Die Weiße Rose - Geschichte


Die Weiße Rose - Geschichte
Die Weiße Rose - Geschichte
Einleitung
Die Weiße Rose war ein Freundes- und Widerstandsnetzwerk, das 1942 und 1943 vor allem in München gegen die nationalsozialistische Diktatur, den Krieg und die staatlich organisierten Verbrechen protestierte. Den inneren Kreis bildeten die Studierenden Hans Scholl, Sophie Scholl, Alexander Schmorell, Christoph Probst und Willi Graf sowie der Hochschullehrer Kurt Huber. Hinzu kamen Unterstützende, Mitwissende und weiterführende Gruppen in mehreren Städten. Die Bezeichnung Weiße Rose darf deshalb nicht nur auf die Geschwister Scholl verengt werden.
Die Gruppe setzte vor allem auf das geschriebene Wort: Sie verfasste sechs Flugblätter, vervielfältigte sie heimlich, verschickte sie per Post und verteilte sie an öffentlichen Orten. Außerdem brachte sie Parolen wie Freiheit und Nieder mit Hitler an Münchner Gebäuden an. Ihr Widerstand war nicht gewaltsam, aber unter den Bedingungen einer Diktatur lebensgefährlich. Am 18. Februar 1943 wurden Hans und Sophie Scholl bei einer Flugblattaktion in der Ludwig-Maximilians-Universität München entdeckt. In mehreren Verfahren vor dem Volksgerichtshof verurteilte die NS-Justiz Mitglieder der Gruppe zum Tod.

Das Bodendenkmal vor der Münchner Universität erinnert mit steinernen Flugblattseiten daran, dass Texte zu historischen Handlungen werden können. In diesem aiMOOC untersuchst Du die Weiße Rose nicht nur als Heldengeschichte. Du analysierst ihre Handlungsspielräume, Motive, Sprache, Netzwerke, Risiken und Nachwirkungen. Dabei lernst Du, zwischen überlieferten Quellen, späteren Deutungen und gegenwärtiger Erinnerungskultur zu unterscheiden.
Studienfach, Niveau und Kompetenzen
Dieser Kurs ist für das Studienfach Geschichte konzipiert und eignet sich besonders für die gymnasiale Oberstufe, die Universität, die Erwachsenenbildung und fächerübergreifende Lehrveranstaltungen. Im Mittelpunkt stehen Quellenarbeit, Quellenkritik, Multiperspektivität, Sachurteil, Werturteil und die reflektierte Auseinandersetzung mit öffentlichem Gedenken.
Nach der Bearbeitung kannst Du die Weiße Rose in den historischen Kontext der NS-Diktatur einordnen, ihre wichtigsten Personen und Aktionen erklären, Flugblätter als Quellen untersuchen, die Prozesse als Teil nationalsozialistischer Terrorjustiz bewerten und Formen der Erinnerung kritisch vergleichen.
Leitfragen
- Handlungsspielraum: Welche Möglichkeiten besaßen junge Menschen, in einer Diktatur zu widersprechen, und welche Grenzen setzte der Terrorapparat?
- Motivgeschichte: Wie wirkten religiöse, ethische, politische, literarische und persönliche Erfahrungen zusammen?
- Kommunikationsgeschichte: Warum wählte die Gruppe Flugblätter, Postsendungen und Wandparolen?
- Netzwerkgeschichte: Welche Rolle spielten Freundschaften, Studienorte, Familien, militärische Einsätze und Kontakte in andere Städte?
- Quellenkritik: Wie unterscheiden sich Selbstzeugnisse, Flugblätter, Verhörprotokolle, Gerichtsurteile, Fotografien und spätere Erinnerungen?
- Erinnerungskultur: Warum stehen Sophie und Hans Scholl heute oft stärker im Zentrum als andere Beteiligte?
Historischer Kontext
Die nationalsozialistische Diktatur
Nach der Machtübertragung an Adolf Hitler im Januar 1933 zerstörten die Nationalsozialisten schrittweise die parlamentarische Demokratie der Weimarer Republik. Durch Gleichschaltung, politische Verfolgung, Propaganda, Zensur und Terror entstand ein Herrschaftssystem, in dem unabhängige Parteien, Gewerkschaften und viele Vereine ausgeschaltet wurden. Die Gestapo, die SS, Gerichte und Gefängnisse dienten der Einschüchterung und Verfolgung tatsächlicher oder vermeintlicher Gegner.
Jugendliche sollten in Hitlerjugend und Bund Deutscher Mädel ideologisch geprägt werden. Mehrere spätere Mitglieder der Weißen Rose hatten zunächst Erfahrungen in nationalsozialistischen Jugendorganisationen gemacht, entfernten sich jedoch zunehmend von deren Zwang, Militarisierung und Weltbild. Andere kamen aus katholischen oder bündischen Milieus, die ihre Eigenständigkeit gegen die Vereinnahmung durch den Staat zu bewahren versuchten.
Krieg, Besatzung und Massenverbrechen
Mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg in Europa. Der Krieg im Osten wurde als rassistischer Eroberungs- und Vernichtungskrieg geführt. Deutsche Besatzungsorgane, SS, Polizei und Teile der Wehrmacht waren an Verfolgung, Deportationen und Massenmorden beteiligt. Der systematische Mord an den europäischen Jüdinnen und Juden wird als Holocaust oder Schoah bezeichnet.
Hans Scholl, Alexander Schmorell und Willi Graf wurden als Medizinstudenten zeitweise zu einer Studentenkompanie der Wehrmacht eingezogen. Ihr Einsatz an der Ostfront im Jahr 1942, Berichte über Massenerschießungen und die Erfahrung des Krieges verstärkten ihre Ablehnung des Regimes. Diese Erfahrungen erklären den Widerstand nicht allein, bildeten aber einen wichtigen Teil ihrer politischen Radikalisierung gegen die Diktatur.
Entstehung und Netzwerk der Weißen Rose
Kein Verein mit fester Mitgliederliste
Die Weiße Rose war keine Partei mit Satzung, Mitgliedsausweisen oder klarer Befehlskette. Sie entstand aus Freundschaften, Gesprächskreisen und gemeinsamen Interessen. Im Mittelpunkt standen Studierende der Medizin und der Philosophie an der Münchner Universität. Bücher, Musik, religiöse Fragen, politische Gespräche und die Erfahrung staatlicher Unfreiheit verbanden sie.
Der Name Weiße Rose wurde für die ersten vier Flugblätter verwendet. Seine genaue Herkunft ist nicht abschließend geklärt. Verschiedene Deutungen verweisen auf Literatur, religiöse Symbolik oder persönliche Texte. Historisch sauber ist deshalb die Aussage: Der Name wurde benutzt, aber seine Entstehung lässt sich nicht mit letzter Sicherheit erklären.
Der innere Kreis
Hans Scholl beteiligte sich gemeinsam mit Alexander Schmorell maßgeblich an den ersten Flugblättern. Seine Entwicklung führte von früher Begeisterung für die Hitlerjugend zu entschiedener Opposition gegen die NS-Herrschaft.
Alexander Schmorell war Mitverfasser der frühen Flugblätter, organisierte Vervielfältigung und Verteilung und beteiligte sich an den Wandparolen. Seine deutsch-russische Biografie und seine orthodoxe Religiosität prägten seine Perspektive.
Sophie Scholl studierte Biologie und Philosophie in München. Sie half besonders in der späteren Phase bei Beschaffung, Transport, Adressierung und Verteilung der Flugblätter. Ihre heutige Bekanntheit darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Widerstand gemeinschaftlich organisiert war.
Christoph Probst war Medizinstudent, Familienvater und enger Freund von Hans Scholl und Alexander Schmorell. Ein handschriftlicher Flugblattentwurf von ihm wurde bei Hans Scholls Festnahme gefunden und belastete ihn gegenüber der Gestapo.
Willi Graf hatte sich bereits vor seiner Mitarbeit in der Weißen Rose gegen die Gleichschaltung katholischer Jugendverbände gestellt. Er beteiligte sich an der Ausweitung des Netzes, an Flugblattaktionen und an Wandparolen.
Kurt Huber war Professor für Philosophie und Musikwissenschaft. Er diskutierte mit den Studierenden über politische und moralische Fragen, wirkte am fünften Flugblatt mit und verfasste den Hauptteil des sechsten Flugblatts.

Unterstützende und verbundene Kreise
Zum weiteren Umfeld gehörten unter anderem Traute Lafrenz, Hans Hirzel, Susanne Hirzel, Franz Josef Müller, Falk Harnack, Eugen Grimminger, Josef Söhngen, Manfred Eickemeyer, Wilhelm Geyer, Harald Dohrn und weitere Helfende. Sie beschafften Papier und Briefmarken, stellten Räume bereit, transportierten Flugblätter, vermittelten Kontakte oder verbreiteten Texte.
Verbindungen reichten über München hinaus, unter anderem nach Ulm, Stuttgart, Saarbrücken, Hamburg und Berlin. Die Forschung spricht deshalb zunehmend von einem Netzwerk statt von einer isolierten Kleingruppe. Diese Perspektive macht sichtbar, dass Widerstand häufig durch Vertrauen, Arbeitsteilung und soziale Beziehungen möglich wird.
Motive und geistige Einflüsse
Die Beteiligten handelten nicht aus einem einzigen Motiv. Ihre Opposition entstand aus einer Verbindung unterschiedlicher Erfahrungen und Überzeugungen.
- Christliche Ethik: Mehrere Beteiligte bezogen sich auf Gewissen, Menschenwürde, Schuld und persönliche Verantwortung, ohne dass alle dieselbe Konfession oder Frömmigkeit teilten.
- Philosophie: Texte über Freiheit, Staat, Moral und Verantwortung halfen, die Diktatur als ethisch und politisch illegitim zu beurteilen.
- Literatur: Zitate aus klassischen, romantischen und religiösen Werken verliehen besonders den frühen Flugblättern eine bildungsbürgerliche Sprache.
- Kriegserfahrung: Fronteinsatz, Verwundung, Besatzungsgewalt und Berichte über Massenmord verschärften die Ablehnung des Regimes.
- Freundschaft: Gegenseitiges Vertrauen senkte die Schwelle zum gemeinsamen Handeln, erhöhte aber zugleich die Gefahr, dass eine Festnahme das gesamte Netzwerk bedrohte.
- Politische Zukunftsvorstellung: Die Gruppe dachte über einen Rechtsstaat, eine föderale Ordnung und europäische Zusammenarbeit nach der Diktatur nach.
Die Motive dürfen nicht nachträglich zu einer vollkommen einheitlichen Ideologie geglättet werden. Historische Analyse fragt nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden, nach Entwicklung und Widersprüchen.
Die sechs Flugblätter als historische Quellen
Herstellung und Verbreitung
Die ersten vier Flugblätter entstanden im Juni und Juli 1942. Hans Scholl und Alexander Schmorell verfassten und vervielfältigten jeweils ungefähr hundert Exemplare. Sie schickten diese vor allem an ausgewählte Münchner Adressaten, darunter Akademiker, Schriftsteller und Personen des öffentlichen Lebens. Das Verfahren war riskant: Papier, Umschläge, Briefmarken, Schreibmaschinen und Vervielfältigungsgeräte konnten Spuren hinterlassen.

Das fünfte Flugblatt erschien Ende Januar 1943 unter dem Titel Aufruf an alle Deutsche!. Sprache und Adressatenkreis wurden politischer und breiter. Der Text erklärte das NS-Regime für verloren und skizzierte Grundzüge einer künftigen Ordnung: Rechtsstaatlichkeit, föderale Strukturen und Zusammenarbeit in Europa.
Das sechste Flugblatt richtete sich nach der deutschen Niederlage von Stalingrad besonders an Studierende. Kurt Huber verfasste den Hauptteil. Die Gruppe produzierte mehrere tausend Exemplare. Ein Teil wurde per Post in verschiedene Städte geschickt, ein Teil in München verteilt.
Sprache und Argumentation
Die frühen Flugblätter verbinden moralische Anklage, religiöse und philosophische Bezüge sowie literarische Zitate. Spätere Texte sprechen direkter politisch. Sie benennen staatliche Verbrechen, kritisieren Gleichgültigkeit und fordern passiven Widerstand, Sabotage an der Kriegswirtschaft sowie die Beendigung der Diktatur.
Der Satz Wir schweigen nicht, wir sind Euer böses Gewissen zeigt die kommunikative Strategie: Die Lesenden sollten sich nicht als unbeteiligte Zuschauer verstehen, sondern als moralisch verantwortliche Personen. Für die Quellenanalyse ist wichtig, zwischen damaliger Wirkungserwartung und tatsächlicher Reichweite zu unterscheiden. Die Flugblätter erreichten keine Massenbewegung, durchbrachen aber bewusst das staatliche Informationsmonopol.
Methodische Quellenanalyse
Untersuche ein Flugblatt in fünf Schritten:
- Quellenbeschreibung: Bestimme Textsorte, vermutete Urheber, Entstehungszeit, Ort, Adressaten und Überlieferung.
- Inhaltsanalyse: Fasse Hauptaussagen zusammen und markiere Schlüsselbegriffe, Feindbilder, Zukunftsvorstellungen und Handlungsaufforderungen.
- Sprachanalyse: Prüfe Argumente, Zitate, Wiederholungen, moralische Appelle und politische Begriffe.
- Kontextualisierung: Verbinde den Text mit Kriegslage, Verfolgung, Zensur, Universität und Handlungsmöglichkeiten im Jahr 1942 oder 1943.
- Quellenwert: Beurteile, was die Quelle über die Gruppe zeigt und welche Fragen sie nicht beantwortet.
Von Flugblättern zu Wandparolen
Im Februar 1943 erweiterten Hans Scholl, Alexander Schmorell und Willi Graf ihre Aktionsformen. In mehreren Nächten schrieben sie mit Farbe Parolen wie Freiheit, Nieder mit Hitler und Massenmörder Hitler an Gebäude in München. Durchgestrichene Hakenkreuze griffen das zentrale Symbol der Diktatur sichtbar an.
Wandparolen unterschieden sich von Postsendungen. Sie waren öffentlich, unmittelbar und nicht auf ausgewählte Empfänger begrenzt. Zugleich erhöhte sich das Entdeckungsrisiko. Historisch lässt sich daran untersuchen, wie Widerstandsgruppen zwischen Reichweite, Sicherheit, Materialaufwand und symbolischer Wirkung abwägen.
Verhaftung, Verhöre und Prozesse
Der 18. Februar 1943
Am Vormittag des 18. Februar 1943 legten Hans und Sophie Scholl Stapel des sechsten Flugblatts in den Gängen der Münchner Universität ab. Sophie Scholl stieß einen verbliebenen Stapel von einer Balustrade in den Lichthof. Der Hörsaaldiener Jakob Schmid beobachtete die Aktion, hielt die Geschwister fest und verständigte die Behörden.
Bei Hans Scholl fand die Polizei den Entwurf Christoph Probsts. Dadurch geriet Probst unmittelbar in Gefahr. Hans und Sophie Scholl wurden in der Münchner Gestapo-Zentrale verhört. Bald folgten weitere Festnahmen.


Solche Polizeifotografien sind Täterquellen. Sie dokumentieren eine Person, aber zugleich die Macht der verfolgenden Institution. Du darfst sie deshalb nicht wie neutrale Porträts lesen. Frage nach Aufnahmezwang, Zweck, Beschriftung, Auswahl, Archivgeschichte und heutiger Verwendung.
Der erste Prozess
Am 22. Februar 1943 fand der erste Prozess vor dem Volksgerichtshof statt. Präsident Roland Freisler führte die Verhandlung gegen Hans Scholl, Sophie Scholl und Christoph Probst. Der Volksgerichtshof war kein unabhängiges rechtsstaatliches Gericht, sondern ein Instrument politischer Verfolgung. Die Angeklagten erhielten Todesurteile wegen nationalsozialistisch definierter Delikte wie Vorbereitung zum Hochverrat, Feindbegünstigung und Wehrkraftzersetzung.

Noch am selben Tag wurden Hans Scholl, Sophie Scholl und Christoph Probst im Gefängnis München-Stadelheim mit dem Fallbeil hingerichtet. Die extreme Beschleunigung von Festnahme, Anklage, Urteil und Vollstreckung zeigt den Charakter der NS-Terrorjustiz.
Der zweite Prozess und weitere Verfolgung
Am 19. April 1943 verurteilte der Volksgerichtshof Alexander Schmorell, Kurt Huber und Willi Graf zum Tod. Weitere Angeklagte erhielten Haftstrafen; Falk Harnack wurde freigesprochen. Alexander Schmorell und Kurt Huber wurden am 13. Juli 1943 hingerichtet. Willi Graf blieb monatelang in Verhören, weil die Gestapo Namen weiterer Beteiligter erfahren wollte. Er wurde am 12. Oktober 1943 ermordet.

Die Verfolgung endete nicht mit diesen sechs Todesurteilen. In München, Hamburg und anderen Orten wurden Menschen aus dem Umfeld angeklagt und inhaftiert. Der Chemiestudent Hans Leipelt und Marie-Luise Jahn vervielfältigten das sechste Flugblatt unter der Überschrift … und ihr Geist lebt trotzdem weiter!. Leipelt wurde am 29. Januar 1945 in Stadelheim hingerichtet.
Wirkung und Grenzen des Widerstands
Die Weiße Rose stürzte das NS-Regime nicht und löste keine breite Erhebung aus. Ihre unmittelbare Reichweite blieb angesichts von Zensur, Überwachung, Angst und gesellschaftlicher Zustimmung zum Regime begrenzt. Eine historische Bewertung darf Wirkung deshalb nicht nur am politischen Erfolg messen.
Die Gruppe schuf Gegenöffentlichkeit, benannte Verbrechen, formulierte Alternativen und zeigte, dass individuelle Entscheidung auch unter Diktaturbedingungen möglich war. Gleichzeitig muss vermieden werden, aus ihrer Geschichte eine einfache moralische Prüfung späterer Generationen zu machen. Nicht jede verfolgte Person konnte Widerstand leisten, und Verantwortung ist nach Wissen, Handlungsspielraum, Risiko und Beteiligung am System differenziert zu beurteilen.
Eine Abschrift des sechsten Flugblatts gelangte ins Ausland. Die britische Royal Air Force vervielfältigte den Text als Manifest der Münchner Studenten und warf im Sommer 1943 Millionen Exemplare über deutschen Städten ab. Damit erreichte eine ursprünglich kleine studentische Aktion nach der Zerschlagung der Gruppe eine sehr große Verbreitung.
Quellenkritik und Forschungsfragen
Unterschiedliche Quellengattungen
- Flugblätter zeigen Selbstdeutung, Argumente und Ziele, aber nicht automatisch die tatsächliche Wirkung.
- Briefe und Tagebücher geben Einblick in Beziehungen und Gedanken, bleiben jedoch situationsgebunden und selektiv.
- Verhörprotokolle entstanden unter Haftdruck und in der Sprache der Gestapo; Aussagen können Schutzstrategien, Angst oder erzwungene Anpassung enthalten.
- Gerichtsurteile dokumentieren die Ideologie der NS-Justiz und dürfen nicht als neutrale Feststellung von Schuld gelesen werden.
- Fotografien zeigen einen Ausschnitt und erhalten ihre Bedeutung durch Urheber, Aufnahmezweck, Beschriftung und spätere Nutzung.
- Zeitzeugenberichte sind unverzichtbar, werden aber durch Erinnerung, spätere Erfahrungen und öffentliche Erzählmuster geprägt.
Kontroversen und offene Fragen
Die Forschung diskutiert unter anderem, wie stark einzelne Personen an Texten beteiligt waren, welche Kontakte tatsächlich bestanden, wie religiöse und politische Motive gewichtet werden sollen und wie sich der Widerstand nach Februar 1943 fortsetzte. Auch die Erinnerung an die Gruppe ist Forschungsgegenstand: Warum wurde Sophie Scholl zu einer nationalen Symbolfigur? Welche Leistungen anderer Beteiligter verschwanden zeitweise aus der Öffentlichkeit? Wie veränderten Filme, Schulbücher, Denkmäler und soziale Medien das Bild der Weißen Rose?
Historische Wissenschaft bedeutet nicht, jede Aussage für beliebig zu halten. Sie prüft Belege, kennzeichnet Unsicherheit und unterscheidet zwischen gesichertem Wissen, plausibler Deutung und unbelegter Behauptung.
Erinnerungskultur
Nach 1945 entwickelte sich die Weiße Rose zu einem zentralen Symbol des deutschen Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Schulen, Straßen, Plätze und Preise tragen Namen ihrer Mitglieder. An der Münchner Universität erinnern der Geschwister-Scholl-Platz, das Bodendenkmal, Gedenktafeln und die DenkStätte Weiße Rose an das Geschehen.


Erinnerung ist nie nur Wiederholung der Vergangenheit. Jede Epoche wählt Bilder, Personen und Begriffe aus. Die starke Konzentration auf Sophie Scholl kann Identifikation erleichtern, aber das Netzwerk, die Rolle anderer Frauen und Männer sowie unterschiedliche Formen des Widerstands verdecken. Gute Erinnerungskultur verbindet Würdigung mit Quellenkritik und historischer Differenzierung.
Chronologie
| Zeitraum | Ereignis | Historische Bedeutung |
|---|---|---|
| 1933 bis 1939 | Errichtung und Festigung der NS-Diktatur | Zerschlagung demokratischer Institutionen, Gleichschaltung, Verfolgung und ideologische Erfassung der Jugend |
| Juni und Juli 1942 | Erste vier Flugblätter | Beginn des organisierten publizistischen Widerstands von Hans Scholl und Alexander Schmorell |
| Sommer bis Herbst 1942 | Fronteinsatz mehrerer Mitglieder im Osten | Kriegserfahrungen und Wissen über Besatzungsverbrechen verstärken die Opposition |
| Ende Januar 1943 | Fünftes Flugblatt | Breiterer Adressatenkreis und deutlichere politische Zukunftsvorstellungen |
| Februar 1943 | Wandparolen und sechstes Flugblatt | Öffentliche Zuspitzung des Protests nach der Niederlage von Stalingrad |
| 18. Februar 1943 | Festnahme von Hans und Sophie Scholl | Beginn der schnellen Zerschlagung des Münchner Kernkreises |
| 22. Februar 1943 | Erster Prozess und Hinrichtungen | Mord an Hans Scholl, Sophie Scholl und Christoph Probst durch die NS-Justiz |
| 19. April 1943 | Zweiter Prozess | Todesurteile gegen Alexander Schmorell, Kurt Huber und Willi Graf |
| 13. Juli und 12. Oktober 1943 | Weitere Hinrichtungen | Ermordung Schmorells und Hubers im Juli sowie Grafs im Oktober |
| Sommer 1943 | Alliierter Nachdruck des sechsten Flugblatts | Verbreitung des Textes in Millionenauflage über Deutschland |
| 29. Januar 1945 | Hinrichtung Hans Leipelts | Fortsetzung und Verfolgung des Widerstands über den Münchner Kernkreis hinaus |
| Nach 1945 | Aufbau öffentlicher Erinnerung | Denkmäler, Forschung, Unterricht, Filme und politische Bezugnahmen prägen das Bild der Gruppe |

Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Welche Beschreibung trifft die Weiße Rose historisch am besten? (Ein nicht gewaltsames Widerstandsnetzwerk gegen die NS-Diktatur) (!Eine militärische Einheit der Alliierten) (!Eine zugelassene studentische Partei) (!Eine Unterabteilung der Gestapo)
Welcher Hochschullehrer gehörte zum inneren Kreis der Weißen Rose? (Kurt Huber) (!Roland Freisler) (!Jakob Schmid) (!Joseph Goebbels)
Welches Medium nutzte die Weiße Rose hauptsächlich für ihre Aufrufe? (Flugblätter) (!Radiosendungen) (!Tageszeitungen) (!Kinofilme)
Welches militärische Ereignis prägte den unmittelbaren Kontext des sechsten Flugblatts? (Die deutsche Niederlage von Stalingrad) (!Die Landung in der Normandie) (!Der Überfall auf Polen) (!Die Kapitulation Japans)
Wann wurden Hans und Sophie Scholl in der Münchner Universität festgenommen? (Am 18. Februar 1943) (!Am 30. Januar 1933) (!Am 1. September 1939) (!Am 8. Mai 1945)
Wer bemerkte die Flugblattaktion im Lichthof und hielt die Geschwister Scholl fest? (Jakob Schmid) (!Kurt Huber) (!Hans Leipelt) (!Falk Harnack)
Welche Institution sprach die Todesurteile im ersten Weiße-Rose-Prozess? (Der Volksgerichtshof) (!Der Deutsche Bundestag) (!Der Internationale Gerichtshof) (!Das Bundesverfassungsgericht)
Was geschah nach dem ersten Prozess am 22. Februar 1943? (Die drei Verurteilten wurden noch am selben Tag hingerichtet) (!Die Angeklagten wurden begnadigt) (!Das Verfahren wurde vertagt) (!Die Angeklagten wurden ins Ausland abgeschoben)
Welche Parole brachte die Gruppe im Februar 1943 an Münchner Gebäuden an? (Freiheit) (!Sieg im Osten) (!Alles für den Führer) (!Krieg bis zum Ende)
Was geschah mit dem sechsten Flugblatt nach der Zerschlagung der Gruppe? (Es wurde von der Royal Air Force vervielfältigt und über Deutschland abgeworfen) (!Es blieb vollständig unbekannt) (!Es wurde als Gesetz veröffentlicht) (!Es wurde nur in München archiviert)
Memory
| Flugblatt | Schriftlicher politischer Aufruf |
| Gestapo | Geheime Staatspolizei |
| Volksgerichtshof | Instrument der nationalsozialistischen Terrorjustiz |
| Wandparole | Öffentlicher Protestschriftzug |
| Vervielfältigung | Herstellung mehrerer Textkopien |
| Quellenkritik | Prüfung von Herkunft und Aussagewert |
| Zivilcourage | Mutiges Eintreten für andere und für Grundwerte |
| Föderalismus | Verteilung staatlicher Macht auf mehrere Ebenen |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Phase des Widerstands |
|---|---|
| Erste Flugblätter | Beginn des publizistischen Widerstands im Sommer 1942 |
| Fronteinsatz | Verstärkung der Opposition durch Kriegserfahrungen |
| Fünftes Flugblatt | Politischer Aufruf an einen breiteren Adressatenkreis |
| Wandparolen | Sichtbarer Protest im öffentlichen Raum Münchens |
| Sechstes Flugblatt | Aufruf an Studierende nach der Niederlage von Stalingrad |
...
Kreuzworträtsel
| Muenchen | In welcher Stadt entstand der Kern der Weißen Rose? |
| Flugblatt | Wie heißt die wichtigste von der Gruppe verbreitete Textsorte? |
| Stalingrad | Welche Niederlage bildete den Hintergrund des sechsten Flugblatts? |
| Freisler | Wie lautete der Nachname des Präsidenten im ersten Prozess? |
| Gestapo | Welche politische Polizei verhörte die Festgenommenen? |
| Freiheit | Welche zentrale Parole schrieb die Gruppe an Münchner Wände? |
LearningApps
Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Zeitleiste: Gestalte eine illustrierte Zeitleiste mit zwölf Stationen von der Entstehung der Gruppe bis zur Erinnerung nach 1945 und kennzeichne gesicherte Daten sowie spätere Deutungen.
- Biografie: Erstelle vier vergleichbare Biografiekarten zu Mitgliedern der Weißen Rose mit Herkunft, Ausbildung, Motiven, Handlungen, Verfolgung und heutiger Erinnerung.
- Glossar: Erkläre zehn Fachbegriffe wie Gleichschaltung, Gestapo, Volksgerichtshof, Flugblatt, Widerstand und Quellenkritik in eigenen Worten.
- Bildanalyse: Wähle ein Denkmalfoto aus dem Kurs und beschreibe Gestaltung, Standort, Symbole, Perspektive und mögliche Wirkung auf Besuchende.
Standard
- Flugblattanalyse: Analysiere einen Abschnitt aus einem Flugblatt nach Urheberschaft, Adressaten, Argumentation, Sprache, Kontext, Handlungsaufforderung und Quellenwert.
- Historische Karte: Erstelle eine Karte der Verbindungen zwischen München, Ulm, Hamburg, Saarbrücken, Stuttgart und weiteren Orten und erläutere, wie Menschen und Texte zirkulierten.
- Podcast: Produziere eine achtminütige Audiofolge zur Frage, warum gebildete junge Erwachsene unter den Bedingungen einer Diktatur Widerstand leisteten.
- Darstellungsvergleich: Vergleiche eine wissenschaftliche Darstellung mit einem Spielfilm, Video oder Denkmal und untersuche Auslassungen, Dramatisierung und Perspektive.
Schwer
- Forschungsessay: Erörtere auf der Grundlage mehrerer Quellen, ob die Weiße Rose eher als Freundeskreis, Organisation, Netzwerk, moralische Protestgruppe oder politische Widerstandsbewegung beschrieben werden sollte.
- Exkursion: Plane eine historische Exkursion zu einem Gedenkort mit Leitfragen, Quellenstationen, Barrierehinweisen, Arbeitsaufträgen und einer kritischen Nachbereitung.
- Erinnerungsgeschichte: Untersuche, wie sich die öffentliche Darstellung von Sophie Scholl und der Weißen Rose seit 1945 verändert hat, und beziehe Schulbücher, Filme, Reden oder soziale Medien ein.
- Digitale Ausstellung: Entwickle eine quellengestützte Online-Ausstellung mit mindestens sechs Objekten, vollständigen Nachweisen, Gegenperspektiven und einem Abschnitt über Unsicherheiten der Überlieferung.


Lernkontrolle
- Kausalanalyse: Erkläre in einer zusammenhängenden Argumentation, wie Diktaturerfahrung, Krieg, Freundschaft, Bildung und moralische Überzeugung zur Entstehung des Widerstands beitrugen, ohne einen einzelnen Faktor zur alleinigen Ursache zu erklären.
- Vergleich der Flugblätter: Vergleiche ein frühes und ein spätes Flugblatt hinsichtlich Adressaten, Sprache, politischer Zielsetzung und erwarteter Wirkung und begründe die Veränderungen aus dem historischen Kontext.
- Wirksamkeit von Widerstand: Beurteile die Aussage, Widerstand sei nur dann erfolgreich, wenn er ein Regime unmittelbar stürzt, und entwickle nachvollziehbare Kriterien für politische, moralische und erinnerungsgeschichtliche Wirkung.
- Täterquelle und Selbstzeugnis: Vergleiche ein Gestapo-Verhörprotokoll mit einem Flugblatt und zeige, wie Entstehungssituation, Machtverhältnis und Zweck den Aussagewert beider Quellen beeinflussen.
- Handlungsspielräume: Entwickle für eine fiktive Münchner Studentin des Jahres 1943 mehrere mögliche Handlungsoptionen, schätze Risiken und Reichweite ein und vermeide eine nachträgliche moralische Verurteilung historischer Menschen ohne Kenntnis ihrer Lage.
- Erinnerungskritik: Bewerte ein Denkmal oder eine mediale Darstellung danach, welche Personen, Handlungen und Werte sichtbar werden und welche Aspekte des Netzwerks oder der NS-Verfolgung ausgeblendet bleiben.
Lernnachweis
Für einen fundierten Lernnachweis zu diesem Thema sind folgende Leistungen wichtig:
- Kontextwissen: Du ordnest die Weiße Rose sicher in NS-Diktatur, Zweiten Weltkrieg, Verfolgung und studentisches Leben ein.
- Chronologie: Du erklärst zentrale Stationen von den ersten Flugblättern bis zu Prozessen, Hinrichtungen und Fortführung des Widerstands.
- Netzwerkperspektive: Du unterscheidest inneren Kreis, Unterstützende und weiterführende Gruppen und vermeidest eine Verengung auf einzelne Symbolfiguren.
- Quellenkompetenz: Du analysierst mindestens zwei unterschiedliche Quellengattungen nach Herkunft, Intention, Kontext, Perspektive und Grenzen.
- Historisches Urteil: Du entwickelst ein begründetes Sachurteil über Möglichkeiten, Risiken, Reichweite und Grenzen des Widerstands.
- Erinnerungskultur: Du vergleichst mindestens zwei Formen des Gedenkens und reflektierst Auswahl, Inszenierung und Gegenwartsbezug.
- Wissenschaftliches Arbeiten: Du belegst Aussagen, trennst Quelle und Darstellung, kennzeichnest Unsicherheiten und führst Mediennachweise nachvollziehbar.
- Transfer: Du leitest Bedeutung für demokratische Verantwortung ab, ohne Gegenwart und NS-Diktatur unhistorisch gleichzusetzen.
Quellen und Vertiefung
- Bundeszentrale für politische Bildung: Die Weiße Rose
- Deutsches Historisches Museum: Die Weiße Rose
- Weiße Rose Stiftung: Widerstandsgruppe Weiße Rose
- Weiße Rose Stiftung: Flugblätter
- Gedenkstätte Deutscher Widerstand: Die Weiße Rose
- Bundesarchiv: Rechercheleitfaden und Archivalien
- Wikimedia Commons: Freie Medien zur Weißen Rose
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