Interviews vorbereiten und auswerten - aiMOOC


Interviews vorbereiten und auswerten - aiMOOC
Interviews vorbereiten und auswerten
Einleitung
Ein Interview ist ein gezielt vorbereitetes Gespräch, in dem eine Person Fragen stellt und eine andere Person ihre Erfahrungen, Meinungen, Erlebnisse oder ihr Wissen darstellt. Interviews werden in der Schule, in der journalistischen Arbeit, in der Berufsorientierung, in der Geschichte, in der Sozialwissenschaft, in der Marktforschung und in vielen Studiengängen eingesetzt. Du kannst mit Interviews herausfinden, wie Menschen über ein Thema denken, warum sie etwas tun, welche Erfahrungen sie gemacht haben oder wie sie eine Situation bewerten.
Beim Thema Interviews vorbereiten und auswerten lernst Du den gesamten Arbeitsprozess kennen: von der ersten Idee über die Entwicklung eines Interviewleitfadens, die Gesprächsführung, die Aufnahme und Transkription bis zur systematischen Auswertung der Antworten. Besonders wichtig ist dabei, dass Du nicht einfach „irgendwelche Fragen“ stellst, sondern Deine Fragen aus einer klaren Fragestellung ableitest. Ebenso wichtig ist, dass Du die Aussagen der befragten Personen fair, nachvollziehbar und verantwortungsvoll auswertest.
Interviews sind dann besonders wertvoll, wenn sie gut vorbereitet sind. Eine gute Vorbereitung hilft Dir, im Gespräch ruhig zu bleiben, sinnvolle Nachfragen zu stellen, technische Probleme zu vermeiden und die Rechte der interviewten Person zu achten. Eine gute Auswertung hilft Dir, aus vielen einzelnen Aussagen begründete Ergebnisse zu entwickeln. Dabei unterscheidest Du zwischen wörtlichen Aussagen, eigenen Deutungen und allgemeinen Schlussfolgerungen.
Lernziele
Nach diesem aiMOOC kannst Du erklären, wozu Interviews eingesetzt werden und welche Interviewformen es gibt. Du kannst eine passende Forschungsfrage formulieren, einen Interviewleitfaden entwickeln, offene und geschlossene Fragen unterscheiden, ein Interview respektvoll durchführen, ein Gespräch dokumentieren, ein Transkript erstellen, Aussagen codieren, Kategorien bilden und Ergebnisse verständlich präsentieren. Außerdem kannst Du einschätzen, warum Datenschutz, Einwilligung, Anonymisierung und Reflexion für Interviews besonders wichtig sind.
Grundbegriffe
Ein Interview ist ein geplantes Gespräch mit einer bestimmten Zielsetzung. Die Person, die Fragen stellt, heißt Interviewende Person. Die Person, die antwortet, heißt Interviewpartnerin oder Interviewpartner. Die Leitfrage oder Forschungsfrage beschreibt, was Du herausfinden möchtest. Der Interviewleitfaden enthält Themen, Hauptfragen und mögliche Nachfragen. Das Transkript ist die verschriftlichte Form des Gesprächs. Die Codierung markiert wichtige Textstellen mit Begriffen oder Kürzeln. Eine Kategorie fasst mehrere passende Codes zu einem größeren Sinnbereich zusammen.
Warum Interviews?
Interviews eignen sich besonders, wenn Du Einsichten in Erfahrungen, Sichtweisen, Begründungen und persönliche Einschätzungen gewinnen möchtest. Während ein Fragebogen oft viele Menschen mit gleichen Antwortmöglichkeiten befragt, kann ein Interview tiefere und ausführlichere Antworten ermöglichen. Die interviewte Person kann eigene Beispiele nennen, Zusammenhänge erklären und neue Aspekte einbringen, an die Du vorher vielleicht noch nicht gedacht hast.
Ein Interview ist aber kein neutrales Abbild der Wirklichkeit. Es entsteht in einer Gesprächssituation. Deine Fragen, Deine Körpersprache, Deine Nachfragen, der Ort, die Beziehung zwischen den Beteiligten und die Aufnahmesituation können beeinflussen, was gesagt wird. Deshalb gehört zur professionellen Interviewarbeit immer auch die Reflexion der eigenen Rolle.
Interviewformen
Es gibt verschiedene Formen von Interviews. Die passende Form hängt davon ab, was Du untersuchen möchtest.
| Interviewform | Beschreibung | Geeignet für |
|---|---|---|
| Strukturiertes Interview | Alle Fragen sind festgelegt und werden in gleicher Reihenfolge gestellt. | Vergleichbare Antworten mehrerer Personen |
| Halbstrukturiertes Interview | Es gibt einen Leitfaden, aber Nachfragen und Reihenfolge können flexibel angepasst werden. | Schulprojekte, qualitative Forschung, Berufserkundungen |
| Narratives Interview | Eine offene Erzählaufforderung steht im Zentrum; die interviewte Person erzählt ausführlich. | Biografische Themen, Zeitzeugenberichte, persönliche Erfahrungen |
| Expertinnen- und Experteninterview | Befragt wird eine Person mit besonderem Fachwissen oder Berufserfahrung. | Berufsfelder, Fachthemen, Projektrecherchen |
| Gruppeninterview | Mehrere Personen werden gemeinsam befragt. | Meinungsbilder, Erfahrungen in Gruppen, Diskussionen |
Von der Idee zur Forschungsfrage
Am Anfang steht ein Thema. Ein Thema allein ist aber noch keine gute Interviewgrundlage. Aus dem Thema musst Du eine klare Forschungsfrage entwickeln. Eine gute Forschungsfrage ist offen, verständlich, untersuchbar und nicht zu groß. Sie fragt nicht nur nach Fakten, sondern nach Erfahrungen, Begründungen, Einschätzungen oder Zusammenhängen.
| Zu allgemein | Besser als Forschungsfrage |
|---|---|
| Schule und Stress | Wie erleben Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 9 Leistungsdruck vor Klassenarbeiten? |
| Mediennutzung | Welche Rolle spielt das Smartphone bei der Organisation des Schulalltags? |
| Berufswahl | Welche Erfahrungen machen Auszubildende beim Übergang von der Schule in den Beruf? |
| Nachhaltigkeit | Wie begründen Jugendliche ihre Entscheidungen beim Kauf von Kleidung? |
Eine gute Forschungsfrage hilft Dir später bei der Auswahl der Interviewpartnerinnen und Interviewpartner, bei der Formulierung der Fragen und bei der Auswertung. Du kannst jede Interviewfrage prüfen, indem Du Dich fragst: Hilft diese Frage wirklich, meine Forschungsfrage zu beantworten?
Interviewpartnerinnen und Interviewpartner auswählen
Die Auswahl der Personen nennt man in der Forschung Sampling. Für ein Schulprojekt brauchst Du meist keine große Anzahl von Interviews. Wichtiger ist, dass die Personen gut zu Deiner Fragestellung passen. Wenn Du zum Beispiel den Übergang in eine Ausbildung untersuchen möchtest, solltest Du Personen befragen, die diesen Übergang erlebt haben. Wenn Du ein Expertinnen- oder Experteninterview planst, brauchst Du eine Person mit fachlichem Wissen oder beruflicher Erfahrung.
Achte darauf, dass die Auswahl fair und nachvollziehbar ist. Erkläre später, warum Du genau diese Personen befragt hast. Wenn Du nur Menschen aus Deinem Freundeskreis interviewst, kann das praktisch sein, aber die Ergebnisse können einseitig werden. Wenn ein Thema sehr persönlich ist, brauchst Du besonders viel Sensibilität.
Ethik, Einwilligung und Datenschutz
Interviews betreffen echte Menschen. Deshalb ist ein verantwortungsvoller Umgang mit Daten entscheidend. Vor dem Interview muss die Person wissen, worum es geht, wie lange das Gespräch ungefähr dauert, ob es aufgenommen wird, wofür die Antworten genutzt werden und ob der Name genannt oder anonymisiert wird. Niemand darf zu einem Interview gedrängt werden. Eine Teilnahme muss freiwillig sein.
Bei schulischen Projekten solltest Du besonders vorsichtig sein, wenn Minderjährige beteiligt sind, sensible Themen angesprochen werden oder Ton- und Videoaufnahmen geplant sind. Kläre dann mit Deiner Lehrkraft, ob eine schriftliche Einwilligung nötig ist. Nutze nur Daten, die Du wirklich brauchst. Bewahre Aufnahmen sicher auf und lösche sie, wenn sie nicht mehr benötigt werden. Anonymisierung bedeutet, Namen und erkennbare Angaben so zu verändern oder wegzulassen, dass Personen nicht ohne Weiteres identifiziert werden können.
Den Interviewleitfaden entwickeln
Der Interviewleitfaden ist Dein Gesprächsplan. Er gibt Sicherheit, verhindert aber nicht, dass ein echtes Gespräch entsteht. Ein guter Leitfaden enthält eine kurze Begrüßung, eine Erklärung des Projekts, eine Einwilligungsfrage, einfache Einstiegsfragen, zentrale Hauptfragen, passende Nachfragen und eine Abschlussfrage.
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Ein Leitfaden sollte nicht wie ein Test wirken. Die Fragen müssen offen formuliert sein, damit die interviewte Person erzählen kann. Vermeide Fragen, die nur mit „ja“ oder „nein“ beantwortet werden können, wenn Du ausführliche Aussagen brauchst. Vermeide außerdem Suggestivfragen, also Fragen, die eine bestimmte Antwort nahelegen.
| Weniger geeignet | Besser | Warum? |
|---|---|---|
| Findest Du nicht auch, dass Hausaufgaben zu viel Stress machen? | Welche Erfahrungen hast Du mit Hausaufgaben und Stress gemacht? | Die bessere Frage ist offen und weniger lenkend. |
| War Dein Praktikum gut? | Was hast Du in Deinem Praktikum gelernt und welche Situationen waren schwierig? | Die bessere Frage ermöglicht Beispiele und Differenzierung. |
| Nutzt Du KI? | In welchen Situationen nutzt Du KI-Werkzeuge und wie entscheidest Du, ob Du ihnen vertraust? | Die bessere Frage fragt nach Handlung und Begründung. |
| Bist Du zufrieden mit der Schule? | Welche Aspekte Deiner Schule unterstützen Dich beim Lernen und welche erschweren es? | Die bessere Frage trennt positive und problematische Erfahrungen. |
Aufbau eines Interviewleitfadens
Ein sinnvoller Leitfaden kann in fünf Phasen gegliedert werden.
- Eröffnung: Stelle Dich vor, erkläre Thema, Ziel, Dauer, Aufnahme und Datenschutz.
- Einstieg: Beginne mit einfachen Fragen, damit die Person ins Erzählen kommt.
- Hauptteil: Stelle die wichtigsten Fragen zu Deiner Forschungsfrage.
- Vertiefung: Frage nach Beispielen, Gründen, Veränderungen, Unterschieden und Bewertungen.
- Abschluss: Gib Raum für Ergänzungen und bedanke Dich.
Eine gute Abschlussfrage lautet zum Beispiel: Gibt es etwas Wichtiges zu diesem Thema, das ich noch nicht gefragt habe? Diese Frage ist wertvoll, weil sie neue Aspekte sichtbar machen kann.
Gute Fragen stellen
Gute Interviewfragen sind verständlich, offen, neutral und thematisch passend. Sie fragen nicht mehrere Dinge gleichzeitig ab. Eine Frage wie „Wie findest Du Unterricht mit Tablets und wie wirkt sich das auf Deine Motivation, Deine Noten und Deine Konzentration aus?“ ist zu überladen. Besser ist es, einzelne Aspekte nacheinander zu erfragen.
Hilfreiche Frageformen sind:
- Erzählfrage: Kannst Du von einer Situation erzählen, in der ...?
- Beispiel-Frage: Kannst Du ein konkretes Beispiel nennen?
- Begründungsfrage: Warum war das für Dich wichtig?
- Vergleichsfrage: Was war früher anders als heute?
- Vertiefungsfrage: Was meinst Du damit genauer?
- Bilanzfrage: Was würdest Du rückblickend als besonders wichtig beschreiben?
Das Probeinterview
Vor dem eigentlichen Interview solltest Du ein Probeinterview durchführen. Dabei testest Du, ob die Fragen verständlich sind, ob die Reihenfolge sinnvoll ist, ob das Gespräch zu lang wird und ob die Technik funktioniert. Ein Probeinterview zeigt oft, dass Fragen zu abstrakt, zu ähnlich oder zu unklar formuliert sind. Nach dem Probeinterview kannst Du den Leitfaden verbessern.
Ein gutes Probeinterview ist kein Scheitern, sondern ein Qualitätsmerkmal. Professionelle Interviewarbeit wird durch Testen, Überarbeiten und Reflektieren besser.
Organisation und Technik
Plane Ort, Zeit, Dauer und Technik sorgfältig. Ein ruhiger Raum hilft, Nebengeräusche zu vermeiden. Informiere die interviewte Person rechtzeitig über Thema und Ablauf. Prüfe vor dem Interview, ob Akku, Speicherplatz und Aufnahmegerät funktionieren. Lege Papier und Stift bereit, damit Du wichtige Beobachtungen notieren kannst. Wenn Du online interviewst, teste Kamera, Mikrofon, Verbindung und Aufnahmemöglichkeit.
Notizen während des Gesprächs ersetzen keine Aufnahme, können aber helfen. Notiere zum Beispiel auffällige Pausen, wichtige Begriffe, spontane Ideen für Nachfragen oder Situationen, die für die spätere Interpretation wichtig sein könnten. Frage aber immer vorher, ob eine Aufnahme erlaubt ist.
Das Interview durchführen
Zu Beginn begrüßt Du die Person freundlich, erklärst kurz das Thema und holst die Einwilligung ein. Dann startest Du mit einfachen Einstiegsfragen. Während des Interviews hörst Du aktiv zu. Das bedeutet: Du unterbrichst möglichst wenig, hältst Blickkontakt, signalisierst Interesse und stellst passende Nachfragen. Du bewertest die Antworten nicht und diskutierst nicht gegen die interviewte Person.
Besonders wichtig sind Pausen. Viele Interviewende stellen zu schnell die nächste Frage, obwohl die Person vielleicht noch nachdenkt. Eine kurze Pause kann dazu führen, dass eine tiefere Antwort entsteht. Wenn etwas unklar bleibt, frage freundlich nach: Kannst Du das genauer erklären? oder Woran hast Du das gemerkt?
Schwierige Situationen meistern
In Interviews können schwierige Situationen entstehen. Eine Person antwortet vielleicht sehr kurz, schweift stark ab, wird emotional oder spricht über sensible Erfahrungen. Bleibe respektvoll und ruhig. Wenn Antworten sehr kurz sind, frage nach Beispielen. Wenn jemand abschweift, führe freundlich zurück zum Thema. Wenn ein Thema belastend wird, biete an, die Frage zu überspringen oder das Interview zu unterbrechen.
Du bist nicht verpflichtet, jedes Thema weiterzuverfolgen. Besonders bei persönlichen oder belastenden Themen gilt: Schutz und Würde der interviewten Person sind wichtiger als vollständige Daten.
Nach dem Interview
Direkt nach dem Interview solltest Du wichtige Eindrücke notieren. Dazu gehören Ort, Dauer, Atmosphäre, besondere Situationen, technische Probleme und erste Gedanken zur Auswertung. Diese Notizen nennt man häufig Gedächtnisprotokoll. Sie helfen Dir später, das Transkript besser einzuordnen.
Sichere die Aufnahme sofort. Benenne Dateien eindeutig, aber datenschutzfreundlich, zum Beispiel Interview_A_2026-06-11 statt mit vollem Namen. Bewahre Einwilligungen und Aufnahmen getrennt auf, wenn das möglich ist.
Transkribieren
Transkription bedeutet, gesprochene Sprache in schriftliche Form zu übertragen. Für Schulprojekte reicht oft eine einfache Transkription. Dabei schreibst Du die gesprochenen Inhalte möglichst wörtlich auf, lässt aber sehr genaue linguistische Zeichen weg. Wichtig ist, dass Du einheitlich arbeitest. Wenn Du Pausen, Lachen oder betonte Wörter notierst, solltest Du vorher festlegen, wie Du das machst.
Ein einfacher Transkriptionsstandard kann so aussehen:
| Zeichen | Bedeutung |
|---|---|
| I | Interviewende Person |
| B | Befragte Person |
| ... | Kurze Pause |
| [lacht] | Bemerkbare Reaktion |
| [Name anonymisiert] | Ersetzter Personenname |
Ein Transkript ist nie völlig neutral. Schon beim Verschriftlichen triffst Du Entscheidungen. Deshalb solltest Du beschreiben, nach welchen Regeln Du transkribiert hast.
Auswertung: Vom Text zum Ergebnis
Die Auswertung beginnt nicht mit einer fertigen Meinung, sondern mit genauem Lesen. Du liest das Transkript mehrfach und markierst wichtige Aussagen. Danach vergibst Du Codes. Ein Code ist ein kurzes Etikett für eine Textstelle, zum Beispiel Leistungsdruck, Unterstützung durch Familie oder Angst vor Fehlern. Mehrere ähnliche Codes können zu einer Kategorie zusammengefasst werden.
Bei der qualitativen Auswertung unterscheidest Du häufig zwischen deduktivem und induktivem Vorgehen. Deduktiv bedeutet: Kategorien werden vor der Analyse aus Theorie, Forschungsfrage oder Leitfaden abgeleitet. Induktiv bedeutet: Kategorien entstehen aus dem Material selbst. In vielen Projekten werden beide Wege kombiniert. Du startest zum Beispiel mit einigen Leitkategorien und ergänzt neue Kategorien, wenn im Material wichtige Aspekte auftauchen.
Beispiel für Codierung
| Transkriptausschnitt | Möglicher Code | Mögliche Kategorie |
|---|---|---|
| Vor Klassenarbeiten schlafe ich oft schlecht, weil ich denke, dass eine schlechte Note alles kaputt macht. | Angst vor schlechter Bewertung | Leistungsdruck |
| Mir hilft es, wenn die Lehrkraft vorher genau sagt, was drankommt. | Transparente Erwartungen | Unterstützung beim Lernen |
| In der Gruppe traue ich mich eher, Fragen zu stellen. | Sicherheit durch Mitschülerinnen und Mitschüler | Soziale Unterstützung |
| Manchmal weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. | Überforderung bei Planung | Lernorganisation |
Eine gute Codierung ist nachvollziehbar. Andere Personen sollten verstehen können, warum Du eine Textstelle einem bestimmten Code zugeordnet hast. Wenn Du unsicher bist, notiere Deine Begründung.
Kategorien bilden
Kategorien sind Sammelbegriffe für zusammenhängende Aussagen. Eine Kategorie sollte klar benannt und beschrieben werden. Außerdem sollte sie durch Textbelege gestützt werden. In einer Auswertungstabelle kannst Du festhalten, welche Textstellen zu welcher Kategorie gehören.
| Kategorie | Beschreibung | Typische Textstellen | Deutung |
|---|---|---|---|
| Leistungsdruck | Aussagen über Noten, Erwartungen, Angst und Belastung | Ich habe Angst vor Fehlern; Die Note entscheidet viel | Leistungsbewertung wird als stark belastend erlebt |
| Unterstützung | Aussagen über Hilfe durch Lehrkräfte, Familie oder Mitschülerinnen und Mitschüler | Meine Freundin erklärt es mir; Die Lehrkraft gibt Beispiele | Unterstützung entsteht besonders durch konkrete Orientierung |
| Selbstorganisation | Aussagen über Planung, Zeitmanagement und Lernstrategien | Ich mache mir einen Plan; Ich fange zu spät an | Lernstrategien beeinflussen das Belastungserleben |
Ergebnisse darstellen
Eine gute Ergebnisdarstellung besteht nicht aus einer Aneinanderreihung von Zitaten. Du formulierst zuerst eine Erkenntnis und belegst sie dann mit passenden Interviewausschnitten. Achte darauf, Zitate nicht aus dem Zusammenhang zu reißen. Erkläre, wie Du zu Deiner Deutung kommst.
Ein möglicher Ergebnisabschnitt lautet: Mehrere Befragte beschreiben Leistungsdruck nicht nur als Folge schwieriger Aufgaben, sondern vor allem als Folge hoher Erwartungen. Besonders deutlich wird dies, wenn Noten als entscheidend für die eigene Zukunft dargestellt werden. Danach kann ein kurzes anonymisiertes Zitat folgen.
Gütekriterien und Qualität
Damit Deine Auswertung glaubwürdig ist, brauchst Du Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Reflexivität. Transparenz bedeutet, dass Du erklärst, wie Du vorgegangen bist. Nachvollziehbarkeit bedeutet, dass Deine Leserinnen und Leser Deine Deutungen anhand von Textstellen verstehen können. Reflexivität bedeutet, dass Du Deine eigene Rolle mitdenkst: Welche Erwartungen hattest Du? Wie könnte Deine Beziehung zur befragten Person die Antworten beeinflusst haben? Welche Fragen hast Du vielleicht nicht gestellt?
Weitere Qualitätsmerkmale sind ein klarer Leitfaden, ein passendes Sampling, sorgfältige Transkription, begründete Kategorien, aussagekräftige Zitate und ein respektvoller Umgang mit Grenzen der Aussagekraft. Aus wenigen Interviews darfst Du keine übertrieben allgemeinen Behauptungen ableiten. Du kannst aber begründete Einsichten in Erfahrungen, Sichtweisen und Zusammenhänge gewinnen.
Häufige Fehler und bessere Lösungen
| Häufiger Fehler | Warum problematisch? | Bessere Lösung |
|---|---|---|
| Die Forschungsfrage ist unklar. | Die Fragen wirken zufällig und die Auswertung wird beliebig. | Formuliere eine offene, genaue und untersuchbare Forschungsfrage. |
| Die Fragen sind suggestiv. | Die interviewte Person wird in eine Richtung gelenkt. | Formuliere neutral und frage nach Erfahrungen, Beispielen und Gründen. |
| Die Technik wird nicht getestet. | Aufnahmefehler können das Interview unbrauchbar machen. | Mache vorab einen Technikcheck und ein Probeinterview. |
| Es werden nur Lieblingszitate gesammelt. | Die Auswertung wird einseitig. | Codiere systematisch und beachte auch widersprüchliche Aussagen. |
| Ergebnisse werden zu stark verallgemeinert. | Wenige Interviews beweisen keine allgemeinen Regeln. | Formuliere vorsichtig und beziehe Dich auf Dein Material. |
Mini-Projekt: Ein eigenes Interview durchführen
Wähle ein Thema, das Dich interessiert, zum Beispiel Lernen mit digitalen Medien, Freizeitstress, Berufswünsche, Umweltschutz im Alltag oder Erfahrungen mit Vereinsleben. Formuliere eine Forschungsfrage. Entwickle sechs bis acht offene Interviewfragen. Führe ein Probeinterview durch. Überarbeite Deinen Leitfaden. Führe ein echtes Interview von zehn bis zwanzig Minuten. Transkribiere einen Ausschnitt. Codiere die wichtigsten Aussagen und formuliere drei begründete Ergebnisse.
Checkliste für Dein Interviewprojekt
| Phase | Prüffrage | Erledigt? |
|---|---|---|
| Thema | Ist das Thema klar eingegrenzt? | Ja / Nein |
| Forschungsfrage | Ist die Frage offen, verständlich und untersuchbar? | Ja / Nein |
| Leitfaden | Enthält der Leitfaden Einstieg, Hauptfragen, Nachfragen und Abschluss? | Ja / Nein |
| Ethik | Sind Einwilligung, Datenschutz und Anonymisierung geklärt? | Ja / Nein |
| Technik | Wurden Aufnahmegerät, Akku, Speicher und Tonqualität getestet? | Ja / Nein |
| Durchführung | Wurde aktiv zugehört und neutral nachgefragt? | Ja / Nein |
| Transkription | Sind die Transkriptionsregeln einheitlich? | Ja / Nein |
| Auswertung | Sind Codes, Kategorien und Textbelege nachvollziehbar? | Ja / Nein |
| Ergebnis | Werden Schlussfolgerungen vorsichtig und begründet formuliert? | Ja / Nein |
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Was ist ein Interviewleitfaden? (Ein Gesprächsplan mit Themen, Fragen und möglichen Nachfragen) (!Eine fertige Auswertungstabelle mit allen Ergebnissen) (!Eine Tonaufnahme des gesamten Gesprächs) (!Ein Vertrag zur Veröffentlichung eines Zeitungsartikels)
Welche Frage ist für ein qualitatives Interview besonders geeignet? (Welche Erfahrungen hast Du mit diesem Thema gemacht?) (!Findest Du das Thema nicht auch schlecht?) (!Hast Du ja oder nein gesagt?) (!Ist Antwort A oder Antwort B richtig?)
Warum ist eine Einwilligung vor dem Interview wichtig? (Die befragte Person muss freiwillig und informiert teilnehmen können) (!Damit die Antworten automatisch richtig werden) (!Damit keine Auswertung mehr nötig ist) (!Damit alle Fragen geschlossen gestellt werden können)
Was bedeutet Transkription? (Die gesprochene Sprache wird in schriftliche Form übertragen) (!Die Forschungsfrage wird in ein Bild umgewandelt) (!Die Aufnahme wird ohne Lesen gelöscht) (!Die Antworten werden sofort bewertet)
Was ist ein Code bei der Interviewauswertung? (Ein kurzes Etikett für eine wichtige Textstelle) (!Ein Passwort für die Aufnahme) (!Eine zufällige Reihenfolge der Fragen) (!Eine Bewertung der interviewten Person)
Was ist eine Kategorie in der qualitativen Auswertung? (Ein Sammelbegriff für mehrere zusammenhängende Codes) (!Eine technische Einstellung am Mikrofon) (!Eine geschlossene Ja-Nein-Frage) (!Ein Ersatz für das Transkript)
Welche Aussage beschreibt aktives Zuhören am besten? (Aufmerksam zuhören, Pausen zulassen und passend nachfragen) (!Die eigene Meinung möglichst schnell erklären) (!Die Antworten der Person korrigieren) (!Während des Gesprächs andere Aufgaben erledigen)
Was ist eine Suggestivfrage? (Eine Frage, die eine bestimmte Antwort nahelegt) (!Eine Frage, die neutral und offen formuliert ist) (!Eine Frage, die nach einem Beispiel fragt) (!Eine Frage, die am Ende des Interviews gestellt wird)
Warum sollte ein Probeinterview durchgeführt werden? (Um Fragen, Ablauf und Technik vorab zu testen) (!Um die spätere Auswertung zu ersetzen) (!Um die interviewte Person zu benoten) (!Um alle Antworten vorher festzulegen)
Welche Aussage ist bei wenigen Interviews angemessen? (Die Ergebnisse geben begründete Einblicke, aber keine allgemeinen Beweise) (!Die Ergebnisse gelten automatisch für alle Menschen) (!Eine einzige Aussage beweist eine Regel) (!Widersprüche dürfen nicht erwähnt werden)
Memory
| Leitfaden | Gesprächsplan |
| Transkript | Verschriftlichung |
| Code | Textetikett |
| Kategorie | Sinnbereich |
| Einwilligung | Freiwilligkeit |
| Anonymisierung | Identitätsschutz |
| Probeinterview | Testdurchlauf |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Thema |
|---|---|
| Forschungsfrage | Erkenntnisinteresse klären |
| Leitfaden | Gespräch strukturieren |
| Einwilligung | Teilnahme rechtlich und ethisch absichern |
| Transkript | Gespräch verschriftlichen |
| Codierung | Wichtige Aussagen markieren |
| Kategorie | Codes zusammenfassen |
| Ergebnisdarstellung | Deutung mit Belegen formulieren |
Kreuzworträtsel
| Leitfaden | Wie nennt man den vorbereiteten Gesprächsplan eines Interviews? |
| Transkript | Wie heißt die verschriftlichte Form eines aufgenommenen Gesprächs? |
| Kategorie | Wie heißt ein Sammelbegriff für mehrere zusammengehörige Codes? |
| Sampling | Wie nennt man die begründete Auswahl der befragten Personen? |
| Einwilligung | Was muss vor einer freiwilligen Teilnahme eingeholt werden? |
| Codierung | Wie nennt man das Markieren und Benennen wichtiger Textstellen? |
LearningApps
Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Interviewfrage: Formuliere zu einem Thema Deiner Wahl fünf offene Interviewfragen und verbessere jede Frage so, dass sie neutraler und erzählanregender wird.
- Einstiegsfrage: Entwickle drei einfache Einstiegsfragen für ein Interview zum Thema Lernen, Freizeit oder Berufswahl.
- Datenschutz: Schreibe eine kurze Information für eine interviewte Person, in der Du Thema, Dauer, Aufnahme und Anonymisierung erklärst.
- Probeinterview: Führe mit einer Mitschülerin oder einem Mitschüler ein fünfminütiges Probeinterview und notiere, welche Frage besonders gut funktioniert hat.
Standard
- Interviewleitfaden: Erstelle einen vollständigen Leitfaden mit Begrüßung, Einwilligungsfrage, sechs Hauptfragen, Nachfragen und Abschlussfrage.
- Transkription: Transkribiere drei Minuten eines Interviews nach einfachen Regeln und markiere Stellen, die für Deine Forschungsfrage wichtig sind.
- Codierung: Entwickle aus einem kurzen Interviewausschnitt mindestens sechs Codes und fasse sie in drei Kategorien zusammen.
- Auswertungstabelle: Lege eine Tabelle mit Kategorie, Textstelle, Code und Deutung an und erkläre Deine Zuordnung schriftlich.
Schwer
- Forschungsprojekt: Plane ein kleines Interviewprojekt mit Forschungsfrage, Sampling, Leitfaden, Einwilligung, Durchführung, Transkription und Auswertung.
- Vergleichsanalyse: Führe zwei Interviews zum gleichen Thema und vergleiche Gemeinsamkeiten, Unterschiede und mögliche Gründe für abweichende Sichtweisen.
- Reflexion: Schreibe eine Methodenkritik zu Deinem Interview: Welche Fragen waren gelungen, wo hast Du gelenkt, welche Grenzen haben Deine Ergebnisse?
- Präsentation: Erstelle eine Präsentation oder ein Erklärvideo, in dem Du Deine Kategorien, zentrale Zitate und Schlussfolgerungen nachvollziehbar darstellst.

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Lernkontrolle
- Transfer: Du möchtest herausfinden, warum manche Jugendliche ungern im Unterricht mitarbeiten. Entwickle eine passende Forschungsfrage, wähle eine Interviewform und begründe Deine Entscheidung.
- Methodenkritik: Analysiere einen fehlerhaften Interviewleitfaden mit Suggestivfragen und geschlossenen Fragen. Überarbeite ihn und erkläre Deine Verbesserungen.
- Auswertung: Du erhältst drei Interviewausschnitte zum Thema Prüfungsstress. Entwickle Codes, bilde Kategorien und formuliere zwei begründete Ergebnisse.
- Ethik: Beurteile einen Fall, in dem ein Interview ohne klare Einwilligung aufgenommen wurde. Erkläre, welche Probleme entstehen und wie das Vorgehen verbessert werden müsste.
- Ergebnisdarstellung: Formuliere aus mehreren widersprüchlichen Aussagen eine faire Ergebnisdarstellung, die sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede berücksichtigt.
- Reflexion: Erkläre, wie Deine eigene Rolle, Deine Erwartungen und Deine Beziehung zur interviewten Person die Antworten beeinflussen könnten.
Lernnachweis
Für den Lernnachweis erstellst Du ein vollständiges Interviewportfolio. Es enthält Deine Forschungsfrage, die Begründung der Interviewform, den Leitfaden, eine kurze Erklärung zur Einwilligung, ein Gedächtnisprotokoll, einen transkribierten Ausschnitt, eine Codiertabelle, mindestens drei Kategorien, passende Textbelege, eine Ergebnisdarstellung und eine Reflexion über Grenzen Deiner Untersuchung. Bewertet wird nicht, ob Deine Ergebnisse „spektakulär“ sind, sondern ob Dein Vorgehen nachvollziehbar, respektvoll, methodisch sauber und reflektiert ist.
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Zusammenfassung
Ein professionelles Interview beginnt mit einer klaren Forschungsfrage und einer begründeten Auswahl der interviewten Personen. Der Interviewleitfaden strukturiert das Gespräch, ohne es starr zu machen. Gute Fragen sind offen, neutral und verständlich. Vor der Durchführung müssen Einwilligung, Datenschutz und Anonymisierung geklärt sein. Nach dem Gespräch folgen Sicherung, Gedächtnisprotokoll, Transkription, Codierung, Kategorienbildung und Ergebnisdarstellung. Eine glaubwürdige Auswertung bleibt nah am Material, nutzt Textbelege, macht Deutungen transparent und reflektiert die eigene Rolle.
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