DER JUNGE, DER RÜCKWÄRTS GING - DRENGEN DER GIK BAGLÆNS

DER JUNGE, DER RÜCKWÄRTS GING - DRENGEN DER GIK BAGLÆNS
DER JUNGE, DER RÜCKWÄRTS GING - DRENGEN DER GIK BAGLÆNS
Regie: Thomas Vinterberg | Dänemark 1994 | Kurzfilm | Zielgruppe: Klasse 8–12

Einleitung
DER JUNGE, DER RÜCKWÄRTS GING - DRENGEN DER GIK BAGLÆNS ist ein dänischer Kurzfilm von Thomas Vinterberg aus dem Jahr 1994. Im Mittelpunkt steht der neunjährige Andreas, dessen älterer Bruder Mikkel nach einem Unfall stirbt. Der Verlust erschüttert Andreas' vertraute Welt. Ein Umzug, eine neue Schule und neue Bekanntschaften beseitigen seinen Schmerz nicht. Stattdessen entwickelt Andreas die Vorstellung, er könne durch Rückwärtsgehen die Zeit zurückdrehen und den Tod seines Bruders verhindern.[1]
Der Film verbindet eine realistische Familiengeschichte mit subjektiven, traumartigen und symbolischen Elementen. Dadurch eignet er sich besonders für eine behutsame Auseinandersetzung mit Verlust, Trauer, Trauerarbeit, Geschwisterbeziehung, Erinnerung, Schuldgefühl, Wunschdenken und der Frage, wie ein Kind versucht, ein Ereignis zu begreifen, das sich nicht rückgängig machen lässt.
Zugleich ist der Film für die Filmanalyse interessant. Er entstand 1994 und damit vor dem 1995 veröffentlichten Manifest Dogma 95. Er ist deshalb historisch nicht als offizieller Dogma-95-Film einzuordnen. Thomas Vinterberg gründete Dogma 95 anschließend gemeinsam mit Lars von Trier; Vinterbergs späterer Film Festen – Das Fest von 1998 wurde als Dogma-Film Nr. 1 bekannt.[2] Gerade diese zeitliche Nähe macht den Kurzfilm zu einem geeigneten Ausgangspunkt, um nach möglichen Vorformen, Unterschieden und späteren Zuspitzungen von Vinterbergs filmischer Arbeitsweise zu fragen.
Wichtig für die Arbeit im Unterricht: Der Film berührt Tod, Verlust und Trauer. Niemand muss eigene Verlusterfahrungen erzählen. Persönliche Beiträge sind freiwillig. Filmfiguren sollten nicht vorschnell psychologisch diagnostiziert werden. Im Mittelpunkt steht zunächst die genaue Beobachtung dessen, was der Film zeigt und wie er es gestaltet.
Lernziele
Du lernst,
- Handlung und Erzählstruktur des Kurzfilms differenziert zu erschließen.
- Andreas' Verhalten als filmische Darstellung von Verlust, Sehnsucht, Erinnerung und Kontrollwunsch zu untersuchen.
- zwischen beobachtbarem Verhalten, möglicher Deutung und einer klinischen Diagnose zu unterscheiden.
- Motive wie Rückwärtsgehen, Zeit, Wege, Grenzen, Wiederholung und Traumwelt zu analysieren.
- filmische Mittel wie Kamera, Montage, Ton, Musik, Mise-en-scène, Farbe, Raum und Erzählperspektive zu untersuchen.
- Grundideen und Regeln von Dogma 95 zu erklären.
- den Film historisch korrekt als Werk vor Dogma 95 einzuordnen und trotzdem begründete Verbindungslinien zu Vinterbergs späterem Dogma-Film Festen zu untersuchen.
- sensibel über Tod, Trauer und unterschiedliche Formen des Umgangs mit Verlust zu sprechen.
- eigene filmische, gestalterische und argumentierende Deutungen zu entwickeln.
Basiswissen zum Film
Das Dänische Filminstitut führt Drengen der gik baglæns als dänischen fiktionalen Kurzfilm aus dem Jahr 1994. Die Datenbank nennt Thomas Vinterberg als Regisseur und gemeinsam mit Bo hr. Hansen als Drehbuchautor. Als Darsteller werden unter anderem Holger Thaarup, Rune Veber, Michelle Bjørn-Andersen und Christian Hjejle aufgeführt. Die Laufzeit wird dort mit 37 Minuten angegeben; deutschsprachige Bildungsmaterialien nennen 36 Minuten.[3][1]
| Merkmal | Information |
|---|---|
| Deutscher Titel | DER JUNGE, DER RÜCKWÄRTS GING |
| Originaltitel | DRENGEN DER GIK BAGLÆNS |
| Regie | Thomas Vinterberg |
| Produktionsland | Dänemark |
| Jahr | 1994 |
| Form | fiktionaler Kurzfilm |
| Laufzeit | etwa 36–37 Minuten je nach Quellenangabe |
| Hauptfigur | Andreas, neun Jahre alt |
| Zentrales Ereignis | Unfalltod des älteren Bruders Mikkel |
| Zentrale Themen | Verlust, Trauer, Erinnerung, Wunsch nach Umkehrbarkeit, Familie, Traumwelt |
Regisseur Thomas Vinterberg
Thomas Vinterberg wurde zu einer wichtigen Persönlichkeit des modernen dänischen Kinos. 1993 schloss er die dänische Filmschule ab. Drengen der gik baglæns gehört zu seinen frühen Kurzfilmen. 1995 entwickelte er gemeinsam mit Lars von Trier das Manifest Dogma 95.[4]
Vinterbergs Filme beschäftigen sich häufig mit Menschen in Gruppen und Familien, mit Konflikten unter einer scheinbar stabilen Oberfläche und mit Situationen, in denen vertraute Ordnungen zusammenbrechen. Bei DER JUNGE, DER RÜCKWÄRTS GING geschieht dieser Zusammenbruch aus der Perspektive eines Kindes: Der Tod des Bruders verändert für Andreas nicht nur den Familienalltag, sondern auch sein Verhältnis zu Zeit, Ursache, Erinnerung und Wirklichkeit.
Das folgende freie Foto zeigt Thomas Vinterberg bei der Berlinale 2010. Es dient der Einordnung des Regisseurs und stammt nicht aus dem Kurzfilm.

Handlung und Erzählperspektive
Am Morgen nach der Geburtstagsfeier der Mutter stirbt Andreas' älterer Bruder Mikkel bei einem Unfall. Andreas leidet stark unter dem Verlust. Die Familie zieht um, Andreas kommt auf eine neue Schule, doch äußere Veränderungen lassen das Geschehene nicht verschwinden.[1]
Entscheidend ist, dass der Film den Tod nicht nur als äußeres Ereignis erzählt. Er richtet die Aufmerksamkeit auf die innere Reaktion des Kindes. Andreas versucht, eine Form von Ordnung herzustellen, obwohl das Geschehene unwiderruflich ist. Das Rückwärtsgehen wird dabei zu einem zentralen Motiv: Was räumlich möglich ist – einen Weg rückwärts zu gehen – wird in seiner Vorstellung auf die Zeit übertragen. Aus einer körperlichen Handlung entsteht die Hoffnung, auch die Vergangenheit könne umgekehrt werden.
Diese Idee ist für die Filmanalyse besonders wichtig. Du kannst fragen: Was bedeutet Rückwärtsgehen auf der Ebene der Handlung, auf der Ebene der Gefühle und auf der Ebene der Symbolik? Die Bewegung kann als Versuch gelesen werden, Kontrolle über etwas Unkontrollierbares zu gewinnen. Sie kann ebenso den Wunsch ausdrücken, zu einem Zeitpunkt vor dem Verlust zurückzukehren.
Andreas und Mikkel
Andreas' Beziehung zu seinem älteren Bruder ist der emotionale Ausgangspunkt des Films. Mikkels Tod hinterlässt eine Lücke. Für Andreas bedeutet der Verlust nicht nur, dass eine Person fehlt. Auch gemeinsame Gewohnheiten, Erwartungen, Rollen innerhalb der Familie und Vorstellungen von Zukunft verändern sich.
Bei einer Figurenanalyse solltest Du deshalb nicht nur fragen, was Andreas tut, sondern auch, worauf sein Verhalten antwortet. Hilfreiche Beobachtungsfragen sind:
- Welche Situationen erinnern Andreas an Mikkel?
- Wann wirkt Andreas der äußeren Wirklichkeit zugewandt und wann zieht er sich stärker in seine eigene Vorstellungswelt zurück?
- Welche Handlungen wiederholt er?
- Welche Bedeutung gibt er Zufällen, Regeln, Wegen oder Grenzen?
- Welche Momente vermitteln Hilflosigkeit, Hoffnung oder den Wunsch nach Kontrolle?
- Wie reagieren Erwachsene und Gleichaltrige auf ihn?
- Welche Gefühle werden ausgesprochen und welche nur über Bilder, Handlungen oder Ton vermittelt?
Traumwelt und Wirklichkeit
Der Begriff Traumwelt bedeutet nicht, dass alle entsprechenden Szenen als gewöhnlicher Schlaftraum verstanden werden müssen. Gemeint ist eine subjektive Wirklichkeit, in der Andreas' Wünsche, Ängste und Vorstellungen die Wahrnehmung der Welt prägen. Der Film kann dadurch zwischen Realismus und Symbolik wechseln.
Eine wichtige Aufgabe besteht darin, die Übergänge genau zu beobachten. Achte auf Veränderungen bei:
- Montage und Rhythmus.
- Kamerabewegung und Bildausschnitt.
- Geräuschen, Stille und Musik.
- räumlicher Orientierung.
- Wiederholungen von Bewegungen oder Handlungen.
- der Frage, was nur Andreas wahrnimmt und was andere Figuren ebenfalls wahrnehmen.
Eine gute Interpretation behauptet nicht sofort, was eine Szene „wirklich bedeutet“. Sie verbindet zunächst eine konkrete Beobachtung mit einer möglichen Deutung: Ich sehe oder höre X; dadurch entsteht der Eindruck Y; im Zusammenhang mit Andreas' Verlust könnte dies Z bedeuten.
Verlust und Trauer
Trauer ist keine starre Abfolge von fest vorgeschriebenen Phasen. Gefühle und Reaktionen können wechseln, gleichzeitig auftreten oder später erneut auftauchen. Gerade bei Kindern kann Trauer in Schüben sichtbar werden; Momente von Spiel, Alltag oder scheinbarer Normalität schließen Trauer nicht aus.[5]
Für die Arbeit mit dem Film ist deshalb wichtig: Andreas muss nicht einem festen „Trauermodell“ zugeordnet werden. Der Film zeigt eine individuelle Reaktion auf einen plötzlichen Verlust. Das Rückwärtsgehen, seine Regeln und seine Traumwelt können als filmische Formen verstanden werden, mit denen sein Wunsch nach Umkehrung, Sicherheit und Verbindung zu Mikkel sichtbar wird.
Trauerarbeit als Prozess
Trauerarbeit kann bedeuten, mit der Wirklichkeit eines Verlusts leben zu lernen, Gefühle wahrzunehmen, Erinnerungen einen Platz zu geben, Beziehungen neu zu ordnen und schrittweise wieder Zukunftsmöglichkeiten zu entwickeln. Der Begriff darf nicht so verstanden werden, als müsse Trauer „abgearbeitet“ und anschließend beendet sein.
Beim Film kannst Du untersuchen, wie Andreas zwischen mehreren Polen steht:
| Pol | Gegenpol | Leitfrage |
|---|---|---|
| Vergangenheit | Gegenwart | Wie stark versucht Andreas, zu einem Zustand vor dem Unfall zurückzukehren? |
| Erinnerung | Neubeginn | Können Umzug und neue Schule einen inneren Verlust einfach ersetzen? |
| Kontrolle | Ohnmacht | Welche Regeln oder Rituale geben Andreas kurzfristig ein Gefühl von Einfluss? |
| Wirklichkeit | Traumwelt | Wann hilft die Fantasie und wann verhindert sie die Anerkennung des Geschehenen? |
| Nähe zu Mikkel | Abschied | Wie kann eine Beziehung in der Erinnerung bestehen, obwohl ein Mensch gestorben ist? |
Behutsame psychologische Deutung
Einige Beschreibungen des Films weisen auf zwanghafte oder ritualisierte Verhaltensweisen der Hauptfigur hin. Bei einer schulischen Filmanalyse solltest Du daraus keine medizinische Diagnose ableiten. Eine Filmfigur ist eine gestaltete Figur, und diagnostische Begriffe erfordern im wirklichen Leben fachliche Abklärung.
Sinnvoller ist eine dreistufige Analyse:
- Beobachtung: Beschreibe genau, welche Handlung Andreas ausführt.
- Funktion im Film: Untersuche, welche Wirkung Wiederholung, Regel oder Ritual auf die Szene hat.
- Deutung: Überlege, ob das Verhalten im Zusammenhang mit Trauer, Angst, Kontrollwunsch, Erinnerung oder Wunschdenken gelesen werden kann.
Dadurch vermeidest Du vorschnelle Etikettierungen und bleibst zugleich offen für die psychologische Tiefe des Films.
Sensibler Umgang im Unterricht
Bei persönlichen Themen gelten besondere Gesprächsregeln:
- Niemand muss eigene Erfahrungen mit Tod oder Verlust mitteilen.
- Aussagen über persönliche Trauer werden nicht bewertet.
- Unterschiedliche Gefühle und Formen des Gedenkens werden respektiert.
- Filmfiguren werden analysiert, nicht verspottet oder diagnostiziert.
- Wer nicht über eigene Erfahrungen sprechen möchte, kann immer beim Filmbeispiel bleiben.
- Bei starker persönlicher Belastung ist es sinnvoll, sich an eine vertraute erwachsene Person oder eine geeignete Beratungsstelle zu wenden.
Filmische Gestaltung
Die Geschichte erhält ihre Wirkung nicht allein durch die Handlung. Erst durch Bild, Ton, Schnitt und Perspektive entsteht Andreas' subjektive Welt. Eine Filmanalyse fragt deshalb immer nach dem Zusammenspiel von Was wird erzählt? und Wie wird es erzählt?
Kamera und Perspektive
Die Kamera kann Nähe oder Distanz zu einer Figur erzeugen. Nahaufnahmen lenken die Aufmerksamkeit auf Gesicht und Reaktion; größere Einstellungsgrößen zeigen die Figur in ihrem räumlichen Umfeld. Eine bewegte Kamera kann Unruhe erzeugen, während eine statische Einstellung Ruhe, Beobachtung oder Erstarrung vermitteln kann.
Untersuche besonders, ob die Kamera Andreas folgt, ihn beobachtet oder seine Wahrnehmung übernimmt. Frage auch, ob Erwachsene und Kinder unterschiedlich ins Bild gesetzt werden. Eine niedrige Kameraposition kann beispielsweise die Welt stärker aus kindlicher Höhe erscheinen lassen.
Montage und Zeit
Montage bestimmt, welche Bilder aufeinanderfolgen und wie Zeit im Film erlebt wird. Für einen Film, dessen Hauptfigur die Zeit rückgängig machen möchte, ist dies besonders bedeutsam.
Achte auf:
- Wiederholungen von Bildern oder Bewegungen.
- schnelle oder langsame Schnittfolgen.
- Übergänge zwischen Gegenwart, Erinnerung und Vorstellung.
- mögliche Auslassungen.
- Momente, in denen Ursache und Wirkung bewusst irritiert werden.
Die Montage kann das Grundproblem des Films sichtbar machen: Im wirklichen Leben ist die Zeit nicht umkehrbar, im Film dagegen kann Schnitt Material neu anordnen, wiederholen oder rückwärts erscheinen lassen. Dadurch entsteht ein spannender Gegensatz zwischen filmischer Form und Andreas' Wunsch.
Ton, Musik und Stille
Ton kann Räume verbinden, Erinnerungen auslösen oder Stimmungen verändern. Unterscheide zwischen Geräuschen aus der erzählten Welt und Musik, die möglicherweise nachträglich über eine Szene gelegt wurde. Das Dänische Filminstitut nennt Nikolaj Egelund als Komponisten des Films.[3]
Gerade im Zusammenhang mit Dogma 95 ist diese Unterscheidung wichtig: Das spätere Dogma-Regelwerk verlangte, dass Bild und Ton am Drehort gemeinsam entstehen und Musik nur vorkommt, wenn sie innerhalb der gedrehten Szene tatsächlich erklingt. Deshalb solltest Du beim Kurzfilm nicht nur fragen, ob Musik vorkommt, sondern woher sie in der erzählten Welt stammt.
Räume, Wege und Grenzen
Räume sind im Film nicht bloß Hintergrund. Wohnung, Straße, Schule oder Weg können unterschiedliche Bedeutungen erhalten. Für Andreas ist Bewegung besonders wichtig. Vorwärts- und Rückwärtsgehen werden zu Gegensätzen.
Du kannst eine Raumkarte des Films erstellen und markieren:
- Orte, die mit Mikkel verbunden sind.
- Orte des Neubeginns.
- Orte, an denen Andreas Regeln oder Rituale ausführt.
- Schwellen, Linien und Übergänge.
- Räume, in denen Andreas allein ist.
- Räume, in denen andere Menschen ihn erreichen oder nicht erreichen.
Das Motiv des Rückwärtsgehens
Der Titel macht die ungewöhnliche Bewegung zum Schlüsselmotiv. Rückwärtsgehen kann mehrere Bedeutungsebenen gleichzeitig besitzen.
| Ebene | Mögliche Bedeutung |
|---|---|
| Körperlich | Andreas bewegt sich entgegen der üblichen Laufrichtung. |
| Zeitlich | Er verbindet die Bewegung mit der Hoffnung, Zeit zurückzudrehen. |
| Emotional | Er möchte den Zustand vor Mikkels Tod wiederherstellen. |
| Psychologisch | Das Ritual kann vorübergehend ein Gefühl von Ordnung und Einfluss erzeugen. |
| Symbolisch | Der Film stellt die Frage, ob ein Mensch durch Erinnerung „zurückgehen“ kann, obwohl die reale Zeit weiterläuft. |
| Filmisch | Kino selbst kann Bilder wiederholen, zurückspringen, schneiden und Zeit manipulieren. |
Gerade die letzte Ebene ist für höhere Klassen wichtig: Andreas kann die reale Zeit nicht beherrschen, aber der Film als Medium kann Zeit gestalten. Dadurch entsteht eine metafilmische Frage: Ist Kino eine Kunstform, die Vergangenes scheinbar wieder lebendig machen kann?
Dogma 95
Dogma 95 war eine dänische Filmbewegung, die 1995 von Thomas Vinterberg und Lars von Trier initiiert wurde. Das Manifest und das sogenannte „Keuschheitsgelübde“ formulierten zehn Regeln, die auf technische Reduktion und eine Konzentration auf Situation, Figuren und Spiel zielten.[2]

Das Bild zeigt Lars von Trier, mit dem Thomas Vinterberg Dogma 95 entwickelte.
Das Video Thomas Vinterberg: Dogma and Beyond von Berlinale Talents eignet sich zur Vertiefung von Vinterbergs Verhältnis zu Dogma 95.
Die zehn Dogma-Regeln in vereinfachter Form
- Gedreht werden soll an realen Schauplätzen; Kulissen und eigens herbeigeschaffte Requisiten sind ausgeschlossen.
- Bild und Ton sollen gemeinsam entstehen; Musik darf nur verwendet werden, wenn sie in der gedrehten Situation selbst erklingt.
- Die Kamera soll aus der Hand geführt werden.
- Gedreht wird in Farbe; besondere künstliche Beleuchtung soll nicht eingesetzt werden.
- Optische Spezialeffekte und Filter sind ausgeschlossen.
- Oberflächliche Action wie Waffen und Morde soll nicht zum filmischen Effekt werden.
- Zeitliche und geografische Verfremdung ist ausgeschlossen; der Film soll im Hier und Jetzt spielen.
- Genrefilme sind nicht vorgesehen.
- Das Manifest verlangte das Academy-35-mm-Format.
- Der Regisseur sollte nicht im Vor- oder Abspann genannt werden.
Das Regelwerk war bewusst radikal. Es wollte filmische Gewohnheiten einschränken und damit neue Konzentration auf Figuren, Situationen und Schauspiel erzeugen.[6]

Das Foto zeigt beispielhaft eine historische 35-mm-Filmkamera. Es handelt sich nicht um die Kamera, mit der DER JUNGE, DER RÜCKWÄRTS GING gedreht wurde.
Ist DER JUNGE, DER RÜCKWÄRTS GING ein Dogma-Film?
Im strengen historischen Sinn: nein. Der Kurzfilm stammt aus dem Jahr 1994. Dogma 95 wurde erst 1995 formuliert. Vinterbergs Festen – Das Fest von 1998 gilt als Dogma-Film Nr. 1.[2]
Die deutschsprachige Empfehlungsliste 100 Kurzfilme für die Bildung nennt „Dogma-Film“ als einen Aspekt für die pädagogische Beschäftigung mit dem Kurzfilm, erläutert aber zugleich, dass Vinterberg erst danach zu den Unterzeichnern des Dogma-95-Manifests gehörte.[1] Für den Unterricht ist deshalb die Formulierung „im Zusammenhang mit Dogma 95 untersuchen“ genauer als die Behauptung, der Film sei selbst ein offizieller Dogma-Film.
Vergleich: Kurzfilm und Dogma-Prinzipien
Statt vorschnell Übereinstimmungen zu behaupten, kannst Du den Film mit einem Prüfverfahren untersuchen:
| Dogma-Prinzip | Beobachtungsfrage zum Kurzfilm | Mögliche Auswertung |
|---|---|---|
| Originalschauplatz | Wirken die Räume wie reale Orte oder wie eigens gebaute Sets? | Nur Beobachtungen belegen, nicht aus dem Eindruck allein auf Produktionsbedingungen schließen. |
| Handkamera | Gibt es deutlich bewegte, körpernahe Einstellungen? | Kamerabewegung beschreiben und ihre Wirkung analysieren. |
| Natürliche Beleuchtung | Wirkt das Licht vorhanden oder sichtbar inszeniert? | Zwischen Bildwirkung und nachweisbarer Produktionstechnik unterscheiden. |
| Ton am Drehort | Welche Geräusche und Musikquellen gehören sichtbar zur Szene? | Diegetischen und nicht-diegetischen Ton unterscheiden. |
| Hier und Jetzt | Wie behandelt der Film Erinnerung, Vorstellung und den Wunsch nach Zeitumkehr? | Prüfen, ob die Traumwelt mit dem späteren Dogma-Gebot des „Hier und Jetzt“ in Spannung steht. |
| Keine Genrekonvention | Lässt sich der Film eindeutig einem Genre zuordnen? | Begründen, ob Drama, Kinderfilm, psychologische Erzählung oder fantastische Elemente dominieren. |
| Konzentration auf Figuren | Wie stark hängt die Wirkung von Andreas' Verhalten und den Beziehungen ab? | Verbindung zu Dogmas späterem Interesse an unmittelbarem Spiel diskutieren. |
Von DER JUNGE, DER RÜCKWÄRTS GING zu FESTEN
Zwischen dem Kurzfilm und Festen liegen nur wenige Jahre, aber ein wichtiger filmhistorischer Einschnitt. DER JUNGE, DER RÜCKWÄRTS GING entstand vor Dogma 95; Festen wurde 1998 zum ersten zertifizierten Dogma-Film.
Ein Vergleich kann sich auf folgende Fragen konzentrieren:
- Wie werden Familien als soziale Systeme gezeigt?
- Welche Konflikte brechen unter einer alltäglichen Oberfläche hervor?
- Wie nah rückt die Kamera an Figuren und Situationen heran?
- Welche Rolle spielen Feiern und familiäre Zusammenkünfte?
- Welche Wirkungen entstehen aus technischer Reduktion?
- Wo arbeitet der Kurzfilm noch mit deutlich gestalteter Symbolik oder Traumlogik, die vom Dogma-Ideal des „Hier und Jetzt“ abweicht?
Filmanalyse: Leitfaden für eine Schlüsselszene
Wähle eine Szene, in der Andreas rückwärtsgeht oder eine Regel besonders wichtig wird. Analysiere sie in fünf Schritten.
- Kontext: Was geschieht unmittelbar vorher und nachher?
- Beschreibung: Was ist ohne Deutung sichtbar und hörbar?
- Gestaltung: Welche Einstellungsgrößen, Kamerabewegungen, Schnitte, Geräusche, Musik und Räume fallen auf?
- Figurenperspektive: Was könnte Andreas in diesem Moment wünschen, fürchten oder zu kontrollieren versuchen?
- Deutung: Wie verbindet die Szene Verlust, Zeit und Rückwärtsgehen?
Eine starke Analyse nennt konkrete filmische Belege. Statt „Die Szene ist traurig“ solltest Du beispielsweise erklären, welche Gestaltungsmittel diesen Eindruck erzeugen.
Deutungsschwerpunkte
Zeit und Unumkehrbarkeit
Der Tod des Bruders konfrontiert Andreas mit etwas Endgültigem. Sein Rückwärtsgehen widerspricht dieser Endgültigkeit. Daraus entsteht der zentrale Konflikt zwischen Wunsch und Wirklichkeit.
Die filmische Kunst kann diesen Konflikt besonders deutlich machen, weil Film Zeit technisch bearbeiten kann. Bilder können wiederholt, verlangsamt, beschleunigt oder neu montiert werden. Das Medium kann also etwas simulieren, was Andreas im Leben nicht erreichen kann.
Kontrolle und Zufall
Ein plötzlicher Unfall wirkt aus Sicht eines Kindes möglicherweise unverständlich und unkontrollierbar. Rituale und Regeln können im Film eine Gegenordnung bilden. Wenn Andreas glaubt, eine bestimmte Handlung könne einen Zusammenhang herstellen, verwandelt er Zufall in eine scheinbar kontrollierbare Struktur.
Die entscheidende Frage lautet nicht: „Ist Andreas' Vorstellung richtig?“ Sie lautet: „Warum könnte diese Vorstellung für ihn in seiner Situation wichtig werden?“
Familie nach dem Verlust
Trauer betrifft nicht nur eine einzelne Person. Ein Todesfall verändert Beziehungen innerhalb einer Familie. Der Film bietet deshalb die Möglichkeit, unterschiedliche Formen des Umgangs miteinander zu beobachten.
Achte darauf, wer spricht, wer schweigt, wer Nähe sucht, wer Distanz braucht und wer versucht, Alltag herzustellen. Ein Umzug kann äußerlich einen Neuanfang markieren, aber ein innerer Verlust lässt sich nicht wie ein Gegenstand am alten Wohnort zurücklassen.
Erinnern und Loslassen
„Loslassen“ bedeutet nicht notwendigerweise Vergessen. Eine weiterbestehende innere Beziehung zu einem verstorbenen Menschen kann durch Erinnerungen, Geschichten, Bilder oder Rituale erhalten bleiben. Für Andreas stellt sich die Frage, wie Erinnerung möglich sein kann, ohne die Vergangenheit tatsächlich zurückholen zu können.
Der Film eröffnet damit eine ethische und philosophische Frage: Wie kann ein Mensch die Realität eines Verlusts anerkennen und trotzdem Verbundenheit bewahren?
Quellen und weiterführende Informationen
- Det Danske Filminstitut: Drengen der gik baglæns
- Danish Film Institute: Thomas Vinterberg
- Danish Film Institute: Dogme Revisited
- AG Kurzfilm: 100 Kurzfilme für die Bildung
- Dogma 95
- Thomas Vinterberg
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 AG Kurzfilm: 100 Kurzfilme für die Bildung, Film 24: Der Junge, der rückwärts ging
- ↑ 2,0 2,1 2,2 Danish Film Institute: Dogme Revisited
- ↑ 3,0 3,1 Det Danske Filminstitut: Drengen der gik baglæns
- ↑ Danish Film Institute: Thomas Vinterberg
- ↑ ARD alpha: Wie Kinder trauern – Der Schmerz kommt in Schüben
- ↑ Wikipedia: Dogma 95
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
In welchem Jahr entstand DER JUNGE, DER RÜCKWÄRTS GING? (1994) (!1995) (!1998) (!2005)
Wie heißt die Hauptfigur des Films? (Andreas) (!Mikkel) (!Thomas) (!Lars)
Wer ist Mikkel? (Andreas' älterer Bruder) (!Andreas' Lehrer) (!Andreas' neuer Mitschüler) (!Andreas' Vater)
Was versucht Andreas mit seinem Rückwärtsgehen sinnbildlich zu erreichen? (Die Zeit zurückzudrehen und den Unfall zu verhindern) (!Schneller zur neuen Schule zu gelangen) (!Ein Sporttraining zu gewinnen) (!Seinen Bruder zu erschrecken)
Wie ist der Film historisch zu Dogma 95 einzuordnen? (Er entstand vor Dogma 95 und kann als Vergleichs- und Kontextfilm untersucht werden) (!Er war der erste offiziell zertifizierte Dogma-Film) (!Er entstand nach dem Ende der Dogma-Bewegung) (!Er wurde von Dogma 95 ausdrücklich verboten)
Mit wem entwickelte Thomas Vinterberg Dogma 95? (Lars von Trier) (!Ingmar Bergman) (!Wim Wenders) (!Aki Kaurismäki)
Welcher spätere Vinterberg-Film gilt als Dogma-Film Nummer 1? (Festen) (!Der Rausch) (!Die Jagd) (!Kursk)
Welche Kameraführung verlangte das Dogma-95-Regelwerk? (Handkamera) (!Ausschließlich Stativkamera) (!Ausschließlich Kamerakran) (!Ausschließlich Drohnenkamera)
Wie sollte Andreas' ungewöhnliches Verhalten im Unterricht zunächst untersucht werden? (Als beobachtbares filmisches Verhalten mit möglichen Deutungen) (!Als sichere medizinische Diagnose) (!Als Beweis für eine einzige Trauerphase) (!Als bedeutungsloser Zufall)
Welche Methode ist für die Analyse der Traumwelt besonders geeignet? (Bild, Ton, Montage und Perspektive miteinander vergleichen) (!Nur die Filmlänge auswendig lernen) (!Nur die Namen der Darsteller zählen) (!Alle Szenen unabhängig von ihrer Gestaltung gleich behandeln)
Memory
| Andreas | trauernder jüngerer Bruder |
| Mikkel | verstorbener älterer Bruder |
| Rückwärtsgehen | Versuch der Zeitumkehr |
| Traumwelt | subjektiver Rückzugsraum |
| Dogma 95 | Filmmanifest von 1995 |
| Thomas Vinterberg | Regisseur und Mitbegründer |
| Festen | erster Dogma-Film Vinterbergs |
| Handkamera | zentrale Dogma-Regel |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Thema |
|---|---|
| Rückwärtsgehen | Wunsch nach Umkehrbarkeit |
| Traumwelt | subjektive Verarbeitung |
| Montage | Gestaltung filmischer Zeit |
| Handkamera | Dogma-Prinzip |
| Erinnerung | fortbestehende Verbindung |
Kreuzworträtsel
| Vinterberg | Wie heißt der Regisseur des Films mit Nachnamen? |
| Andreas | Wie heißt der neunjährige Protagonist? |
| Mikkel | Wie heißt Andreas' älterer Bruder? |
| Trauer | Welcher Prozess steht nach dem Verlust im Zentrum? |
| Dogma | Wie heißt die Filmbewegung, die Vinterberg 1995 mitbegründete? |
| Handkamera | Welche Kameraführung gehört zu den Dogma-Regeln? |
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Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Motivkarte Rückwärtsgehen: Sammle fünf Szenen oder Situationen, in denen Vorwärts- und Rückwärtsbewegungen eine Bedeutung erhalten, und notiere jeweils eine mögliche Deutung.
- Figurenprofil Andreas: Erstelle ein Figurenprofil ausschließlich mit Beobachtungen aus dem Film und trenne sichtbar zwischen „Was sehe ich?“ und „Wie deute ich es?“.
- Raumplan des Films: Zeichne eine einfache Karte wichtiger Orte und kennzeichne Orte der Erinnerung, des Neubeginns und des Rückzugs.
- Standbildanalyse: Wähle ein aussagekräftiges Standbild und beschreibe Bildausschnitt, Blickrichtung, Raum, Licht und mögliche Wirkung.
Standard
- Filmszene vertonen: Plane für eine stumme kurze Szene zwei unterschiedliche Tonkonzepte und erkläre, wie sich dadurch die Wahrnehmung von Andreas verändert.
- Trauer ohne Klischees: Entwickle ein Informationsplakat darüber, warum Trauer individuell verlaufen kann und warum Menschen nicht in eine starre Reihenfolge von Reaktionen eingeordnet werden sollten.
- Dogma-Test: Wähle fünf Dogma-Regeln und prüfe anhand konkreter Filmszenen, ob der Kurzfilm jeweils ähnlich arbeitet, anders arbeitet oder keine sichere Aussage über die Produktionsweise erlaubt.
- Storyboard Traumwelt: Entwirf ein sechsteiliges Storyboard, das einen Übergang von Alltagswirklichkeit zu subjektiver Vorstellung zeigt, ohne Dialog zu verwenden.
Schwer
- Vergleich mit Festen: Analysiere anhand ausgewählter, rechtmäßig verfügbarer Ausschnitte, welche stilistischen Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen dem Kurzfilm und Vinterbergs späterem Dogma-Film Festen erkennbar sind.
- Filmessay über Zeit: Produziere einen drei- bis fünfminütigen Videoessay zur Frage, wie Film Zeit manipulieren kann und warum gerade dies für Andreas' Wunsch nach Rückkehr in die Vergangenheit bedeutsam ist.
- Interviewprojekt Trauerbegleitung: Entwickle nach vorheriger Zustimmung ein sachliches Interview mit einer geeigneten Fachperson aus Schulsozialarbeit, Hospizpädagogik oder Beratung darüber, wie Schulen sensibel mit Trauer umgehen können; persönliche Fälle dürfen nicht erfragt werden.
- Dogma-Kurzfilm: Drehe in einer Gruppe einen zwei- bis vierminütigen Kurzfilm über Erinnerung nach selbst gewählten, an Dogma 95 angelehnten Regeln und reflektiere anschließend, wie die Einschränkungen Eure Gestaltung verändert haben.


Lernkontrolle
- Deutung Rückwärtsgehen: Erkläre anhand von mindestens zwei konkreten Szenen, warum das Rückwärtsgehen gleichzeitig als Handlung, Symbol und Versuch der Kontrolle verstanden werden kann.
- Trauer und Neubeginn: Beurteile die Aussage „Ein Umzug löst das Problem des Verlusts“ anhand der Filmhandlung und entwickle eine differenzierte Gegenposition.
- Filmische Zeit: Zeige, wie Montage die Zeit im Film verändern kann, und setze diese technische Möglichkeit in Beziehung zu Andreas' Wunsch, reale Zeit zurückzudrehen.
- Dogma-Einordnung: Begründe, warum es historisch ungenau wäre, den Film einfach als offiziellen Dogma-95-Film zu bezeichnen, und erkläre zugleich, warum ein Vergleich mit Dogma 95 sinnvoll ist.
- Ethik der Figurenanalyse: Entwickle Kriterien dafür, wie ungewöhnliches Verhalten einer Filmfigur analysiert werden kann, ohne vorschnell eine psychische Diagnose zu vergeben.
- Transfer Kurzfilmkonzept: Entwirf die Grundidee für einen eigenen Kurzfilm über Verlust oder Erinnerung und begründe drei filmische Mittel, mit denen eine subjektive Innenperspektive sichtbar gemacht werden könnte.
Lernnachweis
Für einen Lernnachweis zu diesem Thema ist wichtig, dass Du:
- die Grundhandlung und die wichtigsten Figuren sicher wiedergeben kannst.
- Andreas' Reaktion auf Mikkels Tod differenziert beschreibst.
- Beobachtung und Interpretation voneinander unterscheidest.
- das Motiv des Rückwärtsgehens auf mehreren Bedeutungsebenen erklären kannst.
- die Funktion von Traumwelt und subjektiver Perspektive untersuchst.
- zentrale filmische Mittel an konkreten Szenen analysierst.
- Trauer als individuellen und nicht schematisch linearen Prozess behandelst.
- die Entstehung des Films 1994 und die Gründung von Dogma 95 im Jahr 1995 zeitlich korrekt einordnest.
- wichtige Dogma-Regeln kennst und auf Filmbeispiele anwenden kannst.
- erklären kannst, warum Festen und nicht DER JUNGE, DER RÜCKWÄRTS GING als erster offizieller Dogma-Film Vinterbergs gilt.
- eigene Deutungen mit konkreten Beobachtungen aus dem Film begründest.
- respektvoll und sensibel mit dem Thema Verlust umgehst.
OERs zum Thema
Zur Vertiefung des filmhistorischen Kontexts:
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