Simon & Garfunkel - El Cóndor Pasa (If I Could)

Simon & Garfunkel - El Cóndor Pasa (If I Could)
Einleitung
„El Cóndor Pasa (If I Could)“ von Simon & Garfunkel ist ein besonders ergiebiges Beispiel für musikalischen Kulturtransfer: Die 1970 veröffentlichte Aufnahme verbindet eine Melodie aus der peruanischen Zarzuela El cóndor pasa... von Daniel Alomía Robles mit dem in Paris entstandenen Andenmusik-Arrangement von Los Incas, einem neuen englischen Text von Paul Simon und der charakteristischen Vokalästhetik von Simon & Garfunkel. Der Titel erschien auf dem Album Bridge over Troubled Water, dem letzten regulären Studioalbum des Duos. Die offizielle Simon-&-Garfunkel-Seite nennt den 26. Januar 1970 als Veröffentlichungsdatum des Albums; die Single erreichte in den USA Platz 18 der Pop-Single-Charts. Offizielle Albumseite Offizielle Karriere-Timeline
Der Weg der Musik ist jedoch deutlich älter: Daniel Alomía Robles komponierte die Musik der Zarzuela 1913; das Libretto stammt von Julio Baudouin, der unter dem Namen Julio de la Paz schrieb. Die Handlung spielt in einem Bergbaugebiet der peruanischen Anden und thematisiert soziale Ungleichheit, Ausbeutung indigener Minenarbeiter sowie den Wunsch nach Freiheit. Das peruanische Kulturministerium führt El Cóndor Pasa seit 2004 als Kulturerbe der Nation. Ministerio de Cultura del Perú

Daniel Alomía Robles, Komponist von El cóndor pasa...; gemeinfreies historisches Porträt auf Wikimedia Commons.
Rechtssicheres Hörbeispiel: die Aufnahme von 1970
Das folgende Video stammt vom offiziellen Artist Channel von Simon & Garfunkel. Es ist kein frei lizenzierter Inhalt; die Rechte verbleiben bei den Rechteinhabern. Die Einbettung dient hier als offizielles Hörbeispiel zur Analyse.
Beim Hören solltest Du zunächst nicht auf einzelne Wörter achten, sondern auf drei Ebenen: den hellen Flötenklang, die gezupften Saiteninstrumente und den weich darübergelegten zweistimmigen Gesang. Diese Schichtung gehört zu den auffälligsten Kennzeichen genau dieser Aufnahme.
Steckbrief der Aufnahme
- Interpret: Simon & Garfunkel
- Titel: El Cóndor Pasa (If I Could)
- Album: Bridge over Troubled Water
- Veröffentlichung: 1970
- Komponist: Daniel Alomía Robles; die Fassung ist zusätzlich mit der Arrangement- und Überlieferungsgeschichte um Jorge Milchberg verbunden
- Englischer Liedtext: Paul Simon
- Arrangementgeschichte: Los Incas / Jorge Milchberg
- Genre: Folk-Rock mit deutlich hörbaren Elementen andiner Folklore
- Tonales Zentrum: in veröffentlichten Notenausgaben und Analysedaten E-Moll
- Metrum: 4/4
- Tempo: ungefähr 73–74 Schläge pro Minute in langsamer Zählweise; manche Datenbanken zählen doppelt und geben ungefähr 148 BPM an
- Länge: etwa drei Minuten
- Produktion: Paul Simon, Art Garfunkel und Roy Halee werden für das Album bzw. die Aufnahme als Produzenten geführt
MusicBrainz-Datensatz Musicnotes: veröffentlichte Tonart und Tempo Hooktheory: Metrum, Tonart und Tempo
Entstehung und zeitgeschichtlicher Kontext
Die Zarzuela von 1913
Die ursprüngliche Bühnenfassung El cóndor pasa... entstand in einer Phase, in der Fragen nach nationaler Identität, indigener Kultur, Industrialisierung und sozialer Ungleichheit in Peru intensiv verhandelt wurden. Die Handlung spielt im fiktiven Bergbauort Yápac in den Anden. Im Zentrum stehen Minenarbeiter, die unter harten und ungerechten Arbeitsbedingungen leiden. Der Kondor erhält im dramatischen Zusammenhang eine starke Symbolfunktion: Er steht für Höhe, Weite und die Vorstellung von Freiheit über einer Welt, in der Menschen an die Erde und an soziale Abhängigkeiten gebunden sind.
Eine musikwissenschaftliche Studie von Luis Fernando Ruiz-Pacheco aus dem Jahr 2024 betont, dass die heute weltweit bekannte Musik aus einer größeren Bühnenkomposition herausgelöst wurde. Besonders der Pasacalle und die Cashua verbreiteten sich später unabhängig vom dramatischen Zusammenhang. Der Pasacalle war im ursprünglichen Werk eine instrumentale Schlussnummer und deutlich bewegter gedacht als viele spätere langsame Bearbeitungen. Ruiz-Pacheco 2024, ANTEC

Andenkondor als kulturell und bildsprachlich wichtiger Bezugspunkt; Foto von Greg Hume, CC BY-SA 3.0 auf Wikimedia Commons.
Von Peru nach Paris
In der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die Musik in Europa zunehmend durch Ensembles bekannt, die lateinamerikanische und speziell andine Musik aufführten. Los Incas nahmen 1963 in Paris eine instrumentale Fassung auf, arrangiert von Jorge Milchberg. Paul Simon hörte Los Incas 1965 in Paris, als beide im Umfeld desselben Konzertprogramms auftraten. Die offizielle Website von Los Incas/Urubamba dokumentiert Simons langjährige Zusammenarbeit mit dem Ensemble und seine spätere Einladung an Musiker der Gruppe für Tourneen und weitere Aufnahmen. Los Incas/Urubamba: Paul Simon
Für die Simon-&-Garfunkel-Fassung ist besonders wichtig, dass nicht einfach eine amerikanische Studioband den Andenklang imitierte: Die ursprünglichen LP-Angaben vermerken ausdrücklich einen Instrumentaltrack von Los Incas. Simon & Garfunkel legten ihren englischen Gesang über dieses klangliche Fundament. Dadurch bleibt die spezifische Klangwelt des Andenensembles im Zentrum der 1970er Aufnahme.
Urheberschaft und Rechteklärung
Paul Simon war zunächst davon ausgegangen, dass es sich bei der Melodie um eine traditionelle, gemeinfreie Volksweise handle. Diese Annahme erwies sich als unvollständig: Daniel Alomía Robles hatte die Musik 1913 komponiert und eine Fassung 1933 in den USA registrieren lassen. Nach der Veröffentlichung von Simon & Garfunkel wurde die Urheberschaft rechtlich geklärt. In der Forschung werden unterschiedliche Einzelheiten des damaligen Verfahrens genannt; unstrittig ist jedoch, dass Alomía Robles als Komponist anerkannt wurde.
Gerade diese Geschichte ist für den Unterricht wichtig: Sie zeigt, wie schnell Musik bei internationaler Weitergabe als „traditionell“ oder „anonym“ etikettiert werden kann, obwohl konkrete Urheber, Bearbeiter und kulturelle Kontexte vorhanden sind. Das Stück eignet sich deshalb auch für Urheberrecht, kulturellen Austausch, Debatten über kulturelle Aneignung und die Frage nach korrekter Zuschreibung.
Mindestens drei belegte Besonderheiten genau dieser Aufnahme
- Originaler Los-Incas-Instrumentaltrack als Grundlage: Die Albumangaben nennen den Instrumentaltrack von Los Incas. Das ist ungewöhnlicher als eine gewöhnliche Coveraufnahme, weil die Klangbasis nicht lediglich nachgespielt, sondern direkt aus der bereits vorhandenen Andenmusik-Produktion übernommen beziehungsweise als Grundlage verwendet wurde.
- Englischer Text statt Übersetzung: Paul Simons Text ist keine Übersetzung eines ursprünglichen Liedtextes der berühmten Pasacalle-Melodie. Die zentrale Bühnenmusik war instrumental; Simons Text erschafft daher eine neue Bedeutungsebene mit Naturbildern, Freiheitswünschen und Gegensätzen.
- Verlangsamte, kontemplative Wirkung: Die 1970er Fassung bewegt sich ungefähr bei 73–74 BPM in langsamer Zählweise. Die musikwissenschaftliche Rekonstruktion beschreibt den Pasacalle der Zarzuela dagegen als Allegretto moderato und als Tanzmusik. Die langsame Popfassung verschiebt die Wirkung daher von einer Bühnen- und Tanzfunktion zu einer nachdenklichen Hörhaltung.
- Andine Klangfarben in einem US-Folk-Rock-Hit: Quena-artige Flötenklänge und helle gezupfte Saitenfarben stehen klanglich im Vordergrund. Dadurch unterscheidet sich die Aufnahme deutlich von einer typischen Folk-Rock-Produktion mit akustischer Gitarre, Bass und Schlagzeug.
- Aufnahme als Dokument musikalischer Vermittlung: Die Fassung verbindet mindestens drei Ebenen: Robles’ Komposition von 1913, die europäisch-andine Arrangementtradition von Los Incas und Simon & Garfunkels Popästhetik von 1970. Genau diese Mehrschichtigkeit ist ein Grund für ihre kulturgeschichtliche Bedeutung.
Instrumentierung und Klangfarben

Charangos und Quenas als typische Instrumente andiner Ensembles; Foto von KQuhen, CC BY-SA 4.0 auf Wikimedia Commons.
Das Charango ist ein kleines, hoch klingendes Zupfinstrument aus dem Andenraum. Die Quena ist eine Kerbflöte, deren luftiger, manchmal leicht rauer Ton für viele Hörer unmittelbar mit Andenmusik verbunden ist. Los Incas arbeiteten über Jahrzehnte mit Charangos, Quenas beziehungsweise Antaras, Gitarren und Schlaginstrumenten. Der helle, tragende Flötenklang und die filigranen Zupftexturen prägen auch den Höreindruck von El Cóndor Pasa (If I Could).
Für Deine Analyse ist wichtig, nicht vorschnell jedes hohe Blasinstrument als „Panflöte“ zu bezeichnen. Quena und Antara/Zampoña sind unterschiedliche Instrumententypen. Achte deshalb auf den Klang: Die Quena erzeugt einen fokussierten, durch Atemgeräusch gefärbten Einzelton, während Panflöten aus mehreren Röhren bestehen und eine andere Artikulation besitzen.

Quena; frei lizenziertes Foto auf Wikimedia Commons.
Musikalische Analyse
Stil und Genre
Die Aufnahme lässt sich als Folk-Rock beschreiben, doch diese Bezeichnung erklärt nur einen Teil des Klanges. Die Stimmen von Simon & Garfunkel gehören klar zur angloamerikanischen Folk-Pop-Tradition, während das instrumentale Fundament aus der Andenmusik stammt. Dadurch entsteht eine hybride Aufnahme, die nicht einfach „amerikanisch“ oder „peruanisch“ klingt.
Der später gebräuchliche Begriff Weltmusik sollte historisch vorsichtig verwendet werden: 1970 war „World Music“ noch keine etablierte Marketingkategorie im späteren Sinn. Rückblickend wird die Aufnahme jedoch häufig als frühes Beispiel für Paul Simons langfristiges Interesse an grenzüberschreitenden musikalischen Kooperationen verstanden.
Melodie
Die berühmte Melodie wirkt eingängig, weil sie mit klaren, wiedererkennbaren Motiven arbeitet und viele Wendungen aus einem begrenzten Tonvorrat ableitet. Für die andine Klangwirkung ist die Nähe zu pentatonischen Strukturen wichtig. Das peruanische Kulturministerium hebt bei Alomía Robles’ Musik ausdrücklich den Bezug zu andinen Skalen und pentatonischen Strukturen hervor. Ministerio de Cultura, 2025
In der Simon-&-Garfunkel-Aufnahme entsteht zusätzlich ein Dialog zwischen instrumentaler Melodie und Gesang: Der Instrumentaltrack trägt die kulturell wiedererkennbare Klangsignatur, während die englische Vokallinie die Melodie in eine neue Pop-Song-Situation versetzt.
MediaWiki Extension:Score – selbst erstelltes Pentatonik-Beispiel
Wichtig: Das folgende Beispiel ist frei erfunden und gibt nicht die geschützte beziehungsweise überlieferte Melodie des Songs wieder. Es zeigt nur, wie ein kurzer E-Moll-pentatonischer Tonvorrat klingen kann.

Die verwendeten Töne e–g–a–b–d lassen sich als Moll-Pentatonik auffassen. Höre darauf, wie ein begrenzter Tonvorrat trotz weniger Töne eine klar erkennbare Klangfarbe erzeugen kann.
Harmonik
Veröffentlichte Notenausgaben führen die Simon-&-Garfunkel-Fassung in E-Moll. Häufig wechseln Klangflächen zwischen E-Moll und Akkorden aus dem eng verwandten Tonraum, besonders G-Dur und C-Dur. Dadurch bleibt die Harmonik relativ übersichtlich, während die eigentliche Ausdruckskraft stark aus Melodie, Klangfarbe und Arrangement entsteht.
Eine hilfreiche Analyseidee ist der Wechsel zwischen Mollzentrum und der relativen Durfarbe. E-Moll und G-Dur teilen sich denselben Vorzeichenbestand; deshalb kann die Musik zwischen nachdenklicher Mollwirkung und offenerer Durfarbe wechseln, ohne stark chromatisch zu werden.
MediaWiki Extension:Score – selbst erstelltes Harmoniebeispiel
Auch dieses Beispiel ist neu komponiert und kein Ausschnitt aus der Originalpartitur. Es zeigt lediglich einen einfachen Wechsel von E-Moll über G-Dur und C-Dur zurück zu E-Moll.

Überlege: Warum kann eine sehr einfache Harmonik trotzdem eindrucksvoll wirken? Bei dieser Aufnahme liegt die Antwort vor allem in Instrumentalfarbe, Register, Gesangsschichtung und der Wiedererkennbarkeit der melodischen Gesten.
Rhythmus und Tempo
Der Song steht im 4/4-Takt. Das Tempo kann ungefähr mit 73–74 BPM in langsamer Zählweise gehört werden; automatische Analysesysteme geben teilweise etwa 147–148 BPM an, wenn jede Achtelbewegung als schneller Grundpuls interpretiert wird. Für die Wahrnehmung als ruhiger Folk-Song ist die langsamere Zählweise sinnvoll.
Der Rhythmus ist nicht von einem kräftigen Rock-Backbeat geprägt. Stattdessen entsteht ein gleichmäßiger, fließender Puls. Dadurch können Flöten- und Zupfklänge viel Raum einnehmen. Besonders spannend ist der Vergleich mit der ursprünglichen Theaterfunktion des Pasacalle: Dort war das Material stärker als Bewegung beziehungsweise Tanz gedacht.
MediaWiki Extension:Score – selbst erstellte Rhythmusskizze
Die folgende Ein-Ton-Skizze enthält keine Songmelodie. Sie dient nur dazu, einen gleichmäßigen 4/4-Puls mit Achtelbewegung hörbar zu machen.

Probiere dieselbe Rhythmusfigur einmal sehr langsam und einmal doppelt so schnell. So kannst Du nachvollziehen, warum unterschiedliche BPM-Angaben denselben musikalischen Puls verschieden zählen können.
Gesang
Die Stimmen sind weich, kontrolliert und eng in das Instrumentalbild eingebettet. MusicBrainz führt sowohl Paul Simon als auch Art Garfunkel als Sänger dieser Aufnahme. Typisch für das Duo ist die Mischung aus klar verständlicher Hauptstimme und eng geführter Harmoniestimme. Statt dramatischer vokaler Effekte wirkt der Gesang zurückgenommen und beinahe schwebend.
Gerade dieser sanfte Vokalklang verändert die Wahrnehmung des Materials: Eine ursprünglich instrumentale Theater- und Tanzmusik wird zu einem introspektiven Folk-Pop-Song. Die Stimmen dominieren nicht aggressiv, sondern verschmelzen mit dem Instrumentaltrack.
Arrangement
Das Arrangement arbeitet mit Kontrasten:
- Helle, luftige Flötenfarbe gegen warme menschliche Stimmen
- Kurze gezupfte Impulse gegen lange Gesangstöne
- Wiederkehrende Instrumentalmotive gegen neu hinzugefügten englischen Text
- Andine Klangsignatur gegen angloamerikanische Folk-Pop-Harmoniegesänge
Das Besondere ist also weniger eine große Zahl unterschiedlicher Instrumente als die präzise Rollenverteilung der Klangschichten. Der Instrumentaltrack bleibt deutlich erkennbar; der Gesang wird darübergelegt, ohne die Herkunft des Arrangements vollständig zu verdecken.
Produktion
Die Produktion ist klanglich vergleichsweise durchsichtig. Einzelne Schichten lassen sich gut auseinanderhalten: Flöte, gezupfte Saiten, tieferes Fundament und Stimmen stehen jeweils in einem eigenen Klangraum. Im Vergleich zu stark orchestrierten Popproduktionen derselben Zeit wirkt die Textur leicht und transparent.
Der Albumcredit nennt Paul Simon, Art Garfunkel und Roy Halee als Produzenten. MusicBrainz dokumentiert Roy Halee zusätzlich als Toningenieur beziehungsweise Engineer und Ted Brosnan als Recording Engineer für die Aufnahme. MusicBrainz
Songform
Die Form lässt sich hörend ungefähr als instrumentale Einleitung – Vokalstrophe – kontrastierender Mittelteil – weitere Vokalstrophe – instrumentaler Ausklang beschreiben. Anders als bei vielen Popsongs entsteht der Wiedererkennungseffekt nicht vor allem durch einen lauten Refrain, sondern durch die wiederkehrende instrumentale Melodie und die klangliche Identität des Arrangements.
Für eine genaue Formanalyse kannst Du beim offiziellen Hörbeispiel selbst Zeitmarken setzen. Notiere, wann die Stimme einsetzt, wann sich die Harmonik oder Instrumentierung deutlich verändert und wann instrumental abgeschlossen wird.
Text, Themen und Bildsprache
Kurzes rechtlich zulässiges Zitat
Als sehr kurzes Analysezitat kann die Anfangszeile herangezogen werden:
„I'd rather be a sparrow than a snail“
Das Zitat bleibt bewusst kurz. Der vollständige urheberrechtlich geschützte Liedtext wird hier nicht wiedergegeben.
Sinngemäße Inhaltserschließung
Der englische Text besteht aus einer Reihe von Wunschbildern und Gegensätzen. Die sprechende Person bevorzugt Beweglichkeit, Selbstbestimmung, Naturverbundenheit und Offenheit gegenüber Zuständen, die als festgelegt, schwer oder gebunden erscheinen. Tiere, Landschaft und körperliche Bewegung dienen dabei als Bilder für Freiheit.
Der Zusatz If I Could im Titel ist entscheidend: Der Wunsch nach Freiheit wird nicht als bereits erreicht dargestellt, sondern als Möglichkeit, die von Bedingungen abhängt. Dadurch entsteht eine Spannung zwischen Sehnsucht und Begrenzung.
Eine sinnvolle sinngemäße Übertragung ins Deutsche lautet daher nicht Zeile für Zeile, sondern inhaltlich: Die Stimme wünscht sich ein freieres, naturverbundeneres und weniger festgelegtes Leben und stellt diesem Wunsch Erfahrungen von Gebundenheit gegenüber.
Bildsprache
Besonders wichtig ist die Bildlogik des Textes. Tiere und Naturphänomene stehen für Beweglichkeit und Eigenständigkeit; Gegenbilder verweisen auf Festgelegtsein oder Funktionalisierung. Diese Gegenüberstellungen passen überraschend gut zur älteren Symbolik des Kondors im Bühnenwerk, obwohl Paul Simons englischer Text keine Übersetzung des ursprünglichen dramatischen Inhalts ist.
Gerade hier solltest Du zwischen historischer Bedeutung und späterer Deutung unterscheiden: Dass beide Ebenen das Thema Freiheit berühren, bedeutet nicht, dass Simon den ursprünglichen Plot nacherzählt hätte.
Vergleich von Fassungen
1913: Bühnenkontext
Im Bühnenwerk ist die Musik Teil einer größeren dramatischen Struktur. Die musikwissenschaftliche Rekonstruktion beschreibt sieben musikalische Nummern, darunter Präludium, Männerchor, Yaraví, Duett, Cashua, Gebet und Pasacalle. Der Pasacalle ist instrumental, steht am Ende und besitzt ursprünglich eine bewegtere Tanzfunktion. Ruiz-Pacheco 2024
1963: Los Incas
Die Fassung von Los Incas verlagert das Material in den Klang eines in Paris aktiven Andenensembles. Der Einsatz von Quena- und Charango-Klangfarben macht die Musik für ein europäisches Publikum als „andine“ Musik unmittelbar erkennbar. Genau diese Fassung wurde für Paul Simon zum entscheidenden Bezugspunkt.
1970: Simon & Garfunkel
Simon & Garfunkel übernehmen den Instrumentalcharakter nicht unverändert, sondern ergänzen einen neuen englischen Text und die typische Vokalästhetik des Duos. Hörbar entsteht dadurch eine neue Gattungssituation: Aus einer instrumentalen, aus dem Theater herausgelösten Melodie wird ein international vermarkteter Folk-Pop-Song.
Orchestraler Vergleich
Eine Aufführung durch die Orquesta Sinfónica Nacional del Perú macht einen anderen Aspekt hörbar: größere dynamische Spannweite, orchestrale Register und einen Klang, der stärker auf die Kunstmusiktradition verweist.
Quelle: offizieller Kanal des Museo Nacional de Arqueología, Antropología e Historia del Perú.
Hörvergleich: Achte bei der Orchesterfassung darauf, welche Stimmen durch Streicher, Holz- und Blechbläser übernommen werden. Vergleiche anschließend mit der Simon-&-Garfunkel-Aufnahme: Wo wirkt der Klang intimer, wo monumentaler, wo stärker rhythmisch und wo stärker gesanglich?
Frei nutzbares Audio zum historischen Material
Auf Wikimedia Commons gibt es eine gemeinfreie, von einem Nutzer mit Musiksoftware erstellte Instrumentalfassung der Komposition. Sie ist nicht die historische Originalaufnahme und nicht die Aufnahme von Simon & Garfunkel, eignet sich aber als rechtssicheres Vergleichsmedium für Unterricht und Analyse.
Commons-Dateiseite und Lizenzinformation
Rezeption und Bedeutung
Die Simon-&-Garfunkel-Version trug entscheidend dazu bei, dass El Cóndor Pasa weltweit als populäres Lied bekannt wurde. Die offizielle Karriere-Timeline des Duos nennt für die Single Platz 18 in den US-Popcharts. Gleichzeitig ist wichtig, die internationale Popularisierung nicht mit der Entstehung des Werks zu verwechseln: Die Komposition stammt von Daniel Alomía Robles und war bereits Jahrzehnte vor 1970 Teil peruanischer Musikgeschichte.
Im Werk von Simon & Garfunkel steht der Titel auf dem letzten regulären Studioalbum des Duos und gehört zu dessen bekanntesten Stücken. Für Paul Simon war die Begegnung mit Los Incas zudem kein einmaliges Ereignis: Er arbeitete später erneut mit Musikern des Ensembles zusammen. Dadurch lässt sich die Aufnahme als frühes Dokument seines längerfristigen Interesses an musikalischen Kooperationen über nationale und stilistische Grenzen hinweg verstehen.
Für Peru besitzt El Cóndor Pasa eine eigenständige nationale Bedeutung. Das peruanische Kulturministerium erklärte die Komposition 2004 zum Kulturerbe der Nation; 2025 wurden außerdem mehrere Partituren von Alomía Robles, darunter El cóndor pasa, als Kulturerbe anerkannt. Ministerio de Cultura
Medienkritische und kulturgeschichtliche Perspektive
Die Geschichte des Stücks lädt zu einer differenzierten Diskussion ein. Einerseits machte die 1970er Aufnahme Millionen Hörerinnen und Hörer mit einem Klang bekannt, den sie als andin wahrnahmen. Andererseits kann internationale Popularisierung dazu führen, dass ursprüngliche Komponisten, lokale Kontexte und dramatische Bedeutungen aus dem Blick geraten.
Eine faire Analyse sollte deshalb mehrere Ebenen gleichzeitig berücksichtigen: Daniel Alomía Robles als Komponisten, die Zarzuela und ihre soziale Kritik, die Bearbeitungstradition in Paris, Los Incas als konkrete Vermittler und Simon & Garfunkel als Popinterpreten. So wird aus der Frage „Wem gehört dieses Lied?“ eine komplexere Frage nach Komposition, Arrangement, Aufführung, kulturellem Gedächtnis und Rezeption.
Offizielles Hintergrundvideo
Die offizielle Simon-&-Garfunkel-Seite verlinkt ein eigenes „Track by Track“-Video zu diesem Titel. Es eignet sich als ergänzende Quelle zur Produktions- und Albumgeschichte.
Hörprotokoll
Erstelle beim Hören eine Tabelle mit fünf Spalten: Zeit, Instrumente/Klangfarbe, Gesang, Harmonik/Form und Wirkung. Setze mindestens sechs Zeitmarken. Begründe anschließend, an welcher Stelle der Aufnahme Du den größten Wechsel in Klangfarbe oder Ausdruck wahrnimmst.
Achte besonders auf folgende Fragen: Wann übernimmt die Stimme die Aufmerksamkeit von der Flöte? Wie verändern gezupfte Saiten die Bewegungswirkung? Ist der 4/4-Takt eher als langsamer Puls oder als doppelte Zählung hörbar? Wie verändert der englische Text Deine Wahrnehmung einer Melodie, die ursprünglich instrumental war?
Nachprüfbare Quellen
- Simon & Garfunkel: offizielle Albumseite zu Bridge Over Troubled Water
- Simon & Garfunkel: offizielle Karriere-Timeline
- Simon & Garfunkel: offizielles Track-by-Track-Material
- MusicBrainz: Aufnahme- und Creditdaten
- Ministerio de Cultura del Perú: Alomía-Robles-Partituren und El Cóndor Pasa
- Ministerio de Cultura del Perú: Kulturerbe-Erklärung von 2004
- Luis Fernando Ruiz-Pacheco: La música como servidora del drama..., ANTEC, 2024
- Los Incas/Urubamba: Paul Simon und die Zusammenarbeit mit dem Ensemble
- Wikimedia Commons: gemeinfreies Audio
- Musicnotes: E-Moll und Tempoangabe der veröffentlichten Ausgabe
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Wer komponierte die Musik der Zarzuela El cóndor pasa...? (Daniel Alomía Robles) (!Paul Simon) (!Art Garfunkel) (!Roy Halee)
In welchem Jahr erschien die bekannte Aufnahme von Simon & Garfunkel? (1970) (!1913) (!1933) (!1981)
Welche Gruppe lieferte die entscheidende instrumentale Grundlage für die Simon-&-Garfunkel-Fassung? (Los Incas) (!The Beatles) (!The Byrds) (!The Beach Boys)
Welche Aussage zum englischen Text von Paul Simon trifft zu? (Er ist eine neue englische Textebene und keine Übersetzung des ursprünglichen Pasacalle) (!Er ist eine wortgetreue Übersetzung eines spanischen Originals) (!Er stammt aus dem Libretto von 1913) (!Er wurde von Daniel Alomía Robles auf Englisch geschrieben)
Welche Tonart wird für die Simon-&-Garfunkel-Fassung häufig angegeben? (E-Moll) (!C-Dur) (!Fis-Dur) (!B-Dur)
Welches Metrum prägt die Aufnahme? (4/4-Takt) (!3/4-Takt) (!5/4-Takt) (!7/8-Takt)
Welches Instrument gehört typischerweise zur andinen Klangwelt von Los Incas? (Charango) (!Cembalo) (!Sousaphon) (!Celesta)
Welche Funktion hatte der Pasacalle im Bühnenwerk eher? (Er war eine bewegte instrumentale Tanznummer) (!Er war ein englischer Popsong) (!Er war ein gesprochenes Gedicht) (!Er war ein Rockgitarrensolo)
Welche Aussage beschreibt eine Besonderheit der Aufnahme von 1970? (Sie verbindet einen Los-Incas-Instrumentaltrack mit neuem englischem Gesang) (!Sie wurde vollständig a cappella aufgenommen) (!Sie enthält ausschließlich elektronische Synthesizer) (!Sie ist eine direkte Aufnahme der Uraufführung von 1913)
Warum ist die Urheberschaftsgeschichte didaktisch interessant? (Sie zeigt die Bedeutung korrekter Zuschreibung bei kultureller Weitergabe) (!Sie beweist dass Volksmusik nie Urheber haben kann) (!Sie zeigt dass Arrangements immer gemeinfrei sind) (!Sie macht Quellenprüfung bei Musik überflüssig)
Memory
| Daniel Alomía Robles | Komponist der Zarzuela-Musik |
| Paul Simon | Englischer Liedtext der 1970er Fassung |
| Los Incas | Instrumentale Grundlage der Popaufnahme |
| Quena | Andine Kerbflöte |
| Charango | Kleines andines Zupfinstrument |
| E-Moll | Tonales Zentrum der bekannten Popfassung |
| Pasacalle | Instrumentale Tanznummer des Bühnenwerks |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Thema |
|---|---|
| Zarzuela | Bühnenwerk von 1913 |
| Paris | Begegnungsort Paul Simons mit Los Incas |
| Folk-Rock | Popstil der Simon-und-Garfunkel-Fassung |
| Pentatonik | Wichtiger Bezug andiner Melodik |
| Kulturerbe | Status der Komposition in Peru |
Kreuzworträtsel
| Robles | Wie lautet der Nachname des peruanischen Komponisten Daniel Alomía? |
| Charango | Welches kleine Zupfinstrument prägt viele Andenensembles? |
| Quena | Wie heißt die andine Kerbflöte? |
| Milchberg | Wie lautet der Nachname des Arrangeurs und Leiters von Los Incas? |
| Freiheit | Welches zentrale Thema verbindet die Bildsprache des Popsongs mit Deutungen des Kondors? |
| Pentatonik | Wie heißt ein Fünftonprinzip das für andine Melodik wichtig sein kann? |
LearningApps
Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Hörprotokoll: Höre die Aufnahme zweimal und notiere beim zweiten Hören mindestens sechs Zeitmarken mit Instrumenten, Stimmen und Wirkung.
- Instrumentenporträt: Gestalte eine Infokarte zu Quena oder Charango mit Bauweise, Klang, Herkunft und einem frei lizenzierten Bild.
- Bildsprache: Zeichne oder collagiere drei eigene Bilder für Freiheit, Bindung und Naturverbundenheit, ohne den Liedtext zu kopieren.
- Formskizze: Stelle die Songform mit Kästen, Pfeilen und selbst gewählten Farben dar und trage instrumentale sowie vokale Abschnitte ein.
Standard
- Versionenvergleich: Vergleiche die offizielle Simon-und-Garfunkel-Aufnahme mit der eingebetteten Orchesterfassung und beschreibe mindestens fünf hörbare Unterschiede.
- Kontextrecherche: Erstelle eine kurze Präsentation über Bergbau, soziale Konflikte und Indigenismus im Peru des frühen 20. Jahrhunderts.
- Urheberrecht: Erkläre an diesem Beispiel den Unterschied zwischen Komposition, Arrangement, Aufnahme, Liedtext und Interpretation.
- Eigene Klangstudie: Produziere eine 30- bis 60-sekündige Aufnahme mit selbst komponierter pentatonischer Melodie und zwei deutlich unterschiedlichen Klangfarben.
Schwer
- Kulturtransfer: Verfasse einen Essay darüber, wie Musik bei internationaler Weitergabe zugleich verbreitet, verändert und aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst werden kann.
- Quellenkritik: Vergleiche mindestens vier Quellen zur Urheberschaftsgeschichte und markiere Übereinstimmungen, Widersprüche und offene Fragen.
- Arrangementanalyse: Rekonstruiere ohne vollständige Transkription die Rollen von Melodie, Bass, Harmonie, Rhythmus und Gesang in einem selbst erstellten Schaubild.
- Forschungsinterview: Interviewe eine Musikerin, einen Musiker oder eine Lehrkraft zu der Frage, wann ein Arrangement kulturelle Herkunft sichtbar macht und wann sie verdeckt wird.


Lernkontrolle
- Transferanalyse: Erkläre, wie ein Wechsel von schneller Tanzfunktion zu langsamem Folk-Pop-Tempo die Bedeutung derselben Melodie verändern kann.
- Produktionsvergleich: Beschreibe, welche ästhetischen Folgen es hat, einen vorhandenen Instrumentaltrack als Basis zu verwenden, statt alle Instrumente neu einzuspielen.
- Text-Musik-Beziehung: Untersuche, ob der neue englische Text eher mit oder gegen die Wirkung des Instrumentalarrangements arbeitet, und belege Deine Position mit Höreindrücken.
- Kontextualisierung: Zeige an zwei Beispielen, warum die Kenntnis der Zarzuela die Wahrnehmung der Popaufnahme verändert.
- Quellenbewertung: Ordne offizielle Künstlerseite, staatliche Kulturbehörde, musikwissenschaftlichen Fachartikel und Fan-Seite nach ihrer Eignung für unterschiedliche Forschungsfragen und begründe.
- Kulturelle Verantwortung: Entwickle drei Regeln, die Musikerinnen und Musiker beim Bearbeiten von Musik aus anderen kulturellen Kontexten beachten sollten.
- Musiktheorie: Erkläre, warum einfache Harmonik und begrenztes Tonmaterial nicht automatisch zu geringer musikalischer Wirkung führen.
Lernnachweis
Für einen Lernnachweis zu diesem Thema ist wichtig, dass Du:
- die Entstehung von 1913, die Los-Incas-Fassung und die Simon-und-Garfunkel-Aufnahme zeitlich auseinanderhalten kannst.
- Daniel Alomía Robles, Jorge Milchberg, Los Incas, Paul Simon und Art Garfunkel ihren jeweiligen Rollen zuordnen kannst.
- mindestens drei belegte Besonderheiten der Aufnahme von 1970 erklären kannst.
- Stil, Melodie, Harmonik, Rhythmus, Gesang, Instrumentierung, Arrangement, Produktion und Songform mit Fachbegriffen beschreiben kannst.
- den englischen Text sinngemäß erschließen kannst, ohne den vollständigen urheberrechtlich geschützten Liedtext zu reproduzieren.
- die Bedeutung des Kondors und die Freiheitsmetaphorik historisch differenziert einordnen kannst.
- Unterschiede zwischen Originalkontext, Arrangement, Cover und späterer Rezeption erklären kannst.
- Quellen nach Herkunft, Aktualität und Verlässlichkeit bewerten kannst.
- bei musikalischen Bearbeitungen zwischen Komposition, Arrangement, Aufnahme und Aufführung unterscheiden kannst.
OERs zum Thema
Zusätzliche frei nutzbare Medien findest Du auf Wikimedia Commons unter den Kategorien zu Daniel Alomía Robles, Charango, Quena und Andenkondor. Prüfe bei jedem Medium die konkrete Lizenz auf der Dateiseite.
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