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Buch - Der Geheimnisvolle - Tieck, Ludwig

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Originalwerk · Lesefassung

Der Geheimnisvolle

Tieck, Ludwig · 1823

Die Begegnung mit einem rätselhaft auftretenden Menschen löst Vermutungen und Verwicklungen aus. Tiecks Novelle untersucht, wie Neugier und vorschnelle Deutungen ein vermeintliches Geheimnis erzeugen.

NovelleKlasse 11–137 Abschnitte
Porträt von Tieck, Ludwig; Kontextbild zur Autorin oder zum Autor, keine Szene aus dem Buch.
Porträt · Tieck, Ludwig · Gbi.bytos · CC BY-SA 4.0 Bildquelle ↗
Hinweise für den Unterricht
  • Historische Sprache und zeitgebundene Wertvorstellungen gemeinsam einordnen. Klassenangaben sind redaktionelle Orientierung.
  • Für die begleitete Analyse in der Oberstufe; je nach Werk werden Gewalt, Sexualität, Krankheit oder historische Diskriminierung thematisiert.

Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.

Deutsch · Abschnitt 1 von 7

Ludwig Tieck · Leseabschnitt 1

Redaktioneller Leseabschnitt innerhalb von „Ludwig Tieck“. Die zusätzliche Gliederung verändert weder Wortlaut noch Reihenfolge.

1
Ludwig Tieck
2
Der Geheimnißvolle
3
Es war schon Abend, und ein Schneegestöber verdunkelte die Luft noch mehr, als die Wirthin des Gasthofes dem Aufwärter befahl, das Thor des Hauses zu verriegeln. Bei dem Wetter, rief sie, kömmt doch keine Herrschaft mehr; der große Wagen ist in die Stadt gefahren, wie es immer geschieht.
Vorlage S. 345
4
Wer weiß, antwortete der Diener, die Thore der Festung werden nun geschlossen, und da ist manchem vornehmen Herrn schon mit unserm Hause gedient gewesen. – Sieh da! rief er lebhaft, als sich jetzt wirklich ein Posthorn vernehmen ließ, und die Pferde auch schon im starken Trabe herbei sprangen, und vor dem Hause stille standen.
Vorlage S. 345
5
Kann ich ein geheiztes Zimmer haben? sagte ein junger Mann, indem er, sich schüttelnd, herab stieg, das Haus und die Wirthin vornehm musterte, und zugleich dem Postillion befahl, seinen kleinen Mantelsack in das untere Gemach zu tragen, welches ihm die dienstfertige Wirthin vorerst als ein durchwärmtes angewiesen hatte.
Vorlage S. 345
6
Das muss ein vornehmer Mann sein, sagte die Magd zur Wirthin, als der Postillion mit seinem Wagen wieder weggefahren war. Wie so? fragte diese. Er hat sich schon erkundigt, fuhr jene geschwätzig fort, ob nicht eine Equipage angekommen sei, ihn von hier weiter zu bringen. Indem trat der junge Mann heraus, und befahl das Thor zu öffnen, weil er sich noch ein wenig im Freien umschauen wollte. Zugleich bestellte er ein gutes und reichliches Abendessen, und ließ sich die Namen der vorräthigen Weine hersagen. Die Wirthin lief ängstlich in die Küche, stellte die Mägde an, und vermehrte das schon große Feuer, damit nachher der gnädige Herr nicht warten dürfe.
Vorlage S. 345
7
Es war völlig finster geworden, als der junge Reisende zurückkehrte. Indem er in das Thor wieder eintreten wollte, sah er in der Ferne einige dunkle Gestalten näher schleichen; aber ehe er sie noch unterscheiden konnte, stürzte mit ihm zugleich und vor ihm vorbei ein Unbekannter herein, der hastig das Hausthor zuschlug, und sich in demselben Augenblick knieend und flehend vor ihm hinwarf. Der junge Mann trat verwundernd zurück, jener aber sprach geläufig und gebildet in einer fremden Sprache: machen Sie mich nicht unglücklich, mein Herr; Ihre Großmuth siehe ich an, Sie können mich retten, wenn Sie mir nur erlauben, hier im Hause zu bleiben, und wenn Sie das Wenige, was meine Schlafstelle kosten kann, gütigst bezahlen. Verweigern Sie mir diese geringe Hülfe, so machen Sie einen Unglücklichen völlig elend, der mit seiner ganzen Familie Ihnen gern als einem vom Himmel Gesandten sein ganzes Glück zu danken haben möchte.
Vorlage S. 345
8
Die auf den Steinen des Thorweges hingeworfene Gestalt, der gute Ausdruck des Bittenden, das Plötzliche der Begebenheit hatten den Jüngling erschreckt und erschüttert. Stehn Sie auf, rief er ihm ebenfalls Französisch zu; wenn ich Ihnen helfen kann, müssen die Hausgenossen Sie nicht hier so finden. Erheben Sie sich.
Vorlage S. 345
9
Der Aufwärter kam mit Licht, da er das Thor hatte zuwerfen hören, und der Schein fiel auf eine der sonderbarsten Physiognomieen, die es dem Reisenden fast verleidete, dass er dem Bittenden seine Hülfe zugesagt hatte. Blass und zitternd lehnte dieser an der Mauer, und wehrte mit einem dunkeln Tuche so viel als möglich den Schein vom Gesichte ab; er war mit einem schlechten Oberrock bekleidet, und eine Träne, die jetzt aus einem klaren blauen Auge trat, und ganz die Angst und Verlegenheit des Armen ausdrückte, vermochte über den jungen Mann so viel, dass er von seinem ersten Versprechen der Ueberraschung nicht wieder abging. Hier ist noch, sagte er zu der herbeieilenden Wirthin, ein Mann, der mir angehört, und den ich Ihnen empfehle; er ist mir mit Briefen nachgeschickt. Geben Sie ihm ein gutes Zimmer und Bett, Wein und Abendessen; ich werde alles bezahlen.
Vorlage S. 345
10
Der Fremde, der alles zu verstehen schien, verneigte sich anständig; seine Lippen zitterten, er schien noch etwas sagen zu wollen, aber plötzlich wandte er sich schweigend um, und folgte der Magd, die ihm nach dem Hintergebäude leuchtete.
Vorlage S. 346
11
Der junge Mann war in das Eßzimmer zur ebenen Erde getreten. Er ging unruhig hin und her, und konnte sich von der Erschütterung, die er verbergen wollte, nicht erholen. Ist der Kutscher und die Equipage immer noch nicht da? fragte er die Wirthin, die jetzt mit dem Aufwärter den Tisch deckte, und Speisen und Wein auftrug. Nein, Ihr' Gnaden, antwortete diese, der Schnee hindert wohl jetzt das schnelle Reisen.
Vorlage S. 346
12
Setzen Sie sich zu mir, sagte der junge Mann, es ist mir verdrüßlich, allein zu essen. Die Wirthin, geschmeichelt und verlegen zugleich, verbeugte und krümmte sich, schätzte sich einer solchen Ehre unwürdig, behauptete, sie würde dergleichen Unhöflichkeit nimmermehr wagen, und setzte sich doch endlich selbstgefällig lächelnd ihm gegen über. Sie suchte ihre besten Gaben der Unterhaltung hervor, und erboste sich über den tölpischen Aufwärter, der das Lachen nicht unterdrücken konnte, da er sie so ungeschickt sich geberden, und so vieles Unnöthige breit und umständlich erzählen hörte.
Vorlage S. 346
13
Sie war eben so neugierig, als redselig, und der junge Mann, vom Wein erheitert, ließ sie auch nicht lange darüber in Ungewissheit, wohin er wolle, und weshalb er sich von dem ungünstigen Wetter nicht von seiner Reise habe abhalten lassen.
Vorlage S. 347
14
Ich reise zu meiner Braut nach Franken, fing er an zu erzählen; ein Freund hat mir seine Equipage entgegen schicken wollen, und es ist mir ein Räthsel, weshalb sie nicht kommt. Einige dringende Geschäfte, in Sachen meines Monarchen, die ich durchaus nicht aufschieben konnte, haben bis jetzt meine Reise immer noch verzögert; der alte Graf aber, mein künftiger Schwiegervater, hat nun so stark gemahnt, dass ich alles bei Seite geschoben, einiges selbst unbeendigt habe liegen lassen, um mich nur meiner jungen reizenden Braut nicht länger zu entziehen. Der Mann, den Sie dort einquartiert haben, ist mir noch in größter Eile nachgesandt, um mir einige wichtige Nachrichten mitzutheilen, die ich unterwegs gewiss auch nicht unbenutzt lassen werde.
Vorlage S. 347
15
Es ging die Glocke, und nachdem das Thor geöffnet war, trat ganz weiß beschneiet, in Mütze und weißem Schaafpelz ein untersetzter alter Mann herein, der sich gleich laut schreiend und ziemlich vertraut an den Fremden wandte: da sind Sie ja, Herr von Kronenberg; ei! welchen mühseligen Weg habe ich die letzte Meile herüber machen müssen. – Er überreichte einen Brief, den der Reisende hastig aufbrach, und aus dem ihm zehn oder zwölf Goldstücke, die nicht weiter eingepackt waren, entgegen fielen.
Vorlage S. 347
16
Der Brief enthielt folgendes: »Der alte Herr trägt Bedenken, in diesem bösen Wetter seine Pferde den schlimmen Weg gehn zu lassen, noch mehr aber ängstet er sich um den neuen schönen Wagen. Du musst also schon verzeihen, dass ich Dir, da ich meinen Vater, der schon nicht sonderlich gut gestimmt ist, nicht noch mehr aufbringen will, durch unsern alten Christoph die Einlage übersende, damit Du mit der Post die Strecke über die Berge reisen kannst. Auf der letzten Station findest Du die Equipage, und morgen Abends hofft Dich zu umarmen Dein Carl v. Wildhausen.«
Vorlage S. 347
17
Die Wirthin betrachtete den bäurischen Boten etwas verwundert; doch der Herr von Kronenberg sandte den Alten gleich hinaus, um ihn nach seiner mühseligen Wanderung verpflegen zu lassen. Dann nahm er eins der Goldstücke und winkte den Aufwärter herbei, indem er sagte: bringt dies dem Fremden im Hintergebäude, damit er morgen seine Rückreise antreten kann: zugleich soll für mich auf morgen früh die Post bestellt werden.
Vorlage S. 348
18
Das Gespräch stockte, so lebhaft und vertraulich es auch erst gewesen war; auch konnte es nicht in den Gang kommen, als der Diener den herzlichen Dank des Fremden meldete, und die Frau sich nach diesem etwas näher erkundigte. Die Verlegenheit stieg aber noch höher, als mit dem von der Post zurückkehrenden Aufwärter zugleich ein Fremder herein trat, dem sich der Reisende mit dem Ausrufe: mein Freimund! in die Arme warf.
Vorlage S. 348
19
Ich wollte meinen Augen nicht trauen, sagte dieser; ich zweifelte, als ich dem erleuchteten Fenster vorüber ging, dass Du es sein könntest. Wie in aller Welt –
Vorlage S. 348
20
Er sah jetzt die am Tische sitzende Wirthin, die er mit erstauntem Auge musterte. Der junge Kronenberg wusste nicht, was er sagen sollte; die ältliche Frau zwang sich, die Fassung nicht zu verlieren, und den Platz zu behaupten, zu dem sie erst mit Höflichkeit war gezwungen worden; doch nahm sich endlich der Reisende aus Noth so viel zusammen, dass er sie bat, nach dem Fremden und zugleich nach dem hergesandten Hausknecht zu sehn, ob beiden auch nichts abgehn möchte. Die Frau erhob sich langsam, und verließ nicht ohne Zeichen der Empfindlichkeit das Zimmer.
Vorlage S. 348
21
Sonderbarer Mensch! sagte Freimund, Du scheinst die Frau zu Deiner Gesellschaft eingeladen zu haben, und sendest sie nun meinetwegen wieder fort! Wie kommst Du überhaupt hieher? Zehn Meilen von Deiner Heimat? Da ich Dich dort verheirathet und glücklich glauben musste?
Vorlage S. 349
22
Kronenberg verriegelte die Thür und lehnte die Laden der Fenster an; dann sagte er leise: verrathe mich gegen Niemand, dass Du mich hier angetroffen hast, denn es könnte mir vielen Schaden tun. Ich heirathe nicht, die Verbindung ist völlig aufgehoben.
Vorlage S. 349
23
Also ist das Gerücht dem ich nicht glauben wollte, rief der Freund aus, dennoch wahr? Und Fräulein Cäcilie –
Vorlage S. 349
24
Sie findet sich, sie wünscht es im Grunde selbst. – Aber wie kommst Du hieher?
Vorlage S. 349
25
Ich war, sagte jener, zwei Meilen von hier auf der Jagd, und bin im Begriff nach Hause zu reiten. Ich wollte binnen wenigen Tagen Dich besuchen, um Dich als Ehemann kennen zu lernen.
Vorlage S. 349
26
Lassen wir dies Gespräch, sagte Kronenberg, mit empfindlichem Tone abbrechend, – ich und Cäcilie wären unglücklich geworden, wahrhaft elend, – ich kann aber unmöglich so plötzlich und in Eil das ganze Gewebe von Empfindungen, Verhältnissen und Mißverständnissen auseinanderfalten, das diesen Schritt, wenn er auch auffallend ist, notwendig machte.
Vorlage S. 349
27
Unglück – Elend – sagte der Freund, ja dies sind freilich zwei schwer wiegende Worte, die im Leben meistentheils weit mehr Sinn, als »Glück« und »Wonne« haben. – Und wohin gehst Du von hier?
Vorlage S. 349
28
Auch das darf ich Dir nicht sagen, antwortete der Verstimmte, und keinem meiner Freunde. –
Vorlage S. 350
29
Sieh da, nahm Freimund das Wort, um dem Gespräch eine völlig entgegengesetzte Wendung zu geben, Du führst ja das Werk mit Dir, von welchem jetzt in allen Gesellschaften die Rede ist. Findet man größtentheils die Beobachtungen wahr und scharfsinnig, so erschreckt doch viele der kecke Ton und die harte Anklage eines Mannes, der jetzt einen Theil von Europa regiert. Die größte Neugier ist aber darauf gespannt, wer wohl der Autor sein möchte. Man räth auf Bekannte und Unbekannte. Dass dies Buch Dir nur nicht, wenn Du vielleicht weit reisen solltest, gefährlich wird.
Vorlage S. 350
30
Mir? sagte Kronenberg mit Lächeln. Und von wem glaubst Du es geschrieben?
Vorlage S. 350
31
Ich bin hierüber ganz unwissend. Auch ist mir die Schreibart völlig fremd.
Vorlage S. 350
Porträt von Tieck, Ludwig; Kontextbild zur Autorin oder zum Autor, keine Szene aus dem Buch.
Kontextbild zum Werk. Porträt · Tieck, Ludwig · Gbi.bytos · CC BY-SA 4.0 Bildquelle ↗
32
Das sollte sie Dir doch, wenigstens zum Theil, nicht sein, denn Du hast schon manches vom Verfasser gelesen.
Vorlage S. 350
33
Du kennst ihn also? – Da Kronenberg geheimnißvoll und etwas schelmisch lächelte, so fuhr Freimund überrascht und erschreckt heraus: Wie? Du bist es doch nicht selbst? Unmöglich!
Vorlage S. 350
34
Warum unmöglich? erwiederte jener; ich will damit nicht sagen, dass geradezu alles von mir herrühre; auch konnte ich natürlich hier in Deutschland nicht alle Thatsachen erfahren. Aber da ich, wie Du weißt, gute Quellen in Paris habe, mit Männern verbunden bin, die die Regierung nahe beobachten konnten, so war ich dadurch in den Stand gesetzt, die Schilderung dieses gefährlichen Mannes, wie ich glaube, ziemlich getreu entwerfen zu können.
Vorlage S. 350
35
Das ist mir so neu, rief Freimund aus, dass ich mich noch von meinem Erstaunen nicht erholen kann. Und Du wagst es, dies zu gestehn, da uns vielleicht, ja wahrscheinlich, ein Krieg mit diesem wunderbaren Manne und seinem aufgeregten Volke nicht mehr fern ist? Da unserm Vaterlande wohl die sonderbarsten und traurigsten Verhältnisse zubereitet werden?
Vorlage S. 351
36
Was der Deutsche tut und behauptet, antwortete der Freund, muss er auch mit Muth können vertreten.
Vorlage S. 351
37
Nach einer Stunde verließ Freimund, nachdem er noch einmal seine wohlgemeinten Warnungen wiederholt hatte, den Reisenden. Dieser ging nachdenkend auf sein Zimmer, und als er am Morgen vom Posthorn geweckt wurde und sich schnell angekleidet hatte, fand er die Rechnung, die er zwar nicht klein vermuthet, übermäßig groß. Er dachte bei sich, dass sie wohl mäßiger ausgefallen sein würde, wenn die höfliche und vertraute Conversation mit der Wirthin nicht wäre unterbrochen worden. Ein offner Wagen war vorgefahren, und da sich wieder ein Schneegestöber ankündigte, bestieg Kronenberg dieses Fuhrwesen mit unfreundlicher Miene; denn er musste in den Bergen und schlechten Wegen einen ziemlich unangenehmen Tag erwarten. Der Aufwärter schalt auf die schlechte Einrichtung der Posten, die Wirthin zeigte sich aber nicht. Als der Wagen um das Haus fuhr, sah durch ein schmales Fenster ein bleiches Gesicht, welches der Reisende für das des Bittenden von gestern Abend erkannte; dieser streckte die Hände, mit denen er vorher den Mund berührte, wie dankend, ihm nach. Kronenberg hüllte sich in seinen Mantel, und hatte keine Lust, mit dem alten Christoph, der sich in seinem Schaafpelz auf den Wagen gewälzt hatte, ein Gespräch anzuknüpfen; er war um so mißlauniger, da er im Abfahren einen spöttischen Zug in dem Gesichte des Aufwärters bemerkt zu haben glaubte.
Vorlage S. 351
38
Kaum hatten sie sich eine halbe Meile von der Stadt entfernt, als der Wagen, gegen einen Baumstamm geworfen, umfiel, und die Reisenden in den tiefen Schnee stürzten. Das ist eine mühselige Anstalt, sagte verdrüßlich der alte Christoph; diese letzte Meile hat mich auch gestern den größten Aerger und die meiste Anstrengung gekostet. Ein Wagen mit Korn wurde in die Stadt geschickt, das ging noch leidlich, – dann fand ich Gelegenheit, mit dem Postwagen weiter zu fahren, – aber diese letzte Meile hier im Gebirge! Kronenberg suchte ihn zu trösten, und als man sich wieder vom Schnee gesäubert hatte und aufgestiegen war, froh, dass der Unfall keine schlimmeren Folgen gehabt hatte, musste der junge Mann den Alten schon gewähren lassen, der sich durch Schwatzen wenigstens für seine Leiden zu entschädigen suchte. Er berichtete weitläufig den Zustand der ganzen Haushaltung jener Familie, die Kronenberg noch diesen Abend sehen sollte; er verlor sich in Geschichten und Anekdoten, und verschwieg nicht viele Lächerlichkeiten, die den alten gnädigen Herrn charakterisirten, und den Sohn, den Freund Ferdinands, nicht in das beste Licht stellten. Nichts als Noth und Plackerei, fügte er endlich seinem Berichte hinzu; und wenn sie am Ende gar nicht mehr aus und ein wissen, so ist der alte Christoph gut genug, um Rath zu schaffen, oder meilenweit zu wandern, um nur die lieben Pferde zu schonen, und den neumodischen Kutscher nicht verdrüßlich zu machen; denn glauben Sie mir nur, mein gnädiger Herr, auf mein Wort: unter tausend Herrschaften ist kaum eine halbe, die das Regieren versteht: der beste Domestik kommt aus den Strängen, wenn ihm nicht auf eine vernünftige Art befohlen wird: er verliert nach und nach seine Gaben und seine Tugend dazu. Anerkannt muss der Mensch werden, mag er doch treiben, was er will; ohne das keine Sicherheit. Wenn ich ein junger Lieutenant wäre, wollte ich den ältesten und gewiegtesten Grenadier aus seiner Fassung bringen, und ihn durch beständiges Mäkeln und unvernünftiges Tadeln in vier Wochen confus und zum unordentlichen und schlechten Soldaten machen. Ich höre manchmal, wenn ich durch den großen Saal gehe, dass der junge Herr über Regenten und Staatsmänner räsonnirt, und alle für nichts Besonderes halten will, indem sie die Regierungskunst nicht verständen. Ob er Recht hat, weiß ich nicht, aber bei sich sollte er doch ja anfangen; denn er ruinirt alle Bedienten im Schloß durch seine Zerstreutheit, und nachher, wenn er Fehler verursacht hat, durch unnöthige Strenge; so macht er sie nach und nach alle tückisch; etliche sind schon Schurken geworden, die nun die andern auch anstecken. Denn, wie gesagt, ohne verständige Ordnung, Pünktlichkeit, Stundenhalten, giebt es gar keinen Menschenverstand in der Welt.
Vorlage S. 352
39
Du bist immer ein zu strenger und moralischer Kauz gewesen, antwortete Kronenberg unter seinem Mantel hervor.
Vorlage S. 353
40
Warum Kauz? fuhr Christoph fort: Kauz sollte man nur solche Leute tituliren, aus denen man nicht klug werden kann. Ich verlange von meiner Herrschaft und allen Menschen, die mir in die Quere oder in die Richte kommen, nichts Besondres und Kurioses, keine Liebe oder großmüthige Geschenke, keine raren Tugenden und brillante Klugheits-Mirakel, sondern das allerordinärste Wesen, was eigentlich der Hund noch von seinem Herrn fordern kann, wenn er ein brauchbares Thier bleiben soll. Und dies Ding, eben weil es so ordinär ist, ist allen den neuern überweisen Herren zu geringe, – es fällt nicht in die Augen, es ist auch noch nicht für einen Pfennig Lobenswerthes daran; darum geht es auch ganz in der Welt aus, und eben deswegen wird es auch bald so wenig Diener wie Herren auf Erden geben, sondern nur eine allgewaltige Confusion, ein Hin- und Herschreien, ein Spektakel, hinter dem nichts steckt, – und dann heißt es am Ende doch, der gemeine Mann taugt nichts.
Vorlage S. 353
41
Du bist also mit der ganzen Welt unzufrieden? warf Kronenberg ein.
Vorlage S. 354
42
Ich kenne die Welt nur so weit, murrte der Alte fort, als meine Nase reicht. Ich verstehe es nicht, wie man die Menschen nicht kennt, mit denen man täglich zu tun hat. So kenne ich meine Herrschaft und was zum Hause gehört. Aber die Herrschaft, am wenigsten unser junger überkluger Herr, kennt uns, ihre Bedienten nicht, – sie sieht so wenig, was an uns gut ist, als was nicht taugt. Wird man nun manchmal gelobt um etwas, wo ein tüchtiger Herr den Stock hervorsuchte, oder ausgehunzt wegen Sachen, die man so recht mit Verstand und Liebe getan hat, kriegen die Schlechten in allem Streite Recht, wird jede Verhetzung und dumme Klätscherei von den Gnädigen mit Freuden aufgenommen, so ist auch bald ein Nest von schlechten Dienstboten fertig. Ich denke nur, solche Herren, die ihr kleines Hauswesen nicht in Ordnung halten können, sollten nicht über ihre Vorgesetzten so scharfe Mäuler aufthun.
Vorlage S. 354
43
Das verstehst Du nicht, sagte der junge Mann; die Kälte und das Wetter, am meisten Dein gestriger Marsch, haben Dich verdrüßlich gemacht.
Vorlage S. 354
44
Und das rechtschaffen, sagte Christoph. Sie thaten gestern, als kennten Sie mich nicht, und es hing auch nur an einem Haare, so wäre ich Ihnen gestern Abend nicht vor Augen gekommen.
Vorlage S. 354
45
Und wie das? –
Vorlage S. 355
46
Endlich sah ich die verwünschte Festung vor mir liegen, so fuhr Christoph fort, und da ich nun mich um die Stadt herumquälte, um nach Ihrem Wirthshause zu kommen, wurde es schon ganz finster, und stürzend und fallend, hungrig, durstend und erfroren bin ich nun in der Nähe des goldnen Schwans, und sehe schon die Lichter. Da kommen mit einem mal vier bis fünf Kerle um die Ecke hervor, nehmen mich fest, und schreien: nun, endlich! dir haben wir lange schon aufgelauert! Ich wehr' mich und stoße und schlage, und als es mir endlich gelingt, meine dicke Mütze aufzuknöpfen, weil ich vor der nicht zu Worte konnte, so schrie ich nun aus aller Macht: was wollt ihr denn, ihr Hallunken, ihr Straßenräuber? nebst einigen andern Ehrentiteln, die mir im Zorn heraus fuhren. Da ließen sie mich los, gingen wieder um die Ecke, und brummten: nein, der ist es nicht, lasst ihn! der Mann versteht unsre gute deutsche Muttersprache zu vollkommen. – So weiß ich nicht, für welchen Hasenfuß sie mich müssen gehalten haben; aber man sieht doch daraus, wie kein Mensch dem andern mehr traut, wie man selbst auf der Landstraße nicht mehr sicher ist, wie die Confusion immer mehr um sich greift, und alles, mag ich hinkommen, wohin ich will, ganz anders aussieht, als wie vor zwanzig oder dreißig Jahren.
Vorlage S. 355
47
Die mühselige Station war unter diesen und ähnlichen Gesprächen zu Ende, noch früher, als man gedacht hatte. Nun breitete sich wieder das ebene Land aus, und die Reisenden erreichten auch ohne alle Unfälle die nächste Post, wo sie im kleinen Städtchen den neuen Wagen schon vor dem Gasthofe halten sahen. Der elegante Kutscher begrüßte den jungen Herrn, Kronenberg setzte sich, da es Mittag war, an die Wirthstafel, und ließ, nach einem freundlichen Gespräch, dem alten Christoph, so wie dem Kutscher, ein gutes Essen und eine Flasche Wein vorsetzen. Der Alte schmunzelte vor sich hin, als wenn er dächte: der Herr will tun, als wenn er mit uns Domestiken umzugehen wüsste.
Vorlage S. 355
48
Man fuhr lustig wieder aus der Stadt, indem der Kutscher nach englischer Weise auf einem der Pferde ritt. Der bequeme Wagen erschien nach dem offnen Fuhrwerke der Post dem jungen Reisenden äußerst angenehm. Auch währte es nicht lange, so hatte ihn die schaukelnde Bewegung in einen angenehmen Schlummer gewiegt. Als er nach einem Stündchen erwachte, hörte er von draußen vom Bocke der Kutsche ein seltsames verwirrtes Gespräch, und sah, dass sich neben den alten Christoph noch Jemand gesetzt hatte. Der Alte eiferte und sprach laut, und der Fremde schien ihn nicht recht zu verstehen und erwiederte nur im gebrochenen Deutsch. Im Ereifern stießen sie einmal an das Glas, und der Fremde sah erschrocken um. Bei dieser Wendung glaubte Kronenberg jenen Mann wieder zu erkennen, der sich ihm gestern Abend auf eine so auffallende Weise genähert hatte. Es schien ihm aber unmöglich, dass dieser sich schon hier befinden könne, indem er selbst, trotz den schlechten Wegen, schnell genug gereiset war.
Vorlage S. 356
49
Er fand sich in diesen Betrachtungen gestört, indem man jetzt durch eine kleine Stadt fuhr, und auf dem ganz zerrissenen Pflaster der Wagen so erschüttert wurde, dass auch bald, obgleich der Kutscher ziemlich vorsichtig lenkte, etwas zerbrochen war. Man hielt vor der Schenke, der Fremde half ämsig und höflich dem Reisenden beim Aussteigen, indeß Christoph den Schmidt herbei rief. Der Unbekannte war im Zimmer eben so eifrig, den jungen Kronenberg beim Auskleiden zu bedienen, und fragte dann, ob er sonst irgend etwas befehle. Die Diener brachten einige Erfrischung, und nachdem sich der Fremde ebenfalls hatte setzen müssen, fragte ihn der junge Mann: wie ist es nur möglich, dass Sie mich schon haben einholen können, da ich Sie unmöglich wieder zu sehn erwarten durfte?
Vorlage S. 356
50
Es konnte auch nur durch den sonderbarsten Zufall geschehen, antwortete der Unbekannte in seiner Sprache: Sie waren kaum abgereiset, als ein Kourier mit einer eiligen Sendung ankam. Der Mann war mir bekannt, und er nahm mich bis zur nächsten großen Stadt, wo sich unsere Wege trennten, mit. Auf dem guten Wege, obgleich er einige Meilen weiter ist, konnten wir schneller reisen; in der Stadt traf ich einen abgehenden Wagen, der mich bis zu jenem Orte brachte, in dem ich Ihre Equipage antraf, die ich so dreist war, auf Ihre gütige Erlaubnis rechnend, zu benutzen, und hier werde ich mich Ihnen mit gerührtem Danke empfehlen, und das Bild meines Wohlthäters ewig in meinem treuen Herzen bewahren; denn schon ganz nahe ist jene Stadt, wo ich Hülfe und Freunde mit Sicherheit erwarten darf.
Vorlage S. 357
51
Sie verzeihen, sagte Kronenberg, wenn ich vor unserm Abschiede einige Fragen an Sie richte. Sie überraschten mich gestern, und ich war, als ich mich besonnen hatte, nicht ohne Unruhe, ob ich mir nicht selbst Unfälle zuziehe, ob ich nicht vielleicht sogar etwas Sträfliches that. Ich sehe, Sie vermeiden es, in den Städten gesehn zu werden; Sie wurden, als wir zuerst auf einander trafen, sogar verfolgt, und da Sie mich interessirt haben, da ich sehe, dass ich einem seinen und gebildeten Manne, so viel ich konnte, geholfen habe, so möchte ich auch wohl durch eine etwas nähere Bekanntschaft ein reines ungetrübtes Bild von Ihnen in meinem Gedächtnis aufbewahren.
Vorlage S. 357
52
Mein Herr, sagte der Unbekannte, mein Namen bleibt Ihnen völlig fremd, wenn ich Ihnen auch sage, dass ich Cronibert heiße und mit meiner Familie in Rouen wohne. Dasjenige, was so seltsam erscheinen mag, ist ein gewöhnliches Unglück, eine klägliche Lage, in die ich gerieth, als Familienverhältnisse und eine vermeintliche Erbschaft mich nach dem nördlichen Deutschland riefen. Statt eines gehofften großen Vermögens fand ich Verwirrung; näher scheinende Ansprüche und künstliche Verhandlungen vor den Gerichten verdrängten meine Forderungen. Für einen längern Aufenthalt war meine Baarschaft nicht eingerichtet, – von Hause konnte ich nur spärlichen Zuschuß erwarten, und als dieser endlich ankam, ging das Meiste davon wieder auf, um die Schulden zu bezahlen, die ich indessen hatte machen müssen. Mit leichter Börse und schwerem Herzen begab ich mich auf den Rückweg, im bittern Gefühl, den Meinigen statt der Wohlhabenheit nur größere Armuth zurück zu bringen. Die kleine Summe, so sehr ich sparte, obgleich ich meist zu Fuß wanderte, war endlich doch völlig geschwunden, und was ich nun empfand, als mir ein böser Mensch in der Nachtherberge meinen Paß geraubt hatte, und ich so manchen Hartherzigen um ein Almosen ansprechen musste, können Sie sich unmöglich vorstellen, da mir selbst bis dahin diese Gefühle unbekannt geblieben waren. In dieser schrecklichen Lage war ich auch dort im Städtchen nach Hülfe umhergewandert; die Armenaufseher waren mir auf die Spur gekommen, sie hatten erfahren, dass ich ohne Paß sei, und wären Sie, mein verehrter Beschützer, weniger großmüthig gewesen, so hätte man mich dort als Bettler und Vagabonden fest gesetzt, und ich und meine Frau und unerzogenen Kinder waren dem Verderben Preis gegeben.
Vorlage S. 358
53
Er konnte diese Erzählung nicht ohne Tränen schließen, so wenig als sie Kronenberg ohne Rührung hatte hören können. Es giebt freilich Verhältnisse, sagte dieser bewegt, die so furchtbar den Menschen einengen und foltern, dass es grausam und gottlos wäre, wenn auch der Wildfremde, ohne lange zu fragen, nicht herbei springen und helfen wollte. Ich wünschte nur, ich konnte mehr für Sie tun, als Ihnen noch eine kurze Strecke Ihrer Reise erleichtern. – Mit diesen Worten wollte er dem Unglücklichen noch einige Goldstücke in die Hand drücken, dieser aber trat mit dem edelsten Ausdrucke einige Schritte zurück und rief aus: nein, mein Wohlthäter, das kann ich von Ihnen nicht annehmen, denn Sie haben genug für mich getan, und da ich zwei Meilen von hier Freunde und gewisse Hülfe finde, so wäre dies nur ein Missbrauch Ihrer Güte. Könnte ich nur so glücklich sein, Ihnen einmal einen Dienst, oder nur eine Gefälligkeit zu erzeigen, so würde ich mich unbeschreiblich glücklich schätzen. Doch, sich einem edlen Manne verpflichtet fühlen, ist auch eine schöne und beruhigende Empfindung, so wie der Edle sich schon darin beseligt findet, denen, die es durch Dankbarkeit verdienen, eine Wohlthat erzeigt zu haben.
Vorlage S. 359
54
Mit diesen Worten verbeugte er sich und ging zur Thür hinaus. In dieser wandte er sich noch einmal dankend um, und so gerührt sich Kronenberg fühlte, so war doch im letzten scheidenden Blicke des Fremden wieder etwas so Stechendes, so viel lauernde List, in dem blassen Gesicht so viel Widerwärtiges, dass dieser Wechsel seiner Empfindungen dem jungen Manne wie träumerisch, ja beinah fieberhaft vorkam. Er schalt sich endlich selbst über sein Misstrauen und meinte, es sei nur Täuschung und Erhitzung von der Reise, wenn ihm der Fremde im letzten Augenblicke so durchaus widerwärtig erschienen sei. – Der Wagen war wieder hergestellt und Christoph bereit zur Abreise. Wo haben Sie denn, fragte er mürrisch, diesen fremden Hecht aufgefischt, gnädiger Herr? denn er berief sich auf Sie, als er dort vor dem Thor auf unsere Kutsche kletterte.
Vorlage S. 359
55
Ein armer Mensch, sagte Kronenberg, an dem man sich ein Gotteslohn verdient, wenn man ihm hilft, ein unglücklicher Familienvater. Was hattest Du denn mit ihm abzuhandeln und zu streiten?
Vorlage S. 360
56
Je, der französische Wirrwarr, antwortete jener, wollte Fuhrwerk und Pferde tadeln, und alles besser wissen. Ich verstand freilich wohl sein Kauderwelsch nicht, und er konnte auch meine Meinung nicht recht fassen, indessen giebt das immer den besten und lebhaftesten Diskurs. Ich bin mit dem Kerl schon einmal zusammen gekommen, und dazumal haben wir uns noch mehr gezankt.
Vorlage S. 360
57
Wo denn? fragte Kronenberg verwundert.
Vorlage S. 360
58
Je, vorigen Sommer, erzählte Christoph weiter, als wir mit dem alten gnädigen Herrn auf seinem Gut da hinten im Gebirge waren. Eines Morgens finde ich den Patron, den ich schon viel hatte umherstreifen sehn, in unserm Garten. Er musste über die Planke gestiegen sein. Da saß er und zeichnete die ganze Gegend ab. Er meinte, es sei bei uns im Lande viel Natur und Perspektive, und ein gewisses Bellvue, und was er des Zeugs mehr durch einander schwadronirte. Ich führte ihn aber ohne Umstände durch den Hof und drohte ihm, es dem gnädigen Herrn zu sagen. Dazumal gab er mir ein Trinkgeld und sah nicht so bettelhaft aus. Am folgenden Tage sah ich ihn auch in einer Gesellschaft, aus der ich unsern alten Herrn abholte.
Vorlage S. 360
59
Christoph musste sein Geschwätz unterbrechen, denn sie stiegen ein und kamen bald in der Stadt an, wo der Freund des Reisenden wohnte, vor dessen Hause der Wagen auch nach wenigen Minuten stille hielt.
Vorlage S. 360
60
Ein lautes Geschrei empfing den absteigenden Gast. Alle Bedienten liefen durch einander, ein jeder befahl, keiner gehorchte; jeder fing an, ein Geschäft zu verrichten, welches er sogleich, von einer andern Anordnung gestört, unterbrach. So ging Kronenberg die große Treppe hinauf; als er aber im großen Vorsaal stand, hatten ihn alle Diener verlassen, und er blieb im Finstern zurück. Der kalte Saal gab ihm Muße genug, über diese sonderbare Beschaffenheit des Hauses seine Betrachtungen anzustellen. Er tappte umher, um eine Thür zu finden, wagte aber nicht, sich mit Bestimmtheit zu bewegen, um nicht etwas umzustoßen, oder zu verletzen. Indem er endlich den Griff eines Schlosses gefasst hatte, wurde die Thür von innen geöffnet, und Christoph trat ihm mit einer Laterne entgegen. Es ist zu arg! rief dieser aus, Sie noch hier? die Wirthschaft wird doch mit jedem Tage toller! Hier im Finstern? Kommen Sie nur schnell zum jungen Herrn, der gewiss noch nicht einmal weiß, dass Sie schon angekommen sind.
Vorlage S. 361
61
Er führte den Fremden über einen langen Gang, und im wohlgeheizten Zimmer saß Karl von Wildhausen unter Büchern, Akten und Briefschaften wie vergraben. Er sprang auf und begrüßte herzlich den Freund. Ich hatte Dich noch nicht erwartet, rief er aus, und keiner von den Schurken kömmt auch, um mir zu melden, dass Du angekommen bist! Und wie ist Deine Lage nun, Freund? Ich weiß nur das Wenigste davon, erzähle.
Vorlage S. 361

Nach dem Lesen

Dein Blick auf das Kapitel

10er-QuizZitate verstehen · Zusammenhänge erkennen · Lernpunkte sammeln10 Fragen

Eine Antwort ist jeweils richtig. Lies den Textbeleg aufmerksam. Bei einer falschen Antwort kannst du es erneut versuchen.

Angemeldet zählen richtige Antworten für deinen Lernstand. Als Gast übst du ohne Kontopunkte.

Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.

1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Die auf den Steinen des Thorweges hingeworfene Gestalt, der gute Ausdruck …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Sie war eben so neugierig, als redselig, und der junge Mann, vom Wein erheitert, ließ sie auch nicht lange darüber in […], wohin er wolle, und weshalb er sich von dem ungünstigen Wetter nicht von seiner Reise habe abhalten lassen.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »weil« in diesem Textausschnitt? »Und dies Ding, eben weil es so ordinär ist, ist allen den neuern überweisen Herren zu geringe, – es fällt nicht in die Augen, es ist auch noch nicht für einen Pfennig Lobenswerthes daran; darum geht es auch ganz in der Welt aus, und eben deswegen«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle nachlesen ↗

4. Welcher Ausschnitt kennzeichnet eine Aussage ausdrücklich als Möglichkeit oder Vermutung? Achte auf die Formulierung; entscheide nicht, ob die Aussage tatsächlich wahr ist.

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

5. Was bedeutet »nimmermehr« in diesem Ausschnitt? »Die Wirthin, geschmeichelt und verlegen zugleich, verbeugte und krümmte sich, schätzte sich einer solchen Ehre unwürdig, behauptete, sie würde dergleichen Unhöflichkeit nimmermehr wagen, und setzte sich doch endlich selbstgefällig lächelnd ihm gegen über.«

Eine Antwort ist richtig.

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6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse. A: »Und Du wagst es, dies zu gestehn, da uns vielleicht, ja wahrscheinlich, ein Krieg mit diesem wunderbaren Manne und seinem aufgeregten Volke nicht mehr fern ist?« B: »Der Aufwärter kam mit Licht, da er das Thor hatte zuwerfen hören, und der Schein fiel auf eine der sonderbarsten Physiognomieen, die es dem Reisenden fast verleidete, dass er dem Bittenden seine Hülfe zugesagt hatte.« C: »Sie verzeihen, sagte Kronenberg, wenn ich vor unserm Abschiede einige Fragen an Sie richte.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Der bequeme Wagen erschien nach dem offnen …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Sie verzeihen, sagte […], wenn ich vor unserm Abschiede einige Fragen an Sie richte.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

9. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »obgleich« in diesem Textausschnitt? »Die kleine Summe, so sehr ich sparte, obgleich ich meist zu Fuß wanderte, war endlich doch völlig geschwunden, und was ich nun empfand, als mir ein böser Mensch in der Nachtherberge meinen Paß geraubt hatte, und ich so manchen Hartherzigen um ein Almosen ansprechen musste«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle nachlesen ↗

10. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Ich führte ihn aber ohne Umstände durch den Hof …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗
Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

1. Ordne diese Textstelle in den Zusammenhang ein: »Die auf den Steinen des Thorweges hingeworfene Gestalt, der gute Ausdruck «. Was geschieht oder wird hier besprochen? Erkläre in drei bis fünf Sätzen auch, was davor und danach wichtig ist.

Impulse zur Selbstprüfung

Lies die verlinkte Stelle mit ihrer Umgebung. Trenne ausdrücklich Gesagtes von Vermutungen.

  • Situation oder Gedanke verständlich erklärt
  • Mindestens ein passender Textbeleg
  • Eigene Formulierungen statt bloßer Abschrift
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2. Vergleiche die beiden Ausschnitte: »Die auf den Steinen des Thorweges hingeworfene Gestalt, der gute Ausdruck « und »Ich hatte Dich noch nicht erwartet, rief er aus, und keiner von den Schurken kömmt auch, um mir zu melden, dass Du angekommen bist!«. Welche Entwicklung, Gemeinsamkeit oder Spannung erkennst du? Begründe mit beiden Textstellen.

Impulse zur Selbstprüfung

Auch eine gleichbleibende Haltung ist ein mögliches Ergebnis. Erfinde keine Entwicklung, wenn sie sich aus dem Text nicht belegen lässt.

  • Beide Ausschnitte im Zusammenhang gelesen
  • Eine Gemeinsamkeit oder einen Unterschied erläutert
  • Deutung und wörtlichen Beleg unterschieden
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗

3. Untersuche die sprachliche Wirkung dieses Ausschnitts: »Und dies Ding, eben weil es so ordinär ist, ist allen den neuern überweisen Herren zu geringe, – es fällt nicht in die Augen, es ist auch noch nicht für einen Pfennig Lobenswerthes daran; darum geht es auch ganz in der Welt aus, und eben deswegen«. Wähle ein auffälliges Wort, ein Bild oder eine Formulierung. Erkläre seine Wirkung und begründe eine mögliche andere Lesart.

Impulse zur Selbstprüfung

Es gibt nicht nur eine richtige Interpretation. Prüfe beide Lesarten am Kapitel und benenne, was offen bleibt.

  • Sprachliches Merkmal am Wortlaut benannt
  • Wirkung als begründete Deutung formuliert
  • Alternative Lesart oder Grenze der Deutung erklärt
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Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Es war schon Abend, und ein Schneegestöber verdunkelte die Luft noch mehr, als die Wirthin des Gasthofes dem Aufwärter befahl, das Thor des Hauses zu verriegeln.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
  • Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
  • Kennzeichne deine Ergänzungen als erfunden.
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Niveau 2 · Vertiefung

2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Du bist immer ein zu strenger und moralischer Kauz gewesen, antwortete Kronenberg unter seinem Mantel hervor.«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
  • Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
  • Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
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Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Ich weiß nur das Wenigste davon, erzähle.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
  • Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
  • Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
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Ausgabe, Herkunft und Rechte

Das deutschsprachige Original ist nach den geprüften Lebensdaten des Autors in Deutschland gemeinfrei. TextGrid und www.editura.de stellen den bearbeiteten Datenbestand unter CC BY 3.0 DE bereit.

Der Geheimnisvolle

Ludwig Tieck: Schriften, Vollständige auf’s neue durchgesehene Ausgabe, 28 Bände, Berlin: Georg Reimer, 1828–1854 [Nachdruck o. O.: Walter de Gruyter, 1966]. Tieck, Ludwig 345- Berlin

Das Werk Der Geheimnisvolle von Tieck, Ludwig ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.

Quelltext und Ausgabe ↗ · CC BY 3.0 DE; underlying texts public domain per source Lizenz

Originalsprache · Deutsch

Unveränderte deutsche Quellfassung; die andere Spalte bietet eine gesonderte Lesefassung. Beide Ansichten gehören zu demselben Werk.

Das Werk Der Geheimnisvolle von Tieck, Ludwig ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.

Autorschaft und Ausgabe: Tieck, Ludwig

Originaltext und Ausgabe ↗ · TextGrid / Editura · Lizenz und Nutzungsbedingungen

Ludwig Tieck: Schriften, Vollständige auf’s neue durchgesehene Ausgabe, 28 Bände, Berlin: Georg Reimer, 1828–1854 [Nachdruck o. O.: Walter de Gruyter, 1966]. Tieck, Ludwig 345- Berlin

Die Fassungen folgen den jeweils angegebenen Quellen; ihre Gliederung kann abweichen.

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?

Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.