also kleidete sich die völlig veränderte Erde,
Vorlage S. 8 90 Formlos eben und wüst, mit den neuen Gebilden der Menschen.
Vorlage S. 8 91 Erst nun sproßte von Gold das Geschlecht, das sonder Bewachung
Vorlage S. 8 92 Willig und ohne Gesetz ausübte das Recht und die Treue.
Vorlage S. 8 93 Strafe wie Furcht war fern; noch lasen sie drohende Worte
Vorlage S. 8 94 Nicht am gehefteten Erz; noch stand ein flehender Haufe
Vorlage S. 8 95 Bang vor des Richters Gesicht: Schutz hatten sie ohne den Richter.
Vorlage S. 8 96 Noch nicht hatte, gefällt auf heimischen Bergen, die Fichte,
Vorlage S. 8 97 Andere Welt zu seh'n, sich gesenkt in die flüssigen Wogen;
Vorlage S. 8 98 Noch von keinem Gestad', als dem ihrigen, wussten die Menschen.
Vorlage S. 8 99 Noch umgürteten nicht abschüssige Gräben die Städte;
Vorlage S. 8 100 Kein krummgehendes Horn und keine gestreifte Drommete
Vorlage S. 8 101 War, kein Helm, kein Schwert. In behaglicher Muße vergingen
Vorlage S. 8 102 Ohne des Kriegers Bedarf die Tage den sicheren Völkern.
Vorlage S. 8 103 Undienstbar und verschont von dem Karst und von schneidender Pflugschaar
Vorlage S. 8 104 Nimmer verletzt gab alles von selbst die gesegnete Erde,
Vorlage S. 8 105 Und mit Speisen begnügt, die zwanglos waren erwachsen,
Vorlage S. 8 106 Lasen sie Arbutusfrucht, Erdbeeren an sonniger Halde
Vorlage S. 8 107 Oder am rauhen Gerank Brombeeren und rothe Cornellen
Vorlage S. 8 108 Und von dem ästigen Baume des Jupiter fallende Eicheln.
Vorlage S. 9 109 Da war ewiger Lenz, und gelind mit lautem Gesäusel
Vorlage S. 9 110 Küsste die Blumen der West, die sprosseten ohne Besamung.
Vorlage S. 9 111 Nicht vom Pfluge bestellt trug bald auch Halme die Erde;
Vorlage S. 9 112 Ohne zu ruh'n ward grau von belasteten Aehren der Aecker.
Vorlage S. 9 113 Ströme von Milch nun wallten daher und Ströme von Nectar,
Vorlage S. 9 114 Und gelb tropfte herab von grünender Eiche der Honig.
Vorlage S. 9 115 Als nunmehr, da gestürzt in des Tartarus Dunkel Saturnus,
Vorlage S. 10 116 Jupiter lenkte die Welt, da folgte das silberne Alter,
Vorlage S. 10 117 Schlechter als Gold, im Werthe voraus dem röthlichen Erze.
Vorlage S. 10 118 Jupiter schmälerte nun die Zeit vormaligen Frühlings
Vorlage S. 10 119 Und ließ wandeln das Jahr durch Winter und ungleichmäß'gen
Vorlage S. 10 120 Herbst und flüchtigen Lenz und Glut vierfältig geschieden.
Vorlage S. 10 121 Jetzo geschah es zuerst, dass schwül von trockener Hitze
Vorlage S. 10 122 Brannte die Luft und das Eis starr hing von den Winden verdichtet.
Vorlage S. 10 123 Jetzo traten sie ein in Wohnungen. Wohnungen waren
Vorlage S. 10 124 Höhlen und dichtes Gesträuch und mit Bast verbundene Zweige.
Vorlage S. 10 125 Jetzo wurde zuerst in gezogenen Furchen der Ceres
Vorlage S. 10 126 Samen verscharrt, und vom Joche gedrückt aufseufzten die Rinder.
Vorlage S. 10 127 Drauf als drittes erwuchs nach ihnen das eherne Alter,
Vorlage S. 10 128 Wilder im Sinn und derb und den schrecklichen Waffen geneigter,
Vorlage S. 10 129 Aber verbrecherisch nicht. Hart ist das letzte von Eisen.
Vorlage S. 10 130 Jählings brachen herein in die Zeit von schlechterer Ader
Vorlage S. 10 131 Alle die Gräu'l; es entflohen die Scham und die Treu' und die Wahrheit,
Vorlage S. 10 132 Und an die Statt einzogen Betrug und tückische Falschheit,
Vorlage S. 10 133 Hinterlist und Gewalt und verruchte Begier des Besitzes.
Vorlage S. 10 134 Segel entfaltete nun der Schiffer den wenig bekannten
Vorlage S. 10 135 Winden, und Kiele, die lang auf hohen Gebirgen gestanden,
Vorlage S. 10 136 Schwammen geschaukelt umher auf nimmer befahrenen Wogen.
Vorlage S. 10 137 Fluren, zuvor wie die Luft und das Licht der Sonne gemeinsam,
Vorlage S. 11 138 Zeichnete jetzt mit begrenzendem Strich vorsichtig der Messer;
Vorlage S. 11 139 Und nicht wurde geheischt blos Saat und schuldige Nahrung
Vorlage S. 11 140 Von dem ergiebigen Feld: ein ging's in der Erde Geweide.
Vorlage S. 11 141 Schätze, die jene versteckt und stygischen Schatten genähert,
Vorlage S. 11 142 Werden gewühlt an's Licht, Anreizungen böser Gelüste.
Vorlage S. 11 143 Heillos Eisen bereits und Gold heilloser als Eisen
Vorlage S. 11 144 Stiegen herauf: auf steiget der Krieg, der streitet mit beidem
Vorlage S. 11 145 Und mit der blutigen Faust schlägt klirrende Waffen zusammen.
Vorlage S. 11 146 Lebensbedarf gibt Raub. Von dem Wirth der Gast, von dem Eidam
Vorlage S. 11 147 Selber der Schwäher bedroht; auch selten sind Brüder in Eintracht;
Vorlage S. 11 148 Tod gar sinnet der Mann dem Weib, wie diese dem Gatten;
Vorlage S. 11 149 Graunvoll brauen den Trank Stiefmütter von bleichendem Sturmhut;
Vorlage S. 11 150 Lang vor der Zeit schon forschet der Sohn nach den Jahren des Vaters.
Vorlage S. 11 151 Achtende Scheu ist dahin, und von blutbefeuchteten Ländern
Vorlage S. 11 152 Kehrte die Jungfrau heim Asträa, der Himmlischen letzte.
Vorlage S. 11 153 Dass nicht sicherer sei als die Erde die Höhe des Aethers,
Vorlage S. 11 154 Trachteten nun, wie man sagt, nach dem himmlischen Reich die Giganten,
Vorlage S. 11 155 Und zu den Sternen hinan aufthürmten sie mächtige Berge.
Vorlage S. 12 156 Da mit geschmettertem Blitz durchbrach der allmächtige Vater
Vorlage S. 12 157 Stracks den Olymp und schlug vom Pelion nieder den Ossa.
Vorlage S. 12 158 Als die entsetzliche Brut nun selbst von der Masse gedrückt lag,
Vorlage S. 12 159 Ward, von dem strömenden Blute der Söhne begossen, die Erde
Vorlage S. 12 160 Feucht – so kündet die Mähr – und belebte das warme Geblüte,
Vorlage S. 12 161 Und dass bliebe hinfort ein Denkmal ihres Geschlechtes,
Vorlage S. 12 162 Gab sie ihm Menschengestalt. Indeß auch diese Verfügung
Vorlage S. 12 163 Sprach den Himmlischen Hohn, nach gräßlichem Morde begierig
Vorlage S. 12 164 Und unbändigen Sinns: man ersah, sie stammten von Blute.
Vorlage S. 12 165 Wie von der Höhe der Burg das sah der saturnische Vater,
Vorlage S. 12 166 Seufzet er tief, und gedenk unlängst des scheuslichen Mahles
Vorlage S. 12 167 Am lycaonischen Tisch, das neu noch wenig bekannt war,
Vorlage S. 12 168 Fasst er gewaltigen Zorn im Gemüt, wie er Jupiters würdig,
Vorlage S. 12 169 Und er berufet den Rath. Kein Zögern verweilt die Geruf'nen.
Vorlage S. 12 170 Hoch geht droben ein Weg, bei heiterem Himmel bemerkbar,
Vorlage S. 12 171 Der, Milchstraße genannt, am Lichtglanz eben zu kennen.
Vorlage S. 13 172 Dort ist der Himmlischen Pfad zu des mächtigen Donnerers Wohnung
Vorlage S. 13 173 Und zu dem Königessitz. Mit Besuchen bei offenen Thüren
Vorlage S. 13 174 Füllen sich rechts und links die Säle der höheren Götter.
Vorlage S. 13 175 Niedere wohnen zerstreut allerorts. Stolz haben im Vorgrund
Vorlage S. 13 176 Ihre Penaten gesetzt die hehren Gewalten des Himmels.
Vorlage S. 13 177 Das ist der Ort, den wohl, wenn Worten gestattet die Kühnheit,
Vorlage S. 13 178 Ich des Himmels Palast mir möchte getrauen zu nennen.
Vorlage S. 13 179 Als in dem Marmorgemach nun saßen die oberen Götter,
Vorlage S. 13 180 Schüttelte höher an Platz und gestützt auf das helfene Scepter
Vorlage S. 13 181 Jupiter drei- viermal des Schrecken erregenden Haupthaars
Vorlage S. 13 182 Locken, davon sich gereget die Erde, das Meer, die Gestirne.
Vorlage S. 13 183 Also entströmte darauf unmuthigen Lippen die Rede:
Vorlage S. 13 184 »Mehr nicht hab' ich gezagt für die Weltherrschaft im Gemüte
Vorlage S. 13 185 Dazumal wie die Brut der Schlangenfüßler die hundert
Vorlage S. 13 186 Arme geregt und gehofft den eroberten Himmel zu greifen.
Vorlage S. 13 187 Denn, wie grimmig der Feind auch war, doch ruhte auf Einem
Vorlage S. 13 188 Haufen allein und Einem Geschlecht die erhobene Fehde.
Vorlage S. 13 189 Jetzo muss ich, soweit rings Nereus rauscht um den Erdkreis,
Vorlage S. 14 190 Weih'n dem Verderb das Menschengeschlecht. Bei den Fluten der Tiefe
Vorlage S. 14 191 Schwör' ich, die unter der Erd' hingleiten im stygischen Haine.
Vorlage S. 14 192 Erst sei alles versucht, doch nimmer zu heilende Wunde
Vorlage S. 14 193 Muss ausschneiden der Stahl, dass nicht das Gesunde verderbe.
Vorlage S. 14 194 Hab' ich doch auch Halbgötter und ländliche Mächte, die Nymphen,
Vorlage S. 14 195 Faune und Satyrvolk und Silvane die Berganwohner:
Vorlage S. 14 196 Diese, von uns noch nicht zu der Ehre des Himmels erhoben,
Vorlage S. 14 Kontextbild zum Werk. Historische Illustration zu „Metamorphosen“ — Werkbezogene Bildquelle; keine belegte Zuordnung zu der hier angezeigten einzelnen Textstelle. · [Metamorphoses. French] Ovidius Naso, Publius (firens) · Public domain Bildquelle ↗ 197 Sollten zum wenigsten frei die beschiedene Erde bewohnen.
Vorlage S. 14 198 Glaubt ihr aber genug, ihr Himmlischen, jene gesichert,
Vorlage S. 14 199 Da mir, der ja den Blitz, der euch stark hält in den Händen,
Vorlage S. 14 200 Lauernde Fallen gestellt der berüchtigte rohe Lycaon?«
Vorlage S. 14 201 Murren erhob sich umher, und mit glühendem Eifer verlangt man
Vorlage S. 14 202 Ihn, der solches gewagt. So, wenn ein verworfener Haufe
Vorlage S. 14 203 Trachtet zu tilgen im Blut des Cäsar den römischen Namen,
Vorlage S. 14 204 Steht von plötzlichem Schreck ob solchem erhabenen Sturze
Vorlage S. 14 205 Starr das Menschengeschlecht, und schaudernd entsetzt sich der Erdkreis;
Vorlage S. 15 206 Und nicht minder ist dir die Treue der Deinen, Augustus,
Vorlage S. 15 207 Lieb, als sie Jupiter war. Wie dieser dem wirren Gerede
Vorlage S. 15 208 Wehrte mit Wort und Hand, saß lautlos da die Versammlung.
Vorlage S. 15 209 Als nun ruhte der Lärm von des Herrschenden Würde beschwichtigt,
Vorlage S. 15 210 Da bricht wieder der Gott mit folgender Rede die Stille:
Vorlage S. 15 211 »Längst hat jener verbüßt – darum nicht sorget – die Strafe;
Vorlage S. 15 212 Welches jedoch das Vergeh'n, und welches die Rache, vernehmet.
Vorlage S. 15 213 Uns war böses Gerücht von der Zeit zu Ohren gedrungen:
Vorlage S. 15 214 Wünschend, es sei unwahr, entschweb' ich dem hohen Olympus
Vorlage S. 15 215 Und durchstreife die Erd', ein Gott im menschlichen Bilde.
Vorlage S. 15 216 Säumniß wär' es, wieviel allorts ich gefunden von Bosheit,
Vorlage S. 15 217 Aufzuzählen: zurück blieb hinter dem Wahren der Leumund.
Vorlage S. 15 218 Ueber des Wildes Versteck, den gefürchteten Mänalus, zog ich,
Vorlage S. 15 219 Ueber Cyllene hinaus und die Fichten des kalten Lycäus.
Vorlage S. 15 220 In's ungastliche Haus des wilden arcadischen Herrschers
Vorlage S. 15 221 Tret' ich sodann, da der Abend bereits mit der Dämmerung einbrach.
Vorlage S. 15 222 Zeichen verlieh ich, ein Gott sei nah, und zu beten begonnen
Vorlage S. 15 223 Hatte das Volk. Erst höhnet die frommen Gebete Lycaon; –
Vorlage S. 15 224 Bald: ›Ob dieser ein Gott, ob ein Sterblicher, will ich erproben –
Vorlage S. 15 225 Sprach er – zu klarem Beweis; unzweiflig entscheid' ich die Wahrheit.‹
Vorlage S. 15 226 Meuchlerisch mich bei Nacht im bannenden Schlummer zu morden
Vorlage S. 15 227 Trachtet er. Also beliebt ihm Probe zu halten der Wahrheit.
Vorlage S. 15 228 Nicht zufrieden damit durchschneidet er einem der Geiseln,
Vorlage S. 15 229 Die ihm das Volk der Molosser gesandt, mit dem Schwerte die Kehle,
Vorlage S. 15 230 Und so kocht' er zum Theil in siedendem Wasser die Glieder
Vorlage S. 15 231 Halb lebendig, zum Theil auch briet er sie über dem Feuer.
Vorlage S. 16 232 Wie er sie nun auftischt, da stürz' ich mit rächender Flamme
Vorlage S. 16 233 Nieder das Haus auf den Herrn und die gleich strafbaren Penaten.
Vorlage S. 16 234 Jener entfliehet geschreckt, und zur Stille des Feldes entkommen
Vorlage S. 16 235 Heulet er laut und versucht zu sprechen umsonst. Von ihm selber
Vorlage S. 16 236 Sammelt im Munde sich Wuth, und mit der gewohneten Mordgier
Vorlage S. 16 237 Bricht in die Heerden er ein, auch jetzt am Blute sich letzend.
Vorlage S. 16 238 Rauh in Haare verkehrt sich das Kleid, in Beine die Arme:
Vorlage S. 16 239 Wolf ist er nun und bewahrt noch Spuren der vorigen Bildung.
Vorlage S. 16 240 Noch ist dasselbige Grau, derselbige Trotz in den Zügen,
Vorlage S. 16 241 Ebenso funkelt der Blick, dasselbe Gebilde der Wildheit.
Vorlage S. 16 242 So ist gestürzt ein Haus; doch nicht war werth zu verderben
Vorlage S. 16 243 Eines allein: wo Erde sich dehnt, herrscht wilde Erinnys.
Vorlage S. 16 244 Jeder, so dächte man, schwor zum Vergeh'n. Auf alle denn falle
Vorlage S. 16 245 Ohne Verzug – so steht der Entschluss – die verwirkete Strafe!«
Vorlage S. 16 246 Jupiters Worte belobt ein Theil, und des Grollenden Ingrimm
Vorlage S. 16 247 Stacheln sie an; ein Theil stimmt zu durch Zeichen des Beifalls.
Vorlage S. 16 248 Allen jedoch weckt Schmerz der Verlust des Menschengeschlechtes:
Vorlage S. 16 249 Welch Aussehen hinfort, so fragen sie, werde die Erde
Vorlage S. 16 250 Zeigen, von Sterblichen leer? wer Weihrauch auf die Altäre
Vorlage S. 17 251 Streuen? ob reißendes Wild denn solle verheeren die Länder?
Vorlage S. 17 252 Doch den Besorgten verbeut – er werde des Weiteren walten –
Vorlage S. 17 253 Bang zu verzagen das Haupt des Unsterblichen, und er verheißet
Vorlage S. 17 254 Ungleich früherem Volk ein Geschlecht seltsamer Entstehung.
Vorlage S. 17 255 Und schon wollt' er den Blitz auf alle die Länder versenden,
Vorlage S. 17 256 Doch er besorgt, dass Feuer vielleicht der heilige Aether
Vorlage S. 17 257 Fange von soviel Glut, und brenne die Axe des Weltalls,
Vorlage S. 17 258 Und er erwägt, dass stehe verhängt, einst werde die Zeit sein,
Vorlage S. 17 259 Wo mit der Erde das Meer und die Feste des Himmels ergriffen
Vorlage S. 17 260 Stehen in Brand, und wanke der Welt mühvolles Gefüge.
Vorlage S. 17 261 Drum bleibt ruh'n das Geschoß von der Hand der Cyclopen geschmiedet.
Vorlage S. 17 262 Andere Strafe beliebt, das Menschengeschlecht zu vernichten
Vorlage S. 17 263 Unter der Flut und rings Platzregen zu gießen vom Himmel.
Vorlage S. 17 264 Schleunig verschließet er nun den Nord in des Aeolus Höhlen,
Vorlage S. 17 265 Alle die Winde dazu, die jagen verhüllende Wolken,
Vorlage S. 17 266 Und lässt schnauben den Süd. Der aber mit triefenden Schwingen
Vorlage S. 17 267 Stürmet hinaus, pechschwarz umschattet das schreckende Antlitz.
Vorlage S. 17 268 Schwer ist von Regen der Bart; Flut strömt vom graulichen Haupthaar;
Vorlage S. 17 269 Nebel benetzen die Stirn; nass tropfen die Brust und die Flügel.
Vorlage S. 17 270 Jetzt, wie er drückt mit der Hand die weithin hangenden Wolken,
Vorlage S. 17 271 Tönt ein Gekrach, und gedrängt nun stürzen von oben die Güsse
Vorlage S. 17 272 Juno's Botin im Schmuck des schillernden Farbengewandes,
Vorlage S. 17 273 Iris schöpfet die Flut und bringt Zuwachs dem Gewölke.
Vorlage S. 17 274 Niedergestreckt ist die Saat und des Landmanns sehnliche Hoffnung
Vorlage S. 18 275 Lieget beweint, und des Jahrs langwierige Müh ist verloren.
Vorlage S. 18 276 Jupiters Zorne genügt noch nicht sein Himmel: zum Beistand
Vorlage S. 18 277 Schickt mithelfende Flut nun auch sein bläulicher Bruder.
Vorlage S. 18 278 Dieser berufet die Ströme gesammt, und als sie gehorsam
Vorlage S. 18 279 Füllten des Königes Haus: »Nicht will ich mit langer Ermahnung –
Vorlage S. 18 280 Sprach er – vergeuden die Zeit: lasst strömen, soviel ihr vermöget.
Vorlage S. 18 281 Solches ist noth. Die Häuser erschließt und die Dämme beseitigt
Vorlage S. 18 282 Und lasst schießen zumal die Zügel den drängenden Wogen.«
Vorlage S. 18 283 So der Befehl. Sie geh'n und lockern den Quellen die Mündung,
Vorlage S. 18 284 Und nun wälzen sie sich mit entfesseltem Lauf in die Meerflut.
Vorlage S. 18 285 Aber den Dreizack stach er selbst in den Grund, und die Erde
Vorlage S. 18 286 Bebte vom Stoß und erschloss mit dem Ruck Auswege den Wassern.
Vorlage S. 18 287 Außer der Bahn nun stürzen durch offne Gefilde die Flüsse;
Vorlage S. 18 288 Saaten zugleich und Gehölz und Heerden und Männer und Häuser
Vorlage S. 18 289 Raffen sie mit und sammt den Gebilden die heiligen Kammern.
Vorlage S. 18 290 Wo noch stehet ein Bau, der solches Verderben vermochte
Vorlage S. 18 291 Unverrückt zu besteh'n, da geht doch höher die Woge
Vorlage S. 18 292 Ueber den First, und vom Strudel bedrängt verschwinden die Thürme.
Vorlage S. 18 293 Schon war zwischen der See und dem Land kein sichtlicher Abstand;
Vorlage S. 18 294 Alles umher war Meer, und das Meer war ohne Gestade.
Vorlage S. 18 295 Dieser erklimmet die Höh'; im gebogenen Nachen gesessen
Vorlage S. 18 296 Rudert der Andere dort, wo er unlängst hatte gepflüget;
Vorlage S. 18 297 Der schifft über die Saat und des untergegangenen Landguts
Vorlage S. 19 298 Firsten, und jener ergreift den Fisch im Wipfel der Ulme.
Vorlage S. 19 299 Zufall fügt, dass der Anker sich senkt auf grünende Wiese
Vorlage S. 19 300 Oder der bauchige Kiel anstreift an Rebengelände.
Vorlage S. 19 301 Wo noch eben sich Gras abrupfeten schmächtige Ziegen,
Vorlage S. 19 302 Strecken sich jetzt mit gedunsenem Leib unförmliche Robben.
Vorlage S. 19 303 Nereus' Töchter erstaunt sehn Haine und Häuser und Städte
Vorlage S. 19 304 Unter der Flut. Delphine durchziehen die Wälder und rennen
Vorlage S. 19 305 Wider das hohe Gezweig und schlagen die schwankenden Stämme.
Vorlage S. 19 306 Schafen gesellt schwimmt ängstlich der Wolf; gelbmähnige Löwen
Vorlage S. 19 307 Trägt und Tiger die Flut; nicht frommet dem Eber des Blitzes
Vorlage S. 19 308 Kraft, und der flüchtige Fuß hilft nichts dem entführeten Hirsche.
Vorlage S. 19 309 Wenn er lange gespäht nach Land, wo zu fußen vergönnt sei,
Vorlage S. 19 310 Fällt mit ermüdetem Flug in die See der schweifende Vogel.
Vorlage S. 19 311 Ueber die Hügel ergoß sich des Meeres unermessliche Willkür,
Vorlage S. 19 312 Und an die obersten Höh'n schlug brandend das neue Gewoge.
Vorlage S. 19 313 Wellen entraffen die Meisten, und deren geschonet die Wellen,
Vorlage S. 19 314 Diese bezwingt bei dürftiger Kost langwieriger Hunger.
Vorlage S. 19 315 Von der Aonier Volk trennt Phocis ätolische Fluren,
Vorlage S. 19 316 Fruchtbares Land, da es Land noch war, doch ein Theil von dem Meere
Vorlage S. 19 317 Dazumal und ein weites Gefild urplötzlicher Wasser.
Vorlage S. 19 318 Dort, Parnassus genannt, strebt hoch ein Berg zu den Sternen
Vorlage S. 19 319 Mit zweitheiligem Haupt und beherrscht mit dem Gipfel die Wolken.
Vorlage S. 19 320 Wie Deucalion hier – denn das Uebrige deckte die Meerflut –
Vorlage S. 19 321 Sammt dem vermähleten Weib anfuhr im gebrechlichen Nachen,
Vorlage S. 19 322 Beten sie an die Mächte des Bergs und corycische Nymphen
Vorlage S. 20 323 Und, die jetzt das Orakel besaß, die enthüllende Themis.
Vorlage S. 20 324 Nie war besser ein Mann als er und dem Rechten ergeb'ner;
Vorlage S. 20 325 Nie trug irgend ein Weib mehr Scheu als sie vor den Göttern.
Vorlage S. 20 326 Als nun Jupiter sieht in Morästen versumpfen den Erdkreis,
Vorlage S. 20 327 Und dass übrig verblieb von all den Tausenden Einer,
Vorlage S. 20 328 Und dass übrig verblieb von all den Tausenden Eine,
Vorlage S. 20 329 Beid' unsträflichen Sinns und beide Verehrer der Gottheit,
Vorlage S. 20 330 Theilt er die Wolken und zeigt, da der Regen verscheucht von dem Nordwind,
Vorlage S. 20 331 Wieder dem Himmel die Erd' und wieder den Aether der Erde.
Vorlage S. 20 332 Nicht bleibt zürnend die See. Hinlegend die zackige Waffe,
Vorlage S. 20 333 Glättet die Flut der Beherrscher des Meers, und den blaulichen Triton
Vorlage S. 20 334 Rufet er, der, an der Schulter bedeckt von hastenden Schnecken,
Vorlage S. 20 335 Ueber der Tiefe sich hebt, und heißt in die tönende Muschel
Vorlage S. 20 336 Blasen den Gott und heim mit gegebenem Zeichen bescheiden
Vorlage S. 20 337 Wogen und Ströme zumal. Der nimmt die hohle Drommete,
Vorlage S. 20 338 Welche gewunden sich dehnt in die Breite vom untersten Wirbel,
Vorlage S. 20 339 Jene Drommete, davon, wenn sie Luft in Mitten des Meeres
Vorlage S. 20 340 Aufnimmt, hallet der Strand, wo Phöbus sich senkt, wo er aufsteigt.
Vorlage S. 20 341 Jetzt auch, wie sie den Mund, der bethaut vom triefenden Barte,
Vorlage S. 20 342 Jenem berührt' und blies das Zeichen gebotenen Rückzugs,
Vorlage S. 20 343 Scholl sie zu allen gesammt, zu den Wellen des Landes und Meeres,
Vorlage S. 20 344 Und zu denen sie scholl, die alle gehorchten und standen.
Vorlage S. 20 345 Fallend verliert sich die Flut; auf scheinen zu tauchen die Hügel;
Vorlage S. 20 346 Schon hat Küsten das Meer; voll wallen im Bette die Ströme;
Vorlage S. 21 347 Boden ersteht, und es hebt sich das Land, wie die Wellen sich senken,
Vorlage S. 21 348 Und nach langem Verzug nun zeigen die Wälder entblößte
Vorlage S. 21 349 Wipfel und halten im Laub noch Schlamm, der haften geblieben.
Vorlage S. 21 350 Dastand wieder die Welt. Wie er leer sie sah und verlassen
Vorlage S. 21 351 Und das verödete Land in schauriges Schweigen versunken,
Vorlage S. 21 352 Sprach Deucalion so mit quellenden Thränen zu Pyrrha:
Vorlage S. 21 353 »Schwester und Ehegemahl, du einziges Weib auf der Erde,
Vorlage S. 21 354 Die mir verwandtes Geschlecht und vom Ahn die gemeinsame Herkunft,
Vorlage S. 21 355 Dann das Lager vereint, nun selber Gefahren vereinen:
Vorlage S. 21 356 Von den Gefilden zumal, die der Morgen bestrahlt und der Abend,
Vorlage S. 21 357 Sind wir beide das Volk. Das Uebrige raffte die Meerflut.
Vorlage S. 21 358 Und noch immer ist nicht die Bürgschaft unseres Lebens
Vorlage S. 21 359 Sicher genug; auch jetzt noch ängstigen Wolken die Seele.«
Vorlage S. 21 360 Wie, wenn dich das Geschick verschonete ohne den Gatten,
Vorlage S. 21 361 Wäre dir jetzt, du Arme, zu Muth? Wie könntest du einsam
Vorlage S. 21 362 Dann aushalten die Angst? Wer sollte dich trösten im Schmerze?
Vorlage S. 21 363 Ich – das glaube gewiss – wenn dich auch deckte die Meerflut,
Vorlage S. 21 364 Folgte dir nach, o Weib, und mich auch deckte die Meerflut.
Vorlage S. 21 365 ›Könnt' ich doch mit der Kunst des Vaters von neuem die Völker
Vorlage S. 21 366 Schaffen und lebenden Geist einflößen gestalteter Erde!
Vorlage S. 21 367 Nun ist übrig in uns den zweien die sterbliche Gattung –
Vorlage S. 21 368 So war Götterbeschluß – wir bleiben als Bilder von Menschen.‹
Vorlage S. 21 369 Sprach's und weinte mit ihr. Sie beschließen der himmlischen Gottheit
Vorlage S. 21 370 Betend zu nah'n und Rath zu erfleh'n durch heiligen Ausspruch.
Vorlage S. 21 371 Sonder Verzug geh'n beide zugleich an den Strom des Cephisus,
Vorlage S. 21 372 Der noch nicht sich geklärt, doch einhielt frühere Grenzen.
Vorlage S. 21 373 Als sie die Finger darauf in die Wellen getaucht und mit Tropfen
Vorlage S. 21 374 Kleider besprenget und Haupt, da lenkt zu der heiligen Göttin
Vorlage S. 21 375 Tempel die Schritte das Paar. Noch war an dem Hause der Giebel
Vorlage S. 22 376 Schmutzig von hässlichem Tang, und des Feuers entbehrte der Altar.
Vorlage S. 22 377 Wie an den Stufen sie nun anlangeten, warfen sich beide
Vorlage S. 22 378 Nieder, das kalte Gestein zu küssen mit bebendem Schauer,
Vorlage S. 22 379 Und so huben sie an: »Wenn Himmlische rührt und erweichet
Vorlage S. 22 380 Andachtsvolles Gebet, wenn göttliches Zürnen zu wenden;
Vorlage S. 22 381 Themis, so sprich: was sollen wir tun, den Verlust zu ersetzen
Vorlage S. 22 382 Unsres Geschlechts? Hilf, Gütigste, auf dem versunkenen Leben.«
Vorlage S. 22 383 Themis gerührt ertheilte den Spruch: »Weg gehet vom Tempel,
Vorlage S. 22 384 Hüllt euch beide das Haupt und lös't die gegürteten Kleider,
Vorlage S. 22 385 Und so werft das Gebein der großen Erzeugerin rückwärts.«
Vorlage S. 22 386 Lang hält Staunen sie starr; dann bricht mit der Stimme das Schweigen
Vorlage S. 22 387 Pyrrha zuerst und versagt dem Gebote der Göttin Gehorsam,
Vorlage S. 22 388 Und sie fleht um Erlass mit bebenden Lippen und schaudert
Vorlage S. 22 389 Durch das zerstreute Gebein zu kränken den Schatten der Mutter.
Vorlage S. 22 390 Beide erwägen indeß für sich des gegebenen Ausspruchs
Vorlage S. 22 391 Dunkel verschleierten Sinn und prüfen die Worte genauer.
Vorlage S. 22 Kontextbild zum Werk. Historische Illustration zu „Metamorphosen“ — Werkbezogene Bildquelle; keine belegte Zuordnung zu der hier angezeigten einzelnen Textstelle. · Godfried Maes · Public domain Bildquelle ↗ 392 Drauf mit tröstlichem Wort aufrichtend die Epimethide
Vorlage S. 22 393 Sagte Prometheus' Sohn: »Mich trügt entweder die Einsicht,
Vorlage S. 22 394 Oder der Spruch ist gerecht und räth kein sträflich Beginnen.
Vorlage S. 22 395 Zeugerin nennt er die Erd', und im Leibe der Erde die Steine,
Vorlage S. 22 396 Däucht mir, sind das Gebein; die sollen wir hinter uns werfen.«
Vorlage S. 22 397 Ob auch froh die Titane vernimmt des Gatten Enthüllung,
Vorlage S. 22 398 Doch ist ihr Hoffen verzagt. So sind misstrauisch die beiden
Vorlage S. 22 399 Gegen das Göttergebot. Doch was mag schaden die Probe?
Vorlage S. 22 400 Weg nun gehn sie und hüllen das Haupt und entgürten die Kleider;
Vorlage S. 22 401 Hinter sich werfen sie dann auf den Weg die geheißenen Steine.
Vorlage S. 22 402 Und das Gestein – wer glaubt' es, wofern nicht zeugte das Alter? –
Vorlage S. 22 403 Wird von der Spröde befreit und verlieret die starrende Härte,
Vorlage S. 22 404 Wird allmälig erweicht und beginnt sich erweicht zu gestalten.
Vorlage S. 22 405 Bald, wie es wachsend sich hob und zu milderem Wesen sich wandte,
Vorlage S. 22 406 Trat schon sichtlich hervor, doch noch undeutlich im Umriß,
Vorlage S. 23 407 Menschengestalt, gleichwie aus eben behauenem Marmor,
Vorlage S. 23 408 Nicht vollendet genug und ganz wie rohe Gebilde.
Vorlage S. 23 409 Was an den Steinen jedoch war feucht durchdrungen von Säften
Vorlage S. 23 410 Und was erdiger Stoff, das ward zum fleischigen Leibe;
Vorlage S. 23 411 Aber was unbeugsam und fest, geht über in Knochen,
Vorlage S. 23 412 Und was Ader zuvor, das bleibt mit dem selbigen Namen.
Vorlage S. 23 413 Kurz nur währte die Frist, da gewann durch göttliche Fügung
Vorlage S. 23 414 Alles Gestein, das der Mann entsendete, männliches Antlitz,
Vorlage S. 23 415 Während vom weiblichen Wurf ein Weib neu trat in das Leben.
Vorlage S. 23 416 Davon sind wir ein hartes Geschlecht, ausharrend in Mühsal,
Vorlage S. 23 417 Und wir geben Beweis, woher wir genommen den Ursprung.
Vorlage S. 23 418 Drauf von sich selber gebar die Erde die andern Geschöpfe
Vorlage S. 23 419 Mannigfaltiger Art, als warm von dem Feuer der Sonne
Vorlage S. 23 420 Ward das verbliebene Nass, und der Schlamm und die wässrigen Sümpfe
Vorlage S. 23 421 Schwollen von Hitze gespannt, und befruchtete Keime der Wesen,
Vorlage S. 23 422 Wie in dem Schooße der Mutter genährt vom belebenden Boden,
Vorlage S. 23 423 Wuchsen und mehr und mehr in feste Gestalt sich begaben.
Vorlage S. 23 424 Also, wenn sich verliert von den nassen Gefilden des Nilus
Vorlage S. 23 425 Siebenmündiger Strom und zum früheren Bette zurückkehrt
Vorlage S. 23 426 Und von dem Aethergestirn der frische Morast sich erhitzet,
Vorlage S. 23 427 Trifft zahlreiches Gethier in gewendeten Schollen der Landmann
Vorlage S. 23 428 Und sieht manche davon erst eben begonnen, gerade
Vorlage S. 23 429 Während der Zeit der Geburt, und andere in der Entwicklung
Vorlage S. 24 430 Noch nicht fertig gediehn; oft ist an dem selbigen Körper
Vorlage S. 24 431 Lebend bereits ein Theil, der andere klumpige Erde.
Vorlage S. 24 432 Denn wo Feuchte gewinnt und Wärme die richtige Mischung,
Vorlage S. 24 433 Wird empfangen die Frucht, und alles entsteht von den beiden.
Vorlage S. 24 434 Während das Feuer im Streit mit dem Nass, bringt dunstiger Brodem
Vorlage S. 24 435 Alles hervor, und der Zeugung ist hold zwieträchtige Eintracht.
Vorlage S. 24 436 Wie nunmehr, von der neulichen Flut noch schlammig, die Erde
Vorlage S. 24 437 Von dem ätherischen Strahl und den Gluten der Höhe gewärmt war,
Vorlage S. 24 438 Brachte sie Arten hervor unzählige, und sie erneute
Vorlage S. 24 439 Alte Gebilde zum Theil, teils zeugte sie neue Geschöpfe.
Vorlage S. 24 440 Zwar ihr war's zum Leid, doch dich auch, mächtiger Python,
Vorlage S. 24 441 Zeugte sie jetzt, und dem neuen Geschlecht, unförmliche Schlange,
Vorlage S. 24 442 Warst du ein Graun: soviel einnahmest du Raum an dem Berge.
Vorlage S. 24 443 Aber der schießende Gott, der nimmer die Waffe des Bogens
Vorlage S. 24 444 Brauchte zuvor, als nur bei Hirschen und flüchtigen Rehen,
Vorlage S. 24 445 Streckt' ihn hin zahllos mit Geschossen beschwert, da der Köcher
Vorlage S. 24 446 Fast sich erschöpft, und das Gift floss aus durch schwärzliche Wunden.
Vorlage S. 24 447 Und dass nimmer den Ruhm des Werkes vertilge das Alter,
Vorlage S. 24 448 Stiftet' ein heiliges Fest mit gefeierten Kämpfen Apollo,
Vorlage S. 24 449 Von dem gebändigten Thiere die pythischen Spiele geheißen.
Vorlage S. 24 450 Wer von den Jünglingen dort mit der Faust, mit den Füßen, dem Rade
Vorlage S. 24 451 Hatte gesiegt, empfing die Ehre des eichenen Laubes.
Vorlage S. 24 452 Lorbeer war noch nicht, und von jeglichem Baume bekränzte
Vorlage S. 24 453 Seine von wallendem Haar anmuthigen Schläfe sich Phöbus.
Vorlage S. 25 454 Phöbus liebte zuerst die peneische Daphne, wofür nicht
Vorlage S. 25 455 Blindes Geschick ihn entflammt, nein rächender Zorn des Cupido.
Vorlage S. 25 456 Denn jüngst hatte gesehn, wie die Hörner er bog am gespannten
Vorlage S. 25 457 Strange der delische Gott, noch stolz auf der Schlange Besiegung.
Vorlage S. 25 458 »Was soll kräftige Wehr bei dir, muthwilliger Knabe? –
Vorlage S. 25 459 Spottet' er – solches Geräth ist unseren Schultern geziemend,
Vorlage S. 25 460 Die wir sicher das Wild wie den Feind zu treffen verstehen,
Vorlage S. 25 461 Die wir Python erlegt, der gebläht mit dem giftigen Bauche
Vorlage S. 25 462 So viel' Hufen beschwert, unlängst mit unzähligen Pfeilen.
Vorlage S. 25 463 Wenn du entfachst mit der Fackel ich weiß nicht welches Verlangen,
Vorlage S. 25 464 Lass' es Genüge dir sein: nicht eigne dir unseren Ruhm an!«
Vorlage S. 25 465 Venus' Knabe versetzt: »Dein Bogen, o Phöbus, erreiche
Vorlage S. 25 466 Alles, der meinige dich! So weit vor dem Gott die Geschöpfe
Vorlage S. 25 467 Weichen gesammt, so weit steht dein Ruhm unter dem meinen.«
Vorlage S. 25 468 Sprach's und säumete nicht und theilete rasch mit bewegten
Vorlage S. 25 469 Schwingen die Luft und stand auf der schattigen Höh' des Parnassus.
Vorlage S. 25 470 Zwei der Geschosse entnimmt er dem pfeilumschließenden Köcher,
Vorlage S. 25 471 Ungleichartig an Kraft. Eins scheucht, eins wecket die Liebe.
Vorlage S. 25 472 Welches sie weckt, ist golden und glänzt mit spitziger Schärfe;
Vorlage S. 25 473 Welches sie scheucht, ist stumpf, und Blei ist unter dem Rohre.
Vorlage S. 25 474 Dieses versendet der Gott zur peneischen Nymphe; das andre
Vorlage S. 25 475 Schnellet er durch das Gebein in's innerste Mark dem Apollo.
Vorlage S. 25 476 Der fühlt Liebe sogleich; sie flieht vor des Liebenden Namen:
Vorlage S. 25 477 Nun an der Wälder Versteck und am Fang des erbeuteten Wildes
Vorlage S. 25 478 Findet sie Lust nach dem Bilde der stets jungfräulichen Phöbe.
Vorlage S. 25 479 Fesselnd schlang sich ein Band um das kunstlos liegende Haupthaar.
Vorlage S. 25 480 Viele wohl warben um sie; doch jene den Werbenden abhold,
Vorlage S. 26 481 Flüchtig und scheu vor dem Mann, durchstreift Einöden der Wälder,
Vorlage S. 26 482 Und sie bekümmert sich nicht um Hymen und Amor und Ehe.
Vorlage S. 26 483 »Tochter – ermahnte sie oft ihr Vater – ich harre des Eidams.«
Vorlage S. 26 484 »Tochter – ermahnte sie oft ihr Vater – du schuldest mir Enkel.«
Vorlage S. 26 485 Sie, der wie ein Vergehn hochzeitliche Fackeln verhaßt sind,
Vorlage S. 26 486 Steht im schönen Gesicht von züchtiger Röthe begossen,
Vorlage S. 26 487 Und mit schmeichelndem Arm umschlingend den Nacken des Vaters
Vorlage S. 26 488 Bittet sie: »Wehre mir nicht, jungfräulich, geliebtester Vater,
Vorlage S. 26 489 Immer zu sein. Einst hat es Dianen vergönnt der Erzeuger.«
Vorlage S. 26 490 Jener gestattet es zwar; doch nicht lässt sein dich der Liebreiz,
Vorlage S. 26 491 Was du begehrst, und deine Gestalt wehrt deinem Verlangen.
Vorlage S. 26 492 Phöbus liebt und ersehnt der geschaueten Daphne Umarmung
Vorlage S. 26 493 Und hofft, was er ersehnt. Ihn trügt sein eignes Orakel.
Vorlage S. 26 494 So wie der Aehren beraubt verbrennen die nichtigen Stoppeln,
Vorlage S. 26 495 Wie von der Fackel der Zaun aufflammt, die ein Wanderer sorglos
Vorlage S. 26 496 Näherte oder vielleicht in der Frühe des Morgens zurückließ:
Vorlage S. 26 497 So ist entfacht zur Flamme der Gott, und im ganzen Gemüte
Vorlage S. 26 498 Lodert er auf und nährt die vergebliche Liebe mit Hoffnung.
Vorlage S. 26 499 Kunstlos sieht er das Haar ihr hangen im Nacken und denket:
Vorlage S. 26 500 »Wie, wenn es wäre gepflegt?« Die Augen, von Feuer erglänzend,
Vorlage S. 26 501 Schauet er licht wie Gestirn. Er schauet den Mund, und Genüge
Vorlage S. 26 502 Findet er nicht vom Schau'n. Er preiset die Finger und Hände,
Vorlage S. 26 503 Preiset den Arm und die Achsel entblößt bis über die Hälfte.
Vorlage S. 26 504 Was sich verbirgt, dünkt schöner ihm noch. Sie flieht wie ein Lufthauch
Vorlage S. 26 505 Schwebend davon und steht nicht still, wie er solches ihr nachruft:
Vorlage S. 27 506 »Nymphe, du Kind des Peneus, verzieh! Nicht folg' ich ein Feind dir.
Vorlage S. 27 507 Nymphe, verzieh! So fliehet das Lamm vor dem Wolf, vor dem Löwen
Vorlage S. 27 508 Also der Hirsch, vor dem Aar mit zitternder Schwinge die Taube,
Vorlage S. 27 509 Jedes vom Feinde gescheucht. Mich nöthiget Liebe zu folgen.
Vorlage S. 27 510 Ach, wenn du nur nicht fällst, und den Fuß unwerth der Verletzung
Vorlage S. 27 511 Nur nicht ritzet ein Dorn, und Schmerz durch mich du erleidest!
Vorlage S. 27 512 Rauh ist der Weg, auf welchem du eilst. Sei mäßig im Laufe –
Vorlage S. 27 513 Höre mich – hemme die Flucht! Selbst will ich dir mäßiger folgen.
Vorlage S. 27 514 Wem du gefällst, erforsche doch erst. Kein Mann vom Gebirge
Vorlage S. 27 515 Bin ich oder ein Hirt; nicht hab' ich auf Rinder noch Schafe
Vorlage S. 27 516 Acht hier lässig in Tracht. Du weißt nicht, Thörin, du weißt nicht,
Vorlage S. 27 517 Wem du entfliehst; drum fliehest du nur. Die delphische Landschaft,
Vorlage S. 27 518 Tenedos huldiget mir und Claros und Patara's Hofburg.
Vorlage S. 27 519 Jupiter hat mich gezeugt. Durch mich wird kund, was gewesen,
Vorlage S. 27 520 Was sein wird und was ist. Durch mich stimmt Sang zu den Saiten.
Vorlage S. 27 521 Sicher ist unser Geschoß; doch sicherer trifft wie das unsre
Vorlage S. 27 522 Eins noch, welches mir schlug im ruhigen Busen die Wunde.
Vorlage S. 27 523 Heilende Kunst ist erfunden von mir, und Helfer auf Erden
Vorlage S. 27 524 Werd' ich genannt, und uns sind dienstbar Kräfte der Kräuter.
Vorlage S. 27 525 Ach dass keines vermag von den Kräutern die Liebe zu heilen,
Vorlage S. 27 526 Und dem Besitzer die Kunst nicht nützt, die jeglichem nützet!«
Vorlage S. 27 527 Mehr noch hätt' er gesagt; doch ängstlich entflohe des Peneus
Vorlage S. 27 528 Tochter und ließ ihn selbst und die unvollendete Rede,
Vorlage S. 27 529 Reizend zu sehn auch da. Den Körper enthüllten die Winde,
Vorlage S. 27 530 Und das Gewand ward flatternd bewegt vom begegnenden Hauche,
Vorlage S. 27 531 Und das gehobene Haar trieb rückwärts drängender Luftzug.
Vorlage S. 28 532 Flucht zeigt schöner den Wuchs. Da mag der unsterbliche Jüngling
Vorlage S. 28 533 Nicht mehr schmeichelndes Wort aufwenden, und wie ihn Cupido
Vorlage S. 28 534 Selbst antrieb, so folgt er beschleunigten Laufes den Schritten.
Vorlage S. 28 535 Wie wenn im offenen Felde den Hasen der gallische Spürhund
Vorlage S. 28 536 Schauet, und dieser mit Hast nach dem Fang strebt, jener nach Rettung;
Vorlage S. 28 537 Immer erscheint einholend der Hund, jetzt ihn zu packen
Vorlage S. 28 538 Hofft er und streift ganz nah mit der schnappenden Schnauze die Läufe;
Vorlage S. 28 539 Jener vermeinet bestürzt, schon sei er gefangen, und reißt sich
Vorlage S. 28 540 Los von dem beißenden Zahn und verlässt den berührenden Rachen:
Vorlage S. 28 541 So ist eilig in Furcht die Dirne, der Gott in Erwartung.
Vorlage S. 28 542 Doch der Verfolgende rennt, von den Fittigen Amors gefördert,
Vorlage S. 28 543 Schneller und gönnt nicht Rast, und dicht an der Fliehenden Rücken
Vorlage S. 28 544 Ist er gebeugt und behaucht im Nacken das fliegende Haupthaar.
Vorlage S. 28 545 Nun, da versagte die Kraft, erblaßte sie, und von der Mühsal
Vorlage S. 28 546 Flüchtigen Laufes erschöpft, die peneischen Wellen gewahrend,
Vorlage S. 28 547 Flehte sie: »Vater, ach hilf, wenn Macht euch Strömen gegeben!
Vorlage S. 28 548 (Wandele diese Gestalt, darin zu sehr ich gefallen.)«
Vorlage S. 28 549 Wie sie kaum es erfleht, fasst starrende Lähmung die Glieder,
Vorlage S. 28 550 Und mit geschmeidigem Bast umzieht sich der schwellende Busen.
Vorlage S. 28 551 Grünend erwachsen zu Laub die Haare, zu Aesten die Arme;
Vorlage S. 28 552 Fest hängt, jüngst noch flink, ihr Fuß an trägem Gewurzel!
Vorlage S. 28 553 Wipfel verdeckt das Gesicht; nichts bleibt wie die glänzende Schönheit.
Vorlage S. 28 554 So auch liebt sie der Gott. Au den Stamm die Rechte gehalten
Vorlage S. 28 555 Fühlt er, wie noch aufbebt in der bergenden Rinde der Busen,
Vorlage S. 28 556 Und mit den Armen die Aest', als wären es Glieder, umfangend,
Vorlage S. 28 557 Gibt er Küsse dem Holz. Den Küssen entzieht sich das Holz auch.
Vorlage S. 28 558 »Weil du – sprach er sodann – nicht mein kannst werden als Gattin,
Vorlage S. 28 559 Werde denn mein als Baum. Dich soll nun ständig die Leier,
Vorlage S. 28 560 Dich soll tragen das Haar, dich ständig der Köcher, o Lorbeer!
Vorlage S. 28 561 Latiums Führern gesellt sei du, wenn fröhliche Stimmen
Vorlage S. 29 562 Jubeln Triumph, und zum Capitol lang wallet der Festzug.
Vorlage S. 29 563 Treulicher Wächter zugleich den augustischen Pfosten in Zukunft
Vorlage S. 29 564 Sollst du stehn vor dem Thor und in Mitten die Eiche behüten.
Vorlage S. 29 565 Und wie jugendlich trägt mein Haupt frei wachsende Locken,
Vorlage S. 29 566 Halte du fort und fort die beständige Zierde des Laubes.«
Vorlage S. 29 567 Päan hatt' es gesagt. Der Lorbeer nickte mit jungen
Vorlage S. 29 568 Zweigen dazu und schien wie ein Haupt zu bewegen den Wipfel.
Vorlage S. 29 569 In Hämonien liegt, von bewaldeten Steilen umschlossen,
Vorlage S. 29 570 Tempe genannt ein Hain, durch welchen vom unteren Pindus
Vorlage S. 29 571 Strömend zu Thal sich wälzt in schaumigen Wellen Peneus
Vorlage S. 29 572 Und im gewichtigen Fall mit flüchtigen Dämpfen getränkte
Vorlage S. 29 573 Wolken erregt und die Wipfel umher mit spritzendem Regen
Vorlage S. 29 574 Netzet und mit dem Gebraus nicht blos das Nahe betäubet.
Vorlage S. 29 575 Hier ist das Haus und der Sitz, hier sind die Gemächer des großen
Vorlage S. 29 576 Stromgotts. Hausend allhier in der felsumwölbeten Grotte
Vorlage S. 29 577 Gab er den Wellen Gesetz und den Wellen bewohnenden Nymphen.
Vorlage S. 29 578 Dorthin kamen zuerst zusammen die heimischen Flüsse,
Vorlage S. 30 579 Zweifelnd im Sinn, ob sie Trost, ob Glückwunsch brächten dem Vater,
Vorlage S. 30 580 Pappelumlaubt Spercheos und rastlos immer Enipeus,
Vorlage S. 30 581 Greis Apidanus auch und der sanfte Amphrysos und Aeas;
Vorlage S. 30 582 Andere Ströme sodann, die, wo das Gelüste sie hintreibt,
Vorlage S. 30 583 Führen hinab zum Meer vom Irren ermüdete Wellen.
Vorlage S. 30 584 Inachus nur ist fern. In der untersten Grotte verborgen,
Vorlage S. 30 585 Mehrt er mit Zähren die Flut; denn Jo betrauert der Aermste
Vorlage S. 30 586 Als ein verlorenes Kind. Er weiß nicht, ob sie am Leben,
Vorlage S. 30 Kontextbild zum Werk. Historische Darstellung von Ovid — Spätere künstlerische Darstellung; kein gesichertes Bildnis aus dem Leben. · Luca Signorelli · Public domain Bildquelle ↗ 587 Ob bei den Manen sie sei; doch sie, die er nirgends gefunden,
Vorlage S. 30 588 Scheint ihm nirgends zu sein, und er fürchtet im Herzen das Schlimmste.
Vorlage S. 30 589 Jupiter hatt' unlängst, wie sie kehrte vom Strome des Vaters,
Vorlage S. 30 590 Jene geschaut und gesagt: »O Jungfrau Jupiters würdig,
Vorlage S. 30 591 Die einst liebend beglückt, ich weiß nicht wen, in den Schatten
Vorlage S. 30 592 Komm zum stämmigen Hain – und er wies nach dem Schatten des Haines –,
Vorlage S. 30 593 Da Glut sendet zunächst in die Mitte des Kreises die Sonne.
Vorlage S. 30 594 Hegest du Scheu allein zu betreten die Schlüfte des Wildes,
Vorlage S. 30 595 Sicher geleitet ein Gott dich hinein in die Tiefe des Waldes,
Vorlage S. 30 596 Und kein niedriger Gott, nein, welcher das himmlische Scepter
Vorlage S. 30 597 Hält in gewaltiger Hand und zuckende Blitze versendet.
Vorlage S. 30 598 Fliehe mich nicht!« Denn sie floh. Hinweg schon über die Weiden
Vorlage S. 30 599 Lerna's war sie geeilt und Lyrcea's waldige Fluren:
Vorlage S. 30 600 Da umhüllte der Gott mit bergendem Dunkel die Lande
Vorlage S. 30 601 Weit und breit und hemmte die Flucht und nahm ihr die Ehre.
Vorlage S. 30 602 Grad' auf die Felder hinab sah Juno indeß von der Höhe
Vorlage S. 30 603 Und war höchlich erstaunt, dass Nacht am heiteren Tage
Vorlage S. 30 604 Flüchtige Nebel gebracht. Wohl merkte sie, dass sich die Dünste
Vorlage S. 30 605 Weder entwanden dem Fluss, noch stiegen vom wässrigen Boden,
Vorlage S. 30 606 Und nach dem Ehegemahl sucht rings ihr spähendes Auge,
Vorlage S. 31 607 Da ihr die Schliche bekannt des öfter betroffenen Gatten.
Vorlage S. 31 608 Wie sie ihn nicht im Himmel entdeckt: »Ich irre mich – sprach sie –
Vorlage S. 31 609 Oder ich werde gekränkt.« Und der Höhe des Aethers entglitten,
Vorlage S. 31 610 Hatte sie Stand auf der Erd' und hieß sich entfernen die Nebel.
Vorlage S. 31 611 Doch er hatte geahnet der Gattin Besuch und gewandelt
Vorlage S. 31 612 Inachus' Tochter zuvor in Gestalt weiß glänzender Färse.
Vorlage S. 31 613 Auch als Kuh ist sie schön. Die saturnische Göttin, ob ungern,
Vorlage S. 31 614 Preiset das stattliche Rind, und sie fragt, unkundig erscheinend,
Vorlage S. 31 615 Wessen es sei und woher und wohin zur Heerde gehörig.
Vorlage S. 31 616 Dass sie die Erde gezeugt, lügt Jupiter, weiterem Forschen,
Vorlage S. 31 617 Wie sie entstand, zu entgehn. Zum Geschenke begehret sie Juno.
Vorlage S. 31 618 Was nun tun? Hart wär' es, hinweg die Geliebte zu geben;
Vorlage S. 31 619 Weigerung regte Verdacht. Hier ist es die Scham, die ihm zuräth;
Vorlage S. 31 620 Dort räth Liebe ihm ab. Scham wäre gewichen vor Liebe:
Vorlage S. 31 621 Doch wenn das leichte Geschenk der Genossin des Stamms und des Lagers
Vorlage S. 31 622 Würde versaget, die Kuh, nicht Kuh dann möchte sie scheinen.
Vorlage S. 31 623 Als er die Buhle geschenkt, war frei doch nicht von Besorgniß
Vorlage S. 31 624 Juno sogleich, denn sie scheute den Gott und bangte vor Diebstahl,
Vorlage S. 31 625 Bis sie den Argus bestellt zum Hüter, den Sohn des Arestor.
Vorlage S. 31 626 Hundert Augen zugleich trug Argus am Haupt in der Runde:
Vorlage S. 31 627 Immer ergaben sich zwei in wechselnder Folge dem Schlummer,
Vorlage S. 31 628 Während die anderen all' achtsam auf dem Posten verblieben.
Vorlage S. 31 629 Wie er den Stand auch immer gewählt, er schaute nach Jo;
Vorlage S. 31 630 Jo stand vor dem Blick, auch wenn er gewendet das Antlitz.
Vorlage S. 31 631 Weiden darf sie am Tag; ist unter der Erde die Sonne,
Vorlage S. 31 632 Schließt er sie ein und legt um den Hals unwürdige Bande.
Vorlage S. 31 633 Nahrung ist ihr das Laub von den Bäumen und bittere Kräuter.
Vorlage S. 31 634 Statt auf schwellendem Pfühl muss ruhn auf dem Boden die Arme,
Vorlage S. 31 635 Der nicht immer begras't, und sie trinkt aus schlammigen Flüssen.
Vorlage S. 31 636 Wenn sie mit Flehen empor zum Argus die Arme zu heben
Vorlage S. 31 637 Trachtete, war sie der Arme beraubt, die sie hübe zum Argus.
Vorlage S. 32 638 Wollte sie klagen ihr Leid, so stieg ein Gebrüll aus dem Munde:
Vorlage S. 32 639 Bebend vernahm sie den Ton und erschrak vor der eigenen Stimme.
Vorlage S. 32 640 Auch an den Strand, wo oft sie vormals pflegte zu spielen,
Vorlage S. 32 641 Kam sie, an Inachus' Strand, und wie sie im Wasser die neuen
Vorlage S. 32 642 Hörner erblickt, da bebt sie und flieht vor sich selbst mit Entsetzen.
Vorlage S. 32 643 Keine Najade erkennt, auch Inachus selber erkennt nicht,
Vorlage S. 32 644 Wer sie sei; doch sie folgt dem Erzeuger und folget den Schwestern;
Vorlage S. 32 645 Streicheln lässt sie sich gern und tritt den Bewundernden näher;
Vorlage S. 32 646 Inachus reicht ihr gerupfetes Gras, der bejahrte Stromgott:
Vorlage S. 32 647 Jene beleckt ihm die Hand, gibt Küsse den Fingern des Vaters
Vorlage S. 32 648 Und gönnt Thränen den Lauf, und wenn nur folgten die Worte,
Vorlage S. 32 649 Würd' um Hilfe sie flehn und Namen verkünden und Schicksal.
Vorlage S. 32 650 Aber gezeichnet im Staub mit dem Fuß gab traurige Kunde
Vorlage S. 32 651 Von dem gewandelten Leib ein Zug an der Stelle der Worte.
Vorlage S. 32 652 »Weh mir!« rufet im Schmerz Greis Inachus aus, und die Hörner
Vorlage S. 32 653 Hält er umfasst und den schneeigen Hals der stöhnenden Färse:
Vorlage S. 32 654 »Weh mir! – klaget sein Ruf – du bist's, o Tochter, die ringsum
Vorlage S. 32 655 Ich in den Landen gesucht? Du warst mein Jammer verschollen
Vorlage S. 32 656 Minder, denn also entdeckt. Du schweigst, und erwidernde Worte
Vorlage S. 32 657 Redest du nicht und drängst nur Seufzer vom Grunde des Herzens
Vorlage S. 32 658 Und, was allein dir vergönnt, du brummst zu unseren Klagen.
Vorlage S. 32 659 Arglos richtet' ich zu für dich Brautkammer und Fackeln;
Vorlage S. 32 660 Erst nach dem Eidam stand mein Hoffen und dann nach den Enkeln.
Vorlage S. 32 661 Nun harrt dein von der Heerde ein Mann, ein Sohn von der Heerde;
Vorlage S. 32 662 Und nicht ist mir erlaubt durch Tod mein Leiden zu ändern:
Vorlage S. 32 663 Mir zum Verderb ja bin ich ein Gott, und unsere Trauer
Vorlage S. 32 664 Dehnet in ewige Zeit die verschlossene Pforte des Todes.«
Vorlage S. 32 665 Aber den jammernden Greis drängt fort der gestirnete Argus,
Vorlage S. 32 666 Reißt vom Vater das Kind und treibt sie zu anderen Weiden.
Vorlage S. 32 667 Selber begibt er sich fern auf die Höhe des ragenden Berges,
Vorlage S. 33 668 Wo er sich setzt und weit nach jeglicher Seite sich umschaut.
Vorlage S. 33 669 Doch der Unsterblichen Haupt kann länger der Phoronide
Vorlage S. 33 670 Qual nicht sehn, und den Sohn, den die lichte Plejade geboren,
Vorlage S. 33 671 Rufet er her und gebeut durch Mord zu vertilgen den Argus.
Vorlage S. 33 672 Rasch nimmt jener den Hut auf das Haupt, an die Füße die Flügel
Vorlage S. 33 673 Und in die mächtige Hand die Schlummer verleihende Ruthe.
Vorlage S. 33 674 Wie er sich fertig gemacht, springt Jupiters Sohn von des Vaters
Vorlage S. 33 675 Burg auf die Erde hinab. Dort wieder entfernt er die Flügel
Vorlage S. 33 676 Und legt nieder den Hut und behält in den Händen den Stab nur.
Vorlage S. 33 677 Damit treibt er als Hirt quer durch die Gefilde die Ziegen,
Vorlage S. 33 678 Die er im Geh'n mitbracht', und bläs't auf gefügeten Halmen.
Vorlage S. 33 679 Zauberisch klang das neue Getön dem junonischen Wächter:
Vorlage S. 33 680 »He, wer immer du seist, – rief Argus – du könntest dich setzen
Vorlage S. 33 681 Zu mir hier auf den Stein; denn üppiger wächst für die Heerde
Vorlage S. 33 682 Nirgends das Gras, und du siehst für Hirten erquicklichen Schatten.«
Vorlage S. 33 683 Atlas' Sproß nahm Sitz und wusste mit vielem Gerede
Vorlage S. 33 684 Plaudernd zu dehnen den Tag und strebte die wachsamen Augen
Vorlage S. 33 685 Einzuwiegen gemach mit dem Spiel auf verbundenen Rohren.
Vorlage S. 33 686 Jener bekämpfet jedoch des Schlummers gelinde Bestrickung,
Vorlage S. 33 687 Und obschon sich dem Schlaf ein Theil von den Augen ergeben,
Vorlage S. 33 688 Hält er die anderen wach. Auch fragt er – denn neulich erfunden
Vorlage S. 33 689 War das flötende Spiel – was Anlass gab zur Erfindung.
Vorlage S. 33 690 Drauf sprach also der Gott: »In Arcadiens kalten Gebirgen
Vorlage S. 33 691 War die schönste im Kreis der nonacrischen Hamadryaden
Vorlage S. 34 692 Eine Najad' unlängst: die Nymphen benannten sie Syrinx.
Vorlage S. 34 693 Mehrmals war sie bereits entschlüpft nachstellenden Satyrn
Vorlage S. 34 694 Und den Göttern zumal, die der schattige Wald und das Saatfeld
Vorlage S. 34 695 Heget. Sie weihte sich ganz der ortygischen Göttin mit Neigung
Vorlage S. 34 696 Und jungfräulichem Sinn. Nach Sitte Dianens gegürtet
Vorlage S. 34 697 Konnte sie täuschen und selbst wol gelten als Tochter Latona's,
Vorlage S. 34 698 Wär' ihr nicht ein Bogen von Horn und ein goldener jener.
Vorlage S. 34 699 Doch so täuschte sie auch. Wie sie einst heimging vom Lycäus,
Vorlage S. 34 700 Schaute sie Pan, und das Haupt umwunden mit nadliger Fichte
Vorlage S. 34 701 Hub zu reden er an.« Noch war zu erzählen die Rede,
Vorlage S. 34 702 Und wie die Nymphe gefloh'n, nicht achtend der dringenden Bitten,
Vorlage S. 34 703 Durch pfadloses Gefild, bis dass zu des sandigen Ladon
Vorlage S. 34 704 Ruhigem Strom sie gelangt, und als die Wellen versperrten
Vorlage S. 34 705 Weiteren Lauf, um Wandlung gefleht zu den flüssigen Schwestern;
Vorlage S. 34 706 Wie dann Pan, da schon er gedachte zu haschen die Syrinx,
Vorlage S. 34 707 Statt der Nymphe Gestalt Sumpfrohr in den Armen gehalten,
Vorlage S. 34 708 Und als seufzend er stand, die wehende Luft in dem Schilfe
Vorlage S. 34 709 Leises Geflüster erregt, das ähnlich ertönte wie Klage,
Vorlage S. 34 710 Wie er entzückt vom Zauber des Tons und der neuen Erfindung
Vorlage S. 34 711 Hatte gesagt: »Das soll fortan uns beide vereinen!«
Vorlage S. 34 712 Und an den Halmen sodann, die er ungleich unter einander
Vorlage S. 34 713 Hatte verbunden mit Wachs, den Namen des Mädchens erhalten.
Vorlage S. 34 714 Solches zu sagen bereit sah schon der cyllenische Jüngling
Vorlage S. 34 715 Alle die Wimpern gesenkt und verdeckt vom Schlummer die Augen.
Vorlage S. 35 716 Gleich nun hält er die Stimme zurück und verstärkt die Betäubung,
Vorlage S. 35 717 Mit dem bezaubernden Stab die schläfrigen Lider bestreichend.
Vorlage S. 35 718 Rasch dann führt er den Streich auf den Nickenden mit dem gekrümmten
Vorlage S. 35 719 Schwert, wo das Haupt sich schließt an den Hals, und stürzt ihn vom Felsen
Vorlage S. 35 720 Blutig hinab und beflecket das schroffe Gestein mit dem Blute.
Vorlage S. 35 721 Argus, du liegst, und das Licht, das so viel Leuchten erfüllte,
Vorlage S. 35 722 Ist dir verlöscht und es hüllt Ein Dunkel das Hundert von Augen.
Vorlage S. 35 723 Juno nimmt sie heraus und setzt in des heiligen Vogels
Vorlage S. 35 724 Federn sie ein und füllet den Schweif mit gestirnten Juwelen.
Vorlage S. 35 725 Zornig entbrannte sie jetzt und verschob nicht länger die Rache.
Vorlage S. 35 726 Graunvoll rückt sie dem Blick und dem Geist der argolischen Buhle
Vorlage S. 35 727 Vor der Erinnys Gestalt und senket verborgene Strahlen
Vorlage S. 35 728 Ihr in die Brust und jagt sie im Schreck rings über den Erdkreis.
Vorlage S. 35 729 Du warst übrig zuletzt, Nilstrom, der unendlichen Drangsal.
Vorlage S. 35 730 Als sie diesen erreicht, da sank sie am Rande des Ufers
Vorlage S. 35 731 Nieder, die Knie gebeugt, und mit rückwärts strebendem Nacken,
Vorlage S. 35 732 Was allein ihr vergönnt, das Gesicht zu den Sternen erhebend
Vorlage S. 35 733 Schien sie mit Klagegestöhn und Thränen und schmerzlichem Brüllen,
Vorlage S. 35 734 Jupiter zeihend der Schuld, zu erflehen ein Ende der Leiden.
Vorlage S. 36 735 Da bat jener, den Arm um den Hals der Gemahlin geschlungen,
Vorlage S. 36 736 Endlich zu setzen ein Ziel der strafenden Pein: »Für die Zukunft –
Vorlage S. 36 737 Sprach er – banne die Furcht! Nie soll Ursache des Schmerzes
Vorlage S. 36 738 Jo dir sein.« Und er heißt es vernehmen die stygischen Sümpfe.
Vorlage S. 36 739 Als nun Juno erweicht, nimmt jene das frühe Antlitz
Vorlage S. 36 740 Wieder und wird wie zuvor. Von dem Körper entweichen die Haare;
Vorlage S. 36 741 Schrumpfend vergeht das Gehörn; eng zieh'n sich die Kreise der Augen;
Vorlage S. 36 742 Schmäler das Maul; nun kehren zurück die Schultern und Hände;
Vorlage S. 36 743 In fünf Zehen getheilt allmälig verliert sich die Klaue;
Vorlage S. 36 744 Und nichts bleibet an ihr von der Kuh als die blendende Weiße.
Vorlage S. 36 745 Aufrecht schreitet begnügt mit nur zwei Füßen die Nymphe;
Vorlage S. 36 746 Worte getraut sie sich kaum, dass nicht nach Sitte des Rindes
Vorlage S. 36 747 Brülle der Mund, und versucht sich verzagt abbrechend im Reden.
Vorlage S. 36 748 Leinwand tragende Schaar ehrt jetzt die gefeierte Göttin.
Vorlage S. 36 749 Ihr wird endlich geglaubt, dass Epaphus sei von des großen
Vorlage S. 36 750 Jupiter Samen gezeugt, und rings in den Städten besitzt er
Vorlage S. 36 751 Tempel der Mutter gesellt. An Stolz war ihm wie an Jahren
Vorlage S. 37 752 Phaethon gleich, Sol's Sohn. Als der einst prahlte mit Hochmuth
Vorlage S. 37 753 Und vor ihm nicht wich und sich rühmte des Phöbus als Zeugers,
Vorlage S. 37 754 Trug's nicht Inachus' Sproß: »Du glaubst auch – sprach er – der Mutter
Vorlage S. 37 755 Alles, o Thor! Dich blähet das Bild des erlogenen Vaters.«
Vorlage S. 37 756 Phaethon glüht im Gesicht, und die Scham nur hemmte den Jähzorn,
Vorlage S. 37 757 Und vor Clymene bracht' er des Epaphus Schmähung und sagte:
Vorlage S. 37 758 »Dass du, Mutter, es recht auch fühlst, ich habe geschwiegen,
Vorlage S. 37 759 Ich so trotzig und keck. O Schmach, dass jener den Vorwurf
Vorlage S. 37 760 Uns zu sagen vermocht, und wir ihn nicht zu entkräften!
Vorlage S. 37 761 Aber wenn anders ich bin aus himmlischem Samen entsprossen,
Vorlage S. 37 762 Gib mir Beweis von dem hohen Geschlecht mir den Himmel zu sichern.«
Vorlage S. 37 763 Phaethon sprach's und umfing der Zeugerin Hals, und bei Merops
Vorlage S. 37 764 Und bei dem eigenen Haupt und den Hochzeitfackeln der Schwestern
Vorlage S. 37 765 Bat er sie kund zu tun durch ein Zeichen den wirklichen Vater.
Vorlage S. 37 766 Clymene, mochte sie nun mehr folgen den Bitten des Sohnes
Vorlage S. 37 767 Oder dem Zorn, den gab die Beschuldigung, streckte die Arme
Vorlage S. 37 768 Beide zum Himmel empor, und schauend zum Glanze des Phöbus
Vorlage S. 37 769 Sagte sie: »Dort bei dem Licht in der Pracht hellblitzender Strahlen
Vorlage S. 37 770 Schwör' ich dir, Sohn, bei dem Licht, das uns anhöret und anblickt:
Vorlage S. 37 771 Er, den droben du siehst, ja Sol, der Erquicker des Weltalls,
Vorlage S. 37 772 Hat dich gezeugt. Ist Lüge mein Wort, dann geb' er sich nimmer
Vorlage S. 37 773 Mir zu schaun, dann scheine der Tag mir heute zum letzten.
Vorlage S. 38 774 Leicht ist die Mühe für dich, die Penaten des Vaters zu finden:
Vorlage S. 38 775 Nah angrenzet das Haus, wo er aufsteigt, unserem Lande.
Vorlage S. 38 776 Bist du gewillt, geh hin, und er wird dich selber belehren.«
Vorlage S. 38 777 Phaethon springt sogleich, als solches die Mutter geredet,
Vorlage S. 38 778 Auf in freudiger Hast, und im Geist umfasst er den Aether.
Vorlage S. 38 779 Sein Aethiopengeschlecht durcheilet er rasch und die Inder
Vorlage S. 38 780 Unter dem heißen Gestirn und erreicht Sol's östliche Wohnung.
Vorlage S. 38