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Buch - Lucretia - Shakespeare, William

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Deutsche Übersetzung · Lesefassung

Lucretia

Shakespeare, William

Lucretia von Shakespeare, William. Volltext der angegebenen historischen deutschen Übersetzung.

ErzählprosaKlasse 9–10 · 11–131 Abschnitte
Historische Darstellung von William Shakespeare
Historische Darstellung von William Shakespeare — Spätere künstlerische Darstellung; kein gesichertes Bildnis aus dem Leben. · Martin Droeshout · Public domain Bildquelle ↗

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Deutsche Übersetzung: Friedrich von Bodenstedt

Hinweise für den Unterricht
  • Historische Sprache und zeitgebundene Wertvorstellungen gemeinsam einordnen. Klassenangaben sind redaktionelle Orientierung.

Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.

Deutsch · Abschnitt 1 von 1

William Shakespeare

1
William Shakespeare
2
Lucretia
3
Dem
Vorlage S. 715
4
Hochgeborenen Herrn Heinrich Wriothesley
Vorlage S. 715
5
Grafen von Southampton und Baron von Titchfield
Vorlage S. 715
6
Die Liebe, die ich Ew. Lordschaft darbringe, ist ohne Ende: und in ihrem Rahmen bildet diese Schrift ohne Anfang nur ein überflüssiges Teilchen. Nicht der Wert meiner ungelehrten Verse sondern die Gewissheit Ihrer gnädigen Gewogenheit bürgen mir für die Annahme. Was ich geleistet habe, gehört Ihnen, was ich noch leisten werde, gehört Ihnen, denn es bildet nur einen Teil von all dem, was Ihnen dargebracht ist. Wenn mein Wert größer wäre, würde auch meine Ergebenheit größer erscheinen; aber auch so, wie sie ist, bleibt sie Ew. Lordschaft, der ich ein langes, durch alles Glück noch verlängertes Leben wünsche.
Vorlage S. 715
7
Ew. Lordschaft ganz gehorsamster
Vorlage S. 715
8
William Shakespeare
Vorlage S. 715
9
Dem Römerheer vor Ardea entflieht
Vorlage S. 715
10
Tarquin, von Schwingen schnöder Lust getragen,
Vorlage S. 715
11
Die glühnden Drangs ihn nach Collatium zieht.
Vorlage S. 715
12
Dort eine holde Beute zu erjagen,
Vorlage S. 715
13
Lässt er ein Feuer aus der Asche schlagen,
Vorlage S. 715
14
Das, lange unterdrückt, nun glutenvoll
Vorlage S. 715
15
Lucretia's keuschen Leib umschlingen soll.
Vorlage S. 715
16
Dies »keusch«, dies holde Wort gerade wetzte
Vorlage S. 715
17
Zur höchsten Schärfe sein unhold Verlangen,
Vorlage S. 715
18
Da Collatin die Klugheit oft verletzte
Vorlage S. 715
19
Im Preise von Lucretia's feinen Wangen,
Vorlage S. 715
20
Und Augen, die wie Stern' am Himmel prangen
Vorlage S. 715
21
Des Glücks, das ihm, nur ihm beschieden war,
Vorlage S. 715
22
Durch Reize, makellos und wunderbar.
Vorlage S. 715
23
Denn nachts zuvor, im Zelte des Tarquin,
Vorlage S. 715
24
Enthüllt' er ihm den Schatz der Liebeswonnen,
Vorlage S. 715
25
Den unschätzbar die Götter ihm verliehn,
Vorlage S. 715
26
Da er solch' wunderholdes Weib gewonnen;
Vorlage S. 715
27
Und meinte stolz vor Glück und unbesonnen:
Vorlage S. 715
28
Dass Könige sich wohl größerm Ruhm vermählten,
Vorlage S. 715
29
Doch nie ein Weib, so schön wie seins, erwählten.
Vorlage S. 715
30
O Seligkeit, von wenigen nur genossen!
Vorlage S. 715
31
Und mitten im Genuss schon welk und schal!
Vorlage S. 715
32
Rasch wie des Frühtaus Silberglanz zerflossen,
Vorlage S. 715
33
Trifft glühend ihn der Sonne goldner Strahl,
Vorlage S. 715
34
Das Beste kommt und flieht fast allzumal.
Vorlage S. 715
35
In dieser Harmwelt beut nur schwache Wehre
Vorlage S. 717
36
Des Eigners Arm der Schönheit und der Ehre.
Vorlage S. 717
37
Die Schönheit überzeugt durch sich allein,
Vorlage S. 717
38
Stets siegreich treffen ihrer Augen Strahlen,
Vorlage S. 717
39
Kein Anwalt braucht ihr seinen Mund zu leihn,
Vorlage S. 717
40
Das Höchste lässt sich nicht mit Worten malen.
Vorlage S. 717
41
Und durfte Collatinus damit prahlen?
Vorlage S. 717
42
Vor Diebesohren musst' er klüglich schweigen
Vorlage S. 717
43
Vom unschätzbaren Kleinod, das sein eigen.
Vorlage S. 717
44
Ob nun dies Prahlen, das er angehört,
Vorlage S. 717
45
Die Glut des Königssohns zum Ausbruch brachte,
Vorlage S. 717
46
– Denn oft wird durch das Ohr das Herz betört –
Vorlage S. 717
47
Ob Neid um ein so einzig Gut erwachte
Vorlage S. 717
48
In ihm, und seinen Stolz zur Wut entfachte,
Vorlage S. 717
49
Dass ihm, dem Höhern, das Geschick versagte
Vorlage S. 717
50
Glück, des ein Niedrer sich zu rühmen wagte:
Vorlage S. 717
51
Genug, ein unheilvoller Einfall hetzte
Vorlage S. 717
52
Ihn jählings fort in unheilvoller Hast,
Vorlage S. 717
53
Und über Freundschaft, Pflicht und Ehre setzte
Vorlage S. 717
54
Er leicht hinweg und eilte ohne Rast
Vorlage S. 717
55
Die Glut zu löschen, die sein Herz erfasst.
Vorlage S. 717
56
O falsche, falsche Glut! Du stirbst verfrüht
Vorlage S. 717
57
Im Eis der Reue, eh' dein Lenz geblüht.
Vorlage S. 717
58
Der Falsche, als er nach Collatium kam,
Vorlage S. 717
59
Ward freundlich von der Römerin empfangen,
Vorlage S. 717
60
In deren holdem Antlitz wundersam
Vorlage S. 717
61
Schönheit und Tugend um die Palme rangen.
Vorlage S. 717
62
Dringt Tugend vor, färbt ros'ge Scham die Wangen,
Vorlage S. 717
63
Doch Tugend will der ros'gen Scham nicht weichen
Vorlage S. 717
64
Und lässt die Röte lilienweiß erbleichen.
Vorlage S. 717
65
Doch Schönheit weiß von Venus' Taubenpaar
Vorlage S. 717
66
Auf dieses Weiß Ansprüche herzuleiten,
Vorlage S. 717
67
Und Tugend sagt: der Schönheit Röte war
Vorlage S. 717
68
Einst mein, ich schenkte sie den goldnen Zeiten
Vorlage S. 718
69
Als Schild, auf Silberwangen Gold zu breiten;
Vorlage S. 718
70
Und diese Zier lehrt' ich als Wehre nützen
Vorlage S. 718
71
Im Kampf mit Schmach das Weiß durch Rot zu schützen.
Vorlage S. 718
72
So sah man in Lucretia's Angesicht
Vorlage S. 718
73
Das Schönheitsrot mit Tugendweiß sich streiten,
Vorlage S. 718
74
Und fürstlich stolz tut keines ganz Verzicht:
Vorlage S. 718
75
Jedwedes weiß sein Vorrecht herzuleiten,
Vorlage S. 718
76
Voll Ehrgeiz, aus dem Anbeginn der Zeiten,
Vorlage S. 718
77
Und bietet so dem andern kühn die Spitze,
Vorlage S. 718
78
Dass sie oft wechseln auf dem Herrschersitze.
Vorlage S. 718
79
Den stillen Krieg der Lilien und Rosen
Vorlage S. 718
80
Erblickt Tarquin im Feld der schönen Wangen,
Vorlage S. 718
81
Und als Verräter beider makellosen
Vorlage S. 718
82
Kriegsscharen, gibt in feigem Todesbangen,
Vorlage S. 718
83
Besiegt, sein Auge beiden sich gefangen;
Vorlage S. 718
84
Doch statt zu triumphieren über ihn,
Vorlage S. 718
85
Den Falschen, ließen beid' ihn lieber ziehn.
Vorlage S. 718
86
Nun scheint ihm, ihres Gatten seichter Zunge,
Vorlage S. 718
87
Als sie der Knicker so verschwendrisch pries,
Vorlage S. 718
88
Fehlt' es bei ihrer Schönheit Lob an Schwunge,
Vorlage S. 718
89
Denn mehr, weit mehr als Collatin verhieß,
Vorlage S. 718
90
Des Kunst im Schildern sich höchst schal erwies,
Vorlage S. 718
91
Fand er, in stummer Huldigung mit Blicken,
Vorlage S. 718
92
Die tief in ihre Schönheit sich verstricken.
Vorlage S. 718
93
Die Heilige, verehrt von diesem Teufel,
Vorlage S. 718
94
Hat keine Ahnung seiner falschen Glut;
Vorlage S. 718
95
Nicht leicht fasst reine Seelen böser Zweifel,
Vorlage S. 718
96
Nur Vögel, schon geleimt, sind auf der Hut.
Vorlage S. 718
97
Lucretia, in Unschuld frohgemut,
Vorlage S. 718
98
Begrüßt den hohen Gast mit Ehrerbieten,
Vorlage S. 718
99
Des innre Mängel äußre nicht verrieten.
Vorlage S. 718
100
Denn mit der hohen Würde, die ihn deckt,
Vorlage S. 718
101
Birgt er im Faltenwurf der Majestät
Vorlage S. 718
102
Den niedern Sinn, dass nichts Verdacht erweckt.
Vorlage S. 718
103
Bewundrung nur zu oft sein Aug' verrät,
Vorlage S. 718
104
Das, alles habend, doch nach mehr noch späht,
Vorlage S. 718
105
Im Reichtum arm, im Überfluss entbehrend,
Vorlage S. 718
106
Von Vielem satt, doch immer mehr begehrend.
Vorlage S. 718
107
Doch sie, die nie mit fremden Blicken stritt,
Vorlage S. 718
108
Versteht nicht, was aus seinen Augen spricht;
Vorlage S. 718
109
Nichts vom geheimen Sinn teilt sich ihr mit
Vorlage S. 718
110
Der Sündenschrift in seinem Angesicht;
Vorlage S. 718
111
Der Köder lockt, die Angel schreckt sie nicht,
Vorlage S. 718
112
Sie kann aus seinem Wollustblick nur schließen,
Vorlage S. 718
113
Dass seine Augen gern das Licht genießen.
Vorlage S. 718
114
Er füllt ihr Ohr mit ihres Gatten Ruhm,
Vorlage S. 718
115
Der weiter reichte, als Italiens Grenze,
Vorlage S. 718
116
Preist Collatinus' Würd' und Heldentum,
Vorlage S. 718
117
Wie er durch jede Mannestugend glänze,
Vorlage S. 718
118
An Beute reich, im Schmuck der Siegeskränze.
Vorlage S. 718
119
Sie blickt zum Himmel mit erhobnen Händen,
Vorlage S. 718
120
Stumm ihren Dank für solches Glück zu spenden.
Vorlage S. 718
121
Ein Vorwand seines Kommens fehlt ihm nicht,
Vorlage S. 718
122
Der weit abliegt von des Besuches Zwecken;
Vorlage S. 718
123
Kein Wölkchen lässt im heitern Angesicht
Vorlage S. 718
124
Den drohenden Gewittersturm entdecken,
Vorlage S. 718
125
Bis schwarze Nacht, die Mutter aller Schrecken,
Vorlage S. 718
126
Den Tag in ihres Kerkers Wölbung zwingt
Vorlage S. 718
127
Und Dunkel über Erd' und Himmel bringt.
Vorlage S. 718
128
Nun heuchelt schwere Müdigkeit Tarquin
Vorlage S. 718
129
Und wird zu seiner Lagerstatt gebracht,
Vorlage S. 718
130
Denn nach dem Abendessen hinzuziehn
Vorlage S. 718
131
Wußt' er die Plauderei bis in die Nacht.
Vorlage S. 718
132
Der blei'rne Schlaf bekämpft mit Übermacht
Vorlage S. 718
133
Die Lebenskräfte, und wird ihrer Meister:
Vorlage S. 720
134
Nur Diebe wachen und des Unglücks Geister.
Vorlage S. 720
135
So liegt Tarquin jetzt, die Gefahr erwägend,
Vorlage S. 720
136
Die droht, wenn er vollführt, was er geplant,
Vorlage S. 720
137
Doch keinen Schritt vom Ziel zurückbewegend,
Vorlage S. 720
138
Ob schwache Hoffnung auch zum Rückzug mahnt.
Vorlage S. 720
139
Wo ein Verzweifelter den Weg sich bahnt
Vorlage S. 720
140
Zu Raubgewinn, ob auch der Tod ihm droht:
Vorlage S. 720
141
Er stürmt zum Ziel und denkt nicht an den Tod.
Vorlage S. 720
142
Wer viel begehrt, den lässt die Habsucht nimmer
Vorlage S. 720
143
Behaglich seines Eigentums sich freuen,
Vorlage S. 720
144
Denn stets auf Zuwachs hoffend, wird er immer,
Vorlage S. 720
145
Was er gewann, vermindern und verstreuen,
Vorlage S. 720
146
Und wenn sich bis zum Überfluss erneuen
Vorlage S. 720
147
Die Schätze, schaffen sie im Überdruß
Vorlage S. 720
148
Armut des Herzens bei Goldüberfluß.
Vorlage S. 720
149
Das Streben aller ist, in alten Tagen
Vorlage S. 720
150
Wohlhäbig, sorglos und geehrt zu leben;
Vorlage S. 720
151
Alles für eins und eins für alles wagen
Vorlage S. 720
152
Wir stets bei diesem oft gekreuzten Streben.
Vorlage S. 720
153
Um Ehre wird das Herzblut hingegeben
Vorlage S. 720
154
Im Kampf; um Reichtum Ehre, und so stirbt
Vorlage S. 720
155
In Schande, wer voll Gier um Schätze wirbt.
Vorlage S. 720
156
Wir hören auf, das was wir sind, zu sein
Vorlage S. 720
157
Bei schlechtem Spiel um ein erhofftes Glück,
Vorlage S. 720
158
Und unser Ehrgeiz schafft uns stete Pein,
Vorlage S. 720
159
Nur Mängel im Besitz zeigt er dem Blick;
Vorlage S. 720
160
Denn immer vorwärts sehn wir, nie zurück
Vorlage S. 720
161
Auf was wir haben – so den Sinn verkehrend
Vorlage S. 720
162
Und unser Etwas durch ein Nichts vermehrend.
Vorlage S. 720
163
Bei solchem Glücksspiel muss nun auch Tarquin
Vorlage S. 720
164
Die Ehre opfern seiner schnöden Lust,
Vorlage S. 720
165
Und für sich selber vor sich selber fliehn,
Vorlage S. 720
166
Sich selbst betrügen, seiner Schmach bewusst.
Vorlage S. 721
167
Wer frech die Treue bricht in eigner Brust,
Vorlage S. 721
168
In Selbstvernichtung Lastern nachzujagen,
Vorlage S. 721
169
Der darf sich über andre nicht beklagen.
Vorlage S. 721
170
Schon kam die todesstille Zeit der Nacht,
Vorlage S. 721
171
Und Schlaf lag auf den Augen schwer wie Blei;
Vorlage S. 721
172
Am Himmel selbst kein Stern des Trostes wacht;
Vorlage S. 721
173
Kein Laut als Wolfsgeheul und Eulenschrei.
Vorlage S. 721
174
Nun für das Lamm schleicht die Gefahr herbei;
Vorlage S. 721
175
Wie reine Seelen ruht es still und stumm,
Vorlage S. 721
176
Nur blutiger Mord und Wollust geh'n jetzt um.
Vorlage S. 721
177
Nun auf von seinem Lager springt Tarquin,
Vorlage S. 721
178
Den Mantel wirft er hastig um den Arm,
Vorlage S. 721
179
Begierd' und Furcht wahnsinnig schütteln ihn,
Vorlage S. 721
180
Süß schmeichelt jene, diese droht mit Harm
Vorlage S. 721
181
Und warnt ihn redlich – aber süß und warm
Vorlage S. 721
182
Lockt Wollust; und die Furcht, die lang' sich sträubt,
Vorlage S. 721
183
Weicht endlich, von der Wollust hirnbetäubt.
Vorlage S. 721
184
An einen Stein schlägt er mit seinem Schwert
Vorlage S. 721
185
Und zündet eine Fackel dann am Licht
Vorlage S. 721
186
Des Strahls, der aus dem Feuersteine fährt,
Vorlage S. 721
187
Als Leitstern für sein lüsternes Gesicht,
Vorlage S. 721
188
Derweil er also zu der Flamme spricht:
Vorlage S. 721
189
»Wie ich aus kaltem Stein ließ Feuer springen,
Vorlage S. 721
190
Muss ich Lucretia mir zu Willen zwingen.«
Vorlage S. 721
191
Hier, bleich vor Furcht, vordenkend nun erwägt er
Vorlage S. 721
192
Die Fährnis seines schändlichen Beginnens,
Vorlage S. 721
193
Und schlimme Folgen ahnend überlegt er,
Vorlage S. 721
194
Mehr sei hier des Verlierens als Gewinnens.
Vorlage S. 721
195
Er schmäht die schwache Rüstung seines Minnens,
Vorlage S. 721
196
Der nicht zu traun, und die Gedankensünde
Vorlage S. 721
197
Bekämpft er so durch tugendliche Gründe:
Vorlage S. 721
198
»Erlisch, o Fackel! leihe nicht dein Licht,
Vorlage S. 721
199
Ein Licht zu trüben heller als das deine!
Vorlage S. 721
200
Befleckt, unheilige Gedanken, nicht
Vorlage S. 721
201
Mit eurem Sündenschmutz die göttlich Reine!
Vorlage S. 721
202
Bringt heiligen Weihrauch ihrem Heiligenschreine;
Vorlage S. 721
203
Beug' einer Tat vor, schöne Menschlichkeit,
Vorlage S. 721
204
Die reiner Liebe weiß Gewand entweiht.
Vorlage S. 721
205
O Schmach auf Rittertum und Wappenglanz,
Vorlage S. 721
206
Wenn ich der Ahnen heilig Grab entweih'!
Vorlage S. 721
207
Solch' Tun umschlösse alles Böse ganz;
Vorlage S. 721
208
Ein Krieger Sklav, der Liebesschwärmerei!
Vorlage S. 721
209
Der wahre Mut gibt nicht die Ehre frei,
Vorlage S. 721
210
Die Schande, mich so weit verirrt zu haben,
Vorlage S. 721
211
Blieb ewig meinem Antlitz eingegraben.
Vorlage S. 721
212
Ja, sterb' ich, wird die Schmach mich überleben
Vorlage S. 721
213
Als Dorn im Aug' den Wappen eingeprägt;
Vorlage S. 721
214
Ein Merkmal würde mir der Herold geben,
Vorlage S. 721
215
Zu zeigen, wie mich schnöde Lust bewegt,
Vorlage S. 721
216
Dass meine Kinderzorn- und schamerregt
Vorlage S. 721
217
Mich noch verfluchen, wenn ich schon begraben,
Vorlage S. 721
218
Und wünschen, solchen Vater nicht zu haben.
Vorlage S. 721
219
Was würde, find' ich, was ich suche, mein?
Vorlage S. 721
220
Ein Traum, ein Hauch, ein flüchtiger Lustgewinn.
Vorlage S. 721
221
Wer kauft Minutenlust um Wochenpein?
Vorlage S. 721
222
Wer gibt den Weinstock um die Traube hin?
Vorlage S. 721
223
Ein Tand für ewige Schmach hat keinen Sinn,
Vorlage S. 721
224
Und ließe, um der Krone Glanz zu tragen,
Vorlage S. 721
225
Ein Bettler d'rum vom Szepter sich erschlagen?
Vorlage S. 721
226
Wenn Collatin von meinem Vorsatz träumt,
Vorlage S. 721
227
Wird er nicht aus dem Schlaf in wilder Wut
Vorlage S. 721
228
Auffahren und hereilen ungesäumt,
Vorlage S. 721
229
Dem Sturm zu wehren auf sein höchstes Gut,
Vorlage S. 721
230
Und seine Ehr' an meinem Frevelmut
Vorlage S. 721
231
Zu rächen, dass durch mich nicht Unschuld sterbe
Vorlage S. 723
232
So jung, und Gram das Alter nicht verderbe?
Vorlage S. 723
233
Was kann ich zur Entschuldigung erfinden,
Vorlage S. 723
234
Zeiht er mich solchen Frevels? Mein Gebein
Vorlage S. 723
235
Wird kläglich zittern und mein Aug' erblinden,
Vorlage S. 723
236
Das Herz wird bluten, stumm die Zunge sein.
Vorlage S. 723
237
Wie groß die Schuld, ist auch die Furcht nicht klein,
Vorlage S. 723
238
Und große Furcht wagt weder Kampf noch Flucht,
Vorlage S. 723
239
Bricht feig zusammen vor des Schreckens Wucht.
Vorlage S. 723
240
Hätt' er mir Vater oder Sohn erschlagen,
Vorlage S. 723
241
Oder mich meuchlings selbst bedroht am Leben,
Vorlage S. 723
242
Und wär' er nicht mein Freund, so könnt' ich sagen:
Vorlage S. 723
243
Vergeltung ließ nach seinem Weib mich streben;
Vorlage S. 723
244
Doch da er mir als treuer Freund ergeben
Vorlage S. 723
245
Und Blutsverwandtschaft mich mit ihm verbindet,
Vorlage S. 723
246
Bleibt's eine Schmach, die nie Entschuld'gung findet.
Vorlage S. 723
247
Ja, schmachvoll ist's! – doch, kann man's nicht verschweigen
Vorlage S. 723
248
Haßwürdig ist's! – doch Liebe kennt kein Hassen.
Vorlage S. 723
249
Ich fleh' um Liebe – die nicht mehr ihr eigen.
Vorlage S. 723
250
Das Schlimmste wär', dürft' ich sie nicht umfassen!
Vorlage S. 723
251
Längst hat mein Wille die Vernunft verlassen.
Vorlage S. 723
252
Wer Schwäche scheut aus lasterhaftem Einwand,
Vorlage S. 723
253
Dem wird selbst bange vor bemalter Leinwand.«
Vorlage S. 723
254
So lässt er seine Gluten ohne Schranken
Vorlage S. 723
255
Zu Rat mit eisigem Bewusstsein gehn,
Vorlage S. 723
256
Weist von sich alle besseren Gedanken,
Vorlage S. 723
257
Damit die schlechtern stets im Vorteil stehn,
Vorlage S. 723
258
Die jeden guten Vorsatz gleich verdrehn,
Vorlage S. 723
259
Und ihn selbst so verwirren, einen Schein
Vorlage S. 723
260
Von Tugend seinem schnöden Werk zu leihn.
Vorlage S. 723
261
Er sprach: »Sie nahm mich freundlich bei der Hand,
Vorlage S. 723
262
Als scharf sie in mein lüstern Auge sah,
Vorlage S. 723
263
Wie ängstlich forschend nach des Heeres Stand,
Vorlage S. 723
264
Ob ihrem Collatinus nichts geschah.
Vorlage S. 724
265
Wie reizvoll färbte Furcht ihr Antlitz da!
Vorlage S. 724
266
Bald Rosen glich's, auf Linnen schneeweiß rein,
Vorlage S. 724
267
Bald glich es solchem Linnen ganz allein.
Vorlage S. 724
268
Wie sie mich, meine Hand ergreifend, zwang,
Vorlage S. 724
269
Bei ihrem treuen Beben mitzubeben!
Vorlage S. 724
270
Und, immer mehr erbebend, in mich drang,
Vorlage S. 724
271
Bis ich die beste Kunde ihr gegeben
Vorlage S. 724
272
Von ihm, um dann ein Lächeln zu erleben,
Vorlage S. 724
273
So hold ... hätt' es Narciß gesehn, gewiss:
Vorlage S. 724
274
Selbstliebe hätte nicht ertränkt Narciß.
Vorlage S. 724
275
Warum denn nach Entschuldigungen jagen?
Vorlage S. 724
276
Des Redners Kunst verstummt, wo Schönheit spricht;
Vorlage S. 724
277
Ein armer Tropf mag sich mit Skrupeln plagen,
Vorlage S. 724
278
Ein liebend Herz erbangt vor Schatten nicht.
Vorlage S. 724
279
Die Liebe ist mein Feldherr und mein Licht,
Vorlage S. 724
280
Lässt sie ihr reichgeschmücktes Banner wehn,
Vorlage S. 724
281
Wird selbst dem Feigling Mut zum Kampf erstehn.
Vorlage S. 724
282
Fort, kind'sche Furcht und banges Überlegen!
Vorlage S. 724
283
Vernunft und Rücksicht dient nur welken Greisen;
Vorlage S. 724
284
Dem Auge stellt das Herz sich nicht entgegen,
Vorlage S. 724
285
Bedächtig Zaudern ziemt betagten Weisen,
Vorlage S. 724
286
Doch Jugend will in eignen Bahnen kreisen.
Vorlage S. 724
287
Lust sei mein Feldherr, Schönheit meine Beute;
Vorlage S. 724
288
Wer, der bei solchem Ziel das Sinken scheute!«
Vorlage S. 724
289
Wie junge Saat dem Unkraut, also weicht
Vorlage S. 724
290
Bedächt'ge Furcht dem stürmischen Verlangen,
Vorlage S. 724
291
Wie er mit Lauscherohren vorwärts schleicht
Vorlage S. 724
292
Und freche Hoffnung mit verlegnem Bangen
Vorlage S. 724
293
(Das unterdrückt zwar, doch nicht ganz vergangen)
Vorlage S. 724
294
So in ihm stritt, dass immer noch ein Schwanken
Vorlage S. 724
295
Blieb zwischen Lustbegier und Furchtgedanken.
Vorlage S. 724
296
Ihm zeigt sein innres Aug' ihr himmlisch Bild,
Vorlage S. 724
297
Doch auch zugleich das Bild von Collatin;
Vorlage S. 724
298
Der Blick auf sie macht ihn ganz wirr und wild,
Vorlage S. 724
299
Allein der Himmelsblick, den sie auf ihn
Vorlage S. 724
300
Gerichtet, will ihn läuternd aufwärts ziehn,
Vorlage S. 724
301
Sein sündig Herz für bessre Regung werben.
Vorlage S. 724
302
Umsonst! Zu tief schon steckt er im Verderben.
Vorlage S. 724
303
Die bösen Lüste, dienend ihm verbunden,
Vorlage S. 724
304
Geschmeichelt von des Führers heiterm Schein,
Vorlage S. 724
305
Erfüllen ihn wie die Minuten Stunden,
Vorlage S. 724
306
Bestrebt, so munter wie er selbst zu sein,
Vorlage S. 724
307
Und mehr Tribut, als nötig, ihm zu weihn.
Vorlage S. 724
308
So tollkühn zu Lucretiens Bette schreitet
Vorlage S. 724
309
Der Herrscher Roms, von wilder Gier geleitet.
Vorlage S. 724
310
Die Türen zwischen ihrem Schlafgemach
Vorlage S. 724
311
Und seinem Willen tun, von ihm gesprengt,
Vorlage S. 724
312
Sich auf, doch rufen knarrend Vorsicht wach
Vorlage S. 724
313
In ihm, dass er bei jeder Schwelle denkt
Vorlage S. 724
314
Des Räuberziels, das seine Schritte lenkt;
Vorlage S. 724
315
Da kreischen Wiesel auf, die ihn entdecken,
Vorlage S. 724
316
Sie schrecken ihn, doch er besiegt den Schrecken.
Vorlage S. 724
317
Und wie die Pforten ihm den Weg erschweren,
Vorlage S. 724
318
Kämpft auch durch Mauerspalten mit dem Licht
Vorlage S. 724
319
Der Wind, und bläst, um seine Qual zu mehren,
Vorlage S. 724
320
Die Fackel aus, den Rauch ihm in's Gesicht,
Vorlage S. 724
321
Dass ihm zum Ziel die Führung nun gebricht;
Vorlage S. 724
322
Doch bleibt sein glühend Herz ihm treu verbündet,
Vorlage S. 724
323
Dass er die Fackel bald aufs neu entzündet.
Vorlage S. 724
324
Auf Binsenmatten sieht er bei dem Licht
Vorlage S. 724
325
Lucretiens Handschuh', die nah' vor ihm lagen;
Vorlage S. 724
326
Er greift danach, doch eine Nadel sticht
Vorlage S. 724
327
Ihn in die Hand, als wollte sie ihm sagen:
Vorlage S. 724
328
»Die Handschuh' können Tändeln nicht vertragen,
Vorlage S. 724
329
Du hast's gefühlt; leg' rasch sie wieder hin,
Vorlage S. 726
330
Der Putz ist keusch wie die Gebieterin.«
Vorlage S. 726
331
Doch hemmt ihn kein so dürft'ges Warnungszeichen,
Vorlage S. 726
332
Er deutet sie im schlimmsten Sinne nur,
Vorlage S. 726
333
Ihm müssen Türen, Wind und Handschuh' weichen,
Vorlage S. 726
334
Er sieht in allem nur des Zufalls Spur,
Vorlage S. 726
335
Gleichsam Gewichte, die die Stundenuhr
Vorlage S. 726
336
Im Gang verzögernd hemmen, bis der Stunde
Vorlage S. 726
337
Die Schuld entrichtet jegliche Sekunde.
Vorlage S. 726
338
Er sprach: »Stets hemmt Verzug der Zeiten Schwingen,
Vorlage S. 726
339
Wie schwacher Nachtfrost oft dem Lenz noch dräut.
Vorlage S. 726
340
Damit die Knospen um so schöner springen,
Vorlage S. 726
341
Der Vögel Sang sich fröhlicher erneut,
Vorlage S. 726
342
Nur der gewinnt, wer die Gefahr nicht scheut;
Vorlage S. 726
343
Es dräu'n Piraten, Sturm und Fels zu stranden
Vorlage S. 726
344
Dem Kaufmann, eh' er reich daheim darf landen.«
Vorlage S. 726
345
Nun hat er schon des Zimmers Tür erreicht,
Vorlage S. 726
346
Die ihn vom Himmel seiner Wünsche trennt;
Vorlage S. 726
347
Nichts mehr als eine Klinke, die bald weicht,
Vorlage S. 726
348
Hält ihn zurück vom Schönsten, was er kennt
Vorlage S. 726
349
Und zu erlangen so gottlos entbrennt,
Vorlage S. 726
350
Dass er zum Himmel fleht um Hilf und Huld –
Vorlage S. 726
351
Gleichwie zum Hohn auf himmlische Geduld.
Vorlage S. 726
352
Doch während seine Bitten sich vergebens
Vorlage S. 726
353
Frech an die ew'gen Himmelsmächte wenden,
Vorlage S. 726
354
Dass er das holde Ziel unholden Strebens
Vorlage S. 726
355
Erreiche – fühlt er selber sein Verblenden,
Vorlage S. 726
356
Fährt plötzlich auf und spricht: »Ich muss sie schänden!
Vorlage S. 726
357
Der Himmel kann mir keine Hilfe leihn
Vorlage S. 726
358
Bei meiner Tat, die ihm ein Greu'l muss sein.
Vorlage S. 726
359
Nun sei'n mir Glück und Liebe Gott und Rat!
Vorlage S. 726
360
Den Willen unterstützt verwegner Mut;
Vorlage S. 726
361
Gedanken sind nur Träume bis zur Tat,
Vorlage S. 726
362
Vergebung macht die schwerste Sünde gut,
Vorlage S. 727
363
Das Eis der Furcht schmilzt in der Liebe Glut.
Vorlage S. 727
364
Des Himmels Aug' erlosch, und finstre Nacht
Vorlage S. 727
365
Verhüllt die Scham, die nach der Lust erwacht.«
Vorlage S. 727
366
Nun hebt die Klinke seine Sünderhand,
Vorlage S. 727
367
Er öffnet mit dem Knie die Türe weit;
Vorlage S. 727
368
Fest schläft das Täubchen, das die Eule fand;
Vorlage S. 727
369
Verrat, eh' man Verräter sieht, gedeiht.
Vorlage S. 727
370
Sonst springt, wer eine Schlang' erblickt, beiseit';
Vorlage S. 727
371
Doch sie, der Schlange Näh' nicht ahnend, liegt
Vorlage S. 727
372
Ihr preisgegeben, süß in Schlaf gewiegt.
Vorlage S. 727
373
Mit weitem Räuberschritt schleicht er in's Zimmer,
Vorlage S. 727
374
Sieht das noch unentweihte Lager, dicht
Vorlage S. 727
375
Verhüllt vom Vorhang. Spähend gieriger immer
Vorlage S. 727
376
Rollt ihm das Aug' im glühenden Gesicht,
Vorlage S. 727
377
Bis es zur Hand, das Herz verratend, spricht:
Vorlage S. 727
378
Fort mit den neid'schen Wolken, die mir ganz
Vorlage S. 727
379
Verhüllen dieses Mondes Silberglanz!
Vorlage S. 727
380
Wie wenn in hellster Glut aus Wolkenwogen
Vorlage S. 727
381
Die Sonne steigt und blendet das Gesicht,
Vorlage S. 727
382
So wird, als er den Vorhang weggezogen,
Vorlage S. 727
383
Sein Aug' geblendet von noch schön'rem Licht.
Vorlage S. 727
384
Ob es Lucretiens holden Anblick nicht
Vorlage S. 727
385
Ertragen kann? Ob Scham es übergossen?
Vorlage S. 727
386
Genug, es schließt sich und es bleibt geschlossen.
Vorlage S. 727
387
O, wär' es tot in dunkler Hast geblieben,
Vorlage S. 727
388
Dass es nichts Schlimmres sähe, als es sah!
Vorlage S. 727
389
Dann ruhte, hochbeglückt durch treues Lieben,
Vorlage S. 727
390
Ihr Collatin noch bei Lucretia.
Vorlage S. 727
391
Doch als es aufging, war das Unglück da,
Vorlage S. 727
392
Das, um geweihte Bande unbekümmert,
Vorlage S. 727
393
Der beiden ganzes Lebensglück zertrümmert.
Vorlage S. 727
394
Die Lilienhand ruht an der Rosenwange,
Vorlage S. 727
395
Das Küssen so dem Kissen mit ihr wehrend,
Vorlage S. 727
396
Worüber dies, geteilt, in zorn'gem Drange
Vorlage S. 727
397
Hochaufschwillt, sich nach beiden Seiten kehrend,
Vorlage S. 727
398
Im Anblick ihres Hauptes sie verehrend.
Vorlage S. 727
399
So liegt sie da, ein Monument der Tugend,
Vorlage S. 727
400
Zur Augenweide lasterhafter Jugend.
Vorlage S. 727
401
Die andre Hand liegt auf der grünen Decke
Vorlage S. 727
402
Des Betts, und zeigt solch' makelloses Weiß,
Vorlage S. 727
403
Wie Blüten im April an Baum und Hecke,
Vorlage S. 727
404
Noch glänzend von des Frühtaus Perlenschweiß.
Vorlage S. 727
405
Ihr Augenpaar im dunkeln Doppelkreis
Vorlage S. 727
406
Gleicht Ringelblumen, bis es sich erschließt
Vorlage S. 727
407
Und auf den Tag ein hellres Licht ergießt.
Vorlage S. 727
408
Ihr Goldhaar, wie sie atmet, steigt und sinkt
Vorlage S. 727
409
In üpp'ger Zucht und zücht'ger Üppigkeit;
Vorlage S. 727
410
Im Bild des Tods Triumph des Lebens schwingt
Vorlage S. 727
411
Sein Banner, das den Tod zum Leben weiht
Vorlage S. 727
412
Und beiden solchen Schönheitsglanz verleiht,
Vorlage S. 727
413
Als ob kein Streit mehr zwischen ihnen schwebte,
Vorlage S. 727
414
Der Tod im Leben, dies im Tode lebte.
Vorlage S. 727
415
Die Brust, zwei Globen wie von Elfenbein,
Vorlage S. 727
416
Zwei nie von andern unterworfne Welten
Vorlage S. 727
417
Als von dem Auserkornen, dem allein
Vorlage S. 727
418
Sie sich im Treugelübde zugesellten,
Vorlage S. 727
419
Und die so hoch Tarquin's Gelüsten schwellten,
Vorlage S. 727
420
Dass er, verhöhnend Ehre, Treu und Glauben,
Vorlage S. 727
421
Kam, um des Herrschers Doppelthron zu rauben.
Vorlage S. 727
422
Was konnt' er sehn, das er nicht eifrig merkte?
Vorlage S. 727
423
Was eifrig merken, das er nicht begehrte?
Vorlage S. 727
424
Und jeder neue Augenreiz verstärkte
Vorlage S. 727
425
Nur die Begier. Nicht staunend bloß verehrte
Vorlage S. 727
426
Er so viel Reiz: sein Auge förmlich zehrte
Vorlage S. 727
427
Vom Grübchenkinn, den Lippen von Korallen,
Vorlage S. 729
428
Der feinen Haut und von den Reizen allen.
Vorlage S. 729
429
Wie sich des Raubs, der nicht mehr kann entfliehn,
Vorlage S. 729
430
Der Löwe freut, schon halb gesättigt schier,
Vorlage S. 729
431
So vor der Schlafenden steht nun Tarquin.
Vorlage S. 729
432
Beim Anschaun wird die wilde Lustbegier
Vorlage S. 729
433
Gedämpft, doch nicht gelöscht; denn wie er ihr
Vorlage S. 729
434
Zur Seite steht, bald wiederum befeuern
Vorlage S. 729
435
Die Augen ihn, den Aufruhr zu erneuern.
Vorlage S. 729
436
Die Adern – gleich kampflustigen Vasallen
Vorlage S. 729
437
Und Knechten, die nach Blut und Beute jagen,
Vorlage S. 729
438
In jeder wüsten Untat sich gefallen,
Vorlage S. 729
439
Nach Kinderschrei und Mutterweh nicht fragen –
Vorlage S. 729
440
Treibt nun der Stolz, das Äußerste zu wagen;
Vorlage S. 729
441
Des Herzens Schlag gibt laut das Angriffszeichen,
Vorlage S. 729
442
Im Sturme, was sie mögen, zu erreichen.
Vorlage S. 729
443
Das Aug' erfrischt sich an des Herzens Schlagen
Vorlage S. 729
444
Und überträgt die Führung seiner Hand,
Vorlage S. 729
445
Die, stolz auf solch' Vertraun, mit kühnem Wagen
Vorlage S. 729
446
Gleich auf dem nackten Busen ihren Stand
Vorlage S. 729
447
Nimmt, als dem Herzenspunkt vom ganzen Land,
Vorlage S. 729
448
Des Türmchen, durch die Hand erstürmt, erblassen,
Vorlage S. 729
449
Von ihrer Adern blauen Reihn verlassen.
Vorlage S. 729
450
Das Blut der Adern flüchtet in die Kammer
Vorlage S. 729
451
Zurück, wo seine teure Herrin liegt,
Vorlage S. 729
452
Und bringt die Meldung ihr voll Weh' und Jammer,
Vorlage S. 729
453
Dass sie belagert sei, schon halb besiegt.
Vorlage S. 729
454
Erschreckt fährt sie empor vom Schlaf, es fliegt
Vorlage S. 729
455
Ihr Blick in den Tumult, doch jählings wendet
Vorlage S. 729
456
Er sich zurück, vom Fackellicht geblendet.
Vorlage S. 729
457
Nun denkt euch eine Frau, in stiller Nacht
Vorlage S. 729
458
Aus wilden Träumen bebend aufgeschreckt,
Vorlage S. 729
459
Im Wahn, durch eines bösen Geistes Macht,
Vorlage S. 729
460
Der sie im Traum bedroht, sei sie geweckt;
Vorlage S. 730
461
Und die nun wachend Schlimmres noch entdeckt,
Vorlage S. 730
462
Da Wirklichkeit ihr grell vor Augen brachte,
Vorlage S. 730
463
Was jedes Glied im Traum erbeben machte.
Vorlage S. 730
464
Von tausend Ängsten hin und her gezerrt
Vorlage S. 730
465
Liegt sie, dem pfeilgetroffnen Vogel gleich;
Vorlage S. 730
466
Sie will nicht sehn, allein vergebens sperrt
Vorlage S. 730
467
Ihr Auge sich: wie aus dem Schattenreich
Vorlage S. 730
468
Erscheinen Bilder, fratzenhaft und bleich,
Vorlage S. 730
469
Die, zürnend, dass die Augen sich verschließen,
Vorlage S. 730
470
Als Schreckgebilde nachts vorüberschießen.
Vorlage S. 730
471
Die Hand, die er auf ihre Brust noch hält
Vorlage S. 730
472
(Als Sturmbock auf den Wall von Elfenbein)
Vorlage S. 730
473
Fühlt, wie ihr wundes Herz bald steigt, bald fällt,
Vorlage S. 730
474
Verzweifelnd ringend gegen Todespein,
Vorlage S. 730
475
Und zittert mit der Zitternden, – allein
Vorlage S. 730
476
Dies mehrt nur seine Glut, heißt Mitleid schweigen,
Vorlage S. 730
477
Die holde Burg im Sturme zu ersteigen.
Vorlage S. 730
478
Die Zunge, als Trompete, zum Beginn,
Vorlage S. 730
479
Ertönt dem Feinde, dass er sich ergebe;
Vorlage S. 730
480
Aus weißer Decke taucht ein weißres Kinn
Vorlage S. 730
481
Und fragt: warum solch' Lärm sich da erhebe!
Vorlage S. 730
482
Tarquin hält stumm die Antwort in der Schwebe.
Vorlage S. 730
483
Sie aber forscht laut flehend nach dem Grunde
Vorlage S. 730
484
Des schnöden Überfalls zu solcher Stunde.
Vorlage S. 730
485
Er spricht: »Dein holdes Antlitz ist der Grund,
Vorlage S. 730
486
Dem selbst die Lilie seine Weiße neidet,
Vorlage S. 730
487
Und das vor Scham der Rose schließt den Mund.
Vorlage S. 730
488
In deine Farben ist mein Recht gekleidet,
Vorlage S. 730
489
Dein Banner führt mich, das den Sieg entscheidet
Vorlage S. 730
490
Beim Sturm auf deine Burg; die Schuld ist deine,
Vorlage S. 730
491
Dein eignes Aug' verriet dich an das meine.
Vorlage S. 730
492
So zeig' ich, grollst du, dir die eigne Schuld,
Vorlage S. 730
493
Denn deine Schönheit fing dich diese Nacht,
Vorlage S. 730
494
Drin du dich mir musst fügen mit Geduld,
Vorlage S. 730
495
Da du in mir die Gluten angefacht,
Vorlage S. 730
496
Die ich umsonst bekämpft mit ganzer Macht;
Vorlage S. 730
497
Durch mein Gewissen ward die Lust beschworen,
Vorlage S. 730
498
Durch deine Schönheit ward sie neu geboren.
Vorlage S. 730
499
Ich weiß, mein Angriff wird mir Unheil bringen,
Vorlage S. 730
500
Ich weiß, die Rose wird vom Dorn bewacht,
Vorlage S. 730
501
Und aus dem Honig seh' ich Stacheln dringen, –
Vorlage S. 730
502
Das hab' ich alles vorher wohl bedacht;
Vorlage S. 730
503
Doch Lust hat meinen Willen taub gemacht
Vorlage S. 730
504
Für guten Rat, – ganz von der Schönheit Licht
Vorlage S. 730
505
Bezaubert, hat er Sinn für andres nicht.
Vorlage S. 730
506
Erwogen hab' ich recht in tiefster Seele,
Vorlage S. 730
507
Welch' Unglück, Leid und Weh' der Tat entspringt;
Vorlage S. 730
508
Doch Leidenschaft gehorcht nicht dem Befehle
Vorlage S. 730
509
Der Klugheit, ob, was sie im Sturm erringt,
Vorlage S. 730
510
Auch nichts als Schmach und Reuetränen bringt,
Vorlage S. 730
511
Verachtung, Feindschaft, Lösung teurer Bande –
Vorlage S. 730
512
Doch streck' ich meinen Arm aus nach der Schande.«
Vorlage S. 730
513
So sprechend, schwingt er seine Römerklinge,
Vorlage S. 730
514
Die, wie der Falke, der zum Himmel steigt,
Vorlage S. 730
515
Den Vogel unterm Schatten seiner Schwinge
Vorlage S. 730
516
Festbannt, weil über ihm der Tod sich zeigt;
Vorlage S. 730
517
So unter seinem Schwerte zitternd neigt
Vorlage S. 730
518
Lucretia sich dem dräuenden Gesellen,
Vorlage S. 730
519
Dem Vogel gleich, hört er des Falken Schellen.
Vorlage S. 730
520
»Lucretia«, spricht er, »mein wirst du zur Nacht,
Vorlage S. 730
521
Und sträubst du dich, bricht die Gewalt mir Bahn,
Vorlage S. 730
522
Im Bett wirst du von mir dann umgebracht,
Vorlage S. 730
523
Und noch ein armer Sklav' wird abgetan
Vorlage S. 730
524
Und dir gesellt, und allen, die dir nahn,
Vorlage S. 730
525
Schwör' ich, damit du ehrlos wirst, ich hätte
Vorlage S. 732
526
Den niedern Buhlen dir erwürgt im Bette.
Vorlage S. 732
527
So wird in Schmach dein Mann dich überleben,
Vorlage S. 732
528
Ein Merkziel jedes offnen Auges sein,
Vorlage S. 732
529
Kein Blutsverwandter darf sein Haupt erheben,
Vorlage S. 732
530
Als Bastard schilt man jedes Kind, das dein,
Vorlage S. 732
531
Und als der Quell der Schmach giltst du allein;
Vorlage S. 732
532
In Liedern wird ein Nachhall deiner Schande
Vorlage S. 732
533
Durch alle Zeiten gehn und alle Lande.
Vorlage S. 732
534
Doch gibst du nach, so bleibt dein Freund verschwiegen,
Vorlage S. 732
535
Verschwiegne Schuld ist Schuld, die nicht getan,
Vorlage S. 732
536
Zu großem Zweck ein wenig seitwärts biegen,
Vorlage S. 732
537
Heißt noch nicht weichen von der rechten Bahn.
Vorlage S. 732
538
Die stärksten Gifte sind uns untertan;
Vorlage S. 732
539
Vermischt mit reinem Stoff und Gegengiften,
Vorlage S. 732
540
Vermögen sie kein Unheil anzustiften.
Vorlage S. 732
541
Um deines Gatten, deiner Kinder willen
Vorlage S. 732
542
Erhöre mich, dass sie nicht allzumal
Vorlage S. 732
543
Den Schandruf erben, den dann nichts zu stillen
Vorlage S. 732
544
Vermag! Ein Sklaven- und ein Muttermal
Vorlage S. 732
545
Ist nicht so schlimm als solcher Schande Qual.
Vorlage S. 732
546
Was kann der Mensch, der schwache Schwächenhehler,
Vorlage S. 732
547
Für die Natur und ihre eignen Fehler?«
Vorlage S. 732
548
Mit Basiliskenblicken tödlich lugend,
Vorlage S. 732
549
Reckt er sich stumm jetzt, zuckt die finstren Brauen, –
Vorlage S. 732
550
Und sie, das Bild der reinsten Frauentugend,
Vorlage S. 732
551
Wie eine weiße Hindin, die im Grauen
Vorlage S. 732
552
Der Wüste, wo kein Recht gilt, vor den Klauen
Vorlage S. 732
553
Des Greifen bebt, – fleht zu dem Menschentier,
Vorlage S. 732
554
Das kein Gesetz kennt als die wilde Gier.
Vorlage S. 732
555
Wenn vom Gebirg her dunkle Wolken dräuen,
Vorlage S. 732
556
Im Wettersturm das Tiefland zu ereilen,
Vorlage S. 732
557
Gelingt's oft sanftem Wind, sie zu zerstreuen
Vorlage S. 732
558
Und ihre schwarzen Dünste so zu teilen,
Vorlage S. 733
559
Dass sie unschädlich flatternd oben weilen.
Vorlage S. 733
560
So hemmt ihr Wort jetzt seinen stürm'schen Drang,
Vorlage S. 733
561
Wie Pluto nickt bei Orpheus' Zauberklang.
Vorlage S. 733
562
Doch grausam, wie die krallenscharfe Katze
Vorlage S. 733
563
Mit einer Maus, treibt er nur Scherz mit ihr;
Vorlage S. 733
564
Statt gleich zu schwelgen im ersehnten Schatze,
Vorlage S. 733
565
Nährt er durch ihre Tränen seine Gier,
Vorlage S. 733
566
Im Überfluss vor Hunger lechzend schier;
Vorlage S. 733
567
Sein hartes Herz kann Mitleid nicht bewegen,
Vorlage S. 733
568
Wird auch ein Stein erweicht durch langen Regen.
Vorlage S. 733
569
Ihr mitleidflehend Auge wehvoll ruht
Vorlage S. 733
570
Auf seinem mitleidslosen Angesicht,
Vorlage S. 733
571
Ihr sittsam Wort schwimmt wie auf Seufzerflut,
Vorlage S. 733
572
Voll Anmut rührend klingt so, was sie spricht.
Vorlage S. 733
573
Oft passt des Satzes Schluss zum Anfang nicht,
Vorlage S. 733
574
Oft auf ein Wort muss sie vergeblich sinnen,
Vorlage S. 733
575
Einmal zu sprechen zweimal erst beginnen.
Vorlage S. 733
576
Beim hehren Zeus, bei ihres Gatten Liebe,
Vorlage S. 733
577
Bei allem, was ihr hoch und heilig schien,
Vorlage S. 733
578
Bei Ehr' und Freundschaft, jedem guten Triebe
Vorlage S. 733
579
Der Menschenbrust beschwört sie weinend ihn,
Vorlage S. 733
580
Den Treubruch und ihr Schlafgemach zu fliehn,
Vorlage S. 733
581
Als Gastfreund in sein Bett zurückzukehren
Vorlage S. 733
582
Und nicht mit ihr sich selber zu entehren.
Vorlage S. 733
583
»Vergilt nicht das Vertraun, das dir geschenkt,
Vorlage S. 733
584
Mit solcher Greueltat, wie du ersannst,
Vorlage S. 733
585
Die Quelle trübe nicht, die dich getränkt,
Vorlage S. 733
586
Beschäd'ge nicht, was du nicht heilen kannst,
Vorlage S. 733
587
Such' andres Ziel, eh' du den Bogen spannst;
Vorlage S. 733
588
Der ist ein schlechter Schütz, der nicht errötet,
Vorlage S. 733
589
Wenn er die Hindin statt des Hirsches tötet.
Vorlage S. 733
590
Als meines Gatten Freund verschone mich,
Vorlage S. 733
591
Du bist ja stark und mächtig, ich bin schwach;
Vorlage S. 733
592
Mißbrauche nicht zu Schand' und Hohne mich;
Vorlage S. 733
593
Du siehst nicht aus wie ein Betrüger – mach'
Vorlage S. 733
594
Dich nicht dazu! Aus meinem Schlafgemach
Vorlage S. 733
595
Blies ich mit Seufzersturm dich gern von hinnen –
Vorlage S. 733
596
O, lass nicht hilflos meine Tränen rinnen.
Vorlage S. 733
597
Die, ein empörtes Meer, an's Herz dir schlagen
Vorlage S. 733
598
Und flehn, mich nicht dem Untergang zu weihn,
Vorlage S. 733
599
Dein hartes Herz zu sänftigen durch mein Klagen –
Vorlage S. 733
600
Zu Wasser wird ja, löst man ihn, der Stein;
Vorlage S. 733
601
Und willst du härter noch als Kiesel sein?
Vorlage S. 733
602
Lass meine Tränen Mitleid in dir schüren –
Vorlage S. 733
603
Mitleid bahnt sich den Weg durch Eisentüren.
Vorlage S. 733
604
Ich nahm dich freundlich auf hier als Tarquin;
Vorlage S. 733
605
Kamst du, um Schmach ihm anzutun, hieher?
Vorlage S. 733
606
O all' ihr Götter! Wird die Schuld verziehn,
Vorlage S. 733
607
Zu schänden hoher Fürsten Nam' und Ehr'?
Vorlage S. 733
608
Du bist nicht, was du scheinst, und wenn es wär',
Vorlage S. 733
609
Scheinst du nicht, was du bist; denn Fürstenhoheit.
Vorlage S. 733
610
Ist göttergleich und meidet Schmach und Roheit
Vorlage S. 733
611
Welch' böse Saat wird dir dein Alter tragen,
Vorlage S. 733
612
Knospt deine Sünde so im Lenze schon!
Vorlage S. 733
613
Darfst du, in Hoffnung noch, das Schlimmste wagen,
Vorlage S. 733
614
Was wagst du erst, wenn auf dem Königsthron?
Vorlage S. 733
615
Bedenk', des bösen Leumunds Zungen drohn
Vorlage S. 733
616
Selbst den Vasallen, die gefrevelt haben:
Vorlage S. 733
617
Mit Königen wird nicht ihre Schmach begraben.
Vorlage S. 733
618
Aus Furcht nur liebt man dich nach solcher Tat,
Vorlage S. 733
619
Doch gute Fürsten fürchtet man aus Liebe,
Vorlage S. 733
620
Als Räuber dulden müsstest du im Staat,
Vorlage S. 733
621
Dass straflos der gemeinste Räuber bliebe;
Vorlage S. 733
622
Darum bekämpfe deine bösen Triebe,
Vorlage S. 733
623
Denn Fürsten sind für ihre Untertanen
Vorlage S. 735
624
Buch, Schul' und Spiegel, an das Recht zu mahnen.
Vorlage S. 735
625
Willst du denn Schule schnöder Wollust sein?
Vorlage S. 735
626
Das Buch, das der Verführung Lehren künde?
Vorlage S. 735
627
Der Spiegel, darin alle, Groß und Klein,
Vorlage S. 735
628
Das Recht zum Unrecht sehn, Gewähr für Sünde?
Vorlage S. 735
629
Willst du, dass jede Schande sich verbünde
Vorlage S. 735
630
Mit deinem Namen, so beutst du die Stirne
Vorlage S. 735
631
Dem guten Ruf, machst ihn zur feilen Dirne.
Vorlage S. 735
632
Hast du Gewalt? Durch den, der sie verlieh,
Vorlage S. 735
633
Bezwinge deinen Willen, den Rebellen!
Vorlage S. 735
634
Doch nicht dein Schwert zum Schutz des Lasters zieh',
Vorlage S. 735
635
Es ward dir, um die Lasterbrut zu fällen.
Vorlage S. 735
636
Wie wolltest du dein Fürstenamt bestellen,
Vorlage S. 735
637
Wenn jeder Frevler dich mit Recht gemahnte,
Vorlage S. 735
638
Dass du es warst, der ihm die Wege bahnte?
Vorlage S. 735
639
Bedenk', wie widrig würd' es für dich sein,
Vorlage S. 735
640
Die eigne Schuld in andern zu entdecken!
Vorlage S. 735
641
Der Mensch sieht selten seine Fehler ein
Vorlage S. 735
642
Und sucht sie gern parteiisch zu verstecken.
Vorlage S. 735
643
Dies würde selbst im Bruder dich erschrecken
Vorlage S. 735
644
Als todeswert. Wie tief doch die schon fielen,
Vorlage S. 735
645
Die bei der eignen Untat seitwärts schielen!
Vorlage S. 735
646
Zu dir erheb' ich flehend Herz und Hand,
Vorlage S. 735
647
Zu dir – gelöst von sündigem Unterfangen:
Vorlage S. 735
648
Ruf' heim die Majestät, die du verbannt,
Vorlage S. 735
649
Dann fällt von selbst der Trug, der dich umfangen,
Vorlage S. 735
650
Ihr Ansehn bändigt frevelndes Verlangen,
Vorlage S. 735
651
Die Nebel fliehn vor ihr, dein Blick wird reiner;
Vorlage S. 735
652
Erkenn' dich selbst und du erbarmst dich meiner!« –
Vorlage S. 735
653
»Genug!« rief er, »Flut, die so ungeheuer
Vorlage S. 735
654
Anschwoll wie meine, lässt sich nicht mehr halten;
Vorlage S. 735
655
Ein Licht erlischt im Wind, – ein großes Feuer
Vorlage S. 735
656
Wird mit dem Sturm nur mächtiger sich entfalten.
Vorlage S. 736
657
Das süße Wasser, das den Meeresgewalten
Vorlage S. 736
658
Täglich Tribut bringt aus den Binnenländern,
Vorlage S. 736
659
Nährt sie, ohn' ihren Salzgeschmack zu ändern.« –
Vorlage S. 736
660
»Du bist«, sprach sie, »ein König, bist ein Meer,
Vorlage S. 736
661
Und strebst, die ungezähmte Flut zu nähren
Vorlage S. 736
662
Durch Schmach und Wollust, Sünden schwarz und schwer,
Vorlage S. 736
663
Die deines Blutes Wellen ganz entehren
Vorlage S. 736
664
Und deine eigne Art dir so verkehren,
Vorlage S. 736
665
Dass du als Meer selbst wirst zur Pfütze sinken,
Vorlage S. 736
666
Und machst die kleinen aus der großen trinken.
Vorlage S. 736
667
So steigst vor Sklaven du vom Thron herab
Vorlage S. 736
668
Und kleidest sie in deine Majestät;
Vorlage S. 736
669
Du wirst ihr Leben und sie sind dein Grab,
Vorlage S. 736
670
In Unwert sie und du in Stolz geschmäht.
Vorlage S. 736
671
Kehr' um zu deiner Hoheit, eh's zu spät.
Vorlage S. 736
672
Die Zeder beugt sich nicht den niedren Knorren,
Vorlage S. 736
673
Die ihr zu Füßen welken und verdorren.
Vorlage S. 736
674
D'rum deine Sinne, die Vasallen, lass ...«
Vorlage S. 736
675
»Nichts mehr, beim Himmel!« ruft er, »will ich hören!
Vorlage S. 736
676
Gib meiner Liebe nach, sonst wird mein Haß,
Vorlage S. 736
677
Was Liebe sanft umfinge, rauh zerstören,
Vorlage S. 736
678
Und dann, des Leumunds Ohren zu betören,
Vorlage S. 736
679
Zum Lager eines Sklaven trag ich dich,
Vorlage S. 736
680
Vereint mit ihm fällst du, wie er, durch mich!«
Vorlage S. 736
681
Er spricht's, löscht mit dem Fuß die Fackel aus,
Vorlage S. 736
682
Denn Lust und Licht sind auf den Tod entzweit;
Vorlage S. 736
683
Hüllt Sünde sich in nächt'gen Dunkels Graus.
Vorlage S. 736
684
Wächst mit dem Dunkel ihre Grausamkeit.
Vorlage S. 736
685
Ein Raub des Wolfs das arme Lämmchen schreit,
Vorlage S. 736
686
Bis es zuletzt, vom eignen Vlies erdrückt,
Vorlage S. 736
687
Im Schmerz verstummend sich zusammenbückt.
Vorlage S. 736
688
Denn mit dem Nachtgewand verhüllt er dicht
Vorlage S. 736
689
Ihr Haupt, dass man am Schrei'n sie nicht entdeckt,
Vorlage S. 736
690
Und kühlt in ihren Tränen sein Gesicht,
Vorlage S. 736
691
Die aus der reinsten Keuschheit Gram erweckt.
Vorlage S. 736
692
O, dass das Laster so die Tugend schreckt!
Vorlage S. 736
693
Vertilgten Tränen solchen Fleck der Schmach,
Vorlage S. 736
694
Lucretia ließe nie mit Weinen nach.
Vorlage S. 736
695
Mehr als das Leben wert, hat sie verloren,
Vorlage S. 736
696
Und er verlöre gern, was er gewonnen.
Vorlage S. 736
697
Aus solchem Bund wird neuer Zwist geboren,
Vorlage S. 736
698
Endlose Qual für kurze, flücht'ge Wonnen.
Vorlage S. 736
699
In Abscheu ist die glühnde Lust zerronnen.
Vorlage S. 736
700
Die Keuschheit hat nun ihren Schatz nicht mehr,
Vorlage S. 736
701
Die Lust, der Dieb, ist ärmer als vorher.
Vorlage S. 736
702
Wie Falk' und Jagdhund, wenn sie, übersatt,
Vorlage S. 736
703
Zum Beizen und zum Spüren ungeschickt,
Vorlage S. 736
704
Die Beute lassen, oder doch nur matt
Vorlage S. 736
705
Und lässig treiben, was sie sonst entzückt,
Vorlage S. 736
706
So fühlt, erschlafft, sich jetzt Tarquin bedrückt;
Vorlage S. 736
707
Sein Wonnerausch, in Überdruß verkehrt,
Vorlage S. 736
708
Verzehrt den Willen, der von ihm gezehrt.
Vorlage S. 736
709
O Sünde, tiefer als es auszusprechen
Vorlage S. 736
710
Das Wort vermag und der Verstand ergründen!
Vorlage S. 736
711
Das Laster muss aus Ekel sich erbrechen,
Vorlage S. 736
712
Noch eh' es ganz erkannt hat seine Sünden.
Vorlage S. 736
713
Nichts hemmt ein Feuer, das Begierden zünden,
Vorlage S. 736
714
Bis es zuletzt in eigner Glut verglimmt,
Vorlage S. 736
715
Dem Gaul gleich, der im Lauf sich übernimmt.
Vorlage S. 736
716
Und dann mit fahlen, abgehärmten Wangen,
Vorlage S. 736
717
Trübäugig, stirngefaltet, matt von Schritten,
Vorlage S. 736
718
Beweint den Fall kleinmütig das Verlangen,
Vorlage S. 736
719
Wie ein Verarmter, der Bankrott erlitten.
Vorlage S. 736
720
Wenn Fleisch den Kampf mit Schönheit ausgestritten,
Vorlage S. 736
721
Erlischt die Glut mit dem Erlangten schnell:
Vorlage S. 738
722
Um Gnade fleht der schuldige Rebell.
Vorlage S. 738
723
So sollt' es nun dem Herrscher Roms auch gehn;
Vorlage S. 738
724
Als er erlangt, was glühend er begehrt,
Vorlage S. 738
725
Musst' er, sich selber richtend, eingestehn:
Vorlage S. 738
726
Durch aller Zeiten Lauf sei er entehrt,
Vorlage S. 738
727
Der Seele schöner Tempel ganz verheert,
Vorlage S. 738
728
Und Sorgen ziehn in Scharen zu den Trümmern,
Vorlage S. 738
729
Durch Fragen die Entweihte zu bekümmern.
Vorlage S. 738
730
Sie spricht: der wilde Aufruhr der Vasallen
Vorlage S. 738
731
Hab' ihr geweihtes Heiligtum entweiht,
Vorlage S. 738
732
Durch tödliches Vergehn sei sie verfallen
Vorlage S. 738
733
Dem Sündenfluche der Unsterblichkeit,
Vorlage S. 738
734
Gequält nun von lebendigen Todes Leid,
Vorlage S. 738
735
Sie habe all' das klar vorausgesehen
Vorlage S. 738
736
Und dennoch nicht vermocht zu widerstehen.
Vorlage S. 738
737
So treibt's ihn, scheu im Dunkeln fortzueilen,
Vorlage S. 738
738
Als Sieger, der sich nur Verlust gewann,
Vorlage S. 738
739
Und Wunden, die durch keine Kunst zu heilen.
Vorlage S. 738
740
Und hinter sich in noch viel schlimmerm Bann
Vorlage S. 738
741
Lässt seine Beute der unsel'ge Mann;
Vorlage S. 738
742
Sie trägt die Bürde seiner schnöden Lust,
Vorlage S. 738
743
Er schweres Schuldbewußtsein in der Brust.
Vorlage S. 738
744
Er schleicht davon gleich einem diebischen Hunde,
Vorlage S. 738
745
Sie liegt, ein müdes Lamm, trostlos allein;
Vorlage S. 738
746
Er flucht sich selbst und seiner bösen Stunde,
Vorlage S. 738
747
Sie gräbt in's eigne Fleisch die Nägel ein.
Vorlage S. 738
748
Er flieht, gehetzt von wilder Angst und Pein,
Vorlage S. 738
749
Sie flucht der Nacht, d'rin sie ihr Heil verloren,
Vorlage S. 738
750
Und er der Lust, die Unheil ihm geboren.
Vorlage S. 738
751
Er hastet fort, schwer seine Schuld zu büßen,
Vorlage S. 738
752
Sie bleibt zurück in hoffnungslosen Weh'n;
Vorlage S. 738
753
Er seufzt danach, das Morgenrot zu grüßen,
Vorlage S. 738
754
Sie möchte nie das Tageslicht mehr sehn:
Vorlage S. 739
755
»Denn«, sprach sie, »es enthüllt der Nacht Vergehn,
Vorlage S. 739
756
Und fremd ist mir die Heuchelkunst der Dirne,
Vorlage S. 739
757
Schuld zu verhüllen unter heitrer Stirne.
Vorlage S. 739
758
Die selbsterkannte Schmach ist furchterfüllt,
Vorlage S. 739
759
Dass jedes Menschenauge sie erspähe,
Vorlage S. 739
760
Und darum bleibt sie gern in Nacht verhüllt,
Vorlage S. 739
761
Erbangend vor dem Licht und Menschennähe.
Vorlage S. 739
762
Sie möchte nicht, dass man die Tränen sähe,
Vorlage S. 739
763
Die auf die Wangen ihrer Schande Mal
Vorlage S. 739
764
Eingraben wie sich Wasser frisst in Stahl.«
Vorlage S. 739
765
Lucretia scheucht die Ruh' durch ihren Schmerz
Vorlage S. 739
766
Und wünscht den Augen ewiges Erblinden,
Vorlage S. 739
767
Schlägt an die Brust und hält so wach ihr Herz
Vorlage S. 739
768
Und möchte gern sich seiner ganz entwinden,
Vorlage S. 739
769
Ihm eine reinre Wohnstatt aufzufinden;
Vorlage S. 739
770
Und so vom Gram zur Raserei gebracht,
Vorlage S. 739
771
Schmäht sie die stille Heimlichkeit der Nacht:
Vorlage S. 739
772
»Trostlose Nacht, der Hölle bist du gleich,
Vorlage S. 739
773
Du Lasterbuch und Unheilpflegerin!
Vorlage S. 739
774
Du Trauerbühne, stets an Morden reich!
Vorlage S. 739
775
Du Sündenchaos, Kupplerhegerin
Vorlage S. 739
776
Und jeder Schmach verruchte Trägerin!
Vorlage S. 739
777
Du Todeshöhle, Wollustschülerin,
Vorlage S. 739
778
Zu jeder Missetat Verführerin!
Vorlage S. 739
779
Verhaßte, dunstige, nebelgiftige Nacht!
Vorlage S. 739
780
Da du verschuldet mein unheilbar Leid,
Vorlage S. 739
781
So zeig nun auch dem Tage deine Macht,
Vorlage S. 739
782
Bekämpfe den gemeßnen Lauf der Zeit!
Vorlage S. 739
783
Und magst du nicht der Sonne Herrlichkeit
Vorlage S. 739
784
Im Aufgehn hemmen: lass beim Niedergehn
Vorlage S. 739
785
Dein Giftgewölk' ihr goldnes Haupt umwehn.
Vorlage S. 739
786
Mit faulem Dunst entweih' den frischen Morgen,
Vorlage S. 739
787
Der Reinheit Urquell selbst, das Sonnenlicht,
Vorlage S. 739
788
Dein Gifthauch treffe, eh' es sich geborgen
Vorlage S. 739
789
Sieht in der Mittagsruh', sein Angesicht,
Vorlage S. 739
790
Mit Nebelschleiern hüll' es ein so dicht,
Vorlage S. 739
791
Dass, rauh erstickt, sein Licht schon untergehe
Vorlage S. 739
792
Zur Mittagszeit und ewige Nacht entstehe!
Vorlage S. 739
793
Wär' selbst die Nacht – nicht nur ihr Sohn – Tarquin,
Vorlage S. 739
794
Er brächte Luna's Silberglanz zu Schanden,
Vorlage S. 739
795
Und ihre Sterne würden schwarz durch ihn,
Vorlage S. 739
796
Entehrt in ihren schimmernden Gewanden;
Vorlage S. 739
797
Genossen wären meiner Qual erstanden,
Vorlage S. 739
798
Und wie Geplauder lange Wege mindert,
Vorlage S. 739
799
Würde durch Mitgefühl mein Leid gelindert.
Vorlage S. 739
800
Jetzt hab' ich niemand, mit mir zu erröten,
Vorlage S. 739
801
Gekreuzten Arms mit mir das Haupt zu senken,
Vorlage S. 739
802
Ich bin allein in meines Herzens Nöten,
Vorlage S. 739
803
Muss mit verhüllter Stirn der Schande denken,
Vorlage S. 739
804
Mit heller Tränenflut die Erde tränken;
Vorlage S. 739
805
Ein bald verschwindend Denkmal sind die Zähren,
Vorlage S. 739
806
Gesetzt den Leiden, welche ewig währen.
Vorlage S. 739
807
O Nacht, mit höllenschwarzem Rauchgewande,
Vorlage S. 739
808
Verhüll' dem neidischen Tage mein Gesicht,
Vorlage S. 739
809
Das unter deinem Mantel seine Schande
Vorlage S. 739
810
Verbirgt, ob's auch vor Qual zusammenbricht!
Vorlage S. 739
811
O, weich' von deinem finstren Platze nicht!
Vorlage S. 739
812
Die Sünden alle sein, die mich verloren,
Vorlage S. 739
813
In dir begraben, wie aus dir geboren!
Vorlage S. 739
814
O, gib mich preis nicht dem geschwätzigen Tage,
Vorlage S. 739
815
Denn lesen würde man in seinem Lichte
Vorlage S. 739
816
Das Schuldbewußtsein, das ich in mir trage;
Vorlage S. 739
817
Mit Tränen steht geschrieben im Gesichte
Vorlage S. 739
818
Der Keuchheit Fall, des Ehbruchs Schmachgeschichte;
Vorlage S. 739
819
Selbst wer sonst nie mit Schrift vertraut gewesen,
Vorlage S. 741
820
Wird meine Schuld aus meinen Augen lesen.
Vorlage S. 741
821
Die Amme wird von mir dem Kind erzählen,
Vorlage S. 741
822
Ihm drohen mit dem Namen des Tarquin;
Vorlage S. 741
823
Der Redner wird's zum Schmuck der Rede wählen:
Vorlage S. 741
824
Wie mich Tarquin betrog, ich Collatin,
Vorlage S. 741
825
Und wenn zum Festgelag' die Sänger ziehn,
Vorlage S. 741
826
Dann singen sie, die Hörer zu entflammen,
Vorlage S. 741
827
Die Schuld Tarquin's mit meiner Schmach zusammen.
Vorlage S. 741
828
Um meines Gatten teurer Liebe willen,
Vorlage S. 741
829
Lass meinen guten Namen unbefleckt!
Vorlage S. 741
830
Von gift'gen Mißtrauns Wehe, nie zu stillen,
Vorlage S. 741
831
Wird Collatin sonst selbst leicht angesteckt
Vorlage S. 741
832
Und so mit unverdienter Schmach bedeckt
Vorlage S. 741
833
Sein Ruf, der rein vom Schimpf, den ich erlitten,
Vorlage S. 741
834
Rein wie ich selbst bis da in meinen Sitten.
Vorlage S. 741
835
O Schimpf, unsichtbar dem nur, der ihn trägt!
Vorlage S. 741
836
O, vom Empfänger nicht gefühlte Wunde!
Vorlage S. 741
837
Auf Collatin's Gesicht ist Schmach geprägt
Vorlage S. 741
838
Und nur Tarquin versteht die Schrift, die Kunde
Vorlage S. 741
839
Gibt von Verrat und heimlich schnödem Bunde.
Vorlage S. 741
840
Ach! Viele müssen solche Narben tragen,
Vorlage S. 741
841
Die niemand kennt als der, der sie geschlagen.
Vorlage S. 741
842
Ich sollte tragen deiner Ehren Krone,
Vorlage S. 741
843
Mein Collatin! Geraubt ward sie zumal
Vorlage S. 741
844
Mit meinem Honig, und als arme Drohne
Vorlage S. 741
845
Verkomm' ich jetzt in unfruchtbarer Qual,
Vorlage S. 741
846
Da roher Zwang mir alles, alles stahl.
Vorlage S. 741
847
Die Wespe hat, die in den Stock gedrungen,
Vorlage S. 741
848
Der keuschen Biene Honig dir verschlungen.
Vorlage S. 741
849
Zwar trag' ich Schuld am Schiffbruch deiner Ehren,
Vorlage S. 741
850
Doch dir zu Ehren nur empfing ich ihn!
Vorlage S. 741
851
Du sandtest ihn; könnt' ich ihm Zutritt wehren?
Vorlage S. 741
852
Dies hätte dich entehrt, mein Collatin,
Vorlage S. 742
853
Da er vom Weg ganz übermüdet schien
Vorlage S. 742
854
Und nur von Tugend sprach. Wer fürchtet Leid
Vorlage S. 742
855
Vom Teufel, der erscheint im Tugendkleid?
Vorlage S. 742
856
Wie kommt's, dass Würmer zarte Knospen töten?
Vorlage S. 742
857
Wie kommt's, dass Spatzen Kuckuckseier brüten?
Vorlage S. 742
858
Wie kommt zum reinsten Quell das Gift der Kröten?
Vorlage S. 742
859
Wie in das edle Herz tyrannisch Wüten?
Vorlage S. 742
860
Wie, dass selbst Könige ihr Gesetz nicht hüten?
Vorlage S. 742
861
Ach! Nichts ist so vollkommen in der Welt,
Vorlage S. 742
862
Dass nichts Gemeines sich ihm zugesellt.
Vorlage S. 742
863
Der Greis häuft Schätze, die ihm nichts mehr taugen,
Vorlage S. 742
864
Denn Krämpfe plagen ihn und Gicht und Fluss,
Vorlage S. 742
865
Kaum sieht er noch sein Gold mit schwachen Augen
Vorlage S. 742
866
Und sitzt in Qual davor wie Tantalus,
Vorlage S. 742
867
Häuft seiner Klugheit Frucht mit Überdruß;
Vorlage S. 742
868
Er hat kein Glück als Leid, dass ganze Haufen
Vorlage S. 742
869
Von Gold ihm doch Gesundheit nicht erkaufen.
Vorlage S. 742
870
Er hat es erst, wenn ohne Nutz' und Freuden,
Vorlage S. 742
871
Und lässt es bald den Kindern zum Verwalten,
Vorlage S. 742
872
Die's rasch in stolzem Übermut vergeuden; –
Vorlage S. 742
873
Den Jungen fehlt das Maß, wie Kraft dem Alten,
Vorlage S. 742
874
Das fluchbeladne Gold lang zu erhalten.
Vorlage S. 742
875
So sehn wir das erwünschte Gut zerronnen
Vorlage S. 742
876
Fast schon im Augenblick, da wir's gewonnen.
Vorlage S. 742
877
Den holden Lenz durchtosen rauhe Stürme,
Vorlage S. 742
878
Wie Unkraut dicht bei duft'gen Blumen treibt;
Vorlage S. 742
879
Wo Vögel singen, zischt auch Giftgewürme,
Vorlage S. 742
880
Wie stets das Laster sich an Tugend reibt;
Vorlage S. 742
881
Es gibt kein Gut, das sicher unser bleibt,
Vorlage S. 742
882
Und dessen Leben oder Eigenart
Vorlage S. 742
883
Gelegenheit ganz vor Verderbnis wahrt.
Vorlage S. 742
884
Gelegenheit, ja, deine Schuld ist groß!
Vorlage S. 742
885
Denn du nur führst Verräter zum Verrat,
Vorlage S. 742
886
Du stellst dem Wolf das arme Lämmchen bloß,
Vorlage S. 742
887
Das sündige Gelüst machst du zur Tat,
Vorlage S. 742
888
Höhnst Recht, Gesetz, Vernunft und guten Rat;
Vorlage S. 742
889
Aus deiner Höhle, ungesehn, ergreift
Vorlage S. 742
890
Die Sünde jeden, der vorüberstreift.
Vorlage S. 742
891
Du, du allein brichst der Vestalin Eid,
Vorlage S. 742
892
Du schürst die Glut, und alle Scham schmilzt hin;
Vorlage S. 742
893
Du schändest Treue, mordest Redlichkeit,
Vorlage S. 742
894
Der Tugend Opfer wird dir zum Gewinn,
Vorlage S. 742
895
Du Sündensporn, ruchlose Kupplerin!
Vorlage S. 742
896
Durch dich wird Leid aus Lust, aus Honig Galle,
Vorlage S. 742
897
Das Schönste, Reinste kommt durch dich zum Falle.
Vorlage S. 742
898
Verstohlenem Genuss folgt laute Schmach
Vorlage S. 742
899
Und offenes Fasten stillen Festeszeiten,
Vorlage S. 742
900
Den Schmeichelworten folgt Beschimpfung nach,
Vorlage S. 742
901
Aus Süßem musst du Bittres stets bereiten,
Vorlage S. 742
902
Vergänglich sind all' deine Eitelkeiten;
Vorlage S. 742
903
Wie kommt es denn, dass, statt dich zu verfluchen,
Vorlage S. 742
904
Gelegenheit, so viele stets dich suchen?
Vorlage S. 742
905
Wann wirst du hilfreich dich zum Armen wenden,
Vorlage S. 742
906
Gewährung seiner Bitten zu erlangen?
Vorlage S. 742
907
Wann suchen, lange Zwietracht kurz zu enden
Vorlage S. 742
908
Und zu befrein, wen Elend hält gefangen?
Vorlage S. 742
909
Wann kommst zu Trost und Heilung du gegangen?
Vorlage S. 742
910
Der Arme, Lahme, Blinde kriecht und schreit
Vorlage S. 742
911
Zu dir und trifft dich nie, Gelegenheit.
Vorlage S. 742
912
Der Kranke stirbt – der Arzt schläft in der Kammer;
Vorlage S. 742
913
Die Waise darbt – ihr Vormund nährt sich gut;
Vorlage S. 742
914
Gerechtigkeit schwelgt bei der Witwe Jammer,
Vorlage S. 742
915
Der lust'ge Rat hemmt nicht der Seuche Wut.
Vorlage S. 742
916
Vor allem Guten bist du auf der Hut,
Vorlage S. 742
917
Doch wo es Mord gibt, Raub, Verräterei
Vorlage S. 744
918
Und Unzucht, bist du hilfreich stets dabei.
Vorlage S. 744
919
Wenn Treu' und Tugend dich um Hilfe flehn,
Vorlage S. 744
920
So fehlt dir's, nicht zu helfen, nie an Gründen;
Vorlage S. 744
921
Sie kaufen dich, frei darf das Laster gehn,
Vorlage S. 744
922
Denn sportelfrei bei dir sind alle Sünden
Vorlage S. 744
923
Und du stets froh, dich ihnen zu verbünden;
Vorlage S. 744
924
Fern hieltst du meinen treuen Collatin
Vorlage S. 744
925
Und gabst mich preis dem tückischen Tarquin!
Vorlage S. 744
926
Du trägst die Schuld an Meineid, Mord und Lug,
Vorlage S. 744
927
An Raub, Verrat, Verführung und Zerstörung,
Vorlage S. 744
928
An jeder Schändlichkeit und jedem Trug;
Vorlage S. 744
929
Du treibst zur Unzucht durch des Bluts Empörung,
Vorlage S. 744
930
Und bist Gehilfin jeglicher Betörung
Vorlage S. 744
931
Und jeden Frevels in der Weltgeschichte
Vorlage S. 744
932
Vom Schöpfungstage bis zum Weltgerichte.
Vorlage S. 744
Historische Darstellung von William Shakespeare
Kontextbild zum Werk. Historische Darstellung von William Shakespeare — Spätere künstlerische Darstellung; kein gesichertes Bildnis aus dem Leben. · Martin Droeshout · Public domain Bildquelle ↗
933
Und du, der Nacht Mitschuld'ge: Scheusal Zeit,
Vorlage S. 744
934
Vertilgerin der Jugend, Sorgenschwinge,
Vorlage S. 744
935
Treulose Botin schnöder Üppigkeit,
Vorlage S. 744
936
Packpferd der Sünde und der Tugend Schlinge,
Vorlage S. 744
937
Du aller Wieg' und Grab im Weltenringe:
Vorlage S. 744
938
Da du die Ehre mir zu rauben kamst,
Vorlage S. 744
939
Nimm auch mein Leben, dessen Schmuck du nahmst!
Vorlage S. 744
940
Durch deine Sklavin, die Gelegenheit,
Vorlage S. 744
941
Betrogst du mich um meines Schlafes Frieden,
Vorlage S. 744
942
Erlaubtest ihr, mit wilder Grausamkeit
Vorlage S. 744
943
Mich in ein endlos Leidensjoch zu schmieden.
Vorlage S. 744
944
Du hast dich ganz von deiner Pflicht geschieden!
Vorlage S. 744
945
Denn Zeit soll Irrtum klären, Zwietracht enden,
Vorlage S. 744
946
Doch nicht ein keusches Ehbett plündernd schänden.
Vorlage S. 744
947
Ihr Ruhm ist, Zwist der Könige beizulegen,
Vorlage S. 744
948
Den Trug entlarvend, Wahrheit aufzudecken;
Vorlage S. 744
949
Vergangner Zeit den Stempel aufzuprägen,
Vorlage S. 744
950
Die Nacht zu schützen und den Tag zu wecken,
Vorlage S. 745
951
Aus ihrer Schuld die Schuldigen aufzuschrecken,
Vorlage S. 745
952
Prachtbauten in Ruinen umzustürmen
Vorlage S. 745
953
Und Staub auf ihren goldnen Schmuck zu türmen.
Vorlage S. 745
954
Mit hehren Kunstgebilden Würmer füttern,
Vorlage S. 745
955
Vergessenheit mit dem Verfall der Dinge,
Vorlage S. 745
956
Den Inhalt alter Bücher zu zerknittern,
Vorlage S. 745
957
Den Kiel zu ziehn aus alter Raben Schwinge,
Vorlage S. 745
958
Zu sehn, dass Nachwuchs altem Stamm entspringe, –
Vorlage S. 745
959
Am harten Stahl des Altertums zu nagen,
Vorlage S. 745
960
Das Wirbelrad des Glückes umzuschlagen.
Vorlage S. 745
961
Großmütter lass den Blick auf Enkel richten,
Vorlage S. 745
962
Zum Kinde mach' den Mann, das Kind zum Manne,
Vorlage S. 745
963
Vernichte Tiger, lebend vom Vernichten,
Vorlage S. 745
964
Des Löwen und des Einhorns Wildheit banne,
Vorlage S. 745
965
Die List in ihre eigne Klemme spanne,
Vorlage S. 745
966
Zu reicher Ernte lass die Saat gedeihn
Vorlage S. 745
967
Und höhl' mit weichen Tropfen hart Gestein!
Vorlage S. 745
968
Warum nur wirkst du als Vertilgerin,
Vorlage S. 745
969
Statt heilend auch der Sühne dich zu weihn?
Vorlage S. 745
970
Ein Augenblick der Rückkehr, Pilgerin,
Vorlage S. 745
971
Erkaufte tausend Freunde dir, und rein
Vorlage S. 745
972
Von Schuld schnell würde mancher Schuldige sein.
Vorlage S. 745
973
Von dieser Unglücksnacht nur eine Stunde
Vorlage S. 745
974
Gib mir zurück, so ging' ich nicht zugrunde!
Vorlage S. 745
975
Lass, vielgeschäftige Hand der Ewigkeit,
Vorlage S. 745
976
Den flüchtigen Tarquin die ganze Wucht
Vorlage S. 745
977
Des Unheils fühlen! Schaff ihm Kreuz und Leid,
Vorlage S. 745
978
Dass er die nächt'ge Freveltat verflucht!
Vorlage S. 745
979
Von bleichen Schatten sei er heimgesucht, –
Vorlage S. 745
980
Erfüll' sein Schuldbewußtsein so mit Grauen,
Vorlage S. 745
981
In jedem Busch ein Schreckgespenst zu schauen!
Vorlage S. 745
982
Verstör' ihm ruhelos die Zeit der Ruhe,
Vorlage S. 745
983
Den Peiniger im Bett mit Schmerz zu peinigen;
Vorlage S. 745
984
Was du ihm Böses antun kannst, das tue,
Vorlage S. 745
985
Und lass kein Mitleid seiner Qual sich einigen;
Vorlage S. 745
986
Lass Herzen, härter noch wie Stahl, ihn steinigen,
Vorlage S. 745
987
Und sanfter Frauen angeborne Mildheit
Vorlage S. 745
988
Verkehre sich bei ihm in Tigerwildheit.
Vorlage S. 745
989
Vergönn' ihm Zeit, dass er sein Haar zerraufe,
Vorlage S. 745
990
Zeit, dass er mit Verachtung selbst sich schmähe,
Vorlage S. 745
991
Zeit, zu verzweifeln an der Zeit Verlaufe,
Vorlage S. 745
992
Zeit, dass er sich als niedren Sklaven sehe,
Vorlage S. 745
993
Zeit, dass von Bettlern er sein Brot erflehe,
Vorlage S. 745
994
Und Zeit, dass, die von Mitleid selber leben,
Vorlage S. 745
995
Verschmähn, verschmähte Brocken ihm zu geben!
Vorlage S. 745
996
Lass Zeit ihm, dass er Freund' als Feinde sehe
Vorlage S. 745
997
Und aller Narren Spott zu werden meine,
Vorlage S. 745
998
Und Zeit, zu sehn, wie langsam Zeit vergehe
Vorlage S. 745
999
Zur Zeit des Grams, – und wie so kurz erscheine
Vorlage S. 745
1000
Die Zeit des Lasters und der Lust wie seine, –
Vorlage S. 745
1001
Und ewig lass sein Schuldbewußtsein währen,
Vorlage S. 745
1002
Den Gram des Missbrauchs seiner Zeit zu nähren!
Vorlage S. 745
1003
Zeit, Lehrerin des Guten und des Schlechten,
Vorlage S. 745
1004
Lehr' mich auf deinen Sündenzögling fluchen!
Vorlage S. 745
1005
Lass ihn mit seinem eignen Schatten fechten
Vorlage S. 745
1006
Und sich allstündlich selbst zu töten suchen,
Vorlage S. 745
1007
Um Selbstmord ihm als letzte Schuld zu buchen,
Vorlage S. 745
1008
Denn wo lebt sonst ein Mensch, so feil und schlecht,
Vorlage S. 745
1009
Ein Henker sein zu wollen diesem Knecht?
Vorlage S. 745
1010
Am tiefsten sinkt, wer auf den Thron geboren,
Vorlage S. 745
1011
Wenn er die hohe Hoffnung täuscht durch Schande
Vorlage S. 745
1012
Und gibt sein Ehrenteil dem Haß verloren,
Vorlage S. 745
1013
Denn Menschenruhm und Schmach wächst mit dem Stande,
Vorlage S. 745
1014
Die Fürstenschuld ist höchste Schuld im Lande.
Vorlage S. 745
1015
Den Mond vermisst man hinter Wolkendunkel,
Vorlage S. 747
1016
Doch nicht der kleinen Sterne Glanzgefunkel.
Vorlage S. 747
1017
Die schwarze Krähe mag im Schlamme baden
Vorlage S. 747
1018
Und ohne Spur des Schmutzes weiter fliegen!
Vorlage S. 747
1019
Dem weißen Schwane aber würd' es schaden,
Vorlage S. 747
1020
Der Schmutz bleibt auf dem Silberflaume liegen.
Vorlage S. 747
1021
Der König – Tag – wird Nacht, den Knecht, besiegen.
Vorlage S. 747
1022
Dem Flug des Adlers folgen aller Blicke,
Vorlage S. 747
1023
Doch niemand achtet auf den Flug der Mücke.
Vorlage S. 747
1024
Schweigt, leere Worte! Diener hohler Narren,
Vorlage S. 747
1025
Fort mit euch armen, tönenden Vermittlern!
Vorlage S. 747
1026
Dient der pedant'schen Schulgelehrten Sparren,
Vorlage S. 747
1027
Den Silbenklaubern und den Sinnzersplittrern,
Vorlage S. 747
1028
Den feilen Richtern und verdrehten Krittlern!
Vorlage S. 747
1029
Mir sind Beweise keinen Strohhalm wert,
Vorlage S. 747
1030
Da meinen Fall kein Wort zum Beßren kehrt.
Vorlage S. 747
1031
Vergebens fluch' ich der Gelegenheit,
Vorlage S. 747
1032
Der Zeit, Tarquin und meiner Unglücksnacht,
Vorlage S. 747
1033
Vergebens lieg' ich mit mir selbst im Streit;
Vorlage S. 747
1034
Unwiderruflich ist die Schmach vollbracht,
Vorlage S. 747
1035
Das Wort hat mich zu retten keine Macht,
Vorlage S. 747
1036
Von allen Mitteln tut nur eins mir gut:
Vorlage S. 747
1037
Selbst zu vergießen mein entehrtes Blut.
Vorlage S. 747
1038
Wie, arme Hand, macht mein Entschluss dich beben?
Vorlage S. 747
1039
Du ehrst dich, mich von Schande zu befrein,
Vorlage S. 747
1040
In dir wird, sterb' ich, meine Ehre leben,
Vorlage S. 747
1041
Doch leb' ich fort, ist meine Schande dein;
Vorlage S. 747
1042
Da du nicht konntest Schutz der Herrin sein,
Vorlage S. 747
1043
Zu feige warst, dem Tugendraub zu wehren,
Vorlage S. 747
1044
So töte dich und sie für dies Entehren!« –
Vorlage S. 747
1045
Und bei dem Wort, aus dem zerwühlten Bette
Vorlage S. 747
1046
Springt sie und sucht nach einer Todeswaffe,
Vorlage S. 747
1047
Doch beut kein Mordwerkzeug die Ruhestätte,
Vorlage S. 747
1048
Nichts, was gewaltsam eine Öffnung schaffe,
Vorlage S. 748
1049
Die weiter als das Tor der Lippen klaffe,
Vorlage S. 748
1050
Um auszumünden ihren Lebenshauch
Vorlage S. 748
1051
Wie Glut des Ätna, wie Kanonenrauch.
Vorlage S. 748
1052
»Verfehlt«, rief sie, »hab' ich des Lebens Zweck
Vorlage S. 748
1053
Und kann dies Unglücksleben doch nicht enden!
Vorlage S. 748
1054
Beim Schwert Tarquin's ergriff mich Todesschreck,
Vorlage S. 748
1055
Kann denn ein Messer jetzt mein Elend wenden?
Vorlage S. 748
1056
Ich fürchtete, doch ohne mich zu schänden,
Vorlage S. 748
1057
Blieb, was ich war und bin: ein treues Weib; –
Vorlage S. 748
1058
Doch nein! Tarquin entweihte Seel' und Leib!
Vorlage S. 748
1059
Hin ist des Lebens teuerstes Juwel,
Vorlage S. 748
1060
Drum darf ich mich dem Tod nicht zeigen schwach,
Vorlage S. 748
1061
Denn er allein bringt Sühne meinem Fehl
Vorlage S. 748
1062
Und gibt, als Ehrenzeichen meiner Schmach,
Vorlage S. 748
1063
Der Lebenden ein sterbend Leben nach.
Vorlage S. 748
1064
Hilflose Hilfe, die zu helfen glaubt,
Vorlage S. 748
1065
Zerstört sie das, woraus der Schatz geraubt!
Vorlage S. 748
1066
Nie, teurer Collatin, sollst du erfahren,
Vorlage S. 748
1067
Dass meine Lippen für dich nicht mehr rein,
Vorlage S. 748
1068
Nie, treues Herz, werd' ich dir offenbaren,
Vorlage S. 748
1069
Wie ich mir untreu rauben ließ, was dein!
Vorlage S. 748
1070
Nein, nie soll dieses Bastardreis gedeihn,
Vorlage S. 748
1071
Noch der es pflanzte, deinen Namen schändend,
Vorlage S. 748
1072
Dich sehn, dem Bastard Vaterliebe spendend.
Vorlage S. 748
1073
Nie soll er heimlich auch nur in Gedanken
Vorlage S. 748
1074
Dich höhnen, noch in seiner Freunde Kreise.
Vorlage S. 748
1075
Und du sollst wissen, dass kein Gold die Schranken
Vorlage S. 748
1076
Der Keuschheit brach: nur wilde Räuberweise!
Vorlage S. 748
1077
Doch, ich bin Herrin meiner Lebensreise
Vorlage S. 748
1078
Und will mein Zwangsvergehn mir nicht vergeben,
Vorlage S. 748
1079
Bis ich es ganz gesühnt mit Leib und Leben.
Vorlage S. 748
1080
Ich will dich nicht mit meiner Schmach vergiften,
Vorlage S. 748
1081
Noch sie beschönigen durch Entschuldigungen,
Vorlage S. 748
1082
Nicht decken Sündenschwarz mit goldnen Schriften,
Vorlage S. 748
1083
Wahrheit zu bergen, falscher Nacht entsprungen:
Vorlage S. 748
1084
Frei sag' ich alles! – Wie durch Niederungen
Vorlage S. 748
1085
Bergquellen fließen, sollen reine Zähren
Vorlage S. 748
1086
Aus meinem Aug' die schmutzigen Worte klären.«
Vorlage S. 748
1087
Und schon verstummt der klagende Gesang
Vorlage S. 748
1088
Der Nachtigall von ihren nächt'gen Sorgen;
Vorlage S. 748
1089
Die Nacht in feierlichem Trauergang
Vorlage S. 748
1090
Zog höllenwärts; errötend naht der Morgen,
Vorlage S. 748
1091
Um holden Augen holdes Licht zu borgen;
Vorlage S. 748
1092
Lucretia nur mag sich vor Scham nicht sehn
Vorlage S. 748
1093
Und möchte trauernd ganz in Nacht vergehn.
Vorlage S. 748
1094
Durch alle Spalten späht das Tageslicht
Vorlage S. 748
1095
Nach ihr allein und sieht sie weinend sitzen,
Vorlage S. 748
1096
Die ihm entgegenseufzt: »O Weltenlicht,
Vorlage S. 748
1097
Warum kommst du, in's Fenster mir zu blitzen?
Vorlage S. 748
1098
Die Schläfer kitzle mit den Strahlenspitzen,
Vorlage S. 748
1099
Das Brandmal dieser Nacht lässt mich nicht ruhn
Vorlage S. 748
1100
Und Nacht hat mit dem Tage nichts zu tun.«
Vorlage S. 748
1101
So hadert sie mit allem, was sie sieht,
Vorlage S. 748
1102
Denn Gram ist eigensinnig wie ein Kind,
Vorlage S. 748
1103
Dem, schmollt es einmal, nichts zu Dank geschieht.
Vorlage S. 748
1104
Nur alter Schmerz, nicht neuer, trägt sich lind,
Vorlage S. 748
1105
Denn jenen zähmt die Zeit, doch wildgesinnt
Vorlage S. 748
1106
Treibt dieser, rastlos um sich zappelnd, immer
Vorlage S. 748
1107
Zum Abgrund wie ein ungeschickter Schwimmer.
Vorlage S. 748
1108
So tief in einem Meer von Sorgen sieht sie
Vorlage S. 748
1109
Sich stets mit allem ringsumher in Streit,
Vorlage S. 748
1110
Und alles Schlimme zur Vergleichung zieht sie
Vorlage S. 748
1111
Mit sich heran und steigert so ihr Leid
Vorlage S. 748
1112
Zum Äußersten – bald stumm vor Traurigkeit
Vorlage S. 748
1113
Und bald im Schmerzensausdruck überschwenglich
Vorlage S. 750
1114
An Worten, jedem Tröste unzugänglich.
Vorlage S. 750
1115
Der Vögel froher Sang zur Morgenstunde
Vorlage S. 750
1116
Treibt bis zu finstrem Wahnsinn ihre Klagen,
Vorlage S. 750
1117
Denn Frohsinn wühlt den Gram auf bis zum Grunde,
Vorlage S. 750
1118
Wer trübgemut, kann Heitres nicht ertragen,
Vorlage S. 750
1119
Der Gram fühlt nur am Grame sein Behagen,
Vorlage S. 750
1120
Wie tiefes Leid nur da Erleicht'rung findet,
Vorlage S. 750
1121
Wo gleiches Leid sich tröstlich ihm verbindet.
Vorlage S. 750
1122
Zwiefach stirbt, wer ertrinkt schon nah' dem Land,
Vorlage S. 750
1123
Den Hunger steigert ein erblicktes Mahl,
Vorlage S. 750
1124
Das Nahn der Salbe mehrt der Wunde Brand;
Vorlage S. 750
1125
Was man zum Trost ihr tun will, nährt die Qual.
Vorlage S. 750
1126
Das tiefe Leid gleicht stiller Flut im Tal,
Vorlage S. 750
1127
Die, wenn gedämmt, weit überschwemmt das Land,
Vorlage S. 750
1128
Scherzt man mit Gram, geht er aus Rand und Band.
Vorlage S. 750
1129
»Begrabt, ihr Vögel, euren Spottgesang«,
Vorlage S. 750
1130
Rief sie, »in eurer federweichen Brust;
Vorlage S. 750
1131
Seid stumm und still, mein Ohr haßt muntren Klang!
Vorlage S. 750
1132
Mir ruhelosen Grames pflichtbewußt,
Vorlage S. 750
1133
Hab' ich, trübsel'ge Wirtin, keine Lust
Vorlage S. 750
1134
An lustigen Gästen; ganz in Schmerz verloren,
Vorlage S. 750
1135
Leih' ich nur Trauertönen meine Ohren.
Vorlage S. 750
1136
Sing', Philomele, der Entehrung Sang,
Vorlage S. 750
1137
Mach dir mein wirres Haar zum Trauerhain,
Vorlage S. 750
1138
Und wie die Erde weint beim Schmerzenklang,
Vorlage S. 750
1139
Soll feucht mein Aug' bei deinen Klagen sein,
Vorlage S. 750
1140
Mein tiefes Seufzen dir den Grundton leihn;
Vorlage S. 750
1141
Dumpftönend soll Tarquinens Nam' erklingen,
Vorlage S. 750
1142
Wenn du, kunstreicher, wirst von Tereus singen.
Vorlage S. 750
1143
Du drückst dich an den Dorn, dass er dich ritze,
Vorlage S. 750
1144
Um deinen herben Gram stets neu zu wecken,
Vorlage S. 750
1145
Ich drücke eines scharfen Messers Spitze
Vorlage S. 750
1146
An's Herz mir, um mein Auge zu erschrecken,
Vorlage S. 751
1147
Und blinzt es, soll ein Stoß mich niederstrecken.
Vorlage S. 751
1148
Dies soll der Steg sein, welcher stimmverwandt
Vorlage S. 751
1149
Die Klagesaiten unsrer Herzen spannt.
Vorlage S. 751
1150
Und dass du, armer Vogel, schamhaft spröde
Vorlage S. 751
1151
Das Tag'slicht fliehst, im Singen ungesehn,
Vorlage S. 751
1152
Lass fern uns suchen eine dunkle Öde,
Vorlage S. 751
1153
Wo wir vor Frost und Hitze nicht vergehn
Vorlage S. 751
1154
Und dort den Tieren klagen unsre Weh'n,
Vorlage S. 751
1155
Dass sie gerührt die wilde Art verwandeln,
Vorlage S. 751
1156
Sanft werden, da die Menschen tierisch handeln.«
Vorlage S. 751
1157
Wie aufgeschreckt ein Reh scheu um sich blickt,
Vorlage S. 751
1158
Um auszuspüren, welchen Weg es flieh',
Vorlage S. 751
1159
Wie, wer in einem Labyrinth verstrickt,
Vorlage S. 751
1160
Nachsinnt, dass er dem Wirrwarr sich entzieh',
Vorlage S. 751
1161
So mit sich selbst in Widerspruch ist sie,
Vorlage S. 751
1162
Was wünschenswerter, Leben oder Tod,
Vorlage S. 751
1163
Wo Schmach dem einen wie dem andern droht.
Vorlage S. 751
1164
Sie sprach: »Mich töten, würde in Entehrung
Vorlage S. 751
1165
Zugleich den Körper mit der Seele ziehn;
Vorlage S. 751
1166
Wer halb verliert, trägt leichter die Entbehrung,
Vorlage S. 751
1167
Als wenn sein alles schwindet im Ruin.
Vorlage S. 751
1168
Der Mutter ist kein Mutterherz verliehn,
Vorlage S. 751
1169
Die, wenn ihr von zwei Kindern eins erliegt,
Vorlage S. 751
1170
Das andre tötet und nun keins mehr wiegt.
Vorlage S. 751
1171
Leib oder Seele, was war mehr zu schätzen,
Vorlage S. 751
1172
Als jener rein war, diese göttlich schien?
Vorlage S. 751
1173
Was war in Liebe näher mir zu setzen,
Vorlage S. 751
1174
Dem Himmel gleich geweiht und Collatin?
Vorlage S. 751
1175
Die Rinde von der stolzen Pinie ziehn,
Vorlage S. 751
1176
Macht, dass sie welke und ihr Saft verschwinde;
Vorlage S. 751
1177
So geht's der Seele, nehm' ich ihr die Rinde.
Vorlage S. 751
1178
Ihr Haus ward wüst, die Ruhe wich dem Leid,
Vorlage S. 751
1179
Geplündert ward ihr Heim von roher Hand,
Vorlage S. 751
1180
Beraubt ihr heiliger Tempel und entweiht,
Vorlage S. 751
1181
Das höchste Kleinod frech daraus entwandt –
Vorlage S. 751
1182
Drum werd' es nicht Gottlosigkeit genannt,
Vorlage S. 751
1183
Wenn ich die schon erstürmte Burg zerschlage
Vorlage S. 751
1184
Und fort die kummervolle Seele trage.
Vorlage S. 751
1185
Doch sterben will ich nicht, bis Collatin
Vorlage S. 751
1186
Erfuhr von meines frühen Todes Grunde,
Vorlage S. 751
1187
Sein Schwert zur Rache gegen den zu ziehn,
Vorlage S. 751
1188
Der Ursach' wurde meiner Todeswunde.
Vorlage S. 751
1189
Mein Blut vermach' ich in der letzten Stunde
Vorlage S. 751
1190
Tarquin, der es befleckt', um den es fließt,
Vorlage S. 751
1191
Sein Erbteil sei's, daraus die Rache sprießt!
Vorlage S. 751
1192
Und meine Ehre soll das Messer erben,
Vorlage S. 751
1193
Das vom entehrten Körper mich befreit;
Vorlage S. 751
1194
Zur Ehre wird's, ist man entehrt, zu sterben,
Vorlage S. 751
1195
Der Ehre gibt der Tod Unsterblichkeit.
Vorlage S. 751
1196
Aus meiner Schande Asche neu geweiht
Vorlage S. 751
1197
Ersteht mein Ruf, – die lebend ich verloren,
Vorlage S. 751
1198
Die Ehre, wird mir sterbend neugeboren.
Vorlage S. 751
1199
Doch, teurer Ehgemahl, des Heiligtum
Vorlage S. 751
1200
In mir beraubt ward, was vermach' ich dir?
Vorlage S. 751
1201
Sieh', mein Entschluss zu sterben, sei dein Ruhm,
Vorlage S. 751
1202
Das Vorbild deiner Rache find' in mir!
Vorlage S. 751
1203
Wie an Tarquin zu handeln, lies es hier:
Vorlage S. 751
1204
Ich sterbe, weil ich treulos dir geworden,
Vorlage S. 751
1205
Ich morde mich, wie du Tarquin sollst morden!
Vorlage S. 751
1206
So soll denn kurz mein letzter Wille sein:
Vorlage S. 751
1207
Den Geist dem Himmel und den Leib der Erde
Vorlage S. 751
1208
Will ich, doch dir, Gemahl, die Rache weihn,
Vorlage S. 751
1209
Dem Stahl die Ehre, und dem Frevler werde
Vorlage S. 751
1210
Die Schmach, mir angetan an deinem Herde,
Vorlage S. 751
1211
Und meinen guten Nachruf will ich schenken.
Vorlage S. 753
1212
All' denen, die in Ehren mein gedenken
Vorlage S. 753
1213
Du, Collatin sollst der Vollstrecker sein
Vorlage S. 753
1214
Des Testaments; verwünsch' mich nicht dabei!
Vorlage S. 753
1215
Mein Blut wäscht mich von aller Schande rein,
Vorlage S. 753
1216
Von böser Tat macht guter Ausgang frei.
Vorlage S. 753
1217
Ermatte nicht, o Herz, sag' fest: es sei!
Vorlage S. 753
1218
Ergib der Hand dich, der du musst erliegen,
Vorlage S. 753
1219
Du stirbst mit ihr, doch sterbt ihr beid' im Siegen.« –
Vorlage S. 753
1220
Als sie den Tod beschlossen, lebenssatt,
Vorlage S. 753
1221
Wischt sie die salz'gen Tränen vom Gesicht
Vorlage S. 753
1222
Und ruft, mit einer Stimme tonlos, matt,
Vorlage S. 753
1223
Die Dienerin, die mit beschwingter Pflicht
Vorlage S. 753
1224
Herbeifliegt. Wie wenn Schnee im Sonnenlicht
Vorlage S. 753
1225
Auf Winterwiesen eben angefangen
Vorlage S. 753
1226
Zu schmelzen, schienen ihr Lucretia's Wangen.
Vorlage S. 753
1227
Sie beut der Herrin sittsam guten Morgen,
Vorlage S. 753
1228
Im sanften Tone der Bescheidenheit,
Vorlage S. 753
1229
Sieht trüben Blickes ihre schweren Sorgen
Vorlage S. 753
1230
An ihres Angesichtes Trauerkleid;
Vorlage S. 753
1231
Doch wagt sie nicht zu fragen, welches Leid
Vorlage S. 753
1232
Den Augensonnen so umwölkt das Licht
Vorlage S. 753
1233
Und warum tränenfeucht ihr Angesicht.
Vorlage S. 753
1234
Doch wie die Erde weint, neigt sich die Sonne,
Vorlage S. 753
1235
Dass jede Blum' ein schmelzend Auge scheint,
Vorlage S. 753
1236
Entquollen Tränen jetzt dem Augenbronne
Vorlage S. 753
1237
Der Magd, die um die beiden Sonnen weint,
Vorlage S. 753
1238
Die der Gebietrin himmlisch Antlitz eint.
Vorlage S. 753
1239
In salziger Flut erlosch die lichte Pracht,
Vorlage S. 753
1240
D'rum weint das Mädchen wie die tauige Nacht.
Vorlage S. 753
1241
So hübsche Weile stand das hübsche Paar,
Vorlage S. 753
1242
Zwei Brunnenbildern gleich von Elfenbein;
Vorlage S. 753
1243
Die eine weint mit Recht, die andre war
Vorlage S. 753
1244
In Tränen nur, Gesellschaft ihr zu leihn.
Vorlage S. 754
1245
Gar leicht stellt sich bei Frau'n das Weinen ein,
Vorlage S. 754
1246
Denn schnell sind sie erregt durch fremden Schmerz,
Vorlage S. 754
1247
Und weinten sie dann nicht, so bräch' ihr Herz.
Vorlage S. 754
1248
Wie Marmor ist der Mann, wie Wachs die Frau,
Vorlage S. 754
1249
Dem harten Marmor muss das Wachs sich fügen;
Vorlage S. 754
1250
Dem unterdrückten Weib prägt sich genau
Vorlage S. 754
1251
Des Mannes Stempel auf in Form und Zügen.
Vorlage S. 754
1252
Nicht das Metall, die Stempel nur betrügen;
Vorlage S. 754
1253
Drum sind die Frau'n nicht selber anzuklagen,
Vorlage S. 754
1254
Wenn sie Gepräge eines Teufels tragen.
Vorlage S. 754
1255
Ihr sanft Gemüt, ein freundlich offnes Feld,
Vorlage S. 754
1256
Lässt jedes Würmchen sehn, das darauf kriecht;
Vorlage S. 754
1257
Im Mann ein rauh verwachs'nes Dickicht hält
Vorlage S. 754
1258
Geheim die Bestie, die im Dunkeln liegt.
Vorlage S. 754
1259
Wenn auf Kristall auch nur ein Staubkorn fliegt,
Vorlage S. 754
1260
Wird er befleckt. Der Mann birgt leicht die Sünden,
Vorlage S. 754
1261
Die Frau'ngesichter wie ein Buch verkünden.
Vorlage S. 754
1262
Nicht die verwelkte Blume soll man schelten,
Vorlage S. 754
1263
Vielmehr den Winter, der sie welk gemacht;
Vorlage S. 754
1264
Nur dem Zerstörer darf der Tadel gelten,
Vorlage S. 754
1265
Nicht dem Zerstörten. Wenn die rohe Macht
Vorlage S. 754
1266
Des Mannes eine Frau zu Fall gebracht,
Vorlage S. 754
1267
Sollt' er's allein sein, den die Schande trifft,
Vorlage S. 754
1268
Sie ist das Buch nur seiner Sündenschrift.
Vorlage S. 754
1269
Dies zeigt sich klärlich bei Lucretia;
Vorlage S. 754
1270
Nachts aufgeschreckt, bestürmt in Angst und Not,
Vorlage S. 754
1271
Hier Untergang und dort die Schande nah',
Vorlage S. 754
1272
Die den Gemahl mitschändet, ist sie tot.
Vorlage S. 754
1273
Wo so den Widerstand Gefahr bedroht,
Vorlage S. 754
1274
Ist todesstarr die Frau im Machtbereiche
Vorlage S. 754
1275
Des Mannes, willenlos wie eine Leiche.
Vorlage S. 754
1276
Zu ihrer Dienerin, dem holden Bilde
Vorlage S. 754
1277
Des eignen Grams, begann nun so zu sprechen
Vorlage S. 754
1278
Lucretia mit teilnahmvoller Milde:
Vorlage S. 754
1279
»Kind, flutet dein Gesicht von Tränenbächen
Vorlage S. 754
1280
Um Leiden, welche mir das Herz zerbrechen?
Vorlage S. 754
1281
Wenn Tränen hülfen, würd' ich durch die meinen
Vorlage S. 754
1282
Allein genesen, doch mir hilft kein Weinen.
Vorlage S. 754
1283
Doch sag' mir, Kind, wann ging (und hier versagt
Vorlage S. 754
1284
Das Wort ihr und sie seufzt) Tarquin von hinnen?«
Vorlage S. 754
1285
»Ach, als ich noch im Bett lag!« sprach die Magd;
Vorlage S. 754
1286
»Schilt mich die trägste aller Dienerinnen!
Vorlage S. 754
1287
Nur dies kann mir Entschuldigung gewinnen,
Vorlage S. 754
1288
Dass ich schon auf war, eh' die Sonne schien,
Vorlage S. 754
1289
Und lang vor Tagesanbruch ging Tarquin.
Vorlage S. 754
1290
Doch, hohe Herrin, darf die Magd es wagen,
Vorlage S. 754
1291
Zu forschen, was dich so bedrückt und quält?« –
Vorlage S. 754
1292
»Ach!« rief Lucretia, »könnt ich's dir auch sagen,
Vorlage S. 754
1293
Nicht leichter trüg' ich's, wenn ich's dir erzählt –
Vorlage S. 754
1294
Es ist ein Weh, wofür das Wort uns fehlt,
Vorlage S. 754
1295
Und Qual, für die wir keine Worte kennen,
Vorlage S. 754
1296
Kann man wohl eine Höllenmarter nennen.
Vorlage S. 754
1297
Geh', hol' mir Tinte, Feder und Papier –
Vorlage S. 754
1298
Doch nein, es ist zur Hand – du kannst verweilen.
Vorlage S. 754
1299
Was wollt' ich doch? – Lass einen Sklaven mir
Vorlage S. 754
1300
Bereit sich halten, gleich mit ein'gen Zeilen
Vorlage S. 754
1301
Zu meinem lieben, teuren Herrn zu eilen:
Vorlage S. 754
1302
Sag', es eilt sehr; er halte sich gewärtig
Vorlage S. 754
1303
Zum Aufbruch, ich bin gleich mit Schreiben fertig.«
Vorlage S. 754
1304
Die Magd verschwand; und sie beginnt zu schreiben.
Vorlage S. 754
1305
Erst flüchtig über's Blatt hin fährt der Kiel,
Vorlage S. 754
1306
Einander unruhvoll bekämpfend, treiben
Vorlage S. 754
1307
Verstand und Gram mit ihm ein traurig Spiel.
Vorlage S. 754
1308
Es löscht der Wille, was dem Geist gefiel,
Vorlage S. 754
1309
Und wie die Menschen im Gedräng' am Tor,
Vorlage S. 756
1310
Drängt ein Gedanke sich dem andern vor.
Vorlage S. 756
1311
Zuletzt beginnt sie so: »Dem würdigen Gatten
Vorlage S. 756
1312
Wünscht die unwürdige Gattin Wohlergehn.
Vorlage S. 756
1313
O wolle, Teurer, huldvoll mir gestatten
Vorlage S. 756
1314
(Verlangt es Dich, Lucretia noch zu sehn),
Vorlage S. 756
1315
Um eiligsten Besuch Dich anzuflehn. –
Vorlage S. 756
1316
Aus unserm Trauerhause. – So empfehle
Vorlage S. 756
1317
Ich kurz mich Dir mit kummervoller Seele.«
Vorlage S. 756
1318
Sie schließt den Brief, der schwer geheimes Wehe
Vorlage S. 756
1319
Nur leicht andeutungsweise offenbart,
Vorlage S. 756
1320
Dass Collatin aus flücht'gem Wort ersehe
Vorlage S. 756
1321
Ihr Leiden, aber nicht des Leidens Art.
Vorlage S. 756
1322
Die volle Wahrheit bleibt ihm aufgespart,
Vorlage S. 756
1323
Damit er nicht noch Schlimmeres vermute,
Vorlage S. 756
1324
Bevor die Schuld gesühnt mit ihrem Blute.
Vorlage S. 756
1325
Sie hält die Schmerzensglut in stummem Bann,
Vorlage S. 756
1326
Bis selbst er kommt, um alles zu vernehmen,
Vorlage S. 756
1327
Und sie mit Seufzern und mit Tränen dann
Vorlage S. 756
1328
Das Ungeheure zierlich mag verbrämen,
Vorlage S. 756
1329
Die Ehre lösen, den Verdacht beschämen.
Vorlage S. 756
1330
Sie will den Brief mit Worten nicht beflecken,
Vorlage S. 756
1331
Bis Taten sühnend diese Worte decken.
Vorlage S. 756
1332
Mehr rührt ein Leidgesicht als Leidbericht;
Vorlage S. 756
1333
Das Aug' erklärt dem Ohr das stumme Spiel
Vorlage S. 756
1334
Des Leids, das wahrnehmbar nur dem Gesicht:
Vorlage S. 756
1335
Wie schwer auf jeden Teil sein Anteil fiel.
Vorlage S. 756
1336
Wer Schmerz bloß schildert, kommt nur halb zum Ziel.
Vorlage S. 756
1337
Die seichte Furt rauscht lauter als die See
Vorlage S. 756
1338
Und Worthauch ist wie Ebbewind dem Weh'.
Vorlage S. 756
1339
Gesiegelt ist der Brief und überschrieben:
Vorlage S. 756
1340
»Dem Herrn in Ardea, mit größter Schnelle.«
Vorlage S. 756
1341
Der harrende Bote nimmt ihn, und getrieben
Vorlage S. 756
1342
Zur Eile wird der mürrische Geselle
Vorlage S. 757
1343
Wie Vögel von des Nordwinds luft'ger Welle.
Vorlage S. 757
1344
In solcher Not erscheint der schnellste Flug
Vorlage S. 757
1345
Der Ungeduldigen nicht schnell genug.
Vorlage S. 757
1346
Der plumpe Bursch verneigt sich vor ihr tief,
Vorlage S. 757
1347
Sieht sie, vor ihrem Blick errötend, an,
Vorlage S. 757
1348
Sagt weder Ja noch Nein, empfängt den Brief,
Vorlage S. 757
1349
Fort mit verschämter Unschuld eilt er dann.
Vorlage S. 757
1350
Sie denkt: »Um mich errötet dieser Mann;
Vorlage S. 757
1351
Denn wer sich schuldbewußt, lebt stets in Sorgen,
Vorlage S. 757
1352
Dass jeder seh', was in der Brust verborgen.«
Vorlage S. 757
1353
Dem Armen lag es fern, Verdacht zu schöpfen!
Vorlage S. 757
1354
Blöd' war er, linkisch, aber treu und echt.
Vorlage S. 757
1355
Bei so harmlos unschuldigen Geschöpfen
Vorlage S. 757
1356
Zeigt nur ihr Handeln, was im Dienste recht;
Vorlage S. 757
1357
Manch andrer redet gut und handelt schlecht,
Vorlage S. 757
1358
Doch dieses Muster guter, alter Zeit,
Vorlage S. 757
1359
Zeigt durch den Blick nur, wie es dienstbereit.
Vorlage S. 757
1360
Sein Feuereifer weckt in ihr Verdacht,
Vorlage S. 757
1361
Wie seine, glühn errötend ihre Wangen,
Vorlage S. 757
1362
Sie wähnt, er wisse, was Tarquin vollbracht,
Vorlage S. 757
1363
Und blickt ihn forschend an; er wird befangen,
Vorlage S. 757
1364
Bis ganz in Glut sein Antlitz aufgegangen;
Vorlage S. 757
1365
Sie wähnt, je mehr das Blut zu Kopf ihm zieht,
Vorlage S. 757
1366
Er um so mehr von ihrer Schande sieht.
Vorlage S. 757
1367
Kaum ist er fort, beginnt sie schon zu klagen,
Vorlage S. 757
1368
Dass er noch nicht zurück mit dem Gemahl;
Vorlage S. 757
1369
Sie weiß die trübe Zeit nicht totzuschlagen,
Vorlage S. 757
1370
Das Weinen, Seufzen, Ächzen wird ihr schal,
Vorlage S. 757
1371
Ihr Leid ist matt durch Leid, die Qual durch Qual;
Vorlage S. 757
1372
Für eine Weile schweigt ihr banges Stöhnen,
Vorlage S. 757
1373
Als suche sie nach neuen Trauertönen.
Vorlage S. 757
1374
Da fällt ins Auge ihr ein kunstreich Bild
Vorlage S. 757
1375
Von Troja, wie die Griechen es bedrohn
Vorlage S. 757
1376
Um Helena. Ihr Heer im Kampfgefild'
Vorlage S. 757
1377
Ist dargestellt im Sturm auf Ilion,
Vorlage S. 757
1378
Das wolkenhohe, nah' dem Falle schon.
Vorlage S. 757
1379
Der Maler ließ so hoch die Türme steigen;
Vorlage S. 757
1380
Der Himmel schien, sie küssend, sich zu neigen.
Vorlage S. 757
1381
Die Kunst schien die Natur zu überringen,
Vorlage S. 757
1382
Den Trauerbildern Leben einzuhauchen;
Vorlage S. 757
1383
Aus mancher Witwe Augen Tränen dringen,
Vorlage S. 757
1384
Die in das Blut gefallner Helden tauchen,
Vorlage S. 757
1385
Man sah das rote Blut noch förmlich rauchen;
Vorlage S. 757
1386
Manch' sterbend Aug' in mattem Licht noch flimmert,
Vorlage S. 757
1387
Wie's nachts von ausgeglühten Kohlen schimmert.
Vorlage S. 757
1388
Schanzgräber sind hier rüstig auf den Beinen,
Vorlage S. 757
1389
Von Schweiß und Schmutze triefend, schwarz wie Krähen;
Vorlage S. 757
1390
Und von den Türmen Trojas wirklich scheinen
Vorlage S. 757
1391
Aus Scharten Menschenaugen herzuspähen
Vorlage S. 757
1392
Auf's Griechenheer, als ob sie traurig sähen.
Vorlage S. 757
1393
Der Maler, mit beseelendem Geschick,
Vorlage S. 757
1394
Gab Trauerausdruck selbst dem fernsten Blick.
Vorlage S. 757
1395
Wie zeigt in Haltung sich und Angesicht
Vorlage S. 757
1396
Der Führer Majestät! Und ihnen weichen
Vorlage S. 757
1397
Die jüngern Krieger an Beherztheit nicht.
Vorlage S. 757
1398
Doch auch Feiglinge sieht man, die mit bleichen,
Vorlage S. 757
1399
Verstörten Zügen bebend vorwärts schleichen:
Vorlage S. 757
1400
Sie gleichen Bauern, bangend für ihr Leben,
Vorlage S. 757
1401
Man schwört, man seh' sie leibhaft vor sich beben!
Vorlage S. 757
1402
Seht Ajax hier und dort Ulysses stehn,
Vorlage S. 757
1403
Wie ausdrucksvoll, wie lebenswahr gemalt!
Vorlage S. 757
1404
Im Antlitz offen ist das Herz zu sehn,
Vorlage S. 757
1405
Das Innre ganz im Äußern abgestrahlt:
Vorlage S. 757
1406
Der wilde Ajax, dessen Mut oft prahlt,
Vorlage S. 757
1407
Ulysses, dessen kluges, mildes Auge
Vorlage S. 759
1408
Zeigt, dass vor allen er zum Herrscher tauge.
Vorlage S. 759
1409
Den greisen Nestor sieht man stehn, als feure
Vorlage S. 759
1410
Er eben seine Griechen an zum Streit,
Vorlage S. 759
1411
Mit ruhiger Handbewegung, scheint es, steure
Vorlage S. 759
1412
Er nach begeistrungsvoller Achtsamkeit;
Vorlage S. 759
1413
Sein Silberbart, den Worten zum Geleit',
Vorlage S. 759
1414
Bewegt sich auf und ab; dem Mund entschweben
Vorlage S. 759
1415
Hauchwölkchen, die sich kräuselnd dünn erheben.
Vorlage S. 759
1416
Und um ihn wogt ein gaffendes Gedränge
Vorlage S. 759
1417
Und scheint des Weisen Rede zu verschlingen.
Vorlage S. 759
1418
Nicht zwei sind gleich in dieser Lauscher Menge,
Vorlage S. 759
1419
Sie stehn, als hörten sie Sirenen singen
Vorlage S. 759
1420
Und wollen alle gern nach vorne dringen.
Vorlage S. 759
1421
Fern reckten Köpfe sich, die fast genauer
Vorlage S. 759
1422
Sahn als die nächsten dieses Bilds Beschauer.
Vorlage S. 759
1423
Der legt die Hand auf eines andern Haupt,
Vorlage S. 759
1424
Des Nas' umschattet seines Nachbars Ohr;
Vorlage S. 759
1425
Der wird ganz rotgequetscht und keucht und schnaubt,
Vorlage S. 759
1426
Der flucht, dass sich ihm andre drängen vor;
Vorlage S. 759
1427
Der ist nah' dem Ersticken – und so gor
Vorlage S. 759
1428
Die Menge: lauschte sie nicht Nestors Wort,
Vorlage S. 759
1429
Wär' es zu Kampf gekommen und zu Mord.
Vorlage S. 759
1430
Anregend, geistbelebend wirkt durch's Ganze
Vorlage S. 759
1431
Die Schönheit, die Natur mit Täuschung eint;
Vorlage S. 759
1432
Man sieht Achilles nicht, nur seine Lanze,
Vorlage S. 759
1433
Von stahlbewehrter Hand umfasst – doch meint
Vorlage S. 759
1434
Man ihn zu sehn, der nur dem Geist erscheint.
Vorlage S. 759
1435
Oft sieht man nur Gesicht, Kopf, Bein, Hand, Fuß,
Vorlage S. 759
1436
Statt der Gestalt, die man sich denken muss.
Vorlage S. 759
1437
Und hoch von Trojas schwerbedrängten Zinnen
Vorlage S. 759
1438
Sahn, als der kühne Hektor zog in's Feld
Vorlage S. 759
1439
Mit ihren Söhnen, viel Trojanerinnen
Vorlage S. 759
1440
Den Helden nach, die Augen freuderhellt;
Vorlage S. 760
1441
Allein der frohen Hoffnung schon gesellt
Vorlage S. 760
1442
In manchem Blick sich trübe Ahnung auch,
Vorlage S. 760
1443
Wie plötzlich sich ein Spiegel trübt durch Hauch.
Vorlage S. 760
1444
Und her vom Schlachtfeld, vom Dardanerstrande
Vorlage S. 760
1445
Strömt bis zum roten Simois das Blut.
Vorlage S. 760
1446
Der Fluss, die Schlacht nachahmend, im Gebrande
Vorlage S. 760
1447
Treibt bis zur steilen Höhe seine Flut,
Vorlage S. 760
1448
Dort bricht am Felsenufer sich die Wut
Vorlage S. 760
1449
Der Wellen, die sich brausend übertürmen,
Vorlage S. 760
1450
Um schäumend in den Fluss zurückzustürmen.
Vorlage S. 760
1451
Auf diesem Bild nun sah Lucretia
Vorlage S. 760
1452
Ein Antlitz, das sie ganz gefangen nahm;
Vorlage S. 760
1453
Manch' gramdurchfurcht Gesicht trat ihr schon nah',
Vorlage S. 760
1454
Doch keins so ganz erfüllt von Schmerz und Gram
Vorlage S. 760
1455
Wie Hekuba's, da sie verzweifelnd kam,
Vorlage S. 760
1456
Zu sehn, wie ihr geliebter Priamus
Vorlage S. 760
1457
Besiegt verblutet unter Pyrrhus' Fuß.
Vorlage S. 760
1458
Der Maler stellt hier bis in's kleinste dar
Vorlage S. 760
1459
Der Schönheit Untergang durch Gram und Zeit.
Vorlage S. 760
1460
Nichts ist geblieben, wie es weiland war:
Vorlage S. 760
1461
Das Antlitz trägt ein welkes Faltenkleid,
Vorlage S. 760
1462
Der Adern blaues Blut ward schwarz vor Leid,
Vorlage S. 760
1463
Es zeigt, da längst sein Nahrungsquell versiegt,
Vorlage S. 760
1464
Ein Leben nur, das schon im Leichnam liegt.
Vorlage S. 760
1465
Lucretia formt nach diesem Gramgesicht
Vorlage S. 760
1466
Ihr eignes Weh'; es soll ihr Antwort geben,
Vorlage S. 760
1467
Das Schmerzensbild, doch sprechen kann es nicht,
Vorlage S. 760
1468
Kann keinen Fluch auf seine Lippen heben:
Vorlage S. 760
1469
Der Maler war kein Gott, es zu beleben
Vorlage S. 760
1470
Mit Odem, – und Lucretia bitter klagt,
Vorlage S. 760
1471
Dass er so großem Weh' das Wort versagt.
Vorlage S. 760
1472
Sie sprach: »Du arme Laute ohne Klang,
Vorlage S. 760
1473
Ich will mit Worthauch deinen Schmerz begaben,
Vorlage S. 760
1474
Will Pyrrhus fluchen, der den Mordstahl schwang
Vorlage S. 760
1475
Auf deinen Gatten, er soll Rache haben,
Vorlage S. 760
1476
In Tränen will ich Trojas Blut begraben,
Vorlage S. 760
1477
Und allen Griechen, deinen Feinden, dringe
Vorlage S. 760
1478
In's tückische Auge meines Messers Klinge!
Vorlage S. 760
1479
Die Dirne zeig' mir, die den Krieg verschuldet,
Vorlage S. 760
1480
Von meinen Nägeln werd' ihr Reiz verheert;
Vorlage S. 760
1481
Um dein Gelüsten, eitler Paris, duldet
Vorlage S. 760
1482
Jetzt Ilion den Brand, der es verzehrt;
Vorlage S. 760
1483
Dein Aug' entflammte Glut, die wild sich mehrt –
Vorlage S. 760
1484
Um deiner Augen Schuld muss Troja sehn
Vorlage S. 760
1485
Sohn, Vater, Mutter, Tochter untergehn.
Vorlage S. 760
1486
Warum verderbend auf das Haupt so vieler
Vorlage S. 760
1487
Soll fallen eines einzigen Sündenlust?
Vorlage S. 760
1488
Die Strafe treffe nur den falschen Spieler,
Vorlage S. 760
1489
Nicht jene, die sich keiner Schuld bewusst,
Vorlage S. 760
1490
Frei bleibe von dem Fluch die reine Brust!
Vorlage S. 760
1491
Des einen Schuld gestraft am Allgemeinen,
Vorlage S. 760
1492
Will sich mit Recht und Billigkeit nicht einen.
Vorlage S. 760
1493
Seht Hekuba hier weinen, Priam sterben,
Vorlage S. 760
1494
Seht Troilus und Hektor dort verbluten,
Vorlage S. 760
1495
Ein Freund reißt jäh den andern ins Verderben,
Vorlage S. 760
1496
Ihn achtlos treffend ohne sein Vermuten –
Vorlage S. 760
1497
Und alle das um eines Lüstlings Gluten! –
Vorlage S. 760
1498
Hielt Priam seinen Sohn mehr in der Hand,
Vorlage S. 760
1499
Von Ruhm dann strahlte Troja, nicht von Brand.«
Vorlage S. 760
1500
Lucretia weint über Trojas Weh'n,
Vorlage S. 760
1501
Denn Schmerzensausdruck pflegt, wie schwere Glocken,
Vorlage S. 760
1502
Einmal im Schwunge – nicht leicht still zu stehn;
Vorlage S. 760
1503
Nur schwachen Anstoß braucht es, wenn sie stocken,
Vorlage S. 760
1504
Um neuen Trauerton hervorzulocken.
Vorlage S. 760
1505
So borgt Lucretia nur vom Bild die Blicke
Vorlage S. 762
1506
Und leiht ihr Wort gemaltem Missgeschicke.
Vorlage S. 762
1507
Und wie ihr Blick das ganze Bild umspannt,
Vorlage S. 762
1508
Hat sie für jede Trauerszene Klagen.
Vorlage S. 762
1509
Jetzt sah sie einen Wicht, der flehend stand
Vorlage S. 762
1510
Vor Hirten, die in Fesseln ihn geschlagen,
Vorlage S. 762
1511
Doch lauert im Gesicht ein still Behagen:
Vorlage S. 762
1512
Wie schmerzlich ihn auch seine Fesseln schnüren,
Vorlage S. 762
1513
Geduldig lässt er sich nach Troja führen.
Vorlage S. 762
1514
In ihm hat es des Malers Kunst erreicht,
Vorlage S. 762
1515
Betrug zu bergen, harmlos zu erscheinen;
Vorlage S. 762
1516
Nicht eine Spur von Schmerz die Stime zeigt,
Vorlage S. 762
1517
Doch scheint das ruhige Auge feucht von Weinen;
Vorlage S. 762
1518
Die Wangen weder weiß noch rot: es einen
Vorlage S. 762
1519
Sich so die Farben, dass sie Schuld nicht zeigen,
Vorlage S. 762
1520
Noch bleiche Furcht, die falschen Herzen eigen.
Vorlage S. 762
1521
Doch ein vollendet eingefleischter Teufel,
Vorlage S. 762
1522
Zeigt er so ganz des Biedermannes Züge,
Vorlage S. 762
1523
Verschanzt so stark sich gegen jeden Zweifel,
Vorlage S. 762
1524
Dass selbst der Argwohn kein Bedenken trüge,
Vorlage S. 762
1525
Es könne schleichender Betrug und Lüge
Vorlage S. 762
1526
Unheilsgewölk solch' hellem Tag gesellen
Vorlage S. 762
1527
Und Höllenschuld den Heiligenschein entstellen.
Vorlage S. 762
1528
Das ist der Sinon, der den alten guten
Vorlage S. 762
1529
Priam durch trügerische Mär' betörte,
Vorlage S. 762
1530
Des Wort aufging in wilden Feuergluten
Vorlage S. 762
1531
Und das erhabene Ilium zerstörte
Vorlage S. 762
1532
Und selbst den Himmel so zu Zorn empörte,
Vorlage S. 762
1533
Dass kleine Sterne von der Stelle wichen,
Vorlage S. 762
1534
Die unter Trojas Feuerglanz erblichen.
Vorlage S. 762
1535
Bedächtig prüft Lucretia die Gestalt,
Vorlage S. 762
1536
Doch möchte sie die Kunst des Malers hassen,
Vorlage S. 762
1537
Der es verstand, mit zwingender Gewalt
Vorlage S. 762
1538
Das Böse in so edle Form zu fassen;
Vorlage S. 763
1539
Sie kann den Blick nicht von dem Bilde lassen,
Vorlage S. 763
1540
Bis Wahrheit ihr im offnen Blick so klar
Vorlage S. 763
1541
Erscheint, dass sie das Bild nicht hält für wahr.
Vorlage S. 763
1542
»Das soll der Blick geheimer Tücke sein?«
Vorlage S. 763
1543
Rief sie – und will: »das ist unmöglich!« sagen –
Vorlage S. 763
1544
Da plötzlich fällt Tarquin's Gestalt ihr ein,
Vorlage S. 763
1545
Erst von der Zunge ihr das Wort zu schlagen
Vorlage S. 763
1546
Und dann ganz andern Sinn hineinzutragen;
Vorlage S. 763
1547
»Es ist unmöglich«, sagt sie, »wie ich's fasse,
Vorlage S. 763
1548
Doch solch' Gesicht zu niederm Sinn nicht passe.«
Vorlage S. 763
1549
»Denn wie der schlaue Sinon hier im Bilde
Vorlage S. 763
1550
Voll stiller Trauer, kam zu mir Tarquin,
Vorlage S. 763
1551
Solch' Ausdruck war von Müdigkeit und Milde
Vorlage S. 763
1552
Als Maske seiner Bosheit ihm verliehn;
Vorlage S. 763
1553
Sein Laster, das als Ehrbarkeit erschien,
Vorlage S. 763
1554
Hat mich, wie Sinon Priamus, betört,
Vorlage S. 763
1555
Und ach! auch mir mein Ilion zerstört.
Vorlage S. 763
1556
O seht nur, auch aus Priam's Augen bricht
Vorlage S. 763
1557
Es feucht hervor bei Sinon's falschen Zähren!
Vorlage S. 763
1558
O, Priam, alt bist du, doch weise nicht!
Vorlage S. 763
1559
Denn Troermord wird diese Flut gebären,
Vorlage S. 763
1560
Als Feuer strömen und kein Wasser nähren,
Vorlage S. 763
1561
Die Tränen, denen deine sich gesellen,
Vorlage S. 763
1562
Zerstören deine Burg gleich Feuerbällen.
Vorlage S. 763
1563
Aus einer lichtlos kalten Hölle holen
Vorlage S. 763
1564
Die Teufel ihre Macht: denn Sinon bebt
Vorlage S. 763
1565
Vor Kälte, während's in ihm glüht verstohlen:
Vorlage S. 763
1566
Und gläubiges Vertraun erweckt und hebt
Vorlage S. 763
1567
Der Widerspruch, der so in Eintracht lebt;
Vorlage S. 763
1568
So kann er Priam in's Verderben flennen,
Vorlage S. 763
1569
Sein Ilion mit Tränen ihm verbrennen.«
Vorlage S. 763
1570
Lucretia greift zornig mit der weißen
Vorlage S. 763
1571
Hand nach dem Bild, in unruhvoller Hast
Vorlage S. 763
1572
Den schönen, falschen Sinon zu zerreißen.
Vorlage S. 763
1573
Sie sieht in ihm nur ihren Unglücksgast,
Vorlage S. 763
1574
Um dessenwillen sie sich selber haßt;
Vorlage S. 763
1575
Doch schmerzlich lächelnd hält sie ein und spricht:
Vorlage S. 763
1576
»O Törin! Diesen schmerzen Wunden nicht.«
Vorlage S. 763
1577
So wechselt Flut und Ebbe ihrer Sorgen
Vorlage S. 763
1578
Und Zeit ermüdet Zeit bei ihren Klagen,
Vorlage S. 763
1579
Bald wünscht sie, dass es Nacht sei, und bald Morgen,
Vorlage S. 763
1580
Und möchte eins um's andre von sich jagen.
Vorlage S. 763
1581
Lang scheint auch kurze Zeit an Schmerzenstagen.
Vorlage S. 763
1582
Sei Kummer noch so schwer, er schläft nicht leicht,
Vorlage S. 763
1583
Und nur wer wacht, sieht wie die Stunde schleicht.
Vorlage S. 763
1584
Versunken ganz im Anschaun jener Bilder,
Vorlage S. 763
1585
Vergisst sie fast sich selbst die ganze Zeit
Vorlage S. 763
1586
Und fühlt den eignen Kummer etwas milder,
Vorlage S. 763
1587
Den Geist beschäftigend mit fremdem Leid.
Vorlage S. 763
1588
So wird ein Kurzes wohl das Herz befreit –
Vorlage S. 763
1589
Es lindert wohl, doch heilt nicht unsre Wunden,
Vorlage S. 763
1590
Zu sehn, dass andre gleichen Schmerz empfunden.
Vorlage S. 763
1591
Doch endlich ist der Bote wieder da,
Vorlage S. 763
1592
Zugleich kommt mit Gefolge Collatin;
Vorlage S. 763
1593
Im Trauerkleid sieht er Lucretia,
Vorlage S. 763
1594
Und um ihr Aug', das feucht von Weinen schien,
Vorlage S. 763
1595
Wie Regenbogen blaue Ringe ziehn,
Vorlage S. 763
1596
Die zeigen in der trüben Atmosphäre,
Vorlage S. 763
1597
Dass der vertobte Sturm sich neu gebäre.
Vorlage S. 763
1598
So starrt ihr nun in's Antlitz Collatin
Vorlage S. 763
1599
Und weiß, von Schmerz betroffen, nichts zu sagen;
Vorlage S. 763
1600
Vom Weinen rot und wund ihr Auge schien,
Vorlage S. 763
1601
Die Wange leblos; doch ihm fehlt zu fragen
Vorlage S. 763
1602
Die Kraft, wie sich das alles zugetragen.
Vorlage S. 763
1603
So stumm erstaunt, wie wenn in fremden Landen
Vorlage S. 765
1604
Sich Freunde wiedersehn, die beiden standen.
Vorlage S. 765
1605
Doch endlich fasst er ihre kalte Hand
Vorlage S. 765
1606
Und spricht: »Mein süßes Lieb, welch' wildes Leid
Vorlage S. 765
1607
Betraf dich, dass ich dich so bebend fand?
Vorlage S. 765
1608
Was hat der Wangen Frische so entweiht
Vorlage S. 765
1609
Und warum trägst du dieses Trauerkleid?
Vorlage S. 765
1610
Enthülle, Teure, deinen Schmerz mir frei,
Vorlage S. 765
1611
Dass ich erforsche, wie zu helfen sei.«
Vorlage S. 765
1612
Dreimal tief seufzt sie, eh's einmal gelingt
Vorlage S. 765
1613
Der Seufzenden, vor Gram zu Wort zu kommen;
Vorlage S. 765
1614
Als endlich dann ihr von der Zunge springt
Vorlage S. 765
1615
Das Wort, erzählt sie (was wir schon vernommen)
Vorlage S. 765
1616
Vom Raub an ihrer Ehre. Schmerzbeklommen
Vorlage S. 765
1617
Hört Collatin mit seinen Weggenossen
Vorlage S. 765
1618
Lucretias geheimes Weh erschlossen.
Vorlage S. 765
1619
Und wie der bleiche Schwan im feuchten Horte
Vorlage S. 765
1620
Sein Trauerlied beginnt vor nahem Enden,
Vorlage S. 765
1621
Spricht sie: »Der Schuld geziemen wenig Worte,
Vorlage S. 765
1622
Entschuldigung kann keinen Fehltritt wenden;
Vorlage S. 765
1623
Mehr Leid als Worte hab' ich noch zu spenden,
Vorlage S. 765
1624
Und allzulang ist meines Jammers Sage,
Vorlage S. 765
1625
Als dass sie eine müde Zunge klage.
Vorlage S. 765
1626
Drum lasse sie dich nur dies eine wissen:
Vorlage S. 765
1627
Ein Fremder hat dein Heiligtum geraubt
Vorlage S. 765
1628
Aus deinem Bett, geruht auf diesem Kissen,
Vorlage S. 765
1629
Wo du zu ruhen pflegst dein müdes Haupt;
Vorlage S. 765
1630
Verwelkt ist meine Ehre und entlaubt,
Vorlage S. 765
1631
Das Ärgste musste deine Gattin dulden,
Vorlage S. 765
1632
Doch nur durch Zwang, nicht eigenes Verschulden.
Vorlage S. 765
1633
Im Graun der dunklen Mitternacht beschlich,
Vorlage S. 765
1634
Von Fackellicht geführt, hier im Gemach
Vorlage S. 765
1635
Mit blankem Schwert ein Ungeheuer mich
Vorlage S. 765
1636
Und flüsterte: 'Auf, Römerin, erwach'!
Vorlage S. 766
1637
Ergib dich mir, sonst häuf' ich ewige Schmach
Vorlage S. 766
1638
Zur Nacht auf dich und alles, was dir teuer,
Vorlage S. 766
1639
Willst du nicht löschen meiner Liebe Feuer.
Vorlage S. 766
1640
Ich morde', rief er, 'deiner Sklaven einen,
Vorlage S. 766
1641
Ergibst du dich nicht fügsam meinem Willen;
Vorlage S. 766
1642
Dann werd' ich dich im Tode ihm vereinen
Vorlage S. 766
1643
Und schwören: Beide traf ich euch im Stillen
Vorlage S. 766
1644
Der Wollust an und tötet' um deswillen
Vorlage S. 766
1645
Euch beide im unzüchtigen Umschlingen –
Vorlage S. 766
1646
Das wird mir Ruhm, dir ewige Schande bringen.'
Vorlage S. 766
1647
Entsetzt fuhr ich empor, fing an zu schrein,
Vorlage S. 766
1648
Doch er, sein Schwert gezückt, droht' mir mit Mord
Vorlage S. 766
1649
Und schwur, ergäb' ich mich nicht willig drein,
Vorlage S. 766
1650
Gesprochen hätt' ich dann mein letztes Wort
Vorlage S. 766
1651
Und nur mein Name lebte schimpflich fort,
Vorlage S. 766
1652
Denn alle Römer würden von mir sagen,
Vorlage S. 766
1653
Dass man bei einem Sklaven mich erschlagen.
Vorlage S. 766
1654
Mein Feind war stark, ich schwach, und um so schwächer,
Vorlage S. 766
1655
Als ich durch ihn all' meinen Mut verlor,
Vorlage S. 766
1656
Stumm machte mich mein blut'ger Urteilssprecher,
Vorlage S. 766
1657
Recht und Verteidigung ließ er gar nicht vor,
Vorlage S. 766
1658
Der sein Gelüst zum Zeugen rief und schwor,
Vorlage S. 766
1659
Dass meine Schönheit ihm das Herz geraubt,
Vorlage S. 766
1660
Und Schuld und Strafe komme auf mein Haupt.
Vorlage S. 766
1661
O, lehr' du mich Entschuldigungen finden,
Vorlage S. 766
1662
Lass mindestens dies meine Zuflucht sein:
Vorlage S. 766
1663
Konnt' ich mein Blut dem Unrecht nicht entwinden,
Vorlage S. 766
1664
Blieb mein Gemüt doch makellos und rein
Vorlage S. 766
1665
Und frei von Zwang in freier Liebe dein,
Vorlage S. 766
1666
Es hat der Unschuld ungetrübte Helle
Vorlage S. 766
1667
Bewahrt in seiner pestgeschwärzten Zelle.« –
Vorlage S. 766
1668
Er, wie ein Kaufmann plötzlich durch Verlust
Vorlage S. 766
1669
Verarmt, steht da, zu schwach, den Schmerz zu tragen,
Vorlage S. 766
1670
Den Kopf gesenkt, die Arme auf der Brust,
Vorlage S. 766
1671
Die Augen starr. Er möchte gerne klagen,
Vorlage S. 766
1672
Was ihn bewegt, und kann's vor Schmerz nicht sagen;
Vorlage S. 766
1673
Umsonst strebt er danach in stummer Pein:
Vorlage S. 766
1674
Was er ausatmet, trinkt sein Atem ein.
Vorlage S. 766
1675
Wie hoch die Flut durch einen Brückenbogen,
Vorlage S. 766
1676
Dem Aug' enteilend, mächtig vorwärts drängt,
Vorlage S. 766
1677
Um strudelnd gleich darauf zurückzuwogen
Vorlage S. 766
1678
Zum engen Tor, durch das sie sich gezwängt,
Vorlage S. 766
1679
Und so am Ausgang wieder sich verfängt,
Vorlage S. 766
1680
So geht sein Schluchzen stets dieselben Wege,
Vorlage S. 766
1681
Nur immer hin und her, gleich einer Säge.
Vorlage S. 766
1682
Lucretia weckt aus des Bewusstseins Schlummer
Vorlage S. 766
1683
Den Gatten, da sie sieht sein stummes Leid:
Vorlage S. 766
1684
»Durch deinen Kummer mehrst du meinen Kummer«,
Vorlage S. 766
1685
Sprach sie, »wie Flut sich mehrt bei Regenzeit;
Vorlage S. 766
1686
Du brauchst den Ausdruck deiner Traurigkeit
Vorlage S. 766
1687
Nicht meiner Schmerzensflut hinzuzufügen:
Vorlage S. 766
1688
Ein Paar verweinter Augen mag genügen.
Vorlage S. 766
1689
Um meinetwillen, die dir treu vereint
Vorlage S. 766
1690
Als Gattin war, verzögre nicht die Rache
Vorlage S. 766
1691
An meinem, deinem Feind, der selbst sich feind!
Vorlage S. 766
1692
Ist auch nichts mehr zu ändern an der Sache,
Vorlage S. 766
1693
Zu deren spätem Rächer ich dich mache,
Vorlage S. 766
1694
Zu spät für mich – doch töte den Verräter,
Vorlage S. 766
1695
Denn schonend Recht vermehrt die Missetäter.
Vorlage S. 766
1696
Doch, edle Herrn, eh' nenn' ich ihn euch nicht
Vorlage S. 766
1697
(So redet sie zu Collatin's Geleit'),
Vorlage S. 766
1698
Bis ihr mir schwört bei eurer Ehrenpflicht,
Vorlage S. 766
1699
Dass jeder von euch seinen Arm mir leiht
Vorlage S. 766
1700
Zu meiner Sühne ehrenvollem Streit,
Vorlage S. 766
1701
Denn dazu haben Edle ihre Waffen,
Vorlage S. 768
1702
Wehrlosen Frau'n Gerechtigkeit zu schaffen.«
Vorlage S. 768
1703
Voll edlen Eifers sind sie rasch bereit,
Vorlage S. 768
1704
Ihr Beistand zu geloben nach Gewissen
Vorlage S. 768
1705
Und Ritterpflicht in solchem Ehrenstreit;
Vorlage S. 768
1706
Doch möchten sie des Feindes Namen wissen,
Vorlage S. 768
1707
Den zu verbergen immer noch beflissen
Vorlage S. 768
1708
Lucretia; sie spricht nur: »Sagt mir an,
Vorlage S. 768
1709
Womit ich meinen Schandfleck löschen kann!
Vorlage S. 768
1710
Worin besteht die Schuld der Sünderin,
Vorlage S. 768
1711
Die der Gewalt nicht konnte widerstreben?
Vorlage S. 768
1712
Erlöst mich von der Schmach mein reiner Sinn,
Vorlage S. 768
1713
Die tiefgesunk'ne Ehre neu zu heben?
Vorlage S. 768
1714
Darf ich befrei'nder Hoffnung mich ergeben?
Vorlage S. 768
1715
Selbst klärt die Quelle sich, die man getrübt,
Vorlage S. 768
1716
Warum wird gleiches nicht in mir geübt?« –
Vorlage S. 768
1717
»Ja«, riefen alle, »was den Leib geschändet,
Vorlage S. 768
1718
Wird durch die reine Seele weggefegt!« –
Vorlage S. 768
1719
Doch sie mit freudelosem Lächeln wendet
Vorlage S. 768
1720
Ihr Antlitz, das des Unglücks Spuren trägt,
Vorlage S. 768
1721
Durch heiße Schmerzenstränen eingeprägt.
Vorlage S. 768
1722
»Nein«, ruft sie, »ich darf Frau'n, die nach mir leben,
Vorlage S. 768
1723
Kein Beispiel leicht gesühnter Sünde geben!«
Vorlage S. 768
1724
Und seufzend tief, als wollt' ihr Herz nun brechen,
Vorlage S. 768
1725
Stößt sie Tarquinens Namen aus: »Er! Er!«
Vorlage S. 768
1726
Und nichts als »Er!« kann ihre Zunge sprechen;
Vorlage S. 768
1727
Dann hält sie ein, seufzt wieder, atmet schwer
Vorlage S. 768
1728
Und haucht noch matt die Worte hinterher:
Vorlage S. 768
1729
»Er ist's, er, der mir schuf mein traurig Los
Vorlage S. 768
1730
Und meine Hand jetzt führt zum Todesstoß.«
Vorlage S. 768
1731
Bei diesem Wort durchbohrt der scharfe Stahl
Vorlage S. 768
1732
Die reine Brust; empor die Seele schwebt,
Vorlage S. 768
1733
Erlöst von des befleckten Kerkers Qual,
Vorlage S. 768
1734
Worin sie atmend unruhvoll gelebt;
Vorlage S. 769
1735
Der Geist, befreit von Erdenleiden, hebt
Vorlage S. 769
1736
Zum Himmel sich, und aus der Wunde fährt,
Vorlage S. 769
1737
Was, frei von Zeitgeschicken, ewig währt.
Vorlage S. 769
1738
Und wie versteinert bei der Toten da
Vorlage S. 769
1739
Stand mit den Freunden Collatin im Bunde,
Vorlage S. 769
1740
Doch als ihr Blut Lucretiens Vater sah,
Vorlage S. 769
1741
Warf er sich auf sie. Sie traf bis zum Grunde
Vorlage S. 769
1742
Ihr Herz; den Stahl zog Brutus aus der Wunde;
Vorlage S. 769
1743
Es kamen ihres Blutes Purpurwogen
Vorlage S. 769
1744
Dem Stahl, wie Rache heischend, nachgezogen. –
Vorlage S. 769
1745
So dass vom Busen ihr zwei Ströme gleiten,
Vorlage S. 769
1746
Die so sich scheiden, dass das Purpurblut
Vorlage S. 769
1747
Den Körper ganz umfließt von beiden Seiten,
Vorlage S. 769
1748
Der mitten wie ein wüstes Eiland ruht,
Vorlage S. 769
1749
Entvölkert, nackt in dieser Schreckensflut.
Vorlage S. 769
1750
Ein Teil des Blutes rein und rot noch sprudelt;
Vorlage S. 769
1751
Doch schwarz scheint andres, von Tarquin besudelt.
Vorlage S. 769
1752
Und um das trauerstarre Antlitz scheint
Vorlage S. 769
1753
Das schwarze Blut zum Wasserreif zu steigen,
Vorlage S. 769
1754
Der um die Stätte der Entweihung weint.
Vorlage S. 769
1755
Seitdem, um Mitleid diesem Leid zu zeigen,
Vorlage S. 769
1756
Blieb schlechtem Blut solch Wasserzeichen eigen,
Vorlage S. 769
1757
Und purpurrot blieb nur das unbefleckte,
Vorlage S. 769
1758
Vor Scham errötend um das angesteckte.
Vorlage S. 769
1759
»O Tochter, teure Tochter!« rief Lucrez,
Vorlage S. 769
1760
»Mein eignes Leben hast du dir genommen;
Vorlage S. 769
1761
Des Vaters Abbild lebt im Kinde stets,
Vorlage S. 769
1762
Wie kann mir ohne dich zu leben frommen?
Vorlage S. 769
1763
Nicht darum bist du mir als Kind gekommen!
Vorlage S. 769
1764
Stirbt vor den Eltern hin das Kind, dann sind
Vorlage S. 769
1765
Nachkommen diese und nicht mehr das Kind.
Vorlage S. 769
1766
Zerbrochner Spiegel, o, wie oft erschien
Vorlage S. 769
1767
Ich mir in deinem Bilde neu geboren!
Vorlage S. 769
1768
Nun, statt der Schönheit, die du ließest fliehn,
Vorlage S. 769
1769
Hast du das Bild des Tods heraufbeschworen,
Vorlage S. 769
1770
Durch dich hat dein Gesicht mein Bild verloren.
Vorlage S. 769
1771
In Scherben liegt mein Spiegel ganz und gar
Vorlage S. 769
1772
Und nimmer seh' ich, was ich weiland war.
Vorlage S. 769
1773
O Zeit, geh' selbst zur Ruh', hör' auf zu fliegen,
Vorlage S. 769
1774
Musst du im Flug, was leben soll, erschlagen;
Vorlage S. 769
1775
Soll fauler Tod die blüh'nde Kraft besiegen
Vorlage S. 769
1776
Und welke Schwäche nur das Leben tragen?
Vorlage S. 769
1777
Stirb, alte Biene! lass sich junge plagen.
Vorlage S. 769
1778
Erwache, süße Tochter, und sieh' mich,
Vorlage S. 769
1779
Den Vater, sterben, nicht der Vater dich!«
Vorlage S. 769
1780
Jetzt, wie aus einem Traum, fährt Collatin
Vorlage S. 769
1781
Empor und fleht Lucrez an, dass er weiche,
Vorlage S. 769
1782
Wirft in Lucretia's strömend Blut sich hin,
Vorlage S. 769
1783
Drin badend sein Gesicht, das schmerzensbleiche;
Vorlage S. 769
1784
Er liegt wie bei der Leiche eine Leiche,
Vorlage S. 769
1785
Bis Mannesscham ihn wieder hebt und spricht:
Vorlage S. 769
1786
»Steh' auf, zu leben deiner Rachepflicht!«
Vorlage S. 769
1787
Der tiefe Schmerz, der seine Brust beklemmte,
Vorlage S. 769
1788
Hielt seine Zunge lang in stummem Zwange,
Vorlage S. 769
1789
Die, wütend, dass der Schmerz den Lauf ihr hemmte
Vorlage S. 769
1790
Und ein befreiend Wort verbot so lange,
Vorlage S. 769
1791
Nun plötzlich klang, doch in so wirrem Klange,
Vorlage S. 769
1792
Dass, wieviel Klageworte sie auch fand,
Vorlage S. 769
1793
Kein Ohr auch nur ein einzig Wort verstand.
Vorlage S. 769
1794
Zuweilen war's, als hörte man den Namen
Vorlage S. 769
1795
»Tarquin«, doch wie zerbissen von den Zähnen,
Vorlage S. 769
1796
Der Wortsturm schien, bis Regenschauer kamen,
Vorlage S. 769
1797
Nur um sie zu vermehren, sich zu dehnen,
Vorlage S. 769
1798
Denn als er schwieg, in Strömen flossen Tränen,
Vorlage S. 769
1799
Und Sohn und Vater weinten um die Wette,
Vorlage S. 771
1800
Wer um Lucretia reichre Tränen hätte.
Vorlage S. 771
1801
Der eine wie der andre nennt sie sein,
Vorlage S. 771
1802
Doch keiner will des andern Anspruch tragen.
Vorlage S. 771
1803
»Mein ist sie!« ruft der Vater, »mein, o mein! ...«
Vorlage S. 771
1804
Der Gatte ruft: »Nur ich darf um sie klagen,
Vorlage S. 771
1805
Kein andrer darf, mein Recht verkürzend, sagen,
Vorlage S. 771
1806
Er traure um mein Weib, denn sie war mein
Vorlage S. 771
1807
Und mir geziemt die Trauer ganz allein!«
Vorlage S. 771
1808
»Ach!« rief Lucrez, »ich gab dies Leben ihr,
Vorlage S. 771
1809
Das sie zu früh und doch zu spät zerstört.«
Vorlage S. 771
1810
»Weh' mir!« seufzt Collatin, »Weib war sie mir,
Vorlage S. 771
1811
Ermordet hat sie, was nur mir gehört.«
Vorlage S. 771
1812
So streiten sie, von ihrem Schmerz betört.
Vorlage S. 771
1813
»Mein Weib! mein Kind!« – von diesem Echo bebt
Vorlage S. 771
1814
Die Luft, in der Lucretiens Geist verschwebt. –
Vorlage S. 771
1815
Brutus, der aus der Wunde zog den Stahl,
Vorlage S. 771
1816
Als er im Wehstreit Sohn und Vater sah,
Vorlage S. 771
1817
Schien stolz verändert jetzt mit einemmal,
Vorlage S. 771
1818
Der Torheit Schein starb mit Lucretia,
Vorlage S. 771
1819
In hoher Würd' und Haltung stand er da!
Vorlage S. 771
1820
Nicht länger will er röm'scher Hofnarr heißen
Vorlage S. 771
1821
Und Fürsten zum Ergötzen Possen reißen.
Vorlage S. 771
1822
Fort wirft er das entstellende Gewand,
Vorlage S. 771
1823
Das er aus kluger Vorsicht trug bis jetzt,
Vorlage S. 771
1824
Und scheucht mit lang verborgenem Verstand
Vorlage S. 771
1825
Den Gram, der Collatinens Auge netzt:
Vorlage S. 771
1826
»Auf«, spricht er, »edler Held, so schwer verletzt!
Vorlage S. 771
1827
Lass jetzt des unbegriffnen Toren Rat
Vorlage S. 771
1828
Dich Weisen führen zu der rechten Tat!
Vorlage S. 771
1829
Wie, Collatin, kann Weh durch Weh gesunden?
Vorlage S. 771
1830
Kann Schmerz dir helfen gegen ein Verbrechen?
Vorlage S. 771
1831
Nennst du es Rache, selbst dich zu verwunden,
Vorlage S. 771
1832
An dir das Blut des teuren Weibs zu rächen?
Vorlage S. 772
1833
Dem Römer ziemen nicht solch' kindische Schwächen!
Vorlage S. 772
1834
Willst du so fehlen, wie Lucretia fehlte,
Vorlage S. 772
1835
Die, statt des Feinds, sich selbst zum Opfer wählte?
Vorlage S. 772
1836
Nein, Römerheld, erweiche nicht dein Herz
Vorlage S. 772
1837
Durch Tränentau und unfruchtbare Klagen;
Vorlage S. 772
1838
Komm', lass uns knien und blicken himmelwärts,
Vorlage S. 772
1839
Dass uns die Götter beistehn, wenn wir wagen,
Vorlage S. 772
1840
Die Schande aus den Straßen Rom's zu jagen;
Vorlage S. 772
1841
Wir wollen unsre Peiniger wieder peinigen
Vorlage S. 772
1842
Und Rom von allem, was verderblich, reinigen.
Vorlage S. 772
1843
Und nun beim hohen Kapitole schwört,
Vorlage S. 772
1844
Beim Sonnenlicht, das Erdenreichtum nährt,
Vorlage S. 772
1845
Und bei dem keuschen Leibe hier, zerstört,
Vorlage S. 772
1846
Bei allen Rechten, die uns Rom gewährt,
Vorlage S. 772
1847
Und bei Lucretiens Seele, schon verklärt,
Vorlage S. 772
1848
Bei ihrem blutigen Stahl – lasst uns versprechen,
Vorlage S. 772
1849
Des teuren Weibs unseligen Tod zu rächen.«
Vorlage S. 772
1850
Er spricht's, die Hand fest auf die Brust gelegt,
Vorlage S. 772
1851
Und küsst den Stahl als seines Eides Zeugen,
Vorlage S. 772
1852
Und alle schwören mit ihm tiefbewegt
Vorlage S. 772
1853
Und staunend ihre Zustimmung bezeugen,
Vorlage S. 772
1854
Wie sie vereint mit ihm die Kniee beugen.
Vorlage S. 772
1855
Zum andernmal sagt' ihnen Brutus vor
Vorlage S. 772
1856
Den heil'gen Eid, und jeder mit ihm schwor.
Vorlage S. 772
1857
Und als sie so gelobt das Strafgericht,
Vorlage S. 772
1858
Beschlossen sie, Lucretia fortzutragen;
Vorlage S. 772
1859
Die blutige Leiche soll dem Volksgesicht
Vorlage S. 772
1860
In Rom Tarquin's verruchten Frevelklagen.
Vorlage S. 772
1861
Schnell ward getan, was Brutus vorgeschlagen,
Vorlage S. 772
1862
Und von dem ganzen Volk, in Wut entbrannt,
Vorlage S. 772
1863
Tarquin auf ewig aus der Stadt verbannt.
Vorlage S. 772

Nach dem Lesen

Dein Blick auf das Kapitel

10er-QuizZitate verstehen · Zusammenhänge erkennen · Lernpunkte sammeln10 Fragen

Eine Antwort ist jeweils richtig. Lies den Textbeleg aufmerksam. Bei einer falschen Antwort kannst du es erneut versuchen.

Angemeldet zählen richtige Antworten für deinen Lernstand. Als Gast übst du ohne Kontopunkte.

Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.

2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Der Blick auf sie macht ihn ganz wirr und wild, Allein der […], den sie auf ihn Gerichtet, will ihn läuternd aufwärts ziehn, Sein sündig Herz für bessre Regung werben.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗ Textstelle 5 ↗ Textstelle 6 ↗ Textstelle 7 ↗

5. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Wie, dass selbst Könige …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse. A: »Manch' sterbend Aug' in mattem Licht noch flimmert, Wie's nachts von ausgeglühten Kohlen schimmert.« B: »O Sünde, tiefer als es auszusprechen Das Wort vermag und der Verstand ergründen!« C: »Vergeltung ließ nach seinem Weib mich streben;«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗ Textstelle 5 ↗

7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Und blickt ihn forschend …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

10. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Er sprach: »Sie nahm mich […] bei der Hand,«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗
Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

1. Ordne diese Textstelle in den Zusammenhang ein: »Grafen von Southampton und Baron von Titchfield«. Was geschieht oder wird hier besprochen? Erkläre in drei bis fünf Sätzen auch, was davor und danach wichtig ist.

Impulse zur Selbstprüfung

Lies die verlinkte Stelle mit ihrer Umgebung. Trenne ausdrücklich Gesagtes von Vermutungen.

  • Situation oder Gedanke verständlich erklärt
  • Mindestens ein passender Textbeleg
  • Eigene Formulierungen statt bloßer Abschrift
Textstelle nachlesen ↗

2. Vergleiche die beiden Ausschnitte: »Grafen von Southampton und Baron von Titchfield« und »Sich Freunde wiedersehn, die beiden standen«. Welche Entwicklung, Gemeinsamkeit oder Spannung erkennst du? Begründe mit beiden Textstellen.

Impulse zur Selbstprüfung

Auch eine gleichbleibende Haltung ist ein mögliches Ergebnis. Erfinde keine Entwicklung, wenn sie sich aus dem Text nicht belegen lässt.

  • Beide Ausschnitte im Zusammenhang gelesen
  • Eine Gemeinsamkeit oder einen Unterschied erläutert
  • Deutung und wörtlichen Beleg unterschieden
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗

3. Untersuche die sprachliche Wirkung dieses Ausschnitts: »Zwei nie von andern unterworfne Welten«. Wähle ein auffälliges Wort, ein Bild oder eine Formulierung. Erkläre seine Wirkung und begründe eine mögliche andere Lesart.

Impulse zur Selbstprüfung

Es gibt nicht nur eine richtige Interpretation. Prüfe beide Lesarten am Kapitel und benenne, was offen bleibt.

  • Sprachliches Merkmal am Wortlaut benannt
  • Wirkung als begründete Deutung formuliert
  • Alternative Lesart oder Grenze der Deutung erklärt
Textstelle nachlesen ↗
Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Grafen von Southampton und Baron von Titchfield«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
  • Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
  • Kennzeichne deine Ergänzungen als erfunden.
Textstelle nachlesen ↗

Niveau 2 · Vertiefung

2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Da du die Ehre mir zu rauben kamst,«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
  • Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
  • Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
Textstelle nachlesen ↗

Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Tarquin auf ewig aus der Stadt verbannt.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
  • Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
  • Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Textstelle nachlesen ↗

Ausgabe, Herkunft und Rechte

Autor und namentlich belegte Übersetzung sind nach den geprüften Lebensdaten in Deutschland gemeinfrei. TextGrid und www.editura.de stellen Struktur und Metadaten unter CC BY 3.0 DE bereit.

Lucretia

William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 2, Herausgegeben von Anselm Schlösser. Berlin: Aufbau, 1975. Shakespeare, William 715- Berlin

Das Werk Lucretia von Shakespeare, William ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.

Quelltext und Ausgabe ↗ · CC BY 3.0 DE; underlying texts public domain per source Lizenz

Originalsprache · Englisch

Vollständiger Originaltext in der genannten digitalen Project-Gutenberg-Ausgabe. Die genaue historische Druckvorlage ist nicht im Katalog belegt. Wortlaut, Rechtschreibung und Interpunktion dieser Quelle bleiben erhalten; HTML-Layout wird in Lesetext übertragen. Unterschiedliche Ausgaben und Übersetzungen können abweichende Kapitelteilungen haben. Keine Behauptung einer Erstfassung oder Absatzparität.

Shakespeare, William: The Rape of Lucrece. Project Gutenberg eBook 1505.

Autorschaft und Ausgabe: Shakespeare, William

Originaltext und Ausgabe ↗ · Project Gutenberg · Lizenz und Nutzungsbedingungen

Die Fassungen folgen den jeweils angegebenen Quellen; ihre Gliederung kann abweichen.

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?

Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.