Das Römische Kaiserreich - Geschichte


Das Römische Kaiserreich - Geschichte
Das Römische Kaiserreich - Geschichte
Einleitung
Das Römische Kaiserreich prägte über Jahrhunderte den Mittelmeerraum, große Teile Europas, Nordafrikas und Vorderasiens. Dieser aiMOOC behandelt die römische Kaiserzeit von der Etablierung des Prinzipats unter Augustus im Jahr 27 v. Chr. bis zur Absetzung des weströmischen Kaisers Romulus Augustulus im Jahr 476 n. Chr. Zugleich berücksichtigt er die längere Geschichte des Oströmischen Reiches, das die römische Staatlichkeit bis 1453 fortführte.
Der Kurs richtet sich an Lernende im Studienfach Geschichte und verbindet Ereignisgeschichte mit Strukturgeschichte, Quellenkritik und aktuellen Forschungsfragen. Du untersuchst nicht nur Kaiser, Kriege und Dynastien, sondern auch Provinzverwaltung, Militär, Wirtschaft, Gesellschaft, Religion, Alltag, kulturelle Verflechtungen und die Transformation der Spätantike. Zentral ist die Frage, wie ein Imperium von außergewöhnlicher räumlicher Ausdehnung Herrschaft organisierte, legitimierte und gegenüber sehr unterschiedlichen Bevölkerungen durchsetzte.
| Studienfach | Niveau | Untersuchungszeitraum | Leitperspektive |
|---|---|---|---|
| Geschichte und Alte Geschichte | Studium und anspruchsvolle Sekundarstufe II | 27 v. Chr. bis 476 n. Chr. mit Ausblick auf Ostrom bis 1453 | Herrschaft, Gesellschaft, Quellenkritik und historische Deutung |

Beobachtungsauftrag zur Karte: Untersuche, welche Meere, Flüsse und Grenzräume das Imperium verbanden oder begrenzten. Achte darauf, dass Karten politische Kontrolle vereinfachen: Herrschaft war in Städten, Provinzen, Grenzregionen und Klientelgebieten unterschiedlich dicht.
Lernziele und Kompetenzen
Nach der Bearbeitung kannst Du:
- Periodisierung: zentrale Phasen der römischen Kaiserzeit zeitlich einordnen und die Grenzen solcher Einteilungen kritisch beurteilen.
- Prinzipat und Dominat: unterschiedliche Formen kaiserlicher Herrschaft erklären, ohne sie als starre Gegensätze zu behandeln.
- Imperium: politische, militärische, wirtschaftliche und kulturelle Integrationsmechanismen analysieren.
- Quellenkritik: literarische Texte, Inschriften, Münzen, Papyri, Rechtsquellen und archäologische Befunde hinsichtlich Entstehung, Perspektive und Aussagegrenzen untersuchen.
- Provinzen: regionale Vielfalt sowie das Verhältnis von Zentrum und Peripherie herausarbeiten.
- Romanisierung: das traditionelle Modell erläutern und mit Konzepten wie Aneignung, Hybridisierung, Verflechtung und lokaler Handlungsmacht vergleichen.
- Spätantike: die Krise des 3. Jahrhunderts, die Reformen Diokletians und Konstantins sowie die Transformation des Westreiches differenziert bewerten.
- Geschichtswissenschaft: konkurrierende Deutungen zum Ende des Weströmischen Reiches vergleichen und ein begründetes eigenes Urteil formulieren.
Begriffe, Raum und Periodisierung
Römisches Reich und römische Kaiserzeit
Das Römische Reich war älter als die Kaiserzeit. Rom entwickelte sich von einer Stadtgemeinde über die Römische Republik zu einem mediterranen Großreich. Schon vor Augustus standen große Teile des Mittelmeerraums unter römischer Kontrolle. Mit dem Jahr 27 v. Chr. beginnt nach verbreiteter Konvention die römische Kaiserzeit, weil der Senat Oktavian den Ehrennamen Augustus verlieh und sich eine neue, dauerhafte monarchische Ordnung unter republikanischen Formen stabilisierte.
Der lateinische Begriff Imperium bezeichnete ursprünglich Amtsgewalt und militärische Befehlsgewalt, konnte aber auch den römischen Herrschaftsraum meinen. Der deutsche Begriff Kaiser leitet sich vom Namen Caesar ab. Römische Herrscher trugen jedoch mehrere Titel, darunter princeps, imperator, Caesar und Augustus. Diese Titel transportierten unterschiedliche Ansprüche auf Vorrang, militärischen Sieg, dynastische Stellung und sakrale Würde.
Die Kaiserzeit wird häufig in frühe und hohe Kaiserzeit sowie Spätantike gegliedert. Als Einschnitt gilt oft der Regierungsantritt Diokletians 284 n. Chr. Andere Modelle setzen den Beginn der Spätantike früher oder später an. Periodisierungen sind keine neutralen Abbilder der Vergangenheit, sondern analytische Werkzeuge. Du solltest daher immer fragen, welche Veränderungen eine Periodengrenze sichtbar macht und welche Kontinuitäten sie verdeckt.
Raum, Grenzen und Herrschaftsdichte
Auf dem Höhepunkt der territorialen Expansion unter Trajan um 117 n. Chr. reichte das Reich von Britannien bis in den Nahen Osten und von Rhein und Donau bis zur Sahara. Das Mittelmeer wurde aus römischer Perspektive zum mare nostrum, zum „unseren Meer“. Dennoch war das Reich kein überall gleichmäßig kontrollierter Flächenstaat. Herrschaft konzentrierte sich in Städten, Militärstandorten, Verkehrsachsen, Steuerbezirken und lokalen Elitennetzwerken.

Grenzen wie der Limes waren keine durchgehend geschlossenen Mauern. Sie bildeten häufig überwachte Kontaktzonen mit Kastellen, Straßen, Wachtürmen, Zollstellen, Märkten und Siedlungen. Handel, Migration, Diplomatie, Gewalt und Militärdienst verbanden die Gebiete beiderseits der Grenze. Die Vorstellung einer klaren Trennung zwischen „Römern“ und „Barbaren“ übernimmt daher zu leicht die wertenden Kategorien römischer Autoren.
Von der Republik zum Prinzipat
Bürgerkriege und politische Neuordnung
Im 1. Jahrhundert v. Chr. verschärften sich Konflikte innerhalb der römischen Republik. Expansion, Konkurrenz der Eliten, soziale Ungleichheiten, die Bindung von Soldaten an erfolgreiche Feldherren und wiederholte Ausnahmegewalten trugen zu Bürgerkriegen bei. Nach der Ermordung Caesars 44 v. Chr. setzte sich dessen Adoptivsohn Oktavian gegen seine Rivalen durch. Der Sieg über Marcus Antonius und Kleopatra VII. bei Actium 31 v. Chr. machte ihn zum unangefochtenen Machthaber.
Oktavian vermied die offene Bezeichnung als König. 27 v. Chr. erklärte er, die Republik wiederhergestellt zu haben, behielt aber entscheidende Machtressourcen. Dazu gehörten langfristige Kommandogewalten über militärisch wichtige Provinzen, tribunizische Rechte, enorme persönliche Vermögen, Patronage und die Loyalität der Legionen. So entstand eine Monarchie, die sich in der Sprache republikanischer Traditionen präsentierte.

Die Statue des Augustus von Prima Porta zeigt den Herrscher idealisiert, alterslos und als siegreichen Feldherrn. Der Brustpanzer verbindet militärische Botschaften mit göttlicher Ordnung. Das Bild ist deshalb keine neutrale Porträtaufnahme, sondern eine Quelle kaiserlicher Repräsentation.
Augustus und die Herstellung von Zustimmung
Augustus stabilisierte die neue Ordnung durch eine Kombination aus militärischer Kontrolle, rechtlichen Kompetenzen, materieller Wohltätigkeit, Bautätigkeit, religiöser Erneuerung und dynastischer Inszenierung. Dichter wie Vergil und Horaz schrieben in einem Umfeld, das eng mit augusteischer Patronage verbunden war. Monumente, Münzen, Inschriften und Feste verbreiteten Vorstellungen von Frieden, Frömmigkeit, Sieg und Wiederherstellung.

Die Ara Pacis verknüpfte den Frieden des Augustus mit Familie, Religion, Fruchtbarkeit und politischer Ordnung. Der oft verwendete Begriff Pax Romana darf jedoch nicht mit allgemeiner Gewaltlosigkeit verwechselt werden. Der innere Frieden des Reiches beruhte auch auf Eroberung, militärischer Abschreckung, Steuererhebung und der gewaltsamen Niederschlagung von Widerstand.
Arbeitsimpuls: Notiere nach dem Video drei Mittel, mit denen Augustus Alleinherrschaft legitimierte. Ordne jedes Mittel einer Kategorie zu: Institution, Bildsprache, Religion, Militär oder soziale Leistung.
Kaiser, Dynastien und Nachfolge
Das strukturelle Nachfolgeproblem
Die römische Monarchie besaß keine dauerhaft verbindliche Erbfolgeordnung. Kaiser versuchten, Nachfolger durch Adoption, dynastische Heirat, Mitregentschaft, Ämter, Titel und öffentliche Präsentation vorzubereiten. Dennoch blieben Senat, Heer, Prätorianergarde, Hof und Provinzeliten wichtige Akteure. Ein Herrscher musste nicht nur rechtlich anerkannt, sondern politisch und militärisch durchsetzungsfähig sein.
Unter den Julisch-Claudiern folgten auf Augustus Tiberius, Caligula, Claudius und Nero. Nach Neros Tod 68 n. Chr. zeigten die Bürgerkriege des Vierkaiserjahres 69, dass Legionen in verschiedenen Provinzen eigene Kandidaten erheben konnten. Vespasian begründete anschließend die Flavische Dynastie.
Herrschaftsbilder und senatorische Überlieferung
Viele Kaiserbilder stammen aus Werken senatorischer Autoren wie Tacitus, Sueton und Cassius Dio. Diese Autoren lieferten wertvolle Informationen, bewerteten Herrscher aber anhand eigener politischer und moralischer Maßstäbe. Das verbreitete Schema vom „guten“ und „schlechten“ Kaiser spiegelt deshalb nicht einfach objektive Regierungsleistung. Ein quellenkritischer Vergleich mit Inschriften, Münzen, Verwaltungsakten und archäologischen Befunden kann Widersprüche sichtbar machen.
Die Kaiser des 2. Jahrhunderts von Nerva bis Mark Aurel wurden später häufig als „Adoptivkaiser“ idealisiert. Tatsächlich war Adoption ein flexibles dynastisches Instrument, und auch familiäre Beziehungen spielten eine bedeutende Rolle. Unter Trajan erreichte das Reich seine größte territoriale Ausdehnung. Unter Hadrian verlagerte sich der Schwerpunkt stärker auf Sicherung, Inspektion und Konsolidierung.
Herrschaft und Verwaltung
Kaiser, Senat und Hof
Der Kaiser war oberster Heerführer, zentrale Berufungsinstanz, wichtiger Gesetzgeber, Patron und religiöser Amtsträger. Dennoch regierte er nicht allein. Der Senat behielt Prestige, Ämter und Verwaltungsaufgaben. Ritterliche Amtsträger, kaiserliche Freigelassene, Familienangehörige, Juristen, Militärs und Hofbedienstete bildeten wechselnde Entscheidungsnetzwerke.
Die Reichsverwaltung war gemessen an der Größe des Imperiums relativ klein. Sie stützte sich auf Provinzstatthalter, Militärkommandos, Steuerpächter oder staatliche Finanzbeamte sowie vor allem auf lokale Städte und Eliten. Gemeinden organisierten viele Aufgaben selbst, etwa lokale Abgaben, Bauprojekte, Kulte und öffentliche Ordnung. Römische Herrschaft funktionierte daher wesentlich durch Kooperation mit lokalen Führungsschichten.
Provinzen und lokale Eliten
Provinzen waren administrative Räume mit unterschiedlichem rechtlichem Status, unterschiedlicher Militärpräsenz und eigener historischer Entwicklung. In der frühen Kaiserzeit unterschied man vereinfacht zwischen senatorisch und kaiserlich verwalteten Provinzen. Militärisch gefährdete Gebiete mit Legionen standen meist unter engerer Kontrolle des Kaisers.
Lokale Eliten konnten durch Ämter, Stiftungen und Loyalität sozialen Aufstieg erreichen. Das römische Bürgerrecht wurde schrittweise ausgeweitet. Mit der Constitutio Antoniniana verlieh Kaiser Caracalla 212 n. Chr. fast allen freien Reichsbewohnern das römische Bürgerrecht. Dadurch verschwanden jedoch weder soziale Ungleichheiten noch lokale Identitäten.
Leitfrage: War das Reich zentralisiert oder dezentral? Eine überzeugende Antwort muss beide Ebenen verbinden: kaiserliche Letztentscheidung und militärische Macht auf der einen, lokale Selbstorganisation und Aushandlung auf der anderen Seite.
Militär, Expansion und Grenzen
Legionen und Auxiliartruppen
Das römische Heer war das wichtigste Gewaltinstrument des Reiches und zugleich ein bedeutender sozialer und wirtschaftlicher Faktor. Legionen bestanden überwiegend aus römischen Bürgern. Auxiliartruppen rekrutierten sich lange vor allem aus Nichtbürgern; nach ehrenvollem Dienst konnten Soldaten häufig das Bürgerrecht erhalten. Im Verlauf der Kaiserzeit veränderten sich Rekrutierung, Ausrüstung, Stationierung und Kommandostrukturen mehrfach.
Militärstandorte förderten Siedlungen, Handwerk, Versorgung und Fernhandel. Soldaten schrieben Briefe, gründeten Familienbeziehungen, verehrten unterschiedliche Gottheiten und bewegten sich über große Entfernungen. Militärgeschichte umfasst deshalb mehr als Schlachten: Sie untersucht Logistik, Alltag, Identität, Disziplin, Bezahlung, Veteranenansiedlung und Beziehungen zur Zivilbevölkerung.
Expansion, Sicherung und Kontaktzonen
Römische Expansion wurde durch Beute, Prestige, Sicherheitsvorstellungen, Konkurrenz der Eliten und strategische Interessen angetrieben. Sie brachte Versklavung, Umsiedlung, Tribute und Zerstörung mit sich. Zugleich entstanden neue Städte, Straßen, Häfen und Rechtsräume. Diese Prozesse dürfen weder ausschließlich als „Zivilisierung“ noch ausschließlich als einheitliche Unterdrückung beschrieben werden; ihre Folgen unterschieden sich regional und sozial.
Die Niederlage des Varus im Jahr 9 n. Chr. begrenzte die dauerhafte römische Expansion östlich des Rheins, beendete römische Operationen in Germanien aber nicht sofort. Rhein, Donau, Euphrat und Wüstenzonen wurden zu wichtigen militärischen Räumen. Der Limes war dabei zugleich Grenze, Infrastruktur und Kontaktzone.
Wirtschaft, Verkehr und Infrastruktur
Landwirtschaft, Steuern und Arbeit
Die Wirtschaft des Reiches beruhte überwiegend auf Landwirtschaft. Getreide, Wein, Olivenöl, Vieh und regionale Spezialprodukte wurden lokal genutzt und über große Entfernungen gehandelt. Städte und Armeen erzeugten hohe Nachfrage. Steuern in Geld oder Naturalien finanzierten Militär, Verwaltung und Hof. Die Belastung variierte nach Region, Zeit und sozialer Stellung.
Sklaverei war ein grundlegender Bestandteil römischer Wirtschaft und Gesellschaft. Versklavte Menschen arbeiteten in Haushalten, Landwirtschaft, Bergbau, Handwerk, Verwaltung und Bildung. Freilassungen eröffneten manchen Personen begrenzte Aufstiegsmöglichkeiten, hoben die Gewalt- und Abhängigkeitsverhältnisse der Sklaverei aber nicht auf.
Die Forschung diskutiert, wie stark Märkte integriert waren, welchen Anteil Fernhandel hatte und wie wirtschaftliches Wachstum gemessen werden kann. Schiffswracks, Amphoren, Tierknochen, Pollen, Münzfunde und Produktionsanlagen liefern andere Perspektiven als literarische Texte.
Straßen, Häfen und Wasserbau

Römische Straßen dienten Militär, Verwaltung, Kommunikation und Handel. Die Via Appia verband Rom mit Süditalien. Meilensteine, Straßenstationen und Brücken machten Bewegung planbarer, doch Reisen blieb langsam, teuer und riskant. Der staatliche Nachrichtendienst, der später als Cursus publicus bezeichnet wurde, stand vor allem Amtsträgern und autorisierten Reisenden zur Verfügung.

Aquädukte wie der Pont du Gard veranschaulichen technische Planung, langfristige Wartung und die öffentliche Repräsentation städtischer Leistungsfähigkeit. Wasserleitungen versorgten Brunnen, Thermen, Haushalte und Gewerbe, allerdings nicht alle Bewohner in gleichem Maß. Infrastruktur war deshalb zugleich Nutzsystem, Herrschaftszeichen und sozial ungleich verteilte Ressource.
Das Mittelmeer als Verkehrsraum
Seetransport war für Massengüter meist günstiger als Landtransport. Getreide aus Ägypten und Nordafrika, Olivenöl aus Hispanien und Afrika sowie Wein und Keramik zirkulierten in weitreichenden Netzwerken. Häfen wie Ostia und Portus verbanden Rom mit dem Mittelmeer.
Analyseauftrag: Prüfe, ob das Video die Flotte vor allem als militärisches Instrument, als Logistiksystem oder als Kommunikationsnetz erklärt. Ergänze mindestens eine Perspektive, die im Video weniger stark vertreten ist.
Gesellschaft und Alltag
Status, Recht und soziale Ungleichheit
Die römische Gesellschaft war durch rechtliche und soziale Hierarchien geprägt. Unterschiede bestanden zwischen frei und versklavt, Bürgern und Nichtbürgern, Männern und Frauen, Reich und Arm, Soldaten und Zivilisten sowie Angehörigen verschiedener Ranggruppen. Die traditionelle Unterscheidung von Senatoren, Rittern und Plebs erfasst nur einen Teil dieser komplexen Ordnung.
Familie, Patronage und Haushalt waren zentrale soziale Strukturen. Der Pater familias besaß formal weitreichende Gewalt, die tatsächliche Lebenspraxis hing jedoch von Zeit, Status, Vermögen und lokalen Traditionen ab. Frauen waren von regulären politischen Ämtern ausgeschlossen, konnten aber besonders in wohlhabenden Schichten Besitz verwalten, Stiftungen finanzieren und familiäre Netzwerke prägen.
Freigelassene blieben häufig in Pflichten gegenüber ehemaligen Eigentümern eingebunden, konnten aber wirtschaftlich erfolgreich sein. Grabinschriften zeigen, wie Berufe, Familienbeziehungen, Herkunft und sozialer Aufstieg öffentlich dargestellt wurden.
Stadtleben, Wohnen und Versorgung
Mehrstöckige Insulae prägten viele römische Städte. Wohnqualität und Sicherheit waren sehr unterschiedlich. Wohlhabende Haushalte lebten in Stadthäusern oder Villen, während ärmere Bewohner oft kleine Mieträume nutzten. Feuer, Einsturz, Enge und fehlende private Wasserversorgung gehörten zu den Risiken urbanen Lebens.
Thermen, Foren, Märkte, Tempel, Werkstätten, Tavernen und Theater waren Orte sozialer Begegnung. Kostenlose oder subventionierte Getreideversorgung in Rom sowie öffentliche Spiele konnten Versorgung, Status und politische Kommunikation verbinden.
Spiele, Öffentlichkeit und Herrschaft

Das Kolosseum wurde unter den Flaviern errichtet und 80 n. Chr. eröffnet. Gladiatorenkämpfe, Tierhetzen und andere Spektakel waren keine bloße Unterhaltung. Sie inszenierten Ordnung, Großzügigkeit, militärische Überlegenheit und die Verfügung über Menschen, Tiere und Ressourcen. Zugleich besaß das Publikum Handlungsspielräume, indem es Zustimmung oder Missfallen äußerte.
Quellenkritischer Hinweis: Rekonstruktionen in Dokumentationen verbinden archäologische Befunde mit plausiblen Annahmen. Trenne beim Sehen zwischen eindeutig belegten Details, begründeten Rekonstruktionen und dramaturgischer Gestaltung.
Religion, Kult und Christentum
Religiöse Vielfalt
Römische Religion war nicht durch ein einheitliches Glaubensbekenntnis definiert. Öffentliche Kulte, Familienrituale, lokale Gottheiten, Mysterienkulte und persönliche Frömmigkeit bestanden nebeneinander. Opfer und Feste verbanden politische Gemeinschaft und göttliche Ordnung. Der Kaiserkult konnte Loyalität zum Herrscher und zum Reich ausdrücken, wurde aber regional unterschiedlich gestaltet.
Römische Expansion führte nicht einfach zur Verdrängung lokaler Religionen. Gottheiten wurden identifiziert, kombiniert oder neu interpretiert. Soldaten, Händler und Migranten verbreiteten Kulte über große Entfernungen. Religion ist daher ein besonders anschauliches Feld kultureller Verflechtung.
Judentum, Christentum und kaiserliche Politik
Das Judentum besaß im Reich eine lange und vielfältige Geschichte. Konflikte in Judäa führten unter anderem zu den Kriegen von 66 bis 73 und 132 bis 135 n. Chr. Die Zerstörung des Jerusalemer Tempels 70 n. Chr. und die Niederschlagung des Bar-Kochba-Aufstands waren tiefgreifende Einschnitte.
Das Christentum entstand innerhalb des Judentums und verbreitete sich in städtischen Netzwerken des Reiches. Verfolgungen waren real, aber weder überall noch während der gesamten Kaiserzeit gleichförmig. Unter Diokletian begann 303 eine reichsweite schwere Verfolgung. Nach Konstantins Sieg über Maxentius 312 förderten Konstantin und Licinius durch die sogenannte Mailänder Vereinbarung von 313 die freie Religionsausübung und die Rückgabe christlichen Eigentums.

Das spätantike Mosaik von Christus als Sonnengott zeigt, dass religiöse Bildwelten nicht abrupt wechselten. Christliche und ältere römische Symbolsprachen konnten sich überlagern.

Unter Theodosius I. wurde das nicänische Christentum 380 besonders privilegiert. Die Christianisierung war dennoch ein langer, konfliktreicher und regional unterschiedlicher Prozess. Traditionelle Kulte verschwanden nicht sofort, und innerchristliche Auseinandersetzungen prägten Politik und Gesellschaft.
Krise und Transformation im 3. Jahrhundert
Politische Instabilität und äußere Konflikte
Die Zeit von 235 bis 284 n. Chr. wird häufig als Reichskrise des 3. Jahrhunderts bezeichnet. Rasche Kaiserwechsel, Bürgerkriege, Usurpationen, Angriffe verschiedener Gruppen, Konflikte mit dem Sassanidenreich, Epidemien, Münzverschlechterung und regionale Abspaltungen trafen in wechselnder Intensität zusammen. Der Begriff „Krise“ ist nützlich, darf aber regionale Stabilität und langfristige Anpassung nicht verdecken.
Kaiser mussten ihre militärische Handlungsfähigkeit ständig beweisen. Armeen erhoben und stürzten Herrscher. Gleichzeitig entwickelten sich neue Kommandostrukturen, mobile Truppen und regionale Machtzentren. Das Gallische Sonderreich und das Reich von Palmyra zeigen, dass Abspaltung auch als Versuch verstanden werden kann, römische Ordnung regional aufrechtzuerhalten.
Stabilisierung vor Diokletian
Herrscher wie Aurelian stellten die politische Einheit des Reiches wieder her. Erfolge einzelner Kaiser zeigen, dass der Übergang zur spätantiken Ordnung nicht erst 284 begann. Militärische, fiskalische und administrative Veränderungen entwickelten sich schrittweise. Historische Prozesse lassen sich deshalb selten einem einzigen „Reformer“ zuschreiben.
Diokletian, Konstantin und die spätantike Monarchie
Tetrarchie und Reformen
Diokletian regierte ab 284 und etablierte 293 die Tetrarchie mit zwei ranghöheren Augusti und zwei Caesares. Das System sollte gleichzeitige Präsenz an mehreren Fronten, geregelte Nachfolge und Arbeitsteilung ermöglichen. Es beruhte auf Kollegialität, blieb aber von persönlichen Loyalitäten und militärischer Macht abhängig.

Die Porphyrgruppe der Tetrarchen zeigt vier nahezu gleich gestaltete Herrscher in demonstrativer Eintracht. Individuelle Porträtähnlichkeit tritt hinter Amt, Kollegialität und militärischer Geschlossenheit zurück. Das Werk ist damit eine visuelle Quelle für ein verändertes Herrschaftsideal.
Diokletian und seine Mitkaiser vermehrten Provinzen, bündelten sie in größeren Verwaltungseinheiten und trennten zivile und militärische Zuständigkeiten stärker, ohne überall ein einheitliches System zu schaffen. Steuererfassung, Preisregulierung und Münzreformen sollten Ressourcen mobilisieren. Die langfristige Wirkung einzelner Maßnahmen wird in der Forschung unterschiedlich beurteilt.
Konstantin und neue Zentren
Nach neuen Bürgerkriegen setzte sich Konstantin als Alleinherrscher durch. Er förderte das Christentum, griff in kirchliche Konflikte ein und berief 325 das Konzil von Nicäa ein. Zugleich blieb seine Herrschaft in römischen militärischen, dynastischen und religiösen Traditionen verankert.
330 wurde Konstantinopel am Standort des älteren Byzantion feierlich als kaiserliche Residenzstadt eingeweiht. Die Stadt lag strategisch zwischen Europa und Asien sowie an wichtigen Seewegen. Ihre Entwicklung stärkte den östlichen Reichsteil, bedeutete aber keine sofortige Aufgabe Roms oder anderer Residenzen wie Trier, Mailand, Antiochia und Nikomedia.
Die spätantike Monarchie war stärker zeremoniell und hofzentriert, doch die ältere Bezeichnung Dominat kann zu schematisch wirken. Auch frühere Kaiser besaßen monarchische Macht, und auch spätere Herrscher mussten Zustimmung, Loyalität und Kooperation organisieren.
Teilung, Migration und Ende des Westreiches
Reichsteilungen als Regierungspraxis
Mehrere Kaiser oder getrennte Zuständigkeitsbereiche waren im großen Imperium keine Ausnahme. Die Teilung nach dem Tod Theodosius' I. im Jahr 395 zwischen seinen Söhnen Honorius und Arcadius war deshalb nicht automatisch als endgültiger „Zerfall“ gedacht. Beide Höfe verstanden das Imperium weiterhin als grundsätzlich gemeinsame römische Ordnung.

Der östliche Reichsteil verfügte langfristig über günstigere Steuergrundlagen, dichter besiedelte Regionen und starke Städte. Der Westen hatte größere Schwierigkeiten, militärische Konkurrenz, Einnahmeverluste und Konflikte zwischen Hof, Heerführern und regionalen Eliten zu bewältigen.
Migrationen, Föderaten und neue Reiche
Gruppen, die römische Autoren als Goten, Vandalen, Franken, Burgunder oder Hunnen bezeichneten, waren keine unveränderlichen Völker mit einheitlicher Abstammung. Identitäten konnten sich in Bewegung, Krieg und Bündnissen neu formieren. Viele Menschen dienten im römischen Heer oder siedelten aufgrund von Verträgen im Reich. Der Begriff Föderaten bezeichnet unterschiedliche vertraglich gebundene Gruppen und darf nicht als einheitliche Institution verstanden werden.
410 plünderten Westgoten unter Alarich Rom, 455 folgten Vandalen unter Geiserich. Solche Ereignisse hatten große symbolische Wirkung, obwohl Rom nicht mehr dauerhafte Residenz der westlichen Kaiser war. Militärführer wie Stilicho, Aëtius und Ricimer zeigen, wie stark kaiserliche Politik von Heermeistern abhing.
Das Jahr 476 und seine Grenzen als Epochendatum
476 setzte der Heerführer Odoaker den jungen Romulus Augustulus ab. Dieses Datum gilt traditionell als Ende des Weströmischen Reiches. Zeitgenossen erlebten jedoch keinen plötzlichen vollständigen Zusammenbruch aller römischen Institutionen. Verwaltung, Recht, Städte, christliche Kirchen, Grundbesitz und Eliten bestanden in veränderter Form fort. Gleichzeitig nahmen in mehreren Regionen politische Fragmentierung, materielle Vereinfachung und Unsicherheit deutlich zu.
Das Oströmische Reich blieb bestehen und verstand sich selbst als römisch. Der moderne Begriff Byzantinisches Reich wurde erst später gebräuchlich. Unter Justinian I. eroberte Ostrom im 6. Jahrhundert zeitweise Gebiete im Westen zurück. Die Eroberung Konstantinopels 1453 beendete schließlich die oströmische Kaiserherrschaft.
Zwischenfazit: 476 ist als politisches Symbol und als konventionelles Datum nützlich. Für soziale, wirtschaftliche, religiöse und kulturelle Entwicklungen sind jedoch andere Zeiträume erforderlich.
Romanisierung, Provinzen und kulturelle Verflechtung
Das traditionelle Modell
Der Begriff Romanisierung bezeichnete lange die Annahme römischer Sprache, Lebensformen, Architektur, Religion und Rechtsordnungen durch unterworfene Bevölkerungen. Dieses Modell machte wichtige Veränderungen sichtbar, unterstellte aber oft eine einseitige Bewegung vom „zivilisierten“ Rom zu passiven Provinzen.
Neuere Perspektiven
Neuere Forschung betont Auswahl, Aneignung, Widerstand, lokale Interessen und hybride Formen. Eine Person konnte zugleich lokale Traditionen pflegen, lateinische Inschriften stiften, im römischen Heer dienen und einen regionalen Kult unterstützen. „Römischsein“ war kein unveränderliches Paket, sondern konnte rechtlich, politisch, kulturell und situativ unterschiedlich definiert werden.
Architektur und Konsumgüter beweisen nicht automatisch Identität. Eine römisch wirkende Villa kann wirtschaftliche Strategie, Statuskonkurrenz oder lokale Mode ausdrücken. Ebenso darf das Fehlen monumentaler Bauten nicht als Abwesenheit römischer Herrschaft gedeutet werden. Gute Analyse verbindet materielle Kultur mit Siedlungskontext, Chronologie, Inschriften und regionalem Vergleich.
Imperium und Gewalt
Römische Herrschaft schuf langlebige Verbindungen, beruhte aber auf militärischer Eroberung, Zwang, Abgaben und sozialer Hierarchie. Triumphdenkmäler zeigen Siege aus der Perspektive der Gewinner. Für eine kritische Imperiumsgeschichte solltest Du auch nach den Erfahrungen eroberter, versklavter, vertriebener oder steuerpflichtiger Menschen fragen. Postkoloniale Ansätze helfen, römische Selbstbeschreibungen nicht unkritisch zu übernehmen, dürfen moderne Kolonialreiche aber ebenfalls nicht schematisch auf die Antike übertragen.
Quellen und Methoden der Alten Geschichte
Literarische Quellen
Autoren wie Tacitus, Sueton, Cassius Dio, Plinius der Jüngere, Herodian und Ammianus Marcellinus berichten über Kaiser, Senat, Kriege und Gesellschaft. Ihre Texte entstanden in bestimmten Gattungen und politischen Kontexten. Geschichtswerk, Biografie, Panegyrik und Briefsammlung verfolgen unterschiedliche Ziele.
Bei jeder Textquelle solltest Du prüfen:
- Autor: Welche soziale Stellung, Bildung und politische Erfahrung hatte die schreibende Person?
- Entstehungszeit: Wie groß war der zeitliche Abstand zum geschilderten Ereignis?
- Gattung: Welche Erzählmuster und Erwartungen prägten das Werk?
- Adressaten: Für wen wurde der Text geschrieben?
- Überlieferung: Wie vollständig und zuverlässig ist der erhaltene Text?
- Perspektive: Welche Gruppen bleiben stumm oder werden stereotyp dargestellt?
Inschriften, Münzen und Papyri
Epigraphik untersucht Inschriften auf Stein, Metall, Keramik und anderen Materialien. Ehreninschriften dokumentieren Ämter und kaiserliche Titel, Grabinschriften nennen Familien und Berufe, Militärdiplome bezeugen Dienst und Bürgerrechtsverleihungen. Inschriften sind oft formelhaft, gerade deshalb lassen sich Veränderungen in Titulatur und Öffentlichkeit verfolgen.
Numismatik analysiert Münzen als Zahlungsmittel, Bildträger und archäologische Funde. Münzporträts und Rückseiten verbreiteten Herrschaftsbotschaften, doch ihre Wirkung auf verschiedene Bevölkerungsgruppen muss untersucht und darf nicht vorausgesetzt werden. Fundkontexte können Hinweise auf Umlauf, Sparen, Verlust und Krisen geben.
Papyri aus Ägypten überliefern Verträge, Steuerlisten, Briefe, Petitionen und Verwaltungsakten. Sie eröffnen seltene Einblicke in Alltag und Bürokratie, sind geografisch jedoch ungleich erhalten. Rechtsquellen spiegeln Normen und juristische Debatten, nicht automatisch die alltägliche Praxis.
Archäologie und Naturwissenschaften
Siedlungsarchäologie, Keramik, Bauphasen, Gräber, Tierknochen, Pflanzenreste und Umweltarchive erweitern den Blick über die schmale literarische Elite hinaus. Dendrochronologie, Isotopenanalyse, Archäogenetik und Fernerkundung können Datierung, Mobilität, Ernährung und Landschaftsnutzung untersuchen. Naturwissenschaftliche Daten benötigen historische Kontextualisierung; sie „sprechen“ nicht ohne Fragestellung und Interpretation.
Methodischer Grundsatz: Die stärkste Argumentation entsteht meist aus der kontrollierten Verbindung unterschiedlicher Quellengattungen. Stimmen Text, Inschrift und archäologischer Befund nicht überein, ist der Widerspruch kein Fehler, sondern ein Ausgangspunkt für Forschung.
Forschungsdebatten
War der Prinzipat eine Monarchie?
Die Forschung beschreibt den Prinzipat als Monarchie, die republikanische Institutionen und Begriffe weiterverwendete. Umstritten ist, wie viel politische Eigenständigkeit Senat, Magistrate und Städte behielten und wie stark Herrschaft auf persönlicher Autorität beruhte. Die Antwort kann je nach Kaiser, Region und Konflikt variieren.
Wie integriert war die römische Wirtschaft?
Eine ältere Debatte stellte „primitivistische“ Modelle einer überwiegend lokalen, statusorientierten Wirtschaft „modernistischen“ Vorstellungen integrierter Märkte gegenüber. Heute arbeitet die Forschung häufiger mit abgestuften Modellen. Manche Güter und Regionen waren stark vernetzt, andere blieben lokal geprägt. Staatliche Nachfrage, Militärversorgung, Transportkosten und soziale Institutionen beeinflussten Märkte.
Untergang oder Transformation?
Seit Edward Gibbon wurden zahlreiche Ursachen für den Fall Roms vorgeschlagen: moralischer Verfall, Christentum, „Barbaren“, Militärprobleme, Steuerkrisen, Seuchen, Klimaveränderungen und innere Machtkämpfe. Monokausale Erklärungen gelten als unzureichend.
Ein Teil der Forschung betont Brüche im Westen: Verlust staatlicher Einnahmen, Rückgang komplexer Produktion, politische Gewalt und regionale Enturbanisierung. Andere Ansätze heben Kontinuitäten, neue Identitäten und die Umformung römischer Institutionen in den poströmischen Reichen hervor. Beide Perspektiven können sich ergänzen, wenn sie präzise nach Region, Zeitraum und sozialer Gruppe unterscheiden.
Chronologischer Überblick
| Datum | Ereignis | Historische Bedeutung |
|---|---|---|
| 44 v. Chr. | Ermordung Caesars | Neue Bürgerkriege und Aufstieg Oktavians |
| 31 v. Chr. | Schlacht bei Actium | Oktavian setzt sich gegen Antonius und Kleopatra durch |
| 27 v. Chr. | Verleihung des Namens Augustus | Konventioneller Beginn des Prinzipats |
| 9 n. Chr. | Varusniederlage | Rückschlag römischer Expansion in Germanien |
| 69 | Vierkaiserjahr | Armeen und Provinzen entscheiden über die Nachfolge |
| 80 | Eröffnung des Kolosseums | Flavische Herrschaftsrepräsentation und urbane Massenkultur |
| 117 | Tod Trajans | Größte territoriale Ausdehnung des Reiches |
| 212 | Constitutio Antoniniana | Bürgerrecht für fast alle freien Reichsbewohner |
| 235 bis 284 | Reichskrise des 3. Jahrhunderts | Bürgerkriege, äußere Konflikte und struktureller Wandel |
| 293 | Einrichtung der Tetrarchie | Kollegiale Mehrkaiserherrschaft |
| 313 | Mailänder Vereinbarung | Förderung freier Religionsausübung und Restitution christlichen Eigentums |
| 330 | Einweihung Konstantinopels | Neues dauerhaftes kaiserliches Zentrum im Osten |
| 380 | Edikt von Thessaloniki | Besondere Förderung des nicänischen Christentums |
| 395 | Tod Theodosius' I. | Dauerhafte getrennte Kaiserhöfe in Ost und West |
| 410 | Plünderung Roms durch Westgoten | Symbolischer Schock und Zeichen westlicher Machtprobleme |
| 476 | Absetzung des Romulus Augustulus | Konventionelles Ende des Weströmischen Kaisertums |
| 1453 | Eroberung Konstantinopels | Ende des Oströmischen Kaisertums |
Fallstudie: Wie wird kaiserliche Macht sichtbar?
Vergleiche die Statue des Augustus von Prima Porta, die Ara Pacis, die Tetrarchengruppe und den Konstantinsbogen. Alle vier Monumente stellen Herrschaft dar, aber auf unterschiedliche Weise.
- Augustus von Prima Porta: individuelle, jugendliche und siegreiche Herrscherfigur.
- Ara Pacis: Frieden, Familie, Ritual und dynastische Zukunft.
- Tetrarchengruppe: Gleichförmigkeit, Kollegialität und militärische Geschlossenheit.
- Konstantinsbogen: Sieg, göttliche Unterstützung und bewusste Wiederverwendung älterer Reliefs.
Transferfrage: Welche Veränderungen des Kaiserbildes erkennst Du? Prüfe zugleich, welche Kontinuitäten bestehen. Achte auf militärische Kleidung, Körperhaltung, Hierarchie, Religion und Bezug auf frühere Herrscher.
Zusammenfassung
Das Römische Kaiserreich war kein unveränderlicher Staat, sondern ein über Jahrhunderte wandelbares Imperium. Seine Stabilität beruhte auf dem Zusammenspiel kaiserlicher Macht, militärischer Gewalt, lokaler Eliten, städtischer Institutionen, Verkehrsnetze, Steuern und flexibler Rechtsformen. Die römische Ordnung konnte Zugehörigkeit erweitern, blieb aber sozial hierarchisch und imperial.
Der Prinzipat verband monarchische Entscheidungsmacht mit republikanischer Sprache. Das 3. Jahrhundert brachte schwere Konflikte und beschleunigte Veränderungen, die Diokletian und Konstantin weiterführten. Die Christianisierung, neue Residenzen, Mehrkaiserherrschaft und veränderte Militärstrukturen prägten die Spätantike. Das westliche Kaisertum endete 476, während Ostrom fortbestand.
Für die Geschichtswissenschaft ist das Reich besonders wichtig, weil sehr verschiedene Quellen erhalten sind. Keine Quellengattung bietet allein ein vollständiges Bild. Historisches Lernen bedeutet deshalb, Perspektiven zu vergleichen, Begriffe zu problematisieren und zwischen Ereignis, Struktur, Deutung und Erinnerung zu unterscheiden.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Welches Jahr gilt konventionell als Beginn des römischen Prinzipats? (27 v. Chr.) (!44 v. Chr.) (!14 n. Chr.) (!69 n. Chr.)
Welche Aussage beschreibt den Prinzipat am treffendsten? (Monarchische Herrschaft unter fortbestehenden republikanischen Formen) (!Jährlicher Wechsel zwischen vier gleichberechtigten Kaisern) (!Vollständige Abschaffung des Senats) (!Herrschaft ausschließlich durch Provinzversammlungen)
Unter welchem Kaiser erreichte das Römische Reich seine größte territoriale Ausdehnung? (Trajan) (!Nero) (!Diokletian) (!Romulus Augustulus)
Was war eine zentrale Funktion lokaler Eliten in den Provinzen? (Sie organisierten viele kommunale Aufgaben und vermittelten römische Herrschaft) (!Sie ersetzten das gesamte römische Heer) (!Sie wählten jedes Jahr den Kaiser) (!Sie waren grundsätzlich vom Bürgerrecht ausgeschlossen)
Was bewirkte die Constitutio Antoniniana von 212 hauptsächlich? (Fast alle freien Reichsbewohner erhielten das römische Bürgerrecht) (!Alle Provinzen wurden unabhängig) (!Die Sklaverei wurde abgeschafft) (!Das Christentum wurde Staatsreligion)
Wie ist der Limes historisch am besten zu verstehen? (Als militärisch überwachter Grenzraum und Kontaktzone) (!Als überall geschlossene und undurchdringliche Mauer) (!Als reine Handelsstraße ohne Soldaten) (!Als Grenze zwischen Ostrom und Westrom)
Was kennzeichnete die Tetrarchie Diokletians? (Zwei Augusti und zwei Caesares teilten sich Herrschaftsaufgaben) (!Der Senat regierte ohne Kaiser) (!Vier Provinzen wurden vollständig unabhängig) (!Alle Legionen wurden aufgelöst)
Welche Quelle untersucht die Epigraphik? (Inschriften) (!Pollenprofile) (!Mündliche Interviews) (!Moderne Spielfilme)
Warum gilt das Jahr 476 als begrenztes Epochendatum? (Weil viele römische Strukturen fortbestanden und Ostrom weiterexistierte) (!Weil Augustus in diesem Jahr Kaiser wurde) (!Weil das gesamte Mittelmeerreich gleichzeitig verschwand) (!Weil Konstantinopel in diesem Jahr gegründet wurde)
Welche Aussage entspricht einer modernen Bewertung der Romanisierung? (Lokale Gruppen eigneten sich römische Elemente selektiv und unterschiedlich an) (!Alle Provinzen übernahmen sofort dieselbe Kultur) (!Romanisierung bezeichnet ausschließlich militärische Niederlagen) (!Lokale Traditionen verschwanden vollständig)
Memory
| Prinzipat | Monarchische Herrschaft unter republikanischen Formen |
| Limes | Grenzraum und Kontaktzone |
| Provinz | Verwaltungseinheit des Imperiums |
| Legion | Schwerbewaffneter militärischer Großverband |
| Denar | Römische Silbermünze |
| Tetrarchie | Kollegiale Vierkaiserherrschaft |
| Romanisierung | Umstrittenes Modell kulturellen Wandels |
| Epigraphik | Wissenschaft von Inschriften |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Historische Bedeutung |
|---|---|
| Augustus | Begründung und Stabilisierung des Prinzipats |
| Trajan | Größte territoriale Ausdehnung des Reiches |
| Caracalla | Ausweitung des Bürgerrechts im Jahr 212 |
| Diokletian | Einführung der Tetrarchie |
| Theodosius I. | Letzter Alleinherrscher über beide Reichsteile |
Kreuzworträtsel
| Augustus | Welcher Ehrenname Oktavians wurde zum Kaisertitel? |
| Prinzipat | Wie heißt die frühe kaiserliche Herrschaftsordnung? |
| Legion | Wie heißt ein zentraler Großverband des römischen Heeres? |
| Provinz | Wie heißt eine Verwaltungseinheit außerhalb des römischen Kernlandes? |
| Tetrarchie | Wie heißt Diokletians System der Vierkaiserherrschaft? |
| Epigraphik | Wie heißt die historische Wissenschaft von Inschriften? |
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Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Zeitleiste: Gestalte eine kommentierte Zeitleiste mit zwölf Ereignissen. Begründe bei jedem Ereignis in einem Satz, warum es für politische oder gesellschaftliche Veränderungen wichtig ist.
- Kartenanalyse: Beschreibe anhand der Karte des Reiches um 117 drei geografische Chancen und drei logistische Probleme römischer Herrschaft.
- Herrscherbild: Wähle ein Kaiserporträt und markiere fünf Bildelemente. Erkläre, welche Botschaft jedes Element an das Publikum vermitteln konnte.
- Begriffskarte: Erstelle ein Begriffsnetz aus Prinzipat, Senat, Legion, Provinz, Bürgerrecht, Stadt und Kaiser. Verbinde die Begriffe mit beschrifteten Pfeilen.
Standard
- Quellenvergleich: Vergleiche einen Abschnitt aus Tacitus oder Sueton mit einer zeitgenössischen Inschrift oder Münze. Arbeite mindestens zwei Gemeinsamkeiten und zwei Widersprüche heraus.
- Provinzporträt: Erstelle ein wissenschaftlich strukturiertes Porträt einer Provinz. Behandle Eroberung, Verwaltung, Städte, Militär, Wirtschaft, Religion und lokale Besonderheiten.
- Alltagsgeschichte: Rekonstruiere einen plausiblen Tagesablauf für zwei Personen unterschiedlichen Status in Ostia. Kennzeichne klar, was belegt, wahrscheinlich oder frei rekonstruiert ist.
- Romanisierungsdebatte: Verfasse eine Stellungnahme von etwa 800 Wörtern zur Frage, ob der Begriff Romanisierung für Deine ausgewählte Region geeignet ist.
Schwer
- Forschungsessay: Untersuche, ob Augustus die Republik wiederherstellte oder eine Monarchie begründete. Entwickle eine These, werte mindestens drei verschiedene Quellengattungen aus und diskutiere Gegenargumente.
- Datenprojekt: Erstelle aus einer kleinen Sammlung von Inschriften oder Münzfunden eine Tabelle. Analysiere räumliche, zeitliche und soziale Muster und reflektiere die Grenzen der Stichprobe.
- Kontroverse: Vergleiche zwei wissenschaftliche Erklärungsmodelle zum Ende des Weströmischen Reiches. Prüfe sie an einer konkreten Region zwischen 400 und 550.
- Digitale Ausstellung: Kuratiere eine virtuelle Ausstellung mit zehn frei lizenzierten Objekten zum Thema „Macht und Alltag im Imperium“. Verfasse Objekttexte, Quellenkritik und ein kuratorisches Leitkonzept.


Lernkontrolle
- Zentrum und Peripherie: Erkläre an zwei Provinzen, warum das Verhältnis zwischen Rom und den Regionen weder als vollständige Zentralisierung noch als bloße lokale Selbstständigkeit beschrieben werden kann.
- Legitimation von Herrschaft: Vergleiche Augustus und Diokletian. Untersuche, wie beide militärische Macht, Religion, Bildsprache und Kollegialität nutzten, um Herrschaft zu stabilisieren.
- Imperiale Infrastruktur: Beurteile die Aussage „Straßen und Aquädukte waren Geschenke Roms an die Provinzen“. Entwickle ein Urteil, das Nutzen, Herrschaft, Steuern und soziale Ungleichheit einbezieht.
- Bürgerrecht und Zugehörigkeit: Analysiere, warum die Constitutio Antoniniana zugleich Integration fördern und Unterschiede im Reich fortbestehen lassen konnte.
- Krise als Deutung: Prüfe anhand von drei Entwicklungen, ob der Begriff Reichskrise des 3. Jahrhunderts mehr erklärt oder mehr verdeckt.
- Epochengrenze 476: Entwirf ein alternatives Periodisierungsmodell für den Übergang von der Antike zum Frühmittelalter. Begründe Deine Kriterien und diskutiere die Folgen Deiner Datierung.
- Quellenkritische Synthese: Du findest eine Münze mit Siegesmotiv, eine kritische Passage eines senatorischen Autors und Spuren zerstörter Siedlungen. Entwickle eine Methode, wie Du aus den widersprüchlichen Befunden eine historische Argumentation aufbaust.
Lernnachweis
Für einen überzeugenden Lernnachweis zu diesem Thema sind wichtig:
- Chronologische Orientierung: sichere Einordnung zentraler Phasen, ohne Jahreszahlen isoliert aufzuzählen.
- Begriffsgenauigkeit: reflektierter Gebrauch von Prinzipat, Imperium, Provinz, Limes, Romanisierung, Tetrarchie und Spätantike.
- Quellenkritik: klare Unterscheidung zwischen Quelle, moderner Darstellung und eigener Interpretation.
- Multiperspektivität: Einbezug von Kaiserhof, Senat, Militär, lokalen Eliten, Frauen, Versklavten, Provinzbevölkerungen und religiösen Gruppen.
- Raumkompetenz: Analyse regionaler Unterschiede und grenzüberschreitender Verflechtungen.
- Forschungsorientierung: Kenntnis wichtiger Debatten und begründeter Umgang mit konkurrierenden Modellen.
- Argumentation: nachvollziehbare These, passende Belege, Gegenargumente und differenziertes Urteil.
- Wissenschaftliches Arbeiten: korrekte Nachweise, transparente Auswahl der Literatur und saubere Trennung von Befund und Deutung.
Wissenschaftliche Literatur und Vertiefung
- Karl Christ: Geschichte der römischen Kaiserzeit. Von Augustus bis zu Konstantin.
- Werner Eck: Augustus und seine Zeit.
- Fergus Millar: The Emperor in the Roman World.
- Peter Garnsey und Richard Saller: The Roman Empire. Economy, Society and Culture.
- Clifford Ando: Imperial Ideology and Provincial Loyalty in the Roman Empire.
- David S. Potter: The Roman Empire at Bay, AD 180–395.
- Peter Brown: The World of Late Antiquity.
- Bryan Ward-Perkins: The Fall of Rome and the End of Civilization.
- Guy Halsall: Barbarian Migrations and the Roman West.
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