Performativität - Philosophie


Performativität - Philosophie
Performativität - Philosophie
Einleitung
Performativität bezeichnet die Fähigkeit von Äußerungen, Gesten und wiederholten Praktiken, soziale Wirklichkeit nicht nur zu beschreiben, sondern an ihrer Hervorbringung mitzuwirken. Ein Versprechen bindet, ein Urteil verändert einen Rechtsstatus und eine Anrede weist eine soziale Position zu.
Der Kurs verbindet Sprachphilosophie, Pragmatik, Dekonstruktion, Sozialphilosophie und Gender Studies. Du untersuchst, wann Handlungen durch Sprache gelingen, wie Normen durch Wiederholung wirksam werden und wo Widerstand möglich ist.

Leitfrage: Wann tun wir etwas, indem wir etwas sagen?
Lernziele
- Begriffsverständnis: Du erklärst Performativität, Sprechakt und Gelingensbedingung.
- Analyse: Du unterscheidest Lokution, Illokution und Perlokution.
- Vergleich: Du setzt Positionen von J. L. Austin, John Searle, Jacques Derrida und Judith Butler in Beziehung.
- Urteilskompetenz: Du bewertest Macht, Ausschluss und Veränderung durch performative Praktiken.
- Transfer: Du wendest die Begriffe auf Schule, Recht, Medien, Politik und Alltag an.
Grundidee: Wirklichkeit durch Vollzug
Eine performative Äußerung vollzieht unter passenden Bedingungen eine Handlung. Mit „Ich verspreche es“ wird nicht bloß über ein Versprechen berichtet; das Versprechen wird gegeben. Performativität ist deshalb an Konvention, Situation, Autorität und die Beteiligten gebunden.

Eine Trauung zeigt die institutionelle Seite: Worte verändern einen Status nur, wenn Verfahren, Zuständigkeit und Anerkennung zusammenwirken. Misslingen diese Bedingungen, bleibt der Vollzug unwirksam oder problematisch.
Austin: Sprechen als Handeln
J. L. Austin unterscheidet drei Ebenen eines Sprechakts:
- Lokution: Eine bedeutungsvolle Äußerung wird hervorgebracht.
- Illokution: Im Sagen wird gehandelt, etwa behauptet, gewarnt oder versprochen.
- Perlokution: Die Äußerung bewirkt etwas, etwa Überzeugung, Angst oder Zustimmung.
Ein Sprechakt gelingt nur unter passenden Gelingensbedingungen. Dazu gehören ein anerkanntes Verfahren, geeignete Personen, korrekte Durchführung und – je nach Handlung – Ernsthaftigkeit. Austin ersetzt die einfache Trennung von beschreibenden und performativen Sätzen schließlich durch eine umfassendere Theorie sprachlichen Handelns.
Searle: Typen illokutionärer Handlungen
John Searle systematisiert illokutionäre Akte. Häufig unterschieden werden:
- Assertiv: Eine Behauptung verpflichtet auf Wahrheit.
- Direktiv: Eine Aufforderung soll Handeln veranlassen.
- Kommissiv: Ein Versprechen bindet die sprechende Person.
- Expressiv: Ein Dank oder eine Entschuldigung drückt eine Haltung aus.
- Deklaration: Ein institutioneller Vollzug verändert einen sozialen Status.

Derrida: Iterabilität und Kontext
Jacques Derrida betont die Iterabilität von Zeichen: Eine Äußerung muss wiederholbar und zitierbar sein, um verständlich zu werden. Gerade diese Wiederholbarkeit löst sie teilweise von einer einzelnen Absicht und einem vollständig festlegbaren Kontext.
Damit sind Erfolg und Scheitern nicht bloß äußere Sonderfälle. Die Möglichkeit des Missverständnisses, der Umdeutung und der neuen Verwendung gehört zur Funktionsweise von Zeichen. Konventionen stabilisieren Bedeutung, schließen sie aber nie endgültig ab.

Butler: Gender als performative Hervorbringung
Judith Butler überträgt die Diskussion auf Gender. Geschlechtliche Identität erscheint nicht als Ausdruck eines unveränderlichen inneren Kerns, sondern wird durch wiederholte, sozial regulierte Akte, Gesten, Benennungen und Erwartungen hervorgebracht.
Gender-Performativität ist nicht dasselbe wie freiwilliges Schauspiel. Die Wiederholungen stehen unter Normen und Sanktionen. Weil Normen jedoch wiederholt werden müssen, können sie verschoben, parodiert und verändert werden. Handlungsfähigkeit entsteht innerhalb sozialer Bedingungen, nicht außerhalb von ihnen.

Performative Widersprüche
Ein performativer Widerspruch liegt vor, wenn der Inhalt einer Äußerung den Voraussetzungen ihres eigenen Vollzugs widerspricht. Wer argumentierend behauptet, Argumente könnten niemals Geltung beanspruchen, nutzt dabei selbst einen Geltungsanspruch.
Der Widerspruch liegt nicht nur zwischen zwei Sätzen, sondern zwischen Gesagtem und Tun im Sagen. Das Konzept spielt unter anderem in Diskursethik und Habermas’ Theorie kommunikativer Rationalität eine Rolle.
Macht, Körper und Institutionen
Performative Akte verteilen Rechte, Pflichten und Sichtbarkeit. Benennungen können anerkennen, verletzen oder ausschließen. Urteile, Noten, Diagnosen, Staatsakte, Geld und Eigentum funktionieren durch Regeln und kollektive Anerkennung.
Körperliche Gesten, Kleidung, Rituale, Bilder und digitale Praktiken können ebenfalls performativ wirken. Entscheidend ist nicht nur die Absicht einer Person, sondern das Zusammenspiel von Wiederholung, Norm, Publikum, Medium und Macht.

Unterscheide: Eine Performance ist meist eine aufführbare Handlung. Performativität bezeichnet die wirklichkeitsbildende Kraft des Vollzugs. Beides kann sich überschneiden, ist aber nicht identisch.
Philosophische Prüfsteine
- Autorität: Wer darf eine Handlung gültig vollziehen?
- Kontext: Welche sozialen Bedingungen tragen ihre Bedeutung?
- Wiederholung: Welche Konventionen werden zitiert und verändert?
- Macht: Wer wird anerkannt, wer ausgeschlossen und wer widerspricht?
- Verantwortung: Welche Folgen sind beabsichtigt, welche entstehen darüber hinaus?
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Was bezeichnet Performativität im philosophischen Sinn? (Die wirklichkeitsbildende Kraft eines Vollzugs) (!Die bloße Beschreibung einer bereits fertigen Wirklichkeit) (!Eine Methode zur Messung körperlicher Leistung) (!Eine ausschließlich theatralische Kunstform)
Welche Ebene eines Sprechakts bezeichnet die Handlung im Sagen? (Illokution) (!Lokution) (!Perlokution) (!Intonation)
Was ist eine Perlokution? (Eine Wirkung der Äußerung auf andere) (!Die grammatische Form eines Satzes) (!Die institutionelle Rolle der sprechenden Person) (!Die wörtliche Bedeutung ohne Wirkung)
Wovon hängt das Gelingen eines performativen Sprechakts besonders ab? (Von passenden Konventionen und Umständen) (!Von der Länge des Satzes) (!Von einer bildhaften Formulierung) (!Von der Lautstärke allein)
Welches Beispiel ist ein Kommissiv? (Ein Versprechen) (!Eine Behauptung) (!Eine Entschuldigung) (!Ein Gerichtsurteil)
Was meint Derrida mit Iterabilität? (Die Wiederholbarkeit und Zitierbarkeit von Zeichen) (!Die eindeutige Bindung jedes Zeichens an eine Absicht) (!Die vollständige Auflösung aller Konventionen) (!Die mathematische Messung von Wortbedeutungen)
Wie versteht Butler Gender-Performativität? (Als normgebundene Wiederholung, die Identität hervorbringt) (!Als frei gewähltes Kostüm ohne soziale Bedingungen) (!Als unveränderliche biologische Eigenschaft) (!Als rein sprachliche Theorie ohne Körperbezug)
Was kennzeichnet eine Deklaration? (Sie verändert unter institutionellen Bedingungen einen sozialen Status) (!Sie berichtet nur über ein privates Gefühl) (!Sie beschreibt ausschließlich ein Naturereignis) (!Sie erzeugt immer eine körperliche Reaktion)
Wann liegt ein performativer Widerspruch vor? (Wenn der Aussageinhalt den Voraussetzungen des eigenen Vollzugs widerspricht) (!Wenn zwei Personen verschiedene Meinungen vertreten) (!Wenn ein Satz mehrdeutig formuliert ist) (!Wenn eine Handlung unbeabsichtigte Folgen hat)
Warum können Normen nach Butler verändert werden? (Weil ihre Wiederholung Verschiebungen ermöglicht) (!Weil Normen niemals sozial wirksam sind) (!Weil jede Person völlig unabhängig von Regeln handelt) (!Weil Wiederholung immer identische Ergebnisse erzeugt)
Memory
| Lokution | Bedeutungsvolle Äußerung |
| Illokution | Handlung im Sagen |
| Perlokution | Wirkung beim Gegenüber |
| Gelingensbedingung | Voraussetzung erfolgreichen Vollzugs |
| Iterabilität | Wiederholbarkeit von Zeichen |
| Deklaration | Institutionelle Statusveränderung |
| Performativer Widerspruch | Konflikt zwischen Inhalt und Vollzug |
| Gender-Performativität | Normgebundene Identitätsbildung |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Sprechakttyp |
|---|---|
| Versprechen | Kommissiv |
| Aufforderung | Direktiv |
| Behauptung | Assertiv |
| Entschuldigung | Expressiv |
| Urteilsspruch | Deklaration |
Kreuzworträtsel
| Illokution | Wie heißt die Handlung, die im Sagen vollzogen wird? |
| Austin | Welcher Philosoph prägte die moderne Sprechakttheorie? |
| Derrida | Wer stellte die Wiederholbarkeit von Zeichen heraus? |
| Butler | Wer entwickelte die Theorie der Gender-Performativität? |
| Kontext | Was kann die Bedeutung eines Sprechakts mitbestimmen? |
| Zitation | Wie heißt die Wiederaufnahme einer Äußerung in neuer Umgebung? |
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Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Alltagssprache: Sammle zehn Äußerungen aus dem Alltag und markiere, welche davon eine Handlung vollziehen.
- Sprechaktanalyse: Erkläre an einem selbst gewählten Satz Lokution, Illokution und Perlokution.
- Begriffsbild: Gestalte ein Schaubild zu Konvention, Kontext, Autorität und Wirkung.
- Fehlgeschlagener Vollzug: Erfinde ein Beispiel für ein misslungenes Versprechen und benenne die fehlende Gelingensbedingung.
Standard
- Ritualanalyse: Untersuche eine schulische, religiöse, politische oder sportliche Zeremonie auf performative Elemente.
- Medienbeobachtung: Analysiere eine Nachricht, Anrede oder Moderationsentscheidung in sozialen Medien hinsichtlich ihrer sozialen Wirkung.
- Theorievergleich: Stelle Austins und Butlers Verständnis von Performativität in einer Vergleichstabelle gegenüber.
- Podcast: Produziere einen drei- bis fünfminütigen Audiobeitrag mit einem Alltagsbeispiel und einer philosophischen Deutung.
Schwer
- Argumentationskarte: Rekonstruiere die Spannung zwischen Austins Gelingensbedingungen und Derridas Iterabilität.
- Fallstudie: Analysiere, wie eine Diagnose, Note oder rechtliche Einstufung Wirklichkeit erzeugt und Macht verteilt.
- Normkritik: Untersuche eine Geschlechternorm, ohne Personen bloßzustellen, und entwickle Möglichkeiten ihrer Verschiebung.
- Forschungsprojekt: Entwirf eine kleine qualitative Untersuchung zu performativen Praktiken mit Fragestellung, Methode, Datenschutz und Auswertungskriterien.


Lernkontrolle
- Schulordnung: Eine Schulleitung erklärt eine neue Regel für verbindlich. Prüfe Autorität, Verfahren, Adressaten, mögliche Wirkungen und Gründe des Scheiterns.
- Versprechen: Zwei Personen verwenden denselben Satz, doch nur ein Versprechen gilt als glaubwürdig. Erkläre den Unterschied mit Gelingensbedingungen und sozialem Kontext.
- Performance und Performativität: Vergleiche eine Theaterrolle mit Butlers Gender-Performativität und begründe mindestens zwei Gemeinsamkeiten und zwei Unterschiede.
- Digitale Benennung: Analysiere, wie ein Label, Ranking oder Hashtag Sichtbarkeit und Verhalten erzeugen kann. Beziehe Illokution, Perlokution und Macht ein.
- Institutionelle Macht: Bewerte, wann eine Deklaration legitim ist und wann sie trotz formaler Gültigkeit kritisiert werden sollte.
- Theorietransfer: Entwickle Kriterien, mit denen sich performative Wirkungen in einem neuen Fall systematisch untersuchen lassen.
Lernnachweis
Für einen überzeugenden Lernnachweis zeigst Du:
- Fachbegriffe: sichere Verwendung von Performativität, Sprechakt, Illokution, Perlokution, Iterabilität und Norm.
- Theoriekenntnis: begründete Zuordnung von Austin, Searle, Derrida, Butler und Habermas.
- Analysekompetenz: genaue Untersuchung eines konkreten Vollzugs und seiner Bedingungen.
- Vergleichskompetenz: klare Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Spannungen zwischen Positionen.
- Urteilskompetenz: reflektierte Bewertung von Macht, Anerkennung, Ausschluss und Verantwortung.
- Transferleistung: Anwendung auf einen neuen Fall aus Alltag, Institution, Politik, Kunst oder digitaler Kommunikation.
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