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Kurt Landauer und der FC Bayern

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Kurt Landauer und der FC Bayern




Kurt Landauer und der FC Bayern


Einleitung

Kurt Landauer (1884–1961) gehört zu den prägenden Persönlichkeiten in der Geschichte des FC Bayern München. Er war Spieler, Vereinsfunktionär und in vier Amtsphasen Präsident des Vereins: 1913–1914, 1919–1921, 1922–1933 und 1947–1951. Unter seiner Führung gewann der FC Bayern 1932 erstmals die Deutsche Fußballmeisterschaft. Landauer steht zugleich für eine Geschichte, die weit über den Sport hinausführt: Als Jude wurde er nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten aus Amt und Beruf gedrängt, 1938 im KZ Dachau inhaftiert und 1939 zur Flucht in die Schweiz gezwungen. 1947 kehrte er nach München zurück und übernahm erneut Verantwortung für seinen Verein.

Dieser aiMOOC verbindet Sportgeschichte, Jüdische Geschichte, Nationalsozialismus, Exil, Nachkriegszeit und Erinnerungskultur. Du untersuchst, warum Landauer als Visionär des modernen Vereinsfußballs gilt, wie Ausgrenzung und Verfolgung sein Leben veränderten und welche Bedeutung seine Rückkehr für den FC Bayern hatte. Zugleich lernst Du, zwischen Vereinslegenden, Erinnerung und historisch gesicherten Quellen zu unterscheiden.

Die Gedenktafel vor der Allianz Arena erinnert heute an Kurt Landauer. Sie macht sichtbar, dass Fußballvereine nicht nur sportliche, sondern auch gesellschaftliche Geschichte haben.


Lernziele

Nach der Bearbeitung dieses aiMOOCs kannst Du Kurt Landauers Lebensweg in die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts einordnen. Du kannst erklären, wie seine Vorstellungen von Nachwuchsarbeit, internationalen Trainern und sportlicher Entwicklung den FC Bayern prägten. Du kannst die Folgen nationalsozialistischer Ausgrenzung für Landauer und andere jüdische Vereinsmitglieder beschreiben. Außerdem kannst Du die Rückkehr Landauers nach München als persönliche, politische und vereinsgeschichtliche Entscheidung beurteilen und Darstellungen der Vergangenheit kritisch auf ihre Quellenbasis prüfen.


Kurt Landauer: Herkunft, Jugend und Weg zum Fußball

Kurt Landauer wurde am 28. Juli 1884 in Planegg bei München in eine jüdische Kaufmannsfamilie geboren. Sein Vater Otto Landauer betrieb ein Geschäft für Damenmode in der Münchner Innenstadt. Kurt Landauer wuchs in einem bürgerlichen Umfeld auf, in dem jüdische Herkunft und Zugehörigkeit zur Münchner Gesellschaft miteinander verbunden waren.

1901 trat der 17-Jährige dem erst ein Jahr zuvor gegründeten FC Bayern bei und spielte zunächst als Torhüter in der zweiten Mannschaft. Bald verließ er München für eine Banklehre in Lausanne, die er später in Florenz fortsetzte. 1905 kehrte er nach München zurück. Seine Ausbildung und seine Erfahrungen außerhalb Bayerns passten zu einem Verein, der schon früh internationale Kontakte suchte und den Fußball als modernen, grenzüberschreitenden Sport verstand.

Landauers Biografie zeigt, dass der FC Bayern in seinen frühen Jahrzehnten von sehr unterschiedlichen Menschen geprägt wurde. Unter den frühen Mitgliedern und Funktionären waren auch mehrere Männer jüdischer Herkunft. Der Verein galt vor dem Ersten Weltkrieg als vergleichsweise offen für unterschiedliche Nationalitäten, Konfessionen und kulturelle Hintergründe.


Vier Amtsphasen als Präsident

Landauer wurde 1913 erstmals Präsident des FC Bayern. Der Erste Weltkrieg unterbrach diese erste Amtszeit. Landauer leistete Kriegsdienst für Deutschland. Nach Kriegsende übernahm er im Januar 1919 erneut die Vereinsführung. Nach einer Unterbrechung 1921/22 stand er von 1922 bis März 1933 wieder an der Spitze des Vereins. Nach Verfolgung und Exil folgte schließlich seine vierte Amtsphase von 1947 bis 1951.

Zeitraum Rolle und Bedeutung
1913–1914 Erste Amtszeit; der Krieg unterbricht die Vereinsarbeit.
1919–1921 Wiederaufbau nach dem Ersten Weltkrieg und Neuordnung des Vereins.
1922–1933 Sportliche Modernisierung, internationale Orientierung und erste Deutsche Meisterschaft 1932.
1947–1951 Rückkehr aus dem Exil, Wiederaufbau des Vereins und Einsatz für ein dauerhaftes Trainingsgelände.

Die vier Amtsphasen machen deutlich, dass Landauers Verhältnis zum FC Bayern nicht auf einen einzelnen sportlichen Erfolg reduziert werden kann. Seine Arbeit überspannte Kaiserreich, Weimarer Republik, nationalsozialistische Diktatur und frühe Bundesrepublik.


Landauer als Visionär des FC Bayern

Landauer verstand Vereinsführung nicht nur als Verwaltung. Er wollte Strukturen schaffen, die sportlichen Fortschritt ermöglichen. Besonders wichtig waren ihm Nachwuchsförderung, qualifizierte Trainer und der Blick über die Grenzen des deutschen Fußballs hinaus. Der FC Bayern verpflichtete unter seiner Präsidentschaft international erfahrene Trainer aus Großbritannien, Ungarn und Österreich. Dazu gehörten unter anderem William Townley, Kálmán Konrád und später Richard „Little Dombi“ Kohn.

In den 1920er Jahren war der deutsche Fußball offiziell noch vom Amateurprinzip geprägt. Gleichzeitig wuchsen Zuschauerzahlen, Einnahmen und Leistungsdruck. Landauer unterstützte eine stärkere sportliche Professionalisierung: Geld sollte nach seiner Vorstellung eher in Mannschaft, Ausbildung, Jugend und Trainer fließen als in Prestigeprojekte. Gerade diese Priorität war im Verein nicht immer unumstritten.

Auch internationale Freundschaftsspiele waren für Landauer Lerngelegenheiten. Begegnungen mit technisch starken Mannschaften aus Mitteleuropa sollten zeigen, welche taktischen und spielerischen Entwicklungen außerhalb Deutschlands stattfanden. Dadurch förderte er eine Spielkultur, die nicht allein auf Kraft, sondern auf Technik, Kombination und Lernen von anderen setzte.

Die Bezeichnung Visionär ist deshalb nicht nur ein Ehrenwort aus der Rückschau. Sie lässt sich an konkreten Entscheidungen festmachen: an der Verpflichtung internationaler Fachleute, an der Förderung junger Spieler, an der Bereitschaft zu sportlicher Modernisierung und an der langfristigen Entwicklung des Vereins.


Die erste Deutsche Meisterschaft 1932

Der sportliche Höhepunkt dieser Entwicklung war die Saison 1931/32. Trainer Richard Dombi führte die Mannschaft bis ins Endspiel um die Deutsche Meisterschaft. Am 12. Juni 1932 besiegte der FC Bayern in Nürnberg Eintracht Frankfurt mit 2:0. Es war die erste Deutsche Meisterschaft in der Vereinsgeschichte.

Der Titel war kein Erfolg Landauers allein. Er entstand aus dem Zusammenspiel von Spielern, Trainer, Vereinsorganisation, Nachwuchsarbeit und finanzieller Planung. Trotzdem war Landauers langfristige Strategie eine wichtige Voraussetzung dafür, dass der FC Bayern zu einem Spitzenverein werden konnte.

Der Erfolg von 1932 steht zugleich für eine historische Zäsur: Nur wenige Monate später zerstörte die nationalsozialistische Machtübernahme die Bedingungen, unter denen ein jüdischer Präsident wie Landauer den Verein hatte führen können.

Der Trailer zum Fernsehfilm Landauer – Der Präsident eignet sich als Einstieg in die Frage, wie historische Persönlichkeiten im Spielfilm dargestellt werden. Ein Spielfilm ist jedoch keine historische Quelle im gleichen Sinn wie ein Brief, eine Vereinsakte oder ein zeitgenössischer Zeitungsbericht. Prüfe daher immer, welche Szenen belegt und welche dramatisiert sind.


1933: Machtübertragung, Rücktritt und Ausgrenzung

Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. In den folgenden Wochen und Monaten wandelten die Nationalsozialisten Deutschland in eine Diktatur um. Für jüdische Menschen begann eine immer radikalere Entrechtung und Verfolgung.

Kurt Landauer legte am 22. März 1933 sein Präsidentenamt nieder. In der damaligen Clubzeitung wurde der Schritt so dargestellt, als handle er im Interesse des Vereins. Historisch ist jedoch klar, dass dieser Rücktritt unter dem Druck der neuen politischen Verhältnisse erfolgte und einer erzwungenen Absetzung zuvorkam. Wenig später verlor Landauer auch seine berufliche Stellung bei den Münchner Neuesten Nachrichten wegen seiner jüdischen Herkunft.

Auch der Fußball ordnete sich der Diktatur unter. Süddeutsche Fußballvereine, darunter der FC Bayern, unterstützten im April 1933 eine Erklärung, die den Ausschluss jüdischer Mitglieder propagierte. 1935 nahm der FC Bayern einen sogenannten „Arierparagraphen“ in seine Satzung auf. Damit wurde die rassistische Ausgrenzung formal Teil der Vereinsordnung.

Hier ist eine differenzierte Betrachtung wichtig: Der FC Bayern war während der NS-Zeit weder ein geschlossenes Zentrum des Widerstands noch einfach ein einheitlicher nationalsozialistischer Vorzeigeverein. Neuere historische Forschung zeigt Opfer, Mitläufer, Täter, Anpassung und begrenzte Handlungsspielräume innerhalb desselben Vereins. Gerade deshalb darf Landauers Geschichte nicht benutzt werden, um die Gesamtgeschichte des Clubs zu vereinfachen.


Der nationalsozialistische Begriff „Judenclub“

Der FC Bayern wurde von Nationalsozialisten und antisemitischen Gegnern als „Judenclub“ diffamiert. Der Ausdruck war keine neutrale Beschreibung, sondern ein antisemitisches Kampfwort. Er bezog sich auf die sichtbare Rolle jüdischer Mitglieder und Funktionäre und verband diese mit der nationalsozialistischen Ablehnung von Internationalität und Professionalisierung.

Wenn Du diesen Begriff in historischen Quellen findest, musst Du ihn deshalb als Teil der Sprache der Verfolger einordnen. Er sagt viel über antisemitische Zuschreibungen aus, aber er beweist nicht, dass der gesamte Verein geschlossen gegen den Nationalsozialismus stand.


Verfolgung und Haft im KZ Dachau

Nach 1933 verschärfte sich Landauers Lage schrittweise. Er verlor berufliche Sicherheit und musste unter immer schwierigeren Bedingungen arbeiten. 1935 fand er eine Stelle bei der jüdischen Wäschefirma Rosa Klauber. Auch dieses Unternehmen wurde später von der nationalsozialistischen „Arisierung“ getroffen.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 organisierten die Nationalsozialisten reichsweite Gewalt gegen jüdische Menschen, Synagogen, Wohnungen und Geschäfte. Im Anschluss an die Novemberpogrome wurden zehntausende jüdische Männer in Konzentrationslager verschleppt. Kurt Landauer wurde einen Tag nach dem Pogrom verhaftet und in das KZ Dachau gebracht. Dort erhielt er die Häftlingsnummer 20009 und blieb 33 Tage inhaftiert. Seine Freilassung hing unter anderem damit zusammen, dass er im Ersten Weltkrieg als deutscher Soldat gedient hatte.

Datei:Dachau Concentration Camp Memorial (5987292844).jpg

Das heutige Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau erinnert an Verfolgung, Haft, Gewalt und Mord. Für diesen aiMOOC ist wichtig: Landauers Haft war Teil einer systematischen nationalsozialistischen Politik, jüdische Menschen einzuschüchtern, zu berauben und aus Deutschland zu vertreiben. Die Novemberpogrome markierten eine massive Eskalation der Verfolgung.

Nach der Entlassung war Landauer nicht dauerhaft sicher. 1939 blieb als Schutz vor weiterer Verfolgung nur die Flucht.


Exil in der Schweiz

Am 17. Mai 1939 gelang Kurt Landauer die Einreise in die Schweiz. Er lebte anschließend in Genf. Die Schweiz bedeutete Rettung vor dem NS-Regime, aber das Exil war nicht gleichbedeutend mit einem freien und gesicherten Leben. Landauers Aufenthaltsgenehmigung war zunächst befristet, seine wirtschaftlichen Möglichkeiten waren stark eingeschränkt und eine dauerhafte Zukunft in der Schweiz war keineswegs selbstverständlich.

Unterstützung erhielt er von der Familie Klauber. Zugleich hielt er Kontakt zu Maria Baumann, die seit den späten 1920er Jahren zum Umfeld der Familie Landauer gehörte und später seine Frau wurde. Briefe zwischen Landauer und Baumann sind heute besonders wertvolle Quellen, weil sie nicht nur Vereinsgeschichte, sondern Einsamkeit, Zukunftsängste, Bindungen und persönliche Entscheidungen im Exil sichtbar machen.

Vier von Landauers Geschwistern wurden in der Schoah von den Nationalsozialisten ermordet. Damit war seine persönliche Familiengeschichte unmittelbar von der Vernichtungspolitik des Regimes betroffen.

In diesem Video des FC Bayern werden Briefe aus dem Austausch zwischen Kurt Landauer und Maria Baumann vorgestellt. Solche persönlichen Dokumente helfen Dir, historische Strukturen mit individuellen Erfahrungen zu verbinden. Gleichzeitig solltest Du auch bei Briefen beachten, wer wann an wen schrieb und welche Situation die Darstellung beeinflusste.


Eine umstrittene Episode von 1943

In vielen Erzählungen über Landauer spielt ein Freundschaftsspiel des FC Bayern in Zürich im November 1943 eine große Rolle. Danach sollen Bayern-Spieler ihren ehemaligen Präsidenten auf der Tribüne erkannt und demonstrativ gegrüßt haben. Diese Szene ist emotional stark und wurde in späteren Darstellungen häufig wiederholt.

Für historisches Arbeiten ist jedoch entscheidend: Die Anwesenheit Landauers bei diesem Spiel und die behauptete Begrüßung sind nicht durch gesicherte zeitgenössische Quellen eindeutig belegt. Der aktuelle Wikipedia-Artikel zu Kurt Landauer weist ausdrücklich auf diese Quellenlage hin. Deshalb sollte die Episode nicht als zweifelsfreie Tatsache erzählt werden.

An diesem Beispiel kannst Du den Unterschied zwischen Erinnerung, Legende, plausibler Erzählung und belegtem historischem Wissen untersuchen.


Briefe, Maria Baumann und die Entscheidung zur Rückkehr

Im Januar 1945 beendete Landauer in Genf einen mehr als siebzig Seiten langen Brief an Maria Baumann. Darin blickte er auf sein Leben und das Exil zurück und dachte bereits über eine Rückkehr nach München nach. Seine spätere Entscheidung hatte mehrere Gründe.

Landauer fühlte sich München weiterhin stark verbunden. Auch seine Beziehung zu Maria Baumann spielte eine zentrale Rolle. Zugleich bot ihm die Schweiz nach Kriegsende keine sichere dauerhafte Perspektive als Emigrant. Eine Weiterwanderung in die USA oder nach Palästina zog er nicht als bevorzugte Lösung in Betracht. Rückkehr bedeutete deshalb nicht einfach, dass „alles vergeben“ gewesen wäre. Sie war eine komplexe Entscheidung zwischen Bindung, Verlust, Alter, Zukunftsmöglichkeiten und dem Wunsch, wieder selbst handeln zu können.

Im Juni 1947 kam Kurt Landauer nach München zurück. Am 19. August 1947 wählten ihn die Mitglieder erneut zum Präsidenten des FC Bayern.


Rückkehr zum FC Bayern und Wiederaufbau

Die Stadt München war durch den Krieg schwer zerstört, und auch Sportvereine mussten sich organisatorisch und materiell neu aufbauen. Landauer brachte für den FC Bayern einen besonderen politischen Vorteil mit: Als Verfolgter des Nationalsozialismus galt er gegenüber den alliierten Behörden als unbelastet. Seine Präsidentschaft konnte damit auch Vertrauen schaffen.

Gleichzeitig war die Nachkriegsgeschichte nicht frei von Widersprüchen. Landauer und andere Vereinsverantwortliche gingen bei der Wiederaufnahme ehemaliger NSDAP-Mitglieder nicht grundsätzlich streng vor. Das zeigt, dass eine Biografie nicht in ein einfaches Schema von Held und Gegner passt. Landauer war Opfer nationalsozialistischer Verfolgung und eine zentrale Figur des demokratischen Wiederaufbaus seines Vereins; zugleich bewegte er sich in einer Nachkriegsgesellschaft, in der Entnazifizierung, persönliche Beziehungen und pragmatische Vereinsinteressen miteinander kollidierten.

Ein zentrales Projekt seiner letzten Amtszeit war die Suche nach einem dauerhaften Trainingsgelände. 1948 übertrug die Stadt dem Verein einen Teil der Sportflächen an der Säbener Straße. Landauer setzte sich energisch für diesen Standort ein. Aus diesen Anfängen entwickelte sich das bis heute mit dem FC Bayern verbundene Vereins- und Trainingsgelände.

Die Säbener Straße steht damit nicht nur für den modernen Profifußball des FC Bayern, sondern auch für den Wiederaufbau nach 1945 und für Landauers langfristiges Denken.


Das Ende der Präsidentschaft und die Bindung an den Verein

1951 wurde Landauer als Präsident abgewählt. Seine Verbindung zum FC Bayern endete damit nicht. 1955 leitete er eine Finanzkommission, die dem wirtschaftlich angeschlagenen Verein helfen sollte. Im selben Jahr heiratete er Maria Baumann.

Kurt Landauer starb am 21. Dezember 1961 in München im Alter von 77 Jahren. Er wurde auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in München beigesetzt.

Datei:Grabstätte von Kurt Landauer.jpg

Sein Lebensweg verbindet Erfolg und Verlust, Zugehörigkeit und Ausgrenzung, Flucht und Rückkehr. Gerade diese Spannungen erklären, warum Landauer heute nicht nur als Vereinspräsident, sondern als historische Persönlichkeit erinnert wird.


Erinnerungskultur: Vom Vergessen zum öffentlichen Gedenken

Über Jahrzehnte war Kurt Landauer in der breiten öffentlichen Darstellung der Vereinsgeschichte nur wenig präsent. Seit den 2000er Jahren trugen besonders Fans, Historiker, Museen und später auch der Verein selbst dazu bei, seine Geschichte stärker sichtbar zu machen. 2009 erinnerten Bayern-Fans mit einer großen Choreografie beziehungsweise einem Banner an Landauer. Diese fanseitige Beschäftigung gab der öffentlichen Wiederentdeckung zusätzlichen Schub.

Heute erinnern mehrere Orte und Projekte an ihn. Vor der Allianz Arena befindet sich eine Gedenktafel. 2015 wurde die Esplanade dort vereinsintern als Kurt-Landauer-Platz benannt. Seit 2019 steht auf dem Trainingsgelände an der Säbener Straße eine lebensgroße Statue. Auch die Kurt-Landauer-Stiftung aus dem Umfeld der Fans widmet sich der historischen Erinnerung.

Erinnerungskultur bedeutet aber mehr als Ehrung. Sie stellt Fragen: Warum wurde eine Person lange kaum erinnert? Wer beginnt später mit dem Gedenken? Welche Aspekte werden hervorgehoben? Welche Widersprüche geraten dabei vielleicht in den Hintergrund? Gerade Landauers Geschichte eignet sich, um zu untersuchen, wie Vereine ihre Vergangenheit erzählen und wie Fans, Wissenschaft und Institutionen diese Erzählung verändern.


Der FC Bayern und die Aufarbeitung der NS-Zeit

Der FC Bayern ließ seine Geschichte während des Nationalsozialismus unabhängig wissenschaftlich untersuchen. Die am Institut für Zeitgeschichte entstandene Studie von Gregor Hofmann zeigt, dass die Vereinsgeschichte nicht auf die Formel „Opferverein“ oder „Widerstandsverein“ verkürzt werden kann. Im Verein gab es Verfolgte, Mitläufer und Täter. Es gab Anpassung an die Diktatur, antisemitische Ausgrenzung und zugleich einzelne Beziehungen und Handlungsspielräume, die nicht vollständig in das NS-Schema passten.

Für Dich als Lernende oder Lernender folgt daraus eine wichtige Regel historischer Urteilsbildung: Eine beeindruckende Biografie wie die Landauers darf nicht zur Entlastung einer ganzen Institution benutzt werden. Umgekehrt macht die problematische Vereinsgeschichte die Bedeutung Landauers nicht kleiner. Historisches Lernen verlangt, beides gleichzeitig auszuhalten und auf Quellen zu beziehen.


Warum Kurt Landauer eine zentrale Persönlichkeit der Vereinsgeschichte ist

Landauers Bedeutung lässt sich in drei miteinander verbundenen Ebenen zusammenfassen. Erstens prägte er den FC Bayern sportlich und organisatorisch: internationale Trainer, Jugendförderung, Professionalisierung und der Meistertitel von 1932 stehen für seinen langfristigen Kurs. Zweitens verkörpert seine Verfolgung die Zerstörung jüdischer Teilhabe durch den Nationalsozialismus. Drittens steht seine Rückkehr für einen außergewöhnlichen Neubeginn: Nach Haft, Exil und der Ermordung von Familienangehörigen entschied er sich, nach München zurückzukehren und erneut Verantwortung zu übernehmen.

Deshalb ist Landauer weder nur „der Präsident von 1932“ noch nur „das Opfer des Nationalsozialismus“. Seine Biografie verbindet Vereinsgeschichte mit deutscher und jüdischer Geschichte. Sie zeigt, dass Fußball Teil der Gesellschaft ist und politische Entwicklungen bis in Umkleiden, Vorstände, Mitgliederversammlungen und Fankulturen hineinwirken.


Zeitleiste

Jahr Ereignis
1884 Geburt in Planegg bei München.
1901 Eintritt in den FC Bayern als aktiver Fußballer.
1913 Erste Wahl zum Präsidenten.
1914 Erster Weltkrieg beendet die erste Amtsphase.
1919 Rückkehr an die Vereinsspitze.
1932 Erste Deutsche Meisterschaft des FC Bayern.
22. März 1933 Rücktritt als Präsident unter dem Druck der nationalsozialistischen Verhältnisse.
November 1938 Verhaftung und 33 Tage Haft im KZ Dachau.
17. Mai 1939 Flucht in die Schweiz.
1947 Rückkehr nach München und erneute Wahl zum Präsidenten.
1948 Städtische Sportflächen an der Säbener Straße werden dem FC Bayern teilweise übertragen.
1951 Ende der letzten Präsidentschaft.
1955 Mitarbeit an der finanziellen Stabilisierung des Vereins und Heirat mit Maria Baumann.
1961 Tod in München.


Quellen und Vertiefung

Für eine vertiefte Beschäftigung solltest Du unterschiedliche Quellentypen miteinander vergleichen: biografische Forschung, Briefe, Vereinsquellen, wissenschaftliche Studien, museale Darstellungen und populäre Medien.

  1. Wikipedia: Kurt Landauer
  2. Jüdisches Museum München: Landauer, der Fußballer und Präsident bis 1933
  3. Jüdisches Museum München: Landauer, der als Jude Verfolgte
  4. Jüdisches Museum München: Landauer, der Rückkehrer
  5. Jüdisches Museum München: Kurt Landauer – Der Präsident des FC Bayern
  6. Deutsches Fußballmuseum: Kurt Landauer
  7. Historisches Lexikon Bayerns: FC Bayern München
  8. FC Bayern München: Kurt Landauer
  9. FC Bayern München: Forschungsprojekt zur NS-Geschichte
  10. Gregor Hofmann: Mitspieler der „Volksgemeinschaft“. Der FC Bayern und der Nationalsozialismus. Wallstein, Göttingen 2022.


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

In welchem Jahr gewann der FC Bayern unter Präsident Kurt Landauer erstmals die Deutsche Meisterschaft? (1932) (!1922) (!1947) (!1957)




Welche Funktion hatte Kurt Landauer beim FC Bayern über mehrere Amtsphasen? (Präsident) (!Bundestrainer) (!Stadionsprecher) (!Schiedsrichter)




Warum legte Landauer im März 1933 sein Präsidentenamt nieder? (Wegen des antisemitischen Drucks der nationalsozialistischen Verhältnisse) (!Wegen eines Abstiegs in die zweite Liga) (!Wegen eines Wechsels zu Eintracht Frankfurt) (!Wegen des Baus der Allianz Arena)




In welchem Konzentrationslager war Kurt Landauer 1938 inhaftiert? (Dachau) (!Buchenwald) (!Sachsenhausen) (!Ravensbrück)




In welches Land floh Kurt Landauer 1939? (Schweiz) (!Spanien) (!Schweden) (!Kanada)




Welche Stadt war Landauers Exilort in der Schweiz? (Genf) (!Bern) (!Basel) (!Luzern)




Was war ein Kennzeichen von Landauers sportlicher Strategie? (Internationale Trainer und Nachwuchsförderung) (!Verzicht auf Jugendmannschaften) (!Ablehnung ausländischer Gegner) (!Ausschließliche Investition in ein Großstadion)




Wann kehrte Kurt Landauer nach München zurück? (1947) (!1939) (!1943) (!1955)




Wofür setzte sich Landauer nach seiner Rückkehr besonders ein? (Für ein dauerhaftes Trainingsgelände an der Säbener Straße) (!Für den Abriss aller Trainingsplätze) (!Für die Auflösung des Vereins) (!Für einen Umzug des Clubs nach Berlin)




Wie sollte die häufig erzählte Zürich-Episode von 1943 historisch behandelt werden? (Als nicht eindeutig durch gesicherte Quellen belegte Erzählung) (!Als zweifelsfrei gefilmtes Ereignis) (!Als amtlich protokollierte Vereinsversammlung) (!Als Ereignis der Meisterschaft von 1932)





Memory

Kurt Landauer Langjähriger Präsident des FC Bayern
Richard Dombi Meistertrainer von 1932
Dachau Ort der KZ-Haft 1938
Genf Exilort in der Schweiz
Maria Baumann Spätere Ehefrau und Briefpartnerin
Säbener Straße Standort des langfristigen Vereinsgeländes
Novemberpogrome Eskalation antisemitischer Gewalt 1938
Erinnerungskultur Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Gedenken





Drag and Drop

Ordne die richtigen Begriffe zu. Bedeutung im Leben Kurt Landauers
Visionär Internationale Trainer, Nachwuchsförderung und sportliche Modernisierung
Meisterschaft Sportlicher Höhepunkt des Jahres 1932
Verfolgung Antisemitische Entrechtung, Berufsverlust und Haft
Exil Erzwungener Aufenthalt in der Schweiz
Rückkehr Neubeginn in München nach dem Zweiten Weltkrieg
Gedenken Spätere öffentliche Erinnerung durch Fans, Verein und Museen





Kreuzworträtsel

Planegg In welchem Ort bei München wurde Kurt Landauer geboren?
Torwart Auf welcher Position spielte Landauer als junger Fußballer?
Dachau In welchem Konzentrationslager war Landauer 1938 inhaftiert?
Schweiz In welches Land floh Landauer 1939?
Genf In welcher Stadt lebte Landauer im Exil?
Präsident Welche zentrale Vereinsfunktion übte Landauer mehrfach aus?





LearningApps


Lückentext

Vervollständige den Text.
Kurt Landauer trat im Jahr 1901 dem

bei.
Seine erste Amtszeit als Präsident begann

.
Den ersten deutschen Meistertitel der Vereinsgeschichte gewann Bayern

.
Im März 1933 trat Landauer unter dem Druck des

zurück.
Nach den Novemberpogromen wurde er im Konzentrationslager

inhaftiert.
Im Mai 1939 floh Landauer in die

.
Sein Exil verbrachte er vor allem in

.
Im Juni 1947 kehrte Landauer nach

zurück.
Nach seiner Rückkehr setzte er sich für das Trainingsgelände an der

ein.
Heute ist Landauers Biografie ein wichtiger Teil der vereinseigenen

.




Offene Aufgaben


Leicht

  1. Zeitleiste: Gestalte eine illustrierte Zeitleiste mit mindestens acht Stationen aus Kurt Landauers Leben und markiere sportliche, politische und persönliche Wendepunkte unterschiedlich.
  2. Biografie: Schreibe ein Kurzporträt Landauers aus der Perspektive einer Schülerin oder eines Schülers, die oder der erklären möchte, warum Fußballgeschichte politische Geschichte sein kann.
  3. Quellenkritik: Vergleiche die Darstellung Landauers auf Wikipedia mit der Biografie des Jüdischen Museums München und notiere drei Gemeinsamkeiten sowie zwei Unterschiede.
  4. Erinnerungskultur: Untersuche die Gedenktafel, den Kurt-Landauer-Platz oder den Kurt-Landauer-Weg anhand von Fotos und formuliere, welche Botschaft der jeweilige Erinnerungsort vermittelt.


Standard

  1. Sportgeschichte: Erstelle ein Schaubild zu Landauers Modernisierungsstrategie mit den Bereichen Trainer, Nachwuchs, internationale Kontakte und Vereinsorganisation.
  2. Nationalsozialismus: Erkläre an Landauers Biografie, wie politische Verfolgung schrittweise von gesellschaftlicher Ausgrenzung über Berufsverlust bis zu Haft und Flucht eskalieren konnte.
  3. Exil: Verfasse auf Grundlage der Forschung zum Genfer Exil einen fiktiven, aber historisch belegten Tagebucheintrag Landauers. Kennzeichne anschließend, welche Aussagen belegt und welche literarisch ergänzt sind.
  4. Interview: Entwickle zehn Fragen für ein Interview mit einer Historikerin, einem Historiker, einem Fanprojekt oder einer Gedenkstättenpädagogin über Fußball und Erinnerungskultur.


Schwer

  1. Geschichtskultur: Analysiere den Fernsehfilm Landauer – Der Präsident oder seinen Trailer als Beispiel für Geschichtsvermittlung. Unterscheide historische Fakten, dramaturgische Verdichtung und mögliche Fiktion.
  2. Vereinsgeschichte: Recherchiere die unabhängige Studie zur NS-Geschichte des FC Bayern und verfasse eine Argumentation darüber, warum Begriffe wie „Opferverein“ oder „Widerstandsverein“ zu kurz greifen.
  3. Oral History: Plane ein Interviewprojekt mit älteren Fußballfans zur Frage, wann und wie sie erstmals von Kurt Landauer gehört haben. Entwickle Einverständniserklärung, Fragen und Auswertungskriterien.
  4. Digitale Ausstellung: Entwirf eine digitale Ausstellung mit fünf Stationen zu Landauer als Präsident, Visionär, Verfolgtem, Exiliertem und Rückkehrer. Jede Station soll mindestens eine Quelle, eine Leitfrage und eine eigene historische Einordnung enthalten.




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Lernkontrolle

  1. Historisches Urteil: Beurteile die Aussage „Kurt Landauer machte den FC Bayern zu einem modernen Verein“. Verwende mindestens drei konkrete Entscheidungen aus seiner Präsidentschaft und benenne auch Grenzen dieser Aussage.
  2. Kontinuität und Bruch: Vergleiche Landauers Präsidentschaft vor 1933 mit seiner Amtszeit nach 1947. Welche Ziele blieben ähnlich, welche Rahmenbedingungen hatten sich grundlegend verändert?
  3. Politik und Sport: Erkläre am Beispiel des FC Bayern, warum ein Sportverein nicht als unpolitischer Raum verstanden werden kann. Beziehe Vereinsstrukturen, Mitgliedschaft und staatliche Eingriffe ein.
  4. Quellenbewertung: Entwickle Kriterien, mit denen Du prüfen kannst, ob die Zürich-Episode von 1943 historisch gesichert ist. Welche Arten von Quellen wären besonders aussagekräftig?
  5. Erinnerung und Verantwortung: Diskutiere, ob ein heutiger Fußballverein Verantwortung für die Aufarbeitung seiner Geschichte während einer Diktatur trägt. Begründe Deine Position mit Landauers Biografie und der Vereinsgeschichte.
  6. Transfer: Wähle einen anderen Sportverein oder Verband und entwickle einen Forschungsplan, mit dem dessen Umgang mit Ausgrenzung, Diktatur oder Erinnerung untersucht werden könnte.




Lernnachweis

Für einen Lernnachweis zu diesem Thema ist wichtig, dass Du nicht nur Daten reproduzierst, sondern Zusammenhänge erklären und Quellen beurteilen kannst.

  1. Du kannst die vier Amtsphasen Kurt Landauers zeitlich einordnen und ihre jeweilige Bedeutung erklären.
  2. Du kannst Landauers Rolle bei Modernisierung, Nachwuchsförderung und internationaler Ausrichtung des FC Bayern begründen.
  3. Du kannst den Meistertitel von 1932 als Ergebnis einer längerfristigen Vereinsentwicklung einordnen.
  4. Du kannst erklären, wie nationalsozialistische Ausgrenzung Landauers Amt, Beruf, Freiheit und Lebensort veränderte.
  5. Du kannst die Bedeutung von KZ-Haft, Exil und der Ermordung von Familienangehörigen für seine Biografie benennen, ohne seine Geschichte auf die Opferrolle zu reduzieren.
  6. Du kannst Motive und Rahmenbedingungen seiner Rückkehr 1947 differenziert darstellen.
  7. Du kannst den Wiederaufbau des FC Bayern und die Rolle der Säbener Straße mit Landauers letzter Amtszeit verbinden.
  8. Du kannst zwischen gesicherter Quelle, späterer Erinnerung, Legende und fiktionaler Darstellung unterscheiden.
  9. Du kannst die Erinnerung an Landauer in den größeren Zusammenhang der Aufarbeitung der NS-Geschichte des FC Bayern einordnen.




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