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Buch - Mut und eigene Wege - Sechs Märchen - Lesesammlung

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Buch - Mut und eigene Wege - Sechs Märchen - Lesesammlung

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Lesesammlung · Ungekürzte Grimm-Texte

Mut und eigene Wege - Sechs Märchen

Brüder Grimm; kurze Lesefassungen MOOCwiki · 2026

Sechs vollständige Märchen in einer thematischen Sammlung. Ungekürzte Quelltexte und kurze Nacherzählungen stehen getrennt zur Wahl.

MärchenKlasse 1–4 · 5–66 Abschnitte
Historische Illustration zu Das tapfere Schneiderlein von Otto Ubbelohde
Das tapfere Schneiderlein – historische Illustration — Otto Ubbelohde illustriert die historische Vorlage; Einzelheiten können von der neuen Kurzfassung abweichen. · Otto Ubbelohde · Public domain Bildquelle ↗

Redaktionell zusammengestellte Auswahl vollständiger Einzeltexte; nicht die gesamte Werksammlung. Die Quellfassung bleibt im Wortlaut erhalten. Historische Schreibweisen und Gewaltdarstellungen bei Bedarf gemeinsam besprechen.

Abschnitt 3 von 6

Rotkäppchen

1
Es war einmal eine kleine süße Dirne, die hatte jedermann lieb, der sie nur ansah, am allerliebsten aber ihre Großmutter, die wußte gar nicht, was sie alles dem Kinde geben sollte. Einmal schenkte sie ihm ein Käppchen von rotem Sammet, und weil ihm das so wohl stand und es nichts anders mehr tragen wollte, hieß es nur das Rotkäppchen. Eines Tages sprach seine Mutter zu ihm »komm, Rotkäppchen, da hast du ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein, bring das der Großmutter hinaus; sie ist krank und schwach und wird sich daran laben. Mach dich auf, bevor es heiß wird, und wenn du hinauskommst, so geh hübsch sittsam und lauf nicht vom Weg ab, sonst fällst du und zerbrichst das Glas, und die Großmutter hat nichts. Und wenn du in ihre Stube kommst, so vergiß nicht, guten Morgen zu sagen, und guck nicht erst in alle Ecken herum.«
2
»Ich will schon alles gut machen,« sagte Rotkäppchen zur Mutter, und gab ihr die Hand darauf. Die Großmutter aber wohnte draußen im Wald, eine halbe Stunde vom Dorf. Wie nun Rotkäppchen in den Wald kam, begegnete ihm der Wolf. Rotkäppchen aber, wußte nicht, was das für ein böses Tier war, und fürchtete sich nicht vor ihm. »Guten Tag, Rotkäppchen«, sprach er. »Schönen Dank, Wolf.« »Wo hinaus so früh, Rotkäppchen?« »Zur Großmutter.« »Was trägst du unter der Schürze?« »Kuchen und Wein: gestern haben wir gebacken, da soll sich die kranke und schwache Großmutter etwas zugut tun und sich damit stärken.« »Rotkäppchen, wo wohnt deine Großmutter?« »Noch eine gute Viertelstunde weiter im Wald, unter den drei großen Eichbäumen, da steht ihr Haus, unten sind die Nußhecken, das wirst du ja wissen,« sagte Rotkäppchen. Der Wolf dachte bei sich »das junge zarte Ding, das ist ein fetter Bissen, der wird noch besser schmecken als die Alte: du mußt es listig anfangen, damit du beide erschnappst.« Da ging er ein Weilchen neben Rotkäppchen her, dann sprach er »Rotkäppchen, sieh einmal die schönen Blumen, die ringsumher stehen, warum guckst du dich nicht um? ich glaube, du hörst gar nicht, wie die Vöglein so lieblich singen? du gehst ja für dich hin, als wenn du zur Schule gingst, und ist so lustig haußen in dem Wald«.
3
Rotkäppchen schlug die Augen auf, und als es sah, wie die Sonnenstrahlen durch die Bäume hin- und hertanzten und alles voll schöner Blumen stand, dachte es »wenn ich der Großmutter einen frischen Strauß mitbringe, der wird ihr auch Freude machen; es ist so früh am Tag, daß ich doch zu rechter Zeit ankomme,« lief vom Wege ab in den Wald hinein und suchte Blumen. Und wenn es eine gebrochen hatte, meinte es, weiter hinaus stände eine schönere, und lief darnach, und geriet immer tiefer in den Wald hinein. Der Wolf aber ging geradeswegs nach dem Haus der Großmutter, und klopfte an die Türe. »Wer ist draußen?« »Rotkäppchen, das bringt Kuchen und Wein, mach auf.« »Drück nur auf die Klinke,« rief die Großmutter, »ich bin zu schwach und kann nicht aufstehen.« Der Wolf drückte auf die Klinke, die Türe sprang auf und er ging, ohne ein Wort zu sprechen, gerade zum Bett der Großmutter und verschluckte sie. Dann tat er ihre Kleider an, setzte ihre Haube auf, legte sich in ihr Bett und zog die Vorhänge vor.
Historische Illustration zu Rotkäppchen von Otto Ubbelohde
Rotkäppchen – historische Illustration — Otto Ubbelohde illustriert die historische Vorlage; Einzelheiten können von der neuen Kurzfassung abweichen. · Otto Ubbelohde · Public domain Bildquelle ↗
4
Rotkäppchen aber war nach den Blumen herumgelaufen, und als es so viel zusammen hatte, daß es keine mehr tragen konnte, fiel ihm die Großmutter wieder ein, und es machte sich auf den Weg zu ihr. Es wunderte sich, daß die Türe aufstand, und wie es in die Stube trat, so kam es ihm so seltsam darin vor, daß dachte »ei, du mein Gott, wie ängstlich wird mirs heute zumut, und ich bin sonst so gerne bei der Großmutter!« Es rief »guten Morgen,« bekam aber keine Antwort. Darauf ging es zum Bett und zog die Vorhänge zurück; da lag die Großmutter, und hatte die Haube tief ins Gesicht gesetzt und sah so wunderlich aus. »Ei, Großmutter, was hast du für große Ohren!« »Daß ich dich besser hören kann.« »Ei, Großmutter, was hast du für große Augen!« »Daß ich dich besser sehen kann.« »Ei, Großmutter, was hast du für große Hände!« »Daß ich dich besser packen kann.« »Aber, Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul!« »Daß ich dich besser fressen kann.« Kaum hatte der Wolf das gesagt, so tat er einen Satz aus dem Bette und verschlang das arme Rotkäppchen.
5
Wie der Wolf sein Gelüsten gestillt hatte, legte er sich wieder ins Bett, schlief ein und fing an überlaut zu schnarchen. Der Jäger ging eben an dem Haus vorbei und dachte »wie die alte Frau schnarcht, du mußt doch sehen, ob ihr etwas fehlt.« Da trat er in die Stube, und wie er vor das Bette kam, so sah er, daß der Wolf darin lag. »Finde ich dich hier, du alter Sünder,« sagte er, »ich habe dich lange gesucht.« Nun wollte er seine Büchse anlegen, da fiel ihm ein, der Wolf könnte die Großmutter gefressen haben, und sie wäre noch zu retten: schoß nicht, sondern nahm eine Schere und fing an, dem schlafenden Wolf den Bauch aufzuschneiden. Wie er ein paar Schnitte getan hatte, da sah er das rote Käppchen leuchten, und noch ein paar Schnitte, da sprang das Mädchen heraus und rief »ach wie war ich erschrocken, wie wars so dunkel in dem Wolf seinem Leib!« Und dann kam die alte Großmutter auch noch lebendig heraus und konnte kaum atmen. Rotkäppchen aber holte geschwind große Steine, damit füllten sie dem Wolf den Leib, und wie er aufwachte, wollte er fortspringen, aber die Steine waren so schwer, daß er gleich niedersank und sich totfiel.
Historische Illustration zu Rotkäppchen von Otto Ubbelohde
Rotkäppchen – historische Illustration — Otto Ubbelohde illustriert die historische Vorlage; Einzelheiten können von der neuen Kurzfassung abweichen. · Otto Ubbelohde · Public domain Bildquelle ↗
6
Da waren alle drei vergnügt; der Jäger zog dem Wolf den Pelz ab und ging damit heim, die Großmutter aß den Kuchen und trank den Wein, den Rotkäppchen gebracht hatte, und erholte sich wieder, Rotkäppchen aber dachte »du willst dein Lebtag nicht wieder allein vom Wege ab in den Wald laufen, wenn dirs die Mutter verboten hat.«
7
Es wird auch erzählt, daß einmal, als Rotkäppchen der alten Großmutter wieder Gebackenes brachte, ein anderer Wolf ihm zugesprochen und es vom Wege habe ableiten wollen. Rotkäppchen aber hütete sich und ging gerade fort seines Wegs und sagte der Großmutter, daß es dem Wolf begegnet wäre, der ihm guten Tag gewünscht, aber so bös aus den Augen geguckt hätte: »wenns nicht auf offner Straße gewesen wäre, er hätte mich gefressen.« »Komm«, sagte die Großmutter, »wir wollen die Türe verschließen, daß er nicht herein kann.« Bald darnach klopfte der Wolf an und rief »mach auf, Großmutter, ich bin das Rotkäppchen, ich bring dir Gebackenes.« Sie schwiegen aber still und machten die Türe nicht auf: da schlich der Graukopf etlichemal um das Haus, sprang endlich aufs Dach und wollte warten, bis Rotkäppchen abends nach Hause ginge, dann wollte er ihm nachschleichen und wollts in der Dunkelheit fressen. Aber die Großmutter merkte, was er im Sinn hatte. Nun stand vor dem Haus ein großer Steintrog, da sprach sie zu dem Kind »nimm den Eimer, Rotkäppchen, gestern hab ich Würste gekocht, da trag das Wasser, worin sie gekocht sind, in den Trog.« Rotkäppchen trug so lange, bis der große, große Trog ganz voll war. Da stieg der Geruch von den Würsten dem Wolf in die Nase, er schnupperte und guckte hinab, endlich machte er den Hals so lang, daß er sich nicht mehr halten konnte und anfing, zu rutschen: so rutschte er vom Dach herab, gerade in den großen Trog hinein, und ertrank. Rotkäppchen aber ging fröhlich nach Haus, und tat ihm niemand etwas zuleid.

Nach dem Lesen

Dein Blick auf das Kapitel

Animationen und Medienvergleich

Erklärvideo · Die Märchen-Formel | Deutschunterricht Klasse 5 & 6

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Prüfe drei Merkmale des Märchens an dieser Geschichte und belege sie mit Textstellen.

10er-QuizZitate verstehen · Zusammenhänge erkennen · Lernpunkte sammeln10 Fragen

Eine Antwort ist jeweils richtig. Lies den Textbeleg aufmerksam. Bei einer falschen Antwort kannst du es erneut versuchen.

Angemeldet zählen richtige Antworten für deinen Lernstand. Als Gast übst du ohne Kontopunkte.

Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.

1. Warum heißt das Mädchen Rotkäppchen?

Eine Antwort ist richtig.

2. Wen soll es besuchen?

Eine Antwort ist richtig.

3. Warum braucht die Großmutter einen Besuch?

Eine Antwort ist richtig.

4. Was zeigt der Wolf im Wald?

Eine Antwort ist richtig.

5. Was tut Rotkäppchen daraufhin?

Eine Antwort ist richtig.

6. Als wen gibt der Wolf sich an der Tür aus?

Eine Antwort ist richtig.

7. Wo wartet der verkleidete Wolf?

Eine Antwort ist richtig.

8. Wer hört das Schnarchen?

Eine Antwort ist richtig.

9. Was tut Rotkäppchen beim zweiten Wolf anders?

Eine Antwort ist richtig.

10. Wie schützen sich die beiden zuerst?

Eine Antwort ist richtig.

Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

Niveau 1 · Einstieg

1. Nenne Anfang, Wendepunkt und Ende von Rotkäppchen.

Impulse zur Selbstprüfung

Niveau 2 · Vertiefung

2. Vergleiche zwei Entscheidungen der Hauptfigur. Welche Folgen haben sie?

Impulse zur Selbstprüfung

Niveau 3 · Gestaltung

3. Vergleiche Kurz- und Quellfassung. Belege eine Auslassung oder eine andere Wertung.

Impulse zur Selbstprüfung

Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Erzähle eine Szene mit drei Bildunterschriften nach.

Impulse zur Selbstprüfung

Niveau 2 · Vertiefung

2. Schreibe einen inneren Monolog an einem Wendepunkt.

Impulse zur Selbstprüfung

Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe eine heutige Variante und erkläre, was du am Konflikt verändert hast.

Impulse zur Selbstprüfung

Ausgabe, Herkunft und Rechte

Historische Reintexte gemeinfrei. TextGrid und www.editura.de – Struktur und Metadaten CC BY 3.0 DE. Neue Aufgaben MOOCwiki CC BY 4.0. Bilder und Videos mit eigenen Nachweisen.

Das tapfere Schneiderlein

Jacob und Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm, München: Winkler, 1977. Grimm, Jacob und Wilhelm 142- München

TextGrid / www.editura.de; Originalautor Jacob und Wilhelm Grimm

Quelltext und Ausgabe ↗ · Historischer Reintext gemeinfrei; TextGrid-Struktur CC BY 3.0 DE Lizenz

Rapunzel

Jacob und Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm, München: Winkler, 1977. Grimm, Jacob und Wilhelm 104- München

TextGrid / www.editura.de; Originalautor Jacob und Wilhelm Grimm

Quelltext und Ausgabe ↗ · Historischer Reintext gemeinfrei; TextGrid-Struktur CC BY 3.0 DE Lizenz

Rotkäppchen

Jacob und Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm, München: Winkler, 1977. Grimm, Jacob und Wilhelm 174- München

TextGrid / www.editura.de; Originalautor Jacob und Wilhelm Grimm

Quelltext und Ausgabe ↗ · Historischer Reintext gemeinfrei; TextGrid-Struktur CC BY 3.0 DE Lizenz

Dornröschen

Jacob und Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm, München: Winkler, 1977. Grimm, Jacob und Wilhelm 281- München

TextGrid / www.editura.de; Originalautor Jacob und Wilhelm Grimm

Quelltext und Ausgabe ↗ · Historischer Reintext gemeinfrei; TextGrid-Struktur CC BY 3.0 DE Lizenz

Aschenputtel

Jacob und Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm, München: Winkler, 1977. Grimm, Jacob und Wilhelm 154- München

TextGrid / www.editura.de; Originalautor Jacob und Wilhelm Grimm

Quelltext und Ausgabe ↗ · Historischer Reintext gemeinfrei; TextGrid-Struktur CC BY 3.0 DE Lizenz

Brüderchen und Schwesterchen

Jacob und Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm, München: Winkler, 1977. Grimm, Jacob und Wilhelm 91- München

TextGrid / www.editura.de; Originalautor Jacob und Wilhelm Grimm

Quelltext und Ausgabe ↗ · Historischer Reintext gemeinfrei; TextGrid-Struktur CC BY 3.0 DE Lizenz

Kurze Lesefassungen – MOOCwiki 2026

MOOCwiki – KI-gestützte Redaktion; ursprüngliche Einzelhefte bleiben erhalten.

Quelltext und Ausgabe ↗ · CC BY 4.0 Lizenz

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?