Die Reformation in Ulm


Die Reformation in Ulm
Einleitung

Die Reformation in Ulm war ein tiefgreifender religiöser, politischer, sozialer und kultureller Umbruch in der Reichsstadt Ulm im frühen 16. Jahrhundert. Sie führte dazu, dass das Ulmer Münster und das städtische Kirchenwesen evangelisch geprägt wurden. Besonders bekannt ist Ulm, weil die Entscheidung für die Reformation 1530 durch eine Bürgerbefragung vorbereitet wurde: Von 1.865 stimmberechtigten Bürgern stimmten 1.621 gegen den Reichstagsabschied von Augsburg und damit für die Einführung der neuen Lehre. Das waren etwa 87 Prozent der Stimmberechtigten. Wichtig ist aber: Stimmberechtigt waren nur männliche Bürger mit Bürgerrecht, also keineswegs die gesamte Bevölkerung. Frauen, viele Arme, Gesellen, Dienstboten, Zugewanderte und Untertanen im Ulmer Land hatten keine Stimme.
In diesem aiMOOC lernst Du, warum die Reformation in Ulm nicht einfach nur eine Glaubensentscheidung war. Du untersuchst, wie Theologie, Bürgerbeteiligung, städtische Machtpolitik, soziale Ordnung, Bildung, Kunst und Konflikte zwischen verschiedenen reformatorischen Richtungen zusammenhingen. Dabei spielt die Frage eine zentrale Rolle: Wurde Ulm evangelisch, weil die Bürgerinnen und Bürger es wollten, weil der Rat es politisch nutzte oder weil beides zusammenkam?
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Lernziele
Nach diesem aiMOOC kannst Du erklären, warum die Reformation in Ulm ein besonderer Fall der süddeutschen Stadtreformation war. Du kannst die Rolle des Ulmer Rats, der stimmberechtigten Bürger, der Prediger und der auswärtigen Reformatoren einordnen. Du lernst, zwischen religiösen Überzeugungen, politischem Kalkül und sozialen Interessen zu unterscheiden. Außerdem kannst Du historische Quellen wie Abstimmungslisten, Kirchenordnungen, Bilder und Stadtansichten kritisch auswerten.
Historischer Hintergrund: Ulm vor der Reformation

Ulm war im 16. Jahrhundert eine bedeutende Freie Reichsstadt im Heiligen Römischen Reich. Das bedeutete: Die Stadt unterstand direkt dem Kaiser, nicht einem regionalen Fürsten. Der Rat der Stadt hatte große Verantwortung für Verwaltung, Rechtsprechung, Wirtschaft, Verteidigung und öffentliche Ordnung. Auch kirchliche Fragen waren eng mit städtischer Politik verbunden, denn Kirchen, Klöster, Schulen, Armenfürsorge und Stiftungen prägten das Leben der Stadt.
Das Ulmer Münster war schon vor der Reformation ein zentrales Zeichen bürgerlichen Selbstbewusstseins. Der Bau war 1377 begonnen worden und wurde von der Bürgerschaft getragen. Das Münster war nicht nur ein religiöser Raum, sondern auch ein Symbol dafür, dass die Stadtgemeinde etwas Eigenes, Großes und Dauerhaftes schaffen konnte. Als die Reformation Ulm erreichte, wurde deshalb nicht nur über Predigten und Gottesdienste gestritten, sondern auch über die Frage, wem die öffentliche Religion der Stadt gehören sollte: der alten kirchlichen Ordnung, den Klöstern, dem Bischof, dem Kaiser, dem Rat oder der Bürgerschaft?
Die Reformation: Grundidee und Konflikt
Die Reformation war eine Erneuerungsbewegung im Christentum des 16. Jahrhunderts. Sie begann nicht an einem einzigen Ort und nicht durch eine einzelne Ursache. Besonders wichtig wurde Martin Luther, der 1517 mit seinen 95 Thesen gegen den Ablasshandel bekannt wurde. Luther kritisierte, dass Menschen den Eindruck bekommen konnten, sie könnten durch Geldzahlungen oder kirchliche Leistungen ihr Heil sichern. Zentral war für ihn die Botschaft, dass der Mensch durch Gnade, Glaube und Jesus Christus gerechtfertigt werde.
In Süddeutschland wirkten aber nicht nur lutherische Ideen. In Städten wie Straßburg, Basel, Konstanz, Memmingen, Biberach und Ulm spielten auch oberdeutsch-schweizerische Reformatoren eine wichtige Rolle. Dazu gehörten Huldrych Zwingli, Johannes Oekolampad, Martin Bucer und Ambrosius Blarer. Diese Richtung betonte häufig stärker die Ordnung der Gemeinde, die Vereinfachung des Gottesdienstes, die Kritik an Bildern im Kirchenraum und eine strenge kirchliche Disziplin.
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Erste reformatorische Impulse in Ulm
Die ersten reformatorischen Ideen kamen in Ulm bereits um 1520 auf. Eine wichtige Rolle spielten humanistisch gebildete Kreise, städtische Gelehrte, Ärzte, Druckschriften und Predigten. Der Ulmer Stadtarzt Wolfgang Reichart nahm reformatorische Schriften begeistert auf. In der Franziskanerkirche am Münsterplatz wurden früh Predigten gehalten, die reformatorisch wirkten.
Der Rat der Stadt reagierte zunächst vorsichtig. Das hatte mehrere Gründe. Einerseits gab es in der Bürgerschaft Sympathie für die neue Lehre. Andererseits wollte der Rat Unruhe vermeiden und durfte die politische Lage im Reich nicht ignorieren. Kaiser Karl V. wollte die religiöse Einheit des Reiches erhalten. Wer sich zu offen gegen die alte Kirchenordnung stellte, riskierte politische Konflikte, rechtliche Nachteile oder sogar militärische Gefahr.
Das Bürgerbegehren von 1524 und Konrad Sam

Im Jahr 1524 forderten vier evangelisch gesinnte Ulmer Bürger den Rat auf, stärker gegen Angriffe auf die neue Lehre vorzugehen und evangelische Predigt zu ermöglichen. Daraufhin berief der Rat Konrad Sam als evangelischen Prediger. Sam stammte aus Rottenacker, war theologisch gebildet und wurde zu einer Schlüsselfigur der Ulmer Reformation.
Sam predigte zunächst in der Barfüßerkirche und später im Ulmer Münster. Seine Predigten gewannen viele Anhängerinnen und Anhänger in der Stadt. Er stand theologisch eher der schweizerisch-oberdeutschen Richtung nahe, besonders den Gedanken Zwinglis. Das war wichtig, weil Ulm zunächst nicht eindeutig lutherisch wurde. Die Reformation in Ulm war also von Anfang an vielstimmig: lutherische, zwinglianische, humanistische, täuferische und spiritualistische Einflüsse trafen aufeinander.
Der Rat zwischen Glaube, Ordnung und Macht
Der Ulmer Rat musste abwägen. Aus religiöser Sicht ging es um die Frage, welche Predigt wahr und biblisch sei. Aus politischer Sicht ging es um die öffentliche Ordnung. Aus sozialer Sicht ging es um Armenfürsorge, Schulen, Stiftungen, Klöster und die Kontrolle kirchlicher Güter. Aus reichspolitischer Sicht ging es um das Verhältnis zu Kaiser, Reichstag und anderen Städten.
Der Rat wollte nicht, dass religiöse Konflikte zu Aufständen führten. Die Erinnerung an den Bauernkrieg von 1524/1525 war noch frisch. Zugleich konnte die Reformation dem Rat mehr Zugriff auf das Kirchenwesen verschaffen. Wenn Klöster aufgehoben, kirchliche Besitzungen neu geordnet und Schulen städtisch beaufsichtigt wurden, wuchs die Macht der städtischen Obrigkeit. Deshalb darfst Du die Reformation in Ulm nicht nur als Glaubensentscheidung verstehen, sondern auch als Prozess der Konfessionalisierung und der städtischen Herrschaftsbildung.
Der Reichstag von Augsburg 1530
1530 wurde die Lage besonders angespannt. Auf dem Reichstag zu Augsburg ging es um die religiöse Zukunft des Reiches. Die evangelischen Stände legten die Confessio Augustana vor, die ihre Lehre erläuterte. Kaiser und Reich wollten jedoch reformatorische Neuerungen zurückdrängen. Der Augsburger Reichstagsabschied stellte die evangelischen Städte vor eine schwierige Entscheidung: Sollten sie sich dem kaiserlichen Kurs beugen oder beim neuen Glauben bleiben?
Für Ulm bedeutete das: Der Rat konnte die Entscheidung nicht länger aufschieben. Die Glaubensfrage wurde zur politischen Entscheidungsfrage. Um die Verantwortung breiter abzustützen, ließ der Rat die stimmberechtigten Bürger befragen.
Die Bürgerbefragung von November 1530

Vom 3. bis 8. November 1530 wurden die stimmberechtigten Bürger Ulms nach Zünften befragt. Die Abstimmungslisten sind bis heute eine bedeutende Quelle. Von 1.865 befragten und stimmberechtigten Bürgern sprachen sich 1.621 gegen den Reichstagsabschied und damit für die Einführung der Reformation aus. Das entsprach rund 87 Prozent.
Diese Abstimmung ist bemerkenswert, aber sie war keine moderne Demokratie. Die Beteiligung war an das Bürgerrecht gebunden. Nicht alle Einwohnerinnen und Einwohner Ulms durften mitentscheiden. Dennoch zeigt die Befragung, dass der Rat seine Entscheidung nicht einfach über die Bürgerschaft hinweg treffen wollte. Er suchte Rückhalt, Legitimation und öffentliche Zustimmung.
Deutung der Abstimmung
Die Bürgerbefragung kann unterschiedlich gedeutet werden. Sie war eine echte Ausdrucksform städtischer Beteiligung, weil viele stimmberechtigte Bürger ihre Haltung zeigen konnten. Gleichzeitig war sie ein politisches Instrument des Rats, der dadurch seine Entscheidung absichern konnte. Außerdem stimmten die Bürger nicht über jedes Detail einer zukünftigen Kirchenordnung ab. Viele wussten, dass sie gegen die alte Ordnung stimmten, aber noch nicht genau, wie das neue Kirchenwesen aussehen würde.
Die Einführung der Reformation 1531
Nach der deutlichen Zustimmung der stimmberechtigten Bürgerschaft begann der Rat mit der Neuordnung des Kirchenwesens. Dazu holte er erfahrene Reformatoren nach Ulm. Besonders wichtig waren Martin Bucer aus Straßburg, Ambrosius Blarer aus Konstanz und Johannes Oekolampad aus Basel. Sie halfen, die Ulmer Reformation theologisch und organisatorisch zu gestalten.


Am 31. Juli 1531 verkündete der Ulmer Rat offiziell die Einführung der Reformation. Am 6. August 1531 wurde die Ulmer Kirchenordnung veröffentlicht. Sie regelte Lehre, Gottesdienst, Abendmahl, Taufe, Feiertage, Gesang, Gebet, den Umgang mit Bildern, Kirchenzucht, Ehefragen, Armenfürsorge und Schule. Damit wurde die Reformation in Ulm nicht nur gepredigt, sondern institutionell umgesetzt.
Die Ulmer Kirchenordnung von 1531
Die Kirchenordnung war das organisatorische Herzstück der Reformation. Sie sollte festlegen, was in Ulm künftig als evangelische Lehre und als richtige kirchliche Praxis galt. Besonders deutlich wird daran, dass Reformation mehr war als eine neue Meinung über Glaubensfragen. Sie veränderte den Alltag.
Lehre
Die Kirchenordnung erklärte, welche Glaubensinhalte künftig gelten sollten. Im Zentrum standen die Bibel, die Predigt des Evangeliums, die Rechtfertigung aus Gnade und die Abgrenzung von Praktiken, die als unbiblisch galten. Dabei stand Ulm zunächst der oberdeutsch-schweizerischen Richtung nahe.
Gottesdienst
Der Gottesdienst wurde vereinfacht. Die Predigt gewann an Bedeutung. Das Abendmahl wurde neu verstanden und gefeiert. Kirchengesang und Gebete wurden geordnet. Die traditionelle Messe wurde abgeschafft. Dadurch änderte sich, wie Menschen Religion hörten, sahen, sangen und erlebten.
Bilder und Altäre
Eine der sichtbarsten Veränderungen war der Umgang mit religiösen Bildern. Im Juni 1531 ließ man Bilder, Altäre und andere Ausstattungsstücke aus dem Münster und weiteren Kirchen entfernen. Diese Vorgänge werden häufig mit dem Begriff Bildersturm beschrieben. In Ulm ging es dabei nicht nur um Zerstörung, sondern auch um eine theologische Grundfrage: Sollten Bilder im Kirchenraum helfen, den Glauben zu verstehen, oder lenkten sie vom Wort Gottes ab?
Schule und Bildung
Die Kirchenordnung befasste sich auch mit Schulen. Bildung war für evangelische Städte wichtig, weil Menschen die Bibel und den Katechismus verstehen sollten. Lesen, Schreiben, religiöse Unterweisung und städtische Aufsicht über Schulen wurden daher zu wichtigen Elementen der neuen Ordnung. Reformation und Bildungsgeschichte gehören in Ulm eng zusammen.
Kirchenzucht und soziale Ordnung
Die Kirchenordnung regelte nicht nur Glaubenssätze, sondern auch Verhalten. Kirchenzucht bedeutete, dass moralisches und religiöses Verhalten überwacht und bewertet werden konnte. Aus heutiger Sicht wirkt das streng. Für die damalige Obrigkeit war es ein Mittel, eine christliche Stadtgemeinde zu formen und Konflikte zu begrenzen.
Der Ulmer Bildersturm

Der Bildersturm von 1531 gehört zu den einschneidendsten Folgen der Ulmer Reformation. Altäre, Bilder, Skulpturen und liturgische Gegenstände wurden entfernt. Viele Kunstwerke gingen verloren, andere wurden gerettet, ausgelagert oder später an anderer Stelle wieder aufgestellt. Ein Beispiel für gerettete Kunst ist der Hutzaltar, der den Bildersturm überstand, weil er rechtzeitig in Sicherheit gebracht wurde.
Für die Reformatoren war die Entfernung der Bilder ein Zeichen des religiösen Neubeginns. Sie wollten verhindern, dass Bilder angebetet oder als heilsnotwendig missverstanden wurden. Für Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker bedeutet der Bildersturm zugleich einen großen Verlust spätmittelalterlicher Kunst. Hier zeigt sich ein typischer Konflikt der Reformationszeit: Was für die einen Reinigung des Glaubens war, erschien anderen als Zerstörung religiöser Kultur.
Klöster, Stiftungen und Armenfürsorge
Durch die Reformation wurden Klöster aufgehoben oder umgewandelt. Das Franziskanerkloster Ulm wurde 1531 aufgehoben. Kirchliche Güter, Stiftungen und Einkünfte wurden neu geordnet. Der Rat konnte dadurch stärker steuern, wie Geld für Prediger, Schulen, Arme und öffentliche Aufgaben verwendet wurde.
Diese Umordnung war religiös begründet, hatte aber auch politische und soziale Folgen. Wer über kirchliches Vermögen verfügte, verfügte über Macht. Die Reformation stärkte daher den Rat und veränderte das Verhältnis zwischen Kirche, Stadt und Bevölkerung.
Vielstimmigkeit: Nicht alle Evangelischen waren gleich
Die Ulmer Reformation war nicht einfach ein Wechsel von katholisch zu lutherisch. Zunächst wirkten stark oberdeutsch-schweizerische Ideen. Konrad Sam orientierte sich an Huldrych Zwingli. Martin Bucer versuchte oft, zwischen unterschiedlichen reformatorischen Richtungen zu vermitteln. Ambrosius Blarer brachte Erfahrungen aus Konstanz ein. Johannes Oekolampad stand für die Basler Reformation.
Daneben gab es Täufer, Spiritualisten und religiöse Einzelgänger. Namen wie Sebastian Franck und Kaspar von Schwenckfeld zeigen, dass Ulm zeitweise ein Ort intensiver religiöser Debatten war. Diese Vielfalt war aber nicht gleichbedeutend mit moderner Religionsfreiheit. Täufer und andere abweichende Gruppen wurden überwacht, verhört oder verfolgt. Auch die katholische Minderheit blieb zwar in der Stadt, wurde aber im Laufe der Zeit stark eingeschränkt.
Martin Frecht und die lutherische Orientierung
Nach dem Tod Konrad Sams 1533 gewann Martin Frecht an Bedeutung. Frecht war in Ulm geboren, hatte in Heidelberg studiert und stand mit wichtigen Reformatoren in Verbindung. Unter ihm näherte sich Ulm stärker dem Luthertum an. Damit verschob sich die Ulmer Reformation von der zunächst oberdeutsch-schweizerischen Prägung zu einer stärker lutherischen Ausrichtung.
Diese Entwicklung zeigt, dass die Reformation kein einzelner Moment war. Sie war ein Prozess. Entscheidungen von 1530 und 1531 mussten später ausgelegt, angepasst und gegen innere sowie äußere Konflikte verteidigt werden.
Reichspolitik und Konfessionalisierung
Die Ulmer Reformation war eingebettet in die Konflikte des Heiligen Römischen Reiches. Evangelische Städte und Fürsten suchten Schutz in Bündnissen wie dem Schmalkaldischen Bund. Nach dem Schmalkaldischen Krieg wurde 1548 das Augsburger Interim wichtig, durch das Kaiser Karl V. katholische Elemente wieder stärken wollte. Auch Ulm musste sich mit diesem Druck auseinandersetzen.
Der Augsburger Religionsfrieden von 1555 brachte später eine reichsrechtliche Ordnung zwischen katholischen und evangelischen Reichsständen. Für die einzelne Bevölkerung bedeutete das aber noch keine freie Religionswahl im heutigen Sinn. Die Obrigkeit bestimmte wesentlich, welche Konfession öffentlich gelten sollte. Dieser Prozess wird in der Geschichtswissenschaft als Konfessionalisierung bezeichnet.
Warum ist die Reformation in Ulm besonders?
Die Reformation in Ulm ist besonders, weil hier mehrere Ebenen sichtbar werden. Erstens gab es eine starke Beteiligung der stimmberechtigten Bürgerschaft. Zweitens handelte der Rat vorsichtig, strategisch und ordnungspolitisch. Drittens war Ulm zunächst nicht eindeutig lutherisch, sondern durch oberdeutsch-schweizerische Einflüsse geprägt. Viertens zeigen Kirchenordnung, Bildersturm, Schulwesen und Klosterauflösungen, wie stark die Reformation den Alltag veränderte.
Zusammenfassung in fünf Punkten
- Bürgerbefragung: Die Entscheidung von 1530 erhielt Rückhalt durch eine Abstimmung der stimmberechtigten männlichen Bürger.
- Rat: Der Ulmer Rat nutzte die Reformation, um Glauben, Ordnung, Bildung und Besitz neu zu organisieren.
- Theologie: Ulm war zunächst stark von oberdeutsch-schweizerischen Reformatoren geprägt.
- Kultur: Der Bildersturm veränderte das Ulmer Münster und führte zu Verlusten, aber auch zu neuen Deutungen des Kirchenraums.
- Konfessionalisierung: Aus reformatorischer Bewegung wurde eine dauerhafte evangelische Stadtordnung.
Zeitleiste
| Zeit | Ereignis | Bedeutung |
|---|---|---|
| 1517 | Martin Luther veröffentlicht seine Kritik am Ablasshandel | Beginn der Wittenberger Reformation als europäischer Impuls |
| um 1520 | Reformatorische Schriften und Predigten erreichen Ulm | Humanistische und evangelische Kreise gewinnen Einfluss |
| 1524 | Bürger fordern Veränderungen; Konrad Sam wird Prediger | Die Reformation bekommt in Ulm eine feste Stimme |
| 1529 | Ulm gehört zu den protestierenden Reichsständen | Die Stadt positioniert sich im Reichskonflikt |
| 1530 | Bürgerbefragung vom 3. bis 8. November | Mehrheit der stimmberechtigten Bürger unterstützt die Reformation |
| 1531 | Offizielle Einführung der Reformation und Ulmer Kirchenordnung | Das Kirchenwesen wird neu organisiert |
| 1533 | Tod Konrad Sams; Martin Frecht gewinnt Einfluss | Ulm nähert sich stärker lutherischen Positionen an |
| 1548 | Augsburger Interim | Kaiserlicher Druck auf evangelische Städte |
| 1555 | Augsburger Religionsfrieden | Reichsrechtliche Ordnung zwischen katholischen und evangelischen Reichsständen |
Quellenarbeit: Wie kannst Du die Reformation in Ulm untersuchen?
Historisches Lernen bedeutet, Quellen zu befragen. Die Reformation in Ulm ist dafür besonders geeignet, weil es unterschiedliche Quellentypen gibt: Abstimmungslisten, Ratsbeschlüsse, Kirchenordnungen, Predigten, Bilder, Gebäude, Stadtansichten und spätere Erinnerungen.
Abstimmungslisten
Abstimmungslisten zeigen, wer wie abgestimmt hat. Sie helfen Dir zu erkennen, welche Gruppen beteiligt waren. Gleichzeitig musst Du fragen, wer fehlt. In Ulm fehlen Frauen, Nichtbürger, viele Arme, Gesellen und Untertanen auf dem Land. Eine Quelle zeigt also immer sowohl etwas Sichtbares als auch etwas Unsichtbares.
Kirchenordnung
Eine Kirchenordnung zeigt, wie die Obrigkeit das Leben gestalten wollte. Sie ist keine neutrale Beschreibung des Alltags, sondern ein normativer Text. Das heißt: Sie sagt, was gelten sollte. Ob Menschen das tatsächlich immer so lebten, musst Du mit weiteren Quellen vergleichen.
Gebäude und Kunstwerke
Das Ulmer Münster, die Konrad-Sam-Kapelle, der Hutzaltar oder das Schwörhaus sind materielle Quellen. An ihnen kannst Du erkennen, wie Religion, Politik, Kunst und Erinnerung zusammenwirken. Gebäude erzählen Geschichte, aber sie müssen interpretiert werden.
Gegenwartsbezug
Die Reformation in Ulm führt zu Fragen, die auch heute wichtig sind. Wer darf in einer Gesellschaft über Grundfragen mitentscheiden? Wie wird Mehrheitswille begrenzt, wenn Minderheiten betroffen sind? Wie hängen Religion, Politik und öffentliche Ordnung zusammen? Was geschieht mit Kunstwerken, Symbolen oder Traditionen, wenn sich Werte ändern? Und wie kann eine Stadt mit religiöser Vielfalt umgehen?
Wenn Du diese Fragen diskutierst, merkst Du: Die Reformation in Ulm ist kein fernes Thema. Sie hilft Dir, über Demokratie, Minderheitenschutz, Religionsfreiheit, Kulturelles Erbe und politische Legitimation nachzudenken.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
In welchem Jahr stimmten die Ulmer Bürger über die Einführung der Reformation ab? (1530) (!1517) (!1524) (!1555)
Wer wurde 1524 als wichtiger evangelischer Prediger nach Ulm berufen? (Konrad Sam) (!Martin Luther) (!Johannes Calvin) (!Philipp Melanchthon)
Welche Gruppe durfte bei der Ulmer Bürgerbefragung von 1530 abstimmen? (Stimmberechtigte männliche Bürger mit Bürgerrecht) (!Alle Einwohnerinnen und Einwohner) (!Nur katholische Geistliche) (!Alle Menschen im Ulmer Land)
Wie viele stimmberechtigte Bürger wurden 1530 in Ulm befragt? (1865) (!95) (!1531) (!1617)
Wie viele der befragten Ulmer Bürger stimmten für den reformatorischen Kurs? (1621) (!500) (!186) (!1555)
Welche Reformatoren halfen 1531 bei der Neuordnung des Ulmer Kirchenwesens? (Martin Bucer, Ambrosius Blarer und Johannes Oekolampad) (!Thomas Müntzer, Johannes Calvin und Ignatius von Loyola) (!Karl V., Johannes Eck und Papst Leo X.) (!Albrecht Dürer, Hans Holbein und Martin Schaffner)
Was regelte die Ulmer Kirchenordnung von 1531? (Lehre, Gottesdienst, Schule, Kirchenzucht und kirchliche Praxis) (!Nur die Höhe des Münsterturms) (!Nur die Handelswege der Stadt) (!Nur die Wahl des Kaisers)
Was bezeichnet der Begriff Bildersturm im Zusammenhang mit Ulm? (Die Entfernung oder Zerstörung religiöser Bilder und Altäre) (!Den Bau des höchsten Kirchturms) (!Eine militärische Belagerung der Stadt) (!Eine neue Steuer auf Gemälde)
Welche theologische Richtung prägte Ulm zunächst besonders stark? (Die oberdeutsch-schweizerische Reformation) (!Der Jesuitenorden) (!Die orthodoxe Kirche) (!Der Calvinismus des 17. Jahrhunderts)
Warum ist die Ulmer Reformation historisch besonders interessant? (Weil Bürgerbefragung, Ratsmacht, Theologie und Stadtordnung eng zusammenwirkten) (!Weil Ulm keine politischen Konflikte kannte) (!Weil alle Menschen vollständig gleichberechtigt abstimmten) (!Weil das Münster erst nach 1900 evangelisch wurde)
Memory
| Bürgerbefragung | Abstimmung über den reformatorischen Kurs |
| Konrad Sam | Erster wichtiger evangelischer Prediger in Ulm |
| Martin Bucer | Straßburger Reformator und Mitgestalter der Kirchenordnung |
| Ulmer Kirchenordnung | Regelwerk für Lehre, Gottesdienst und Ordnung |
| Bildersturm | Entfernung religiöser Bilder und Altäre |
| Ulmer Münster | Zentrales Gotteshaus der Stadt |
| Ambrosius Blarer | Reformator aus Konstanz |
| Oekolampad | Reformator aus Basel |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Thema |
|---|---|
| Bürgerbegehren | Forderung nach evangelischer Predigt |
| Bürgerbefragung | Entscheidung über den reformatorischen Kurs |
| Kirchenordnung | Neuordnung von Lehre und Gottesdienst |
| Bildersturm | Entfernung von Altären und Bildern |
| Konfessionalisierung | Dauerhafte Ordnung einer evangelischen Stadt |
| Reichspolitik | Druck durch Kaiser und Reichstag |
Kreuzworträtsel
| Bucer | Welcher Straßburger Reformator arbeitete 1531 maßgeblich an der Ulmer Kirchenordnung mit? |
| Blarer | Welcher Reformator aus Konstanz wurde nach Ulm berufen? |
| Oekolampad | Welcher Basler Reformator wirkte bei der Umgestaltung des Ulmer Kirchenwesens mit? |
| Münster | Welches große Ulmer Gotteshaus wurde durch die Reformation evangelisch? |
| Konrad | Wie hieß der Ulmer Reformator Sam mit Vornamen? |
| Bildersturm | Wie nennt man die Entfernung oder Zerstörung religiöser Bilder in der Reformationszeit? |
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Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Zeitleiste: Erstelle eine farbige Zeitleiste von 1517 bis 1555 und trage die wichtigsten Ereignisse der Reformation in Ulm ein.
- Begriffe erklären: Erkläre die Begriffe Reformation, Reichsstadt, Kirchenordnung, Bildersturm und Konfessionalisierung in eigenen Worten.
- Bildbeschreibung: Beschreibe die Abstimmungsliste von 1530 als historische Quelle: Was siehst Du, was kannst Du daraus schließen und welche Fragen bleiben offen?
- Steckbrief: Erstelle einen Steckbrief zu Konrad Sam oder Martin Frecht mit Herkunft, Aufgaben, theologischer Richtung und Bedeutung für Ulm.
Standard
- Quellenkritik: Untersuche, warum die Bürgerbefragung von 1530 wichtig war, aber nicht als moderne demokratische Wahl bezeichnet werden sollte.
- Stadtrundgang: Plane einen historischen Rundgang zu Orten der Reformation in Ulm, zum Beispiel Münster, Schwörhaus, Münsterplatz und Konrad-Sam-Kapelle.
- Rollendiskussion: Entwickle ein Streitgespräch zwischen einem Ratsmitglied, einem evangelischen Prediger, einer katholischen Bürgerin und einem Handwerksmeister.
- Kirchenraum analysieren: Erkläre, wie sich ein Kirchenraum verändert, wenn Altäre, Bilder und Messfeier entfernt werden und die Predigt in den Mittelpunkt rückt.
Schwer
- Historisches Urteil: Diskutiere die These: Die Reformation in Ulm war ebenso sehr ein politisches Projekt des Rats wie eine religiöse Bewegung der Bürgerschaft.
- Vergleich: Vergleiche die Reformation in Ulm mit der Reformation in Wittenberg, Zürich oder Straßburg und arbeite Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus.
- Forschungsprojekt: Entwickle eine kleine Ausstellung zur Ulmer Reformation mit mindestens fünf Exponaten, erklärenden Texten und einer Leitfrage.
- Gegenwartsbezug: Schreibe einen Essay darüber, was die Ulmer Bürgerbefragung von 1530 für heutige Diskussionen über Beteiligung, Minderheitenschutz und Religionsfreiheit bedeuten kann.

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Lernkontrolle
- Zusammenhang erklären: Erläutere, warum der Ulmer Rat die Reformation zunächst vorsichtig behandelte und erst 1530 eine Bürgerbefragung durchführen ließ.
- Perspektiven vergleichen: Vergleiche die Sicht eines evangelischen Bürgers, eines katholischen Geistlichen, eines Ratsmitglieds und einer nicht stimmberechtigten Magd auf die Ereignisse von 1530.
- Quelle auswerten: Analysiere die Abstimmungsliste von 1530 als Quelle. Berücksichtige Aussagekraft, Grenzen und mögliche Interessen des Rats.
- Transfer leisten: Beurteile, ob man die Bürgerbefragung als frühen Schritt in Richtung politischer Beteiligung verstehen kann oder ob diese Deutung zu modern ist.
- Kulturwandel beurteilen: Erkläre am Beispiel des Bildersturms, wie religiöse Reform, Kunstverlust und neue Glaubenspraxis miteinander zusammenhängen.
- Konfessionalisierung anwenden: Zeige, wie aus einer religiösen Bewegung durch Kirchenordnung, Schule, Kirchenzucht und Ratsentscheidungen eine dauerhafte Stadtordnung wurde.
Lernnachweis
Für einen Lernnachweis zur Reformation in Ulm solltest Du zeigen, dass Du nicht nur Daten auswendig kannst, sondern Zusammenhänge verstehst. Wichtig sind:
- Historischer Kontext: Du ordnest Ulm als Reichsstadt im Heiligen Römischen Reich ein.
- Ursachenanalyse: Du erklärst religiöse, politische, soziale und kulturelle Ursachen der Reformation in Ulm.
- Akteure: Du beschreibst die Rollen von Konrad Sam, Martin Bucer, Ambrosius Blarer, Johannes Oekolampad, Martin Frecht, dem Rat und der Bürgerschaft.
- Bürgerbefragung: Du beurteilst die Abstimmung von 1530 differenziert als Beteiligungsform mit klaren Grenzen.
- Kirchenordnung: Du erklärst, warum die Ulmer Kirchenordnung von 1531 für Gottesdienst, Schule, Moral und städtische Ordnung wichtig war.
- Bildersturm: Du analysierst den Bildersturm als theologischen, kulturellen und kunsthistorischen Konflikt.
- Urteilskompetenz: Du formulierst ein begründetes historisches Urteil zur Frage, ob die Reformation in Ulm eher Glaubensentscheidung, politisches Kalkül oder beides war.
- Gegenwartsbezug: Du stellst Bezüge zu heutigen Fragen von Beteiligung, Religionsfreiheit, Minderheitenschutz und kulturellem Erbe her.
OERs zum Thema
Weiterführende freie Materialien
- Stadtarchiv Ulm: Die Einführung der Reformation in Ulm
- Schule Baden-Württemberg: Ulm wird evangelisch
- Luther2017: Ulm als Stadt der vielstimmigen Reformation
- Reformationskirchen in Württemberg: Ulmer Münster
- Württembergische Kirchengeschichte Online: Konrad Sam und die Reformation in Ulm
- Württembergische Kirchengeschichte Online: Martin Frecht und die Reformation in Ulm
Links
Die wichtigsten Zusammenhänge der Reformation in Ulm lassen sich so bündeln: Ulm war eine Reichsstadt, in der reformatorische Predigt früh auf Zustimmung traf. Der Rat handelte vorsichtig, weil religiöse Fragen im Reich politisch gefährlich waren. Die Bürgerbefragung von 1530 gab der Einführung der Reformation Rückhalt, war aber keine moderne Demokratie. Die Ulmer Kirchenordnung von 1531 machte aus reformatorischen Ideen eine verbindliche Stadtordnung. Der Bildersturm zeigte den tiefen kulturellen Wandel. Die weitere Entwicklung führte über Martin Frecht zu einer stärkeren lutherischen Orientierung und zu einer langfristig evangelisch geprägten Stadt.
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