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Buch - Mut und eigene Wege - Sechs Märchen - Lesesammlung

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Buch - Mut und eigene Wege - Sechs Märchen - Lesesammlung

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Lesesammlung · Ungekürzte Grimm-Texte

Mut und eigene Wege - Sechs Märchen

Brüder Grimm; kurze Lesefassungen MOOCwiki · 2026

Sechs vollständige Märchen in einer thematischen Sammlung. Ungekürzte Quelltexte und kurze Nacherzählungen stehen getrennt zur Wahl.

MärchenKlasse 1–4 · 5–66 Abschnitte
Historische Illustration zu Das tapfere Schneiderlein von Otto Ubbelohde
Das tapfere Schneiderlein – historische Illustration — Otto Ubbelohde illustriert die historische Vorlage; Einzelheiten können von der neuen Kurzfassung abweichen. · Otto Ubbelohde · Public domain Bildquelle ↗

Redaktionell zusammengestellte Auswahl vollständiger Einzeltexte; nicht die gesamte Werksammlung. Die Quellfassung bleibt im Wortlaut erhalten. Historische Schreibweisen und Gewaltdarstellungen bei Bedarf gemeinsam besprechen.

Abschnitt 4 von 6

Dornröschen

1
Vor Zeiten war ein König und eine Königin, die sprachen jeden Tag »ach, wenn wir doch ein Kind hätten!« und kriegten immer keins. Da trug sich zu, als die Königin einmal im Bade saß, daß ein Frosch aus dem Wasser ans Land kroch und zu ihr sprach »dein Wunsch wird erfüllt werden, ehe ein Jahr vergeht, wirst du eine Tochter zur Welt bringen.« Was der Frosch gesagt hatte, das geschah, und die Königin gebar ein Mädchen, das war so schön, daß der König vor Freude sich nicht zu lassen wußte und ein großes Fest anstellte. Er ladete nicht bloß seine Verwandte, Freunde und Bekannte, sondern auch die weisen Frauen dazu ein, damit sie dem Kind hold und gewogen wären. Es waren ihrer dreizehn in seinem Reiche, weil er aber nur zwölf goldene Teller hatte, von welchen sie essen sollten, so mußte eine von ihnen daheim bleiben. Das Fest ward mit aller Pracht gefeiert, und als es zu Ende war, beschenkten die weisen Frauen das Kind mit ihren Wundergaben: die eine mit Tugend, die andere mit Schönheit, die dritte mit Reichtum, und so mit allem, was auf der Welt zu wünschen ist. Als elfe ihre Sprüche eben getan hatten, trat plötzlich die dreizehnte herein. Sie wollte sich dafür rächen, daß sie nicht eingeladen war, und ohne jemand zu grüßen oder nur anzusehen, rief sie mit lauter Stimme »die Königstochter soll sich in ihrem funfzehnten Jahr an einer Spindel stechen und tot hinfallen.« Und ohne ein Wort weiter zu sprechen, kehrte sie sich um und verließ den Saal. Alle waren erschrocken, da trat die zwölfte hervor, die ihren Wunsch noch übrig hatte, und weil sie den bösen Spruch nicht aufheben, sondern nur ihn mildern konnte, so sagte sie »es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf, in welchen die Königstochter fällt.« Der König, der sein liebes Kind vor dem Unglück gern bewahren wollte, ließ den Befehl ausgehen, daß alle Spindeln im ganzen Königreiche sollten verbrannt werden. An dem Mädchen aber wurden die Gaben der weisen Frauen sämtlich erfüllt, denn es war so schön, sittsam, freundlich und verständig, daß es jedermann, der es ansah, lieb haben mußte. Es geschah, daß an dem Tage, wo es gerade funfzehn Jahr alt ward, der König und die Königin nicht zu Haus waren, und das Mädchen ganz allein im Schloß zurückblieb. Da ging es allerorten herum, besah Stuben und Kammern, wie es Lust hatte, und kam endlich auch an einen alten Turm. Es stieg die enge Wendeltreppe hinauf, und gelangte zu einer kleinen Türe. In dem Schloß steckte ein verrosteter Schlüssel, und als es umdrehte, sprang die Türe auf, und saß da in einem kleinen Stübchen eine alte Frau mit einer Spindel und spann emsig ihren Flachs. »Guten Tag, du altes Mütterchen,« sprach die Königstochter, »was machst du da?« »Ich spinne,« sagte die Alte und nickte mit dem Kopf. »Was ist das für ein Ding, das so lustig herumspringt?« sprach das Mädchen, nahm die Spindel und wollte auch spinnen. Kaum hatte sie aber die Spindel angerührt, so ging der Zauberspruch in Erfüllung, und sie stach sich damit in den Finger.
2
In dem Augenblick aber, wo sie den Stich empfand, fiel sie auf das Bett nieder, das da stand, und lag in einem tiefen Schlaf. Und dieser Schlaf verbreitete sich über das ganze Schloß: der König und die Königin, die eben heim gekommen waren und in den Saal getreten waren, fingen an einzuschlafen, und der ganze Hofstaat mit ihnen. Da schliefen auch die Pferde im Stall, die Hunde im Hofe, die Tauben auf dem Dache, die Fliegen an der Wand, ja, das Feuer, das auf dem Herde flackerte, ward still und schlief ein, und der Braten hörte auf zu brutzeln, und der Koch, der den Küchenjungen, weil er etwas versehen hatte, an den Haaren ziehen wollte, ließ ihn los und schlief. Und der Wind legte sich, und auf den Bäumen vor dem Schloß regte sich kein Blättchen mehr.
Historische Illustration zu Dornröschen von Otto Ubbelohde
Dornröschen – historische Illustration — Otto Ubbelohde illustriert die historische Vorlage; Einzelheiten können von der neuen Kurzfassung abweichen. · Otto Ubbelohde · Public domain Bildquelle ↗
3
Rings um das Schloß aber begann eine Dornenhecke zu wachsen, die jedes Jahr höher ward, und endlich das ganze Schloß umzog und darüber hinauswuchs, daß gar nichts mehr davon zu sehen war, selbst nicht die Fahne auf dem Dach. Es ging aber die Sage in dem Land von dem schönen schlafenden Dornröschen, denn so ward die Königstochter genannt, also daß von Zeit zu Zeit Königssöhne kamen und durch die Hecke in das Schloß dringen wollten. Es war ihnen aber nicht möglich, denn die Dornen, als hätten sie Hände, hielten fest zusammen, und die Jünglinge blieben darin hängen, konnten sich nicht wieder losmachen und starben eines jämmerlichen Todes. Nach langen Jahren kam wieder einmal ein Königssohn in das Land, und hörte, wie ein alter Mann von der Dornhecke erzählte, es sollte ein Schloß dahinter stehen, in welchem eine wunderschöne Königstochter, Dornröschen genannt, schon seit hundert Jahren schliefe, und mit ihr schliefe der König und die Königin und der ganze Hofstaat. Er wußte auch von seinem Großvater, daß schon viele Königssöhne gekommen wären und versucht hätten, durch die Dornenhecke zu dringen, aber sie wären darin hängen geblieben und eines traurigen Todes gestorben. Da sprach der Jüngling »ich fürchte mich nicht, ich will hinaus und das schöne Dornröschen sehen.« Der gute Alte mochte ihm abraten, wie er wollte, er hörte nicht auf seine Worte.
Historische Illustration zu Dornröschen von Otto Ubbelohde
Dornröschen – historische Illustration — Otto Ubbelohde illustriert die historische Vorlage; Einzelheiten können von der neuen Kurzfassung abweichen. · Otto Ubbelohde · Public domain Bildquelle ↗
4
Nun waren aber gerade die hundert Jahre verflossen, und der Tag war gekommen, wo Dornröschen wieder erwachen sollte. Als der Königssohn sich der Dornenhecke näherte, waren es lauter große schöne Blumen, die taten sich von selbst auseinander und ließen ihn unbeschädigt hindurch, und hinter ihm taten sie sich wieder als eine Hecke zusammen. Im Schloßhof sah er die Pferde und scheckigen Jagdhunde liegen und schlafen, auf dem Dache saßen die Tauben und hatten das Köpfchen unter den Flügel gesteckt. Und als er ins Haus kam, schliefen die Fliegen an der Wand, der Koch in der Küche hielt noch die Hand, als wollte er den Jungen anpacken, und die Magd saß vor dem schwarzen Huhn, das sollte gerupft werden. Da ging er weiter und sah im Saale den ganzen Hofstaat liegen und schlafen, und oben bei dem Throne lag der König und die Königin. Da ging er noch weiter, und alles war so still, daß einer seinen Atem hören konnte, und endlich kam er zu dem Turm und öffnete die Türe zu der kleinen Stube, in welcher Dornröschen schlief. Da lag es und war so schön, daß er die Augen nicht abwenden konnte, und er bückte sich und gab ihm einen Kuß. Wie er es mit dem Kuß berührt hatte, schlug Dornröschen die Augen auf, erwachte, und blickte ihn ganz freundlich an. Da gingen sie zusammen herab, und der König erwachte und die Königin und der ganze Hofstaat, und sahen einander mit großen Augen an. Und die Pferde im Hof standen auf und rüttelten sich: die Jagdhunde sprangen und wedelten: die Tauben auf dem Dache zogen das Köpfchen unterm Flügel hervor, sahen umher und flogen ins Feld: die Fliegen an den Wänden krochen weiter: das Feuer in der Küche erhob sich, flackerte und kochte das Essen: der Braten fing wieder an zu brutzeln: und der Koch gab dem Jungen eine Ohrfeige, daß er schrie: und die Magd rupfte das Huhn fertig. Und da wurde die Hochzeit des Königssohns mit dem Dornröschen in aller Pracht gefeiert, und sie lebten vergnügt bis an ihr Ende.

Nach dem Lesen

Dein Blick auf das Kapitel

Animationen und Medienvergleich

Erklärvideo · Die Märchen-Formel | Deutschunterricht Klasse 5 & 6

Vorschaubild von YouTube. Der Videoplayer lädt erst nach deinem Klick, ohne Autostart.

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MOOCit Education Matters Lernvideos für die Schule · YouTube-Einbettung; Rechte beim jeweiligen Anbieter · Quelle und Rechte ↗

Prüfe drei Merkmale des Märchens an dieser Geschichte und belege sie mit Textstellen.

10er-QuizZitate verstehen · Zusammenhänge erkennen · Lernpunkte sammeln10 Fragen

Eine Antwort ist jeweils richtig. Lies den Textbeleg aufmerksam. Bei einer falschen Antwort kannst du es erneut versuchen.

Angemeldet zählen richtige Antworten für deinen Lernstand. Als Gast übst du ohne Kontopunkte.

Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.

1. Wie viele weise Frauen werden eingeladen?

Eine Antwort ist richtig.

2. Warum fehlt eine Einladung?

Eine Antwort ist richtig.

3. Woran soll sich die Tochter stechen?

Eine Antwort ist richtig.

4. Wer mildert den Fluch?

Eine Antwort ist richtig.

5. Wie lange soll der Schlaf dauern?

Eine Antwort ist richtig.

6. Wo entdeckt die Tochter die Spindel?

Eine Antwort ist richtig.

7. Wer schläft außer ihr ein?

Eine Antwort ist richtig.

8. Was wächst um das Schloss?

Eine Antwort ist richtig.

9. Was geschieht nach hundert Jahren mit den Dornen?

Eine Antwort ist richtig.

10. Was geschieht beim Erwachen?

Eine Antwort ist richtig.

Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

Niveau 1 · Einstieg

1. Nenne Anfang, Wendepunkt und Ende von Dornröschen.

Impulse zur Selbstprüfung

Niveau 2 · Vertiefung

2. Vergleiche zwei Entscheidungen der Hauptfigur. Welche Folgen haben sie?

Impulse zur Selbstprüfung

Niveau 3 · Gestaltung

3. Vergleiche Kurz- und Quellfassung. Belege eine Auslassung oder eine andere Wertung.

Impulse zur Selbstprüfung

Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Erzähle eine Szene mit drei Bildunterschriften nach.

Impulse zur Selbstprüfung

Niveau 2 · Vertiefung

2. Schreibe einen inneren Monolog an einem Wendepunkt.

Impulse zur Selbstprüfung

Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe eine heutige Variante und erkläre, was du am Konflikt verändert hast.

Impulse zur Selbstprüfung

Ausgabe, Herkunft und Rechte

Historische Reintexte gemeinfrei. TextGrid und www.editura.de – Struktur und Metadaten CC BY 3.0 DE. Neue Aufgaben MOOCwiki CC BY 4.0. Bilder und Videos mit eigenen Nachweisen.

Das tapfere Schneiderlein

Jacob und Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm, München: Winkler, 1977. Grimm, Jacob und Wilhelm 142- München

TextGrid / www.editura.de; Originalautor Jacob und Wilhelm Grimm

Quelltext und Ausgabe ↗ · Historischer Reintext gemeinfrei; TextGrid-Struktur CC BY 3.0 DE Lizenz

Rapunzel

Jacob und Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm, München: Winkler, 1977. Grimm, Jacob und Wilhelm 104- München

TextGrid / www.editura.de; Originalautor Jacob und Wilhelm Grimm

Quelltext und Ausgabe ↗ · Historischer Reintext gemeinfrei; TextGrid-Struktur CC BY 3.0 DE Lizenz

Rotkäppchen

Jacob und Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm, München: Winkler, 1977. Grimm, Jacob und Wilhelm 174- München

TextGrid / www.editura.de; Originalautor Jacob und Wilhelm Grimm

Quelltext und Ausgabe ↗ · Historischer Reintext gemeinfrei; TextGrid-Struktur CC BY 3.0 DE Lizenz

Dornröschen

Jacob und Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm, München: Winkler, 1977. Grimm, Jacob und Wilhelm 281- München

TextGrid / www.editura.de; Originalautor Jacob und Wilhelm Grimm

Quelltext und Ausgabe ↗ · Historischer Reintext gemeinfrei; TextGrid-Struktur CC BY 3.0 DE Lizenz

Aschenputtel

Jacob und Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm, München: Winkler, 1977. Grimm, Jacob und Wilhelm 154- München

TextGrid / www.editura.de; Originalautor Jacob und Wilhelm Grimm

Quelltext und Ausgabe ↗ · Historischer Reintext gemeinfrei; TextGrid-Struktur CC BY 3.0 DE Lizenz

Brüderchen und Schwesterchen

Jacob und Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm, München: Winkler, 1977. Grimm, Jacob und Wilhelm 91- München

TextGrid / www.editura.de; Originalautor Jacob und Wilhelm Grimm

Quelltext und Ausgabe ↗ · Historischer Reintext gemeinfrei; TextGrid-Struktur CC BY 3.0 DE Lizenz

Kurze Lesefassungen – MOOCwiki 2026

MOOCwiki – KI-gestützte Redaktion; ursprüngliche Einzelhefte bleiben erhalten.

Quelltext und Ausgabe ↗ · CC BY 4.0 Lizenz

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?