D9 E - Kommunikationsmodelle

D9 E - Kommunikationsmodelle
D9 E - Kommunikationsmodelle
Einleitung
Kommunikation begleitet Dich fast überall: im Unterricht, in der Familie, im Freundeskreis, im Verein, beim Gaming und in Chats. Trotzdem ist es oft erstaunlich schwer, sich eindeutig zu verstehen. Eine Person sagt etwas Bestimmtes, eine andere hört etwas ganz anderes. Ein Blick, ein Schweigen oder ein bestimmter Tonfall kann eine Aussage zusätzlich verändern.
Kommunikationsmodelle helfen dabei, solche Situationen geordnet zu untersuchen. Ein Modell bildet die Wirklichkeit nicht vollständig ab. Es vereinfacht sie bewusst und lenkt den Blick auf bestimmte Aspekte. Du kannst Kommunikationsmodelle deshalb wie verschiedene Werkzeuge in einem Werkzeugkasten benutzen: Je nach Problem ist ein anderes Werkzeug besonders hilfreich.
In diesem aiMOOC lernst Du zentrale Modelle kennen und wendest sie auf schulnahe Situationen an. Dabei geht es nicht nur darum, Begriffe auswendig zu lernen. Du sollst begründet erklären können, warum Kommunikation gelingt oder misslingt und wie Gesprächspartner Missverständnisse klären können.

Deine Lernziele
Nach der Bearbeitung kannst Du Kommunikationssituationen mit mehreren Modellen untersuchen. Du kannst zwischen Nachricht, Beziehung, Wirkung und Kontext unterscheiden, Mehrdeutigkeiten erkennen und begründete Verbesserungsvorschläge formulieren. Besonders wichtig ist dabei der Wechsel der Perspektive: Was wollte eine Person vermutlich ausdrücken, und was konnte die andere Person verstehen?
Kommunikationsmodelle als Werkzeuge
Ein Modell beantwortet nicht jede Frage gleich gut. Deshalb ist es sinnvoll, zunächst zu überlegen, welches Analysewerkzeug gerade gebraucht wird.
| Werkzeug | Leitfrage | Besonders nützlich bei |
|---|---|---|
| Sender-Empfänger-Modell | Wie gelangt eine Nachricht von einer Person zur anderen? | Übertragungsproblemen, unklaren Codes und Störungen |
| Organon-Modell | Welche Funktion erfüllt eine sprachliche Äußerung? | Aussagen mit Darstellung, Ausdruck und Appell |
| Vier-Seiten-Modell | Welche vier Seiten kann eine Nachricht haben? | Mehrdeutigkeit und unterschiedlichen Deutungen |
| Watzlawicks Kommunikationsaxiome | Welche Beziehungsmuster und Signale prägen die Situation? | Konflikten, Körpersprache und wiederkehrenden Kommunikationsmustern |
Das Sender-Empfänger-Modell
Das Sender-Empfänger-Modell beschreibt Kommunikation zunächst als Übertragung. Eine Person sendet eine Nachricht. Sie verwendet dafür einen bestimmten Code, zum Beispiel die deutsche Sprache, Zeichen, Gesten oder Symbole. Die Nachricht gelangt über einen Kanal zum Empfänger. Der Empfänger muss sie wahrnehmen und deuten.
Schulische Darstellungen des Sender-Empfänger-Modells werden häufig mit der Kommunikationstheorie von Claude Shannon und Warren Weaver verbunden. Deren ursprünglicher Ansatz beschäftigte sich stark mit technischer Signalübertragung. Für zwischenmenschliche Kommunikation wird das Grundschema meist erweitert, weil Menschen nicht nur Signale empfangen, sondern Bedeutungen interpretieren, reagieren und Rückmeldungen geben.

Schaubild: Übertragung und Rückmeldung
| Sender | → kodiert → | Nachricht | → über Kanal → | Empfänger |
| Person mit einer Absicht | wählt Wörter, Zeichen oder Gesten | hörbare, sichtbare oder geschriebene Äußerung | mögliche Störungen | nimmt wahr und deutet |
| Rückmeldung: Der Empfänger reagiert und wird dadurch selbst zum Sender. | ||||
Eine Störung kann technisch sein, etwa Lärm oder eine schlechte Verbindung. Sie kann aber auch sprachlich oder situativ entstehen: unbekannte Wörter, undeutliche Aussprache, Ironie, fehlendes Vorwissen oder unterschiedliche Vorstellungen davon, worauf sich ein Ausdruck bezieht.
Dialog 1: „Wir treffen uns vorne“
| Person | Äußerung |
|---|---|
| Mira | „Wir treffen uns nach der Pause vorne.“ |
| Noah | „Vorne wo?“ |
| Mira | „Na vorne eben, bei der Tür!“ |
| Noah | „Ich dachte, Du meinst vorne am Haupteingang.“ |
Mit dem Sender-Empfänger-Modell lässt sich erkennen: Die Nachricht wurde zwar akustisch übertragen, aber der Ausdruck „vorne“ war nicht eindeutig codiert. Mira und Noah verbanden damit unterschiedliche Orte. Das Problem lag also nicht einfach darin, dass Noah „nicht zugehört“ hätte. Die gemeinsame Bedeutung des verwendeten Ausdrucks war nicht ausreichend geklärt.
Reparatur: Mira könnte sagen: „Wir treffen uns nach der Pause an der Tür unseres Klassenzimmers.“ Noah könnte rückfragen: „Meinst Du die Klassenzimmertür oder den Haupteingang?“ Damit wird die Rückmeldung genutzt, um den Code zu klären.
Interaktive Fallanalyse 1: Störung oder Deutung?
Das Organon-Modell von Karl Bühler
Der Sprachwissenschaftler und Psychologe Karl Bühler beschreibt Sprache im Organon-Modell als Werkzeug menschlicher Verständigung. Ein sprachliches Zeichen steht dabei in Beziehung zu drei Bereichen: zur dargestellten Sache, zum Sender und zum Empfänger.
Daraus ergeben sich drei Funktionen: Darstellung, Ausdruck und Appell. Dieselbe Äußerung kann mehrere dieser Funktionen gleichzeitig erfüllen.

Schaubild: Drei Funktionen eines sprachlichen Zeichens
| Beziehung des Zeichens | Funktion | Leitfrage |
|---|---|---|
| Zeichen ↔ Gegenstände und Sachverhalte | Darstellung | Worüber wird informiert? |
| Zeichen ↔ Sender | Ausdruck | Was zeigt der Sender von sich? |
| Zeichen ↔ Empfänger | Appell | Wozu soll der Empfänger bewegt werden? |
Dialog 2: „Hier zieht es“
Im Klassenraum sitzt Leni direkt neben einem geöffneten Fenster.
| Person | Äußerung |
|---|---|
| Leni | „Hier zieht es ganz schön.“ |
| Ben | „Stimmt.“ |
| Leni | „Ich wollte eigentlich, dass Du das Fenster schließt.“ |
Mit Bühler kannst Du die Äußerung auf drei Funktionen untersuchen. Als Darstellung informiert sie über die Situation im Raum. Als Ausdruck kann sie zeigen, dass Leni friert oder sich unwohl fühlt. Als Appell kann sie die Aufforderung enthalten, das Fenster zu schließen.
Der Dialog zeigt ein wichtiges Prinzip: Eine Äußerung muss nicht nur nach ihrem Wortlaut verstanden werden. Der Empfänger muss auch erschließen, welche Funktion in der Situation besonders wichtig ist. Ben reagiert auf die Darstellung, aber nicht auf den von Leni gemeinten Appell.
Interaktive Fallanalyse 2: Bühler als Analysewerkzeug
Das Vier-Seiten-Modell nach Friedemann Schulz von Thun
Das Vier-Seiten-Modell von Friedemann Schulz von Thun wird auch Kommunikationsquadrat oder Vier-Ohren-Modell genannt. Es beschreibt eine Nachricht unter vier Gesichtspunkten: Sachinhalt, Selbstkundgabe, Beziehung und Appell.

Schaubild: Die vier Seiten einer Nachricht
| Seite | Frage an die Nachricht | Beispielhafte Bedeutung |
|---|---|---|
| Sachinhalt | Worüber informiere ich? | „Dein Handy liegt auf dem Tisch.“ |
| Selbstkundgabe | Was zeige ich von mir? | „Ich habe bemerkt, dass Du es liegen gelassen hast.“ |
| Beziehung | Was halte ich von Dir oder wie stehe ich zu Dir? | „Ich gehe davon aus, dass Dir mein Hinweis hilft.“ |
| Appell | Wozu möchte ich Dich veranlassen? | „Nimm Dein Handy mit.“ |
Die vier Seiten sind keine vier getrennten Sätze. Es sind vier mögliche Blickrichtungen auf dieselbe Nachricht. Je nach Situation können einzelne Seiten stärker hervortreten.
Das Modell betrachtet außerdem die Empfängerseite. Schulz von Thun verwendet dafür bildlich die Idee von vier Ohren. Ein Empfänger kann eine Nachricht besonders stark auf der Sachebene, als Selbstkundgabe, als Beziehungsaussage oder als Appell hören. Missverständnisse entstehen oft dann, wenn Sender und Empfänger unterschiedliche Seiten besonders gewichten.
Dialog 3: „Du bist ja schon fertig“
| Person | Äußerung |
|---|---|
| Lehrkraft | „Du bist ja schon fertig.“ |
| Tarek | „Wieso sagen Sie das so? Glauben Sie, ich arbeite sonst immer langsam?“ |
| Lehrkraft | „Nein. Ich war nur überrascht, weil die Aufgabe ziemlich lang war.“ |
Tarek hört die Aussage vor allem mit dem Beziehungsohr. Er vermutet eine negative Bewertung seiner üblichen Arbeitsweise. Die Lehrkraft beschreibt dagegen vor allem eine eigene Überraschung, also Selbstkundgabe. Erst die Nachfrage macht sichtbar, dass beide die Äußerung unterschiedlich eingeordnet haben.
Schaubild: Eine Nachricht – zwei Gewichtungen
| Senderperspektive | Nachricht | Empfängerperspektive |
|---|---|---|
| Selbstkundgabe stark: „Ich bin überrascht.“ | „Du bist ja schon fertig.“ | Beziehung stark: „Du hältst mich sonst für langsam.“ |
Dialog 4: Das Beziehungsohr im Klassenchat
| Chat | Nachricht |
|---|---|
| Nika | „Die Datei fehlt noch.“ |
| Luis | „Du musst mich nicht dauernd kontrollieren.“ |
| Nika | „Ich wollte nur sagen, dass ich sie im Ordner nicht sehe.“ |
Der Sachinhalt ist knapp: Eine Datei ist noch nicht sichtbar. Luis deutet die Nachricht aber als Beziehungsaussage und hört sinngemäß: „Du bist unzuverlässig.“ In einem Textchat fehlen Tonfall, Mimik und unmittelbare Rückfragen zunächst oft. Dadurch können kurze Formulierungen besonders leicht anders wirken als beabsichtigt.
Eine mögliche Reparatur wäre: „Ich sehe die Datei noch nicht im Ordner. Hast Du sie schon hochgeladen oder brauchst Du Hilfe?“ Diese Formulierung macht Sachinformation und Absicht klarer.
Interaktive Fallanalyse 3: Vier Ohren
Watzlawicks fünf Axiome als Beobachtungswerkzeuge
Paul Watzlawick, Janet H. Beavin und Don D. Jackson beschrieben Grundannahmen über zwischenmenschliche Kommunikation. Im Unterricht werden sie häufig als fünf Axiome zusammengefasst. Sie helfen besonders dabei, Kommunikationssituationen nicht nur als einzelne Sätze, sondern als Interaktion zwischen Menschen zu betrachten.

Erstes Axiom: Verhalten kann kommunikativ wirken
Der bekannte Kurzsatz lautet: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Gemeint ist: Sobald Menschen einander wahrnehmen und sich in einer sozialen Situation befinden, kann auch Schweigen, Wegsehen, Abstandhalten oder Nicht-Reagieren von anderen als bedeutungsvoll verstanden werden.
Das bedeutet nicht, dass jede unbeabsichtigte Bewegung eine klare Botschaft enthält. Entscheidend ist, dass Verhalten in einer Interaktion gedeutet werden kann.
Dialog 5: Schweigen im Gruppenraum
| Situation | mögliche Deutung |
|---|---|
| Pia fragt: „Machst Du die Einleitung?“ Sam schaut weiter auf den Bildschirm und antwortet nicht. | Pia kann das Schweigen als Ablehnung, Ärger, Unsicherheit oder Konzentration deuten. |
Ohne Rückfrage bleibt offen, welche Deutung stimmt. Ein Kommunikationsmodell hilft also beim Erkennen möglicher Bedeutungen, aber es ersetzt nicht das Nachfragen.
Zweites Axiom: Inhalt und Beziehung
Eine Nachricht vermittelt nicht nur einen Inhalt. Sie wird zugleich von der Beziehung zwischen den Beteiligten geprägt. Der Satz „Kannst Du bitte leiser sprechen?“ wirkt anders, wenn er freundlich unter Freunden gesagt wird, spöttisch formuliert wird oder von einer Lehrkraft in einer Unterrichtssituation kommt.
Hier gibt es eine deutliche Verbindung zum Vier-Seiten-Modell: Auch Schulz von Thun berücksichtigt neben dem Sachinhalt eine Beziehungsebene. Die Modelle sind jedoch nicht identisch und setzen unterschiedliche Schwerpunkte.
Drittes Axiom: Unterschiedliche Interpunktion von Abläufen
Bei Konflikten erleben Menschen häufig ihr eigenes Verhalten als Reaktion auf das Verhalten der anderen Person. Beide setzen den vermeintlichen „Anfang“ des Problems an eine andere Stelle.
Schaubild: Konfliktschleife
| Alex denkt: „Ich werde laut, weil Kim mich ignoriert.“ | → | Alex wird laut. | → | Kim zieht sich zurück. |
| ↑ | Wiederholung | ↓ | ||
| Kim denkt: „Ich ziehe mich zurück, weil Alex laut wird.“ | ← | Kim zieht sich zurück. | ← | Alex wird laut. |
Beide Beschreibungen können aus der jeweiligen Perspektive nachvollziehbar sein. Das Axiom lenkt den Blick darauf, dass Kommunikation als Kreislauf erlebt werden kann. Eine Lösung wird wahrscheinlicher, wenn nicht nur nach der einen „Schuld“ gesucht wird, sondern das Muster gemeinsam beschrieben wird.
Viertes Axiom: Digitale und analoge Modalitäten
Bei Watzlawick meint digital nicht „mit Smartphone oder Computer“. Gemeint sind vor allem Zeichen mit vereinbarter Bedeutung, insbesondere Wörter. Analog meint stärker solche Ausdrucksformen, die Beziehungen oder Stimmungen unmittelbar anzeigen können, zum Beispiel Tonfall, Mimik, Gestik, Körperhaltung und Sprechtempo.
| Verbale Formulierung | nonverbaler oder stimmlicher Hinweis | mögliche Wirkung |
|---|---|---|
| „Super Idee.“ | freundlicher Ton, Lächeln | Zustimmung |
| „Super Idee.“ | Augenrollen, spöttischer Ton | möglicherweise Ironie oder Ablehnung |
Wenn verbale und nonverbale Signale nicht zusammenpassen, wird die Äußerung schwieriger zu deuten. Dann sind Kontext und Rückfrage besonders wichtig.
Fünftes Axiom: Symmetrische und komplementäre Beziehungen
Symmetrische Kommunikation beruht eher auf Gleichheit der Rollen. Zwei Mitschüler in einer Partnerarbeit begegnen sich zum Beispiel grundsätzlich auf derselben Rollenebene. Komplementäre Kommunikation beruht auf unterschiedlichen Rollen, etwa zwischen Lehrkraft und Lernendem oder Trainerin und Spieler.
Komplementär bedeutet nicht automatisch unfair, und symmetrisch bedeutet nicht automatisch konfliktfrei. Entscheidend ist, wie die Beteiligten mit ihren Rollen umgehen.
Modelle vergleichen statt verwechseln
Die Modelle überschneiden sich teilweise, aber sie stellen unterschiedliche Fragen. Gerade auf E-Niveau ist es wichtig, diese Unterschiede begründet zu erklären.
Schaubild: Vier Modelle – vier Blickrichtungen
| Modell | Blickrichtung | Typische Diagnosefrage |
|---|---|---|
| Sender-Empfänger | Übertragung | Wo wurde eine Nachricht gestört, unklar codiert oder anders decodiert? |
| Bühler | Funktion sprachlicher Zeichen | Was stellt die Äußerung dar, was drückt sie aus und wozu soll sie bewegen? |
| Schulz von Thun | vier Seiten einer Nachricht | Welche Seite sendet oder hört eine Person besonders stark? |
| Watzlawick | Beziehung und Interaktionsmuster | Welche nonverbalen Signale, Rollen oder Kreisläufe beeinflussen den Konflikt? |
Ein gutes Analyseergebnis lautet deshalb nicht einfach: „Hier ist das Vier-Seiten-Modell.“ Du solltest zeigen, welcher Teil der Situation durch das Modell verständlicher wird.
Ein Analyseverfahren für Klasse 9
Für komplexere Fälle kannst Du die Modelle schrittweise kombinieren.
| Analyseschritt | Leitfrage | mögliches Werkzeug |
|---|---|---|
| Situation klären | Wer spricht mit wem, wo, wann und in welcher Rolle? | Kommunikationssituation |
| Nachricht sichern | Was wurde tatsächlich gesagt, geschrieben oder gezeigt? | Sender-Empfänger-Modell |
| Übertragung prüfen | Gab es Lärm, unklare Wörter, fehlende Informationen oder technische Störungen? | Sender-Empfänger-Modell |
| Bedeutung auffächern | Welche Funktionen oder Seiten kann die Nachricht haben? | Bühler und Schulz von Thun |
| Beziehung untersuchen | Welche Erwartungen, Rollen, Tonfälle oder bisherigen Konflikte wirken mit? | Schulz von Thun und Watzlawick |
| Muster erkennen | Wiederholt sich ein Kreislauf aus Aktion und Reaktion? | Watzlawick |
| Lösung entwickeln | Welche Nachfrage oder Formulierung könnte das Missverständnis klären? | Metakommunikation, aktives Zuhören, Ich-Botschaften |
Gelungene Kommunikation
Kommunikationsmodelle sollen nicht nur erklären, warum etwas schiefgeht. Sie können auch helfen, Kommunikation zu verbessern.
Metakommunikation bedeutet, über die Kommunikation selbst zu sprechen. Ein Satz wie „Ich glaube, wir verstehen den Satz gerade unterschiedlich“ macht das Gesprächsmuster zum Thema.
Paraphrasieren bedeutet, eine Aussage mit eigenen Worten wiederzugeben: „Meinst Du, dass ich die Folie kürzen soll?“ So kann die andere Person bestätigen oder korrigieren.
Ich-Botschaften beschreiben die eigene Wahrnehmung und Wirkung genauer als pauschale Vorwürfe. „Ich werde unsicher, wenn ich keine Rückmeldung bekomme“ ist meist leichter zu bearbeiten als „Du ignorierst mich immer“.
Offene Fragen helfen, Deutungen zu überprüfen: „Wie hast Du das gemeint?“ oder „Was brauchst Du von mir?“
Schaubild: Reparaturschleife
| Unklare Nachricht | → | Irritation | → | Nachfrage | → | Erklärung | → | gemeinsames Verständnis |
Fallanalyse: Streit um die Präsentation
Mara und Joel arbeiten an einer Präsentation. Mara schreibt im Chat: „Die Einleitung ist noch ziemlich kurz.“ Joel antwortet: „Dann mach sie doch selbst, wenn Dir meine Arbeit nie reicht.“ Danach reagiert Mara mehrere Stunden nicht.
Schritt 1: Sender-Empfänger
Die Nachricht wurde technisch übertragen. Das Problem liegt nicht an einem Ausfall des Kanals. Allerdings ist die Formulierung „ziemlich kurz“ offen: Sie kann als neutrale Beschreibung, als Kritik oder als indirekte Aufforderung verstanden werden.
Schritt 2: Vier-Seiten-Modell
Auf der Sachebene sagt Mara, dass die Einleitung kurz ist. Als Selbstkundgabe könnte sie zeigen, dass sie sich mehr Umfang wünscht oder unsicher ist. Auf der Beziehungsebene könnte Joel hören: „Deine Arbeit ist nicht gut genug.“ Als Appell könnte gemeint sein: „Erweitere die Einleitung.“
Joels Antwort zeigt, dass er besonders stark eine negative Beziehungsaussage wahrgenommen hat.
Schritt 3: Watzlawick
Der Inhaltsaspekt wird von der Beziehung überlagert. Maras späteres Schweigen kann wiederum kommunikativ gedeutet werden, obwohl nicht klar ist, was sie damit beabsichtigt. Wenn solche Situationen häufiger vorkommen, könnte zudem eine Konfliktschleife entstehen: Kritik wird vermutet, darauf folgt Abwehr, darauf folgt Rückzug, der wiederum als Ablehnung gedeutet wird.
Schritt 4: Reparatur
Mara könnte schreiben: „Ich meinte nicht, dass Deine Einleitung schlecht ist. Mir fehlen noch zwei Punkte aus unserem Arbeitsauftrag. Wollen wir sie zusammen ergänzen?“ Joel könnte antworten: „Ich habe Deinen Satz als Kritik an meiner Arbeit verstanden. Welche zwei Punkte fehlen Dir genau?“
Die Reparatur trennt Sachfrage und Beziehung deutlicher und macht die eigene Interpretation sichtbar.
Interaktive Fallanalyse 4: Repariere das Gespräch
Fallanalyse: Missverständnis im Unterricht
Eine Lehrkraft sagt zu einer Schülerin, die gerade ihren Rucksack schließt: „Wir haben noch fünf Minuten.“ Die Schülerin antwortet genervt: „Ich weiß selbst, wann die Stunde endet.“
Mit Bühler lässt sich die Äußerung als Darstellung der verbleibenden Zeit lesen, aber auch als Appell: „Pack noch nicht ein.“ Im Vier-Seiten-Modell kann die Schülerin auf dem Beziehungsohr hören: „Du bist unaufmerksam oder störst.“ Nach Watzlawick spielt außerdem die Rollenbeziehung Lehrkraft–Schülerin eine Rolle. Eine sachlich identische Äußerung unter Freunden könnte anders wirken.
Eine hilfreiche Metakommunikation wäre etwa: „Ich wollte Dich nicht bevormunden. Mir ging es darum, dass wir die letzte Aufgabe noch gemeinsam sichern.“
Fallanalyse: Nachricht ohne Tonfall
Im Klassenchat schreibt Finn auf einen Vorschlag nur: „Interessant.“
Der reine Wortlaut ist positiv oder neutral. Ohne zusätzlichen Kontext kann die Nachricht aber ernst gemeint, skeptisch oder ironisch verstanden werden. Das Sender-Empfänger-Modell zeigt die Begrenztheit des Kanals, wenn stimmliche und mimische Hinweise fehlen. Watzlawicks Unterscheidung von sprachlichen und analogen Modalitäten macht sichtbar, warum Körpersprache und Tonfall in einem reinen Textchat nur eingeschränkt verfügbar sind. Das Vier-Seiten-Modell hilft anschließend zu prüfen, welche Beziehungs- oder Appellbotschaft die Lesenden ergänzen.
Die sichere Analyse lautet nicht: „Finn meint es ironisch.“ Die sichere Analyse lautet: Mehrere Deutungen sind möglich; ohne weiteren Kontext ist keine davon eindeutig belegt.
Medien zur Vertiefung
Die folgenden Videos kannst Du nutzen, um die Modelle noch einmal aus anderer Perspektive zu wiederholen. Prüfe beim Anschauen jeweils, welches Modell erklärt wird, welche Beispiele verwendet werden und ob Du die Analyse selbst begründen kannst.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Wozu dient ein Kommunikationsmodell vor allem? (Es vereinfacht Kommunikation, damit bestimmte Aspekte gezielt untersucht werden können.) (!Es bildet jede Gesprächssituation vollständig und fehlerfrei ab.) (!Es beweist immer, welche Person an einem Streit schuld ist.) (!Es ersetzt Rückfragen in schwierigen Gesprächen.)
Welche Frage passt besonders zum Sender-Empfänger-Modell? (Wo wurde die Nachricht gestört oder anders verstanden?) (!Welche Schulnote erhält der Sprecher?) (!Welche literarische Epoche liegt vor?) (!Welche Rechtschreibregel wurde verwendet?)
Welche drei Funktionen unterscheidet Bühlers Organon-Modell? (Darstellung, Ausdruck und Appell) (!Sachinhalt, Reim und Rhythmus) (!Sender, Lautstärke und Grammatik) (!Inhalt, Medium und Schulnote)
Eine Person sagt: „Deine Trinkflasche steht noch hier.“ Welche Deutung gehört zum Appell? (Nimm Deine Trinkflasche mit.) (!Die Flasche steht auf dem Tisch.) (!Ich habe die Flasche gesehen.) (!Wir kennen uns aus der Klasse.)
Welche vier Seiten gehören zum Modell von Schulz von Thun? (Sachinhalt, Selbstkundgabe, Beziehung und Appell) (!Sender, Empfänger, Kanal und Geräusch) (!Ausdruck, Reim, Bild und Rhythmus) (!Mimik, Gestik, Lautstärke und Tempo)
Was zeigt der Satz „Du bist ja schon fertig“, wenn ein Schüler darin vor allem Kritik an seiner üblichen Arbeitsweise hört? (Er hört besonders stark mit dem Beziehungsohr.) (!Er untersucht nur den Übertragungskanal.) (!Er erkennt ausschließlich die Darstellungsfunktion.) (!Er verwendet nur das Sachohr.)
Was bedeutet Watzlawicks Aussage „Man kann nicht nicht kommunizieren“ im Unterrichtskontext am besten? (Auch Schweigen oder Wegsehen kann von anderen als bedeutungsvoll gedeutet werden.) (!Jeder Mensch muss ununterbrochen sprechen.) (!Jede Körperbewegung hat immer genau eine feste Bedeutung.) (!Schweigen verhindert jede Form von Kommunikation.)
Was meint „digital“ bei Watzlawick? (Vor allem sprachliche Zeichen mit vereinbarter Bedeutung.) (!Ausschließlich Kommunikation über Smartphones.) (!Nur Kommunikation in sozialen Netzwerken.) (!Jede Nachricht mit einem Bildschirm.)
Alex sagt: „Ich werde laut, weil Kim mich ignoriert.“ Kim sagt: „Ich ignoriere Alex, weil Alex laut wird.“ Welches Problem wird sichtbar? (Beide setzen Ursache und Reaktion im Kommunikationsablauf unterschiedlich.) (!Der Übertragungskanal ist technisch ausgefallen.) (!Beide verwenden dieselbe Interpunktion des Ablaufs.) (!Es liegt ausschließlich ein Rechtschreibfehler vor.)
Welche Reaktion eignet sich besonders zur Klärung eines Missverständnisses? („Ich habe Deinen Satz als Kritik verstanden. Wie hast Du ihn gemeint?“) (!„Du meinst immer alles böse.“) (!„Ich weiß sowieso genau, was Du denkst.“) (!„Wir reden nie wieder darüber.“)
Memory
| Sender-Empfänger-Modell | Übertragung einer Nachricht |
| Darstellung | Information über Sachverhalte |
| Ausdruck | Hinweis auf den Sender |
| Appell | gewünschte Wirkung beim Empfänger |
| Sachinhalt | worüber informiert wird |
| Selbstkundgabe | was eine Person von sich zeigt |
| Beziehung | wie Personen zueinander stehen |
| Interpunktion | unterschiedliche Gliederung eines Kommunikationsablaufs |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Kommunikationsfall |
|---|---|
| Kanalstörung | Das Tonsignal einer Videokonferenz bricht ständig ab. |
| Beziehungsohr | Ein neutraler Hinweis wird als persönliche Abwertung verstanden. |
| Appell | Eine Äußerung soll den anderen zum Handeln bewegen. |
| Analoge Modalität | Ein spöttischer Ton verändert die Wirkung eines freundlichen Satzes. |
| Metakommunikation | Zwei Personen sprechen darüber, wie sie ihre Aussagen gegenseitig verstanden haben. |
Kreuzworträtsel
| Sender | Wer erzeugt in einem einfachen Kommunikationsmodell eine Nachricht? |
| Empfänger | Wer nimmt eine Nachricht auf und deutet sie? |
| Appell | Wie heißt die Funktion, die jemanden zu etwas bewegen soll? |
| Ausdruck | Wie heißt bei Bühler die Funktion, die etwas über den Sender zeigt? |
| Beziehung | Welche Seite einer Nachricht beschreibt das Verhältnis zwischen Personen? |
| Interpunktion | Wie nennt Watzlawick die unterschiedliche Gliederung von Kommunikationsabläufen? |
LearningApps
Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Kommunikationsbeobachtung: Beobachte eine kurze Alltagssituation und notiere, wer Sender und Empfänger ist, welche Nachricht übertragen wird und welcher Kanal verwendet wird.
- Schaubild: Gestalte ein eigenes Schaubild zum Sender-Empfänger-Modell mit einem Beispiel aus Schule, Freizeit oder Chat.
- Organon-Modell: Formuliere drei kurze Äußerungen und markiere jeweils, welche Funktion nach Bühler besonders deutlich wird.
- Vier-Seiten-Modell: Untersuche den Satz „Hier liegt noch Deine Jacke“ auf Sachinhalt, Selbstkundgabe, Beziehung und Appell.
Standard
- Dialoganalyse: Schreibe einen Dialog mit mindestens sechs Sprechbeiträgen, in dem ein Missverständnis entsteht, und analysiere es mit dem Vier-Seiten-Modell.
- Körpersprache: Spiele mit einem Partner denselben Satz freundlich, genervt und ironisch. Beschreibt anschließend, wie Tonfall, Mimik und Gestik die Wirkung verändern.
- Klassenchat: Entwickle zwei Versionen derselben Chatnachricht: eine missverständliche und eine deutlichere. Begründe Deine Änderungen mit mindestens zwei Kommunikationsmodellen.
- Metakommunikation: Entwerft zu zweit ein kurzes Rollenspiel, in dem ein Streit nicht durch Rechtbehalten, sondern durch Nachfragen und das Sprechen über die Kommunikation gelöst wird.
Schwer
- Fallanalyse: Analysiere einen selbst erfundenen Konflikt nacheinander mit Sender-Empfänger-Modell, Vier-Seiten-Modell und Watzlawick. Zeige, was jedes Modell zusätzlich sichtbar macht.
- Modellvergleich: Erstelle eine Vergleichsgrafik zu Bühler, Schulz von Thun und Watzlawick und erkläre Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Grenzen der Modelle.
- Interview: Befrage eine Person aus Schule, Ausbildung, Verein oder Familie zu einem typischen Kommunikationsproblem. Werte das anonymisierte Beispiel mit zwei Modellen aus und entwickle einen Verbesserungsvorschlag.
- Erklärvideo: Produziere ein zwei- bis vierminütiges Erklärvideo für jüngere Lernende, in dem Du einen misslungenen Dialog zeigst, analysierst und anschließend in einer gelungenen Version neu spielst.


Lernkontrolle
- Transferanalyse: Zwei Personen streiten darüber, wer „angefangen“ habe. Erkläre, weshalb Watzlawicks Idee der Interpunktion hilfreicher sein kann als die Suche nach einem einzigen ersten Auslöser.
- Mehrdeutigkeit: Analysiere die Äußerung „Das ist ja interessant“ in zwei verschiedenen Situationen. Zeige, wie Kontext und nonverbale Signale die Bedeutung verändern können.
- Werkzeugwahl: Begründe, welches Kommunikationsmodell Du zuerst verwenden würdest, wenn bei einer Online-Besprechung Wörter wegen schlechter Verbindung fehlen, und welches Modell anschließend bei einem persönlichen Konflikt helfen könnte.
- Perspektivwechsel: Entwickle zu der Nachricht „Du hast die Aufgabe noch nicht hochgeladen“ zwei unterschiedliche Empfängerreaktionen und erkläre sie mit verschiedenen „Ohren“ des Vier-Seiten-Modells.
- Konfliktreparatur: Überarbeite einen vorwurfsvollen Satz so, dass daraus eine klärende Ich-Botschaft mit offener Frage wird. Begründe, warum die neue Formulierung die Chance auf Verständigung erhöht.
- Modellgrenzen: Erkläre an einem eigenen Beispiel, warum ein Kommunikationsmodell eine Deutung unterstützen, aber nicht sicher beweisen kann, was eine Person tatsächlich gedacht oder beabsichtigt hat.
Lernnachweis
Für einen Lernnachweis zu diesem Thema ist wichtig, dass Du Kommunikationsmodelle nicht nur benennen, sondern begründet anwenden kannst.
- Sender-Empfänger-Modell: Du kannst Sender, Empfänger, Nachricht, Kanal, mögliche Störung und Rückmeldung in einem konkreten Fall bestimmen.
- Organon-Modell: Du kannst Darstellung, Ausdruck und Appell an sprachlichen Äußerungen unterscheiden und Mehrfachfunktionen erklären.
- Vier-Seiten-Modell: Du kannst Sachinhalt, Selbstkundgabe, Beziehung und Appell aus Sender- und Empfängerperspektive untersuchen.
- Paul Watzlawick: Du kannst zentrale Axiome auf Schweigen, Beziehung, Konfliktschleifen, verbale und nonverbale Signale sowie Rollen anwenden.
- Modellvergleich: Du kannst erklären, warum verschiedene Modelle unterschiedliche Aspekte derselben Situation sichtbar machen.
- Kommunikationsanalyse: Du belegst Deutungen am konkreten Dialog und unterscheidest zwischen Beobachtung und Vermutung.
- Gesprächsführung: Du kannst sinnvolle Reparaturstrategien wie Rückfrage, Paraphrase, Ich-Botschaft und Metakommunikation einsetzen.
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