Die Theorie der multiplen Intelligenzen - Psychologie


Die Theorie der multiplen Intelligenzen - Psychologie
Die Theorie der multiplen Intelligenzen - Psychologie
Einleitung
Die Theorie der multiplen Intelligenzen wurde von dem Entwicklungspsychologen Howard Gardner ausgearbeitet und 1983 in Frames of Mind vorgestellt. Sie erweitert den Begriff der Intelligenz: Menschen sollen nicht nur über eine allgemeine Fähigkeit verfügen, sondern über mehrere relativ eigenständige geistige Potenziale.[1]
Für die Psychologie ist entscheidend: Die Theorie ist pädagogisch einflussreich, ihre Annahme weitgehend unabhängiger Intelligenzen ist jedoch empirisch nicht überzeugend bestätigt. Du lernst deshalb sowohl Gardners Modell als auch seine wissenschaftliche Kritik kennen.

Lernziele
Nach diesem aiMOOC kannst Du Gardners acht Intelligenzen erklären, die Theorie von Lernstil, Talent und dem G-Faktor abgrenzen, psychologische Befunde beurteilen und einen wissenschaftlich verantwortbaren Einsatz im Unterricht planen.
Entstehung und Grundidee
Howard Gardner untersuchte unter anderem Entwicklung, besondere Begabungen, kulturell bedeutsame Leistungen und Folgen von Hirnschädigungen. Daraus entwickelte er die Annahme mehrerer relativ autonomer Intelligenzen. Als Intelligenz bezeichnet er ein Potenzial, Probleme zu lösen oder Produkte hervorzubringen, die in einem kulturellen Kontext bedeutsam sind.[1]

Auswahlkriterien
Gardner verwendete acht Anhaltspunkte, um eine Fähigkeit als eigene Intelligenz zu betrachten. Diese Kriterien dienen der Theoriebildung; sie sind kein eigenständiger empirischer Beweis.
| Kriterium | Leitfrage |
|---|---|
| Dissoziation | Kann eine Fähigkeit nach einer Hirnschädigung ausfallen, während andere erhalten bleiben? |
| Außergewöhnliche Profile | Zeigen Savants, Hochbegabte oder Menschen mit spezifischen Beeinträchtigungen ein auffälliges Teilprofil? |
| Kernoperationen | Lassen sich typische Informationsverarbeitungen beschreiben? |
| Entwicklung | Gibt es einen charakteristischen Entwicklungsverlauf? |
| Evolution | Ist eine evolutionäre Vorgeschichte plausibel? |
| Experimentelle Befunde | Gibt es passende Ergebnisse aus der Kognitionspsychologie? |
| Psychometrische Befunde | Lassen sich Leistungen zuverlässig messen und voneinander unterscheiden? |
| Symbolsysteme | Kann die Fähigkeit durch kulturelle Zeichensysteme wie Sprache, Zahlen oder Notation ausgedrückt werden? |
Die acht Intelligenzen
Gardner beschreibt acht Intelligenzen. Die existenzielle Intelligenz wurde als Kandidatin diskutiert, aber nicht gleichrangig in die Achtergruppe aufgenommen.

| Intelligenz | Kurzbeschreibung | Typische Leistung |
|---|---|---|
| Sprachlich-linguistische Intelligenz | Sprache verstehen und gezielt verwenden | argumentieren, schreiben, erzählen |
| Logisch-mathematische Intelligenz | Muster, Relationen und Schlussfolgerungen bearbeiten | rechnen, prüfen, modellieren |
| Räumliche Intelligenz | räumliche Beziehungen wahrnehmen und mental verändern | orientieren, entwerfen, visualisieren |
| Musikalische Intelligenz | Tonhöhe, Rhythmus und musikalische Struktur verarbeiten | musizieren, komponieren, analysieren |
| Körperlich-kinästhetische Intelligenz | den Körper präzise zur Handlung und Gestaltung einsetzen | tanzen, operieren, handwerklich arbeiten |
| Interpersonale Intelligenz | Absichten, Gefühle und Perspektiven anderer erschließen | beraten, kooperieren, führen |
| Intrapersonale Intelligenz | eigene Motive, Gefühle und Grenzen differenziert erkennen | reflektieren, regulieren, entscheiden |
| Naturalistische Intelligenz | Lebewesen und Naturphänomene erkennen und klassifizieren | beobachten, unterscheiden, systematisieren |
Wichtig: Eine Person ist nicht einfach ein fester „Intelligenztyp“. Gardner spricht von Profilen und vom Zusammenwirken mehrerer Fähigkeiten.
Abgrenzung zu verwandten Konzepten
| Konzept | Kernaussage | Abgrenzung |
|---|---|---|
| Multiple Intelligenzen | Mehrere relativ eigenständige geistige Potenziale | Gardners theoretische Einteilung |
| Lernstil | Bevorzugte Art, Lernmaterial zu bearbeiten | Keine Intelligenz; die Matching-Hypothese ist nicht belegt |
| G-Faktor | Gemeinsamer Varianzanteil verschiedener kognitiver Leistungen | Zentrales Konzept psychometrischer Intelligenzforschung |
| Talent | Überdurchschnittliches Potenzial oder Können in einem Bereich | Nicht automatisch eine eigenständige Intelligenz |
| Persönlichkeit | Relativ stabile Muster des Erlebens und Verhaltens | Betrifft andere Konstrukte als kognitive Leistungsfähigkeit |
Gardner selbst warnt davor, multiple Intelligenzen mit Lernstilen gleichzusetzen.[2]
Forschungslage und Kritik

Psychometrie
Ergebnisse unterschiedlicher kognitiver Tests korrelieren meist positiv. Das unterstützt hierarchische Modelle mit einem allgemeinen Faktor g und spezifischeren Fähigkeiten. Studien fanden nicht die von Gardner erwartete starke Unabhängigkeit aller acht Bereiche.[3]
Messung
Für die acht Intelligenzen existiert kein allgemein akzeptiertes, standardisiertes Testsystem. Viele Online-Selbsttests erfassen eher Interessen, Selbstbilder oder Vorlieben als objektive Leistung. Ohne Reliabilität, Validität und Vergleichsnormen sind individuelle Profile nicht diagnostisch belastbar.
Neurowissenschaft
Bestimmte Leistungen nutzen spezialisierte Hirnregionen, entstehen aber gewöhnlich in verteilten und überlappenden Netzwerken. Eine eindeutige Zuordnung „eine Intelligenz – ein unabhängiges Hirnmodul“ wurde nicht nachgewiesen. Eine aktuelle Fachdebatte bezeichnet die Theorie deshalb als Neuromythos; diese Bewertung wird von Anhängern der Theorie zurückgewiesen.[4]
Pädagogische Wirksamkeit
Abwechslungsreiche Aufgaben, verschiedene Darstellungsformen und echte Wahlmöglichkeiten können Lernen fördern. Daraus folgt jedoch nicht, dass acht unabhängige Intelligenzen existieren oder Lernende nur passend zu einem vermeintlichen Profil unterrichtet werden sollten.
Fazit: Als Anregung für vielfältige Lerngelegenheiten kann das Modell nützlich sein. Als empirisch bestätigte Intelligenztheorie oder diagnostisches Etikett sollte es nicht verwendet werden.
Anwendung in Schule und Hochschule

| Wissenschaftlich verantwortbar | Problematisch |
|---|---|
| Inhalte sprachlich, grafisch, praktisch und sozial erschließen | Lernende dauerhaft als Typen festlegen |
| Aufgaben an Lernziel und Gegenstand ausrichten | Ungeprüfte Intelligenz-Selbsttests diagnostisch nutzen |
| Verschiedene Ausdrucksformen zulassen | Unterricht nur an einer vermeintlichen Stärke ausrichten |
| Leistungen mit transparenten Kriterien beurteilen | Interessen mit Intelligenz verwechseln |
| Theorie und Kritik gemeinsam behandeln | Pädagogischen Erfolg als Beweis der Theorie ausgeben |
Beispiel: Im Thema Klimawandel können Lernende Daten auswerten, Karten lesen, Fachtexte verfassen, Modelle bauen, Feldbeobachtungen dokumentieren und Ergebnisse diskutieren. Diese Vielfalt folgt den Anforderungen des Gegenstands und eröffnet mehrere Zugänge, ohne Personen fest zu etikettieren.

Das Bild zeigt William Damon, Mihály Csíkszentmihályi und Howard Gardner. Es verweist auf Gardners spätere Arbeit zu gutem, verantwortlichem und sinnvollem Handeln.
Wissenschaftliche Gesamtbewertung
| Ebene | Bewertung |
|---|---|
| Begriffliche Leistung | Erweiterte die Diskussion über kulturell bedeutsame menschliche Fähigkeiten |
| Pädagogische Wirkung | Regte abwechslungsreiche Aufgaben und breitere Anerkennung von Stärken an |
| Empirische Absicherung | Reicht für acht weitgehend autonome Intelligenzen nicht aus |
| Diagnostischer Nutzen | Keine Grundlage für Typentests oder feste Förderzuweisungen |
| Sinnvoller Umgang | Als kritisch reflektierte Heuristik, nicht als gesicherte Tatsachenlehre |
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Wer entwickelte die Theorie der multiplen Intelligenzen? (Howard Gardner) (!Charles Spearman) (!Alfred Binet) (!Jean Piaget)
In welchem Jahr erschien Frames of Mind? (1983) (!1905) (!1957) (!2006)
Was ist die Kernaussage der Theorie? (Menschen verfügen über mehrere relativ eigenständige Intelligenzen) (!Intelligenz ist ausschließlich angeboren) (!Jede Person besitzt genau einen Lernstil) (!Intelligenz ist mit Persönlichkeit identisch)
Welche Fähigkeit gehört zur naturalistischen Intelligenz? (Naturphänomene erkennen und klassifizieren) (!Eigene Gefühle vollständig unterdrücken) (!Musikalische Tonhöhen berechnen) (!Nur schriftliche Texte auswendig lernen)
Welche Intelligenz gilt bei Gardner eher als diskutierte Kandidatin? (Existenzielle Intelligenz) (!Sprachliche Intelligenz) (!Räumliche Intelligenz) (!Interpersonale Intelligenz)
Wie verhalten sich multiple Intelligenzen und Lernstile zueinander? (Sie sind unterschiedliche Konzepte) (!Sie sind vollständig identisch) (!Lernstile beweisen die acht Intelligenzen) (!Jede Intelligenz entspricht einem Sinneskanal)
Was ist ein zentraler psychometrischer Einwand? (Die behaupteten Intelligenzen sind nicht ausreichend unabhängig) (!Kognitive Tests korrelieren niemals) (!Der g Faktor misst nur Persönlichkeit) (!Faktorenanalysen sind in der Psychologie verboten)
Wofür steht der g Faktor? (Für einen allgemeinen Faktor kognitiver Leistung) (!Für Gardners achte Intelligenz) (!Für eine musikalische Grundfrequenz) (!Für einen festen Lernstil)
Welche Unterrichtspraxis ist wissenschaftlich am ehesten verantwortbar? (Verschiedene Zugänge passend zum Lernziel anbieten) (!Lernende dauerhaft als Intelligenztypen festlegen) (!Nur den stärksten vermuteten Bereich fördern) (!Online Selbsttests als Diagnose verwenden)
Was beweist ein abwechslungsreicher Unterricht nicht? (Die Existenz von acht unabhängigen Intelligenzen) (!Dass Aufgaben verschieden gestaltet werden können) (!Dass Lernziele mehrere Tätigkeiten erfordern können) (!Dass Lernende unterschiedliche Vorerfahrungen besitzen)
Memory
| Sprachlich-linguistisch | Sprache zielgerichtet verwenden |
| Logisch-mathematisch | Muster und Schlussfolgerungen analysieren |
| Räumlich | räumliche Beziehungen mental verändern |
| Musikalisch | Tonhöhe und Rhythmus verarbeiten |
| Körperlich-kinästhetisch | den Körper präzise einsetzen |
| Interpersonal | Perspektiven anderer erschließen |
| Intrapersonal | eigene Motive reflektieren |
| Naturalistisch | Naturphänomene klassifizieren |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Thema |
|---|---|
| Autonomie | behauptete relative Unabhängigkeit der Intelligenzen |
| Psychometrie | Messung psychologischer Merkmale |
| Validität | Gültigkeit einer Messung oder Schlussfolgerung |
| Differenzierung | Variation von Lernwegen und Aufgaben |
| G Faktor | gemeinsamer Anteil kognitiver Testleistungen |
Kreuzworträtsel
| Gardner | Wer entwickelte die Theorie der multiplen Intelligenzen? |
| Psychometrie | Wie heißt die Wissenschaft psychologischer Messverfahren? |
| Autonomie | Welcher Begriff bezeichnet relative Unabhängigkeit? |
| Faktorenanalyse | Welches Verfahren untersucht gemeinsame Dimensionen vieler Testwerte? |
| Neuromythos | Wie heißt eine verbreitete, wissenschaftlich problematische Vorstellung über Gehirn und Lernen? |
| Naturalistisch | Wie heißt die Intelligenz zum Erkennen und Ordnen von Naturphänomenen? |
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Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Begriffsnetz: Erstelle eine übersichtliche Grafik mit den acht Intelligenzen und je einem passenden Beispiel.
- Medienanalyse: Wähle ein eingebettetes Video und notiere drei Aussagen sowie eine offene Frage.
- Alltagsbeispiele: Beschreibe vier Tätigkeiten, bei denen mehrere von Gardners Intelligenzen zusammenwirken.
- Kurzinterview: Frage eine Person, was sie unter Intelligenz versteht, und vergleiche die Antwort mit Gardner.
Standard
- Unterrichtsplanung: Entwirf eine kurze Lerneinheit mit mindestens drei verschiedenen Zugängen, ohne Lernende als Typen festzulegen.
- Quellenvergleich: Vergleiche eine Darstellung Gardners mit einer kritischen wissenschaftlichen Quelle.
- Fallanalyse: Untersuche ein fiktives Schülerprofil und trenne Leistung, Interesse, Motivation, Persönlichkeit und Intelligenz.
- Mini-Erhebung: Befrage zehn Personen zur Bekanntheit des Modells und werte die Antworten deskriptiv aus, ohne Intelligenz zu diagnostizieren.
Schwer
- Forschungsdesign: Plane eine Studie, mit der die Unabhängigkeit zweier angenommener Intelligenzen geprüft werden könnte.
- Testkritik: Analysiere einen frei zugänglichen Multiple-Intelligences-Selbsttest nach Reliabilität, Validität und Normierung.
- Wissenschaftsdebatte: Führe eine strukturierte Debatte zur These „Gardners Modell ist eher Bildungstheorie als Intelligenztheorie“.
- Transferprojekt: Entwickle ein evidenzorientiertes Konzept für vielfältige Leistungsnachweise und begründe jede Entscheidung.


Lernkontrolle
- Theorievergleich: Vergleiche Gardners Modell mit einem hierarchischen Intelligenzmodell und erkläre, welche unterschiedlichen Vorhersagen beide machen.
- Kausalitätsprüfung: Eine Klasse lernt nach einem abwechslungsreichen Konzept erfolgreicher. Erkläre, warum dies die Theorie multipler Intelligenzen nicht automatisch bestätigt.
- Diagnostikfall: Eine Lehrkraft bezeichnet einen Jugendlichen nach einem Online-Test als „rein kinästhetischen Typ“. Bewerte das Vorgehen fachlich und ethisch.
- Unterrichtstransfer: Entwickle für ein Thema aus Deinem Fach drei Lernaktivitäten und begründe sie über Lernziele statt über feste Intelligenzprofile.
- Studienkritik: Prüfe, welche Messinstrumente, Vergleichsgruppen und Alternativerklärungen eine Wirksamkeitsstudie berücksichtigen müsste.
- Urteilsbildung: Formuliere ein begründetes Gesamturteil, das pädagogische Attraktivität und empirische Grenzen gleichzeitig berücksichtigt.
Lernnachweis
Ein geeigneter Lernnachweis enthält:
- eine korrekte Darstellung der acht Intelligenzen,
- eine klare Abgrenzung zu Lernstilen, Talenten und Persönlichkeit,
- eine Erklärung des g-Faktors und der psychometrischen Kritik,
- eine Bewertung der Mess- und Neurowissenschaftsprobleme,
- einen reflektierten Unterrichtsentwurf ohne Typisierung,
- nachvollziehbare Quellen und eine begründete eigene Position.
OERs zum Thema
Quellen und wissenschaftliche Einordnung
- ↑ 1,0 1,1 Katie Davis, Joanna Christodoulou, Scott Seider und Howard Gardner: The Theory of Multiple Intelligences, Harvard Project Zero.
- ↑ Howard Gardner: Multiple Intelligences Are Not Learning Styles, Harvard Graduate School of Education.
- ↑ Beth A. Visser, Michael C. Ashton und Philip A. Vernon: Beyond g: Putting multiple intelligences theory to the test. Intelligence, 34, 2006, 487–502.
- ↑ Lynn Waterhouse: Why multiple intelligences theory is a neuromyth. Frontiers in Psychology, 14, 2023.
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