Zum Inhalt springen

Der Holocaust - Deutschland

Aus MOOCsWiki Staging
aiMOOC-Siegel

Der Holocaust - Deutschland




Der Holocaust - Deutschland


Einleitung

Der Holocaust – auf Hebräisch häufig Shoah genannt – bezeichnet die systematische, staatlich organisierte Verfolgung und Ermordung von etwa sechs Millionen europäischen Jüdinnen und Juden durch das nationalsozialistische Deutschland sowie seine Verbündeten und Helfer. Der Völkermord entwickelte sich nicht in einem einzigen Schritt. Er ging aus einer Politik hervor, die Menschen zunächst ausgrenzte und entrechtete, dann beraubte, vertrieb, deportierte und schließlich in ganz Europa massenhaft ermordete.

Dieser aiMOOC richtet den Blick besonders auf Deutschland: auf die nationalsozialistische Ideologie, den deutschen Staat und seine Institutionen, auf Täter und Mitwirkende, auf Handlungsspielräume der Bevölkerung sowie auf die Frage, wie die Bundesrepublik und die DDR nach 1945 mit der Vergangenheit umgingen. Dabei ist wichtig: Verantwortung muss genau untersucht werden. Es wäre falsch, alle Deutschen pauschal als Täter zu bezeichnen. Ebenso falsch wäre es, den Holocaust nur als Werk einiger weniger NS-Funktionäre zu verstehen. Das Verbrechen wurde von einer Diktatur geplant und getragen, benötigte aber die Mitarbeit zahlreicher Behörden, Organisationen und Einzelpersonen.

Hinweis zum Lernen mit historischen Quellen: Bilder und Dokumente aus der NS-Zeit können antisemitische, rassistische oder menschenverachtende Sprache und Symbole enthalten. Solche Quellen werden hier nicht zur Wiederholung von Propaganda gezeigt, sondern zur kritischen historischen Analyse. Behandle Abbildungen von Verfolgten respektvoll und frage immer nach Entstehung, Urheber, Zweck und Kontext einer Quelle.

Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin erinnert an die Opfer des Holocaust und steht zugleich für die fortdauernde Auseinandersetzung Deutschlands mit seiner Geschichte.


Holocaust, Shoah und Völkermord

Der Begriff Holocaust wird im engeren geschichtswissenschaftlichen Sinn für den Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden verwendet. Shoah bedeutet im Hebräischen „Katastrophe“ und ist besonders im jüdischen und internationalen Sprachgebrauch verbreitet. Der Begriff Genozid bezeichnet die absichtliche Zerstörung einer nationalen, ethnischen, rassischen oder religiösen Gruppe ganz oder teilweise.

Der Holocaust war Teil einer umfassenderen nationalsozialistischen Gewalt- und Verfolgungspolitik. Auch Sinti und Roma, Menschen mit Behinderungen, polnische und sowjetische Zivilistinnen und Zivilisten, sowjetische Kriegsgefangene, politische Gegner, homosexuelle Menschen, Zeugen Jehovas und weitere Gruppen wurden verfolgt, ausgebeutet und in großer Zahl ermordet. Ihre Verfolgungsgeschichten müssen jeweils eigenständig betrachtet werden. Der Holocaust bezeichnet dabei speziell den systematischen Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden.


1933 bis 1938: Ausgrenzung, Entrechtung und Gewalt

Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 begann die nationalsozialistische Diktatur. Antisemitismus war ein Kernbestandteil der NS-Ideologie. Jüdinnen und Juden wurden nicht als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger betrachtet, sondern rassistisch als angebliche Gefahr für die sogenannte „Volksgemeinschaft“ dargestellt.

Schon 1933 wurden jüdische Geschäfte boykottiert, Beschäftigte aus dem öffentlichen Dienst gedrängt und jüdische Menschen aus vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen. Propaganda, Gesetze, wirtschaftlicher Druck und offene Gewalt wirkten zusammen. Die Verfolgung wurde schrittweise normalisiert: Was zunächst als einzelne Maßnahme erscheinen konnte, veränderte dauerhaft Rechte, Berufsmöglichkeiten, Bildung, Besitz und Alltag der Betroffenen.

SA-Männer beim Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933. Die Aufnahme dokumentiert, wie Ausgrenzung öffentlich sichtbar gemacht und durch Einschüchterung durchgesetzt wurde.

Die Nürnberger Gesetze von 1935 entzogen jüdischen Deutschen wesentliche Bürgerrechte und verboten unter anderem Eheschließungen zwischen als „jüdisch“ und als „deutschblütig“ definierten Menschen. Die Kategorien beruhten nicht auf seriöser Wissenschaft, sondern auf rassistischer Ideologie. Gerade deshalb ist es wichtig, NS-Begriffe nicht unkritisch zu übernehmen.

Die Nürnberger Gesetze machten rassistische Ausgrenzung zu staatlichem Recht.

Einen weiteren Wendepunkt bildeten die Novemberpogrome 1938. In der Nacht vom 9. auf den 10. November und in den folgenden Tagen wurden im Deutschen Reich Synagogen zerstört und in Brand gesetzt, Geschäfte geplündert, Wohnungen verwüstet, jüdische Menschen misshandelt, ermordet und in Konzentrationslager verschleppt. Der Staat organisierte und deckte die Gewalt. Danach wurden Enteignung, Vertreibung und Entrechtung weiter beschleunigt.

Die beschädigte Ohel-Jakob-Synagoge in München nach dem Novemberpogrom 1938.


1939 bis 1941: Krieg, Besatzung und Radikalisierung

Mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg in Europa. Die deutsche Besatzungs- und Vernichtungspolitik schuf nun neue Räume für Gewalt. Millionen jüdische Menschen gerieten unter deutsche Herrschaft. In vielen besetzten Gebieten wurden sie registriert, enteignet, zur Zwangsarbeit verpflichtet und in Ghettos gezwungen. Hunger, Krankheiten und Gewalt gehörten dort zum Alltag.

Der Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 war ein entscheidender Schritt zur weiteren Radikalisierung. Hinter der Front ermordeten deutsche Einsatzgruppen, Ordnungspolizei und weitere Einheiten gemeinsam mit anderen Beteiligten jüdische Männer, Frauen und Kinder in Massenerschießungen. Auch Teile der Wehrmacht unterstützten den Vernichtungskrieg, ermöglichten Verbrechen oder waren an ihnen beteiligt. Die Vorstellung einer insgesamt unbeteiligten „sauberen Wehrmacht“ ist historisch widerlegt.

Im Deutschen Reich selbst begannen im Herbst 1941 systematische Deportationen jüdischer Menschen nach Osten. Deportationen geschahen nicht im Verborgenen allein: Menschen wurden aus Wohnungen geholt, an Sammelstellen gebracht und über Bahnhöfe verschleppt. Für viele Nachbarinnen, Nachbarn und Beschäftigte waren zumindest Teile dieser Verfolgung sichtbar.

Das US Holocaust Memorial Museum erklärt im Film „The Path to Nazi Genocide“ den Weg von der NS-Machtübernahme bis zum Völkermord. Der Film ist englischsprachig und eignet sich besonders für die Sekundarstufe II oder für arbeitsteilige Gruppen.


1941 bis 1945: Deportation und systematischer Massenmord

Im Verlauf des Jahres 1941 entwickelte sich die nationalsozialistische Politik zum europaweiten systematischen Mordprogramm. In den von Deutschland besetzten Gebieten entstanden Tötungszentren. Jüdinnen und Juden aus vielen Ländern Europas wurden mit Zügen deportiert. Zahlreiche Menschen wurden unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet; andere mussten unter tödlichen Bedingungen Zwangsarbeit leisten.

Auschwitz-Birkenau wurde zum größten Konzentrations- und Vernichtungslager des nationalsozialistischen Lagersystems und ist heute ein zentrales Symbol für den Holocaust. Trotzdem darf der Holocaust nicht auf Auschwitz reduziert werden. Menschen wurden auch in anderen Tötungszentren, durch Massenerschießungen, in Ghettos, Lagern, bei Todesmärschen sowie durch gezielt herbeigeführte Lebensbedingungen ermordet.

Jüdische Familien nach ihrer Ankunft in Auschwitz-Birkenau im Sommer 1944. Die Aufnahme stammt aus dem sogenannten Auschwitz-Album und dokumentiert einen Schritt im Ablauf der Deportation und Selektion.


Die Wannsee-Konferenz: Koordination eines laufenden Verbrechens

Am 20. Januar 1942 trafen sich fünfzehn hochrangige Vertreter von Partei, SS und staatlichen Behörden in einer Villa am Berliner Wannsee. Die Wannsee-Konferenz war nicht der Moment, in dem der Holocaust erst beschlossen wurde. Zu diesem Zeitpunkt fanden bereits Massenerschießungen statt, Deportationen liefen, und erste Tötungszentren waren in Betrieb.

Die Konferenz diente vor allem dazu, die europaweite Deportation und Ermordung der jüdischen Bevölkerung zwischen Ministerien und Behörden zu koordinieren. Sie zeigt besonders deutlich, wie sehr der Völkermord auf Bürokratie, Verwaltung, Kommunikation und Zusammenarbeit verschiedener staatlicher Stellen angewiesen war.

Das Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin. Heute ist es eine Gedenk- und Bildungsstätte.


Verantwortung: Führung, Institutionen und einzelne Menschen

Die Hauptverantwortung lag bei der nationalsozialistischen Führung und den zentralen Terrororganisationen des Regimes, insbesondere bei SS, Polizei und Reichssicherheitshauptamt. Adolf Hitler schuf und bestätigte die politischen und ideologischen Ziele; führende Nationalsozialisten organisierten und radikalisierten ihre Umsetzung.

Doch der Holocaust konnte nicht allein durch eine kleine Gruppe durchgeführt werden. Viele Institutionen wirkten mit: Verwaltungen erfassten Menschen und Vermögen, Finanzbehörden und Unternehmen profitierten von Enteignungen, die Reichsbahn transportierte Deportierte, Polizei und Sicherheitsdienste organisierten Verhaftungen, Juristen schufen oder vollzogen Unrecht, und medizinisches Personal war an nationalsozialistischen Verbrechen beteiligt. In den besetzten Ländern kamen außerdem verbündete Regierungen und lokale Kollaborateure hinzu.

Verantwortung bedeutet deshalb nicht, alle Beteiligten gleichzusetzen. Historische Analyse fragt genauer: Wer plante? Wer befahl? Wer organisierte? Wer führte aus? Wer profitierte? Wer wusste etwas? Wer sah weg? Wer half? Wer widersetzte sich? Solche Fragen machen Handlungsspielräume sichtbar.


Wissen, Wegsehen, Helfen und Widerstand

Die Frage „Was wussten die Deutschen?“ lässt sich nicht mit einem einzigen Satz beantworten. Wissen war unterschiedlich verteilt. Nicht jede Person kannte die Funktionsweise der Tötungszentren. Gleichzeitig waren Entrechtung, öffentliche Gewalt, Deportationen und das Verschwinden jüdischer Nachbarinnen und Nachbarn sichtbar. Während des Krieges verbreiteten sich zudem Berichte und Gerüchte über Massenerschießungen und Mord.

Viele Menschen passten sich an, schwiegen oder profitierten von der Verfolgung. Manche denunzierten Verfolgte. Andere halfen durch Lebensmittel, Verstecke, falsche Papiere oder Fluchthilfe. Solche Hilfe konnte gefährlich sein und blieb vergleichsweise selten. Widerstand und Hilfe zeigen dennoch, dass Menschen auch unter einer Diktatur Entscheidungen treffen konnten – wenn auch unter sehr unterschiedlichen Risiken.

Ein Beitrag der Arolsen Archives führt über die Biografie von Selma Grünewald an individuelle Verfolgungsgeschichte und heutige Erinnerung heran.


Andere Opfer nationalsozialistischer Verfolgung

Eine verantwortungsvolle Beschäftigung mit dem Holocaust berücksichtigt auch andere Gruppen, die vom NS-Regime verfolgt und ermordet wurden. Der Völkermord an Sinti und Roma wurde lange unzureichend anerkannt. Menschen mit körperlichen, geistigen oder psychischen Beeinträchtigungen wurden im Rahmen der sogenannten „Euthanasie“-Morde systematisch getötet. Millionen sowjetische Kriegsgefangene starben durch Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit und gezielte Mordpolitik. Polnische Zivilbevölkerung, politische Gegner, homosexuelle Männer, Zeugen Jehovas und weitere Gruppen wurden ebenfalls verfolgt.

Diese Geschichten sind miteinander verbunden, aber nicht identisch. Historisch genaues Lernen vermeidet sowohl eine Gleichsetzung aller Verfolgungen als auch eine Hierarchie des Leidens.


Befreiung und juristische Aufarbeitung

1944 und 1945 befreiten alliierte Truppen immer mehr Lager und besetzte Gebiete. Am 27. Januar 1945 erreichte die Rote Armee Auschwitz. Mit dem militärischen Ende des Deutschen Reiches endeten die nationalsozialistischen Massenverbrechen, nicht aber die Folgen für die Überlebenden. Viele hatten Angehörige, Heimat, Besitz und Gesundheit verloren.

In den Nürnberger Prozessen wurden ab 1945 führende Vertreter des NS-Regimes vor ein internationales Gericht gestellt. Die Prozesse waren ein wichtiger Schritt zur strafrechtlichen Ahndung von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Gleichzeitig blieben viele Täter zunächst unbehelligt oder erhielten geringe Strafen. Die juristische Aufarbeitung zog sich über Jahrzehnte hin.

Der Verhandlungssaal beim Nürnberger Prozess. Die juristische Aufarbeitung wurde zu einem wichtigen Bezugspunkt des modernen Völkerstrafrechts.


Deutschland nach 1945: schwierige Wege der Aufarbeitung

In den ersten Nachkriegsjahrzehnten standen in vielen Familien und öffentlichen Debatten zunächst Kriegserfahrungen, Flucht, Vertreibung und Wiederaufbau im Vordergrund. Die Verfolgten des Nationalsozialismus erhielten keineswegs sofort die Aufmerksamkeit, Anerkennung und Entschädigung, die ihnen zustand. Zugleich gab es frühe Strafverfahren, Erinnerungsinitiativen und Überlebende, die öffentlich Zeugnis ablegten.

Die Bundesrepublik Deutschland und die DDR entwickelten unterschiedliche Erinnerungskulturen. In der Bundesrepublik rückten die NS-Verbrechen seit den 1960er Jahren durch Prozesse, Forschung, Medienberichte, die Studentenbewegung und die Arbeit von Gedenkstätten stärker in die Öffentlichkeit. Die Frankfurter Auschwitz-Prozesse von 1963 bis 1965 waren besonders bedeutend. In der DDR stand der staatliche Antifaschismus im Zentrum; kommunistischer Widerstand wurde stark betont, während die eigenständige Dimension der antisemitischen Verfolgung und die Mitverantwortung gesellschaftlicher Institutionen oft weniger Raum erhielten.

Seit den 1980er und 1990er Jahren wurde Erinnerung in Deutschland stärker lokal, biografisch und vielfältig. Schulen erforschten jüdisches Leben vor Ort, Gedenkstätten wurden ausgebaut, Zeitzeugengespräche dokumentiert und neue Denkmäler geschaffen.


Erinnerungskultur heute

Seit 1996 ist der 27. Januar, der Jahrestag der Befreiung von Auschwitz 1945, in Deutschland der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Der Tag soll nicht nur erinnern, sondern zum Nachdenken über Demokratie, Menschenwürde und Verantwortung anregen.

Zu den bekanntesten Erinnerungsformen gehören das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin, Gedenkstätten an ehemaligen Lagerorten, lokale Mahnmale und die Stolpersteine. Stolpersteine nennen Namen und Lebensdaten von Verfolgten vor früheren Wohnorten. Dadurch wird sichtbar, dass Verfolgung nicht nur an weit entfernten Orten stattfand, sondern mitten in Städten, Dörfern und Nachbarschaften begann.

Stolpersteine erinnern im Alltag an einzelne Menschen und ihre Lebenswege.

Die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas zeigt in dieser Kurzdokumentation die Entstehung und Bedeutung des Berliner Holocaust-Denkmals.


Yad Vashem, Archive und digitale Erinnerung

Mit dem zeitlichen Abstand zum Holocaust verändert sich Erinnerung. Immer weniger Überlebende können persönlich in Schulen berichten. Deshalb gewinnen aufgezeichnete Zeugnisse, Archive und digitale Sammlungen an Bedeutung. Yad Vashem in Jerusalem sammelt Namen, Dokumente und Zeugnisse. Die Arolsen Archives bewahren Millionen von Dokumenten zu NS-Verfolgten, Zwangsarbeit und Displaced Persons. Solche Quellen ermöglichen es, Geschichte über konkrete Personen zu erschließen.

Yad Vashem Deutsch stellt die Aufgaben des internationalen Holocaust-Gedenk- und Dokumentationszentrums vor.

Digitale Erinnerung bringt Chancen und Probleme mit sich. Quellen werden leichter zugänglich, aber auch Falschinformationen und Holocaustleugnung verbreiten sich online. Historisches Lernen braucht deshalb Quellenkritik, überprüfbare Belege und einen bewussten Umgang mit Bildern, Zitaten und Social-Media-Beiträgen.


Erinnerung und Verantwortung

Erinnerung bedeutet nicht, dass heutige Generationen persönliche Schuld für Taten übernehmen sollen, die sie nicht begangen haben. Historische Verantwortung meint etwas anderes: die Verbrechen anzuerkennen, ihre Ursachen und Bedingungen zu verstehen, den Opfern und ihren Geschichten Raum zu geben, demokratische Institutionen zu schützen und Antisemitismus sowie anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit entgegenzutreten.

Für Deutschland ist die Erinnerung an den Holocaust deshalb Teil politischer Kultur und historischer Bildung. Sie bleibt aber nur dann lebendig, wenn sie nicht in Ritualen erstarrt. Gute Erinnerung stellt Fragen: Wie konnte aus Ausgrenzung systematische Verfolgung werden? Welche Rolle spielten Gesetze, Bürokratie und Sprache? Warum halfen manche Menschen und andere nicht? Wie verändern sich Erinnerung und Verantwortung, wenn Zeitzeuginnen und Zeitzeugen nicht mehr selbst berichten können?


Quellen kritisch lesen

Bei der Beschäftigung mit dem Holocaust solltest Du zwischen verschiedenen Quellentypen unterscheiden. Täterdokumente können Abläufe belegen, verwenden aber oft verschleiernde oder menschenverachtende Sprache. Fotos zeigen nur einen Ausschnitt und wurden häufig zu bestimmten Zwecken aufgenommen. Erinnerungen von Überlebenden geben unverzichtbare persönliche Perspektiven wieder, sind aber wie jede Erinnerung an Standpunkt und Lebensgeschichte gebunden. Historische Forschung verbindet deshalb viele Quellen und prüft sie gegenseitig.

Besonders wichtig ist, Opfer nicht nur als anonyme Zahl zu betrachten. Hinter jeder Zahl stehen Menschen mit Familien, Berufen, Interessen, Hoffnungen und Beziehungen. Biografische Arbeit kann helfen, die Dimension des Verbrechens zu verstehen, ohne Menschen allein auf ihr Leiden zu reduzieren.


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

Was bezeichnet der Holocaust im engeren historischen Sinn? (Den systematischen Völkermord an etwa sechs Millionen europäischen Jüdinnen und Juden) (!Alle Kriegstoten des Zweiten Weltkriegs) (!Nur die Verfolgung politischer Gegner in Deutschland) (!Ausschließlich die Geschichte des Lagers Auschwitz)




Welche Wirkung hatten die Nürnberger Gesetze von 1935? (Sie machten die rassistische Entrechtung jüdischer Menschen zu staatlichem Recht) (!Sie stellten die Gleichberechtigung jüdischer Bürger wieder her) (!Sie beendeten die NS-Diktatur) (!Sie verboten Konzentrationslager)




Wofür stehen die Novemberpogrome 1938? (Für eine vom NS-Regime organisierte Eskalation antijüdischer Gewalt) (!Für die Befreiung deutscher Städte durch die Alliierten) (!Für den Beginn der Nürnberger Prozesse) (!Für die Einführung des Grundgesetzes)




Welche Bedeutung hatte der deutsche Überfall auf die Sowjetunion 1941 für den Holocaust? (Er war ein entscheidender Schritt zur Radikalisierung durch Massenerschießungen und Vernichtungskrieg) (!Er beendete die Verfolgung jüdischer Menschen) (!Er führte sofort zur Kapitulation Deutschlands) (!Er machte alle Konzentrationslager überflüssig)




Was war die Hauptfunktion der Wannsee-Konferenz vom Januar 1942? (Sie koordinierte die Umsetzung eines bereits begonnenen europaweiten Massenmords) (!Sie beschloss die Einführung der Demokratie) (!Sie verhandelte einen Frieden mit den Alliierten) (!Sie plante den Wiederaufbau Deutschlands)




Warum reicht es nicht aus, den Holocaust nur mit einigen wenigen NS-Führern zu erklären? (Weil zahlreiche Behörden Institutionen Unternehmen und Einzelpersonen an seiner Durchführung beteiligt waren) (!Weil es im NS-Staat keine staatlichen Behörden gab) (!Weil die Verfolgung ohne Gesetze und Verwaltung auskam) (!Weil ausschließlich ausländische Regierungen verantwortlich waren)




Welche Aussage zu Auschwitz ist historisch richtig? (Auschwitz war ein zentraler Tatort und ein Symbol des Holocaust aber der Völkermord fand an vielen Orten statt) (!Der gesamte Holocaust fand ausschließlich in Auschwitz statt) (!Auschwitz war nur ein gewöhnliches Gefängnis) (!Auschwitz wurde bereits 1933 von den Alliierten befreit)




Welche Bedeutung hatten die Nürnberger Prozesse nach 1945? (Sie stellten führende NS-Verantwortliche wegen schwerer internationaler Verbrechen vor Gericht) (!Sie führten die Nürnberger Gesetze wieder ein) (!Sie erklärten alle Deutschen pauschal für schuldig) (!Sie ersetzten dauerhaft alle deutschen Gerichte)




Warum ist der 27. Januar ein wichtiger Gedenktag in Deutschland? (Weil am 27. Januar 1945 Auschwitz befreit wurde und seit 1996 an diesem Datum der Opfer des Nationalsozialismus gedacht wird) (!Weil an diesem Tag die NSDAP gegründet wurde) (!Weil an diesem Tag der Zweite Weltkrieg begann) (!Weil an diesem Tag die Berliner Mauer fiel)




Was ist ein wichtiges Ziel heutiger Holocaust-Erinnerung? (Opfergeschichten zu bewahren historische Zusammenhänge zu verstehen und demokratische Verantwortung zu stärken) (!Die Vergangenheit möglichst schnell abzuschließen) (!Historische Quellen durch Meinungen zu ersetzen) (!Alle Verfolgungsgruppen ohne Unterschiede gleichzusetzen)





Memory

Nürnberger Gesetze Entrechtung
Wannsee-Konferenz Koordination
Einsatzgruppen Massenerschießungen
Stolpersteine Alltagsgedenken
Nürnberger Prozesse Strafverfolgung
Auschwitz-Birkenau Vernichtungslager





Drag and Drop

Ordne die richtigen Begriffe zu. Thema
Antisemitismus Judenfeindliche Vorurteile und Ideologien
Deportation Gewaltsame Verschleppung von Menschen
Ghetto Erzwungener abgesonderter Wohnbezirk
Kollaboration Zusammenarbeit mit einer Besatzungs- oder Täterherrschaft
Erinnerungskultur Gesellschaftliche Formen des Gedenkens und der Auseinandersetzung mit Vergangenheit






Kreuzworträtsel

Shoah Welcher hebräische Begriff wird häufig für den Holocaust verwendet?
Wannsee An welchem Berliner Ort fand 1942 eine zentrale Koordinationskonferenz statt?
Auschwitz Welcher Lagerkomplex wurde zum zentralen Symbol des Holocaust?
Antisemitismus Wie heißt die Feindschaft gegenüber Jüdinnen und Juden?
Deportation Wie heißt die gewaltsame Verschleppung von Menschen an einen anderen Ort?
Erinnerung Welcher Begriff beschreibt das bewusste Bewahren und Deuten von Vergangenheit?





LearningApps


Lückentext

Vervollständige den Text.

Der Holocaust war der systematische Völkermord an etwa

europäischen Jüdinnen und Juden.
Die nationalsozialistische Ideologie beruhte zentral auf rassistischem

.
Die Nürnberger Gesetze von 1935 dienten der rechtlichen

jüdischer Menschen.
Die Novemberpogrome von 1938 markierten eine offene Eskalation der

.
Mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 nahmen die

stark zu.
Die Wannsee-Konferenz von 1942 diente vor allem der organisatorischen

des bereits laufenden Massenmords.
Für Deportationen nutzte das NS-Regime unter anderem die deutsche

.
Die Nürnberger Prozesse waren ein wichtiger Schritt der juristischen

.
Seit 1996 wird in Deutschland am 27. Januar der Opfer des

gedacht.
Stolpersteine sind ein Beispiel für dezentrale

.




Offene Aufgaben


Leicht

  1. Zeitleiste erstellen: Gestalte eine Zeitleiste mit acht Stationen von 1933 bis 1945 und erkläre zu jeder Station in zwei Sätzen, wie sich Verfolgung und Gewalt veränderten.
  2. Historisches Bild untersuchen: Wähle eines der Bilder dieses aiMOOCs und beschreibe zuerst nur, was sichtbar ist. Untersuche danach Entstehungszeit, Perspektive, möglichen Zweck und Aussagegrenzen.
  3. Glossar anlegen: Erkläre die Begriffe Holocaust, Shoah, Antisemitismus, Deportation, Ghetto und Erinnerungskultur in eigenen Worten.
  4. Erinnerung vor Ort: Recherchiere einen Stolperstein, eine Gedenktafel oder einen anderen Erinnerungsort in Deiner Umgebung und dokumentiere, an wen oder was dort erinnert wird.


Standard

  1. Eine Biografie rekonstruieren: Recherchiere anhand seriöser Archive die Lebensgeschichte einer verfolgten Person und stelle dabei auch ihr Leben vor der Verfolgung dar.
  2. Zwei Quellen vergleichen: Vergleiche ein Täterdokument mit einem Bericht einer verfolgten oder überlebenden Person. Arbeite Unterschiede in Sprache, Perspektive und Aussageabsicht heraus.
  3. Institutionen untersuchen: Wähle Reichsbahn, Verwaltung, Polizei, Justiz, Wehrmacht oder ein Unternehmen und erkläre, welche Handlungsschritte dieser Institution den Holocaust ermöglichten oder unterstützten.
  4. Gedenkort bewerten: Untersuche ein Denkmal oder eine Gedenkstätte. Prüfe, welche Botschaft vermittelt wird, wie Besucher angesprochen werden und welche Perspektiven möglicherweise fehlen.


Schwer

  1. Erinnerungskultur im Wandel: Vergleiche den Umgang mit dem Holocaust in der frühen Bundesrepublik, in der DDR und im heutigen Deutschland. Entwickle eine begründete These zu Veränderungen und Kontinuitäten.
  2. Digitale Ausstellung gestalten: Erstelle eine kleine digitale Ausstellung mit fünf geprüften Quellen. Jede Quelle braucht Titel, Herkunft, Kontext, Erklärung und eine Begründung für ihre Auswahl.
  3. Desinformation analysieren: Untersuche beispielhaft eine seriös dokumentierte Form von Holocaustleugnung oder -verzerrung, ohne sie unnötig zu verbreiten. Zeige, mit welchen überprüfbaren Quellen die Falschbehauptung widerlegt wird.
  4. Erinnerung ohne Zeitzeugen: Entwickle ein Konzept dafür, wie eine Schule in zwanzig Jahren an den Holocaust erinnern kann, wenn persönliche Zeitzeugengespräche kaum noch möglich sind. Begründe Medienwahl, Lernziele und ethische Regeln.




Text bearbeiten Bild einfügen Video einbetten Interaktive Aufgaben erstellen



Lernkontrolle

  1. Zusammenhang erklären: Zeige an mindestens drei Stationen, wie aus gesellschaftlicher Ausgrenzung staatlich organisierter Völkermord werden konnte. Erkläre die Übergänge, nicht nur die Ereignisse.
  2. Bürokratie beurteilen: Erläutere, warum Formulare, Gesetze, Fahrpläne und Verwaltungsakte für ein Gewaltverbrechen von dieser Größenordnung bedeutsam sein konnten.
  3. Handlungsspielräume bewerten: Vergleiche drei mögliche Rollen im NS-Staat – Mitwirkung, Wegsehen und Hilfe. Zeige, warum Risiken und Verantwortung je nach Situation unterschiedlich waren.
  4. Historische Fehlvorstellung korrigieren: Widerlege die Aussage „Auf der Wannsee-Konferenz wurde der Holocaust beschlossen“ und erkläre, warum die präzisere Einordnung wichtig ist.
  5. Erinnerungsform vergleichen: Vergleiche ein zentrales Denkmal wie das Berliner Holocaust-Denkmal mit dezentralen Stolpersteinen. Welche Stärken und Grenzen haben beide Formen?
  6. Transfer herstellen: Entwickle aus der Geschichte des Holocaust drei Kriterien dafür, woran eine demokratische Gesellschaft frühzeitig erkennen kann, dass Ausgrenzung und Entrechtung gefährlich werden.




Lernnachweis

  1. Grundwissen: Du kannst die Entwicklung von Ausgrenzung, Entrechtung, Deportation und Massenmord zeitlich einordnen.
  2. Begriffe: Du kannst Holocaust, Shoah, Antisemitismus, Genozid, Deportation, Ghetto und Erinnerungskultur fachlich korrekt erklären.
  3. Verantwortung: Du kannst zwischen NS-Führung, Institutionen, direkten Tätern, Mitwirkenden, Zuschauenden, Helfenden und Widerstand unterscheiden.
  4. Quellenkompetenz: Du kannst historische Fotos, Dokumente und Zeugnisse nach Herkunft, Perspektive, Zweck und Grenzen untersuchen.
  5. Differenzierung: Du kannst den Holocaust als Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden einordnen und zugleich weitere Opfergruppen der NS-Verfolgung benennen, ohne ihre Geschichten gleichzusetzen.
  6. Erinnerungskultur: Du kannst wichtige Formen deutscher Erinnerung nach 1945 erklären und ihre Bedeutung kritisch beurteilen.
  7. Transfer: Du kannst begründet darstellen, was historische Verantwortung für heutige demokratische Gesellschaften bedeutet.




OERs zum Thema



Verknüpfte Lernbereiche


aiMOOC-Projekte