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Sind Namen von Natur aus richtig oder durch menschliche Übereinkunft festgelegt? Sokrates untersucht im Gespräch mit Hermogenes und Kratylos die Möglichkeiten und Grenzen sprachlicher Erkenntnis.
Philosophischer DialogKlasse 11–135 Abschnitte
Platon – antike Büste — Antikes Bildnis zur Autorschaft; Fotografie von Osama Shukir Muhammed Amin. · Osama Shukir Muhammed Amin FRCP(Glasg) · CC BY-SA 4.0Bildquelle ↗
Historische philosophische, religiöse und naturkundliche Aussagen sowie zeitgebundene gesellschaftliche Wertungen kritisch einordnen. Diese Texte vermitteln keine heutigen wissenschaftlichen, medizinischen oder rechtlichen Handlungsempfehlungen. Klassenangaben sind eine redaktionelle Orientierung.
Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.
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Deutsch · Abschnitt 1 von 5
Kratylos · Leseabschnitt 1
Redaktioneller Leseabschnitt innerhalb von „Kratylos“. Die zusätzliche Gliederung verändert weder Wortlaut noch Reihenfolge.
Hermogenes: Dieser Kratylos behauptet, o Sokrates, es gebe von Natur einen richtigen Namen für jedes Ding, und nicht das sei ein Name, den einige nach Übereinkunft einem Dinge beilegten – dabei ließen sie nur ein Teilchen von ihrer Stimme über es laut werden –, sondern es gebe eine Richtigkeit der Namen von Natur, und zwar für Hellenen und Barbaren, für alle ein und dieselbe. Ich frage ihn nun, ob ihm in Wahrheit der Name Kratylos gebühre oder nicht? – Er bejahte es. – »Welcher Name aber gebührt dem Sokrates?« sagte ich. – »Sokrates«, sagt er. – »Gehört denn nicht auch jedem unter allen übrigen Menschen der Name, den wir ihm beilegen?« – Da sagt er: »Dir gewiss nicht der Name Hermogenes, auch wenn dich alle Menschen so nennen.« Wie ich nun weiter frage und wissen will, was er eigentlich meint, gibt er mir durchaus keine deutliche Antwort, sondern verstellt sich gegen mich und tut, als überlege er bei sich und wüsste etwas über die Sache, und wenn er es nur sagen wollte, könnte er auch mich zum Zugeständnis bringen und für seine eigene Meinung gewinnen. Wenn du nun etwa das Rätsel des Kratylos lösen kannst, so würde ich es gerne hören; noch lieber aber würde ich deine eigene Meinung über die Richtigkeit der Namen (Wörter) erfahren, wenn es dir genehm ist, sie mitzuteilen.
Sokrates: O Sohn des Hipponikos, Hermogenes, es gibt ein altes Sprichwort. Schwer ist das Verständnis des Schönen, und das Verständnis der Namen ist keine geringe Aufgabe. Wenn ich schon beim Prodikos den Vortrag für fünfzig Drachmen gehört hätte, durch den man, wie jener sagt, hierüber aufgeklärt wird, so könntest du leicht sofort die Wahrheit über die Richtigkeit der Namen erfahren. Nun aber habe ich ihn nicht gehört, sondern nur den Vortrag für eine Drachme: Daher kenne ich den wahren Sachverhalt in diesen Dingen nicht. Doch bin ich bereit, ihn mit dir und Kratylos gemeinsam zu untersuchen. Wenn er aber sagt, dir gebühre in Wahrheit nicht der Name Hermogenes, so spottet er, wie ich vermute. Denn er meint wohl, in all deinem Streben nach Geldbesitz hättest du doch jedesmal Unglück. Doch, wie gesagt, die Erkenntnis solcher Dinge ist schwer, aber man muss sie gemeinsam vornehmen und prüfen, ob du recht hast oder Kratylos.
Hermogenes: Ich habe zwar, o Sokrates, gar oft mit diesem hier und mit vielen anderen gesprochen, kann mich aber nicht überzeugen, dass es einen anderen Grund für die Richtigkeit eines Namens gebe als Verabredung und Übereinkunft. Denn mir scheint jeder Name, den man einem Dinge beilegt, der rechte zu sein, und wenn man ihn wieder mit einem anderen vertauscht und jenen nicht mehr gebraucht, so müsse man diesen späteren für nicht minder richtig halten als den früheren: wie z.B. wenn man den Sklaven andere Namen gibt, so sei der neue nicht minder richtig als der, den sie ursprünglich führten. Denn nicht von Natur komme jedem Dinge ein Name zu, nicht einem einzigen, sondern durch Gesetz und Gewohnheit, je nach der wechselnden Wahl der Benennung. Wenn sich aber die Sache anders verhält, so bin ich gern bereit zu lernen und zu hören, nicht bloß von Kratylos, sondern auch von jedem anderen sonst.
Sokrates: Wie denn? Wenn ich irgend ein Ding benenne, z.B. was wir jetzt ›Mensch‹ nennen, wenn ich das ›Pferd‹ nennt, und was man jetzt ›Pferd‹ nennt, ›Mensch‹, wird ihm dann von Staats wegen der Name ›Mensch‹, von meinetwegen der Name ›Pferd‹ gebühren? Und von meinetwegen wieder der Name ›Mensch‹, von Staats wegen ›Pferd‹? Meinst du es so?
Hermogenes: Ich wenigstens, o Sokrates, kenne keine andere Richtigkeit eines Namens als diese, dass ich das Recht habe, jedes Ding mit einem anderen Namen zu benennen, den ich ihm gegeben habe, und du wieder mit einem anderen, den du ihm geben magst. So sehe ich auch, dass für eben dieselben Dinge in einzelnen Staaten besondere Namen bestehen, und zwar bei Hellenen im Gegensatz zu anderen Hellenen, und bei Hellenen im Gegensatz zu Barbaren.
Sokrates: Wohlan denn, lass uns zusehen, Hermogenes, ob es dir auch um die Dinge ebenso zu stehen scheint, dass jedes von ihnen für jeden ein besonderes Wesen habe, wie Protagoras behauptete, wenn er sagt, das Maß aller Dinge sei der Mensch, so dass also die Dinge für mich so sind, wie sie mir zu sein scheinen, und für dich wieder, wie sie dir erscheinen; oder scheinen sie dir in sich eine Wesensbestimmtheit zu besitzen?
Hermogenes: Ich war, o Sokrates, darüber schon einmal im Zweifel und fühlte mich zu der Meinung des Protagoras hingezogen. Doch scheint mir die Sache nicht ganz so richtig.
Hermogenes: Nein, beim Zeus, sondern gar oft habe ich gerade diese Erfahrung gemacht und musste gewisse Leute für ganz schlecht halten, und zwar gar viele.
Sokrates: Ist's nun möglich, wenn Protagoras recht hätte und das die Summe der »Wahrheit« ist, dass für jeden alles ist, wie es ihm zu sein scheint, – ist's dann möglich, dass die einen von uns vernünftig sind, die anderen unvernünftig?
Sokrates: So viel nimmst du also wenigstens, scheint mir, ganz sicher an: wenn es eine Vernunft gibt und Unvernunft, so könne Protagoras unmöglich recht haben. Denn es könnte doch wohl in Wahrheit keiner vernünftiger nein als der andere, wenn anders für jeden wahr sein soll, was ihm so scheint.
Sokrates: Doch du nimmst gewiss auch nicht mit dem Euthydemos an, dass allen alles auf gleiche Weise zugleich und immer zukomme. Denn auch nicht einmal so wären die einen brav, andere schlecht, wenn auf gleiche Weise allen, und zwar immer, Tugend und Schlechtigkeit zukäme.
Sokrates: Wenn daher weder allen alles gleicherweise zugleich und immer zukommt, noch für jeden jedes Ding verschieden ist, so haben die Dinge offenbar eine eigene, sich gleichbleibende Wesenheit, richten sich nicht nach uns und werden nicht durch uns bestimmt, als würden sie durch unsere Einbildung hin und her gezerrt, sondern sind selbständig in sich nach ihrer eigenen Wesenheit, so wie sie geartet sind.
Sokrates: Also nach ihrer eigenen Natur gehen auch die Tätigkeiten vor sich, nicht nach unserer Vorstellung; wenn wir z.B. ein Ding schneiden wollen, müssen wir dann jedes Ding schneiden, wie wir wollen und womit wir wollen, oder werden wir nur dann, wenn wir jedesmal nach der Natur des Schneidens (und Geschnittenwerdens) schneiden wollen und mit dem passenden Werkzeuge, in Wahrheit schneiden und Vorteil davon haben, wofern wir es aber wider die Natur tun, werden wir fehlgehen und nichts ausrichten?
Sokrates: Und wenn wir also etwas zu brennen uns vornehmen, so darf man nicht nach jeder beliebigen Vorstellung brennen, sondern nach der rechten? Das heißt aber, es kommt auf die Natur der Sache an, die gebrannt werden und brennen soll, und auf die Natur des Mittels, womit es geschieht?
Sokrates: Wird man nun so recht reden, wie es einem gerade einfällt, oder wird man nur dann etwas ausrichten und wahrhaft reden, wenn man so redet und mit dem betreffenden Mittel, wie die Natur der Dinge im Reden es verlangt, wo aber nicht, fehlgehen und nichts ausrichten?
Sokrates: So muss man auch benennen, wie die Natur der Dinge das Benennen fordert, und mit dem Mittel, das sie verlangt, nicht aber, wie wir wollen mögen, wenn dies ja mit dem Vorhergehenden übereinstimmen soll; Und nur so würden wir doch etwas ausrichten und benennen, anders aber nicht?
Sokrates: Der Weberkünstler also wird die Weberlade recht gebrauchen, recht aber heißt hier: nach der Webekunst; der Mitteilende aber wird das Wort recht gebrauchen, recht heißt da: nach der Kunst des Mitteilens.
Sokrates: Gut. Wessen Werk aber wird der Mitteilende gebrauchen, wenn er sich des Wortes bedient?
Vorlage S. 549
Kontextbild zum Werk. Platon – antike Büste — Antikes Bildnis zur Autorschaft; Fotografie von Osama Shukir Muhammed Amin. · Osama Shukir Muhammed Amin FRCP(Glasg) · CC BY-SA 4.0Bildquelle ↗
Sokrates: Also nicht jedermanns Sache ist es, Hermogenes, ein Wort zu bilden, sondern das gebührt nur einem Wortbildner. Das ist aber, scheint es, der Gesetzgeber, der offenbar unter den Künstlern am allerseltensten unter den Menschen auftritt.
Sokrates: Wohlan denn, überlege: Wonach richtet sich der Gesetzgeber, wenn er die Worte festsetzt? Überdenke es aber gemäß dem Vorhergehenden: Wonach richtet sich der Drechsler, wenn er die Weberlade macht? Nicht etwa nach etwas, dessen Natur das Weben ist?
Sokrates: Wie dann? Wenn ihm bei der Arbeit die Weberlade zerbricht, wird er dann nach der zerbrochenen sich richten, wenn er wieder eine neue machen will, oder nach jenem Bilde (Begriff), nach dem er auch die zerbrochene machen wollte?
Sokrates: Also alle Weberladen, ob er nun eine für dünnes Zeug oder für dickes, für Leinen oder Wolle oder was sonst machen soll, müssen den Begriff der Weberlade enthalten; die Beschaffenheit aber, durch die sie je für den Zweck am besten geeignet wird, muss er jedesmal in dem Werke wiedergeben?
Sokrates: Auch mit den anderen Werkzeugen hat es natürlich dieselbe Bewandtnis: Die naturgemäße Eigentümlichkeit je nach seinem Zweck muss man ausfindig machen und in jenem Stoffe wiedergeben, aus dem man das Werk bildet, nicht also eine willkürliche, sondern die natürliche. Denn man muss verstehen, die je nach dem Zweck naturgemäße Eigentümlichkeit des Bohrers in das Eisen hineinzulegen.
Sokrates: Muss demnach, mein Bester, nicht auch der Gesetzgeber die naturgemäße Eigentümlichkeit des Wortes in die Laute und Silben zu legen verstehen und sich richten nach eben jenem wahrhaft seienden Worte (der Idee des Wortes) und nach diesem alle Worte bilden und festsetzen, wenn einer ein tüchtiger Bildner von Worten sein will; Wenn aber nicht jeder Gesetzgeber in dieselben Silben einbildet, so darf uns das nicht befremden: denn auch nicht jeder Schmied bildet in dasselbe Eisen, obwohl doch jeder zu demselben Zwecke dasselbe Werkzeug fertigt. Vielmehr hat es gleichwohl seine Richtigkeit mit dem Werkzeug, wenn er nur dieselbe Idee einbildet, wenn auch in anderes Eisen, mag er hier oder unter den Barbaren es verfertigen. Nicht wahr?
Sokrates: So wirst du also auch über den hiesigen Gesetzgeber und einen unter den Barbaren urteilen, solange er nur den jedem Dinge zukommenden Begriff des Wortes wiedergibt, in welchen Silben auch immer, sei der hiesige Gesetzgeber nicht schlechter als einer irgendwo sonst?
Sokrates: Wer wird nun erkennen, ob der richtige Begriff der Weberlade in dem Holze liegt, welches es auch sein mag? Der Drechsler, der sie verfertigte, oder der Weber, der sie gebrauchen soll?
Sokrates: Wer ist es nun, der das Werk des Lyrabauers gebrauchen soll? Ist es nicht der, der bei der Verfertigung am besten zu leiten verstände und dann auch zu erkennen, ob das fertige Werk geraten sei oder nicht?
Sokrates: Wer aber würde am besten die Arbeit des Gesetzgebers leiten und nach der Vollendung beurteilen können, hier und unter den Barbaren? Nicht der, der davon Gebrauch machen soll?
Sokrates: Die Aufgabe des Gesetzgebers aber, scheint es, das Wort zu fertigen unter der Leitung des dialektischen Mannes, wenn er Worte richtig festsetzen soll.
Sokrates: Demnach, o Hermogenes, muss doch deiner eigenen Meinung nach die Wortbildung keine gemeine und nicht gemeiner Leute und des ersten besten Aufgabe sein. Und Kratylos hat recht, wenn er behauptet, die Namen kämen von Natur den Dingen zu, und nicht jeder sei ein Meister der Worte, sondern der allein, der sich nach dem Worte richtet, das jedem Dinge von Natur zukommt, und seinen Begriff in die Buchstaben und Silben einzubilden versteht.
Hermogenes: Ich weiß, o Sokrates, nichts auf deine Worte zu erwidern. Freilich ist es nicht leicht, so augenblicklich überzeugt zu werden; aber ich glaube, am leichtesten würdest du mich überzeugen können, wenn du mir zeigen wolltest, was eigentlich naturgemäße Richtigkeit eines Wortes ist, die du behauptest.
Sokrates: Ich, mein trefflicher Hermogenes, behaupte sie nicht, sondern du vergaßest wohl, was ich kurz vorher sagte, dass ich darüber nichts wüsste und nur mit dir gemeinsam untersuchen wollte. Jetzt aber scheint uns, mir und dir, bei unserer Untersuchung so viel, abweichend von der früheren Meinung, festzustehen, dass das Wort von Natur seine Richtigkeit hat, und dass nicht jeder verstehe, es für jedes beliebige Ding richtig zu bilden. Nicht so?
Sokrates: Die beste Art der Betrachtung, mein Freund, wäre die in Gemeinschaft mit den Sachverständigen, denen du dafür Geld zahlen und deine Dankbarkeit beweisen solltest. Das sind aber die Sophisten, denen auch dein Bruder Kallias viel Geld gezahlt hat, damit er für weise gelte. Da du aber deines väterlichen Erbes nicht Herr bist, musst du in deinen Bruder dringen und ihn bitten, dir das Richtige über diese Dinge mitzuteilen, wie er es von Protagoras gelernt hat.
Hermogenes: Das wäre wahrlich, o Sokrates, eine wunderliche Bitte, wenn ich, obgleich ich die »Wahrheit« des Protagoras überhaupt verwerfe, Behauptungen, die sich auf eine solche »Wahrheit« stützen, noch einigen Wert beimessen wollte.
Sokrates: An vielen Orten spricht er darüber; am wichtigsten und besten ist aber die Unterscheidung der Namen, die die Menschen und Götter denselben Dingen beilegen. Oder meinst du nicht, dass er darin eine wichtige und merkwürdige Bemerkung über die Richtigkeit der Worte mache? Denn offenbar nennen ja die Götter die Dinge mit den richtigen, naturgemäßen Namen. Oder glaubst du nicht?
Sokrates: Wie nun? Hältst du es nicht für eine gar hochwichtige Sache, zu wissen, inwiefern man mit Recht jenen Fluss besser Xanthos nenne als Skamander? Oder, wenn dir das Beispiel lieber ist, wo er über den Vogel sagt:
soll es eine unwichtige Erkenntnis sein, inwiefern derselbe Vogel richtiger Chalkis heiße als Habicht? Oder Batieia und Myrine und vieles andere bei diesem und anderen Dichtern? Doch übersteigt es vielleicht meine und deine Kräfte, dem auf den Grund zu kommen. Für Menschen mag es wohl eher und leichter zu durchschauen sein, was es mit Skamandrios und Astyanax für eine Bewandtnis habe, Namen, die der Sohn des Hektor trägt, und inwiefern der Dichter ihnen Richtigkeit zuschreibt. Denn du kennst doch wohl die Verse, in. denen das enthalten ist, was ich meine?
Sokrates: Weißt du nicht, dass Homer sagt, das Kind des Hektor werde von den Troern Astyanax genannt; Skamandrios hieß er also offenbar bei den Frauen, da ihn ja die Männer Astyanax nannten?
Sokrates: Weil mit auch dieser Name dem Astyanax ziemlich ähnlich vorkommt und diese Namen hellenischen gleichen. Denn Anax (anax), der Herrscher, und Hektor (hektôr), der Herr, bedeuten so ziemlich ein und dasselbe [und beides sind königliche Namen]. Denn worüber einer Herrscher ist, darüber ist er doch wohl auch Herr: denn offenbar hat er Macht darüber, besitzt es und hat es zu eigen. Oder bin ich wohl im Unrecht und täusche gar mich selbst, wenn ich der Meinung des Homer über die Richtigkeit der Namen gleichsam auf der Spur zu sein glaube?
Sokrates: Wenigstens ist es meiner Ansicht nach in der Ordnung, dass der Sprößling des Löwen ›Löwe‹ heiße und der des Pferdes ›Pferd‹. Ich meine nicht etwa, wenn, gleichsam ein Wunder, von einem Pferde etwas anderes als ein Pferd geboren wird, sondern das meine ich, was nach der Natur ein Sprößling der Gattung ist. Wenn widernatürlicherweise ein Pferd den naturgemäßen Sprößling einer Kuh geboren hätte, so soll man es nicht ›Füllen‹ nennen, sondern ›Kalb‹. Auch wenn von einem Menschen nicht ein menschlicher Sprößling geboren würde, sondern nur wenn der rechte Sprößling geboren wird, soll man ihn ›Mensch‹ nennen. Und eben das gilt von den Bäumen und allem übrigen; oder bist du nicht einverstanden?
Sokrates: Gut. Gib nur acht auf mich, dass ich dich nicht irgendwie in die Irre führe! Denn nach derselben Rede muss man auch einen Nachkommen eines Königs ›König‹ nennen. Ob aber der Name in anderen Silben dasselbe bedeutet, tut nichts zur Sache. Auch nicht, ob ein Buchstabe zutritt oder weggelassen wird, – das tut auch nichts, wenn nur das Wesen des Dinges in dem Namen sich kundzugeben imstande ist.
Sokrates: Ich meine gar nichts Absonderliches; nur, weißt du, wie man auch für die Laute Namen angibt und nicht bloß die Laute selbst nennt, mit Ausnahme von vieren, nämlich e, y, o, ô. Den anderen Vokalen aber und den Konsonanten fügt man noch andere Buchstaben an und bildet so Namen für sie. Allein solange man nur die Eigentümlichkeit des Buchstabens hineinträgt, so dass sie sich kundgeben kann, nennt man ihn mit Recht mit diesem Namen, der ihn für uns bezeichnen soll; wie z.B. das b (beta). Du siehst, durch Zusetzung des e, i und a ist ihm nichts Schlimmes widerfahren, so dass nicht die Natur jenes Lautes in dem ganzen Namen doch deutlich hervorträte, wie es der Gesetzgeber wollte. So gut verstand er, den Buchstaben ihre Namen zu geben.
Sokrates: Gilt nun derselbe Satz auch über einen König? Denn es wird wohl von einem König ein König, und von einem Guten ein Guter, und von einem Schönen ein Schöner, und überhaupt in dieser Weise von jeder Gattung ein anderer Sprößling derselben Art stammen, wenn nicht ein Wunder geschieht. Daher sind sie mit demselben Namen zu benennen. Dagegen ist es erlaubt, in die Silben Mannigfaltigkeit zu bringen, so dass die Worte einem Laien verschieden erscheinen können, obwohl sie dieselben sind. Ähnlich erscheinen uns die Arzneien der Ärzte, weil in den Farben oder Gerüchen Mannigfaltigkeit herrscht, verschieden, wenn sie auch dieselben sind; aber der Arzt erkennt sie als gleich, weil er das Wesen der Arzneien betrachtet und sich von den Zusätzen nicht irren lässt. So betrachtet vielleicht auch der Wortverständige das Wesen der Worte und lässt sich nicht irren, ob ein Buchstabe zugesetzt oder versetzt oder ausgelassen ist, oder ob die Bedeutung des Wortes in durchaus anderen Buchstaben liegt. Wie in dem Beispiel, das wir oben hatten: Astanax und Hektor haben gar keine Buchstaben gemein als nur das t, und doch haben sie dieselbe Bedeutung. Und welche Gemeinschaft nach den Buchstaben hat Archepolis (Stadtherr) mit ihnen? Dennoch aber hat es denselben Sinn. So gibt es viele andere Namen, die nichts anderes als ›König‹ bedeuten. Andere bezeichnen dagegen einen Feldherrn, wie Agis (Führer), Polemarchos (Kriegsherr) und Eupolemos (Kriegsstark), andere den Beruf eines Arztes, wie Iatrokles (Heilberühmt) und Akesimbrotos (Heilmann). Überhaupt könnten wir leicht viele andere Worte finden, die nach den Silben und Buchstaben verschieden lauten, aber doch denselben Sinn ausdrücken. Glaubst du's, oder nicht?
Sokrates: Was gebührt dagegen den widernatürlichen Nachkommen, die einem Wunder gleich entstanden sind? Wenn z.B. von einem braven und gottesfürchtigen Manne ein ruchloser abstammte, sollen wir den nicht behandeln, wie wir vorher angaben: wenn nämlich ein Pferd den Sprößling einer Kuh geboren hätte, so solle es nicht nach der Mutter benannt werden, sondern nach der Gattung, zu der es gehöre?
Sokrates: Nicht also Theophilos (Gottlieb), auch nicht Mnesitheos (Gotthold), noch einen ähnlichen Namen darf er führen, sondern einen, der den entgegengesetzten Sinn hat, wenn dem Namen Richtigkeit zukommen soll.
Sokrates: So scheint auch Orestes, o Hermogenes, seinen Namen mit Recht zu tragen, mag ihn nun ein Zufall oder auch ein Dichter ihm gegeben haben, denn er drückt das Tierartige in seiner Natur und Wilde aus, wenn man ihn mit oreinon (bergig) zusammenstellt.
Sokrates: Denn Agamemnon ist ja ein Mann, der, was er einmal beschlossen hat, mit Ausdauer durchzuführen imstande ist, indem er mit tapferem Sinn seine Beschlüsse zum Ziele bringt. Ein Beweis dafür ist das mutige Ausharren des Heeres vor Troia. Dass dieser Mann bewundernswert (agastos) sei im Ausharren (epimonê), deutet daher der Name Agamemnon an. Vielleicht trifft es auch beim Atreus zu. Denn der Mord, den er an Chrysipos beging, und seine rohen Taten gegen Thyestes sind allesamt strafbar und unsittlich (atêra pros aretên). Die Bedeutsamkeit des Namens tritt allerdings ein wenig zurück und ist verhüllt, so dass er nicht allen das Wesen des Mannes offenbart. Denen aber, die sich auf Namen vergehen, gibt er deutlich genug zu erkennen, was es heißen will – Atreus! Denn man mag an ateires (unbeugsam) oder atreston (ohne Furcht und Zittern) oder atêron (unsittlich) denken, so hat er nach allen Seiten seinen Namen verdient. Auch Pelops hat, dünkt mir, seinen Namen mit Fug und Recht. Denn dieser Name bedeutet einen Mann, der auf das Nahe sieht (pelas und ops) [und wer das tut, verdient diesen Beinamen].
Sokrates: Wird ja doch von jenem Manne erzählt, er sei bei der Ermordung des Myrtilos nicht imstande gewesen, die Folgen, die in der Ferne sein Geschlecht trafen und die Fülle des Unheils, das er auf es häufte, zu ahnen oder vorauszusehen, weil er nur das Naheliegende und das Augenblickliche sah – das heißt aber pelas (Nahe) – und auf jede Art die Vermählung mit der Hippodameia begehrte. Dass ferner Tantalos einen richtigen und treffenden Namen erhalten hat, wofern die Geschichten wahr sind, die man von ihm erzählt, kann jeder sehen.
Eine Antwort ist jeweils richtig. Lies den Textbeleg aufmerksam. Bei einer falschen Antwort kannst du es erneut versuchen.
Angemeldet zählen richtige Antworten für deinen Lernstand. Als Gast übst du ohne Kontopunkte.
Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.
1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Denn mir scheint jeder Name, den man einem Dinge beilegt, der rechte …«
2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Sokrates: Das […] der falschen Rede aber ist falsch?«
3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »Weil« in diesem Textausschnitt? »Sokrates: Weil mit auch dieser Name dem Astyanax ziemlich ähnlich vorkommt und diese Namen hellenischen gleichen.«
4. Welcher Ausschnitt kennzeichnet eine Aussage ausdrücklich als Möglichkeit oder Vermutung? Achte auf die Formulierung; entscheide nicht, ob die Aussage tatsächlich wahr ist.
6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse.
A: »Sokrates: Scheint es dir nicht das Gesetz (die Sitte) zu sein, das sie uns überliefert?«
B: »Sokrates: Und zwar gleichviel, ob ein Einzelner den Namen gibt oder der Staat;«
C: »Ich selbst wenigstens verstehe es noch nicht.«
8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Sokrates: Hielt auch Homer die Troer für […] als ihre Frauen?«
9. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »weil« in diesem Textausschnitt? »Sokrates: Wird ja doch von jenem Manne erzählt, er sei bei der Ermordung des Myrtilos nicht imstande gewesen, die Folgen, die in der Ferne sein Geschlecht trafen und die Fülle des Unheils, das er auf es häufte, zu ahnen oder vorauszusehen, weil er nur das«
10. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Sokrates: Nicht also Theophilos (Gottlieb), auch nicht Mnesitheos (Gotthold), noch einen ähnlichen …«
2Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte
1. Ordne diese Textstelle in den Zusammenhang ein: »sondern es gebe eine Richtigkeit der Namen von Natur, und zwar für«. Was geschieht oder wird hier besprochen? Erkläre in drei bis fünf Sätzen auch, was davor und danach wichtig ist.
Impulse zur Selbstprüfung
Lies die verlinkte Stelle mit ihrer Umgebung. Trenne ausdrücklich Gesagtes von Vermutungen.
2. Vergleiche die beiden Ausschnitte: »sondern es gebe eine Richtigkeit der Namen von Natur, und zwar für« und »Sokrates: Wird ja doch von jenem Manne erzählt, er sei bei der Ermordung des Myrtilos nicht imstande gewesen, die Folgen, die in der Ferne sein Geschlecht trafen und die Fülle des Unheils, das er auf es häufte, zu ahnen oder vorauszusehen, weil er nur das«. Welche Entwicklung, Gemeinsamkeit oder Spannung erkennst du? Begründe mit beiden Textstellen.
Impulse zur Selbstprüfung
Auch eine gleichbleibende Haltung ist ein mögliches Ergebnis. Erfinde keine Entwicklung, wenn sie sich aus dem Text nicht belegen lässt.
Beide Ausschnitte im Zusammenhang gelesen
Eine Gemeinsamkeit oder einen Unterschied erläutert
3. Untersuche die sprachliche Wirkung dieses Ausschnitts: »der Gesetzgeber, wenn er die Worte festsetzt«. Wähle ein auffälliges Wort, ein Bild oder eine Formulierung. Erkläre seine Wirkung und begründe eine mögliche andere Lesart.
Impulse zur Selbstprüfung
Es gibt nicht nur eine richtige Interpretation. Prüfe beide Lesarten am Kapitel und benenne, was offen bleibt.
Sprachliches Merkmal am Wortlaut benannt
Wirkung als begründete Deutung formuliert
Alternative Lesart oder Grenze der Deutung erklärt
3Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte
Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.
Niveau 1 · Einstieg
1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Hermogenes: Sollen wir auch dem Sokrates da die Sache mitteilen;«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Vielmehr hat es gleichwohl seine Richtigkeit mit dem Werkzeug, wenn er nur dieselbe Idee einbildet, wenn auch in anderes Eisen, mag er hier oder unter den Barbaren es verfertigen.«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Dass ferner Tantalos einen richtigen und treffenden Namen erhalten hat, wofern die Geschichten wahr sind, die man von ihm erzählt, kann jeder sehen.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Vollständiger altgriechischer Text der bezeichneten kritischen Edition. Quellschreibweise und editorische Zeichen bleiben erhalten; TEI-Struktur wird für die Anzeige umgesetzt. Abschnittsgrenzen folgen ausschließlich wirklichen Quellenunterteilungen. Historische deutsche Übersetzung und griechische Quellenedition haben eigenständige Gliederungen.
Platon; John Burnet (Quellenedition); Perseus Digital Library, Tufts University, CC BY-SA4.0.
Die Fassungen folgen den jeweils angegebenen Quellen; ihre Gliederung kann abweichen.
Welche Änderungen enthält die Lesefassung?
Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.