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Deutsche Literatur im 20. Jahrhundert - Deutschland

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Deutsche Literatur im 20. Jahrhundert - Deutschland




Deutsche Literatur im 20. Jahrhundert - Deutschland


Einleitung

Die deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts ist von außergewöhnlich starken politischen, sozialen und kulturellen Umbrüchen geprägt. Kaiserreich, Erster Weltkrieg, Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg, deutsche Teilung, Bundesrepublik Deutschland, DDR, Friedliche Revolution und Wiedervereinigung veränderten nicht nur den Alltag, sondern auch die Bedingungen des Schreibens, Veröffentlichens und Lesens. Literatur reagierte auf Großstadt und Industrialisierung, Krieg und Gewalt, Demokratie und Diktatur, soziale Ungleichheit, Geschlechterrollen, Erinnerung, Migration und Fragen nach individueller wie kollektiver Identität.

Dieser aiMOOC konzentriert sich auf Deutschland. Gleichzeitig solltest Du im Blick behalten, dass deutschsprachige Literatur nie vollständig mit Staatsgrenzen zusammenfällt. Autorinnen und Autoren lebten im Exil, wechselten zwischen Ländern und Literaturräumen oder schrieben aus mehrsprachigen Erfahrungen heraus. Begriffe wie Expressionismus, Neue Sachlichkeit, Exilliteratur, Trümmerliteratur, DDR-Literatur, Neue Subjektivität oder Wendeliteratur helfen bei der Orientierung, sind aber keine starren Schubladen. Werke können mehrere Tendenzen zugleich verbinden.

Thomas Mann steht beispielhaft für die Spannweite des Jahrhunderts: Seine Werke reichen von der bürgerlichen Welt um 1900 über die Krisen der europäischen Moderne bis zur Auseinandersetzung mit Demokratie, Nationalsozialismus und Exil.


Orientierung: Epochen und historische Brüche

Eine sinnvolle Periodisierung verbindet Literaturgeschichte mit historischen Einschnitten. Die folgende Übersicht ist deshalb als Arbeitsmodell zu verstehen.

Zeitraum Literarische Orientierung Zentrale Erfahrungen und Themen Beispiele
ca. 1900–1918/20 Literarische Moderne, Expressionismus Großstadt, Technik, Entfremdung, Ich-Krise, Generationenkonflikt, Krieg Else Lasker-Schüler, Georg Heym, Gottfried Benn, Alfred Döblin, frühe Werke Bertolt Brechts
1919–1933 Literatur der Weimarer Republik, Neue Sachlichkeit, politisches Theater Demokratie, Massenmedien, Arbeitswelt, Geschlechterrollen, Weltwirtschaftskrise, Erster Weltkrieg Alfred Döblin, Bertolt Brecht, Erich Kästner, Irmgard Keun, Erich Maria Remarque, Thomas Mann
1933–1945 Exilliteratur, Literatur im nationalsozialistischen Deutschland, sogenannte Innere Emigration Verfolgung, Zensur, Flucht, Widerstand, Propaganda, Verlust von Heimat und Sprache Bertolt Brecht, Thomas Mann, Anna Seghers, Lion Feuchtwanger, Irmgard Keun
1945–1949 Nachkriegsliteratur, Trümmerliteratur, Kahlschlag Kriegserfahrung, Heimkehr, Schuld, Zerstörung, Hunger, sprachlicher Neubeginn Wolfgang Borchert, Günter Eich, Heinrich Böll
1949–1989 Literatur in BRD und DDR, Gruppe 47, politisch engagierte Literatur, Neue Subjektivität Erinnerung an den Nationalsozialismus, Teilung, Kalter Krieg, Protest, Alltag, Emanzipation, Zensur Heinrich Böll, Günter Grass, Christa Wolf, Heiner Müller, Brigitte Reimann, Hans Magnus Enzensberger
1989–2000 Wendeliteratur, Nachwende- und Erinnerungsliteratur, Popliteratur, interkulturelle Literatur Mauerfall, Wiedervereinigung, Ost-West-Erfahrungen, Konsumkultur, Migration, Mehrsprachigkeit Christa Wolf, Thomas Brussig, Ingo Schulze, Günter Grass, Emine Sevgi Özdamar, Feridun Zaimoğlu

Die wichtigsten Brüche sind nicht nur Jahreszahlen. 1933 bedeutete die Zerstörung eines pluralen literarischen Feldes durch nationalsozialistische Verfolgung und Gleichschaltung. 1945 markierte das Ende der NS-Herrschaft, aber keinen völligen kulturellen Neuanfang. 1949 entstanden zwei deutsche Staaten mit unterschiedlichen politischen und literarischen Institutionen. 1989/90 lösten Friedliche Revolution, Mauerfall und Wiedervereinigung erneut grundlegende Debatten über Geschichte, Zugehörigkeit und Erinnerung aus.


Moderne und Expressionismus: Krise des Ichs und Erfahrung der Großstadt

Zu Beginn des Jahrhunderts beschleunigten Industrialisierung, Urbanisierung, technische Neuerungen und moderne Massenkommunikation den gesellschaftlichen Wandel. In der Literatur der Moderne zerfielen traditionelle Gewissheiten. Wahrnehmung, Sprache und Identität wurden selbst zum Problem. Der Expressionismus radikalisierte diese Erfahrung besonders in den Jahren vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Typisch sind verdichtete Bilder, starke Kontraste, Übertreibung, Sprachzertrümmerung und eine oft apokalyptische Wahrnehmung von Großstadt, Krieg und gesellschaftlicher Erstarrung.

Die Großstadt konnte zugleich als faszinierender Raum von Geschwindigkeit und als Ort von Anonymität, Überforderung und Entfremdung erscheinen. Lyriker wie Georg Heym und Else Lasker-Schüler sowie Autoren wie Alfred Döblin suchten neue Ausdrucksformen. Auch Bertolt Brecht entwickelte sich aus der literarischen Moderne heraus, ging aber bald eigene Wege.

Für eine Analyse solltest Du nicht nur nach „typischen Merkmalen“ suchen. Spannender ist die Frage, welche Erfahrung eine bestimmte Form erzeugt: Was leistet eine abgerissene Syntax? Warum häufen sich Schockbilder? Wie verändert ein anonymes Großstadtmilieu die Figuren?


Weimarer Republik und Neue Sachlichkeit: Literatur in der Massengesellschaft

Die Jahre der Weimarer Republik waren literarisch äußerst vielfältig. Neben fortwirkendem Expressionismus, Avantgarde und experimenteller Prosa gewann die Neue Sachlichkeit besonders ab der Mitte der 1920er Jahre an Bedeutung. Sie reagierte auf expressionistisches Pathos mit einer häufig nüchternen, beobachtenden und journalistisch wirkenden Sprache. Im Zentrum standen Großstadt, Angestelltenkultur, Arbeitslosigkeit, soziale Gegensätze, neue Medien, veränderte Geschlechterrollen und die politischen Krisen der ersten deutschen Demokratie.

Alfred Döblin montierte in Berlin Alexanderplatz unterschiedliche Stimmen, Zeitungstexte, Werbung, Geräusche und Erzählweisen zu einem Großstadtroman. Irmgard Keun erzählte von jungen Frauen, deren Wunsch nach Selbstständigkeit auf ökonomische und gesellschaftliche Grenzen traf. Erich Kästner verband Alltagsnähe mit Ironie und Gesellschaftskritik. Erich Maria Remarque thematisierte in Im Westen nichts Neues die zerstörerischen Folgen des Ersten Weltkriegs für eine junge Generation. Brechts Episches Theater wollte das Publikum nicht nur emotional mitreißen, sondern zum kritischen Nachdenken über gesellschaftliche Verhältnisse bringen.

Die Weimarer Literatur zeigt, wie eng Form, Medienwandel und Gesellschaft zusammenhängen. Montage, Reportage, Gebrauchstexte, Kabarett, Radio und Film beeinflussten literarische Verfahren. Literatur wurde Teil einer modernen Öffentlichkeit, in der Politik, Unterhaltung und Massenkultur miteinander konkurrierten.


1933–1945: Diktatur, Bücherverbrennung und Exil

Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 veränderten sich die Bedingungen des literarischen Lebens fundamental. Jüdische, kommunistische, sozialdemokratische, pazifistische, avantgardistische und andere missliebige Autorinnen und Autoren wurden verfolgt, aus Institutionen ausgeschlossen, mit Publikationsverboten belegt oder zur Flucht gezwungen. Die Bücherverbrennungen von 1933 wurden zu einem Symbol der gewaltsamen Ausgrenzung unerwünschter Literatur.

Die Exilliteratur entstand unter schwierigen Bedingungen in vielen Ländern. Schreiben im Exil bedeutete häufig den Verlust des vertrauten Publikums, wirtschaftliche Unsicherheit, Sprach- und Identitätskonflikte sowie die Suche nach Verlagen und politischen Netzwerken. Zu den bekannten Exilautorinnen und -autoren gehören Thomas Mann, Bertolt Brecht, Anna Seghers, Lion Feuchtwanger, Alfred Döblin und Irmgard Keun. Ihre Texte reichen von politischer Analyse und antifaschistischem Schreiben bis zu Roman, Drama und Lyrik über Flucht, Fremdheit und Verantwortung.

Der Begriff Innere Emigration bezeichnet rückblickend Autorinnen und Autoren, die während der NS-Zeit in Deutschland blieben und Distanz zum Regime beanspruchten. Der Begriff ist umstritten, weil Lebenswege und Handlungsspielräume sehr verschieden waren und weil bloßes Verbleiben im Land weder Widerstand noch Anpassung eindeutig beweist. Für die Literaturwissenschaft ist deshalb eine genaue Untersuchung einzelner Texte, Publikationsbedingungen und Biografien wichtiger als eine pauschale Zuordnung.


1945: Zerstörung, Neubeginn und die Frage nach der Sprache

Nach dem Zweiten Weltkrieg lagen viele deutsche Städte in Trümmern; Millionen Menschen waren tot, vertrieben, auf der Flucht oder traumatisiert. Literatur musste sich mit Krieg, nationalsozialistischen Verbrechen, Schuld, Heimkehr und materieller Not auseinandersetzen. Der häufig gebrauchte Ausdruck Stunde Null suggeriert einen vollständigen Neubeginn, ist aber problematisch: Biografien, Denkweisen, Institutionen und literarische Traditionen verschwanden 1945 nicht einfach.

Die sogenannte Trümmerliteratur oder Kahlschlagliteratur suchte oft nach einer knappen, unpathetischen Sprache. Wolfgang Borchert schilderte Heimkehr, Hunger und beschädigte Lebenswelten. Günter Eich reduzierte in seiner Lyrik Gegenstände und Alltagserfahrungen auf elementare Situationen. Der frühe Heinrich Böll verband Kriegserfahrung mit moralischer und gesellschaftlicher Kritik.

Die literarische Frage lautete nicht nur: Was ist geschehen? Sie lautete auch: Wie kann nach Propaganda, Krieg und Massenverbrechen überhaupt glaubwürdig erzählt werden? Gerade für Oberstufe und Studium ist dieser Zusammenhang zwischen Sprachkritik und Geschichtserfahrung zentral.


Bundesrepublik: Gruppe 47, Erinnerung und politisches Engagement

Die Gruppe 47 war von 1947 bis 1967 ein einflussreicher Treffpunkt deutschsprachiger Autorinnen, Autoren und Kritiker. Sie besaß keine feste Mitgliedschaft und kein verbindliches literarisches Programm. Vorgelesene unveröffentlichte Texte wurden unmittelbar kritisiert; dadurch entstand eine wichtige Plattform des westdeutschen Literaturbetriebs.

Heinrich Böll und Günter Grass wurden zu international bekannten Stimmen der Bundesrepublik. Böll kritisierte soziale Konformität, restaurative Tendenzen und Machtstrukturen. Grass verband in Die Blechtrommel groteskes Erzählen mit der Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte. Beide standen beispielhaft für eine Literatur, die sich in öffentliche Debatten einmischte.

In den 1960er Jahren verstärkten sich politische Literatur und Kritik an verdrängter NS-Vergangenheit, autoritären Strukturen und dem Vietnamkrieg. Im Umfeld der 68er-Bewegung wurde über die gesellschaftliche Funktion von Literatur gestritten. In den 1970er Jahren rückte mit der Neuen Subjektivität das Private wieder stärker in den Mittelpunkt: Alltag, Beziehungen, Körper, psychische Erfahrungen und Selbstbefragung wurden literarisch wichtig. Das bedeutete nicht zwingend einen Rückzug aus Politik; gerade persönliche Erfahrungen konnten gesellschaftliche Machtverhältnisse sichtbar machen.


DDR-Literatur: Sozialismus, Institutionen und kritische Stimmen

Die Literatur der DDR entwickelte sich unter anderen politischen und institutionellen Bedingungen als die Literatur der Bundesrepublik. Kulturpolitik, Verlage, Verbände, Druckgenehmigungen und staatliche Kontrolle beeinflussten, was veröffentlicht werden konnte. Gleichzeitig lässt sich DDR-Literatur nicht auf Zensur reduzieren: Viele Autorinnen und Autoren setzten sich ernsthaft mit sozialistischen Idealen, Alltagserfahrungen, Arbeit, Geschlechterrollen und dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft auseinander.

In den 1950er Jahren spielte die Aufbauliteratur eine wichtige Rolle. Der 1959 ausgerufene Bitterfelder Weg sollte Kunst und Arbeitswelt enger verbinden. In den 1960er Jahren entstanden Texte, die stärker nach der Stellung des Individuums im Sozialismus fragten. Christa Wolf entwickelte mit Werken wie Der geteilte Himmel und Nachdenken über Christa T. Formen subjektiver, selbstreflexiver Erzählweise. Brigitte Reimann, Heiner Müller, Stefan Heym und Reiner Kunze stehen für sehr unterschiedliche literarische Positionen.

Die Ausbürgerung des Liedermachers und Dichters Wolf Biermann 1976 wurde zu einem markanten kulturpolitischen Konflikt. Zahlreiche Kunstschaffende protestierten. In den folgenden Jahren verließen weitere Schriftstellerinnen und Schriftsteller die DDR oder gerieten stärker in Konflikt mit staatlichen Institutionen. Zugleich blieb die Literatur ein Raum, in dem über persönliche Verantwortung, Utopie, Anpassung und gesellschaftliche Grenzen nachgedacht wurde.


1989/90 und die 1990er Jahre: Wende, Erinnerung, Pop und Migration

Die Friedliche Revolution in der DDR, der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 und die deutsche Wiedervereinigung 1990 veränderten den literarischen Raum erneut. In der Wendeliteratur und Nachwende-Literatur wurden Hoffnungen, Enttäuschungen, Ost-West-Konflikte, biografische Brüche, Erinnerungen an die DDR und der Umgang mit Stasi-Akten verhandelt. Autorinnen und Autoren wie Christa Wolf, Thomas Brussig, Ingo Schulze und Günter Grass entwickelten sehr unterschiedliche Perspektiven auf Einheit und Transformation.

In den 1990er Jahren trat daneben die Popliteratur verstärkt hervor. Konsum, Marken, Musik, Medien, Jugendkulturen und die Oberfläche des Alltags wurden zu literarischem Material. Gleichzeitig gewann eine Literatur größere öffentliche Aufmerksamkeit, die Migration, Mehrsprachigkeit und kulturelle Zugehörigkeit nicht als Randthemen, sondern als Teil deutscher Gegenwart behandelte. Emine Sevgi Özdamar und Feridun Zaimoğlu prägten Debatten über Sprache, Herkunft, Zuschreibungen und hybride Identitäten.

Damit endet das 20. Jahrhundert nicht mit einer einzigen dominierenden Epoche. Die Literatur wird pluraler: Erinnerungsliteratur, Pop, experimentelle Formen, gesellschaftskritischer Roman, interkulturelles Schreiben und neue mediale Formen existieren nebeneinander.


Gesellschaftliche Themen im Längsschnitt

Wer Literaturgeschichte nur als Folge von Epochen lernt, übersieht viele Verbindungen. Besonders ergiebig ist ein Längsschnitt, bei dem Du ein gesellschaftliches Thema durch mehrere Jahrzehnte verfolgst.

Thema Leitfrage Mögliche literarische Felder
Großstadt und Moderne Wie verändert beschleunigtes urbanes Leben Wahrnehmung und Identität? Expressionismus, Neue Sachlichkeit, Großstadtroman
Krieg und Gewalt Wie werden Kriegserfahrung, Trauma und Heimkehr sprachlich gestaltet? Erster Weltkrieg, Exil, Trümmerliteratur, Erinnerungsliteratur
Diktatur und Freiheit Welche Handlungsmöglichkeiten hat Literatur unter politischem Druck? Nationalsozialismus, Exilliteratur, DDR-Literatur
Erinnerung und Schuld Wie verändern Generationen den Blick auf Nationalsozialismus und Holocaust? Nachkriegsliteratur, Gruppe 47, Familien- und Erinnerungsliteratur
Arbeit und soziale Ungleichheit Wer erhält in Literatur eine Stimme und wie werden Klassenunterschiede sichtbar? Neue Sachlichkeit, Arbeiterliteratur, DDR-Literatur, Gesellschaftsroman
Geschlecht und Privatleben Wann wird das Private politisch? Neue Frau der 1920er Jahre, Neue Subjektivität, feministische und DDR-Literatur
Migration und Zugehörigkeit Wie verändert Mehrsprachigkeit die Vorstellung von „deutscher“ Literatur? interkulturelle Literatur, Literatur der 1980er und 1990er Jahre
Deutsche Teilung und Einheit Wie prägen politische Grenzen Biografien und Erinnerungen? BRD-Literatur, DDR-Literatur, Wendeliteratur


Literaturwissenschaftlich arbeiten

Auf Oberstufen- und Studienniveau reicht es nicht, ein Werk einer Epoche zuzuordnen. Entscheidend ist, am Text zu zeigen, wie historische Erfahrung und literarische Gestaltung zusammenhängen. Achte auf Erzählperspektive, Zeitstruktur, Sprache, Metaphorik, Montage, Figurenkonstellation, Gattung und mediale Bezüge. Frage außerdem nach Produktions- und Rezeptionsbedingungen: Wer durfte veröffentlichen? Für welches Publikum wurde geschrieben? Welche Rolle spielten Verlage, Rundfunk, Theater, Kritik, Zensur oder Exil?

Eine gute Interpretation vermeidet Kurzschlüsse. Ein Roman ist kein bloßes „Abbild“ seiner Zeit. Literatur wählt aus, verdichtet, verfremdet, widerspricht und entwirft Gegenwelten. Deshalb solltest Du historischen Kontext als Interpretationshilfe verwenden, nicht als Ersatz für genaue Textanalyse.


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

Welche Aussage beschreibt literarische Epochen des 20. Jahrhunderts am treffendsten? (Sie sind hilfreiche Orientierungsmodelle mit fließenden Übergängen) (!Sie besitzen immer exakt festgelegte Anfangs- und Enddaten) (!Sie folgen ausschließlich Regierungswechseln) (!Jedes Werk gehört eindeutig nur einer einzigen Epoche an)




Welche Erfahrung ist für viele expressionistische Texte besonders charakteristisch? (Großstadtkrise und Ich-Zerfall) (!Idealisierung höfischer Lebensformen) (!Rückkehr zur mittelalterlichen Ritterepik) (!Ausschließliche Darstellung ländlicher Idylle)




Wodurch zeichnet sich die Neue Sachlichkeit häufig aus? (Durch nüchterne Beobachtung moderner Gesellschaft) (!Durch ausschließlich mythologische Stoffe) (!Durch konsequente Vermeidung sozialer Themen) (!Durch die Wiederaufnahme barocker Sprachformen)




Warum bildet das Jahr 1933 einen zentralen literaturgeschichtlichen Bruch? (Verfolgung und Gleichschaltung zerstörten den pluralen Literaturbetrieb) (!Deutschland führte die Pressefreiheit ohne Einschränkungen ein) (!Die Weimarer Republik wurde neu gegründet) (!Alle Schriftsteller kehrten aus dem Exil zurück)




Was kennzeichnet die deutsche Exilliteratur von 1933 bis 1945? (Schreiben unter Bedingungen von Flucht Verfolgung und Heimatverlust) (!Ausschließlich unpolitische Unterhaltung im Deutschen Reich) (!Literatur nur für staatliche Behörden) (!Verzicht auf Veröffentlichungen außerhalb Deutschlands)




Welche Aufgabe stellte sich vielen Autorinnen und Autoren unmittelbar nach 1945? (Eine glaubwürdige Sprache für Krieg Zerstörung und Schuld zu finden) (!Die Literatur des Nationalsozialismus unverändert fortzuführen) (!Nur historische Ritterromane zu verfassen) (!Alle politischen Themen dauerhaft zu vermeiden)




Welche Aussage trifft auf die Gruppe 47 zu? (Sie bot Lesungen mit unmittelbarer Kritik und förderte neue Literatur) (!Sie war eine staatliche Zensurbehörde der DDR) (!Sie besaß eine feste Parteimitgliedschaft) (!Sie veröffentlichte ausschließlich Lyrik des Expressionismus)




Welche Spannung ist für viele Werke der DDR-Literatur wichtig? (Verhältnis von Individuum sozialistischem Anspruch und staatlichen Grenzen) (!Konflikt zwischen Feudaladel und Ritterorden) (!Ausschließliche Beschäftigung mit antiker Mythologie) (!Ablehnung jeder Darstellung von Arbeitswelt)




Was rückt die Neue Subjektivität der 1970er Jahre verstärkt ins Zentrum? (Private Erfahrungen Alltag und Selbstbefragung) (!Nur militärische Heldenerzählungen) (!Ausschließlich naturwissenschaftliche Sachtexte) (!Nur mittelalterliche Legenden)




Welches Thema prägt viele Texte der Wende- und Nachwendezeit? (Umbruch von 1989 und 1990 sowie Ost-West-Erfahrungen) (!Die Gründung des Deutschen Kaiserreichs) (!Der Dreißigjährige Krieg) (!Die höfische Kultur des Barock)





Memory

Expressionismus Großstadtkrise und Ich-Zerfall
Neue Sachlichkeit Nüchterne Gesellschaftsbeobachtung
Exilliteratur Flucht vor nationalsozialistischer Verfolgung
Trümmerliteratur Sprachlicher Neubeginn nach 1945
Gruppe 47 Lesung und unmittelbare Textkritik
DDR-Literatur Spannung zwischen Individuum und staatlicher Kulturpolitik
Neue Subjektivität Privates als literarischer Erfahrungsraum
Wendeliteratur Umbruch von 1989 und 1990





Drag and Drop

Ordne die richtigen Begriffe zu. Thema
Expressionismus Sprachliche Verdichtung und Krisenerfahrung
Neue Sachlichkeit Nüchterne Darstellung moderner Lebenswelten
Exilliteratur Schreiben unter Bedingungen von Flucht und Verfolgung
Trümmerliteratur Literarische Reaktion auf Krieg und Zerstörung
Wendeliteratur Auseinandersetzung mit Mauerfall und Wiedervereinigung




...


Kreuzworträtsel

Expressionismus Welche literarische Strömung verbindet man mit Großstadtkrise und intensiver Ausdruckssprache?
Exilliteratur Wie heißt die Literatur deutschsprachiger Verfolgter außerhalb des nationalsozialistischen Deutschlands?
Borchert Welcher Nachname gehört zum Autor von Draußen vor der Tür?
Bitterfeld Welcher Ortsname steht für den kulturpolitischen Weg der DDR ab 1959?
Subjektivität Welcher Begriff bezeichnet die Hinwendung zu persönlicher Erfahrung in den 1970er Jahren?
Wendeliteratur Wie nennt man Literatur über Umbruch Mauerfall und deutsche Einheit?





LearningApps


Lückentext

Vervollständige den Text.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts machte der

Krisenerfahrungen der modernen Großstadt besonders sichtbar.
In der Weimarer Republik entwickelte sich mit der

eine häufig nüchterne Form gesellschaftlicher Beobachtung.
Das Jahr

markierte durch nationalsozialistische Verfolgung und Gleichschaltung einen tiefen literarischen Bruch.
Viele verfolgte Schriftstellerinnen und Schriftsteller schrieben im

weiter.
Nach dem Zweiten Weltkrieg suchte die

nach Formen für Zerstörung Heimkehr und Schuld.
Die

wurde zu einem wichtigen Treffpunkt des westdeutschen Literaturbetriebs.
In der DDR beeinflusste staatliche

die Bedingungen des Veröffentlichens.
Die Neue

rückte in den 1970er Jahren Alltag und persönliche Erfahrung stärker ins Zentrum.
Der Mauerfall von 1989 wurde zu einem zentralen Bezugspunkt der

.
In den 1990er Jahren machte interkulturelles Schreiben die Bedeutung von

für deutsche Literatur besonders sichtbar.




Offene Aufgaben


Leicht

  1. Literarische Zeitleiste: Gestalte eine visuelle Zeitleiste von 1900 bis 2000 mit mindestens sechs literarischen Strömungen oder Umbruchphasen und ordne jeder Phase ein Werk oder eine Autorin beziehungsweise einen Autor zu.
  2. Großstadtliteratur: Suche ein Gedicht oder einen kurzen Prosaausschnitt aus Expressionismus oder Neuer Sachlichkeit und markiere sprachliche Mittel, die Geschwindigkeit, Enge, Lärm oder Anonymität erzeugen.
  3. Literatur und Bildquellen: Wähle eines der historischen Bilder aus diesem aiMOOC und schreibe einen kurzen Kommentar dazu, welche literaturgeschichtliche Frage sich aus dem Bild entwickeln lässt.
  4. Begriffe erklären: Erstelle ein eigenes Glossar mit zehn Fachbegriffen aus dem aiMOOC und formuliere zu jedem Begriff ein selbst gewähltes literarisches Beispiel.


Standard

  1. Epochenvergleich: Vergleiche einen expressionistischen Text mit einem Text der Neuen Sachlichkeit. Untersuche, wie beide auf gesellschaftliche Modernisierung reagieren, und belege Deine Aussagen an sprachlichen Merkmalen.
  2. Exilliteratur: Recherchiere den Fluchtweg einer exilierten Autorin oder eines exilierten Autors und gestalte eine kommentierte Karte, die Orte, Publikationsbedingungen und wichtige Werke miteinander verbindet.
  3. Nachkriegsliteratur: Produziere einen Audioessay von vier bis sechs Minuten zur Frage, ob der Begriff Stunde Null für Literatur nach 1945 geeignet ist. Verwende mindestens zwei literarische Beispiele.
  4. DDR-Literatur: Untersuche an einem Werk von Christa Wolf, Brigitte Reimann, Heiner Müller oder Reiner Kunze, wie persönlicher Konflikt und gesellschaftliche Ordnung miteinander verbunden werden.


Schwer

  1. Erinnerungskultur: Entwickle eine vergleichende Analyse zweier Werke aus verschiedenen Jahrzehnten zur Frage, wie sich der literarische Umgang mit Nationalsozialismus und Schuld verändert.
  2. Literaturbetrieb: Rekonstruiere an einem Fallbeispiel, wie Verlag, Kritik, Rundfunk, Theater, Zensur oder ein literarischer Preis die Wirkung eines Werkes beeinflusst haben.
  3. Migration und Literatur: Analysiere einen Text von Emine Sevgi Özdamar oder Feridun Zaimoğlu im Hinblick auf Mehrsprachigkeit, Selbstbezeichnung und gesellschaftliche Zuschreibungen. Diskutiere anschließend, wie sinnvoll nationale Literaturbegriffe sind.
  4. Literaturausstellung: Kuratiere eine digitale Ausstellung mit dem Titel Deutsche Literatur im 20. Jahrhundert - Deutschland. Formuliere für acht Exponate kurze wissenschaftlich begründete Beschriftungen und erkläre Deine Auswahl.




Text bearbeiten Bild einfügen Video einbetten Interaktive Aufgaben erstellen



Lernkontrolle

  1. Historischer Bruch und literarische Form: Wähle einen Bruch von 1933, 1945 oder 1989/90 und erkläre, wie er nicht nur Themen, sondern auch Sprache, Gattungen oder Publikationsbedingungen verändert hat.
  2. Epochenmodell prüfen: Zeige an einem Werk, warum eine eindeutige Zuordnung zu nur einer Epoche problematisch sein kann. Entwickle anschließend ein alternatives Beschreibungsmodell.
  3. BRD und DDR vergleichen: Vergleiche zwei Texte aus Ost- und Westdeutschland, die dasselbe gesellschaftliche Thema behandeln. Arbeite Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus, ohne sie allein aus den politischen Systemen abzuleiten.
  4. Literatur und Öffentlichkeit: Beurteile die These, dass Literatur im 20. Jahrhundert besonders dann gesellschaftlich wirksam wurde, wenn sie mit anderen Medien oder Institutionen verbunden war.
  5. Privat und politisch: Untersuche an zwei Beispielen aus verschiedenen Jahrzehnten, wie private Erfahrungen gesellschaftliche Machtverhältnisse sichtbar machen können.
  6. Deutsche Literatur neu definieren: Entwickle auf Grundlage von Exil, Migration und Mehrsprachigkeit eine begründete Definition dafür, was am Ende des 20. Jahrhunderts unter deutscher Literatur verstanden werden kann.




Lernnachweis

Für einen Lernnachweis zu diesem Thema solltest Du zeigen, dass Du Literaturgeschichte nicht nur auswendig kennst, sondern historische Zusammenhänge analysieren und auf Texte übertragen kannst.

  1. Periodisierung: Du kannst wichtige Strömungen und Umbruchphasen des 20. Jahrhunderts zeitlich einordnen und zugleich die Grenzen starrer Epochenmodelle erklären.
  2. Textanalyse: Du kannst sprachliche, erzählerische und dramaturgische Mittel präzise untersuchen und ihre Wirkung begründen.
  3. Historischer Kontext: Du kannst zeigen, wie Krieg, Diktatur, Teilung, gesellschaftlicher Protest, Wiedervereinigung und Migration literarische Produktionsbedingungen und Themen beeinflussten.
  4. Vergleich: Du kannst Texte aus unterschiedlichen Jahrzehnten oder aus BRD und DDR methodisch nachvollziehbar vergleichen.
  5. Begriffsreflexion: Du kannst Begriffe wie Exilliteratur, Trümmerliteratur, Neue Subjektivität oder Wendeliteratur fachlich verwenden und kritisch hinterfragen.
  6. Eigenständiges Urteil: Du kannst eine literaturwissenschaftliche These entwickeln, mit Textbelegen stützen und mögliche Gegenargumente berücksichtigen.




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