Erfahrungen erzählen - Sprechen und Zuhören Deutsch 2


Erfahrungen erzählen - Sprechen und Zuhören Deutsch 2
Erfahrungen erzählen - Sprechen und Zuhören Deutsch
Einleitung
Menschen erzählen einander von Erfahrungen, um Erlebtes zu teilen, Zusammenhänge zu erklären, Gefühle auszudrücken und voneinander zu lernen. Eine gelungene mündliche Erfahrungserzählung braucht deshalb mehr als eine Reihe einzelner Ereignisse: Sie benötigt einen verständlichen Aufbau, einen erkennbaren roten Faden, anschauliche Einzelheiten und eine Sprechweise, der andere gut folgen können.
Ebenso wichtig ist das Zuhören. Wer aufmerksam zuhört, zeigt Interesse, versucht die Sichtweise der erzählenden Person zu verstehen und fragt bei Unklarheiten respektvoll nach. Sprechen und Zuhören bilden daher gemeinsam die Grundlage für ein gelungenes Gespräch, für Zusammenarbeit und für einen wertschätzenden Umgang miteinander.
In diesem aiMOOC lernst Du, persönliche Erfahrungen vorzubereiten, frei und verständlich zu erzählen, Deine Stimme und Körpersprache bewusst einzusetzen, anderen aktiv zuzuhören und hilfreiches Feedback zu geben. Du entscheidest dabei immer selbst, welche Erfahrung Du erzählen möchtest. Private oder belastende Erlebnisse musst Du nicht teilen.

Lernziele
Nach der Bearbeitung dieses aiMOOCs kannst Du:
- Erfahrungserzählung: eine geeignete Erfahrung auswählen und ihren Kern bestimmen.
- Erzählstruktur: eine mündliche Erzählung mit Einstieg, Ereignisfolge, Höhepunkt und Abschluss aufbauen.
- Roter Faden: wichtige Informationen sinnvoll ordnen und Nebensächliches weglassen.
- Anschauliches Erzählen: Gefühle, Wahrnehmungen und Handlungen sprachlich lebendig darstellen.
- Freies Sprechen: mithilfe von Stichwörtern zusammenhängend und adressatengerecht sprechen.
- Sprechgestaltung: Lautstärke, Tempo, Pausen und Intonation bewusst einsetzen.
- Aktives Zuhören: Aufmerksamkeit zeigen, Gehörtes zusammenfassen und passende Rückfragen stellen.
- Feedback: Beobachtungen wertschätzend und konkret formulieren.
- Privatsphäre: persönliche Grenzen, Einverständnis und Datenschutz beachten.
Erfahrungen erzählen
Was ist eine Erfahrungserzählung?
Eine Erfahrung entsteht nicht nur dadurch, dass etwas geschieht. Entscheidend ist auch, wie eine Person das Geschehen wahrnimmt, deutet und bewertet. Beim Erzählen einer Erfahrung verbindest Du deshalb äußere Ereignisse mit Deiner persönlichen Sicht.
Im Unterricht ist folgende Unterscheidung hilfreich:
| Form | Schwerpunkt | Beispiel |
|---|---|---|
| Bericht | sachliche und möglichst genaue Information | Du berichtest, wann ein Ausflug begann, welche Stationen besucht wurden und wann die Gruppe zurückkam. |
| Erfahrungserzählung | persönliches Erleben und seine Bedeutung | Du erzählst, warum Du Dich bei einer Aufgabe zunächst unsicher fühltest und was Du daraus gelernt hast. |
| Fiktionale Erzählung | erfundene Handlung | Du entwickelst eine Geschichte über eine Reise in eine unbekannte Welt. |
Eine Erfahrungserzählung darf sachliche Informationen enthalten. Ihr besonderer Wert liegt jedoch darin, dass die Zuhörenden nachvollziehen können, was Du erlebt, gedacht, gefühlt oder erkannt hast.
Eine geeignete Erfahrung auswählen
Nicht jedes Erlebnis eignet sich gleich gut zum Erzählen. Eine passende Erfahrung hat meist einen klaren Kern: Etwas war überraschend, schwierig, lustig, peinlich, mutig, ärgerlich, lehrreich oder besonders schön. Entscheidend ist nicht, wie spektakulär das Ereignis war, sondern ob Du zeigen kannst, warum es für Dich bedeutsam war.
Hilfreiche Leitfragen sind:
- Erzählanlass: Was ist passiert?
- Bedeutung: Warum erinnere ich mich daran?
- Wendepunkt: Wann hat sich etwas verändert?
- Gefühl: Wie habe ich mich vorher, währenddessen und danach gefühlt?
- Erkenntnis: Was denke ich heute über die Erfahrung?
Du darfst eine Erfahrung vereinfachen, Namen verändern oder unwichtige Einzelheiten weglassen. Du solltest aber kenntlich machen, wenn Du Teile erfunden hast.
Der Aufbau einer gelungenen Erzählung
Eine verständliche Erfahrungserzählung folgt meist einer erkennbaren Ordnung. Die folgende Struktur ist kein starres Gesetz, sondern eine hilfreiche Orientierung:
| Abschnitt | Funktion | Leitfragen |
|---|---|---|
| Einstieg | führt in die Situation ein | Wer war beteiligt? Wo und wann geschah es? Was war die Ausgangslage? |
| Ereignisfolge | entwickelt das Geschehen | Was geschah zuerst? Was folgte danach? Welche Schwierigkeit entstand? |
| Höhepunkt | zeigt den entscheidenden Moment | Wann wurde es besonders spannend, überraschend oder wichtig? |
| Folge | erklärt die unmittelbare Reaktion | Was geschah nach dem entscheidenden Moment? |
| Abschluss | macht die Bedeutung der Erfahrung deutlich | Was habe ich gedacht, gefühlt oder gelernt? Was würde ich heute anders machen? |
Orientierung im Einstieg
Die Zuhörenden benötigen zu Beginn genügend Informationen, um sich die Situation vorstellen zu können. Ein Einstieg sollte deshalb knapp auf wichtige Fragen antworten. Zu viele Namen, Orte oder Nebenumstände überfordern dagegen das Gedächtnis.
Ein wenig hilfreicher Einstieg wäre:
Also, das war irgendwann, und dann waren da noch andere Leute, und dann ist etwas passiert.
Ein hilfreicherer Einstieg wäre:
Am ersten Tag unseres Schullandheimaufenthalts sollten wir in Dreiergruppen einen Weg durch den Wald finden. Ich war mit Leila und Ben unterwegs und wollte unbedingt die Karte lesen.
Der zweite Einstieg nennt den Zeitpunkt, den Ort, die Beteiligten und die Ausgangssituation. Dadurch können die Zuhörenden dem weiteren Verlauf leichter folgen.
Der rote Faden
Der rote Faden verbindet die einzelnen Teile Deiner Erzählung. Er entsteht, wenn Du Dich auf die zentrale Erfahrung konzentrierst und die Ereignisse in einer nachvollziehbaren Reihenfolge darstellst.
Zeitliche Verknüpfungen helfen bei der Orientierung:
| Funktion | Mögliche Formulierungen |
|---|---|
| Beginn | zuerst, am Anfang, als wir ankamen, an diesem Morgen |
| Fortsetzung | danach, kurz darauf, währenddessen, einige Minuten später |
| Gleichzeitigkeit | gleichzeitig, während ich wartete, in diesem Moment |
| Wendepunkt | plötzlich, genau da, unerwartet, dann geschah etwas Entscheidendes |
| Abschluss | schließlich, am Ende, seitdem, im Rückblick |
Ein roter Faden bedeutet nicht, jede Kleinigkeit chronologisch aufzuzählen. Gute Erzählerinnen und Erzähler wählen die Einzelheiten aus, die für das Verständnis und die Wirkung wichtig sind.
Anschaulich erzählen
Anschauliches Erzählen ermöglicht den Zuhörenden, sich die Situation vorzustellen. Dabei helfen genaue Verben, passende Beschreibungen, Wahrnehmungen und Gefühle.
Statt Ich ging schnell zur Tür kannst Du sagen: Ich rannte zur Tür, stolperte fast über meinen Rucksack und riss sie auf.
Statt Ich hatte Angst kannst Du genauer erzählen: Mein Herz klopfte, und ich überlegte einen Moment, ob ich einfach wieder umdrehen sollte.
Mögliche Gestaltungsmittel sind:
- Sinneseindruck: Was konntest Du sehen, hören, riechen, fühlen oder schmecken?
- Gefühlsbeschreibung: Welche körperliche Reaktion oder welcher Gedanke zeigte Dein Gefühl?
- Wörtliche Rede: Welche kurze Äußerung war für die Situation wichtig?
- Genaues Verb: Schlenderte, hastete, flüsterte oder rief jemand?
- Vergleich: Womit ließ sich ein Eindruck anschaulich vergleichen?
Anschauliche Einzelheiten sollten gezielt eingesetzt werden. Zu viele Beschreibungen können den roten Faden verdecken.
Gedanken und Gefühle ausdrücken
Eine Erfahrung wird verständlicher, wenn Du nicht nur sagst, was geschehen ist, sondern auch Deine innere Reaktion erklärst. Dabei kannst Du zwischen Gedanken, Gefühlen und Bewertungen unterscheiden.
| Ebene | Beispiel |
|---|---|
| Gedanke | Ich dachte, dass die anderen bestimmt schon am Ziel wären. |
| Gefühl | Ich wurde unruhig und fühlte mich verantwortlich. |
| Bewertung | Im Rückblick war es richtig, dass wir angehalten und gemeinsam neu geplant haben. |
Gefühle können unterschiedlich wahrgenommen und ausgedrückt werden. Deshalb solltest Du nicht behaupten, andere hätten sich sicher genauso gefühlt wie Du. Formuliere aus Deiner eigenen Perspektive.
Der Höhepunkt und die Bedeutung
Der Höhepunkt ist der Moment, in dem die zentrale Schwierigkeit, Überraschung oder Veränderung besonders deutlich wird. Beim Sprechen kannst Du diesen Moment durch eine kurze Pause, ein langsameres Tempo oder eine veränderte Stimme hervorheben.
Eine Erfahrungserzählung endet nicht unbedingt mit einem allgemeinen Lehrsatz. Häufig genügt eine konkrete Reflexion:
Seit diesem Tag frage ich früher nach Hilfe, wenn ich eine Aufgabe nicht verstanden habe.
Ich habe gemerkt, dass Mut nicht bedeutet, keine Angst zu haben, sondern trotz der Angst zu handeln.
Heute muss ich über die Situation lachen, obwohl sie mir damals sehr peinlich war.
Verständlich und wirkungsvoll sprechen
Frei sprechen mit Stichwörtern
Beim freien Sprechen solltest Du nicht jeden Satz auswendig lernen. Auswendig gelernte Texte wirken oft starr, und ein vergessenes Wort kann den gesamten Ablauf unterbrechen. Besser ist ein kurzer Stichwortzettel.
Eine mögliche Fünf-Finger-Hilfe lautet:
- Daumen: Wer war beteiligt?
- Zeigefinger: Wo und wann geschah es?
- Mittelfinger: Was war die Schwierigkeit oder der Konflikt?
- Ringfinger: Was war der entscheidende Moment?
- Kleiner Finger: Wie endete die Situation, und was bedeutete sie für mich?
Notiere nur Schlüsselwörter. So behältst Du den Aufbau im Blick und kannst trotzdem natürlich formulieren.
Stimme und Sprechtempo
Die Stimme trägt wesentlich dazu bei, wie eine Erzählung verstanden und erlebt wird.
| Sprechmittel | Wirkung | Hinweis |
|---|---|---|
| Lautstärke | macht die Stimme hörbar und kann Wichtiges hervorheben | Sprich so laut, dass alle Dich verstehen, ohne dauerhaft zu rufen. |
| Sprechtempo | beeinflusst Verständlichkeit und Spannung | Sprich an wichtigen Stellen eher langsamer. |
| Pause | gibt Zeit zum Verstehen und kann einen Wendepunkt betonen | Pausen sind kein Fehler, sondern ein Gestaltungsmittel. |
| Intonation | vermittelt Aussageabsicht und Gefühl | Vermeide eine gleichförmige Sprechmelodie. |
| Artikulation | sorgt für deutliche Wörter und Satzgrenzen | Sprich Endungen hörbar, aber nicht übertrieben. |
Füllwörter wie äh, also oder irgendwie sind beim spontanen Sprechen normal. Wenn sie sehr häufig auftreten, kannst Du bewusst kurze Pausen setzen.
Körpersprache
Zur Körpersprache gehören Haltung, Mimik, Gestik und die Ausrichtung zum Gegenüber. Eine offene Haltung und eine dem Gespräch zugewandte Position können Interesse und Sicherheit vermitteln.
Blickkontakt kann die Verbindung zu den Zuhörenden unterstützen, ist aber nicht für alle Menschen gleich angenehm oder möglich. Kulturelle Gewohnheiten, Neurodiversität, Sehbeeinträchtigungen oder persönliche Bedürfnisse können eine Rolle spielen. Entscheidend ist nicht ein starrer Blickkontakt, sondern eine respektvolle und aufmerksame Gesprächshaltung.
Adressatengerecht erzählen
Du erzählst nicht in jeder Situation auf dieselbe Weise. Überlege, was Deine Zuhörenden bereits wissen, welche Wörter sie verstehen und wie ausführlich die Erzählung sein sollte.
Für eine jüngere Gruppe erklärst Du unbekannte Begriffe. In einer Prüfung achtest Du besonders auf einen klaren Aufbau. Unter Freundinnen und Freunden kannst Du lockerer sprechen. In einer offiziellen Situation solltest Du private Einzelheiten anderer Personen schützen und eine angemessene Sprache verwenden.
Aufmerksam und aktiv zuhören
Hören und Zuhören
Hören bezeichnet zunächst die Wahrnehmung von Schall. Zuhören bedeutet darüber hinaus, die Aufmerksamkeit auf eine Äußerung zu richten, ihren Sinn zu erfassen und angemessen darauf zu reagieren. Zuhören ist deshalb eine aktive Leistung.
Beim Erzählen beeinflussen sich Sprechen und Zuhören gegenseitig. Aufmerksame Zuhörende geben der erzählenden Person Sicherheit. Unruhe, Nebenunterhaltungen oder vorschnelle Unterbrechungen können dagegen den roten Faden stören.
Aktives Zuhören
Aktives Zuhören bedeutet, sich auf die erzählende Person einzulassen und das Verstehen sichtbar oder hörbar zu machen. Dazu gehören verbale und nonverbale Signale.
Hilfreiche Formen sind:
- Aufmerksamkeit: Richte Dich der sprechenden Person zu und vermeide ablenkende Nebentätigkeiten.
- Zuhörsignal: Zeige durch Nicken, Mimik oder kurze Äußerungen, dass Du folgst.
- Ausredenlassen: Unterbrich nicht vorschnell.
- Paraphrase: Gib einen wichtigen Gedanken mit eigenen Worten wieder.
- Rückfrage: Frage nach, wenn etwas unklar geblieben ist.
- Gefühle spiegeln: Formuliere vorsichtig, welches Gefühl Du wahrgenommen hast.
- Zusammenfassung: Fasse am Ende den Kern der Erfahrung zusammen.
Eine Paraphrase könnte lauten: Du hast also zuerst gedacht, dass Du die Aufgabe allein schaffen musst, und warst erleichtert, als die Gruppe Dir geholfen hat.
Eine offene Rückfrage wäre: Was hat Dir in diesem Moment geholfen, weiterzumachen?
Eine geschlossene Rückfrage wäre: War das am Montag? Geschlossene Fragen können Einzelheiten klären, offene Fragen regen meist zu einer ausführlicheren Antwort an.
Gute und ungünstige Zuhörreaktionen
| Situation | Hilfreiche Reaktion | Ungünstige Reaktion |
|---|---|---|
| Eine Person sucht nach Worten. | Eine kurze Pause aushalten. | Den Satz sofort für sie beenden. |
| Eine Einzelheit ist unklar. | Eine sachliche Rückfrage stellen. | Ungeduldig behaupten, die Erzählung sei unverständlich. |
| Die Erfahrung klingt ungewöhnlich. | Nachfragen und die persönliche Sicht respektieren. | Die Erfahrung lächerlich machen. |
| Die erzählende Person zeigt ein Gefühl. | Das wahrgenommene Gefühl vorsichtig ansprechen. | Sofort ungefragt Ratschläge erteilen. |
| Du hast eine andere Meinung. | Erst verstehen, dann die eigene Perspektive als Ich-Botschaft formulieren. | Die Erzählung unterbrechen und widersprechen. |
Zuhören bedeutet nicht automatisch, allem zuzustimmen. Du kannst eine andere Sichtweise haben und trotzdem respektvoll versuchen, die Aussage zu verstehen.
Hilfreiches Feedback geben
Beobachtung statt pauschalem Urteil
Feedback hilft beim Lernen, wenn es konkret, nachvollziehbar und respektvoll ist. Pauschale Urteile wie Das war langweilig oder Du kannst gut erzählen geben wenig Orientierung.
Hilfreicher ist eine Rückmeldung in drei Schritten:
- Wahrnehmung: Was habe ich konkret gehört oder beobachtet?
- Wirkung: Wie wirkte das auf mich als zuhörende Person?
- Hinweis: Welche konkrete Stärke oder nächste Übung sehe ich?
Beispiel:
Beim Höhepunkt hast Du langsamer gesprochen und eine Pause gemacht. Dadurch konnte ich die Überraschung gut nachvollziehen. Am Anfang hätte mir noch geholfen zu wissen, wo die Situation stattfand.
Die Zwei-Sterne-und-ein-Wunsch-Methode
Bei dieser Methode nennst Du zwei konkrete Stärken und einen konkreten Entwicklungswunsch.
| Teil | Beispiel |
|---|---|
| Erster Stern | Dein Einstieg hat Ort und Beteiligte klar genannt. |
| Zweiter Stern | Die wörtliche Rede hat den entscheidenden Moment anschaulich gemacht. |
| Wunsch | Ich wünsche mir am Ende noch einen Satz dazu, was Du aus der Erfahrung mitgenommen hast. |
Der Wunsch bezieht sich auf die Erzählung, nicht auf den Wert der Person.
Verantwortung, Privatsphäre und Gesprächssicherheit
Persönliche Erfahrungen können lustig, alltäglich oder bewegend sein. Niemand muss eine Erfahrung erzählen, die unangenehm, belastend oder zu privat ist. Eine erfundene oder weniger persönliche Übungssituation ist immer möglich.
Beachte folgende Grundsätze:
- Freiwilligkeit: Du entscheidest, welche Erfahrung Du teilst.
- Privatsphäre: Verändere Namen und erkennbare Einzelheiten, wenn andere Personen geschützt werden sollen.
- Einverständnis: Nimm Stimmen oder Videos nur auf, wenn alle betroffenen Personen zugestimmt haben.
- Respekt: Erzählungen werden nicht verspottet, heimlich weitergegeben oder gegen jemanden verwendet.
- Grenzen: Zuhörende dürfen deutlich sagen, wenn sie mit einem Thema überfordert sind.
- Unterstützung: Bei belastenden Erfahrungen kannst Du Dich an eine vertrauenswürdige erwachsene Person oder eine Beratungsstelle wenden.
Beispiel einer Erfahrungserzählung
Modelltext
Als ich zum ersten Mal allein mit dem Bus zu meinem Musikunterricht fahren sollte, war ich sicher, dass alles einfach sein würde. Ich kannte die Haltestelle und hatte die Abfahrtszeit auf meinem Handy gespeichert. Nach ungefähr zehn Minuten bemerkte ich jedoch, dass der Bus in eine Straße abbog, die ich noch nie gesehen hatte. Zuerst dachte ich, es gäbe nur eine Umleitung. Dann hörte ich die Ansage einer Endhaltestelle am anderen Ende der Stadt. Mein Magen fühlte sich plötzlich ganz schwer an. Ich ging zur Fahrerin und sagte leise: „Ich glaube, ich bin in den falschen Bus gestiegen.“ Sie lächelte, erklärte mir den Rückweg und zeigte mir, wo ich umsteigen musste. Zum Unterricht kam ich zwar zu spät, aber ich kam an. Seitdem prüfe ich nicht nur die Abfahrtszeit, sondern auch die Liniennummer und die Fahrtrichtung. Vor allem habe ich gelernt, früher nachzufragen, statt so zu tun, als hätte ich alles unter Kontrolle.
Analyse des Modelltexts
| Merkmal | Umsetzung im Beispiel |
|---|---|
| Orientierung | Die Fahrt zum Musikunterricht bildet die Ausgangssituation. |
| Problem | Die erzählende Person sitzt im falschen Bus. |
| Höhepunkt | Die Ansage der weit entfernten Endhaltestelle macht den Irrtum deutlich. |
| Anschaulichkeit | Die unbekannte Straße, die Ansage und das schwere Gefühl im Magen werden beschrieben. |
| Wörtliche Rede | Die Bitte an die Busfahrerin wird direkt wiedergegeben. |
| Abschluss | Die Person formuliert eine konkrete Erkenntnis für zukünftige Situationen. |
Trainingsweg: Erzählen und Zuhören in vier Runden
| Runde | Erzählende Person | Zuhörende Person | Auswertung |
|---|---|---|---|
| Vorbereitung | wählt eine Erfahrung und erstellt fünf Stichwörter | bereitet zwei offene Rückfragen vor | beide klären Gesprächszeit und Grenzen |
| Erzählen | erzählt zwei bis drei Minuten frei | hört ohne Unterbrechung zu und notiert den Kern | keine Bewertung während des Erzählens |
| Nachfragen | beantwortet nur Fragen, die sie beantworten möchte | paraphrasiert und stellt eine offene Rückfrage | Missverständnisse werden geklärt |
| Feedback | hört die Rückmeldung an und wählt einen Übungsschwerpunkt | nennt zwei Stärken und einen konkreten Wunsch | beide halten einen nächsten Lernschritt fest |

Differenzierung und Inklusion
Nicht alle Lernenden sprechen, hören oder verarbeiten Sprache auf dieselbe Weise. Eine faire Lernumgebung bietet verschiedene Zugänge.
- Vorbereitungszeit: Nutze mehr Denkzeit, einen Stichwortzettel oder Bildkarten.
- Mehrsprachigkeit: Plane die Erfahrung zunächst in einer vertrauten Sprache und sammle anschließend passende deutsche Formulierungen.
- Unterstützte Kommunikation: Verwende Symbole, Gebärden, Kommunikationshilfen oder vorbereitete Satzanfänge.
- Hörbeeinträchtigung: Sorge für Sichtkontakt, wenig Hintergrundgeräusche, schriftliche Schlüsselbegriffe oder technische Hörunterstützung.
- Sprechangst: Erzähle zunächst einer vertrauten Person, in einer Kleingruppe oder als vorbereitete Audioaufnahme mit Einverständnis.
- Neurodiversität: Vereinbare klare Abläufe, akzeptiere unterschiedliche Formen von Blickkontakt und ermögliche Pausen.
- Sprachsensibilität: Korrigiere nicht jede sprachliche Abweichung sofort, sondern konzentriere Dich zunächst auf Verständlichkeit, Aufbau und Gesprächserfolg.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Welche Information gehört besonders in den Einstieg einer Erfahrungserzählung? (Wer beteiligt war und wo die Situation begann) (!Jede spätere Einzelheit der Handlung) (!Die vollständige Bewertung aller Personen) (!Eine lange Erklärung des Feedbacks)
Wodurch entsteht ein roter Faden? (Durch eine sinnvolle Auswahl und Reihenfolge wichtiger Ereignisse) (!Durch möglichst viele ungeordnete Einzelheiten) (!Durch häufige Themenwechsel) (!Durch das Auswendiglernen jedes einzelnen Satzes)
Was bezeichnet den Höhepunkt einer Erfahrungserzählung? (Den entscheidenden oder überraschenden Moment) (!Die Begrüßung vor dem Erzählen) (!Die Liste aller beteiligten Personen) (!Die Rückmeldung der Zuhörenden)
Was macht eine Erzählung besonders anschaulich? (Genaue Verben, passende Wahrnehmungen und konkrete Gefühle) (!Möglichst viele unbekannte Fremdwörter) (!Eine gleichbleibende Stimme ohne Pausen) (!Das Weglassen aller persönlichen Reaktionen)
Welche Reaktion gehört zum aktiven Zuhören? (Den Kerngedanken mit eigenen Worten wiedergeben) (!Die erzählende Person ständig unterbrechen) (!Sofort die eigene Erfahrung ausführlich erzählen) (!Nebenbei Nachrichten auf dem Handy lesen)
Welche Rückmeldung ist besonders hilfreich? (Ich konnte dem Höhepunkt gut folgen und wünsche mir am Anfang noch eine Ortsangabe) (!Das war einfach schlecht) (!Du bist immer langweilig) (!Mach beim nächsten Mal alles anders)
Was solltest Du bei einer sehr privaten Erfahrung beachten? (Du darfst sie weglassen, verändern oder durch eine andere Erfahrung ersetzen) (!Du musst alle Namen und Einzelheiten nennen) (!Du musst sie vor der gesamten Klasse erzählen) (!Du darfst keine persönlichen Grenzen setzen)
Wie kann eine wichtige Stelle beim Sprechen hervorgehoben werden? (Durch eine passende Pause und eine bewusste Veränderung der Stimme) (!Durch dauerhaft sehr schnelles Sprechen) (!Durch undeutliche Aussprache) (!Durch Abwenden von allen Zuhörenden)
Was unterscheidet Zuhören vom bloßen Hören? (Zuhören richtet die Aufmerksamkeit bewusst auf Sinn und Gesprächssituation) (!Zuhören findet nur bei völliger Stille statt) (!Zuhören bedeutet immer Zustimmung) (!Zuhören benötigt keine Reaktion)
Was ist ein sinnvoller Abschluss einer Erfahrungserzählung? (Eine konkrete Reflexion über die Bedeutung der Erfahrung) (!Eine neue, nicht erklärte Nebenhandlung) (!Eine ungeordnete Wiederholung aller Einzelheiten) (!Ein plötzliches Ende mitten im Satz)
Memory
| Roter Faden | Nachvollziehbare Verbindung der Erzählteile |
| Orientierung | Angaben zu Ausgangssituation, Ort und Beteiligten |
| Höhepunkt | Entscheidender Moment der Erfahrung |
| Intonation | Melodische Gestaltung der Stimme |
| Paraphrase | Wiedergabe des Gehörten mit eigenen Worten |
| Ich-Botschaft | Rückmeldung aus der eigenen Wahrnehmung |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Funktion im Gespräch |
|---|---|
| Einstieg | Schafft Orientierung über die Ausgangssituation |
| Reihenfolge | Ordnet die wichtigen Ereignisse nachvollziehbar |
| Detail | Macht eine zentrale Stelle anschaulich |
| Pause | Gibt Zeit zum Verstehen und betont Wichtiges |
| Rückfrage | Klärt eine offene oder unverständliche Stelle |
| Reflexion | Zeigt die persönliche Bedeutung der Erfahrung |
Kreuzworträtsel
| Chronologie | Wie heißt die zeitlich geordnete Abfolge von Ereignissen? |
| Empathie | Wie heißt die Fähigkeit, sich in die Sichtweise anderer einzufühlen? |
| Paraphrase | Wie heißt die Wiedergabe einer Aussage mit eigenen Worten? |
| Intonation | Wie heißt die melodische Gestaltung der Stimme? |
| Höhepunkt | Wie heißt der entscheidende Moment einer Erzählung? |
| Feedback | Wie heißt eine konkrete Rückmeldung zu einer Leistung? |
LearningApps
Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Erzählminute: Wähle eine alltägliche Erfahrung und erzähle sie einer Partnerperson in höchstens einer Minute. Nenne Ausgangssituation, entscheidenden Moment und Abschluss.
- Fünf-Finger-Plan: Zeichne eine Hand und notiere an jedem Finger ein Stichwort zu Beteiligten, Ort und Zeit, Schwierigkeit, Höhepunkt und Bedeutung.
- Zuhörsignale: Beobachte in einem kurzen Gespräch, welche verbalen und nonverbalen Signale Aufmerksamkeit zeigen. Notiere drei hilfreiche Signale und begründe Deine Auswahl.
- Zeitwörter: Erstelle eine Sammlung mit mindestens zwölf zeitlichen Verknüpfungen und ordne sie den Bereichen Beginn, Fortsetzung, Gleichzeitigkeit, Wendepunkt und Abschluss zu.
Standard
- Audioerzählung: Nimm mit Einverständnis aller Betroffenen eine zwei- bis dreiminütige Erfahrungserzählung auf. Höre sie an und markiere eine gelungene Pause sowie eine Stelle, an der Du deutlicher sprechen möchtest.
- Partnerinterview: Befrage eine Person zu einer Lernerfahrung. Formuliere fünf offene Fragen, paraphrasiere eine Antwort und fasse den Kern anschließend sachlich zusammen.
- Perspektivwechsel: Erzähle dieselbe Situation zuerst aus Deiner Sicht und danach vorsichtig aus der möglichen Sicht einer anderen beteiligten Person. Kennzeichne deutlich, was Du nur vermutest.
- Feedbackbogen: Entwickle einen Beobachtungsbogen mit den Kriterien Aufbau, roter Faden, Anschaulichkeit, Stimme, Zuhörverhalten und Datenschutz. Erprobe ihn in einer Kleingruppe.
Schwer
- Podcast: Produziere in einem Team eine fünf- bis achtminütige Podcastfolge über eine gemeinsame schulische Erfahrung. Plant Rollen, Gesprächsregeln, Einverständnis, Schnitt und eine abschließende Reflexion.
- Erzählwerkstatt: Organisiere eine moderierte Erzählrunde, in der unterschiedliche Erfahrungen zu einem gemeinsamen Thema erzählt werden. Entwickle Regeln für Freiwilligkeit, Redezeit, Rückfragen und Feedback.
- Kommunikationsanalyse: Zeichne mit Zustimmung ein kurzes Übungsgespräch auf und untersuche, wie Zuhörsignale, Unterbrechungen, Pausen und Rückfragen den Verlauf beeinflussen. Belege Deine Analyse mit konkreten Gesprächsstellen.
- Mehrsprachiges Erzählen: Gestalte eine Erfahrungserzählung mit zwei Sprachen oder mit sprachlichen und visuellen Ausdrucksformen. Erkläre anschließend, welche Wirkungen und Verständnishilfen durch die Verbindung entstanden sind.


Lernkontrolle
- Einstiege vergleichen: Vergleiche zwei selbst verfasste Einstiege zu derselben Erfahrung. Begründe, welcher Einstieg den Zuhörenden eine bessere Orientierung gibt, und überarbeite den schwächeren Einstieg.
- Erzählung ordnen: Du erhältst eine ungeordnete Erfahrungserzählung. Entwickle zwei mögliche Ordnungen, entscheide Dich für die überzeugendere und begründe, wie dadurch ein roter Faden entsteht.
- Zuhörwirkung analysieren: Erkläre anhand eines Beispiels, wie eine passende Paraphrase den weiteren Verlauf eines Gesprächs verändern kann. Stelle dem eine vorschnelle Bewertung gegenüber.
- Feedback übertragen: Formuliere aus der Aussage Das war langweilig eine konkrete, wertschätzende Rückmeldung mit Beobachtung, Wirkung und Entwicklungswunsch.
- Privatsphäre entscheiden: In einer Erzählung kommen andere erkennbare Personen und sensible Einzelheiten vor. Entwickle eine verantwortbare Lösung und begründe, welche Informationen Du veränderst oder weglässt.
- Sprechgestaltung planen: Markiere in einer kurzen Erzählung den Höhepunkt und plane dort Tempo, Lautstärke, Intonation und Pause. Begründe die beabsichtigte Wirkung auf die Zuhörenden.
Lernnachweis
Für einen Lernnachweis zu diesem Thema sind folgende Leistungen wichtig:
- Vorbereitung: Du wählst eine geeignete Erfahrung und erstellst einen übersichtlichen Stichwortplan.
- Aufbau: Deine Erzählung enthält eine verständliche Ausgangssituation, eine geordnete Ereignisfolge, einen entscheidenden Moment und einen passenden Abschluss.
- Roter Faden: Du konzentrierst Dich auf wichtige Informationen und verknüpfst die Erzählteile nachvollziehbar.
- Anschaulichkeit: Du setzt genaue Verben, ausgewählte Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle oder wörtliche Rede sinnvoll ein.
- Sprechgestaltung: Du sprichst verständlich und nutzt Tempo, Lautstärke, Pausen und Intonation passend.
- Zuhörkompetenz: Du hörst einer anderen Person aufmerksam zu, paraphrasierst den Kern und stellst mindestens eine passende Rückfrage.
- Feedbackkompetenz: Du gibst eine konkrete Stärke und einen begründeten Entwicklungshinweis.
- Reflexion: Du beschreibst nach der Übung, was Dir gelungen ist und welchen nächsten Lernschritt Du planst.
- Verantwortung: Du beachtest Freiwilligkeit, Privatsphäre, Einverständnis und respektvolle Gesprächsregeln.
Ein möglicher Lernnachweis besteht aus einer zwei- bis vierminütigen Erfahrungserzählung, einem kurzen Stichwortplan, einem Zuhörprotokoll zu einer Partnererzählung und einer schriftlichen Selbstreflexion. Die Inhalte der persönlichen Erfahrung werden nicht bewertet; bewertet werden die sprachliche Gestaltung, das Zuhörverhalten und die Reflexion.
OERs zum Thema
Der folgende Wikipedia-Artikel vertieft das aktive Zuhören:
Der folgende Wikipedia-Artikel bietet Hintergrundwissen zur Erzählung:
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