Der Tractatus - Philosophie


Der Tractatus - Philosophie
Der Tractatus - Philosophie

Einleitung
Der Tractatus logico-philosophicus ist das frühe Hauptwerk von Ludwig Wittgenstein. Das Buch untersucht die Beziehungen zwischen Welt, Denken, Sprache und Logik. Es fragt: Was lässt sich sinnvoll sagen? Wo liegen die Grenzen sprachlicher Darstellung?
Der Text besteht aus sieben hierarchisch gegliederten Hauptsätzen. Seine knappe Form verlangt genaues Lesen, Begriffsarbeit und eigene Beispiele.
Du lernst: die Bildtheorie, den Begriff des Sachverhalts, die Rolle von Elementarsätzen, den Unterschied zwischen Sagen und Zeigen sowie die Bedeutung von Wittgensteins Forderung nach dem Schweigen.

Werk und Kontext
Wittgenstein verfasste wesentliche Teile des Werks während des Ersten Weltkriegs. Die deutsche Fassung erschien 1921 unter dem Titel Logisch-philosophische Abhandlung. Die zweisprachige Buchausgabe von 1922 erhielt den lateinischen Titel Tractatus logico-philosophicus.
Wichtige Bezugspunkte waren die Arbeiten von Gottlob Frege und Bertrand Russell. Der Tractatus prägte die Analytische Philosophie, den Logischen Atomismus und die Diskussionen des Wiener Kreises.

Aufbau: Sieben Hauptsätze
| Satz | Kerngedanke |
|---|---|
| 1 | Die Welt ist alles, was der Fall ist. |
| 2 | Was der Fall ist, ist das Bestehen von Sachverhalten. |
| 3 | Das logische Bild der Tatsachen ist der Gedanke. |
| 4 | Der Gedanke ist der sinnvolle Satz. |
| 5 | Der Satz ist eine Wahrheitsfunktion der Elementarsätze. |
| 6 | Alle Wahrheitsfunktionen lassen sich durch eine allgemeine Satzform darstellen. |
| 7 | Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. |
Die Dezimalnummern zeigen die gedankliche Unterordnung der einzelnen Bemerkungen.

Kernideen
Welt, Tatsache und Sachverhalt
Die Welt ist für den frühen Wittgenstein nicht einfach eine Sammlung von Dingen. Sie ist die Gesamtheit der bestehenden Tatsachen. Eine Tatsache besteht darin, dass ein möglicher Sachverhalt tatsächlich besteht.
Gegenstände können sich auf unterschiedliche Weise verbinden. Diese möglichen Verbindungen bilden die Struktur dessen, was der Fall sein kann.

Bildtheorie
Ein Bild stellt einen möglichen Sachverhalt dar. Bild und Wirklichkeit müssen eine gemeinsame logische Form besitzen. Ein Stadtplan bildet eine Stadt nicht durch Ähnlichkeit jedes Details ab, sondern durch passende Beziehungen zwischen seinen Elementen.
Auch ein sinnvoller Satz funktioniert nach dieser Auffassung als logisches Bild einer möglichen Tatsache. Er zeigt, wie die Welt wäre, wenn der Satz wahr wäre.
Satz, Logik und Wahrheit
Ein Elementarsatz stellt einen einfachen Sachverhalt dar. Komplexe Sätze entstehen als Wahrheitsfunktionen von Elementarsätzen.
Eine Tautologie ist unter jeder möglichen Wahrheitsbelegung wahr. Eine Kontradiktion ist unter jeder möglichen Wahrheitsbelegung falsch. Beide beschreiben keinen bestimmten Zustand der Welt, zeigen aber die logische Struktur der Sprache.

Philosophie als Tätigkeit
Philosophie ist im Tractatus keine zusätzliche Naturwissenschaft. Sie soll Gedanken logisch klären, Missverständnisse sichtbar machen und die Grenzen sinnvoller Aussagen bestimmen.
Philosophische Probleme entstehen häufig, wenn die Logik der Sprache missverstanden wird. Die Aufgabe der Philosophie ist deshalb nicht vor allem die Produktion neuer Theorien, sondern die Klärung von Sätzen.
Sagen und Zeigen
Sachverhalte können durch sinnvolle Sätze gesagt werden. Die logische Form, durch die ein Satz überhaupt etwas darstellen kann, kann nach Wittgenstein nicht auf dieselbe Weise ausgesagt werden. Sie zeigt sich im Gebrauch des Satzes.
Der Unterschied zwischen Sagen und Zeigen gehört zu den schwierigsten und umstrittensten Gedanken des Werks.
Ethik, Sinn und Mystisches
Aussagen der Naturwissenschaft beschreiben mögliche Tatsachen. Fragen nach dem absoluten Sinn des Lebens, nach Ethik, Wert oder dem Mystischen liegen nach dem Tractatus außerhalb dessen, was sich als Tatsache darstellen lässt.
Wittgenstein erklärt diese Bereiche nicht für unwichtig. Gerade ihre Bedeutung führt ihn zur Grenze des sinnvoll Sagbaren.
Leiter und Schweigen
In Satz 6.54 vergleicht Wittgenstein seine Erläuterungen mit einer Leiter. Wer durch sie zu einer klareren Sicht gelangt ist, soll die Leiter anschließend überwinden.
Der letzte Satz lautet: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Er fordert keine allgemeine Sprachlosigkeit, sondern eine Unterscheidung zwischen sinnvollen Tatsachenaussagen und dem, was nicht in dieser Form gesagt werden kann.

Wirkung und Kritik
Der Tractatus beeinflusste den Logischen Empirismus, obwohl Wittgenstein nicht einfach mit dessen Positionen gleichgesetzt werden kann. Später veränderte er seine Auffassung von Sprache grundlegend.
In den Philosophischen Untersuchungen stehen Sprachspiele, Sprachgebrauch und Lebensformen im Mittelpunkt. Deshalb wird häufig zwischen dem frühen und dem späten Wittgenstein unterschieden.
Bis heute ist umstritten, ob der Tractatus eine Theorie der Sprache aufstellt, seine eigenen Sätze bewusst unterläuft oder vor allem eine philosophische Übung zur Überwindung falscher Probleme darstellt.

Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Wer schrieb den Tractatus logico-philosophicus? (Ludwig Wittgenstein) (!Bertrand Russell) (!Gottlob Frege) (!Rudolf Carnap)
Welches Hauptziel verfolgt der Tractatus? (Die Grenze sinnvoller sprachlicher Darstellung zu bestimmen) (!Eine vollständige Naturgeschichte zu schreiben) (!Alle moralischen Regeln aufzuzählen) (!Eine neue Staatsform zu entwerfen)
Woraus besteht die Welt nach dem ersten Hauptsatz? (Aus allem, was der Fall ist) (!Nur aus materiellen Gegenständen) (!Aus persönlichen Erinnerungen) (!Aus mathematischen Zeichen)
Was ist eine Tatsache im Tractatus? (Das Bestehen eines Sachverhalts) (!Ein einzelnes Wort) (!Eine moralische Vorschrift) (!Eine grammatische Regel)
Was behauptet die Bildtheorie? (Ein sinnvoller Satz bildet einen möglichen Sachverhalt logisch ab) (!Jeder Satz muss ein Gemälde enthalten) (!Nur Fotografien können wahr sein) (!Sprache besteht ausschließlich aus Symbolbildern)
Was ist ein Elementarsatz? (Eine einfachste sinnvolle Aussage über einen Sachverhalt) (!Eine Frage ohne Antwort) (!Eine ethische Forderung) (!Ein unvollständiges Wort)
Wie entstehen komplexe Sätze nach dem Tractatus? (Als Wahrheitsfunktionen von Elementarsätzen) (!Durch die Länge einzelner Wörter) (!Durch persönliche Gefühle) (!Als zufällige Lautfolgen)
Was kennzeichnet eine Tautologie? (Sie ist unter jeder Wahrheitsbelegung wahr) (!Sie ist immer empirisch falsch) (!Sie beschreibt genau eine einzelne Tatsache) (!Sie ist eine moralische Wertung)
Welche Funktion hat die Leiter-Metapher? (Die Erläuterungen sollen nach ihrem Verständnis überwunden werden) (!Das Buch soll in sieben Stockwerken gelesen werden) (!Die Sprache soll durch Bilder ersetzt werden) (!Logische Regeln sollen auswendig gelernt werden)
Wie endet der Tractatus? (Mit der Forderung über Unsagbares zu schweigen) (!Mit einer Theorie der Demokratie) (!Mit einer Biografie Bertrand Russells) (!Mit einer Sammlung naturwissenschaftlicher Experimente)
Memory
| Tractatus | Logisch-philosophische Abhandlung |
| Tatsache | Bestehender Sachverhalt |
| Bildtheorie | Logische Darstellung möglicher Wirklichkeit |
| Elementarsatz | Einfachste sinnvolle Aussage |
| Tautologie | Unter jeder Belegung wahr |
| Sagen | Tatsachen sinnvoll formulieren |
| Zeigen | Logische Form tritt hervor |
| Leiter | Erläuterungen nach Gebrauch überwinden |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Tractatus |
|---|---|
| Tatsache | Bestehender Sachverhalt |
| Bild | Modell möglicher Wirklichkeit |
| Satz | Ausdruck eines Gedankens |
| Tautologie | Logisch immer wahr |
| Schweigen | Grenze sinnvollen Sprechens |
Kreuzworträtsel
| Wittgenstein | Wer schrieb den Tractatus logico-philosophicus? |
| Tatsache | Wie heißt das Bestehen eines Sachverhalts? |
| Bildtheorie | Wie heißt die Theorie der logischen Abbildung? |
| Tautologie | Wie heißt ein unter jeder Belegung wahrer Satz? |
| Schweigen | Was fordert der letzte Hauptsatz für das Unsagbare? |
| Sachverhalt | Wie heißt eine mögliche Verbindung von Gegenständen? |
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Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Sieben Hauptsätze: Formuliere zu jedem Hauptsatz eine verständliche Erklärung in höchstens zwei Sätzen.
- Bildtheorie: Finde ein Alltagsbeispiel für eine Darstellung, deren Elemente Beziehungen der Wirklichkeit abbilden.
- Wahrheitstafel: Erstelle eine Wahrheitstafel für eine Konjunktion und erkläre das Ergebnis.
- Schweigen: Gestalte ein Textbild oder Plakat zu Satz 7 und erläutere Deine Gestaltung.
Standard
- Begriffsnetz: Verbinde Welt, Tatsache, Sachverhalt, Gegenstand, Bild, Gedanke und Satz in einem Schaubild.
- Sagen und Zeigen: Entwickle ein eigenes Beispiel, das den Unterschied zwischen Sagen und Zeigen verdeutlicht.
- Logischer Atomismus: Vergleiche Wittgensteins Grundidee mit einer Position von Bertrand Russell.
- Medienkritik: Analysiere eines der eingebetteten Videos auf Verständlichkeit, Genauigkeit und Auslassungen.
Schwer
- Leiter-Metapher: Erörtere, ob sich der Tractatus durch Satz 6.54 selbst aufhebt.
- Ethik im Tractatus: Untersuche, ob Wittgenstein ethische Aussagen für bedeutungslos oder für besonders bedeutsam hält.
- Tractatus-Interpretation: Vergleiche eine theoretische und eine therapeutische Lesart des Werks.
- Früher und später Wittgenstein: Stelle die Bildtheorie einem Sprachspiel aus den Philosophischen Untersuchungen gegenüber.


Lernkontrolle
- Transfer auf Medienaussagen: Prüfe an einer Nachricht aus sozialen Medien, welche Tatsachen sie behauptet und welche Bedingungen für ihre Wahrheit gelten.
- Grenzen der Beschreibung: Vergleiche einen naturwissenschaftlichen Satz mit einem ethischen Urteil und untersuche, wie der Tractatus beide behandeln würde.
- Logische Form: Erkläre an einem selbst gewählten Modell, warum die Struktur einer Darstellung nicht einfach wie ein weiterer Gegenstand dargestellt wird.
- Tautologie und Information: Beurteile, ob eine Tautologie Wissen über die Welt vermittelt, obwohl sie logisch wahr ist.
- Selbstanwendung: Diskutiere, ob der letzte Satz des Tractatus selbst sinnvoll gesagt werden kann.
- Künstliche Intelligenz und Sprache: Übertrage die Frage nach den Grenzen sinnvoller Darstellung auf Antworten eines Sprachmodells.
Lernnachweis
Für einen Lernnachweis sollst Du:
- die Begriffe Tatsache, Sachverhalt, Bild, Gedanke, Satz und Elementarsatz sicher unterscheiden,
- die Bildtheorie an einem eigenen Beispiel erklären,
- eine einfache Wahrheitstafel korrekt auswerten,
- den Unterschied zwischen Sagen und Zeigen erläutern,
- die Leiter-Metapher und Satz 7 interpretieren,
- eine begründete Position zu einer umstrittenen Lesart des Tractatus entwickeln,
- Bezüge zur Analytischen Philosophie oder zum späteren Wittgenstein herstellen.
OERs zum Thema
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- Freie Medien bei Wikimedia Commons
- Digitalisierte Ausgabe von 1922
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