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Die Kelten an der Heuneburg – Gesellschaft, Handel und Archäologie

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Die Kelten an der Heuneburg – Gesellschaft, Handel und Archäologie



Einleitung

Die Heuneburg liegt bei Hundersingen in der Gemeinde Herbertingen im heutigen Baden-Württemberg, hoch über der oberen Donau. Vor rund 2600 Jahren war sie ein bedeutendes Zentrum der frühen Eisenzeit. Besonders im 6. Jahrhundert v. Chr. lebten hier viele Menschen in einer befestigten Siedlung mit Burgberg, Vorburg und einer sehr großen Außensiedlung. Archäologische Funde zeigen, dass die Bewohnerinnen und Bewohner weitreichende Kontakte hatten, spezialisiertes Handwerk betrieben und mit Gütern aus verschiedenen Teilen Europas in Berührung kamen.

Wenn in diesem aiMOOC von den Kelten gesprochen wird, ist damit eine vereinfachte Bezeichnung für Bevölkerungsgruppen der Eisenzeit gemeint, die von der Forschung mit der Hallstattkultur und später der Latènekultur verbunden werden. Es gab keinen einheitlichen „Keltenstaat“. Für die Menschen an der Heuneburg selbst besitzen wir keine eigenen schriftlichen Berichte. Unser Wissen stammt deshalb vor allem aus der Archäologie.

Du untersuchst in diesem aiMOOC drei Leitfragen: Wie war die Gesellschaft an der Heuneburg aufgebaut? Wie funktionierten Handel und Handwerk? Und wie finden Archäologinnen und Archäologen heute heraus, was damals geschah?


Die Heuneburg im Überblick

Der etwa drei Hektar große Burgberg wurde um 620 v. Chr. befestigt. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich die Heuneburg zu einem wichtigen Macht- und Wirtschaftszentrum nördlich der Alpen. Ihre Lage war günstig: Von der Höhe aus konnte man das Donautal überblicken, und die Donau war ein wichtiger Verkehrsweg. Zugleich bestanden Verbindungen nach Norden und über die Alpen in den Mittelmeerraum.

Zur Heuneburg gehörte weit mehr als nur der Burgberg. Westlich lag eine befestigte Vorburg. Davor erstreckte sich in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr. eine Außensiedlung von mehr als 100 Hektar. Forschende schätzen, dass in der Blütezeit auf Burgberg, Vorburg und Außensiedlung zusammen ungefähr 4000 bis 5000 Menschen lebten. Für die damalige Zeit war das eine außergewöhnlich große Siedlung.

Um 530 v. Chr. kam es zu einem Brand und zu deutlichen Veränderungen. Die große Außensiedlung wurde aufgegeben, während sich die Bebauung auf Burgberg und Vorburg wandelte. Um 450 v. Chr. wurde die Heuneburg nach einem weiteren Brand verlassen. Die genaue politische Entwicklung bleibt Gegenstand der Forschung.


Stadt, Fürstensitz oder Machtzentrum?

In älteren und auch in vielen heutigen Darstellungen wird die Heuneburg als Fürstensitz bezeichnet. Dieser Begriff soll ausdrücken, dass hier eine gesellschaftliche Elite lebte und Macht ausübte. Er ist aber eine moderne Bezeichnung. Wir kennen weder die damaligen Amtsnamen noch die genaue politische Ordnung.

Auch die Bezeichnung Stadt muss erklärt werden. Die Heuneburg besaß Merkmale, die an städtische Zentren erinnern: eine große Bevölkerung, Befestigungen, dichte Bebauung, Handwerk, Fernkontakte und gesellschaftliche Unterschiede. Deshalb wird sie häufig als frühes urbanes Zentrum oder als eine der frühesten stadtartigen Siedlungen nördlich der Alpen bezeichnet. Ob man dafür genau das Wort „Stadt“ verwenden möchte, hängt von der Definition ab.


Wer waren die frühen Kelten?

Die Blütezeit der Heuneburg gehört in die späte Hallstattzeit. Die Hallstattkultur ist eine archäologische Bezeichnung. Sie wurde nach dem Fundort Hallstatt in Österreich benannt. Archäologinnen und Archäologen erkennen sie an typischen Formen von Siedlungen, Gräbern, Keramik, Schmuck, Waffen und anderen Gegenständen.

Für Südwestdeutschland wird ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. häufig auch der Begriff frühkeltisch verwendet. Dabei musst Du vorsichtig sein: Archäologische Funde verraten viel über Lebensweise und Kontakte, aber sie sagen nicht automatisch, wie sich Menschen selbst genannt oder welche Sprache sie im Alltag gesprochen haben.

Die Menschen der Heuneburg waren Teil einer Welt, in der zahlreiche regionale Gemeinschaften miteinander verbunden waren. Sie tauschten Waren, Techniken und Ideen aus. Gerade deshalb ist die Heuneburg besonders spannend: Hier treffen lokale Traditionen und Einflüsse aus weit entfernten Regionen aufeinander.


Gesellschaft an der Heuneburg

Die Gesellschaft an der Heuneburg war wahrscheinlich deutlich gegliedert. Dafür sprechen große Unterschiede bei Häusern, Befestigungen und Bestattungen. Einige Menschen wurden in sehr aufwendigen Grabhügeln mit kostbaren Beigaben bestattet. Andere Gräber sind deutlich einfacher. Solche Unterschiede zeigen, dass Besitz, Ansehen und Macht nicht gleich verteilt waren.

Archäologie kann jedoch nicht einfach eine vollständige Gesellschaftspyramide liefern. Ein reiches Grab beweist zum Beispiel, dass die bestattete Person oder ihre Gemeinschaft Zugang zu wertvollen Gütern hatte. Es verrät aber nicht automatisch einen genauen Titel wie „Königin“, „Fürstin“ oder „Fürst“. Diese Wörter sind moderne Hilfsbegriffe.


Eliten und Macht

Besonders auffällig sind die großen Grabhügel in der Umgebung. Aufwendige Grabkammern, Goldschmuck, Bernstein, Bronzeobjekte und andere kostbare Beigaben weisen auf eine gesellschaftliche Oberschicht hin. Solche Bestattungen waren öffentlich sichtbare Zeichen. Ein Grabhügel konnte nicht nur an eine verstorbene Person erinnern, sondern auch Macht, Abstammung und den Anspruch einer Familie oder Gruppe auf eine besondere Stellung zeigen.

Der Fund eines reich ausgestatteten Kindergrabes am Bettelbühl ist wichtig, weil ein kleines Kind seinen gesellschaftlichen Rang nicht erst durch eine lange eigene Karriere erworben haben kann. Forschende deuten solche Funde deshalb als Hinweis darauf, dass hoher Status zumindest teilweise mit Familie und Herkunft verbunden gewesen sein könnte.


Frauen in der Elite

Ein besonders bekanntes Grab ist die Zentralbestattung vom Bettelbühl. Die dort bestattete erwachsene Frau wird häufig als „Fürstin vom Bettelbühl“ bezeichnet. Der Begriff „Fürstin“ ist keine überlieferte Amtsbezeichnung, sondern eine Deutung ihrer sehr reichen Ausstattung.

Der Fund ist trotzdem historisch wichtig: Er zeigt, dass Frauen zur höchsten sozialen Elite gehören konnten. Daraus folgt aber nicht, dass die gesamte Gesellschaft von Frauen regiert wurde. Archäologische Befunde helfen, Möglichkeiten und Unterschiede sichtbar zu machen, aber sie erlauben keine einfachen Aussagen über eine komplette politische Ordnung.


Handwerkerinnen, Handwerker und Arbeitsteilung

Auf der Heuneburg gab es spezialisiertes Handwerk. Gefunden wurden Spuren der Metallverarbeitung, Keramikherstellung und Textilproduktion. Webgewichte und Spindeln weisen auf das Herstellen von Stoffen hin. Öfen und Werkstattreste zeigen, dass Metall und Keramik nicht nur gelegentlich im Haushalt verarbeitet wurden.

Arbeitsteilung ist ein wichtiges Merkmal großer Siedlungen. Nicht jede Familie musste alles selbst herstellen. Menschen konnten sich auf bestimmte Tätigkeiten spezialisieren: Keramik, Metall, Textilien, Bauarbeiten, Landwirtschaft, Tierhaltung, Transport oder Handel. Eine solche Siedlung brauchte außerdem eine zuverlässige Versorgung mit Nahrung und Rohstoffen aus dem Umland.


Die Lehmziegelmauer – Bauen mit Wissen aus dem Süden

Um 600 v. Chr. erhielt der Burgberg eine außergewöhnliche Befestigung. Auf einem Steinsockel standen luftgetrocknete Lehmziegel. Diese Bautechnik ist aus dem Mittelmeerraum bekannt und war für die Hallstattzeit nördlich der Alpen etwas Besonderes. Die Mauer besaß außerdem vorspringende Türme und wirkte weithin sichtbar.

Die Mauer war nicht nur Schutz. Sie war wahrscheinlich auch ein Zeichen von Organisation und Macht: Für Planung, Materialbeschaffung und Bau mussten viele Arbeitskräfte koordiniert werden. Gleichzeitig zeigt die Technik, dass Kontakte nicht nur Waren bewegten. Auch Wissen, Bauideen und handwerkliche Verfahren konnten über große Entfernungen weitergegeben werden.

Heute ist ein Teil der Lehmziegelmauer rekonstruiert. Eine Rekonstruktion ist kein vollständig erhaltenes Original. Sie ist ein wissenschaftlich begründeter Versuch, frühere Bauformen anschaulich zu machen. Neue Forschung kann deshalb auch zu veränderten Rekonstruktionen führen.


Tor, Befestigung und Kontrolle

Befestigungen lenken Wege. Wer durch ein Tor in einen geschützten Bereich gelangt, kann beobachtet und kontrolliert werden. Das ist für Macht und Handel wichtig. An der Heuneburg wurden Reste monumentaler Toranlagen gefunden. Sie zeigen, dass die Siedlung nicht zufällig gewachsen war, sondern in wichtigen Bereichen geplant und geschützt wurde.


Handel: Die Heuneburg als Knotenpunkt

Die Heuneburg lag an der oberen Donau und damit an einer wichtigen Ost-West-Verbindung. Außerdem führten Wege nach Norden und über die Alpen in Richtung Mittelmeer. Flüsse, Wege und Alpenpässe machten es möglich, Waren in mehreren Etappen über sehr große Entfernungen zu bewegen.

Dabei muss man sich Fernhandel nicht wie einen modernen Lastwagen vorstellen, der direkt von der Ostsee bis zur Heuneburg fährt. Wahrscheinlicher ist häufig eine Kette von Tausch- und Handelskontakten. Ein Material konnte mehrfach den Besitzer wechseln, bevor es die Heuneburg erreichte.


Was kam von weit her?

Funde belegen Kontakte in verschiedene Richtungen. Auf der Heuneburg und in ihrem Umfeld wurden unter anderem griechische Keramik, Teile von Amphoren aus dem Mittelmeerraum, Bernstein sowie Schmuck und Rohstoffe fremder Herkunft entdeckt. Amphoren waren große Transportgefäße. Sie konnten zum Beispiel Wein enthalten.

Besonders spannend ist die Verbindung zur griechischen Kolonie Massalia, dem heutigen Marseille. Fragmente von Weinamphoren aus Südfrankreich zeigen, dass Güter aus dem Mittelmeerraum bis an die obere Donau gelangten. Bernstein weist dagegen auf Verbindungen in Richtung Ostsee. Solche Funde machen ein weitgespanntes Netzwerk sichtbar.


Was wurde an der Heuneburg hergestellt?

Die Heuneburg war nicht nur Empfängerin fremder Waren. In Werkstätten wurden Keramik, Metallobjekte, Textilien, Werkzeuge, Waffen, Schmuck und Alltagsgegenstände hergestellt. Einige Produkte dienten dem eigenen Bedarf, andere konnten getauscht oder gehandelt werden.

Der Handel brachte nicht nur Luxus. Rohstoffe waren für das Handwerk entscheidend. Wer Metall, Bernstein oder andere wertvolle Materialien verarbeiten wollte, brauchte Zugang zu Versorgungswegen und Handelskontakten. So hängen Handel, Handwerk und gesellschaftliche Macht eng zusammen.


Handel als Machtfaktor

Eine Elite konnte ihren Einfluss stärken, wenn sie den Zugang zu seltenen Gütern, wichtigen Wegen oder spezialisierten Handwerkern kontrollierte. Kostbare Gegenstände aus fernen Regionen konnten bei Festen, Geschenken oder Bestattungen sichtbar machen, dass jemand besondere Beziehungen besaß.

Trotzdem darfst Du nicht automatisch annehmen, dass jede importierte Scherbe einem „Fürsten“ gehörte. Archäologische Funde müssen immer im Fundzusammenhang untersucht werden: Wo lag der Gegenstand? In welchem Gebäude? In welchem Grab? Mit welchen anderen Funden? Erst daraus entsteht eine historische Deutung.


Archäologie: Wie wird die Vergangenheit erforscht?

Die Heuneburg gehört zu den am besten erforschten eisenzeitlichen Fundplätzen Europas. Erste Untersuchungen an Grabhügeln in der Umgebung fanden bereits im 19. Jahrhundert statt. Von 1950 bis 1979 wurde etwa ein Drittel der Innenfläche des Burgbergs systematisch ausgegraben. Die Forschenden erkannten viele übereinanderliegende Bauphasen und Befestigungen.

Archäologie bedeutet nicht einfach „Schätze ausgraben“. Wichtig ist der Zusammenhang. Eine Scherbe ohne dokumentierten Fundort sagt viel weniger aus als eine Scherbe, deren genaue Lage, Erdschicht und Nachbarfunde bekannt sind.


Stratigraphie – Geschichte in Schichten

Bei einer Ausgrabung liegen jüngere Spuren oft über älteren. Diese Abfolge nennt man Stratigraphie. Auf der Heuneburg konnten zahlreiche Bauphasen unterschieden werden. Dadurch lässt sich erkennen, dass Mauern, Häuser und Wege mehrfach verändert, zerstört und neu gebaut wurden.

Ein Brand ist zum Beispiel nicht nur eine Katastrophe. Für die Archäologie kann eine Brandschicht auch einen zeitlichen Einschnitt markieren. Trotzdem muss geprüft werden, ob alle Veränderungen wirklich gleichzeitig stattfanden.


Prospektion ohne großflächiges Graben

Moderne Archäologie arbeitet auch mit Methoden, die Strukturen im Boden sichtbar machen, ohne sofort große Flächen auszugraben. Dazu gehören:

  1. LiDAR: Laserscans aus der Luft können feine Höhenunterschiede im Gelände sichtbar machen, sogar in bewaldeten Bereichen.
  2. Geomagnetik: Messungen erfassen Unterschiede im Magnetfeld des Bodens. Gräben, Gruben, Öfen oder verbrannte Bereiche können dadurch erkennbar werden.
  3. Luftbildarchäologie: Aus der Luft können Bewuchs- oder Bodenmerkmale auffallen, die am Boden kaum sichtbar sind.
  4. Bohrungen: Kleine Bodenproben helfen, Schichten und die Ausdehnung von Befunden zu prüfen.

Mit solchen Verfahren wurde die enorme Größe der Außensiedlung besser verstanden.


Datierung – woher kennt man Jahreszahlen?

Archäologische Funde werden mit mehreren Methoden datiert. Keramikformen und Schmuckstile können mit bereits bekannten Fundserien verglichen werden. Naturwissenschaftliche Methoden ermöglichen zusätzliche Angaben.

Besonders genau ist die Dendrochronologie, wenn gut erhaltenes Holz vorhanden ist. Dabei werden die Muster der Jahresringe verglichen. Bei der Grabkammer der sogenannten Fürstin vom Bettelbühl waren Hölzer so gut erhalten, dass das Grab in das Winterhalbjahr 583/582 v. Chr. datiert werden konnte.


Blockbergung – ein Grab kommt ins Labor

Manche Funde sind so empfindlich oder kompliziert, dass sie nicht vollständig im Gelände freigelegt werden. Dann kann ein ganzer Erdblock gesichert und in ein Labor transportiert werden. Dort lässt er sich unter kontrollierten Bedingungen Stück für Stück untersuchen.

2010 wurde die reich ausgestattete Zentralbestattung vom Bettelbühl in einem Block geborgen. Gold, Bernstein, Bronze, Holz und andere Materialien konnten dadurch besonders sorgfältig untersucht werden. Im Jahr 2020 wurde in derselben Nekropole eine weitere frühkeltische Grabkammer in einem rund 80 Tonnen schweren Block geborgen.


Gräber als Quellen

In der Umgebung der Heuneburg liegen mehrere Grabhügelgruppen. Zu den bekannten Fundplätzen gehören der Hohmichele und die Bettelbühlnekropole. Gräber sind für die Forschung besonders wichtig, weil Beigaben, Bauweise, menschliche Überreste und manchmal organische Materialien gemeinsam erhalten sein können.

Aber auch hier gilt: Ein Grab zeigt nicht einfach den Alltag einer Person. Bestattungen waren bewusst gestaltete Handlungen. Die Hinterbliebenen entschieden, wie jemand bestattet wurde und welche Gegenstände mitgegeben wurden. Deshalb erzählen Gräber sowohl etwas über die verstorbene Person als auch über Werte, Rituale und Machtvorstellungen der Gemeinschaft.


Der Bettelbühl

Die Bettelbühlnekropole liegt in der Donauebene südöstlich der Heuneburg. Sie bestand aus mehreren Grabhügeln. In einem stark abgepflügten Hügel wurde 2005 das reich ausgestattete Grab eines kleinen Kindes entdeckt. 2010 folgte die spektakuläre Untersuchung der Zentralbestattung der sogenannten Fürstin.

Die Beigaben aus Gold, Bernstein und Bronze zeigen Zugang zu hochwertigen Materialien und spezialisierten Techniken. Für die Geschichtsforschung ist dabei nicht nur der „Schatzwert“ wichtig. Entscheidend sind Fragen wie: Woher kamen die Materialien? Wer konnte sie verarbeiten? Welche Kontakte waren dafür nötig? Warum wurden sie in einem Grab niedergelegt?


Rekonstruktionen richtig lesen

Im Freilichtmuseum siehst Du rekonstruierte Mauern, Gebäude und Tore. Solche Rekonstruktionen sind sehr hilfreich, weil Grundrisse und Pfostenlöcher allein schwer vorstellbar sind. Trotzdem musst Du zwischen Befund und Rekonstruktion unterscheiden.

Ein Befund ist eine tatsächlich beobachtete Spur, zum Beispiel ein Graben, ein Pfostenloch, eine Mauerbasis oder eine Brandschicht. Eine Rekonstruktion verbindet solche Spuren mit Vergleichsfunden, naturwissenschaftlichen Daten und technischem Wissen. Manche Teile sind sehr gut abgesichert, andere bleiben begründete Vermutungen.


Die Heuneburg und „Pyrene“

Der griechische Historiker Herodot erwähnte im 5. Jahrhundert v. Chr. eine Stadt namens Pyrene im Zusammenhang mit den Kelten und der Donau. Seit langem wird darüber diskutiert, ob damit die Heuneburg oder ein Ort in ihrem Umfeld gemeint sein könnte.

Diese Gleichsetzung ist nicht sicher bewiesen. Deshalb solltest Du zwischen einem archäologisch gut belegten Befund und einer historischen Hypothese unterscheiden. Der heutige Name „Heuneburg – Stadt Pyrene“ greift diese Forschungsdiskussion auf, ersetzt aber keinen eindeutigen Nachweis.


Was die Heuneburg über Geschichte zeigt

An der Heuneburg wird deutlich, wie mehrere Entwicklungen zusammenhängen. Eine große Siedlung braucht Nahrung, Rohstoffe, Organisation und Verkehrswege. Spezialisierte Handwerker benötigen Materialien und Abnehmer. Fernhandel bringt seltene Güter und neue Techniken. Eliten können solche Kontakte nutzen, um ihre Stellung sichtbar zu machen. Befestigungen schützen nicht nur, sondern können auch Zugänge und Warenströme lenken.

Gleichzeitig zeigt die Archäologie ihre Grenzen. Wir finden Mauern, Gräben, Scherben, Schmuck, Knochen und Holz. Daraus entwickeln Forschende Erklärungen. Manche sind sehr gut abgesichert, andere bleiben offen. Gute Geschichtsforschung erkennt deshalb den Unterschied zwischen Fund, Deutung und Hypothese.


Heuneburg als Lernort in Baden-Württemberg

Heute ist die Heuneburg ein archäologischer Lernort. Rekonstruktionen, Ausstellungen und Rundwege verbinden Forschung mit anschaulichem Lernen. Für Schulklassen lassen sich dort Fragen zu Alltag, Handwerk, Handel, Machtstrukturen und Archäologie direkt am historischen Ort untersuchen.

Eine Exkursion ist besonders sinnvoll, wenn Du nicht nur „alte Dinge anschaust“, sondern mit einer Forschungsfrage arbeitest: Welche Teile sind original? Welche sind rekonstruiert? Welche Hinweise sprechen für soziale Unterschiede? Wo erkennt man die Bedeutung der Donau? Welche Aussagen sind sicher, und wo beginnt die Interpretation?


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

In welcher Epoche lag die Blütezeit der Heuneburg? (Hallstattzeit) (!Römische Kaiserzeit) (!Mittelalter) (!Jungsteinzeit)




Welche Aussage beschreibt die Außensiedlung der Heuneburg am besten? (Sie war mehr als 100 Hektar groß) (!Sie bestand nur aus einem einzelnen Haus) (!Sie lag in Italien) (!Sie entstand erst im Mittelalter)




Warum war die Lage an der Donau für die Heuneburg wichtig? (Sie erleichterte Verkehr und Austausch) (!Sie verhinderte jeden Kontakt nach außen) (!Sie machte Landwirtschaft unmöglich) (!Sie ersetzte alle Landwege vollständig)




Was war an der Heuneburgmauer besonders? (Sie nutzte luftgetrocknete Lehmziegel) (!Sie bestand vollständig aus Beton) (!Sie wurde von Römern gebaut) (!Sie war eine moderne Museumswand)




Welcher Fund weist auf weiträumige Kontakte nach Norden hin? (Bernstein) (!Beton) (!Porzellan) (!Kunststoff)




Was zeigt ein reich ausgestattetes Grab besonders deutlich? (Es gab Unterschiede bei Status und Zugang zu Gütern) (!Alle Menschen waren gleich reich) (!Die Person war sicher eine Königin) (!Es gab keinen Fernhandel)




Wozu dient die Dendrochronologie? (Zur Datierung von Holz über Jahresringe) (!Zur Übersetzung keltischer Texte) (!Zur Herstellung von Keramik) (!Zur Messung von Münzwerten)




Was ist eine Blockbergung? (Ein Fundbereich wird als ganzer Block ins Labor gebracht) (!Ein Hügel wird vollständig gesprengt) (!Ein Haus wird ohne Dokumentation abgerissen) (!Eine Mauer wird aus Beton nachgebaut)




Was müssen Rekonstruktionen deutlich machen? (Sie verbinden Befunde mit wissenschaftlichen Ergänzungen) (!Sie sind immer vollständig erhaltene Originale) (!Sie brauchen keine archäologischen Daten) (!Sie sind grundsätzlich reine Fantasie)




Wie ist die Gleichsetzung der Heuneburg mit Pyrene zu beurteilen? (Sie ist eine diskutierte Hypothese) (!Sie ist durch eine Inschrift zweifelsfrei bewiesen) (!Sie wurde von Caesar bestätigt) (!Sie betrifft eine römische Stadt am Rhein)





Memory

Heuneburg Frühkeltisches Machtzentrum an der oberen Donau
Bernstein Fernhandel und Schmuck
Lehmziegelmauer Mediterran beeinflusste Bautechnik
Bettelbühl Nekropole mit reichen Bestattungen
Dendrochronologie Datierung mit Jahresringen
Geomagnetik Prospektion von Strukturen im Boden
Außensiedlung Großes Siedlungsgebiet vor Burg und Vorburg
Stratigraphie Abfolge archäologischer Schichten





Drag and Drop

Ordne die richtigen Begriffe zu. Thema
Lehmziegelmauer Befestigung mit mediterran beeinflusster Bautechnik
Bernstein Material mit weiträumigen Handelsbeziehungen
Bettelbühl Bedeutender Bestattungsplatz in der Donauebene
Geomagnetik Messmethode zur Suche nach Strukturen im Boden
Blockbergung Bergung eines empfindlichen Fundbereichs im Ganzen
Rekonstruktion Wissenschaftlich begründete Darstellung eines früheren Zustands




...


Kreuzworträtsel

Heuneburg Wie heißt das frühkeltische Machtzentrum an der oberen Donau?
Bernstein Welches goldgelbe Material verweist auf weiträumige Kontakte nach Norden?
Lehmziegel Welches Baumaterial prägte die besondere Befestigungsmauer?
Bettelbühl Wie heißt die Nekropole mit dem bekannten Frauengrab?
Donau Welcher Fluss war ein wichtiger Verkehrsweg?
Hallstatt Nach welchem Fundort ist die Kultur der frühen Eisenzeit benannt?





LearningApps


Lückentext

Vervollständige den Text.

Die Heuneburg liegt an der oberen

in Baden-Württemberg.
Ihre Blütezeit gehört zur

.
Der Burgberg wurde um 620 v. Chr.

.
Vor Burgberg und Vorburg lag eine sehr große

.
Eine besondere Befestigung bestand aus luftgetrockneten

.
Funde wie Bernstein und mediterrane Keramik belegen weiträumigen

.
Spezialisierte Werkstätten zeigen eine ausgeprägte

.
Mit der

lassen sich gut erhaltene Hölzer über ihre Jahresringe datieren.
Bei einer

wird ein empfindlicher Fundbereich als Ganzes gesichert.
Die Gleichsetzung der Heuneburg mit Pyrene bleibt eine

.




Offene Aufgaben


Leicht

  1. Fund und Deutung: Wähle drei Funde oder Befunde aus dem aiMOOC. Schreibe jeweils einen Satz dazu, was direkt beobachtet wurde, und einen zweiten Satz dazu, wie dieser Befund gedeutet werden kann.
  2. Handelswege: Zeichne eine einfache Karte mit Heuneburg, Donau, Mittelmeer und Ostsee. Trage Bernstein und mediterrane Waren ein und kennzeichne mögliche Verkehrsrichtungen.
  3. Rekonstruktion: Vergleiche ein Foto der rekonstruierten Lehmziegelmauer mit einer Beschreibung archäologischer Befunde. Markiere, welche Teile sicher belegt und welche ergänzt sind.
  4. Archäologie: Erstelle fünf Regeln für eine sorgfältige Ausgrabung. Begründe, warum Dokumentation wichtiger ist als das schnelle Finden schöner Gegenstände.


Standard

  1. Gesellschaft der Kelten: Entwirf ein Schaubild zur Gesellschaft an der Heuneburg. Verwende nur Gruppen, die sich aus Funden begründet erschließen lassen, und kennzeichne Unsicherheiten.
  2. Fernhandel: Erkläre an zwei Beispielen, wie ein Importfund gleichzeitig etwas über Handel, Handwerk und sozialen Status verraten kann.
  3. Bettelbühl: Gestalte eine Museumsbeschriftung für das sogenannte Fürstinnengrab. Erkläre verständlich, warum der Begriff „Fürstin“ hilfreich, aber nicht sicher überliefert ist.
  4. Heuneburg: Plane eine 20-minütige Führung für eine Schulklasse. Baue die Stationen Lehmziegelmauer, Handel, Gesellschaft und Archäologie ein.


Schwer

  1. Stadtbegriff: Prüfe, ob die Heuneburg als Stadt bezeichnet werden sollte. Entwickle zuerst mindestens vier Kriterien für eine Stadt und wende sie anschließend auf die Heuneburg an.
  2. Pyrene: Formuliere eine Pro-und-Contra-Analyse zur Frage, ob die Heuneburg mit dem antiken Pyrene identisch gewesen sein könnte. Trenne Beleg, Argument und Vermutung sauber.
  3. Archäologische Methoden: Entwirf einen Forschungsplan für ein unbekanntes Gelände neben der Heuneburg. Entscheide, in welcher Reihenfolge Du LiDAR, Geomagnetik, Bohrungen und Ausgrabung einsetzen würdest.
  4. Ausstellung: Entwickle eine kleine digitale Ausstellung mit mindestens sechs Stationen. Jede Station soll einen Fund oder Befund, eine historische Aussage und eine Grenze der Interpretation enthalten.




Text bearbeiten Bild einfügen Video einbetten Interaktive Aufgaben erstellen



Lernkontrolle

  1. Gesellschaft und Handel: Erkläre, wie Fernhandel gesellschaftliche Unterschiede verstärken konnte. Nutze mindestens zwei Befundarten von der Heuneburg und nenne auch eine alternative Erklärung.
  2. Befestigung und Macht: Beurteile die Aussage „Die Lehmziegelmauer war nur zum Schutz da“. Entwickle ein begründetes Urteil unter Einbezug von Sichtbarkeit, Organisation und Techniktransfer.
  3. Archäologische Rekonstruktion: Du findest ein Pfostenloch, eine Brandschicht und importierte Keramik in einem Gebäude. Beschreibe, welche Aussagen möglich sind und welche nicht ohne weitere Belege gemacht werden dürfen.
  4. Bettelbühl und soziale Ordnung: Erörtere, was reiche Frauen- und Kindergräber über gesellschaftlichen Status aussagen können. Zeige dabei mindestens eine Grenze der Interpretation.
  5. Heuneburg als Stadt: Entscheide anhand selbst gewählter Kriterien, ob der Begriff „Stadt“ für die Heuneburg sinnvoll ist. Begründe Dein Urteil und gehe auf ein Gegenargument ein.
  6. Geschichtskultur: Bewerte den Nutzen von Rekonstruktionen im Freilichtmuseum. Entwickle zwei Regeln, mit denen Museen klar zwischen Originalbefund und Ergänzung unterscheiden können.




Lernnachweis

Für einen Lernnachweis zu diesem Thema solltest Du zeigen können, dass Du nicht nur einzelne Fakten kennst, sondern archäologische Quellen auswerten und historische Zusammenhänge erklären kannst.

  1. Heuneburg: Lage, Zeitstellung und Aufbau aus Burgberg, Vorburg und Außensiedlung erklären.
  2. Hallstattkultur: Den Begriff als archäologische Kulturbezeichnung einordnen und den Ausdruck „frühkeltisch“ vorsichtig verwenden.
  3. Gesellschaft: Reiche Bestattungen, große Bauten und spezialisierte Arbeit als Hinweise auf soziale Unterschiede deuten.
  4. Handel: Fernkontakte anhand von Importfunden wie Bernstein, mediterraner Keramik und Amphoren erklären.
  5. Handwerk: Zusammenhang von Rohstoffen, Spezialisierung, Werkstätten und Handel darstellen.
  6. Archäologie: Stratigraphie, LiDAR, Geomagnetik, Dendrochronologie und Blockbergung in ihrer Funktion erklären.
  7. Quellenkritik: Zwischen Fund, Rekonstruktion, Deutung und Hypothese unterscheiden.
  8. Pyrene: Erklären, warum die Gleichsetzung mit der Heuneburg diskutiert wird, aber nicht als sicherer Beweis gelten darf.




Quellen und Medienhinweise

  1. Landesamt für Denkmalpflege: Die Heuneburg – ein Machtzentrum der frühen Kelten
  2. Landesamt für Denkmalpflege: Heuneburg-Außensiedlung
  3. Landesamt für Denkmalpflege: Bettelbühlnekropole
  4. Heuneburg – Stadt Pyrene: Handelswaren
  5. Wikimedia Commons: Medien zur Heuneburg
  6. Landesdenkmalpflege Baden-Württemberg: YouTube-Playlist Archäologie


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