Zum Inhalt springen

Gotthilf Fischer und seine Chöre - Der reichste Fürst (Württemberger Lied)

Aus MOOCsWiki Staging
aiMOOC-Siegel

Gotthilf Fischer und seine Chöre - Der reichste Fürst (Württemberger Lied)




Gotthilf Fischer und seine Chöre – „Der reichste Fürst“ (Württemberger Lied)


Einleitung

Der reichste Fürst – bekannt nach seiner Anfangszeile „Preisend mit viel schönen Reden“ – ist eine Ballade von Justinus Kerner aus dem Jahr 1818. In vertonter Form wurde sie zu einem besonders bekannten württembergischen Traditionslied und wird häufig als inoffizielle württembergische Landeshymne bezeichnet. Im Mittelpunkt steht Eberhard im Bart, der historische Graf Eberhard V. von Württemberg-Urach und spätere erste Herzog von Württemberg. Die Ballade verbindet eine historische Erinnerung an den Reichstag zu Worms 1495 mit einer idealisierenden Erzählung über Vertrauen zwischen Herrscher und Untertanen.

Für die Beschäftigung mit dem Lied sind drei Zeitebenen wichtig: 1495 als historischer Bezugspunkt der Handlung, 1818 als Entstehungsjahr von Kerners Ballade und das 20. bzw. 21. Jahrhundert als Zeit der medialen Weitergabe, unter anderem durch Gotthilf Fischer und die Fischer-Chöre. Gerade diese Verbindung aus regionaler Geschichte, Literatur, Musik, Erinnerungskultur und gemeinschaftlichem Chorgesang macht das Lied für einen fächerübergreifenden Unterricht interessant.

Die folgende Aufnahme der Fischer-Chöre zeigt eine moderne Rezeptionsform des historischen Liedes. Die Tonaufnahme und das konkrete Arrangement sind urheber- bzw. leistungsschutzrechtlich geschützt; im aiMOOC wird deshalb nicht das moderne Arrangement abgeschrieben, sondern mit dem gemeinfreien Kerner-Text und der historischen Volksweise gearbeitet.

Die Eberhardsgruppe im Stuttgarter Schlossgarten setzt den Kerngedanken des Gedichts bildlich um: Eberhard ruht im Vertrauen auf dem Schoß eines Untertanen. Das Denkmal macht sichtbar, wie Literatur selbst Teil regionaler Erinnerungskultur werden kann.


Lernziele

Nach diesem aiMOOC kannst Du die Entstehung des Liedes historisch einordnen, zentrale Aussagen der Ballade erklären, zwischen historischer Quelle, Sage und literarischer Gestaltung unterscheiden, die Funktion von gemeinschaftlichem Chorgesang für Erinnerung und Zugehörigkeit untersuchen und die Wirkung einer modernen Choraufnahme mit dem historischen Text vergleichen.

Du sollst außerdem erkennen, dass regionale Identität nicht einfach „vorhanden“ ist, sondern durch Erzählungen, Lieder, Rituale, Denkmäler, Medien und gemeinsames Handeln immer wieder hergestellt und verändert wird.


Das Lied auf einen Blick

Aspekt Einordnung
Titel Der reichste Fürst; bekannt als „Preisend mit viel schönen Reden“
Text Justinus Kerner, 1818
Gattung Ballade; später regionales Traditions- und Gemeinschaftslied
Historische Hauptfigur Eberhard im Bart (1445–1496)
Historischer Bezug Herzogserhebung Württembergs auf dem Reichstag zu Worms 1495
Melodie ältere anonyme Volksweise, auch mit dem Lied „In des Waldes tiefsten Gründen“ verbunden
Regionaler Status häufig als inoffizielle württembergische Landeshymne bezeichnet
Moderne bekannte Interpretation Gotthilf Fischer und die Fischer-Chöre
Zentrale Themen Reichtum, Vertrauen, Herrschaft, Gemeinschaft, Heimat, Erinnerung und Identitätsbildung


Drei Zeitebenen: 1495 – 1818 – moderne Rezeption

Zeit Was geschieht? Bedeutung für das Lied
1495 Württemberg wird auf dem Reichstag zu Worms zum Herzogtum erhoben. Historischer Bezugspunkt der Ballade
1818 Justinus Kerner verfasst „Der reichste Fürst“. Literarische Deutung einer älteren Überlieferung
19. Jahrhundert Text und Melodie verbreiten sich in Liederbüchern und im gemeinschaftlichen Singen. Ausbildung eines regionalen Traditionsliedes
20. Jahrhundert Chöre, Rundfunk, Schallplatte und Fernsehen verbreiten das Lied weiter. Mediale Popularisierung
2002 Eine Fassung von Gotthilf Fischer und seinen Chören erscheint auf dem Album „Die Strasse der Lieder“. Moderne Tonträger-Rezeption
Gegenwart Das Lied wird als historische Regionalhymne, Erinnerungsstück und Gegenstand kritischer Kulturgeschichte wahrgenommen. Reflexion über regionale Identität und historische Erzählungen


Historischer Hintergrund


Eberhard im Bart

Eberhard im Bart wurde 1445 geboren und starb 1496. Als Graf Eberhard V. von Württemberg-Urach spielte er eine zentrale Rolle bei der Wiedervereinigung der württembergischen Landesteile. Der Münsinger Vertrag von 1482 beendete die Teilung zwischen Württemberg-Urach und Württemberg-Stuttgart. Eberhard war außerdem maßgeblich mit der Gründung der Universität Tübingen im Jahr 1477 verbunden.

1495 wurde die Grafschaft Württemberg auf dem Reichstag zu Worms zum Herzogtum erhoben. Eberhard wurde damit als Eberhard I. erster Herzog von Württemberg. Die Erhebung war ein politischer Höhepunkt seiner Herrschaft und erhöhte den Rang Württembergs im Heiligen Römischen Reich.

[1]


Die Ballade ist keine wörtliche Protokollquelle

Kerner stellt die Szene in Worms wie einen Wettbewerb der Fürsten dar. Sachsen verweist auf Silber, der Rhein auf Getreide und Wein, Bayern auf Städte und Klöster. Eberhard dagegen beansprucht einen anderen Reichtum: Er könne selbst im Wald jedem Untertanen vertrauen.

Für die historische Arbeit ist entscheidend: Diese Szene darf nicht wie ein stenografisches Protokoll des Reichstags gelesen werden. Kerner verarbeitet eine ältere Überlieferung und formt sie literarisch. Die konkrete Figurenkonstellation ist teilweise poetisch gestaltet. Gerade deshalb eignet sich das Lied gut für Quellenkritik: Es erzählt weniger, „wie es exakt war“, als vielmehr, wie Württemberg und sein Fürst erinnert und idealisiert werden sollten.

Eine auffällige Einzelheit ist die Figur „Ludwig, Herr zu Bayern“. Die dichterische Szene stimmt nicht in allen Details mit der tatsächlichen politischen Situation des Wormser Reichstags von 1495 überein. Die Ballade ist also eine historische Deutung mit symbolischer Aussage, keine vollständige Rekonstruktion des Ereignisses.

[2]


Württemberg zur Zeit Kerners

Als Kerner 1818 die Ballade schrieb, existierte das Königreich Württemberg. Die politische und gesellschaftliche Ordnung unterschied sich deutlich von der Welt des Jahres 1495. Trotzdem griff Kerner bewusst auf einen spätmittelalterlichen Herrscher zurück. In der Zeit nach den napoleonischen Umwälzungen bot die Erinnerung an eine vermeintlich vertraute württembergische Vergangenheit einen Stoff, mit dem regionale Zugehörigkeit erzählt werden konnte.

Das ist wichtig für die Identitätsgeschichte: Ein Lied über das Mittelalter kann im 19. Jahrhundert neue Funktionen erhalten. Es kann Vergangenheit vereinfachen, Werte hervorheben und eine Gemeinschaft über gemeinsame Bilder und Erzählungen ansprechen.


Justinus Kerner und die Ballade

Justinus Kerner (1786–1862) war Arzt, medizinischer Schriftsteller und Dichter. Er gehört zur schwäbischen Romantik und ist eng mit Württemberg verbunden. „Der reichste Fürst“ entstand 1818 und wurde später in Verbindung mit einer älteren Volksweise sehr bekannt.

Die Anfangszeile „Preisend mit viel schönen Reden“ wurde so prägnant, dass sie häufig wie ein eigener Liedtitel verwendet wird. Dadurch besitzt das Werk mehrere Bezeichnungen: Der reichste Fürst, Preisend mit viel schönen Reden, Württemberger Hymne oder im weiteren regionalen Sprachgebrauch Württemberger Lied.


Textgestalt und Dramaturgie

Die Ballade ist klar aufgebaut. Zunächst entsteht eine Wettbewerbssituation: Mehrere Fürsten nennen materielle Stärken ihrer Länder. Dann verändert Eberhard den Maßstab. Er misst Reichtum nicht an Bergwerken, Ernten, Wein, Städten oder Klöstern, sondern an Vertrauen und Sicherheit. Die anderen Fürsten erkennen diesen nichtmateriellen Reichtum schließlich als überlegen an.

Dramatischer Schritt Inhalt Wirkung
Auftakt Mehrere Fürsten vergleichen ihre Länder. Erwartung eines Wettbewerbs um Besitz und Macht
Sachsen Silber und Bergbau materieller Reichtum
Rhein Getreide und Wein landwirtschaftlicher Wohlstand
Bayern Städte und Klöster institutioneller und städtischer Reichtum
Württemberg Vertrauen zwischen Fürst und Untertanen moralischer und sozialer Reichtum
Schluss Eberhard wird zum „Reichsten“ erklärt. Umwertung des Begriffs Reichtum


Liedtext im rechtlich zulässigen Umfang

Der Text von Justinus Kerner ist gemeinfrei: Kerner starb 1862, sodass die urheberrechtliche Schutzfrist des Textes in Deutschland seit langem abgelaufen ist. Deshalb kann die historische Ballade vollständig wiedergegeben werden. Davon zu unterscheiden sind moderne Arrangements, Notenausgaben und Tonaufnahmen. Die konkrete Fischer-Aufnahme von 2002 ist als Tonaufnahme geschützt; moderne Chorsätze können ebenfalls geschützt sein und werden hier nicht abgeschrieben.

Justinus Kerner: Der reichste Fürst (1818)

Preisend mit viel schönen Reden
Ihrer Länder Wert und Zahl,
Saßen viele deutsche Fürsten
Einst zu Worms im Kaisersaal.

„Herrlich“, sprach der Fürst von Sachsen,
„Ist mein Land und seine Macht;
Silber hegen seine Berge
Wohl in manchem tiefen Schacht.“

„Seht mein Land in üpp'ger Fülle“,
Sprach der Kurfürst von dem Rhein,
„Goldne Saaten in den Tälern,
Auf den Bergen edlen Wein!“

„Große Städte, reiche Klöster“,
Ludwig, Herr zu Bayern, sprach,
„Schaffen, daß mein Land den euren
Wohl nicht steht an Schätzen nach.“

Eberhard, der mit dem Barte,
Württembergs geliebter Herr,
Sprach: „Mein Land hat kleine Städte,
Trägt nicht Berge silberschwer;

Doch ein Kleinod hält’s verborgen:
Daß in Wäldern, noch so groß,
Ich mein Haupt kann kühnlich legen
Jedem Untertan in Schoß.“

Und es rief der Herr von Sachsen,
Der von Bayern, der vom Rhein:
„Graf im Bart! Ihr seid der Reichste!
Euer Land trägt Edelstein!“


Historische Textaussagen kritisch lesen


Was bedeutet „Reichtum“?

Die Ballade arbeitet mit einer gezielten Umwertung. Zunächst scheint Reichtum messbar: Silber, Ernten, Wein, Städte und Klöster können gezählt, gehandelt oder besteuert werden. Eberhards „Kleinod“ ist dagegen sozial: Vertrauen. Das Gedicht behauptet, dass eine Herrschaft besonders wertvoll sei, wenn der Herrscher sich bei seinen Untertanen sicher fühlen könne.

Diese Aussage ist zugleich politisch und moralisch. Sie entwirft das Ideal eines Fürsten, dessen Macht nicht nur auf Gewalt oder Besitz beruht, sondern auf Loyalität. Das bedeutet aber nicht, dass die Ballade eine moderne Demokratie beschreibt. Das Wort „Untertan“ verweist auf eine hierarchische Ordnung. Die Bewohner des Landes erscheinen nicht als gleichberechtigte Staatsbürger, sondern als Untergebene eines Fürsten.


Idealbild und historische Wirklichkeit

Lieder verdichten Geschichte. Sie wählen aus, vereinfachen und emotionalisieren. Bei „Der reichste Fürst“ wird Eberhard zum Symbol eines gerechten, vertrauenswürdigen und volksnahen Herrschers. Dieses Bild war für spätere Generationen anschlussfähig und konnte württembergischen Regionalstolz stärken.

Historisch solltest Du jedoch zwischen drei Ebenen unterscheiden: belegbaren Ereignissen wie der Herzogserhebung 1495, überlieferten Geschichten über Eberhards Verhältnis zu seinen Untertanen und Kerners dichterischer Form von 1818. Erst aus ihrem Zusammenspiel entsteht das Traditionslied.


Sprache und Perspektive

Der Text ist vollständig aus einer Fürstenperspektive organisiert. Die Bevölkerung Württembergs spricht nicht selbst. Sie erscheint als Beweisstück für Eberhards Tugend: Weil der Fürst ihr vertrauen kann, ist er „reich“. Eine moderne Analyse kann deshalb fragen, wer im Lied eine Stimme erhält und wer nur beschrieben wird.

Gerade diese Beobachtung macht das Lied für historischen Unterricht wertvoll. Du kannst gleichzeitig nachvollziehen, warum das Lied Zugehörigkeit erzeugen konnte, und kritisch untersuchen, welches Gesellschaftsbild es vermittelt.


Melodie und musikalische Herkunft

Die Ballade wird nach einer älteren anonymen Volksweise gesungen, die auch mit dem Räuberlied „In des Waldes tiefsten Gründen“ aus dem Umfeld von Christian August Vulpius’ „Rinaldo Rinaldini“ verbunden ist. Die Melodie ist älter als Kerners Text. Ein gemeinsamer Druck von Text und Melodie ist aus dem frühen 19. Jahrhundert überliefert; häufig wird 1823 genannt. In der Melodieführung werden außerdem Ähnlichkeiten mit der Marseillaise beschrieben.

[3]


Extension:Score – historischer Melodieanfang

Der folgende kurze Notenausschnitt zeigt den Anfang der historischen Volksweise in einer einfachen G-Dur-Transkription. Er ist kein Nachbau des modernen Fischer-Arrangements, sondern dient dem Vergleich von Textmetrum und Melodie.


\relative c' {
  \key g \major
  \time 4/4
  \tempo 4 = 104
  \partial 4 d8 d
  g4 g fis fis
  \bar "||"
}
\addlyrics {
  Prei -- send mit viel schö -- nen
}

Achte beim Singen darauf, wie die Auftaktnoten den Sprachfluss in Gang setzen. Die Melodie ist leicht erfassbar und eignet sich für gemeinsames Singen, weil sie mit klaren Phrasen und wiederkehrenden rhythmischen Mustern arbeitet.


Hör- und Singanalyse

Beim Hören kannst Du folgende Fragen untersuchen: Wie deutlich bleibt der Text verständlich? Wie wirkt eine große Sängergruppe im Vergleich zu einer Einzelstimme? Welche Rolle spielen gemeinsamer Rhythmus, gleichzeitige Atemstellen und dynamische Steigerungen? Entsteht der Eindruck eines Konzerts, eines Rituals, einer Feier oder eines gemeinschaftlichen Mitsingens?

Diese Fragen lenken die Aufmerksamkeit nicht nur auf „schön“ oder „nicht schön“, sondern auf musikalische Mittel und soziale Wirkung.


Gotthilf Fischer und die Fischer-Chöre

Gotthilf Fischer (1928–2020) wurde als Chorleiter durch die Fischer-Chöre weithin bekannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm er den Gesangverein Concordia in Deizisau; aus seiner Arbeit mit mehreren Chören entwickelte sich eine große Chorgemeinschaft. Fernsehen, Schallplatten und Konzertauftritte machten Fischer und seine Chöre einem breiten Publikum bekannt. Der SWR erinnerte an Fischer besonders als Vermittler des gemeinsamen Singens und als prägende Figur der Sendereihe „Straße der Lieder“.

[4]

Eine veröffentlichte Fassung von „Der reichste Fürst (Preisend mit viel schönen Reden)“ ist auf dem 2002 erschienenen Album „Die Strasse der Lieder“ verzeichnet.

[5]


Gemeinschaftlicher Chorgesang

Beim gemeinschaftlichen Singen entsteht Bedeutung nicht nur durch den Text, sondern durch die Handlung des Singens selbst. Viele Menschen atmen gemeinsam, beginnen gemeinsam, halten dasselbe Tempo und formen denselben Text. Dadurch kann ein Lied zu einer sozialen Praxis werden: Eine Gruppe erlebt sich für die Dauer des Singens als klangliche Einheit.

Bei einem regionalen Traditionslied verstärkt sich dieser Effekt. Wer denselben Text und dieselbe Melodie kennt, teilt kulturelles Wissen. Das bedeutet nicht, dass alle Sängerinnen und Sänger dieselbe Vorstellung von Württemberg haben. Aber das gemeinsame Repertoire schafft einen Bezugspunkt, über den Zugehörigkeit, Erinnerung und regionale Geschichte verhandelt werden können.

Diese weitere Aufnahme der württembergischen Hymne kann als Vergleich dienen. Untersuche, wie Bildmotive, Chorbesetzung und musikalischer Vortrag zusammenwirken. Frage Dich besonders, ob historische Bilder die Aussage des Liedes verstärken oder verändern.


Gotthilf Fischer als Vermittler des Mitsingens

Fischers öffentliche Wirkung beruhte nicht nur auf professionellen Choraufnahmen. Ein wichtiges Element war die Idee, möglichst viele Menschen zum Mitsingen zu bewegen. Dadurch steht seine Rezeption des Liedes in einer langen Tradition des Vereins- und Gemeinschaftsgesangs.

Nutze das Interview nicht nur als biografische Information. Achte darauf, wie Fischer über Chor, Öffentlichkeit und die Motivation zum Singen spricht. Vergleiche diese Aussagen anschließend mit Deiner eigenen Erfahrung: Wann entsteht beim gemeinsamen Singen tatsächlich ein Gemeinschaftsgefühl, und wann bleibt ein Lied für Dich eher ein historisches Dokument?


Regionale Identität und Erinnerungskultur


Was ist regionale Identität?

Regionale Identität entsteht, wenn Menschen Orte, Geschichte, Sprache, Symbole, Bräuche oder kulturelle Praktiken mit einem gemeinsamen „Wir“ verbinden. Sie ist nicht unveränderlich. Menschen können mehrere Identitäten gleichzeitig haben: lokal, regional, national, europäisch, sprachlich, religiös, beruflich oder kulturell.

Ein Traditionslied kann regionale Identität fördern, weil es Geschichte verdichtet und gemeinsam aufführbar macht. Dabei werden bestimmte Motive besonders sichtbar. Beim Württemberger Lied sind dies vor allem Vertrauen, Bescheidenheit gegenüber materiellem Reichtum und die Vorstellung einer besonderen Bindung zwischen Land, Herrscher und Bevölkerung.


Das Lied als Identitätsangebot

Das Lied sagt nicht einfach „Württemberg ist reich“. Es definiert, warum Württemberg reich sein soll. Der entscheidende Wert ist nicht Silber oder Wein, sondern Vertrauen. Dadurch bietet die Ballade ein positives Selbstbild an: Die eigene Region erscheint klein, aber menschlich besonders wertvoll.

Solche Selbstbilder können verbindend wirken. Sie können aber auch vereinfachen, weil sie Konflikte, soziale Unterschiede und widersprüchliche Erfahrungen ausblenden. Deshalb gehört zu historischer Bildung beides: das Verständnis für die emotionale Kraft eines Traditionsliedes und die kritische Prüfung seiner Aussagen.


Vom Gedicht zum Denkmal

Zwischen 1879 und 1881 schuf der Bildhauer Paul Müller die Eberhardsgruppe. Die Skulptur übersetzt den zentralen Gedanken der Ballade in Marmor. Damit wird aus einem literarischen Motiv ein öffentlicher Erinnerungsort.

Das ist ein Beispiel für Erinnerungskultur: Eine Gesellschaft erinnert Vergangenheit nicht nur in Büchern, sondern auch durch Denkmäler, Feste, Straßennamen, Museen, Lieder und Rituale. Solche Formen prägen, welche historischen Bilder im Alltag sichtbar bleiben.


Besonderheiten des Württemberger Liedes

Besonderheit Erklärung
Mehrere Titel „Der reichste Fürst“ ist der Gedichttitel; „Preisend mit viel schönen Reden“ die berühmte Anfangszeile.
Text und Melodie haben unterschiedliche Ursprünge Kerners Text stammt von 1818; die Volksweise ist älter.
Historisches Ereignis und Sage werden verbunden Die Herzogserhebung 1495 ist historisch belegt; die Wettbewerbsszene ist literarisch geformte Überlieferung.
Reichtum wird umdefiniert Materieller Besitz wird gegen Vertrauen und soziale Sicherheit gestellt.
Regionalhymne ohne offiziellen Staatsstatus Das Lied gilt als inoffizielle württembergische Hymne, nicht als offizielle Hymne des heutigen Baden-Württemberg.
Literatur wird Bildkunst Die Eberhardsgruppe im Stuttgarter Schlossgarten visualisiert den Kerngedanken des Gedichts.
Chorgesang als soziale Praxis Durch gemeinsames Singen kann das Lied Zugehörigkeit und kollektive Erinnerung erzeugen.
Alte Vorlage, moderne Medien Schallplatte, Fernsehen, Streaming und YouTube tragen zur fortgesetzten Rezeption bei.
Urheberrechtlich unterschiedliche Ebenen Kerners Text und die historische Volksweise sind gemeinfrei; moderne Arrangements und Tonaufnahmen können geschützt sein.


Medienvergleich

Vergleiche die Fischer-Aufnahme, die Männerchor-Aufnahme und die historischen Bildquellen. Ein Bild stellt Geschichte räumlich dar, ein Lied zeitlich, ein Chor körperlich und sozial. Dadurch können dieselben historischen Motive jeweils anders wirken.

Medium Leitfrage
Gedicht Welche Werte werden durch Sprache erzeugt?
Volksweise Warum bleibt eine einfache, wiedererkennbare Melodie gut erinnerbar?
Choraufnahme Wie verändert eine große Gruppe die Wirkung des Textes?
Denkmal Wie wird eine poetische Aussage in Körperhaltungen und Material übersetzt?
Historische Karte Welchen Raum meint „Württemberg“ zu unterschiedlichen Zeiten?
YouTube Wie verändert digitale Verfügbarkeit die Weitergabe eines Traditionsliedes?


Quellen und weiterführende Materialien

  1. Wikipedia – Preisend mit viel schönen Reden: Überblick zu Entstehung, Text, Melodie und Rezeption.
  2. Landesarchiv Baden-Württemberg – Herzogserhebung Eberhards im Bart: Historischer Kontext zu 1495.
  3. Landesarchiv Baden-Württemberg – Beteiligung an der Macht: Münsinger Vertrag und Herrschaftsgeschichte.
  4. Badische Landesbibliothek – Regionalhymnen: Material zur Melodie- und Hymnengeschichte.
  5. Wikisource – Allgemeines Deutsches Kommersbuch: historische Liedüberlieferung.
  6. SWR – Gotthilf Fischer: biografischer und mediengeschichtlicher Kontext.
  7. Wikimedia Commons: freie historische Bilder, Karten und Denkmaldokumentationen.


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

Wer schrieb die Ballade „Der reichste Fürst“? (Justinus Kerner) (!Friedrich Schiller) (!Ludwig Uhland) (!Gotthilf Fischer)




In welchem Jahr entstand Kerners Ballade? (1818) (!1495) (!1871) (!2002)




Welche historische Figur steht im Mittelpunkt des Liedes? (Eberhard im Bart) (!Karl der Große) (!Friedrich Barbarossa) (!Wilhelm Tell)




Welches Ereignis von 1495 bildet den historischen Hintergrund? (Die Erhebung Württembergs zum Herzogtum) (!Die Gründung des Deutschen Reiches) (!Die Auflösung Württembergs) (!Die Einführung des Rundfunks)




Wie ist die Melodie des Liedes historisch einzuordnen? (Als ältere anonyme Volksweise) (!Als Komposition Gotthilf Fischers) (!Als Werk Ludwig van Beethovens) (!Als Jazzstandard des zwanzigsten Jahrhunderts)




Was gilt in der Ballade als Eberhards größter Reichtum? (Das Vertrauen seiner Untertanen) (!Eine Silbermine) (!Ein besonders großes Heer) (!Ein Schatz aus Edelsteinen)




Wie wird das Lied häufig bezeichnet? (Als inoffizielle württembergische Landeshymne) (!Als offizielle deutsche Nationalhymne) (!Als Opernarie aus Stuttgart) (!Als bayerische Königshymne)




Warum ist der Begriff Untertan historisch wichtig? (Er verweist auf eine hierarchische Herrschaftsordnung) (!Er bezeichnet einen modernen Wahlberechtigten) (!Er ist ein musikalischer Fachbegriff) (!Er bedeutet dasselbe wie Chorleiter)




Warum ist die Wormser Szene quellenkritisch zu behandeln? (Weil die Ballade historische Überlieferung literarisch gestaltet) (!Weil Worms erst im zwanzigsten Jahrhundert gegründet wurde) (!Weil Eberhard nie in Württemberg lebte) (!Weil Kerner ein Zeitzeuge des Jahres 1495 war)




Welche Funktion kann gemeinschaftlicher Chorgesang für regionale Identität haben? (Er kann gemeinsames Erinnern und Zugehörigkeit erfahrbar machen) (!Er beseitigt automatisch alle historischen Konflikte) (!Er ersetzt historische Quellen vollständig) (!Er macht jede Liedaussage zu einer Tatsache)





Memory

Justinus Kerner Dichter der Ballade
Eberhard im Bart Historische Hauptfigur
Worms Schauplatz der erzählten Fürstenversammlung
Volksweise Musikalische Grundlage des Liedes
Fischer-Chöre Moderne Chorrezeption
Eberhardsgruppe Denkmal nach dem Balladenmotiv
Herzogtum Neuer Rang Württembergs ab 1495
Vertrauen Nichtmaterieller Reichtum im Gedicht





Drag and Drop

Ordne die richtigen Begriffe zu. Thema
Kerner Balladentext
Eberhard Württembergischer Herrscher
Volksweise Historische Melodie
Chorgesang Gemeinschaftliche Aufführung
Eberhardsgruppe Erinnerungskultur





Kreuzworträtsel

Kerner Wie heißt der Dichter von „Der reichste Fürst“ mit Nachnamen?
Worms In welcher Stadt spielt die Fürstenversammlung der Ballade?
Eberhard Wie heißt der württembergische Herrscher im Lied?
Volksweise Wie nennt man die ältere anonyme musikalische Grundlage des Liedes?
Stuttgart In welcher Stadt steht die Eberhardsgruppe?
Fischer Wie lautet der Nachname des bekannten Chorleiters Gotthilf?





LearningApps


Lückentext

Vervollständige den Text.
Justinus Kerner schrieb die Ballade im Jahr

.
Der historische Mittelpunkt des Liedes ist

im Bart.
Die Fürstenversammlung wird im Lied nach

verlegt.
Württemberg wurde 1495 zum

erhoben.
Die Melodie beruht auf einer älteren anonymen

.
Eberhards entscheidender Reichtum ist im Gedicht das

seiner Untertanen.
Das Wort Untertan verweist auf eine historisch

Gesellschaftsordnung.
Die Fischer-Chöre stehen für eine moderne Form des gemeinschaftlichen

.
Die Skulptur nach dem Balladenmotiv heißt

.
Das Lied gilt als inoffizielle württembergische

.
Kerners Text ist heute urheberrechtlich

.
Moderne Tonaufnahmen und Arrangements können weiterhin

sein.




Offene Aufgaben


Leicht

  1. Zeitleiste Württemberg: Erstelle eine Zeitleiste mit den Jahren 1445, 1477, 1482, 1495, 1818 und 2002. Ergänze zu jedem Jahr einen kurzen erklärenden Satz.
  2. Bildbeschreibung Eberhardsgruppe: Beschreibe die Haltung der Figuren auf dem Denkmal. Erkläre anschließend, welche Textaussage der Ballade sichtbar gemacht wird.
  3. Hörprotokoll Chorgesang: Höre eine der eingebetteten Aufnahmen und notiere Tempoeindruck, Lautstärkeverlauf, Textverständlichkeit und Wirkung des gemeinsamen Singens.
  4. Begriff Reichtum: Sammle verschiedene Bedeutungen von Reichtum und vergleiche sie mit Kerners Umdeutung des Begriffs.


Standard

  1. Quellenkritik: Vergleiche die Ballade mit einem sachlichen historischen Text über den Reichstag von Worms 1495. Markiere belegbare Ereignisse und literarische Ausschmückungen.
  2. Regionale Identität: Befrage mindestens drei Personen, welche Lieder, Orte oder Symbole sie mit Württemberg oder Baden-Württemberg verbinden. Werte Gemeinsamkeiten und Unterschiede aus.
  3. Chorarrangement: Entwickle für eine Strophe eine eigene einfache, neu geschaffene zweite Stimme oder einen Bordun. Verwende nicht das geschützte Arrangement einer bestehenden Aufnahme.
  4. Medienvergleich: Vergleiche Gedicht, Denkmal und YouTube-Aufnahme. Erkläre, welches Medium den Gedanken des Vertrauens jeweils am stärksten hervorhebt und warum.


Schwer

  1. Erinnerungskultur Württemberg: Recherchiere ein weiteres württembergisches Denkmal, Lied oder Fest mit historischem Bezug und analysiere, welches Bild der Region dadurch vermittelt wird.
  2. Historisches Narrativ: Schreibe einen Essay darüber, wie aus einem historischen Ereignis eine identitätsstiftende Erzählung werden kann. Nutze „Der reichste Fürst“ als Fallbeispiel.
  3. Public History Video: Produziere ein kurzes Erklärvideo mit eigenen Bildern, Karten oder frei lizenzierten Commons-Medien. Trenne darin deutlich zwischen historischer Tatsache, Überlieferung und poetischer Gestaltung.
  4. Exkursion Stuttgart: Plane eine Exkursion zur Eberhardsgruppe und zu einem weiteren Erinnerungsort in Stuttgart. Entwickle vor Ort Fragen zur Wirkung von Denkmälern im öffentlichen Raum.




Text bearbeiten Bild einfügen Video einbetten Interaktive Aufgaben erstellen



Lernkontrolle

  1. Historische Ebenen: Erkläre an einem selbst gewählten Beispiel aus dem Lied, wie sich das Ereignis von 1495, Kerners Deutung von 1818 und die moderne Chorrezeption voneinander unterscheiden.
  2. Reichtum als Wertbegriff: Übertrage die Grundidee des Liedes auf eine heutige Gemeinde oder Organisation. Welche nichtmateriellen Formen von „Reichtum“ könnten dort wichtig sein? Begründe Deine Auswahl.
  3. Quellenkritische Bewertung: Formuliere Kriterien, mit denen Du prüfen würdest, ob eine Liedaussage als historische Tatsache verwendet werden darf.
  4. Musik und Gemeinschaft: Erkläre, warum gemeinsames Singen Zugehörigkeit erzeugen kann, ohne dass alle Beteiligten dieselben politischen oder historischen Ansichten teilen müssen.
  5. Denkmalanalyse: Untersuche, welche Teile der Ballade die Eberhardsgruppe sichtbar macht und welche Aspekte sie nicht zeigen kann.
  6. Perspektivwechsel: Schreibe die zentrale Szene aus Sicht eines württembergischen Bauern oder einer städtischen Bewohnerin des 15. Jahrhunderts neu. Mache deutlich, welche Perspektive im Original fehlt.




Lernnachweis

Für einen Lernnachweis zu diesem Thema ist wichtig, dass Du nicht nur Jahreszahlen kennst, sondern Zusammenhänge erklären kannst.

  1. Du kannst Justinus Kerner, Eberhard im Bart und Gotthilf Fischer zeitlich und funktional voneinander unterscheiden.
  2. Du kannst erklären, warum 1495 und 1818 unterschiedliche historische Ebenen darstellen.
  3. Du kannst die zentrale Umdeutung von materiellem zu sozialem Reichtum beschreiben.
  4. Du kannst die Begriffe Traditionslied, Volksweise, Chorgesang, Erinnerungskultur und regionale Identität sinnvoll verwenden.
  5. Du kannst historische Tatsache, Überlieferung und literarische Gestaltung voneinander trennen.
  6. Du kannst die Wirkung eines Liedes als Medium regionaler Identitätsbildung analysieren.
  7. Du kannst ein historisches Bild, ein Denkmal oder eine Aufnahme quellenkritisch untersuchen.
  8. Du kannst erläutern, warum gemeinfreier Text und geschützte moderne Aufnahme rechtlich unterschiedlich behandelt werden.




OERs zum Thema



Verknüpfte Lernbereiche


Einordnung in Fächer und Kompetenzen

Lernbereich Kompetenz
Geschichte Ereignis, Überlieferung und spätere Deutung unterscheiden
Musik Melodie, Chorklang und gemeinschaftliche Aufführung analysieren
Deutsch Ballade, Erzählperspektive, Metapher und Wertbegriffe untersuchen
Politische Bildung historische Herrschaftsbegriffe wie „Untertan“ kontextualisieren
Kunst Denkmal und Visualisierung literarischer Motive deuten
Medienbildung Tonaufnahme, Video, Bild und Text hinsichtlich ihrer Wirkung vergleichen
Landeskunde Württemberg als historischen und kulturellen Bezugsraum einordnen


aiMOOC-Projekte

MOOCwiki · Deutsch

Nach dem Lernen ist vor dem Lernen

Entdecke direkt den nächsten Lernkurs. Weitere Inhalte erscheinen, wenn Du weiter nach unten scrollst.

Zur MOOCwiki-Hauptseite
Inhalte werden geladen ...

Mediathek wird aus dem Wiki geladen ...