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Buch - Das Weiberdorf - Viebig, Clara

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Originalwerk · Lesefassung

Das Weiberdorf

Viebig, Clara

In einem Eifeldorf ziehen die Männer zur Arbeit fort, während Frauen und Kinder den Alltag bewältigen. Der Roman erzählt von wirtschaftlicher Not, Verlangen und Konflikten in einer Gemeinschaft, die auf die Rückkehr der Abwesenden wartet.

RomanKlasse 9–10 · 11–1315 Abschnitte
Historisches Bildnis von Clara Viebig
Historisches Bildnis von Clara Viebig — Bildnis zur Autorschaft; keine Szene aus dem Buch. · Urheber unbekannt · Public domain Bildquelle ↗
Hinweise für den Unterricht
  • Historische Sprache, gesellschaftliche Ausgrenzung, Gewalt und zeitgebundene Wertvorstellungen im Unterricht gemeinsam einordnen.

Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.

Deutsch · Abschnitt 1 von 15

I.

1
I.
2
Trapp, trapp — hart klingen die Schritte auf der steinigen Landstraße. Männer, ein ganzer Trupp! Und nun noch ein Trupp und etwas weiter zurück kommt noch ein dritter. Männer mit Schweiß auf den Stirnen, mit Staub auf den Stiefeln, mit der ganzen Glut des frühen Sommers und des hastigen Wanderns auf den geröteten Gesichtern. Jeder trägt sein Bündel am Stecken über der Schulter, paarweise schleppen sie auch ein Köfferchen; alle haben sie die Taschen der städtischen Sonntagsröcke vollgestopft zum Platzen.
3
Nun halten sie an auf der Höhe von Schwarzenborn und verschnaufen.
4
Da unten liegt das Salmthal, schmal und grün und lieblich. Die klare Salm schlängelt sich als Silberband; dort, an der letzten Krümmung, ragen die Ruinen von Kloster Himmerod, schon verschleiert vom Abendduft, und da, dicht zu Füßen, scheinbar mit einem Steinwurf zu erreichen, Eifelschmitt! Daheim, daheim!
5
Ein froher Schein glitt über die heißen Gesichter, ein tiefer Atemzug hob jedem der Wanderer die Brust unter dem zerknüllten Hemd. Da wurden rasch die Hüte vom Kopf gerissen und geschwenkt. „Hurrah! Helao! Derhäm!“
6
Der jüngsten einer, der schlanke Kerl mit dem Feldblumensträußchen am Strohhut, fing ein Lied an; er schmetterte aus Leibeskräften, sein starker, etwas kratziger Tenor zitterte in mächtigen Schallwellen über die Bergrücken. Unten im Thal erwachte ein Echo. Das machte ihm Vergnügen; er hielt den einen Ton an, gleich stark, endlos, die Bänder am Halse schwollen ihm, sein Gesicht wurde blaurot, die Augen quollen ihm vor — immer noch!
7
Die anderen bewunderten ihn: „Dän kann et!“
8
Immer noch — da knacks, der Ton brach ab! In gekränkter Eitelkeit versuchte der Bursche noch einmal, aber die Stimme gehorchte nicht mehr.
9
„En Krümmel in der Tröt, saon se lao unnen zu Cöllen. Haha, en Krümmel in der Tröt.“ Die Männer lachten.
10
Der Sänger wurde zornesrot und räusperte sich gewaltsam.
11
„Looß sin,“ sagte begütigend einer der älteren und klatschte ihn freundschaftlich auf die Schulter. „Hal dei Maul, Jong! Sei net e su bubsterzig[1], de Stimm kann mer net kommandieren, se es ken Maschien on ken Framensch.“ Und dann augenzwinkernd. „Wat maanste, Lorenz, ob Lenzen Bäbb heit awend besser pariert?“
12
„Dat Bäbbchen?!“ Lorenz zeigte, schnell getröstet, die tadellosen Zahnreihen. „Et gitt gäckig vor Freid. Se maanen all, mir kommen erscht morjen.“ Er patschte sich auf die Lenden. „Helao, dat gitt ebbes! Seit Weihnachten en halw Jaohr ohne Schatz gesäß! Dat es net pläsierlich.“
13
„Nä, nä, dat es et aach net!“ Eine gewisse Rührung bemächtigte sich ihrer sämtlich; ein jeder dachte an die, die an seiner Brust liegen würde. Die Ehemänner dachten an ihre Frauen, die Ledigen an die Mädchen, die sie beim letzten Besuch zu Weihnachten am heißesten geküsst, heiß geküsst im kalten Schnee. Und jetzt war Sommer — die hatten lange fasten müssen!
14
„Dat gitt en Freid!“ Man warf sich in die Brust, man brachte ja das Glück. Schnell noch einen Blick hinunter in’s dämmernde Thal. Da warteten die Hütten im milden Abendlicht, leichter Rauch kräuselte sich vom heimischen Herd. Da träumten die Wiesen, und die Büsche am Waldsaum lockten mit verschwiegenem Dunkel.
15
Es schwebte etwas herauf, es kam mit dem Wind und flüsterte im Gras; die Luft koste leise und weich, Nebelstreifen wie winkende Brautschleier stiegen aus dem Grund am Bach, Bäume streckten verlangende Arme aus. Jetzt — hier — da — dort glomm ein Lichtchen auf! Blasse Sterne, sehnsüchtige Augen in einsamer Kammer.
16
Niemand mehr auf den abschüssigen Äckerchen. Alles still, wie begraben.
17
„Häh! Halloah! Gieht noch net schlaofen, eweil sein mir elao! Halloah — — — oa — — oah — —!“ Einer da oben hielt die hohlen Hände vor den Mund und tutete hinein, dann warf er lustig sein Bündel in die Höh. „Lorenz, Josef, Mathesen, Hanni! Wän es dän erschten unnen? Hopp! Bonz unnen, Bonz owen[2], voran gemaach!“
18
Wie Pfeile schossen die Burschen bergunter, sie verschmähten die vielfach gewundene Fahrstraße, auf steilen Richtwegen schnitten sie die Serpentinen ab; polternd, prasselnd stürzte ihnen loses Geröll nach. Auch die gesetzteren Männer eilten sich, eine plötzliche Ungeduld hatte sie alle ergriffen, das Blut floss nicht mehr träge in den Adern, es kreiste unruhig und stieg ihnen zu Kopf.
19
Heller und heller flimmerten unten die Lichtchen, sie warfen einen trauten Schein aus den engen Kammerfenstern. Voran, voran! Süße Vogelstimmen piepten im Nest. Voran, quer durch’s Brombeergestrüpp! Da saß schon eine weiße Hauskatze auf der Lauer, sie sprang nicht fort, sondern stieß den sammetweichen Kopf schnurrend gegen die sie streichelnden Hände. Aber weiter — die warteten!
20
Der Berghang wimmelte von dunklen kletternden Gestalten. Nun kam der letzte Absatz, man rutschte, man glitt, man sprang — nun lag das Dorf ganz nah, melodisch tönte das „Muh“ einer Kuh, ein sehnsüchtig langgezogener Liebesschrei.
21
Noch atemlos, begann Lorenz zu schmettern, da war keiner, der nicht mit einstimmte:
22
„Kommen wir in dieser Nacht, Fein Liebchen, fein! Seid ihr tot oder lebt ihr noch, Fein Liebchen, fein?“ — — —
23
Da war schon das erste Haus.
24
„Will das Mädchen net obstohn, Fein Liebchen, fein! So wollen wir’s in die Blotz drohn[3] Fein Liebchen, fein!“ — — —
25
Immer lauter wurde der Gesang, er schwoll an und wuchs und drängte:
26
„Will das Mädchen sich net tummeln, Wollen wir die Thür auftrummeln“ — — —
27
Horch! Ein heller Schrei: „Jesses, die Mannsleit!“
28
Die Thür des ersten Hauses war aufgeflogen, ein Weib in Unterrock und halb geöffneter Taille stürzte heraus, mit einem Satz stand sie mitten unter den Männern, wild sah sie sich um — wieder ein Aufkreischen — da, sie stürzte dem einen an den Hals.
29
„Jesses, Hubert, lao biste! Komm erein, Mahn, komm erein. Ech haon uf dech gelauert! Dag on Naacht, onsen Hährgott waaß et. Gelowt sei de Jongfra Maria!“ Sie bekreuzte sich und ihn. „Könner, Könner“ — schon sprang sie wieder zur Thür — „Könner, dän Vadder es elao!“ Sie zog ihren Mann hinter sich drein, kaum dass sie ihm Zeit ließ, den Kameraden zuzunicken; sie hielt ihn so fest am Ärmel, als fürchte sie, ihn gleich wieder zu verlieren. Die Frau mit dem schon faltigen Gesicht, mit dem schlaffen Busen und den Zahnlücken, zeigte die Glut einer Zwanzigjährigen.
30
„Se sein hei, se sein hei!“ Nur dieser eine Ruf, und alle Häuser waren plötzlich belebt, alle Fenster hell, alle Thüren geöffnet. Kinder, in Hemden und barfüßig, wie sie aus dem Bett gesprungen, standen auf der Schwelle; Frauen und Mädchen eilten auf die Gasse. Der weiche Sommernachtwind spielte mit ihrem halbgelösten Haar und den hastig übergeworfenen Kleidern. Laternen tauchten auf vor den Ställen, in den Höfen, im Wirtshaus wurden alle Lampen angezündet; Peter Krumscheid stieg eilig in den Keller und stach ein Faß an. Die Straße wimmelte von Menschen, wie mit Zauberschlag waren sie alle erschienen, alle umringten die Ankömmlinge. Das war ein Gesumm, ein Lachen, ein Geschrei. „Se sein hei, se sein hei!“
31
Lorenz Schneider stand an der Ecke am Prellstein. Hier ging’s hinein in ein dunkles Gäßchen, erst zwischen Stallwänden, dann zwischen Hecken — nichts rührte sich darin, — und da war die Straße, hell vom Lichtschein, der aus den geöffneten Fenstern und Thüren fiel. Alle, die er kannte, standen da umher, aufgeregt, lachend und schwatzend; die Weiber hatten die Männer untergefaßt, die Mädchen begrüßten ihre Schätze.
32
Immer wieder suchten seine Blicke; enttäuscht fing er leise an zu fluchen: Dunnerkiel, wo war das Bäbb? Schlief sie schon so fest, dass sie den Lärm nicht hörte? War sie ihm untreu geworden? Da musste er doch lachen, war denn hier wohl ein Mannsbild gewesen, um das sich’s verlohnte, ihn zu vergessen?! Er ärgerte sich; warum kam sie nicht? Ob er nach ihr fragte?
33
Vor dem Wirtshaus hatten sich die ganz jungen Mädchen, die heurigen Hasen, in einer Reihe aufgepflanzt; neugierig und ein wenig neidisch guckten sie zu, wie die älteren Schwestern und Bekanntinnen mit ihren Burschen abzogen. Die Augen funkelten ihnen im Kopf, sie brachten die Mäuler nicht zusammen. Sie stießen sich mit den Ellenbogen an und kicherten, als Lorenz nach ihnen hinsah.
34
Den Schnurrbart aufdrehend, trat er zu ihnen. Das Gekicher wurde stärker. — „’n Aowend, dir Mädercher!“
35
„Boschur, Lorenz,“ sagte keck die erste.
Historisches Bildnis von Clara Viebig
Kontextbild zum Werk. Historisches Bildnis von Clara Viebig — Bildnis zur Autorschaft; keine Szene aus dem Buch. · Urheber unbekannt · Public domain Bildquelle ↗
36
„Tina?“ fragte er erstaunt. Zu Weihnachten war sie noch halbwüchsig gewesen, und jetzt trug sie einen langen Rock und sah ihn an mit dreisten, unbewusst begehrlichen Augen. „Es dat Bäbbche net mieh hei, Tina?“ fragte er hastig. „Lenzen Bäbb?“
37
Tina zeigte lachend ihre weißen Zähne. „Ech waaß net!“ Mutwillig blinzelte sie den Gefährtinnen zu, er fühlte seine Hand ergriffen, kräftig geschüttelt und dann festgehalten. In einem Augenblick hatten ihn die Mädchen umringt; er stand mit Tina in der Mitte, die anderen hopsten im Kreis, ausgelassen wie junge Böcklein, um ihn und die Dirne herum.
38
„Dommhaaten! Laoß los!“ Unwirsch suchte er sich frei zu machen.
39
„Autsch, autsch!“ Tina schlenkerte ihre Finger, gleich darauf packte sie ihn auf’s neue; wie ein Wall stemmten sich die Mädchenleiber ihm entgegen.
40
„Schneidersch Lorenz, kucktelhei, Schneidersch Lorenz! Haha, hahahaha!“ Sie lachten wie die Tollen; dem Burschen schwirbelte es vor Augen und Ohren, er wurde hin- und hergerissen, von einer gegen die andere gepufft, Tina hing sich an ihn, er wurde sie nicht los, nirgendwo konnte er den Kreis durchbrechen.
41
„Dunnerknippchen, noachehs, wuh es dat Bäbb?“ stieß er mit einer letzten Anstrengung heraus.
42
„Bäbb hin, Bäbb här, Bäbb, dat es en Zoddelbär — hahaha —!“
43
Immer dichter umdrängten sie ihn, immer schallender wurde das Lachen, immer wilder das Drehen; er fühlte Tinas Hände an seinem Rock, sie presste ihm seine beiden Arme fest an den Leib. Jedesmal, wenn sie aufhüpfte, kitzelten ihn ihre krausen Haare unter der Nase, ihr Gesicht kam dem seinen ganz nah. Da, ehe sie sich’s versah, hatte er die Arme frei; er schlug sie ihr um die Taille, ein derber Schmatz brannte ihr auf dem Mund.
44
Sie schrie hell auf und wandte sich zur Flucht; mit lautem Gekreisch stoben sämtliche Mädchen davon, er hinterdrein. Hier suchte er noch eine zu fassen und da eine — die Röcke flatterten — jetzt waren sie, um das Wirtshaus herum, im Dunkel verschwunden.
45
„Verflixte Rotznaosen,“ schimpfte der Bursche, und doch schmunzelte er dabei. Die Tina war gar nicht garstig, noch schmeckte er ihre frischen Lippen. Er schnalzte mit der Zunge, sein Durst war erwacht — wo blieb die Bäbbi?
46
Langsam kehrte er zu seinem Prellstein zurück, in verdrossenen Gedanken blieb er dort stehen. Da — er schreckte auf, jemand zupfte ihn von hinten am Ärmel. Am Eingang des Heckengangs stand eine weibliche Gestalt.
47
„Bäbbchen?“ fragte er zweifelnd. Sie kam ihm so wenig schlank vor, Lenzen Bäbb war lang nicht so völlig gewesen. „Bäbbi?“
48
„Heihin!“ Schon zerrte sie ihn hinein in das dunkle Gäßchen; es schien ihr noch nicht dunkel genug, sie schob ihn hinter die Regentonne an der einen Stallwand. Jetzt schlang sie die Arme um ihn und küsste ihn, dass ihm der Atem verging. Sie gebärdete sich wie närrisch, lachte und schluchzte und drückte ihn, ohne ein Wort zu reden; ihre warme Brust bebte an der seinen, schwer hing sie ihm am Halse. Immer wieder pressten sich ihre Lippen auf seinen Mund, sie saugten sich förmlich daran fest.
49
Ein lange nicht gekanntes Wohlgefühl durchrieselte den Burschen — so küsst doch nur der Schatz in der Heimat! Sein Blut, durch das eilige Wandern und hastigen Trunk ohnehin erhitzt, schäumte über; nun war er es, der sie immer mehr hinein in’s Dunkel drängte und gegen die Stallwand presste. Er erstickte sie fast.
50
„Lorenz,“ ächzte sie endlich, „laoß!“ Ein schmerzlich zitternder Seufzer folgte.
51
„Bäbb,“ flüsterte er zärtlich, „mei Mädche! Eweil sein ech widder hei, eweil wolle mer ons verlustieren. Dat gitt en Pläsier! Komm!“ Er zog sie kosend dem Ausgang des Gäßchens zu. „Komm ehs zom Krumscheid, ech traktieren dech!“
52
„Jao, jao.“ Sie schmiegte sich fester an ihn und drängte ihn doch immer wieder tiefer hinein in’s Dunkel.
53
„Nä, nä,“ flüsterte sie dann hastig und verlegen, „eech kann net ehnder met der giehn, ech moß der erscht ebbes saon.“
54
„Wat dann? Waorom kannste net met mer giehn?“ Er hielt sie von sich ab, etwas erstaunt; nun fiel ihm auch sein Verdruss von vorhin ein. „Waorom haste mech e su lang lauern laossen, dau sakramentsch Dingen? Wollste mech for en Naor halen? Eweil es et schuns e su spät, ech han Honger on Dorscht!“ Von einem plötzlichen Ärger erfasst, rüttelte er sie. „Haste geschlaof?“
55
„Nä, nä!“ Sie drängte sich wieder ganz dicht an ihn. „Ech wollten der nor vorerscht ebbes saon. Saog“ — wie von einer dringenden Notwendigkeit getrieben, fasste sie seine Hand — „wanneh wolle mir onsen Hillig[4] haalen?“
56
„Waorom?“ fragte er verwundert und beunruhigt zugleich. Und dann nach einer Pause des Bedenken:
57
„Zo Christdag; wat fraogste? Wann ech Vormann gänn!“
58
„Nä, ehnder,“ sagte sie rasch und küsste ihn heftig. „E su bal als miëlich[5]! Ech moß der ebbes saon.“ Jetzt flüsterte sie, aber ihr Flüstern war eindringlich, jedes Wort hob sich deutlich heraus. „Ech sein im sechsten Monat!“
59
„Kreizdonnerparaplüi!“ Es entfuhr ihm so wider Willen — das kam zu plötzlich! Er stieß sie zurück und erhob die Hand wie zum Schlag. „Maach! Gott verzeih mer de Sünd — dau Onglöcksmensch!“
60
Sie fing an zu weinen.
61
Stumm stand er neben ihr und schob den Hut von einem Ohr auf das andere.
62
Auf der Straße war der Lärm verstummt, auch die Helle war weg, die Thüren hatten sich hinter den Glücklichen geschlossen. Kein Mensch mehr draußen, die meisten saßen im Wirtshaus. Jetzt tönte da der Jubel; bis in den dunklen Winkel hinter der Regentonne verirrte sich das Gläserklingen und Juchzen.
63
Die Sterne waren aufgezogen, immer mehr entfalteten sie ihren Glanz. Nachttau fiel, man hörte ihn in den Hecken tropfen; dazwischen klang leises Schluchzen. In dem verschleierten, bleichen und doch durchdringenden Licht, das vom Himmel niederzitterte, sah Lorenz zum erstenmal deutlich die entstellte Gestalt seines Mädchens.
64
Mit einem: „Dunnerkiel!“ fuhr er zurück, aber gleich darauf streichelte er die Weinende.
65
„Kreisch net, Bäbbchen,“ sagte er gutmütig, er war heute nun einmal in einer so weichen Stimmung. „Kreisch net e su, domm Dingen! Wat passiert es, es passiert, duh kann niemand neist dran ännern. Sonndag es Peter on Paul, dän erschten Kirmesdag; onsen gaastlichen Hähr verkünn ons, ein for allemaol. Hän es su ebbes gewehnt, annere han aach schuns Malör gehatt. Mir maachen stracks Hochzeid, on dann“ — er kratzte sich hinter’m Ohr — „jao, dann es dän Urlauw zu End. Mir Bochumer han zehn Dag, de annern von Dortmund on Steele han aach net länger. Äwer uf dän Momang mösse mir redur kommen. Kreisch net, Bäbb!“
66
Er schlang den Arm um ihre Hüfte; langsam wandelten sie den Heckengang weiter.
67
Rechts Gärten, links Gärten. Obstbäume hängen ihre Zweige über dichte Weißdorn- und Wildrosenhecken; zuweilen wechseln sie ab mit morschen Bretterzäunen, die sich schief neigen und ihren modernden Holzgeruch mit dem süßlichen Duft der Gebüsche mischen.
68
Wie zwei Schatten schleichen die Liebenden unter’m Blätterdach dahin, von weißlichem Dunst in einer Wolke umschwebt. In dem nahen Wiesengrund erheben die Frösche ein leidenschaftliches Liebeskonzert; jetzt verstummen die auch. Nichts regt sich, nichts lebt scheinbar rundum, und doch ist ein stummberedtes Fordern in der Frühsommernacht, eine warme treibende Sehnsucht.
69
Stärker und stärker fällt Tau, silbrig glänzt er auf den Gräsern und auf den gesenkten Scheiteln. Wie ein feuchtes Tuch legt es sich um die heißen Gesichter, um die heißen Glieder; schauernd schmiegen sich beide Gestalten fest aneinander. Sie stehen still und küssen sich, im schmachtenden Sternenlicht scheinbar in Eins verschmolzen.

Nach dem Lesen

Dein Blick auf das Kapitel

10er-QuizZitate verstehen · Zusammenhänge erkennen · Lernpunkte sammeln10 Fragen

Eine Antwort ist jeweils richtig. Lies den Textbeleg aufmerksam. Bei einer falschen Antwort kannst du es erneut versuchen.

Angemeldet zählen richtige Antworten für deinen Lernstand. Als Gast übst du ohne Kontopunkte.

Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.

1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Der jüngsten einer, der schlanke Kerl mit dem Feldblumensträußchen am Strohhut, fing …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »„Nä, nä, dat es et aach net!“ Eine gewisse Rührung […] sich ihrer sämtlich; ein jeder dachte an die, die an seiner Brust liegen würde.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

3. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Jetzt — hier — da — dort glomm ein […] auf!«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

4. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Die Frau mit dem schon faltigen Gesicht, mit dem schlaffen Busen und den […], zeigte die Glut einer Zwanzigjährigen.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

5. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Die Augen funkelten ihnen im Kopf, …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse. A: »„Nä, nä,“ flüsterte sie dann hastig und verlegen, „eech kann net ehnder met der giehn, ech moß der erscht ebbes saon.“« B: »„En Krümmel in der Tröt, saon se lao unnen zu Cöllen.« C: »Lorenz Schneider stand an der Ecke am Prellstein.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Jetzt schlang sie die Arme um ihn …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Trapp, trapp — hart klingen die Schritte auf der […] Landstraße.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

9. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Da wurden rasch die Hüte vom Kopf […] und geschwenkt.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

10. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »„Wat […], Lorenz, ob Lenzen Bäbb heit awend besser pariert?“«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗
Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

1. Ordne diese Textstelle in den Zusammenhang ein: »Trapp, trapp — hart klingen die Schritte auf der steinigen Landstraße.«. Was geschieht oder wird hier besprochen? Erkläre in drei bis fünf Sätzen auch, was davor und danach wichtig ist.

Impulse zur Selbstprüfung

Lies die verlinkte Stelle mit ihrer Umgebung. Trenne ausdrücklich Gesagtes von Vermutungen.

  • Situation oder Gedanke verständlich erklärt
  • Mindestens ein passender Textbeleg
  • Eigene Formulierungen statt bloßer Abschrift
Textstelle nachlesen ↗

2. Vergleiche die beiden Ausschnitte: »Trapp, trapp — hart klingen die Schritte auf der steinigen Landstraße.« und »ein stummberedtes Fordern in der Frühsommernacht, eine warme treibende Sehnsucht«. Welche Entwicklung, Gemeinsamkeit oder Spannung erkennst du? Begründe mit beiden Textstellen.

Impulse zur Selbstprüfung

Auch eine gleichbleibende Haltung ist ein mögliches Ergebnis. Erfinde keine Entwicklung, wenn sie sich aus dem Text nicht belegen lässt.

  • Beide Ausschnitte im Zusammenhang gelesen
  • Eine Gemeinsamkeit oder einen Unterschied erläutert
  • Deutung und wörtlichen Beleg unterschieden
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗

3. Untersuche die sprachliche Wirkung dieses Ausschnitts: »Die Frau mit dem schon faltigen Gesicht, mit dem schlaffen Busen und den Zahnlücken, zeigte die Glut einer Zwanzigjährigen.«. Wähle ein auffälliges Wort, ein Bild oder eine Formulierung. Erkläre seine Wirkung und begründe eine mögliche andere Lesart.

Impulse zur Selbstprüfung

Es gibt nicht nur eine richtige Interpretation. Prüfe beide Lesarten am Kapitel und benenne, was offen bleibt.

  • Sprachliches Merkmal am Wortlaut benannt
  • Wirkung als begründete Deutung formuliert
  • Alternative Lesart oder Grenze der Deutung erklärt
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Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Trapp, trapp — hart klingen die Schritte auf der steinigen Landstraße.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
  • Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
  • Kennzeichne deine Ergänzungen als erfunden.
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Niveau 2 · Vertiefung

2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Das Gekicher wurde stärker. — „’n Aowend, dir Mädercher!“«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
  • Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
  • Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
Textstelle nachlesen ↗

Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Sie stehen still und küssen sich, im schmachtenden Sternenlicht scheinbar in Eins verschmolzen.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
  • Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
  • Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Textstelle nachlesen ↗

Ausgabe, Herkunft und Rechte

Deutschsprachiger Originaltext. Der urheberrechtliche Zeitraum des namentlich belegten Autors ist nach dokumentierten GND-Lebensdaten für Deutschland abgelaufen. Abbildungen und moderne Begleittexte der Ausgangsausgabe werden nicht übernommen.

Das Weiberdorf

Viebig, Clara: Das Weiberdorf, Project Gutenberg eBook 55565.

Quelltext und Ausgabe ↗ · Original German author text is public domain in Germany by documented author lifetime. Project Gutenberg US status is not the DE rights basis. Lizenz

Das Weiberdorf

Viebig, Clara: Das Weiberdorf, Project Gutenberg eBook 55565.

Quelltext und Ausgabe ↗ · Original German author text is public domain in Germany by documented author lifetime. Project Gutenberg US status is not the DE rights basis. Lizenz

Originalsprache · Deutsch

Unveränderte deutsche Quellfassung; die andere Spalte bietet eine gesonderte Lesefassung. Beide Ansichten gehören zu demselben Werk.

Viebig, Clara: Das Weiberdorf, Project Gutenberg eBook 55565.

Autorschaft und Ausgabe: Viebig, Clara

Originaltext und Ausgabe ↗ · Project Gutenberg · Lizenz und Nutzungsbedingungen

Die Fassungen folgen den jeweils angegebenen Quellen; ihre Gliederung kann abweichen.

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?

Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.