Klassische Konditionierung - Psychologie


Klassische Konditionierung - Psychologie
Klassische Konditionierung - Psychologie
Einleitung
Die Klassische Konditionierung ist eine Form des assoziativen Lernens. Ein zunächst neutraler Reiz wird zum Signal für einen biologisch bedeutsamen Reiz und kann anschließend eine gelernte Reaktion auslösen. Das Grundprinzip wurde durch die Forschung des Physiologen Iwan Petrowitsch Pawlow bekannt und gehört zu den Grundlagen der Lernpsychologie und des Behaviorismus.
Du lernst, Reize und Reaktionen korrekt zu unterscheiden, Lernverläufe zu erklären, Anwendungen kritisch zu beurteilen und klassische von operanter Konditionierung abzugrenzen.

Das Grundmodell
Vor der Konditionierung löst ein unkonditionierter Stimulus ohne vorheriges Lernen eine unkonditionierte Reaktion aus. Ein neutraler Stimulus ruft diese Zielreaktion zunächst nicht zuverlässig hervor. Durch wiederholte, vorhersagbare Kopplung wird der neutrale Stimulus zum konditionierten Stimulus. Er kann nun eine konditionierte Reaktion auslösen.
| Kürzel | Fachbegriff | Beispiel |
|---|---|---|
| US | Unkonditionierter Stimulus | Futter |
| UR | Unkonditionierte Reaktion | Speichelfluss auf Futter |
| NS | Neutraler Stimulus | Ton vor dem Lernen |
| CS | Konditionierter Stimulus | Ton nach dem Lernen |
| CR | Konditionierte Reaktion | Speichelfluss auf den Ton |

Schema:
- Vor dem Lernen: US → UR
- Vor dem Lernen: NS → keine relevante Zielreaktion
- Während des Lernens: NS + US → UR
- Nach dem Lernen: CS → CR
Die häufig erzählte Glocke ist eine didaktische Vereinfachung. In der Forschung wurden unterschiedliche akustische und visuelle Signale eingesetzt.
Pawlows Forschung
Pawlow untersuchte ursprünglich die Verdauung und die Speichelsekretion von Hunden. Dabei beobachtete er, dass Signale, die Futter zuverlässig ankündigten, selbst Speichelfluss auslösen konnten. Sein Nobelpreis von 1904 bezog sich auf Arbeiten zur Physiologie der Verdauung, nicht auf die Konditionierung allein.


Erwerb und Veränderung gelernter Reaktionen
- Akquisition: Die CS-US-Verknüpfung wird aufgebaut. Die CR tritt zunehmend häufiger oder stärker auf.
- Kontiguität: CS und US liegen zeitlich nah beieinander.
- Kontingenz: Der CS sagt den US zuverlässig voraus. Bloße zeitliche Nähe genügt nicht immer.
- Extinktion: Der CS wird wiederholt ohne US dargeboten; die CR nimmt ab.
- Spontanerholung: Nach einer Pause kann eine bereits abgeschwächte CR erneut auftreten.
- Erneuerungseffekt: Eine Reaktion kann in einem anderen Kontext zurückkehren.
- Wiederinkraftsetzung: Ein erneutes Auftreten des US kann die CR wieder begünstigen.
Extinktion bedeutet meist nicht vollständiges Löschen. Es entsteht zusätzliches Lernen: Der CS kündigt in einem bestimmten Kontext den US nicht mehr an.
Generalisierung und Diskrimination
Bei der Reizgeneralisierung lösen Reize, die dem CS ähneln, ebenfalls eine CR aus. Bei der Diskrimination lernt der Organismus, zwischen ähnlichen Reizen zu unterscheiden. Beide Prozesse ermöglichen flexible Anpassung: Generalisierung überträgt Gelerntes, Diskrimination begrenzt es.
Bei der Konditionierung höherer Ordnung kann ein bereits gelernter CS einen weiteren neutralen Reiz zum Signal machen. Bei der latenten Hemmung wird ein lange bedeutungsloser Reiz später schwerer zum CS.
Moderne Erklärung: Vorhersage statt bloßer Kopplung
Moderne Lernmodelle betonen, dass Organismen Erwartungen über Ereignisse bilden. Entscheidend ist der Vorhersagefehler: Lernen ist besonders stark, wenn der US überraschend ist. Das Rescorla-Wagner-Modell beschreibt, wie sich die Assoziationsstärke durch solche Abweichungen verändert.
Das Phänomen der Blockierung zeigt dies: Sagt ein bekannter CS den US bereits zuverlässig voraus, wird über einen gleichzeitig hinzugefügten neuen Reiz oft wenig gelernt.
Biologische Grenzen
Nicht jede Reizkombination wird gleich leicht gelernt. Preparedness bezeichnet eine biologische Bereitschaft, bestimmte Verknüpfungen besonders schnell zu erwerben. Ein Beispiel ist die Geschmacksaversion: Ein Geschmack kann noch nach längerer Verzögerung mit Übelkeit verbunden werden. Das widerspricht einer rein mechanischen Vorstellung vom Lernen.
Anwendungen
- Expositionstherapie: Ein angstauslösender CS wird unter sicheren Bedingungen wiederholt erlebt, ohne dass die erwartete Gefahr eintritt.
- Gegenkonditionierung: Ein CS wird mit einer neuen, unvereinbaren Reaktion gekoppelt.
- Systematische Desensibilisierung: Entspannung und schrittweise Annäherung werden verbunden.
- Werbepsychologie: Produkte werden mit positiven Reizen gekoppelt; die Wirkung ist jedoch von Aufmerksamkeit, Vorerfahrung und Kontext abhängig.
- Alltag: Gerüche, Musik oder Orte können emotionale Reaktionen auslösen, wenn sie mit bedeutsamen Erfahrungen verbunden waren.
Psychotherapeutische Verfahren gehören in fachkundige Hände. Die Grundbegriffe erklären Lernmechanismen, ersetzen aber keine Diagnose oder Behandlung.
Klassische und operante Konditionierung
| Merkmal | Klassische Konditionierung | Operante Konditionierung |
|---|---|---|
| Gelernt wird | Beziehung zwischen Reizen | Beziehung zwischen Verhalten und Konsequenz |
| Verhalten | meist ausgelöst oder reflexnah | zunächst spontan gezeigt |
| Zentrale Frage | Was kündigt ein Ereignis an? | Welche Folge hat mein Verhalten? |
| Beispiel | Ton kündigt Futter an | Verhalten wird durch Erfolg wahrscheinlicher |
Forschungsethik: Der Fall Little Albert
John B. Watson und Rosalie Rayner versuchten 1920, bei einem Kleinkind eine Angstreaktion zu konditionieren. Der Versuch gilt heute als ethisch hochproblematisch: Das Kind konnte nicht selbst einwilligen, wurde Belastungen ausgesetzt und eine zuverlässige Aufhebung der Angst wurde nicht dokumentiert. Historische Studien müssen deshalb nicht nur methodisch, sondern auch nach heutigen Regeln der Forschungsethik bewertet werden.
Datei:Little Albert experiment (1920).webm
Wichtig: Belastende Konditionierungsversuche mit Menschen oder Tieren sind keine geeigneten Schulprojekte.
Merksatz
Klassische Konditionierung ist Lernen über Vorhersagen: Ein Reiz gewinnt Signalwert, weil er ein bedeutsames Ereignis ankündigt.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Welcher Reiz löst ohne vorheriges Lernen eine unkonditionierte Reaktion aus? (Unkonditionierter Stimulus) (!Neutraler Stimulus) (!Konditionierter Stimulus) (!Diskriminationsreiz)
Wie heißt ein zunächst neutraler Reiz nach erfolgreicher Konditionierung? (Konditionierter Stimulus) (!Unkonditionierte Reaktion) (!Neutraler Reflex) (!Operanter Verstärker)
Was geschieht bei der Extinktion? (Der konditionierte Stimulus erscheint wiederholt ohne unkonditionierten Stimulus) (!Der unkonditionierte Stimulus wird stärker) (!Die Reaktion wird angeboren) (!Der neutrale Stimulus wird bestraft)
Was bezeichnet Spontanerholung? (Das erneute Auftreten einer abgeschwächten konditionierten Reaktion nach einer Pause) (!Das sofortige Lernen beim ersten Durchgang) (!Das Übertragen einer Reaktion auf ähnliche Reize) (!Das bewusste Unterdrücken eines Reflexes)
Was ist Reizgeneralisierung? (Ähnliche Reize lösen ebenfalls die konditionierte Reaktion aus) (!Nur ein ganz bestimmter Reiz löst die Reaktion aus) (!Ein Verhalten wird belohnt) (!Ein Reiz verliert dauerhaft jede Bedeutung)
Was ist Reizdiskrimination? (Ähnliche Reize werden hinsichtlich ihrer Signalwirkung unterschieden) (!Alle Reize werden gleich behandelt) (!Eine Reaktion tritt ohne Reiz auf) (!Eine Konsequenz verstärkt ein Verhalten)
Welche Aussage zur Kontingenz ist richtig? (Der konditionierte Stimulus sagt den unkonditionierten Stimulus zuverlässig voraus) (!Beide Reize müssen dieselbe Farbe haben) (!Der unkonditionierte Stimulus muss immer zuerst erscheinen) (!Die Reaktion muss bewusst geplant werden)
Was betont das Rescorla-Wagner-Modell? (Lernen verändert sich durch Vorhersagefehler) (!Lernen entsteht nur durch Belohnung) (!Jede Reizkopplung wird gleich schnell gelernt) (!Extinktion ist vollständiges Vergessen)
Wodurch unterscheidet sich operante von klassischer Konditionierung? (Operante Konditionierung verknüpft Verhalten mit seinen Konsequenzen) (!Operante Konditionierung betrifft nur Reflexe) (!Klassische Konditionierung benötigt immer eine Belohnung) (!Klassische Konditionierung ist ausschließlich bewusst)
Welche Anwendung beruht auf sicherer Begegnung mit einem angstauslösenden Reiz ohne erwartete Gefahr? (Exposition) (!Bestrafung) (!Modelllernen) (!Prägung)
Memory
| Unkonditionierter Stimulus | biologisch wirksamer Reiz |
| Neutraler Stimulus | zunächst ohne relevante Zielreaktion |
| Konditionierter Stimulus | erlerntes Signal |
| Extinktion | Darbietung des CS ohne US |
| Generalisierung | Übertragung auf ähnliche Reize |
| Diskrimination | Unterscheidung ähnlicher Signale |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Bedeutung |
|---|---|
| Akquisition | Aufbau der CS-US-Verknüpfung |
| Extinktion | Abschwächung der CR durch CS ohne US |
| Spontanerholung | Rückkehr der CR nach einer Pause |
| Kontingenz | Vorhersagebeziehung zwischen CS und US |
| Preparedness | biologische Bereitschaft für bestimmte Verknüpfungen |
Kreuzworträtsel
| Akquisition | Wie heißt die Lernphase, in der eine CS-US-Verknüpfung aufgebaut wird? |
| Extinktion | Wie heißt die Abschwächung der CR durch wiederholten CS ohne US? |
| Kontingenz | Wie heißt die Vorhersagebeziehung zwischen zwei Reizen? |
| Generalisierung | Wie heißt die Übertragung einer Reaktion auf ähnliche Reize? |
| Diskrimination | Wie heißt das Lernen, ähnliche Reize zu unterscheiden? |
| Spontanerholung | Wie heißt die Rückkehr einer abgeschwächten Reaktion nach einer Pause? |
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Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Begriffsnetz: Gestalte ein übersichtliches Begriffsnetz zu NS, US, UR, CS und CR.
- Alltagsbeispiel: Beschreibe eine mögliche klassische Konditionierung aus dem Alltag und ordne alle fünf Grundbegriffe zu.
- Bildanalyse: Erkläre das Schema des Pawlowschen Hundes in höchstens 120 Wörtern.
- Fehlerdiagnose: Formuliere drei typische Verwechslungen der Fachbegriffe und korrigiere sie.
Standard
- Fallanalyse: Analysiere eine gelernte Prüfungsangst mit Akquisition, Generalisierung, Extinktion und Spontanerholung.
- Vergleich: Erstelle eine Tabelle mit mindestens fünf Unterschieden zwischen klassischer und operanter Konditionierung.
- Medienanalyse: Untersuche einen Werbespot darauf, welche Reize emotional gekoppelt werden und wo alternative Erklärungen möglich sind.
- Erklärvideo: Produziere ein zweiminütiges Video, das Kontiguität und Kontingenz voneinander abgrenzt.
Schwer
- Versuchsplanung: Entwirf eine ethisch unbedenkliche Computersimulation zur Reizdiskrimination mit Hypothese, Variablen und erwarteten Ergebnissen.
- Modellkritik: Erkläre Blockierung mit dem Vorhersagefehler und prüfe, was das einfache Reiz-Reaktions-Schema dabei übersieht.
- Forschungsethik: Bewerte das Little-Albert-Experiment anhand heutiger Grundsätze zu Einwilligung, Belastung, Schutz und Nachsorge.
- Transferprojekt: Entwickle ein wissenschaftlich begründetes Konzept, wie sichere Lernerfahrungen eine erworbene Angst abschwächen könnten, ohne eine Therapie selbst durchzuführen.


Lernkontrolle
- Fallrekonstruktion: Eine Schülerin bekommt nach mehreren unangenehmen Referaten bereits beim Betreten des Klassenraums Herzklopfen. Ordne mögliche Reize und Reaktionen zu und erkläre die Entstehung.
- Kontextwechsel: Begründe, weshalb eine gelöschte Angst in einer neuen Umgebung wieder auftreten kann, und leite eine praktische Konsequenz für Expositionslernen ab.
- Vorhersagefehler: Erkläre, warum ein überraschender US oft stärkeres Lernen bewirkt als ein vollständig erwarteter US.
- Abgrenzungsproblem: Entscheide bei drei selbst gewählten Alltagssituationen, ob klassische Konditionierung, operante Konditionierung oder beides beteiligt ist, und begründe.
- Generalisierungsgradient: Entwickle eine Hypothese dazu, wie die Reaktionsstärke mit zunehmender Unähnlichkeit zum CS abnimmt.
- Ethische Bewertung: Formuliere Kriterien für eine verantwortbare Demonstration von Lernprozessen im Unterricht.
Lernnachweis
Für einen Lernnachweis solltest Du zeigen, dass Du:
- NS, US, UR, CS und CR in neuen Fällen korrekt zuordnen kannst.
- Akquisition, Extinktion, Spontanerholung, Generalisierung und Diskrimination erklären kannst.
- Kontiguität von Kontingenz unterscheidest.
- Vorhersagefehler, Blockierung und Preparedness auf Beispiele überträgst.
- klassische und operante Konditionierung begründet abgrenzt.
- Anwendungen fachlich und ethisch kritisch beurteilst.
- ein eigenes, ethisch unbedenkliches Untersuchungsdesign entwickelst.
OERs zum Thema
- Wikimedia Commons: Schema des Pawlowschen Hundes
- Wikimedia Commons: Porträt von Iwan Pawlow
- Nobel Prize: Biografie von Iwan Pawlow
Verknüpfte Lernbereiche
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