Version vom 14. Oktober 2026, 19:46 Uhr von Glanz(Diskussion | Beiträge)(Bücher-Welt: freigegebene Buchausgabe create-only ergänzen [0f6a3d4e75e43939])
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Der Petersburger Beamte Goljadkin begegnet einem Mann, der ihm vollkommen gleicht. Sein zunehmend unsicherer Blick auf Alltag und Kollegen lässt Identität, soziale Anerkennung und Wahrnehmung ineinander geraten.
RomanKlasse 9–10 · 11–1314 Abschnitte
Porträt von Fëdor Michajlovič Dostoevskij — Bildnis zur Autorschaft; keine Szene aus dem Buch. · Vasily Perov · Public domainBildquelle ↗
Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.
✎TextarbeitMarkieren, zitieren, vergleichen und eigene Gedanken festhalten
Wähle eine Textstelle aus oder klicke einen Absatz an. Deine Notizen und freien Antworten bleiben auf deinem Gerät.
Meine Textsammlung
Auf gemeinsam genutzten Geräten kannst du deine Arbeit exportieren und anschließend löschen. Kontopunkte aus dem Quiz werden dabei nicht gelöscht.
Es war beinahe acht Uhr morgens, als der Titularrat Jakow Petrowitsch Goljadkin nach einem langen Schlafe erwachte, gähnte, sich reckte und schließlich völlig die Augen öffnete. Etwa zwei Minuten lang blieb er noch, ohne sich zu regen, auf dem Bette liegen, wie ein Mensch, der noch nicht ganz ins klare darüber gekommen ist, ob er aufgewacht ist oder noch schläft, ob alles, was jetzt um ihn herum vorgeht, Wahrheit und Wirklichkeit ist oder eine Fortsetzung seiner wirren Träume. Bald wurde jedoch Herrn Goljadkins Denken klarer und deutlicher, und seine Gefühle nahmen ihre gewöhnliche, alltägliche Stimmung an. Alles blickte ihn bekannt an: die schmutziggrünen, verräucherten, staubigen Wände seines kleinen Zimmerchens, seine Mahagonikommode, die Stühle von imitiertem Mahagoni, der rot angestrichene Tisch, das türkische Wachstuchsofa von rötlicher Farbe mit grünlichen Blümchen und endlich die gestern hastig ausgezogenen und unordentlich auf das Sofa geworfenen Kleider. Und dann schaute auch der graue, trübe, schmutzige Herbsttag so verdrießlich und mit so saurer Miene durch die ungeputzten Fenster zu ihm ins Zimmer, dass Herr Goljadkin in keiner Weise mehr daran zweifeln konnte, dass er sich nicht in einem schönen Märchenlande, sondern in der Residenzstadt Petersburg, in der Schestilawotschnaja-Straße, in der vierten Etage einer sehr großen Mietskaserne, in seiner eigenen Wohnung befand. Nachdem er diese wichtige Entdeckung gemacht hatte, schloss Herr Goljadkin wieder krampfhaft die Augen, als bedauere er, dass der Traum, den er soeben gehabt hatte, entschwunden sei, und als wünsche er, ihn sich wenigstens für einen Augenblick zurückzurufen. Aber einen Augenblick darauf sprang er mit einem Satze aus dem Bette, wahrscheinlich, weil er endlich auf denjenigen Gegenstand gekommen war, um den seine zerstreuten, noch nicht in die gehörige Ordnung gebrachten Gedanken bisher herumgewirbelt waren. Nachdem er aus dem Bette gesprungen war, lief er sogleich zu dem kleinen, runden Spiegel, der auf der Kommode stand. Obgleich die verschlafene, kurzsichtige, ziemlich kahlköpfige Gestalt, die ihm der Spiegel zurückwarf, einen so unbedeutenden Eindruck machte, dass sie auf den ersten Blick entschieden niemandes ausschließliche Aufmerksamkeit fesseln konnte, so war doch ihr Besitzer mit alledem, was er im Spiegel erblickte, anscheinend völlig zufrieden. „Na, das wäre eine böse Geschichte,“ sagte Herr Goljadkin halblaut, „das wäre eine böse Geschichte, wenn heute an mir etwas nicht in Ordnung wäre, wenn z. B. irgendetwas schlecht aussähe, ich einen störenden Pickel bekäme oder sonst eine Unannehmlichkeit passierte; vorläufig indes ist es nicht übel; vorläufig geht alles gut.“ Sehr erfreut darüber, dass alles gut ging, stellte Herr Goljadkin den Spiegel auf seinen früheren Platz; er selbst aber lief, trotzdem er barfuß war und noch das Kostüm trug, in dem er sich schlafen zu legen pflegte, zum Fenster hin und begann höchlichst interessiert mit den Augen etwas auf dem Hofe zu suchen, auf den die Fenster seiner Wohnung hinausgingen. Anscheinend befriedigte auch das, was er auf dem Hofe erblickte, ihn vollkommen; denn sein Gesicht erglänzte von einem selbstzufriedenen Lächeln. Nachdem er dann einen Blick hinter die Scheidewand in das Kämmerchen seines Dieners Petruschka geworfen und sich überzeugt hatte, dass Petruschka nicht darin war, ging er auf den Fußspitzen an den Tisch, schloss an demselben eine Schublade auf, wühlte in dem hintersten Winkel dieser Schublade umher, zog endlich aus alten, vergilbten Papieren und allerlei Kram eine grüne, abgegriffene Brieftasche heraus, öffnete sie behutsam und blickte vorsichtig und mit Genuss in die abgelegenste, verborgenste Tasche derselben hinein. Wahrscheinlich schaute das Päckchen grünlicher, grauer, bläulicher, rötlicher und sonstiger bunter Banknoten Herrn Goljadkin ebenfalls sehr freundlich und ermutigend an: mit strahlendem Gesichte legte er die geöffnete Brieftasche vor sich auf den Tisch und rieb sich zum Zeichen des größten Vergnügens kräftig die Hände. Endlich nahm er es heraus, sein entzückendes Päckchen Banknoten, und begann, zum hundertsten Male seit dem vorigen Tage, die Scheine durchzuzählen, wobei er einen jeden sorgsam zwischen dem Daumen und dem Zeigefinger rieb. „Siebenhundertfünfzig Rubel!“ flüsterte er zuletzt. „Siebenhundertfünfzig Rubel … eine tüchtige Summe! Das ist ein hübsches Sümmchen,“ fuhr er mit zitternder, durch das Gefühl der Freude ein wenig gedämpfter Stimme fort, indem er das Päckchen in den Händen zusammendrückte und bedeutsam lächelte. „Das ist ein hübsches Sümmchen! Das muss jeder für ein hübsches Sümmchen halten! Jetzt möchte ich den Menschen sehen, für den das eine unbedeutende Summe wäre! Mit einer solchen Summe kann ein Mensch es weit bringen …“
„Aber, was hat denn das zu bedeuten?“ dachte Herr Goljadkin. „Wo ist denn Petruschka?“ Noch immer dasselbe Kostüm beibehaltend, blickte er zum zweiten Male hinter die Scheidewand. Petruschka war dort wieder nicht vorhanden; nur ein Samowar, der da auf dem Fußboden stand, ärgerte sich, erboste sich und kam außer sich, indem er jeden Augenblick überzukochen drohte und hitzig und schnell in seiner sonderbaren Sprache schnarrend und lispelnd etwas zu Herrn Goljadkin sagte, wahrscheinlich etwa dies: „Nehmt mich doch hin, liebe Leute; ich bin ja vollständig fertig und bereit.“
„Hol ihn der Teufel!“ dachte Herr Goljadkin. „Dieser faule Patron kann einen schließlich wütend machen; wo mag er sich wieder herumtreiben?“ In gerechter Entrüstung begab er sich in das Vorzimmer, das aus einem kleinen Korridor bestand, an dessen Ende eine Tür nach dem Flur führte, und erblickte seinen Diener, umgeben von einem großen Haufen anderer Diener, Hausgenossen und sonstigen Volkes, das sich hinzugefunden hatte. Petruschka erzählte etwas, die andern hörten zu. Weder der Gegenstand der Erzählung noch die Erzählung selbst schienen Herrn Goljadkin zu gefallen. Er rief sofort Petruschka zu sich und kehrte sehr mißvergnügt, ja empört in sein Zimmer zurück. „Dieser Racker ist imstande, für einen Groschen einen Menschen zu verraten, und am ehesten seinen Herrn,“ dachte er im stillen; „und er hat mich auch verraten, jedenfalls hat er mich verraten; darauf möchte ich wetten, dass er mich für eine Kopeke verraten hat. Nun, wie ist es?“
Nachdem Petruschka die Livree angezogen hatte, trat er, dumm lächelnd, in das Zimmer seines Herrn. Er trug nun eine grüne, stark abgenutzte Bedientenlivree mit ausgefaserten goldenen Tressen, die anscheinend für jemand angefertigt war, der eine ganze Elle größer war als Petruschka. In der Hand hielt er einen gleichfalls mit Tressen besetzten und mit grünen Federn geschmückten Hut, und an der Hüfte hing ihm ein Hirschfänger in lederner Scheide.
Zur Vervollständigung des Bildes war Petruschka zufolge seiner Lieblingsgewohnheit, zu Hause immer im Negligé herumzulaufen, auch jetzt barfuß. Herr Goljadkin musterte Petruschka von allen Seiten und schien zufrieden zu sein. Die Livree war augenscheinlich aus irgendwelchem feierlichen Anlass geliehen. Bemerkenswert war noch, dass während der Musterung Petruschka seinen Herrn mit seltsamer Spannung anblickte und mit besonderer Neugier alle Bewegungen desselben verfolgte, was Herrn Goljadkin äußerst verlegen machte.
Kontextbild zum Werk. Porträt von Fëdor Michajlovič Dostoevskij — Bildnis zur Autorschaft; keine Szene aus dem Buch. · Vasily Perov · Public domainBildquelle ↗
„Tölpel! Kannst du nicht sagen: ‚Jawohl, Herr!‘? Gib sie her!“ Nachdem Herr Goljadkin seiner Freude darüber Ausdruck gegeben hatte, dass die Stiefel gut passten, befahl er, ihm Tee, Waschwasser und das Rasierzeug zu bringen. Er rasierte und wusch sich sehr sorgfältig, schlürfte hastig seinen Tee und schickte sich dann an, große Toilette zu machen: er zog fast ganz neue Beinkleider an, dann ein Chemisett mit Messingknöpfchen und eine Weste mit sehr hellen, hübschen Blümchen; um den Hals band er sich ein buntseidenes Halstuch, und zuletzt legte er einen ebenfalls fast neuen, sorgsam abgebürsteten Uniformrock an. Nachdem er sich so angekleidet hatte, betrachtete er mehrmals liebevoll seine Stiefel, hob alle Augenblicke bald den einen, bald den andern Fuß in die Höhe, bewunderte die Fasson und flüsterte immer etwas vor sich hin, indem er ab und zu seinem eigenen Ich mit einer ausdrucksvollen Grimasse zublinkte. Übrigens musste Herr Goljadkin wohl an diesem Morgen äußerst zerstreut sein, da er fast gar nicht bemerkte, wie Petruschka, der ihm beim Ankleiden behilflich war, über ihn lächelte und grinste. Als Herr Goljadkin endlich alles Erforderliche in Ordnung gebracht hatte und vollständig angekleidet war, steckte er seine Brieftasche ein, warf noch einen bewundernden Blick auf Petruschka, der sich die Stiefel angezogen hatte und somit ebenfalls völlig bereit war, und lief, nachdem er sich überzeugt hatte, dass alles ausgeführt und zu weiterem Warten kein Grund sei, eilig und geschäftig mit etwas Herzklopfen seine Treppe hinunter. Eine himmelblaue Mietskutsche mit einer Art von Wappen fuhr mit starkem Gepolter an der Haustür vor. Petruschka wechselte mit dem Kutscher und einigen Gaffern verständnisvolle Blicke, half seinem Herrn beim Einsteigen in den Wagen, rief mit gekünstelter Stimme, nur mit Mühe ein albernes Lachen unterdrückend, dem Kutscher „Vorwärts!“ zu, sprang auf das hinten befindliche Wagenbrett, und lärmend und polternd, klirrend und rasselnd rollte die blaue Kutsche in der Richtung nach dem Newski-Prospekte davon. Kaum hatte sie den Torweg passiert, als Herr Goljadkin sich kräftig die Hände rieb und in ein leises, unhörbares Gelächter ausbrach, wie ein zur Heiterkeit veranlagter Mensch, dem es gelungen ist, einen prächtigen Streich auszuführen, über den er nun das allergrößte Vergnügen empfindet. Übrigens machte sogleich nach dem Heiterkeitsausbruche das Gelächter einem eigentümlich sorgenvollen Ausdruck auf Herrn Goljadkins Gesichte Platz. Obwohl das Wetter feucht und unfreundlich war, hatte er doch beide Wagenfenster herabgelassen, blickte eifrig rechts und links nach den Passanten und nahm sofort eine vornehme, würdevolle Miene an, sowie er bemerkte, dass ihn jemand ansah. An der Einmündung der Liteinaja-Straße in den Newski-Prospekt fuhr er infolge einer sehr unangenehmen Empfindung zusammen, runzelte die Stirn wie ein armer Teufel, dem jemand zufällig auf die Hühneraugen getreten hat, und drückte sich eilig, ja sogar ängstlich in die dunkelste Ecke seiner Kutsche. Der Grund war, dass er zweien seiner Kollegen begegnete, zwei jungen Beamten derselben Behörde, bei der er selbst angestellt war. Die Beamten waren, wie es Herrn Goljadkin schien, ihrerseits ebenfalls äußerst erstaunt, ihrem Kollegen in dieser Weise zu begegnen; einer von ihnen zeigte sogar mit dem Finger nach Herrn Goljadkin. Diesem schien es sogar, dass der andere ihn laut bei seinem Namen rief, was selbstverständlich auf der Straße sehr unpassend war. Unser Held versteckte sich und gab keine Antwort. „Was sind das für dumme Jungen!“ räsonierte er für sich. „Na, was ist denn dabei Sonderbares? Es fährt jemand in einer Kutsche; es wird wohl eine Nötigung dazu vorliegen, nun, da hat er sich eben eine Kutsche genommen. Sie sind einfach Plebs! Ich kenne sie hinlänglich; dumme Jungen sind es, die noch ihre Prügel bekommen müssten! Sie können weiter nichts als mit ihrem Gehalte Adler oder Schrift spielen und sich Gott weiß wo herumtreiben; das ist ihr Element. Ich müsste mal ein ernstes Wort mit ihnen allen reden; nur …“ Herr Goljadkin beendete den angefangenen Satz nicht und wurde starr. Ein Paar mutiger Kasanscher Pferde, die an eine elegante Equipage gespannt und Herrn Goljadkin sehr wohlbekannt waren, überholte schnell auf der rechten Seite seine Mietskutsche. Der Herr, der in der Equipage saß, erblickte zufällig Herrn Goljadkins Gesicht, welcher ziemlich unvorsichtig seinen Kopf aus dem Wagenfenster heraussteckte; auch er war anscheinend über eine so unerwartete Begegnung äußerst erstaunt, bog sich heraus, soweit er nur konnte, und blickte höchst neugierig und interessiert in die Wagenecke, in der unser Held sich schleunigst versteckt hatte. Der Herr in der Equipage war Andrei Filippowitsch, Abteilungschef bei derselben Behörde, zu welcher auch Herr Goljadkin in der Stellung eines Gehilfen seines Tischvorstehers gehörte. Als Herr Goljadkin sah, dass Andrei Filippowitsch ihn genau erkannt hatte, ihn mit großen Augen ansah und es unmöglich war, sich zu verstecken, wurde er rot bis über die Ohren. „Soll ich mich verbeugen oder nicht? Etwas sagen oder nicht? Gestehen oder nicht?“ dachte unser Held in unbeschreiblicher Verlegenheit; „oder soll ich tun, als ob ich es nicht wäre, sondern irgendein anderer, der mir außerordentlich ähnlich sieht, und ein Gesicht machen, als ob es mich nichts anginge? Ich bin es wirklich nicht, ich bin es nicht; damit Punktum!“ sagte Herr Goljadkin, während er seinen Hut vor Andrei Filippowitsch abnahm und die Augen nicht von ihm verwandte. „Ich, ich weiß von nichts,“ flüsterte er mit Anstrengung, „ich weiß schlechterdings von nichts; ich bin es gar nicht, ich bin es nicht; damit Punktum!“ Bald aber hatte die Equipage seine Mietskutsche überholt, und die magnetische Wirkung der Blicke seines Vorgesetzten hörte auf. Jedoch war er immer noch rot, lächelte und murmelte etwas vor sich hin … „Es war eine Dummheit von mir, dass ich nichts gesagt habe,“ dachte er zuletzt; „ich hätte einfach dreist und mit anständiger Offenherzigkeit sagen sollen: ‚So und so, Andrei Filippowitsch; ich bin ebenfalls zum Diner eingeladen; das ist die ganze Sache!‘“ Dann fiel ihm plötzlich ein, dass er sich blamiert habe, und unser Held wurde feuerrot, zog finster die Brauen zusammen und richtete einen schrecklichen, herausfordernden Blick nach der einen Vorderecke des Wagens, einen Blick, als wollte er alle seine Feinde auf einmal in Asche verwandeln. Endlich zog er, einer plötzlichen Eingebung folgend, an der Schnur, die an den Ellbogen des Kutschers festgebunden war, ließ den Wagen halten und befahl dem Kutscher, nach der Liteinaja-Straße zurückzufahren. Die Sache war die, dass Herr Goljadkin die dringende Nötigung verspürte, wahrscheinlich zu seiner eigenen Beruhigung seinem Arzte Krestjan Iwanowitsch eine sehr interessante Mitteilung zu machen. Und obgleich er mit Krestjan Iwanowitsch erst seit kurzer Zeit bekannt war, indem er ihn nämlich erst einmal in der vorigen Woche wegen gewisser Beschwerden besucht hatte, so steht doch ein Arzt, wie man zu sagen pflegt, auf gleicher Stufe mit einem Beichtvater: es wäre dumm, ihm etwas zu verheimlichen, und er seinerseits hat die Pflicht, seinen Patienten ordentlich kennen zu lernen. „Wird mein Besuch übrigens auch passend sein?“ fuhr unser Held fort, während er bei der Auffahrt eines fünfstöckigen Hauses in der Liteinaja-Straße, wo er seinen Wagen hatte halten lassen, ausstieg; „wird mein Besuch auch passend sein? Wird er auch anständig sein? Werde ich ihm auch nicht ungelegen kommen? Aber, was ist dabei?“ fuhr er fort, während er die Treppe hinaufstieg, Atem schöpfte und das Herzklopfen zu hemmen suchte, das sich bei ihm immer auf fremden Treppen einzustellen pflegte; „was ist dabei? Ich komme ja wegen meines Leidens; daran ist nichts Tadelnswertes zu finden … Es wäre eine Dummheit, etwas verbergen zu wollen. Und ich werde so tun, als ob ich keinen besonderen Grund hätte, sondern nur so gelegentlich herankäme, weil ich gerade vorbeigekommen wäre … Er wird schon einsehen, dass das alles so in der Ordnung ist.“
Unter solchen Überlegungen war Herr Goljadkin zur zweiten Etage hinaufgestiegen und blieb vor der mit Nummer Fünf bezeichneten Wohnung stehen, an deren Tür ein hübsches Messingschild angebracht war mit der Aufschrift:
Während er dort stand, beeilte sich unser Held, seinem Gesichte einen vornehmen, ungenierten, dabei aber doch liebenswürdigen Ausdruck zu geben, und schickte sich an, die Klingel zu ziehen. Eben in dem Augenblicke, als er sich dazu anschickte, überlegte er noch schnell und rechtzeitig, dass es doch wohl besser wäre, den Besuch bis morgen zu verschieben, da vorläufig noch keine eigentliche Nötigung dazu vorliege. Aber da Herr Goljadkin auf einmal Schritte auf der Treppe hörte, so änderte er seinen neuen Entschluss unverzüglich wieder und klingelte, übrigens mit sehr entschlossener Miene, vor Krestjan Iwanowitschs Tür.
Eine Antwort ist jeweils richtig. Lies den Textbeleg aufmerksam. Bei einer falschen Antwort kannst du es erneut versuchen.
Angemeldet zählen richtige Antworten für deinen Lernstand. Als Gast übst du ohne Kontopunkte.
Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.
1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Nachdem er diese wichtige Entdeckung gemacht hatte, schloss Herr Goljadkin wieder krampfhaft …«
2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Nachdem er dann einen Blick hinter die […] in das Kämmerchen seines Dieners Petruschka geworfen und sich überzeugt hatte, dass Petruschka nicht darin war, ging er auf den Fußspitzen an den Tisch, schloss an demselben eine Schublade auf, wühlte in dem hintersten Winkel dieser Schublade«
3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »Obgleich« in diesem Textausschnitt? »Obgleich die verschlafene, kurzsichtige, ziemlich kahlköpfige Gestalt, die ihm der Spiegel zurückwarf, einen so unbedeutenden Eindruck machte, dass sie auf den ersten Blick entschieden niemandes ausschließliche Aufmerksamkeit fesseln konnte, so war doch ihr Besitzer mit alledem, was er im Spiegel erblickte, anscheinend völlig zufrieden.«
4. Welcher Ausschnitt kennzeichnet eine Aussage ausdrücklich als Möglichkeit oder Vermutung? Achte auf die Formulierung; entscheide nicht, ob die Aussage tatsächlich wahr ist.
5. Was bedeutet »behutsam« in diesem Ausschnitt? »öffnete sie behutsam und blickte vorsichtig und mit Genuss in die abgelegenste, verborgenste Tasche derselben hinein«
6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse.
A: »pflegte, zum Fenster hin und begann höchlichst interessiert mit den Augen etwas auf dem Hofe zu suchen, auf den die Fenster seiner Wohnung hinausgingen«
B: »Als Herr Goljadkin sah, dass Andrei Filippowitsch ihn genau erkannt hatte, ihn mit großen Augen ansah und es unmöglich war, sich zu verstecken, wurde er rot bis über die Ohren.«
C: »Herr Goljadkin musterte Petruschka von allen Seiten und schien zufrieden zu sein.«
7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Es fährt jemand in einer Kutsche; es wird wohl eine Nötigung …«
8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Der Herr in der Equipage war Andrei Filippowitsch, Abteilungschef bei derselben Behörde, zu welcher auch Herr Goljadkin in der Stellung eines Gehilfen seines […] gehörte.«
9. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »Obwohl« in diesem Textausschnitt? »Obwohl das Wetter feucht und unfreundlich war, hatte er doch beide Wagenfenster herabgelassen, blickte eifrig rechts und links nach den Passanten und nahm sofort eine vornehme, würdevolle Miene an, sowie er bemerkte, dass ihn jemand ansah.«
10. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Ich komme ja wegen meines Leidens; daran ist nichts Tadelnswertes …«
2Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte
1. Ordne diese Textstelle in den Zusammenhang ein: »Nachdem er diese wichtige Entdeckung gemacht hatte, schloss Herr Goljadkin wieder krampfhaft «. Was geschieht oder wird hier besprochen? Erkläre in drei bis fünf Sätzen auch, was davor und danach wichtig ist.
Impulse zur Selbstprüfung
Lies die verlinkte Stelle mit ihrer Umgebung. Trenne ausdrücklich Gesagtes von Vermutungen.
2. Vergleiche die beiden Ausschnitte: »Nachdem er diese wichtige Entdeckung gemacht hatte, schloss Herr Goljadkin wieder krampfhaft « und »zu finden … Es wäre eine Dummheit, etwas verbergen zu wollen«. Welche Entwicklung, Gemeinsamkeit oder Spannung erkennst du? Begründe mit beiden Textstellen.
Impulse zur Selbstprüfung
Auch eine gleichbleibende Haltung ist ein mögliches Ergebnis. Erfinde keine Entwicklung, wenn sie sich aus dem Text nicht belegen lässt.
Beide Ausschnitte im Zusammenhang gelesen
Eine Gemeinsamkeit oder einen Unterschied erläutert
3. Untersuche die sprachliche Wirkung dieses Ausschnitts: »Hals band er sich ein buntseidenes Halstuch, und zuletzt legte er einen«. Wähle ein auffälliges Wort, ein Bild oder eine Formulierung. Erkläre seine Wirkung und begründe eine mögliche andere Lesart.
Impulse zur Selbstprüfung
Es gibt nicht nur eine richtige Interpretation. Prüfe beide Lesarten am Kapitel und benenne, was offen bleibt.
Sprachliches Merkmal am Wortlaut benannt
Wirkung als begründete Deutung formuliert
Alternative Lesart oder Grenze der Deutung erklärt
3Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte
Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.
Niveau 1 · Einstieg
1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Es war beinahe acht Uhr morgens, als der Titularrat Jakow Petrowitsch Goljadkin nach einem langen Schlafe erwachte, gähnte, sich reckte und schließlich völlig die Augen öffnete.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Nachdem er sich so angekleidet hatte, betrachtete er mehrmals liebevoll seine Stiefel, hob alle Augenblicke bald den einen, bald den andern Fuß in die Höhe, bewunderte die Fasson und flüsterte immer etwas vor sich hin, indem er ab und zu seinem eigenen Ich mit einer ausdrucksvollen Grimasse zublinkte.«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Aber da Herr Goljadkin auf einmal Schritte auf der Treppe hörte, so änderte er seinen neuen Entschluss unverzüglich wieder und klingelte, übrigens mit sehr entschlossener Miene, vor Krestjan Iwanowitschs Tür.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Autor und namentlich belegte deutsche Übersetzung sind nach den geprüften Lebensdaten in Deutschland gemeinfrei. Die Herkunft aus einem US-Archiv allein wurde nicht als deutsche Rechtefreigabe verwendet.
Quellen- und Digitalisierungsnachweis: https://www.gutenberg.org/ebooks/48527
Quelltext und Ausgabe ↗ · Underlying historical text public domain in Germany after separate author/translator review; source notice and trademark policy in linked archive. Lizenz
Originalsprache · Russisch
Vollständiger russischer Werktext in der konkret verlinkten Quellenausgabe. Wortlaut, historische Schreibweisen und auch auffällige Druck-/Transkriptionsformen bleiben unverändert. Vorhandene Quell- und Editionsanmerkungen sind mitgeführt; Navigationsleisten und ausdrücklich dokumentierte moderne Transkriptionshinweise werden nicht als Werktext ausgegeben. Ganze Kapitel/Akte anhand der tatsächlichen Quellüberschriften gegliedert, keine Satz- oder Absatzparität mit der deutschen Übersetzung behauptet.
Dostoyevsky, Fyodor; digitale Edition und Mitwirkende der russischen Wikisource, CC BY-SA 4.0. Versionsgeschichten siehe Quellseiten.
Die Fassungen folgen den jeweils angegebenen Quellen; ihre Gliederung kann abweichen.
Welche Änderungen enthält die Lesefassung?
Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.