Faust I - Johann Wolfgang von Goethe

Faust I - Johann Wolfgang von Goethe
Faust I - Johann Wolfgang von Goethe
Einleitung
Johann Wolfgang von Goethes Faust I gehört zu den zentralen Werken des deutschsprachigen Literaturkanons und ist zugleich besonders prüfungsrelevant für das Abitur 2027. Das Drama verbindet eine philosophische Tragödie über Erkenntnis, Wissenschaft, menschliches Streben und Grenzüberschreitung mit der gesellschaftlich und religiös geprägten Gretchentragödie. Dadurch eignet es sich besonders für Aufgaben zur Dramenanalyse, Szenenanalyse, Figurencharakterisierung, literarischen Erörterung und zum Vergleich von Menschenbildern.
Für Deine Abiturvorbereitung solltest Du das Werk nicht nur inhaltlich kennen. Entscheidend ist, dass Du Figuren, Motive, Sprache, Dramaturgie, Epochenbezüge und zentrale Szenen miteinander verknüpfen kannst. Besonders wichtig sind die Beziehungen zwischen Faust, Mephisto und Gretchen, die Frage nach Erkenntnis und Lebenssinn, die unterschiedlichen Vorstellungen vom Menschen, das Verhältnis von Religion und Zweifel sowie die Frage nach individueller und gesellschaftlicher Schuld.
Das folgende Video bietet einen kompakten ersten Überblick über Handlung und Figuren. Es ersetzt die Lektüre des Dramas nicht, kann Dir aber beim Wiederholen helfen.
Prüfungsrelevanz für das Abitur 2027
Hessen: Im Landesabitur 2027 ist Goethes Faust I sowohl im Grundkurs als auch im Leistungskurs als verbindliche Lektüre für Q2 ausgewiesen. Grundlage ist erstmals das überarbeitete Kerncurriculum Deutsch, Ausgabe 2024. Zu den schriftlichen Aufgabenarten gehören unter anderem die Interpretation literarischer Texte, die Erörterung literarischer Texte sowie weitere Formen des textbezogenen und materialgestützten Schreibens. Für Deine Vorbereitung bedeutet das: Eine bloße Inhaltsangabe reicht nicht aus. Du musst Szenen präzise analysieren, Deutungen begründen und das Drama auch in größere literatur- und ideengeschichtliche Zusammenhänge einordnen können.
Saarland: Für das Abitur 2027 gilt die APA Deutsch 2024. Das offizielle Lehrplanelement zu Faust I setzt unter anderem den dreifachen Zugang aus „Zueignung“, „Vorspiel auf dem Theater“ und „Prolog im Himmel“, die Gelehrtentragödie, die Gretchentragödie, Fausts Erkenntniskrise, sein Streben und seinen Dualismus, die Bedeutung des Osterspaziergangs, Religionsbezüge, Reisestationen sowie sprachliche und formale Gestaltungsmittel als verbindliche Schwerpunkte. Besonders wichtig ist deshalb die Fähigkeit, eine unbekannte literarische Passage zu interpretieren und sie aspektorientiert mit dem bekannten Drama zu vergleichen oder auf das Drama zu beziehen.
Amtliche Orientierung: Abiturerlass Hessen 2027 und Lehrpläne und Prüfungsanforderungen Saarland.
Entstehung, Fauststoff und Werkgeschichte
Goethe arbeitete über viele Jahrzehnte am Fauststoff. Der frühe Urfaust entstand in den 1770er-Jahren und steht deutlich im Umfeld des Sturm und Drang. 1790 erschien Faust. Ein Fragment. Die abgeschlossene Fassung von Faust. Eine Tragödie, heute meist Faust I genannt, erschien 1808. Diese lange Entstehungsgeschichte erklärt, weshalb das Werk nicht sinnvoll nur einer einzigen Epoche zugeordnet werden kann.
Der Fauststoff geht auf den historischen Johann Georg Faust und frühneuzeitliche Legenden über einen Gelehrten zurück, der sich mit Magie und dämonischen Kräften einlässt. Goethe verändert diesen Stoff grundlegend: Im Zentrum steht nicht nur die Bestrafung eines sündigen Magiers, sondern die Frage, ob menschliches Streben trotz Irrtum, Schuld und Verfehlung einen Sinn besitzt.
Prüfungsrelevant ist vor allem die Entwicklung des Stoffes: Der frühe Faust ist stärker durch Sturm-und-Drang-Motive wie Geniekult, Gefühl, Grenzüberschreitung und Aufbegehren geprägt. Die spätere Gestaltung verbindet diese Impulse mit klassischer Reflexion, religiös-philosophischer Rahmung und einer komplexeren Anthropologie.
Aufbau und Dramaturgie
Faust I besitzt keine traditionelle Einteilung in fünf Akte. Das Drama ist als Folge sehr unterschiedlicher Szenen gestaltet und weist deutliche Merkmale eines offenen Dramas beziehungsweise Stationendramas auf. Orte, Milieus, Versformen und Handlungsebenen wechseln häufig. Gleichzeitig entstehen innerhalb der Gretchentragödie zunehmend engere Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge.
Ein hilfreiches Strukturmodell unterscheidet drei große Bereiche:
| Bereich | Zentrale Funktion | Prüfungsrelevanz |
|---|---|---|
| Zueignung, Vorspiel auf dem Theater, Prolog im Himmel | poetische, theaterästhetische und metaphysische Rahmung | Selbstreflexion des Theaters, Menschenbild, Weltordnung, Hiob-Bezug |
| Gelehrtentragödie | Fausts Erkenntniskrise, Streben, Grenzüberschreitung und Begegnung mit Mephisto | Erkenntnis, Wissenschaft, Menschenbild, Wette, Sprache, offene Form |
| Gretchentragödie | Liebesbeziehung, soziale Normen, Religion, Schuld und Katastrophe | Gretchen, Liebe, Geschlechterrollen, Verantwortung, Religion, Rettung |
Der dreifache Zugang zum Drama
Zueignung ist eine poetische Erinnerung an frühere Lebens- und Schaffensphasen. Das lyrische Ich blickt auf Vergangenes, verlorene Menschen und die Wiederkehr dichterischer Gestalten. Für eine Prüfung ist wichtig, dass hier bereits das Verhältnis von Erinnerung, Dichtung und Werkentstehung reflektiert wird.
Im Vorspiel auf dem Theater diskutieren Direktor, Dichter und Lustige Person unterschiedliche Vorstellungen davon, was Theater leisten soll. Der Direktor denkt an Wirkung und Publikum, der Dichter an künstlerischen Anspruch, die Lustige Person an Unterhaltung. Die Szene funktioniert deshalb wie eine kleine Poetik des Dramas und eröffnet Fragen nach Kunst, Markt, Publikum und Wirkung.
Im Prolog im Himmel wird die Handlung metaphysisch gerahmt. Mephisto äußert sich spöttisch über den Menschen, während der Herr auf die Fähigkeit des Menschen vertraut, trotz Irrtum einen Weg zu finden. Die Erlaubnis, Faust zu versuchen, erinnert an das biblische Buch Hiob. Für die Interpretation ist entscheidend, zwischen dieser himmlischen Versuchsanordnung und der späteren Vereinbarung zwischen Faust und Mephisto zu unterscheiden.
Gelehrtentragödie: Erkenntniskrise und Streben
Die Gelehrtentragödie beginnt mit Fausts tiefer Krise in der Szene Nacht. Obwohl er Philosophie, Juristerei, Medizin und Theologie studiert hat, empfindet er sein Wissen als unzureichend. Er will nicht nur Einzelwissen sammeln, sondern die verborgene Ordnung der Welt erkennen. Gerade dieses Bedürfnis führt zur Grenzüberschreitung.
Faust versucht unterschiedliche Wege der Entgrenzung: Gelehrsamkeit, Magie, Naturerfahrung, Rausch, sinnliche Erfahrung und schließlich die Bindung an Mephisto. Sein Grundproblem besteht darin, dass keine einzelne Erfahrung dauerhaft genügt. Er bleibt ein strebender Mensch.
Faust ist deshalb keine einfache Heldenfigur. Sein Streben kann als produktive menschliche Kraft gelesen werden, aber ebenso als Ausdruck von Maßlosigkeit, Egozentrik und fehlender Verantwortung. Genau diese Ambivalenz ist für Abituraufgaben zentral.
Nacht
Die Eingangsszene zeigt Faust in einem engen Studierzimmer. Der Raum spiegelt seine geistige und existentielle Enge. Er wendet sich vom traditionellen Buchwissen ab und sucht unmittelbare Erfahrung. Die Beschwörung des Erdgeistes scheitert jedoch: Faust überschätzt sich und wird auf seine menschliche Begrenztheit zurückgeworfen.
Prüfungsrelevant sind hier insbesondere Erkenntnisskeptizismus, Hybris, Raumsymbolik, Licht-Dunkel-Motive, Monologform und die Spannung zwischen Teilwissen und Ganzheit.
Vor dem Tor und Osterspaziergang
Nach der Enge des Studierzimmers öffnet sich der Raum. Natur, soziale Gemeinschaft und Osterfest erzeugen eine Gegenwelt zur nächtlichen Verzweiflung. Die Osterglocken haben zuvor Fausts Suizidversuch unterbrochen. Dadurch werden Religion, Erinnerung und soziale Einbindung zu Kräften, die seine völlige Selbstisolation durchbrechen.
Gleichzeitig bleibt Faust innerlich gespalten. Sein berühmter Dualismus zeigt, dass er zwischen sinnlicher Weltbindung und geistiger Überschreitung lebt. In Prüfungen lässt sich die Szene gut mit der Nacht-Szene vergleichen: Enge und Weite, Isolation und Gemeinschaft, Todesnähe und Wiederbelebung stehen einander gegenüber.
Studierzimmer: Mephisto, Pakt und Wette
Mephisto tritt nicht nur als traditioneller Teufel auf. Er ist Zyniker, Verführer, Kommentator, Satiriker und Gegenstimme zu Fausts Pathos. Seine Selbstbeschreibung als verneinendes Prinzip macht ihn zu einer Figur der Negation. Gleichzeitig ist er innerhalb der Ordnung des Prologs nicht unabhängig von Gott.
Zwischen Faust und Mephisto entsteht eine Vereinbarung: Mephisto dient Faust im Diesseits; Faust setzt seine Zukunft aufs Spiel, falls Mephisto ihn zu einem Augenblick vollständiger Selbstgenügsamkeit bringt. Wichtig ist die Wettstruktur: Faust behauptet, dass sein Streben niemals in endgültiger Zufriedenheit stillstehen werde.
Faust und Mephisto: Gegenspieler und Abhängige
Faust und Mephisto sind Gegenspieler, zugleich aber funktional aufeinander bezogen. Faust will das Ganze, Mephisto zerlegt, relativiert und verspottet. Faust sucht Sinn, Mephisto betont Trieb, Körper, Genuss und Vergänglichkeit. Faust überschreitet Grenzen, Mephisto liefert Mittel, Situationen und Manipulationen.
Eine starke Interpretation vermeidet deshalb zwei Vereinfachungen: Mephisto ist nicht bloß „das Böse“, und Faust ist nicht bloß sein passives Opfer. Mephisto verführt und manipuliert, doch Faust trifft eigene Entscheidungen. Die Schuldfrage muss daher differenziert betrachtet werden.
Prüfungsfrage: Ist Mephisto der Gegenspieler Fausts oder die äußere Verkörperung einer bereits in Faust angelegten Tendenz? Beide Deutungen lassen sich am Text begründen und können in einer literarischen Erörterung gegeneinander abgewogen werden.
Gretchentragödie: Liebe, Gesellschaft und Katastrophe
Nach der Hexenküche verschiebt sich das Zentrum des Dramas. Faust begegnet Margarete, genannt Gretchen. Aus Begehren, Verliebtheit und emotionaler Nähe entwickelt sich eine Beziehung, die von deutlichen Machtunterschieden geprägt ist. Faust ist erfahrener, sozial höhergestellt und durch Mephistos Hilfe handlungsfähiger; Gretchen ist in Familie, Religion und bürgerliche Ehrvorstellungen eingebunden.
Die Gretchentragödie ist deshalb nicht nur eine Liebestragödie. Sie zeigt auch, wie private Beziehungen von Geschlechterrollen, sozialer Kontrolle, religiösen Normen und öffentlicher Ehre geprägt werden.
Gretchen als Figur
Gretchen entwickelt sich stark. Zu Beginn erscheint sie selbstständig genug, Fausts erste Annäherung zurückzuweisen, zugleich lebt sie innerhalb fester religiöser und gesellschaftlicher Normen. Später erlebt sie Liebe, Begehren, Angst, Schuld, soziale Ausgrenzung und Verzweiflung.
Entscheidend für die Interpretation ist, Gretchen nicht nur als passives Opfer zu lesen. Sie trifft eigene Entscheidungen, erkennt Mephisto intuitiv als bedrohlich, stellt Faust die entscheidende Religionsfrage und verweigert am Ende im Kerker die Flucht. Gerade diese letzte Entscheidung zeigt eine Form innerer Autonomie.
Gretchens Stube
In Gretchens Stube wird innere Erfahrung lyrisch gestaltet. Das Motiv des Spinnrades verbindet Bewegung und Stillstand: Äußerlich arbeitet Gretchen weiter, innerlich kreist ihr Denken um Faust. Wiederholung, Rhythmus und Liedform machen ihre emotionale Fixierung hörbar.
Für eine Szenenanalyse ist wichtig: Formale Beobachtungen sind niemals Selbstzweck. Du solltest immer erklären, wie Rhythmus, Wiederholung, Satzbau und Bildlichkeit Gretchens psychische Situation gestalten.
Marthens Garten und die Gretchenfrage
In Marthens Garten fragt Gretchen Faust nach seiner Haltung zur Religion. Die sogenannte Gretchenfrage ist weit mehr als ein privates Glaubensgespräch. Sie prüft, ob Faust und Gretchen in ihren grundlegenden Wertvorstellungen zusammenpassen.
Faust antwortet ausweichend und formuliert eine religiöse Position, die nicht eng an kirchliche Dogmatik gebunden ist. Seine Sprache nähert sich einem natur- und gefühlsbezogenen Gottesverständnis. Gretchen hingegen braucht eine konkrete moralische und religiöse Orientierung. Die Szene zeigt deshalb einen Wertkonflikt, der für ihre Beziehung zentral ist.
Prüfungsrelevant sind hier Religion, Sprache als Ausweichstrategie, Wahrhaftigkeit, Vertrauen sowie der Gegensatz zwischen individueller Religiosität und institutionell geprägtem Glauben.
Brunnen, Zwinger und Dom
Die Szenen Am Brunnen, Zwinger und Dom verdichten Gretchens soziale und religiöse Krise. Am Brunnen erkennt sie in der Verurteilung einer anderen unverheiratet schwangeren Frau ihre eigene drohende Ausgrenzung. Im Zwinger sucht sie religiösen Halt. Im Dom wird ihre Schuldangst durch die Stimme des Bösen Geistes gesteigert.
Damit wird sichtbar, dass Gretchens Tragödie nicht nur aus individuellen Entscheidungen entsteht. Gesellschaftliche Scham- und Ehrnormen verschärfen ihre Lage. Für das Abitur eignet sich diese Szenenfolge besonders für Aufgaben zur sozialen Kontrolle, Schuldinternalisierung und Funktion religiöser Bildsprache.
Trüber Tag. Feld
Trüber Tag. Feld ist die auffällige Prosaszene des Dramas. Faust erfährt das volle Ausmaß von Gretchens Not und klagt Mephisto an. Mephisto weist die Verantwortung zurück und erinnert Faust daran, dass er selbst Entscheidungen getroffen hat.
Der Wechsel zur Prosa steigert die Unmittelbarkeit und Härte der Auseinandersetzung. Prüfungsrelevant ist die Szene als Wendepunkt der Schuldfrage: Faust erkennt die Katastrophe, versucht aber zunächst, Verantwortung auf Mephisto zu verschieben.
Kerker
Die Kerker-Szene bündelt zentrale Themen des gesamten Dramas: Liebe, Schuld, Wahnsinn, Religion, Freiheit und Rettung. Faust will Gretchen befreien. Gretchen erkennt ihn, erinnert sich an die Toten und verweigert schließlich die Flucht. Sie überantwortet sich dem göttlichen Gericht.
Die abschließende Rettungszusage widerspricht einer rein juristischen Betrachtung. Gretchen ist schuldig geworden, aber die religiöse Ebene des Dramas unterscheidet zwischen strafrechtlicher Schuld, moralischer Verantwortung und göttlicher Gnade. Genau daraus entsteht ein besonders ergiebiger Interpretationskonflikt.
Erkenntnis und Menschenbild
Das Erkenntnisthema reicht vom ersten Monolog bis zur gesamten Wettstruktur. Faust lehnt begrenztes Fachwissen ab, weil er nach umfassender Wahrheit sucht. Sein Scheitern an dieser Totalerkenntnis führt jedoch nicht zu Bescheidenheit, sondern zu immer neuen Versuchen der Entgrenzung.
Im Prolog im Himmel treffen zwei Menschenbilder aufeinander. Mephisto betrachtet den Menschen skeptisch und reduziert ihn auf Schwäche, Trieb und Selbstüberschätzung. Der Herr dagegen vertraut darauf, dass menschliches Streben trotz Irrwegen eine positive Richtung besitzen kann.
Für das Abitur ist besonders wichtig, diese Positionen nicht einfach mit „böse“ und „gut“ gleichzusetzen. Mephistos Kritik trifft reale Schwächen Fausts. Zugleich unterschätzt Mephisto die Fähigkeit des Menschen zu Selbstkorrektur, Bindung, Gewissen und Transzendenz.
Religion und Theodizee
Religion ist kein Randthema. Der Prolog im Himmel setzt die Handlung in einen theologischen Rahmen. Die Osterglocken unterbrechen Fausts Suizidabsicht. Gretchen lebt in einem konkreten christlichen Wertsystem. In Marthens Garten wird Religion zum Prüfstein der Beziehung. Zwinger, Dom und Kerker verbinden Schuld mit Gebet, Gericht und Gnade.
Eine mögliche Deutung fragt nach der Theodizee: Wie kann innerhalb einer göttlichen Ordnung so viel Leid zugelassen werden? Eine andere Deutung konzentriert sich auf Freiheit: Wenn Menschen frei handeln, gehört auch die Möglichkeit des Irrtums und der Schuld zur menschlichen Existenz.
Schuld und Verantwortung
Die Schuldfrage besitzt keine einfache Lösung. Gretchen verabreicht ihrer Mutter ein Mittel, dessen Folgen tödlich sind, gerät in eine uneheliche Schwangerschaft und tötet später ihr Kind. Faust drängt die Beziehung voran, nimmt die Risiken in Kauf, ist an der tödlichen Eskalation mit Valentin beteiligt und lässt Gretchen zeitweise allein. Mephisto organisiert, manipuliert, beschleunigt und verhöhnt.
Für eine differenzierte Abiturantwort solltest Du mindestens vier Ebenen unterscheiden: individuelle Entscheidung, Verführung und Manipulation, soziale Bedingungen sowie religiös-moralische Bewertung. So vermeidest Du eindimensionale Schuldzuweisungen.
Liebe und Begehren
Die Beziehung zwischen Faust und Gretchen schwankt zwischen Begehren, emotionaler Nähe, Projektion und tatsächlicher Zuneigung. Fausts erste Reaktion ist stark von Besitzdenken und erotischem Verlangen geprägt. Später erlebt er in Wald und Höhle intensivere Verbundenheit, bleibt aber unfähig, seine Beziehung zu Gretchen verantwortungsvoll in eine gemeinsame Lebensperspektive zu überführen.
Gretchen erlebt Liebe als vollständige emotionale Bindung. Dadurch entsteht eine Asymmetrie: Was für Faust Teil seines umfassenden Erfahrungsstrebens ist, wird für Gretchen zum Mittelpunkt ihrer Existenz. Genau diese unterschiedliche Bedeutung von Liebe ist ein wichtiger Interpretationsansatz.
Sprache und poetische Gestaltung
Die sprachliche Vielfalt von Faust I ist selbst Bedeutungsträger. Goethe verwendet unterschiedliche Vers- und Strophenformen, freie Rhythmen, liedhafte Formen und Prosa.
| Form | Typische Wirkung | Prüfungsaspekt |
|---|---|---|
| Knittelvers | beweglich, dialogisch, teilweise volkstümlich oder pointiert | Figurenrede und Dynamik |
| Madrigalvers | variable Verslängen und flexible Gesprächsbewegung | emotionale und dialogische Differenzierung |
| Blankvers | gehoben, regelmäßig, klassisch wirkend | Stilniveau und dramatische Funktion |
| freie Rhythmen | gesteigerte Subjektivität und emotionale Beweglichkeit | Fausts Pathos und innere Dynamik |
| Lied- und Volksliedformen | Eingängigkeit, Wiederholung, emotionale Verdichtung | besonders Gretchen |
| Prosa | Unmittelbarkeit und Bruch mit der dominierenden Verssprache | besonders „Trüber Tag. Feld“ |
Leitmotive sind ebenfalls wichtig: Licht und Finsternis, Höhe und Tiefe, Enge und Weite, Teil und Ganzes, Natur und Künstlichkeit, Reinheit und Verführung. In einer Prüfung solltest Du Motive nicht nur benennen, sondern ihre Entwicklung über mehrere Szenen verfolgen.
Zentrale Szenen für das Abitur
| Szene | Zentraler Inhalt | Typische Prüfungsfrage |
|---|---|---|
| Prolog im Himmel | Weltordnung, Menschenbilder, Versuchsanordnung | Wie unterscheiden sich Herr und Mephisto in ihrer Sicht auf den Menschen? |
| Nacht | Erkenntniskrise, Magie, Hybris, Suizidgedanke | Wie gestaltet Goethe Fausts Scheitern an der Erkenntnis? |
| Vor dem Tor | Natur, Gemeinschaft, Ostererfahrung, Dualismus | Welche Funktion hat der Raumwechsel gegenüber „Nacht“? |
| Studierzimmer II | Wette, Dienstverhältnis, Streben | Was setzt Faust tatsächlich aufs Spiel? |
| Hexenküche | Verjüngung, Begehren, Sinnlichkeit | Wie verschiebt sich Fausts Streben von Erkenntnis zu Erfahrung? |
| Straße und Abend | erste Begegnung, Schmuck, soziale Differenz | Wie werden Macht und Begehren in der Annäherung sichtbar? |
| Garten und Marthens Garten | Liebe, Selbstbild, Religion | Welche Konflikte treten hinter der Liebesbeziehung hervor? |
| Wald und Höhle | Naturerfahrung, Liebe, Selbstreflexion | Ist Faust hier geläutert oder weiterhin egozentrisch? |
| Am Brunnen, Zwinger, Dom | soziale Ächtung, Schuld, Religion | Wie wird äußerer sozialer Druck zu innerer Schuld? |
| Trüber Tag. Feld | Verantwortung, Anklage Mephistos, Prosa | Wie verteilt die Szene Schuld zwischen Faust und Mephisto? |
| Kerker | Liebe, Wahnsinn, Entscheidung, Rettung | Warum scheitert Fausts Befreiungsversuch und was bedeutet Gretchens Rettung? |
Epochenbezüge
Faust I ist ein Werk mit langer Entstehungsgeschichte und kann nicht sinnvoll auf eine einzige Epoche reduziert werden.
Sturm und Drang: Der frühe Faust zeigt das aufbegehrende Individuum, Geniedenken, emotionale Intensität, Naturbezug und den Drang zur Grenzüberschreitung. Besonders die Gretchentragödie besitzt Wurzeln in der frühen Werkphase.
Aufklärung: Wissenschaft, Vernunft, Religionskritik und die Frage nach den Grenzen rationaler Erkenntnis bilden einen wichtigen Hintergrund. Faust ist hochgebildet, aber gerade die Grenzen des aufgeklärten Wissens werden problematisiert.
Weimarer Klassik: Die spätere Gestaltung bringt stärkere Reflexion, anthropologische Weite und die Frage nach einer Ordnung des Menschlichen ein. Fausts Streben wird nicht nur verurteilt, sondern als ambivalente Grundbewegung des Menschen betrachtet.
Romantik und Literatur um 1800: Nacht, Magie, Übersinnliches, Entgrenzung und das Interesse am Unbewussten weisen Berührungspunkte mit romantischen Motiven auf. Für Hessen ist dieser Vergleich besonders interessant, weil im Abitur 2027 auch Literatur um 1800, insbesondere die Romantik, zum verbindlichen Kontext gehört.
Interpretationsansätze
Erkenntnistheoretische Deutung: Faust verkörpert den Menschen, der sich mit begrenztem Wissen nicht zufriedengibt. Das Drama untersucht die produktive und gefährliche Seite dieses Strebens.
Anthropologische Deutung: Fausts innere Gegensätze stehen für ein Menschenbild, in dem Vernunft, Körper, Gefühl, Trieb, Moral und Transzendenz miteinander ringen.
Religiöse Deutung: Der Prolog, die Ostererfahrung, die Gretchenfrage und die Kerker-Szene stellen menschliche Freiheit in eine göttliche Ordnung. Irrtum führt nicht automatisch zum endgültigen Verlust.
Gesellschaftskritische Deutung: Gretchens Katastrophe wird durch bürgerliche Sexualmoral, Ehrvorstellungen und ungleiche Geschlechterrollen verschärft. Ihre private Tragödie besitzt eine soziale Dimension.
Psychologische Deutung: Mephisto kann als äußere Versucherfigur gelesen werden, zugleich aber auch als dramatisierte Seite von Fausts eigener Negativität, Begierde und Rücksichtslosigkeit.
Dramaturgische Deutung: Die heterogene Form mit Szenenwechseln, Versarten, Liedern, Prosa, Komik und Tragik bildet Fausts Suche nach Totalität auch formal ab.
Typische Prüfungsaufgaben
Die folgenden Aufgaben sind keine Original-Abituraufgaben, orientieren sich aber an den für Hessen und das Saarland relevanten Kompetenzanforderungen.
- Szenenanalyse: Analysiere einen Auszug aus „Marthens Garten“ hinsichtlich Gesprächsführung, sprachlicher Gestaltung und religiösem Konflikt. Deute die Szene im Zusammenhang der Beziehung zwischen Faust und Gretchen.
- Figurenvergleich: Vergleiche die Menschenbilder des Herrn und Mephistos im „Prolog im Himmel“ und beurteile, welche Position durch den weiteren Verlauf von „Faust I“ gestützt oder problematisiert wird.
- Literarische Erörterung: Erörtere die These, Gretchen sei weniger Opfer Mephistos als Opfer von Fausts Verantwortungslosigkeit und gesellschaftlichen Normen.
- Vergleichende Interpretation: Interpretiere einen unbekannten literarischen Text über Erkenntnis- oder Grenzerfahrung und vergleiche ihn aspektorientiert mit Fausts Erkenntniskrise.
- Dramaturgie: Untersuche, wie der Wechsel zwischen Vers und Prosa, Lied und Dialog die psychische Entwicklung der Figuren sichtbar macht.
- Epochenvergleich: Prüfe, welche Merkmale des Sturm und Drang und der Weimarer Klassik sich in ausgewählten Szenen nachweisen lassen und wo eine eindeutige Epocheneinordnung scheitert.
Schreibstrategie für Szenenanalysen
Eine überzeugende Abituranalyse verbindet Textnähe und Gesamtdeutung. Beginne mit einer klaren Deutungshypothese. Ordne die Szene in den Handlungsverlauf ein, untersuche Gesprächsstruktur, Figureninteressen, Sprache, Versform, Motive und dramaturgische Funktion und verknüpfe Deine Beobachtungen anschließend mit zentralen Themen des Gesamtwerks.
Besonders wichtig ist die funktionale Analyse: Schreibe nicht nur „Es gibt einen Knittelvers“, sondern erkläre, welche Wirkung die Form im konkreten Gespräch erzeugt. Schreibe nicht nur „Mephisto ist ironisch“, sondern zeige, wie Ironie seine Machtstrategie, seine Weltsicht oder seine Beziehung zu Faust prägt.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Welche Stellung hat Faust I im hessischen Landesabitur 2027? (Es ist im Grundkurs und Leistungskurs als verbindliche Lektüre in Q2 ausgewiesen) (!Es ist nur im Leistungskurs verbindlich) (!Es gehört ausschließlich zur Einführungsphase) (!Es ist nur eine freiwillige Zusatzlektüre)
Welche drei Texte bilden den dreifachen Zugang zu Faust I? (Zueignung Vorspiel auf dem Theater Prolog im Himmel) (!Nacht Vor dem Tor Hexenküche) (!Straße Abend Garten) (!Wald und Höhle Dom Kerker)
Was steht im Zentrum der Gelehrtentragödie? (Fausts Erkenntniskrise und sein Streben nach Entgrenzung) (!Gretchens gesellschaftlicher Aufstieg) (!Mephistos Wunsch nach wissenschaftlichem Ruhm) (!Valentins politische Karriere)
Welche Funktion hat der Prolog im Himmel? (Er rahmt die Handlung durch gegensätzliche Menschenbilder und eine Versuchsanordnung) (!Er erzählt Gretchens Kindheit) (!Er beendet die Gretchentragödie) (!Er schildert Fausts Universitätsprüfung)
Worauf zielt die sogenannte Gretchenfrage? (Auf Fausts Haltung zur Religion) (!Auf Fausts Vermögen) (!Auf Mephistos Herkunft) (!Auf Wagners wissenschaftliche Methode)
Welche Szene fällt durch ihre Prosaform besonders auf? (Trüber Tag Feld) (!Prolog im Himmel) (!Gretchens Stube) (!Zueignung)
Welche Aussage beschreibt Mephisto am treffendsten? (Er ist Verführer Zyniker und Prinzip der Negation) (!Er ist ein neutraler Erzähler ohne Einfluss) (!Er ist Gretchens Bruder) (!Er vertritt ausschließlich Fausts religiöse Überzeugungen)
Warum ist die Kerker Szene besonders wichtig? (Sie bündelt Schuld Freiheit Religion und Gretchens Rettung) (!Sie führt Faust erstmals in die Universität ein) (!Sie zeigt den Beginn der Hexenküche) (!Sie erklärt Goethes Italienreise)
Welche Formbeschreibung passt am besten zu Faust I insgesamt? (Ein offenes Drama mit stationenartiger und sprachlich vielfältiger Struktur) (!Ein streng geschlossenes Drama in fünf Akten) (!Eine Novelle mit Rahmenerzählung) (!Ein ausschließlich prosaischer Roman)
Wie sollte Faust I literaturgeschichtlich eingeordnet werden? (Als epochenübergreifend entstandenes Werk mit Bezügen zu Sturm und Drang und Weimarer Klassik) (!Ausschließlich als expressionistisches Drama) (!Ausschließlich als naturalistische Tragödie) (!Ausschließlich als mittelalterliches Mysterienspiel)
Memory
| Prolog im Himmel | Menschenbilder und metaphysischer Rahmen |
| Nacht | Erkenntniskrise |
| Studierzimmer II | Wette zwischen Faust und Mephisto |
| Marthens Garten | Gretchenfrage |
| Trüber Tag Feld | Prosa und Verantwortungsfrage |
| Kerker | Schuld Freiheit und Rettung |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Thema |
|---|---|
| Erkenntniskrise | Nacht |
| Menschenbilder | Prolog im Himmel |
| Religionskonflikt | Marthens Garten |
| Soziale Ächtung | Am Brunnen |
| Rettung | Kerker |
...
Kreuzworträtsel
| Mephisto | Welche Figur verkörpert in vielen Szenen Negation Verführung und Zynismus? |
| Erkenntnis | Wonach strebt Faust zu Beginn über das gewöhnliche Fachwissen hinaus? |
| Gretchen | Welche Figur stellt Faust die berühmte Religionsfrage? |
| Klassik | Mit welcher Weimarer Literaturepoche wird die spätere Gestaltung des Werkes besonders verbunden? |
| Religion | Welches Thema steht in Marthens Garten im Zentrum des Gesprächs? |
| Schuld | Welcher zentrale Problemkomplex verbindet Faust Mephisto und Gretchen? |
LearningApps
Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Figurenkarte: Erstelle eine übersichtliche Figurenkarte zu Faust Mephisto Gretchen Wagner Valentin und Marthe und markiere Beziehungen Konflikte und Abhängigkeiten.
- Szenenübersicht: Ordne zehn zentrale Szenen des Dramas auf einer Zeitleiste und notiere zu jeder Szene ein Schlüsselthema.
- Motivcollage: Gestalte eine digitale Collage zu den Motiven Licht Finsternis Enge Weite Höhe und Tiefe und ordne jedem Motiv mindestens eine Szene zu.
- Gretchenfrage: Formuliere in eigenen Worten warum Gretchens Religionsfrage für die Beziehung zu Faust entscheidend ist.
Standard
- Szeneninszenierung: Inszeniere mit einer Gruppe Marthens Garten oder Trüber Tag Feld und begründe anschließend Eure Entscheidungen zu Raum Körpersprache Sprechtempo und Betonung.
- Faust und Mephisto: Erstelle ein Streitgespräch in dem Faust und Mephisto ihre jeweiligen Menschenbilder verteidigen und belege die Positionen anschließend mit Textstellen.
- Schulddebatte: Führe eine strukturierte Debatte zur Frage wer die größte Verantwortung für Gretchens Katastrophe trägt und entwickle ein differenziertes Schlussurteil.
- Sprachvergleich: Vergleiche Gretchens Stube mit Trüber Tag Feld und untersuche wie Liedform und Prosa unterschiedliche psychische Zustände gestalten.
Schwer
- Literarische Erörterung: Verfasse eine argumentierende Erörterung zur These dass Fausts Streben zugleich Größe und moralisches Risiko des modernen Menschen verkörpert.
- Epochenprojekt: Vergleiche eine Szene aus Faust I mit einem Text des Sturm und Drang oder der Romantik und prüfe Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Menschenbild Naturverständnis und Sprache.
- Inszenierungsanalyse: Recherchiere zwei unterschiedliche Theaterinszenierungen einer Faust Szene und untersuche wie Bühne Kostüm Licht und Figurenführung jeweils eine eigene Deutung erzeugen.
- Abiturtraining: Entwickle selbst eine zweiteilige Abituraufgabe aus Szenenanalyse und weiterführendem Vergleich und entwirf dazu einen Erwartungshorizont mit fachlichen Kriterien.


Lernkontrolle
- Erkenntnis und Verantwortung: Erkläre wie Fausts Wunsch nach umfassender Erkenntnis mit seiner späteren moralischen Verantwortung gegenüber Gretchen zusammenhängt.
- Menschenbild: Vergleiche die Sicht des Herrn auf den Menschen mit Mephistos Sicht und prüfe an mindestens drei Szenen welche Position durch die Handlung bestätigt oder widerlegt wird.
- Religion und Freiheit: Untersuche ob Religion in Faust I eher als Begrenzung oder als Möglichkeit von Freiheit und Rettung dargestellt wird.
- Dramaturgie: Zeige wie die offene Szenenstruktur des Dramas Fausts Suche nach immer neuen Erfahrungen formal unterstützt.
- Schuldmodell: Entwickle ein Modell das individuelle gesellschaftliche und religiöse Schuld unterscheidet und wende es auf Gretchen Faust und Mephisto an.
- Transfer: Vergleiche Fausts Streben nach grenzenloser Erkenntnis mit einem aktuellen Konflikt um wissenschaftlichen oder technischen Fortschritt und diskutiere Chancen Grenzen und Verantwortung.
Lernnachweis
Für einen überzeugenden Lernnachweis solltest Du zeigen, dass Du zentrale Szenen sicher in den Handlungszusammenhang einordnen, Figurenbeziehungen differenziert erklären und Deutungen textnah begründen kannst. Du solltest außerdem die Gelehrten- und Gretchentragödie miteinander verbinden, Fausts Erkenntniskrise und Menschenbild analysieren, Mephistos Funktion erklären, Gretchens Entwicklung nachvollziehen sowie Religion, Schuld und Liebe als miteinander verknüpfte Themen behandeln können. Hinzu kommen Kenntnisse über offene Dramaturgie, Vers- und Prosaformen, Leitmotive und die epochenübergreifende Entstehung des Werkes. Für das Abitur 2027 ist besonders wichtig, dass Du diese Kenntnisse nicht isoliert wiedergibst, sondern in Szenenanalysen, Vergleichen und literarischen Erörterungen argumentativ einsetzt.
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