Deutsch · Abschnitt 1 von 1
William Shakespeare
4 Hochgeborenen Herrn Heinrich Wriothesley
Vorlage S. 715 5 Grafen von Southampton und Baron von Titchfield
Vorlage S. 715 6 Die Liebe, die ich Ew. Lordschaft darbringe, ist ohne Ende: und in ihrem Rahmen bildet diese Schrift ohne Anfang nur ein überflüssiges Teilchen. Nicht der Wert meiner ungelehrten Verse sondern die Gewissheit Ihrer gnädigen Gewogenheit bürgen mir für die Annahme. Was ich geleistet habe, gehört Ihnen, was ich noch leisten werde, gehört Ihnen, denn es bildet nur einen Teil von all dem, was Ihnen dargebracht ist. Wenn mein Wert größer wäre, würde auch meine Ergebenheit größer erscheinen; aber auch so, wie sie ist, bleibt sie Ew. Lordschaft, der ich ein langes, durch alles Glück noch verlängertes Leben wünsche.
Vorlage S. 715 7 Ew. Lordschaft ganz gehorsamster
Vorlage S. 715 8 William Shakespeare
Vorlage S. 715 9 Dem Römerheer vor Ardea entflieht
Vorlage S. 715 10 Tarquin, von Schwingen schnöder Lust getragen,
Vorlage S. 715 11 Die glühnden Drangs ihn nach Collatium zieht.
Vorlage S. 715 12 Dort eine holde Beute zu erjagen,
Vorlage S. 715 13 Lässt er ein Feuer aus der Asche schlagen,
Vorlage S. 715 14 Das, lange unterdrückt, nun glutenvoll
Vorlage S. 715 15 Lucretia's keuschen Leib umschlingen soll.
Vorlage S. 715 16 Dies »keusch«, dies holde Wort gerade wetzte
Vorlage S. 715 17 Zur höchsten Schärfe sein unhold Verlangen,
Vorlage S. 715 18 Da Collatin die Klugheit oft verletzte
Vorlage S. 715 19 Im Preise von Lucretia's feinen Wangen,
Vorlage S. 715 20 Und Augen, die wie Stern' am Himmel prangen
Vorlage S. 715 21 Des Glücks, das ihm, nur ihm beschieden war,
Vorlage S. 715 22 Durch Reize, makellos und wunderbar.
Vorlage S. 715 23 Denn nachts zuvor, im Zelte des Tarquin,
Vorlage S. 715 24 Enthüllt' er ihm den Schatz der Liebeswonnen,
Vorlage S. 715 25 Den unschätzbar die Götter ihm verliehn,
Vorlage S. 715 26 Da er solch' wunderholdes Weib gewonnen;
Vorlage S. 715 27 Und meinte stolz vor Glück und unbesonnen:
Vorlage S. 715 28 Dass Könige sich wohl größerm Ruhm vermählten,
Vorlage S. 715 29 Doch nie ein Weib, so schön wie seins, erwählten.
Vorlage S. 715 30 O Seligkeit, von wenigen nur genossen!
Vorlage S. 715 31 Und mitten im Genuss schon welk und schal!
Vorlage S. 715 32 Rasch wie des Frühtaus Silberglanz zerflossen,
Vorlage S. 715 33 Trifft glühend ihn der Sonne goldner Strahl,
Vorlage S. 715 34 Das Beste kommt und flieht fast allzumal.
Vorlage S. 715 35 In dieser Harmwelt beut nur schwache Wehre
Vorlage S. 717 36 Des Eigners Arm der Schönheit und der Ehre.
Vorlage S. 717 37 Die Schönheit überzeugt durch sich allein,
Vorlage S. 717 38 Stets siegreich treffen ihrer Augen Strahlen,
Vorlage S. 717 39 Kein Anwalt braucht ihr seinen Mund zu leihn,
Vorlage S. 717 40 Das Höchste lässt sich nicht mit Worten malen.
Vorlage S. 717 41 Und durfte Collatinus damit prahlen?
Vorlage S. 717 42 Vor Diebesohren musst' er klüglich schweigen
Vorlage S. 717 43 Vom unschätzbaren Kleinod, das sein eigen.
Vorlage S. 717 44 Ob nun dies Prahlen, das er angehört,
Vorlage S. 717 45 Die Glut des Königssohns zum Ausbruch brachte,
Vorlage S. 717 46 – Denn oft wird durch das Ohr das Herz betört –
Vorlage S. 717 47 Ob Neid um ein so einzig Gut erwachte
Vorlage S. 717 48 In ihm, und seinen Stolz zur Wut entfachte,
Vorlage S. 717 49 Dass ihm, dem Höhern, das Geschick versagte
Vorlage S. 717 50 Glück, des ein Niedrer sich zu rühmen wagte:
Vorlage S. 717 51 Genug, ein unheilvoller Einfall hetzte
Vorlage S. 717 52 Ihn jählings fort in unheilvoller Hast,
Vorlage S. 717 53 Und über Freundschaft, Pflicht und Ehre setzte
Vorlage S. 717 54 Er leicht hinweg und eilte ohne Rast
Vorlage S. 717 55 Die Glut zu löschen, die sein Herz erfasst.
Vorlage S. 717 56 O falsche, falsche Glut! Du stirbst verfrüht
Vorlage S. 717 57 Im Eis der Reue, eh' dein Lenz geblüht.
Vorlage S. 717 58 Der Falsche, als er nach Collatium kam,
Vorlage S. 717 59 Ward freundlich von der Römerin empfangen,
Vorlage S. 717 60 In deren holdem Antlitz wundersam
Vorlage S. 717 61 Schönheit und Tugend um die Palme rangen.
Vorlage S. 717 62 Dringt Tugend vor, färbt ros'ge Scham die Wangen,
Vorlage S. 717 63 Doch Tugend will der ros'gen Scham nicht weichen
Vorlage S. 717 64 Und lässt die Röte lilienweiß erbleichen.
Vorlage S. 717 65 Doch Schönheit weiß von Venus' Taubenpaar
Vorlage S. 717 66 Auf dieses Weiß Ansprüche herzuleiten,
Vorlage S. 717 67 Und Tugend sagt: der Schönheit Röte war
Vorlage S. 717 68 Einst mein, ich schenkte sie den goldnen Zeiten
Vorlage S. 718 69 Als Schild, auf Silberwangen Gold zu breiten;
Vorlage S. 718 70 Und diese Zier lehrt' ich als Wehre nützen
Vorlage S. 718 71 Im Kampf mit Schmach das Weiß durch Rot zu schützen.
Vorlage S. 718 72 So sah man in Lucretia's Angesicht
Vorlage S. 718 73 Das Schönheitsrot mit Tugendweiß sich streiten,
Vorlage S. 718 74 Und fürstlich stolz tut keines ganz Verzicht:
Vorlage S. 718 75 Jedwedes weiß sein Vorrecht herzuleiten,
Vorlage S. 718 76 Voll Ehrgeiz, aus dem Anbeginn der Zeiten,
Vorlage S. 718 77 Und bietet so dem andern kühn die Spitze,
Vorlage S. 718 78 Dass sie oft wechseln auf dem Herrschersitze.
Vorlage S. 718 79 Den stillen Krieg der Lilien und Rosen
Vorlage S. 718 80 Erblickt Tarquin im Feld der schönen Wangen,
Vorlage S. 718 81 Und als Verräter beider makellosen
Vorlage S. 718 82 Kriegsscharen, gibt in feigem Todesbangen,
Vorlage S. 718 83 Besiegt, sein Auge beiden sich gefangen;
Vorlage S. 718 84 Doch statt zu triumphieren über ihn,
Vorlage S. 718 85 Den Falschen, ließen beid' ihn lieber ziehn.
Vorlage S. 718 86 Nun scheint ihm, ihres Gatten seichter Zunge,
Vorlage S. 718 87 Als sie der Knicker so verschwendrisch pries,
Vorlage S. 718 88 Fehlt' es bei ihrer Schönheit Lob an Schwunge,
Vorlage S. 718 89 Denn mehr, weit mehr als Collatin verhieß,
Vorlage S. 718 90 Des Kunst im Schildern sich höchst schal erwies,
Vorlage S. 718 91 Fand er, in stummer Huldigung mit Blicken,
Vorlage S. 718 92 Die tief in ihre Schönheit sich verstricken.
Vorlage S. 718 93 Die Heilige, verehrt von diesem Teufel,
Vorlage S. 718 94 Hat keine Ahnung seiner falschen Glut;
Vorlage S. 718 95 Nicht leicht fasst reine Seelen böser Zweifel,
Vorlage S. 718 96 Nur Vögel, schon geleimt, sind auf der Hut.
Vorlage S. 718 97 Lucretia, in Unschuld frohgemut,
Vorlage S. 718 98 Begrüßt den hohen Gast mit Ehrerbieten,
Vorlage S. 718 99 Des innre Mängel äußre nicht verrieten.
Vorlage S. 718 100 Denn mit der hohen Würde, die ihn deckt,
Vorlage S. 718 101 Birgt er im Faltenwurf der Majestät
Vorlage S. 718 102 Den niedern Sinn, dass nichts Verdacht erweckt.
Vorlage S. 718 103 Bewundrung nur zu oft sein Aug' verrät,
Vorlage S. 718 104 Das, alles habend, doch nach mehr noch späht,
Vorlage S. 718 105 Im Reichtum arm, im Überfluss entbehrend,
Vorlage S. 718 106 Von Vielem satt, doch immer mehr begehrend.
Vorlage S. 718 107 Doch sie, die nie mit fremden Blicken stritt,
Vorlage S. 718 108 Versteht nicht, was aus seinen Augen spricht;
Vorlage S. 718 109 Nichts vom geheimen Sinn teilt sich ihr mit
Vorlage S. 718 110 Der Sündenschrift in seinem Angesicht;
Vorlage S. 718 111 Der Köder lockt, die Angel schreckt sie nicht,
Vorlage S. 718 112 Sie kann aus seinem Wollustblick nur schließen,
Vorlage S. 718 113 Dass seine Augen gern das Licht genießen.
Vorlage S. 718 114 Er füllt ihr Ohr mit ihres Gatten Ruhm,
Vorlage S. 718 115 Der weiter reichte, als Italiens Grenze,
Vorlage S. 718 116 Preist Collatinus' Würd' und Heldentum,
Vorlage S. 718 117 Wie er durch jede Mannestugend glänze,
Vorlage S. 718 118 An Beute reich, im Schmuck der Siegeskränze.
Vorlage S. 718 119 Sie blickt zum Himmel mit erhobnen Händen,
Vorlage S. 718 120 Stumm ihren Dank für solches Glück zu spenden.
Vorlage S. 718 121 Ein Vorwand seines Kommens fehlt ihm nicht,
Vorlage S. 718 122 Der weit abliegt von des Besuches Zwecken;
Vorlage S. 718 123 Kein Wölkchen lässt im heitern Angesicht
Vorlage S. 718 124 Den drohenden Gewittersturm entdecken,
Vorlage S. 718 125 Bis schwarze Nacht, die Mutter aller Schrecken,
Vorlage S. 718 126 Den Tag in ihres Kerkers Wölbung zwingt
Vorlage S. 718 127 Und Dunkel über Erd' und Himmel bringt.
Vorlage S. 718 128 Nun heuchelt schwere Müdigkeit Tarquin
Vorlage S. 718 129 Und wird zu seiner Lagerstatt gebracht,
Vorlage S. 718 130 Denn nach dem Abendessen hinzuziehn
Vorlage S. 718 131 Wußt' er die Plauderei bis in die Nacht.
Vorlage S. 718 132 Der blei'rne Schlaf bekämpft mit Übermacht
Vorlage S. 718 133 Die Lebenskräfte, und wird ihrer Meister:
Vorlage S. 720 134 Nur Diebe wachen und des Unglücks Geister.
Vorlage S. 720 135 So liegt Tarquin jetzt, die Gefahr erwägend,
Vorlage S. 720 136 Die droht, wenn er vollführt, was er geplant,
Vorlage S. 720 137 Doch keinen Schritt vom Ziel zurückbewegend,
Vorlage S. 720 138 Ob schwache Hoffnung auch zum Rückzug mahnt.
Vorlage S. 720 139 Wo ein Verzweifelter den Weg sich bahnt
Vorlage S. 720 140 Zu Raubgewinn, ob auch der Tod ihm droht:
Vorlage S. 720 141 Er stürmt zum Ziel und denkt nicht an den Tod.
Vorlage S. 720 142 Wer viel begehrt, den lässt die Habsucht nimmer
Vorlage S. 720 143 Behaglich seines Eigentums sich freuen,
Vorlage S. 720 144 Denn stets auf Zuwachs hoffend, wird er immer,
Vorlage S. 720 145 Was er gewann, vermindern und verstreuen,
Vorlage S. 720 146 Und wenn sich bis zum Überfluss erneuen
Vorlage S. 720 147 Die Schätze, schaffen sie im Überdruß
Vorlage S. 720 148 Armut des Herzens bei Goldüberfluß.
Vorlage S. 720 149 Das Streben aller ist, in alten Tagen
Vorlage S. 720 150 Wohlhäbig, sorglos und geehrt zu leben;
Vorlage S. 720 151 Alles für eins und eins für alles wagen
Vorlage S. 720 152 Wir stets bei diesem oft gekreuzten Streben.
Vorlage S. 720 153 Um Ehre wird das Herzblut hingegeben
Vorlage S. 720 154 Im Kampf; um Reichtum Ehre, und so stirbt
Vorlage S. 720 155 In Schande, wer voll Gier um Schätze wirbt.
Vorlage S. 720 156 Wir hören auf, das was wir sind, zu sein
Vorlage S. 720 157 Bei schlechtem Spiel um ein erhofftes Glück,
Vorlage S. 720 158 Und unser Ehrgeiz schafft uns stete Pein,
Vorlage S. 720 159 Nur Mängel im Besitz zeigt er dem Blick;
Vorlage S. 720 160 Denn immer vorwärts sehn wir, nie zurück
Vorlage S. 720 161 Auf was wir haben – so den Sinn verkehrend
Vorlage S. 720 162 Und unser Etwas durch ein Nichts vermehrend.
Vorlage S. 720 163 Bei solchem Glücksspiel muss nun auch Tarquin
Vorlage S. 720 164 Die Ehre opfern seiner schnöden Lust,
Vorlage S. 720 165 Und für sich selber vor sich selber fliehn,
Vorlage S. 720 166 Sich selbst betrügen, seiner Schmach bewusst.
Vorlage S. 721 167 Wer frech die Treue bricht in eigner Brust,
Vorlage S. 721 168 In Selbstvernichtung Lastern nachzujagen,
Vorlage S. 721 169 Der darf sich über andre nicht beklagen.
Vorlage S. 721 170 Schon kam die todesstille Zeit der Nacht,
Vorlage S. 721 171 Und Schlaf lag auf den Augen schwer wie Blei;
Vorlage S. 721 172 Am Himmel selbst kein Stern des Trostes wacht;
Vorlage S. 721 173 Kein Laut als Wolfsgeheul und Eulenschrei.
Vorlage S. 721 174 Nun für das Lamm schleicht die Gefahr herbei;
Vorlage S. 721 175 Wie reine Seelen ruht es still und stumm,
Vorlage S. 721 176 Nur blutiger Mord und Wollust geh'n jetzt um.
Vorlage S. 721 177 Nun auf von seinem Lager springt Tarquin,
Vorlage S. 721 178 Den Mantel wirft er hastig um den Arm,
Vorlage S. 721 179 Begierd' und Furcht wahnsinnig schütteln ihn,
Vorlage S. 721 180 Süß schmeichelt jene, diese droht mit Harm
Vorlage S. 721 181 Und warnt ihn redlich – aber süß und warm
Vorlage S. 721 182 Lockt Wollust; und die Furcht, die lang' sich sträubt,
Vorlage S. 721 183 Weicht endlich, von der Wollust hirnbetäubt.
Vorlage S. 721 184 An einen Stein schlägt er mit seinem Schwert
Vorlage S. 721 185 Und zündet eine Fackel dann am Licht
Vorlage S. 721 186 Des Strahls, der aus dem Feuersteine fährt,
Vorlage S. 721 187 Als Leitstern für sein lüsternes Gesicht,
Vorlage S. 721 188 Derweil er also zu der Flamme spricht:
Vorlage S. 721 189 »Wie ich aus kaltem Stein ließ Feuer springen,
Vorlage S. 721 190 Muss ich Lucretia mir zu Willen zwingen.«
Vorlage S. 721 191 Hier, bleich vor Furcht, vordenkend nun erwägt er
Vorlage S. 721 192 Die Fährnis seines schändlichen Beginnens,
Vorlage S. 721 193 Und schlimme Folgen ahnend überlegt er,
Vorlage S. 721 194 Mehr sei hier des Verlierens als Gewinnens.
Vorlage S. 721 195 Er schmäht die schwache Rüstung seines Minnens,
Vorlage S. 721 196 Der nicht zu traun, und die Gedankensünde
Vorlage S. 721 197 Bekämpft er so durch tugendliche Gründe:
Vorlage S. 721 198 »Erlisch, o Fackel! leihe nicht dein Licht,
Vorlage S. 721 199 Ein Licht zu trüben heller als das deine!
Vorlage S. 721 200 Befleckt, unheilige Gedanken, nicht
Vorlage S. 721 201 Mit eurem Sündenschmutz die göttlich Reine!
Vorlage S. 721 202 Bringt heiligen Weihrauch ihrem Heiligenschreine;
Vorlage S. 721 203 Beug' einer Tat vor, schöne Menschlichkeit,
Vorlage S. 721 204 Die reiner Liebe weiß Gewand entweiht.
Vorlage S. 721 205 O Schmach auf Rittertum und Wappenglanz,
Vorlage S. 721 206 Wenn ich der Ahnen heilig Grab entweih'!
Vorlage S. 721 207 Solch' Tun umschlösse alles Böse ganz;
Vorlage S. 721 208 Ein Krieger Sklav, der Liebesschwärmerei!
Vorlage S. 721 209 Der wahre Mut gibt nicht die Ehre frei,
Vorlage S. 721 210 Die Schande, mich so weit verirrt zu haben,
Vorlage S. 721 211 Blieb ewig meinem Antlitz eingegraben.
Vorlage S. 721 212 Ja, sterb' ich, wird die Schmach mich überleben
Vorlage S. 721 213 Als Dorn im Aug' den Wappen eingeprägt;
Vorlage S. 721 214 Ein Merkmal würde mir der Herold geben,
Vorlage S. 721 215 Zu zeigen, wie mich schnöde Lust bewegt,
Vorlage S. 721 216 Dass meine Kinderzorn- und schamerregt
Vorlage S. 721 217 Mich noch verfluchen, wenn ich schon begraben,
Vorlage S. 721 218 Und wünschen, solchen Vater nicht zu haben.
Vorlage S. 721 219 Was würde, find' ich, was ich suche, mein?
Vorlage S. 721 220 Ein Traum, ein Hauch, ein flüchtiger Lustgewinn.
Vorlage S. 721 221 Wer kauft Minutenlust um Wochenpein?
Vorlage S. 721 222 Wer gibt den Weinstock um die Traube hin?
Vorlage S. 721 223 Ein Tand für ewige Schmach hat keinen Sinn,
Vorlage S. 721 224 Und ließe, um der Krone Glanz zu tragen,
Vorlage S. 721 225 Ein Bettler d'rum vom Szepter sich erschlagen?
Vorlage S. 721 226 Wenn Collatin von meinem Vorsatz träumt,
Vorlage S. 721 227 Wird er nicht aus dem Schlaf in wilder Wut
Vorlage S. 721 228 Auffahren und hereilen ungesäumt,
Vorlage S. 721 229 Dem Sturm zu wehren auf sein höchstes Gut,
Vorlage S. 721 230 Und seine Ehr' an meinem Frevelmut
Vorlage S. 721 231 Zu rächen, dass durch mich nicht Unschuld sterbe
Vorlage S. 723 232 So jung, und Gram das Alter nicht verderbe?
Vorlage S. 723 233 Was kann ich zur Entschuldigung erfinden,
Vorlage S. 723 234 Zeiht er mich solchen Frevels? Mein Gebein
Vorlage S. 723 235 Wird kläglich zittern und mein Aug' erblinden,
Vorlage S. 723 236 Das Herz wird bluten, stumm die Zunge sein.
Vorlage S. 723 237 Wie groß die Schuld, ist auch die Furcht nicht klein,
Vorlage S. 723 238 Und große Furcht wagt weder Kampf noch Flucht,
Vorlage S. 723 239 Bricht feig zusammen vor des Schreckens Wucht.
Vorlage S. 723 240 Hätt' er mir Vater oder Sohn erschlagen,
Vorlage S. 723 241 Oder mich meuchlings selbst bedroht am Leben,
Vorlage S. 723 242 Und wär' er nicht mein Freund, so könnt' ich sagen:
Vorlage S. 723 243 Vergeltung ließ nach seinem Weib mich streben;
Vorlage S. 723 244 Doch da er mir als treuer Freund ergeben
Vorlage S. 723 245 Und Blutsverwandtschaft mich mit ihm verbindet,
Vorlage S. 723 246 Bleibt's eine Schmach, die nie Entschuld'gung findet.
Vorlage S. 723 247 Ja, schmachvoll ist's! – doch, kann man's nicht verschweigen
Vorlage S. 723 248 Haßwürdig ist's! – doch Liebe kennt kein Hassen.
Vorlage S. 723 249 Ich fleh' um Liebe – die nicht mehr ihr eigen.
Vorlage S. 723 250 Das Schlimmste wär', dürft' ich sie nicht umfassen!
Vorlage S. 723 251 Längst hat mein Wille die Vernunft verlassen.
Vorlage S. 723 252 Wer Schwäche scheut aus lasterhaftem Einwand,
Vorlage S. 723 253 Dem wird selbst bange vor bemalter Leinwand.«
Vorlage S. 723 254 So lässt er seine Gluten ohne Schranken
Vorlage S. 723 255 Zu Rat mit eisigem Bewusstsein gehn,
Vorlage S. 723 256 Weist von sich alle besseren Gedanken,
Vorlage S. 723 257 Damit die schlechtern stets im Vorteil stehn,
Vorlage S. 723 258 Die jeden guten Vorsatz gleich verdrehn,
Vorlage S. 723 259 Und ihn selbst so verwirren, einen Schein
Vorlage S. 723 260 Von Tugend seinem schnöden Werk zu leihn.
Vorlage S. 723 261 Er sprach: »Sie nahm mich freundlich bei der Hand,
Vorlage S. 723 262 Als scharf sie in mein lüstern Auge sah,
Vorlage S. 723 263 Wie ängstlich forschend nach des Heeres Stand,
Vorlage S. 723 264 Ob ihrem Collatinus nichts geschah.
Vorlage S. 724 265 Wie reizvoll färbte Furcht ihr Antlitz da!
Vorlage S. 724 266 Bald Rosen glich's, auf Linnen schneeweiß rein,
Vorlage S. 724 267 Bald glich es solchem Linnen ganz allein.
Vorlage S. 724 268 Wie sie mich, meine Hand ergreifend, zwang,
Vorlage S. 724 269 Bei ihrem treuen Beben mitzubeben!
Vorlage S. 724 270 Und, immer mehr erbebend, in mich drang,
Vorlage S. 724 271 Bis ich die beste Kunde ihr gegeben
Vorlage S. 724 272 Von ihm, um dann ein Lächeln zu erleben,
Vorlage S. 724 273 So hold ... hätt' es Narciß gesehn, gewiss:
Vorlage S. 724 274 Selbstliebe hätte nicht ertränkt Narciß.
Vorlage S. 724 275 Warum denn nach Entschuldigungen jagen?
Vorlage S. 724 276 Des Redners Kunst verstummt, wo Schönheit spricht;
Vorlage S. 724 277 Ein armer Tropf mag sich mit Skrupeln plagen,
Vorlage S. 724 278 Ein liebend Herz erbangt vor Schatten nicht.
Vorlage S. 724 279 Die Liebe ist mein Feldherr und mein Licht,
Vorlage S. 724 280 Lässt sie ihr reichgeschmücktes Banner wehn,
Vorlage S. 724 281 Wird selbst dem Feigling Mut zum Kampf erstehn.
Vorlage S. 724 282 Fort, kind'sche Furcht und banges Überlegen!
Vorlage S. 724 283 Vernunft und Rücksicht dient nur welken Greisen;
Vorlage S. 724 284 Dem Auge stellt das Herz sich nicht entgegen,
Vorlage S. 724 285 Bedächtig Zaudern ziemt betagten Weisen,
Vorlage S. 724 286 Doch Jugend will in eignen Bahnen kreisen.
Vorlage S. 724 287 Lust sei mein Feldherr, Schönheit meine Beute;
Vorlage S. 724 288 Wer, der bei solchem Ziel das Sinken scheute!«
Vorlage S. 724 289 Wie junge Saat dem Unkraut, also weicht
Vorlage S. 724 290 Bedächt'ge Furcht dem stürmischen Verlangen,
Vorlage S. 724 291 Wie er mit Lauscherohren vorwärts schleicht
Vorlage S. 724 292 Und freche Hoffnung mit verlegnem Bangen
Vorlage S. 724 293 (Das unterdrückt zwar, doch nicht ganz vergangen)
Vorlage S. 724 294 So in ihm stritt, dass immer noch ein Schwanken
Vorlage S. 724 295 Blieb zwischen Lustbegier und Furchtgedanken.
Vorlage S. 724 296 Ihm zeigt sein innres Aug' ihr himmlisch Bild,
Vorlage S. 724 297 Doch auch zugleich das Bild von Collatin;
Vorlage S. 724 298 Der Blick auf sie macht ihn ganz wirr und wild,
Vorlage S. 724 299 Allein der Himmelsblick, den sie auf ihn
Vorlage S. 724 300 Gerichtet, will ihn läuternd aufwärts ziehn,
Vorlage S. 724 301 Sein sündig Herz für bessre Regung werben.
Vorlage S. 724 302 Umsonst! Zu tief schon steckt er im Verderben.
Vorlage S. 724 303 Die bösen Lüste, dienend ihm verbunden,
Vorlage S. 724 304 Geschmeichelt von des Führers heiterm Schein,
Vorlage S. 724 305 Erfüllen ihn wie die Minuten Stunden,
Vorlage S. 724 306 Bestrebt, so munter wie er selbst zu sein,
Vorlage S. 724 307 Und mehr Tribut, als nötig, ihm zu weihn.
Vorlage S. 724 308 So tollkühn zu Lucretiens Bette schreitet
Vorlage S. 724 309 Der Herrscher Roms, von wilder Gier geleitet.
Vorlage S. 724 310 Die Türen zwischen ihrem Schlafgemach
Vorlage S. 724 311 Und seinem Willen tun, von ihm gesprengt,
Vorlage S. 724 312 Sich auf, doch rufen knarrend Vorsicht wach
Vorlage S. 724 313 In ihm, dass er bei jeder Schwelle denkt
Vorlage S. 724 314 Des Räuberziels, das seine Schritte lenkt;
Vorlage S. 724 315 Da kreischen Wiesel auf, die ihn entdecken,
Vorlage S. 724 316 Sie schrecken ihn, doch er besiegt den Schrecken.
Vorlage S. 724 317 Und wie die Pforten ihm den Weg erschweren,
Vorlage S. 724 318 Kämpft auch durch Mauerspalten mit dem Licht
Vorlage S. 724 319 Der Wind, und bläst, um seine Qual zu mehren,
Vorlage S. 724 320 Die Fackel aus, den Rauch ihm in's Gesicht,
Vorlage S. 724 321 Dass ihm zum Ziel die Führung nun gebricht;
Vorlage S. 724 322 Doch bleibt sein glühend Herz ihm treu verbündet,
Vorlage S. 724 323 Dass er die Fackel bald aufs neu entzündet.
Vorlage S. 724 324 Auf Binsenmatten sieht er bei dem Licht
Vorlage S. 724 325 Lucretiens Handschuh', die nah' vor ihm lagen;
Vorlage S. 724 326 Er greift danach, doch eine Nadel sticht
Vorlage S. 724 327 Ihn in die Hand, als wollte sie ihm sagen:
Vorlage S. 724 328 »Die Handschuh' können Tändeln nicht vertragen,
Vorlage S. 724 329 Du hast's gefühlt; leg' rasch sie wieder hin,
Vorlage S. 726 330 Der Putz ist keusch wie die Gebieterin.«
Vorlage S. 726 331 Doch hemmt ihn kein so dürft'ges Warnungszeichen,
Vorlage S. 726 332 Er deutet sie im schlimmsten Sinne nur,
Vorlage S. 726 333 Ihm müssen Türen, Wind und Handschuh' weichen,
Vorlage S. 726 334 Er sieht in allem nur des Zufalls Spur,
Vorlage S. 726 335 Gleichsam Gewichte, die die Stundenuhr
Vorlage S. 726 336 Im Gang verzögernd hemmen, bis der Stunde
Vorlage S. 726 337 Die Schuld entrichtet jegliche Sekunde.
Vorlage S. 726 338 Er sprach: »Stets hemmt Verzug der Zeiten Schwingen,
Vorlage S. 726 339 Wie schwacher Nachtfrost oft dem Lenz noch dräut.
Vorlage S. 726 340 Damit die Knospen um so schöner springen,
Vorlage S. 726 341 Der Vögel Sang sich fröhlicher erneut,
Vorlage S. 726 342 Nur der gewinnt, wer die Gefahr nicht scheut;
Vorlage S. 726 343 Es dräu'n Piraten, Sturm und Fels zu stranden
Vorlage S. 726 344 Dem Kaufmann, eh' er reich daheim darf landen.«
Vorlage S. 726 345 Nun hat er schon des Zimmers Tür erreicht,
Vorlage S. 726 346 Die ihn vom Himmel seiner Wünsche trennt;
Vorlage S. 726 347 Nichts mehr als eine Klinke, die bald weicht,
Vorlage S. 726 348 Hält ihn zurück vom Schönsten, was er kennt
Vorlage S. 726 349 Und zu erlangen so gottlos entbrennt,
Vorlage S. 726 350 Dass er zum Himmel fleht um Hilf und Huld –
Vorlage S. 726 351 Gleichwie zum Hohn auf himmlische Geduld.
Vorlage S. 726 352 Doch während seine Bitten sich vergebens
Vorlage S. 726 353 Frech an die ew'gen Himmelsmächte wenden,
Vorlage S. 726 354 Dass er das holde Ziel unholden Strebens
Vorlage S. 726 355 Erreiche – fühlt er selber sein Verblenden,
Vorlage S. 726 356 Fährt plötzlich auf und spricht: »Ich muss sie schänden!
Vorlage S. 726 357 Der Himmel kann mir keine Hilfe leihn
Vorlage S. 726 358 Bei meiner Tat, die ihm ein Greu'l muss sein.
Vorlage S. 726 359 Nun sei'n mir Glück und Liebe Gott und Rat!
Vorlage S. 726 360 Den Willen unterstützt verwegner Mut;
Vorlage S. 726 361 Gedanken sind nur Träume bis zur Tat,
Vorlage S. 726 362 Vergebung macht die schwerste Sünde gut,
Vorlage S. 727 363 Das Eis der Furcht schmilzt in der Liebe Glut.
Vorlage S. 727 364 Des Himmels Aug' erlosch, und finstre Nacht
Vorlage S. 727 365 Verhüllt die Scham, die nach der Lust erwacht.«
Vorlage S. 727 366 Nun hebt die Klinke seine Sünderhand,
Vorlage S. 727 367 Er öffnet mit dem Knie die Türe weit;
Vorlage S. 727 368 Fest schläft das Täubchen, das die Eule fand;
Vorlage S. 727 369 Verrat, eh' man Verräter sieht, gedeiht.
Vorlage S. 727 370 Sonst springt, wer eine Schlang' erblickt, beiseit';
Vorlage S. 727 371 Doch sie, der Schlange Näh' nicht ahnend, liegt
Vorlage S. 727 372 Ihr preisgegeben, süß in Schlaf gewiegt.
Vorlage S. 727 373 Mit weitem Räuberschritt schleicht er in's Zimmer,
Vorlage S. 727 374 Sieht das noch unentweihte Lager, dicht
Vorlage S. 727 375 Verhüllt vom Vorhang. Spähend gieriger immer
Vorlage S. 727 376 Rollt ihm das Aug' im glühenden Gesicht,
Vorlage S. 727 377 Bis es zur Hand, das Herz verratend, spricht:
Vorlage S. 727 378 Fort mit den neid'schen Wolken, die mir ganz
Vorlage S. 727 379 Verhüllen dieses Mondes Silberglanz!
Vorlage S. 727 380 Wie wenn in hellster Glut aus Wolkenwogen
Vorlage S. 727 381 Die Sonne steigt und blendet das Gesicht,
Vorlage S. 727 382 So wird, als er den Vorhang weggezogen,
Vorlage S. 727 383 Sein Aug' geblendet von noch schön'rem Licht.
Vorlage S. 727 384 Ob es Lucretiens holden Anblick nicht
Vorlage S. 727 385 Ertragen kann? Ob Scham es übergossen?
Vorlage S. 727 386 Genug, es schließt sich und es bleibt geschlossen.
Vorlage S. 727 387 O, wär' es tot in dunkler Hast geblieben,
Vorlage S. 727 388 Dass es nichts Schlimmres sähe, als es sah!
Vorlage S. 727 389 Dann ruhte, hochbeglückt durch treues Lieben,
Vorlage S. 727 390 Ihr Collatin noch bei Lucretia.
Vorlage S. 727 391 Doch als es aufging, war das Unglück da,
Vorlage S. 727 392 Das, um geweihte Bande unbekümmert,
Vorlage S. 727 393 Der beiden ganzes Lebensglück zertrümmert.
Vorlage S. 727 394 Die Lilienhand ruht an der Rosenwange,
Vorlage S. 727 395 Das Küssen so dem Kissen mit ihr wehrend,
Vorlage S. 727 396 Worüber dies, geteilt, in zorn'gem Drange
Vorlage S. 727 397 Hochaufschwillt, sich nach beiden Seiten kehrend,
Vorlage S. 727 398 Im Anblick ihres Hauptes sie verehrend.
Vorlage S. 727 399 So liegt sie da, ein Monument der Tugend,
Vorlage S. 727 400 Zur Augenweide lasterhafter Jugend.
Vorlage S. 727 401 Die andre Hand liegt auf der grünen Decke
Vorlage S. 727 402 Des Betts, und zeigt solch' makelloses Weiß,
Vorlage S. 727 403 Wie Blüten im April an Baum und Hecke,
Vorlage S. 727 404 Noch glänzend von des Frühtaus Perlenschweiß.
Vorlage S. 727 405 Ihr Augenpaar im dunkeln Doppelkreis
Vorlage S. 727 406 Gleicht Ringelblumen, bis es sich erschließt
Vorlage S. 727 407 Und auf den Tag ein hellres Licht ergießt.
Vorlage S. 727 408 Ihr Goldhaar, wie sie atmet, steigt und sinkt
Vorlage S. 727 409 In üpp'ger Zucht und zücht'ger Üppigkeit;
Vorlage S. 727 410 Im Bild des Tods Triumph des Lebens schwingt
Vorlage S. 727 411 Sein Banner, das den Tod zum Leben weiht
Vorlage S. 727 412 Und beiden solchen Schönheitsglanz verleiht,
Vorlage S. 727 413 Als ob kein Streit mehr zwischen ihnen schwebte,
Vorlage S. 727 414 Der Tod im Leben, dies im Tode lebte.
Vorlage S. 727 415 Die Brust, zwei Globen wie von Elfenbein,
Vorlage S. 727 416 Zwei nie von andern unterworfne Welten
Vorlage S. 727 417 Als von dem Auserkornen, dem allein
Vorlage S. 727 418 Sie sich im Treugelübde zugesellten,
Vorlage S. 727 419 Und die so hoch Tarquin's Gelüsten schwellten,
Vorlage S. 727 420 Dass er, verhöhnend Ehre, Treu und Glauben,
Vorlage S. 727 421 Kam, um des Herrschers Doppelthron zu rauben.
Vorlage S. 727 422 Was konnt' er sehn, das er nicht eifrig merkte?
Vorlage S. 727 423 Was eifrig merken, das er nicht begehrte?
Vorlage S. 727 424 Und jeder neue Augenreiz verstärkte
Vorlage S. 727 425 Nur die Begier. Nicht staunend bloß verehrte
Vorlage S. 727 426 Er so viel Reiz: sein Auge förmlich zehrte
Vorlage S. 727 427 Vom Grübchenkinn, den Lippen von Korallen,
Vorlage S. 729 428 Der feinen Haut und von den Reizen allen.
Vorlage S. 729 429 Wie sich des Raubs, der nicht mehr kann entfliehn,
Vorlage S. 729 430 Der Löwe freut, schon halb gesättigt schier,
Vorlage S. 729 431 So vor der Schlafenden steht nun Tarquin.
Vorlage S. 729 432 Beim Anschaun wird die wilde Lustbegier
Vorlage S. 729 433 Gedämpft, doch nicht gelöscht; denn wie er ihr
Vorlage S. 729 434 Zur Seite steht, bald wiederum befeuern
Vorlage S. 729 435 Die Augen ihn, den Aufruhr zu erneuern.
Vorlage S. 729 436 Die Adern – gleich kampflustigen Vasallen
Vorlage S. 729 437 Und Knechten, die nach Blut und Beute jagen,
Vorlage S. 729 438 In jeder wüsten Untat sich gefallen,
Vorlage S. 729 439 Nach Kinderschrei und Mutterweh nicht fragen –
Vorlage S. 729 440 Treibt nun der Stolz, das Äußerste zu wagen;
Vorlage S. 729 441 Des Herzens Schlag gibt laut das Angriffszeichen,
Vorlage S. 729 442 Im Sturme, was sie mögen, zu erreichen.
Vorlage S. 729 443 Das Aug' erfrischt sich an des Herzens Schlagen
Vorlage S. 729 444 Und überträgt die Führung seiner Hand,
Vorlage S. 729 445 Die, stolz auf solch' Vertraun, mit kühnem Wagen
Vorlage S. 729 446 Gleich auf dem nackten Busen ihren Stand
Vorlage S. 729 447 Nimmt, als dem Herzenspunkt vom ganzen Land,
Vorlage S. 729 448 Des Türmchen, durch die Hand erstürmt, erblassen,
Vorlage S. 729 449 Von ihrer Adern blauen Reihn verlassen.
Vorlage S. 729 450 Das Blut der Adern flüchtet in die Kammer
Vorlage S. 729 451 Zurück, wo seine teure Herrin liegt,
Vorlage S. 729 452 Und bringt die Meldung ihr voll Weh' und Jammer,
Vorlage S. 729 453 Dass sie belagert sei, schon halb besiegt.
Vorlage S. 729 454 Erschreckt fährt sie empor vom Schlaf, es fliegt
Vorlage S. 729 455 Ihr Blick in den Tumult, doch jählings wendet
Vorlage S. 729 456 Er sich zurück, vom Fackellicht geblendet.
Vorlage S. 729 457 Nun denkt euch eine Frau, in stiller Nacht
Vorlage S. 729 458 Aus wilden Träumen bebend aufgeschreckt,
Vorlage S. 729 459 Im Wahn, durch eines bösen Geistes Macht,
Vorlage S. 729 460 Der sie im Traum bedroht, sei sie geweckt;
Vorlage S. 730 461 Und die nun wachend Schlimmres noch entdeckt,
Vorlage S. 730 462 Da Wirklichkeit ihr grell vor Augen brachte,
Vorlage S. 730 463 Was jedes Glied im Traum erbeben machte.
Vorlage S. 730 464 Von tausend Ängsten hin und her gezerrt
Vorlage S. 730 465 Liegt sie, dem pfeilgetroffnen Vogel gleich;
Vorlage S. 730 466 Sie will nicht sehn, allein vergebens sperrt
Vorlage S. 730 467 Ihr Auge sich: wie aus dem Schattenreich
Vorlage S. 730 468 Erscheinen Bilder, fratzenhaft und bleich,
Vorlage S. 730 469 Die, zürnend, dass die Augen sich verschließen,
Vorlage S. 730 470 Als Schreckgebilde nachts vorüberschießen.
Vorlage S. 730 471 Die Hand, die er auf ihre Brust noch hält
Vorlage S. 730 472 (Als Sturmbock auf den Wall von Elfenbein)
Vorlage S. 730 473 Fühlt, wie ihr wundes Herz bald steigt, bald fällt,
Vorlage S. 730 474 Verzweifelnd ringend gegen Todespein,
Vorlage S. 730 475 Und zittert mit der Zitternden, – allein
Vorlage S. 730 476 Dies mehrt nur seine Glut, heißt Mitleid schweigen,
Vorlage S. 730 477 Die holde Burg im Sturme zu ersteigen.
Vorlage S. 730 478 Die Zunge, als Trompete, zum Beginn,
Vorlage S. 730 479 Ertönt dem Feinde, dass er sich ergebe;
Vorlage S. 730 480 Aus weißer Decke taucht ein weißres Kinn
Vorlage S. 730 481 Und fragt: warum solch' Lärm sich da erhebe!
Vorlage S. 730 482 Tarquin hält stumm die Antwort in der Schwebe.
Vorlage S. 730 483 Sie aber forscht laut flehend nach dem Grunde
Vorlage S. 730 484 Des schnöden Überfalls zu solcher Stunde.
Vorlage S. 730 485 Er spricht: »Dein holdes Antlitz ist der Grund,
Vorlage S. 730 486 Dem selbst die Lilie seine Weiße neidet,
Vorlage S. 730 487 Und das vor Scham der Rose schließt den Mund.
Vorlage S. 730 488 In deine Farben ist mein Recht gekleidet,
Vorlage S. 730 489 Dein Banner führt mich, das den Sieg entscheidet
Vorlage S. 730 490 Beim Sturm auf deine Burg; die Schuld ist deine,
Vorlage S. 730 491 Dein eignes Aug' verriet dich an das meine.
Vorlage S. 730 492 So zeig' ich, grollst du, dir die eigne Schuld,
Vorlage S. 730 493 Denn deine Schönheit fing dich diese Nacht,
Vorlage S. 730 494 Drin du dich mir musst fügen mit Geduld,
Vorlage S. 730 495 Da du in mir die Gluten angefacht,
Vorlage S. 730 496 Die ich umsonst bekämpft mit ganzer Macht;
Vorlage S. 730 497 Durch mein Gewissen ward die Lust beschworen,
Vorlage S. 730 498 Durch deine Schönheit ward sie neu geboren.
Vorlage S. 730 499 Ich weiß, mein Angriff wird mir Unheil bringen,
Vorlage S. 730 500 Ich weiß, die Rose wird vom Dorn bewacht,
Vorlage S. 730 501 Und aus dem Honig seh' ich Stacheln dringen, –
Vorlage S. 730 502 Das hab' ich alles vorher wohl bedacht;
Vorlage S. 730 503 Doch Lust hat meinen Willen taub gemacht
Vorlage S. 730 504 Für guten Rat, – ganz von der Schönheit Licht
Vorlage S. 730 505 Bezaubert, hat er Sinn für andres nicht.
Vorlage S. 730 506 Erwogen hab' ich recht in tiefster Seele,
Vorlage S. 730 507 Welch' Unglück, Leid und Weh' der Tat entspringt;
Vorlage S. 730 508 Doch Leidenschaft gehorcht nicht dem Befehle
Vorlage S. 730 509 Der Klugheit, ob, was sie im Sturm erringt,
Vorlage S. 730 510 Auch nichts als Schmach und Reuetränen bringt,
Vorlage S. 730 511 Verachtung, Feindschaft, Lösung teurer Bande –
Vorlage S. 730 512 Doch streck' ich meinen Arm aus nach der Schande.«
Vorlage S. 730 513 So sprechend, schwingt er seine Römerklinge,
Vorlage S. 730 514 Die, wie der Falke, der zum Himmel steigt,
Vorlage S. 730 515 Den Vogel unterm Schatten seiner Schwinge
Vorlage S. 730 516 Festbannt, weil über ihm der Tod sich zeigt;
Vorlage S. 730 517 So unter seinem Schwerte zitternd neigt
Vorlage S. 730 518 Lucretia sich dem dräuenden Gesellen,
Vorlage S. 730 519 Dem Vogel gleich, hört er des Falken Schellen.
Vorlage S. 730 520 »Lucretia«, spricht er, »mein wirst du zur Nacht,
Vorlage S. 730 521 Und sträubst du dich, bricht die Gewalt mir Bahn,
Vorlage S. 730 522 Im Bett wirst du von mir dann umgebracht,
Vorlage S. 730 523 Und noch ein armer Sklav' wird abgetan
Vorlage S. 730 524 Und dir gesellt, und allen, die dir nahn,
Vorlage S. 730 525 Schwör' ich, damit du ehrlos wirst, ich hätte
Vorlage S. 732 526 Den niedern Buhlen dir erwürgt im Bette.
Vorlage S. 732 527 So wird in Schmach dein Mann dich überleben,
Vorlage S. 732 528 Ein Merkziel jedes offnen Auges sein,
Vorlage S. 732 529 Kein Blutsverwandter darf sein Haupt erheben,
Vorlage S. 732 530 Als Bastard schilt man jedes Kind, das dein,
Vorlage S. 732 531 Und als der Quell der Schmach giltst du allein;
Vorlage S. 732 532 In Liedern wird ein Nachhall deiner Schande
Vorlage S. 732 533 Durch alle Zeiten gehn und alle Lande.
Vorlage S. 732 534 Doch gibst du nach, so bleibt dein Freund verschwiegen,
Vorlage S. 732 535 Verschwiegne Schuld ist Schuld, die nicht getan,
Vorlage S. 732 536 Zu großem Zweck ein wenig seitwärts biegen,
Vorlage S. 732 537 Heißt noch nicht weichen von der rechten Bahn.
Vorlage S. 732 538 Die stärksten Gifte sind uns untertan;
Vorlage S. 732 539 Vermischt mit reinem Stoff und Gegengiften,
Vorlage S. 732 540 Vermögen sie kein Unheil anzustiften.
Vorlage S. 732 541 Um deines Gatten, deiner Kinder willen
Vorlage S. 732 542 Erhöre mich, dass sie nicht allzumal
Vorlage S. 732 543 Den Schandruf erben, den dann nichts zu stillen
Vorlage S. 732 544 Vermag! Ein Sklaven- und ein Muttermal
Vorlage S. 732 545 Ist nicht so schlimm als solcher Schande Qual.
Vorlage S. 732 546 Was kann der Mensch, der schwache Schwächenhehler,
Vorlage S. 732 547 Für die Natur und ihre eignen Fehler?«
Vorlage S. 732 548 Mit Basiliskenblicken tödlich lugend,
Vorlage S. 732 549 Reckt er sich stumm jetzt, zuckt die finstren Brauen, –
Vorlage S. 732 550 Und sie, das Bild der reinsten Frauentugend,
Vorlage S. 732 551 Wie eine weiße Hindin, die im Grauen
Vorlage S. 732 552 Der Wüste, wo kein Recht gilt, vor den Klauen
Vorlage S. 732 553 Des Greifen bebt, – fleht zu dem Menschentier,
Vorlage S. 732 554 Das kein Gesetz kennt als die wilde Gier.
Vorlage S. 732 555 Wenn vom Gebirg her dunkle Wolken dräuen,
Vorlage S. 732 556 Im Wettersturm das Tiefland zu ereilen,
Vorlage S. 732 557 Gelingt's oft sanftem Wind, sie zu zerstreuen
Vorlage S. 732 558 Und ihre schwarzen Dünste so zu teilen,
Vorlage S. 733 559 Dass sie unschädlich flatternd oben weilen.
Vorlage S. 733 560 So hemmt ihr Wort jetzt seinen stürm'schen Drang,
Vorlage S. 733 561 Wie Pluto nickt bei Orpheus' Zauberklang.
Vorlage S. 733 562 Doch grausam, wie die krallenscharfe Katze
Vorlage S. 733 563 Mit einer Maus, treibt er nur Scherz mit ihr;
Vorlage S. 733 564 Statt gleich zu schwelgen im ersehnten Schatze,
Vorlage S. 733 565 Nährt er durch ihre Tränen seine Gier,
Vorlage S. 733 566 Im Überfluss vor Hunger lechzend schier;
Vorlage S. 733 567 Sein hartes Herz kann Mitleid nicht bewegen,
Vorlage S. 733 568 Wird auch ein Stein erweicht durch langen Regen.
Vorlage S. 733 569 Ihr mitleidflehend Auge wehvoll ruht
Vorlage S. 733 570 Auf seinem mitleidslosen Angesicht,
Vorlage S. 733 571 Ihr sittsam Wort schwimmt wie auf Seufzerflut,
Vorlage S. 733 572 Voll Anmut rührend klingt so, was sie spricht.
Vorlage S. 733 573 Oft passt des Satzes Schluss zum Anfang nicht,
Vorlage S. 733 574 Oft auf ein Wort muss sie vergeblich sinnen,
Vorlage S. 733 575 Einmal zu sprechen zweimal erst beginnen.
Vorlage S. 733 576 Beim hehren Zeus, bei ihres Gatten Liebe,
Vorlage S. 733 577 Bei allem, was ihr hoch und heilig schien,
Vorlage S. 733 578 Bei Ehr' und Freundschaft, jedem guten Triebe
Vorlage S. 733 579 Der Menschenbrust beschwört sie weinend ihn,
Vorlage S. 733 580 Den Treubruch und ihr Schlafgemach zu fliehn,
Vorlage S. 733 581 Als Gastfreund in sein Bett zurückzukehren
Vorlage S. 733 582 Und nicht mit ihr sich selber zu entehren.
Vorlage S. 733 583 »Vergilt nicht das Vertraun, das dir geschenkt,
Vorlage S. 733 584 Mit solcher Greueltat, wie du ersannst,
Vorlage S. 733 585 Die Quelle trübe nicht, die dich getränkt,
Vorlage S. 733 586 Beschäd'ge nicht, was du nicht heilen kannst,
Vorlage S. 733 587 Such' andres Ziel, eh' du den Bogen spannst;
Vorlage S. 733 588 Der ist ein schlechter Schütz, der nicht errötet,
Vorlage S. 733 589 Wenn er die Hindin statt des Hirsches tötet.
Vorlage S. 733 590 Als meines Gatten Freund verschone mich,
Vorlage S. 733 591 Du bist ja stark und mächtig, ich bin schwach;
Vorlage S. 733 592 Mißbrauche nicht zu Schand' und Hohne mich;
Vorlage S. 733 593 Du siehst nicht aus wie ein Betrüger – mach'
Vorlage S. 733 594 Dich nicht dazu! Aus meinem Schlafgemach
Vorlage S. 733 595 Blies ich mit Seufzersturm dich gern von hinnen –
Vorlage S. 733 596 O, lass nicht hilflos meine Tränen rinnen.
Vorlage S. 733 597 Die, ein empörtes Meer, an's Herz dir schlagen
Vorlage S. 733 598 Und flehn, mich nicht dem Untergang zu weihn,
Vorlage S. 733 599 Dein hartes Herz zu sänftigen durch mein Klagen –
Vorlage S. 733 600 Zu Wasser wird ja, löst man ihn, der Stein;
Vorlage S. 733 601 Und willst du härter noch als Kiesel sein?
Vorlage S. 733 602 Lass meine Tränen Mitleid in dir schüren –
Vorlage S. 733 603 Mitleid bahnt sich den Weg durch Eisentüren.
Vorlage S. 733 604 Ich nahm dich freundlich auf hier als Tarquin;
Vorlage S. 733 605 Kamst du, um Schmach ihm anzutun, hieher?
Vorlage S. 733 606 O all' ihr Götter! Wird die Schuld verziehn,
Vorlage S. 733 607 Zu schänden hoher Fürsten Nam' und Ehr'?
Vorlage S. 733 608 Du bist nicht, was du scheinst, und wenn es wär',
Vorlage S. 733 609 Scheinst du nicht, was du bist; denn Fürstenhoheit.
Vorlage S. 733 610 Ist göttergleich und meidet Schmach und Roheit
Vorlage S. 733 611 Welch' böse Saat wird dir dein Alter tragen,
Vorlage S. 733 612 Knospt deine Sünde so im Lenze schon!
Vorlage S. 733 613 Darfst du, in Hoffnung noch, das Schlimmste wagen,
Vorlage S. 733 614 Was wagst du erst, wenn auf dem Königsthron?
Vorlage S. 733 615 Bedenk', des bösen Leumunds Zungen drohn
Vorlage S. 733 616 Selbst den Vasallen, die gefrevelt haben:
Vorlage S. 733 617 Mit Königen wird nicht ihre Schmach begraben.
Vorlage S. 733 618 Aus Furcht nur liebt man dich nach solcher Tat,
Vorlage S. 733 619 Doch gute Fürsten fürchtet man aus Liebe,
Vorlage S. 733 620 Als Räuber dulden müsstest du im Staat,
Vorlage S. 733 621 Dass straflos der gemeinste Räuber bliebe;
Vorlage S. 733 622 Darum bekämpfe deine bösen Triebe,
Vorlage S. 733 623 Denn Fürsten sind für ihre Untertanen
Vorlage S. 735 624 Buch, Schul' und Spiegel, an das Recht zu mahnen.
Vorlage S. 735 625 Willst du denn Schule schnöder Wollust sein?
Vorlage S. 735 626 Das Buch, das der Verführung Lehren künde?
Vorlage S. 735 627 Der Spiegel, darin alle, Groß und Klein,
Vorlage S. 735 628 Das Recht zum Unrecht sehn, Gewähr für Sünde?
Vorlage S. 735 629 Willst du, dass jede Schande sich verbünde
Vorlage S. 735 630 Mit deinem Namen, so beutst du die Stirne
Vorlage S. 735 631 Dem guten Ruf, machst ihn zur feilen Dirne.
Vorlage S. 735 632 Hast du Gewalt? Durch den, der sie verlieh,
Vorlage S. 735 633 Bezwinge deinen Willen, den Rebellen!
Vorlage S. 735 634 Doch nicht dein Schwert zum Schutz des Lasters zieh',
Vorlage S. 735 635 Es ward dir, um die Lasterbrut zu fällen.
Vorlage S. 735 636 Wie wolltest du dein Fürstenamt bestellen,
Vorlage S. 735 637 Wenn jeder Frevler dich mit Recht gemahnte,
Vorlage S. 735 638 Dass du es warst, der ihm die Wege bahnte?
Vorlage S. 735 639 Bedenk', wie widrig würd' es für dich sein,
Vorlage S. 735 640 Die eigne Schuld in andern zu entdecken!
Vorlage S. 735 641 Der Mensch sieht selten seine Fehler ein
Vorlage S. 735 642 Und sucht sie gern parteiisch zu verstecken.
Vorlage S. 735 643 Dies würde selbst im Bruder dich erschrecken
Vorlage S. 735 644 Als todeswert. Wie tief doch die schon fielen,
Vorlage S. 735 645 Die bei der eignen Untat seitwärts schielen!
Vorlage S. 735 646 Zu dir erheb' ich flehend Herz und Hand,
Vorlage S. 735 647 Zu dir – gelöst von sündigem Unterfangen:
Vorlage S. 735 648 Ruf' heim die Majestät, die du verbannt,
Vorlage S. 735 649 Dann fällt von selbst der Trug, der dich umfangen,
Vorlage S. 735 650 Ihr Ansehn bändigt frevelndes Verlangen,
Vorlage S. 735 651 Die Nebel fliehn vor ihr, dein Blick wird reiner;
Vorlage S. 735 652 Erkenn' dich selbst und du erbarmst dich meiner!« –
Vorlage S. 735 653 »Genug!« rief er, »Flut, die so ungeheuer
Vorlage S. 735 654 Anschwoll wie meine, lässt sich nicht mehr halten;
Vorlage S. 735 655 Ein Licht erlischt im Wind, – ein großes Feuer
Vorlage S. 735 656 Wird mit dem Sturm nur mächtiger sich entfalten.
Vorlage S. 736 657 Das süße Wasser, das den Meeresgewalten
Vorlage S. 736 658 Täglich Tribut bringt aus den Binnenländern,
Vorlage S. 736 659 Nährt sie, ohn' ihren Salzgeschmack zu ändern.« –
Vorlage S. 736 660 »Du bist«, sprach sie, »ein König, bist ein Meer,
Vorlage S. 736 661 Und strebst, die ungezähmte Flut zu nähren
Vorlage S. 736 662 Durch Schmach und Wollust, Sünden schwarz und schwer,
Vorlage S. 736 663 Die deines Blutes Wellen ganz entehren
Vorlage S. 736 664 Und deine eigne Art dir so verkehren,
Vorlage S. 736 665 Dass du als Meer selbst wirst zur Pfütze sinken,
Vorlage S. 736 666 Und machst die kleinen aus der großen trinken.
Vorlage S. 736 667 So steigst vor Sklaven du vom Thron herab
Vorlage S. 736 668 Und kleidest sie in deine Majestät;
Vorlage S. 736 669 Du wirst ihr Leben und sie sind dein Grab,
Vorlage S. 736 670 In Unwert sie und du in Stolz geschmäht.
Vorlage S. 736 671 Kehr' um zu deiner Hoheit, eh's zu spät.
Vorlage S. 736 672 Die Zeder beugt sich nicht den niedren Knorren,
Vorlage S. 736 673 Die ihr zu Füßen welken und verdorren.
Vorlage S. 736 674 D'rum deine Sinne, die Vasallen, lass ...«
Vorlage S. 736 675 »Nichts mehr, beim Himmel!« ruft er, »will ich hören!
Vorlage S. 736 676 Gib meiner Liebe nach, sonst wird mein Haß,
Vorlage S. 736 677 Was Liebe sanft umfinge, rauh zerstören,
Vorlage S. 736 678 Und dann, des Leumunds Ohren zu betören,
Vorlage S. 736 679 Zum Lager eines Sklaven trag ich dich,
Vorlage S. 736 680 Vereint mit ihm fällst du, wie er, durch mich!«
Vorlage S. 736 681 Er spricht's, löscht mit dem Fuß die Fackel aus,
Vorlage S. 736 682 Denn Lust und Licht sind auf den Tod entzweit;
Vorlage S. 736 683 Hüllt Sünde sich in nächt'gen Dunkels Graus.
Vorlage S. 736 684 Wächst mit dem Dunkel ihre Grausamkeit.
Vorlage S. 736 685 Ein Raub des Wolfs das arme Lämmchen schreit,
Vorlage S. 736 686 Bis es zuletzt, vom eignen Vlies erdrückt,
Vorlage S. 736 687 Im Schmerz verstummend sich zusammenbückt.
Vorlage S. 736 688 Denn mit dem Nachtgewand verhüllt er dicht
Vorlage S. 736 689 Ihr Haupt, dass man am Schrei'n sie nicht entdeckt,
Vorlage S. 736 690 Und kühlt in ihren Tränen sein Gesicht,
Vorlage S. 736 691 Die aus der reinsten Keuschheit Gram erweckt.
Vorlage S. 736 692 O, dass das Laster so die Tugend schreckt!
Vorlage S. 736 693 Vertilgten Tränen solchen Fleck der Schmach,
Vorlage S. 736 694 Lucretia ließe nie mit Weinen nach.
Vorlage S. 736 695 Mehr als das Leben wert, hat sie verloren,
Vorlage S. 736 696 Und er verlöre gern, was er gewonnen.
Vorlage S. 736 697 Aus solchem Bund wird neuer Zwist geboren,
Vorlage S. 736 698 Endlose Qual für kurze, flücht'ge Wonnen.
Vorlage S. 736 699 In Abscheu ist die glühnde Lust zerronnen.
Vorlage S. 736 700 Die Keuschheit hat nun ihren Schatz nicht mehr,
Vorlage S. 736 701 Die Lust, der Dieb, ist ärmer als vorher.
Vorlage S. 736 702 Wie Falk' und Jagdhund, wenn sie, übersatt,
Vorlage S. 736 703 Zum Beizen und zum Spüren ungeschickt,
Vorlage S. 736 704 Die Beute lassen, oder doch nur matt
Vorlage S. 736 705 Und lässig treiben, was sie sonst entzückt,
Vorlage S. 736 706 So fühlt, erschlafft, sich jetzt Tarquin bedrückt;
Vorlage S. 736 707 Sein Wonnerausch, in Überdruß verkehrt,
Vorlage S. 736 708 Verzehrt den Willen, der von ihm gezehrt.
Vorlage S. 736 709 O Sünde, tiefer als es auszusprechen
Vorlage S. 736 710 Das Wort vermag und der Verstand ergründen!
Vorlage S. 736 711 Das Laster muss aus Ekel sich erbrechen,
Vorlage S. 736 712 Noch eh' es ganz erkannt hat seine Sünden.
Vorlage S. 736 713 Nichts hemmt ein Feuer, das Begierden zünden,
Vorlage S. 736 714 Bis es zuletzt in eigner Glut verglimmt,
Vorlage S. 736 715 Dem Gaul gleich, der im Lauf sich übernimmt.
Vorlage S. 736 716 Und dann mit fahlen, abgehärmten Wangen,
Vorlage S. 736 717 Trübäugig, stirngefaltet, matt von Schritten,
Vorlage S. 736 718 Beweint den Fall kleinmütig das Verlangen,
Vorlage S. 736 719 Wie ein Verarmter, der Bankrott erlitten.
Vorlage S. 736 720 Wenn Fleisch den Kampf mit Schönheit ausgestritten,
Vorlage S. 736 721 Erlischt die Glut mit dem Erlangten schnell:
Vorlage S. 738 722 Um Gnade fleht der schuldige Rebell.
Vorlage S. 738 723 So sollt' es nun dem Herrscher Roms auch gehn;
Vorlage S. 738 724 Als er erlangt, was glühend er begehrt,
Vorlage S. 738 725 Musst' er, sich selber richtend, eingestehn:
Vorlage S. 738 726 Durch aller Zeiten Lauf sei er entehrt,
Vorlage S. 738 727 Der Seele schöner Tempel ganz verheert,
Vorlage S. 738 728 Und Sorgen ziehn in Scharen zu den Trümmern,
Vorlage S. 738 729 Durch Fragen die Entweihte zu bekümmern.
Vorlage S. 738 730 Sie spricht: der wilde Aufruhr der Vasallen
Vorlage S. 738 731 Hab' ihr geweihtes Heiligtum entweiht,
Vorlage S. 738 732 Durch tödliches Vergehn sei sie verfallen
Vorlage S. 738 733 Dem Sündenfluche der Unsterblichkeit,
Vorlage S. 738 734 Gequält nun von lebendigen Todes Leid,
Vorlage S. 738 735 Sie habe all' das klar vorausgesehen
Vorlage S. 738 736 Und dennoch nicht vermocht zu widerstehen.
Vorlage S. 738 737 So treibt's ihn, scheu im Dunkeln fortzueilen,
Vorlage S. 738 738 Als Sieger, der sich nur Verlust gewann,
Vorlage S. 738 739 Und Wunden, die durch keine Kunst zu heilen.
Vorlage S. 738 740 Und hinter sich in noch viel schlimmerm Bann
Vorlage S. 738 741 Lässt seine Beute der unsel'ge Mann;
Vorlage S. 738 742 Sie trägt die Bürde seiner schnöden Lust,
Vorlage S. 738 743 Er schweres Schuldbewußtsein in der Brust.
Vorlage S. 738 744 Er schleicht davon gleich einem diebischen Hunde,
Vorlage S. 738 745 Sie liegt, ein müdes Lamm, trostlos allein;
Vorlage S. 738 746 Er flucht sich selbst und seiner bösen Stunde,
Vorlage S. 738 747 Sie gräbt in's eigne Fleisch die Nägel ein.
Vorlage S. 738 748 Er flieht, gehetzt von wilder Angst und Pein,
Vorlage S. 738 749 Sie flucht der Nacht, d'rin sie ihr Heil verloren,
Vorlage S. 738 750 Und er der Lust, die Unheil ihm geboren.
Vorlage S. 738 751 Er hastet fort, schwer seine Schuld zu büßen,
Vorlage S. 738 752 Sie bleibt zurück in hoffnungslosen Weh'n;
Vorlage S. 738 753 Er seufzt danach, das Morgenrot zu grüßen,
Vorlage S. 738 754 Sie möchte nie das Tageslicht mehr sehn:
Vorlage S. 739 755 »Denn«, sprach sie, »es enthüllt der Nacht Vergehn,
Vorlage S. 739 756 Und fremd ist mir die Heuchelkunst der Dirne,
Vorlage S. 739 757 Schuld zu verhüllen unter heitrer Stirne.
Vorlage S. 739 758 Die selbsterkannte Schmach ist furchterfüllt,
Vorlage S. 739 759 Dass jedes Menschenauge sie erspähe,
Vorlage S. 739 760 Und darum bleibt sie gern in Nacht verhüllt,
Vorlage S. 739 761 Erbangend vor dem Licht und Menschennähe.
Vorlage S. 739 762 Sie möchte nicht, dass man die Tränen sähe,
Vorlage S. 739 763 Die auf die Wangen ihrer Schande Mal
Vorlage S. 739 764 Eingraben wie sich Wasser frisst in Stahl.«
Vorlage S. 739 765 Lucretia scheucht die Ruh' durch ihren Schmerz
Vorlage S. 739 766 Und wünscht den Augen ewiges Erblinden,
Vorlage S. 739 767 Schlägt an die Brust und hält so wach ihr Herz
Vorlage S. 739 768 Und möchte gern sich seiner ganz entwinden,
Vorlage S. 739 769 Ihm eine reinre Wohnstatt aufzufinden;
Vorlage S. 739 770 Und so vom Gram zur Raserei gebracht,
Vorlage S. 739 771 Schmäht sie die stille Heimlichkeit der Nacht:
Vorlage S. 739 772 »Trostlose Nacht, der Hölle bist du gleich,
Vorlage S. 739 773 Du Lasterbuch und Unheilpflegerin!
Vorlage S. 739 774 Du Trauerbühne, stets an Morden reich!
Vorlage S. 739 775 Du Sündenchaos, Kupplerhegerin
Vorlage S. 739 776 Und jeder Schmach verruchte Trägerin!
Vorlage S. 739 777 Du Todeshöhle, Wollustschülerin,
Vorlage S. 739 778 Zu jeder Missetat Verführerin!
Vorlage S. 739 779 Verhaßte, dunstige, nebelgiftige Nacht!
Vorlage S. 739 780 Da du verschuldet mein unheilbar Leid,
Vorlage S. 739 781 So zeig nun auch dem Tage deine Macht,
Vorlage S. 739 782 Bekämpfe den gemeßnen Lauf der Zeit!
Vorlage S. 739 783 Und magst du nicht der Sonne Herrlichkeit
Vorlage S. 739 784 Im Aufgehn hemmen: lass beim Niedergehn
Vorlage S. 739 785 Dein Giftgewölk' ihr goldnes Haupt umwehn.
Vorlage S. 739 786 Mit faulem Dunst entweih' den frischen Morgen,
Vorlage S. 739 787 Der Reinheit Urquell selbst, das Sonnenlicht,
Vorlage S. 739 788 Dein Gifthauch treffe, eh' es sich geborgen
Vorlage S. 739 789 Sieht in der Mittagsruh', sein Angesicht,
Vorlage S. 739 790 Mit Nebelschleiern hüll' es ein so dicht,
Vorlage S. 739 791 Dass, rauh erstickt, sein Licht schon untergehe
Vorlage S. 739 792 Zur Mittagszeit und ewige Nacht entstehe!
Vorlage S. 739 793 Wär' selbst die Nacht – nicht nur ihr Sohn – Tarquin,
Vorlage S. 739 794 Er brächte Luna's Silberglanz zu Schanden,
Vorlage S. 739 795 Und ihre Sterne würden schwarz durch ihn,
Vorlage S. 739 796 Entehrt in ihren schimmernden Gewanden;
Vorlage S. 739 797 Genossen wären meiner Qual erstanden,
Vorlage S. 739 798 Und wie Geplauder lange Wege mindert,
Vorlage S. 739 799 Würde durch Mitgefühl mein Leid gelindert.
Vorlage S. 739 800 Jetzt hab' ich niemand, mit mir zu erröten,
Vorlage S. 739 801 Gekreuzten Arms mit mir das Haupt zu senken,
Vorlage S. 739 802 Ich bin allein in meines Herzens Nöten,
Vorlage S. 739 803 Muss mit verhüllter Stirn der Schande denken,
Vorlage S. 739 804 Mit heller Tränenflut die Erde tränken;
Vorlage S. 739 805 Ein bald verschwindend Denkmal sind die Zähren,
Vorlage S. 739 806 Gesetzt den Leiden, welche ewig währen.
Vorlage S. 739 807 O Nacht, mit höllenschwarzem Rauchgewande,
Vorlage S. 739 808 Verhüll' dem neidischen Tage mein Gesicht,
Vorlage S. 739 809 Das unter deinem Mantel seine Schande
Vorlage S. 739 810 Verbirgt, ob's auch vor Qual zusammenbricht!
Vorlage S. 739 811 O, weich' von deinem finstren Platze nicht!
Vorlage S. 739 812 Die Sünden alle sein, die mich verloren,
Vorlage S. 739 813 In dir begraben, wie aus dir geboren!
Vorlage S. 739 814 O, gib mich preis nicht dem geschwätzigen Tage,
Vorlage S. 739 815 Denn lesen würde man in seinem Lichte
Vorlage S. 739 816 Das Schuldbewußtsein, das ich in mir trage;
Vorlage S. 739 817 Mit Tränen steht geschrieben im Gesichte
Vorlage S. 739 818 Der Keuchheit Fall, des Ehbruchs Schmachgeschichte;
Vorlage S. 739 819 Selbst wer sonst nie mit Schrift vertraut gewesen,
Vorlage S. 741 820 Wird meine Schuld aus meinen Augen lesen.
Vorlage S. 741 821 Die Amme wird von mir dem Kind erzählen,
Vorlage S. 741 822 Ihm drohen mit dem Namen des Tarquin;
Vorlage S. 741 823 Der Redner wird's zum Schmuck der Rede wählen:
Vorlage S. 741 824 Wie mich Tarquin betrog, ich Collatin,
Vorlage S. 741 825 Und wenn zum Festgelag' die Sänger ziehn,
Vorlage S. 741 826 Dann singen sie, die Hörer zu entflammen,
Vorlage S. 741 827 Die Schuld Tarquin's mit meiner Schmach zusammen.
Vorlage S. 741 828 Um meines Gatten teurer Liebe willen,
Vorlage S. 741 829 Lass meinen guten Namen unbefleckt!
Vorlage S. 741 830 Von gift'gen Mißtrauns Wehe, nie zu stillen,
Vorlage S. 741 831 Wird Collatin sonst selbst leicht angesteckt
Vorlage S. 741 832 Und so mit unverdienter Schmach bedeckt
Vorlage S. 741 833 Sein Ruf, der rein vom Schimpf, den ich erlitten,
Vorlage S. 741 834 Rein wie ich selbst bis da in meinen Sitten.
Vorlage S. 741 835 O Schimpf, unsichtbar dem nur, der ihn trägt!
Vorlage S. 741 836 O, vom Empfänger nicht gefühlte Wunde!
Vorlage S. 741 837 Auf Collatin's Gesicht ist Schmach geprägt
Vorlage S. 741 838 Und nur Tarquin versteht die Schrift, die Kunde
Vorlage S. 741 839 Gibt von Verrat und heimlich schnödem Bunde.
Vorlage S. 741 840 Ach! Viele müssen solche Narben tragen,
Vorlage S. 741 841 Die niemand kennt als der, der sie geschlagen.
Vorlage S. 741 842 Ich sollte tragen deiner Ehren Krone,
Vorlage S. 741 843 Mein Collatin! Geraubt ward sie zumal
Vorlage S. 741 844 Mit meinem Honig, und als arme Drohne
Vorlage S. 741 845 Verkomm' ich jetzt in unfruchtbarer Qual,
Vorlage S. 741 846 Da roher Zwang mir alles, alles stahl.
Vorlage S. 741 847 Die Wespe hat, die in den Stock gedrungen,
Vorlage S. 741 848 Der keuschen Biene Honig dir verschlungen.
Vorlage S. 741 849 Zwar trag' ich Schuld am Schiffbruch deiner Ehren,
Vorlage S. 741 850 Doch dir zu Ehren nur empfing ich ihn!
Vorlage S. 741 851 Du sandtest ihn; könnt' ich ihm Zutritt wehren?
Vorlage S. 741 852 Dies hätte dich entehrt, mein Collatin,
Vorlage S. 742 853 Da er vom Weg ganz übermüdet schien
Vorlage S. 742 854 Und nur von Tugend sprach. Wer fürchtet Leid
Vorlage S. 742 855 Vom Teufel, der erscheint im Tugendkleid?
Vorlage S. 742 856 Wie kommt's, dass Würmer zarte Knospen töten?
Vorlage S. 742 857 Wie kommt's, dass Spatzen Kuckuckseier brüten?
Vorlage S. 742 858 Wie kommt zum reinsten Quell das Gift der Kröten?
Vorlage S. 742 859 Wie in das edle Herz tyrannisch Wüten?
Vorlage S. 742 860 Wie, dass selbst Könige ihr Gesetz nicht hüten?
Vorlage S. 742 861 Ach! Nichts ist so vollkommen in der Welt,
Vorlage S. 742 862 Dass nichts Gemeines sich ihm zugesellt.
Vorlage S. 742 863 Der Greis häuft Schätze, die ihm nichts mehr taugen,
Vorlage S. 742 864 Denn Krämpfe plagen ihn und Gicht und Fluss,
Vorlage S. 742 865 Kaum sieht er noch sein Gold mit schwachen Augen
Vorlage S. 742 866 Und sitzt in Qual davor wie Tantalus,
Vorlage S. 742 867 Häuft seiner Klugheit Frucht mit Überdruß;
Vorlage S. 742 868 Er hat kein Glück als Leid, dass ganze Haufen
Vorlage S. 742 869 Von Gold ihm doch Gesundheit nicht erkaufen.
Vorlage S. 742 870 Er hat es erst, wenn ohne Nutz' und Freuden,
Vorlage S. 742 871 Und lässt es bald den Kindern zum Verwalten,
Vorlage S. 742 872 Die's rasch in stolzem Übermut vergeuden; –
Vorlage S. 742 873 Den Jungen fehlt das Maß, wie Kraft dem Alten,
Vorlage S. 742 874 Das fluchbeladne Gold lang zu erhalten.
Vorlage S. 742 875 So sehn wir das erwünschte Gut zerronnen
Vorlage S. 742 876 Fast schon im Augenblick, da wir's gewonnen.
Vorlage S. 742 877 Den holden Lenz durchtosen rauhe Stürme,
Vorlage S. 742 878 Wie Unkraut dicht bei duft'gen Blumen treibt;
Vorlage S. 742 879 Wo Vögel singen, zischt auch Giftgewürme,
Vorlage S. 742 880 Wie stets das Laster sich an Tugend reibt;
Vorlage S. 742 881 Es gibt kein Gut, das sicher unser bleibt,
Vorlage S. 742 882 Und dessen Leben oder Eigenart
Vorlage S. 742 883 Gelegenheit ganz vor Verderbnis wahrt.
Vorlage S. 742 884 Gelegenheit, ja, deine Schuld ist groß!
Vorlage S. 742 885 Denn du nur führst Verräter zum Verrat,
Vorlage S. 742 886 Du stellst dem Wolf das arme Lämmchen bloß,
Vorlage S. 742 887 Das sündige Gelüst machst du zur Tat,
Vorlage S. 742 888 Höhnst Recht, Gesetz, Vernunft und guten Rat;
Vorlage S. 742 889 Aus deiner Höhle, ungesehn, ergreift
Vorlage S. 742 890 Die Sünde jeden, der vorüberstreift.
Vorlage S. 742 891 Du, du allein brichst der Vestalin Eid,
Vorlage S. 742 892 Du schürst die Glut, und alle Scham schmilzt hin;
Vorlage S. 742 893 Du schändest Treue, mordest Redlichkeit,
Vorlage S. 742 894 Der Tugend Opfer wird dir zum Gewinn,
Vorlage S. 742 895 Du Sündensporn, ruchlose Kupplerin!
Vorlage S. 742 896 Durch dich wird Leid aus Lust, aus Honig Galle,
Vorlage S. 742 897 Das Schönste, Reinste kommt durch dich zum Falle.
Vorlage S. 742 898 Verstohlenem Genuss folgt laute Schmach
Vorlage S. 742 899 Und offenes Fasten stillen Festeszeiten,
Vorlage S. 742 900 Den Schmeichelworten folgt Beschimpfung nach,
Vorlage S. 742 901 Aus Süßem musst du Bittres stets bereiten,
Vorlage S. 742 902 Vergänglich sind all' deine Eitelkeiten;
Vorlage S. 742 903 Wie kommt es denn, dass, statt dich zu verfluchen,
Vorlage S. 742 904 Gelegenheit, so viele stets dich suchen?
Vorlage S. 742 905 Wann wirst du hilfreich dich zum Armen wenden,
Vorlage S. 742 906 Gewährung seiner Bitten zu erlangen?
Vorlage S. 742 907 Wann suchen, lange Zwietracht kurz zu enden
Vorlage S. 742 908 Und zu befrein, wen Elend hält gefangen?
Vorlage S. 742 909 Wann kommst zu Trost und Heilung du gegangen?
Vorlage S. 742 910 Der Arme, Lahme, Blinde kriecht und schreit
Vorlage S. 742 911 Zu dir und trifft dich nie, Gelegenheit.
Vorlage S. 742 912 Der Kranke stirbt – der Arzt schläft in der Kammer;
Vorlage S. 742 913 Die Waise darbt – ihr Vormund nährt sich gut;
Vorlage S. 742 914 Gerechtigkeit schwelgt bei der Witwe Jammer,
Vorlage S. 742 915 Der lust'ge Rat hemmt nicht der Seuche Wut.
Vorlage S. 742 916 Vor allem Guten bist du auf der Hut,
Vorlage S. 742 917 Doch wo es Mord gibt, Raub, Verräterei
Vorlage S. 744 918 Und Unzucht, bist du hilfreich stets dabei.
Vorlage S. 744 919 Wenn Treu' und Tugend dich um Hilfe flehn,
Vorlage S. 744 920 So fehlt dir's, nicht zu helfen, nie an Gründen;
Vorlage S. 744 921 Sie kaufen dich, frei darf das Laster gehn,
Vorlage S. 744 922 Denn sportelfrei bei dir sind alle Sünden
Vorlage S. 744 923 Und du stets froh, dich ihnen zu verbünden;
Vorlage S. 744 924 Fern hieltst du meinen treuen Collatin
Vorlage S. 744 925 Und gabst mich preis dem tückischen Tarquin!
Vorlage S. 744 926 Du trägst die Schuld an Meineid, Mord und Lug,
Vorlage S. 744 927 An Raub, Verrat, Verführung und Zerstörung,
Vorlage S. 744 928 An jeder Schändlichkeit und jedem Trug;
Vorlage S. 744 929 Du treibst zur Unzucht durch des Bluts Empörung,
Vorlage S. 744 930 Und bist Gehilfin jeglicher Betörung
Vorlage S. 744 931 Und jeden Frevels in der Weltgeschichte
Vorlage S. 744 932 Vom Schöpfungstage bis zum Weltgerichte.
Vorlage S. 744 Kontextbild zum Werk. Historische Darstellung von William Shakespeare — Spätere künstlerische Darstellung; kein gesichertes Bildnis aus dem Leben. · Martin Droeshout · Public domain Bildquelle ↗ 933 Und du, der Nacht Mitschuld'ge: Scheusal Zeit,
Vorlage S. 744 934 Vertilgerin der Jugend, Sorgenschwinge,
Vorlage S. 744 935 Treulose Botin schnöder Üppigkeit,
Vorlage S. 744 936 Packpferd der Sünde und der Tugend Schlinge,
Vorlage S. 744 937 Du aller Wieg' und Grab im Weltenringe:
Vorlage S. 744 938 Da du die Ehre mir zu rauben kamst,
Vorlage S. 744 939 Nimm auch mein Leben, dessen Schmuck du nahmst!
Vorlage S. 744 940 Durch deine Sklavin, die Gelegenheit,
Vorlage S. 744 941 Betrogst du mich um meines Schlafes Frieden,
Vorlage S. 744 942 Erlaubtest ihr, mit wilder Grausamkeit
Vorlage S. 744 943 Mich in ein endlos Leidensjoch zu schmieden.
Vorlage S. 744 944 Du hast dich ganz von deiner Pflicht geschieden!
Vorlage S. 744 945 Denn Zeit soll Irrtum klären, Zwietracht enden,
Vorlage S. 744 946 Doch nicht ein keusches Ehbett plündernd schänden.
Vorlage S. 744 947 Ihr Ruhm ist, Zwist der Könige beizulegen,
Vorlage S. 744 948 Den Trug entlarvend, Wahrheit aufzudecken;
Vorlage S. 744 949 Vergangner Zeit den Stempel aufzuprägen,
Vorlage S. 744 950 Die Nacht zu schützen und den Tag zu wecken,
Vorlage S. 745 951 Aus ihrer Schuld die Schuldigen aufzuschrecken,
Vorlage S. 745 952 Prachtbauten in Ruinen umzustürmen
Vorlage S. 745 953 Und Staub auf ihren goldnen Schmuck zu türmen.
Vorlage S. 745 954 Mit hehren Kunstgebilden Würmer füttern,
Vorlage S. 745 955 Vergessenheit mit dem Verfall der Dinge,
Vorlage S. 745 956 Den Inhalt alter Bücher zu zerknittern,
Vorlage S. 745 957 Den Kiel zu ziehn aus alter Raben Schwinge,
Vorlage S. 745 958 Zu sehn, dass Nachwuchs altem Stamm entspringe, –
Vorlage S. 745 959 Am harten Stahl des Altertums zu nagen,
Vorlage S. 745 960 Das Wirbelrad des Glückes umzuschlagen.
Vorlage S. 745 961 Großmütter lass den Blick auf Enkel richten,
Vorlage S. 745 962 Zum Kinde mach' den Mann, das Kind zum Manne,
Vorlage S. 745 963 Vernichte Tiger, lebend vom Vernichten,
Vorlage S. 745 964 Des Löwen und des Einhorns Wildheit banne,
Vorlage S. 745 965 Die List in ihre eigne Klemme spanne,
Vorlage S. 745 966 Zu reicher Ernte lass die Saat gedeihn
Vorlage S. 745 967 Und höhl' mit weichen Tropfen hart Gestein!
Vorlage S. 745 968 Warum nur wirkst du als Vertilgerin,
Vorlage S. 745 969 Statt heilend auch der Sühne dich zu weihn?
Vorlage S. 745 970 Ein Augenblick der Rückkehr, Pilgerin,
Vorlage S. 745 971 Erkaufte tausend Freunde dir, und rein
Vorlage S. 745 972 Von Schuld schnell würde mancher Schuldige sein.
Vorlage S. 745 973 Von dieser Unglücksnacht nur eine Stunde
Vorlage S. 745 974 Gib mir zurück, so ging' ich nicht zugrunde!
Vorlage S. 745 975 Lass, vielgeschäftige Hand der Ewigkeit,
Vorlage S. 745 976 Den flüchtigen Tarquin die ganze Wucht
Vorlage S. 745 977 Des Unheils fühlen! Schaff ihm Kreuz und Leid,
Vorlage S. 745 978 Dass er die nächt'ge Freveltat verflucht!
Vorlage S. 745 979 Von bleichen Schatten sei er heimgesucht, –
Vorlage S. 745 980 Erfüll' sein Schuldbewußtsein so mit Grauen,
Vorlage S. 745 981 In jedem Busch ein Schreckgespenst zu schauen!
Vorlage S. 745 982 Verstör' ihm ruhelos die Zeit der Ruhe,
Vorlage S. 745 983 Den Peiniger im Bett mit Schmerz zu peinigen;
Vorlage S. 745 984 Was du ihm Böses antun kannst, das tue,
Vorlage S. 745 985 Und lass kein Mitleid seiner Qual sich einigen;
Vorlage S. 745 986 Lass Herzen, härter noch wie Stahl, ihn steinigen,
Vorlage S. 745 987 Und sanfter Frauen angeborne Mildheit
Vorlage S. 745 988 Verkehre sich bei ihm in Tigerwildheit.
Vorlage S. 745 989 Vergönn' ihm Zeit, dass er sein Haar zerraufe,
Vorlage S. 745 990 Zeit, dass er mit Verachtung selbst sich schmähe,
Vorlage S. 745 991 Zeit, zu verzweifeln an der Zeit Verlaufe,
Vorlage S. 745 992 Zeit, dass er sich als niedren Sklaven sehe,
Vorlage S. 745 993 Zeit, dass von Bettlern er sein Brot erflehe,
Vorlage S. 745 994 Und Zeit, dass, die von Mitleid selber leben,
Vorlage S. 745 995 Verschmähn, verschmähte Brocken ihm zu geben!
Vorlage S. 745 996 Lass Zeit ihm, dass er Freund' als Feinde sehe
Vorlage S. 745 997 Und aller Narren Spott zu werden meine,
Vorlage S. 745 998 Und Zeit, zu sehn, wie langsam Zeit vergehe
Vorlage S. 745 999 Zur Zeit des Grams, – und wie so kurz erscheine
Vorlage S. 745 1000 Die Zeit des Lasters und der Lust wie seine, –
Vorlage S. 745 1001 Und ewig lass sein Schuldbewußtsein währen,
Vorlage S. 745 1002 Den Gram des Missbrauchs seiner Zeit zu nähren!
Vorlage S. 745 1003 Zeit, Lehrerin des Guten und des Schlechten,
Vorlage S. 745 1004 Lehr' mich auf deinen Sündenzögling fluchen!
Vorlage S. 745 1005 Lass ihn mit seinem eignen Schatten fechten
Vorlage S. 745 1006 Und sich allstündlich selbst zu töten suchen,
Vorlage S. 745 1007 Um Selbstmord ihm als letzte Schuld zu buchen,
Vorlage S. 745 1008 Denn wo lebt sonst ein Mensch, so feil und schlecht,
Vorlage S. 745 1009 Ein Henker sein zu wollen diesem Knecht?
Vorlage S. 745 1010 Am tiefsten sinkt, wer auf den Thron geboren,
Vorlage S. 745 1011 Wenn er die hohe Hoffnung täuscht durch Schande
Vorlage S. 745 1012 Und gibt sein Ehrenteil dem Haß verloren,
Vorlage S. 745 1013 Denn Menschenruhm und Schmach wächst mit dem Stande,
Vorlage S. 745 1014 Die Fürstenschuld ist höchste Schuld im Lande.
Vorlage S. 745 1015 Den Mond vermisst man hinter Wolkendunkel,
Vorlage S. 747 1016 Doch nicht der kleinen Sterne Glanzgefunkel.
Vorlage S. 747 1017 Die schwarze Krähe mag im Schlamme baden
Vorlage S. 747 1018 Und ohne Spur des Schmutzes weiter fliegen!
Vorlage S. 747 1019 Dem weißen Schwane aber würd' es schaden,
Vorlage S. 747 1020 Der Schmutz bleibt auf dem Silberflaume liegen.
Vorlage S. 747 1021 Der König – Tag – wird Nacht, den Knecht, besiegen.
Vorlage S. 747 1022 Dem Flug des Adlers folgen aller Blicke,
Vorlage S. 747 1023 Doch niemand achtet auf den Flug der Mücke.
Vorlage S. 747 1024 Schweigt, leere Worte! Diener hohler Narren,
Vorlage S. 747 1025 Fort mit euch armen, tönenden Vermittlern!
Vorlage S. 747 1026 Dient der pedant'schen Schulgelehrten Sparren,
Vorlage S. 747 1027 Den Silbenklaubern und den Sinnzersplittrern,
Vorlage S. 747 1028 Den feilen Richtern und verdrehten Krittlern!
Vorlage S. 747 1029 Mir sind Beweise keinen Strohhalm wert,
Vorlage S. 747 1030 Da meinen Fall kein Wort zum Beßren kehrt.
Vorlage S. 747 1031 Vergebens fluch' ich der Gelegenheit,
Vorlage S. 747 1032 Der Zeit, Tarquin und meiner Unglücksnacht,
Vorlage S. 747 1033 Vergebens lieg' ich mit mir selbst im Streit;
Vorlage S. 747 1034 Unwiderruflich ist die Schmach vollbracht,
Vorlage S. 747 1035 Das Wort hat mich zu retten keine Macht,
Vorlage S. 747 1036 Von allen Mitteln tut nur eins mir gut:
Vorlage S. 747 1037 Selbst zu vergießen mein entehrtes Blut.
Vorlage S. 747 1038 Wie, arme Hand, macht mein Entschluss dich beben?
Vorlage S. 747 1039 Du ehrst dich, mich von Schande zu befrein,
Vorlage S. 747 1040 In dir wird, sterb' ich, meine Ehre leben,
Vorlage S. 747 1041 Doch leb' ich fort, ist meine Schande dein;
Vorlage S. 747 1042 Da du nicht konntest Schutz der Herrin sein,
Vorlage S. 747 1043 Zu feige warst, dem Tugendraub zu wehren,
Vorlage S. 747 1044 So töte dich und sie für dies Entehren!« –
Vorlage S. 747 1045 Und bei dem Wort, aus dem zerwühlten Bette
Vorlage S. 747 1046 Springt sie und sucht nach einer Todeswaffe,
Vorlage S. 747 1047 Doch beut kein Mordwerkzeug die Ruhestätte,
Vorlage S. 747 1048 Nichts, was gewaltsam eine Öffnung schaffe,
Vorlage S. 748 1049 Die weiter als das Tor der Lippen klaffe,
Vorlage S. 748 1050 Um auszumünden ihren Lebenshauch
Vorlage S. 748 1051 Wie Glut des Ätna, wie Kanonenrauch.
Vorlage S. 748 1052 »Verfehlt«, rief sie, »hab' ich des Lebens Zweck
Vorlage S. 748 1053 Und kann dies Unglücksleben doch nicht enden!
Vorlage S. 748 1054 Beim Schwert Tarquin's ergriff mich Todesschreck,
Vorlage S. 748 1055 Kann denn ein Messer jetzt mein Elend wenden?
Vorlage S. 748 1056 Ich fürchtete, doch ohne mich zu schänden,
Vorlage S. 748 1057 Blieb, was ich war und bin: ein treues Weib; –
Vorlage S. 748 1058 Doch nein! Tarquin entweihte Seel' und Leib!
Vorlage S. 748 1059 Hin ist des Lebens teuerstes Juwel,
Vorlage S. 748 1060 Drum darf ich mich dem Tod nicht zeigen schwach,
Vorlage S. 748 1061 Denn er allein bringt Sühne meinem Fehl
Vorlage S. 748 1062 Und gibt, als Ehrenzeichen meiner Schmach,
Vorlage S. 748 1063 Der Lebenden ein sterbend Leben nach.
Vorlage S. 748 1064 Hilflose Hilfe, die zu helfen glaubt,
Vorlage S. 748 1065 Zerstört sie das, woraus der Schatz geraubt!
Vorlage S. 748 1066 Nie, teurer Collatin, sollst du erfahren,
Vorlage S. 748 1067 Dass meine Lippen für dich nicht mehr rein,
Vorlage S. 748 1068 Nie, treues Herz, werd' ich dir offenbaren,
Vorlage S. 748 1069 Wie ich mir untreu rauben ließ, was dein!
Vorlage S. 748 1070 Nein, nie soll dieses Bastardreis gedeihn,
Vorlage S. 748 1071 Noch der es pflanzte, deinen Namen schändend,
Vorlage S. 748 1072 Dich sehn, dem Bastard Vaterliebe spendend.
Vorlage S. 748 1073 Nie soll er heimlich auch nur in Gedanken
Vorlage S. 748 1074 Dich höhnen, noch in seiner Freunde Kreise.
Vorlage S. 748 1075 Und du sollst wissen, dass kein Gold die Schranken
Vorlage S. 748 1076 Der Keuschheit brach: nur wilde Räuberweise!
Vorlage S. 748 1077 Doch, ich bin Herrin meiner Lebensreise
Vorlage S. 748 1078 Und will mein Zwangsvergehn mir nicht vergeben,
Vorlage S. 748 1079 Bis ich es ganz gesühnt mit Leib und Leben.
Vorlage S. 748 1080 Ich will dich nicht mit meiner Schmach vergiften,
Vorlage S. 748 1081 Noch sie beschönigen durch Entschuldigungen,
Vorlage S. 748 1082 Nicht decken Sündenschwarz mit goldnen Schriften,
Vorlage S. 748 1083 Wahrheit zu bergen, falscher Nacht entsprungen:
Vorlage S. 748 1084 Frei sag' ich alles! – Wie durch Niederungen
Vorlage S. 748 1085 Bergquellen fließen, sollen reine Zähren
Vorlage S. 748 1086 Aus meinem Aug' die schmutzigen Worte klären.«
Vorlage S. 748 1087 Und schon verstummt der klagende Gesang
Vorlage S. 748 1088 Der Nachtigall von ihren nächt'gen Sorgen;
Vorlage S. 748 1089 Die Nacht in feierlichem Trauergang
Vorlage S. 748 1090 Zog höllenwärts; errötend naht der Morgen,
Vorlage S. 748 1091 Um holden Augen holdes Licht zu borgen;
Vorlage S. 748 1092 Lucretia nur mag sich vor Scham nicht sehn
Vorlage S. 748 1093 Und möchte trauernd ganz in Nacht vergehn.
Vorlage S. 748 1094 Durch alle Spalten späht das Tageslicht
Vorlage S. 748 1095 Nach ihr allein und sieht sie weinend sitzen,
Vorlage S. 748 1096 Die ihm entgegenseufzt: »O Weltenlicht,
Vorlage S. 748 1097 Warum kommst du, in's Fenster mir zu blitzen?
Vorlage S. 748 1098 Die Schläfer kitzle mit den Strahlenspitzen,
Vorlage S. 748 1099 Das Brandmal dieser Nacht lässt mich nicht ruhn
Vorlage S. 748 1100 Und Nacht hat mit dem Tage nichts zu tun.«
Vorlage S. 748 1101 So hadert sie mit allem, was sie sieht,
Vorlage S. 748 1102 Denn Gram ist eigensinnig wie ein Kind,
Vorlage S. 748 1103 Dem, schmollt es einmal, nichts zu Dank geschieht.
Vorlage S. 748 1104 Nur alter Schmerz, nicht neuer, trägt sich lind,
Vorlage S. 748 1105 Denn jenen zähmt die Zeit, doch wildgesinnt
Vorlage S. 748 1106 Treibt dieser, rastlos um sich zappelnd, immer
Vorlage S. 748 1107 Zum Abgrund wie ein ungeschickter Schwimmer.
Vorlage S. 748 1108 So tief in einem Meer von Sorgen sieht sie
Vorlage S. 748 1109 Sich stets mit allem ringsumher in Streit,
Vorlage S. 748 1110 Und alles Schlimme zur Vergleichung zieht sie
Vorlage S. 748 1111 Mit sich heran und steigert so ihr Leid
Vorlage S. 748 1112 Zum Äußersten – bald stumm vor Traurigkeit
Vorlage S. 748 1113 Und bald im Schmerzensausdruck überschwenglich
Vorlage S. 750 1114 An Worten, jedem Tröste unzugänglich.
Vorlage S. 750 1115 Der Vögel froher Sang zur Morgenstunde
Vorlage S. 750 1116 Treibt bis zu finstrem Wahnsinn ihre Klagen,
Vorlage S. 750 1117 Denn Frohsinn wühlt den Gram auf bis zum Grunde,
Vorlage S. 750 1118 Wer trübgemut, kann Heitres nicht ertragen,
Vorlage S. 750 1119 Der Gram fühlt nur am Grame sein Behagen,
Vorlage S. 750 1120 Wie tiefes Leid nur da Erleicht'rung findet,
Vorlage S. 750 1121 Wo gleiches Leid sich tröstlich ihm verbindet.
Vorlage S. 750 1122 Zwiefach stirbt, wer ertrinkt schon nah' dem Land,
Vorlage S. 750 1123 Den Hunger steigert ein erblicktes Mahl,
Vorlage S. 750 1124 Das Nahn der Salbe mehrt der Wunde Brand;
Vorlage S. 750 1125 Was man zum Trost ihr tun will, nährt die Qual.
Vorlage S. 750 1126 Das tiefe Leid gleicht stiller Flut im Tal,
Vorlage S. 750 1127 Die, wenn gedämmt, weit überschwemmt das Land,
Vorlage S. 750 1128 Scherzt man mit Gram, geht er aus Rand und Band.
Vorlage S. 750 1129 »Begrabt, ihr Vögel, euren Spottgesang«,
Vorlage S. 750 1130 Rief sie, »in eurer federweichen Brust;
Vorlage S. 750 1131 Seid stumm und still, mein Ohr haßt muntren Klang!
Vorlage S. 750 1132 Mir ruhelosen Grames pflichtbewußt,
Vorlage S. 750 1133 Hab' ich, trübsel'ge Wirtin, keine Lust
Vorlage S. 750 1134 An lustigen Gästen; ganz in Schmerz verloren,
Vorlage S. 750 1135 Leih' ich nur Trauertönen meine Ohren.
Vorlage S. 750 1136 Sing', Philomele, der Entehrung Sang,
Vorlage S. 750 1137 Mach dir mein wirres Haar zum Trauerhain,
Vorlage S. 750 1138 Und wie die Erde weint beim Schmerzenklang,
Vorlage S. 750 1139 Soll feucht mein Aug' bei deinen Klagen sein,
Vorlage S. 750 1140 Mein tiefes Seufzen dir den Grundton leihn;
Vorlage S. 750 1141 Dumpftönend soll Tarquinens Nam' erklingen,
Vorlage S. 750 1142 Wenn du, kunstreicher, wirst von Tereus singen.
Vorlage S. 750 1143 Du drückst dich an den Dorn, dass er dich ritze,
Vorlage S. 750 1144 Um deinen herben Gram stets neu zu wecken,
Vorlage S. 750 1145 Ich drücke eines scharfen Messers Spitze
Vorlage S. 750 1146 An's Herz mir, um mein Auge zu erschrecken,
Vorlage S. 751 1147 Und blinzt es, soll ein Stoß mich niederstrecken.
Vorlage S. 751 1148 Dies soll der Steg sein, welcher stimmverwandt
Vorlage S. 751 1149 Die Klagesaiten unsrer Herzen spannt.
Vorlage S. 751 1150 Und dass du, armer Vogel, schamhaft spröde
Vorlage S. 751 1151 Das Tag'slicht fliehst, im Singen ungesehn,
Vorlage S. 751 1152 Lass fern uns suchen eine dunkle Öde,
Vorlage S. 751 1153 Wo wir vor Frost und Hitze nicht vergehn
Vorlage S. 751 1154 Und dort den Tieren klagen unsre Weh'n,
Vorlage S. 751 1155 Dass sie gerührt die wilde Art verwandeln,
Vorlage S. 751 1156 Sanft werden, da die Menschen tierisch handeln.«
Vorlage S. 751 1157 Wie aufgeschreckt ein Reh scheu um sich blickt,
Vorlage S. 751 1158 Um auszuspüren, welchen Weg es flieh',
Vorlage S. 751 1159 Wie, wer in einem Labyrinth verstrickt,
Vorlage S. 751 1160 Nachsinnt, dass er dem Wirrwarr sich entzieh',
Vorlage S. 751 1161 So mit sich selbst in Widerspruch ist sie,
Vorlage S. 751 1162 Was wünschenswerter, Leben oder Tod,
Vorlage S. 751 1163 Wo Schmach dem einen wie dem andern droht.
Vorlage S. 751 1164 Sie sprach: »Mich töten, würde in Entehrung
Vorlage S. 751 1165 Zugleich den Körper mit der Seele ziehn;
Vorlage S. 751 1166 Wer halb verliert, trägt leichter die Entbehrung,
Vorlage S. 751 1167 Als wenn sein alles schwindet im Ruin.
Vorlage S. 751 1168 Der Mutter ist kein Mutterherz verliehn,
Vorlage S. 751 1169 Die, wenn ihr von zwei Kindern eins erliegt,
Vorlage S. 751 1170 Das andre tötet und nun keins mehr wiegt.
Vorlage S. 751 1171 Leib oder Seele, was war mehr zu schätzen,
Vorlage S. 751 1172 Als jener rein war, diese göttlich schien?
Vorlage S. 751 1173 Was war in Liebe näher mir zu setzen,
Vorlage S. 751 1174 Dem Himmel gleich geweiht und Collatin?
Vorlage S. 751 1175 Die Rinde von der stolzen Pinie ziehn,
Vorlage S. 751 1176 Macht, dass sie welke und ihr Saft verschwinde;
Vorlage S. 751 1177 So geht's der Seele, nehm' ich ihr die Rinde.
Vorlage S. 751 1178 Ihr Haus ward wüst, die Ruhe wich dem Leid,
Vorlage S. 751 1179 Geplündert ward ihr Heim von roher Hand,
Vorlage S. 751 1180 Beraubt ihr heiliger Tempel und entweiht,
Vorlage S. 751 1181 Das höchste Kleinod frech daraus entwandt –
Vorlage S. 751 1182 Drum werd' es nicht Gottlosigkeit genannt,
Vorlage S. 751 1183 Wenn ich die schon erstürmte Burg zerschlage
Vorlage S. 751 1184 Und fort die kummervolle Seele trage.
Vorlage S. 751 1185 Doch sterben will ich nicht, bis Collatin
Vorlage S. 751 1186 Erfuhr von meines frühen Todes Grunde,
Vorlage S. 751 1187 Sein Schwert zur Rache gegen den zu ziehn,
Vorlage S. 751 1188 Der Ursach' wurde meiner Todeswunde.
Vorlage S. 751 1189 Mein Blut vermach' ich in der letzten Stunde
Vorlage S. 751 1190 Tarquin, der es befleckt', um den es fließt,
Vorlage S. 751 1191 Sein Erbteil sei's, daraus die Rache sprießt!
Vorlage S. 751 1192 Und meine Ehre soll das Messer erben,
Vorlage S. 751 1193 Das vom entehrten Körper mich befreit;
Vorlage S. 751 1194 Zur Ehre wird's, ist man entehrt, zu sterben,
Vorlage S. 751 1195 Der Ehre gibt der Tod Unsterblichkeit.
Vorlage S. 751 1196 Aus meiner Schande Asche neu geweiht
Vorlage S. 751 1197 Ersteht mein Ruf, – die lebend ich verloren,
Vorlage S. 751 1198 Die Ehre, wird mir sterbend neugeboren.
Vorlage S. 751 1199 Doch, teurer Ehgemahl, des Heiligtum
Vorlage S. 751 1200 In mir beraubt ward, was vermach' ich dir?
Vorlage S. 751 1201 Sieh', mein Entschluss zu sterben, sei dein Ruhm,
Vorlage S. 751 1202 Das Vorbild deiner Rache find' in mir!
Vorlage S. 751 1203 Wie an Tarquin zu handeln, lies es hier:
Vorlage S. 751 1204 Ich sterbe, weil ich treulos dir geworden,
Vorlage S. 751 1205 Ich morde mich, wie du Tarquin sollst morden!
Vorlage S. 751 1206 So soll denn kurz mein letzter Wille sein:
Vorlage S. 751 1207 Den Geist dem Himmel und den Leib der Erde
Vorlage S. 751 1208 Will ich, doch dir, Gemahl, die Rache weihn,
Vorlage S. 751 1209 Dem Stahl die Ehre, und dem Frevler werde
Vorlage S. 751 1210 Die Schmach, mir angetan an deinem Herde,
Vorlage S. 751 1211 Und meinen guten Nachruf will ich schenken.
Vorlage S. 753 1212 All' denen, die in Ehren mein gedenken
Vorlage S. 753 1213 Du, Collatin sollst der Vollstrecker sein
Vorlage S. 753 1214 Des Testaments; verwünsch' mich nicht dabei!
Vorlage S. 753 1215 Mein Blut wäscht mich von aller Schande rein,
Vorlage S. 753 1216 Von böser Tat macht guter Ausgang frei.
Vorlage S. 753 1217 Ermatte nicht, o Herz, sag' fest: es sei!
Vorlage S. 753 1218 Ergib der Hand dich, der du musst erliegen,
Vorlage S. 753 1219 Du stirbst mit ihr, doch sterbt ihr beid' im Siegen.« –
Vorlage S. 753 1220 Als sie den Tod beschlossen, lebenssatt,
Vorlage S. 753 1221 Wischt sie die salz'gen Tränen vom Gesicht
Vorlage S. 753 1222 Und ruft, mit einer Stimme tonlos, matt,
Vorlage S. 753 1223 Die Dienerin, die mit beschwingter Pflicht
Vorlage S. 753 1224 Herbeifliegt. Wie wenn Schnee im Sonnenlicht
Vorlage S. 753 1225 Auf Winterwiesen eben angefangen
Vorlage S. 753 1226 Zu schmelzen, schienen ihr Lucretia's Wangen.
Vorlage S. 753 1227 Sie beut der Herrin sittsam guten Morgen,
Vorlage S. 753 1228 Im sanften Tone der Bescheidenheit,
Vorlage S. 753 1229 Sieht trüben Blickes ihre schweren Sorgen
Vorlage S. 753 1230 An ihres Angesichtes Trauerkleid;
Vorlage S. 753 1231 Doch wagt sie nicht zu fragen, welches Leid
Vorlage S. 753 1232 Den Augensonnen so umwölkt das Licht
Vorlage S. 753 1233 Und warum tränenfeucht ihr Angesicht.
Vorlage S. 753 1234 Doch wie die Erde weint, neigt sich die Sonne,
Vorlage S. 753 1235 Dass jede Blum' ein schmelzend Auge scheint,
Vorlage S. 753 1236 Entquollen Tränen jetzt dem Augenbronne
Vorlage S. 753 1237 Der Magd, die um die beiden Sonnen weint,
Vorlage S. 753 1238 Die der Gebietrin himmlisch Antlitz eint.
Vorlage S. 753 1239 In salziger Flut erlosch die lichte Pracht,
Vorlage S. 753 1240 D'rum weint das Mädchen wie die tauige Nacht.
Vorlage S. 753 1241 So hübsche Weile stand das hübsche Paar,
Vorlage S. 753 1242 Zwei Brunnenbildern gleich von Elfenbein;
Vorlage S. 753 1243 Die eine weint mit Recht, die andre war
Vorlage S. 753 1244 In Tränen nur, Gesellschaft ihr zu leihn.
Vorlage S. 754 1245 Gar leicht stellt sich bei Frau'n das Weinen ein,
Vorlage S. 754 1246 Denn schnell sind sie erregt durch fremden Schmerz,
Vorlage S. 754 1247 Und weinten sie dann nicht, so bräch' ihr Herz.
Vorlage S. 754 1248 Wie Marmor ist der Mann, wie Wachs die Frau,
Vorlage S. 754 1249 Dem harten Marmor muss das Wachs sich fügen;
Vorlage S. 754 1250 Dem unterdrückten Weib prägt sich genau
Vorlage S. 754 1251 Des Mannes Stempel auf in Form und Zügen.
Vorlage S. 754 1252 Nicht das Metall, die Stempel nur betrügen;
Vorlage S. 754 1253 Drum sind die Frau'n nicht selber anzuklagen,
Vorlage S. 754 1254 Wenn sie Gepräge eines Teufels tragen.
Vorlage S. 754 1255 Ihr sanft Gemüt, ein freundlich offnes Feld,
Vorlage S. 754 1256 Lässt jedes Würmchen sehn, das darauf kriecht;
Vorlage S. 754 1257 Im Mann ein rauh verwachs'nes Dickicht hält
Vorlage S. 754 1258 Geheim die Bestie, die im Dunkeln liegt.
Vorlage S. 754 1259 Wenn auf Kristall auch nur ein Staubkorn fliegt,
Vorlage S. 754 1260 Wird er befleckt. Der Mann birgt leicht die Sünden,
Vorlage S. 754 1261 Die Frau'ngesichter wie ein Buch verkünden.
Vorlage S. 754 1262 Nicht die verwelkte Blume soll man schelten,
Vorlage S. 754 1263 Vielmehr den Winter, der sie welk gemacht;
Vorlage S. 754 1264 Nur dem Zerstörer darf der Tadel gelten,
Vorlage S. 754 1265 Nicht dem Zerstörten. Wenn die rohe Macht
Vorlage S. 754 1266 Des Mannes eine Frau zu Fall gebracht,
Vorlage S. 754 1267 Sollt' er's allein sein, den die Schande trifft,
Vorlage S. 754 1268 Sie ist das Buch nur seiner Sündenschrift.
Vorlage S. 754 1269 Dies zeigt sich klärlich bei Lucretia;
Vorlage S. 754 1270 Nachts aufgeschreckt, bestürmt in Angst und Not,
Vorlage S. 754 1271 Hier Untergang und dort die Schande nah',
Vorlage S. 754 1272 Die den Gemahl mitschändet, ist sie tot.
Vorlage S. 754 1273 Wo so den Widerstand Gefahr bedroht,
Vorlage S. 754 1274 Ist todesstarr die Frau im Machtbereiche
Vorlage S. 754 1275 Des Mannes, willenlos wie eine Leiche.
Vorlage S. 754 1276 Zu ihrer Dienerin, dem holden Bilde
Vorlage S. 754 1277 Des eignen Grams, begann nun so zu sprechen
Vorlage S. 754 1278 Lucretia mit teilnahmvoller Milde:
Vorlage S. 754 1279 »Kind, flutet dein Gesicht von Tränenbächen
Vorlage S. 754 1280 Um Leiden, welche mir das Herz zerbrechen?
Vorlage S. 754 1281 Wenn Tränen hülfen, würd' ich durch die meinen
Vorlage S. 754 1282 Allein genesen, doch mir hilft kein Weinen.
Vorlage S. 754 1283 Doch sag' mir, Kind, wann ging (und hier versagt
Vorlage S. 754 1284 Das Wort ihr und sie seufzt) Tarquin von hinnen?«
Vorlage S. 754 1285 »Ach, als ich noch im Bett lag!« sprach die Magd;
Vorlage S. 754 1286 »Schilt mich die trägste aller Dienerinnen!
Vorlage S. 754 1287 Nur dies kann mir Entschuldigung gewinnen,
Vorlage S. 754 1288 Dass ich schon auf war, eh' die Sonne schien,
Vorlage S. 754 1289 Und lang vor Tagesanbruch ging Tarquin.
Vorlage S. 754 1290 Doch, hohe Herrin, darf die Magd es wagen,
Vorlage S. 754 1291 Zu forschen, was dich so bedrückt und quält?« –
Vorlage S. 754 1292 »Ach!« rief Lucretia, »könnt ich's dir auch sagen,
Vorlage S. 754 1293 Nicht leichter trüg' ich's, wenn ich's dir erzählt –
Vorlage S. 754 1294 Es ist ein Weh, wofür das Wort uns fehlt,
Vorlage S. 754 1295 Und Qual, für die wir keine Worte kennen,
Vorlage S. 754 1296 Kann man wohl eine Höllenmarter nennen.
Vorlage S. 754 1297 Geh', hol' mir Tinte, Feder und Papier –
Vorlage S. 754 1298 Doch nein, es ist zur Hand – du kannst verweilen.
Vorlage S. 754 1299 Was wollt' ich doch? – Lass einen Sklaven mir
Vorlage S. 754 1300 Bereit sich halten, gleich mit ein'gen Zeilen
Vorlage S. 754 1301 Zu meinem lieben, teuren Herrn zu eilen:
Vorlage S. 754 1302 Sag', es eilt sehr; er halte sich gewärtig
Vorlage S. 754 1303 Zum Aufbruch, ich bin gleich mit Schreiben fertig.«
Vorlage S. 754 1304 Die Magd verschwand; und sie beginnt zu schreiben.
Vorlage S. 754 1305 Erst flüchtig über's Blatt hin fährt der Kiel,
Vorlage S. 754 1306 Einander unruhvoll bekämpfend, treiben
Vorlage S. 754 1307 Verstand und Gram mit ihm ein traurig Spiel.
Vorlage S. 754 1308 Es löscht der Wille, was dem Geist gefiel,
Vorlage S. 754 1309 Und wie die Menschen im Gedräng' am Tor,
Vorlage S. 756 1310 Drängt ein Gedanke sich dem andern vor.
Vorlage S. 756 1311 Zuletzt beginnt sie so: »Dem würdigen Gatten
Vorlage S. 756 1312 Wünscht die unwürdige Gattin Wohlergehn.
Vorlage S. 756 1313 O wolle, Teurer, huldvoll mir gestatten
Vorlage S. 756 1314 (Verlangt es Dich, Lucretia noch zu sehn),
Vorlage S. 756 1315 Um eiligsten Besuch Dich anzuflehn. –
Vorlage S. 756 1316 Aus unserm Trauerhause. – So empfehle
Vorlage S. 756 1317 Ich kurz mich Dir mit kummervoller Seele.«
Vorlage S. 756 1318 Sie schließt den Brief, der schwer geheimes Wehe
Vorlage S. 756 1319 Nur leicht andeutungsweise offenbart,
Vorlage S. 756 1320 Dass Collatin aus flücht'gem Wort ersehe
Vorlage S. 756 1321 Ihr Leiden, aber nicht des Leidens Art.
Vorlage S. 756 1322 Die volle Wahrheit bleibt ihm aufgespart,
Vorlage S. 756 1323 Damit er nicht noch Schlimmeres vermute,
Vorlage S. 756 1324 Bevor die Schuld gesühnt mit ihrem Blute.
Vorlage S. 756 1325 Sie hält die Schmerzensglut in stummem Bann,
Vorlage S. 756 1326 Bis selbst er kommt, um alles zu vernehmen,
Vorlage S. 756 1327 Und sie mit Seufzern und mit Tränen dann
Vorlage S. 756 1328 Das Ungeheure zierlich mag verbrämen,
Vorlage S. 756 1329 Die Ehre lösen, den Verdacht beschämen.
Vorlage S. 756 1330 Sie will den Brief mit Worten nicht beflecken,
Vorlage S. 756 1331 Bis Taten sühnend diese Worte decken.
Vorlage S. 756 1332 Mehr rührt ein Leidgesicht als Leidbericht;
Vorlage S. 756 1333 Das Aug' erklärt dem Ohr das stumme Spiel
Vorlage S. 756 1334 Des Leids, das wahrnehmbar nur dem Gesicht:
Vorlage S. 756 1335 Wie schwer auf jeden Teil sein Anteil fiel.
Vorlage S. 756 1336 Wer Schmerz bloß schildert, kommt nur halb zum Ziel.
Vorlage S. 756 1337 Die seichte Furt rauscht lauter als die See
Vorlage S. 756 1338 Und Worthauch ist wie Ebbewind dem Weh'.
Vorlage S. 756 1339 Gesiegelt ist der Brief und überschrieben:
Vorlage S. 756 1340 »Dem Herrn in Ardea, mit größter Schnelle.«
Vorlage S. 756 1341 Der harrende Bote nimmt ihn, und getrieben
Vorlage S. 756 1342 Zur Eile wird der mürrische Geselle
Vorlage S. 757 1343 Wie Vögel von des Nordwinds luft'ger Welle.
Vorlage S. 757 1344 In solcher Not erscheint der schnellste Flug
Vorlage S. 757 1345 Der Ungeduldigen nicht schnell genug.
Vorlage S. 757 1346 Der plumpe Bursch verneigt sich vor ihr tief,
Vorlage S. 757 1347 Sieht sie, vor ihrem Blick errötend, an,
Vorlage S. 757 1348 Sagt weder Ja noch Nein, empfängt den Brief,
Vorlage S. 757 1349 Fort mit verschämter Unschuld eilt er dann.
Vorlage S. 757 1350 Sie denkt: »Um mich errötet dieser Mann;
Vorlage S. 757 1351 Denn wer sich schuldbewußt, lebt stets in Sorgen,
Vorlage S. 757 1352 Dass jeder seh', was in der Brust verborgen.«
Vorlage S. 757 1353 Dem Armen lag es fern, Verdacht zu schöpfen!
Vorlage S. 757 1354 Blöd' war er, linkisch, aber treu und echt.
Vorlage S. 757 1355 Bei so harmlos unschuldigen Geschöpfen
Vorlage S. 757 1356 Zeigt nur ihr Handeln, was im Dienste recht;
Vorlage S. 757 1357 Manch andrer redet gut und handelt schlecht,
Vorlage S. 757 1358 Doch dieses Muster guter, alter Zeit,
Vorlage S. 757 1359 Zeigt durch den Blick nur, wie es dienstbereit.
Vorlage S. 757 1360 Sein Feuereifer weckt in ihr Verdacht,
Vorlage S. 757 1361 Wie seine, glühn errötend ihre Wangen,
Vorlage S. 757 1362 Sie wähnt, er wisse, was Tarquin vollbracht,
Vorlage S. 757 1363 Und blickt ihn forschend an; er wird befangen,
Vorlage S. 757 1364 Bis ganz in Glut sein Antlitz aufgegangen;
Vorlage S. 757 1365 Sie wähnt, je mehr das Blut zu Kopf ihm zieht,
Vorlage S. 757 1366 Er um so mehr von ihrer Schande sieht.
Vorlage S. 757 1367 Kaum ist er fort, beginnt sie schon zu klagen,
Vorlage S. 757 1368 Dass er noch nicht zurück mit dem Gemahl;
Vorlage S. 757 1369 Sie weiß die trübe Zeit nicht totzuschlagen,
Vorlage S. 757 1370 Das Weinen, Seufzen, Ächzen wird ihr schal,
Vorlage S. 757 1371 Ihr Leid ist matt durch Leid, die Qual durch Qual;
Vorlage S. 757 1372 Für eine Weile schweigt ihr banges Stöhnen,
Vorlage S. 757 1373 Als suche sie nach neuen Trauertönen.
Vorlage S. 757 1374 Da fällt ins Auge ihr ein kunstreich Bild
Vorlage S. 757 1375 Von Troja, wie die Griechen es bedrohn
Vorlage S. 757 1376 Um Helena. Ihr Heer im Kampfgefild'
Vorlage S. 757 1377 Ist dargestellt im Sturm auf Ilion,
Vorlage S. 757 1378 Das wolkenhohe, nah' dem Falle schon.
Vorlage S. 757 1379 Der Maler ließ so hoch die Türme steigen;
Vorlage S. 757 1380 Der Himmel schien, sie küssend, sich zu neigen.
Vorlage S. 757 1381 Die Kunst schien die Natur zu überringen,
Vorlage S. 757 1382 Den Trauerbildern Leben einzuhauchen;
Vorlage S. 757 1383 Aus mancher Witwe Augen Tränen dringen,
Vorlage S. 757 1384 Die in das Blut gefallner Helden tauchen,
Vorlage S. 757 1385 Man sah das rote Blut noch förmlich rauchen;
Vorlage S. 757 1386 Manch' sterbend Aug' in mattem Licht noch flimmert,
Vorlage S. 757 1387 Wie's nachts von ausgeglühten Kohlen schimmert.
Vorlage S. 757 1388 Schanzgräber sind hier rüstig auf den Beinen,
Vorlage S. 757 1389 Von Schweiß und Schmutze triefend, schwarz wie Krähen;
Vorlage S. 757 1390 Und von den Türmen Trojas wirklich scheinen
Vorlage S. 757 1391 Aus Scharten Menschenaugen herzuspähen
Vorlage S. 757 1392 Auf's Griechenheer, als ob sie traurig sähen.
Vorlage S. 757 1393 Der Maler, mit beseelendem Geschick,
Vorlage S. 757 1394 Gab Trauerausdruck selbst dem fernsten Blick.
Vorlage S. 757 1395 Wie zeigt in Haltung sich und Angesicht
Vorlage S. 757 1396 Der Führer Majestät! Und ihnen weichen
Vorlage S. 757 1397 Die jüngern Krieger an Beherztheit nicht.
Vorlage S. 757 1398 Doch auch Feiglinge sieht man, die mit bleichen,
Vorlage S. 757 1399 Verstörten Zügen bebend vorwärts schleichen:
Vorlage S. 757 1400 Sie gleichen Bauern, bangend für ihr Leben,
Vorlage S. 757 1401 Man schwört, man seh' sie leibhaft vor sich beben!
Vorlage S. 757 1402 Seht Ajax hier und dort Ulysses stehn,
Vorlage S. 757 1403 Wie ausdrucksvoll, wie lebenswahr gemalt!
Vorlage S. 757 1404 Im Antlitz offen ist das Herz zu sehn,
Vorlage S. 757 1405 Das Innre ganz im Äußern abgestrahlt:
Vorlage S. 757 1406 Der wilde Ajax, dessen Mut oft prahlt,
Vorlage S. 757 1407 Ulysses, dessen kluges, mildes Auge
Vorlage S. 759 1408 Zeigt, dass vor allen er zum Herrscher tauge.
Vorlage S. 759 1409 Den greisen Nestor sieht man stehn, als feure
Vorlage S. 759 1410 Er eben seine Griechen an zum Streit,
Vorlage S. 759 1411 Mit ruhiger Handbewegung, scheint es, steure
Vorlage S. 759 1412 Er nach begeistrungsvoller Achtsamkeit;
Vorlage S. 759 1413 Sein Silberbart, den Worten zum Geleit',
Vorlage S. 759 1414 Bewegt sich auf und ab; dem Mund entschweben
Vorlage S. 759 1415 Hauchwölkchen, die sich kräuselnd dünn erheben.
Vorlage S. 759 1416 Und um ihn wogt ein gaffendes Gedränge
Vorlage S. 759 1417 Und scheint des Weisen Rede zu verschlingen.
Vorlage S. 759 1418 Nicht zwei sind gleich in dieser Lauscher Menge,
Vorlage S. 759 1419 Sie stehn, als hörten sie Sirenen singen
Vorlage S. 759 1420 Und wollen alle gern nach vorne dringen.
Vorlage S. 759 1421 Fern reckten Köpfe sich, die fast genauer
Vorlage S. 759 1422 Sahn als die nächsten dieses Bilds Beschauer.
Vorlage S. 759 1423 Der legt die Hand auf eines andern Haupt,
Vorlage S. 759 1424 Des Nas' umschattet seines Nachbars Ohr;
Vorlage S. 759 1425 Der wird ganz rotgequetscht und keucht und schnaubt,
Vorlage S. 759 1426 Der flucht, dass sich ihm andre drängen vor;
Vorlage S. 759 1427 Der ist nah' dem Ersticken – und so gor
Vorlage S. 759 1428 Die Menge: lauschte sie nicht Nestors Wort,
Vorlage S. 759 1429 Wär' es zu Kampf gekommen und zu Mord.
Vorlage S. 759 1430 Anregend, geistbelebend wirkt durch's Ganze
Vorlage S. 759 1431 Die Schönheit, die Natur mit Täuschung eint;
Vorlage S. 759 1432 Man sieht Achilles nicht, nur seine Lanze,
Vorlage S. 759 1433 Von stahlbewehrter Hand umfasst – doch meint
Vorlage S. 759 1434 Man ihn zu sehn, der nur dem Geist erscheint.
Vorlage S. 759 1435 Oft sieht man nur Gesicht, Kopf, Bein, Hand, Fuß,
Vorlage S. 759 1436 Statt der Gestalt, die man sich denken muss.
Vorlage S. 759 1437 Und hoch von Trojas schwerbedrängten Zinnen
Vorlage S. 759 1438 Sahn, als der kühne Hektor zog in's Feld
Vorlage S. 759 1439 Mit ihren Söhnen, viel Trojanerinnen
Vorlage S. 759 1440 Den Helden nach, die Augen freuderhellt;
Vorlage S. 760 1441 Allein der frohen Hoffnung schon gesellt
Vorlage S. 760 1442 In manchem Blick sich trübe Ahnung auch,
Vorlage S. 760 1443 Wie plötzlich sich ein Spiegel trübt durch Hauch.
Vorlage S. 760 1444 Und her vom Schlachtfeld, vom Dardanerstrande
Vorlage S. 760 1445 Strömt bis zum roten Simois das Blut.
Vorlage S. 760 1446 Der Fluss, die Schlacht nachahmend, im Gebrande
Vorlage S. 760 1447 Treibt bis zur steilen Höhe seine Flut,
Vorlage S. 760 1448 Dort bricht am Felsenufer sich die Wut
Vorlage S. 760 1449 Der Wellen, die sich brausend übertürmen,
Vorlage S. 760 1450 Um schäumend in den Fluss zurückzustürmen.
Vorlage S. 760 1451 Auf diesem Bild nun sah Lucretia
Vorlage S. 760 1452 Ein Antlitz, das sie ganz gefangen nahm;
Vorlage S. 760 1453 Manch' gramdurchfurcht Gesicht trat ihr schon nah',
Vorlage S. 760 1454 Doch keins so ganz erfüllt von Schmerz und Gram
Vorlage S. 760 1455 Wie Hekuba's, da sie verzweifelnd kam,
Vorlage S. 760 1456 Zu sehn, wie ihr geliebter Priamus
Vorlage S. 760 1457 Besiegt verblutet unter Pyrrhus' Fuß.
Vorlage S. 760 1458 Der Maler stellt hier bis in's kleinste dar
Vorlage S. 760 1459 Der Schönheit Untergang durch Gram und Zeit.
Vorlage S. 760 1460 Nichts ist geblieben, wie es weiland war:
Vorlage S. 760 1461 Das Antlitz trägt ein welkes Faltenkleid,
Vorlage S. 760 1462 Der Adern blaues Blut ward schwarz vor Leid,
Vorlage S. 760 1463 Es zeigt, da längst sein Nahrungsquell versiegt,
Vorlage S. 760 1464 Ein Leben nur, das schon im Leichnam liegt.
Vorlage S. 760 1465 Lucretia formt nach diesem Gramgesicht
Vorlage S. 760 1466 Ihr eignes Weh'; es soll ihr Antwort geben,
Vorlage S. 760 1467 Das Schmerzensbild, doch sprechen kann es nicht,
Vorlage S. 760 1468 Kann keinen Fluch auf seine Lippen heben:
Vorlage S. 760 1469 Der Maler war kein Gott, es zu beleben
Vorlage S. 760 1470 Mit Odem, – und Lucretia bitter klagt,
Vorlage S. 760 1471 Dass er so großem Weh' das Wort versagt.
Vorlage S. 760 1472 Sie sprach: »Du arme Laute ohne Klang,
Vorlage S. 760 1473 Ich will mit Worthauch deinen Schmerz begaben,
Vorlage S. 760 1474 Will Pyrrhus fluchen, der den Mordstahl schwang
Vorlage S. 760 1475 Auf deinen Gatten, er soll Rache haben,
Vorlage S. 760 1476 In Tränen will ich Trojas Blut begraben,
Vorlage S. 760 1477 Und allen Griechen, deinen Feinden, dringe
Vorlage S. 760 1478 In's tückische Auge meines Messers Klinge!
Vorlage S. 760 1479 Die Dirne zeig' mir, die den Krieg verschuldet,
Vorlage S. 760 1480 Von meinen Nägeln werd' ihr Reiz verheert;
Vorlage S. 760 1481 Um dein Gelüsten, eitler Paris, duldet
Vorlage S. 760 1482 Jetzt Ilion den Brand, der es verzehrt;
Vorlage S. 760 1483 Dein Aug' entflammte Glut, die wild sich mehrt –
Vorlage S. 760 1484 Um deiner Augen Schuld muss Troja sehn
Vorlage S. 760 1485 Sohn, Vater, Mutter, Tochter untergehn.
Vorlage S. 760 1486 Warum verderbend auf das Haupt so vieler
Vorlage S. 760 1487 Soll fallen eines einzigen Sündenlust?
Vorlage S. 760 1488 Die Strafe treffe nur den falschen Spieler,
Vorlage S. 760 1489 Nicht jene, die sich keiner Schuld bewusst,
Vorlage S. 760 1490 Frei bleibe von dem Fluch die reine Brust!
Vorlage S. 760 1491 Des einen Schuld gestraft am Allgemeinen,
Vorlage S. 760 1492 Will sich mit Recht und Billigkeit nicht einen.
Vorlage S. 760 1493 Seht Hekuba hier weinen, Priam sterben,
Vorlage S. 760 1494 Seht Troilus und Hektor dort verbluten,
Vorlage S. 760 1495 Ein Freund reißt jäh den andern ins Verderben,
Vorlage S. 760 1496 Ihn achtlos treffend ohne sein Vermuten –
Vorlage S. 760 1497 Und alle das um eines Lüstlings Gluten! –
Vorlage S. 760 1498 Hielt Priam seinen Sohn mehr in der Hand,
Vorlage S. 760 1499 Von Ruhm dann strahlte Troja, nicht von Brand.«
Vorlage S. 760 1500 Lucretia weint über Trojas Weh'n,
Vorlage S. 760 1501 Denn Schmerzensausdruck pflegt, wie schwere Glocken,
Vorlage S. 760 1502 Einmal im Schwunge – nicht leicht still zu stehn;
Vorlage S. 760 1503 Nur schwachen Anstoß braucht es, wenn sie stocken,
Vorlage S. 760 1504 Um neuen Trauerton hervorzulocken.
Vorlage S. 760 1505 So borgt Lucretia nur vom Bild die Blicke
Vorlage S. 762 1506 Und leiht ihr Wort gemaltem Missgeschicke.
Vorlage S. 762 1507 Und wie ihr Blick das ganze Bild umspannt,
Vorlage S. 762 1508 Hat sie für jede Trauerszene Klagen.
Vorlage S. 762 1509 Jetzt sah sie einen Wicht, der flehend stand
Vorlage S. 762 1510 Vor Hirten, die in Fesseln ihn geschlagen,
Vorlage S. 762 1511 Doch lauert im Gesicht ein still Behagen:
Vorlage S. 762 1512 Wie schmerzlich ihn auch seine Fesseln schnüren,
Vorlage S. 762 1513 Geduldig lässt er sich nach Troja führen.
Vorlage S. 762 1514 In ihm hat es des Malers Kunst erreicht,
Vorlage S. 762 1515 Betrug zu bergen, harmlos zu erscheinen;
Vorlage S. 762 1516 Nicht eine Spur von Schmerz die Stime zeigt,
Vorlage S. 762 1517 Doch scheint das ruhige Auge feucht von Weinen;
Vorlage S. 762 1518 Die Wangen weder weiß noch rot: es einen
Vorlage S. 762 1519 Sich so die Farben, dass sie Schuld nicht zeigen,
Vorlage S. 762 1520 Noch bleiche Furcht, die falschen Herzen eigen.
Vorlage S. 762 1521 Doch ein vollendet eingefleischter Teufel,
Vorlage S. 762 1522 Zeigt er so ganz des Biedermannes Züge,
Vorlage S. 762 1523 Verschanzt so stark sich gegen jeden Zweifel,
Vorlage S. 762 1524 Dass selbst der Argwohn kein Bedenken trüge,
Vorlage S. 762 1525 Es könne schleichender Betrug und Lüge
Vorlage S. 762 1526 Unheilsgewölk solch' hellem Tag gesellen
Vorlage S. 762 1527 Und Höllenschuld den Heiligenschein entstellen.
Vorlage S. 762 1528 Das ist der Sinon, der den alten guten
Vorlage S. 762 1529 Priam durch trügerische Mär' betörte,
Vorlage S. 762 1530 Des Wort aufging in wilden Feuergluten
Vorlage S. 762 1531 Und das erhabene Ilium zerstörte
Vorlage S. 762 1532 Und selbst den Himmel so zu Zorn empörte,
Vorlage S. 762 1533 Dass kleine Sterne von der Stelle wichen,
Vorlage S. 762 1534 Die unter Trojas Feuerglanz erblichen.
Vorlage S. 762 1535 Bedächtig prüft Lucretia die Gestalt,
Vorlage S. 762 1536 Doch möchte sie die Kunst des Malers hassen,
Vorlage S. 762 1537 Der es verstand, mit zwingender Gewalt
Vorlage S. 762 1538 Das Böse in so edle Form zu fassen;
Vorlage S. 763 1539 Sie kann den Blick nicht von dem Bilde lassen,
Vorlage S. 763 1540 Bis Wahrheit ihr im offnen Blick so klar
Vorlage S. 763 1541 Erscheint, dass sie das Bild nicht hält für wahr.
Vorlage S. 763 1542 »Das soll der Blick geheimer Tücke sein?«
Vorlage S. 763 1543 Rief sie – und will: »das ist unmöglich!« sagen –
Vorlage S. 763 1544 Da plötzlich fällt Tarquin's Gestalt ihr ein,
Vorlage S. 763 1545 Erst von der Zunge ihr das Wort zu schlagen
Vorlage S. 763 1546 Und dann ganz andern Sinn hineinzutragen;
Vorlage S. 763 1547 »Es ist unmöglich«, sagt sie, »wie ich's fasse,
Vorlage S. 763 1548 Doch solch' Gesicht zu niederm Sinn nicht passe.«
Vorlage S. 763 1549 »Denn wie der schlaue Sinon hier im Bilde
Vorlage S. 763 1550 Voll stiller Trauer, kam zu mir Tarquin,
Vorlage S. 763 1551 Solch' Ausdruck war von Müdigkeit und Milde
Vorlage S. 763 1552 Als Maske seiner Bosheit ihm verliehn;
Vorlage S. 763 1553 Sein Laster, das als Ehrbarkeit erschien,
Vorlage S. 763 1554 Hat mich, wie Sinon Priamus, betört,
Vorlage S. 763 1555 Und ach! auch mir mein Ilion zerstört.
Vorlage S. 763 1556 O seht nur, auch aus Priam's Augen bricht
Vorlage S. 763 1557 Es feucht hervor bei Sinon's falschen Zähren!
Vorlage S. 763 1558 O, Priam, alt bist du, doch weise nicht!
Vorlage S. 763 1559 Denn Troermord wird diese Flut gebären,
Vorlage S. 763 1560 Als Feuer strömen und kein Wasser nähren,
Vorlage S. 763 1561 Die Tränen, denen deine sich gesellen,
Vorlage S. 763 1562 Zerstören deine Burg gleich Feuerbällen.
Vorlage S. 763 1563 Aus einer lichtlos kalten Hölle holen
Vorlage S. 763 1564 Die Teufel ihre Macht: denn Sinon bebt
Vorlage S. 763 1565 Vor Kälte, während's in ihm glüht verstohlen:
Vorlage S. 763 1566 Und gläubiges Vertraun erweckt und hebt
Vorlage S. 763 1567 Der Widerspruch, der so in Eintracht lebt;
Vorlage S. 763 1568 So kann er Priam in's Verderben flennen,
Vorlage S. 763 1569 Sein Ilion mit Tränen ihm verbrennen.«
Vorlage S. 763 1570 Lucretia greift zornig mit der weißen
Vorlage S. 763 1571 Hand nach dem Bild, in unruhvoller Hast
Vorlage S. 763 1572 Den schönen, falschen Sinon zu zerreißen.
Vorlage S. 763 1573 Sie sieht in ihm nur ihren Unglücksgast,
Vorlage S. 763 1574 Um dessenwillen sie sich selber haßt;
Vorlage S. 763 1575 Doch schmerzlich lächelnd hält sie ein und spricht:
Vorlage S. 763 1576 »O Törin! Diesen schmerzen Wunden nicht.«
Vorlage S. 763 1577 So wechselt Flut und Ebbe ihrer Sorgen
Vorlage S. 763 1578 Und Zeit ermüdet Zeit bei ihren Klagen,
Vorlage S. 763 1579 Bald wünscht sie, dass es Nacht sei, und bald Morgen,
Vorlage S. 763 1580 Und möchte eins um's andre von sich jagen.
Vorlage S. 763 1581 Lang scheint auch kurze Zeit an Schmerzenstagen.
Vorlage S. 763 1582 Sei Kummer noch so schwer, er schläft nicht leicht,
Vorlage S. 763 1583 Und nur wer wacht, sieht wie die Stunde schleicht.
Vorlage S. 763 1584 Versunken ganz im Anschaun jener Bilder,
Vorlage S. 763 1585 Vergisst sie fast sich selbst die ganze Zeit
Vorlage S. 763 1586 Und fühlt den eignen Kummer etwas milder,
Vorlage S. 763 1587 Den Geist beschäftigend mit fremdem Leid.
Vorlage S. 763 1588 So wird ein Kurzes wohl das Herz befreit –
Vorlage S. 763 1589 Es lindert wohl, doch heilt nicht unsre Wunden,
Vorlage S. 763 1590 Zu sehn, dass andre gleichen Schmerz empfunden.
Vorlage S. 763 1591 Doch endlich ist der Bote wieder da,
Vorlage S. 763 1592 Zugleich kommt mit Gefolge Collatin;
Vorlage S. 763 1593 Im Trauerkleid sieht er Lucretia,
Vorlage S. 763 1594 Und um ihr Aug', das feucht von Weinen schien,
Vorlage S. 763 1595 Wie Regenbogen blaue Ringe ziehn,
Vorlage S. 763 1596 Die zeigen in der trüben Atmosphäre,
Vorlage S. 763 1597 Dass der vertobte Sturm sich neu gebäre.
Vorlage S. 763 1598 So starrt ihr nun in's Antlitz Collatin
Vorlage S. 763 1599 Und weiß, von Schmerz betroffen, nichts zu sagen;
Vorlage S. 763 1600 Vom Weinen rot und wund ihr Auge schien,
Vorlage S. 763 1601 Die Wange leblos; doch ihm fehlt zu fragen
Vorlage S. 763 1602 Die Kraft, wie sich das alles zugetragen.
Vorlage S. 763 1603 So stumm erstaunt, wie wenn in fremden Landen
Vorlage S. 765 1604 Sich Freunde wiedersehn, die beiden standen.
Vorlage S. 765 1605 Doch endlich fasst er ihre kalte Hand
Vorlage S. 765 1606 Und spricht: »Mein süßes Lieb, welch' wildes Leid
Vorlage S. 765 1607 Betraf dich, dass ich dich so bebend fand?
Vorlage S. 765 1608 Was hat der Wangen Frische so entweiht
Vorlage S. 765 1609 Und warum trägst du dieses Trauerkleid?
Vorlage S. 765 1610 Enthülle, Teure, deinen Schmerz mir frei,
Vorlage S. 765 1611 Dass ich erforsche, wie zu helfen sei.«
Vorlage S. 765 1612 Dreimal tief seufzt sie, eh's einmal gelingt
Vorlage S. 765 1613 Der Seufzenden, vor Gram zu Wort zu kommen;
Vorlage S. 765 1614 Als endlich dann ihr von der Zunge springt
Vorlage S. 765 1615 Das Wort, erzählt sie (was wir schon vernommen)
Vorlage S. 765 1616 Vom Raub an ihrer Ehre. Schmerzbeklommen
Vorlage S. 765 1617 Hört Collatin mit seinen Weggenossen
Vorlage S. 765 1618 Lucretias geheimes Weh erschlossen.
Vorlage S. 765 1619 Und wie der bleiche Schwan im feuchten Horte
Vorlage S. 765 1620 Sein Trauerlied beginnt vor nahem Enden,
Vorlage S. 765 1621 Spricht sie: »Der Schuld geziemen wenig Worte,
Vorlage S. 765 1622 Entschuldigung kann keinen Fehltritt wenden;
Vorlage S. 765 1623 Mehr Leid als Worte hab' ich noch zu spenden,
Vorlage S. 765 1624 Und allzulang ist meines Jammers Sage,
Vorlage S. 765 1625 Als dass sie eine müde Zunge klage.
Vorlage S. 765 1626 Drum lasse sie dich nur dies eine wissen:
Vorlage S. 765 1627 Ein Fremder hat dein Heiligtum geraubt
Vorlage S. 765 1628 Aus deinem Bett, geruht auf diesem Kissen,
Vorlage S. 765 1629 Wo du zu ruhen pflegst dein müdes Haupt;
Vorlage S. 765 1630 Verwelkt ist meine Ehre und entlaubt,
Vorlage S. 765 1631 Das Ärgste musste deine Gattin dulden,
Vorlage S. 765 1632 Doch nur durch Zwang, nicht eigenes Verschulden.
Vorlage S. 765 1633 Im Graun der dunklen Mitternacht beschlich,
Vorlage S. 765 1634 Von Fackellicht geführt, hier im Gemach
Vorlage S. 765 1635 Mit blankem Schwert ein Ungeheuer mich
Vorlage S. 765 1636 Und flüsterte: 'Auf, Römerin, erwach'!
Vorlage S. 766 1637 Ergib dich mir, sonst häuf' ich ewige Schmach
Vorlage S. 766 1638 Zur Nacht auf dich und alles, was dir teuer,
Vorlage S. 766 1639 Willst du nicht löschen meiner Liebe Feuer.
Vorlage S. 766 1640 Ich morde', rief er, 'deiner Sklaven einen,
Vorlage S. 766 1641 Ergibst du dich nicht fügsam meinem Willen;
Vorlage S. 766 1642 Dann werd' ich dich im Tode ihm vereinen
Vorlage S. 766 1643 Und schwören: Beide traf ich euch im Stillen
Vorlage S. 766 1644 Der Wollust an und tötet' um deswillen
Vorlage S. 766 1645 Euch beide im unzüchtigen Umschlingen –
Vorlage S. 766 1646 Das wird mir Ruhm, dir ewige Schande bringen.'
Vorlage S. 766 1647 Entsetzt fuhr ich empor, fing an zu schrein,
Vorlage S. 766 1648 Doch er, sein Schwert gezückt, droht' mir mit Mord
Vorlage S. 766 1649 Und schwur, ergäb' ich mich nicht willig drein,
Vorlage S. 766 1650 Gesprochen hätt' ich dann mein letztes Wort
Vorlage S. 766 1651 Und nur mein Name lebte schimpflich fort,
Vorlage S. 766 1652 Denn alle Römer würden von mir sagen,
Vorlage S. 766 1653 Dass man bei einem Sklaven mich erschlagen.
Vorlage S. 766 1654 Mein Feind war stark, ich schwach, und um so schwächer,
Vorlage S. 766 1655 Als ich durch ihn all' meinen Mut verlor,
Vorlage S. 766 1656 Stumm machte mich mein blut'ger Urteilssprecher,
Vorlage S. 766 1657 Recht und Verteidigung ließ er gar nicht vor,
Vorlage S. 766 1658 Der sein Gelüst zum Zeugen rief und schwor,
Vorlage S. 766 1659 Dass meine Schönheit ihm das Herz geraubt,
Vorlage S. 766 1660 Und Schuld und Strafe komme auf mein Haupt.
Vorlage S. 766 1661 O, lehr' du mich Entschuldigungen finden,
Vorlage S. 766 1662 Lass mindestens dies meine Zuflucht sein:
Vorlage S. 766 1663 Konnt' ich mein Blut dem Unrecht nicht entwinden,
Vorlage S. 766 1664 Blieb mein Gemüt doch makellos und rein
Vorlage S. 766 1665 Und frei von Zwang in freier Liebe dein,
Vorlage S. 766 1666 Es hat der Unschuld ungetrübte Helle
Vorlage S. 766 1667 Bewahrt in seiner pestgeschwärzten Zelle.« –
Vorlage S. 766 1668 Er, wie ein Kaufmann plötzlich durch Verlust
Vorlage S. 766 1669 Verarmt, steht da, zu schwach, den Schmerz zu tragen,
Vorlage S. 766 1670 Den Kopf gesenkt, die Arme auf der Brust,
Vorlage S. 766 1671 Die Augen starr. Er möchte gerne klagen,
Vorlage S. 766 1672 Was ihn bewegt, und kann's vor Schmerz nicht sagen;
Vorlage S. 766 1673 Umsonst strebt er danach in stummer Pein:
Vorlage S. 766 1674 Was er ausatmet, trinkt sein Atem ein.
Vorlage S. 766 1675 Wie hoch die Flut durch einen Brückenbogen,
Vorlage S. 766 1676 Dem Aug' enteilend, mächtig vorwärts drängt,
Vorlage S. 766 1677 Um strudelnd gleich darauf zurückzuwogen
Vorlage S. 766 1678 Zum engen Tor, durch das sie sich gezwängt,
Vorlage S. 766 1679 Und so am Ausgang wieder sich verfängt,
Vorlage S. 766 1680 So geht sein Schluchzen stets dieselben Wege,
Vorlage S. 766 1681 Nur immer hin und her, gleich einer Säge.
Vorlage S. 766 1682 Lucretia weckt aus des Bewusstseins Schlummer
Vorlage S. 766 1683 Den Gatten, da sie sieht sein stummes Leid:
Vorlage S. 766 1684 »Durch deinen Kummer mehrst du meinen Kummer«,
Vorlage S. 766 1685 Sprach sie, »wie Flut sich mehrt bei Regenzeit;
Vorlage S. 766 1686 Du brauchst den Ausdruck deiner Traurigkeit
Vorlage S. 766 1687 Nicht meiner Schmerzensflut hinzuzufügen:
Vorlage S. 766 1688 Ein Paar verweinter Augen mag genügen.
Vorlage S. 766 1689 Um meinetwillen, die dir treu vereint
Vorlage S. 766 1690 Als Gattin war, verzögre nicht die Rache
Vorlage S. 766 1691 An meinem, deinem Feind, der selbst sich feind!
Vorlage S. 766 1692 Ist auch nichts mehr zu ändern an der Sache,
Vorlage S. 766 1693 Zu deren spätem Rächer ich dich mache,
Vorlage S. 766 1694 Zu spät für mich – doch töte den Verräter,
Vorlage S. 766 1695 Denn schonend Recht vermehrt die Missetäter.
Vorlage S. 766 1696 Doch, edle Herrn, eh' nenn' ich ihn euch nicht
Vorlage S. 766 1697 (So redet sie zu Collatin's Geleit'),
Vorlage S. 766 1698 Bis ihr mir schwört bei eurer Ehrenpflicht,
Vorlage S. 766 1699 Dass jeder von euch seinen Arm mir leiht
Vorlage S. 766 1700 Zu meiner Sühne ehrenvollem Streit,
Vorlage S. 766 1701 Denn dazu haben Edle ihre Waffen,
Vorlage S. 768 1702 Wehrlosen Frau'n Gerechtigkeit zu schaffen.«
Vorlage S. 768 1703 Voll edlen Eifers sind sie rasch bereit,
Vorlage S. 768 1704 Ihr Beistand zu geloben nach Gewissen
Vorlage S. 768 1705 Und Ritterpflicht in solchem Ehrenstreit;
Vorlage S. 768 1706 Doch möchten sie des Feindes Namen wissen,
Vorlage S. 768 1707 Den zu verbergen immer noch beflissen
Vorlage S. 768 1708 Lucretia; sie spricht nur: »Sagt mir an,
Vorlage S. 768 1709 Womit ich meinen Schandfleck löschen kann!
Vorlage S. 768 1710 Worin besteht die Schuld der Sünderin,
Vorlage S. 768 1711 Die der Gewalt nicht konnte widerstreben?
Vorlage S. 768 1712 Erlöst mich von der Schmach mein reiner Sinn,
Vorlage S. 768 1713 Die tiefgesunk'ne Ehre neu zu heben?
Vorlage S. 768 1714 Darf ich befrei'nder Hoffnung mich ergeben?
Vorlage S. 768 1715 Selbst klärt die Quelle sich, die man getrübt,
Vorlage S. 768 1716 Warum wird gleiches nicht in mir geübt?« –
Vorlage S. 768 1717 »Ja«, riefen alle, »was den Leib geschändet,
Vorlage S. 768 1718 Wird durch die reine Seele weggefegt!« –
Vorlage S. 768 1719 Doch sie mit freudelosem Lächeln wendet
Vorlage S. 768 1720 Ihr Antlitz, das des Unglücks Spuren trägt,
Vorlage S. 768 1721 Durch heiße Schmerzenstränen eingeprägt.
Vorlage S. 768 1722 »Nein«, ruft sie, »ich darf Frau'n, die nach mir leben,
Vorlage S. 768 1723 Kein Beispiel leicht gesühnter Sünde geben!«
Vorlage S. 768 1724 Und seufzend tief, als wollt' ihr Herz nun brechen,
Vorlage S. 768 1725 Stößt sie Tarquinens Namen aus: »Er! Er!«
Vorlage S. 768 1726 Und nichts als »Er!« kann ihre Zunge sprechen;
Vorlage S. 768 1727 Dann hält sie ein, seufzt wieder, atmet schwer
Vorlage S. 768 1728 Und haucht noch matt die Worte hinterher:
Vorlage S. 768 1729 »Er ist's, er, der mir schuf mein traurig Los
Vorlage S. 768 1730 Und meine Hand jetzt führt zum Todesstoß.«
Vorlage S. 768 1731 Bei diesem Wort durchbohrt der scharfe Stahl
Vorlage S. 768 1732 Die reine Brust; empor die Seele schwebt,
Vorlage S. 768 1733 Erlöst von des befleckten Kerkers Qual,
Vorlage S. 768 1734 Worin sie atmend unruhvoll gelebt;
Vorlage S. 769 1735 Der Geist, befreit von Erdenleiden, hebt
Vorlage S. 769 1736 Zum Himmel sich, und aus der Wunde fährt,
Vorlage S. 769 1737 Was, frei von Zeitgeschicken, ewig währt.
Vorlage S. 769 1738 Und wie versteinert bei der Toten da
Vorlage S. 769 1739 Stand mit den Freunden Collatin im Bunde,
Vorlage S. 769 1740 Doch als ihr Blut Lucretiens Vater sah,
Vorlage S. 769 1741 Warf er sich auf sie. Sie traf bis zum Grunde
Vorlage S. 769 1742 Ihr Herz; den Stahl zog Brutus aus der Wunde;
Vorlage S. 769 1743 Es kamen ihres Blutes Purpurwogen
Vorlage S. 769 1744 Dem Stahl, wie Rache heischend, nachgezogen. –
Vorlage S. 769 1745 So dass vom Busen ihr zwei Ströme gleiten,
Vorlage S. 769 1746 Die so sich scheiden, dass das Purpurblut
Vorlage S. 769 1747 Den Körper ganz umfließt von beiden Seiten,
Vorlage S. 769 1748 Der mitten wie ein wüstes Eiland ruht,
Vorlage S. 769 1749 Entvölkert, nackt in dieser Schreckensflut.
Vorlage S. 769 1750 Ein Teil des Blutes rein und rot noch sprudelt;
Vorlage S. 769 1751 Doch schwarz scheint andres, von Tarquin besudelt.
Vorlage S. 769 1752 Und um das trauerstarre Antlitz scheint
Vorlage S. 769 1753 Das schwarze Blut zum Wasserreif zu steigen,
Vorlage S. 769 1754 Der um die Stätte der Entweihung weint.
Vorlage S. 769 1755 Seitdem, um Mitleid diesem Leid zu zeigen,
Vorlage S. 769 1756 Blieb schlechtem Blut solch Wasserzeichen eigen,
Vorlage S. 769 1757 Und purpurrot blieb nur das unbefleckte,
Vorlage S. 769 1758 Vor Scham errötend um das angesteckte.
Vorlage S. 769 1759 »O Tochter, teure Tochter!« rief Lucrez,
Vorlage S. 769 1760 »Mein eignes Leben hast du dir genommen;
Vorlage S. 769 1761 Des Vaters Abbild lebt im Kinde stets,
Vorlage S. 769 1762 Wie kann mir ohne dich zu leben frommen?
Vorlage S. 769 1763 Nicht darum bist du mir als Kind gekommen!
Vorlage S. 769 1764 Stirbt vor den Eltern hin das Kind, dann sind
Vorlage S. 769 1765 Nachkommen diese und nicht mehr das Kind.
Vorlage S. 769 1766 Zerbrochner Spiegel, o, wie oft erschien
Vorlage S. 769 1767 Ich mir in deinem Bilde neu geboren!
Vorlage S. 769 1768 Nun, statt der Schönheit, die du ließest fliehn,
Vorlage S. 769 1769 Hast du das Bild des Tods heraufbeschworen,
Vorlage S. 769 1770 Durch dich hat dein Gesicht mein Bild verloren.
Vorlage S. 769 1771 In Scherben liegt mein Spiegel ganz und gar
Vorlage S. 769 1772 Und nimmer seh' ich, was ich weiland war.
Vorlage S. 769 1773 O Zeit, geh' selbst zur Ruh', hör' auf zu fliegen,
Vorlage S. 769 1774 Musst du im Flug, was leben soll, erschlagen;
Vorlage S. 769 1775 Soll fauler Tod die blüh'nde Kraft besiegen
Vorlage S. 769 1776 Und welke Schwäche nur das Leben tragen?
Vorlage S. 769 1777 Stirb, alte Biene! lass sich junge plagen.
Vorlage S. 769 1778 Erwache, süße Tochter, und sieh' mich,
Vorlage S. 769 1779 Den Vater, sterben, nicht der Vater dich!«
Vorlage S. 769 1780 Jetzt, wie aus einem Traum, fährt Collatin
Vorlage S. 769 1781 Empor und fleht Lucrez an, dass er weiche,
Vorlage S. 769 1782 Wirft in Lucretia's strömend Blut sich hin,
Vorlage S. 769 1783 Drin badend sein Gesicht, das schmerzensbleiche;
Vorlage S. 769 1784 Er liegt wie bei der Leiche eine Leiche,
Vorlage S. 769 1785 Bis Mannesscham ihn wieder hebt und spricht:
Vorlage S. 769 1786 »Steh' auf, zu leben deiner Rachepflicht!«
Vorlage S. 769 1787 Der tiefe Schmerz, der seine Brust beklemmte,
Vorlage S. 769 1788 Hielt seine Zunge lang in stummem Zwange,
Vorlage S. 769 1789 Die, wütend, dass der Schmerz den Lauf ihr hemmte
Vorlage S. 769 1790 Und ein befreiend Wort verbot so lange,
Vorlage S. 769 1791 Nun plötzlich klang, doch in so wirrem Klange,
Vorlage S. 769 1792 Dass, wieviel Klageworte sie auch fand,
Vorlage S. 769 1793 Kein Ohr auch nur ein einzig Wort verstand.
Vorlage S. 769 1794 Zuweilen war's, als hörte man den Namen
Vorlage S. 769 1795 »Tarquin«, doch wie zerbissen von den Zähnen,
Vorlage S. 769 1796 Der Wortsturm schien, bis Regenschauer kamen,
Vorlage S. 769 1797 Nur um sie zu vermehren, sich zu dehnen,
Vorlage S. 769 1798 Denn als er schwieg, in Strömen flossen Tränen,
Vorlage S. 769 1799 Und Sohn und Vater weinten um die Wette,
Vorlage S. 771 1800 Wer um Lucretia reichre Tränen hätte.
Vorlage S. 771 1801 Der eine wie der andre nennt sie sein,
Vorlage S. 771 1802 Doch keiner will des andern Anspruch tragen.
Vorlage S. 771 1803 »Mein ist sie!« ruft der Vater, »mein, o mein! ...«
Vorlage S. 771 1804 Der Gatte ruft: »Nur ich darf um sie klagen,
Vorlage S. 771 1805 Kein andrer darf, mein Recht verkürzend, sagen,
Vorlage S. 771 1806 Er traure um mein Weib, denn sie war mein
Vorlage S. 771 1807 Und mir geziemt die Trauer ganz allein!«
Vorlage S. 771 1808 »Ach!« rief Lucrez, »ich gab dies Leben ihr,
Vorlage S. 771 1809 Das sie zu früh und doch zu spät zerstört.«
Vorlage S. 771 1810 »Weh' mir!« seufzt Collatin, »Weib war sie mir,
Vorlage S. 771 1811 Ermordet hat sie, was nur mir gehört.«
Vorlage S. 771 1812 So streiten sie, von ihrem Schmerz betört.
Vorlage S. 771 1813 »Mein Weib! mein Kind!« – von diesem Echo bebt
Vorlage S. 771 1814 Die Luft, in der Lucretiens Geist verschwebt. –
Vorlage S. 771 1815 Brutus, der aus der Wunde zog den Stahl,
Vorlage S. 771 1816 Als er im Wehstreit Sohn und Vater sah,
Vorlage S. 771 1817 Schien stolz verändert jetzt mit einemmal,
Vorlage S. 771 1818 Der Torheit Schein starb mit Lucretia,
Vorlage S. 771 1819 In hoher Würd' und Haltung stand er da!
Vorlage S. 771 1820 Nicht länger will er röm'scher Hofnarr heißen
Vorlage S. 771 1821 Und Fürsten zum Ergötzen Possen reißen.
Vorlage S. 771 1822 Fort wirft er das entstellende Gewand,
Vorlage S. 771 1823 Das er aus kluger Vorsicht trug bis jetzt,
Vorlage S. 771 1824 Und scheucht mit lang verborgenem Verstand
Vorlage S. 771 1825 Den Gram, der Collatinens Auge netzt:
Vorlage S. 771 1826 »Auf«, spricht er, »edler Held, so schwer verletzt!
Vorlage S. 771 1827 Lass jetzt des unbegriffnen Toren Rat
Vorlage S. 771 1828 Dich Weisen führen zu der rechten Tat!
Vorlage S. 771 1829 Wie, Collatin, kann Weh durch Weh gesunden?
Vorlage S. 771 1830 Kann Schmerz dir helfen gegen ein Verbrechen?
Vorlage S. 771 1831 Nennst du es Rache, selbst dich zu verwunden,
Vorlage S. 771 1832 An dir das Blut des teuren Weibs zu rächen?
Vorlage S. 772 1833 Dem Römer ziemen nicht solch' kindische Schwächen!
Vorlage S. 772 1834 Willst du so fehlen, wie Lucretia fehlte,
Vorlage S. 772 1835 Die, statt des Feinds, sich selbst zum Opfer wählte?
Vorlage S. 772 1836 Nein, Römerheld, erweiche nicht dein Herz
Vorlage S. 772 1837 Durch Tränentau und unfruchtbare Klagen;
Vorlage S. 772 1838 Komm', lass uns knien und blicken himmelwärts,
Vorlage S. 772 1839 Dass uns die Götter beistehn, wenn wir wagen,
Vorlage S. 772 1840 Die Schande aus den Straßen Rom's zu jagen;
Vorlage S. 772 1841 Wir wollen unsre Peiniger wieder peinigen
Vorlage S. 772 1842 Und Rom von allem, was verderblich, reinigen.
Vorlage S. 772 1843 Und nun beim hohen Kapitole schwört,
Vorlage S. 772 1844 Beim Sonnenlicht, das Erdenreichtum nährt,
Vorlage S. 772 1845 Und bei dem keuschen Leibe hier, zerstört,
Vorlage S. 772 1846 Bei allen Rechten, die uns Rom gewährt,
Vorlage S. 772 1847 Und bei Lucretiens Seele, schon verklärt,
Vorlage S. 772 1848 Bei ihrem blutigen Stahl – lasst uns versprechen,
Vorlage S. 772 1849 Des teuren Weibs unseligen Tod zu rächen.«
Vorlage S. 772 1850 Er spricht's, die Hand fest auf die Brust gelegt,
Vorlage S. 772 1851 Und küsst den Stahl als seines Eides Zeugen,
Vorlage S. 772 1852 Und alle schwören mit ihm tiefbewegt
Vorlage S. 772 1853 Und staunend ihre Zustimmung bezeugen,
Vorlage S. 772 1854 Wie sie vereint mit ihm die Kniee beugen.
Vorlage S. 772 1855 Zum andernmal sagt' ihnen Brutus vor
Vorlage S. 772 1856 Den heil'gen Eid, und jeder mit ihm schwor.
Vorlage S. 772 1857 Und als sie so gelobt das Strafgericht,
Vorlage S. 772 1858 Beschlossen sie, Lucretia fortzutragen;
Vorlage S. 772 1859 Die blutige Leiche soll dem Volksgesicht
Vorlage S. 772 1860 In Rom Tarquin's verruchten Frevelklagen.
Vorlage S. 772 1861 Schnell ward getan, was Brutus vorgeschlagen,
Vorlage S. 772 1862 Und von dem ganzen Volk, in Wut entbrannt,
Vorlage S. 772 1863 Tarquin auf ewig aus der Stadt verbannt.
Vorlage S. 772